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Bergkristall - Folge 262

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wenn ich Ja sag, dann aus Liebe
  4. Vorschau

Wenn ich Ja sag, dann aus Liebe

Das außergewöhnliche Schicksal der Lena Böhm

Von Rosi Wallner

Sie hat es nicht leicht, die Lena. Sie lebt in beklagenswerten Verhältnissen, denn der Stiefvater hält mehr vom Wirtshaus als von der Arbeit, die Stiefschwester ist voller Gift und Neid, und die Mutter schweigt – um des lieben Friedens willen. Aber es gibt ein großes Glück in Lenas Leben, den Martin, einen kühnen, gut aussehenden Burschen, den sie von ganzem Herzen liebt. Sie werden bald heiraten, das Brautkleid hat Lena schon …

Doch dieses Glück ist ihr nicht vergönnt. Auf tragische Weise kommt Martin am Berg zu Tode, als er einem anderen helfen will, und Lenas Hoffnungen, ihre Träume, ihre Zukunft sind zerstört. Bis sie erkennt, dass Martin ihr ein Vermächtnis hinterlassen hat, das ihrem Leben einen neuen Sinn geben wird: Sie bekommt ein Kind von ihm.

Neuer Mut keimt in Lena auf, neue Kraft. Für das Kind will sie leben, für es sorgen und es über alles lieben! Das Schicksal aber erlegt ihr eine weitere schwerste Prüfung auf …

„Schlaf gut, Schatzerl, und denk an mich, bis wir uns wiedersehen!“

Zärtlich neigte sich Martin Berghofer über das Mädchen, das bald seine Frau sein würde, und küsste es.

„Ich denk immer an dich, Martin!“, gab Lena Böhm zurück, und obwohl sie lächelte, klang ihre Stimme ernst.

Es fiel Martin schwer, sich von Lena loszureißen, denn nie war sie ihm schöner erschienen als an diesem Abend. Ihre dunkelblauen Augen strahlten in dem zart geschnittenen Gesicht, der lieblich geschwungene Mund war tiefrot von den Küssen, die das verliebte, junge Paar getauscht hatte. Das kastanienbraune Haar fiel in üppigen Locken auf Lenas Schultern. Ihm zuliebe hatte sie die seidige Pracht, die sie sonst zu einer geflochtenen Krone aufgesteckt trug, gelöst.

„Pass auf dich auf, Martin!“, sagte sie unvermittelt, und das glückliche Leuchten in ihren Augen machte jäher Besorgnis Platz.

„Aber Lenerl! Wie oft bin ich da schon aufgestiegen? Ich müsste ja ein schlechter Bergführer sein, wenn ich da noch Angst hätte. Und das Wetter wird auch gut sein, da hab ich mich erkundigt. Ich überlass schon nix dem Zufall!“, erwiderte er.

„Das weiß ich, aber ich mach mir halt immer Sorgen um dich!“

„Unnötige Sorgen machst du dir. Komm, gib mir noch ein Busserl!“

Sie gehorchte nur zu gern, und dann wandte er sich mit einem Aufseufzen zum Gehen. An der Wegbiegung blieb er stehen, drehte sich um und winkte ihr zu, ihre schlanke, anmutige Gestalt noch einmal mit sehnsüchtigen Blicken umfassend.

Als Martin außer Sichtweite war, wurde Lena von einem eigenartigen Schauder befallen, was sie der hereinbrechenden Dämmerung zuschrieb. Ein Nachtvogel rief leise im nahen Wäldchen, und wieder fröstelte sie. Was war nur mit ihr? Warum empfand sie mit einem Mal eine derartige Furcht, dass es ihr fast den Atem raubte?

Lena versuchte die düsteren Gedanken zu verdrängen und dachte an die bevorstehende Hochzeit, mit der ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnen würde. Zögernd trat sie in ihr Elternhaus, das sie bald für immer verließ. Das war ein weiterer Grund für sie, dem Schicksal dankbar zu sein: Sie würde nicht nur den Mann heiraten, den sie liebte, sondern sie konnte sich dadurch auch von ihrer Familie lösen.

Lena Böhm stammte aus bescheidenen Verhältnissen, die Familie wohnte in einem kleinen Haus am Dorfausgang. Doch es war nicht die deutlich erkennbare Armut, unter der Lena so litt, sondern der Zank und Hader, der zwischen ihren Eltern herrschte und auch vor den Kindern nicht Halt machte.

Lenas Mutter hatte, früh verwitwet, noch einmal geheiratet, und sie hatte jeden Tag Gelegenheit, das zu bereuen. Denn Alois Kofler war das genaue Gegenteil von ihrem ersten Mann, Lenas Vater. Er war streitsüchtig und unzuverlässig; wenn er sich zu einer Arbeit aufraffen konnte, trug er das verdiente Geld ins Wirtshaus.

Das hatte aus Marie Kofler eine verbitterte, zänkische Frau gemacht, die vor der Zeit gealtert war, denn allein durch ihre harte Arbeit hatte sie die Familie durchgebracht.

„Ich hab schon gedacht, du und der Martin wollt da draußen Wurzeln schlagen!“, empfing sie Lena nicht allzu freundlich.

„Wer weiß, was die zusammen …“

„Halt deinen vorlauten Mund!“, fiel Marie ihrer jüngeren Tochter sofort ins Wort, worauf Liese hämisch grinsend das Gesicht verzog.

„Ein Madel muss auf seinen Ruf achten und sich net abends vor der Haustür herumdrücken“, sagte Kofler und kam der Liese damit zu Hilfe.

Er mochte Lena nicht und machte auch kein Hehl aus seiner Abneigung, denn sie besaß alles, was seiner leiblichen Tochter abging: Im Gegensatz zu ihrer Stiefschwester war Liese Kofler reizlos und plump, und der gehässige Zug auf ihrem Gesicht machte sie nicht anziehender. Wie ihr Vater hielt sie nicht viel von Arbeit, nirgends blieb sie lange. Nun war sie einmal wieder ohne Stelle und lebte bei den Eltern, ohne im Haus eine Hand zu rühren.

Neben ihrer Trägheit war sie ausgesprochen klatschsüchtig, gab alles weiter, was man ihr erzählte und war auch der Ursprung etlicher Verleumdungen. Auf diese Weise rächte sie sich, wenn ihr wegen mangelnder Tüchtigkeit gekündigt worden war.

„Vielleicht denkst du auch mal an unseren Ruf, wenn du betrunken nach Hause kriechst?“, fuhr Lena zornig auf, Kofler zugewandt.

„Wie redest du mit mir? Noch lebst du unter meinem Dach!“, schrie er und ging drohend auf Lena zu.

„Lass das Madel in Ruhe! Soll an ihrem Hochzeitstag denn jeder sehen, dass du sie geschlagen hast?“

Marie Kofler stellte sich schützend vor ihre ältere Tochter, die häufig von ihrem bösartigen Stiefvater verhöhnt und misshandelt worden war. Alois Kofler brach daraufhin einen wilden Streit vom Zaun, der wie üblich damit endete, dass er die Tür hinter sich zuschlug, um ins Wirtshaus zu gehen.

Während ihre Mutter lamentierte, dass nun alles Geld wieder in die Gaststätte getragen würde, atmete Lena insgeheim auf. Nun würde sie in aller Ruhe arbeiten können, denn sie war in Verzug geraten. Lena verdiente sich ihren Lebensunterhalt durch Näharbeiten, und sie war so geschickt, dass selbst die reichen Großbäuerinnen zu ihr kamen. So hatte sie sich einiges ersparen können und würde nicht mit leeren Händen in die Ehe kommen. Gleichzeitig steuerte sie zu dem mageren Einkommen der Mutter bei, obwohl diese ihr nur wenig Dank dafür zu geben wusste.

Liese war ebenfalls erleichtert, als ihr Vater aus dem Haus war. Sie putzte sich in ihrer Kammer auf eine Weise heraus, dass ihrer Mutter das Blut in die Wangen stieg, als sie der Tochter ansichtig wurde.

„So kannst du doch net rausgehen, mit der vielen Farbe im Gesicht und dem tiefen Ausschnitt!“, brachte sie hervor, obwohl sie wusste, dass ihre Vorhaltungen sinnlos waren.

Liese gab auch keine Antwort; sie warf ihrer Mutter einen verächtlichen Blick zu und verließ türenschlagend das Haus. Lena wusste, dass das Mädchen, das gerade siebzehn war, oft erst im Morgengrauen durch den Hintereingang ins Haus schlich, und sie schämte sich für ihre Schwester.

Endlich kehrte so etwas wie Frieden ins Haus ein. Marie Kofler bügelte die liegen gebliebene Wäsche, während sich Lena über einen schwierigen Hohlsaum beugte. Mutter und Tochter sprachen nicht miteinander; zu weit hatten sie sich innerlich voneinander entfernt; jede von ihnen hing den eigenen Gedanken nach.

Als ihre Augen zu schmerzen begannen, legte Lena die Tischdecke, die bald fertig sein würde, sorgfältig zusammen und stieg nach einem kurzen Gutenachtgruß in ihre Kammer hoch. Im schwachen Schein der Nachttischlampe öffnete sie den Schrank und nahm ein langes weißes Kleid heraus, das sie auf dem Bett ausbreitete und liebevoll glättete. Dann trat sie vor den Spiegel und hielt sich das Kleid an. Freudige Röte stieg in ihre Wangen, als sie sah, wie gut es ihr stand.

Jeden Abend, seit sie ihr Brautkleid fertig genäht hatte, wiederholte sie dieses Ritual, als müsste sie sich vergewissern, dass ihre Hochzeit wirklich beschlossene Sache war. Dieses Kleid war nicht nur das Symbol für ein gemeinsames, glückliches Leben mit dem Mann, den sie über alles liebte, sondern auch das Unterpfand für eine bessere Zukunft.

Martins Ersparnisse hatten es ermöglicht, dass er ein altes Bauernhaus in der Nähe ihres Heimatortes gekauft hatte. Seine ganze Freizeit hatte er darauf verwandt, das Gebäude wieder herzurichten. Seit die beiden jungen Leute sich einig gewesen waren, hatte ihm Lena dabei geholfen.

Inzwischen war es zu einem richtigen Schmuckstück geworden. Manch ein Bergwanderer blieb stehen und bewunderte die Holzbalustraden mit den kunstvollen Schnitzereien, die das weiß gekalkte Haus umliefen, dessen mit Schindeln gedecktes Dach tief herabgezogen war. Auch die geschwungene Lüftlmalerei war wiederhergestellt worden und erregte die Aufmerksamkeit des Betrachters.

Es war ein Haus, in dem Raum für eine große Familie war, von einem Garten umgeben, der Kindern Freiheit für ihre Spiele bot. In einem Anbau wohnte bereits die zukünftige Schwiegermutter, ein Umstand, der Lena wenig schreckte, denn sie verstand sich mit Martins Mutter besser als mit ihrer eigenen. Es würde ein gutes Leben werden in diesem Haus. Lena lächelte und hängte das Kleid vorsichtig in den Schrank zurück.

Mit einem erleichterten Aufseufzen streckte sie sich dann auf der harten Bettstatt aus, und vor Erschöpfung glitt sie schnell in einen tiefen Schlaf. Sie träumte, dass sie in ihrem weißen Kleid an Martins Arm zum Altar schritt und dass ihr Herz vor Glück zu bersten drohte. Doch plötzlich löste sich Martins liebevoller Griff, und als sie sich ihm zuwandte, war er verschwunden.

„Komm zurück!“, rief sie, und ihre Stimme hallte an den Wänden der Dorfkirche wider, die leer und verlassen war.

Als sie an sich herunterblickte, färbte sich ihr Brautkleid schwarz. Wieder schrie sie auf, doch nur ein misstönender Orgelakkord antwortete ihr, der wie eine Verhöhnung klang und ihren Kopf dröhnen ließ. Lena erwachte und fuhr im Bett auf. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und sie presste unwillkürlich beide Hände auf die Brust, als könnte sie es so zur Ruhe zwingen.

„Martin!“, flüsterte sie und dachte an den gefahrvollen Aufstieg, der heute vor dem Geliebten lag.

Vom unteren Stockwerk war ein lautes Poltern und keifende Stimmen zu hören. Ihr Stiefvater war zu später Stunde aus dem Wirtshaus heimgekommen, was nie ohne Gezänk vor sich ging. Dann kehrte wieder Ruhe im Haus ein, nur einmal noch unterbrochen von schleichenden Schritten zu der Kammer neben Lenas. Ihre Schwester war zu später Stunde heimgekehrt, und so schnell Liese auch sonst mit dem Wort war, so gut wusste sie zu verschweigen, was sie nachts umhertrieb.

Lena vermutete, dass sie ein Verhältnis hatte. Durch einen Zufall hatte sie entdeckt, dass ihre Schwester einen beträchtlichen Geldbetrag in ihrer Kammer aufbewahrte. Angesichts der Not, die im Haus herrschte, war es schon schlimm genug, dass sich Liese von ihren Eltern ernähren ließ. Noch mehr aber brachte es Lena auf, dass Liese diese Ersparnisse wohl kaum durch ihrer Hände Arbeit erworben haben konnte.

Doch Lena hatte sich vorgenommen, sich nicht mehr einzumischen, und bald schon würde dies alles hinter ihr liegen. Bei diesem Gedanken legte sich ihre innere Unrast. Im Morgengrauen sank sie noch einmal in einen tiefen, kurzen Schlaf, aus dem sie wenig erfrischt erwachte.

***

„Dann steigen wir also wieder zusammen hinauf, dieses Jahr! Das wird eine feine Gaudi!“

Dr. Lechner schlug Martin Berghofer herzhaft auf die Schulter, und dieser stimmte in das Lachen der kleinen Wandergruppe mit ein.

Wie jedes Jahr hatten sich Dr. Lechner und seine drei Freunde, die alle bedeutende Ämter in München bekleideten, zu einer ausgedehnten Bergtour zusammengefunden. Dem lebensfrohen Kleeblatt verschaffte dieser Abstecher aus einem fest gefügten Berufs- und Familienleben nicht nur Abstand und Erholung, sondern bestätigte auch ihre Freundschaft, in die allmählich auch Martin miteinbezogen worden war.

Martin freute sich schon immer auf das Zusammensein mit den vier Freunden, die im Unterschied zu manch anderen Städtern frei von Dünkel und Besserwisserei waren. Ganz selbstverständlich befolgten sie Martins Anweisungen – keiner von ihnen wäre darauf verfallen, die Erfahrung ihres Bergführers anzuzweifeln und sich und die anderen einem Risiko auszusetzen. Auf der ersten Wegstrecke unterhielt man sich; Neuigkeiten aus Beruf und Familie wurden ausgetauscht, und Martin wurde wegen seiner bevorstehenden Heirat aufgezogen.

„Du kommst also auch unters Ehejoch? Dahin, du köstliche Freiheit! Aber hoffentlich net auch die Bergsteigerei“, meinte einer der Freunde.

„So ist meine Lena net. Sie engt mich net ein. Und außerdem ist die Bergsteigerei mein Beruf“, gab Martin zur Antwort.

„Da hast du aber Glück! Und sakrisch verliebt bist du auch noch, das sieht ja ein Blinder.“

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