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Berenike - Kleopatras Tochter

INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. PROLOG
  9. VORSPIEL
  10. I. ÄGYPTEN
  11. NIEMAND
  12. DER AUFBRUCH
  13. IM TEMPEL DER SACHMET
  14. MEMPHIS
  15. DER TRAUM
  16. DIE NIEDERLAGE
  17. ALEXANDRIA
  18. ENDZEIT
  19. DER ABSCHIED
  20. DIE FLUCHT
  21. PRIESTERIN DER SACHMET
  22. IMUTHEPS SCHATTEN
  23. NEFERTARI
  24. SACHMET, DIE SCHÜTZENDE
  25. DER SIEGER
  26. PTAHS OBERPRIESTER, DER PROPHET DES PHARAOS
  27. II. ROMA AETERNA
  28. DIE VILLA AM ALBANERSEE
  29. DIE GESCHWISTEr
  30. PARCERE SUBIECTIS …
  31. DER SPRUNG IN DIE TIEFE
  32. TRIUMPHUS
  33. MERIT
  34. MATER OCTAVIA
  35. DER EMPFANG
  36. REGEN
  37. DIE WÖLFIN
  38. DAS ORAKEL
  39. HERRIN DER KATZEN
  40. MARCUS DAS WALDTIER
  41. MARCELLUS
  42. DAS HAUS DER VORFAHREN
  43. DIE MACHT DER LIEBE
  44. DER FALKE AM HIMMEL
  45. DIE KRANKE
  46. DER DELICATUS
  47. VERGILIUS
  48. DIE MÜTTER
  49. AGRIPPAS SCHMACH
  50. DIE NEUE ÄRA
  51. DER PRINCEPS
  52. DAS NEUE LEBEN
  53. SYRACUSANUM
  54. DER MONAT DES AUGUSTUS
  55. DAS GEWITTER
  56. DAS VERMÄCHTNIS DER CLAUDII
  57. DIE TRENNUNG
  58. DER GESANDTE
  59. TARRACO
  60. MEA LIVIA
  61. HEIMWEH
  62. SCHATTEN DER VERGANGENHEIT
  63. STREITGESPRÄCHE
  64. DIE KESSENTANERIN
  65. DER FEHLER
  66. DIE TOCHTER DES PRINCEPS
  67. WIEDERSEHEN
  68. DIE KRANKHEIT
  69. DIE RACHE DER GÖTTER
  70. FEIERN IN CARINAE
  71. ER
  72. DIE ENTSCHEIDUNG
  73. DIE GROTTE
  74. FELSENSCHLUND
  75. ROMULUS UND REMUS
  76. MEA OCTAVIA
  77. DER ABSCHIED
  78. III. DAS WILDE GALLIEN
  79. MASSILIA
  80. GALLIEN
  81. CENTILLA
  82. DIE MÄDCHEN AUS DEM SID
  83. BRIIDURUM
  84. GALLISCHER FRÜHLING
  85. DER KATZENTEMPEL
  86. LUGS ZEICHEN
  87. DIE SPHINX AUS ALABASTER
  88. ABSCHIED VON CENTILLA
  89. DUMNOITS TOCHTER
  90. BAILES FAMILIE
  91. DER BESUCH
  92. DAS OPFER
  93. DER GAST AUS GERMANIEN
  94. BITURIX
  95. DAS FEUER
  96. DIE VERLASSENEN
  97. DIE VERSCHWUNDENEN
  98. DIE VERSCHWÖRUNG
  99. DER FLUG DER ROTEN FALKEN
  100. DIE BOTSCHAFT
  101. DER WEG NACH ALESIA
  102. NACHWORT DER AUTORIN

Über dieses Buch

Aus dem Land der Sonne in das feindliche Rom – ein Frauenschicksal im Alten Ägypten. Berenike, Tochter von Kleopatra und Julius Cäsar, war Priesterin in Memphis und den Prunk des Hofes gewöhnt. Als Ägypten in die Hand der Römer fällt, muss sie inmitten ihrer Feinde ein neues Leben beginnen. Doch die kluge, schöne Prinzessin ist stark und scheut keine Gefahr. Schon bald wird sie in Rom wegen ihrer Heilkunde geschätzt. Aber ihre heimliche Verbindung zu Kaiser Augustus könnte ihr ebenso zum Verhängnis werden wie die Intrigen im Palatin …

Über die Autorin

Maria Regina Kaiser studierte Alte Geschichte, Hispanistik und Klassische Archäologie. Am Schreiben hatte sie schon immer Freude. Sie hat zahlreiche Bücher über große Persönlichkeiten der Geschichte verfasst, darunter »Arsinoë, Königin von Ägypten«. Für ihren Roman »Xanthippe« erhielt sie 1993 das Märkische Stipendium für Literatur.

Maria Regina Kaiser

Berenike

Kleopatras Tochter

Historischer Roman

Für Elke, Simone
und Britta in Verbundenheit
für immer

Odi et amo,

quare id faciam, fortasse requiris.

Nescio, sed fieri sentio

et excrucior.

Valerius Catullus

Ich hasse und liebe,

warum ich das tue, fragst du vielleicht.

Ich weiß es nicht, aber dass es geschieht,

fühl ich und quäle mich.

PROLOG

Ein halbes Kind noch, zwölf Jahre alt, lag ich im Schlamm vor der Tribüne, auf der Gaius Julius Caesar die Unterwerfung des Stammes der aufständischen Bituriger entgegennahm. Der Regen trommelte auf unsere elenden Gestalten; nur noch Fetzen hingen an den halb verhungerten Körpern. Ich gehörte allerdings zu denen, die wohlgenährt waren. Mein Vater und meine älteren Brüder hatten mich gefüttert mit erlesener Nahrung, von der auch sie selbst gegessen hatten. Tagelang hatte immer wieder frisches zartes Fleisch auf dem Rost gebraten. Sie hatten es gut gewürzt. »Baile, iss«, höre ich sie sagen. »Auch wir essen. Wir müssen stark sein.«

Unter Tränen hatte ich mich gefügt. Das Brot war längst ausgegangen. Somit war Fleisch die einzige verfügbare Nahrung in der Stadt. Daran bestand kein Mangel. Menschenfleisch zu verzehren war in Gallien immer üblich gewesen. Die Krieger hatten Kraft gewonnen aus fetten Brühen, nachdem die Feinde im großen Kupferkessel zu schmackhafter Suppe gesotten worden waren.

»Sie wollen, dass du lebst, Baile«, hatte mein Vater mich ermahnt, als ich zögerte. Denn es war diesmal nicht das Rippenfleisch der Feinde, das wir zu uns nahmen. »Sie lieben dich, sie haben es für dich getan.«

Frauen flehten ihre Männer an, Schwestern ihre Brüder, sich mit ihrem Fleisch für den Kampf zu stärken. Noch Jahre später war ich unfähig, Fleisch zu essen. Ich ernährte mich für eine gewisse Zeit von Brot und Gemüse. Irgendwann aber griff ich zu, wenn im Lager Schweine und Schafe gebraten wurden.

Caesar begnadigte uns nicht. Alle erwachsenen Männer wurden hingerichtet, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft. Einige Knaben in jugendlichem Alter ließ er für seine Leibgarde ausbilden. Unter ihnen war ich. So machte ich die Bekanntschaft von Berenikes Vater, jenem Römer, der zu diesem Zeitpunkt ganz Gallien erobert und tributpflichtig gemacht hatte. Ich war kaum der Kindheit entwachsen, noch nicht wehrfähig, aber voll Hass gegen die Eroberer, die mich Eltern und Verwandten entrissen hatten. In der ersten Zeit verabscheute ich den Mann, der meine Familie und meinen Stamm vernichtet hatte. Ich weigerte mich, ihm auf Lateinisch zu antworten, wenn er einige freundlich-herablassende Worte an mich richtete. Ausgerechnet wir halbwüchsigen Jungen aus dem Stamm der Bituriger sollten zu seiner gallischen Leibwache gehören. Die Zeit machte uns mürbe. Einer nach dem anderen gaben wir unsere verstockte Haltung auf.

Ich durfte weiter meine Sprache sprechen, die gallischen Götter verehren und lernte zugleich römische Ausdrücke, römische Kommandos, nahm teil am römischen Soldatenessen und opferte den römischen Gottheiten. Und noch später fühlte ich mich geehrt, wenn der Feldherr vor mir stehen blieb und mit mir sprach. Ich war ein anderer Baile geworden, der zweite Baile, mit dem ich immer wieder Streitgespräche führe. Nachts in meinen Träumen schreien wir uns an, Baile, das Kind, und Baile, der Mann. Baile, der Gallier, Baile, der Römer.

Irgendwann war es so weit. Bei einem kleineren Scharmützel hatte ich drei Feinde getötet und kam blutüberströmt, mehr tot als lebendig, auf allen vieren ins Lager zurück. Er verlieh mir den goldenen Halsring, mit dem die Römer die Tapferen belohnen. Von da an begann unsere Freundschaft. Ich schlief vor dem Zelt seines Adoptivsohnes Turinus, der heute die Welt regiert und den die Menschen Augustus nennen. Zusammen mit vierhundert gallischen Kämpfern wurde ich bald darauf der ägyptischen Königin Kleopatra zum Geschenk gemacht.

Ich schwor den alten Gefolgschaftseid der Gallier, ich legte heilige Schwüre vor den Göttern Galliens und Ägyptens ab, das Leben der Kinder Caesarion und Berenike unter Einsatz meines eigenen zu schützen. Diese beiden Abkömmlinge des römischen Diktators Caesar und der ägyptischen Königin Kleopatra waren das kostbarste Unterpfand der Freundschaft der beiden Staaten.

Kleopatra war jung und Caesar alt. Nach seiner Ermordung gewann sie seinen engsten Freund, Marcus Antonius. Mit Misstrauen beobachtete ich ihn und die Kinder, die aus dieser Verbindung zu Geschwistern meiner Schützlinge geworden waren. Denn ich traute ihnen nicht.

Obwohl immer klar war, dass Caesarion der kommende Herrscher Ägyptens und vielleicht der Welt sein würde, hatte ich doch die kleine Berenike in mein Herz geschlossen. Irgendwann müssen wir uns entscheiden, ob wir uns auf die Seite des Stärkeren oder des Schwächeren stellen. Ich entschied mich für Berenike. So wurde ich schuldig.

Ich habe sie geliebt und werde sie lieben bis zum letzten Atemzug. Kein Mensch war mir je näher als sie. Oft war sie mir zu nahe. Manchmal hatte ich das Gefühl, ihr Leben habe sich ganz über mein eigenes gelegt, ja in Teilen das meine ausgelöscht. Manchmal, wenn ich zwanghaft immer wieder nur an sie denken konnte, beschloss ich, sie zu verlassen. Doch davon später.

Jetzt bin ich alt. Zwar sind meine Augen schwach geworden, doch die Ereignisse meiner Jugend sehe ich klarer als je zuvor. In den Nächten schlafe ich wenig. Ich gehe umher und rede mit dem Hund. Bunte Bilder, wie sie die Römer bei ihren Triumphzügen mitführen, um dem Volk die Ereignisse zu zeigen, scheinen vor mir auf, wenn ich in die Dunkelheit hinaussehe. Deutlich sind sie wieder vor mir, die Paläste, die ich bewohnt, die Dörfer und Städte, die ich geplündert, die Frauen, die ich geliebt habe, und Berenike. Berenike lachend, Berenike weinend, als Kind mit ihren Geschwistern in Ägypten, als Mädchen, später als verlockende junge Frau in Rom, als Geliebte anderer Männer. Obwohl mir heilige Eide verboten, sie auch nur anzufassen, verband mich mehr mit ihr als mit manch einer Frau, mit der ich schlief. Ich war für ihre Gesundheit und ihre Sicherheit zuständig. So kam ich dazu, dieses Buch über ihr Leben und damit mein eigenes zu schreiben. Denn unsere Leben sind nicht klar voneinander abzugrenzen, auch wenn jeder von uns zeitweise mit anderen Menschen zusammen war.

Jeder Mensch, sei er von hoher oder niedriger Geburt, ist einmalig und unverwechselbar, ein Geschenk der Götter an diese dumpfe Welt, ein leuchtender Stern, der seinen entfernten Platz in den hintersten Weiten des Himmels für eine Zeit lang mit einer irdischen Existenz vertauscht. Der Mensch aber, den wir lieben, ist der leuchtendste Stern; in ihm offenbart sich göttlicher Glanz.

Für einige Jahrzehnte war ich Berenikes Beschützer. Ohne Unterbrechung schlief ich Nacht für Nacht vor der Tür ihres Zimmers, von jedem Bissen, den sie zu sich nahm, ließ ich den Vorkoster den Apfel, das Brot, das Fleisch anbeißen. Ich reichte ihr jeden Morgen das Gegengift, das sie im Lauf ihres Lebens gegen heimlich gegebene Gifte immun machen würde. So wusste ich alles von ihr, alles über sie, mehr als Menschen voneinander wissen sollten, und oft genug vergaß ich mich selbst und meine Geschichte über der ihren. Ja, das sei zugegeben, so weit kam es schließlich. Ich, Baile, Sohn des Buan, mit der schönen Stimme, geboren mit der Bestimmung, ein singender Druide zu werden, nahm den Weg eines Kriegers und vergaß im Laufe der Jahre mich selbst, während ich Leibwächter meiner Herren war. Berenikes Geschichte ist meine eigene, so wie meine die ihre ist.

Meine Zeit im römischen Militärdienst ist vorbei. Immer wieder ließen freundliche Götter mich aus blutigem Staub und Schlachtengetümmel entkommen. Immer wieder ist es mir gelungen, auch meinen Schützling in Sicherheit zu bringen. Für sie habe ich heilige Eide gebrochen und meinen besten Freund verraten. Ich bereue nichts davon.

Berenike ist nicht hier. Sie lebt jetzt auf der anderen Seite des Meeres, im Süden, in dem göttlichen Land ihrer Vorfahren mütterlicherseits, in Ägypten.

Für sie ist es gut, endlich wieder dort angekommen zu sein, von wo sie vor langer Zeit nach Rom aufbrach. Sie ist jetzt in Sicherheit. Ich weiß, dass sie dort sein muss und ich ihr nicht folgen kann. Trotzdem sträubt sich etwas in mir gegen diese unverrückbare Tatsache. Manchmal fällt mich der Schmerz über ihren Verlust an wie ein hungriges Raubtier. An solchen Tagen beschrifte ich diese Papyrusrollen mit ihrer Lebensgeschichte.

Ich halte meine Hand in das Meer, das uns verbindet, und gebe die Hoffnung nicht auf, sie, meinen strahlenden Schützling, meine unvergessliche Geliebte, noch einmal im Leben wiederzusehen.

VORSPIEL

Dieses Wetter erinnert mich an den Winter in Alexandria«, sagte die ägyptische Königin. »Sturm macht mich ängstlich und verzagt.«

»Wie ein kleines Mädchen«, sagte der Diktator liebevoll.

Die Sklaven hatten die schweren purpurnen Vorhänge noch nicht zugezogen. Kleopatra hatte die Villa auf dem anderen Tiberufer, die Caesar ihr überlassen hatte, mit ägyptischen Einrichtungsgegenständen ausgestattet: Edelholztischchen mit Elfenbeinintarsien, Truhen aus polierten afrikanischen Hölzern mit Goldblech beschlagenen Ecken. Kahlköpfige schwarze Eunuchen in bodenlangen Brokatgewändern standen überall herum und verneigten sich überschwänglich. Es war die Art von Prunk, die ihn, den Römer, sowohl faszinierte wie abstieß. In Rom zeigten die Reichen ihren Wohlstand nicht. Luxus mit Pfauenanlagen und wohlgestalteten bithynischen Knabensklaven leistete man sich außerhalb der Stadt in der Zurückgezogenheit der Landhäuser inmitten weitläufiger Parks. Das Volk von Rom erwartete von seiner Führungsschicht altväterliche Schlichtheit. Gerstenbrei zum Frühstück, ein Stück hartes Brot zwischendurch und am Abend eine einfache Mahlzeit ohne griechische Raffinesse.

Kleopatras Vorliebe für Gegenstände aus schwerem nubischen Gold und durchbrochene phönizische Gläser, ihre Versessenheit auf schimmernde Perlen, ihr schneidender Befehlston gegenüber den Bediensteten, das alles ist so unrömisch, dachte er, so geschmacklos und zugleich rührend kindlich.

»Der Sturm kann alles verändern. Er kann Bäume ausreißen, die Menschen erschlagen. Er fegt Hütten weg, als wären sie nichts, und schleudert die Bretter ins Meer. Er lässt Schiffe kentern. Geh nicht weg. Bleib diese Nacht bei mir.«

»Es ist die letzte Nacht vor dem Auszug aus der Stadt«, gab er zu bedenken.

»Du willst doch nur zu Calpurnia!«, schrie sie.

Calpurnia war die angetraute Ehefrau des Diktators, seine vierte. Er war in den Jahren seiner Ehe nur wenige Wochen mit ihr zusammen gewesen. Jahrelange Kriege hatten ihn von Rom fern gehalten. Und so hatte sie ihm wie ihre beiden Vorgängerinnen kein Kind geboren.

»Natürlich will ich zu ihr. Es gehört sich so, in der letzten Nacht bei ihr im Bett zu schlafen.«

Er wollte nicht wirklich zu Calpurnia. Er liebte das Katzenhafte an Kleopatra, ihren Raubtiercharakter. Als er sie kennen lernte, vor drei Jahren, war sie mager gewesen. Jeden Knochen an ihr hatte er gespürt. Calpurnia dagegen war sanft und schön, mit makelloser Haut und großen dunklen Augen, älter als die ägyptische Königin und fraulicher.

»Kleine ägyptische Katze«, murmelte er. Ihre Stimme war das Beste an ihr, diese melodische Art zu sprechen. Mit diesem ägyptisch-griechischen Singsang hatte sie ihn bei ihrer ersten Begegnung gefangen genommen, damals, als sie mit zerzaustem Kraushaar aus dem Teppich gestiegen war. Ihre Lebendigkeit hatte ihn vom ersten Moment an fasziniert. Eine so junge Frau, so selbstbewusst und entschlossen, war ihm noch nie zuvor begegnet. In Rom wussten die Frauen, wo ihr Platz war, und hielten sich an die gesellschaftlichen Regeln. Für Kleopatra galten keine Regeln. Sie war die ägyptische Königin. Sie wollte alles, und zwar auf der Stelle. Irgendetwas an Kleopatra erinnerte ihn überdies an seine eigene, zu früh verstorbene Tochter Julia.

»Einmal im Leben ist mir eine Katze zugelaufen«, sagte er. »Du.«

Es ist ein Unterschied, ob man eine Katze irgendwo käuflich erwirbt oder ob einem unerwartet eine zuläuft. Calpurnia, die schöne Römerin aus reichem Hause, hatte er eines Tages beschlossen zu heiraten. Eine glanzvolle Hochzeit, eine gute Partie, die richtige Ehefrau im richtigen Moment. Caesar hatte fest damit gerechnet, dass sie ihm endlich Kinder gebären würde. Eine Hoffnung, die sich bis zum heutigen Tage nicht erfüllt hatte. Kleopatra, katzenhaft auch in dieser Hinsicht, war nach ein paar Liebesnächten im ägyptischen Hochsommer schwanger gewesen, und ihre Schwangerschaft war zu diesem Zeitpunkt im umkämpften Alexandria der größte Eklat, den Rom sich gegen den ägyptischen König herausgenommen hatte. Dahin war es also mit Ägypten gekommen. Der römische Imperator hatte die rechtmäßige Gemahlin des jungen Ptolemaios geschwängert. Im Grunde genommen war es Caesar peinlich gewesen. Damit hatte er nicht gerechnet. Die Ägypter hatten Steine nach ihm geworfen, und das Volk hatte sich gegen die verhassten Römer und Kleopatra erhoben. Caesar hatte um sein nacktes Leben kämpfen müssen. Es war politisch gesehen seine größte Dummheit gewesen. Er seufzte. Venus hatte es so gewollt. Wohin er auch auf seinen Feldzügen gekommen war, die Frauen waren ihm, dem Abkömmling der schaumgeborenen Göttin, schnell verfallen. Mit zunehmendem Alter war diese ihm eigene Anziehungskraft eher noch gewachsen.

»Ich werde dich bis zum letzten Atemzug lieben«, murmelte er.

Sie lächelte ihn an. Anderes hatte sie nicht erwartet.

»Ich werde aus diesem Krieg gegen die Parther siegreich zurückkehren«, sagte er knapp in den Raum hinein. »Mir ist fast alles gelungen. Venus wollte es so. Sie wird auch diesmal auf meiner Seite sein, auf der Seite der römischen Feldzeichen. Ich werde ihren Tempel mit neuen Standbildern schmücken.«

»Schmücke ihn auch mit meinem Standbild«, flüsterte sie.

Eine unsinnige Idee. So etwas war in Ägypten möglich, in Syrien, vielleicht sogar in Athen. Aber nicht in Rom. Warum begriff Kleopatra nicht, dass sie auf italischem Boden keine Göttin war? Sie ist maßlos, dachte er, instinktlos, rücksichtslos. Bei allen Göttern, warum hatte er sich ausgerechnet auf sie eingelassen?

»Was stellst du dir vor? Rom ist eine Res publica. Es ist nicht zulässig, die Statue eines Lebenden in einem Tempel unter die Götter zu stellen. Auch nicht die der ägyptischen Königin.« Wieder dieser Schmerz in der Herzgegend. Er durfte sich nicht so aufregen. »Du hast immer noch nicht begriffen, dass wir in Rom sind und nicht in Athen oder in Alexandria.«

»Dann stell einfach eine Statue der Göttin Isis mit meinem Gesicht auf«, schlug sie vor. »Und noch etwas. Wenn du aus Parthien zurückkommst, schickst du Calpurnia den Scheidungsbrief? Du hattest es versprochen.«

Calpurnia war eine gutwillige, sanfte Partnerin. In seiner Abwesenheit sah sie sich nicht nach Liebhabern um. Sie war ihm treu ergeben, und vielleicht würde sie ja schwanger werden. Nicht zuletzt war sie die Tochter seines vermögenden, einflussreichen Freundes Calpurnius Piso. Kurzum, er dachte nicht im Traum daran, sich von Calpurnia zu trennen.

»Du verlangst viel«, murmelte er.

»Und wenn nicht«, sagte sie. »Wenn du nicht zurückkommst?«

Er sah sie überrascht an. »Du warst dir immer sicher. Du warst immer dafür.«

»Was, wenn du in Parthien stirbst? Wenn du bei einem deiner Anfälle erstickst?«

Er lachte kurz und rau. Was fiel ihr ein, von seinen Anfällen zu sprechen? Die Krankheit war göttlich. Allerdings waren die Anfälle in den letzten Jahren stärker und lästiger geworden. »Meine kleine Ptolemäerin denkt an die Zukunft ohne ihren Caesar, ist es so? Sie wird lang sein, diese Zukunft. Denn du bist jung, und ich bin alt.«

»Ich bin die göttliche Mutter Ägyptens und zweier Kinder«, sagte Kleopatra und streckte ihren gerundeten Bauch vor.

»Göttin, erhabene Isis, dir gehört der Orient. Aber dein Einfluss erstreckt sich nicht auf Rom. Deine Söhne werden niemals über Rom herrschen. Sie werden sich mit Ägypten begnügen müssen. Hast du Einwände?«

»Ich mache darauf aufmerksam, dass es sich nicht um zwei Söhne handelt. Die Vorzeichen im Falle des noch nicht geborenen Kindes sprechen alle für eine Tochter mit besonderen königlichen Eigenschaften.«

Caesar lachte noch einmal auf.

»In Ägypten wird unser Sohn König sein, Ptolemaios Caesar, genannt Caesarion. Unsere Tochter sollte über Rom herrschen.«

Im Grunde genommen gefiel es Caesar, sich mit dem ehrwürdigen Geschlecht der Ptolemäer vereinigt zu haben. Wie alle Römer hatte er Respekt vor ausländischen Königshäusern, ganz besonders aber vor der Dynastie der Ptolemäer, die den großen Alexandros beerbt hatten.

»Irgendwann werden die Römer mein Andenken ächten und behaupten, ich hätte Rom an die ägyptische Königin verschenkt. Nun gut, das kostbare Blut unserer Tochter wird sich mit römischem mischen«, sagte Caesar und kicherte albern. »Lass uns ernst werden. Wir sind hier in einer ehrwürdigen alten Republik. Man ist stolz darauf, dass ein gewisser Brutus vor Jahrhunderten den letzten König Roms vertrieben hat. Du begreifst nicht, dass ich nicht ein König über Rom sein kann, wie dein Vater einer über Ägypten war.«

»Du bist König von Rom«, beharrte Kleopatra. »Der Senat und das Volk haben dir gottähnliche Ehren verliehen. Nur der Titel eines Königs und die Abzeichen eines solchen fehlen dir. Aber sie lieben dich wie ihren Herrscher, weil du es längst bist, auch wenn sie dich einstweilen nur Caesar nennen. Ein neuer Stern wird in diesen Tagen am Himmel erscheinen, ein göttlicher Stern, der den Anbruch eines neuen Zeitalters für Rom und die Welt verkündet. Die ägyptischen Astrologen irren sich nicht.«

Als sie vor zwei Jahren mit dem Kleinen auf ihren Wunsch nach Rom gekommen war, hatte er ihr angeboten, seine Dienerschaft zu nutzen, so wie es für einen ausländischen Gast selbstverständlich war. Doch Kleopatra hatte vorgezogen, auf insgesamt drei Schiffen fast ihren gesamten eigenen Hofstaat mitzubringen, ihre Eunuchen, Kammerfrauen, Köche, Schauspieler, Sänger und Tanzzwerge ebenso wie die Wahrsager, Traumdeuter und Astrologen.

»Ja, der neue Stern«, sagte Caesar trocken. »Er verkündet etwas. Mag sein, dass es der Beginn eines neuen Zeitalters ist. Mir kommt es so vor, als sei es vor allem das Ende des alten, das er anzeigt. Eine Zeit geht zu Ende. Die Republik ist unwiederbringlich gestorben.« Einen Moment dachte er nach, bevor er fortfuhr: »Die allmächtigen Götter haben mich ausgezeichnet. Unzählige Male haben sie mir den Sieg geschenkt. Sie lieben mich, sie zeichnen mich aus vor allen anderen Römern. Mag sein, dass ich ein Gott bin. Manch einer meiner Soldaten hat eine kleine Statue mit meinem Gesicht unter seinen Hausgöttern aufgestellt – und dennoch, ich bin kein Unsterblicher. Ich bin ein Mensch mit lächerlichen Krankheiten und Gebrechen. Selbst wenn meine Krankheit göttlich ist, ich werde sterben.«

»Ich bete zu den ägyptischen Göttern, dass dieser Tag noch lange auf sich warten lässt.«

»Was auch immer geschieht, mein Testament wird Beachtung finden. Es ist der letzte Wunsch von Roms erstem Gott. Ich werde das Kind, diese Tochter, mit meinem Neffen verloben, mit dem jungen Turinus.«

»Du meinst Octavius?«

»Er ist der willensstärkste, der zäheste von den Söhnen meiner Nichten. Ihm will ich meinen Namen und mein Vermögen geben.«

»Du hast lange Zeit an Antonius gedacht. Auch er gehört zum Haus der Julier.«

Caesar seufzte. »Es wird Antonius verletzen, dass ich nicht ihn adoptiert habe. Aber er ist zu weich. Zu undiszipliniert und außerdem –« Er sah sie an, und sie senkte den Blick. »Er ist jünger als ich, und du würdest sofort mit ihm ins Bett gehen. Er fickt gut und ausdauernd.«

Kleopatra wurde nicht rot. »Ja«, sagte sie. »Er ist bestimmt ein guter Liebhaber.«

»Hast du es schon ausprobiert?«, fragte Caesar und streichelte leichthin ihren Arm.

»Es war noch keine Gelegenheit dazu.«

Es tat ihm weh, wie sie es sagte. Zugleich ärgerte er sich darüber, dass es ihn, den allmächtigen Diktator, berührte. Er ließ es sich nicht anmerken. Sie lachten beide.

Dann wurde sie wieder ernst. Sie legte ihre Hand auf den Rücken der seinen und sah ihm ernst in die Augen. »Sprich die Adoption für Antonius aus, Liebster, tu es nicht erst in deinem Testament, tu es jetzt, tu es morgen vor dem Senat.«

Er war so verblüfft über die Energie, mit der sie ihren Vorschlag aussprach, dass er nicht gleich antworten konnte. Es gibt nichts Lebendigeres als eine schwangere Frau, dachte er, und Kleopatra ist die Steigerung. In diesem Moment sah er sie vor sich: Kleopatra und Antonius, Jahre später, Arm in Arm, wie sie an seinem Grabmal pflichtschuldig die Opfer darbrachten.

»Du wirst stärker sein, wenn du Marcus Antonius als deinen Sohn in Rom zurücklässt. Er ist der Einzige, der unseren kleinen Caesarion schützen wird. Er ist stark, und die Römer lieben ihn ebenso wie die Menschen in Asien, Syrien und Ägypten. Der Knabe Turinus mit seinen fünfzehn Jahren hingegen muss sich alles erst erkämpfen. Außerdem ist er krank.«

»Hör zu, er ist nicht fünfzehn. Er ist achtzehn, ein richtiger Mann und näher verwandt mit mir als Antonius.«

Kleopatra küsste ihn sanft. »Ich weiß, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst. Die richtige Entscheidung ist die für Antonius. Caesarion ist ein zweijähriges Kind. Er braucht einen Beschützer.«

Caesar sprang auf, der hölzerne Stuhl mit den silbernen Kugeln flog auf den Marmorboden. »Warum bist du so sicher, dass ich sterben werde?«, schrie er. »Warum befragst du ständig deine Astrologen und Sternseher? Glaubst du etwa, ich wüsste nicht, was du hinter meinem Rücken treibst? Du hast mich abgeschrieben, du ägyptische Hexe. Hast du dich schon mit Marcus Antonius abgesprochen für den Fall meines Todes?«

Kleopatra hatte die Arme auf dem Rücken verschränkt. »Gib Antonius den Namen Caesar«, sagte sie, unbeeindruckt von seinem Wutanfall. »Tu es.«

»Weil du es unbedingt willst, werde ich es nicht tun!«, schrie er.

»Er ist der Beste«, sagte Kleopatra. »Wenn du in deine eigene Seele hineinblickst, dann weißt du, es gibt keinen unter all denen, die dir nahe stehen, der treuer und ergebener ist.«

»Er ist der Dümmste von allen«, grummelte Caesar. »Er ist ein guter Soldat, ein guter Trinker und ein wunderbarer Freund, aber er denkt unklar. Er ist kein Nachfolger, der meiner würdig wäre.«

»Den Nachfolger, der dich ersetzen kann, gibt es nicht. Mach dir das klar. Dieser arme Junge kann es am wenigsten. Vielleicht will er es nicht einmal.«

»Doch«, sagte Caesar. »Auch wenn sein Körper kränklich ist, sein Geist ist unermüdlich. So wie er, so war auch ich, als ich jung war. Auch meine Gesundheit war nicht die beste. Und er liebt mich, er hängt an mir wie an einem Vater.«

»Dieser Schleimer, dieser Heuchler!«, fauchte sie.

»Außerdem passt er im Alter besser zu unserer Tochter.« Caesar lächelte und schien wieder versöhnt. »Ja, jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Und was Antonius angeht, er wird dem Sohn des Octavius, meinem lieben Turinus, ein ergebener Helfer sein. Das ist sein Platz.«

»Täusch dich nicht. Täusch dich nicht in Turinus«, murmelte Kleopatra.

Wieder der stechende Schmerz punktförmig über dem Herzen. Sie hatte die Stirn zusammengezogen und war noch immer wütend. Er war sicher, sie merkte ihm nichts an. Der Schmerz war diesmal so stark, dass er sich für ein paar Momente nicht bewegen konnte. Er musste unbedingt noch mit Baile sprechen. Pass gut auf die Kinder auf, den Jungen und das Mädchen, Baile. Kleopatra ist ungerecht und jähzornig, aber sie meint es nicht so.

»Die Zeichen beim Opfer waren alle schlecht«, sagte er nach einer Weile. »Ich habe früher nicht an sie geglaubt, aber inzwischen weiß ich, dass sie nicht lügen. Ich begreife nicht, warum ich trotzdem nach Parthien aufbrechen will. Doch der Partherkrieg wird mich zum größten Feldherrn machen, den Rom je hatte. Der Krieg gegen die Parther ist die Vollendung.«

Gallien war der Anfang gewesen. Damals hatte er auf der Höhe seiner körperlichen Kraft gestanden. Er hatte dieses weite, wilde Land für Rom erobert. Das Partherreich würde die Krönung seines Lebenswerks sein. Mit den Reichtümern des Partherreichs würde Rom die Welt beherrschen. Auch der große Alexandros war in den Osten gezogen, um ihn zu erobern. Kleopatra lächelte in sich hinein. Ja, ihm würde es gelingen. Er würde das Partherreich unterwerfen. Gaius war listiger, verschlagener und klüger als die Römer, die in früheren Jahren gegen den östlichen Feind gezogen waren. Mochten die Vorzeichen sein, wie sie wollten – was bedeuteten schon römische Vorzeichen? Die ägyptischen Astrologen hatten einen Stern vorausgesagt, und an diesen Stern wollte sie glauben.

»Du bist ein Spieler«, sagte sie. »Spieler wollen nicht gewinnen. Sie wollen verlieren. Und so ist es auch bei dir, du willst besiegt werden. Aber – diesmal wirst du gewinnen. Der Stern zeigt es an. Ein neues Zeitalter beginnt.«

Er stand auf und trat ans Fenster.

»Am Ende meines Lebens will ich noch einmal besiegt werden. Vielleicht ist es das, Königin. An die Niederlage darf ein Feldherr nicht einmal denken, wenn er sich für die Schlacht entschieden hat. Ist der Stern eigentlich schon da? Zeig ihn mir.«

»Nein. Er soll erst in ein paar Tagen aufscheinen.«

Als er ihr sein Gesicht zuwandte, war sie überrascht darüber, wie enttäuscht er war.

I. ÄGYPTEN

NIEMAND

Außer der klaren Stimme des königlichen Eunuchen war um diese Stunde im Palast der Sphinx nichts zu vernehmen als das Klatschen des Wassers, das gegen die Felsen am Fuß des altehrwürdigen Gebäudes brandete. Berenike saß auf einem Schemel und lauschte. Das Geräusch der Wellen war wie ihr eigener Herzschlag. Seit sie denken konnte, war es zu hören gewesen, schwach an ruhigen, windstillen Tagen, stärker im Winter und im Frühjahr.

Mit ihren zwölf Jahren war Berenike kein Kind mehr, aber auch noch nicht ganz Frau. Vom Fenster aus sah sie Schiffe pfeilschnell auf den Hafen zusegeln und andere, die ihn nicht minder eilig verließen. Berenike wünschte sich auf einen der Schnellsegler, die in nördliche Richtung in See stachen. Dabei war ihr durchaus bewusst, wie unmöglich es für sie war, jemals wieder in ihre Geburtsstadt Rom zu kommen. Gerade jetzt war es so undenkbar wie nie zuvor. Denn Ägypten befand sich offiziell im Kriegszustand mit Italien. Königin Kleopatra ließ in den Werften hinter dem Hafen gewaltige Kriegsschiffe bauen, die die kleineren italischen Schiffe unter dem Kommando des Adoptivsohns Caesars vernichtend schlagen würden. Der römische Gegner hatte keine Chance. Eines fernen Tages allerdings würde auch dieser Krieg zu Ende sein. Es war keine Frage, dass die ägyptischen Truppen siegen würden, und doch überkam Berenike beim Gedanken an den Sieg ein unbehagliches Gefühl.

»Sie wird meinen römischen Bruder vernichten«, murmelte sie.

»Natürlich werden unsere Schiffe die Römer schlagen«, sagte Dion. »Warum hat dieser Narr, dieser jugendliche Spinner, auch versäumt, der Königin Ägyptens und seinen Geschwistern in Ägypten zu huldigen?« Eine Frage, auf die er keine Antwort erwartete.

»W-wird Rom … w-wird Rom die Hauptstadt, w-wenn es vorbei ist?« Diese Frage beschäftigte Berenike am meisten. Antonius und ihre Mutter sprachen manchmal über die Zukunft. Antonius hatte gesagt, er müsse in diesem Fall für einige Zeit nach Rom zurückreisen, um alles zu ordnen.

»Nein, sicher nicht. Alexandria bleibt die Hauptstadt der Welt. Das römische Klima ist ungesund. Die Stadt liegt nicht direkt am Meer«, beruhigte Dion sie. »Sprich leiser, deine Geschwister sind schon eingeschlafen.«

Der Palast der Sphinx wurde von Berenike und den drei jüngeren Kindern der ägyptischen Königin mitsamt ihren Erziehern und der dazugehörigen Dienerschaft bewohnt.

Dem älteren Bruder der vier, Caesars Sohn Caesarion, stand ein eigenes, bei weitem aufwändigeres Gebäude zu. Der künftige König der Könige hatte einen eigenen Hofstaat und eine eigene Haushaltung, zwei nur für ihn bestimmte Galeeren und einen eigenen Reit- und Fuhrstall. So hatten es die Ptolemäerkönige von alters her gehalten. Sparsamkeitserwägungen wären ein Hohn auf die königliche Tryphe gewesen. Große Herrschergestalten waren dadurch groß, dass sie auf großem Fuß lebten, aus goldenen Gefäßen speisten und tranken und ihre Freunde reich beschenkten. Wer den Göttern so nah war wie sie, war gottähnlich und durfte in keinem Bereich seines bestaunenswerten Lebens knausern. Das göttliche Land Kemet war schließlich unerschöpflich. Jedes Jahr aufs Neue wurde in drei üppigen Ernten Reichtum ausgeschüttet. Solange der Nil Ägypten durchfloss, würde das von den Göttern bevorzugte Land wohlhabend und glücklich bleiben.

Dion las die Geschichte von Odysseus und dem Riesen Polyphem. Er war kein guter Vorleser. Aber die Geschichte war so spannend – Berenike hörte sie zum ersten Mal –, dass sie gebannt zuhörte.

»Da fragte der Riese, der mit seinen riesigen klobigen Fingern Odysseus unter dem Bauch des Schafes erspürt hatte: ›Wer bist du?‹ Odysseus schrie mit lauter Stimme: ›Ich bin niemand. Niemand ist mein Name!‹« Dion hatte die Stimme erhoben.

»Ich bin noch wach!« Die kleine Selene schoss aus der Wolldecke auf ihrem Liegebett empor wie eine gespannte Feder. Sie hatte das breite Gesicht ihres Vaters Antonius, aber das quirlige Temperament Kleopatras. Ihr etwas verfetteter Zwillingsbruder Alexandros schnarchte auf dem Teppich. Der Jüngste, Phila, lag im Nebenzimmer, auch im Schlaf noch bewacht von zwei schwarzen Eunuchen. Phila, großäugig und lockenköpfig, war das hübscheste von Kleopatras Kindern.

Der Chef der gallischen Leibwächter, der rothaarige Baile, hockte zwischen seinen Waffen im Gang und lauschte. Wer ihn sah, hätte glauben können, auch er schlafe, aber dem war nicht so. Baile hatte sich angewöhnt, mit halb geschlossenen Augen vor sich hin zu dösen. In diesem Zustand war er konzentriert und hellwach. So entging ihm kein Geräusch, er nahm jede Bewegung in der Nähe wahr, und selbst das, was sich draußen im Torbereich abspielte, wurde von ihm registriert. Er hatte sich längst abgewöhnt, all die Gespräche zu bewerten, deren Zeuge er wurde. Er nahm sie zur Kenntnis und legte sie irgendwo in seinem Inneren ab wie alte Papyrusrollen, die man in eine Truhe steckt. Sein Gedächtnis war gut, er vergaß wenig. Darin war er den übrigen Galliern ähnlich, die von Kind auf darin geübt waren, ihr Gedächtnis zu trainieren und Lieder und Gesänge auswendig zu lernen. Die Gallier hatten nämlich keine eigene Schrift. Wissen wurde bei ihnen seit jeher durch mündliche Überlieferung weitergegeben. Irgendwann kam für alles die Zeit, es wieder hervorzuholen.

Oudeis, niemand. Berenike blickte zu Dion auf, der ihren Blick nicht erwiderte. Er hielt die Papyrusrolle ausgebreitet und las jetzt weiter mit der Anstrengung des Mannes, dessen Augen nicht mehr ganz scharf sind. Aber das war es nicht. Dion, der allmächtige Eunuch, sah auch sonst oft an ihr vorbei. Hörte nicht zu, wenn sie ihn ansprach, oder vergaß, worum sie ihn gebeten hatte.

Plötzlich wusste sie es: Sie existierte nicht wirklich, sie war unsichtbar. Das unterschied sie von ihren Geschwistern. Ihr Bruder, zwei Jahre vor ihr geboren, Caesars und Kleopatras Sohn mit dem erlesenen Namen Ptolemaios Caesar, genannt Caesarion, zu Lebzeiten seines Vaters geboren, von ihm geherzt und gestreichelt, war der künftige Pharao. Er war fest umrissen, deutlich. Und er stotterte nicht. Niemand in der Familie stotterte außer ihr. Ihre Dienerinnen und die Eunuchen sprachen klar und fließend. Nur sie, klein, mager, mit der bräunlichen Haut einer Ägypterin aus dem Süden des Landes, stotterte und lief rot an, wenn sie ihrer Mutter, der göttlichen Kleopatra, Antworten gab.

»Willst du mich verhöhnen, Kind?«, fragte die Mutter in solchen Momenten. Vor Verzweiflung blieb Berenike dann stumm. Das Herz hämmerte ihr in der Brust, und sie war den Tränen nahe. »Kind, du bist eine Lächerlichkeit. Und dazu noch hässlich. Niemand nimmt mich mehr ernst, wenn du neben mir stehst. Gib dir Mühe! Tu, was dein Rhetoriklehrer dir sagt! Demosthenes hat auch gestottert, aber später war er der berühmteste Redner Griechenlands.«

Berenike hatte sich angewöhnt, die Menschen ihrer Umgebung nach ihrer Art zu reden in eine Skala einzuteilen. Gut reden zu können, flüssig zu sprechen, das richtige Wort im richtigen Moment herauszubringen war unendlich wichtig. Ihre Mutter stand zuoberst auf Berenikes Liste, sie selbst belegte den untersten Platz.

»Auch in Rom legt man Wert auf fließendes, kultiviertes Sprechen. In Rom sprechen selbst die Frauen, als hätten sie eine Rhetorikschule besucht. Gib dir Mühe, Teknon. Du hast die besten Lehrer.«

»Oudeis eimi«, flüsterte Berenike. »Ich bin niemand.«

Die Zwillinge, Selene und Alexandros, die Sonne und der Mond, die erstgeborenen Kinder aus der Liebesbeziehung zwischen Marcus Antonius und Kleopatra, auch sie waren klar und deutlich, fest umrissen. Schon jetzt stand fest, dass sie einmal Unterkönige im Reich des Caesarion sein würden.

Schließlich war da noch Phila, der jüngste Bruder, Ptolemaios Philadelphos, Ptolemaios der Geschwisterliebende, das Nesthäkchen, der Liebling seiner Eltern Marcus Antonius und Kleopatra.

Sie, Berenike, war zum falschen Zeitpunkt geboren, zwei Tage nach dem Tod ihres Vaters Caesar, untergewichtig, halb tot. Ihr Vater hatte sie nie gesehen. Er hatte sie nicht in der Art römischer Väter vom Boden hochgehoben und als sein Kind anerkannt. Das war es, was sie für immer unsichtbar machte. Vom Augenblick ihrer Geburt an waren die Mörder ihres Vaters auch hinter ihrem winzigen, zerbrechlichen Leben her. Es war nicht klar, wer die Männer geschickt hatte. Jedenfalls war ihr Auftrag gewesen, die Kinder Caesars zu töten und Kleopatra das Testament zu entreißen, das der Diktator wenige Tage vor seinem Tod abgefasst hatte. Sie hatten das Dokument aus Kleopatras Kleidern gerissen, und Berenike verdankte ihr kümmerliches Leben nur einem Zufall. Als Bettlerin verkleidet war Kleopatra mit Baile und Dion durch die Nacht geflüchtet. Früh am Morgen hatten sie ein Schiff bestiegen, das gerade ablegte, und darauf waren sie auf Umwegen nach Ägypten zurückgekehrt.

Das Testament ihres Vaters bestimmte Berenike dazu, Königin an der Seite ihres römischen Adoptivbruders Turinus zu sein. Aber daran war kein Denken mehr. Für Turinus waren sie und Caesarion nur die ägyptischen Bastarde seines Vaters, des göttlichen Julius. Es gab keine neue Bestimmung mehr. Während Caesarion, Alexandros, Selene und Phila ihrer Königswürde entgegenwuchsen, war ihr alles genommen worden. Sicher war nur, wer ihr Feind war. Turinus. Und dass sie den Boden der ihr bestimmten Stadt Rom niemals betreten würde.

Sie würde Rom so bald nicht zu Gesicht bekommen, so wenig wie ihren römischen Bruder Turinus. Hatte sie nicht ein Recht darauf, ihre römische Familie kennen zu lernen? Sie war immerhin schon zwölf, sprach ganz gut Lateinisch, und manchmal malte sie sich aus, wie sie mit den Verwandten ihres Vaters in Rom sprechen würde. Das Grab auf dem Marsfeld am Tiber wollte sie besuchen, das Grab der julischen Familie.

»Pater«, murmelte sie lautlos, »es ist mein Recht. Ich bin deine Tochter. Irgendwann werde ich heimlich nach Rom aufbrechen, verkleidet.« War es nicht genau das, was er von ihr erwartete? So hatte es auch ihre Mutter gemacht, damals, als sie zum ersten Mal vor Caesar getreten war. Mit einer List hatte sie sich zu ihm geschlichen.

Dion brach ab. »Du hörst nicht zu, Berenike.«

»Erzähl mir etwas von meinem Vater. D-du hast ihn viele Male gesehen.« Bei Dion stotterte sie kaum, so sehr war sie an seine Anwesenheit gewöhnt. Er stand ihr näher als die Mutter, schließlich verbrachte sie viel mehr Zeit mit ihm als mit Kleopatra. Mit ihm und Caesarion. Dion war für sie und ihren älteren Bruder als oberster Erzieher zuständig.

»Ja. Aber er hat immer nur über mich hinweggesehen.« Das ebenmäßige Gesicht des Eunuchen verdüsterte sich.

Hinweggesehen, über Dion? Berenike glaubte ihm nicht.

»Baile weiß mehr über deinen Vater als ich. Er war schon in Gallien mit ihm zusammen. Ihn musst du fragen.«

Berenike verdrehte die Augen. Immer die gleichen Ausflüchte, wen sie auch fragte. Ihre Mutter hatte keine Zeit, Caesarion keine Erinnerungen mehr an die Begegnungen mit seinem Vater und Dion einfach keine Lust, über den göttlichen Julius zu sprechen. Baile wiederum, der sie tröstete, wenn sie nach einem der kurzen Gespräche mit ihrer Mutter vor Wut heulte und die Fingernägel ankaute, der ihr gallische Märchen und Göttersagen erzählte, ausgerechnet er zuckte zusammen, wenn sie ihn nach ihrem Vater befragte.

»Wenn du älter bist«, pflegte er sie zu vertrösten. »Es sind traurige Geschichten.«

»Erzähl mir, wie er die Gallier besiegt hat.«

»Später«, beharrte er dann. »Lies erst einmal die Bücher, die es darüber gibt.«

Sie hörte ihm gerne zu, wenn er erzählte, viel lieber als Dion. Bailes Geschichten waren gewürzt mit Schimpfwörtern und lustigen Redensarten. Kein Eunuch am Hof hätte gewagt, in Anwesenheit der Königskinder schmutzige Witze zu erzählen. Baile aber schien sich vor niemand zu fürchten und war anscheinend nicht auf die Höflichkeitsformeln des Hofes verpflichtet worden. Baile und die dreihundert gallischen Leibwächter waren seinerzeit ein Abschiedsgeschenk Caesars an Kleopatra, als er seine schwangere Geliebte in Ägypten zurücklassen musste.

Zwischen den beiden Fensternischen des Zimmers stand auf einem Marmorpodest eine Porträtbüste des Vaters von Caesarion und Berenike.

Nein, dachte sie, während sie das alterslose, strenge Römergesicht mit den kühl blickenden Augen anstarrte. Du bist kein Gott, aber der römischste aller Römer.

»Ich wollte dir noch sagen, dass die Königin gleich kommen wird.«

»Au ja!«, quietschte Selene.

»Sie will mit dir sprechen, Berenike«, sagte Dion.

Berenike fühlte sich sofort unbehaglich. Ein Besuch der Mutter im Palast der Sphinx so spät am Abend, das hatte etwas Besonderes zu bedeuten. Kleopatra war oft fort gewesen in den letzten Monaten. Sie hatte sie ebenso vermisst, wie sie erleichtert war, ihr nicht mehr so oft begegnen und ihr Rede und Antwort stehen zu müssen. Kleopatra machte ihr Vorwürfe wegen ihrer stets abgekauten Fingernägel, ihres Stotterns und ihres nervösen Augenzuckens. Dennoch war Berenike jedes Mal überwältigt, wenn sie die Mutter sah. Alles an ihr war richtig. Jeder Ring an ihrem Finger, die Armbänder aus schwerem Gold, der goldene Brustschmuck, die plissierte Kleidung. Sogar den hoheitsvollen Gesichtsausdruck Kleopatras versuchte Berenike mit Hilfe eines Spiegels nachzuahmen, wenn sie sich unbeobachtet fühlte.

Mit ihrer dunklen Haut und den römischen Augen erschien Berenike ihrer Mutter auch dieses Mal fremd. Geistesabwesend und in sich gekehrt, stand das Mädchen da und begann umständlich von seinen Träumen zu erzählen. Als ob es auf die ankommen würde!

Sie, Kleopatra, glaubte nicht an Träume, auch nicht an Astrologen und Horoskope. Sie war auch fast sicher, dass Julius Caesar nicht viel auf diese Dinge gegeben hatte, obwohl die Römer ein abergläubisches Volk sind, das mit korrekter Wissenschaft und mathematischen Berechnungen, wie sie in Alexandria seit jeher gepflegt wurden, wenig im Sinn hat.

Das Priesteramt wird Berenike die Flausen schon austreiben, dachte Kleopatra, als ein Trompetenstoß durch den Palast der Sphinx ging.

Dion fiel fast von seiner Liege. Er hatte die Königin erst später erwartet.

»Steh auf, Alexandros. Du musst die königliche Mutter begrüßen. Sie naht.«

»Sie naht«, spottete Selene.

Dion rüttelte seinen ächzenden Zögling wach.

»Lass ihn schlafen!«, befahl Kleopatra scharf. Ihr dunkles Haar war in mehreren Reihen mit Perlenschnüren am Kopf befestigt wie eine geflochtene Helmkappe, was ihr eine beinahe männliche Würde verlieh. Sie trug ein mit Goldfäden durchwirktes Hausgewand aus dünnem, plissiertem Leinen. Die Königin Ägyptens war nun, am Vorabend der Auseinandersetzung mit dem Erben Caesars, neununddreißig Jahre alt, Mutter von fünf Kindern und offiziell die Ehefrau des römischen Autokrators Marcus Antonius. Nie hatte sie sich so stark gefühlt wie in diesen Tagen. Am Anfang ihrer Beziehung zu Marcus war alles ungewiss gewesen. Damals war er noch mit der Römerin Octavia verheiratet, die ihm zwei Töchter geboren hatte, und sie, die Königin Ägyptens, war mit den Zwillingen Alexandros und Selene in Alexandria zurückgeblieben. In jener Zeit war sie manchmal mutlos gewesen.

Das Volk in den Straßen der Hauptstadt sang damals Spottlieder über die Königin, die sich von zwei römischen Feldherren vier Bastarde hatte machen lassen. Die Briefe, die sie Antonius nach Athen geschickt hatte, waren oft unbeantwortet geblieben, und einmal hatte er ihr sogar geschrieben, wie glücklich er jetzt sei. Octavia sei nicht nur eine schöne, sondern auch eine kluge Frau, die viel von Kunst verstehe.

Stell dir vor, sie züchtet Rosen. Und unsere süße kleine Antonia fängt gerade an zu laufen. Sie sagt pappas zu mir, auf Griechisch …

Selbstverständlich hatte Kleopatra sofort eine Sendung mit den seltensten Rosen aus ihrem Park per Schiff an Antonius abgehen lassen.

Dein Sohn Alexandros Helios wird dir jeden Tag ähnlicher, hatte sie in einem längeren liebevollen Schreiben ausgeführt. Und Kleopatra Selene fragt jeden Tag, wann Pappas zu uns kommt. Auch Caesarion und Berenike warten auf dich. Caesarion ist groß geworden. Er fragt, warum die Römer seinen Vater getötet haben, und ich sage ihm, dass Marcus Antonius alle seine Fragen beantworten wird.

Eifersucht, ein dummes niederes Gefühl von Sklavenmädchen oder Bäuerinnen. Könige haben großmütig zu sein. Sie war viel mehr als irgendeine Königin irgendeines Landes, sie war Pharaonin des reichsten Landes der Erdscheibe. Was auch immer sie begehrte, sie besaß es schon. Der Tag würde kommen, an dem Marcus Antonius wieder am Hof erscheinen würde. Mit diesem Satz jedenfalls trösteten die Kammerfrauen Iras und Charmion und die Eunuchen Uriasippa und Dion ihre Herrin. Diese vier waren ihre engsten Vertrauten und die einzigen, die ihre Tränen sahen.

»Ich möchte allein mit Berenike sprechen. Lass Alexandros weiterschlafen.«

Dion nahm Selene an die Hand und verließ unter Verbeugungen den Raum. Berenike war in die Knie gesunken und küsste die Hände ihrer Mutter.

Kleopatra versuchte das Gefühl von Unbehagen in sich zu unterdrücken, das immer in ihr aufstieg, wenn sie mit Berenike zusammen war. Ihr Götter, warum ist das Mädchen so hässlich? Sogar in der kostbaren Kleidung, die ich selbst für es auswähle, hat es noch etwas von einem Landkind an sich. Und dann die Stotterei.

Komm zur Sache, Teknon! O Isis und Osiris, Berenike kam nicht zur Sache. Berenike begann zu sprechen und fand kein Ende, als wisse sie nicht, dass die Zeit ihrer königlichen Mutter knapp bemessen war.

Auch wenn sie stotterte – Berenike redete gerne. Es war ihr eine Lust, zu reden und sich mitzuteilen. Berenike redete auch dann noch, wenn Baile die Tür zwischen ihnen geschlossen hatte, wenn Dion längst den Raum verlassen hatte und nur noch die Katze Bubastis ihr zuhörte. Ihr Stottern hinderte sie nicht daran zu erzählen, was sie dachte und wie es ihr ging.

Kleopatra hatte sich neben Berenike auf Dions Liegebett niedergelassen und ihr die Angelegenheit mit dem Priesteramt auseinander gesetzt, immer wieder unterbrochen vom stockenden Redefluss der mitteilungsbedürftigen Kleinen. Außerdem krallte sie sich bei diesem Gespräch an sie, was Kleopatra, eingedenk ihrer Liebe zu dem göttlichen Diktator, sich seufzend gefallen ließ.

»Achte auf den Traum!« Kleopatra erhob sich zum Zeichen, dass die Unterredung beendet war. »Der erste Traum im Tempel ist der wichtigste, Teknon.«

»M-meine Träume sind immer wichtig.«

»Ja, vielleicht.« Kleopatra wirkte gelangweilt. Qualvoll, diesem Gestotter zuzuhören. Berenike sollte sich endlich einmal wirklich anstrengen und die Anweisungen ihrer Rhetoriklehrer befolgen. Mit der Stotterei musste es ein Ende haben. Für jede Art von Tempeldienst war sie sehr störend. Kleopatra ertappte sich dabei, wie ihre Gedanken abschweiften. Berenike war ihre älteste Tochter, ihr und des göttlichen Julius Caesar Kind. Mancherlei war denkbar. Was, wenn der konfusen, halb römischen Tochter eines Tages die Königsherrschaft über Ägypten angetragen würde? Caesarion, das war gewiss, würde in Rom herrschen. Denn der Sieg über Turinus stand unmittelbar bevor. Ägypten war zu weit entfernt von der Hauptstadt des römischen Reiches. Andererseits musste der Herrscher in Rom zuverlässige Regenten in Alexandria auf seiner Seite haben. Alexandros Helios und Selene sollten nach Antonius’ Vorschlag die östlichen Reiche regieren. Phila, Ptolemaios Philadelphos, der Jüngste, jetzt eben fünf Jahre alt, sollte Phönikien, Kilikien und Syrien haben.

Träumereien. Kleopatra löste Berenikes verschwitzte Hand von ihrer Schulter.

»Dion wird dich demnächst in aller Frühe nach Memphis zum Tempel der erhabenen Sachmet begleiten. Ich habe gehört, Psen wird dich abholen. Erinnerst du dich noch an ihn?«

Ohne es zu wollen, lächelte Berenike. Psen war vor einigen Jahren ihr Spielgefährte gewesen. Nach dem Tod seiner Mutter war er im Palast der Sphinx unter Dions Obhut aufgezogen worden. Als er von einem Tag auf den anderen nach Memphis zurückmusste, war sie untröstlich gewesen.

»Psen ist älter als du. Er ist Imutheps Bruder und vertritt ihn manchmal beim Dienst im Ptah-Tempel. Weißt du noch, ihr beide habt immer unter den Tamarisken zusammengesessen und euch Geschichten erzählt. Dion wollte dagegen einschreiten, er war eifersüchtig. Eunuchen sind immer eifersüchtig auf ihre Kinder. Küss mir die Hände zum Abschied, kleines hässliches Teknon.«

»Wirst du nicht mit zum Tempel kommen?«, fragte Berenike erschrocken.

»Nein. Ich werde in den nächsten Tagen mit der Flotte aufbrechen.«

»Du, in den Krieg gegen meinen r-römischen Bruder?«

»Ja. Ich will Antonius nicht allein lassen. Ich bin der bessere Feldherr.« Kleopatra kicherte unköniglich. »Ich trinke etwas weniger als er. Gegen römische Schiffe kann ich die besseren Entscheidungen treffen als ein römischer Imperator.«

Das war ein einleuchtendes Argument.

»Es wird ein w-wunderb-barer Sieg werden«, flüsterte Berenike. An den Sieg zu denken war zugleich beglückend und bitter.

»Unsere Schiffe sind unbesiegbar. Die Römer haben nichts Vergleichbares. Wahrscheinlich werden sie keine Seeschlacht gegen uns wagen. Mit etwas Glück werden sie in Verhandlungen treten und sich kampflos ergeben. Ja, Teknon, der Tag wird kommen, an dem ich auf dem Kapitol in Rom Recht sprechen werde.«

»Bei allen Göttern, wenn es so weit ist, lass mich nicht zurück im Tempel der Sachmet. Nimm mich mit nach Rom.«

Kleopatra warf einen erstaunten Blick auf ihre halb römische Tochter. Zwei Sätze ohne jegliches Stolpern der Zunge. Die Übungen der Rhetoriklehrer zeigten vielleicht doch Wirkung.

»Du und dein Bruder – ihr werdet euer römisches Erbe antreten.«

»Und nach dem Sieg? W-was w-wirst du mit Turinus anfangen?«

»Keine Sorge, er wird sich das Leben nehmen. So ist es seit Jahrhunderten Brauch nach einer Niederlage. Verstehst du, alle besiegten römischen Feldherren stürzen sich in ihr Schwert. Sie stellen es vor sich hin und lassen sich mit Wucht auf die Spitze fallen. Diese Verrückten! Sie tun es, weil sie ihren Vorfahren Ehre machen wollen.«

DER AUFBRUCH

Hör auf zu kauen«, sagte Baile streng. Er trug das leinene ägyptische Gewand, und nur der goldene Halsring und sein mit Kalkwasser strähnig gekämmtes rotblondes Haar verrieten seine gallische Herkunft. Er war jetzt Mitte dreißig, ein Krieger, der als Leibwächter der Kinder der ägyptischen Königin einen eher angenehmen Einsatz hatte, um den ihn manch einer seiner Kameraden beneidete.

»Ich k-kann n-nicht«, jammerte Berenike. »Ich m-muss es einfach tun.«

Das Schiff fuhr nilaufwärts gegen die Strömung, und obwohl die Ruderer ihr Bestes gaben, kam es nur langsam voran.

Dion reichte ihr eine Goldblechschale mit süßen dunklen Datteln, aber sie konnte nichts zu sich nehmen, ihr wäre unweigerlich schlecht geworden.

»Sieh gerade aus«, riet Baile. »Oder versuch zu schlafen.«

Berenike kämpfte gegen Tränen der Enttäuschung an. Außerdem hatte sie Angst vor ihrer neuen Rolle. Oberpriesterin im Sachmet-Tempel – warum hatte sie keiner darauf vorbereitet?

»Du musst auf dem Schiff noch etwas essen«, riet Dion. »Wenn du im Tempel eintriffst, wird dir zuerst das Sachmet-Bier angeboten, das du keinesfalls ablehnen darfst. Wenn du es auf nüchternen Magen trinkst, fällst du um.«

»Ich kann erst wieder essen, wenn ich auf festem Boden stehe«, erwiderte Berenike.

Baile saß ihr gegenüber, beobachtete sie aufmerksam und packte nach einer Weile sein Schnitzbesteck aus dem leinenen Beutel, den er immer bei sich trug. Insgeheim war Berenike davon überzeugt, dass seine ewigen Schnitzarbeiten nur ein Vorwand waren, um davon abzulenken, dass er mit kampfbereitem Messer jeden Angriff sofort hätte abwehren können. Baile begann vor sich hin zu summen, während er das weiche Holz in seiner Hand bearbeitete.

»Was wird es? Eine heilige Katze?«, fragte Berenike.

Die Frage war überflüssig, denn Baile schnitzte niemals ägyptische Tiere oder Gottheiten. Er stellte seit Jahren immer wieder aufs Neue seine gallischen Götter und Fabeltiere her und verschenkte sie an alle, die sie haben wollten.

»Das Rolltier«, sagte er geheimnisvoll. »Ein heiliger Drache.«

Die gallischen Tiere waren anders als die ägyptischen, wilder und fremder, und Berenike bezweifelte, dass sie wirklich existierten. Es waren Traumtiere und Märchenwesen. Baile konnte ganz in dieser Welt aus seinen geschnitzten Gegenständen verschwinden. Wenn er mit seinen Monstern und Seewesen beschäftigt war, schwieg er in sich hinein.

»Mach eine Katze für mich, einmal eine einzige Katze.«

»Nein«, sagte Baile und wurde ernst. »Es geht nicht.«

»Du kannst es, wenn du nur willst.«

»Zwing ihn nicht dazu«, mischte sich Dion ein.

»Ich will dir erklären, warum ich es nicht tun kann, Entchen«, begann Baile. »Entchen« oder dalta, Schutzkind, waren die Bezeichnungen, mit denen er sie anredete. »Wenn ich damit anfange, römische oder ägyptische Götter und Tiere zu schnitzen, höre ich endgültig auf zu sein, wer ich bin. Ich bin Baile, Sohn des Buan mit der schönen Stimme und den geschickten Händen, als dieser Baile wurde ich geboren.«

»Er wurde nicht geboren, um ein Krieger zu werden«, erklärte Dion.

Berenike wunderte sich darüber, dass er sich in das Gespräch einmischte. Es war, als ergriffe er Partei für Baile. Die beiden waren sehr verschieden. Hier der elegante Eunuch im seidenen Gewand mit den Ringen an jedem Finger und den gepflegten Manieren, da der bärtige, rothaarige Gallier mit den muskulösen Armen und der breiten Brust, dessen Griechisch holprig und barbarisch war.

»Aber ich wurde dann doch einer, gezwungenermaßen. Ich trat in römische Dienste ein. Ich ging in weit entfernte Länder und trug fremde Kleider. Meine gallischen Freunde und ich sprachen miteinander Lateinisch. Und so vergaßen wir allmählich unsere gallische Sprache.«

»Wenn du betrunken bist, singst du sie noch sehr gut«, stellte Berenike fest.

Baile schnitzte weiter an seinem Rolltier. »Und in meinen Träumen. Im Traum rede ich schnell und ohne zu überlegen. Tagsüber fallen mir die gallischen Worte gar nicht mehr ein.«

Baile war einer der wenigen echten Männer im Hofdienst. Die ägyptischen Bediensteten waren ausnahmslos Eunuchen. So war es seit Jahrhunderten Brauch im Umkreis der Pharaonen Ägyptens. Es gab viele Gründe, Männer aus dem inneren Kreis der Hofverwaltung herauszuhalten.

Während Berenike ihm zusah, verging ihre Übelkeit. Er hört auf, mein Wächter zu sein, dachte sie. Er ist jetzt nur noch bei diesem Seeungeheuer, diesem gallischen Drachen. Eines Tages wird er nach Gallien zurückgehen, heimlich, weil wir ihn ja nicht ziehen lassen. Eines Tages wird er mich verlassen und zu seinen Ungeheuern und Göttern zurückkehren.

Aber es war diesmal kein Seeungeheuer, nicht das gallische Rolltier, sondern ein Mann, der ihr bekannt war, ein nackter Mann mit einer Keule im Arm und einem Kessel zu seinen Füßen.

»Diesmal hast du einen griechischen Gott geschnitzt.«

»Nein, Berenike.« Baile sah von seiner Arbeit auf. »Das ist Ogme, der gallische Gott der Beredsamkeit, unser Herr der Kriege, der die Schrift erfunden hat.«

»Was bedeutet die Keule?«

Bailes Gesicht wurde ernst. »Die Keule nimmt in der irdischen Welt das Leben, und sie gebiert es wieder in der jenseitigen Welt. Der Kessel zu Ogmes Füßen ist der Kessel des Reichtums und der Unsterblichkeit. Dein Vater bezeichnete Ogme als Mars.«

»Hat er sich für deine Götter interessiert?«

»Ja, und er hat sich Aufzeichnungen über die gallischen Götter gemacht und uns Jungen aus seiner Leibwache erlaubt, Ogme und Dagda zu opfern. Im Sommer durften wir auch das Fest unseres Lichtgottes Lug feiern.«

»Wer ist Dagda?«

»Dagda ist der Gegensatz zu Ogme. Er ist der freundliche, gute Gott, der Herr der Elemente und der Wissenschaften, der Gott der Verträge, der Zeit, des Wetters und der Ewigkeit.«

Baile half Berenike, aus dem Boot auszusteigen. Sie wandte sich der Begrüßungsdelegation zu, die am Landesteg auf sie wartete. Die Priesterinnen des Sachmet-Tempels trugen leinene Gewänder mit der Musterung von Katzenfellen und waren im Gesicht wie Katzen geschminkt. In den Armen hielten sie die mit Goldkettchen und Glöckchen geschmückten heiligen Katzen. Berenike schritt die Reihe bis zum Ende ab und verneigte sich ehrfurchtsvoll vor einem jeden der göttlichen Tiere, die aus goldfarbenen und grünen Augen gleichgültig an ihr vorbeiblinzelten. Ein kahlköpfiger, hoch gewachsener Priester, ebenfalls in einem katzenfellartigen Leinengewand, sank vor Berenike nieder, um sie zu begrüßen. Sein Name sei Miutep, sagte er, und er sei der Verwalter des Tempels, an den sie sich in allen Fragen jederzeit wenden könne. Berenike sah sich an der kleinen Warze fest, die tropfenartig an der Spitze seiner Nase saß.

Dann trat ein Junge im Priestergewand des Ptah vor sie, verbeugte sich leicht, wie es seinem hohen Rang entsprach, und Berenike fühlte, wie die Röte in ihrem Gesicht aufstieg. In seiner Tracht und dem gestreiften Kopfüberwurf erschien er ihr überirdisch schön. Er war wenig älter als sie. Die dunklen Augen in seinem ebenmäßigen, schmalen Gesicht strahlten sie an. Er also war Psenamun, der Bruder des amtierenden Ptah-Priesters Imuthep, Psen, ihr einstiger Spielgefährte. Dunkel erinnerte sie sich an ausgelassene Kinderspiele im Tiergarten, dem Paradeisos, hinter dem Palast der Sphinx. Erst hatten sie sich gejagt, dann hatten sie still nebeneinander unter einem Gebüsch die anderen an sich vorbeilaufen lassen. Und nun war er ein Mann, einer von den wenigen, die sie überhaupt kannte, und sie war verlegen. Sie schwieg. Die einstudierte Rede hatte sie vollständig vergessen.

»Die Prinzessin ist glücklich, die heiligen Katzen begrüßen zu können. Die Prinzessin ist müde von der langen Reise und der Hitze des Tages und begehrt zu essen«, sagte Dion formvollendet.

Eine mit lila Troddeln behängte Sänfte wurde vorgeschoben. Psenamun und Baile hoben Berenike hinein, und dann setzte sich der junge Ptah-Priester neben sie.

»Wir haben uns oft miteinander unterhalten, kleine Schwester«, sagte Psenamun in einem angenehmen Singsang, während Baile und Dion die Sänfte gemeinsam mit zwei nubischen Trägern anhoben. Die Familie der Ptah-Priester war mit dem Haus der Ptolemäer nahe verwandt. Immer wieder einmal heirateten Familienmitglieder aus der einen in die andere Sippe. Die Familie der griechischen Ptolemäerkönige hatte es sinnvoll gefunden, sich mit der einflussreichsten einheimischen Priester-Dynastie zu verbinden.

»Ja, es war sehr schön«, sagte Berenike, ohne zu stottern. Sie sah zu ihm auf. Es war gut, in Memphis angekommen zu sein. Sie fürchtete sich nicht mehr vor dem Tempel der Sachmet und vor dem, was sie dort erwartete.

»Sag bitte Psen zu mir, so wie damals, als wir in Alexandria miteinander gespielt haben.«

»Werden wir uns manchmal sehen?«, fragte sie, in Sorge, er könne wieder verschwinden, sobald sich die Tempeltore hinter ihr geschlossen hatten.

»Natürlich, kleine Schwester.« Er lächelte.

»Damals haben wir uns immer unsere Träume erzählt«, sagte sie leise. »Erinnerst du dich noch an den Busch, unter dem wir beide gesessen haben wie in einem Zelt?«

»An den Busch, auf den die Vögel gekackt hatten? Du hast mich gefragt: ›Was ist denn das, das da?‹ Und ich habe geantwortet: ›Vogelscheiße.‹«

Berenike atmete seinen Duft nach arabischen Wohlgerüchen ein. Sein bronzefarbenes Gesicht hatte die ebenmäßige Schönheit einer Statue. Berenike spürte das Bedürfnis, ihn anzufassen, traute sich aber nicht. Sie fühlte sich schmutzig, verschwitzt und hässlich neben Psen.

Er erkundigte sich nach ihren Geschwistern, und sie schwieg missmutig, weil sie keine Lust hatte, über sie zu reden.

»Was macht Antyllus?«, wollte er wissen. »Streitet er sich immer noch mit Caesarion?«

Antyllus kannte er also auch. Marcus Antonius hatte seinen ältesten Sohn aus Rom nach Alexandria kommen lassen. Auch den jüngeren hätte er gerne bei sich gehabt. Doch Jullus hatte sich hartnäckig geweigert, seinem Bruder nach Ägypten zu folgen. Er war lieber in Rom bei seiner Stiefmutter Octavia geblieben.

Antyllus wurde mit Caesarion gemeinsam erzogen. Die beiden waren gleichaltrig, aber im Charakter völlig verschieden. Antyllus, sportlich, breitschultrig, mit einer markanten Adlernase, war von glühendem Ehrgeiz, den er im Hahnenkampf und bei Brettspielen auslebte. Caesarion war von so ausgeglichenem Wesen, dass er seinen römischen Altersgenossen beim Spiel gelegentlich gewinnen ließ. Ägyptens Pharao war nicht ehrgeizig. Mit seiner Geburt war ihm alles zugefallen, was Sterbliche sich nur wünschen konnten.

»Haben sie noch die Kampfhähne? Gewinnen die von Antyllus?«

»Es geht oft unentschieden aus. Mal stirbt der Hahn von Caesarion, dann wieder der von Antyllus. Sie lassen sie bis zum Ende kämpfen.« Berenike hatte immer Mitleid mit den Hähnen gehabt.

IM TEMPEL DER SACHMET

Der Tempel der Katzengöttin ragte auf einem Felsvorsprung über dem fruchtbaren Land auf. Von der Anlegestelle führte eine gepflasterte Straße zu dem hoch aufragenden Gebäude aus bräunlichen Schlammziegeln. Sie hatten das schwere Eingangstor kaum passiert, als Berenike auch schon den beißenden Geruch von Katzenurin roch. Benommen stieg sie aus der Sänfte.

Die Priesterinnen reichten ihr den irdenen Krug mit dem rot gefärbten Bier der Sachmet. Berenike trank es in mehreren Zügen. Es schmeckte schwer und süß.

Die Priesterin Nefertari war etwas älter als Berenike. Sie war groß und hellhäutig mit ausdrucksvollen, geschminkten grünbraunen Augen und vollem schwarzem Haar. Ihr Vater, erzählte sie, war einer der Ptah-Priester, ihre Mutter stammte aus einer reichen Händlerfamilie, ihre Schwester hatte sich nach Meroë verheiratet. Einer ihrer Brüder hatte sich verschneiden lassen und einen Posten als Eunuch am Hof in Alexandria angenommen.

Nefertari wirkte hochmütig und überlegen, als sie die neue Oberpriesterin durch den Tempel mit seinen ausgedehnten Nebengebäuden führte und ihr alles erklärte. Sie zeigte ihr zuletzt den Kräutergarten im Schatten der Mauern und erläuterte ihr, welche Pflanzen zu welchem Zweck dienten. Die aufgehackten, voneinander abgetrennten Beete dufteten in der Wärme des Vormittags. Berenike erkannte gleich die Kamille, die anderen Pflanzen jedoch waren ihr fast alle unbekannt. Es gab Heilkräuter, die man auf Wunden legte, andere, die man trocknete und rieb, um sie für Augensalben zu verwenden. Für jede Krankheit, begriff Berenike, existierte eine Pflanze, die sie heilen konnte. Berenike hielt sich Minzeblättchen und Melisse unter die Nase.

»Das hier«, erklärte Nefertari, »musst du jeden Tag trinken. Es ist das Sachmet-Kraut.«

»Schmeckt es gut?«

»Das nicht. Aber es ist sehr wirksam.« Alle Tempeldienerinnen tränken regelmäßig einen Aufguss davon. Auf diese Weise würden sie nicht schwanger. »Wenn du Kinder hast, kannst du nicht mehr so gut Oberpriesterin sein.«

Das leuchtete Berenike sofort ein.

Nefertari führte sie auch in die Tempelbibliothek, einen hell erleuchteten, niedrigen Raum, in dem in seitlichen Wandnischen zahlreiche Papyrusrollen lagerten. Über den Nischen war auf der Wand vermerkt, welche Schriften darin zu finden waren. Es handelte sich hauptsächlich um Regeln und Gebete zur Durchführung des Sachmet-Kults, aber es waren auch alte ägyptische medizinische Papyri darunter und einige in griechischer Sprache.

»In Alexandria existiert eine Abschrift des Werkes von Krateuas und Nikandros«, berichtete Nefertari. »Vielleicht kannst du, Herrin, dich dafür verwenden, dass auch unser Tempel eine Kopie davon erhält.«

Berenike erfuhr, dass dieses Buch farbige Abbildungen des Körpers und seiner Krankheiten enthielt und auch solche von Pflanzen und Heilmitteln.

Nefertari beugte sich über einen Steintrog und entnahm ihm eine neuere Rolle, die sie selbst eng beschrieben hatte. »Vor einem Jahr bin ich mit meinem Vater nach Alexandria gereist, und ich durfte in der großen Bibliothek die medizinische Literatur anschauen. Die Zeit war zu kurz, um einen wirklichen Überblick zu gewinnen. Aber ich hatte Gelegenheit, die Rolle von Krateuas und Nikandros einzusehen. Es gibt nichts Besseres. Einige Abschnitte konnte ich mir abschreiben.«

Das Original des Werkes, erzählte sie noch, befinde sich in Pergamon. Weitere Kopien existierten in Athen, Antiochia, Ephesos und Jerusalem.

Unterdessen griff Berenike nach zwei Rollen des griechischen Arztes Hippokrates. Die längere handelte von den Epidemien, die andere war das »Prognostikon«.

»Ich halte es für sehr wertvoll, dass der Arzt sich in der Prognose übt. Denn wenn er am Krankenbett von sich aus erkennt und ankündigt, was Sache ist, was geschehen ist und was noch eintreten wird, wenn er überdies lückenlos darlegt, was die Kranken ihm verheimlichen, so brächte man ihm größeres Zutrauen entgegen, dass er das Schicksal der Kranken überblicke. Insofern würden die Kranken auch den Mut haben, sich dem Arzt anzuvertrauen. Außerdem könnte er die Behandlung am erfolgreichsten durchführen, wenn er im Voraus wüsste, welche Leiden sich aus den gegenwärtigen entwickeln.« Sie hatte laut vorgelesen und hielt nun inne. »Hippokrates war als junger Mann im Ptah-Tempel von Memphis und hat einen Teil seiner Kenntnisse bei Imuthep erworben, einem Vorfahren von Psen und dem jetzigen Oberpriester«, erklärte Nefertari nicht ohne Stolz. »Hier im Tempel haben wir diese beiden Bücher von ihm, aber er hat insgesamt fast sechzig Abhandlungen verfasst.«

»Wir werden uns Kopien aus Alexandria kommen lassen. Ich erinnere mich an das Buch ›Die Heilige Krankheit‹. Darin habe ich einmal gelesen.« In dieser Papyrusrolle waren ihre Anfälle beschrieben. Es hatte Berenike beeindruckt, dass darin Behandlungen vorgeschlagen wurden, die ihr vernünftig vorkamen, und dass Hippokrates sich über die Auffassung erhob, die Krankheit mit den plötzlichen Krampfanfällen sei göttlichen Ursprungs.

Nefertari warf Berenike einen verstehenden Blick zu, und Berenike wurde vor Verlegenheit rot. Obwohl sie älter war, mehr wusste und so schön war, akzeptierte Nefertari sie, Berenike, als Oberpriesterin und weihte sie in die Geheimnisse des Tempels und der Wissenschaft ein. Sie musste schlucken und war glücklich.

Im tiefblauen Himmel über dem Tempel kreisten winzige rote Falken. Die Zeit verging wie im Flug. Bei Tagesanbruch wurde Berenike für das Morgenbad geweckt. Dann vollzog sie im Tempelinneren die erste Opferung für die erhabene Sachmet. Anschließend gab es ein reichhaltiges Frühstück mit den Tempeldienerinnen und Miutep. Auch Psen ließ sich dabei immer einmal sehen. Berenike genoss ihre Rolle als Oberpriesterin. Im Schatten einer hohen Dattelpalme pflegte sie mit Miutep die heiligen Schriften des Tempels zu studieren. Dort erfuhr sie alles über die heiligen Katzen, ihre Gewohnheiten und ihr Jagdverhalten.

»Keine Wunde ist so gefährlich wie ein Katzenbiss«, erklärte Miutep.

»W-warum ist das so?« Am Morgen hatte Berenike im Anbau des Tempels die brandige Wunde eines Tempelsklaven behandelt, den das Fieber schüttelte.

»Sie haben immer winzige Aasteilchen an den Zähnen oder im Mund. Es ist Leichengift, das mit dem Biss tief unter die Haut eindringt. Also sei vorsichtig, wenn du nach einer Katze greifst, die du nicht kennst, Herrin.«

Schu sprang auf Berenikes Schoß, ein altes, knochiges schwarzes Tier. Es trat erst hin und her, ehe es sich niederließ, und sabberte aus dem Maul. Aber es war eine Ehre, wenn eines der heiligen Tiere bei ihr sein wollte, und so strich Berenike ihr behutsam über das glänzende Fell. Schu vibrierte von rhythmischem Schnurren, während Miutep auf die Tempelgöttin zurückkam.

Sachmet, die löwengestaltige Göttin, »die Mächtige«, hatte in den alten Zeiten überall dort Heiligtümer, wohin die Löwen zur Tränke gingen. Seit jeher befand sich der Mittelpunkt ihres Kultes in Memphis. Sachmet galt hier als Gemahlin des Gottes Ptah und als Mutter des Lotos-Gottes Nefertem. »Sachmet«, erklärte Miutep, »war das wütende Auge des Gottes Re und die Verderberin der Feinde der Sonne. In sehr früher Zeit war sie eine blutdürstige Göttin, die Botin des Todes, verantwortlich für die großen Seuchen, die von Zeit zu Zeit das Land heimsuchten. Den Menschen ist es schließlich gelungen, die Göttin durch den Ritus der Besänftigung der Sachmet zu beruhigen und von ihr sogar Hilfe zu bekommen. Wer töten kann, versteht auch zu heilen. Die Göttin gab den Menschen ihr Wissen weiter, und so wurden die Priesterinnen der Sachmet zu einer der ältesten Vereinigungen von Ärzten und Tierärzten. Die zornige Göttin Sachmet aber hatte sich in Gestalt einer Löwin nach Nubien zurückgezogen. Mit ihren Liedern und Opfern gelang es den Priestern, sich mit ihr auszusöhnen. So nahm die wütende Löwin allmählich die Züge der freundlich lächelnden Katzengöttin Bastet an. Bastet war ursprünglich auch eine Löwin, aber ihre Anhänger verehrten sie lieber als Katze. Deshalb wirst du hier im Tempel sowohl Statuetten von Löwinnen wie von Katzen vorfinden, die die Menschen der Göttin dargebracht haben.«

Baile hatte sich mit seinen Waffen und dem Schnitzzubehör in einem der Gästezimmer des Tempels eingerichtet.

»An den Gestank werde ich mich nicht gewöhnen«, seufzte er.

Berenike bewunderte gerade die drei Jungtiere einer der älteren Katzen. Eines davon, ein Kater, war blaugrau gefärbt. Sie hielt ihn hoch. Er maunzte jämmerlich und biss sie mit kraftlosen Milchzähnchen in die Hand.

»Sie sind wunderbare, nützliche Tiere. Ohne sie würden Mäuse und Ratten die Ernten im Land zerstören.« Plötzlich sah sie ihn irritiert an. »Du duftest nach Lotosöl.«

Baile lächelte verlegen. »Nefertari wollte mir den heiligen Apis-Stier zeigen mit seiner Mutter, seinen Schwestern und den hochheiligen Gattinnen.«

»Warum nimmst du mich nicht mit?« Berenike wusste selbst nicht, worüber sie sich eigentlich aufregte.

»Du bist die Oberpriesterin des Heiligtums. Du wirst dem göttlichen Apis gemeinsam mit Psen und Imuthep einen offiziellen Besuch abstatten.«

Baile hatte den goldenen Torques um seinen Hals so gut poliert, dass er auf seiner gebräunten Haut blitzte. Berenike starrte den Halsring an, als sehe sie ihn zum ersten Mal. Baile trug ihn selbst im Schlaf, er gehörte zu ihm wie Haare und Fingernägel. Es war eine feine Goldschmiedearbeit. Der eigentliche Ring war aus mehreren verdrehten Strängen geformt und endete in zwei verzierten Knäufen.

Nefertari wird sich in ihn verlieben, schoss es ihr durch den Kopf. Weit und breit gibt es im Bereich um den Tempel keinen Mann, der so gut aussieht wie Baile.

»Du möchtest nicht, dass wir gehen?«

»Doch, doch, geht nur«, sagte sie ärgerlich und ließ den Kater fallen.

Baile hob ihn hoch und drückte ihn gegen sein Gesicht. »Armer Kleiner«, flüsterte er. Sein Mund berührte das seidige Fell des Tiers.

Berenikes Herz begann unregelmäßig schnell zu schlagen. Schwarze Blitze flogen vor ihren Augen. Ein stechender Schmerz im Kopf kündigte einen Anfall an. Sie wollte nicht, dass er jetzt kam und sich ihre Krankheit wieder zeigte.

»Hör zu, Baile«, sagte sie. Ihr Gesicht verkrampfte sich unter der Anstrengung, die ihr das Sprechen bereitete. Sie brachte die Worte kaum noch hervor. Ihre Kiefer fühlten sich bleischwer an und bewegten sich nicht mehr. »Ich will nicht, dass du mit Nefertari zum Apis gehst. Erst will ich ihn besuchen. Du wirst tun, was ich dir befehle!«

Das unglaubliche Gefühl durchströmte sie. Eine vollkommene Helligkeit war in ihr und über ihr.

MEMPHIS

Berenike lernte mit einer Leichtigkeit, über die sie sich selbst wunderte. Ihr gefiel das selbstbestimmte Leben, das sie hier führte, fern von Mutter, Eunuchen, dem komplizierten Hofstaat Alexandrias und seinem undurchschaubaren Regelwerk. Sie hatte Baile bei sich, der ihr so nahe stand wie ihre Geschwister und näher als Kleopatra. Oft kam Psen in den Tempel, um sich mit ihr zu unterhalten, und ihre alte Kinderfreundschaft erwachte wieder in ihrer Erinnerung. Einzelheiten, die sie längst vergessen glaubte, fielen ihr wieder ein. Mit jedem Mal wuchs ihre Freundschaft. Psen war ihr ähnlich. Ihm erzählte sie von ihren Träumen. Sogar von ihren Anfällen erzählte sie ihm. Ihn konnte sie nach den Dingen fragen, die ihr am Tempeldienst ungewohnt waren. Alexandria vermisste sie kaum. Hier in Memphis würde sie für Jahre bleiben, und damit war sie einverstanden. Die alte schwarze Schu folgte ihr auf Schritt und Tritt und scheuchte andere Katzen eifersüchtig von ihrer Oberpriesterin fort.

»Körperlich ist sie nicht mehr die stärkste«, erklärte Miutep. »Aber die jüngeren Katzen fürchten sie und weichen von ihren Näpfen zurück, wenn Schu kommt.«

Tag für Tag wurde Berenike in neue Geheimnisse des Kults und des Tempels eingeweiht. Schweigend geleiteten die Opferdienerinnen sie eines Morgens, nach dem Frühstück der Göttin, enge Stufen hinab in eine Art Lehmhöhle unter dem eigentlichen Tempel der Sachmet. Im Licht der Fackeln gewahrte Berenike einen gestampften Lehmboden, der mit frischen Blumen bedeckt war, und ein erschreckendes Steinbild. Nur langsam erkannte sie die Darstellung: Eine Löwin in Menschengestalt reckte ihr den aufgerissenen Rachen entgegen. Der steinerne Körper war unregelmäßig mit übel riechender roter Schmiere bedeckt.

»W-was ist das?«, flüsterte Berenike. Sie stotterte deutlich weniger, seit sie in Memphis war.

»Es ist die unbesänftigte Sachmet. Wirf dich nieder vor ihr, und bitte sie um Versöhnung«, sagte Nefertari.

»Und die rote Farbe?« Berenikes Stimme bebte.

»Es ist keine Farbe. Es ist das Blut der Opfertiere, das von oben herabfließt, wenn wir der versöhnten Göttin morgens die Opfer bringen.«

»W-warum habt ihr mir diesen Raum nicht früher gezeigt?«

»Man muss stark sein, um ihn zu betreten.«

Berenike fühlte sich nicht stark. Der Geruch war so übel, dass ihr schlecht wurde. Sie kämpfte gegen den Würgereiz im Hals an.

Dann warf sie sich nieder. Die Opferdienerinnen sangen ein Gebet, klapperten mit den Holzkastagnetten, begannen zu weinen und schlugen die Köpfe auf den Boden.

Ein Gong ertönte von oben über den Tempelhof.

»Steh wieder auf!«, flüsterte Nefertari. »Jetzt werden wir uns reinigen und frische Leinenkleider anziehen.«

Alle Priesterinnen und Opferdienerinnen mussten sich zweimal am Tag und zweimal in der Nacht am ganzen Körper waschen. Zu diesem Zweck diente ein Teich im mittleren Tempelhof. Breite Stufen führten zu seinem Grund. Der Tempel der Sachmet, der als Wohnung der Göttin bis auf besondere Festtage der Allgemeinheit verschlossen blieb, war wie die Tempel anderer ägyptischer Gottheiten ein Ort der Reinheit. Für einen Angehörigen der Priesterschaft gab es kein dringenderes Gebot als das der körperlichen Reinheit. Die höheren Ptah-Priester waren aus diesem Grund auch alle kahl geschoren und beschnitten. Während des Tempeldienstes hatten die Priester und Priesterinnen ebenso wie die niederen Diener und Dienerinnen sexuell enthaltsam zu sein und mussten sich an die Speisegebote halten.

Eine ihrer ersten Amtshandlungen als Oberpriesterin des Tempels war, dass Berenike den obersten Steinmetzen aus dem Handwerkerviertel von Memphis zu sich befahl und ihm den Auftrag erteilte, eine Statue ihres Vaters aus schwarzem Granit zu besorgen.

Die lebensgroße Steinfigur traf wenige Tage später ein und wurde im ersten Innenhof unter die Statuen der heiligen Katzen gestellt. Jeden Morgen verbrannte Berenike Weihrauch und Myrrhe davor.

So erfreulich die Tage für Berenike hier in Memphis vergingen, die Träume in der Nacht waren schlimmer und deutlicher geworden. Sie beschränkten sich nicht auf Berenikes Nächte, sondern drangen auch in ihren Tag ein. Sie träumte von brennenden Kriegsschiffen, von Kriegern, die mit Pfeilen in der Brust zusammenbrachen, sie hörte Schreie und Waffengeklirr. Manchmal schrie sie im Traum so laut, dass Baile an ihre Tür klopfte, um sie zu wecken.

Baile wunderte sich nicht, als sie ihm vorsichtig und zitternd von dem erzählte, was sie im Traum gesehen hatte. Er schlief selbst nicht gut in diesen Nächten. Auch er träumte von einer Seeschlacht und ertrunkenen Kriegern, von Planken und zerhackten Leichen im aufgewühlten Meer. Darüber ließ er ihr gegenüber jedoch nichts verlauten. Überdies wäre es Hochverrat gewesen, hätte er einen solchen Traum ausgesprochen. Über eine mögliche Niederlage gegen die Römer durfte in Ägypten niemand sprechen.

»Es ist wahr«, flüsterte Berenike.

»Nicht jeder Traum ist wahr«, beschwichtigte er. »Die Götter schicken beides, Wahrträume und trügerische Traumbilder, und es ist schwer, die beiden Sorten voneinander zu unterscheiden.«

»Ich will mit Psen darüber sprechen. Ich werde morgen zum Ptah-Tempel gehen.«

»Ich komme mit«, sagte Baile ohne innere Beteiligung. In diesen Tagen war er wie vom Fieber geschüttelt. Er hatte sich in Nefertari verliebt, die so tat, als beachte sie ihn nicht. Er sah sie vor sich, in ihrem Leinengewand mit der Katzenmaserung, dem spöttischen Lächeln auf den geschminkten Lippen. Keine der Priesterinnen bewegte sich so katzenhaft wie sie. Baile schloss die Augen und malte sich aus, Nefertari zu berühren. Ihre Haut würde unter seinen Händen Funken sprühen wie das Fell einer rolligen Katze. Überhaupt war es schwer, nicht an Liebe zu denken, wenn in der Nacht die Kater schreiend über die Tempeldächer jagten und die Weibchen vor Lust schrien. Es war besser, an Nefertari zu denken als an das, was im Fall einer Niederlage der ägyptischen Seemacht bevorstand. Baile vermisste plötzlich seine gallischen Kampfgefährten, die in Alexandria zurückgeblieben waren. Er war zu unruhig, um zu schnitzen. Stattdessen klimperte er auf seiner Harfe.

In der Nacht schlich er sich fort von seinem Platz vor Berenikes Tür und legte sich wie ein liebeskranker Hund vor Nefertaris Tür. Nefertari hatte ihn durchaus bemerkt. Während Berenike der schlimmste Albtraum ihres Lebens quälte, öffnete Nefertari leise die Tür. Sie war nahezu nackt, und Baile starrte sie fassungslos an. Nefertaris Körper war von makelloser Schönheit. Sie duftete nach Balsamöl und Narden. Augen und Mund waren frisch geschminkt. Baile konnte sich nicht des Gedankens erwehren, dass sie sich für ihn schön gemacht hatte. Zugleich wusste er, dass es ihr als Priesterin im Tempel verboten war, das zu tun, wonach er sich verzehrte.

DER TRAUM

Berenike rannte schreiend durch den Innenhof des Tempels. Ihre halblangen, straffen schwarzen Haare flatterten.

»Pse – e-e-n«, hallte es von den Pylonen zurück.

Der Junge trat langsam aus dem Inneren des Tempels. Er trug die priesterliche Tracht und den gestreiften Kopfüberwurf der Priester des Gottes Ptah.

Berenike fiel ihm um den Hals. Er zog sie an sich und legte seinen Kopf tröstend auf ihre nackte Schulter.

Tränen liefen über ihr Gesicht.

»Hast du es auch geträumt?«, fragte sie nach einer langen Zeit des Schluchzens. Er hob den Kopf und trat einen Schritt zurück, ohne ihre Hände loszulassen. Sein fein geschnittenes Gesicht zeigte keine Bewegung, und seine Stimme, die eines Mannes, verriet nichts von seiner inneren Unruhe, als er ihr antwortete. »Ich habe es auch geträumt. Sprich es nicht aus. Es darf nicht gesagt werden.«

Baile kauerte im Sand neben dem Eingang des Tempels und beobachtete sie. Er war noch benommen von der Nacht mit Nefertari. Sie hatten aus rohen Tonschalen kühles rotes Bier getrunken, und Nefertari hatte ihn ermahnt, leise zu sein, damit niemand sie hörte. Als die Hähne draußen schrien, hatte sie leise gelacht und gesagt, dass sie noch nie mit einem Wilden geschlafen habe. Er hatte nicht gleich begriffen, dass sie ihn damit meinte, und geantwortet, dass sein Vater der Häuptling der Bituriger war und seine Familie seit drei Generationen neben der gallischen die griechische Sprache pflege. Dann hatte er Berenikes Schreie aus dem Nebenzimmer gehört. Unwillig hatte er sich von Nefertari gelöst und das Zimmer verlassen. Sein Versuch, sie vom Gang aus zu beruhigen, war gescheitert, sie hatte einen jener tiefen Albträume, aus denen man sie gewaltsam reißen musste. Baile musste eintreten und seinen Schützling an den Schultern wachrütteln. Aus verstörten Augen hatte sie zum Fenster geblickt.

»Das Schlimme ist, dass es wahr ist«, sagte sie schließlich. »Die schrecklichen Dinge in meinen Träumen treffen immer ein.«

»Kein Unglück geschieht, ohne dass die Götter uns vorher warnen«, sagte Baile leise. Obwohl er sie gerne gefragt hätte, was sie quälte, stellte er die Frage lieber nicht. Sie wurde erwachsen, noch vor einem halben Jahr hätte sie ihm den Traum vertrauensvoll erzählt. In Ägypten wurden die Mädchen früher reif als in Gallien.

»Geh hinüber zum Ptah-Tempel. Psen soll kommen. Psen versteht mich. Psen ist der Einzige, dem ich es erzählen kann. Beeil dich!«

»Schon gut, Dalta.«

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