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Behüte unser Glück

Lisa Jackson

Behüte unser Glück

PROLOG

„Randi, mein Mädchen, ich werde bald sterben. Daran gibt es keinen Zweifel.“

Randi McCafferty blieb abrupt auf der Treppe stehen. Ihre neuen Stiefel drückten sie an den Fersen, als sie die Holztreppe im alten Ranchhaus nach unten eilte. In diesem geräumigen Haus, das auf einer sanften Anhöhe in den ausgedehnten Weiten Montanas errichtet worden war, hatte sie ihre Kindheit und Jugend verbracht. Randi hatte nicht bemerkt, dass ihr Vater sich nur noch halb liegend in seinem Lehnstuhl halten konnte, so sehr war sie in ihren Gedanken verloren gewesen.

Der alte Mann hielt den Blick starr auf den steinernen Kamin im Wohnzimmer gerichtet. John Randall McCafferty war immer noch ein großer Mann. Aber die Jahre hatten ihren Tribut gefordert. Längst besaß er nicht mehr seine einst imposante Statur, sondern war in sich zusammengesunken. Früher war er ausgesprochen attraktiv gewesen, aber jetzt wirkte sein Gesicht grau und faltig.

„Was redest du da?“, entgegnete Randi. „Du wirst ewig leben.“

„Niemand lebt ewig.“ John Randall hielt ihren Blick fest. „Ich werde dir die Hälfte der Ranch vermachen. Sollen deine Brüder sich die Köpfe heiß reden, wie sie den Rest unter sich aufteilen. Die Flying M wird dir gehören. Schon bald.“

„Ich will nicht, dass du so mit mir sprichst“, protestierte Randi und betrat das abgedunkelte Zimmer, in dem sich die Nachmittagshitze wie in einer Sauna gestaut hatte. Sie schaute aus dem staubigen Fenster hinaus auf die Veranda und auf die Ranch, die sich unter dem Himmel Montanas erstreckte. Rinder und Pferde grasten auf den Weideflächen nahe den Ställen und der Scheune. Die Tiere streiften so ruhelos über das Land wie der Wind, der das hohe Gras hin und her wogen ließ.

„Es ist besser, wenn du den Tatsachen ins Auge siehst. Komm her zu mir. Komm schon. Du weißt doch, dass ich eher belle als beiße.“

„Natürlich weiß ich das.“ Obwohl ihre Halbbrüder oft berichtet hatten, wie zornig der alte Mann werden konnte, hatte Randi ihren Vater nie so erlebt.

„Ich möchte dich nur anschauen. Aber meine Augen sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren.“ Er lachte und hustete dann so heftig, dass sein Atem rasselte.

„Dad, ich glaube, ich rufe besser Matt an. Du solltest dich ins Krankenhaus einweisen lassen.“

„Zum Teufel noch mal, nein.“

Als Randi das Zimmer durchquerte, wedelte er mit seiner knochigen Hand, als wollte er eine Fliege verscheuchen. „Keiner der verdammten Ärzte auf dieser Welt ist in der Lage, mir zu helfen.“

„Aber …“

„Halt den Mund, hast du verstanden? Du wirst mir jetzt genau zuhören.“ Der Blick des alten Mannes war klar, als er ihr einen vergilbten Umschlag in die Hand drückte. „Hier habe ich alles aufgeschrieben. Thorne, Matt und Slade gehört die zweite Hälfte der Ranch. Dürfte ziemlich spannend werden.“ Er lachte spöttisch auf. „Die drei werden sich um das Erbe streiten wie Raubtiere um den fettesten Brocken der Beute … aber mach dir keine Sorgen. Dir habe ich den Löwenanteil vermacht.“ Selbstzufrieden lächelte er über seinen Witz. „Dir und deinem Baby.“

„Meinem was?“ Randi war erschrocken, verzog aber keine Miene.

„Meinem Enkel. Du trägst ihn schon in dir, nicht wahr?“, fragte der Alte, kniff die Augen zusammen und musterte sie eindringlich.

Hitze kroch ihr den Nacken hoch. Randi hatte keiner Menschenseele erzählt, dass sie schwanger war. Niemand wusste Bescheid. Außer ihrem Vater, wie es schien.

„Du wirst verstehen, dass es mir lieber gewesen wäre, wenn du vor der Schwangerschaft geheiratet hättest. Aber dazu ist es nun zu spät. Und ich werde nicht mehr lange genug auf dieser Erde sein, um den Jungen noch mit eigenen Augen zu sehen. Aber für dich und ihn ist gesorgt. Die Ranch wird genug abwerfen.“

„Ich brauche niemanden, der für mich sorgt.“

Das Lächeln auf den Lippen ihres Vaters verschwand. „Natürlich brauchst du jemanden, Randi. Jemanden, der sich um dich kümmert.“

„Ich kann mich selbst um mich kümmern … und um das Baby. Ich besitze eine Eigentumswohnung in Seattle, ich habe einen guten Job, und …“

„Aber eben keinen Mann. Jedenfalls keinen mit ein bisschen Mumm in den Knochen. Wie heißt der Kerl, der dich flachgelegt hat?“

„Diese Unterhaltung ist einfach vorsintflutlich …“

„Jedes Kind hat ein Recht darauf, zu erfahren, wer sein Vater ist“, behauptete er, „selbst wenn es sich um einen Dreckskerl handelt, der die Frau im Stich gelassen hat, die sein Kind unter dem Herzen trägt.“

„Wie du meinst“, lenkte Randi ein, während sie den Briefumschlag befühlte und bemerkte, dass er mehr enthielt als nur ein Blatt Papier.

John Randall musste geahnt haben, was sie als Nächstes fragen würde. „Ich habe eine Halskette hineingelegt. Ein Medaillon. Hat deiner Ma gehört.“

Für den Bruchteil einer Sekunde war Randis Kehle wie zugeschnürt. Sie konnte sich gut an das Medaillon erinnern. Als Kind hatte sie damit gespielt, wenn ihre Mutter das glänzende Herz aus Gold an einer Kette um den Hals trug. „Ich weiß. Du hast es ihr zu eurem Hochzeitstag geschenkt.“

„Ja.“ John Randall nickte kurz. Sein Blick wurde weich. „Der Ring liegt auch im Umschlag. Falls du ihn haben willst.“

Plötzlich stiegen Randi Tränen in die Augen. „Danke.“

„Du kannst dich bei mir bedanken, indem du mir den Namen des Kerls nennst, der dir das angetan hat.“

Trotzig hob Randi das Kinn.

„Du wirst es für dich behalten, stimmt’s?“

Sie hielt dem starren Blick ihres Vaters stand. McCafferty gegen McCafferty, dachte sie unwillkürlich. „Da kannst du warten, bis du schwarz wirst.“

„Verdammt, mein Mädchen, du bist wirklich stur.“

„Habe ich vermutlich von dir geerbt.“

„Und es wird dir das Genick brechen. Denk an meine Worte.“

Randi hatte das Gefühl, als husche ein dunkler Schatten über ihr Herz wie eine Vorahnung. Aber trotzdem zuckte sie nicht mit der Wimper. Um ihres ungeborenen Kindes willen hielt sie die Lippen fest verschlossen.

Niemand sollte je erfahren, wer ihr Kind gezeugt hatte.

Noch nicht einmal ihr Sohn.

1. KAPITEL

„Verdammt noch mal“, fluchte Kurt Striker lautlos in sich hinein.

Er hasste den Job, den er zu erledigen hatte. Sehr sogar. Aber er durfte es sich nicht anmerken lassen. Dabei ging es nicht um das beachtliche Honorar, das man ihm versprochen hatte. Nein, die Summe war okay. Es war sogar verführerisch viel. Fünfundzwanzigtausend extra konnte jeder gut gebrauchen. Ein Scheck, der über die Hälfte der Summe ausgestellt war, lag vor ihm auf dem kleinen Tisch. Kurt Striker hatte ihn noch nicht angerührt.

Er verfluchte sich wegen gestern Abend. Seit diesem Abend hatte er ein Geheimnis zu hüten.

Kurt stand im Wohnzimmer vor dem Kamin, in dem ein Feuer knisterte und ihm die Unterschenkel wärmte. Durch die Eisblumen auf den Fensterscheiben konnte er die schneebedeckten Weideflächen der Flying-M-Ranch erkennen.

„Was sagen Sie dazu, Striker?“, wollte Thorne McCafferty wissen. Der älteste der drei Brüder war mit Leib und Seele Geschäftsmann und riss die Verantwortung gerne an sich. „Ist die Sache abgemacht? Werden Sie dafür sorgen, dass unserer Schwester kein Haar gekrümmt wird?“

Es war eine komplizierte Angelegenheit. Striker sollte als Randi McCaffertys persönlicher Bodyguard angeheuert werden. Ob es ihr passte oder nicht. Und Kurt würde jede Wette eingehen, dass es ihr nicht passte.

Er jedenfalls konnte sie nicht von einem einmal gefassten Entschluss abbringen. Und auch nicht ihre drei Halbbrüder. Obwohl es schien, als fühlten Thorne, Matt und Slade sich in letzter Zeit für ihre sturköpfige Halbschwester verantwortlich.

Randi war anstrengend. Daran gab es nichts zu rütteln. Allein die Art, wie sie vor ein paar Stunden davongerast war, hatte ihnen ihre finstere Entschlossenheit vor Augen geführt. Randi wollte nach Seattle zurückkehren. Mit ihrem Kind. Zu sich nach Hause. In ihren Job. In ihr altes Leben. Ohne Rücksicht auf die Folgen.

Striker gefiel die Lage überhaupt nicht. Aber schließlich durfte er sich diesen drei Männern nicht anvertrauen. Nicht jetzt. Oder doch? Die McCafferty-Brüder musterten ihn beinahe misstrauisch.

Auf keinen Fall wollte er sich eingestehen, warum er sich scheute, den Job zu übernehmen. Weil es um eine Frau ging, deshalb wollte er nichts damit zu tun haben. Und schon gar nicht mit der kleinen Schwester dieser harten Brüder, die sie um jeden Preis beschützen wollten.

Die Einsicht kommt ein bisschen spät, findest du nicht?

Randi war sexy. Sie sprühte vor Energie und Leidenschaft. Sie war eine starke Frau. Und wie jeder Sprössling von John Randall McCafferty, der etwas auf sich hielt, stand sie mit beiden Beinen fest im Leben. Was auch immer sie vorhat, dachte Kurt, sie wird ihren Weg machen.

Und sie würde es ganz und gar nicht schätzen, dass Striker ihr auf die Pelle rückte und seine Nase in ihre Angelegenheiten steckte. Noch nicht einmal dann, wenn er sie aus der Gefahr rettete. Im Gegenteil. Sie würde es ihm vorwerfen. Ganz besonders nach dem gestrigen Abend.

„Randi wird ausrasten vor Wut.“ Slade, der jüngste Bruder, brachte es auf den Punkt. Obwohl der Mann noch nicht einmal die Hälfte der Fakten kannte. Slade trug Jeans und ein ausgeblichenes Flanellhemd.

„Natürlich wird sie wütend werden. Wer würde das nicht?“ Matt, der zweitälteste Bruder, saß auf dem abgewetzten Ledersofa. Mit seinem Cowboystiefel stützte er sich auf dem Tischchen ab, auf dem der Scheck über zwölftausendfünfhundert Dollar lag. „Ich würde es auch hassen.“

„Aber sie hat keine Wahl“, bemerkte Thorne. Als Vorstandsvorsitzender in seinem eigenen Unternehmen war er es gewohnt, Befehle zu erteilen. Seine Angestellten hatten zu gehorchen. Vor Kurzem war er von Denver nach Grand Hope in Montana umgezogen. Aber seinen Job hatte er nicht aufgegeben. „Wir sind uns doch einig, oder?“

Fragend sah er seine jüngeren Brüder an. „Wir müssen sie beschützen. Sie und ihr Baby. Deswegen braucht sie einen Bodyguard.“

Matt nickte kurz. „Ja, wir sind uns einig. Aber das macht es Randi nicht leichter, die Kröte zu schlucken. Noch nicht einmal dann, wenn Kelly eingeweiht ist.“

Kelly war Matts Frau und ehemalige Polizistin, die jetzt als Privatdetektivin arbeitete. Sie hatte sich einverstanden erklärt, Striker in dem Fall, in den ihre Schwägerin verwickelt war, zu unterstützen.

Kurt drehte sich zum Fenster, wo immer noch der jüngste der Brüder stand. Slade war sein Freund, obwohl er es gewesen war, der ihm diese Suppe eingebrockt hatte. Slade vermied es, ihm in die Augen zu schauen, und starrte stattdessen weiter hinaus in die frostige Winterlandschaft.

„Wir müssen handeln. Und wir haben keine Zeit zu verschwenden. Jemand versucht, sie umzubringen“, betonte Thorne.

Striker biss die Zähne zusammen. Es war kein Witz. Und tief in seinem Inneren war ihm längst klar, dass er den Job annehmen würde. Wem sonst sollte er zutrauen, die Sache in den Griff zu bekommen? Zugegeben, Randi McCafferty war stur wie ein Ochse. Aber sie hatte etwas an sich, ein gewisses Glitzern in ihren braunen Augen, das ihm direkt unter die Haut ging. Es war, als glomm eine heiße Glut in ihr. Diese Glut hatte ihn völlig gefangen genommen und ließ ihn nicht mehr los.

Was gestern Abend geschehen war, war der beste Beweis dafür.

An den Falten auf Thornes Stirn konnte man erkennen, dass er sich große Sorgen machte. Seine Finger spielten mit dem Schlüssel in der Tasche, und er starrte Striker unverwandt an. „Übernehmen Sie nun den Auftrag? Oder müssen wir uns jemand anderen suchen?“

Allein bei dem Gedanken, dass ein anderer Mann sich in Randis Nähe aufhalten könnte, krampfte sich Kurts Magen zusammen. Aber bevor er antworten konnte, ergriff Slade das Wort.

„Nein, kein anderer. Wir brauchen jemanden, dem wir vertrauen können.“

„Amen“, stimmte Matt sarkastisch zu.

Vertrauen? Du lieber Himmel!

Striker biss die Zähne so fest zusammen, dass es ihn schmerzte.

Slade schaute aus dem Fenster und zeigte auf den Geländewagen, der sich langsam näherte. „Sieht so aus, als würde Nicole nach Hause kommen.“

Die Anspannung in Thornes Gesicht ließ etwas nach. Wenige Minuten später wurde die Haustür aufgerissen, und kalte Winterluft strömte ins Zimmer. Dr. Nicole McCafferty schüttelte sich den Schnee aus dem Mantel und hatte kaum den Flur betreten, als oben auf der Treppe zwei Paar kleine Füße auftauchten. Thornes Stieftöchter, vier Jahre alte Zwillingsmädchen, rannten lachend die Stufen nach unten.

„Mommy! Mommy!“, rief Molly, während ihre schüchterne Schwester Mindy sich freudestrahlend in Nicoles ausgebreitete Arme warf.

„Hey, wie geht es meinen Mädchen?“, grüßte Nicole, schloss die Zwillinge stürmisch in die Arme und küsste sie auf die Wange.

„Du bist kaaaalt!“, kreischte Molly.

Nicole lachte. „Ja, stimmt.“

Thorne hatte vor kurzer Zeit einen Unfall erlitten und humpelte immer noch leicht. Trotzdem eilte er so schnell wie möglich in den Flur und begrüßte seine Frau mit einem leidenschaftlichen Kuss, bis die Mädchen sich dazwischendrängten.

Striker wandte sich ab. Diese Familienszene war nicht für seine Augen bestimmt. Genauso unbehaglich hatte er sich in jenem Augenblick gefühlt, als Slade ihn angerufen und gebeten hatte, der Familie zu helfen. Kurz darauf hatte er das erste Mal den Fuß auf die Flying-M-Ranch gesetzt.

Es war im Oktober gewesen, nachdem Randi McCafferty mit ihrem Wagen von der Straße im Glacier-Park gedrängt worden war. Deswegen hatten vorzeitig die Wehen eingesetzt. Beinahe wären sie und ihr Baby gestorben. Randi hatte eine ganze Weile im Koma gelegen, und nachdem sie aufgewacht war, hatte sie unter Gedächtnisverlust gelitten.

Das behauptete sie jedenfalls.

Obwohl die Ärzte Randis Behauptung bestätigt hatten, war Striker davon überzeugt, dass die Amnesie ihr einfach zu gut in den Kram passte. Immerhin hatte er den Verdacht erhärten können, dass ein anderes Fahrzeug Randis Gefährt den steilen Hang hinuntergedrängt hatte, wo sie schließlich gegen einen Baum gekracht war.

Randi hatte überlebt. Sie hatte sich längst erholt, und ihr Gedächtnis funktionierte wieder. Aber sie weigerte sich strikt, über den Unfall zu sprechen oder Vermutungen zu äußern, wer versucht haben könnte, ihr das Leben zu nehmen. Entweder hatte sie tatsächlich keine Ahnung, wer der Täter war, oder sie wollte es nicht sagen.

Das galt auch für den Namen des Kindsvaters. Randi hatte niemandem anvertraut, wer den kleinen Joshua gezeugt hatte. Kurt verzog das Gesicht, wenn er daran dachte. Nein, er wollte sich nicht ausmalen, wie ein anderer Mann Randi umarmte. Obwohl das ziemlich dumm war. Schließlich hatte er keinerlei Recht auf sie … Er war sich noch nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt mochte.

Dann hättest du sie gestern Abend in Ruhe lassen sollen … Stattdessen hast du zugeschaut, wie sie oben auf der Galerie ihren Sohn versorgt hat … und hast gewartet, bis sie ihn ins Bett gebracht hat …

Kurt erinnerte sich daran, wie sie auf dem Fensterbrett gesessen hatte. Das weiße Nachthemd hatte sich an ihren Körper geschmiegt, während sie ihr Kind im Arm gehalten und ihm leise summend das Fläschchen gegeben hatte. Er stand auf dem oberen Treppenabsatz und schaute über das Geländer nach unten. Das Mondlicht ergoss sich über ihre Schultern, und im Schein des fahlen Lichts sah sie aus wie die Madonna mit dem Kind.

Der Anblick wirkte beinahe heilig auf ihn, aber auch sehr sinnlich. Kurt trat in den Schatten und wartete. Als er endlich die Treppe hinunterging, knarrte eine der Dielen – obwohl er sich einzureden versuchte, dass er lediglich unbemerkt hatte verschwinden wollen. Randi hatte nach oben geblickt und ihn am Treppengeländer entdeckt.

„Lasst uns mal nachsehen, was Juanita für euch in der Küche gezaubert hat“, schlug Nicole vor und riss Kurt aus seinen Gedanken zurück in die Gegenwart. „Es riecht wunderbar.“

„Nach Zinnt“, verkündete das schüchterne Zwillingsmädchen.

„Zimt“, korrigierte Molly und verdrehte die Augen.

„Am besten, wir schauen mal nach.“ Nicole scheuchte die Mädchen über den Flur in die Küche, und Thorne kehrte wieder ins Wohnzimmer zurück.

Sein Lächeln war verflogen. Thorne war wieder ganz der Geschäftsmann. „Wie sieht es aus, Striker? Sind Sie dabei?“

Schweigend steckte Kurt den Scheck ein. Wenn er hätte ablehnen wollen, hätte er sich von Anfang an nicht auf die Sache einlassen dürfen. Jetzt war es zu spät.

Um nichts in der Welt brächte er es fertig, Randi McCafferty mit ihrem Kind nach Seattle ziehen zu lassen. Es war sicher, dass sie dort ihrem Killer direkt in die Arme laufen würde.

„Na, großartig!“ Randi hatte Grand Hope knapp zwanzig Kilometer hinter sich gelassen, als ihr Jeep sich plötzlich merkwürdig benahm. Das Lenkrad ließ sich nur noch schwer bewegen. Nachdem sie den Wagen mühsam auf den verschneiten Seitenstreifen gelenkt hatte, um den Schaden zu begutachten, stellte sie fest, dass die Luft aus dem linken Vorderreifen fast vollständig entwichen war. Dabei war sie mit prallen Reifen losgefahren.

Bisher verlief Randis Rückkehr in die Zivilisation anders als geplant. Nicht dass sie einen besonders ausgefeilten Plan gehabt hätte. Aber gestern Abend … mit Kurt … verdammt noch mal. Als sie heute Morgen aufgestanden war, hatte sie beschlossen, keine Minute länger zu warten.

Ihre drei Brüder waren inzwischen verheiratet, nur sie galt als sture Einzelgängerin. Außerdem schien es, als würde ihretwegen die gesamte Familie in Gefahr schweben. Das musste sie dringend ändern.

Aber du machst dir selbst etwas vor, nicht wahr? Du bist doch nicht wegen deiner Brüder oder wegen der Gefahr so überstürzt abgereist. Es liegt an Kurt Striker und an niemandem sonst …

„Bring es hinter dich“, murmelte sie, „ dann musst du den verdammten Reifen eben selbst wechseln.“

Das Baby schlief seelenruhig im Sitz, während sie den Wagenheber und den Ersatzreifen aus dem Kofferraum holte. Im Grunde war es nicht kompliziert, einen Reifen zu wechseln. Doch da sie Handschuhe trug, wurde die Arbeit an den Schrauben zu einer echten Herausforderung. Schließlich entdeckte sie ein kleines Loch im Reifen.

Ob sie irgendwo über einen Nagel gefahren war? Oder hatte derselbe Idiot seine Finger im Spiel, der sie am Glacier-Park von der Straße gezwungen und dann in der Klinik versucht hatte, sie zu töten? Später hatte er die Ställe auf der Flying M in Brand gesetzt, sodass die Gebäude bis auf die Grundmauern heruntergebrannt waren. Versuchte er es nun wieder? Randi umklammerte den Kreuzschlüssel.

Es war bitterkalt. Der eisige Wind fegte die Straße hinunter und blies den Schnee vor sich her. Randi spürte, wie ihr ein Angstschauder über den Rücken kroch, als sie den Blick über die kahle Landschaft schweifen ließ.

Sie konnte niemanden entdecken.

Und kam zu dem Schluss, dass sie langsam unter Verfolgungswahn litt.

2. KAPITEL

Kaum zwei Stunden nach der Unterhaltung mit den McCafferty-Brüdern saß Striker im Flugzeug. Vorher hatte er mit einem Kollegen telefoniert und ihn gebeten, ihn bei den Ermittlungen zu unterstützen. Während er selbst Randi nicht aus den Augen ließ, würde Eric Brown sich auf die Suche nach der Wahrheit machen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Privatdetektiv die richtige Fährte gefunden hatte.

Durch das kleine Kabinenfenster betrachtete Striker die dicken Wolken und dachte über Randi McCafferty nach.

Sie war schön. Klug. Und unglaublich sexy.

Wer wollte ihren Tod?

Und warum?

Randi war eine faszinierende Frau mit einer scharfen Zunge. In ihren braunen Augen loderte ein Feuer, und mit ihrem schneidenden Witz hielt sie ihre drei Brüder mühelos in Schach.

Thorne, Matt und Slade hatten allen Grund, ihr Vorwürfe zu machen. Die drei Halbbrüder sollten sich eine Hälfte der Ranch teilen, während sie als einzige Tochter von John Randall McCafferty die andere Hälfte geerbt hatte. Obwohl so mancher Einwohner von Grand Hope anders darüber dachte, wusste Striker, dass die drei Brüder eine reine Weste hatten. Mit den Anschlägen hatten sie nichts zu tun.

Striker kaute auf einem Zahnstocher herum und starrte stirnrunzelnd in den wolkenverhangenen Himmel. Es gab zwei Geheimnisse um Randi. Erstens: Niemand kannte den Vater ihres Kindes. Und das war wohl das am besten gehütete Geheimnis. Das zweite rankte sich um ein Buch, das sie in der Zeit geschrieben hatte, als ihr der Unfall zugestoßen war.

Weder ihre Brüder noch sonst jemand in ihrer Nähe wussten, wer das Kind gezeugt hatte. Der Vater bestimmt auch nicht, dachte Striker. Randi schwieg sich darüber aus. Striker fragte sich, ob sie den Vater aus bestimmten Gründen schützen wollte. Oder sollte er einfach nicht Bescheid wissen?

Auf jeden Fall würde es nicht besonders schwer sein, den Daddy des kleinen Joshua zu ermitteln. In der Klinik hatte der Privatdetektiv bereits die Blutgruppe des Babys erfahren. Und es war ihm gelungen, ein paar Haare von Joshua zu bekommen … für den Fall, dass ein DNA-Test nötig wurde.

Es gab drei Männer, die Randi nahegestanden hatten. Nahe genug, um als Lover infrage zu kommen, obwohl Striker noch keine Ahnung hatte, mit wem sie schließlich im Bett gelandet war. Falls überhaupt mit einem von ihnen. Bei dem Gedanken durchschoss ihn Eifersucht wie ein Blitz.

Lächerlich. Nie im Leben würde Striker es sich gestatten, sich auf Randi McCafferty einzulassen. Noch nicht einmal nach letzter Nacht. Sie war seine Klientin, obwohl sie es noch nicht wusste. Wenn sie es erst mal erfahren hatte, würde sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihn wieder loszuwerden. Daran hatte er nicht den geringsten Zweifel.

Mit dem Zeigefinger pochte Striker an die kühle Fensterscheibe und fragte sich wieder einmal, wer Randi das Bett gewärmt hatte. Wer war der Vater ihres Kindes?

Die Galle stieg ihm hoch, als er die möglichen Kandidaten an seinem geistigen Auge vorüberziehen ließ.

Sam Donahue, ein ehemaliger Rodeoreiter, stand ganz oben auf der Liste. Kurt traute dem verwegenen Cowboy nicht über den Weg. Sam war immer ein Schurke gewesen, ein Kerl, den keiner der drei Halbbrüder hatte ertragen können. Schließlich hatte der Mann schon zwei Exfrauen zu versorgen.

Joe Paterno war ein freiberuflicher Fotograf, der gelegentlich für den Seattle Clarion arbeitete. Joe war ein notorischer Playboy, ein Mann, der die Frauen reihenweise vernaschte und niemals Verantwortung übernahm. Überall auf dem Globus hatte er seine Affären, ganz besonders in den politischen Krisengebieten, wo er seine Fotos schoss. Joe war nicht der Typ, der sich mit Frau und Kind irgendwo niederließ.

Der Anwalt Brodie Clanton, der dritte Kandidat, war schon mit einem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen. Brodie Clanton tat so, als wäre ihm das Leben etwas schuldig, und verbrachte seine Zeit damit, seine reichen Mandanten zu verteidigen.

Was zum Teufel hatte Randi sich dabei gedacht? Keiner dieser Männer war es wert, dass sie ihn ein zweites Mal anschaute. Trotzdem war sie mit jedem in Kontakt gewesen. Obwohl Randi in der Zeitung eine Ratgeber-Kolumne für Singles schrieb, hatte sie ...

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