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Bella & Blue (2) - Filmstar auf vier Hufen

 

Hi, ich bin Bella.
Ich lebe mit meiner Familie auf dem Fliederhof,
zusammen mit dem Kater Sausewind X
und Blue – dem schönsten Pferd der Welt!

Donnerstag, 7. August

(immer noch Sommerferien)

 

Heute sind wir seit genau drei Wochen und drei Tagen auf dem Fliederhof. Drei Wochen Landei statt Stadtpflanze. Drei Wochen Wiese und Wald statt ­Häuserblock und Asphalt – und die ganze Zeit bin ich mit Blue zusammen. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich mein wunderschönes Mondpferd behalten durfte. B

Sie ist draußen auf der Wiese und grast friedlich in der untergehenden Sonne. Die Landschaft ist ganz in rotes Licht getaucht. Rot und lila und superromantisch.

Tagsüber steht Blue jetzt meistens im Schatten der Obstbäume. Es ist einfach viel zu heiß. Ab heute Nacht schläft sie deshalb nicht mehr im Stall, sondern darf auf der Weide bleiben.

Papa hat extra einen Zaun um die Wiese gezogen. Damit Blue nicht auf den Weg läuft, wenn ein Auto vorbeifährt. Nach hinten zum Wald steht das Gatter aber offen, Blue braucht schließlich ihre Freiheit.

Heute Morgen standen wir zusammen an der neuen Außentränke. Blue kann in einer Minute so viel trinken wie ich in einer Woche. H Da stellte sie plötzlich die Ohren auf und drehte den Kopf zur Seite.

»Was ist los?«, fragte ich sie und schaute in die gleiche Richtung. Der Postbote kam auf seinem gelben Postmoped über den Feldweg gebrettert und zog eine kleine Staubwolke hinter sich her. Hier hat es seit zwei Wochen nicht mehr geregnet, und der Boden ist trocken wie in der Wüste.

»Los, Blue! Vielleicht hat er ja einen Brief von Charlotta dabei.« Wir galoppierten los, dem knatternden Moped hinterher. Mit Blue zu galoppieren ist fast wie schaukeln, nur viel besser und direkt in den Himmel hinein. Allerdings bekamen wir eine Menge Staub ab.

Mama und Papa warteten schon vor dem Haus. Mama bot dem Postboten ein Glas Apfelschorle an, in dem ein paar Eiswürfel Winter spielten.

Ich war total aufgeregt wegen Charlotta. Sie ist meine beste Freundin, sitzt gerade irgendwo in Spanien am Strand, und ich hab eeeeeeewig nichts von ihr gehört.

Der Postmann setzte seine Motorradbrille ab, kippte die Schorle runter und stellte dann erst den Motor aus. Schließlich sagte er: »Sie sind also die Neuen auf dem Fliederhof?« Mama und Papa nickten. »Na, Ihre Tochter hat ja gleich einen großen Freund gefunden.«

Er sah ein bisschen genervt zu mir herüber. Sein Gesicht war kreisrund wie ein Autoreifen, und die ­kratertiefen Falten auf seiner Stirn sagten mir, dass er oft so grimmig schaut.

»Eine Freundin!«, korrigierte ich. »Blue ist eine Stute. Und ich heiße Bella.« Ehe der Postbote noch was sagen konnte, fragte ich ihn: »Haben Sie einen Brief für Bella Fröhlich?«

Es kann die Leute nervös machen, wenn man neben ihnen auf einem Pferd sitzt. Schließlich ist ein Pferd ganz schön groß und ein bierbäuchiger Postbote auf einem Moped ziemlich klein. T Trotzdem beachtete er mich überhaupt nicht, sondern redete einfach weiter mit Mama und Papa.

»Hoffentlich regnet es bald wieder«, meinte er.

»Könnte bestimmt nicht schaden«, stimmte ihm Papa zu.

»Meinem älteren Bruder gehört der Weidehof. Er sagt, bei der Hitze geht alles vor die Hunde. Und ich kriege eine Staublunge vom Fahren. Da hat es unser kleiner Bruder besser.«

»Was macht Ihr kleiner Bruder denn?«, fragte Mama neugierig.

»Ihm gehört der Buch- und Schreibwarenladen Knickrig in Landweiler.«

»Oh, wirklich?« Mama liebt Buchläden fast so sehr wie Blumenläden. Q »Wir lesen gern. Wir kommen nur nicht so oft nach Landweiler.«

»Ach, das ist kein Problem. Rufen Sie einfach ­meinen Bruder Jakob an, der schickt Ihnen alles zu, was Sie bestellen. Der Versandt ist ja quasi Familien­sache.«

»Ist das ein Versprechen?«

»Worauf Sie sich verlassen können, Bücherwürmer und Buchhändler müssen doch zusammenhalten!« Er drückte Papa einen dicken Stapel Post in die Hand.

»Beim nächsten Mal müssen Sie mit dem Laster kommen«, kicherte Mama.

Sofort waren die Stirnfalten wieder da. »Wir sollten Ihnen die Post doch nachsenden, oder nicht, Frau Fröhlich?«

»Doch, natürlich.« Verdutzt über den plötzlich unfreundlichen Ton des Postboten stand Mama an der Treppe und ließ die Eiswürfel im leeren Glas klimpern. »Ähm . . .«

Das war sozusagen mein Stichwort.

»Ist ein Brief oder eine Karte von Charlotta dabei?«, wiederholte ich meine Frage.

Papa grinste. »Ich dachte schon, du hättest sie vor lauter Blue ganz vergessen.«

»Ich habe auch ein ganz schlechtes Gewissen, aber ich denke total oft an sie!«

Das stimmt gar nicht. C Aber ein schlechtes Gewissen habe ich!

Papa sah die Post durch. »Soweit ich sehe, ist nichts von Charlotta mitgekommen.«

Ich wollte schon wieder losreiten, da rief er plötzlich begeistert: »Aber das Schreiben von Street Movie ist da!«

Was bitte war Street Movie ? Und warum war Papa so aufgeregt?

Den Postboten interessierte das nicht. Er schmiss seine Maschine wieder an, setzte den kugelförmigen Helm auf seinen kugelförmigen Kopf, bedankte sich jetzt doch noch für die Schorle und knatterte auf und davon.

Papa drückte Mama die restliche Post in die Hand und riss den Brief von Street Movie auf.

Mama fragte ungeduldig: »Hat es geklappt?«

»Lass mich erst mal lesen, Luisa.«

. . .

. . .

. . .

 

Ich glaube, Papa hat den Brief gleich drei Mal gelesen, bevor er endlich grinste und zu Mama sagte: »Hat geklappt.«

»Was hat geklappt?«, wollte ich wissen.

»Auf dem Fliederhof wird ein Film gedreht. Marlene kommt nächste Woche mit ihrem Team.«

»Wie?«

»Du weißt doch, dass sie beim Film arbeitet.«

Ja, das wusste ich. Tante Marlene macht Filme, genau wie Papa.

Aber ihre Darsteller sind keine Insekten, sondern Menschen. Ihr letztes Werk haben sich meine Eltern sogar im Kino angeguckt. Irgendwas mit Liebe und Streit und wieder Liebe.

Mama fand ihn brillant, Papa eher nicht so. P

»Sarah kommt auch mit«, ergänzte Mama. »Sie spielt die Hauptrolle.«

Meine Cousine Sarah und ich haben uns zum ­letzten Mal gesehen, da saßen wir noch zusammen im Sandkasten. Sie hat mich mit erhobenem ­Schäufelchen dazu überredet, ihren Sandkuchen zu essen.

Ich weiß noch, das Schäufelchen war rot und RIESIG. Aber ich war ja auch noch winzig.

Sarah muss etwa zwei Jahre älter als ich sein. Ich sehe ihr langes schwarzes Haar und das goldene Delfinspängchen mit den Glitzersteinen direkt vor mir. Später ist sie mit ihrer Mama nach Berlin gezogen.

Jedenfalls fand ich das heute alles schon ziemlich auf­regend.