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Beim Blick in deine Augen …

1. KAPITEL

Alles in Laura spannte sich an, als im Radio sein Name fiel. Normalerweise hörte sie nur mit einem Ohr zu, wenn die Morgennachrichten im Radio liefen. Und Meldungen über die internationale Wirtschaft interessierten sie überhaupt nicht.

Aber Karantinos war ein ungewöhnlicher Name. Einer, den sie niemals überhören würde.

Sie war gerade damit beschäftigt, Brot zu backen – gab eine Handvoll Körner in den Teig, bevor sie den letzten Laib in den Ofen schob. Doch jetzt hielt sie mit zitternden Händen inne und lauschte – wie ein kleines Tier, das sich plötzlich allein und verängstigt mitten in feindlichem Territorium wiederfand.

„Der griechische Milliardär Constantine Karantinos hat für seine Schifffahrtslinien Gewinne in Rekordhöhe vermeldet“, verkündete die trockene Stimme des Nachrichtensprechers. „Der als Playboy bekannte Karantinos hält sich derzeit in London auf. Im Granchester Hotel, wo ihm zu Ehren heute Abend eine Party stattfindet, wird er Gerüchten zufolge seine Verlobung mit dem schwedischen Topmodel Ingrid Johansson bekannt geben.“

Laura schwankte und musste sich an der Arbeitsplatte festhalten, um nicht umzukippen. Sie war kaum in der Lage zu begreifen, was sie gerade gehört hatte, und ihr Herz schlug mit einer überraschend schmerzhaften Heftigkeit. Weil sie den Constantine von damals einfach nicht vergessen konnte. Wenn sie an ihn dachte, schien es, als wäre die Zeit stehengeblieben – eine bittersüße Erinnerung an den Mann, nach dem sie sich noch immer sehnte. Aber die Zeit stand niemals still – sie wusste das besser als jeder andere.

Was hatte sie denn auch erwartet? Dass ein Mann wie Constantine für immer allein blieb? Dass er mit seinem lässigen Charme und seinem scharfen Intellekt, mit diesem kraftvollen Körper und diesem Gesicht eines gefallenen Engels keine Partnerin finden würde? Sie war nur überrascht, dass es nicht schon früher passiert war.

Mit immer noch klopfendem Herzen erledigte sie ihre morgendliche Routine und räumte die Küche auf, bevor sie nach oben ging, um ihren Sohn zu wecken. Oft sagte sie sich, wie viel Glück sie hatte, direkt über dem Geschäft zu wohnen. Obwohl es nicht ihr Lebenstraum gewesen war, eine kleine Bäckerei zu führen, sicherte es ihr zumindest ein bescheidenes Einkommen, das sie gelegentlich durch Aushilfsjobs als Kellnerin aufbesserte. Aber vor allem sorgte es dafür, dass sie ein Dach über dem Kopf hatten – was Alex Sicherheit gab. Und das war in Lauras Augen mehr wert als alles andere.

Ihre Schwester Sarah war schon auf und gähnte, als sie aus einem der drei winzigen Schlafzimmer kam und sich mit den Fingern durch ihre dichte dunkle Mähne fuhr, die in einem krassen Gegensatz zu Lauras feinerem, hellerem Haar stand.

„Morgen, Laura“, murmelte Sarah und blinzelte dann, als sie das Gesicht ihrer älteren Schwester sah. „Was zur Hölle ist passiert? Sag nicht, der Ofen ist schon wieder kaputt!“

Stumm schüttelte Laura den Kopf und nickte dann zum Zimmer ihres Sohnes hinüber. „Ist er schon wach?“, flüsterte sie.

Sarah schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“

Laura blickte zur Uhr an der Wand hinüber, die ihr hektisches Leben bestimmte, und sah, dass ihr noch zehn Minuten blieben, bevor sie Alex für die Schule fertig machen musste. Sie zog Sarah in das kleine Wohnzimmer, machte die Tür zu und drehte sich dann, am ganzen Körper zitternd, zu ihrer Schwester um.

„Constantine Karantinos ist in London“, flüsterte sie heiser.

Ihre Schwester starrte sie an. „Und?“

Laura unterdrückte das Zittern ihrer Hände. „Er gibt eine Party.“ Sie schluckte. „Und sie sagen, dass er sich verloben wird. Mit einem schwedischen Topmodel.“

Sarah zuckte mit den Schultern. „Was soll ich dazu sagen? Dass ich überrascht bin?“

„Nein … Aber ich …“

„Aber was, Laura?“, meinte Sarah ungeduldig. „Du scheinst nicht akzeptieren zu können, dass dieser nichtsnutzige Bastard, mit dem du geschlafen hast, nicht einen Funken Anstand besitzt. Dass er nie wieder einen Gedanken an dich verschwendet hat.“

„Er …“

„Was? Er hat sich geweigert, dich zu empfangen. Du konntest nicht einen einzigen Termin bei diesem wichtigen Herrn bekommen, oder, Laura? Ganz egal, wie oft du es versucht hast. Er hat deine Anrufe nie entgegengenommen. Du warst ihm gut genug fürs Bett – aber nicht gut genug, um dich als Mutter seines Kindes anzuerkennen!“

Laura warf einen gequälten Blick auf die geschlossene Tür und lauschte angestrengt, während sie sich fragte, ob Alex wirklich noch schlief. Aber siebenjährige Jungen kamen morgens alle schwer aus dem Bett, oder? Und sie wurden immer neugieriger, je älter sie wurden … stellten Fragen, auf die sie keine Antworten wusste …

„Leise. Ich will nicht, dass Alex uns hört!“

„Warum nicht? Warum darf er nicht wissen, dass sein Vater einer der reichsten Männer auf dem Planeten ist – während seine Mutter in einer Bäckerei schuftet, um ihn durchzubringen?“

„Ich will nicht, dass …“ Aber Laura beendete ihren Satz nicht. Was wollte sie nicht? Sie wollte ihren geliebten Sohn nicht verletzen, weil es die Pflicht jeder Mutter war, ihr Kind zu beschützen? Es fiel ihr immer schwerer, das zu tun. Erst letzten Monat war Alex mit einem hässlichen blauen Fleck auf der Wange nach Hause gekommen, und als sie ihn fragte, was passiert war, hatte er etwas vor sich hin gemurmelt und sich in sein Zimmer zurückgezogen. Erst später hatte sie erfahren, dass er offenbar in einen Streit auf dem Schulhof verwickelt gewesen war. Und noch später fand sie auch den Grund heraus, als sie mit blassem Gesicht und zitternd mit der Rektorin sprach.

Offenbar wurde Alex von den anderen Kindern gehänselt, weil er „anders“ aussah. Wegen seiner olivfarbenen Haut, seinen schwarzen Augen und seiner Größe, die ihn älter und stärker aussehen ließ als die anderen Jungen in seiner Klasse. Und weil die kleinen Mädchen in seiner Klasse – selbst im zarten Alter von sechs oder sieben Jahren – dem dunkeläugigen Alex wie anhängliche kleine Welpen folgten. Wie der Vater, so der Sohn. Der Gedanke hatte ihr einen scharfen Stich versetzt.

Lauras Gefühle waren in Aufruhr gewesen, als sie an jenem Tag nach Hause ging. Sie war kurz davor gewesen, ihren Sohn von der Schule zu nehmen und irgendwo anders hinzuschicken, um ihm weiteres Leid zu ersparen – aber das konnte sie sich nicht leisten. Die nächste staatliche Schule befand sich im Nachbarort, und da sie kein Auto besaß und die Busse extrem unzuverlässig fuhren, war das keine Alternative.

In letzter Zeit fragte Alex sie immer öfter, warum er anders aussah. Er war ein intelligenter kleiner Junge, und früher oder später würde er sie nicht mehr mit ein paar vagen, schwammigen Informationen über einen Vater davonkommen lassen, den er niemals gesehen hatte. Wenn Constantine doch nur mit ihr reden würde, dachte sie verzweifelt. Wenn er seinen Sohn anerkennen und ein bisschen Zeit mit ihm verbringen würde – das war alles, was sie wollte. Dass ihr geliebter Sohn ein wenig über seine Herkunft erfuhr.

Geistesabwesend machte sie Alex sein Frühstück und brachte ihn den kurzen Weg zur Schule. Obwohl die Sommerferien kurz bevorstanden, war das Wetter in letzter Zeit schrecklich, und an diesem Morgen schien der Dauerregen jeden Zentimeter ihres Körpers zu durchdringen. Sie zitterte leicht und gab sich Mühe, fröhlich zu wirken, aber sie hatte das Gefühl, als läge ihr ein schweres Gewicht auf der Brust.

Alex blickte sie mit seinen dunklen Augen an und runzelte die Stirn. „Stimmt etwas nicht, Mum?“, fragte er.

Dein Vater wird bald eine andere Frau heiraten und wahrscheinlich eine Familie mit ihr gründen. Sie sagte sich, dass der glühende Stich der Eifersucht, der sie durchfuhr, unter den gegebenen Umständen völlig unangemessen war, und drückte ihren Sohn an sich, als sie sich verabschiedeten.

„Nein, es ist alles in Ordnung, Schatz.“ Sie lächelte strahlend, sah Alex nach, während er über den Schulhof rannte, und betete, dass die Standpauke der Rektorin bei den kleinen Wilden angekommen war, die ihm so zugesetzt hatten.

Gedankenverloren lief sie zurück zur Bäckerei. Sie hängte ihren feuchten Mantel an die Garderobe im hinteren Teil des Ladens und zog eine Grimasse, als sie ihr blasses Gesicht in dem kleinen Spiegel sah, der hinter der Tür hing. Ihre grauen Augen blickten sorgenvoll, und ihr feines Haar klebte wie ein besonders unattraktives Tuch an ihrem Kopf. Vorsichtig kämmte sie sich, dann entschied sie sich, wie sie oft, zu einer bequemen Hochsteckfrisur.

Sie zog ihren Overall an und war immer noch tief in Gedanken versunken, als sie in den Verkaufsraum ging, wo ihre Schwester gerade das Licht anmachte. Noch fünf Minuten, dann öffneten sie, und der erste Ansturm des Tages würde beginnen – von Dorfleuten, die frisches Brot und Brötchen kaufen wollten. Laura wusste, wie glücklich sie sich schätzen konnte, ihr Leben so leben zu können – was für ein Glück es war, dass ihre Schwester Alex so sehr liebte wie sie selbst.

Die beiden Mädchen waren früh Waisen geworden. Als Sarah noch zur Schule ging, verstarb ihre verwitwete Mutter plötzlich im Schlaf, und eine entsetzte Laura musste ihre Pläne, die Welt zu bereisen, auf Eis legen und versuchen, ihrer Schwester den Schulabschluss zu ermöglichen – nur um bald darauf zu entdecken, dass sie selbst mit Alex schwanger war.

Das Geld war knapp, doch ihnen blieben die kleine Bäckerei und die Wohnung darüber. Sie modernisierten den Laden, und Sarah studierte nur halbtags, um bei Alex’ Betreuung zu helfen. Bis jetzt war ihr Plan perfekt aufgegangen. Und auch wenn sie keine großen Gewinne erwirtschafteten, gelang es ihnen doch, sich über Wasser zu halten.

Aber in letzter Zeit sprach Sarah oft sehnsüchtig davon, auf die Kunstakademie in London zu gehen, und Laura wurde entsetzt klar, dass sie ein Hemmschuh für ihre Schwester war. Sie konnte sie nicht länger halbtags als Babysitter einsetzen, ganz egal, wie sehr Sarah ihren Neffen liebte. Aber wie um alles in der Welt sollte Laura das Geschäft führen und trotzdem für Alex da sein? Für Alex, der sich immer mehr für seine Herkunft zu interessieren begann.

Sarah wischte gerade die Theke noch einmal ab und blickte auf, als Laura in den Laden kam. „Du siehst immer noch deprimiert aus.“

Laura starrte auf die Kekse und das hausgemachte Toffee in der Glasvitrine. „Ich bin nicht deprimiert“, sagte sie langsam. „Mir ist nur klar geworden, dass ich den Kopf nicht länger in den Sand stecken darf.“

„Wovon sprichst du?“, fragte Sarah irritiert.

Laura schluckte. Sag es, dachte sie. Na los – sag es. Sprich die Worte laut aus – dann werden sie real, und du musst es tun. Hör auf, dich von den Bewachern abwimmeln zu lassen, die den Vater deines Sohnes umgeben. Geh da raus und kämpfe für Alex. „Davon, dass ich zu Constantine gehen und ihm sagen muss, dass er einen Sohn hat.“

Sarahs Augen wurden schmal. „Woher der neue Eifer, Laura?“, fragte sie trocken. „Liegt es daran, dass Constantine endlich sesshaft werden will? Glaubst du, er wirft einen Blick auf dich und beschließt, das schwedische Topmodel zu verlassen und mit dir in den Sonnenuntergang zu entschwinden?“

Laura wurde rot. Sarahs brutale Offenheit schmerzte – aber ihre kleine Schwester hatte recht. Sie durfte sich keinerlei romantischen Träumen hingeben, wenn es um den griechischen Milliardär ging. Er würde sie jetzt nicht mehr begehren. Denn war durch die harte Arbeit und die fehlende Zeit für sich selbst ihr jugendliches Strahlen nicht schneller verblasst als bei anderen? Obwohl sie erst kürzlich ihren sechsundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte, fühlte sie sich manchmal zehn Jahre älter – und sah oft auch so aus. Deshalb war es besser, jegliches Feuer, das in ihrem Herzen noch für den Vater ihres Sohnes brannte, sofort zu ersticken.

„Natürlich nicht“, sagte sie bitter. „Aber ich schulde es Alex. Constantine muss erfahren, dass er einen Sohn hat.“

„Da stimme ich dir zu. Aber vergisst du nicht etwas?“, fragte Sarah geduldig. „Bei deinem letzten Versuch, Kontakt mit ihm aufzunehmen, hast du nichts erreichen können – was ist jetzt anders?“

Was war anders? Laura ging langsam zur Ladentür hinüber. Sie war nicht sicher – vielleicht war ihr nur klar geworden, dass die Zeit knapp wurde – dass dies vielleicht ihre letzte Chance war. Und dass sie nicht länger bereit war, sich von dem undurchdringlichen Kreis abschrecken zu lassen, der den respekteinflößenden Griechen umgab. Sie war eine Mutter, und sie schuldete es ihrem Sohn.

„Was anders ist?“ Langsam wiederholte Laura Sarahs Frage. „Ich schätze, ich bin anders. Und diesmal werde ich mit ihm sprechen. Ich werde ihm in die Augen sehen und ihm sagen, dass er einen Sohn hat.“

„Oh, Laura, es wird genau das Gleiche passieren wie vorher!“, rief Sarah. „Du wirst nicht mal an ihn herankommen.“

Es entstand eine Pause. Laura konnte das Ticken ihrer Armbanduhr hören, die mit ihrem Herzen um die Wette schlug. „Nur, wenn ich es auf dem üblichen Weg versuche.“

Sarahs Augen wurden schmal. „Wie meinst du das?“

Erst in diesem Moment wurde Laura klar, was sie tun musste. Die Lösung war so unglaublich einfach, dass sie kaum glauben konnte, nicht schon früher darauf gekommen zu sein.

„Im Radio hieß es, er würde eine große Party in London geben“, sagte sie und versuchte, Ordnung in ihre durcheinanderwirbelnden Gedanken zu bringen. „In einem Hotel.“

„Und?“

Laura schluckte. „Beim Catering werden ständig Leute gebraucht. Denk doch mal darüber nach, Sarah. Sie … benötigen bestimmt jede Menge zusätzliches Personal für diesen Abend, oder nicht? Aushilfen.“

„Moment mal …“ Sarahs Augen weiteten sich. „Du willst damit doch nicht sagen, dass du vorhast …“

Laura nickte, und ihr Herz schlug schneller. „Ich arbeite schon seit Jahren als Aushilfe in den hiesigen Hotels. Bestimmt sind die Organisatoren froh, noch so kurzfristig eine Kellnerin zu bekommen.“

„Okay, mal angenommen, du kannst dich da irgendwie reinschmuggeln oder sogar noch einen Job bekommen“, wollte Sarah wissen. „Was dann? Willst du auf dieser schicken Feier einfach zu Constantine marschieren und vor der ganzen Welt und, nicht zu vergessen, vor seiner zukünftigen Frau verkünden, dass er einen siebenjährigen Sohn hat?“

Laura schüttelte den Kopf und versuchte, sich nicht von der Kühnheit ihres eigenen Plans entmutigen zu lassen. „Ich werde versuchen, etwas subtiler zu sein“, meinte sie. „Aber ich werde erst gehen, wenn ich es ihm gesagt habe.“

Sie drehte das Schild am Ladenfenster von „Geschlossen“ auf „Geöffnet“. Einige Kunden warteten draußen bereits und füllten rasch den Laden.

Laura setzte ein freundliches Lächeln auf, während sie hinter der Theke stand und die ersten Bestellungen entgegennahm, aber die Ironie ihres Plans war ihr durchaus bewusst. Schließlich hatte sie auch gekellnert, als sie Constantine Karantinos das erste Mal begegnet und mit beschämend wenig Zurückhaltung in seine Arme gesunken war.

Sie hatte sich später oft gewundert, wie sie sich so verhalten konnte. Denn das passte überhaupt nicht zu ihr. Doch in jenen goldenen, sorgenfreien Sommermonaten, bevor ihre Mutter starb, hatte sie noch geglaubt, die Welt stünde ihr offen. Sie war in jeder Hinsicht unschuldig gewesen – aber nach ein paar Monaten als Kellnerin in der belebten kleinen Hafenstadt wusste sie sehr wohl, wie sie mit den gut betuchten Gästen umgehen musste, die regelmäßig auf ihren Jachten angesegelt kamen.

Constantine war einer davon gewesen, und doch anders als alle anderen – denn er schien die Regeln zu brechen. Er überragte alle anderen Männer – und ließ alle anderen neben ihm verblassen. An den Tag, als sie ihn zum ersten Mal sah, würde sie sich für immer erinnern; er hatte wie ein griechischer Gott ausgesehen – sein muskulöser Körper zeichnete sich vor der untergehenden Sonne ab, und seine dunkelgoldene Schönheit sprach von Kraft und Gefahr.

Sie erinnerte sich daran, wie breit seine Schultern gewesen waren und wie weich seine olivfarbene Haut, die harte Muskeln unter sich barg. Und sie erinnerte sich auch an seine Augen – so schwarz wie Ebenholz und doch so strahlend wie die Morgensonne auf dem Meer. Wie hätte sie einem Mann widerstehen sollen, in dem alle ihre jugendlichen Fantasien zum Leben erwacht schienen – einem Mann, der ihr zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben das Gefühl gab, eine Frau zu sein?

Sie erinnerte sich, wie sie am nächsten Morgen in seinen Armen aufgewacht war, und er sie angesehen hatte. Sie hatte zu ihm aufgeblickt und in seinem Gesicht nach einem Hinweis darauf gesucht, was er dachte. Über sie. Über ihre Nacht. Über ihre Zukunft.

Aber in den Tiefen dieser Augen war … nichts zu sehen gewesen.

Laura schluckte.

Überhaupt nichts.

2. KAPITEL

„Ja, Vasili?“, fragte Constantine ungeduldig, während er einen seiner Berater ansah, der unruhig in der Tür stand und hin und her wippte, wie er es immer tat, wenn er seinem Boss eine Nachricht überbringen musste, die ihm wahrscheinlich nicht gefallen würde.

„Es geht um die Party, kyrios“, sagte Vasili.

Constantines Mund verzog sich zu einer schmalen Linie. Warum habe ich überhaupt zugestimmt, diese verfluchte Party auszurichten?, fragte er sich. Obwohl er es tief in seinem Herzen sehr wohl wusste. Weil es schon länger hieß, dass die Londoner Gesellschaft in den Genuss des legendären Reichtums der Karantinos’ kommen wollte. Die Leute suchten immer seine Nähe und glaubten, ein solches Fest biete ihnen die Gelegenheit dazu. Und es war immer interessant, die eigenen Freunde und Feinde im gleichen Raum zu sehen – vereint von diesen verwandten Gefühlen von Liebe und Hass, deren Grenzen so oft verschwammen.

„Worum geht es?“, fuhr er seinen Berater an. „Und belästige mich nicht mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten, Vasili – ich bezahle eine Menge Leute dafür, sich darum zu kümmern.“

Vasili sah gequält aus, so als sei allein die Vorstellung, er könnte seinen Arbeitgeber wegen einer Nebensächlichkeit stören, eine Beleidigung für ihn. „Das ist mir bewusst, kyrios. Aber ich habe gerade eine Nachricht von Miss Johansson erhalten.“

Bei der Erwähnung von Ingrid lehnte sich Constantine in seinem Stuhl zurück und presste seine Finger in einer nachdenklichen Geste gegeneinander. Er wusste, was in der Presse stand.

Das, was dort immer behauptet wurde, wenn er mehr als einmal mit einer Frau fotografiert wurde. Dass er kurz davor stand zu heiraten, wie es die meisten anderen in seinem Alter bereits getan hatten.

„Und?“, fragte er. „Was hat Miss Johansson gesagt?“

„Sie bat mich, Ihnen auszurichten, dass Sie erst später kommen wird.“

„Hat sie gesagt, warum?“

„Irgendetwas wegen eines Fotoshootings, das noch nicht beendet ist.“

„Oh, tatsächlich?“, meinte Constantine leise, und in seine schwarzen Augen trat ein Ausdruck, bei dem Vasili instinktiv wachsam wurde.

Constantine löste seine Finger voneinander und legte sie flach auf den großen Schreibtisch. Das leise Trommeln von zwei Fingern auf der glatten Fläche war das einzige äußere Zeichen des Ärgers, der in ihm aufstieg.

Ingrids Kühle war eine jener Eigenschaften, die sein Interesse geweckt hatten – das und natürlich ihre Schönheit. Sie war promovierte Politologin, sprach fünf Sprachen fließend – und mit ihrer Größe von etwas mehr als ein Meter achtzig war sie eine der wenigen Frauen, die ihm in die Augen sehen konnten. Als sie sich kennenlernten, war ihr ausweichendes Verhalten, wenn es um das Arrangieren von Verabredungen ging, faszinierend für ihn gewesen – wahrscheinlich, weil er das nicht kannte. Die meisten Frauen verfolgten ihn mit der Leidenschaft von Jägern, die eine verheißungsvolle Beute im Visier hatten.

Aber während der vergangenen Monate war Constantine klar geworden, dass Ingrids ausweichendes Verhalten Teil eines Spiels war – eines Gesamtkonzepts, mit dem sie ihn einfangen wollte. Bis jetzt hatte Constantine mitgespielt. Weil er tief in seinem Innern wusste, dass es höchste Zeit wurde, zu heiraten. Und sicher war doch eine Ehefrau, die kaum emotionale Ansprüche stellte, genau die richtige für einen Mann wie ihn?

Er wollte keine Frau, die wie eine Klette an ihm hing und glaubte, die Welt drehe sich nur um ihn. Nein, Ingrid entsprach fast allen seiner anspruchsvollen Kriterien. Sie war bis jetzt mit Bravour durch jeden Ring gesprungen, den er ihr hinhielt. Sogar seinem Vater gefiel sie. Und obwohl das Verhältnis der beiden Männer nie eng gewesen war, hatte Constantine ihm diesmal zugehört.

„Warum zum Teufel heiratest du sie nicht?“, hatte er seinen Sohn angekrächzt, wo er ihn früher – bevor er alt und krank wurde – angeschrien hätte. „Und sorgst dafür, dass ich einen Enkel bekomme?“

Gute Frage – wenn man von den närrischen Ansichten seines Vaters über die Liebe absah. Kam nicht irgendwann eine Zeit, in der jeder Mann sesshaft werden und eine eigene Familie gründen musste? Und brauchte er nicht tatsächlich einen Erben für das Karantinos-Vermögen? Constantine runzelte die Stirn. Die Umstände schienen ihn vor sich herzutreiben wie ein ruderloses Boot – und doch zögerte er aus irgendeinem unerfindlichen Grund, die vernünftige Entscheidung zu treffen, die blonde Schwedin zu heiraten.

Wie lange war es her, seit sie sich gesehen hatten? Constantine dachte zurück an die nervenaufreibenden und hektischen letzten Wochen, in denen er vor allem von dem aktuellen Geschäftsabschluss in Atem gehalten worden war. Es war eine Ewigkeit her, seit Ingrid und er zusammen im Bett gewesen waren, stellte er fest. Sie beide reisten im Moment kreuz und quer über den Atlantik, während ihre Karrieren immer steiler bergan stiegen.

„Wann wird sie denn kommen?“

„Sie hofft, vor Mitternacht“, antwortete Vasili.

„Dann hoffen wir, dass es stimmt“, bemerkte Constantine, während erneut ein Anflug von Ärger in ihm aufstieg. Er wandte sich wieder einem Stapel Papiere zu, mit dem er gerade beschäftigt war. Und wie immer bot ihm die Arbeit eine Zuflucht vor den viel komplizierteren zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn Constantine hatte seine Lektion früher als andere gelernt – dass sie nichts brachten außer Schmerz und Komplikationen.

Er verließ sein Büro gegen sechs und fuhr ins Granchester, wo er stets die größte Penthouse-Suite bewohnte, wenn er in der Stadt war. Er liebte die herrliche Lage mit dem Blick über die üppigen grünen Parkanlagen, liebte den unauffälligen Luxus und die Diskretion des Personals. Und er mochte London – genauso wie er New York mochte –, selbst wenn sie zu weit weg vom Meer lagen, um ihm zu gestatten, sich wirklich zu entspannen …

Zu den Klängen einer Oper, die er laut auf der Musikanlage spielte, nahm er eine ausgiebige kalte Dusche, bevor er sich so kleidete, wie es dem förmlichen Anlass entsprach. Seine Augen funkelten, als er sich prüfend im Spiegel betrachtete.

Er legte noch ein paar schwere goldene Manschettenknöpfe an, dann ging er nach unten, und seine Augen wanderten automatisch hinüber zu seinen Leuten, die sich diskret im Foyer verteilt hatten. Er wusste, dass sein Sicherheitschef die Paparazzi nicht davon abhalten konnte, draußen vor dem Eingang herumzulungern. Aber keinesfalls würde es einem von ihnen gelingen, das Gebäude zu betreten, um die Reichen und Mächtigen zu begaffen.

Er ignorierte die Blicke der Frauen, die ihm folgten, während er in den Ballsaal ging und sich umsah. Das Granchester war immer ein Synonym für Luxus gewesen – aber heute Abend hatte das Hotel sich selbst übertroffen. Der Ballsaal war mit duftenden Blumen angefüllt, und Lüster verbreiteten ihr funkelndes Licht …

Eine sanfte Stimme brach in seine Gedanken ein.

„Darf … darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen, Sir?“

Für einen kurzen Augenblick weckte die Stimme eine entfernte Erinnerung in ihm, so leise wie ein Atem an einem stillen Sommerabend. Langsam drehte Constantine sich um. Eine Kellnerin stand vor ihm.

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