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Bekenntnisse einer Ex

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

„Exfreundinnen werden gemacht, nicht geboren.“

– Emma Carter, sich erholende Exfreundin –

Bekenntnis: Ich hätte es kommen sehen müssen.

Meine Freundin Jade behauptet, dass, wenn man mit einem Serienkiller zusammen ist, er einen seine Absichten vom ersten Tag an wissen lässt – wenn auch sehr subtil. Und wenn man sich zu besagtem Serienkiller besonders hingezogen fühlt, wird man bei seinen Hinweisen lediglich freundlich nicken, lächeln und sie prompt vergessen.

Es ist wahr, dass Derrick mir bei unserem ersten Date erzählte, dass er an die Westküste ziehen würde, sobald er sein erstes Drehbuch verkauft hätte. Aber da er das unmittelbar nach unserem ersten Kuss sagte – inklusive Sonnenuntergang über dem Hudson, an dessen Ufer wir einen romantischen Abendspaziergang machten –, entnahm ich dieser Information nicht, dass er mich eines Tages verlassen würde, sondern registrierte nur, dass er a) fantastisch küssen konnte, und b) ein Schriftsteller war, wodurch er sich als Seelenverwandter qualifizierte. Schließlich war ich auch eine Art Schriftstellerin.

Es ist leider eine Tatsache, dass fast jeder Mann, den man in New York City kennen lernt, entweder zu ehrgeizig, zu kreativ oder vom Rest der Welt zu sehr begehrt ist, um überhaupt eine Freundin zu haben. Dennoch habe ich nach zwei Jahren, in denen ich zahlreiche Nächte zusammen mit Derrick auf dem Futon in meinem mietpreisgebundenen Apartment verbracht habe, uns dummerweise als Pärchen angesehen, das füreinander bestimmt war. Und das, obwohl eigentlich alles gegen eine Beziehung sprach.

Wir haben uns am U-Bahnsteig in der Vierten Straße West kennen gelernt, an dem die Züge in Richtung Uptown abfahren. Hauptsächlich fiel er mir deshalb auf, weil wir beide ähnlich angezogen waren: schwarzes T-Shirt und Jeans. Und die Art und Weise, wie er versuchte, meinen Blick auf sich zu ziehen, hatte etwas so unbeholfen Scheues an sich, dass ich einfach nicht widerstehen konnte. „Hi“, sagte er und kam langsam näher.

Eine Schrecksekunde lang dachte ich, er sei einer dieser Verrückten, die nichts ahnende Frauen auf die Schienen schubsen. Aber als ich sein sorgsam gepflegtes Spitzbärtchen sah, fühlte ich mich unsinnigerweise sicher. Männer mit Spitzbärtchen vermitteln mir aus irgendwelchen Gründen ein tröstendes, wenn auch leicht beunruhigendes Gefühl. Ich erinnere mich auch noch daran, dass mich die klare Farbe seiner Augen hinter der Nickelbrille überraschte. Und die Brille gefiel mir – ich liebe Männer mit Brille.

Es war Sommer, und auf dem Bahnsteig war es heiß und stickig. „Ganz schön warm hier unten“, bemerkte Derrick.

„Wie in einer Achselhöhle“, antwortete ich, ohne nachzudenken.

Das war genau eine dieser offenherzigen, leicht vulgären Bemerkungen, vor denen Jade mich unzählige Male gewarnt hatte. „Es gibt Dinge, die darf man einfach nicht zu einem Mann sagen, mit dem man gern eines Tages Sex haben will.“

Derrick sah mich etwas seltsam an, dann lachte er leise, stellte sich vor und fragte nach meinem Namen.

„Emma“, sagte ich schnell. In diesem Moment kam die U-Bahn und rettete uns davor, noch weiter reichlich gezwungene Konversation zu machen.

Tatsächlich war die Tatsache, dass Derrick zu unbeholfen und planlos war, mich zu verführen, der Grund dafür, dass ich mich sofort zu ihm hingezogen fühlte. „Verlässt du übers Wochenende die Stadt?“ fragte er und warf einen Blick auf meine voll gepackte Tasche. „Nein“, gab ich wenig originell zur Antwort.

„Oh.“ Er musterte meine Tasche mit gerunzelter Stirn. „Ich schon. Ich fahre an den Strand. New Jersey.“

Dann hielt er seine Tasche hoch, die mir zu klein vorkam, um darin eine Flasche Sonnenschutzmittel und frische Unterwäsche unterzubringen. Aber da ich ihn wirklich attraktiv fand, hielt ich mich zurück und machte keine weitere dumme Bemerkung.

Als der Zug am Penn Station hielt, wo er aussteigen musste – einen Moment zuvor hatte ich erzählt, ich sei auf dem Weg zum Guggenheim Museum, um die Ausstellung „Phallische Unvermeidlichkeit und die Surrealistische Schule“ zu besuchen, was Derrick mit bewundernd hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis genommen hatte –, unterlief mir mein erster taktischer Fehler. Obwohl Jade mir immer wieder geraten hatte, niemals den ersten Schritt zu tun, stieg ich rasch hinter Derrick aus. Was sollte ich tun? Zulassen, dass er vergeblich in seinen Taschen nach etwas zu schreiben sucht, um sich meine Telefonnummer zu notieren, während die Tür zwar noch geöffnet war, aber sich jeden Moment schließen konnte und mir damit jede Chance zum Glücklichsein nahm? Ich verfiel in Panik.

„Oh, ich dachte, du fährst …“, sagte er verwirrt.

„Es ist besser, wenn ich hier schon umsteige“, antwortete ich schnell und hoffte, dass er nicht sofort durchschaute, dass das unmöglich stimmen konnte.

Erleichtert beförderte er schließlich einen Stift und ein Stück Papier zu Tage und reichte mir beides. Als ich fertig war, schrieb er ebenfalls seine Telefonnummer auf den Zettel, riss ihn durch und gab mir eine Hälfte. Dann blickte er nervös auf die Uhr und murmelte ein kurzes, aber herzliches „Wiedersehen“. Und weg war er, während ich verträumt auf dem Bahnsteig zurückblieb.

Die Verträumtheit dauerte drei Minuten, in denen ich mir vorstellte, wie wir uns bei einem Drink in einer kleinen In-Bar in Downtown – Bar Six oder Lansky Lounge – innig unterhalten würden. Dann kamen mir erste Zweifel. Um mich zu vergewissern, dass ich tatsächlich die Telefonnummer dieses attraktiven Typen hatte, warf ich schnell einen Blick auf den zusammengefalteten Zettel in meiner Hand. Als ich ihn auseinander faltete, sah ich voller Entsetzen, dass er mir den Teil gegeben hatte, auf den ich meine Nummer geschrieben hatte. Und ich hatte ihm nicht mal meinen Nachnamen verraten, so dass er mich im Telefonbuch hätte finden können.

„Ihr seid wie füreinander gemacht“, bemerkte Jade, als ich ihr später diese Story erzählte. „Keiner von euch beiden wird jemals Sex haben, wenn ihr euch schon beim ersten Schritt so doof anstellt.“

Trost suchend wandte ich mich anschließend an meine Freundin Alyssa. Im Gegensatz zu Jade ist Lys eine hoffnungslose Romantikerin, die allem etwas Positives abzuringen versucht. „Vielleicht gibt er eine Anzeige auf, in der er nach dir sucht. Manche Leute machen so etwas. Die Voice hat eine Seite voll damit. Du weißt schon: ‚Habe dich im Zug A kennen gelernt. Du, brünett, wunderhübsche grüne Augen …‘“

„Meine Augen sind hellbraun.“

„,Süß und schüchtern‘.“

„Ich?“

„Na ja, wenn man dich gerade erst kennen lernt, dann erweckst du schon diesen Eindruck!“ Und dann fuhr Lys in der Stimme des Mannes fort, den sie nicht kannte, aber den sie für fähig hielt, solche großartigen romantischen Gesten zu machen: „Ich, Schriftsteller, suche nach dir. Ich dachte, ich hätte dich gefunden, aber du, meine Schöne, bist mir entflohen. Bitte ruf mich an …“

„Vergiss es. So was macht ein Typ niemals. Da kann ich warten, bis ich tot umfalle.“

„Dann mach du es doch, Em. Gib eine Anzeige auf! Los, trau dich! Was hast du schon zu verlieren?“

„Früher habe ich diese Anzeigen auch gelesen, Lys“, erklärte ich. „Immerzu. Ich fand sie auch romantisch. Aber je mehr du davon liest, desto klarer wird dir, wie verzweifelt viele Leute sind. Also wirklich. Man kann doch nicht ernsthaft glauben, dass eine zufällige Begegnung – zum Beispiel wenn man jemandem in einer Menge versehentlich auf den Fuß tritt – vom Schicksal gewollt ist. Komm, hör doch auf.“

„Ah, unsere Zynikerin.“

Es stimmt, dass ich in der Zeit vor Derrick zum Zynismus neigte. Aber wer wollte mir das schon vorwerfen? Damals war ich 29 Jahre alt und mit genug Männern befreundet gewesen, um zu wissen, dass mein Seelenverwandter letztendlich nichts anderes sein würde als ein gut passendes Paar Schuhe.

Aber dann schaltete sich die Vorbestimmung tatsächlich ein. Gerade als Alyssa und ich uns über die glücklose Begegnung in der U-Bahn vor zwei Wochen unterhielten, erblickte ich Derrick. Er saß zwei Tische von uns im Peacock Café entfernt und trug die ausgewaschensten Levi’s, die ich jemals gesehen hatte. Trotz meiner ausgedehnten Streifzüge durch Second-Hand-Läden hatte ich so etwas bisher nicht finden können.

„Hey“, sagte er und sprang so vehement auf, dass er fast den kleinen Tisch vor sich umriss. „Das bist ja du.“ Und plötzlich stand er vor meinem Tisch und sah mich erstaunt an.

Ich stand ebenfalls auf und starrte in sein hübsches Gesicht, während Alyssa sitzen blieb, von einem zum anderem schaute und langsam zu lächeln begann.

„Ich konnte nicht fassen, wie idiotisch ich mich neulich angestellt habe“, sagte er.

„Das ging mir genauso“, antwortete ich, und ignorierte alles, was Jade mir erzählt hatte, während ich stammelnd erzählte, wie bescheuert ich mir vorgekommen war, als ich das Missverständnis mit den Zetteln bemerkt hatte.

„Siehst du, es war doch Schicksal“, stellte Alyssa fest, als Derrick fünfzehn Minuten später unseren Tisch verließ, nachdem er diesmal den richtigen Zettel sicher in seiner Hosentasche verstaut hatte.

Aber wenn es Schicksal war – warum hat Derrick mich dann wegen Hollywood verlassen?

Bekenntnis: Entgegen anderen Meinungen bin ich ohne ihn nicht besser dran.

Sogar Derrick hatte den Nerv, mir zu erklären, warum ich glücklich sein sollte, obwohl er mich verließ. Er meinte, ich hätte ein traumhaftes Leben. Wie viele Menschen, argumentierte er, könnten schon von sich behaupten, den größten Teil ihres Lebens zwischen zwanzig und dreißig in der tollsten Stadt der Welt verbracht zu haben?

„Wenn es so eine tolle Stadt ist, warum ziehst du dann weg?“ gab ich zurück.

Daraufhin erklärte er zum wiederholten Mal, in dieser ruhigen rationalen Stimme, die ich in den letzten Tagen voller Trennungsangst zu hassen gelernt hatte, dass er nur in L.A. die Gelegenheit hätte, Karriere zu machen. Dass jetzt, nachdem er sein erstes Drehbuch verkauft hatte, ein Studio ihn als Scriptschreiber haben wollte. Dass er an der Westküste bessere Chancen hätte. Dass er einfach umziehen müsse, um groß rauszukommen.

Ohne mich, dachte ich in der Stille, die seinen Erklärungen folgte. Und während ich erwog, mich ihm zu Füßen zu werfen und ihn anzuflehen, mich mitzunehmen, änderte er seine Taktik.

„Du hast hier so viel“, war sein nächstes Argument. „Dein eigenes Apartment. Deine Karriere.“

Diese Bemerkungen verlangen nach einer Erklärung.

Erstens: mein Apartment. Wem der Begriff „begehbarer Schrank“ verheißungsvoll erscheint, der möge innehalten und ein zweites Mal darüber nachdenken. Mein begehbarer Schrank beinhaltet ein Bett, eine Kommode, einen Schreibtisch und ein heruntergekommenes Bücherregal. Ach, und habe ich die Barbie-Küche erwähnt, die sich ebenfalls darin befindet? Ja, das ist richtig. Mein Apartment ist ein begehbarer Schrank. Natürlich muss man ihm zugute halten, dass es mietpreisgebunden ist und sich unterhalb der Vierzehnten Straße befindet, also in der einzig lebenswerten Gegend Manhattans.

Und was meine Karriere angeht … wenn in einem Gespräch die unvermeidliche Bemerkung „Und was machst du?“ fällt, dann antworte ich, dass ich für eine Frauenzeitschrift schreibe. Das ist zwar keine Lüge, aber dennoch ist meine tatsächliche Arbeit nicht so cool, wie es klingt. In Wirklichkeit arbeite ich für das Brautmagazin Bridal Best, indem ich mir Überschriften ausdenke und mit zunehmender Häufigkeit Artikel über so interessante Themen wie „Die heißesten Urlaubsorte für Flitterwochen“ und „Hochzeitskleider, in denen man tatsächlich atmen kann“ verfasse.

Bestenfalls kann man meine illustre Karriere bei Bridal Best als ein günstiges Zufallsprodukt bezeichnen, denn sie fing damit an, dass ich zwei Wochen in der Redaktion als Sekretärin aushalf, woraus sich ein fester Job entwickelt hat, weil sich meine Chefin Caroline Jamison für mich eingesetzt hat. Wie hätte ich ihren Bemühungen auch widerstehen können, nachdem mir mein Magister in „Kreativem Schreiben“, den ich an der NYU gemacht habe, lediglich eine Hand voll unveröffentlichter Kurzgeschichten und einen Ganztagsjob als Kellnerin eingebracht hatte?

Als ich jetzt am Mittwochmorgen voller Selbstmitleid in einer Redaktionsversammlung saß und insgeheim die Minuten zählte, bis Derricks Flieger abheben und ihn mir unwiederbringlich entreißen würde, ertappte ich mich bei dem Wunsch, ich hätte um drei Uhr nachts nicht dem Impuls widerstanden, ihn anzurufen und ihm zu sagen, was für ein herzloser Bastard er ist.

Durch eine dunkle Wolke der Verzweiflung sah ich unsere Chefredakteurin Patricia Landess, die ihre wöchentliche Motivationsrede hielt: „Wir von Bridal Best haben die Aufgabe, die Braut in jeder Frau anzusprechen“, begann Patricia, „egal ob sie von diesem ganz besonderen Tag nur träumt oder den ersten Schritt unternimmt, ihre Träume in die Realität umzusetzen.“

Schritt eins: Verhindere, dass dein Freund den Bundesstaat verlässt.

Ich seufzte. Plötzlich deprimierte mich das Hochzeitsmantra, das Patricia in den nächsten Minuten unablässig von sich geben würde. Während ich ihr fransiges blondes Haar, ihr blasses Gesicht und ihre blauen Augen betrachtete, fragte ich mich, ob das auch mein Schicksal war: eine ultradünne, etwas altjüngferliche, aber sich gut gehaltene Chefredakteurin einer Zeitschrift zu werden. Eine Karrierefrau, die keinen Mann, sondern nur jeden Monat einen fetten Gehaltsscheck und genug Manuskripte als Heimarbeit brauchte, um zu vergessen, dass es im Leben mehr als nur Arbeit gibt.

Dann fiel mir noch etwas ein.

Im Gegensatz zu mir war Patricia verheiratet. Und egal, wie zweifelhaft diese Ehe den Gerüchten nach auch war, gab ihr das einen meilenweiten Vorsprung zu einer männerlosen, hart ums Überleben kämpfenden Redakteurin wie mir.

Fieberhaft ließ ich meinen Blick den langen Tisch hoch- und wieder runterschweifen, an dem das ganze Redaktionsteam von Bridal Best anscheinend andächtig Patricias Worten lauschte. Da hinten saß Rebecca, die einzige Kollegin, die ich als Freundin bezeichnen würde und die meinen Enthusiasmus teilte, wenn es darum ging, gelegentlich das Schicksal herauszufordern. Aber Rebecca hatte einen Freund, und was noch schlimmer war, sogar einen unglaublich perfekten Freund, der nicht nur einen gut bezahlten Job bei einer Steuerberatungsfirma hatte, sondern auch noch aus einer Familie mit sehr viel Geld stammte.

Dann saß da noch meine Chefin Caroline, die Dank ihres hart arbeitenden Ehemannes, den sie vorsorglich jeden Tag in dem großzügig geschnittenen Haus in Connecticut zurückließ, mit dem vierten Kind schwanger war. Die anderen drei Redakteurinnen waren ebenfalls verheiratet. Sandras Hochzeit mit Roger vor zwei Jahren war beinahe so sensationell gewesen wie die Hochzeit von Patricia. Debbie, deren fünfzigster Geburtstag sich näherte, war bereits so viele Jahre verheiratet, dass die anderen sich nicht mal mehr daran erinnern konnten, wie ihr Ehemann überhaupt aussah. Von Carmen behauptete unsere Produktionsassistentin und amtierende Bürotratschtante Marcy Keller, dass sie nicht nur einen Ehemann, sondern auch noch einen Geliebten habe. Janice aus der Produktionsredaktion war bereits zum zweiten Mal verheiratet, und das, obwohl sie ein haariges Muttermal auf der einen Gesichtshälfte hatte. Wer blieb da noch vom Redaktionsteam übrig, abgesehen von den ganz jungen Assistentinnen, denen dieses Thema noch völlig egal war?

Ich blickte zum anderen Ende des Tisches und schluckte, als ich dort das seltsame Trio versammelt sah: Lucretia Wenner, die stets übellaunige Korrektorin, die wahrscheinlich weder einen Mann noch eine Frau lieben konnte; die am ganzen Körper gepiercte und maskulin wirkende Nancy Hamlin aus der Verwaltung, von der jeder vermutete, sie sei lesbisch; und Marcy Keller, die so viel Zeit damit zubrachte, die Leben der anderen zu studieren, dass sie vergessen hatte, dass sie selbst eins hatte. Ich schloss die Augen, um nicht mehr den hoffnungslosen Blick in ihren Augen sehen zu müssen, den auch nicht ihr bitteres Lächeln verbergen konnte.

Oh Gott, war es das, was mich erwartete?

Bekenntnis: Ich bin noch nicht bereit, nur eine Exfreundin zu sein.

Diese Erkenntnis kam mir, als ich mein erstes Wochenende allein als Single verbrachte. Derrick war drei Tage zuvor nach L.A. geflogen und hatte versprochen, sich zu melden, sowie er sich eingerichtet hatte. Aber wir hatten beschlossen, ab jetzt nur noch Freunde zu sein. Ich bekenne, dass er der einzige „Freund“ ist, dem ich jemals gewünscht habe, er würde mit seinem Vorhaben kläglich scheitern. In meinen Träumen kehrte er mit eingezogenem Schwanz nach New York zurück und flehte mich an, ihn wieder zurückzunehmen.

Obwohl Jade mich gefragt hatte, ob ich zusammen mit ihr und einigen ihrer Freundinnen von Threads, der Modezeitschrift, bei der sie als Stilistin arbeitete, ausgehen wollte, entschloss ich mich, den Discoabend auf der Tanzfläche, auf der ich neben ihren pseudoartigen Supermodel-Freundinnen fett und altmodisch aussehen würde, zu Gunsten von einem ruhigen Abend bei Alyssa dankend abzulehnen.

„Dir ist dein Recht auf Wut verweigert worden, Em“, erklärte Alyssa, nachdem sie mir einen Martini gemacht hatte, woraufhin ich nach dem zweiten Schluck in jämmerlichstes Selbstmitleid verfallen war, bis Alyssa mich mit ihrem albernen „Ich bin okay, du bist okay“-Ratschlag abgewürgt hatte.

Ich seufzte laut und tief, während ich zusah, wie sie mit viel Sorgfalt Pilze in eine Gourmet-Pfanne schnitt, um ihrem Freund Richard, mit dem sie zusammenwohnte, ein fabelhaftes Essen zu kochen. Noch war er aber von seinem einflussreichen und – wie konnte es anders sein – großartig bezahlten Job als Rechtsanwalt bei einem Konzern nicht nach Hause gekommen. Alyssa war ebenfalls Rechtsanwältin, aber eine von der erdverbundenen Sorte, die sich für die Natur und die Qualität des Trinkwassers einsetzen. Neben ihrem Einsatz für die Umwelt und bei zig anderen Institutionen kochte sie auch sehr gern so herzhaft gesunde, bewusstseinserweiternde Gerichte wie „Weizenvollkornauflauf mit geröstetem Babymais“. So sehr ich ihre vielseitigen Talente normalerweise bewunderte, deprimierten sie mich an diesem Abend. Musste man so viel wie sie leisten, um den Status „Freundin“ zu erhalten? Vielleicht hätte ich mich doch mehr bemühen und Derrick mal etwas anderes als Kaffee mit Kaffeeweißer am Sonntagmorgen anbieten sollen.

„Nur weil er einen sehr guten Grund hatte, dich zu verlassen, heißt das nicht, dass du nicht einen sehr guten Grund hast, darüber wütend zu sein“, fuhr Alyssa fort, während sie die Pilze sautierte. Die braunen Locken wippten in einem Pferdeschwanz, und sie zog über ihren blitzenden blauen Augen die Brauen zusammen.

Obwohl Alyssa mich besser kennt als jede andere meiner Freundinnen, hat sie keine Ahnung, wovon sie spricht, wenn es um das Dasein als Exfreundin geht. Denn schließlich ist Lys seit der Pubertät nie ohne Freund gewesen. Als ich sie mal fragte, wie sie das geschafft hätte, lachte sie und meinte, sie wäre mit dem alten Freund immer so lange zusammen gewesen, bis sie einander leid waren, und hätte genau in dem Moment mit ihm Schluss gemacht, wenn der nächste Freund vor der Tür gestanden hatte.

Wenn mir das ein anderes Mädchen als Alyssa erzählt hätte, würde ich vermutlich glauben, es leide unter einem akuten „Chronischen-Freund-Syndrom“ – ein Zustand, der viele Frauen dazu bringt, ihr Leben um das Dasein ihres Freundes zu organisieren, der zwar indiskutabel ist, aber besser als überhaupt kein Freund. Aber ich bin davon überzeugt, dass Alyssa niemals aus diesem Grund einen Freund hatte. Sie ist nur dermaßen liebenswert, dass die meisten Männer, die ihr begegnen, sich wünschen, sie hätten sie für sich allein.

Ein perfektes Beispiel dafür ist ihr momentaner Lover Richard, der der erste Mann ist, mit dem Alyssa das Risiko einer gemeinsamen Wohnung eingegangen ist. Zudem ist er der netteste von allen ihren Freunden, die ich kennen gelernt habe. Davor wohnte Richard mit Dan, Alyssas letztem Freund, zusammen. Sie studierten alle drei Jura, und Alyssa war sehr oft bei Dan, um ihrer schrecklichen Mitbewohnerin aus dem Weg zu gehen. Richard nahm jede Gelegenheit wahr, ihr näher zu kommen. Ich kann mir lebhaft seine Begeisterung vorstellen, als Dan sich entschloss, zurück nach Ohio zu ziehen und in der Praxis seines Vaters mitzuarbeiten. Denn logischerweise ließ das Alyssa allein und frei für Richard zurück, der sich bereits hoffnungslos in sie verliebt hatte.

Alyssa schaute mich fragend an und erwartete eine Reaktion auf ihre psychologischen Exkurse.

„Ich glaube nicht, dass ich wütend bin, Lys. Ich vermisse ihn nur so schrecklich.“

„Na, du solltest aber wütend werden, Em“, sagte Alyssa. „Du kommst nicht darüber hinweg, bis du es nicht durch Wut bewältigt hast.“

Der Gedanke, über Derrick wegzukommen, erschreckte mich maßlos. Er war der Mann, den ich liebte. Mein Seelenverwandter. Über ihn hinwegzukommen war keine erstrebenswerte Aussicht.

„Hmhm“, antwortete ich unbestimmt. Und während ich dasaß und über die Kühnheit ihres Vorschlags nachdachte, stimmte ich ganz nebenbei ihrer Einladung zu, mit ihr und Richard zusammen Abendbrot zu essen – was sich später als Fehler herausstellen sollte. Als ich sie dabei beobachtete, wie sie sich gegenseitig kleine Erlebnisse aus ihrem Tagesgeschehen erzählten und sich dabei bedeutungsvolle Blicke zuwarfen, wurde mir klar, dass ich ein neues Leben brauchte – ein Leben, das eins nicht enthalten durfte: Pärchen.

Bekenntnis: Ich habe mich fälschlicherweise dem Glauben hingegeben, dass ich nie, nie wieder die Dating-Szene aufsuchen würde.

Als Erstes rief ich am Samstagmorgen Jade an und flehte sie förmlich an, mit mir zum Brunch zu gehen. Und trotz ihres leichten Katers erklärte sie sich dazu bereit, noch vor der Abenddämmerung das Haus zu verlassen – tolle Freundin, wie sie nun einmal ist.

Wir trafen uns im French Roast, hauptsächlich deshalb, weil es dort draußen Tische gab und Jade so rauchen konnte. Als ich um fünf vor eins draußen saß und auf sie wartete – ich bin immer etwas zu früh dran, eine Angewohnheit, die ich wahrscheinlich entwickelt hatte, um dem sich stets verspätenden, aber sonst perfekten Derrick etwas voraus zu haben – freute ich mich schon auf ein fundiertes aufbauendes Single-Coaching. Schließlich war Jade eine der wenigen Freundinnen, die sich anscheinend furchtlos auf das Schlachtfeld der Dating-Szene von NYC wagten. Niemals steckte sie die Niederlagen ein, die andere Mädchen erleiden mussten. Wenn Jade einem Mann ihre Telefonnummer gab, dann rief er auch immer an. Manchmal nahm sie nicht mal den Hörer ab, so selbstsicher war sie.

Um Viertel nach eins segelte sie schließlich auf den Tisch zu, den ich uns reserviert hatte. Mit ihren Caprihosen und dem engen Top, das ihre gebräunten Schultern frei ließ, sah sie auf lässige Weise klasse aus. Jade ist eine der Frauen, die zum Model prädestiniert sind. Sie hat Größe sechsunddreißig, einen netten kleinen Busen und praktisch keine Hüften. Ihr dunkelrotes Haar fließt in sanften Wellen bis zur Mitte ihres Rückens und bedarf anscheinend keines besonderen Stylings. Jade ist die Sorte Frau, die andere Frauen gern hassen würden, und sei es nur deshalb, weil kein Mann sie ignorieren kann. Aber sie wirkt auf Männer und Frauen gleichermaßen unwiderstehlich. Manchmal erstaunt es mich, dass wir befreundet sind, sie so anmutig und selbstbewusst, ich oft tollpatschig und unzufrieden. Aber wir kennen uns schon lange, und uns verbinden gemeinsame Erinnerungen wie die an unsere ersten BHs und unsere ersten Freunde. Als Jade auf die zwanzig zuging, ermutigte sie ein Fotograf, eine Mappe mit Fotos von sich zusammenzustellen. Das tat sie auch, aber als sie die Mappe bei Modelagenturen einreichen sollte, lehnte sie gleichmütig ab, so, als ob das nichts Besonderes sei. Nach verschiedenen Versuchen ergab es sich aber, dass Jade einen Beruf ergriff, bei dem sie hinter statt vor der Kamera steht, nämlich als Modestylistin der Zeitschrift Thread.

„Entschuldige bitte die Verspätung“, sagte sie und umarmte mich rasch. Dann ging sie einen Schritt zurück und sah mir kritisch in die Augen, wahrscheinlich, um einzuschätzen, wie es um meine Stimmung stand. Zuerst bestellten wir unser Essen, sie einen Salat – nicht etwa, weil sie auf ihre Figur achten muss, sondern weil sie tatsächlich gern Salat isst –, ich Räucherlachs mit Bratkartoffeln und Ei – eine etwas elegantere Version der fetten kohlenhydrathaltigen Mahlzeiten, mit denen ich mich in Momenten tiefsten Selbstmitleids tröste. Dann sagte Jade: „Okay, erzähl. Was ist mit dir los? Warum bläst du Trübsal? Du brauchst es erst gar nicht abzustreiten. Er ist es nicht wert. Kein Mann ist es wert, dass man seinetwegen durchhängt.“

Und so begann ich den Monolog über mein Leben, das sich viel zu schnell vom glücklichen Pärchendasein zum entsetzlich schmerzhaften Singlestatus gewandelt hatte, und das alles noch vor dem Memorial-Day-Wochenende!

„Alyssa sagt, dass ich keine Wut empfinde, weil er mich wegen eines guten Grundes verlassen hat. Es stimmt, dass ich es ihm nicht übel nehmen kann, weil er seinen eigenen Zukunftstraum verwirklicht. Ich weiß, dass alles, was er immer wollte, war, vom Schreiben leben zu können. Und als er das Drehbuch verkaufte, sah er plötzlich, dass sein Wunsch sich erfüllen würde – in Los Angeles.“

Jade zündete sich eine Zigarette an, wobei mir wieder mal bewusst wurde, dass ich zwar nicht mehr rauchte, aber oft große Lust auf einen Zug verspürte. „Ich muss dich jetzt mal etwas fragen. Wenn du so unter der Trennung leidest, warum ziehst du dann nicht zu ihm nach Los Angeles?“

Diese Reaktion war typisch für Jade – sie redete nie lange drum herum, sondern kam immer direkt auf den Punkt und stellte mir die Frage, die ich mir selbst noch nicht stellen wollte. „Soll ich deshalb meine Karriere aufgeben?“ fragte ich und zitierte damit Derricks Argument, das er als Begründung benutzt hatte, warum er mich nicht bitten konnte, mit ihm zu kommen. Was mich tief getroffen hatte.

„Bei Bridal Best?“ fragte sie ungläubig.

„Ich bin bald mit einer Beförderung dran“, sagte ich verteidigend, während mir bewusst wurde, wie lächerlich es war, dass ich meinen Job vorschob. Ausgerechnet meine Arbeit, über die ich so gern spottete, wenn ich mich freitags nach der Arbeit mit Alyssa auf einen Drink zur Happy Hour traf. Aber wie konnte ich Jade, die genau wusste, dass ich mein Leben lang Schriftstellerin werden wollte, erklären, dass die letzten zwei Jahre – die „Derrick-Jahre“, wie ich sie eines Tages nennen würde – meine Kreativität so eingeschränkt hatten, dass sie nur noch knapp für den Job als Redakteurin ausreichte? Bei einer Zeitschrift, die, wie ich oft scherzte, sich schamlos an der weiblichen Sehnsucht nach der ewig währenden Liebe bereicherte.

In unserer Beziehung hat es nur Platz für einen Schriftsteller gegeben, und das war zweifelsohne Derricks Platz gewesen, der bereits an einem Drehbuch schrieb und dazu noch eine ganze Reihe Kurzgeschichten in verschiedenen Literaturzeitschriften veröffentlicht hatte. Ich dagegen hatte seit anderthalb Jahren kein Wort geschrieben. Das wusste allerdings weder Jade noch irgendjemand anders. Außer Derrick. Es war unmöglich, Misserfolge vor jemandem geheim zu halten, der fünfundsiebzig Prozent seines Lebens mit einem im selben Einzimmer-Apartment verbringt.

„Außerdem kann ich unmöglich mein Apartment aufgeben, wo es doch mietpreisgebunden ist“, fügte ich wenig überzeugend hinzu, als die Kellnerin mit unserem Essen kam.

Jade zog ein letztes Mal an ihrer Zigarette, und während sie sie im Aschenbecher ausdrückte und mich dabei nicht aus den Augen ließ, versuchte ich ihrem scharfen Blick zu entkommen, indem ich mich auf das Essen stürzte. Jade kennt mich besser als jeder andere Mensch auf der Welt, manchmal sogar besser als ich mich selbst. Und ich fühlte mich einfach noch nicht in der Lage, der hässlichen Wahrheit, die ich vor mir selbst verbarg, entgegenzutreten.

„Emma …“

„Die Wahrheit ist, dass er mich nicht gebeten, ihn bei seinem Trip zu Ruhm und Reichtum zu begleiten. Er wollte mich nicht dabeihaben.“

Der mitleidige Blick, den sie mir zuwarf, als ich den Kopf hob, traf mich mehr, als wenn sie auf mich böse gewesen wäre.

„Was du brauchst, ist eine nette gleichberechtigte Beziehung. Und ich weiß auch schon den passenden Typ für dich“, sagte sie. Entschlossen begann sie, ihren Salat zu essen. „Ich habe ihn gerade neulich für die Fotos der Außenkollektion gestylt.“

„Ich fange doch nichts mit Models an.“ Übersetzung: Männliche Models interessieren sich nicht für mich. „Nicht mal du willst ein männliches Model als Freund haben.“ Nach Monaten des Experimentierens hatte Jade schließlich eingesehen, dass männliche Models zu egozentrisch sind, um sich auf eine Beziehung einzulassen. Das heißt, ich hoffte, sie hätte es eingesehen.

„Ach komm, Emma. Du weißt, dass es für dich am besten ist, wenn du sofort wieder ausgehst. Außerdem kann es doch sein, dass der, an den ich dabei denke, wirklich ein Knüller ist.“

„Warum angelst du ihn dir dann nicht?“ fragte ich sie und studierte dabei aufmerksam ihren Gesichtsausdruck. Ich war immer misstrauisch, wenn Jade mir einen Mann empfahl, den sie selbst nicht haben wollte. Denn sie hatte ein sehr gutes Gespür für Männer, und wenn sie ihn nicht wollte, musste etwas mit ihm nicht stimmen.

„Er ist nicht mein Typ.“

Jetzt wusste ich genau, dass etwas mit ihm nicht stimmte. „Vergiss es.“

„Vielleicht hat er ja sogar am nächsten Wochenende Zeit.“

„Am nächsten Wochenende?“ fragte ich schockiert, weil sie überhaupt auf den Gedanken kam, ich könnte in einem verrauchten Raum einem umwerfend attraktiven Mann gegenüber sitzen und dabei noch völlig Bedeutungsloses murmeln, um den Eindruck zu vermitteln, ich sei genauso gewandt und schön wie er. Ganz davon zu schweigen, dass die fünf Pfund, die ich während der Beziehung zugelegt hatte, hartnäckig auf meinen Hüften lasteten, meine Gefühle dafür aber frei und verwundbar im Wind flatterten. „Danke, aber nein danke.“

„Na gut, aber was willst du sonst unternehmen?“

„Ich weiß nicht. Ich versuche erst mal, dieses Wochenende zu überstehen, vom nächsten ganz zu schweigen. Apropos, was machst du heute? Wollen wir ins Kino?“ fragte ich in der Hoffnung, den Abend nicht allein verbringen zu müssen.

„Geht nicht. Ich habe ein Date.“

„Echt? Mit dem König der Steroide?“

„Meinst du Carl? Nein, den kannst du vergessen“, sagte sie. „Ich habe dir doch erzählt, dass er im Bett eine Null ist. Warum soll ich mich mit Impotenz herumärgern, wenn ich in den Mann nicht mal verliebt bin? Erinnerst du dich daran, was für ein Trauerspiel das mit Michael war?“

Michael konnte man am ehesten als Jades große Liebe bezeichnen, davon mal abgesehen, dass er sie schließlich wegen einer dummen kleinen Blondine aus seinem Büro absägte, nachdem Jade über ein Jahr lang auf seine Eitelkeit, seine Verantwortungslosigkeit und, am schlimmsten, seine Impotenz eingegangen war – was er aber nie so gesagt hätte. Er tat nur so, als sei er nicht an Sex mit Jade interessiert, was sie in ihrem Ego unglaublich verletzte. Seit dem Ende ihrer Beziehung vor zwei Jahren hatte Jade alles daran gesetzt, sich nicht in einen Mann zu verlieben und stattdessen nur nach dem Kick einer sexuellen Erfüllung zu streben – all den Kicks, die sie in der Beziehung mit Michael nicht bekommen hatte. Aber die große Ironie ihres Lebens bestand darin, dass sie, obwohl sie sehr attraktiv, intelligent und finanziell unabhängig war, scheinbar in ganz New York keinen Mann finden konnte, der ihr sexuelle Erfüllung schenkte. Ich konnte ihren Frust gut verstehen, denn seit ich nach New York gezogen war, hatte ich selbst einige sexlose Zeiten durchgestanden. Manchmal ulkten wir herum und malten uns aus, wir würden unsere eigene Fernsehkomödie schreiben: No Sex in the City. Carl war lediglich eine von Jades vielen Date-Erfahrungen gewesen – so mit Steroiden vollgepumpt, dass er keines seiner Körperteile dazu bewegen konnte, sich zu erheben.

„Nein, es ist ein anderer Mann aus dem Fitnessclub, und er ist echt nett. Sieht toll aus, wie ein durchtrainierter Surfer.“

„Lass mich raten: Er arbeitet als Model.“

„Ja, schon, aber dabei ist er ganz natürlich“, rechtfertigte sie sich, lehnte sich von ihrem Salat, in dem sie nur herumgestochert hatte, zurück und trank einen Schluck Wasser.

Obwohl Jade es nur ungern hörte, glaubte ich fest daran, dass ihr Problem mit Männern an ihren Auswahlkriterien lag. Schon immer hatte sie körperliche Schönheit an Menschen sehr geschätzt, weshalb sie auch in ihrem Beruf so erfolgreich war. Aber sie hatte noch nicht begriffen, dass schönen Menschen eins gemeinsam war: Sie sind nicht fähig dazu, jemand anders als sich selbst zu lieben oder sogar zu begehren.

„Ich weiß genau, was du denkst, Em“, sagte Jade, „aber diesmal habe ich das Gefühl, dass ich das Beste von beiden Welten bekomme. Er sieht sehr gut aus, aber scheint nicht zu wissen, wie gut.“

„Aha, und deshalb arbeitet er als Model?“

„Oh bitte. Hör auf. Der Typ kommt aus der Pampa des Mittleren Westens, wo er von einem Talentsucher in einem Club entdeckt wurde.“

„Diese Story klingt irgendwie sehr vertraut.“ Woran lag es nur, dass anscheinend alle Models nur zufällig entdeckt wurden und keines je zugab, tatsächlich an den hoch bezahlten, glamourösen Jobs interessiert zu sein?

„Er wirkt fast … unschuldig“, fuhr Jade fort. „Ich meine, er wurde tatsächlich rot, als ich ihm meine Telefonnummer gab.“

„Machst du Witze?“

Sie lachte und zündete sich die nächste Zigarette an. „Was machst du denn nun heute Abend? Gehst du mit Alyssa aus?“ Als ich Jade und Alyssa im College einander vorgestellt hatte, waren sie trotz ihrer Unterschiedlichkeit sofort Freundinnen geworden.

„Nein, nein. Sie unternimmt wahrscheinlich etwas mit Richard. Und es ist völlig unmöglich, dass ich mir dieses glückliche Pseudo-Eheleben reinziehe.“

„Trotzdem finde ich nicht, dass du allein zu Hause hocken solltest“, meinte Jade. „Willst du dich mit mir und Ted auf einen Drink treffen?“

„Er heißt Ted?“

„Ich weiß, klingt dieser Name nicht … harmlos?“

„Ganz wie der Junge von Nebenan.“

„Und? Was meinst du? Kommst du mit uns mit?“

„Nein, ich bleibe wirklich lieber zu Hause. Ich muss mich erst mal sortieren. Vielleicht kümmere ich mich etwas um die Wohnung, stelle das Bücherregal um und hänge endlich ein paar Bilder auf.“

„Bist du sicher?“ wollte Jade wissen.

„Ganz sicher. Und schließlich ist es ja nicht der erste Samstagabend, den ich allein verbringe.“

Bekenntnis: Ich habe seit zwei Jahren keinen Samstagabend mehr allein verbracht.

Das stimmte nicht ganz. Denn manchmal hatte Derrick einen Samstagabend in seiner Wohnung verbracht, um zu schreiben, und dann war ich allein zu Hause geblieben, um ebenfalls zu schreiben. Oder jedenfalls sagte ich das Derrick, wenn er am Telefon vorschlug, dass wir uns mal nicht sehen sollten, um mit unseren Schreibvorhaben voranzukommen. „Oh ja, gute Idee. Ich hatte schon die ganze Zeit vor, mit der Kurzgeschichte anzufangen, die mir im Kopf herumschwirrt“, sagte ich dann immer. Wenn wir aufgelegt hatten, machte ich meinen Computer an. Während er startete, fing ich meistens an, meine Handwäsche zu erledigen oder meine Schubladen neu zu ordnen. Wenn es dann nichts mehr zu tun gab, griff ich sogar nach einer alten Zahnbürste und machte mich daran, die Fugen im Bad zu schrubben. Wenn Derrick in dem Moment anrief und wissen wollte, was ich tat, dann sagte ich, ich würde arbeiten. Was ja nicht mal gelogen war.

Jetzt traute ich mich nicht mal, den Computer anzustellen. Auch die Handwäsche kam nicht in Frage aus Angst vor den Erinnerungen, die dabei hochkommen könnten. Stattdessen rollte ich mich in Embryostellung auf meinem Futon zusammen und dachte über die einsame Nacht nach, die vor mir lag.

Ich hatte bereits Alyssa angerufen und erfahren, dass sie und Richard bei Richards Schwester zum Abendessen eingeladen waren, was mir nur noch klarer gemacht hatte, dass ich den Abend tatsächlich allein verbringen würde. Es blieben nicht mal Freunde, die ich anrufen konnte. Zwar gab es da Rebecca, mit der ich mich bei der Arbeit sehr gut verstand, aber unsere Freundschaft war noch nicht so weit gediehen, dass wir gemeinsame Wochenendpläne machten. Dann kannte ich noch meinen Friseur Sebastian, mit dem ich gut auskam, wenn ihn nicht gerade ein gut aussehender Mann oder ein Wochenende auf Fire Island von mir weglockte. Doch ich hatte mich eine ganze Weile nicht mehr um ihn gekümmert, und es kam mir falsch vor, ihn anzurufen, wenn ich ihn brauchte, wo ich so lange nicht für seine Nöte da gewesen war.

„Tu etwas für dich“, hatte Alyssa mir geraten, als wir telefonierten. „Nimm ein heißes Bad, mach eine Gesichtspackung, lies ein gutes Buch.“ Ich wusste, dass sie Recht hatte. Das war es, was ich hätte tun sollen. Nicht nur sie, sondern jede Frauenzeitschrift und jedes Selbsthilfebuch gaben dieselben Ratschläge – nicht, dass ich so etwas lesen würde, aber meine Mutter hatte so viele davon gelesen, dass es für uns beide reichte.

Stattdessen stopfte ich mich mit Chocolate-Chip-Cookie-Eiscreme voll, zupfte meine Augenbrauen und kramte alte Fotos hervor, die Derrick und mich im letzten Sommer zeigten. Wir hatten auf den East Hamptons Ferien gemacht, in einem Haus, das seine Freunde gemietet hatten. Ich studierte sein geliebtes Gesicht, sah, wie glücklich seine Augen strahlten, während wir Arm in Arm, gebräunt, ausgeruht und bis über beide Ohren ineinander verliebt, nebeneinander standen. Was war nur falsch gelaufen? fragte ich mich.

Plötzlich durchdrang das Klingeln des Telefons die deprimierende Stille in meinem Apartment. Ich nahm ab und erinnerte mich zu spät daran, dass ich an diesem ersten Samstagabend, den ich allein verbrachte, den Anrufer zunächst über den Anrufbeantworter hätte checken sollen.

„Emma! Du bist ja zu Hause! Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich dort erwische …“

„Hallo, Mom.“ Da saß ich nun Samstagabend zu Hause, und prompt erwischte mich meine Mutter dabei. „Ja, ich dachte, ich gehe mal nicht weg, um ein paar Dinge im Apartment zu erledigen. Wie geht’s dir?“

„Gut, gut. Clark ist gerade mal los, um Milch und Eier fürs Frühstück morgen einzukaufen, und da dachte ich, ich ruf dich mal an.“

Clark ist seit drei Jahren mit meiner Mutter zusammen, aber trotzdem würde ich nicht darauf wetten, dass es auch so bleibt. Und das liegt nicht an Clark, sondern daran, dass meine Mutter eine unglückliche Hand in der Auswahl ihrer Freunde an den Tag legt. Mittlerweile fürchtete ich, dass das erblich sein könnte.

„Und wie geht’s mit Derrick?“ wollte meine Mutter wissen. Diese Frage stellte sie routinemäßig in jedem unserer wöchentlichen Telefongespräche. Obwohl es meine Mutter vehement verneinen würde, meinte sie mit dieser Frage Folgendes: Geht alles seinen normalen Lauf? Werdet ihr euch bald verloben? Bekomme ich endlich ein Enkelkind?

Ich versuchte, die eigentliche Bedeutung zu ignorieren, und antwortete fröhlich: „Alles läuft bestens.“ Und das sagte ich, obwohl ich genau wusste, dass die Chancen meiner Mutter, jemals ein Enkelkind von mir zu bekommen, gegen Null gingen. Denn schließlich war ich einunddreißig, mein Freund hatte mich gerade verlassen, um nach L.A. zu gehen, meine durchschnittliche Männerrate war alle zwei Jahre einer, wobei nur einer von den letzten dreien überhaupt als Vater eines Kindes in Betracht gekommen wäre.

Ich weiß nicht, warum ich log. Vielleicht hatte ich einfach keine Lust, Erklärungen abzugeben. Irgendwann würde ich ihr alles erzählen. Bloß im Moment, wo die Nervenenden meiner Gefühle noch so blank lagen, hätte ich es nicht ertragen können, wenn sie mir auch noch Vorwürfe gemacht hätte.

Es stellte sich aber heraus, dass meine Mutter über etwas ganz anderes mit mir sprechen wollte.

Nachdem sie ein paar Minuten lang über ihren Job bei Bilbo, der Firma für Pharmaprodukte, den sie seit meiner Kindheit hat, gesprochen hatte, kam sie zum eigentlichen Grund ihres Anrufs. „Ich wollte dir das eigentlich nicht am Telefon sagen, aber ich weiß nicht, wann ich dich wieder mal sehe …“ Das war ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie meine monatlichen Besuche bei ihr auf Long Island als nicht ausreichend empfand.

„Was ist los?“ fragte ich.

„Nun, Clark und ich haben beschlossen zu heiraten.“

Ich muss zugeben, dass meine erste Reaktion auf ihre Ankündigung war, sie einfach zu ignorieren. Schließlich würde Clark damit Ehemann Nummer drei (fast Nummer vier) werden und einer von vielen, in die meine Mutter sich Hals über Kopf verliebt und mit dem sie eine Ehe erwogen hatte. Man musste ihr allerdings zu Gute halten, dass sie stets mit der besten Absicht heiratete. Es war bloß so, dass die Männer, die sie auswählte, stets alles erheblich komplizierten.

Von meinem Vater hatte sie sich nach zwanzig Jahren scheiden lassen, als er ein hoffnungsloser Alkoholiker geworden war. „Er war auf Partys immer ein echter Knüller“, hatte sie mir einmal in Erinnerung an bessere Zeiten erzählt. Als Nächstes kam Donald, um ein Haar Ehemann Nummer zwei. Nach einer stürmischen Romanze flogen sie nach Las Vegas, um dort zu heiraten. Doch daraus wurde nichts, denn noch am Flughafen wurde Donald verhaftet. Er hatte sich in drei Fällen der Unterschlagung schuldig gemacht. Dann war da Warren, den ich als die große Liebe meiner Mutter bezeichnen würde – wenn ihre Ehe lange genug gehalten hätte, um das zu beweisen. Nach einer achtjährigen Verlobungszeit – diesmal wollte meine Mutter auf Nummer sicher gehen – wurden sie während einer kleinen Zeremonie in unserem Garten getraut, mit mir als Brautjungfer. Leider starb Warren noch in den Flitterwochen an einem Herzanfall.

Und nun hatte sie Clark, einen Englisch-Professor. Den lieben netten Clark mit seinem speziellen Grinsen, wobei er die Mundwinkel nach unten verzog, und der Vorliebe, aus metaphysischer Lyrik des siebzehnten Jahrhunderts zu zitieren, was meine Mutter absolut hinreißend fand.

Es stellte sich heraus, dass es unmöglich sein sollte, ihre Ankündigung zu ignorieren. Denn jetzt fing sie an, ihre Pläne für die Hochzeit herunterzurattern „… ein kleines Kreuzfahrtschiff, nur die Familie. Natürlich Clark und ich. Grandma Zizi. Du und Derrick. Shaun und Tiffany …“ Shaun ist mein verheirateter Bruder. Mein jüngerer Bruder, um genau zu sein. „Clarks Sohn und Tochter und jeweils deren Kinder“, fuhr sie fort. „Wir segeln nach St. Thomas in die Karibik, wo wir uns am Strand trauen lassen wollen, während die Brandung rauscht und wir von unseren Liebsten umgeben sind. Eine Mischung aus Ferien mit der ganzen Familie und einer Hochzeit. Ist das nicht fantastisch?“

Ja. Und wie.

2. KAPITEL

„Man sollte Selbstverleugnung erst mal ausprobieren, bevor man sie verdammt.“

– Name und Alter unbekannt –

Bekenntnis: Die Trennung hat mich zu einer krankhaften Lügnerin gemacht.

Am nächsten Montag bei der Arbeit ließ ich mich auf den Besucherstuhl vor Rebeccas Schreibtisch sinken. Obwohl Rebecca eigentlich nur eine Kollegin war, gingen wir doch oft zusammen zur Happy Hour in verschiedene Kneipen aus, wo wir uns dann über den Job oder über besonders nervende Kollegen ausließen. Allerdings wurden diese Ausflüge in letzter Zeit immer seltener, was in erster Linie daran lag, dass ich wegen meiner Beziehung alle Freunde außer Jade und Alyssa vernachlässigt hatte. Mir war es wichtiger gewesen, mit Derrick ein Video auszuleihen und Abendessen beim Lieferservice zu bestellen. Rebecca hingegen war zwar mit ihrem Freund Nash ungefähr genauso lange zusammen wie Derrick und ich es waren, aber sie hatte für ihre Freunde immer Zeit. Ihr schien es auch nie etwas auszumachen, eine zusätzliche Aufgabe zu übernehmen und bis in die Nacht zu arbeiten, selbst wenn der gute alte Nash einen Tisch in einem Restaurant reserviert hatte. Wahrscheinlich war sie sogar stolz darauf, gleichzeitig eine gute Freundin für alle und die feste Freundin für einen sein zu können, was mich etwas misstrauisch machte, wenn nicht sogar eifersüchtig.

„Meine Mutter wird wieder heiraten“, verkündete ich mit Verzweiflung in der Stimme.

„Das ist ja toll“, antwortete Rebecca und schaute von dem Text auf, den sie gerade Korrektur las. Mit hochgezogenen Augenbrauen lächelte sie mich breit an.

Irgendetwas an ihrer fröhlichen Reaktion ließ bei mir sofort die Alarmglocken läuten. Schließlich hatten Rebecca und ich zumindest etwas gemeinsam: Wir hegten beide eine gesunde Abneigung gegen diese alberne kleine Welt bei Bridal Best, in der sich alles nur um Hochzeiten drehte. Und wie konnten wir am besten zeigen, dass wir uns deutlich von den Kollegen unterschieden, die stundenlang über die passenden Örtlichkeiten oder die Papierqualität der Einladungskarten diskutieren konnten? Nun, indem wir uns über sie lustig machten. Wenn ich Rebecca nicht besser gekannt hätte, hätte ich annehmen müssen, dass sie vom Bridal Best-Hochzeitsfieber schließlich doch angesteckt worden war. Denn bei Bridal Best war jede Hochzeit, selbst wenn es sich um die dritte der eigenen Mutter handelte, ein Ereignis, über das man sich begeistern musste.

„Na ja, nun, mir fällt es nicht leicht, auch nur etwas Begeisterung für diese Hochzeit aufzubringen. Ich meine, bisher ging es bei meiner Mutter immer darum, wie man die ewig währende Liebe nicht findet.“

Rebecca blickte mich einen Moment lang forschend an, so als ob ich in einer Fremdsprache gesprochen hätte. „Du solltest froh für deine Mutter sein. Schließlich gelingt es nicht jeder Frau, sich nach so vielen Misserfolgen noch einmal zu verlieben. Ich finde sie sehr mutig.“

„Entweder das, oder sie nimmt einfach zu viel Prozac, um sich darüber Sorgen zu machen.“ Seit meine Mutter nicht mehr mit Warren zusammen war, hatte sie einen Hang zu diesem jederzeit verfügbaren Glücksgefühl, für das sie einfach nur zwei Pillen schlucken musste.

„Was ist denn in dich gefahren? Du bist ja noch zynischer als sonst? Hast du dich am Wochenende mit Derrick gestritten?“

Diese Frage verursachte bei mir einen kleinen Panikanfall. Konnte man mir mein ungewolltes Singledasein irgendwie an der Nasenspitze ablesen? Ich stotterte etwas herum, während ich ihren sorgfältig frisierten blonden Bob und die perfekt gezupften Augenbrauen betrachtete und die Kugelschreiber, die ordentlich auf dem Schreibtisch aufgereiht lagen. Plötzlich war ich voller Misstrauen. Selbst das gerahmte glänzende Foto von Nash, das auf ihrem Tisch stand, schien mich bösartig anzublinken. Auf gar keinen Fall konnte ich ihr die Wahrheit sagen.

„Nein, nein. Wir haben uns nicht gestritten. Mit Derrick ist alles in Ordnung. Großartig sogar.“

„Na wunderbar“, antwortete Rebecca und wandte sich wieder ihrem Text zu. „Dann hast du ja den Kopf frei, um deiner Mom bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen. Ich meine, Himmel, du wärst ja praktisch in der Lage, das Ganze komplett alleine zu planen, wenn du müsstest.“

„Wenn ich müsste, ja“. Doch vorher würde ich sicher einen Herzinfarkt bekommen.

Bekenntnis: Hochzeiten kommen mir plötzlich wie eine gesellschaftliche Krankheit vor.

Wieder an meinem Tisch fand ich mich der größten Herausforderung seit meiner Trennung gegenübergestellt. Ich musste eine kurze Aufgabenliste für zukünftige Bräute zusammenstellen. Ich hatte sie heimlich für mich so überschrieben: „Wie man dafür sorgt, dass der Hochzeitstag ohne Megadesaster vorübergeht.“ Während ich versuchte, einen Vorspann zu schreiben, spürte ich plötzlich etwas von der Wut, zu der Alyssa mich ermutigt hatte. Was ist eigentlich mit uns Nicht-Bräuten? fragte ich mich. Selbst meine eigene Mutter hatte mich in ihre Hochzeitsvorbereitungen eingespannt. Ich sollte mal nach Kreuzfahrtschiffen und außergewöhnlichen Zeremonien in meiner kleinen Datenbank suchen. Und was noch schlimmer war. Sie wollte einen ihrer vielen Urlaubstage, die sie in ihrer zwanzigjährigen Laufbahn bei Bilbo angesammelt hatte, opfern, um mich nächste Woche zum Mittagessen treffen zu können. Bei der Gelegenheit könnte ich ihr Bericht erstatten, was ich herausgefunden hatte.

Warum ist mein Job nur für jeden anderen außer mir so hilfreich? Warum nur verspürt jedermann das Bedürfnis, mich um Auskünfte über romantische Flitterwochen zu bitten oder mich zu fragen, welche möglichst nicht aufwändigen aber eleganten Horsd’oeuvres ich denn für die Feier vorschlagen würde. In dieser kleinen abgeschlossenen Welt der Hochzeitsplanungen zu arbeiten hatte mir über die Jahre folgende Erkenntnis beschert: Wenn man nicht verheiratet war, war man ein Nichts.

Das Telefon klingelte und rettete mich davor, den gefürchteten Artikel schreiben zu müssen.

„Hallo, Em“, hörte ich Jades Stimme.

„Jade. Gott sei Dank.“

„Hast du mit jemand anderem gerechnet?“

„Ich habe nur gehofft, es wäre jemand, der nicht heiratet.“

„Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Was gibt’s Neues?“

„Nichts, gar nichts. Du weißt schon, nur das Übliche. Abgabetermine, viel Druck, wenig Motivation. Und wie ist das Date mit dem wundervollen Ted gelaufen?“

„Wundervoll natürlich. Wir haben ein paar Drinks genommen und dann Billard gespielt. Habe ich erwähnt, dass er die schönsten Unterarme hat, die ich je gesehen habe? Hübsch und stark, genauso, wie ich es mag. Er hat sogar ein paar Tätowierungen. Und du weißt ja, wie ich auf tätowierte Männer abfahre.“

„Oje. Das war’s dann wohl.“

„Wenn ich nicht bald mit ihm schlafe, drehe ich durch. Dann mache ich bestimmt eine Dummheit.“

„Wie ihn heiraten?“

„Was ist heute nur in dich gefahren?“

„Es ist wegen meiner Mutter. Sie will wieder heiraten.“

Als Jade vor Begeisterung loskreischte, hielt ich schnell den Hörer von meinem Ohr weg. „Das ist ja so aufregend! Sie und Clark sind einfach ein tolles Paar. Oh, ich muss sie gleich anrufen und gratulieren. Oder vielleicht sollte ich in der Mittagspause eine Karte besorgen …“

Ich hätte wissen müssen, dass Jade auf der Seite meiner Mutter stehen würde. Schließlich kannte sie meine Mutter seit Ehemann Nummer eins. „Jade, bin ich denn der einzige Mensch auf der Welt, der davon nicht begeistert ist?“

„Du solltest es jedenfalls sein“, entgegnete sie mit vorwurfsvoller Stimme. „Sie ist deine Mutter. Willst du nicht, dass sie glücklich ist?“

„Glücklich ja. Ich bin mir nur nicht sicher, ob eine Hochzeit der richtige Weg ist, um glücklich zu werden. Dir ist schon klar, dass es sich hier um Ehemann Nummer drei handelt, fast ja schon Nummer vier?“

„Em, ich finde, du solltest endlich darüber hinwegkommen. Nicht jeder lebt ein Bilderbuchleben. Was soll’s, dass deine Mutter viel Zeit in ihrem Leben mit der Suche nach dem Richtigen verbracht hat, solange sie schließlich gefunden hat, was sie will?“

„Du hast vermutlich Recht“, seufzte ich. „Ich kann mich einfach nicht auf den großen Tag freuen, vor allem, weil sie mit der ganzen Familie in die Karibik schippern will. Und rate mal, wer als Einzige in einer Einzelkabine schlafen muss? Wobei meine Mutter das natürlich noch nicht weiß.“

„Was soll das heißen?“

„Ich habe es noch nicht über mich gebracht, ihr von Derrick zu erzählen. Ich weiß auch nicht, warum … ich konnte es einfach nicht.“

„Irgendwann wirst du es ihr sagen müssen. Wann ist die Hochzeit?“

„Sie hofft, dass es bis Ende September klappt.“

Eine nachdenkliche Stille entstand. „Da bleibt nicht mehr viel Zeit, aber wer weiß, was bis dahin noch geschieht. Du könntest dich in einen anderen verlieben. Oder du findest auf der Kreuzfahrt einen hübschen Ober, mit dem du deine Einzelkabine teilen kannst.“

„Irgendwie bezweifle ich das. Aber vielleicht finde ich jemanden, den ich mitnehmen kann.“

„Ja, klar, wie wär’s mit dem Jungen unterm Bett?“ Das war unsere Bezeichnung für den immer verfügbaren männlichen Freund, den man mit zu Hochzeiten oder Betriebsfesten nehmen kann, mit dem man aber aus dem einen oder anderen Grund keinesfalls ein richtiges Date haben will. Meiner hieß Cal, ich hatte mit ihm zusammen während des Studiums im Good Grub bedient. Cal war der perfekte Junge unterm Bett – ein großartiger Tänzer, groß genug, dass ich ihn in High Heels nicht überragte, und gerade unattraktiv genug, dass ich auch angetrunken nicht auf die Idee kam, auf der Tanzfläche mit ihm zu fummeln, was hinterher besonders peinlich gewesen wäre. Das Problem war nur, dass Cal inzwischen geheiratet hatte. Männer sind ja solche Verräter.

„Mir ist gerade klar geworden, dass mein Junge unterm Bett sich aus dem Staub gemacht hat. Cal hat letztes Jahr geheiratet, erinnerst du dich?“

„Ja, klar.“ Sie schwieg einen Moment, und ich hörte, wie sie an ihrer Zigarette zog. „Und was ist mit Sebastian?“

Sebastian war natürlich auch immer eine Möglichkeit. Aber er war eher der Junge aus dem Kleiderschrank als der Junge unterm Bett. Und deswegen hätte ich es problematisch gefunden, ihn ausgerechnet zu einer Hochzeit mitzunehmen. „Ich will nicht die typische fette frustrierte Frau sein, die bei so was mit einem Schwulen auftaucht.“

„Du bist nicht fett.“

„Nun, man weiß nie, was bis September noch alles passiert. Ich habe übers Wochenende einen ganzen Eimer Chocolate-Chip-Cookie-Eis verspeist. Und zwar nicht die Joghurt-Variante, ich wollte den vollen Geschmack. Vierundzwanzig Gramm Fett pro Portion und vier Portionen pro Eimer.“

„Na und? Mach dir keine Gedanken, Em, wir finden jemanden für dich. Da gibt es schließlich noch dieses Model, von dem ich dir erzählt habe.“

„Du weißt, was ich von Models halte.“

„Nun, du musst ihn ja nicht heiraten. Andererseits, überleg mal, wie gut ihr zusammen auf den Hochzeitsfotos aussehen würdet.“

„Ich werde darüber nachdenken“, stimmte ich zögernd zu.

„Endlich, das ist die Emma, die ich kenne und liebe. Mach dir keine Sorgen. Es wird schon alles gut werden.“

Bekenntnis: Für eine bezahlbare Zweizimmerwohnung würde ich sogar heiraten.

Irgendwie war es mir gelungen, den Rest der Woche ohne größere emotionale Katastrophen zu überstehen. Und nachdem ich sogar ein zweites einsames Wochenende hinter mich gebracht hatte, ohne komplett durchzudrehen, war ich recht stolz auf mich. Als ich am Ende der dritten Post-Derrick-Woche nach der Arbeit meine mit Bäumen gesäumte Straße entlangschlenderte, dachte ich plötzlich, dass es gar nicht so schlimm sein konnte, in der tollsten Stadt der Welt ein Single zu sein. Und ich wohne auch noch in der schönsten Straße, dachte ich, als ich an den hübschen Brownstone-Gebäuden in der Dreizehnten Straße West vorüberging.

Dann kam ich vor meinem Haus an, betrachtete die verblichene Fassade mit der abblätternden Farbe und seufzte bestürzt. Warum, warum nur waren Derrick und ich nie zusammengezogen? Er hätte mich niemals verlassen, wenn wir in einer bezahlbaren Zweizimmerwohnung in Downtown gelebt hätten. Kein vernünftiger Mensch würde so etwas aufgeben.

Mit einem Mal hasste ich Derrick dafür, dass er mir meine Wohnungsträume zerstört hatte. Mit einem weiteren Seufzen lief ich die Stufen hinauf.

Derrick hatte mein Apartmentgebäude mit den vierundzwanzig Wohneinheiten gerne als „Das Haus der Unheilbaren“ bezeichnet. In den winzigen Studios wohnten neben den Studenten nur alte Menschen mit psychischen oder physischen Gebrechen, was der Grund dafür war, warum sie sich nicht eine Wohnung suchten, die wenigstens groß genug war, um einen kleinen Teppich auf den Boden zu legen. Da gab es zum Beispiel Beatrice im ersten Stock, auf die vor sechzehn Jahren in der Neununddreißigsten Straße ein Baugerüst gestürzt war. Seitdem hatte sie eine Metallplatte im Kopf und war schwerstbehindert. Inzwischen war sie in den Fünfzigern, lebte von Sozialhilfe und bemalte die Wände ihrer winzigen Kammer mit Wasserfarben. Dann gab es Abe, der alles zwischen fünfundsechzig und fünfundachtzig sein konnte, und der jeden Morgen den kompletten Inhalt seines Apartments (von den Möbeln abgesehen, von denen es nicht viele gab) in zwei großen Mülltüten in einen Einkaufswagen packte und weiß der Himmel wohin verschwand.

Dann war da ich. Weder Studentin noch psychisch krank, klammerte ich mich dennoch halsstarrig an meine mietpreisgebundene Wohnung, als ob mein Leben davon abhinge. Immerhin handelt sich um eine tolle Adresse – nur wenige Straßen entfernt von der U-Bahn, dem Film Forum, der Kneipenszene von Downtown, dem Peacock, der New York University – so ziemlich jeder würde gerne hier wohnen. Und das war auch der Grund dafür, warum ich in dieser winzigen Wohnung ohne begehbaren Schrank weiterhin wohnen blieb. Allein die neidischen Blicke, wenn ich auf Partys meine Adresse sagte, waren es wert. Davon abgesehen hegte ich in der Zeit mit Derrick die Hoffnung, dass wir eines Tages eine Zweizimmerwohnung teilen würden – und zwar sobald Derrick endlich kapiert hatte, dass diese Spelunke, die er sich in der Lower East Side mit einem primitiven Barkeeper teilte, einfach nicht das Wahre war. Ich stellte mir gerne unsere Traumwohnung vor, inklusive all der Regale, in denen unsere beeindruckende Sammlung von Filmen und Büchern zu sehen sein würde. Diese Hoffnung hatte mich bei der Stange gehalten und mich vor den verrückten Alten oder unangenehm jungen und nur vorübergehend hier wohnenden Nachbarn bewahrt.

Doch nachdem Derrick nun aus meinem Leben verschwunden war, hatte ich diese Hoffnung nicht mehr, sondern …. etwas anderes. Und dieses Etwas muss erst einmal definiert werden, dachte ich, als ich das Haus betrat.

„Emma!“ hörte ich Beatrice schrille Stimme, als ich in die Eingangshalle kam. Sie stand an den Briefkästen, die Arme beladen mit sämtlichen Versandhaus-Katalogen, die man sich nur vorstellen kann, und einer Auswahl an Briefen.

„Hallo Beatrice, wie geht es Ihnen?“ fragte ich mit der üblichen Singsang-Stimme, die ich in Gegenwart kleiner Kinder und Erwachsener wie Beatrice verwandte, die, wie man so schön sagt, nicht alle beisammen haben.

„Oh, mir geht es gut …“

„Schön“, sagte ich schnell und steuerte auf die Treppe zu.

„… abgesehen von meinen schrecklichen Nebenhöhlen. Jeden Morgen wache ich mit verstopfter Nase und Druck auf den Ohren auf. Und mein Backenzahn. Oh …“ Sie riss die grauen Augen hinter den dicken Brillengläsern weit auf. „Es ist unerträglich.“

„Das kann ich mir vorstellen, Bea“, antwortete ich und stellte schon mal einen Fuß auf die Stufe, um mich bei der erstbesten Gelegenheit in Bewegung setzen zu können. Beatrice ließ sich gerne auf ausführliche Diskussionen über ihre Leiden ein, und ich hatte noch keinen höflichen Weg gefunden, ihre Litaneien zu umgehen. Sie war einsam, und es bedeutete ihr eine Menge, dass ich ihr zuhörte, zumindest sagte ich mir das immer, wenn ich mir schon gute zehn Minuten lang Details über verstopfte Nasen und Hitzewallungen angehört hatte.

Aber anstatt wie ich erwartet hatte die Einzelheiten einer Nebenhöhlen-Spülung zu erörtern, unterbrach sie sich abrupt, und bedachte mich stattdessen mit einem Blick von Kopf bis Fuß, durch den ich mich plötzlich selbst wie eine Kranke fühlte. Beatrice, die ihren dicken gedrungenen Körper meistens in Flanellhemden und Stretchhosen packte, wirkte auf mich immer wie die männliche Hälfte eines lesbischen Paares – nur dass sie immer ohne die andere Hälfte auftauchte – und deshalb bereitete mir ihre Inspektion in dieser Post-Derrick-Periode ängstliches Unbehagen. „Sie können sich das wirklich vorstellen, oder?“ fragte sie, und dann fiel ihre Kinnlade herunter wie immer, wenn sie von einem Gedanken überwältigt wurde.

Während ich ihr eilig gute Besserung wünschte und langsam begann, die Stufen hinaufzusteigen, rief sie: „Warten Sie!“ und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Post in ihren Armen. Sie wühlte sich durch die Kataloge und zog eine dicke glänzende Broschüre hervor, die sie mir hinhielt. „Ich dachte, das könnten Sie vielleicht gebrauchen“, sagte sie, als ich zögernd den Katalog entgegennahm.

Ausdruckslos starrte ich auf das Cover, auf dem eine große vollschlanke Frau abgebildet war, die ein ähnliches Flanellhemd trug wie Beatrice und dunkle Jeans.

„Da gibt es großartige Angebote für Frauen wie uns“, fuhr sie fort und starrte mit einem freudigen Gesichtsausdruck zu mir hoch.

Frauen wie uns? Ich wollte mich schon aufregen, überlegte es mir dann aber anders und flüchtete lieber. „Danke, Beatrice. Ich bringe ihn zurück, wenn ich damit fertig bin.“

„Oh, das brauchen Sie nicht“, gab sie zurück, grinste breit und zeigte mir ihre braunen Zähne.

Bekenntnis: Ich bin mir nicht sicher, ob ein Fisch mit Fahrrad nicht doch glücklicher wäre.

„Warum sind wir noch nicht verheiratet?“ fragte ich Jade später am Abend am Telefon.

„Weil wir starke Frauen sind“, antwortete sie.

Diese Antwort begann mir langsam auf die Nerven zu gehen. „Was soll das eigentlich genau heißen? Dass ich Metall in meinem Kopf habe und zahllose Hiebe einfach wegstecken kann?“

„Wovon sprichst du?“

„Vielleicht suchen wir einfach nicht genug.“

„Oh, ich habe mich ziemlich intensiv umgesehen.“

„Ach so, ja. Wie läuft es denn mit Ted Wundervoll?“

Tiefer Seufzer. „Er hat nicht angerufen.“

Überflüssig zu erwähnen, dass ich schockiert war … und ein wenig entsetzt. Von allen Frauen, die ich kannte, war Jade immer die, die niemals von einem Typen versetzt wurde. Männer hatten Jade immer angerufen. Sie war meine letzte Hoffnung gewesen, dass Frauen nicht für immer und ewig dazu verdammt waren, wartend neben dem Telefon zu sitzen. Guter Gott. Was bedeutete das für den Rest von uns, wenn selbst Jade Probleme hatte, ein zweites Date zu bekommen?

Da ich nur zu gut die Frustration kenne, die auf solche Tiefschläge folgt, bot ich ihr das Einzige an, was eine Frau braucht, wenn sie von einem Typen hängen gelassen wird. Wut. „Er ist bestimmt einfach ein Arschloch.“

„Hm.“

„Oder schwul. Oder mental gestört. Ich meine, nur ein Vollidiot geht mit einer schönen intelligenten Frau wie dir aus und ruft dann nicht an, um ihr zu sagen, wie glücklich er ist, dass es sie gibt und er ein paar Stunden in ihrer Gegenwart verbringen durfte.“

„Er kann wahrscheinlich nicht mit der Tatsache umgehen, dass ich ihn in zwei von drei Billardspielen ...

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