Logo weiterlesen.de
Bergkristall - Folge 253

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ach, wenn’s die Eifersucht nicht gäbe …
  4. Vorschau

Ach, wenn’s die Eifersucht nicht gäbe …

Packender Roman um Liebesglück und Liebesleid

Von Tobias Staudner

Gerade drei Tage ist der Förster Hias Berger zur letzten Ruhe gebettet, da weiß schon ganz Raming, wer die Nachfolge im Wald der reichen Öhlers antritt.

„Michael Zauner heißt er, und er ist net von hier“, berichtet der Kaufmann der jungen Monika Kirchtaler. „Angeblich ist er auf eine Anzeige hin in unser Tal gekommen. Recht nett soll er sein … und sehr fesch!“

Kein Wunder, dass Monikas Neugier erwacht. Ihr Herz schlägt schneller, als sie den Mann zum ersten Mal sieht.

Als kurz darauf seltsame Gerüchte über Michael in Umlauf kommen und eine junge Städterin Martin auffällig oft Besuche abstattet, ist es zu spät: Monika hat längst ihr Herz an den Fremden verloren …

Über Raming lagen noch die Morgennebel und verhüllten die Bergspitzen, als Schreie durch das stille Bergdorf gellten. Monika Kirchtaler und ihre Eltern waren gerade aufgestanden, um rechtzeitig mit der Arbeit auf ihrem Hof zu beginnen.

„Das kommt von drüben, vom Wald!“, rief Hermann Kirchtaler erschrocken. „Vom Haus des Berger-Hias!“

„Da ist was geschehen!“

Anna Kirchtaler zog schnell eine Strickjacke über und folgte ihrer Tochter und ihrem Mann, die bereits vorausliefen.

Monika war schneller als ihre Eltern, und doch wurde sie von ihren Nachbarn überholt. Vater und Sohn Öhler hatten aber auch einen besonderen Grund, sich zu beeilen. Die Schreie kamen aus dem Haus ihres Försters, der schon seit vielen Jahren für sie arbeitete.

Georg Öhler hatte sich trotz des kühlen Sommermorgens nicht einmal die Zeit genommen, ein Hemd anzuziehen. Er rannte, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her, und stieß als erster die Haustür des Försters auf.

Drinnen verstummten die Schreie einer Frau. Danach verschwand Vater Norbert Öhler im Haus. Monika Kirchtaler folgte dem Waldbesitzer und seinem Sohn. Sie war schon ein paarmal im Haus von Hias Berger, dem Förster der Öhlers, gewesen. Schluchzen drang aus dem Wohnzimmer, und als Monika in die offene Tür trat, stockte ihr für einen Moment der Atem.

Hias Berger lag reglos auf dem Holzfußboden. Er trug eine lederne Kniebundhose, grüne Stutzen und Wanderschuhe und dazu ein kariertes Hemd und seine grüne Lodenjacke – die Bekleidung, mit der er stets zur Arbeit gegangen war.

In wenigen Tagen hätte er seinen fünfzigsten Geburtstag feiern sollen. Doch Hias Berger würde nie wieder zur Arbeit gehen und auch seinen Geburtstag nicht feiern. Seine Augen standen weit offen und blickten starr zur Zimmerdecke. Georg Öhler kauerte neben dem Toten und streckte eben die Hand aus, um ihm die Augen zu schließen.

„Net“, warnte sein Vater. „Lass ihn, wie er ist. Erst muss ihn der Doktor anschauen, ob er eines natürlichen Todes gestorben ist. Da darfst du nix verändern.“

Georg Öhler nickte, hob den Kopf und richtete den Blick seiner dunklen Augen auf Monika. Die schwarzen Haare hingen ihm zerzaust in die Stirn, auf der vom schnellen Laufen Schweiß stand. Auch seine breiten Schultern und die nackte Brust waren schweißbedeckt.

Monika richtete rasch den Blick auf den Herrgottswinkel. Wenn sie sich nicht sehr täuschte, hatte sie in Georg Öhlers Augen nämlich weder Trauer noch Betroffenheit über den Tod des Försters gesehen, sondern offenes Begehren.

Der junge Öhler war dafür bekannt, dass er hinter jedem feschen Mädchen her war, und es überraschte Monika nicht, dass er sich für sie interessierte. Aber in diesem Moment, mit einem Toten im Zimmer, war das mehr als unpassend.

Doch dann sah sie noch einmal zu ihm hin. Georg Öhler war aufgestanden, stützte die Hände in die schmalen Hüften und schüttelte bedauernd den Kopf.

„Er war ein tüchtiger und anständiger Mann“, sagte er betrübt. „Und alt war er auch noch net. Tragisch.“

Monika fragte sich allen Ernstes, ob sie sich vielleicht etwas eingebildet hatte. Immerhin war der Anblick des Toten ein Schock gewesen, und möglicherweise hatte sie Georgs Gesichtsausdruck falsch gedeutet.

„Einen furchtbaren Streit hat er gestern Abend gehabt“, schluchzte eine Frau.

Erst jetzt dachte Monika wieder daran, dass sie alle von den Schreien einer Frau alarmiert worden waren. Sie trat einen Schritt weiter in das Zimmer und entdeckte Ria Maier.

Ria, vierzig und ledig, arbeitete im Gasthof als Hausmädchen, brachte die Zimmer in Ordnung und half im Schankraum. Sie hatte auch den unverheirateten Hias Berger versorgt und ihm auf Wunsch Frühstück gemacht oder Essen aus dem Gasthof gebracht.

Ria wischte sich mit einem karierten Taschentuch die Tränen weg.

„Gestern Abend, so gegen zehn, bin ich hier am Haus vorbeigekommen und hab gehört, dass er sich mit jemandem gestritten hat. Ganz aufgeregt geschrien hat er.“

„Und mit wem?“, fragte Norbert Öhler düster.

Ria sah den Waldbesitzer ratlos an.

„Das hab ich net gehört“, antwortete sie. „Der andere Mann hat net so laut geredet wie der Hias.“

„Und einen Namen hat er auch net gerufen, der Hias?“, vergewisserte sich Georg Öhler.

Ria schüttelte den Kopf. „Er hat was von Lumperei und Sauerei geschrien, aber mehr konnte ich net verstehen. Und es hat mich auch net interessiert. Ich bin weitergegangen. Aber wahrscheinlich hat er sich da so aufgeregt, dass er hinterher tot umgefallen ist.“

„Kann schon sein.“ Norbert Öhler betrachtete genau seinen Förster. „Er hat noch die Sachen an, mit denen er allweil durch den Wald gegangen ist. Es schaut so aus, als wäre er abends von einem Rundgang heimgekommen, hätte sich mit jemandem gestritten und wäre gestorben, bevor er sich ausziehen konnte.“

Monika wandte den Blick nicht von dem Toten ab. Raming war ein kleines Bergdorf nahe der Grenze zu Österreich. Hier kannte jeder jeden, und Hias Berger gehörte seit ihrer Geburt zu ihrem Leben.

„Komm, das ist kein Anblick für dich“, sagte Georg und stand auf einmal neben ihr, legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie hinaus.

Eigentlich war es nur eine fürsorgliche Geste des Nachbarn, aber es gefiel Monika nicht, wie Georg sie an seinen nackten Oberkörper drückte, und seine Hand hätte er auch auf ihrer Taille lassen können, anstatt sie höher zu schieben. Doch angesichts des Toten wollte sie keinen Ärger machen.

Vor dem Haus löste sie sich sofort von ihm.

„Danke, ich geh mit den Eltern heim“, sagte sie zu Georg und deutete zu der Straße. „Da kommt ja schon der Dr. Gimpfinger.“

Während der Arzt vorfuhr, schloss Monika sich ihren Eltern an und ging zurück zum Kirchtaler-Hof. Dabei berichtete sie, was sie drinnen im Haus gesehen und gehört hatte.

„Noch net einmal fünfzig und schon tot“, meinte Monikas Vater bedrückt, als sie den Hof erreichten. „Da sieht man wieder, wie schnell es gehen kann.“

„Ja, sehr schnell“, sagte seine Frau seufzend. „Ich bin neugierig, wen die Öhlers jetzt als neuen Förster einstellen. Hier in Raming wüsste ich keinen.“

„Das soll net unsere Sorge sein“, stellte Monika fest und versuchte, den Anblick des toten Hias Berger und dieser starren, leblosen Augen zu vergessen.

Es gelang ihr jedoch nicht.

***

Eine Woche später wussten alle in Raming, wer die Nachfolge vom Hias antrat, den sie vor drei Tagen zu Grabe getragen hatten. Dr. Gimpfinger hatte bestätigt, dass der Förster an einem Herzinfarkt gestorben war, und nun sprach sich auch herum, dass Hias bereits länger mit dem Herzen zu tun gehabt hatte.

„Der neue Förster heißt Michael Zauner“, berichtete die Ria vom Gasthof Stangl, als Monika sie beim Kaufmann traf.

„Er ist net von hier“, fügte der Kaufmann hinzu.

„Eine Anzeige hat er in die Zeitung gesetzt, der Öhler“, fuhr Ria fort. „Und dieser Zauner-Michael hat sich gemeldet. Soll ein recht netter junger Mann sein, hab ich gehört. Gesehen hab ich ihn noch net.“

„Wieso net?“, fragte der Kaufmann. „Er wohnt doch wieder im Haus vom Hias, das den Öhlers gehört. Ist er verheiratet?“

„Er wohnt dort, und er ist net verheiratet“, erwiderte Ria. „Aber ich war noch net dort. Ehrlich gesagt, seit ich den Hias tot am Boden gefunden hab, graust es mir sehr vor dem Haus.“

Monika erledigte ihre Einkäufe und kümmerte sich nicht weiter um das Gespräch. Sie hörte erst wieder zu, als sie etwas aufschnappte, das sie interessierte.

„Ein paarmal hat der Hias das gesagt“, beteuerte Ria. „Es geht in den Wäldern der Öhlers net alles mit rechten Dingen zu.“

„Das hat er zu mir auch gesagt“, bestätigte die Stangl-Wirtin, die vor einer Minute in den Laden gekommen war. „Aber er wollte sich net klarer ausdrücken. Er hat nur gesagt, dass er einer Sache auf der Spur ist.“

Der Kaufmann tippte die Preise für Monikas Einkäufe in die Kasse.

„Und was sagen die Öhlers dazu?“, erkundigte er sich. „Hat jemand die gefragt, ob sie wissen, was der Hias gemeint hat?“

„Ich hab sie nach dem Begräbnis vom Hias gefragt“, erwiderte Ria. „Aber sie haben nur mit den Schultern gezuckt. Und sie haben gemeint, dass der Hias auch bei ihnen solche Andeutungen gemacht hat, aber er hat sich net genauer ausgedrückt.“

„Ich hab den neuen Förster vorhin auf der Straße gesehen“, berichtete die Stangl-Wirtin. „Ein fescher Bursch. Ein sehr fescher Bursch. Und freundlich gegrüßt hat er. Aber geredet hat er net mit mir.“

„Er ist halt noch neu in Raming“, meinte der Kaufmann und kassierte bei Monika, die bezahlte und rasch ging.

Sie hatte sich ohnedies schon lange im Laden aufgehalten, und die Mutter wartete daheim auf die Einkäufe.

Der Kirchtaler-Hof lag ein kleines Stück außerhalb von Raming neben dem Haus der Öhlers und zwei anderen Häusern. Monika hatte noch nicht den Ortsrand erreicht, als hinter ihr jemand „Grüß Gott!“ sagte.

Sie wandte den Kopf und erwiderte den Gruß. Das musste der neue Förster sein, dieser Michael Zauner. Er war nämlich gekleidet wie Hias Berger, ungefähr in ihrem Alter, mit dichten braunen Haaren und Augen so blau, wie Monika es noch nie gesehen hatte.

„Ich bin neu hier“, fuhr er fort und betrachtete sie lächelnd. Einen Moment ruhte sein Blick auf ihren rotbraunen Haaren, ehe er ihr in die braunen Augen sah. „Ich bin der Zauner-Michael, der Förster. Und ich denke, wir sind Nachbarn.“

Monika deutete zum Kirchtaler-Hof, der ein gutes Stück geradeaus vor ihnen lag, und danach zum Haus des Försters drüben am Waldrand.

„Ja, so könnte man sagen“, bestätigte sie und nannte ihren Namen. „Du wirst dich in Raming bald wie daheim fühlen. Die Leute sind nett und umgänglich.“

„Das hab ich schon bemerkt“, bestätigte er und streckte ihr die Hand entgegen. „Gib mir die eine Tasche. Ich trag sie dir zu eurem Hof. Ihr wohnt neben den Öhlers?“, fragte er, während er ihr die größere und schwerere Einkaufstasche abnahm. „Das sind nette Leute. Sie waren sehr freundlich zu mir, als ich mich auf die Anzeige hin gemeldet hab. Und sie haben gar net viele Fragen gestellt, sondern haben mich gleich genommen.“

Monika fand ihn sehr sympathisch und lächelte ihn an.

„Gehst du oft im Wald spazieren?“, fragte Michael, als sie sich schon dem Kirchtaler-Hof näherten.

„Ich geh gern, aber nur selten spazieren“, erwiderte sie. „Auf einem Hof reißt die Arbeit nun einmal net ab.“

Er nickte verständnisvoll.

„Schade, sonst hätten wir uns sicher öfter im Wald gesehen. Ich werde sehr viel unterwegs sein.“

„Ja, freilich.“ Sie blieb vor ihrer Haustür stehen. „Was sollst du auch sonst machen als Förster?“

Er reichte ihr die Einkaufstasche.

„Das stimmt schon“, bestätigte er und betrachtete sie lächelnd. „Aber ich werde auch unterwegs sein, weil ich eine Goldmine suche.“

„Monika, bist du das?“, rief die Mutter aus der Küche.

„Ja, Mama, ich komme schon.“ Monika wandte sich noch einmal an Michael Zauner. „Ich dank dir schön für deine Hilfe. Und ich wünsche dir eine schöne Zeit in Raming.“

Damit ließ sie ihn vor dem Haus stehen und ging hinein.

„Wer war das denn?“, fragte ihre Mutter, als sie die Einkäufe auf dem Küchentisch abstellte.

„Michael Zauner heißt er und ist der neue Förster der Öhlers.“

Durch das Küchenfenster sah sie Michael auf dem Weg, der über die Wiesen zum Haus des Försters führte. Vor einer guten Woche war sie morgens hinübergelaufen und hatte den Hias tot vorgefunden. Sie fröstelte.

„Schaut nett aus“, stellte Anna Kirchtaler bei einem kurzen Blick aus dem Fenster fest. Michael Zauner drehte sich gerade noch einmal um, sodass sie auch sein Gesicht sehen konnte. „Er ist von auswärts?“

„Ja, und er hat sich auf eine Anzeige in der Zeitung gemeldet.“ Monika runzelte die Stirn, als sie sich daran erinnerte, wonach er suchte. „Mama, hast du schon einmal was davon gehört, dass es in unserer Gegend eine Goldmine gibt?“

„Goldmine?“, fragte ihre Mutter überrascht. „Nein, ganz gewiss net. Wie kommst du darauf?“

„Ach, net wichtig“, wehrte Monika ab, weil sie nun überzeugt war, sich verhört zu haben.

Doch in den nächsten Tagen erhielt Monika die Bestätigung, dass sie sich nicht verhört hatte. Die Dörfler redeten über den neuen Förster, schüttelten die Köpfe und lachten.

„Der spinnt“, fasste der Stangl-Wirt die allgemeine Meinung zusammen. „Bei uns hat es nie eine Goldmine gegeben, und er wird auch keine finden. Gold in Raming! So ein Schmarrn!“

Es war Sonntag, und Monika war mit ihren Eltern zum Essen in den Gasthof gegangen, damit sie zu Hause keine Arbeit hatten. Ab und zu leisteten sie sich diesen Luxus. Auch die meisten anderen Gäste waren zum Essen hier. Nur wenige Männer am Stammtisch hatten lediglich Biergläser vor sich stehen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bergkristall - Folge 253" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen