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Berlin – Wiedergeburt einer Stadt

Über dieses Buch

Eine denkbar knappe Entscheidung macht Berlin 1991 zur Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Doch es ist ein langer Weg, bis aus der geteilten Stadt die Metropole wird, die sie inzwischen ist.

Wer weiß noch, in welch desaströsem Zustand die Stadt nach dem Mauerfall war? Wer erinnert sich an den Umbau des Reichstagsgebäudes oder an die Debatte um dessen weltweit gefeierte Verhüllung durch Christo und Jeanne-Claude? Wer erinnert sich an den umstrittenen Um- und Neubau des Regierungsviertels und den Regierungsumzug?

Heute ist Berlin ein Magnet für Touristen und Kreative aus aller Welt. Hermann Rudolph zeichnet das Ringen um den Wiederaufstieg Berlins mit faszinierendem Sachwissen nach. Die einzigartige Geschichte von Umbruch und Aufbruch einer Stadt.

Über den Autor

Hermann Rudolph, 1939 geboren, studierte Literatur und Sozialwissenschaften und wurde 1969 in Tübingen promoviert. Nach Stationen bei FAZ und ZEIT, DEUTSCHLANDFUNK und SZ wechselte er als Chefredakteur zum TAGESSPIEGEL, dessen Herausgeber er später auch war. Für seine journalistische Arbeit wurde Rudolph u.a. mit dem Theodor-Wolff-Preis und dem Karl-Hermann-Flach-Preis ausgezeichnet. 2010 erschien seine viel beachtete Biografie zu Richard von Weizsäcker.

Hermann Rudolph

BERLIN –
Wiedergeburt einer Stadt

Mauerfall, Ringen um die Hauptstadt,
Aufstieg zur Metropole

Inhalt

  1. PROLOG – Ein Kampf um Berlin
    Oder: Der Ritt über den Bodensee
  2. KAPITEL I – Der Fall der Mauer
    Oder: Wie Zufälle Geschichte machen
    1. Die längste Nacht Berlins
    2. Ein Bann löst sich
    3. Handeln durch Unterlassen
    4. Durch die Weststadt ein Riss
    5. »Ganz Berlin« in der Schwebe
    6. Wendewirren, Realitätsverluste
  3. KAPITEL II – Expedition in eine Stunde null
    Oder: Wenn die Beschleunigung selbst das Kommando übernimmt
    1. Ein Anfang, ein Abgrund
    2. In der ost-westlichen Quarantänezone
    3. Die Geschichte im Galopp
    4. Der große Untergang nebenan
    5. Scheitelpunkt Januar 1990
    6. Traumland mit doppeltem Boden
    7. Wegöffner Wahlen
    8. Ein Anfang aus beiden Teilen heraus
    9. Schussfahrt in die Einheit
    10. Endlich D-Mark, endlich Einheit
    11. Die Puppe in der Puppe
  4. KAPITEL III – Wenn zusammenlebt, was noch nicht zusammengehört
    Oder: Berlin im Strudel von Aufbruch und Umbruch
    1. Eine Stadt zwischen den Zeiten
    2. Eine Operation am offenen Herzen
    3. Zweifel an der Einheit
    4. Ein neuer Blick auf Berlin
    5. Vereinigung durch Verwaltung
    6. Mühen der Veränderung
    7. Eine Stadt kommt zu sich selbst
  5. KAPITEL IV – Berlin und Bonn im Hauptstadt-Crashkurs
    Oder: Ein Umzug wird zum Politikum
    1. Ein Beschluss wird bearbeitet
    2. Eine Regierung wird aufgeteilt
    3. Eine Debatte über Berlin – in Bonn
    4. Neue Herausforderungen, alte Gewohnheiten
    5. Berlin kehrt zurück
    6. Ziehen, Zögern und Zerren
    7. Die Bundesrepublik greift nach ihrer Hauptstadt
    8. Zwei Hauptstädte am gesamtdeutschen Himmel
    9. Ein Jahr der Entscheidung
    10. Auf der Suche nach einer Mitte
    11. Das Ende einer Leidensgeschichte
  6. KAPITEL V – Eine Stadt im Übergang
    Oder: Berlin gewinnt sein neues Gesicht
    1. Ein Abschied, doppelsichtig
    2. Die Normalität hält Einzug
    3. Ein Ereignis der Architekturgeschichte
    4. Kampfzone Potsdamer Platz
    5. Eine Stadt wird auf den Kopf gestellt
    6. Eine Straße macht Stadtbaugeschichte
    7. Neubau-Motor Hauptstadt
    8. Ist Westberlin der Verlierer der Einheit?
    9. Läuterung am Reichstag
  7. KAPITEL VI – Aufbruch ins neue Berlin
    Oder: Eine Stadt auf der Suche nach sich selbst
    1. Ein Fuß im Übermorgen, einer im Gestern
    2. Bauen als großes Theater
    3. Die Rückkehr der Mitte
    4. Das Zentrum wandert nach Osten
    5. Eine Stadt sortiert sich neu
    6. Sparklausuren und Koalitionskrisen
    7. Das neue Berlin wird sichtbar
  8. KAPITEL VII – Berlin und die Berliner Republik
    Oder: Eine zweite Hauptstadtdebatte
    1. Die Hauptstadt in Sichtweite
    2. Hoffnung auf ein neues Selbstverständnis
    3. Alltag vor dem Sturm
    4. Alle wollen nach Berlin
    5. Mit der großen Rochade in eine Geschichtsfalle
    6. Die Bonner kommen
    7. »Heute ist es so weit«
    8. Die Stadt als Ausstellung und Regierungsort
    9. Eine punktgenaue Landung
  9. EPILOG – Weltstadtaufbruch und die Wechselbäder von Euphorie und Misere
    Oder: Die Ankunft Berlins in der Bundesrepublik
  10. Bildtafelteil
  11. Anhang
    1. Anmerkungen
    2. Bildnachweis
    3. Dank

PROLOG
Ein Kampf um Berlin
Oder: Der Ritt über den Bodensee

Berlin ist weniger und mehr, weil es zwar nicht
den Querschnitt durch unser Land, aber den durch
unser Schicksal gibt.

FRIEDRICH SIEBURG1

Die Sonne geht fast schon unter über dem Rheintal, als sich im Deutschen Bundestag gespannte Stille ausbreitete. Dann das leise Gemurmel, mit dem sich die Vermutungen über das Abstimmungsergebnis durch die dicht besetzten Reihen schlängeln. Schließlich durchbricht die Stimme der Bundestagspräsidentin die Spannung. Aber Rita Süssmuth kommt nur bis zu der Zahl 337 für die abgegebenen Berlin-Stimmen, dann brandet bereits der Beifall auf. Es ist 21.47 Uhr am 20. Juni 1991 in Bonn, im alten Wasserwerk, dem provisorischen Tagungsort des Bundestages, als überall die Berlin-Befürworter aufschnellen, während die Parteigänger Bonns wie versteinert auf ihren Plätzen sitzen und fassungslos auf ihre jubelnden Kollegen blicken. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen nimmt auf der Bundesratsbank mehr erleichtert als strahlend die Glückwünsche entgegen – schließlich hat er in der Tasche die vorbereitete Erklärung für den Fall der Niederlage. Und während die Bundestagspräsidentin, die gegen Berlin votiert hat, die Debatte mit der verblüffenden Ankündigung beendet, nun werde gefeiert, breitet sich unter den Tausenden, die auf dem Bonner Marktplatz die Debatte verfolgt haben, erschrecktes Schweigen aus. Die Dixielandmusik, die in die Stille hineinbricht, wirkt wie ein hilfloser Tribut an das Siegesfest, das nun ausfällt. Aber auch in dem gut fünfhundert Kilometer entfernten Berlin dauert es einige Zeit, bis man begreift, was geschehen ist. Schließlich ordnet der Chef der Senatskanzlei an, die Freiheitsglocke im Schöneberger Rathaus zu läuten.

Selten hing eine Entscheidung so am seidenen Faden wie dieser Beschluss, der Berlin wieder zur deutschen Hauptstadt macht. Nur sieben Stimmen, nicht einmal ein Prozent der 660 abstimmenden Abgeordneten, geben den Ausschlag. Zwar finden sich in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik vergleichbar knappe Entscheidungen – die Mehrheit von einer Stimme brachte 1949 Adenauer ins Kanzleramt, zwei Stimmen durchkreuzten 1972 das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt. Aber diesmal standen sich nicht nur Mehrheit und Minderheit bis zur Konsequenz eines kaum noch wahrnehmbaren Vorsprungs gegenüber. Die Berlin-Abstimmung durchschlug auch die Grenzen der Fraktionen des Parlaments, zerlegte die Parteien und schuf für die Entscheidung eine Situation, wie sie das Hohe Haus noch nie gesehen hatte. Am Abend dieses längsten Tages, den das deutsche Parlament erlebt hat – fast zwölf Stunden Debatte, 106 Redner, dazu fast ebensoviele, die ihre Rede zu Protokoll gaben, das 653 Seiten umfasst –, bot der Bundestag ein verblüffendes, politisch absurd erscheinendes Bild. Union und SPD waren in sich zerrissen und mehrheitlich auf der Verliererseite, die kleinen Parteien im Vergleich dazu geschlossen und bei den Gewinnern, FDP und Grüne zu rund zwei Dritteln, die PDS praktisch einstimmig. Wäre es nach den Volksparteien gegangen, den traditionellen Garanten des politischen Bestands der Bundesrepublik, so wäre Berlin nicht Sitz von Bundestag und Regierung geworden.

Kaum je hat es aber auch eine Entscheidung gegeben, die so im vollen Sinne des Wortes zur Weichenstellung wurde wie diese. Gewiss, Berlins Weg in seine Hauptstadtzukunft begann in der Nacht des Mauerfalls, und die Erneuerung der Stadt war auf dem Wege, als der Beschluss über den Regierungssitz getroffen wurde. Niemand weiß auch, wie es mit Berlin weitergegangen wäre, wenn Bonn das halbe Dutzend Stimmen bekommen hätte, das ihm zum Abstimmungserfolg fehlte. Selbstverständlich wäre die Stadt auch dann wieder zusammengewachsen, wäre zur Metropole und wohl auch ein Anziehungspunkt geworden. Es mag auch sein, dass die Stadt ein gewisses hauptstädtisches Flair gewonnen hätte – immerhin hätten Bundespräsident und Bundesrat ihren Sitz in der Stadt gehabt, hätten Regierung und Bundestag dort häufiger getagt, und vielleicht hätte sie damit sogar so etwas wie »Deutschland als Ganzes« repräsentiert, wie das einigen der Befürworter einer solchen Lösung vorschwebte. Aber das Berlin von heute gäbe es nicht.

Denn: Was wäre die Stadt ohne Reichstagskuppel und Regierungsviertel, ohne die Geschäftigkeit des politischen Betriebs, der Landesvertretungen und diplomatischen Missionen, ohne die Fülle der Verbände und Lobbyisten, Berater und Repräsentantenbüros? Die Stadt wäre jedenfalls nicht der Schauplatz des Politischen und des Gesellschaftlichen in der Bundesrepublik, der sie mittlerweile ist. Man muss sich im Gegenteil fragen, ob die malträtierte Millionenstadt in der Lage gewesen wäre, sich ohne die Schubkraft des Hauptstadtprojekts in den Turbulenzen der deutschen Vereinigung zu behaupten. Man kann nicht einmal sicher sein, dass sie nicht doch zu der großen, derangierten Agglomeration geworden wäre, zu jener East-Site ohne Manhattan, von der Zyniker in der Hauptstadtdebatte für den Fall des Scheiterns unkten. Der schwierige Prozess der Erneuerung der Stadt profitierte ja insgesamt von den Bauten und Rekonstruktionen, mit denen sich die Hauptstadt in Berlin ausbreitete. Selbst ihr Aufstieg in die Liga der Weltstädte wäre schwer vorstellbar ohne die Dynamik, die davon ausging, dass die Bundesrepublik ihre politische Mitte nach Berlin verlagerte. Nicht nur für die Hauptstadtgeschichte der Deutschen, sondern auch für das Schicksal der Stadt, für den beispiellosen Prozess, der aus dem vier Jahrzehnte geteilten Berlin wieder eine Stadt machte, hatte die Abendstunde im Bonner Wasserwerk eine Schlüsselbedeutung.

Der Rang dieser Entscheidung ergibt sich aber auch daraus, dass sich niemand mehr vorstellen kann, dass sie anders ausgefallen wäre. Der hauchdünne Ausgang und der Umstand, dass die alte Bundesrepublik sich dafür mithilfe von FDP, Grünen und PDS sozusagen politisch selbst austricksen musste, sind längst von der Selbstverständlichkeit verdrängt, mit der das Ergebnis der Debatte in den Bestand der Republik eingegangen ist. Nicht zuletzt zeigt sich der Zäsurcharakter dieser Entscheidung am Schicksal der einstigen Regierungsstadt. Bis zu diesem Juniabend der Inbegriff der Politik in der Bundesrepublik, ist Bonn als politische Adresse seither hinter den sieben Bergen verschwunden. Und es sind fast nur noch die mit schöner Regelmäßigkeit wiederholten Forderungen nach dem Umzug aller Ministerien nach Berlin, die in Erinnerung rufen, dass die Stadt am Rhein nicht nur Vergangenheit, sondern immer noch politische Gegenwart ist – bis 2000 arbeitete die Mehrheit der Beamten noch in Bonn, jetzt sind es noch knapp 40 Prozent. Was Zufall war, hat den Zuschlag der Geschichte erhalten. Sie hat die Koordinaten des politischen Deutschlands radikal gedreht und die Landkarte der Bundesrepublik in einer Weise neu definiert, die weit über den damals getroffenen Beschluss hinausgeht. Der betraf den Umzug des Bundestags und die Verteilung der Regierungsfunktionen. Daraus entstanden ist ein neuer Auftritt der Republik.

Umso geisterhafter nimmt sich die Auseinandersetzung aus, die in dieser Entscheidung kumulierte. Berlin-Befürworter und Bonn-Verteidiger führten sie nach allen Regeln der politischen Kriegsführung. Die SPD brach über dieser Debatte ziemlich genau in der Mitte auseinander – mit gerade einer Stimme Mehrheit hatte sie bei ihrem Parteitag Ende Mai 1991 für Bonn plädiert. Spätestens seit diesem Desaster war klar, dass die Frage nach der künftigen Hauptstadt zu einer Zerreißprobe für die Bundesrepublik werden würde. In Bonn stieg die Ratlosigkeit stündlich wie das Rhein-Hochwasser im Frühjahr, während der Druck anwuchs, irgendeinen Kompromiss zu finden. Ohne Erfolg: Zwei Tage vor der Abstimmung zeichnete sich in den Umfragen ein vollkommenes Dilemma ab – nach Emnid, beauftragt vom Berliner Senat, waren zwei Drittel der Bevölkerung für Berlin, nach Infas, das für den Bonn-nahen Westdeutschen Rundfunk in Köln tätig wurde, 53 Prozent für Bonn. Der lange Hauptstadtstreit, so schrieb resigniert ein Korrespondent in seinem letzten Leitartikel vor der Abstimmung, ende nun doch mit einem »Elfmeterschießen«.

Das alles war ziemlich viel Nervenkrieg für eine Debatte, zu deren Merkwürdigkeit es gehört, dass sie gar nicht hätte stattzufinden brauchen. Denn dass Berlin im Falle einer Wiedervereinigung wieder Hauptstadt werden würde, war in vierzig Jahren Bundesrepublik eigentlich niemals ernsthaft bestritten worden – jedenfalls so lange, wie die Einheit allenfalls für den Sankt-Nimmerleins-Tag erwartet wurde. Es gehört zu den hintersinnigen Begleitumständen der Wiedervereinigung, dass der Hauptstadtanspruch Berlins gerade in dem Augenblick zur Disposition gestellt wurde, in dem seine Verwirklichung möglich geworden war. Verwundert hat das indessen kaum jemanden: Jedem war klar – und der Hauptstadtstreit und sein knapper Ausgang demonstrierten es drastisch –, dass die offiziöse Lesart hinsichtlich der Hauptstadtrolle Berlins den meisten Deutschen in Wahrheit längst fragwürdig geworden war. Die Treue der Bundesrepublik zur Hauptstadt Berlin stand wenn nicht auf tönernen, so doch bestenfalls auf rechtlich-moralischen Füßen und war politisch in der alten Bundesrepublik zu einem Muster ohne Wert geworden.

Nach dem Mauerfall hatte sich auch bald gezeigt, dass Berlin als Hauptstadtaspirant keine besonders guten Karten hatte. Selbst ein Urberliner und leidenschaftlicher Stadtpatriot wie der Verleger Wolf Jobst Siedler vermutete, Berlin habe den Hauptstadtanspruch wohl endgültig verloren – angesichts der Veränderungen in Deutschland und Europa spreche wenig dafür, dass es »seine alte Rolle jemals wiedergewinnen« könne. Und seitdem der Hauptstadtstreit wogte, häuften sich Stellungnahmen für Bonn, die man wohl Offenbarungseide nennen kann, nicht zuletzt von illustren Köpfen, an deren Geschichtssinn kein Zweifel sein kann. Die Vergangenheit der Stadt sei für eine Hauptstadt »zu trübe« (Golo Mann), ihre Wahl ein »falsches Signal«, weil es die Deutschen verführen könne, sich auf den »Nationalstaat« statt auf »Europa« hin zu orientieren (Marion Gräfin Dönhoff), sie sei als Hauptstadt ungeeignet, weil sie keine »Stadt des Westens« (Klaus Harpprecht) sei – der Westen als Koordinate der Nachkriegsgeschichte verstanden. Als DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière im Juni 1990 die Gespräche über den Einigungsvertrag mit der apodiktischen Forderung einleitete, dass Berlin Hauptstadt des vereinten Deutschland werden müsse, stieß er bei der Bonner Delegation auf Verwunderung und wenig Verständnis. Die nach heftigen internen Auseinandersetzungen gefundene Kompromisslinie, nach der im Einheitsvertrag Berlin zwar zur Hauptstadt erklärt wurde, die Entscheidung über den Sitz von Regierung und Bundestag aber später getroffen werden solle, hielt die Entscheidung zwar noch einmal offen, überantwortete sie damit aber dem öffentlichen Kampfgetümmel.

Aber die Wiedereinsetzung Berlins als Hauptstadt war in Wahrheit ja auch keine Selbstverständlichkeit, sondern eine ungewöhnliche, ja abenteuerliche Operation. Denn das ist der Abbruch eines Regierungssitzes, der sich bewährt hat, und seine Neuerrichtung in einer Stadt, der ganz andere Probleme auf den Nägeln brannten und die als Standort eher exzentrisch gelegen war. Gewiss gehorchte der Widerstand dagegen zumeist der schlichten Besitzstandslogik, und ein großer Teil der Argumente für Bonn und gegen Berlin blieb dem Rang der Entscheidung vieles schuldig, zumal Glaubwürdigkeit und historische Perspektive. Über weite Strecken wurde der Hauptstadtstreit zur großen Stunde der Personalräte und Kommunalpolitiker, die mit der Sorge um die Arbeitsplätze in Bonn und die Zukunft der Region bis hin zum Lamento über das Schicksal der Bonn-Pendler aus dem Umland in die Debatte zogen. Doch der Spott, ein Stück Welttheater werde in den Kulissen einer Provinzbühne abgehandelt, geht daran vorbei, dass der Widerstand gegen einen Umzug die über die Jahrzehnte hin gewachsene Realität einer erfolgreichen Regierungspraxis für sich hatte. In den Monaten, in denen sich die deutsche Einheit mit elementarer Gewalt ihren Weg bahnte und die Aussicht eröffnete, dass Berlin wieder seine alte Rolle einnehmen könne, meldeten sich gleichsam die Veränderungen zu Wort, die sich im Nachkriegsdeutschland im Verhältnis von Land, Hauptstadt und Geschichte vollzogen hatten. Im Widerstand gegen die Hauptstadt Berlin steckte auch der Wunsch der Bundesrepublik, das zu bleiben, was sie geworden war.

Die Bundesrepublik hat keine Debatte erlebt, in der sich Tiefgang und Oberflächlichkeit so spektakulär mischten. Was einerseits Züge eines »Glaubenskriegs« (Klaus von Beyme) annahm, wurde andererseits geführt – so der Berliner Bundessenator Peter Radunski – wie der Wettbewerb zweier Städte um eine Bundesgartenschau. Während zugleich die alten Symbol- und Reizfiguren der jüngeren deutschen Geschichte einen abschließenden, pathetischen Auftritt hatten. Das alles gab dem Redemarathon im Bundestag den Charakter eines letzten Gefechts. In ihm trat nochmals die heftige Verunsicherung zutage, in welche die Wiedervereinigung die Bundesrepublik gestürzt hatte. Einerseits wurde mit dem Flammenschwert namens Glaubwürdigkeit für Berlin gefochten – die alten, längst abgelegten Schwüre avancierten zur Schlüsselfrage der aktuellen Auseinandersetzung. Andererseits wurde Bonn als Bollwerk aufgerüstet – gegen die Gefahr der Sogwirkung einer Hauptstadt Berlin, die alles mitreißen könnte, was der Bundesrepublik bisher Halt gegeben hatte, Machtteilung, Föderalismus, europäische Orientierung, gar die Wendung zu Maß und Mitte, die der Ertrag ihrer Bonner Jahre sind. Am Horizont der Debatte tauchte als Argument die abschreckende Megastadt auf, zu der der Umzug Berlin machen werde – an die Wand gemalt wurde ein Wachstum bis zu sechs Millionen Einwohnern in wenigen Jahren. Dagegen stand – fast im gleichen Atemzug, zwei, drei Redner später und nicht weniger heftig intoniert – die Befürchtung, das Verbleiben der Regierung in Bonn würde Berlin und die östlichen Bundesländer zu den großen Verlierern der Vereinigung machen. Dazwischen und daneben waberte die schlichte Furcht vor allen Veränderungen: zum Argument zugespitzt in der Warnung vor den Kosten des Umzugs, der Gefahr für die Arbeitsplätze und der Bedrohung des sozialen Gleichgewichts.

Gleichsam im Hintergrund stand eine verblüffende Konversion im Gefühlshaushalt der Deutschen. Berlin, die alte Reichshauptstadt, die doch für die Bundesrepublik eine Nachkriegszeit lang der fast heroische Platz ihrer Selbstbehauptung gewesen war, sah sich vorgeführt als unheimliche Hauptstadt, als fast schon verrufener Ort in der nationalen Geschichte, als potenzieller Quell von Größenwahn, Zentralismus und preußischer Arroganz. Der Umzug galt nicht mehr als Einlösung eines Versprechens, sondern als Einleitung einer bedrohlichen Entwicklung, die das Gleichgewicht unter den Regionen der Republik gefährden werde. War die kleine Stadt am Rhein nicht über die Jahrzehnte hinweg hochmütig belächelt und von allen bedeutenden Geistern verachtet worden? Erst als das reaktionär-schwüle »Treibhaus« – im Nachkriegsroman von Wolfgang Koeppen –, dann abfällig als »Bundesdorf« – in hochmütigen Selbstgesprächen auf Bundesebene –, dann als die »Raumkapsel«, mit der ein Fernsehfilm das Thema der Entfremdung der Politik von den Menschen versinnbildlichte. Nun rückte sie auf zum »Sinnbild deutscher Demokratie«, zum »Kleinod deutscher Demokratiegeschichte«, zum Eckstein von Föderalismus und West-Bindung.

Angesichts der seitherigen Entwicklungen erscheint diese Stunde der Wahrheit im Bonner Wasserwerk, die sogleich zur parlamentarischen Sternstunde ernannt wurde, partienweise wie eine Geisterstunde, belebt vor allem von den Ängsten und Verdrängungen der Deutschen. Kaum etwas von den Erwartungen und Befürchtungen, die die Abgeordneten erhitzten, ist ja eingetreten. Aber verstanden hat die Hauptstadtdebatte außer den Deutschen ohnedies niemand. Als der deutsche Außenminister sich am Tag der Hauptstadtdebatte kurzfristig entschied, die im Berliner Reichstag stattfindende KSZE-Tagung zu verlassen, um nach Bonn zu fliegen und das Gewicht seiner Rede in die schwankende Waagschale der Entscheidung zu werfen, reagierten seine Ministerkollegen – wie sich Hans-Dietrich Genscher erinnerte – »verblüfft; sie konnten nicht verstehen, dass die Entscheidung für Berlin umstritten war«. Kommt hinzu, dass die Entscheidung auch nicht die Erwartungen eingelöst hat, die sich viele von der Hauptstadt Berlin versprachen. Weder hat die Politik – wie manche hofften – ein neues Format gewonnen, noch hat der neue, östlichere Standort das Ungleichgewicht zwischen neuen und alten Ländern abgetragen. Selbst der ehrgeizige Versuch, die Bundesrepublik aus Berlin und Bonn zu regieren, um es beiden Städten recht zu machen, ist wenn nicht gescheitert, so doch nicht gelungen. Mittlerweile sind die Mehrheiten in den Umfragen stabil gegen diese Aufteilung der Regierung, und wenn an ihr festgehalten wird, dann nicht aus tieferer Überzeugung oder Einsicht, sondern um das mächtige Bundesland Nordrhein-Westfalen nicht zu reizen.

Aber in der Zuspitzung des Hauptstadtstreits zeigten sich ja auch in erster Linie die Schwierigkeiten eines hauptstadtentwöhnten Landes, wieder eine Hauptstadt zu gewinnen. Vierzig Jahre hatte die Bundesrepublik mit einem Regierungssitz gelebt, der zuerst nicht Hauptstadt sein durfte – noch der Neubau von Regierungsgebäuden galt lange als Verrat an Berlin – und der auch dann, als diese Vorbehalte gefallen waren, kaum mehr war als eine komfortabel ausgestattete politische Geschäftsstelle für die Bundesrepublik. Die Wiedervereinigung konfrontierte die Deutschen mit Fragen, die sie nicht mehr hatten und deshalb auch nicht beantworten konnten. Wollten sie überhaupt wieder eine Hauptstadt im historischen Sinn des Wortes? Vertrug das in den Nachkriegsjahrzehnten massiv föderalistisch gewordene Deutschland überhaupt eine Hauptstadt? Gar nicht zu reden von der grundsatzschweren Bedenklichkeit, die natürlich auch ins Spiel gebracht wurde: ob denn Hauptstädte angesichts des entstehenden Europas und der Schwäche der Nationalstaaten überhaupt noch zeitgemäß seien. Und war man in der Bundesrepublik nicht stolz darauf, zu einem postnationalen Staatswesen geworden zu sein, das für eine Hauptstadt eigentlich keine Verwendung mehr habe?

Das Ringen um Berlin und Bonn erscheint derart als eine Art Endspiel des Vereinigungsprozesses. Mit der Hauptstadt stand an diesem diesigen Juniabend im Rheintal zur Debatte, wie sich das vereinigte Deutschland künftig selbst sehen und verstehen werde. Das Verbleiben der Regierung in Bonn hätte das vereinte, größere Deutschland noch stärker in der Spur der alten Bundesrepublik gehalten, die hier ihren Schwerpunkt gefunden hatte – mit der Hintergrundfarbe der rheinischen Mittelstadt, einem bürgerlichen Biotop, an dem eine zweitausendjährige Vergangenheit mit Römerzeit, altem Reich und rheinischer Katholizität mitgemodelt hat. Die Rückkehr in die alte Hauptstadt rückte die Republik dagegen deutlicher in die Fluchtlinien des deutschen Nationalstaates, der nach Kriegsende geteilt wurde, um dann vierzig Jahre lang als fast verlorener Schatten den Weg der beiden deutschen Staaten zu begleiten. Denn es war ja Berlin, wo so ziemlich alles stattgefunden hat, was für die Deutschen in den vergangenen hundertfünfzig Jahren politisch wichtig geworden ist, im Guten wie im Bösen, dazu, hoch verdichtet und hautnah-konkret, das Drama von Teilung und Einheit. Dass es nur neun Stimmen waren, die am Ende bei dieser historisch-politischen Ortsbestimmung den Ausschlag gaben, offenbarte den beklemmenden Grad der Unsicherheit der Deutschen darüber, was mit dem neuen Zustand des Landes gemeint sein könne, auch noch zwei Jahre nach der großen Wende.

Weshalb die Abstimmung für Berlin ausging, ist seither umstritten. Es ist auch nicht leicht zu erklären. Die meisten Beobachter haben eine Wendung während der Debatte nicht gespürt. Andere glaubten, seit dem Vormittag einen leichten Umschwung wahrzunehmen. Hatte Bonn schon am Anfang der Debatte mit Norbert Blüms plakativem, in vielen Behauptungen überzogenem Plädoyer für die alte Regierungsstadt an Boden verloren? War es der Auftritt von Wolfgang Schäuble, der, wie oft gesagt wird, die Sache entschied? Der parteiübergreifende Händedruck von Willy Brandt, der den stehenden Beifall für den in seinen Rollstuhl gefesselten Politiker krönte?

Vieles spricht dafür, dass die Entscheidung eine Konsequenz der unterschiedlichen Strategien war, die beide Seiten verfolgten. Dass Berlin gewann, weil seine Befürworter ihre Chancen mit einer Kompromisslösung suchten, und dass Bonn verlor, weil seine Verfechter ganz auf Sieg gesetzt hatten. Etliches spricht auch dafür, dass das Blatt sich in dem Maße für Berlin wendete, in dem die grundsätzlichen Dimensionen der Entscheidung hervortraten und ihre Überlagerung durch Kostenfragen und regionale Wirtschaftsängste zurückdrängten. Denn tief grub die Debatte ohne Frage. Am Ende warf die Entscheidung die Deutschen offenbar zurück auf elementare Unterschiede, historisch gewachsene, mentale und konfessionelle, alte und neuere: Am Votum für die Hauptstadt Berlin schieden sich – das legen die Analysen nahe – der Norden vom Süden, der Osten vom Westen, die Protestanten von den Katholiken und die Generationen, denn insgesamt stimmten mehr Alte als Junge für die alt-neue Hauptstadt.

Übrigens wurde Berlin von dem Ausgang der Entscheidung fast noch mehr überrascht als Bonn, der Uns-kann-keiner-Selbstsicherheit zum Trotz, für die die Stadt berüchtigt ist. Sie hatte den Hauptstadtstreit mit steigender Verwunderung und hinhaltender Vertrotztheit begleitet. Dass Berlin wieder Hauptstadt werden müsse, weil die Hauptstadt der Stadt zustehe, galt den meisten Berlinern für so selbstverständlich, dass man sich kaum dazu aufraffen konnte, das Ringen darum mit einer Mobilmachung der Kräfte der Stadt zu begleiten. Abgesehen von drei bürgerschaftlichen Initiativen – für Bonn fochten deren acht –, führte die politische Klasse die Auseinandersetzung, zuvörderst der Senat. Anders als in Bonn gab es kaum Demonstrationen und Menschenketten. Ziemlich zeitig macht sich auch ein larmoyantes Gefühl der Resignation breit. Die Klausurtagung des Senats am letzten Wochenende vor der Abstimmung gilt nicht der Hauptstadtentscheidung, sondern den Problemen des Haushalts. Im Unterschied zu Bonn waren keine Siegesfeiern geplant, nur der lokale Rundfunksender hat für den Abend eingeladen. Die Nachricht von der Entscheidung wurde – wie eine Berliner Zeitung vermeldete – »mit zunächst verhaltener Freude« aufgenommen. Auch der Jubel und die Hupkonzerte, zu denen es später am Kurfürstendamm kam, hielten sich in moderaten Grenzen. Und der Journalist, der am späteren Abend durch den Ostteil der Stadt fuhr, fand kaum eine Spur tieferer Bewegung.

Angesichts dessen, was für Berlin auf dem Spiel stand, fügt das den Merkwürdigkeiten dieser Auseinandersetzung eine weitere hinzu. Vielleicht kann man sagen, dass Berlin im Hauptstadtstreit jenem Reiter über den Bodensee glich, der, nach der Sage in der Ballade von Gustav Schwab, erst am Ufer begreift, dass er über einen zugefrorenen See geritten ist. In den Jahrzehnten, die seither ins Land gegangen sind, hat sich immer wieder seismografisch das Gefühl gemeldet, dass die Stadt damals haarscharf an einer Katastrophe vorbeigegangen sei. Der Regierungssitz war vielleicht tatsächlich – wie Wolf Jobst Siedler spottete – der »Rettungsring«, der ihr in einer Lage zugeworfen wurde, in der sie, ausgelaugt durch ein halbes Jahrhundert exzeptioneller Existenz, das rettende Ufer kaum aus eigener Kraft hätte erreichen können. Allerdings: Die Sage weiß, dass der Reiter über den Bodensee vor Schreck tot vom Pferd fiel, als er begriff, was für eine Gefahr er überstanden hatte. Berlin stand dagegen vor einer Herausforderung, wie sie noch keine Stadt je erlebt hat. Es musste die deutsche Wiedervereinigung als innerstädtischen Kraftakt vollziehen: als Zusammenwachsen zweier Teil-Städte nach vierzig Jahren Trennung, ja, als Wiederbegründung der Stadt. Für Berlin, das im 19. und 20. Jahrhundert zur deutschen Metropole herangewachsen war, bedeutete das – nach Krieg, Zerstörung, Teilung und deren Ende – nichts Geringeres als eine zweite Geburt.

KAPITEL I
Der Fall der Mauer
Oder: Wie Zufälle Geschichte machen

Le Figaro: Sie haben Gott für den 9. November gedankt.
Glauben Sie, dass Er wollte, was passiert ist?
Willy Brandt: Ganz gleich, welchen Rahmen man
ihm gibt: Ja, er wollte es.

INTERVIEW VOM 8. FEBRUAR 19902

Die längste Nacht Berlins

Am Anfang steht das Ereignis, das ohne Vergleiche ist: der Fall der Mauer. Doch im Unterschied zur Hauptstadtentscheidung, die in deutschen Händen lag, sind es die Kräfte der europäischen Geschichte, ja, der Epoche, die dabei tätig sind. Zwar kann man lange darüber streiten, welche Entwicklungen welche Geschehnisse erzeugten. Doch es liegt auf der Hand, dass der Fall der Mauer – der DDR-Staatschef Erich Honecker hatte ihren Bestand auf hundert Jahre veranschlagt – in der Falllinie der Bewegung liegt, die die Verhältnisse in Osteuropa wie in der Welt insgesamt ergriffen hatte. Vieles musste geschehen, damit es zum 9. November 1989 kommen konnte: Der Ost-West-Konflikt musste sich entspannen, Michail Gorbatschow in der Sowjetunion ans Ruder kommen, die Unzufriedenheit mit der kommunistischen Herrschaft überall im Ostblock wachsen und oppositionellen Strömungen Rückhalt geben, bis schließlich die Solidarnoćś in Polen den Stein ins Rollen brachte. Und doch bleibt es mirakulös, weshalb sich der Kick des Wandels an diesem Abend ereignete: Der historische Augenblick hat seine eigene Geschichte.

Gehört die Öffnung der Mauer deshalb zu den Ereignissen, bei denen auch diejenigen, die sie erleben, geraume Zeit brauchen, bis sie begreifen, was geschieht? Sie kam wie der Dieb in der Nacht, sie war – nach allem, was wir wissen – weder geplant noch gewollt, sondern die unverhoffte Konsequenz konfuser Entscheidungen. Und sie vollzog sich als Sturzgeburt der Geschichte: Zwischen der Frage eines italienischen Korrespondenten auf einer Pressekonferenz, mit der alles begann, und dem Entschluss eines Grenzpolizisten, die Schlagbäume zu öffnen, liegen nur wenige Stunden. Sie sind auf die Minute festgehalten: 18.35 Uhr wird die Frage gestellt, auf die der ZK-Sekretär Schabowski die merkwürdig verschlungene Antwort gibt, die schließlich wie eine Bombe wirkte, 23.20 Uhr kapitulierte an der Bornholmer Brücke, einem Grenzübergang im Berliner Norden, der leitende Offizier mit den Worten »Wir fluten jetzt« vor den Tausenden, die den Übergang faktisch einzudrücken drohten.3

Wie die Vorgänge am Abend des 9. November zum Ereignis wurden, ist mittlerweile bis in die Einzelheiten hinein erforscht (vor allem von dem Zeithistoriker Hans-Hermann Hertle4). Alles in allem genommen war es die Folge von Missverständnissen innerhalb des engsten Kreises der SED-Führung, in denen sich allerdings die Verstörung und die Panik niederschlugen, die die friedliche Revolution und die Woge der Ausreisen in der herrschenden Klasse der DDR ausgelöst hatten. Gegen das Reisegesetz, mit dem SED und DDR-Regierung auf den Druck im Lande reagierten, wurde noch am gleichen Tage – einem Montag, seit Wochen der Tag der friedlichen Proteste – in über vierzig Städten demonstriert, mit Forderungen, die an den Nerv der DDR rührten. Die Verordnung, die die SED-Führung im Eiltempo auf den Weg brachte, um den Druck zu verringern, versprach den DDR-Bürgern als Übergangslösung freie Reisen in den Westen; sie sollte am Tag darauf in Kraft treten. Dann folgte der Auftritt des erst seit Kurzem für die Medien zuständigen ZK-Sekretärs Günter Schabowski in der historisch gewordenen Pressekonferenz am späten Nachmittag des 9. November. Unsicher über die Einzelheiten der Regelungen, veranlasste ihn die Frage nach ihrem Inkrafttreten zu der stotternden, vom ratsuchenden Blättern in seinen Papieren begleiteten Auskunft: »… nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.«

Hat je eine Fehlinterpretation solche Wirkungen gehabt? Obwohl zunächst kaum jemandem wirklich klar ist, was Schabowski meint, elektrisiert der Halbsatz die Nachrichtenjournalisten. Nach wenigen Minuten gehen die ersten, mit Eilvermerken versehenen Meldungen heraus. Da die Pressekonferenz vom DDR-Fernsehen übertragen wird, erreicht die Szene mit dem hilflosen Schabowski im voll besetzten Saal des Pressezentrums eine breitere Öffentlichkeit. Überall löst sie – bei anhaltendem Rätseln – teils ungläubiges Staunen, teils sprachlose Überraschung aus. Die Fernsehanstalten verbreiten sie postwendend in ihren Abendnachrichten: erst, um 19 Uhr, die ZDF-»Heute«-Sendung, eine halbe Stunde später die »Aktuelle Kamera« der DDR, dann zum »Tagesschau«-Termin um 20 Uhr die ARD. Zu diesem Zeitpunkt ist die Wirkungsgeschichte der Verlautbarung, eine beispiellose Kettenreaktion von sich jagenden Meldungen und Gerüchten, bereits in vollem Gange. Die beabsichtigte Erleichterung der Ausreise ist zur Grenzöffnung geworden, die sich in die Sensation verwandelt, die DDR öffne die Mauer. Der explosive Vorgang zeigt, wie entzündbar die Lage in der DDR geworden ist. Die medial verbreitete »Fiktion« der Maueröffnung – um mehr handelt es sich bis dahin noch nicht –5 rührt aber auch an die heikelste Stelle des DDR-Systems: die Verweigerung der Freizügigkeit, mit der es seine Bürger über die Jahrzehnte hin verletzt und gedemütigt hatte. Dies begreifend, vielleicht auch nur erahnend, riskiert es der Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper – Schabowskis Erklärung ist gerade eine halbe Stunde alt –, dem Vorgang den historischen Stempel aufzudrücken: Dies sei »ein Tag, den wir uns lange ersehnt haben, seit 28 Jahren«6 – seit dem die Stadt trennenden Bau der Mauer 1961. Die »Tagesschau« stellt die Nachricht um 20 Uhr schon unter die Schlagzeile »DDR öffnet Grenze«. Wenig später wird Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich zu einem Staatsbesuch in Warschau aufhält, die Nachricht überbracht. Noch am Abend erlebt das politische Bonn, dass ein überwältigter Bundestag die Nationalhymne anstimmt.

Dabei hat sich bis dahin nur eine überschaubare Zahl von Menschen an den Grenzübergängen eingefunden, sei es, um die Probe auf den Gehalt der Schabowski-Erklärung zu machen, sei es einfach aus Neugierde. Doch je weiter die Nachricht ihre Kreise zieht, desto stärker schwillt der Strom der Ostberliner an und wächst an den Grenzübergängen zu einer brodelnden, die Abfertigungsanlagen bedrängenden Menge heran. Zum Brennpunkt dieses sich dynamisch selbst verstärkenden Vorgangs wird der Übergang Bornholmer Straße im Berliner Norden, in unmittelbarer Nähe des dicht bewohnten Stadtbezirks Prenzlauer Berg. Schließlich entlädt sich die Erregung der auf Tausende angewachsenen Menge in dem Ruf: »Tor auf! Tor auf!« und drückt derart bedrohlich auf die Absicherungen, dass die Grenzsoldaten resignieren und um 22.30 Uhr den Übergang öffnen. Nur Minuten später, um 22.42 Uhr, erklärt Hanns-Joachim Friedrich im ARD-Fernsehen zu Beginn der von ihm moderierten Tagesthemen, die DDR habe mitgeteilt, »dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen«. Das Markenzeichen des deutschen Fernsehjournalismus und die bekannteste Nachrichtensendung drücken dem Vorgang das bestätigende Siegel auf.

Im Rückblick verschlägt einem Friedrichs Erklärung schier die Sprache, so deutlich greift sie dem Gang der Dinge voraus. Zu diesem Zeitpunkt ist der Übergang Bornholmer Straße noch der einzige, der geöffnet worden ist. Auch der die Fernsehnachrichten illustrierende kurze Film kann noch keine geöffnete Grenze zeigen, sondern nur einen Reporter, dem Westberliner Passanten von einem Paar berichten, das an der Bornholmer Straße die Grenze überquert habe und in Tränen aufgelöst auf sie zugelaufen sei.7 Friedrichs Formulierung verpasst der Situation ein vorauseilendes Profil – und gibt ihr damit zugleich die Bedeutung, die Geschichte machte. Tatsächlich geben die Grenzpolizisten binnen Kurzem an den anderen Übergängen dem Druck nach. Eine Stunde später, um Mitternacht, sind alle Berliner Grenzübergänge zwischen Ost und West geöffnet. Danach beginnt die Besetzung der Mauer am Brandenburger Tor, mit der ihre Öffnung zum historischen Datum wird, in faszinierenden Bildern festgehalten für alle Zeiten. In den frühen Morgenstunden des 10. November kulminiert das Geschehen dann in West-Berlin, auf dem Kurfürstendamm und seinen Nebenstraßen – eine überwältigende ost-westliche Verbrüderung, mit der die Nacht neben den Jubelszenen auf der Mauer am Brandenburger Tor ihren Höhepunkt erreicht.

Aber auch die DDR-Obrigkeit hat ihren gar nicht zu überschätzenden Anteil an dem Ereignis dieser Nacht. Allerdings besteht er weniger darin, dass die Grenzsoldaten und ihre Offiziere – worauf die DDR-Repräsentanten mit Vorliebe hinweisen – auf Repressionen verzichten und schließlich dem Gang der Dinge ihren Lauf lassen. Die Mitwirkung der DDR an dem historischen Ereignis besteht in ihrer Unfähigkeit, auf die Ereignisse an der Mauer und in West-Berlin zu reagieren – ein spektakulärer Fall von Handeln durch Unterlassen. Dabei ist es eine offene Frage, ob und bis wann der Mauerdurchbruch noch rückgängig zu machen gewesen wäre. Aber nicht einmal der Versuch wird unternommen. Die DDR-Medienfunktionäre fühlen sich von Schabowskis Äußerungen wie vor den Kopf gestoßen und verfallen in Schweigen. Die ADN, die Allgemeine Deutsche Nachrichtenagentur, rührt sich bis 2 Uhr früh nicht. Das DDR-Fernsehen versucht, dem Ereignis die Brisanz zu nehmen, indem es den Mauerdurchbruch zum Erfolg der Reiseverordnung umdeutet. Mit ihrem Verhalten überlassen die DDR-Medien dem Westen die Deutungshoheit über die Ereignisse.

Auch die Partei- und Regierungsfunktionäre stellen sich faktisch tot. Die Stützen des Regimes machen sich nach dem Ende der Sitzung des Zentralkomitees gegen 9 Uhr auf den Heimweg beziehungsweise begeben sich in das Gästehaus der SED, in dem die auswärtigen ZK-Mitglieder untergebracht sind. Sie lassen sich auch durch die Bilder des Fernsehens nicht zum Handeln bewegen. Während in West-Berlin schon am frühen Abend eine Sondersitzung des Senats für 22 Uhr anberaumt wird, setzt im ZK-Gebäude eine Handvoll Mitglieder die Arbeit an einem Aktionsprogramm fort – und Egon Krenz, der neue Generalsekretär, macht einsam und unentschlossen seine Runde durch die leeren Gänge.8 Die Nacht, in der die Herrschaft der SED endgültig erschüttert wird, findet ihre Führung weit ab vom Geschehen, im Prominentengetto Wandlitz oder in ihren Wohnungen in der Stadt, und nur in Telefongesprächen tauschen ihre Mitglieder ihre Ratlosigkeit aus. Anders als der Regierende Bürgermeister Walter Momper, der kurz nach Mitternacht an der Invalidenstraße erscheint, versucht keiner der SED-Funktionäre, persönlich auf die Menschen einzuwirken. Einzig Günter Schabowski lässt sich an die Grenze fahren, ohne jedoch zu begreifen, was geschieht – alles denkwürdige Symptome eines Systems, das, gefangen in dem Reglement des demokratischen Zentralismus, seinen Akteuren abgewöhnt hat, eigenständig zu entscheiden und zu handeln.

So entsteht aus den Meldungen der Westmedien, der Explosion der Stimmungen erst in Ostberlin, dann im Westteil der Stadt und aus der Unfähigkeit der DDR-Führung zu irgendeiner Reaktion jene sich selbst beschleunigende Dynamik, die Geschichte machte. Der Mauerfall war, so die Formulierung seines Chronisten Hans-Hermann Hertle, »eine nicht beabsichtigte Folge sozialen Handelns«9. Erst recht wird die staunenswerte Dimension dieses Vorgangs deutlich, wenn man sich vor Augen hält, wie begrenzt nicht nur der Zeitrahmen war, in dem in dieser Nacht Geschichte gemacht wurde, sondern auch die Zahl ihrer Akteure. Auf »ca. 68 000 Bürger« beziffert das Ministerium für Staatssicherheit am 10. November die Zahl der Grenzpassanten, 45 000 seien noch in der Nacht zurückgekehrt – kaum mehr als die Zahl, die ein hochrangiges Fußballspiel auf die Beine bringt, in einer Millionenstadt eine vergleichsweise geringe Größe. Und was die bewegenden Szenen um die Gedächtniskirche und den Kurfürstendamm in West-Berlin angeht, so schätzt die Polizei, dass nicht mehr als 4000 Menschen daran beteiligt waren.

Nicht Hunderttausende, wie sie die Legende auf den Straßen sieht, machen die Wirkung des Mauerfalles aus, sondern seine dramatische Ereignishaftigkeit. Mit ihr überrennt ein durchaus begrenztes Geschehen die bisherige Wirklichkeit mit ihren Prognosen, Erwartungen und Planungen. Das machte diese Nacht zur Nacht der Nächte, nach der in Berlin nichts mehr so war, wie es 28 Jahre lang, ja, seit der Nachkriegszeit gewesen war. Und in Deutschland auch nicht.

Ein Bann löst sich

Aber was ist es, das in dieser Nacht vor sich geht? Und was macht dieses Ereignis mit der Stadt? Auch der Jubel und die Tränen verhüllen ja noch die Bedeutung dessen, was geschehen ist. Die Maueröffnung offenbart ihre Mission nicht in Ankündigungen, Postulaten und Visionen, sondern in unbeschreiblichen Szenen, die eben deshalb so oft beschrieben wurden. Das Begrüßungsgetrommel auf den Dächern der Trabis und Wartburgs an den umringten Grenzübergängen, die in langen Schlangen Schritt fahrenden Autos auf dem Kurfürstendamm, die Umarmungen von wildfremden Leuten – das alles verdichtet sich zu einer Botschaft, die dem Geschehen weit voraus ist. Die Öffnung der Grenzübergänge ist ja zunächst nicht mehr als eine Kurzschluss- und Panikreaktion der DDR-Behörden. Andererseits bedeutet sie den größtmöglichen Umbruch der Vorstellungswelt, der in der geteilten Stadt denkbar ist, und dank ihrer exponierten Stellung an der Nahtstelle von Osten und Westen erreicht er sogleich auch Deutschland, ja, Europa. Sie stellt eine Erschütterung der Teilung der Stadt, ihrer Absicherung in Gewalt und Gewohnheit dar, die keine Macht mehr hätte reparieren können.

Dabei zeichnet es die Maueröffnung aus, dass sie in einem nichts und alles ändert. Es gibt am Morgen danach noch immer die Mauer, die DDR und ihre monströse Sicherheitsapparatur, Grenztruppen, Volkspolizei und Volksarmee. Sie sind keineswegs ausgeschaltet, sie funktionieren nach wie vor, eingeschlossen die Auslösung der erhöhten Gefechtsbereitschaft nach allen Regeln der militärischen Praxis. Aber das Erlebnis dieser Nacht lässt alle einschlägigen Überlegungen ins Leere laufen. Es nimmt der Grenze die trennende Macht. Die Besetzung der Mauerkrone am Brandenburger Tor und das Vordringen der Menge bis ins Allerheiligste der Grenzanlage – den innersten, streng abgeschirmten Bereich zwischen Mauer und Pariser Platz – rüttelt an dem Punkt der geteilten Stadt, an dem wie kein anderer der Anspruch der kommunistischen Macht fassbar und die weltpolitische Verwerfung zwischen Ost und West zum europäischen Schicksal geworden sind. Der Mauerdurchbruch löst gleichsam den Bann, den die Geschichte über Berlin gelegt hat – wie sie, umgekehrt, dem Grenzregiment faktisch das Rückgrat bricht.

Das massenhafte Auftauchen der Ostberliner im Westen der Stadt, in dem sie über Jahrzehnte hinweg nur wie exotische Boten von einem fremden Stern erschienen waren, und ihre spontane Vermischung mit den West-Berlinern erschüttert die Gewöhnung an die Trennung. Dass so gut wie alle Ostberliner in die »Hauptstadt der DDR« zurückkehrten, ändert nichts daran, dass die Teilung Berlins in zwei Städte, zwei Systeme, zwei Welten in dieser Nacht einen Stoß erhält, von dem sie sich nicht mehr erholt. Die Stadt wirft die Duldungsstarre ab, mit der sie seit Jahrzehnten ihr Schicksal getragen hatte. Im überquellenden Gefühl von Rührung und Ergriffensein wird auch das Gewebe von Fremdheit, Distanz und Resignation gesprengt, das sich zwischen Osten und Westen im Lauf der Jahre gebildet hatte. Und zum ersten Mal seit den bald 45 Jahren, in denen die Stadt unter alliierter Kontrolle stand, werden die Deutschen wieder zum Subjekt des Geschehens: »In dieser Nacht waren die Deutschen zum ersten Mal seit bald einem halben Jahrhundert wieder allein für Berlin verantwortlich, und sie meisterten die Lage großartig.«10 Die Alliierten treten nicht in Erscheinung. Obwohl sich kaum etwas verändert hat, ist die Stadt eine andere geworden. Denn sie ist – für wenige Stunden – im Gefühl ihrer Bewohner wieder eine Stadt.

Dabei gehören zum Erlebnisgehalt dieser Nacht noch gar nicht die großen Perspektiven, die später ihre Bedeutung ausmachen werden. In der Überwältigung, die die Menschen erfasst und den Ausruf »Wahnsinn!« zum Losungswort der Stunde macht, spielt noch keine Rolle, was Thema der nächsten Wochen und Monate sein wird – nicht die deutsche Wiedervereinigung, nicht das Ende des Ost-West-Konflikts und nicht einmal die Wiederherstellung der Einheit der Stadt. Allenfalls wird dieser oder jener Parteigänger der DDR von einer Ahnung ihrer Bedeutung heimgesucht. »Jetzt ist es aus«, sei ihm durch den Kopf geschossen, als er bei der Heimfahrt die Menschen Richtung Grenze strömen sah, bekennt später Wolfgang Rauchfuß11, ein gerade ins SED-Politbüro aufgerückter Wirtschaftsfachmann, und Gregor Gysi erinnert sich, dass er zu seiner Lebensgefährtin gesagt habe: »Das ist der Anfang vom Ende der DDR.«12 Dagegen ergibt sich für die meisten Berliner im Westen der Stadt kaum mehr als der Eindruck eines ungeheuren Ereignisses. »Die Lage hatte sich in einer Nacht von Grund auf gewandelt«, urteilt Dieter Schröder, der Chef der Berliner Senatskanzlei, »aber niemand wusste, wie tragfähig dieser Grund sein würde.« Er und seine Kollegen sehen sich in einer Rolle, die sich »am besten mit der des Beobachters eines gewaltigen Erdrutsches, wenn nicht gar eines Erdbebens vergleichen« lasse. »Die Welt um uns war in Bewegung, aber die Richtung und die darauf einwirkenden Kräfte waren noch keineswegs deutlich zu erkennen.«13

Allerdings haben die zurückliegenden Wochen und Monate deutlich gezeigt, dass auf die seit einem halben Jahrhundert bestehenden Verhältnisse kein Verlass mehr ist. Mittel- und Osteuropa befinden sich in heftiger Bewegung. Pausenlos geschieht bisher Unvorstellbares. In Ungarn wird Imre Nagy, der hingerichtete Führer der Revolution von 1956, rehabilitiert und mit einer gewaltigen Demonstration zu Grabe getragen. In Polen wird inmitten des noch immer diktatorisch verfassten Ostblocks eine parlamentarische Regierung gebildet. Selbst die DDR, die doch als unerschütterbarer Hort des real existierenden Sozialismus gilt, ist von der Unruhe erfasst. Die Ausreisen verwandeln sich in einen massenhaften, die Stabilität des Staates untergrabenden Exodus, die Montagsdemonstrationen wachsen lawinenartig an, und aus zahllosen kleinen Protestaktionen, Gruppenbildungen und Manifestationen erwächst das Gefühl, dass ein Umbruch bevorsteht. Im September schlägt Ungarn mit der Öffnung seiner Grenze nach Österreich die erste Bresche in den Eisernen Vorhang.

Anfang Oktober spitzt sich die Situation in der DDR zu. Das Land ist erfasst von Unruhe und Erregung, der spektakuläre Akt der Ausreise der Flüchtlinge aus der Prager Botschaft durch die DDR facht sie weiter an, in Dresden und Berlin lässt der Polizeieinsatz gegen aufbegehrende DDR-Bürger die Lage eskalieren, in Leipzig bringen 70 000 Demonstranten auf dem Ring die Staatsmacht dazu, von der vorbereiteten militärischen Repression abzusehen. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse: Sturz Erich Honeckers am 18. Oktober 1989, Ankündigung einer »Wende« durch seinen Nachfolger Egon Krenz, Rücktritt von Regierung und Politbüro, Auftritt eines letzten Aufgebots mit dem vermeintlichen Hoffnungsträger Hans Modrow als Ministerpräsident an der Spitze – die Reaktionen der DDR-Führung machen mehr und mehr den Eindruck hektischer Rettungsaktionen auf einem sinkenden Schiff. Fünf Tage vor dem Mauerfall, am 4. November, demonstrieren eine halbe Million Menschen auf dem Alexanderplatz in der Mitte Berlins, dass alle diese Schritte nicht ausreichen, um die Desillusionierung der Menschen über das Regime zu stoppen und ihren Wunsch nach Veränderung aufzuhalten.

Nach alledem ist man auch im Westen auf Veränderungen eingestellt, erst recht in West-Berlin, das seit Monaten ein bevorzugtes Ziel der Ausreisen aus der DDR ist – 39 000 Übersiedler sind seit Jahresbeginn gekommen, mehr als fünfzig Turnhallen dienen als Notunterkünfte, längst sind die Aufnahmemöglichkeiten der Weststadt erschöpft. Vor allem in der Senatskanzlei und den Senatsverwaltungen blickt man gespannt auf die Vorgänge im anderen Teil Berlins. Knapp zwei Wochen vor der Maueröffnung hat Günter Schabowski dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper auch schon angekündigt, dass eine liberalere Reiseregelung in Arbeit sei – das Gespräch hatte Manfred Stolpe, der zwischen Ost und West vermittelnde Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche, arrangiert. Seither bereitete sich die Westberliner Verwaltung auf einen »Tag X« vor. Doch hat sie dabei nicht einmal ahnungsweise ein Ereignis wie die Maueröffnung im Blick. Immerhin stellt sie sich für den Fall der Lockerung der Besuchsbestimmungen auf eine kleine Invasion ein – die Schätzungen reichen bis zu 300 000 Besuchern, insgeheim rechnet man sogar mit 500 000.

Die Überlegungen in der Weststadt sind deshalb vor allem auf die Bewältigung dieses Ansturms gerichtet – zumal er wahrscheinlich auf das erste Adventswochenende und damit die vorweihnachtlichen Einkaufstage fallen wird. Also kreisen sie vorwiegend um praktische Fragen: ob die Übergänge ausreichen, ob es genügend Zahlstellen für das Begrüßungsgeld gebe, das seit 1987 einmal im Jahr an DDR-Besucher ausgezahlt wird, welcher Bedarf an Notquartieren bestehe, und selbst die Frage von Busverbindungen über die Stadtgrenze hinaus, nach Potsdam und Nauen, wird geprüft. Und weil auch der Westteil der Stadt in Herbst und Winter von der Braunkohlen-Dunstglocke betroffen ist, die über der DDR liegt, wird ausgiebig diskutiert, was getan werden könne, wenn etwa mehrere Hundertschaften von Trabis zusätzlich die Luft verunreinigten, einschließlich der Überlegung, ob dieser Gefahr mit Fahrverboten begegnet werden könne – keineswegs unbegründet: Eine Woche später gibt es in Berlin die erste Smogwarnung. Eine Schließung des Kurfürstendamms für den Verkehr wird erwogen und wegen der Furcht vor einem Umsatzrückgang wieder infrage gestellt. Andererseits: Würden nicht 300 000 Besucher das Begrüßungsgeld abholen, und würde dieser Millionenumsatz nicht in West-Berlin bleiben? Aber die Besucher – so beruhigt sich ein Zeitungskommentator – »kämen ja nicht alle auf einen Schlag«.14

Wenig später, in der Nacht des 9. November, sind sie da, und der offene Brief, mit dem der Regierende Bürgermeister die Berliner auf den Besucherstrom hatte vorbereiten wollen, bleibt unvollendet.15 Mit einem Male sind auch die Bedenken über die Belastungen durch die Besucher wie weggeblasen, verdrängt von der ungleich größeren Herausforderung der über die Stadt hereingebrochenen Freizügigkeit. Die Handvoll Übergänge, durch die in der gespaltenen Stadt das Rinnsal der Kontakte geflossen war, reicht hinten und vorne nicht. Und nichts bewegt die Stadt so sehr wie die gleich neun Grenzübergänge, die die DDR nach dem Schockerlebnis dieser Nacht einrichtet – bis dahin hatte sich Ostberlin Erleichterungen nur um den Preis nervender Verhandlungen abringen lassen. Der Potsdamer Platz und die Glienicker Brücke, die dazugehören, werden zu Ikonen des Geschehens, ihre Bilder gehen um die Welt – der schmale, von Menschentrauben bedrängte Durchlass im Zentrum der Stadt, hinter dem sich dem Blick die gewaltige Brachfläche der Grenzzone in der Mitte Berlins öffnete, wie die Verbindung von Berlin nach Potsdam über die herbstlich graue Havel, einst Schauplatz für das Spektakel des Austauschs von Agenten.

Zumal die Eröffnung des Potsdamer Platzes zwei Tage nach der Maueröffnung hinterlässt tiefe Spuren im Gedächtnis der Stadt. »Früher kalter Nebel lag über dem Areal«, erinnert sich Walter Momper. »Fernsehscheinwerfer tauchten die Szene in ein gespenstisches Licht. Hunderte junge Soldaten arbeiteten mit großer Hast an den letzten Metern, schaufelten Schutt und Steine beiseite, fegten den Sand weg, den der Wind in fast drei Jahrzehnten an der Mauer abgelagert hatte, und holten das alte historische Pflaster wieder heraus.«16 Nachdem Momper und der Ostberliner Oberbürgermeister Erhard Krack sich die Hände geschüttelt haben, geht »ein Jubelschrei durch die Menge … Hunderte Ostberliner rannten auf den Übergang zu. Jetzt gab es auch auf der westlichen Seite kein Halten mehr.«17 Am Mittag besucht Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Platz und wird zum Mitakteur einer Episode, die die Absurdität und Doppelbödigkeit der Situation scharf beleuchtet. Er geht, aus der Stimmung heraus, dass »man nicht weiß, was nun gilt«, über die leere Fläche in Richtung Osten. Erst richten sich Ferngläser auf ihn, dann kommt ein Offizier auf ihn zu, salutiert vorschriftsmäßig und sagt mit ruhiger Stimme: »Herr Bundespräsident, ich melde: keine besonderen Vorkommnisse.« »So schnell«, so Weizsäckers Resümee, »stand alles auf dem Kopf.«18

Das Wochenende verwandelt dann die Inselstadt West-Berlin in einen brodelnden Menschenkessel. Es bestätigt die kathartische Wirkung der nächtlichen Grenzöffnung überwältigend. Geschätzte zwei Millionen Besucher, überfüllte Züge aus der ganzen DDR – zeitweilig müssen Bahnhöfe geschlossen werden –, ausgebuchte Flüge, die Innenstadt rund um die Gedächtniskirche für Autos gesperrt, »stehender Fußgängerverkehr auf Kurfürstendamm und Tauentzien«, registriert der Polizeisprecher –, Volksfeststimmung überall. In Ostberlin stehen die Menschen in Viererreihen fünf Stunden an, bis sie den Grenzübergang erreichen, an dem jedoch faktisch nicht mehr kontrolliert wird. Im Westen sind über das ganze Wochenende die Schalter der Banken und die Sozialämter geöffnet, auf 135 Millionen D-Mark beläuft sich schließlich das ausgezahlte Begrüßungsgeld. Übernachtungen werden angeboten, viele schlafen im Trabi – 500 der Plastikgefährte werden pro Stunde am Kontrollpunkt Dreilinden durchgewinkt –, dabei ist Bodenfrost angesagt. Die Ost-West-Spaltung, die ein halbes Jahrhundert über der Stadt gelegen hat, löst sich für zwei rauschhafte Tage auf.

Tatsächlich sind diese zwei Tage ein »erster Probelauf«19 für das gemeinsame Berlin. Hunderte, ja Tausende von Menschen strömen schon am Sonnabend zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz hin und her, und die Atmosphäre lässt einen Reporter nach der Jubelmetaphorik von Goethes »Osterspaziergang« greifen: »Vom Eise (der Trennung) befreit … Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.«20 Es sind Tage voller Gesten und Zeichen, die die Woge des Glücksgefühls und der Wiederentdeckung der Stadt fassen wollen. In der Philharmonie in Sichtweite der Mauer dirigiert Daniel Barenboim ein Konzert der Philharmoniker nur für DDR-Bürger – »Tränen der Rührung im Orchester wie im Publikum«21. In der Westberliner Deutschlandhalle treten Größen der Rockmusik auf und werden von Ost- und Westbesuchern begeistert gefeiert. Zum Dank für den Einsatz der Bankmitarbeiter, Busfahrer und Behördenangestellten, die geholfen haben, den Besucheransturm zu bewältigen, fährt Ende November ein Buskonvoi mit zwanzig Doppeldeckern 1800 West-Berliner zu einer Varieté-Vorstellung im Friedrichstadt-Palast nach Ostberlin. Bis zum Jahresende reichen die Feiern der unerwarteten Gemeinsamkeit – Konzerte, Begegnungen, ost-westliche Sportveranstaltungen. Sie lassen fast vergessen, dass sich der Sickerstrom fortsetzt, der die Fundamente der DDR in den letzten Wochen und Monaten unterminiert hat. Noch immer melden sich pro Tag Tausende Übersiedler im Notaufnahmelager Marienfelde.

Handeln durch Unterlassen

Das glatte Gegenbild bietet die andere Seite, die DDR-Führung und ihre Parteigänger: Lähmung, Unvermögen, Resignation. Während die Westberliner Zeitungen noch in der Nacht vom 9. zum 10. November Extrablätter herausbringen, findet das welthistorische Ereignis in den Ostberliner Blättern so gut wie keinen und schon gar keinen angemessenen Niederschlag. Ist der Grund dafür der Schock des Ereignisses, die Gewöhnung an die zentrale Steuerung der Redaktionen oder ein Mangel an Zivilcourage? Ganz nach der Maxime, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, will der stellvertretende ADN-Chef bis nach Mitternacht nichts von eine Öffnung der Grenze wissen.22 Und der stellvertretende Chefredakteur der »Berliner Zeitung«, der maßgebenden Ostberliner Regionalzeitung, der an diesem Abend Dienst hat, wehrt – wie er sich zwei Jahrzehnte später erinnert – am 9. November 1989 kurz vor dem Andruck die Aufnahme der Meldung über die Maueröffnung ab, die ein Redakteur aus einer Telefonzelle an der Bornholmer Straße übermitteln will. Im zerknirschten Rückblick erklärt er diese Entscheidung mit der Stimmungslage eines irritierten SED-Zeitungsmannes – einer Mischung »aus Zeitnot, Routine, Erschrecken, Frust«23.

Am Tag danach wird offenbar, dass die SED weder willens noch in der Lage ist, sich dem historischen Ereignis zu stellen. In einer Mischung aus Verlegenheit und Rechthaberei bleibt sie fixiert auf die Aktionen, mit denen sie in den vergangenen Wochen versucht hat, die Bewegung im Land aufzuhalten. Was in der ganzen Welt Mauerfall heißt, wird in den Ostberliner Zeitungen bürokratisch-bieder zur »Reisefreiheit« heruntergeschrieben und als Leistung der DDR proklamiert, die Durchbrechung der Grenze als eine Art Tagesausflug verharmlost. Ungerührt nutzt die »Berliner Zeitung« für ihre Titelzeile die traditionelle DDR-Floskel, mit der sonst Produktionserfolge beschrieben werden: »Aus Worten wurden Taten«, um mit der Schlagzeile »Hunderttausende DDR-Bürger schauten sich Westberlin an«24 den Tabubruch zu bemänteln. Noch schlichter drückt sich das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« um die Wahrnehmung des Mauerfalls: »Viel Verkehr an den Grenzpunkten«25. Und wenn überhaupt das Ereignis der Nacht erwähnt wird, dann in Zitaten aus Westzeitungen oder mit gespielter Pikiertheit: »Getrübt wurde der Tag nur von Einzelnen, die auf der Mauer Randale wollten – schade!«26 Nur da und dort, zumeist in den Zeitungen der Blockpartei, und auch da fast zwischen den Zeilen, finden sich Reflexe des Ereignisses, die es wagen, an seine Bedeutung zu rühren. »Nachdenken über ein Glücksgefühl«27 ist der Bericht überschrieben, mit dem in der »Neuen Zeit«, dem zentralen Organ der Ost-CDU, über das Geschehen des Wochenendes berichtet wird. Und die »Nationalzeitung«, das Blatt der Nationaldemokratischen Partei, tastet sich an die Tiefendimension des Ereignisses heran: »Aus einer unerträglich gewordenen Enge heraus atmen die Menschen auf, obwohl sie kaum glauben können, was geschehen ist, war es doch gestern noch undenkbar.«28

Noch immer glaubt die SED, mit Personenopfern und Verlautbarungen in Parteiprosa das Heft wenden zu können. Der Mantel der Geschichte weht durch Berlin, doch sie setzt ihre Hoffnungen auf das Aktionsprogramm, das sie auf der Tagung des Zentralkomitees berät – einen Aufmarsch von überfälligen politischen, ökonomischen und sozialen Reformversprechungen. Sofern die DDR-Führung auf den Mauerfall antwortet, findet ihre Reaktion sozusagen im Saale statt. Denn die SED setzt die Beratungen fort, die am Tag vor dem Mauerfall begonnen haben, nicht ungerührt, aber ohne sich ihm zu stellen. Es wird eine gespenstische Sitzung. Der Mauerfall ist das Thema des Tages, aber nur in Kantine und im Foyer des Plenarsaals. Stattdessen geben sich die Spitzen des Staates der Erörterung teils der Wirtschaftslage, teils Kaderfragen hin. Es braucht eine gute Stunde, bis Egon Krenz, der neue Generalsekretär, die Ereignisse der vergangenen Nacht überhaupt nur erwähnt – aber nur um eine Kommission vorzuschlagen. Und doch gerät die Sitzung des SED-Gremiums, die läuft, wie die Parteisatzung es befiehlt, zunehmend zu einem Drama von fast antikem Format. Gefühlsausbrüche, erbitterte Vorwürfe, Selbstzerfleischung: »Wir sind belogen worden«, ruft ein alter Genosse, ein anderer: »Die Partei ist kaputt im Grunde genommen.«29 Hinter den undurchlässigen Mauern des Zentralkomitees breiten sich »Panik, Chaos und eine allgemeine Auflösungsstimmung«30 aus.

Am Nachmittag ruft die SED-Führung, genötigt von ihren ratlosen Mitgliedern, zu einer Großkundgebung im Lustgarten auf – eine Parallelaktion zu den Kundgebungen im Westen, vor dem Schöneberger Rathaus auf dem Breutscheidplatz. Genossen aus ganz Ostberlin sind dazu zusammengetrommelt worden. Sind es 150 000, wie die Partei behauptet? Sind es 50 000, wie andere Schätzungen lauten? Aber die SED verweigert dem Ereignis, das in allen Köpfen ist, die Wahrnehmung. Stattdessen zelebriert sie die Rituale kommunistischer Kampfdemonstrationen mit den Bekenntnissen parteitreuer Werktätiger, geballten Fäusten und dem Gesang der »Internationalen«. Novemberkälte, frühes Dunkel, der Dom gleißend im starken Halogenlicht – angesichts der großen, abgeräumten Mitte der Stadt, die nun noch leerer wirkt als sonst, bekommt die Kundgebung etwas von einem letzten Aufgebot.

Die SED spricht sich – so beschreibt es der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom – »mit Losungen, Spruchbändern und mechanischen Kampfliedern aus den großen Lautsprechern Mut zu … Manche singen zögernd die verstärkten Lieder von blutroten Fahnen und Kampf mit, doch die Stimmung ist unsicher«. Die Bilder, die am nächsten Tag in den Zeitungen sind, zeigen die Parteiführung auf den Stufen des Alten Museums »wie eine belagerte Gruppe«, »Regenmäntel, hochgestreckte Fäuste, die Münder zum Anstimmen eines Kampflieds geöffnet«.31 Währenddessen macht sich die Maueröffnung im Alltag spürbar. Arbeiter verlassen Betriebe, stellen die Produktion ein, und die kommunale Versorgungswirtschaft wird nur mit Mühe aufrechterhalten.32 In dem einen Betrieb sind nur 15 Prozent einer Abteilung zur Arbeit gekommen, in einem anderen ist stundenweise überhaupt niemand da. Für das Wochenende, an dem die Ostberliner massenhaft im Westen sind, setzt die SED Parteitagungen und Mitgliederversammlungen an. Sie sollen festigen, was nicht mehr zu festigen ist.

Krenz hält übrigens unbeirrt an der Fiktion fest, die Maueröffnung habe in der Linie des Umdenkens der SED gelegen und zumindest der unblutige Verlauf sei der Partei zu danken. Zwei Jahrzehnte später wird Hans Modrow, der letzte Ministerpräsidenten aus den Reihen der SED, zu diesem Zeitpunkt gerade Mitglied des Politbüros, also des obersten Führungsgremiums geworden, die Maueröffnung mit einer ganz anderen Lesart versehen. Sie sei »haarscharf an einer Katastrophe« vorbeigegangen, eine »kopflose Regierung« habe »etwas in Bewegung gesetzt«, das »erst durch das Verhalten der Grenzoffiziere in Balance« gebracht worden sei.33 Man muss in Modrows Äußerungen kaum mehr als eine nachträgliche Dramatisierung erblicken, unternommen mit dem Ziel, den Grenztruppen einen nachträglichen Anteil einem welthistorischen Ereignis zu verschaffen. Allerdings trifft zu, dass der militärische Apparat der DDR nochmals heftig rotiert, einen militärischen Einsatz erwägt und einschlägige Operationen überlegt, bis ihm und der politischen Führung klar wird, dass da nichts mehr zu gewinnen ist.34 Immerhin: Die Überzeugung, dass die Situation nicht eskalieren dürfe, beherrscht die Akteure in Ost und West. Als am 11. November am Brandenburger Tor die Lage kritisch wird – junge Leute auf der Mauerkrone fordern die Grenzpolizisten heraus, die Wasserwerfer auffahren –, wird sie einträchtig von beiden Seiten entschärft.

Der eigentliche Grund für den friedlichen Verlauf der Wende ist der Wandel selbst, der sich in der DDR und im Ostblock vollzieht. Die explosive Mischung von Götterdämmerung und Selbstbefreiung in den Hierarchien wie in den Gesellschaften hat die ideologisch und praktisch ausgelaugte DDR und die SED demoralisiert. Das mag auch die tiefere Erklärung für den Umstand sein, dass die DDR insgesamt so rasch kapituliert – siebzig Jahre kommunistische Bewegung in Deutschland, vierzig Jahre real existierender Sozialismus in der DDR brechen binnen weniger Wochen ohne nennenswerten Widerstand in sich zusammen. Denkwürdig die Antwort, die hohe DDR-Offiziere dem Westberliner Polizeipräsidenten auf die Frage geben, weshalb sie nicht bis zum letzten Mann für den DDR-Sozialismus gekämpft hätten wie 1945 die SS für das Dritte Reich: »Wissen Sie, auf die SS warteten die Russen, auf uns die Bundesrepublik.«35 Es gibt dem Gespräch den makabren Hintergrund, dass es am Reichstag stattfindet, in dem noch die Spuren der erbitterten Kämpfe zu sehen sind, die sich die SS 1945 mit den sowjetischen Truppen lieferte.

Wie tief der Mauerfall die Gemüter aufwühlt, ist freilich nicht nur an der Hochstimmung abzulesen, in die er die Stadt versetzt. Sie spiegelt sich auch in den widersprüchlichen Empfindungen, die ihm wie ein Schatten folgen, im Westen und im Osten. Der Seufzer, dass »jetzt jeden Tag Ansturm ist wie Kirchentag hoch 3«36, ist schon an dem Jubelwochenende nach dem Mauerfall in dem von den Ereignissen schier überrannten Westberlin da und dort zu hören – die Weststadt hatte im Sommer einen Kirchentag erlebt. Im Osten reagiert nicht zuletzt die Opposition irritiert, am prononciertesten Bärbel Bohley, die Frontfrau der Konfrontation mit dem System, die ihre Verwirrung über den Mauerfall drastisch zum Ausdruck bringt: »Die Leute sind verrückt, und die Regierung hat den Verstand verloren.«37 Ein Teil der Dissidenten sieht die Maueröffnung mit hoher Skepsis: Wird er nicht den Prozess der friedlichen Revolution gefährden, der in den letzten Wochen die Entwicklungen in der DDR vorangetrieben hatte? Werden die Menschen noch für Reformen auf die Straße gehen, wenn sie in den Westen reisen können? Unbeschadet der Freude über die neue Freiheit reicht das bei manchen ihrer Wortführer und Strategen bis zu Verlustempfindungen; sie sehen sich durch den Mauerfall und seine Folgen als Akteure geradewegs »politisch enteignet«38.

Zum Schock der Konfrontation mit einer Situation, die niemand vorhergesehen hat, kommt die Furcht vor den vorgestellten wirtschaftlichen Folgen. Drei Tage nach der Maueröffnung fällt der Bürgerrechtler Wolfgang Ullmann, Sprecher von »Demokratie jetzt«, um Mitternacht seinem Mitkombattanten Erhard Neubert ins Haus, weil ihn die Frage bedrängt, »ob die Opposition nicht zur Grenzschließung aufrufen solle, da die DDR ansonsten wirtschaftlich schnell ausbluten würde«39. Ullmann wird als prominenter Bürgerrechtler angesprochen: Er möge doch dem Bundespräsidenten oder dem Berliner Bischof klarmachen, »dass die Mauer wieder für ein Vierteljahr geschlossen werden muss, damit wir hier unsere Wirtschaft wieder ein bisschen stabilisieren können«40. Ein Gefühl plötzlicher Bodenlosigkeit macht sich breit, auch bei den Gegnern des Systems. Freya Klier, Dissidentin und geharnischte DDR-Kritikerin, fürchtet: »Die DDR könnte sich auflösen wie eine Brausetablette.«41

Gerade in Berlin, wo die Ost- und Westwelt nun unmittelbar aufeinanderstoßen, wohnen das Glücksgefühl über den Einbruch des Wunders in die Geschichte und die Fassungslosigkeit über den Wandel der Situation Wand an Wand. Und nirgendwo wird die Freude über den Mauerfall so bald eingeholt und auch schon überholt von Bedenken und Befürchtungen. Bereits drei Tage nach der historischen Nacht finden sie Eingang in die Erklärung des »Neuen Forums«, der stärksten oppositionellen Sammlungsbewegung in der DDR. In ihr zittert die hohe Erregung dieser Tage nach, doch der Bekundung der Freude über das Ereignis, auf das »wir fast dreißig Jahre gewartet« haben, folgen auf dem Fuß händeringende Bekundungen von Befürchtung und Verstörung. »Ausverkauf« heißt die Fanalformel für die Verunsicherung, in die der Mauerfall vor allem die Bürgerrechtler stürzt. An die Wand gemalt wird ein wahres Schreckensszenarium: der »Ausverkauf unserer Werte und Güter an westliche Unternehmer«, die Überfüllung der Erholungsgebiete durch »Westmarkttouristen«, eine Teilung der Bevölkerung, bei der die »sozial schwächere Hälfte der Bevölkerung« bedroht ist, »während die Westgeld-Löwen oben schwimmen«. Sind die Bürger der DDR nicht die »Helden einer politischen Revolution«? Nun appellieren die Träger des Umbruchs an sie mit der Warnung vor einer drastisch ausgemalten Abstiegsperspektive: »Lasst das Land nicht verhökern und euch nicht als Mietsklaven verdingen.«42 Die Beschwörung eines Ausverkaufs der DDR begleitet die Auseinandersetzung mit dem Schock der Maueröffnung, aufgerufen ebenso von der SED wie von ihren Gegnern.

Überhaupt erzeugt der gewaltige Einschlag des Unvorhergesehenen in die Normalität ein zwiespältiges gefühlshaftes Erbeben. Die Überwältigung fährt vielen als eine Art heiliger Schrecken in die Glieder. Trauen die Deutschen, die notgedrungen gelernt haben, mit der Teilung zu leben, dem plötzlichen Glück nicht? Ist das Ereignis des Mauerfalls einfach zu groß? Aber wie kann man ein solches Wunder verkraften? Es gehört zur Befindlichkeit Berlins, dass vor allem die Perspektive der Wiedervereinigung, wenn sie denn auftaucht, rasch gestellt und eingekreist wird von einer Phalanx der Befürchtungen und Bedenken, im Westen wie im Osten. Den Ausdruck gibt diesem Gefühl kein Geringerer als der Bundespräsident, in Berlin aufgewachsen, später Regierender Bürgermeister der Stadt und seinem Selbstverständnis nach Berliner geblieben. Sogleich nach der Nachricht des Mauerfalls nach Berlin aufgebrochen, bekennt Richard von Weizsäcker »eine rückhaltlose, tiefe und erstaunte Freude«. Doch seine Ansprache bei dem Dankgottesdienst in der Gedächtniskirche, der nur zwei Tage nach der Maueröffnung West- und Ostberliner vereinigt, ist gleichwohl mit der Mahnung versetzt, »nicht loszuballern mit großen Tönen und Reden. Keiner von uns hat es schon immer gewusst – keiner von uns weiß, wie es weitergeht«.43

Durch die Weststadt ein Riss

Der Westen der Stadt ist noch in einem weiteren Sinne auf die Maueröffnung nicht vorbereitet: Während die Zeitgenossen in Berlin und in Europa dabei sind, das Geschehen dieser Novembernacht in seiner Bedeutung zu begreifen und zu verarbeiten, zeigt sich ein tiefer Riss in der politischen Gesellschaft der Stadt, und er betrifft nichts Geringeres als die Perspektiven, die ihr der 9. November eröffnet. Bevor die Stadt beginnt, auf ihre Vereinigung zuzusteuern, ist sie erst einmal nachdrücklich uneins mit sich selbst. Bereits am Tag nach dem Mauerfall gerät das Abgeordnetenhaus, das Berliner Parlament, in einen verbissenen Streit darüber, ob die deutsche Einheit das Ziel deutscher Politik sein dürfe. Die CDU beantragt einen Beschluss, dass die Deutschen an dem Ziel festhalten, »auf einen Zustand des Friedens und der Einheit Europas hinzuwirken, in dem auch das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit erlangen kann«.44 Die regierende SPD hätte eine solche Erklärung auch mitgetragen, denn sie ist aus sozialdemokratischen Urstoff – sie nimmt die Formulierung des »Briefs zur Deutschen Einheit« auf, den die sozialliberale Koalition 1972 dem Moskauer Vertrag hinzugefügt hatte. Nicht jedoch ihr Koalitionspartner, die Alternative Liste: Fest überzeugt von der Gebotenheit der deutschen Zweistaatlichkeit, scheut sie den Begriff wie der Teufel das Weihwasser. Es folgt ein langes Ringen vor und hinter den Kulissen, das schließlich in einem Kompromiss mündet, bei dem statt von der Einheit ausweichend-umwegig von der Erwartung die Rede ist, dass das deutsche Volk zu »der Gestaltung seines Zusammenlebens gelangen kann, für die es sich in Ausübung seines Selbstbestimmungsrechts entscheidet«45 – und bei einem kontroversen Abstimmungsergebnis, denn die CDU mag der sophistischen Formulierung am Ende doch nicht zustimmen.

Die Brüchigkeit des politischen Zustands von Berlin zeigt sich erst recht in dem Eklat, zu dem die nachfolgende Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus gerät. Mit ihr wollen das politische Berlin und die Bonner Politik das historische Ereignis würdigen. Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher unterbrechen dafür einen Staatsbesuch in Polen, der wegen des schwierigen deutsch-polnischen Verhältnisses bis eben noch die Schlagzeilen beherrschte. Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt und andere prominente Bonner Politiker kommen aus Bonn nach Berlin. Anwesend schon während der Sitzung im Abgeordnetenhaus, nehmen sie wahr, wie sich auf dem Platz vor dem Rathaus – wohin die Sitzung per Lautsprecher übertragen wird – die Stimmung auflädt. Die Unruhe steigert sich noch, als die Politiker vor dem Rathaus erscheinen. Es gibt Beifall für Walter Momper, Willy Brandt und Hans-Dietrich Genscher und unbeschreiblichen Jubel, als der Außenminister die Liste der neuen Grenzübergänge vorliest. Doch kaum tritt der Kanzler ans Mikrofon, wird er mit gellenden Pfiffen und rüden Zwischenrufen attackiert; er hat Mühe, seine Rede zu halten. Die danach angestimmte Nationalhymne geht in Protestgeschrei und Pfiffen unter.

Das Geschehen ist mehr als ein Misston. Es ragt wie ein Dorn in die beginnende Vereinigung der Stadt hinein und wird weithin als Skandal empfunden. Mit gutem Grund: Am gleichen Ort hat John F. Kennedy sein »Ich-bin-ein-Berliner«-Bekenntnis abgelegt, haben die West-Berliner über die Jahrzehnte hinweg ihren Willen zum Widerstehen und Überleben bekundet. Nun demonstriert der Zwischenfall die Explosivität und die Zerrissenheit des politischen Klimas in der Stadt – so wie die folgende Kundgebung der CDU vor der Gedächtniskirche, die Helmut Kohl feiert. Wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass die Veranstaltung entgleist, bleibt umstritten, aber vieles spricht dafür, dass die jungen Leute, die der Stimmung auf dem Platz den Stempel aufdrücken, vor allem zum alternativen Milieu gehörten. Und unüberhörbar ist auch, dass sie für alles, was mit dem Nationalstaat zu tun hat, erst recht mit dem Gedanken einer Wiedervereinigung, nur Spott und Häme übrig haben – ihr Sprachrohr, die links-alternative Tageszeitung »taz« stellt eine Hörfolie des gestörten Nationalhymnengesangs mit dem hohntriefenden Titel »Deutschland-Lied/Schöneberger Fassung« her, die sie ihrer Weihnachtsausgabe beilegt. Der desaströse Eindruck bleibt an dem Ereignis hängen: »Ungerecht und unflätig«46 nennt Walter Momper die Missfallenskundgebungen in seinen Erinnerungen – obwohl er ein gewisses Verständnis für den Protest nicht verhehlt –, als »eine Stunde der Schande und der Irritationen«47 empfindet sie sein Vorgänger und Nachfolger Eberhard Diepgen. Doch die Bruchlinien im Bewusstsein der Stadt, die an diesem 10. November sichtbar werden, reichen weiter, tief in die regierende SPD hinein. Die deutsche Vereinigung, die ein Jahr später Realität sein wird, erweist sich als eine Größe, an der sich die Geister scheiden.

Überhaupt spiegelt dieser Tag die Ambivalenz des historischen Augenblicks. Walter Momper, der Regierende Bürgermeister, der am Morgen im Bundesrat in Bonn mit seinem enthusiastischen Wort, die Deutschen seien in dieser Nacht das glücklichste Volk der Welt gewesen, den großen Geschichtston getroffen hat, hängt das Ereignis am Abend demonstrativ niedriger: Der 9. November sei ein »Tag des Wiedersehens« gewesen, keineswegs ein »Tag der Wiedervereinigung«.48 Willy Brandts Rede dagegen ist schon ganz auf seine berühmte Einheitsformel gestimmt – »Nun wächst zusammen, was zusammengehört« –, obwohl sie in seiner Ansprache noch nicht vorkommt; Brandt formuliert sie im Laufe des Tages mehrfach in Interviews und fügt sie in die gedruckte Fassung der Rede ein.49 Bundeskanzler Kohl beschwört die »Einheit unserer deutschen Nation«. Aber seine Rede mäandert vorsichtig zwischen dem Respekt für die Bürgerbewegung in der DDR und der Beschwörung einer gemeinsamen Zukunft. Er sichert dem ostdeutschen Freiheitswillen die »volle Unterstützung« der Bundesrepublik zu – und erwähnt die Wiedervereinigung mit keiner Silbe.50

Tatsächlich ist zu diesem Zeitpunkt noch kaum ein Politiker bereit, die Vereinigung als aktuelles Ziel deutscher Politik zu postulieren. Zu groß sind die Ängste, damit den noch ganz unabsehbaren politischen Prozess zu gefährden, der im Osten in Gang gekommen ist, zu schattenhaft ist der Gedanke im Laufe der Jahrzehnte in der Bundesrepublik selbst geworden. Dementsprechend vage sind Positionen und Prognosen. Hält man sich an den Stand, den die deutschlandpolitischen Debatten bis zum 9. November erreicht haben, so gehen sie kaum weiter als bis zu der Erwartung, dass die DDR sich zu einer freieren Gesellschaft mit Rechtsstaatlichkeit, Mehrparteiensystem und Reisefreiheit entwickeln werde; alle darüber hinausgehenden Perspektiven sind fest an Europa geknüpft – an die erhofften Wirkungen des KSZE-Prozesses, das künftige Zusammenwachsen des Kontinents und an einen allgemeinen, die Probleme der Ost-West-Spaltung auflösenden Friedenszustand. Für Berlin heißen sie: mehr Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westteil, Verbesserungen in praktischen Fragen und eine neue Perspektive für die Existenz der Stadt. Selbst die Wiederherstellung des ganzen Berlins ist zur Zeit des Mauerfalls offensichtlich noch kein Thema, das sich als Postulat und Perspektive aufdrängt. Versteht sie sich von selbst? Oder ist sie zu dieser Zeit eines jener Themen, die nur mit spitzen Fingern angefasst werden und von denen es formelhaft heißt, dass sie nicht »auf der Tagesordnung« stehen?

Doch die neue Wirklichkeit, der der Mauerfall den Weg bereitet, setzt bisher eher schwelende Differenzen frei. Sie bilden für Berlin nichts Geringeres als eine Art Eröffnungsbilanz seiner neuen Lage. Am Vorabend der zweiten Geburt Berlins bringen sie an den Tag, welche Gegensätze und Verspannungen Köpfe und Gemüter besetzt halten. Regierung und Opposition, SPD/AL-Koalition und CDU beziehen diametrale Positionen. Walter Momper stellt sich ganz auf die Seite der Volksbewegung in der DDR und nimmt Partei für die Eigenständigkeit des – wie er formuliert – »Volkes der DDR«, das Hilfe, aber keine Einmischung und schon gar keine Wiedervereinigungsdebatte brauche. Ganz anders Eberhard Diepgen, der CDU-Vorsitzende: Für ihn ist der 9. November schon zwölf Stunden nach dem Mauerfall »ein Tag der nationalen Einheit«; im gleichen Atemzug fordert er das Ende der Mauer – da sie politisch gefallen sei, müsse sie »auch als Bauwerk abgerissen werden«51.

In der Debatte über die Frage von Einheit und Zweistaatlichkeit, zwischen der von allen vertretenen Versicherung, die Haltung der Menschen in der DDR zu respektieren, und den eigenen Positionen spitzen sich unterschiedliche Meinungen polemisch und grundsatzschwer zu. Momper zeigt sich überzeugt davon, dass man im Osten Freiheit wolle, aber nicht – so glaubt er und formuliert es gerne mit einer Prise Polemik – unter dem »Patronat eines gesamtdeutschen Staates«. Die Bürger der DDR strebten die »soziale Demokratie und den dritten Weg eines demokratischen Sozialismus« an und müssten eine »faire Chance« erhalten, um »die Eigenständigkeit ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung« zu entwickeln.52 Diepgen und die CDU setzen dagegen: Ja zur Respektierung des Willens der DDR-Bürger, aber Widerstand dagegen, »dass der gescheiterte Sozialismus in der DDR als neuer Sozialismus des dritten Weges mit unserer Hilfe und mit unseren Finanzen aufgebaut wird«53. Gegen den Vorwurf, die Forderung nach Einheit bevormunde die Ostdeutschen, setzt Diepgen die Gegenfrage: ob denn die Fixierung auf die Zweistaatlichkeit nicht die »eigentliche Bevormundung« der DDR-Deutschen darstelle?54

Die Alternative Liste (AL) demonstriert dagegen vor allem, wie weit das politische Spektrum in West-Berlin ausgefranst ist. Fest eingemauert in einer zum Getto gewordenen Erfahrungswelt von Friedens- und Ökologiebewegung, offenbart sie, dass sie – und das von ihr repräsentierte Milieu – keinen Zugang zu den Themen hat, die mit dem 9. November die Szene betreten. Sie antwortet auf den Mauerfall mit ihrem ganzen Programm: radikale und einseitige Abrüstung, die Halbierung der Bundeswehr sowie – ausgerechnet – die Einstellung der Debatten über die deutsche Frage. Die bittere Pointe im Schlagabtausch der Parteien setzt der Sprecher der Republikaner, die seit dem Frühjahr im Abgeordnetenhaus sitzen. In seiner Rede nennt der von allen Parteien Gemiedene die Ziele, die wenige Monate später Realität werden – die Wiedervereinigung, eine gemeinsame Währung, ein gemeinsames Wirtschaftssystem. Sind die demokratischen Parteien, deutschlandpolitisch verstrickt und zerstritten, wie sie sind, noch nicht so weit? Das alles lässt ahnen, welche Mühen es bereiten wird, die neue Lage zu begreifen, und wie schwer es der Politik werden wird, sich aus den bisherigen Vorstellungen herauszuarbeiten, um der neuen Situation gerecht zu werden.

»Ganz Berlin« in der Schwebe

Aber die Maueröffnung und ihre Folgen konfrontieren Berlin ja auch mit Fragen, die die Stadt sich seit Langem nicht mehr gestellt hat. Sie betreffen nicht zuletzt ihre Verfassung selbst, ihren emotionalen und mentalen Zustand nach dreißig Jahren Teilung. Vielleicht kann nur ein Ausländer wie der Niederländer Cees Nooteboom beim Durchstreifen der Stadt unbefangen daran denken, wie es sein wird, »wenn sie wieder eine Stadt ist«55. Für die Berliner ist diese Aussicht gespickt mit Unvorstellbarkeiten. Gewiss ist das Bewusstsein, dass Berlin eine Stadt ist, in Ost und West wach geblieben, und Ost- und Westberliner eint nicht zuletzt die Überzeugung, Berliner zu sein. Auch haben die stürmischen Tage der Maueröffnung vielen das Gefühl vermittelt, einen Vorgeschmack dieser Einheit bereits wieder erlebt zu haben, und tatsächlich bleibt die Spontaneität denkwürdig, mit der aus der zufälligen Grenzöffnung nach jahrzehntelanger Teilung eine massenhafte Verbrüderung im Westteil der Stadt geworden ist. Andererseits wissen die Berliner, dass sie Bewohner zweier Städte, zweier Staaten, ja, zweier Welten sind – die jüngere Geschichte hat es ihnen jahrzehntelang eingeprügelt. Außerdem gibt es auch noch die zwei deutschen Staaten und die Viermächteverantwortung für die Stadt – beides steht einem wiedervereinigten, ganzen Berlin im Wege. Eberhard Diepgen bringt das Dilemma eine Woche nach der Maueröffnung auf den Punkt und trifft damit das Problem von Mompers Haltung: »Man kann nicht Berlin als ungeteilte Stadt betrachten und gleichzeitig zwei deutsche Staaten wollen. Wer zwei deutsche Staaten will, der will entweder das ganze Berlin in die DDR eingliedern, oder er will einen neuen, einen dritten deutschen Staat.«56

Allerdings ist das auch die Crux der Stadt: Ihre Vereinigung hängt unvermeidlich an der deutschen Einheit. Doch auch wenn die Ost-West-Spaltung unter der Wucht der Veränderungen in Osteuropa wankt, ist Ende 1989 noch keineswegs klar, ob die europäische Teilung wirklich überwunden werden und wie diese Überwindung aussehen kann – und noch weniger, ob es einen Weg zur Wiederherstellung der deutschen Einheit gibt. So ruht die Erwartung, dass Berlin wieder zu einer Stadt wird, zunächst vor allem auf dem schlichten Umstand, dass sich niemand vorstellen kann, Berlin könne auf Dauer ...

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