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Bens gnadenlos verkorkste Schulzeit

Über dieses Buch

Ben von Stribbern liebt es, Unsinn anzustellen. Aber leider geht der immer wieder nach hinten los. Dank Ben schlummern die Handys der ganzen 7a im Schulsafe, und die Mitschüler kochen vor Wut. Wie gut, dass Gwenny aus Indien in seine Klasse kommt. Mit ihren grünen Augen verdreht sie Ben den Kopf.Doch plötzlich soll die Neue wieder gehen. Zwischen Currypulver, Pflaumen-Chutney und Rikscha-Fahrten heckt Ben einen genialen Plan aus. Ob er wohl diesmal aufgeht?

Frecher Lesespaß für Jungs und alle Fans von »Greg«, »Hugo« & Co.

Über die Autorin

Claire Singer schreibt seit mehr als 20 Jahren Bücher. Zwischendurch hat sie als Verlagsleiterin gearbeitet. Heute gestaltet sie Inhalt und Äußeres von Kinderbuch-Verlagsprogrammen. Seit einigen Jahren schreibt sie Romane und Kurzgeschichten. Sie lebt mit ihrem Sohn in München.

Über die Illustratorin

Eva Muszynski, geboren 1962, studierte Grafikdesign an der Hochschule der Künste in Berlin. Früher zeichnete sie Comics für Erwachsene, seit 1997 illustriert sie Kinderbücher, zu denen sie auch eigene Geschichten schreibt. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Claire Singer

BENS
GNADENLOS
VERKORKSTE
SCHULZEIT

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Mit Illustrationen von Eva Muszynski

BASTEI ENTERTAINMENT

EIN WORT ZU VIEL

Was wirklich schieflief, lässt sich jetzt nicht mehr sagen. Tatsache ist, dass mein gut ausgedachter Plan gründlich vermasselt wurde. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, an denen ich nicht zu hundert Prozent schuld bin. Finde ich.

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Die anderen sehen es anders.

Die anderen, das sind meine 24 Mitschüler und Mitschülerinnen, meine Geografielehrerin, Frau Herrlich (na ja), der stellvertretende Direktor Dr. Grüblein, unser etwas schrulliger Direktor Dr. Schnorfleisch sowie meine Eltern. Schwach geschätzt also rund 30 Leutchen, die im Chor singen könnten: »Herr, lass es Hirn regnen!«

Derweil hätte alles ein sehr chilliger Spaß werden können. Doch von vorne. Es ist knapp vierzehn Tage her, dass eine Elternmitteilung des Direktorats verschickt wurde mit der Anweisung, man solle den Kindern nur im äußersten Bedarfsfall ein »elektronisches Endgerät« mit in die Schule geben, und wenn, dann sei es dort auszuschalten. Keine Ahnung, was unseren Direktor Schnorfleisch geritten hat, so einen Mumpitz zu verschicken.

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Vierzehn Tage nach diesem unmenschlichen Verbot kam mir dann die glorreiche Idee. Und zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ausnahmslos alle in meiner Klasse ziemlich begeistert mitgemacht haben. Schließlich bedeutete das Mobilfunkverbot eine krasse Einschränkung unseres Alltags. Kein Rüberspielen von Musik, keine selbst gedrehten peinlichen Clips, keine WhatsApp-Botschaften in Langweilerstunden, keine rülpsenden und bellenden Klingeltöne, keine entwürdigenden Snappies entnervter Lehrer mehr. Nein, ein Handyverbot war die ultimative Spaßbremse, und ich als Besitzer des wohl coolsten und gigabytestärksten Smartphones war davon besonders betroffen. Fand ich.

Mein Plan war so simpel wie genial.

Die gesamte Klasse 7a des Galileo-Gymnasiums würde an einem bestimmten Vormittag eine Handy-Protest-aktion durchführen. Selbstverständlich heimlich, aber so, dass es uns einen halben Vormittag lang unterhalten würde. Der Mittwoch war der Idealtag dafür. Bei einem Stundenplan mit je zwei Stunden Latein und Geografie, dann Ethik und Physik, kann man gar nicht genug »elektronische Endgeräte« dabeihaben, um den geballten Unsinn auszuhalten. Besonders auf Geografie hatten wir es abgesehen. Frau Herrlich geht uns nämlich mit ihrer Leierstimme nicht nur gehörig auf den Senkel, sondern sie geht uns auch durchschnittlich nur bis zur Schulter und versucht, uns mit ultralangweiligem Wissen zu begeistern. In einer ihrer prickelnden Doppelstunden wollten wir unsere Handyoffensive starten.

Ich hatte allen meinen Klassenkameraden eingeschärft, ihre Handys erst anzuschalten, sobald die Lateinquälerei beim ollen Dittrich ein Ende hatte. Die gesamte Geografiestunde lang wollten wir nun nach dem Prinzip der Rucksack-Post SMS-Botschaften zwischen uns herumschicken. Jeder musste sich ein Wort ausdenken, das musste er an das Wort anhängen, das er geschickt bekam, und dieses neue Wort wurde dann wiederum an den Nächsten im Alphabet geschickt.

Natürlich hatten wir längst alle Nummern eingespeichert. Der Kitzel war nicht so sehr das Schreiben und Verschicken – manche Mädchen können derart schnell knibbeln, dass ich mich wundere, wie dieses Talent Jahrmillionen schlummern konnte. Nein, die wahre Kunst bestand darin, komplett unauffällig die Nachrichten zu empfangen, sich den Text auf einen Zettel zu notieren und dann den ganzen Text, plus eigenes neues Wort, ins Handy zu knibbeln und zu versenden.

Klar, je mehr Worte, desto schwieriger wurde das Ganze. Bei manchem Grobmotoriker in meiner Klasse gar nicht so einfach. Ich denke an meinen Kumpel Schmatze, eigentlich Nico Schmaus, der wohl als Baby eine besondere Milchpampe erhalten hatte und uns nun alle um Köpfe überragte. Mit seinen Riesenfüßen, die er vorzugsweise in ausgetretene Converse-Turnschuhe steckte, macht er schmatzende Gummigeräusche. Seine Hände haben Ähnlichkeit mit Klosettdeckeln. Solche Leute tun sich zum Beispiel mit zierlichen Tasten schwer.

Der eigentliche Kick aber lag darin: Niemand durfte sein Handy auf lautlos stellen! Sprich: Tastentöne aus, aber Klingeltöne ein. Es bestand also die Möglichkeit, angerufen und somit entdeckt zu werden.

Eine Art russisches Roulette mit dem Handy. Ich war doch ein wenig stolz auf die Erfindung dieses Nervenkitzels, wobei es mir unwahrscheinlich erschien, dass tatsächlich jemand einen Anruf während der Schulzeit erhielt. Ein gewisses Restrisiko blieb natürlich, aber no risk, no fun!

Das Ende der Aktion war einfach. Nach der Geografiedoppelstunde, noch vor Ethik bei Dr. Grüblein, mussten alle Handys schleunigst wieder ausgeschaltet werden. So die Theorie.

Nun, was soll ich sagen, der größte Teil des Plans klappte vorzüglich. Wir zogen es durch, und die Geografiestunde hat uns allen einen Megaspaß gemacht. Das Beste war das Ergebnis unserer SMS-Rucksack-Post. Und weil ich bei uns der Letzte im Alphabet bin, hatte ich gut zu tun, dieses Wurmwort auf einen Zettel zu notieren und wieder einzugeben.

Frau Herrlich hatte es in dieser Stunde mit einer ausgesprochen heiteren und unkonzentrierten Klasse zu tun. Ihre Fragen zu den deutschen Mittelgebirgen und den Zuflüssen des Rheins bekamen wir nur nebenei mit. Die Niederschlagsmenge in der Eifel lag uns so wenig am Herzen wie das Wetter vor unserer eigenen Tür. Das war allerdings ein Fehler gewesen, wie ich im Nachhinein feststellen musste, aber hinterher ist man ja immer schlauer.

In besagter Geografiestunde hatte sich jedenfalls etwas zusammengebraut. Ein Unwetter von kolossalem Ausmaß. Der Himmel hatte sich blauschwarz verdüstert. Einzelne spitze Wolkenfahnen schossen eilig über den Horizont. Am Fenster rüttelte ungeduldig der Wind, und die Bäume wedelten mit den Ästen wie zur La-Ola-Welle.

Doch all das hatten wir während unserer digitalen stillen SMS-Post gar nicht bemerkt. Erst nach der Geografiestunde schnellten wir aufgeregt von den Stühlen, um uns die Nasen an den Fensterscheiben platt zu drücken. Übermütig und immer noch berauscht von der Genialität des Monsterwortes, hatten wir dabei alle vergessen, dass der Plan ein sofortiges Ausschalten der Handys vorsah. Auch ich. Dann platzte Dr. Grüblein noch vor dem Gong zur Tür herein und brüllte, wir sollten uns gefälligst hinsetzen, er habe uns jemanden mitgebracht.

Vielleicht wäre alles glattgegangen, wenn der Dr. Grüblein etwas später gekommen wäre. Vielleicht hätten wir dann noch daran gedacht, zwischen Unwetter und Ethik schnell unsere Handys auszuschalten. Vielleicht wäre alles perfekt gelaufen, wenn nicht SIE plötzlich dagestanden wäre.

SIE war der JEMAND, den uns Herr Dr. Grüblein mitgebracht hatte.

SIE hatte ziemlich nette, moosgrüne Stiefelchen an, die über engen, grünlich schimmernden Jeans lustig Falten warfen, trug ein zartes Hemdchen, und etwas weiter oben flatterte noch ein sehr, sehr langer, sehr grüner Schal mit Fransen.

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