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Bergkristall - Folge 301

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Eifersucht, die sie verzehrte
  4. Vorschau

Eifersucht, die sie verzehrte

Als ein Madel nicht an sein Glück glauben wollte

Von Toni Eibner

Vor der hektischen Geschäftigkeit der Großstadt ist der Maler Rudolf Ambach ins idyllische Hintertal geflohen, wo er endlich wieder in Ruhe arbeiten kann. Er findet dort wunderbare Motive, und vor allem ein Madel hat es ihm angetan, das er gern als Modell gewinnen würde: Die Winzerstochter Helga, ein bildsauberes, natürliches Geschöpf.

Rudolfs Freundin Martina glaubt schon sehr bald, dass ihr in Helga eine Rivalin erwächst; sie deutet das Leuchten, das in Rudolfs Augen steht, wenn er das Madel sieht, als aufkeimende Liebe. Aus Eifersucht fasst sie einen hinterhältigen Plan, und Helga geht arglos darauf ein …

Lustig ging’s zu beim Kirchenwirt in Hintertal. An die dreißig gestandenen Mannsbilder hockten an den Tischen, die Hüte ins Genick geschoben, die Ellbogen breit aufgestützt. Nur wenn einer wieder einen gepfefferten Witz erzählte, wurde es still, doch dafür brach nachher tosendes Gelächter aus.

Drei Weibsbilder hatten sich ebenfalls in die Höhle des Löwen gewagt. Die Kramerin schien alles sehr zu genießen; das Fräulein Lehrerin ließ sich alles Zweideutige vom Oberlehrer Gerhard Sommberger erklären; und die Berta vom Singer-Bauern zählte überhaupt nicht, weil sie die ganze Zeit über mit dem Toni verliebt flüsterte und sonst nichts mitbekam.

Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich, bis der Sindheringer-Max zum Ecktisch hinschrie: „Wem von euch soll ich eine Maß Bier zahlen? Ihr schaut schon so vertrocknet aus wie eure Weintrauben im November!“

Alle lachten, nur nicht die zwölf Weinbauern, die am Ecktisch saßen. Eigentlich galten auch die nicht als Spaßverderber, aber den Körndlbauern waren sie nicht ganz grün. Gerade, weil sie es nicht leicht hatten, aus ihren Reben alle Jahre einen guten Tropfen zu gewinnen, wurden sie so empfindlich, wenn sie einer der reichen Bauern aus dem Tal wie Bettelleute hinstellte.

Für gewöhnlich galt der Mooser-Franz als ein friedfertiger, vernünftiger Mann, der mit seinen fünfundvierzig Jahren schon aus der ersten Hitze heraußen war, aber ausgerechnet an diesem Abend schrie er recht herausfordernd zurück.

„Net den Mund so voll nehmen, Max! Ihr im Tal könnt leicht lachen, denn ihr macht so viel Mist, dass euer Korn schon von allein wächst! Tät euer Kunstdünger leuchten, so könntet ihr euch in den Scheunen die Laternen sparen!“ Und der Kellnerin rief er zu: „Gerti, bring mir eine Maß! Noch besser: Für jeden Weinbauern an meinem Tisch einen Liter!“

Damit wollte er zeigen, dass er noch lang nicht jeden Euro zwölfmal umdrehen musste, ehe er ihn ausgeben konnte.

Die Körndlbauern waren verblüfft, bis der Sindheringer-Max zurückrief: „Leut, da seht ihr es wieder: Akkurat unsere Weinbauern trinken nur Bier und keinen Wein. Die wissen halt, was sie alles zusammenpanschen: mehr Wasser als Traubensaft!“

Jetzt wurde es langsam kritisch, denn in diesem Punkt waren die Winzer sehr schnell in ihrer Ehre gekränkt. Gerade noch im letzten Augenblick kam die Gerti mit den gefüllten Maßkrügen, und für kurze Zeit verstummte der Streit.

Der Mooser-Franz betrachtete das stramme Frauenzimmer voller Bewunderung.

„Alle Achtung, Dirndl, du packst viel auf einmal! So eine Magd tät ich für meinen Weingarten brauchen!“

Lachend riet ihm der Max: „Franz, im Weingarten schafft die überhaupt nix. Schau genau hin, die stellt sieben Bierkrüge mühelos auf ihren mächtigen Vorbau, aber bei euch Weinbauern müsste sie den Korb auf dem Rücken tragen, und von einem Buckel seh ich nix.“

Wieder gab es Gelächter, doch die Kellnerin nahm es niemandem krumm.

Jeder der Männer leerte seinen Krug in einem Zug, wofür die anderen sie bewunderten. Genau das passte dem Max überhaupt nicht, weshalb er wieder anfing.

„Franz, du solltest deinen Leuten im Spätherbst weniger von deinem sauren Wein und mehr Bier zu trinken geben. Sie schauen ohnehin schon runzelig aus wie Weintrauben bei der Spätlese!“

Es wurde plötzlich ganz still in der Schankstube, denn der Mooser-Franz stand langsam auf. Gerade weil er für gewöhnlich kein Raufhansl war, musste man das Ärgste befürchten.

An seinen großen Fäusten traten die Adern hervor, und er fragte gefährlich leise: „Wen meinst du damit, du Schandmaul? Meine vier Dienstleut doch nicht, denn die sind blutjung. Auch nicht meine Tochter, die Helga, die ist das sauberste Dirndl im ganzen Tal. Ich fühl mich net betroffen, denn mir machen ein paar Runzeln mehr oder weniger im Gesicht nix aus. Wenn du dich aber über meine Frau lustig machst, so kann ich dir nur sagen: Die hat im Leben schon viel Schweres durchgemacht, ein Kind auf den Friedhof getragen, bei Wind und Wetter gearbeitet und manchen Rebstock über Nacht erfrieren gesehen. Alsdann, Sindheringer: Ein schlechtes Wörtl über meine Grete, und ich schlag …“

Noch im letzten Augenblick besann sich der Bürgermeister Strasser seiner Pflichten, sprang auf und hob beschwörend die Arme.

„Leut!“, schrie er in den aufbrandenden Lärm. „Bitte, seid doch ruhig … Ruhe, bitte! Das Maul sollt ihr halten!“ Diese Aufforderung wirkte, und Strasser fuhr fort: „Ich bin der Bürgermeister von allen Einwohnern in Hintertal, und ich sag’s ganz ehrlich: Alle Hochachtung vor den tüchtigen Körndlbauern im Tal. Heutzutag sterben anderswo die Höfe wie Fliegen im November, an manchen Orten schon jeder zweite. Aber in Hintertal haben wir nur tüchtige Bauern, die seit Generationen ihre Höfe mit Geschick und Fleiß führen. Das gilt auch für die Weinbauern, und deshalb habt ihr keinen Grund, euch gegenseitig anzufeinden …“

„Schluss mit der Rede!“, verlangte der Schmied, und der Sindheringer-Max stimmte ihm zu. „Hock dich wieder nieder, Bürgermeister! Die nächste Wahl ist erst im Herbst, und wer dich kennt, wählt dich ohnehin wieder. Ist halt kein Gescheiterer da!“

Gegen solche Missachtung wollte nun der Strasser-Friedl protestieren, aber da sprang der Max auf und schob ihn einfach zur Seite. Mit einem großen Schritt war er beim Tisch der Weinbauern, die unwillkürlich ihre Fäuste ballten.

„Mooser, sei mir nicht bös“, bat der Max aber völlig unerwartet. „Du weißt, dass es zwischen euch und uns allerweil ein Gehackel gibt, aber beleidigen hab ich weder dich noch jemanden von deinen Leuten wollen. Vor deiner Frau haben wir alle große Hochachtung, und deine Helga ist so bildsauber, dass sie sogar für einen Körndlbauern gut genug wär!“

„Tät euch so passen!“, grollte der Mooser-Bauer noch, aber er war nicht mehr wirklich zornig.

Das bedeutete allerdings noch lange nicht Frieden, denn wenn es um die Dirndl ging, herrschte zwischen den Winzern und den Bauern erbitterte Feindschaft. Selten durfte eine Winzerstochter ins Tal hinunterheiraten, und zu ihnen hinauf zog ohnehin keine Braut. Denn eines war ganz klar: Im Dorf gab es viel mehr Möglichkeiten, die Arbeit wurde zum Großteil mit Maschinen erledigt, und die größeren Bauern wurden von Jahr zu Jahr reicher.

Bevor die Streiterei von Neuem losbrach, rief der Förster Michael Strobl: „Leut, ich kann euch auch was Interessantes erzählen. Also, gestern hab ich einen Vertrag abgeschlossen und das kleine Jägerhäusl an einen Städter verkauft. Ihr wisst ja, seit es in Hintertal keinen Gemeindejäger mehr gibt, steht es leer. Also, da spricht mich doch vorgestern eine junge Dame an …“

Gelächter brach los, und während der nächsten fünf Minuten ergoss sich gutmütiger Spott über den Förster, der mit seinen sechzig Jahren aber über jeden Verdacht erhaben war.

Der Sindheringer-Max schrie am lautesten: „Dann hast dir also ins Jägerhäusl eine Dirn als Verjüngungskur einquartiert! Michael, das hätt ich aber net von dir gedacht! Was sagt denn dein Weib dazu?“

Alle johlten, aber der Förster enttäuschte die Dorfleut.

„Die Dame aus der Stadt hat mein Jägerhäusl im Namen eines Malers gekauft. Rudolf Ambach heißt er und soll recht erfolgreich sein. Er will sich in der Natur Anregungen holen …“

Gleich setzte das Flachsen wieder ein. Am Tisch der Weinbauern stand der Mooser-Franz auf und zahlte beim Huber-Wirt die Zeche. Im Hinausgehen drückte er der Gerti noch einen Euro als Trinkgeld in die Hand, wofür sie ihn sonnig anstrahlte.

„Pfüat euch alle miteinander!“, rief er noch, bevor er die Schankstube verließ.

Er hatte eine halbe, Stunde Heimweg vor sich und hielt den Verkauf des Jägerhäusls nicht für eine so interessante Neuigkeit, dass er deswegen noch geblieben wäre. Er ahnte noch nicht, dass der Maler Rudolf Ambach viel Unruhe in sein Leben und das seiner Familie bringen würde!

***

„Ich hab dich wirklich lieb“, beteuerte die Mooser-Helga, doch gleichzeitig schob sie den Hannes ein Stückerl von sich fort. „Musst du mich denn allerweil so festhalten?“

Der junge Bauer machte ein unglückliches Gesicht, wie wenn sie ihm das Leben abschneiden wollte.

„Ein bisserl zärtlicher halten werd ich dich doch dürfen, wo ich dich doch so lieb hab! Das muss ich dir doch zeigen, und …“

„Kannst es auch sagen!“ An diesem Abend war die Helga nicht zu Zärtlichkeiten aufgelegt. „Komm, setzen wir uns aufs Marienbankerl. Von da hat man einen weiten Blick übers Tal.“

Zwar setzte sich der Hannes neben Helga auf das Marienbankerl, aber er rückte ihr nicht mehr zu nahe.

„Man sieht weit übers Tal, und vom Dorf herauf kann man gewiss auch alles erkennen, was hier droben vor sich geht. Nicht nur mein Vater hat ein Jagdglas!“

Ungerührt lächelte sie und nickte.

„Gelt, Hannes, jetzt verstehst du, warum ich net will, dass du allzu zärtlich wirst!“

Dennoch warf sie ihm einen verliebten Blick zu, und Hannes flüsterte, wie wenn man sie im Tal hören könnte: „Du musst doch wissen, was du für mich bist! Unsere Liebe …“

Mit seinen zärtlichen Worten hatte er sie an genau das erinnert, was sie am liebsten vergessen hätte.

Jetzt fiel sie dem Burschen ins Wort: „Unsere Liebe führt in kein Glück, Hannes. Viel eher verrennen wir uns in eine Sackgasse, in der es zuletzt nur Verzweiflung gibt. Der Vater hat heute wieder einmal mit mir geredet.“

Somit war es heraußen, und Hannes’ Miene verfinsterte sich prompt.

„Kann er denn keinen Frieden geben, der alte Dickschädel? Wir sind schließlich nicht weniger tüchtig als ihr, und der Hof im Tal ist noch allerweil mehr wert als der schönste Weingarten am Hang!“

„Hannes!“, flehte das Madel. „Müssen wir zwei auch noch streiten? Wenigstens uns sollte die Liebe gescheiter machen. Wenn’s dich freut, so geb ich es gern zu: Euer Hof ist ein Musterbetrieb. Aber uns trennt gar nicht das Geld, sondern die alte Feindseligkeit zwischen euch Körndlbauern und uns Weinbauern. Dumm ist’s, aber wohl net zu ändern. Weißt du noch, wie im vorigen Herbst ein Winzer die Tochter vom Bürgermeister geheiratet hat? In der Kirche haben selbst die ärgsten Raufhansl Ruhe gegeben, aber nachher ist bei der pfundigen Rauferei die halbe Einrichtung vom ‚Bären‘ in Trümmer gegangen. Dabei hat der Sindheringer-Max zwei Zähne verloren und redet nur noch von Blutrache: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Grad grausen könnt einem vor so viel Dummheit, denn mehr hat er aus der Bibel nicht gelernt!“

„Busserl um Busserl“, lenkte der Erlau-Hannes das Gespräch wieder in angenehmere Bahnen und setzte seine Worte auch gleich in die Tat um.

Der Widerstand der Winzerstochter schmolz zusammen wie Märzenschnee in der Sonne, und Hannes wurde mutiger. Er liebkoste ihre Wangen, die Lippen, den Hals …

„Na, na!“, rief Helga plötzlich ganz nüchtern. „Wenn man einem Mannsbild den kleinen Finger lässt, will es gleich noch mehr!“

„Am liebsten alles!“, murmelte Hannes mit glänzenden Augen.

Sie aber blieb dabei. „Im Leben muss alles seine Ordnung haben. Net einmal ihr Körndlbauern wollt vor der Aussaat ernten. Bei mir kommt erst das Busserl, dann die Verliebtheit. Daraus wird Liebe, und dazu gehört der Treueschwur. Der Weg in die Brautkammer führt allerweil noch über den Traualtar – hast du mich verstanden?“

Darüber zankten sie sich schon seit zwei Monaten, aber die Helga blieb eisern.

Es half dem Hannes nicht viel, dass er meinte: „Ein Mann ist halt net aus Holz, und wenn er ein Dirndl lieb hat, kriegt er eben Sehnsucht!“

„Meinst du, ich nicht?“ Nach diesem Geständnis stand sie vom Marienbankerl auf und machte ein paar Schritte zu dem Geländer hin, das den Weg gegen einen recht steilen Absturz sicherte. „Wichtig ist nur, dass man den Halt nicht verliert.“

Diesmal war der Hannes so mutig, dass er das Dirndl zärtlich von hinten herumfing und flachste: „Ich halt dich nur, damit du mir net in die Schlucht stürzt! Aber eines sag ich dir: Ewig kann ich auch nicht auf dich warten. Da müsst ich mich schon zwischendurch mit einer jungen Magd trösten. Die anderen Dirndl sind nämlich net halb so zimperlich wie du, machen einfach jede Gaudi mit!“

„Weh dir!“ Helga funkelte ihn an, wie wenn sie ihn umbringen wollte. Dann zwang sie sich ein Lächeln ab und sagte: „Aus Wut auf dich könnt ich das auch! Übrigens: Ist der Maler aus der Stadt schon ins Jägerhäusl eingezogen?“

Der Hieb hatte gesessen, denn auf diesen Rudolf Ambach war der Hannes schon eifersüchtig gewesen, bevor ihn die Helga noch zum ersten Mal gesehen hatte: Ein Mann in reiferen Jahren, mit einer weichen, samtigen Stimme, großen, verträumten Augen und einem schön geschnittenen Mund. Und reden konnte der Stadtmensch!

In plötzlicher Wut fuhr der Hannes die Helga an: „Lass dich nur net aufhalten! Aber bei dem Malerpatzer wirst du dich anstellen müssen, denn auf ihn lauern schon die meisten Weiberleut von Hintertal. Wenn du ihn kriegen willst …“

„Dich will ich kriegen!“, unterbrach Helga ihn lächelnd. „Nur dich, fürs ganze Leben! Du musst mich allerweil festhalten, lieb haben und gut zu mir sein, dann ist mir ein Fremder aus der Stadt keinen Blick wert!“

Er legte die Arme um sie und gab ihr einen zärtlichen Kuss, und auch als er dabei ein bisserl frecher wurde, drängte sie ihn nicht von sich.

Mit seligem Lächeln überließ sie sich eine Weile seinen Zärtlichkeiten, doch dann meinte sie plötzlich energisch: „Hannes, wir dürfen vor den dickschädlerten Alten net so schnell aufgeben. Sagen wir es ihnen, dass wir einander lieb haben und heiraten wollen! Wenn sie uns Prügel in den Weg werfen, packen wir unser Zeug und gehen. Arbeit finden wir überall …“

„Willst du etwa für einen fremden Bauern die Magd spielen? Ich arbeit mir daheim einen Buckel an, aber das tu ich für den elterlichen Hof, und da bin ich noch lang kein Knecht!“

Doch Helga beruhigte ihn.

„Wir sagen, dass wir sonst davonrennen. Tun müssen wir es deswegen noch lang nicht, denn die Eltern lassen uns bestimmt nicht fort. Die meinen haben aus einem kleinen Weingartl ein prächtiges Weingut gemacht, und die deinen haben im Tal einen der ...

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