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Bei dir vergesse ich mich ganz

1. KAPITEL

„Oh, mein Gott“, murmelte Laura und umklammerte das Fernglas fester. Was sie da sah, raubte ihr den Atem. Himmel, was für ein Anblick …

Ungefähr zweihundert Meter von ihr entfernt, quer über eine satte grüne Wiese und eine Trockenmauer hinweg, in einem abgelegenen Winkel des Besitzes, der zu dem Herrenhaus gehörte, war ein Mann.

Er stand mit dem Rücken zu ihr, bückte sich und hob ein mächtiges Scheit auf einen Holzklotz. Der Mann trug nur Jeans, klobige Arbeitsstiefel und war tief gebräunt.

Wer auch immer der Fremde sein mochte, er war groß und dunkelhaarig. Er hatte breite Schultern und wirkte durchtrainiert. Die Muskeln seiner Schultern zeichneten sich eindrucksvoll ab, als er das riesige Holzstück mit einer Axt in immer kleinere Scheite spaltete. Seine Kraft war so unübersehbar, dass Laura erschauerte.

Als er sich auf die andere Seite des Klotzes stellte und die Axt hoch über den Kopf hob, verwandelte sich der Schauer in Verlangen. Für einen kurzen Moment erspähte sie den vollkommensten männlichen Oberkörper, den sie je gesehen hatte.

Laura ignorierte die innere Stimme, die ihr zuflüsterte, dass sich das wirklich nicht gehörte, und presste das Fernglas fester an die Augen. Sie konnte jeden Muskel erkennen. Jede einzelne Rippe. Es juckte sie in den Fingern, die Konturen seines Körpers nachzuzeichnen. Wie würde er sich anfühlen? All diese Kraft? Auf ihr? Unter ihr? In ihr?

Die Begierde kam so heftig, dass Laura ganz heiß wurde. Beinahe blieb ihr das Herz stehen.

Du meine Güte, dachte sie benommen. Ich fantasiere. Ich gaffe. Wann habe ich das jemals zuvor getan? Sie holte tief Luft. Verdammt, vielleicht bin ich wirklich verrückt geworden.

Sie ließ das Fernglas an dem Lederband herabbaumeln, das um ihren Hals hing, sackte gegen die Wand und zwang Atmung und Herzschlag, sich zu beruhigen.

Da sie an einem offenen Fenster stand, unter dem sich ein drei Meter tiefer Abgrund befand, war es keine gute Idee, jetzt in Ohnmacht zu fallen.

Weshalb sie sich zurückziehen und sich am Riemen reißen sollte.

Mal ganz abgesehen von ihrer gefährlichen Position stand es ihr nicht an, Männer zu begaffen, ganz egal, wie sexy sie auch sein mochten. Nach dem traumatischen Ende ihrer letzten Beziehung hatte sie den ganzen verdammten Mistkerlen ohnehin abgeschworen. Und selbst wenn sie in der Stimmung gewesen wäre – Voyeurismus war noch nie ihr Ding gewesen. Es war hinterhältig. Unverschämt.

Und irgendwie aufregend.

Laura blinzelte. Oh. Die Schmetterlinge, die gerade in ihrem Bauch herumflatterten, konnten wieder verschwinden. Sie war an dem Haus interessiert, das war alles.

In den sechs Wochen, die sie nun schon im Dorf lebte, war das Herrenhaus so still wie ein Grab gewesen. Die Frustration, dass sie nicht in der Lage war, einen Blick hineinzuwerfen, hatte solche Ausmaße angenommen, dass sie schon Hausfriedensbruch in Erwägung gezogen hätte, wenn sie nicht so eine gesetzestreue Bürgerin wäre.

Doch als sie das Geräusch von splitterndem Holz hörte, das an diesem Morgen von der anderen Seite zu ihr herüberdrang, hatte sie ihr Glück kaum fassen können. Sie schnappte sich das Fernglas, rannte nach oben, versteckte sich hinter den Gardinen und suchte die Gegend nach der Quelle dieses Lärms ab.

Was sie erwartet hatte, wusste sie nicht so genau – ganz sicher jedoch nicht einen derart erotischen Anblick.

Sie hatte schon immer ein Auge für Schönheit gehabt. Bewunderte eine harmonische Struktur. Deshalb war sie ja Architektin geworden. Der Mann vor ihr war in ästhetischer Hinsicht nahezu perfekt. Und angesichts ihres nicht vorhandenen Liebeslebens war es unwahrscheinlich, dass sie so schnell noch mal etwas Ähnliches erblicken würde.

Ihr Herz klopfte wie verrückt, als sie näher an die Wand rückte, sich tiefer in der Gardine vergrub und das Fernglas aus dem schweren Stoff fischte.

Noch ein paar Sekunden würden doch niemandem wehtun, oder? Schließlich war es ja nicht so, dass er sie sehen konnte …

Matt schwang die Axt hoch über seinen Kopf und erstarrte.

Da war er schon wieder. Der Lichtblitz.

Einmal. Zweimal. Und dann immer wieder, wie eine flackernde Glühbirne. Wie ein Signalfeuer. Oder wie die Sonne, die von einem Fernglas reflektiert wurde.

Zur Hölle.

Er ließ die Axt mit solcher Macht auf den Klotz hinuntersausen, dass die Schneide butterweich in das harte Holz schnitt und stecken blieb.

Sein Magen verkrampfte sich. Konnten sie ihn nicht wenigstens eine Sekunde in Ruhe lassen?

Er ignorierte den Schmerz in seinen Muskeln und den Schweiß, der ihm über den Rücken lief, bückte sich, hob die beiden Hälften des Scheits auf und warf sie auf den Haufen.

Ein letztes friedvolles Wochenende. Das war alles, was er wollte. Ein einziges ungestörtes Wochenende, bevor er eine Tätigkeit übernahm, von der er nicht wusste, ob er wirklich auf sie vorbereitet war und die sein Leben komplett auf den Kopf stellte.

Matt griff nach der Flasche, die im Gras lag, kippte sich das Wasser über den Kopf und zuckte zusammen, als die eiskalte Flüssigkeit auf seine erhitzte Haut traf.

Hatte er der Presse in letzter Zeit nicht genug Storys geliefert? Wochenlang hatten sie ihn verfolgt. Von dem Tag an, an dem bekannt geworden war, dass er der lange verschollene Erbe der gerade wieder eingesetzten Monarchie in Sassanien war.

Vor seinem Haus in London lungerten die Reporterhorden und hängten sich ständig an seine Fersen. Bei jeder Gelegenheit hielten sie ihm Aufnahmegeräte und Kameras vors Gesicht und verlangten Antworten auf Fragen zu seinem Privatleben, die er keinesfalls zu geben bereit war.

Im Großen und Ganzen hatte er seine Rolle gespielt. Hatte Interviews gegeben. Für Fotos posiert. Und alles mit zwar grimmiger, doch erstaunlicher Geduld ertragen. Aber indem sie ihm in das Haus nach Little Somerford gefolgt waren, das er beinahe schon vergessen hatte, waren sie entschieden zu weit gegangen.

Während sich sein Ärger in Wut verwandelte, fuhr Matt sich durch das Haar und zog das T-Shirt über den Kopf.

Genug war genug. Er würde nicht tatenlos zusehen, wie ein zwielichtiger Schmierfink ihn das ganze Wochenende über beobachtete. Zur Hölle mit den Konsequenzen. Er würde hinübergehen, das Fernglas packen und dem Kerl das Band um den dürren Hals wickeln.

Was für eine Schande, dachte Laura, als der beeindruckende Oberkörper unter marinefarbener Baumwolle verschwand.

Wenn sie in der Welt irgendetwas zu bestimmen hätte, dann wäre ein Mann wie er dazu verdonnert, den ganzen Tag mit nacktem Oberkörper Holz zu spalten. Zur permanenten Ansicht. Als Geschenk an die Nation oder dergleichen. Und wenn sie in der Welt nur irgendetwas zu vermelden hätte, dann würde sie die Zeit zurückspulen bis zu dem Moment, wo er seine kleine spontane Dusche genommen hatte.

Durch das starke Fernglas hatte sie jeden einzelnen Tropfen gesehen, der über seine Haut lief. Natürlich war ihr wieder die Luft weggeblieben.

Selbst jetzt, als er vollständig angezogen war und auf das Haus zulief, als wären alle Höllenhunde dieser Welt hinter ihm her, war ihr furchtbar heiß. Als er im Haus verschwand, blinzelte Laura und empfand ein plötzliches Verlustgefühl.

Der Schock über ihre heftige Reaktion war so groß, dass sie schlagartig ernüchterte. Sie rieb sich die Augen und riss sich zusammen.

Gut, dachte sie, als sie sich aus der Gardine befreite und das Fernglas auf dem Frisiertisch abstellte. Jetzt reicht es wirklich. Ich habe bessere Dinge zu tun.

Im nächsten Moment schob sie einen Notizblock und einen Stift in die Gesäßtasche ihrer Shorts, hängte sich die Kamera über die Schulter, straffte sich und ging die Treppe hinunter.

Wenn sie eine Einladung ins Innere dieses perfekten Beispiels für die Architektur des siebzehnten Jahrhunderts bekommen wollte, dann musste sie charmant, entschlossen und zielstrebig sein.

Eines der ersten Dinge, die Matt sich vorgenommen hatte, sobald er auf dem Thron von Sassanien saß, war, Pressefreiheit einzurichten und den Journalisten des Landes besseren Zugang zu Informationen zu ermöglichen.

Doch als sein Blick auf den Weg fiel, der zu dem gaffenden Schreiberling führte, war er nicht mehr so sicher. Am liebsten würde er das ganze Pack am nächsten Galgen aufknüpfen. Der Kerl, den er gleich niedermachen würde, wäre der Erste.

„Guten Morgen.“

Bei dem Klang der Stimme einige Meter vor ihm blieb Matt abrupt stehen und riss den Kopf hoch. Jetzt erst bemerkte er die Frau, die ihm den Weg versperrte und ihn strahlend anlächelte. Plötzlich waren alle Gedanken an lästige Presseleute und mediterrane Fürstentümer wie weggefegt. Wenn jemand ihn in diesem Moment nach seinem Namen gefragt hätte, hätte er keine Antwort geben können.

Während er sie unwillkürlich von oben bis unten musterte, hatte er das Gefühl, die Erde unter ihm würde beben. Seine Brust zog sich zusammen, als hätte man ihm einen Schlag in den Magen verpasst. Im ersten Moment fürchtete Matt sogar, er hätte einen Herzanfall.

Doch genauso schnell, wie der Spuk gekommen war, verschwand er auch wieder. Die Erde beruhigte sich, der Nebel in seinem Kopf löste sich auf, seine Lunge pumpte wieder normal, und sein Herzschlag verlangsamte sich.

Seine außergewöhnliche Reaktion verbarg Matt hinter der undurchdringlichen Maske, mit der er Millionen gemacht hatte. Er strich sich das Haar zurück und zwang sich zur Gelassenheit.

Zweifellos war es ihr unerwartetes Auftauchen, das diese heftige Reaktion ausgelöst hatte. Es konnte nichts mit der wilden blonden Mähne, den kornblumenblauen Augen oder dem bezaubernden Lächeln zu tun haben. Und auch nicht mit den Killerkurven, die in den kürzesten Shorts und dem engsten T-Shirt steckten, die er je gesehen hatte.

Denn das wäre genauso beunruhigend wie ungewöhnlich. Er ließ sich nie von einer Frau ablenken, egal wie schön und aufregend sie war, und er würde ganz sicher nicht jetzt damit anfangen.

Deshalb erinnerte er sich an sein Vorhaben, nickte ihr kurz zu und lächelte unpersönlich. „Guten Morgen“, grüßte er und trat einen Schritt nach rechts, um an ihr vorbeizugehen.

Sie tat es ihm gleich.

Matt runzelte die Stirn. „Pardon“, murmelte er und machte einen Schritt nach links.

Sie ebenfalls.

Er rieb sich das Kinn und unterdrückte ein Seufzen. Beim ersten Mal mochte es Zufall sein, ein zweites Mal war Absicht.

Matt verkniff sich mit Mühe einen frustrierten Ausruf. Das war genau der Grund, weshalb er sonst in einem exklusiven Penthouse im Zentrum von London lebte, wo keiner seinen Nachbarn ihn kannte und niemand Interesse an müßigen Schwätzchen hatte. Jeder blieb für sich und kümmerte sich nur um sein eigenes Leben.

Hier, auf dem Land, schienen die Dinge allerdings anders zu laufen. Wer auch immer die Frau war, sie wollte ganz offensichtlich plaudern. Er hingegen nicht. Und er hatte auch keine Zeit, den ganzen Morgen von einer Seite zur anderen zu springen.

Kurz spielte er mit der Idee, die Hände um ihre Taille zu legen und sie aus dem Weg zu heben. Deshalb starrte er auf den schmalen Streifen nackter Haut, die zwischen dem Saum ihres T-Shirts und dem Bund ihrer Shorts aufblitzte.

Sofort fragte er sich, wie sich ihre Haut anfühlen würde. Glatt. Seidig. Warm. Zweifellos. Und wie würde sie schmecken? Bei dem Gedanken, wie er sie auf den Bauch küsste und dann immer tiefer und tiefer sank, bekam er einen trockenen Mund, und sein Puls schnellte in die Höhe.

Er schob die Hände in die Taschen. Vielleicht war es nicht die klügste Idee, die Frau anzufassen. Konversation, höflich aber knapp, musste sein. Vorausgesetzt, er war in der Lage zu sprechen.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte sie besorgt.

Matt schüttelte kurz den Kopf, um den restlichen Nebel zu vertreiben. Dann räusperte er sich. „Gut, ja. Warum?“

„Sie sind auf einmal ganz blass geworden.“

„Sie haben mich erschreckt.“

Ihr Lächeln wurde noch strahlender, worauf sein Puls sich schon wieder beschleunigte. „Das tut mir leid“, entgegnete sie. „Ich hielt es für sicherer, Sie auf mich aufmerksam zu machen, anstatt darauf zu warten, dass Sie in mich hineinlaufen.“

Bei der Vorstellung, mit ihrem Körper zu kollidieren und ihre Wärme zu spüren, erfasste ihn glühend heißes Verlangen. Er sah ein Bild vor sich: Gemeinsam taumelten sie ins Gras, verschlungene Körper, verschmolzene Lippen, Hände überall. Sein Herz schien stillzustehen.

So viel dazu, sich einzureden, seine Reaktion auf sie habe lediglich mit Schock zu tun. Schock hatte noch nie dazu geführt, dass er eine Erektion bekam, die härter als Granit war.

Na super. Glühende Anziehung. Genau das, was er brauchte.

Matts Kiefer verkrampfte sich. „Ich war in Gedanken versunken“, erklärte er, nachdem es ihm endlich gelungen war, etwas von der Selbstbeherrschung aufzubringen, für die er angeblich so berühmt war.

Sie legte den Kopf zur Seite. „Das habe ich gesehen. Und anscheinend handelte es sich um nichts Gutes.“

„Nicht wirklich.“

„Was für eine Schande.“

„Ist es das?“

Sie biss sich auf die Unterlippe und nickte. „Ich denke schon. Besonders an einem solchen Tag.“

„Was ist so besonders an diesem Tag?“ Abgesehen davon, dass es vermutlich der Tag war, an dem er den Verstand verlor.

„Nun, zum einen scheint die Sonne, und da das hier England im Mai ist, besteht schon deshalb ein Grund zum Feiern. Zum anderen sind die Blumen wunderschön, und die Luft duftet himmlisch.“

Tatsächlich? Matt war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt gewesen, um es zu bemerken. Jetzt hatten sich seine Gedanken in alle vier Windrichtungen verflüchtigt. Vergessen waren die Blumen. Vergessen die himmlische Luft. Sie war schön. Sie duftete himmlisch. Und ihre Lippen konnten einen Mann in den Wahnsinn treiben. „Wirklich?“, murmelte er und bemühte sich sehr, nicht daran zu denken, wie es sich anfühlen musste, sie zu küssen.

Sie nickte. „An einem Tag wie heute sollte man im Gras liegen, gemütlich die Zeitung lesen und Rosé trinken“, erwiderte sie und schenkte ihm ein Lächeln, das seine Selbstbeherrschung schon wieder ins Wanken brachte. „Nicht herumlaufen und den Boden anstarren.“

Matt blinzelte. Ihre Worte waren eine gerade noch rechtzeitige Erinnerung daran, dass er wirklich etwas anderes zu tun hatte. Vollkommen lächerlich, wie er sich verhielt. Wenn die Menschen in Sassanien sehen würden, in welchem Zustand er sich gerade befand, würden sie es sich zweimal überlegen, die Monarchie wiederzubeleben. Er fasste sich. „Ich habe es etwas eilig. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden …“

Sie streckte die Hand aus. „Laura Mackenzie.“

Matt widerstand dem Drang, mit den Zähnen zu knirschen. „Matt Saxon.“ Er ergriff ihre Hand und ignorierte den elektrischen Schlag, den es seinem Arm versetzte. „Sagen Sie, kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

„Das hoffe ich doch.“ Ihre Stimme klang belegt. Sie strich über ihre Hüfte und räusperte sich.

Matt runzelte die Stirn. „Falls Sie eine Wegbeschreibung brauchen, bin ich leider keine große Hilfe.“ Er verbrachte so wenig Zeit in der Gegend, dass er sein Navigationsgerät einschalten musste, um hierherzufinden.

Sie schüttelte den Kopf, wobei das Sonnenlicht, das von ihrem Haar reflektiert wurde, ihn eine Sekunde blendete. „Nein, ich brauche keine Wegbeschreibung.“ Sie schenkte ihm ein weiteres strahlendes Lächeln, das die verrücktesten Dinge mit ihm anstellte. „Genau genommen bin ich hinter Ihnen her.“

Im ersten Moment wusste Matt nicht, wovon sie redete. „Hinter mir?“

Sie nickte. Ein Schauer, als hätte sich die Sonne urplötzlich hinter Wolken verkrochen, lief über seinen Rücken. Das Verlangen ließ schlagartig nach, und sein Körper spannte sich aus ganz anderen Gründen an.

Warum war sie hinter ihm her? Woher wusste sie, wer er war?

Es sei denn, sie hatte ihn beobachtet.

Während der Verdacht sich erhärtete, begann sein Puls zu rasen. Sie konnte doch nicht etwa die …

Erneut musterte er sie. Diesmal entdeckte er die Kamera an ihrer Schulter. Die Ecke des Notizbuchs und des Stifts, die aus der Gesäßtasche ihrer Shorts herauslugten. Ihr hoffnungsvoller, eifriger Gesichtsausdruck.

Der Schauer, der ihn erfasst hatte, verwandelte sich in Eis. Oh, verdammt. Es schien ganz so, als wäre sie es doch.

Eingehend prüfte er ihre Gesichtszüge und verglich sie mit all den Journalisten-Gesichtern, die er in den vergangenen Monaten in seinem Gehirn abgespeichert hatte. Ohne Ergebnis. Für wen auch immer sie arbeitete, sie schien neu zu sein.

Er schluckte das Gefühl hinunter, das verdammt nach Enttäuschung schmeckte. Warum war er überrascht? Wieso war er enttäuscht? Wieder einmal bewies das Leben, dass die Menschen immer nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren.

„Ich bin froh, dass wir uns über den Weg gelaufen sind“, sagte sie.

Darauf mochte er wetten. „Warum?“

Das Lächeln verblasste, und ihre Augen weiteten sich angesichts seines schroffen Tons. „Ich war auf dem Weg zu Ihnen.“

„Waren Sie das?“, erwiderte er gedehnt. Eine merkwürdige Art der Betäubung breitete sich in seinem Körper aus.

„Sie sind aus dem Herrenhaus gekommen.“

„Ja.“

Matt schob die Hände in die Taschen seiner Jeans und beschloss, erst mal abzuwarten, wie weit diese Frau gehen würde, um ein Interview zu bekommen. Auf jeden Fall trug sie ein Killer-Outfit.

„Schönes Anwesen.“

„Vielen Dank“, erwiderte er kühl.

„Fantastische Details an den Giebeln.“

„Wirklich?“

„Absolut. Und ein … herrliches Grundstück.“

„Natürlich.“

„Sind Sie der Gärtner?“

Matt runzelte die Stirn. Der Gärtner? „Ich bin der Besitzer.“ Als wenn sie das nicht wüsste.

Sie riss die Augen weit auf. „Oh.“ Bei ihrem Lächeln begann die Erde unter seinen Füßen mal wieder zu beben. „Nun, das ist ja noch besser.“

„Natürlich ist es das.“

Sie sah ihn verständnislos an und blinzelte. „Was?“

Oh, sie hatte die Unschuldsnummer wirklich drauf. „Was wollen Sie?“, fragte er.

Lauras Lächeln geriet ins Wanken. „Wenn es nicht zu viele Umstände bereitet, dann wollte ich fragen, ob ich reinkommen und ein paar Fotos machen könnte. Von dem Haus“, erläuterte sie rasch.

Zu viele Umstände? Matt biss die Zähne zusammen. Die Frau hatte wirklich Nerven.

„Es wäre nur für eine Sekunde“, fügte sie hinzu, als spürte sie seinen Widerwillen. „Nur ein paar Aufnahmen, wissen Sie. Wenn es Ihnen nichts ausmacht …“

Matts Geduldsfaden riss. „Doch, es macht mir etwas aus, und nein, Sie können nicht reinkommen.“

Das Lächeln verschwand völlig von ihrem Gesicht. Sie zuckte zurück, als hätte Matt sie geschlagen. Im ersten Moment stand sie einfach nur da und starrte ihn fassungslos an. Sie wurde so blass, dass er schon fürchtete, sie könne in Ohnmacht fallen.

Matt wehrte sich gegen ein aufkommendes schlechtes Gewissen. Er sagte sich, dass er jetzt bloß nicht weich werden dürfe. Was zum Teufel hatte sie denn erwartet? Dass er sie mit offenen Armen in seinem Haus willkommen heißen würde? Dass er sich auf dem Sofa in seinem Salon fotografieren lassen würde? Dass er ihr anbieten würde, einen doppelseitigen Aufmacher zu schießen, der den Herrscher von Sassanien „zu Hause“ zeigte?

Wenn sie das wirklich glaubte, musste sie verrückt sein.

Laura blinzelte mehrmals und straffte dann die Schultern. „Es tut mir leid, Sie belästigt zu haben“, sagte sie ausdruckslos. „Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.“

Als ob diese Möglichkeit jetzt noch bestünde.

Sie nickte ihm noch einmal kurz zu und wollte bereits in die andere Richtung davongehen, als Matts Hand vorschoss und ihren Oberarm umklammerte. „Nicht so schnell.“

2. KAPITEL

Was zum Teufel hatte das zu bedeuten?

Laura spürte, wie sich Matts Finger in ihren Arm gruben. Der Schreck war so groß, dass sie sich sofort versteifte.

Nun, der Schreck und noch eine andere Reaktion. Aber im Moment wollte sie sich lieber auf Ersteres konzentrieren. Der Mann hatte zwar Augen von der Farbe geschmolzener Schokolade und dichtes braunes Haar, das sie zu gern zerzaust hätte. Er war mit einer Stimme gesegnet, die sie an Whisky und Honig erinnerte und an lange Nächte vor einem warmen Feuer. Und er mochte einen Körper besitzen, bei dem sie weiche Knie bekam.

Aber er war ganz eindeutig ein Psychopath.

Sie hatte doch lediglich um einen kurzen Blick in sein Haus und ein paar lausige Aufnahmen gebeten, und er tat so, als wäre sie hinter seiner Seele her.

„Au!“, protestierte sie und versuchte sich aus seinem Klammergriff zu befreien.

Er lockerte den Griff, worauf Laura rasch zurücktrat und die Stelle an ihrem Arm rieb, an der die Haut brannte. Sie sollte die Gelegenheit nutzen und sich schleunigst davonmachen. Auch wenn sie wochenlang das Haus bewundert und angeschmachtet hatte, so wäre sie nie auf die Idee gekommen, dass sein Besitzer nicht sympathisch und kooperativ sein könnte.

Wie sehr konnte man sich doch in einem Menschen täuschen!

Laura schaute auf und stellte fest, dass der Kerl sie wütend anfunkelte. Sein Blick war so finster, dass sie beinahe in Ohnmacht gefallen wäre. Was auch immer sein Problem war – und er hatte ganz offensichtlich eine Menge davon –, sie wollte nichts damit zu tun haben. Schließlich hatte sie schon genug eigene Probleme. Das größte war im Moment die verräterische Art, mit der ihr Körper auf ihn zu reagieren schien.

Als er ihre Hand ergriffen hatte, wäre sie beinahe zusammengezuckt, so groß war die Elektrizität, die durch ihren Arm schoss. Und als er sie von oben bis unten gemustert hatte – so durchdringend, als könnte er geradewegs durch ihre Kleider blicken – da war jeder Zentimeter ihrer Haut entflammt worden. Die Hitze, die sie gespürt hatte, als sie ihn durch das Fernglas beobachtete, war nichts im Vergleich zu dem, was sie jetzt fühlte.

Angesichts seiner offenkundigen Feindseligkeit konnte man ihre Reaktion wirklich nur als pervers bezeichnen.

Was hatte sein Blick nur an sich, dass sie wie festgewurzelt dastand und sich nicht vom Fleck rühren konnte? Warum waren ihre Knie weich? Und noch wichtiger: Weshalb nutzte sie die Tatsache, dass er sie losgelassen hatte, nicht aus und rannte so schnell davon, wie ihre Füße sie trugen?

Doch das wäre die Reaktion der alten Laura gewesen, die jeder Konfrontation aus dem Weg ging und niemals Nein sagte. Trotz des Kurses zur Stärkung des Selbstvertrauens, den sie erst kürzlich abgeschlossen hatte, steckte noch genug von dieser alten Laura in ihr, dass sie am liebsten geflüchtet wäre und sich unter der Bettdecke verkrochen hätte.

Aber sie hatte sich verändert. Jawohl! Sie bog den Rücken durch. Jetzt stellte sie sich den Konflikten. Oder zumindest war das der Plan. Bis zu diesem Moment hatte sie noch keine Gelegenheit zum Üben gehabt.

S

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