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Begleiten statt erobern

WIR DANKEN René Padilla und seiner Frau Catalina († 2009), dass sie uns nach Argentinien eingeladen, uns vertraut und über die Jahre begleitet haben.

WIR DANKEN den Toba/Qom, dass sie uns als Gäste bei sich aufgenommen und uns Leben und Glauben noch einmal neu gelehrt haben.

WIR DANKEN dem Equipo Menonita, dass sie uns ins Team integriert und in die Arbeitsweise eingeführt haben.

WIR DANKEN unserer OJC-Kommunität und unseren Freunden aus Haiger und anderswo, dass sie über den Ozean hinweg die Bande zu uns erhalten und vertieft haben.

WIR DANKEN unseren Kindern Johannes, Charlotte und Ana, dass sie mit uns gemeinsam das Abenteuer »Inter-Kultur« gelebt haben.

WIR DANKEN unseren Eltern, dass sie uns für die Jahre in Argentinien frei gaben.

UTE UND FRANK PAUL (HERAUSGEBER)

Begleiten statt erobern

Missionare als Gäste
im nordargentinischen Chaco

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Inhalt

Vorwort von René Padilla

Zu diesem Buch (Von Willis G. Horst)

Vorwort von Siegfried Großmann

Kapitel 1: Mission ohne Eroberung – Philosophie und Praxis eines alternativen Selbstverständnisses im nordargentinischen Chaco (Von Ute und Frank Paul)

1. Einleitung

a) Vorbereitung auf den Chaco

b) Der Chaco und seine Menschen

c) Das Eqipo Menonita – die Geschichte eines Missionsprojektes

2. Evangelisation im Kolonialstil: Ein fundamentales Missverständnis

3. Richtungsweisende Modelle der Mission im Neuen Testament

a) Jesus: Lebensmission – zu Gast bei den Menschen

b) Petrus: Fremdenmission – Paradigmenwechsel im Selbstverständnis

c) Paulus: Gemeindemission – die Eigenständigkeit der jungen Kirchen fördern

4. Zu Gast in den Häusern der Toba/Qom

a) Zeit gelassen

b) Unterwegs erlebt

c) Immer willkommen

d) Für jeden etwas

e) Sie wussten es schon

f) Mittendrin

g) Tisch- und Hausgemeinschaft

h) Erschwerter und beschwerter Alltag

i) Verteidigte Nachtruhe

j) Papa Missionar

k) Nach dem Stammeln kommt das Sprechen

l) Lebensklugheit

m) Mit Hand angelegt

5. Zu Gast in ihren Kirchen

a) Eigenständigkeit fördern und eigenes Profil stärken

b) Unterwegs mit Toba/Qom-Pastoren

c) Gottesdienst miterlebt

d) Reden in ihrer Muttersprache

e) Glaubenszeugnisse

f) Mit indianischen Augen die Bibel lesen

g) Konflikte – was tun?

6. Einsatzbereiche für den begleitenden Missionar

a) Bibellesen reihum

Worum geht es also?

b) Bibelübersetzung zum Lesen und Hören

Audioaufnahmen von biblischen Texten in indianischen Sprachen

c) Veröffentlichung von indianischen Autoren

d) Verbreitung von Literatur

e) Gebiete und Landrechte sichern

f) Einsatz für Menschenrechte

g) Besuche bei Kranken und Inhaftierten

h) Zweisprachige interkulturelle Bildungsarbeit

i) Kontakt zu Indianern in Großstädten

j) Arbeit im Netzwerk mit anderen Organisationen

7. Horizonte für eine zukunftsweisende Mission

a) Rückmeldungen der indianischen Christen

b) Gott war schon vor uns da

c) Durch Jesus vervollständigt

d) Der Balken im Auge des Missionars

Kapitel 2: Anfänge und Entwicklung einer eigenständigen indianischen Kirche. Über die indianische Spiritualität der Toba/Qom-Christen im argentinischen Chaco (Von Willis G. Horst)

1. Die traditionelle Spiritualität der Toba/Qom

2. Die Anfänge einer geistlichen Bewegung in einem Volk

3. Die Iglesia Evangélica Unida

4. Der indianische Gottesdienst (culto)

5. Die indianische Weisheit und Christus

6. Die IEU und die geschichtliche Selbstbestimmung

7. Die Spiritualität der Toba/Qom und ihre Identität – eine neue Bestimmung

8. Die Spiritualität der Toba/Qom als Hoffnung

Anhang

Einblick in die traditionelle Kultur des Toba-Volkes (Von Orlando Sánchez, Toba/Qom)

Einleitung

Die Weltanschauung der Tobas

1. Das soziale Leben

Wohnsitz

Tod

Erntefest

Pubertät

Lieder

2. Lebensunterhalt

3. Geburt und Erziehung

4. Gesundheitswesen

5. Das geistliche Leben

Literaturverzeichnis

Teil 1: Veröffentlichungen von Autoren der Toba/Qom (z. T. in ihrer Sprache)

Teil 2: Veröffentlichungen nicht-indianischer Autoren

Die Mitglieder des Equipo Menonita (Stand 2008)

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Argentinien – politische Übersichtskarte (ohne die beanspruchten Gebiete der Antarktis und der Falklandinseln) und Lage in Südamerika.

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Lage und Anzahl der selbstständigen indianischen Kirchen in Nordargentinien, die vom Equipo Menonita begleitet werden (Stand: 2000).

Vorwort

VON RENÉ PADILLA

Der Titel des Buches fasst mit wenigen Worten nicht nur seinen Inhalt zusammen, er bringt auch eine neue Art und Weise zum Ausdruck, die missionarische Aufgabe der christlichen Kirche anzugehen: eine Art und Weise, die besser in Einklang mit den Herausforderungen der Guten Nachricht von Jesus Christus ist. Eine Art und Weise, die die Sendung Jesu Christi – das Wort Gottes, das Mensch wurde und unter uns lebte – als Paradigma für die christliche Mission über die Jahrhunderte aufnimmt.

Natürlich muss klargestellt werden, dass diese wesentlichen Charakteristika bereits Teil bisheriger Missionsarbeit gewesen sind. Das Neue besteht vor allem darin, dass die Autoren dieses Buches eine Art und Weise missionarischer Arbeit wieder entdeckt haben, die sich beträchtlich von derjenigen unterscheidet, für die es – seit Kaiser Konstantins Zeiten – zunehmend selbstverständlich wurde, sich durch Vereinbarungen mit den jeweiligen Machthabern politische und wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen.

Ohne Zweifel ist sowohl die evangelische als auch die katholische Mission in anderen Völkern eine Geschichte von Licht und Schatten: des Lichtes, weil sich viele Missionare – vielleicht sogar die Mehrheit – selbstlos und opferbereit eingesetzt haben; aber auch der Schatten, weil sie der Eroberungsmentalität ihrer eigenen kulturellen Prägung verhaftet waren.

In seinem großen Werk El otro Cristo español: un estudio de la historia espiritual de España e Hispanoamérica [»Der andere Christus. Eine Untersuchung der geistlichen Geschichte Spaniens und Lateinamerikas«] hat Juan A. Mackay gezeigt, dass die spanische Eroberungsgeschichte eigentlich als eine religiöse Heldengeschichte anzusehen sei, die von der Mystik der spanischen Könige Fernando und Isabel inspiriert war.

Mit großem missionarischen Eifer hatte Spanien die Eroberung der Neuen Welt in Angriff genommen; man wollte sie zum katholischen Glauben bekehren. Mackay bekräftigt: »Kreuz und Schwert verbanden sich zu einer Einheit.« Später fügt er an: »Ihr Zusammenwirken im Namen der Evangelisation machte es dem Schwert möglich, den Weg für das Kreuz zu ebnen. Darin bestand die Besonderheit des spanischen Christentums.«

Dennoch müssen wir eingestehen, dass auch protestantische Missionare in ihrer Missionsarbeit oft Eroberungsmethoden verwendeten. So sieht es auch David J. Bosch in: Misión en transformación: Cambios de paradigma en la teología de la misión [Mission im Wandel. Paradigmenwechsel in der Missionstheologie] »Wenn man die verschiedenen Arten und Weisen genauer betrachtet, wie – bewusst oder unbewusst – westlich geprägte Glaubens- und Lebensvorstellungen den jungen Christen in anderen Teilen der Welt aufgedrückt wurden, fällt auf, dass sowohl liberale als auch konservative [protestantische Missionare] die Überzeugung vertraten [nicht wenige vertreten diese leider auch heute noch], dass das Christentum [westlicher Prägung] die einzig mögliche Grundlage für eine gesunde Zivilisation sei. Dieser Konsens war so weitreichend, dass er ganz allgemein und unreflektiert vorausgesetzt wurde.«

Das Neuartige, was uns Willis G. Horst sowie Ute und Frank Paul in diesem Buch anbieten, ist die Wiederentdeckung einer Mission ohne Eroberung, also eines alternativen Missionsstils, der sich radikal von dem von Mackay und Bosch beschriebenen unterscheidet, der von einem Geist der Eroberung beseelt ist. Dieser alternative Stil entwickelte sich aus der Erfahrung des gemeinsamen Lebens mit indianischen Gemeinschaften und durch sorgfältige Reflexion über die Bedeutung der Kontextualisierung des Evangeliums in einer fremden Kultur.

Aus biblischer Sicht ist jeder Nachfolger Christi berufen, sich an der Mission Gottes in der Welt zu beteiligen. Der Reichtum dieses Buches besteht darin, dass es ausgezeichnet veranschaulicht, wie diese Aufgabe umgesetzt werden kann. Natürlich bezieht es sich zunächst auf transkulturelle Mission im Zusammenhang von indianischen Gemeinschaften, die in Lateinamerika im Allgemeinen und in Argentinien im Speziellen zu der am meisten benachteiligten Bevölkerungsschicht gehören. Darüber hinaus veranschaulicht das Buch, welche geistlichen Prinzipien jedweder Missionsarbeit zugrunde liegen sollten.

Wenn dieses Werk seine Leser dazu inspiriert, in ihrer jeweiligen Situation die Gute Nachricht von Jesus Christus mit Demut – also nicht in einem Geist der Eroberung – weiterzugeben, werden sowohl seine Autoren als auch die Herausgeber von Herzen zufrieden sein.

Buenos Aires, im September 2009,

zur spanischen Ausgabe

Zu diesem Buch

VON WILLIS G. HORST

Seit Jahrhunderten sucht die christliche Kirche Wege, das Evangelium in der ganzen Welt bekannt zu machen. Dabei geht es ihr nicht nur um Erfolg, sondern auch darum, dem Leben und der Lehre Jesu treu zu bleiben. Es hat sich gezeigt, dass es all das zu vermeiden gilt, was als paternalistisch, kolonialisierend oder erobernd verstanden werden könnte. Die missionarische Arbeit unter indigenen Völkern erfordert im besonderen Maße diese Einfühlsamkeit, weil die Horrortaten im Zuge der Eroberung Amerikas im Namen Christi verübt wurden.

Seit 55 Jahren stellen sich die Frauen und Männer des »Mennonitenteams« im argentinischen Chaco in ihrer missionarischen Aufgabe dieser Herausforderung. Sie lernten dabei, von dem Wunsch Abstand zu nehmen, Kirchen ihrer Denomination zu gründen und »zivilisierend« zu wirken. So entwickelten sie einen alternativen Missionsstil. Einer der ersten Mitarbeiter, der sich auf diesen neuen Weg gemacht hatte, beschrieb es so: »Der Heilige Geist hat uns unsere [mennonitische] Kirche im Chaco weg genommen [um den Indianern ihre eigene zu geben].«

Eine Missionspraxis, die ganzheitlich sein möchte, muss zuerst das ganze Wohl und Heil von Einzelnen und Völkern in den Blick nehmen, wenn es ihr um die Verbreitung der Guten Nachricht von Jesus geht. Jede missionarische Praxis, die das Gegenüber klein macht, ist es nicht wert, Gute Nachricht genannt zu werden.

Es geht uns in diesem Buch darum, christliche Mission als einen Weg zu sehen, mit Jesus selbst unterwegs zu sein, an der Seite von anderen, die auch das Leben suchen. Um andere von der Wahrheit des Evangeliums zu überzeugen, braucht es gerade keine Gesten der Überlegenheit, sondern der Schwachheit und Verletzlichkeit, wie Jesus sie lebte. Gott selbst hält die Geschichte der ganzen Welt und der Missionsarbeit in seiner Hand. Er alleine weiß, wann »der Tag und die Stunde« kommen wird, dass die ganze Erde mit seiner Herrlichkeit erfüllt sein wird. Deswegen hat Gott uns von der Last befreit, seinem Missionsauftrag aus Pflichterfüllung nachzukommen. Im Gegenteil: Wir dürfen aus lauter Freude seine Liebe weitergeben.

Allen, die mit uns auf dieser Suche sind, sei dieses Buch anbefohlen.

Willis G. Horst,

Mitarbeiter im Chaco von 1971 bis 2009

Vorwort

VON SIEGFRIED GROSSMANN

Fast immer, wenn Missionare auszogen, um Menschen das Evangelium zu verkünden, brachten sie eine schwerwiegende »Nebenwirkung« mit. Denn sie importierten auch die westliche Kultur, oft in Verbindung mit den politischen Ansprüchen der Kolonialmächte. Auf der einen Seite befreiten sie die Menschen zu der Freiheit, die im Neuen Testament als Wirkung des Heiligen Geistes beschrieben wird, um sie auf der anderen Seite kulturell und politisch zu knechten. Viele Jahrhunderte lang schien es so, als sei der Heilige Geist nur in westliche Kulturen eingewandert, und so erwartete die Menschen nicht-westlicher Kulturen eine Religion, die von strenger Ordnung, technischer Überlegenheit und der Macht des Kapitals geprägt war.

Eine wirkliche Wende ist bis heute nicht erfolgt, aber langsam erwachsen aus zarten Ansätzen Beispiele, wie es gelingen kann, das Evangelium kontextuell zu verkündigen, also in Übereinstimmung mit der Tradition und Kultur der Menschen, zu denen es gelangen soll. Missionare mit westlicher Kulturtradition müssen dazu einen langen Weg der Selbstverleugnung gehen, ehe ihnen das gelingt. Ich meine damit nicht, dass sie ihre eigene Tradition und Kultur verleugnen sollen, aber sie müssen deren Übergewicht so weit abbauen, dass es den Weg zu den Menschen anderer Kulturen nicht verbaut.

Das heißt nichts anderes, als dass die Gute Nachricht von Jesus Christus im gemeinsamen Denken, in interkultureller Zusammenarbeit und im Versuch gemeinsamen Lebens Gestalt gewinnen muss. Es geht also um eine Metamorphose, wie sie Paulus in Römer 12,2 beschreibt, dem Sinne nach sich zu verändern, indem man sich umformen lässt. Das ist ein langer Weg, den man nicht theoretisch gehen kann. Es ist ein Weg des gemeinsamen Lebens und der sich gemeinsam entwickelnden Spiritualität. Persönlich habe ich das in der Partnerschaft der Baptist Convention of South Africa, in der sich »schwarze« Gemeinden zusammengeschlossen haben, mit dem Bund der deutschen Baptisten, dem ich bei der Entwicklung dieser Partnerschaft als Präsident vorstand, erlebt.

Im Vorwort eines Buches, mit dem wir die kontextuelle theologische Arbeit unserer afrikanischen Freunde in Deutschland bekanntmachen wollen (»Evangelium im Kontext Südafrikas«, Kassel 2006), schrieb ich dazu: »Unsere weltmissionarische Arbeit war lange Zeit von der vermeintlichen Überlegenheit der ›Geberländer‹ bestimmt. Jetzt versuchen wir, die Stärken der Anderen zu finden, damit sie unsere Schwächen ausgleichen, unbeschadet der Tatsache, dass auch wir nach wie vor Stärken haben, die unsere Partner brauchen. Und schnell war es klar, dass die eigenständige Entwicklung der afrikanischen Theologie ein Gut ist, auf das wir nicht verzichten sollten.«

Im vorliegenden Buch meiner Freunde Frank und Ute Paul, deren Arbeit ich immer von weitem begleitet habe, kommt mir nun ein Beispiel entgegen, das schon viel weiter ist als die meisten anderen Bemühungen auf diesem Feld. Denn hier wird nicht nur die Partnerschaft propagiert und vielleicht in einzelnen Ansätzen verwirklicht, sondern mit »Haut und Haaren« gelebt. Eigentlich sollte ich »Haut und Haare« in diesem Zusammenhang nicht in Anführungszeichen setzen, weil es quasi wörtlich gemeint ist. Die Missionare kommen hier nicht und verkündigen, sondern sie besuchen die Menschen, leben mit ihnen, teilen ihre Armut, nehmen ihre herzliche, aber einfache Gastfreundschaft entgegen. Sie »fliegen nicht ein«, sondern kommen zu Fuß und versuchen, die Lebensart, in unserem Fall der Toba-Indianer, zu verstehen, indem sie das Leben mit den Toba/Qom teilen.

Das Buch bringt die Erfahrungen dieses missionarischen Miteinanders nicht theoretisch ein, sondern erzählt Geschichten, berichtet von den Erfahrungen, erklärt, wie die Toba/Qom die Dinge beschreiben und die Arbeit der Missionare verstehen. So macht es den besonderen Wert dieses Buches aus, dass seine Botschaft nicht nur ihrem Inhalt nach, sondern auch in der Art der Darstellung den Leser erreicht. Vielleicht muss er dabei zunächst vom »hohen Ross« seiner westlich geschulten Reflektionsfähigkeit »steigen«, um mit den Toba/Qom leben und denken zu lernen. Und dann wird er nicht nur etwas über evangeliums- und zeitgemäße Mission gelernt haben, sondern vielleicht auch etwas über Lebenskunst in unserer westlichen Industriekultur.

Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung, weil es uns westlich geprägten Christen helfen kann, den Machtmissbrauch bei der Verkündigung des Evangeliums einzustellen. Und damit sage ich Frank und Ute Paul meinen Dank dafür, dass sie sich stellvertretend für viele in die Kultur der Toba/Qom eingelebt haben.

Siegfried Großmann

Kapitel 1

Mission ohne Eroberung

Philosophie und Praxis eines
alternativen Selbstverständnisses
im nordargentinischen Chaco

VON UTE UND FRANK PAUL

1. Einleitung

In den dreißiger Jahren zogen nordamerikanische mennonitische Missionare in den argentinischen Chaco, um dort der notleidenden Toba/Qom-Bevölkerung beizustehen. In der ihnen bis dahin vertrauten Weise nahmen sie ihre Arbeit auf: Sie kauften Land, begannen es zu bewirtschaften und brachten den dort lebenden Indianern bei, wie man ein Feld bestellt. Später kümmerten sie sich um die Vermarktung, gründeten ein Gesundheitszentrum und bauten eine Schule und ein Kirchengebäude. Innerhalb von zehn Jahren hatten sie drei mennonitische Toba/Qom-Gemeinden gegründet. Die Gottesdienste wurden in spanischer Sprache gehalten.

Den Missionaren wurde nach einiger Zeit bewusst, dass diese Jäger und Sammler – trotz ihres großen Einsatzes – keine Ackerbauern werden würden. Außerdem mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass die Toba/Qom ganz andere liturgische Formen praktizierten, wenn sie unter sich waren. Entgegen der Lehre der Mennoniten tanzten sie in ihren Gottesdiensten und beteten mit lauter Stimme alle gleichzeitig. Das machte die Missionare sehr betroffen. Deshalb unterzogen sie ihre Arbeit einer ehrlichen Bewertung und suchten dazu externe Beratung.

Was da zu Tage trat, traf sie tief: Was gut gemeint gewesen war, hatte die alltäglichen gesellschaftlichen Strukturen der Abhängigkeit noch verstärkt: Die Missionare waren Geldgeber, Pastoren, Lehrer und patrones geworden, ohne es zu merken; die Toba/Qom waren Hilfsarbeiter ohne Stimme geblieben. Auf diese Art und Weise führte offensichtlich kein selbständiger Weg aus der Not. Die Missionare kamen zu der Selbsterkenntnis, dass sie sogar in den Kirchen zu Vorgesetzten geworden waren.

So kam es 1954 zu einer weit reichenden Entscheidung: Die mennonitische Missionsstation wurde geschlossen. Das Land und die Felder wurden den Toba/Qom-Familien übertragen und die Leitung der Gemeinden den Einheimischen anvertraut.

Aber die Missionare kehrten nicht in ihr Heimatland zurück, sondern traten bewusst in die zweite Reihe, um als »geschwisterliche Mitarbeiter« weiter an der Seite der Toba/Qom zu bleiben. Sie waren nicht mehr Pastoren und wollten auch bewusst keinen Einfluss mehr auf die Entwicklung der indianischen Kirchen nehmen. In den vergangenen Jahren waren im ganzen Chaco unter den Indianern durch Spontangründung viele kleine christliche Gruppen entstanden. Die Missionare begannen, umherzureisen und die indianischen Gemeindeleiter durch Besuche zu ermutigen und zu stärken.

Die Toba/Qom-Christen ihrerseits fühlten sich frei, Gott auf ihre eigene Weise zu loben. Sie organisierten ihr Gemeindeleben so, wie es ihrem kulturellen Empfinden entsprach.

Daraus entstand nach einigen Jahren die erste unabhängige indianische Kirche in Argentinien: die Iglesia Evangélica Unida. Bis heute finanziert sie sich selbst, hat eine eigene Struktur und eigene Methoden der Evangelisation. Die Gemeindepastoren werden von den Mitgliedern aus den eigenen Reihen gewählt. Dabei gelten Kriterien, die sich deutlich von denen unserer westlich geprägten Kultur unterscheiden. Wenig entscheidend ist zum Beispiel die Frage nach der formellen theologischen (Aus-) Bildung (siehe Seite 71).

Den ersten Missionaren folgten weitere. Heute, nach über sechzig Jahren, gibt es das Equipo Menonita, das »Mennonitenteam« immer noch. Mittlerweile besteht es aus Christen aus verschiedenen Kirchen und Ländern. Aber die Erfahrungen und Einsichten dieser ersten Jahre prägen nach wie vor alles missionarische Handeln und werden jeweils an die nachfolgenden weitergegeben.

Als wir, Frank und Ute Paul, 1995 zum Team hinzu stießen, lernten wir von den älteren Missionaren, von denen einige bereits viele Jahrzehnte im Chaco lebten. Es erschloss sich uns ein großer Reichtum und wir staunten über das, was wir kennen lernten.

Deshalb möchten wir die hier erarbeitete Form begleitender missionarischen Arbeit auch anderen zugänglich machen. Sie ist zwar im Zusammenhang mit den indianischen Kirchen in Nordargentinien entstanden, wir halten sie aber für allgemein bedeutsam. Wer bei der Vermittlung der biblischen Botschaft an Menschen anderer Kulturen mitarbeitet und feinfühlig und taktvoll sein möchte, dem könnte unsere Darstellung hilfreich sein. Wir möchten Missionare dazu herausfordern, die Menschen, bei denen sie zu Gast sind, zur Entfaltung eigener Ausdrucksformen der Gottesbeziehung zu ermutigen.

Es wäre nur schwer nachzuvollziehen, worin der missionarische Arbeitsstil »geschwisterlicher Mitarbeiter« besteht, wenn er nicht konkret und anschaulich beschrieben würde. Wir versuchen das durch thematisch sortierte Passagen aus den vor allem von Frank geführten Aufzeichnungen der Reisen im Inneren des Chacos zwischen 1996 und 2006.

a) Vorbereitung auf den Chaco

1990 gab uns der Theologe und Pastor René Padilla die Chance, unter seiner Mentorenschaft für zunächst ein Jahr nach Argentinien zu kommen. Gemeinsam mit seiner Frau Catalina Feser öffnete er uns die Augen für die örtliche lateinamerikanische, soziale und kirchliche Situation. Beide ermöglichten uns wertvolle Einblicke und die Mitarbeit in einer jungen sozial-missionarischen Jugendarbeit in einem Stadtviertel im Armutsgürtel um Buenos Aires.

Damals waren wir ein junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern. Es fehlte uns nicht am Mut, mitanzupacken, sehr wohl aber an Erfahrung im Zusammenleben mit Menschen so andersartiger Lebensweise. Nach einem Jahr der Annäherung und regelmäßiger Besuche lud uns die örtliche Gruppe, bestehend aus älteren Jugendlichen und einigen wenigen Erwachsenen mit Kindern, ein, in ihr Stadtviertel zu ziehen. Sie baten uns um Mitarbeit bei der Gründung ihrer Kirche.

Die folgenden vier Jahre wurden zu einer Lebensschule für uns: Wir lernten die unglaublichen Fähigkeiten der Slum-Bewohner kennen, ihre junge Kirche und nachbarschaftliche Gemeinschaft selbst zu organisieren. Sie zeigten dabei langen Atem inmitten großer materieller Nöte. Die Kraft des Evangeliums erneuerte manche ihrer Ehen und Familien.

Wir verstanden uns als ihre Mitarbeiter, brachten aber doch nicht wenige eigene Vorstellungen und Gewohnheiten aus unserer Kultur mit. Trotz guter Vorsätze bereitete es uns einige Mühe, uns als Gäste einzuordnen. Dem guten Selbstwertgefühl der örtlichen Leiter ist es zu verdanken, dass wir immer wieder an die Rolle erinnert wurden, die sie sich von uns wünschten. Wir sollten nicht die Entscheidungen für sie treffen, sondern den Aufbau ihrer Kirche nach eigenen Vorstellungen unterstützend begleiten. Als Zeichen dafür baten sie Frank zwar um Mitarbeit im pastoralen Team, jedoch nicht als Pastor. Konsequenterweise sollte er es den anderen beiden Mitgliedern im Gemeindeleitungsteam gleich tun und einer bezahlten Arbeit außerhalb des Stadtviertels nachgehen.

Gerne waren wir bereit, uns einzuordnen, aber im Rückblick können wir erkennen, wie schwer es uns fiel, unsere gewohnte deutsche Art und Weise nicht als die bessere zu empfinden. Deshalb denken wir auch mit viel Dankbarkeit an diese ersten Jahre in Argentinien zurück. Die Christen in Fe y Vida (»Glaube und Leben«, so heißt die Kirche) gingen großzügig mit uns um. Sie öffneten ihre Häuser für uns, boten uns ihre Freundschaft an und teilten mit uns Glauben und Alltag.

Damals ahnten wir nicht, dass diese Erfahrungen eine gute Vorbereitung für die Herausforderungen im Chaco sein würden.

Als 1994 unsere vereinbarte Mitarbeit in Buenos Aires zu Ende ging, erhielten wir die Einladung vom »Mennonitenteam«, das im Norden Argentiniens die unabhängigen indianischen Kirchen begleitet.

Wir lebten von 1995 bis 2008 im argentinischen Chaco und arbeiteten im Mennonitenteam mit. In diesen Jahren der Zusammenarbeit mit den indigenen Völkern und ihren Kirchen ging es besonders darum, uns nicht für, sondern mit ihnen einzusetzen und die Initiative dabei stets ihnen zu überlassen.

b) Der Chaco und seine Menschen

Der Gran Chaco liegt im Herzen des südamerikanischen Kontinents und erstreckt sich über ein Gebiet von ca. 250 000 Quadratkilometern. Heute gehören Teile seiner Fläche zu drei verschiedenen Ländern: Argentinien, Paraguay und Bolivien. Auf argentinischer Seite sind es vor allem die Provinzen Chaco, Formosa und Santiago del Estero. Man vermutet, dass es sich bei den riesigen, von mächtigen Flüssen eingerahmten Ebenen um urzeitliche, später ausgetrocknete Salzseen handeln. Heute noch ist das Grundwasser im Chaco an vielen Stellen salzig oder sogar arsenhaltig. Das Gebiet war ursprünglich vollständig mit dornigem Buschwald bedeckt. Heute sind zwar große Teile zu land- und forstwirtschaftlichen Zwecken abgeholzt, aber dort, wo der Wald noch steht, zeigt sich die überaus reiche Flora und Fauna, die der Trockenheit und Kargheit der Landschaft trotzt. Von Südosten bis Nordwesten nimmt der Niederschlag ab. In der kalten Jahreszeit kann der Regen für sechs bis acht Monate ganz ausbleiben. Die Versorgung mit Trinkwasser für Mensch und Tier stellt ein großes Problem dar.

Im subtropischen Klima gedeihen große Bäume mit tiefen Wurzeln, beispielsweise Quebracho, Johannesbrotbäume, dornige Itin. Nahe der Lagunen bedecken ausgedehnte Palmenwälder die Flächen. Im Frühling ernähren die Baumblüten eine große Vielfalt von Bienenarten. Riesige Insektenschwärme erschweren Mensch und Tier das Leben, sind aber ihrerseits Nahrungsquelle für Amphibien, Vögel und exotische Säugetiere wie Ameisenbären und Fledermäuse. Giftige Schlangen und Riesenboas, Kaimane, Pirañas, gefährliche Spinnen und Skorpione, auch Pumas prägen nach wie vor das unwirtliche Gesicht des Chaco.

Was von den europäischen Einwanderern »grüne Hölle« genannt wurde, war seit Tausenden von Jahren heimatlicher Lebensraum für verschiedene indigene Völker. Lange nachdem sich die Eroberer über den südamerikanischen Kontinent ausgebreitet hatten, bot der dornige, undurchdringliche Wald noch Schutz- und Rückzugsraum für die Urbevölkerung. Erst relativ spät im 18. Jahrhundert konnten sie den europäischen Invasoren nicht mehr ausweichen, als diese die Wasserstraßen sowohl als Durchfahrtwege in die vermuteteten Reichtümer der Anden als auch als militärische Straßen zu nutzen begannen und ihre Städte an den Ufern des Paraná und des Rio Salado errichteten. Die Gefahr nahm zu, als die Armeen der von Spanien unabhängig gewordenen Staaten im 19. Jahrhundert gezielt gegen die Indios vorgingen. Noch vor rund einhundert Jahren führten argentinische Generäle Vernichtungsfeldzüge gegen die verbleibenden indigenen Völker – mit verherenden Folgen. Selbst 1924 und 1947 hat es in Nordargentinien Massaker der staatlichen Sicherheitskräfte in den indianischen Kolonien Napalpí und Rincón La Bomba gegeben, ohne dass sie juristisch jemals untersucht worden wären.

Die ursprüngliche Lebens- und Wirtschaftsform der indigenen Völker war an den Chaco-Wald angepasst: Seit jeher waren sie Jäger und Sammler. Alles, was sie zum Leben brauchten, bezogen sie aus dem aviaq (toba: Urwald): Nahrung (Fleisch, Wurzeln, Honig, Schoten, Früchte), Brenn- und Baumaterial, Heilpflanzen, Waffen, Kleidung. Als Halbnomaden zogen sie in sogenannten Streifgruppen, also größeren Familienklans, umher. Zu bestimmten Jahreszeiten versammelte man sich zu großen Festen mit anderen Gruppen.

Nicht Vorrats-, sondern Subsistenzwirtschaft prägte ihr Leben. Nach ihrem Verständnis gehört der Wald dem Schöpfer und seinen unsichtbaren Verwaltern, denen Respekt gebührt. Wer jagen geht, muss um Erlaubnis bitten.

Die europäischen Einwanderer, die als Nachhut der Militärs nach und nach den Lebensraum der Ureinwohner besiedelten, kamen mit völlig anderen Vorstellungen. Sie wollten sich ein bestimmtes Stück Land aneignen und es vor fremden Interessen schützen. Dazu stellte man ihnen von der argentinischen Landverteilungsbehörde entsprechende Dokumente aus, ohne auch nur im geringsten die Rechte der indigenen Völker zu beachten. Die hatten keine schriftlichen Nachweise. Übertrug man größere Landstriche an einen neuen Besitzer, wurden die darin lebenden Indianer sozusagen mit übergeben.

Die indigenen Völker im Chaco nahmen das nicht kampflos hin; ihre tapferen Führer nahmen es mit den Soldaten auf. Aber gegen die Übermacht der Feuerwaffen konnten sie nicht lange standhalten. Wann immer es den »Weißen« möglich war, wurden sie außerdem Opfer von Betrug und Scheinabkommen.

Nach und nach zogen die Einwanderer Zäune um ihr Land, zwangen die Indianer zu Sklavenarbeit, bemächtigten sich ihrer Frauen und Kinder und brachten Krankheiten mit, gegen die sie keine Abwehrkräfte besaßen. Die Indianer wurden als Feinde angesehen und waren damit praktisch vogelfrei.

Heute leben in den argentinischen Teilen des Gran Chaco die Nachkommen von mehr als zehn indigenen Völkern. Die größten davon sind die Toba/Qom (ca. 60 000) und die Wichí (ca. 80 000). Die Toba/Qom gehören zusammen mit den Mocoví und den Pilagá zur Sprachgruppe der Guaycurú. Im Mennonitenteam begleiten wir diese drei Völker.

Die Situation der Toba/Qom, Mocoví und der Pilagá (siehe die Karten auf Seite 16/17) ist nach wie vor prekär. Sie gehören zu den Ärmsten und sind im Land und in der Provinz eine ungeliebte Minderheit. Nur zur Zeit der Wahlen werden sie als Wählerstimmen sehr interessant, da Wahlpflicht besteht. Dann versuchen die örtlichen Handlanger der großen Parteien sie durch Geschenke und Versprechungen für ihre Zwecke »einzukaufen«. Die hohe Korruption, Günstlingswirtschaft und ungenügende Gewaltenteilung in Argentinien machen die indianische Bevölkerung zum Spielball verschiedenster Machtinteressen. Die Umsetzung der ihnen national und international zustehenden Rechte gelingt nur sehr schleppend. Es gibt keinen erkennbaren politischen Willen zur Wiedergutmachung für die an ihnen verübten Untaten, nicht einmal für die aus dem 20. Jahrhundert.

Sie werden in den Gefängnissen geprügelt, in den Verwaltungen diskriminiert, auf der Straße offen beschimpft. Indio de mierda (Scheiß-Indianer) ist immer noch ein gängiges Schimpfwort. Die Argentinier erwarten selbstverständlich von ihnen, sich anzupassen, und meinen damit, dass sie ihre fremdartigen Gewohnheiten ablegen.

In der staatlichen Schulbildung extrem benachteiligt, erreichen nach wie vor nur wenige einen höheren Schulabschluss und nur einige Hand voll eine Fachschulausbildung (siehe Seite 117).

Die sanitäre und gesundheitliche Situation ist katastrophal. Armuts- und ernährungsbedingte Krankheiten sind häufig: Tuberkulose, Nierensteine, Bluthochdruck, Chagas-Krankheit, Diabetes; Zahnausfall kommt schon bei Jugendlichen vor. Es gibt so gut wie keine indianischen Krankenpfleger oder -schwestern (siehe Seite 116).

Wenn sie vom Land in die Städte ziehen, leben sie dort meist in ärmlichen Ghettos (siehe Seite 122).

Die meisten Indianer sind Gelegenheitsarbeiter, wie die übrige arme Bevölkerung Argentiniens. Dazu gehören Erntearbeit, einfache Hilfsarbeiten, schwere körperliche Arbeiten im Forstbetrieb, Holzkohleherstellung. Viele beherrschen noch alte Kunsthandwerktechniken, Schnitzkunst und Töpferei, womit sie sich einen Nebenerwerb erwirtschaften können.

Wo sie eigenes Land besitzen, gehen die Männer durchaus noch auf die Jagd oder zum Fischen.

Viele Familien sind von staatlicher Armenhilfe abhängig, die zusätzlich oft an parteipolitische Bedingungen geknüpft ist. Die ausgeteilten Lebensmittelpakete werden zwar gerne genommen, verstärken aber die ohnehin höchst einseitige Ernährung: Sie enthalten nur Kohlehydrate, Fett und Industriezucker.

Trotz dieser katastrophalen Lage ist nach unserer Einschätzung in den letzten zehn Jahren ein wachsendes Selbstbewusstsein bei den indigenen Völkern in Argentinien zu beobachten. Erfreulicherweise sind auch in den unabhängigen Kirchen viele junge indianische Leiter herangereift, die mittlerweile in wichtigen Positionen dafür kämpfen, dass ihr Volk nicht weiter unterdrückt wird. Als Beispiel dafür kann ein monatelanger friedlicher Aufstand gelten, der 2005 im zentralen Park der Provinzhauptstadt direkt vor dem Regierungsgebäude organisiert wurde. Viele Hundert Männer, Frauen und Kinder reisten aus der ganzen Provinz an, zelteten unter Plastikplanen bei winterlichen Temperaturen über vier Monate mitten in der Stadt, um auf Missstände aufmerksam zu machen und lange verschleppte Maßnahmen zu erzwingen. Jeden Tag wurden Gottesdienste gefeiert, gesungen und gebetet. Obwohl die Ergebnisse nicht unbedingt den Hoffnungen entsprachen, entwickelte sich doch eine große innere Kraft aus dieser Aktion, die von Regierung und Bevölkerung deutlich wahrgenommen wurde.

c) Das Eqipo Menonita – die Geschichte eines Missionsprojektes

Das Mennonitenteam ist eine Gemeinschaft von Nachfolgern Jesu, die einen speziellen Auftrag im argentinischen Chaco haben: sie wollen den indigenen Völkern der Toba/Qom, Mocoví und Pilagá als geschwisterliche Begleiter mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Die Mitglieder des Mennonitenteams verstehen sich als Botschafter von Jesus Christus und als Gäste unter den Menschen im Chaco. Sie möchten ihnen Gottes Nähe und Wirken bezeugen. Wenn sie mit den Indianern gemeinsam die Bibel lesen, dann geht es ihnen nicht darum, die Lebensweise der Menschen der Bibel zu kopieren, sondern darum, einen fruchtbaren Dialog mit der Lebenserfahrung der Indianer zu ermöglichen.

Um glaubwürdig als Christen bei ihnen zu leben, beziehen sie bewusst sowohl die Herausforderungen der heutigen argentinischen und der globalen Gesellschaft als auch die fatalen Folgen der europäischen Eroberung für die Indianer in ihr Handeln ein. Mit ihnen gemeinsam hoffen und arbeiten sie darauf hin, dass Gott mit der Welt und mit jedem einzelnen seiner Völker zu seinem Ziel kommt.

Im Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes setzen sie sich an der Seite der indianischen Gemeinschaften dafür ein, dass die Lebensräume und Lebensformen ihrer Kultur respektiert werden. In allen Bereichen geht es dabei um deren Eigeninitiative.

Aus geschichtlichen Gründen heißt die Arbeitsgruppe immer noch »Mennonitenteam«, auch wenn heute nur die Hälfte der Mitarbeiter zu nordamerikanischen mennonitischen Kirchen gehört.

Das Mennonitenteam möchte indigene Völker und ihre Kirchen unterstützen, ohne durch Spendengelder (Projekte) Abhängigkeiten zu schaffen oder eigene konfessionelle Gemeinden zu gründen.

Dazu gehört,

• die indianische Kultur und ihre eigene Lebensform wertzuschätzen und zu respektieren.

• die Entwicklung einer authentisch-indianischen Kirche zu fördern.

• die indigenen Völker darin zu stärken, selbstbewusst im Kontext der argentinischen Gesellschaft zu leben und einen eigenverantworteten Weg in ihre Zukunft zu gehen.

• sie darin zu unterstützen, ihre Rechte zu kennen und einzufordern.

• die Einheit der Christen zu fördern.

• dass die Missionare immer wieder ihre eigene Glaubensprägung kritisch beleuchten und im Dialog mit den indianischen Christen korrigieren und vertiefen.

Konkrete Einsatzbereiche sind

• die Mitarbeit bei der Übersetzung der Bibel in indianische Sprachen.

• die Bibel verbreiten und mit indianischen Christen gemeinsam lesen.

• die Herausgabe der Quartalszeitschrift Qad‘aqtaxanaxanec (»Unser Botschafter«, seit 1955).

• Besuche in indianischen Gemeinschaft und Kirchen und die Beteiligung an ihren Gottesdiensten.

• Hausbesuche.

• die Aufzeichnung von persönlichen Lebensberichten und mündlich überlieferter Geschichte.

• die Beratung beim Kampf um Landrechte.

• die Mitarbeit bei der Alphabetisierung in indianischen Sprachen.

• die Zusammenarbeit im Netzwerk mit anderen Organisationen im Chaco.

2. Evangelisation im Kolonialstil: Ein fundamentales Missverständnis

Wer in einer fremden Kultur lebt, ist zunächst einmal ein Gast und nicht der Hausherr. Im Mennonitenteam respektieren wir ihre Hausordnung und sind »geschwisterliche Mitarbeiter« der indianischen Christen und damit ihre Gäste; nicht Leiter, Chefs oder Direktoren. Wir teilen ihr Leben. Mit der Zeit lernen wir ihre Gewohnheiten, Weisheiten und Fähigkeiten kennen und versuchen, uns so zu verhalten, dass wir keine Probleme oder Spaltungen hervorrufen.

Wir bedauern es, dass in Veranstaltungen christlicher Kirchen in Südamerika die Mission, mit der Jesus uns Christen beauftragt hat, oft als »Eroberung der Welt« dargestellt wird. Jugendlichen Christen wird nach wie vor nahe gelegt, eine »neue Generation von Eroberern« zu werden. Dabei bezieht man sich auf die Eroberungsfeldzüge des Volkes Israel im Alten Testament und überträgt sie (zu Unrecht, wie wir finden) auf die Verkündigung des Evangeliums. In Predigten und Liedern, die von dieser Theologie geprägt sind, finden sich viele militärische Begriffe, die darauf Bezug nehmen: »Besitz ergreifen«, »die Welt für Jesus erobern«, »Kreuzzug«, »die Schlacht gewinnen«, »Soldaten Jesu« und andere.

Im südamerikanischen Kontext springt die damit verbundene mangelnde historische Sensibilität besonders ins Auge. Wer würde, wenn er den Begriff conquista (Eroberung) hört, nicht an die gewaltsame Besetzung eines ganzen Kontinents denken, die seit dem 16. Jahrhundert für alle Völker in Südamerika Tod, Vertreibung, Zwangsarbeit und Zwangschristianisierung mit sich brachte? Über die letzten fünf Jahrhunderte kamen mindestens 50 Millionen Menschen der indianischen Bevölkerung durch Krieg, Versklavung, Zwangsarbeit in Minen und eingeschleppte Krankheiten ums Leben. Ebenso wie der Begriff »Kreuzzug«, kann der Begriff conquista für die missionarische Arbeit nicht verwendet werden, ohne dass völlig falsche Assoziationen entstünden.

Im argentinischen Chaco ist die Mentalität der Immigranten in Bezug auf die indianische Bevölkerung nach wie vor vom Kolonialismus geprägt. Auch viele Christen, die zum Helfen und Missionieren in die indianischen Gemeinschaften kommen, richten durch ihre vermeintliche Hilfe oft eher Schaden und Spaltungen an.

D

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