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Begegnungen in Bielefeld

Inhalt

Vorwort

Am Stadttor

Marswidis

I Bauet mit mir

II Die Reise

III Der Sturz des Maulesels

Asyl

Hedwig von Ravensberg

Gräfin Margarete

Am Niederntor

Heilwasser

Die Quadriga

Die Bettler

Hospitäler

Monolog eines Torwächters

Text- und Bildnachweis

Vorwort

Jede Stadt hat ein Gesicht. Dieses verwandelt sich im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten.

Doch bleibt immer eine Erinnerung an ihre Entwicklung und an ihre früheren Bewohner, die nicht ohne Einfluß auf das Heute ist.

Menschen haben auch Bielefeld ein Gesicht gegeben. Ich habe die Stadt erst nach dem zweiten Weltkrieg kennengelernt.

Sie blieb mir lange fremd. Erst als ich mir Zeit für sie nahm, begann sie zu mir zu sprechen. Fast alles alte Gemäuer war zerstört oder abgerissen. Die Stadttore existierten nicht mehr, die den lebendigen Austausch mit der Welt reguliert hatten. Doch kamen Menschen auf mich zu. So war das mal, hörte ich sie sprechen.

Aus früher Zeit tönten die Stimmen Verstorbener zu mir herüber.

Ich stellte Fragen nach Daten und Zahlen. Die mochten sie nicht.

Sondern sie erklärten: So haben wir gelebt! Das ist geschehen. Erzähle Du es weiter!

S. L.

Am Stadttor

Ob sie alle bleiben werden, die da durchs Tor in die Stadt einziehen? denke ich.

Zugleich entdecke ich einen Mann, der seitlich vorm Tor steht und eindringlich den hereinströmenden Leuten ins Gesicht und aufs Gepäck sieht.

Wieviel Torwächter arbeiten eigentlich in dieser Stadt? frage ich ihn.

Doch er schüttelt den Kopf. Offensichtlich mißfällt ihm meine Frage.

Es geht nicht um Zahlen, tadelt er.

Warum nicht? Ich kenne noch mehr Zahlen. So weiß ich, daß diese Mauern 1263 errichtet wurden und daß vier Tore sie unterbrechen. Das ist doch nützliches Wissen. Und sie schützen euch, diese Mauern. Wenn nicht gerade ein trojanisches Pferd hereingeschoben wird.

Während er weiter aufmerksam die Leute beobachtet, tut er etwas widerwillig seinen Mund auf und erklärt, mich zurechtweisend, von trojanischen Pferden verstünde er nichts, dafür aber von Ackergäulen und von den Reitpferden der Herren. Trojanisch seien die nicht, sondern westfälisch oder aus diesem Arabien, diesem Land aus tausend und noch einer Nacht.

Wieder eine Weinfuhre, ruft der Torwächter jetzt, und gleich darauf hält er einen Wagen an. Wir bringen Wein nach Herford, zur hochfürstlichen Abtei.

Trotzdem müßt ihr auch hier Zoll entrichten, wenn ihr durch unsere Stadt fahrt.

Um den Zoll hat es einst grobe Streitigkeiten gegeben, flüstert der Torwächter mir zu, als der Wagen weiterfährt. Die Äbtissin in Herford war empört. Der Wein wurde teuer, wenn in jeder Stadt Zoll bezahlt werden mußte.

Der Torwächter schweigt jetzt und konzentriert sich auf die einströmende Menge. Es mag nicht leicht für ihn sein, immer zu erkennen, wer für diese Stadt von Nutzen sein kann und wem er den Zutritt verwehren muß.

Was nützen eigentlich diese Mauern, wenn doch alle durchs offene Tor hereinkommen? Wieviele kommen eigentlich täglich?

Der Torwächter hat wieder sein verschlossenes Gesicht aufgesetzt. Ich merke, ich habe schon wieder nach Zahlen gefragt. Ich meine, verbessere ich mich, warum kommen diese Menschen? Sie kommen vom Land, antwortet er.

Aber ich habe ja gar nicht nach dem Woher gefragt. Und doch ist diese Antwort eine Erklärung auf meine Frage.

Ältestes Siegel der Altstadt Bielefeld (13. Jahrh.)

Sie können hier in der Stadt Haus und Hof erwerben und dadurch Bürgerrecht erhalten, deshalb kommen sie. So können sie ihr Abhängigkeitsverhältnis loswerden, dem sie auf dem Land unterliegen. Hörige werden frei, wenn sie nicht innerhalb von einem Jahr und sechs Monaten von ihren Herren beansprucht werden. Also wird dies eine Stadt von ehemaligen Knechten? spotte ich.

Es kommen auch Bauern, die hier einen eigenen Handel anfangen wollen.

Doch gerade da sehe ich, wie ein Wagen im Angesicht dieser Stadt mit ihren Mauern umkehrt. Vielleicht kommt es manch einem vor, als würde er eingemauert, wenn er die Stadt betritt. Zwar bieten die Mauern guten Schutz, aber es gibt auch eine Menge Verordnungen, nach denen man sich richten muß.

Schutz schränkt Freiheit ein, stellt der Torwächter fest, als hätte er meine Gedanken erraten und als sei er nicht Torwächter, sondern Philosoph. Wovon redest du?

Davon, daß auch Kaufleute in die Stadt kommen. Dieser dort, der kommt bestimmt aus Münster mit seinem Sack und Pack auf dem Wagen.

Woran siehst du das?

Am Staub und der Art der Wagen, ich sehe es eben. Als ob alles erklärbar sei.

Nachdem er wiederum einen Wagen durchgelassen hat, steht der Torwächter da und starrt vor sich hin.

Es ist plötzlich ruhig geworden am Tor. Wieviel Stunden arbeitest du hier? Schon wieder eine Frage nach Zahlen. Bist du verheiratet? Wirst du am Abend erwartet?

Ich möchte schon eines Tages heiraten, sagt der nicht mehr ganz junge Torwächter. Aber da muß man manches beachten, und eine Erlaubnis brauche ich auch.

Hat das auch was mit dem Stadtrecht zu tun?

Was weiß ich vom Stadtrecht. Das haben die aus Münster mitgebracht. Das ist für Kaufleute gut. Nicht für unsereinen. Ich habe davon gelesen. Über Münster ist ein Interdikt verhängt worden. Alle gottesdienstlichen Handlungen sind dort verboten.

Na und? fordere ich ihn heraus. Gehen sie eben nicht zur Kirche.

Der Mann am Tor schaut entsetzt auf. Wenn die Leute nicht zur Messe gehen, müssen sie es später bereuen. Willst du denn etwa ewige Höllenqualen erleiden?

Jetzt staune ich.

Deshalb sind so viele Kaufleute von Münster hierhergezogen? frage ich ungläubig.

Mancher muß weit laufen, um Höllenqualen zu entkommen. In unserer Stadt wird jetzt eine neue Kirche errichtet. Anstelle einer kleinen Holzkapelle. Die reichte nicht mehr aus, um die gewünschte Zahl Messen zu lesen und die Besucher zu fassen. Doch es gibt auch noch eine zweite Stadtkirche, in der Neustadt, jenseits vom Bohnenbach.

Jenseits vom Bohnenbach? Ich denke, da fließt die Lutter, die ihr umgeleitet und dadurch dem Kloster Marienfeld das Wasser abgegraben habt. Was sind das für Märchen! ruft der Torwächter brüsk und wendet sich einem Wanderer zu, der ins Tor tritt.

Kann man einfach so in die Stadt hinein? fragt der Mann.

Fragen Sie nicht zu viel. Wer viel fragt – Sie wissen doch. Der Torwächter ist nicht gerade freundlich. Was wollen Sie denn hier?

Jetzt fragen Sie also, beschwert sich der Mann mit Gelassenheit. Ich kann es Ihnen natürlich sagen. Ich habe meinen Namen so oft aus dieser Stadt heraus rufen hören. Das drang bis zu meinem Aufenthaltsort, den die Leute hier übrigens den Himmel nennen. Da wollte ich mal sehen … Wie ist denn Ihr Name?

Die Leute nennen mich St. Nikolaus.

Jetzt mische ich mich ein. Lassen Sie den bloß ein. Sein Schutz wird in dieser Stadt gebraucht und beansprucht.

Ich weiß, du bist an vielen Orten tätig, wende ich mich ihm zu. Du wirst sie kaum noch übersehen können, weil so viele Kirchen deinen Namen tragen. Die Kaufleute vor allem stellen sich unter deinen Schutz. Auch in dieser Stadt bist du zum Schutzheiligen ernannt worden. Die Kirche der alten Stadt haben sie dir geweiht.

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