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Bei diesem Kuss erwacht die Liebe

Marion Lennox

Bei diesem Kuss erwacht die Liebe

1. KAPITEL

Wenn man an einer Unglücksstelle keine Hilfe leisten könnte, sollte man sich entfernen, denn Schaulustige behinderten nur die Rettungsarbeiten und stellten oft genug ein Problem dar, wie es immer wieder seitens der Polizei hieß. Und das galt auch für den Auffahrunfall, der vor wenigen Minuten passiert war.

Nachdem in das Heck des Kleintransporters des Tierschutzvereins „Banksia Bay’s Animal Welfare“ ein anderer Wagen hineingefahren war, hatten mindestens zehn Hunde die Flucht ergriffen. Beteiligte und nicht in das Geschehen verwickelte Leute schrien einander an, und Esther Ford war nahe daran, hysterisch zu werden.

Abigail Callahan hatte glücklicherweise genug Sicherheitsabstand gehalten, sodass sie ihren kleinen roten Sportwagen rechtzeitig zum Stehen gebracht hatte. Sie vergewisserte sich, dass niemand verletzt war. Erst dann kümmerte sie sich um Esther und versuchte vergeblich, sie zu beruhigen. Schließlich rief sie deren Sohn an, weil er wahrscheinlich am besten mit seiner Mutter umgehen konnte. Danach entschloss sie sich, beim Einfangen der Hunde zu helfen. Doch da sie keine Erfahrung mit Haustieren hatte, gab sie schon bald entnervt auf.

Als sie den Polizisten Rafferty Finn entdeckte, der zu dem Rettungsteam „Banksia Bay Emergency Services“ gehörte, war es für sie höchste Zeit, den Ort des Geschehens zu verlassen, denn sie hatte sich schon vor langer Zeit vorgenommen, sich von diesem Mann fernzuhalten.

Sie wollte das Auto wenden, doch die vielen Schaulustigen blockierten ihr den Weg. Sie hupte kurz, womit sie sich jedoch prompt einen missbilligenden Blick von Raff einhandelte, was ihr völlig unverständlich war, denn wie sonst sollte sie die Leute dazu bewegen, ihr Platz zu machen? Sie hatte mit dem Zusammenstoß nichts zu tun und musste außerdem pünktlich im Gericht sein. Sie sah wieder zu Raff hinüber und stellte lächerlicherweise fest, wie aufregend sexy er aussah.

Als Achtjährige und später als Teenager hatte sie für ihn geschwärmt, doch das war längst vorbei, und jetzt war sie mit Philip verlobt.

Raff war damals ein hoch aufgeschossener Zehnjähriger mit Sommersprossen und rotem Haar gewesen. Doch nun, zwanzig Jahre später, wirkte er mit seinem muskulösen Körper, der gebräunten Haut und dem vollen gelockten Haar unglaublich attraktiv. Wenn er einen mit den faszinierenden grünen Augen anschaute, in denen es immer so aufleuchtete, als führte er irgendetwas im Schilde, konnte einem fast das Herz stehen bleiben.

Auf wundersame Weise behielt er die Übersicht in dem Chaos und erteilte ruhig und überlegen seine Anweisungen.

Am besten beachte ich Raff Finn gar nicht, dann bin ich auf der sicheren Seite und gerate nicht ins Schwärmen, nahm sie sich vor. Erneut versuchte sie zu wenden, doch wieder ohne Erfolg. In dem Moment klopfte jemand an ihre Seitenscheibe, und die Fahrertür wurde geöffnet, und als sie den Kopf dorthin drehte, bekam sie Herzklopfen. Mit seiner beachtlichen Größe von einem Meter fünfundachtzig stand er da – mit einem kleinen Hund neben sich.

„Du musst mir helfen, Abby“, erklärte er, und ehe sie begriff, wie ihr geschah, sprang der kleine Kerl auf ihren Schoß.

„Fahr ihn bitte zum Tierarzt“, fuhr Raff fort. „Er wird dort erwartet.“

Die Klinik lag ungefähr einen Kilometer entfernt am Ortsrand. Abby hatte keine Chance zu protestieren oder überhaupt etwas zu sagen, denn Raff schlug die Tür schon wieder zu.

Ihr fiel die Keksdose ihrer Großmutter ein, die mit der Abbildung von „Greyfriars Bobby“ verziert war. Dieser war ein Skye Terrier, und die Legende besagte, dass er fast vierzehn Jahre das Grab seines verstorbenen Herrchens bewacht hatte, sogar während der in Edinburgh sehr strengen Winter. Dieser Hund hier hatte viel Ähnlichkeit mit Bobby, nur sein sandfarbenes Fell war kürzer und ziemlich verwahrlost, außerdem hatte er ein Hängeohr. Ansonsten schien er völlig gesund zu sein, und sie fragte sich, weshalb sie ihn zum Tierarzt bringen sollte.

Sie streichelte ihn vorsichtig, woraufhin er den Kopf zur Seite neigte und sich hinter dem Ohr kraulen ließ. Dabei sah er sie mit seinen großen braunen Augen unentwegt an, während er zaghaft mit dem buschigen Schwanz wedelte. Sein Blick berührte sie sehr, aber sie durfte jetzt nicht sentimental werden, zumal er ihr nicht gehörte.

Mit dem kleinen Bündel auf dem Arm stieg sie schließlich aus und ging auf Raff zu, der zwischen den beschädigten Autos stand und jetzt Mrs Fords Wagen selbst von der Fahrbahn an den Straßenrand schob.

„Raff?“

„Ja, was ist?“

„Ich kann mich jetzt nicht um den Hund kümmern.“

„Henrietta wird hier noch gebraucht, deshalb musst du einspringen“, fuhr er sie an. „Sie muss die anderen Tiere einfangen. Es ist doch wirklich keine große Sache Abby. Bring ihn einfach nur zum Tierarzt.“

„Ich muss aber in zehn Minuten im Gericht sein.“

„Ich auch. Ich habe viele Jahre gebraucht, um Wallace Baxter endlich das Handwerk zu legen. Wenn du also glaubst, ich würde jetzt zulassen, dass du und dein pedantischer Freund ihn herausboxt, weil ich nicht rechtzeitig als Zeuge auftreten kann …“

„Das ist er nicht, Raff“, unterbrach sie ihn.

„Was?“

„Phil ist nicht pedantisch, und er ist auch nicht mein Freund, sondern mein Verlobter.“

„Dann eben dein Verlobter. Aber übertrieben genau ist er wirklich. Ich wette, er sitzt jetzt schon in seinem eleganten Anzug und mit einer Seidenkrawatte um den Hals im Gerichtssaal. Während ihr euch als Strafverteidiger wochenlang vorbereiten konntet und dafür ein stattliches Honorar einstreicht, musste ich für meine Nachforschungen einen großen Teil meiner Freizeit opfern. Zwei Rechtsanwälte gegen einen Polizisten, so sieht die Sache doch letztlich aus.“

„Der Staatsanwalt ist auch auf deiner Seite.“

„Malcolm ist schon achtzig und schläft bekanntlich immer wieder ein. Man kann sich also denken, wie der Prozess ausgeht. Trotzdem werde ich dort sein, ob es euch gefällt oder nicht. Und nun fahr endlich mit dem Hund los.“

„Willst du dadurch verhindern, dass ich den Termin wahrnehmen kann?“

„Nein. Es ist sonst niemand da, der es machen kann“, entgegnete er gereizt. „Ich rufe Richter Weatherby an und bitte ihn, den Beginn der Verhandlung um eine halbe Stunde zu verschieben.“

„Aber ich kenne mich mit Hunden nicht aus, Raff“, wandte sie ein.

„Hast du etwa Angst, dass er dein elegantes Kostüm ruiniert?“

„Darum geht es doch gar nicht.“ Oder nicht nur, fügte sie insgeheim hinzu. „Was hat er eigentlich? Was soll ich machen, wenn er mich beißt?“

Raff seufzte. „Keine Angst, das tut er nicht“, erwiderte er so nachsichtig, als wäre sie ein kleines Kind. „Er ist ein ganz lieber, absolut friedlicher und nicht ganz reinrassiger Cairn Terrier und hat Isaac Abrahams gehört. Er soll eingeschläfert werden. Du brauchst ihn nur zum Doktor zu bringen, sonst nichts“, beendete Raff das Gespräch und wandte sich ab.

Die Sonne schien schon warm an diesem wunderschönen Morgen. Im Hafen von „Banksia Bay“ glitzerte das Wasser, und über dem „Black Mountain“ lag noch bläulicher Dunst. Das alles nahm Abby nicht wahr. Mit dem Hund auf dem Arm stand sie reglos da und dachte über Raffs Bemerkung nach.

Natürlich hatte sie Isaac Abrahams gekannt. Der alte Mann hatte im Busch außerhalb der kleinen Stadt auf seiner Farm am Black Mountain gelebt und war vor sechs Wochen gestorben. Da sie seinen Nachlass verwaltete, war seine Tochter, die in Sydney lebte, zweimal bei ihr in der Kanzlei erschienen, um über die persönlichen Sachen ihres Vaters zu verfügen. Von einem Terrier war allerdings nie die Rede gewesen.

„Kannst du dein Auto bitte wegfahren?“, fragte Raff in dem Moment. „Du behinderst den Verkehr.“

Tue ich das? überlegte sie und sah sich um. Ja, es stimmte.

Irgendwie hatte er es dank seiner Autorität inzwischen geschafft, Ordnung in das Chaos zu bringen. Auch zwei Abschleppwagen trafen gerade ein, und die Straße war praktisch geräumt.

„Jetzt kann Henrietta es selbst machen“, erklärte Abby und blickte sich nach der Besitzerin des Tierheims um.

„Sie muss erst die anderen Hunde einfangen, wie ich schon erwähnt habe“, antwortete er etwas ungeduldig.

„Warum darf dieser kleine Kerl hier nicht bei ihr bleiben? Ihn einfach einschläfern zu lassen finde ich grausam.“

„Weil weder seine Tochter noch sonst jemand ihn haben will.“ Seine Stimme klang plötzlich seltsam traurig. „Der Einzige, der infrage käme, ist Isaacs Gärtner Lionel, der ihn leider nicht nehmen kann, weil er in einem möblierten Zimmer wohnt. Und der Tierhort ist total überfüllt. Kleppy konnte dort nur für sechs Wochen aufgenommen werden, und jetzt ist Schluss. Fred erwartet ihn schon. Es geht ganz schnell, der Hund muss nicht leiden. Nun bring ihn schon hin, Abby. Wir sehen uns dann im Gerichtssaal.“

Er drehte sich um und fing an, die Abschleppwagen zu den beschädigten Fahrzeugen zu dirigieren.

Abigail Callahan war eine hinreißend schöne Frau. Doch das durfte ihn nicht mehr tangieren. Als Teenager war sie aus Raffs Leben nicht wegzudenken gewesen. Seit nunmehr zehn Jahren ging sie ihm allerdings aus dem Weg. Aus dem herzerfrischend fröhlichen und unbekümmerten Mädchen, das gern und oft gelacht hatte, war eine junge Frau geworden, die er nicht besonders mochte.

Vor vielen Jahren war ihr Bruder durch seinen Leichtsinn ums Leben gekommen, und damals schien auch in ihr etwas gestorben zu sein. Raff hatte lange gebraucht, um mit seiner Schuld an dieser Tragödie zurechtzukommen und sie zu akzeptieren. Vergessen würde er den fatalen Unfall und dessen Folgen jedoch nie.

Wie kann man einen Hund nur Kleppy nennen, überlegte Abby. Der Name stand auch auf der Hundemarke an seinem Halsband. Als sie ihn jetzt auf dem Beifahrersitz absetzte, wedelte er wieder mit dem Schwanz und drehte sich zweimal um sich selbst, ehe er sich mit seiner Position zufriedengab. Und dann schaute er Abby mit seinen großen braunen Augen wieder aufmerksam und irgendwie erwartungsvoll an.

Sechs Wochen hatte der arme Kerl im Tierheim verbracht, das sie bei einem Klassenausflug einmal besichtigt hatte. Jedes Tier wurde dort in einem kleinen Zwinger mit wenig Auslauf untergebracht, und viel zu viele dieser Kreaturen hatten sie damals voller Hoffnung angeblickt. Es hatte ihr fast das Herz gebrochen, ihnen nicht helfen zu können, und sie hatte bitterlich geweint.

Raff hatte ihr tröstend auf die Schulter geklopft. „Es ist schon in Ordnung, Abby. Es gibt bestimmt eine gute Fee, die sich ihrer annimmt. Deshalb wette ich, dass alle bis heute Abend einen neuen Besitzer finden.“

„Vielleicht holt deine Großmutter sie hier heraus“, meinte ein anderer Junge. „Wie viele Hunde habt ihr, Finn?“

„Sieben“, antwortete Raff.

Die Tierpflegerin schnitt ein Gesicht. „Ich finde, dass niemand mehr als zwei haben sollte.“

„Dann musst du fünf hier abliefern, Finn“, stellte der Junge fest, doch Raff hatte geschwiegen.

„Nun fahr schon los, Abby“, forderte Raff sie jetzt unwillig auf.

„Ich will den Hund aber nicht …“

„Es geht nicht immer danach, was man möchte“, fiel er ihr ins Wort. „Du bist eigentlich alt genug, um das wissen. Und nun setz dich in Bewegung.“

Gut, dann mache ich mich eben zum Tierarzt auf und anschließend zum Gericht, nahm sie sich vor.

Unterwegs saß Kleppy reglos da und blickte sie voller Vertrauen an.

Bei dem Gedanken, dass es wahrscheinlich die einzige Lösung war, ihn einzuschläfern, wurde ihr ganz übel. Doch was sollte sie sonst tun?

Dennoch fand sie die Vorstellung unerträglich. Konnte sie ihn denn nicht selbst nehmen? Nein, das wäre viel zu kompliziert, denn in neun Tagen würde sie Philip heiraten, und der konnte Hunde nicht ausstehen.

Plötzlich fiepte Kleppy und legte ihr eine Pfote auf den Oberschenkel, was sie zutiefst berührte. Auch als sie wenig später vor der Klinik den Wagen anhielt, beließ er es dabei und rührte sich nicht vom Fleck.

Mit grimmiger Miene eilte Fred, der ältere Tierarzt, auf das Auto zu und öffnete die Beifahrertür. „Raff hat angerufen und dein Kommen angekündigt. Weißt du, wann die anderen Hunde gebracht werden?“

„Henrietta versucht noch, sie einzufangen. Wie viele sollen es denn sein?“

„Das möchte ich eigentlich gar nicht wissen“, erwiderte er. „Es ist immer dasselbe. Spätestens drei Monate nach Weihnachten findet niemand mehr die Welpen niedlich. Doch dafür kannst du ja nichts“, meinte er, während er Kleppy, der Abby traurig anschaute, packte.

O nein, das halte ich nicht aus, schoss es ihr durch den Kopf.

„Geht es schnell?“

Er zog die Augenbrauen zusammen. „Steigere dich nicht da hinein“, forderte er sie auf. Er kannte sie gut, denn sie war in dieselbe Klasse gegangen wie seine Tochter.

„Worein?“

„Denk nicht darüber nach. Es ist nicht deine Sache. In neun Tagen heiratest du, oder?“

„Ja.“

„Dann hast du genug zu tun und brauchst dir keine Gedanken über einen herrenlosen Hund zu machen. Du und Philip würdet euch sowieso nie ein Haustier zulegen, das passt nicht zu euch.“

„Wieso nicht?“

„Weil solche Geschöpfe Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen. Für euch käme höchstens ein Goldfisch infrage. Ich wünsche dir alles Gute zur Hochzeit, falls wir uns vorher nicht mehr sehen.“

Sie wandte sich ab, denn sie konnte Kleppys Anblick nicht mehr ertragen. Doch der Blick seiner großen traurigen Augen schien sie zu verfolgen.

„Fred?“

Er drehte sich an der Eingangstür um. „Ja?“

„Ich halte das nicht aus. Kannst du ihn bitte untersuchen und ihn mir dann wieder mitgeben?“

„Du willst ihn mit nach Hause nehmen?“

„Ja, ich schenke ihn mir zur Hochzeit.“ Ihr war klar, wie trotzig es klang, aber das war ihr egal. „Ich habe mich entschieden. Das schaffe ich schon. Kleppy gehört jetzt mir.“

Fred gab sich jede erdenkliche Mühe, es ihr auszureden. „So ein Tier hat man sehr lange, Abby. Kleppy kann sechzehn Jahre alt oder noch älter werden.“

„Ja.“ Sie geriet ins Grübeln. Das war wirklich eine lange Zeit.

„Er ist außerdem nur eine Promenadenmischung“, fügte der Tierarzt hinzu.

„Das spielt keine Rolle.“ Ihre Stimme klang jetzt fester und entschlossener.

„Und wie wird Philip darauf reagieren?“

„Er wird mich für verrückt erklären, den Hund aber letztlich akzeptieren“, antwortete sie mit mehr Zuversicht, als sie wirklich empfand.

Während Fred Kleppy untersuchte, fuhr er fort: „Er scheint unter Schock zu stehen, außerdem ist er viel dünner als bei der letzten Impfung. Vermutlich hat er seit dem Tod des alten Mannes die Futteraufnahme verweigert. Isaac hat ihn vor sechs Jahren im Busch gefunden. Man hatte ihn als Welpen ausgesetzt. Zuerst gab es einige Probleme, doch die beiden waren schon bald unzertrennlich.“

Das waren Raff und ich früher auch, dachte sie und verspürte einen seltsamen Schmerz.

„Er scheint gesund zu sein.“ Fred gab ihm ein Leckerli zur Belohnung. „Und was nun?“

„Ich nehme ihn mit.“

„Er braucht Futter, einen Schlafplatz und eine Leine.“

„Klar. Ich hole alles im Zoogeschäft. Kannst du mir eine Liste erstellen, was ich sonst noch für ihn kaufen muss?“

Fred blickte auf die Uhr. „Leider habe ich dazu jetzt keine Zeit. Du siehst doch Raff gleich im Gericht, oder? Er kann dich bestens beraten.“

„Woher weißt du, dass …?“

„In Banksia Bay spricht sich bekanntlich alles herum“, unterbrach Fred sie leicht belustigt. „Ich habe gehört, dass du eigentlich jetzt schon im Gerichtssaal sein müsstest und Raff den Termin um eine halbe Stunde hat verschieben lassen, worüber Richter Weatherby gar nicht glücklich ist. Er ist auf Raff nicht gut zu sprechen, sodass eure Chancen nicht schlecht stehen, Baxter herauszuboxen. Allerdings würde sich darüber niemand freuen. Doch wenn du mit eurem Honorar das Futter für Kleppy bezahlst, soll es mir recht sein. Sprich mit Raff, er bekommt Prozente in der Tierhandlung.“

„Warum das denn?“

„Weil er und Sarah ein Pony, zwei Hunde, drei Katzen, zwei Kaninchen und mindestens achtzehn Meerschweinchen besitzen.“ Fred hob Kleppy hoch und reichte ihn ihr. „Es hat mich etwas überrascht, dass er diesen Hund nicht selbst behält, aber wahrscheinlich gibt es auch für ihn eine Grenze. Bis demnächst, Abby. Viel Glück mit dem kleinen Kerl.“

2. KAPITEL

Bevor sie nicht mit Raff gesprochen hatte, wollte Abby nicht ins Zoogeschäft gehen. Doch im nächsten Supermarkt erstand sie einen Wassernapf, eine schöne rote Lederleine und einen Markknochen.

Nachdem sie den Wagen vor dem Gericht abgestellt hatte, blickte der Hund, der auf dem Beifahrersitz lag, ängstlich zu ihr auf, ohne mit dem Schwanz zu wedeln.

„Mein Lieber, du kannst ruhig etwas glücklicher aussehen, denn schließlich habe ich dich gerettet“, sagte sie zu ihm.

Offenbar wollte er sie nicht verstehen, denn er rollte sich beleidigt zusammen.

Was soll ich nur mit ihm während der Verhandlung machen? überlegte sie, denn der für sie reservierte Parkplatz lag in der prallen Sonne.

Auch wenn sie keine Erfahrung mit Haustieren hatte, war ihr bewusst, dass es im Auto zu heiß für Kleppy werden würde. Hatte sie jedoch eine Alternative? Ihr Haus und der Garten waren noch nicht entsprechend hergerichtet, und ihre Eltern würden ihr auch nicht helfen.

Also fuhr sie weiter zu einem Park in der Nähe, stellte dort den Wagen im Schatten der Bäume ab und band Kleppy mit der Leine an den Griff der offenen Fahrertür an. Dann kam keiner auf die Idee, man hätte ihn ausgesetzt, sondern allen Spaziergängern wäre klar, dass man ihn bald wieder abholen würde.

Hoffentlich begriff Kleppy das auch.

Sie stellte ihm Wasser hin und gab ihm den Knochen. Kleppy legte sich hin und sah sie traurig an.

Sie betrachtete ihn nachdenklich und seufzte. Dann zog sie die elegante Kostümjacke aus und legte sie neben ihn auf die Erde.

Sogleich beschnupperte er das gute Stück, streckte die Vorderbeine aus und robbte auf die Jacke. Obwohl sie sehr teuer gewesen war, hatte Abby sie eigentlich nie gemocht. Diese steifen Outfits passten nicht zu ihr, wie sie fand, denn mit ihren eins fünfundsechzig hielt sie sich ohnehin für zu klein und unscheinbar. Das glänzende volle braune und leicht gewellte Haar hatte sie zu einem strengen Chignon frisiert, weil es Philip so wollte. Es gefiel ihm nicht, wenn sie es offen über die Schultern fallen ließ. Ihm zuliebe hatte sie sogar die Sommersprossen mit Make-up abgedeckt. Mit ihrer schlanken Gestalt wirkte sie in einem Kostüm allerdings so professionell, wie man sich eine Rechtsanwältin vorstellte.

Doch heute Morgen konnte sie auf solche Äußerlichkeiten keine Rücksicht nehmen, sie war sowieso schon zu spät dran.

Kleppy blickte sie immer noch herzzerreißend traurig an. „In zwei Stunden bin ich wieder bei dir, versprochen. Dann überlegen wir, wie es mit uns beiden weitergeht.“

Ich muss mir unbedingt etwas einfallen lassen, dachte sie. Vielleicht hilft mir auch Raff. Da er schon beinah einen halben Zoo zu Hause hatte, kam es ihm sicher auf einen Hund mehr oder weniger nicht an. Vielleicht konnte sie ihn überreden, Kleppy aufzunehmen.

„Bei Rafferty Finn würde es dir bestimmt gefallen, Kleppy. Er ist eigentlich ein guter Mensch.“ Dass er auch seine Fehler hatte und für sie ein Problem darstellte, interessierte den kleinen Kerl ganz sicher nicht.

Doch wie sollte sie Raff dazu bringen, ihr den Gefallen zu tun? Und wie würde Philip reagieren, wenn sie keine andere Alternative hätte, als den Hund selbst zu betreuen?

Am bestens verschiebe ich die Lösung des Ganzen auf später, beschloss sie, nahm die Aktentasche aus dem Wagen und eilte zum Gericht. Kleppys irgendwie hoffnungslosen Blick fand sie unerträglich, und es tat ihr weh, ihn allein zu lassen. Doch was sollte sie machen? Sie durfte ihre Arbeit nicht vernachlässigen.

In der Gerichtsverhandlung ging es um die Betrugsvorwürfe, die gegen den Anlageberater Wallace Baxter erhoben wurden. Im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen, die in Banksia Bay ihre Büros hatten und über ein ganz normales Einkommen verfügten, besaß Wallace das größte und modernste Haus weit und breit. Seine Kinder besuchten die beste Privatschule in Sydney, und seine Frau fuhr ein Mercedes Coupé. Zweimal im Jahr flog die ganze Familie zum Skilaufen nach Aspen, wo sie ein Feriendomizil besaßen.

„Ich lege mein Geld gut an, das ist das ganze Geheimnis“, hatte Wallace immer behauptet. Nachdem viele Jahre alles gut gegangen war, hatte er schließlich einräumen müssen, dass die Einlagen seiner Kunden verloren waren. Für sich selbst hatte er jedoch vorgesorgt und alles seiner Frau überschrieben, sodass er von den Verlusten nicht betroffen war. Die vielen Anleger hingegen, meist Ruheständler, die er mit hohen Gewinnversprechen dazu gebracht hatte, in risikoreiche Immobilienfonds zu investieren, hatte er allesamt um ihre Ersparnisse gebracht.

„Schuld daran ist einzig und allein die globale Finanzkrise“, hatte er Philip und Abby erklärt, als er ihnen die Unterlagen übergab. „Man kann mich nicht für das Versagen internationaler Banken verantwortlich machen.“

Weil er weltweit investiert hatte, ließen sich die geschäftlichen Transaktionen nur schwer nachprüfen. Es handelte sich allerdings um einen vergleichsweise kleinen Fall. Deshalb hatte auch der Staatsanwalt, der für Banksia Bay zuständig war und längst im Ruhestand hätte sein müssen, es weitgehend Raff überlassen, die Sache aufzuklären, obwohl er als Polizist über viel weniger Zeit und weniger Möglichkeiten verfügte. Raffs Prophezeiung, Philip und Abby würden vermutlich einen Freispruch für ihren Mandanten erwirken, war demzufolge nicht von der Hand zu weisen.

Als sie jetzt den Gerichtssaal betrat, kam Philip ihr mit erleichterter Miene entgegen, denn alle Papiere, die sie während der Verhandlung brauchten, befanden sich in ihrer Aktentasche.

„Was war denn los?“, fragte er.

„Hat Raff es dir nicht berichtet?“

Philip warf einen ärgerlichen Blick in Richtung des Polizisten. Die beiden konnten einander nicht ausstehen.

„Er hat gesagt, du hättest einen Hund zum Einschläfern zum Tierarzt bringen müssen. Aber das fällt doch eher in seinen Aufgabenbereich“, antwortete Philip.

„Es hat einen Unfall gegeben, der ihn in Atem gehalten hat“, entgegnete sie.

„Warum war er dann vor dir hier? Weshalb hast du so lange gebraucht? Und wieso hast du keine Jacke an?“

„Sie ist voller Hundehaare.“ Mehr wollte sie ihm vorerst nicht verraten. „Können wir jetzt anfangen?“

„Nur zu gern“, mischte sich der Richter ironisch ein, der schon auf dem Richterstuhl Platz genommen hatte.

Während Philip die Anklageschrift Punkt für Punkt widerlegte, hörte Abby ihm aufmerksam zu. Er ging dabei sehr geschickt vor, und einen besseren Strafverteidiger als ihn konnte sie sich kaum vorstellen. In Sydney oder einer anderen Großstadt hätte er eine glänzende Karriere vor sich gehabt, doch er war nach Banksia Bay zurückgekehrt. Und darüber wunderte sie sich immer noch.

Ihre Eltern waren begeistert von ihm. Sein Vater war der Taufpate ihres Bruders Ben gewesen, sodass Philip sowieso schon fast zur Familie gehörte. Dass er und Abby sich verlobt hatten, war beinah eine Selbstverständlichkeit gewesen, und alle hatten sich gefreut. Nur sie war nicht glücklich. Doch damit wollte sie sich merkwürdigerweise nicht auseinandersetzen.

Nur wenn sie in den frühen Morgenstunden nicht mehr schlafen konnte, fragte sie sich zuweilen, warum sie bei Philips langweiligen Küssen nichts empfand. Auf Rafferty Finn reagierte sie ganz anders. Sie brauchte ihn nur anzusehen, und schon geriet sie ins Schwärmen. Doch solche Gedanken durfte sie nicht zulassen.

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