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Beckmessers Leberbaum

Alexander Gruber

Beckmessers Leberbaum

Noch mehr Beiträge zur theatralischen Denklust

Inhalt

Das Gesicht unserer Zeit

I     „Medea“: von Euripides zur heutigen Krise

II    Das Göttliche schwindet

III   Goethes „Iphigenie“: Weimar und Buchenwald

Keinort

Ein Wort zu „Dantons Tod“

Mit eisernen Zangen

I     Die Welt wie sie wirklich ist

II    Die Welt wie ich sie mir denke

Wiederum sah ich wie es unter der Sonne zugeht

Aufklärung über politisches Verhalten – Zu Lessings „Emilia Galotti“

Was Menschen wagen dürfen

1    Nach kurzem Nachdenken‹

2    Das Erfassen der Zeit‹

Nürnberg als Modell

Bemerkungen zu Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“

Misch-Masch-Potpourri

Ein Wort über Shakespeare am Beispiel „Hamlets“

Im Ozean der Gewalt

Kommentare zu Jacques François Fromental Halévys Oper „Die Jüdin“

Theater über Theater

Stichwörter zu einer schwarzen Komödie: „Arsen und Spitzenhäubchen“

Kameradschaftlicher Streit

Gespräch mit Publikum der Volksbühne vor einem Besuch von Goethes „Tasso“

Weder Schuld noch Warnung

Zu Georg Heyms Dramen

Odem schöpfen

Ganz kurz nur: Mozarts „Idomeneo“

Zeit im Theater – Theater in der Zeit

Anmerkungen

Das Gesicht unserer Zeit

Wer sich erkennen will, muss in den Spiegel blicken.

I. Medea

Wenn Medea das erste Mal auftritt, erwartet man beinahe, eine Rasende zu sehen, die ihrer Sprache kaum noch mächtig ist, sei es vor Wut, sei’s vor Niedergeschlagenheit und Schmerzen. Diese Erwartung wird enttäuscht: Medea zeigt sich redegewandt, präzis denkend, ihre Gedanken nach allen Regeln der Redekunst wirksam vortragend. Im späteren Gespräch mit Kreon ist sie sogar von auffallender und außerordentlicher Geistesgegenwart und politischer Klugheit. Ihre Gefasstheit und Form steht also im Widerspruch zu ihrer existenziellen Situation: der vor Verlassenheit verzweifelten Frau. Euripides entwirft ein großangelegtes realistisches Portrait: das Sich-Vernichtet-Fühlen führt zum Wunsch nach Selbstvernichtung, in den die Kinder als Teile des eigenen Ichs einbezogen werden. Gleichzeitig werden in ungeheurer Anstrengung die geistigen Kräfte zur Selbsterhaltung aufgeboten, wird die Aggression nach außen gewendet.

Dieser Zwiespalt ist ausgelöst durch Jasons Scheidung. Medea sieht sich durch sein Verhalten aus der menschlichen Normalität und Gemeinschaft ausgeschlossen: was sie für ihn getan hat, hat sie für ihn getan; für ihn hat sie die Heimat verlassen, den Bruder getötet, Pelias ermordet; für ihn hat sie den Schutz der Sippe verloren, ist sie aus einer Göttin zur Frau geworden. Jason erwidert ihr: zur berühmten Medea. – Nun auch vernichtet durch ihn, sagt sie zu ihm.

In diesem Punkt der Definition der Frau durch den Mann ist nicht nur das individuelle Problem angeschnitten, sondern entscheidend die „Frauenfrage“. Deshalb argumentiert Medea entsprechend gegenüber den Frauen von Korinth. Ihr Zwiespalt hierin ist ein gesellschaftlicher Widerspruch allgemeiner Natur, den zwar nicht jedes Individuum entschieden austrägt (die korinthischen Frauen sind zurückhaltender; die Amme bescheiden), unter dem aber jedes Individuum steht.

Medea handelt, greift in die Absichten ihrer Partner und in deren psychische Prozesse entscheidend ein, aber für solche Veränderungen hat sie keine soziale Perspektive, etwa: Leben erhalten; sie vermag nur die Negation zu negieren, nämlich auf ihre eigene Vernichtung vernichtend zu reagieren. Ihre Verzweiflung überwindet sie nicht. Ihr Todeswunsch findet Erfüllung im Mord der Kinder, die sie mit eigener Hand tötet, eine Art Selbstmord.

Medea ist das Opfer Jasons in Korinth, insofern ist es auch die Tochter Kreons: ihr Tod, von Medea verursacht, ist seine Schuld. Medea ist jedoch auch das Opfer Korinths, denn trotz aller Sympathien, die Medea dort gewonnen hat, nimmt kein Bürger sie in Schutz, keine Gruppe verteidigt sie, kein Repräsentant Korinths tritt für sie bei Kreon oder Jason ein. Nur die Frauen erfassen, dass Medea ihre Sache mitvertritt: die Sache der Frau in der Männergesellschaft.

Die göttliche Herkunft der Medea

Der Mythenforscher Karl Kerény hat darauf hingewiesen, dass die Geschichte der Medea eine Erinnerung an einen früheren Kult in Korinth und Athen aufbewahre. Beide Städte gelten als kretischminoische Gründungen oder Kolonien. Medea war eine Mondgöttin, Tage und Jahreszeiten regelnd, die Fruchtbarkeit des Landes garantierend. Ihr Zauber, ihre Heilkunst, ihr Versprechen, Aigeus fruchtbar zu machen, gehen darauf zurück. Aus Resten dieser Kulte lasse sich die Sympathie der Frauen für Medea erklären. Ältere Überlieferungen besagen, dass die Korinther Medeas Kinder getötet hätten (eine Erklärung für unverständlich gewordene Bräuche und Riten), nun soll sie es selbst getan haben – immer mehr schwindet das Gedächtnis an die mütterlich heilkräftige Göttin und ihre Religion. Sie wird von anderen herrschenden Kulten verdrängt. Auch in Athen wird sie von Theseus, dem Sohn des Aigeus, vertrieben werden als Hexe. In diesen Erzählungen scheinen Spuren der Überlagerung eines Volkes oder einer Kultur durch andere Völker zu liegen. Dies hat dazu geführt, insbesondere bei dem englischen Mythologen Robert Ranke-Graves, eine historisch-soziologische Erklärung zu suchen: Eine steinzeitliche Ackerbaukultur mit Fruchtbarkeitsriten, Muttergottheiten und matrilinearer Organisation anscheinend orientalischer Herkunft und mit Zentren in der Troas und auf Kreta, wird in den Wellen der indogermanischen Völkerwanderung allmählich überlagert durch die kriegerischen Stämme rossezüchtender patrilinearer Fremder. Die Kulte wie auch die Herrschaftsformen werden entweder gewaltsam geändert oder umgedeutet. Vatergottheiten treten an die Stelle der Mutter-und Fruchtbarkeitsgottheiten, deren Familienbesitz und das Sohneserbe an die Stelle des Gemeinbesitzes. In vielfältigen Formen der Unterdrückung und Anpassung entsteht so das Griechentum.

So betrachtet, erscheint die Geschichte Jasons und Medeas in einem neuen Licht. Dem Jason wird von Pelias, der nur Töchter hat, das Erbe vorenthalten. Der Held kann sich gegen den Wahrer des Alten nicht durchsetzen, erst soll er das Goldene Vlies aus Osten holen, also zeigen, dass er so sehr Heiland sein kann, wie die alten Gottheiten. Deshalb schließen sich seiner Fahrt mit dem weissagenden Schiff Argo die bedeutendsten Helden Griechenlands an, unter ihnen Herakles und Orpheus. Kolchis, wohin die Fahrt geht, ist zunächst keineswegs geographisch festgelegt. Es befindet sich jenseits der Todesfelsen, auf der „anderen Seite der Welt“, und wird von Göttern oder göttlichen Wesen beherrscht. Dort gibt es Drachen, feuerschnaubende Stiere, Riesen aus Erz, geheimnisvolle Zauberkünste. Dennoch ist Helios dort Herrscher und Ahnherr, und dort ruht der heilige goldene Schatz. Eine tiefe Zweideutigkeit umhüllt dieses Land, in die der Held ebenfalls hineingerissen wird. Zwar gelingt es ihm, die gestellten Aufgaben zu lösen. Er tötet den Drachen, er fängt die feuerschnaubenden Stiere ein und pflügt mit ihnen, er sät in die Furchen vor Sonnenaufgang die Zähne des Drachens und tötet die der Drachensaat entspringenden Riesen – seine kriegerische Kraft erweist sich den alten kultischen Geheimnissen überlegen, und dennoch vermag er nicht zu siegen, den Schatz nicht zu gewinnen.

Medea erst vollendet die Aufgabe des Helden und übergibt ihm das segenbringende Gold (so reicht Eva den goldenen Apfel des Lebens dem Adam). Hierin ist sie Göttin. Einer heiligen, an Märchen gemahnenden Hochzeit und immerwährendem Glück scheint nichts mehr entgegenzustehen. Dennoch wird Medeas Liebe, ihre Rettung des Helden, als Verrat gedeutet, Verrat an den alten Sitten, am Heiligen. So wird Medea Mensch, liebendes Mädchen, liebende Frau. Aus der Göttin wird die Priesterin, aus der Priesterin die Zauberin und Hexe. Wie stark in der Überlieferung die Sympathien für das Alte waren, zeigt die Tatsache, dass Medea ihren Bruder tötet, um die Verfolgung durch den Vater aufzuhalten. Durch diese Blutschuld wird sie nun auch unter Menschen recht- und heimatlos, ganz nur auf die Bindung an den Kriegshelden und Mann angewiesen, der sie als seine Beute und seinen Besitz behandelt. Durch einen ähnlichen Verrat tötet sie den Pelias: die Priesterin des Alten tritt ein für das Neue und erntet Fluch und Verbannung. Später, als sie in Athen dem Theseus gegenübertritt, erscheint sie nur als Vertreter des Alten, das jedoch seine bedrohliche und heilkräftige Überlegenheit dann schon verloren hat.

Zeichen der Krise

Was aber ist uns diese Göttlichkeit der Medea außer ein Hinweis auf gewaltsame und blutige Auseinandersetzungen im Dunkel der Vorgeschichte? Die meisten heute haben den Glauben an die Gotteskindschaft, an das Paradies, den Himmel, die Unsterblichkeit der Seele, an die Gefilde der Seligen als Ursprung und wartendes Erbe des Menschen verloren – nicht automatisch deshalb, weil angeblich Fortschritt stattfindet vom Glauben zur Wissenschaft, sondern als Folge historischer Katastrophen wie der Unterwerfung und Versklavung ganzer Kontinente und Völker, der Vernichtung von Rassen, der Verwüstung der Natur und weltweiter Zerstörung; auch als Folge immer weiter ausgreifender Entdeckungen und Kenntnisse: Herzen werden verpflanzt, Menschen betreten den Mond, Götter und Seelen werden nirgends entdeckt. Dem Unglauben und der religiösen Ungebundenheit in breiten Schichten der Bevölkerung steht zudem die leblose Starrheit offizieller Dogmen und der Aberglaube in Form von Ideologie, Astrologie, Sektenwesen, Kurpfuscherei und Fanatismus gegenüber.

Für einen Augenblick können wir hier eine Analogie zur Krise der athenischen Demokratie im 4. Jahrhundert v. Chr. annehmen. Auch dort gab es eine breit und tief wirkende Aufklärung und Wissenschaft (Sophistik) und daneben Asebie-Prozesse (gegen Gotteslästerung) aus politischen Gründen. Der wachsenden wirtschaftlichen Macht Athens als Seehandelszentrum wurde auch durch soziale Sicherungen Rechnung getragen. Die Armen erhielten, wenn sie sich nicht anders ernähren konnten, täglich zwei Obolen aus der Staatskasse. Finanziert wurde dies durch die Ausbeutung der Bundesgenossen, die auf den Stand von Kolonien heruntergedrückt wurden, und durch fortwährende Eroberungskriege mit den Nachbarn (Korinth, Ägina, Theben), die schließlich im Jahr 431, dem Jahr der Medea-Aufführung, in den dreißig Jahre währenden Peloponnesischen Krieg mündeten.

Thukydides berichtet in seinem 1. Buch, Kriege der Athener: Die Schlacht fand bei Tanagra in Böotien statt, und die Lakedä-monier mit ihren Bundesgenossen siegten. Die Verluste waren auf beiden Seiten groß. Dann zogen die Lakedämonier ins Gebiet von Megara, vernichteten die Baumpflanzungen [gemeint sind Wein-, Feigen- und Olivenpflanzungen] und kehrten durch die Geraneia und über den Isthmos nach Hause zurück. – Kap. 108

Diejenigen unter uns, die bereits mit den Athenern zu schaffen gehabt haben, bedürfen nicht der Belehrung, dass man sich vor ihnen in Acht nehmen muss. Diejenigen aber, die weiter im Binnenlande und nicht an einem Seehandelswege wohnen, mögen sich gesagt sein lassen, dass, wenn sie den Küstenbewohnern nicht helfen, die Ausfuhr ihrer Feldfrüchte und die Einfuhr der Dinge, die das Festland über das Meer empfängt, immer mehr erschwert werden wird. – Kap. 120 [Auszug aus der Rede der Korinther für den Krieg gegen Athen in Sparta]

Nehmen wir also für einen Moment die Analogie zur Krise unserer eigenen Zeit als gegeben an, so müssen wir feststellen: Medeas Verlust ihrer göttlichen Herkunft trifft auch uns als Verlust; ihre Perspektivlosigkeit (Kinder umzubringen statt am Leben zu erhalten) betrifft die bei uns ebenfalls grassierende – wer will, mag an den Terrorismus in der Bundesrepublik denken; das Ungelöste der „Frauenfrage“ ist auch durch ein Verhalten wie das der Medea nicht zu lösen. Gegenperspektiven erscheinen wichtig: in der Haltung der Amme, in der Haltung der korinthischen Frauen können sie sich auftun und entwickeln.

Sexualität

Die Geschichte Jasons und Medeas als Spiegelung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau enthält in ihrem Kern das Thema der Sexualität. Medea gibt am Anfang und am Schluss durchaus zu, daß sie von sexueller Eifersucht motiviert wird. Der Arzt Hippokrates aus Kos erklärt im Athen des Euripides die Unruhe und Unbesonnenheit der Frauen als eine Krankheit der Gebärmutter (hystera), als Hysterie. Ein Leiden, das, wenn es noch nicht zu weit fortgeschritten sei, durch Normalität des geschlechtlichen Umgangs zu heilen sei, indem die Blutzirkulation dadurch in Ordnung gehalten werde. Die Medea des Euripides argumentiert jedoch weit darüber hinaus, indem sie die Frauen von Korinth auf die Bedeutung hinweist, die das Leben mit dem Mann für die Frau hat: „Der, in dem ich alles Schöne sah …“ Dies also war es im heiligen Kolchis, was sie erlebte und wählte: ein persönliches Schicksal; nicht mehr das Triebschicksal des Märchens, das allgemeine Gültigkeit hat. Während Jason, unaufgeklärt über die Rolle des Geschlechtlichen im Leben, Medea ihren Sexualneid zum Vorwurf macht, nicht begreift, dass seine Person gemeint ist. Für ihn ist Sexualität etwas Unpersönliches, eine Triebmacht, die immer gleich läuft, wie das Wasser bergab. Nur die Frauen stören die Berechenbarkeit und Vernünftigkeit. Ganz rational wünscht Jason schließlich, dass das Geschlecht nicht nötig sein möge für die Reproduktion – eine absurde Scheinlogik! Sein Versuch, sich in eigennütziger und „politischer“ Manier des Geschlechtlichen zu bedienen, scheitert am radikalen Widerstand Medeas. Das Verhältnis Mann – Frau ist in der Sicht Jasons so weit als möglich entfernt von jener sakramentalen Stiftung, nach der Mann und Frau ein Leib sein sollen.

Gerade Jason betont die sozial und rechtlich bestimmte Rolle des Geschlechtsunterschieds, insofern der Mann die Gewalt und das Recht über die Frau ausübt. Die Gewalttat befreit ihn von jeder passiven Rolle; die Frau bleibt ihr unterworfen, dabei will Medea lieber dreimal in der Schlacht stehen, als einmal gebären. Krieg contra Gebären – dies scheint der Unterschied der Geschlechter. Medea nimmt also die Rechte der Männer in Anspruch und rächt sich mit Gewalttaten für Rechtsbruch. Sie tötet die Kinder – wozu sonst in Griechenland nur der Vater das Recht hatte (vor und unmittelbar nach der Geburt). Sie vernichtet Jasons Anspruch auf das von ihm Gezeugte und damit symbolisch seine Potenz. Sie kastriert ihn. Damit erweckt sie alte Ängste. Was geschieht, wenn die Frau nicht mehr dem Mann Untertan ist? Medea in jedem Weibe?

Euripides bezeichnet den Kernpunkt der Emanzipation: Neudefinition der Sexualität und der ihr entspringenden sozialen Verhaltensweisen und Rollen. Medea kann in der Umkehr nicht als Vorbild dienen; Jason genausowenig. Die in der mythischen Verbindung „Jason und Medea“ liegende Vereinigung als einer utopischen Harmonie zwischen Mann und Frau, Held und Zauberin, Erlöser und Heilsspenderin zerfällt in der Entzweiung des Lebens zum unversöhnlichen Gegensatz zwischen Lustsucher und Mutter, Freiheit und Versorgung, Abenteuer und Brutpflege. Es scheint, dass diese Frage noch immer ansteht.

Die korinthischen Frauen

Der Chor ist der älteste Bestandteil der griechischen Tragödie (vgl. S. 170 ff) und vielerlei Konventionen unterworfen, die uns hier nicht interessieren müssen. Sein Zusammenhang mit der Handlung ist meist verhältnismäßig lose: er gehört nicht den handelnden Personen an. Für Euripides wäre ein Chor aus den Sklaven der Medea durchaus denkbar gewesen. Dies hätte aber ihr Schicksal nach dem Weggang der Medea ins Spiel gebracht.

Also ist auffällig, dass die Frauen aus Korinth nicht eigentlich zur Schicksalsgemeinschaft der Medea gehören. Eigener Antrieb führt sie her und macht sie zu Zeugen.

Ein Gemisch aus Neugier und Anteilnahme an „des Hauses Not, dem feindliche Lose verhängt sind“ wird als dieser Antrieb von den Frauen bekannt. Schadenfreude weisen sie dagegen von sich. Die Amme hat bereits davon gesprochen, dass Medea „von den Bürgern geliebt“ sei. Die jetzigen Geschehnisse sind selbstverständlich Stadtgespräch bei Männern und Frauen. Am Brunnen reden auch die alten Männer über die neuesten Entwicklungen im „Fall Medea“. Auch Gerüchte gehen um. Medeas Zorn und ihre Drohungen sind nicht unbemerkt und ungehört geblieben. Kreon, der Herrscher, betrachtet sie bereits als dringliche Gefahr, und ihr Ruf ist zweideutig. Umso erstaunlicher, dass nichts von Lynch-Stimmung in Korinth zu bemerken ist – noch nichts. Die erste Andeutung benennt der Pädagoge. Später rechnet Medea in ihren Plänen damit.

Die Frauen fühlen mit Medea schon vor ihrem Auftreten und teilen ihre Einschätzung Jasons. Medea führt bei ihrem ersten Auftreten dann einen Solidarisierungseffekt herbei, so dass die Frauen ihren Wunsch nach Rache billigen, auch wenn Medea dabei von „Blut und Mord“ redet, und sogar einwilligen, zu schweigen. Dies findet Gilbert Murray in seinen Anmerkungen zur englischen Ausgabe der Medea nur schwer verständlich. Immerhin sind diese Frauen, so sagt er, Untertanen König Kreons, für deren extreme Loyalität keinerlei Gründe bestehen. Medea hat jedoch mit ihrer Aktivierung des Gegensatzes Mann – Frau diese Rücksichten durchschlagen. Auch scheint Unerfahrenheit, Neugierde und Faszination bei den Frauen im Spiel zu sein, Faszination vor allem durch das kolossal Neue und Gefährliche, das diese bewunderte, machtvolle, kühne Medea in Angriff nimmt, die keineswegs, wie ursprünglich vermutet, Trost und Zuspruch benötigt. „Gestürzt hilflos in die Wogen des Unheils“ erscheint den Frauen nach der Verbannung durch Kreon Medea. Aber Medea reagiert keineswegs entsprechend, sondern kämpferisch: „Viel Kämpfe harren dieser Neuvermählten noch …“ Zur passiven Haltung, die die Mädchen erwarten (ihre Neugier weist sie als jung aus), auch selbst natürlich einnehmen, setzt Medea die aktive Alternative, damit das „Frauenlos“ durchbrechend. Das ermöglicht den Mädchen eine Art imaginativer Identifikation, die jedoch schließlich wieder schwindet, wenn Medea ihre Kinder umbringt.

So ergibt sich eine Vielzahl von Haltungen und Stimmungen, denen sich die Frauen jeweils hingeben. Angesichts der Ereignisse um Medea werden die aktivierten Absicherungen, Selbstverständigungen, Rollenkundgebungen immer unsicherer. Zuletzt erscheint die konventionelle Schlussfloskel der Tragödie, vom „Unerwarteten, das die Gottheit gesandt“, als angstveranlasste Flucht in etwas, das die grauenvollen Abgründe zudecken soll, die sich aufgetan haben und wohl noch auftun: Vom heutigen Standpunkt aus gesehen wären die Frauen Mitwisser und strafbar (das deutet sich in Murrays Unbehagen an); auch den Griechen dürfte ein solcher Gedankengang keineswegs fremd gewesen sein. Realistisch gesehen sind also die Frauen durch die Aggressionen Jasons und der rächenden Korinther genauso bedroht wie die Amme und die anderen Hausgenossen. Es ist nur der Theater-Konvention zu verdanken, dass dieses Stück nicht in einem allgemeinen Blutbad unter den Zurückgebliebenen endet. Von diesem Punkt aus klärt sich die Rolle der korinthischen Frauen: Angezogen von den hier offenbar werdenden Geheimnissen des Lebens, von dem, was zwischen Mann und Frau wirklich vorgehen kann, geraten sie selbst in einen Strudel der Meinungen und Anschauungen, verlieren ihre Unschuld, werden Komplizinnen und zuletzt: Widerstehende.

Dies alles unter Gekicher, Getue, Sentimentalitäten. Sie geben sich erwachsener, als sie sind – etwa, wenn sie Medea trösten wollen; oder wenn sie von Frauenliebe reden. Immer ist da dieses Ausprobieren dabei: den Lippenstift, die Zigarettenspitze, den Alkohol, das Küssen, Kitzeln … Da ist junge Vitalität: wann begegnet man wirklich einem Jason, einem Aigeus; vielleicht folgt aus solchen Begegnungen etwas? Da ist das Wiedergeben des Gehörten, Angelernten, das Sich-Gerieren als Frauen mit Erfahrung. Da ist der Schock am Ende, wenn sie hineingerissen werden in die blutigen Ereignisse, das ungläubige Entsetzen, dass es wahr ist; das Schreien um Aufhören und Ende.

Darin die Katharsis für den Zuschauer, dass dies Schreckliche anderen zustößt, dass andere stellvertretend die gestauten Aggressionen entladen und schuldig werden, dass andere leiden müssen, und dass man weiß: Das ist alles ein Spiel, nicht Wirklichkeit. Gerade unter diesem Gesichtspunkt wäre es falsch, wenn die Frauen die Haltung des Zuschauers einnähmen oder vermitteln wollten. Der Zuschauer muss sich auch zu ihnen verhalten können als einem integralen Bestandteil des Spiels. Ihre jugendliche, experimentierende Lernwilligkeit muss als soziale Verhaltensweise vom „Zuschauen“ getrennt werden; nur dann kann es Schicksal enthalten. Erwachsenwerden in einer Gesellschaft, wie sie Euripides uns vorführt, ist kein leichtes, heiteres, unverbindliches Schicksal, so wenig wie in der unseren, auch wenn deshalb so häufig die Flucht in die Unverbindlichkeit und Konvention angetreten wird. So stehen die Frauen am Ende blutbeschmiert da und versuchen, die Amme zu retten, nachdem sie die Kinder nicht gerettet haben, nicht wussten, wie ernst das alles werden würde.

Die Sklaven und Medea

Sklaven sind: die Amme, der Pädagoge, der Bote. Andere, stumme Figuren begleiten ohne Zweifel die Könige, sind aber für unsere Überlegungen zunächst nicht maßgeblich. Alle sind namenlos.

Die Amme, die in das Stück einführt, sagt: „Uns Sklaven trifft das Elend unserer Herren auch. Wir leiden mit.“ Sie ist mitfühlend mit Medea, spricht ganz in ihrem Interesse und aus ihrer Perspektive, bezieht ihre personale Identität ganz offensichtlich aus der Erfüllung ihrer Rolle als „wohlgesinnte Dienerin“, will mehr nicht sein, aber auch nicht weniger. Ihre Beurteilung Jasons und seiner Handlungsweise ist klar und eindeutig. Aber doch ist die Klage der Amme, mit der sie eröffnet, mehr als die Klage um Medeas Unglück: Eigenes strömt ein, Klage um ein Ausgeliefertsein, dem durch eine Abhängige nichts entgegenzusetzen ist: wäre das alles nicht geschehen, wäre man noch in der Heimat. Dies ist eigene Leiderfahrung. Erst jetzt kommt also Medea auf die Ebene des Lebens und Leidens, auf der die Sklavin schon lange lebt. Sie hat keine Perspektive der Besserung in der Zukunft. Die Zeit hat sie in ein Schicksal hineingerissen, ins Elend, in die Fremde, aus dem sie nicht mehr entrinnen wird. Ihr einziger Wunsch ist „ruhigem Alter entgegen zu leben“. Die gegenwärtigen Ereignisse werden ihr das unmöglich machen.

Zwar erfahren wir vom Pädagogen, dass Medea an der Amme hängt, aber sie verschwendet keinen Gedanken an ihr weiteres Geschick. Das Gesinde Medeas bleibt insgesamt der Willkür preisgegeben zurück.

Obwohl die Amme keinen Namen trägt, individualisiert Euripides sie und lässt uns erkennen, dass sie ihre Identität aus der Erfüllung ihrer Rolle als Dienerin schöpft. Mehr will sie nicht sein, aber auch nicht weniger. Ihre Anteilnahme, ihr Mitfühlen ist aufrichtig und führt dazu, dass sie die Handlungsweise Jasons verurteilt: „schmachvoll“, „unedel“. Auch die Perspektive der einleitenden Erzählung ist ganz aus der Teilnahme an Medea gewonnen, ist loyal. Dennoch gibt sich die Amme über ihre Herrin keinerlei Illusionen hin. Sie kennt sie genau, auch wenn sie sie nicht verurteilt. Angst um die Kinder erfüllt sie schon von Anfang an. Ihr Wunsch, sie zu warnen und zu retten, zeigt auch ihre Ohnmacht. Es scheint nicht umsonst zu sein, dass Euripides sie beim Kindermord nicht in der Nähe sein läßt: Wir würden hoffen, dass die Amme auf irgendeine Weise eingreift.

So erwächst aus der Sklavenperspektive eine humane Kritik an den „Königen“, den Herrschenden, und wenn wir davon ausgehen, dass die Athener Politen durchaus nicht alle zu den „Herrschenden“ gehörten, dass die Amme durchaus nicht „niedrig“ gezeigt wird, können wir annehmen, dass eine Verlängerung dieser Perspektive (vielleicht sogar Parteilichkeit) ins Publikum durchaus möglich war. Wir müssen also für beide Partei ergreifen: für Medea und die Amme.

Schwerer verständlich und erklärbar scheint, warum die Amme Jason nicht warnt, als Medea sie ausschickt, ihn zu holen. Natürlich entschwindet sie da aus unserem Blickfeld: Ihre Meinung, ihr mögliches Handeln ist doch nicht gesellschaftlich relevant und bleibt deshalb außer Betracht. Ihre Loyalität als Kolcherin, Frau und Sklavin wird nicht in Frage gestellt.

Der Pädagoge sagt zu Medea: „Du bist ein Mensch wie wir. Gewöhne dich ans Unglück.“ Ist das Sklavenmoral? Vielleicht eher: Sklavenerfahrung. Medea gehört zu den Herrschern. Jetzt macht sie eine Leidenserfahrung, die dem Sklaven geläufig ist, und mit der er sein Leben zubringen muss; die es geprägt hat. Seine Freuden sind kleine Freuden: Würfelspiele mit Greisen. Dabei verleugnet er noch halb seine Zugehörigkeit. Wenn er erfährt, dass Medea mit den Kindern vertrieben werden soll, weiß er, dass auch sein Leben sich verschlimmern wird. Deshalb freut er sich später, dass nun doch eine andere Aussicht besteht. Medeas Klagen über die Trennung von den Kindern will er nicht verstehen, weil sie ihn nicht mehr betreffen. Sein Schicksal kümmert Medea nicht.

Der Sklave, der vom Tod Kreons und dessen Tochter berichtet – mit welcher Genauigkeit hat er beobachtet, mit welcher Intensität berichtet er! Es scheint, dass darin eine Offenbarung für ihn sichtbar wird, eine Apokalypse der Herrschenden: Ihr Schicksal ist doch nicht unterschieden von dem der Sklaven. Der Tag wird kommen, wo sie vom Feuer des Todes, aber auch der Zeit, der Geschichte, verbrannt sein werden. Medea, die Mörderin, ist darin potentiell auch die Aufrührerin.

Dennoch tritt an dieser Stelle die Frage nach Medeas Verhältnis zu den Sklaven (den eigenen und denen Jasons) noch einmal ins Bewusstsein, denn der Sklave spricht zu Beginn seines Berichts von der Zuneigung und Sorge der Diener um Medea und die Ihren. Im ganzen Text wird über Medea von dieser Seite aus kein abwertendes oder gar böses Wort gesagt, während Jason häufig kritisiert und verurteilt wird. Die Angst und Sorge der Amme über Medeas Zorn und Racheabsichten sind realistisch und objektiv – ohne moralische oder menschliche Abwertung. Wir können also durchaus eine für die damaligen Verhältnisse auffällige Freundlichkeit und Vertrautheit Medeas mit den „Hausgenossen“ feststellen. Sie wird von allen akzeptiert, bewundert, vielleicht sogar geliebt. Weder ihr Wesen, noch ihr Verhalten als Herrin werden als drückend empfunden oder gar missbilligt. So erhält sie auch die Treue und Fürsorge von seiten der Diener und Sklaven. Der Gegensatz zwischen „Beherrschten“ und „Herrin“ scheint, wenn nicht aufgehoben – das wäre zuviel! –, doch überbrückt.

Diese Brücke bricht im Laufe des Stückes auseinander. In allen Überlegungen Medeas lässt sich keine Verantwortlichkeit für die von ihr abhängigen Sklaven oder das Gesinde entdecken. Ihre Flucht nach Athen betrifft nur sie allein, ohne Gefolge. Müssen wir annehmen, dass sich etwas in Medeas Verhältnis geändert hat? Ja. Der anfängliche Bericht der Amme über Medeas völligen Zusammenbruch und ihre Verzweiflung trifft hierin einen wichtigen, allerdings kaum mehr sichtbar zu machenden Punkt: Medea gerät außer sich. Sie ist nicht mehr ihr gewöhnliches Selbst. Tiefenschichten der Person sind in ihrer Lage plötzlich aktualisiert, von denen die Amme weiß, und die sie fürchtet. Medeas normales und – wie wir hören – liebenswürdiges Selbst wird verdunkelt.

Dies wird keineswegs auf die Eigenart der Kolcherin zurückgeführt. Auch wenn Medea sich im Licht der Öffentlichkeit rechtfertigt, beruft sie sich niemals auf eine solche Besonderheit des Herkommens oder gar der halbgöttlichen Abstammung. Der „vermessene Sinn“, das mag die Hybris der Griechen sein, allen griechischen Besuchern geläufig und als politisches Vergehen auf der Agora belangbar. Medea – in vielem ungriechisch – scheint hierin ganz Griechin. So zeigt sich im veränderten Verhältnis zu den Sklaven bei Medea ein entscheidender Prozess der Anpassung. Anpassung ans griechische, ans herrenmäßige, ans männliche Verhalten.

Alle drei Verhaltensweisen führt sie radikal in die aus ihrer Situation entspringenden Extrempunkte. Von da aus ist keine Gemeinsamkeit mit den Hausgenossen mehr möglich, mögen sie Jason oder treue Diener sein, mag Medea selbst – die frühere, gewesene, jetzt verborgene Medea – auch extrem darunter leiden. Die Radikalität ihrer Anpassung an die griechisch-männliche Welt zeigt zum Schaudern das Gesicht unserer Zeit. Es war auch das Gesicht der Zeit von 431: der Anfang des Peloponnesischen Krieges.

II. Das Göttliche schwindet

„Theben, die Stadt“, eine Zusammenschau Alfred S. Kesslers der Tragödien um Ödipus, der als Asyl suchender alter Mann nach Kolonos, dem attischen Heiligtum der Erynnien, kommt.

Als Motto voraus geht Antonin Artauds: „Wie die Pest ist auch das Theater zur kollektiven Entleerung von Abszessen da.“

Dann wird die Fabel des Stücks dargelegt und ein Fazit gezogen.

Ödipus im Asyl

Ein alter, blinder Bettler, kein König kommt da nach Kolonos. Ein junges Mädchen, notdürftig sauber, aber jeder Rohheit ausgesetzt, jedem brutalen Zugriff hilflos ausgeliefert, begleitet und führt ihn. Dass sie eine Prinzessin ist, kann keiner sehen. Landflüchtiges Elend, vergangene bessere Tage, Vertriebenenschicksal – so beginnt dieses Drama. Es beginnt heutig. Die da leben, die Koloner, hüten ihr Heiligtum, diese Kapelle der unteren Frauen, von denen Segen und Fluch ausgeht. Sie wollen den Alten und das Mädchen verjagen, aber er ist schon über die Schwelle getreten, wo er Schutz vor Verfolgung findet. Doch wird er Anerkennung finden? Bleiberecht? – Dies, sagt der Alte, ist doch das für Gerechtigkeit berühmte Athen. (Kolonos ist ein Landbezirk Athens.) Politisch Verfolgte finden hier Asyl. Ist das nur dahingeredet, nur Propaganda, und gilt nicht, sobald der Ernstfall eintritt? Dieser alte Bettler bringt gleich zu Anfang die Sache auf den Punkt: eine Sache der Verfassung, der Grundrechte und ihrer Verwirklichung. Soll Theseus, der in Athen den Staat lenkt, entscheiden! Und bis er geholt wird, weicht der Alte nicht!

Der Unbekannte erlangt Bedeutung, sobald er nahe gesehen wird, und der Dichter sieht ihn nah und groß. Aus Theben, wo er verbannt und vertrieben wurde, kommt seine zweite Tochter und berichtet, dass er dort Sieg bringt, Sieg dem, der ihn vereinnahmt, ob lebend oder tot. Das ist wichtig, denn es gibt drei Parteien unter den Herrschenden. Vielleicht gibt es mehr, aber sie zeigen sich nicht. Die Interessen sind nur teilweise durchschaubar, und da, wo sie es sind, sind sie es durch den Konflikt: Wem gehört die Stadt? Wer hat das Recht, zu bestimmen?

Er, der Alte, hatte es einst. Er war König, jetzt ist er Bettler. Aber immer bleibt er Ödipus, von dem, als einem wahren Menschen, Fluch und Segen, Tod und Leben ausgeht. Das ist seine Erfahrung und sein Selbstbewusstsein, sein Ruhm. Ja, er ist berühmt dafür. Auch die Koloner haben von ihm gehört. Jetzt packt sie die Neugier, und sie fragen, wie es wirklich gewesen ist, damals in Theben.

Ödipus in Theben, furchtlos

Hohe und festliche Zeit war das in Theben. Ödipus, aus der Fremde gekommen, gewann Jokaste, die Königin, zur Frau, und sie teilte mit ihm die Herrschaft. Denn er hatte die räuberische Sphinx besiegt – durch kluge Kühnheit. Etwas Strahlendes war um ihn, und er wurde geliebt: Die Königin liebte ihn und schenkte ihm zwei Söhne und zwei Töchter. Die eingesessenen Adelsgeschlechter liebten ihn und hielten Frieden. Das Volk liebte ihn, weil er sich um Gerechtigkeit bemühte und nicht hochmütig war. Weil er stets ein offenes Ohr für die Sorgen anderer hatte und sie mit Rat und Tat bekämpfte. Dann war jäh das Lebensfest zu Ende: die Stadt starb. Die Wälder starben. Die Früchte reiften nicht. Das Korn wuchs nicht. Das Vieh verkam. Die Menschen siechten dahin. Kein Arzt, kein Priester, kein Gott konnte helfen. Alle riefen nach Ödipus, der Rettung gelobte. – Aber wie sollte die Rettung aussehen? Das Orakel des Pestgottes in Delphi nannte als Ursache der Seuche die ungesühnte Blutschuld an Laios, dem König vor Ödipus. Räuber hatten ihn erschlagen, hieß es. Waren sie von Theben aus gedungen? Hatte gar Teiresias, der heilige Seher, die Hand im Spiel? Und war er im Bund mit Jokastes Bruder Kreon? – Ödipus verfluchte und verbannte die Täter. Er fragte, forschte, nahm keine Rücksicht: alles sollte ans Licht! Alle Zufälle nutzte er, allen Widersprüchen ging er nach. Sogar einen Tatzeugen konnte er beischaffen. Und so kam das Verborgene ans Licht: Er selbst hatte Laios getötet. Schlimmer noch: Laios war sein Vater. Schlimmer noch: Jokaste, die Frau, die er liebte, war seine Mutter. Sie suchte den Tod, und er blendete sich mit der Spange ihres Gewandes. Ihm blieben nur sein eigener Fluch und die Leere der Augenhöhlen.

Das Ungeheure dieses Falles für die Zuhörer war jedoch nicht, was aus früher Mythen- und Märchenzeit darin gespiegelt erschien: das dem Dionysos oder anderen, noch älteren Göttern ähnliche Schicksal, wenn (was hier allerdings anders erzählt wird) Laios um der Jokaste willen und vor ihren Augen von Ödipus erschlagen wird, und Ödipus so sie und die Herrschaft gewinnt. Was fürchten machte und mitleiden ließ, war dieser Sturz des Menschen Ödipus aus der strahlenden Helle ins Finstre, sein Eingehen ins Schattendasein ...

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