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Beckmann: Der große Schmerz

Das Buch

Auf einer Großdemonstration in Philippsburg wird ein salafistischer Prediger Opfer eines Attentats. Das LKA tappt im Dunkeln. Bekennerschreiben im Internet deuten auf einen rechtsterroristischen Hintergrund hin.

Unerwartet kollabiert ein prominenter Redner der Patriotischen Front in einem Philippsburger Bierkeller. Niemand vermutet, dass der Neonazi ermordet wurde.

Bei einem Selbstmordanschlag wird die größte Kirche Philippsburgs zerstört. Die Sicherheitsbehörden gehen von einem islamistisch motivierten Verbrechen aus.

Erst als Kriminalhauptkommissar Max Beckmann den Tod eines Philippsburger Studenten untersucht, entdeckt er, dass alles zusammenhängt. So kommt er auf die Spur der geheimnisvollen Bruderschaft des Heiligen Bernhard, die für die Morde verantwortlich ist. Der Orden führt einen Kreuzzug gegen die moderne Welt, mit dem erklärten Ziel, das Land ins Chaos zu stürzen.

In seinem zweiten Fall heftet sich Beckmann an die Fersen der religiösen Fanatiker. Seiner charmanten Kollegin, Aila Gündogdu, gelingt es, Kontakt mit einem Aussteiger aufzunehmen. So entdecken sie die Pläne des Ordens, der ein Attentat auf das Leben eines hohen christlichen Würdenträgers vorbereitet. Doch je näher Beckmann den Urhebern der Gewalt kommt, desto mehr gerät er selbst ins Visier der mysteriösen Bruderschaft.

Der Autor

Bernd Waldmann, geboren 1958 in Darmstadt, studierte Germanistik, Anglistik und Amerikanistik. Promotion zum Dr. phil. Er arbeitet seither als Autor, Übersetzer und Texter. Neben der künstlerischen Arbeit: Tätigkeit als Pädagoge, Management-Trainer und Coach.

Beckmann: Der große Schmerz ist der zweite Krimi der Reihe. Weitere Details auf www.beckmann.live

Bernd Waldmann

Beckmann: Der große Schmerz

Kriminalroman

Für Stephan

PROLOG

Abtei Hohenscheid
Donnerstag, 20. August, 21.53 Uhr

Das Kloster lag am Ende eines engen, langgestreckten Schwarzwaldtales. Dichtstehende Tannen und Fichten säumten die steilen Hänge. Den Männern, die in dieser Nacht die Abtei aufsuchten, musste es scheinen, als führen sie durch einen finsteren Tunnel. Hier und da hatte sich Nebel in die Schlucht gesenkt, was die Anfahrt noch beschwerlicher machte. Erst vor der Abtei weitete sich unvermittelt das Tal und gab den Blick frei auf die gewaltige Anlage.

Es gab nur eine Straße, die vor dem wuchtigen Westportal der Klosterkirche endete. Sie war Teil eines mittelalterlichen Ensembles, das im Laufe der Jahrhunderte stetig erweitert und verändert worden war. Im Halbdunkel der Sommernacht verströmten die massiven Gebäude den steingewordenen Machtanspruch ihrer Erbauer, der sich auf die Gewissheit gründete, Gottes Wort und Willen zu leben. Eingedenk dieser Tradition beherbergte die Abtei das Geistliche Zentrum der Bruderschaft des Heiligen Bernhard. Hier, hinter dicken Mauern, ersehnten die Novizen das Wohlwollen ihrer strengen Lehrer, hier erflehten sie die Gnade ihres unnachsichtigen Gottes.

Schwere Limousinen standen auf dem Klosterplatz, dessen Weitläufigkeit einer Kleinstadt Ehre gemacht hätte. Förmlich gekleidete Männer verließen ihre Fahrzeuge und strebten der Klosterkirche zu, deren Aufgang von Fackeln erleuchtet wurde. Sie warfen ihren unruhigen Schein auf die Mönche, die die Gäste erwarteten. Die Männer trugen weiße, schmucklose Kutten und einen schwarzen Überwurf. Ihre Kapuzen hatten sie übergezogen, sodass sie gesichtslos schienen, als sie die prominenten Besucher begrüßten. Chorgesang drang durch die geöffneten Türen in das andächtig schweigende Tal. Als der letzte Gast die Kirche betreten hatte, schlug die Glocke zur zehnten Stunde. Die Wächter schlossen die hohen, schweren Torflügel, und das Zeremoniell nahm seinen Lauf.

Großkomtur Maurice Rebeillard, Leiter der deutschen Sektion der Bruderschaft, saß ungeduldig auf der Chorbank, die Würdenträgern der Gemeinschaft vorbehalten war. Das Mittelschiff der vollbesetzten Kirche war feierlich erleuchtet von Kerzen, deren Schein das romanische Gotteshaus noch größer und höher erscheinen ließ. Der Introitus, der Eingangsgesang, war lange verklungen – nur unwillig hatte Rebeillard die ermüdende Liturgie des Initiationsgottesdienstes über sich ergehen lassen. Jetzt näherte sich die Feier ihrem erbaulichen Höhepunkt.

Ein Choral begleitete den Einzug der Novizen. Rebeillard beobachtete die Prozession seiner Schützlinge, die in dieser Nacht als vollwertige Mitglieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden sollten. Die zwölf jungen Männer traten gemessenen Schrittes aus einer Seitentür in der Apsis. Angewiesen von Bruder Leonhard, dem Leiter des Geistlichen Zentrums, stellten sich die jungen Männer im Halbkreis vor den Hochaltar und warteten, dass sich der Großmeister, der Vater, ihnen zuwenden würde. Leonhard nahm Platz auf der Chorbank.

Rebeillard war von Stolz erfüllt, dass die deutsche Sektion im letzten Jahr zahlreiche Aspiranten für die heilige Mission gewinnen konnte. Er hatte die Zielvorgaben des Vaters übertroffen. Das hob das Ansehen des Großkomturs, festigte seine prominente Position in der Hierarchie des Ordens. Fast alle Novizen hatten die Prüfungen bestanden, hatten gezeigt, dass sie treu, dass sie entschlossen waren, sich gedankenlos den Regeln der Gemeinschaft zu unterwerfen. Jeder Anwärter musste schwören, den Anfeindungen des Teufels zu widerstehen. Er musste geloben, sich frohen Herzens für die Bruderschaft zu opfern – erst dann durfte er sich zu den Initiierten zählen. Rebeillard war sich gewiss, dass jeder von ihnen Satan die Stirn bieten würde. Als furchtlose Ritter Gottes würden sie kämpfen und ohne Zögern ihr Leben für den Triumph des einzig wahren Glaubens geben.

Nicht alle bestanden die Prüfung, nicht alle waren für ein Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam bestimmt. Diese Laienbrüder blieben gleichwohl dem Orden verbunden, wohnten indessen nicht in den Refugien der Organisation. Sie gingen bürgerlichen Berufen nach und unterstützten den Bund mit ihren Verbindungen, mit ihrem Einkommen und Wissen. Nicht selten nahmen sie hohe Positionen ein, sodass der Einfluss der Bruderschaft des Heiligen Bernhard weit in Wirtschaft und Verwaltung, in Politik und Kultur hineinreichte. Heute hatten sich Honoratioren und auserwählte Laienbrüder in der Abtei versammelt, um ihre Liebe zum heiligen Werk zu festigen und die neuen Mitglieder feierlich willkommen zu heißen.

Der Gesang verstummte. Der Großmeister stand vor dem Altar, den Blick gesenkt, im Gebet versunken. Frédéric Forbin war aus der Zentrale in Avignon gekommen, um die Kandidaten zu weihen. Eine Glocke schlug elf Mal in der Stille des Tales.

Forbin wartete, bis der letzte Glockenschlag verklungen war. Erst dann wandte er sich der Gemeinde zu.

»Gott will es!«, verkündete der Vater mit großer Geste, und seine Worte hallten lange nach in der mittelalterlichen Basilika. Er sprach melodisch, und ein kaum merklicher französischer Akzent verlieh seiner Rede hypnotische Eindringlichkeit.

»Gott will es! Diese Losung wird euch fortan begleiten auf eurem Weg zu einem gottgefälligen Leben. Wie die Kreuzfahrer einst auszogen, befeuert von den Worten des heiligen Bernard de Clairvaux, so werdet ihr in den Krieg ziehen, um die Macht des Herrn zu mehren. Ihr werdet unsere Botschaft hinaustragen in eine Welt, die verblendet ist von Hochmut, von gottloser Selbstsucht. Ihr werdet eine Welt bekehren, die den Einflüsterungen des Teufels erlegen ist.

In diese Welt der Fäulnis und des Lasters, in diese Welt der Finsternis seid ihr berufen, das göttliche Licht zu tragen. Ihr seid auserwählt, den Unglauben zu besiegen – wie einst unsere Brüder in glorreicher Zeit. Sie nahmen das Kreuz und zogen aus, die heiligen Stätten in Jerusalem christlicher Herrschaft zu unterwerfen. So wie die Kreuzritter einst seid ihr, meine Brüder, berufen in den heiligen Krieg zu ziehen, der die Ungläubigen wie Ungeziefer ausrotten und den Weg bahnen wird für eine neue, reine, gottgefällige Welt!«

Der Großmeister gab den Novizen ein Zeichen, worauf sie ihre braunen Kutten zu Boden gleiten ließen. Nackt, wie Gott sie schuf, standen sie vor Forbin. Einige senkten vor Scham das Haupt, andere gaben sich dem Ritus freudig hin, die Augen auf den Mann vor dem Altar gerichtet.

»Der Herr spricht«, verkündete Forbin, und Rebeillard verdrehte im Geist die Augen. Gerne hätte er sich eine Zigarette angezündet. Zu oft war er Zeuge der Initiationsfeier geworden, als dass ihn Forbins Worte berührt hätten.

»›Ich bin der Weinstock‹«, fuhr der Großmeister fort, den Blick ins Auditorium gerichtet. »›Ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.‹« Er machte eine Pause und sah hinunter auf die Novizen. Jeden einzelnen traf ein prüfender Blick.

»Soweit der Apostel Johannes«, fügte Forbin hinzu. »Ich jedoch sage euch mit den Worten unseres unvergessenen Vaters, des heiligen Jean-Pierre Emerald: ›Denke an das Gleichnis vom Weinstock und den Reben. Sei dir sicher: Der Herr wird dir unerbittlich, er wird dir fordernd begegnen, weil du die Rebe bist, die Frucht bringen soll. Sei dir sicher: Er wird den Weinstock von überflüssigem Laub und schädlichen Trieben befreien. Er setzt das Messer an, damit du mehr Frucht bringst.‹« Forbin machte eine kurze Pause, um mit sanfter Stimme hinzuzufügen: »Natürlich schmerzt das Werk des Herrn, wenn er mit der Rebschere durch den Weinberg geht! Aber wie prächtig sind später die Früchte, wie herrlich die reiche Ernte!«

Mit einem Mal verdunkelte sich das Presbyterium. Männergesang erfüllt die Kirche. Die Novizen traten zur Seite, als sich der Boden vor dem Hochaltar öffnete und eine gewaltige Feuerschale auf einem soliden Sockel in die Höhe fuhr. Roter Schein erfüllte den Chorraum. Ein Bruder brachte ein Brandeisen nach vorn. Er hielt es hoch erhoben, zeigte es der Gemeinde, bevor er es andächtig in die Schale senkte, in der glühende Kohlen aufgehäuft waren. Mit einem letzten Auftürmen der Stimmen verstummte der Gesang.

Forbin hob die Arme. »Gott will es!«, rief er euphorisch. »Tragt den Schmerz in euch, Brüder! Umarmt ihn als euren Freund, denn er wird euch den Weg zu göttlicher Seligkeit weisen. Ertragt den Schmerz ohne Klagen, und er wird sich verwandeln in himmlische Freude!«

KAPITEL 1

Campingplatz Talblick
Sonntag, 29. November, 9.15 Uhr

Ein sanfter Frühlingswind trieb den Nebel aus dem Tal hinauf auf den Gipfel, wo er sich einnistete zwischen den Bäumen, die nahezu kahl den Winter erwarteten. Bisweilen schwebte rostrotes und gelbes Laub auf den Boden, wirbelten sich auf zu einem flüchtigen Blätterballett, um sich dann in den bunten Teppich zu fügen, der sich auf die Wiese gelegt hatte. Es war Ende November, doch unnatürlich warm – wie an einem schönen Apriltag, an dem laue Luft aus dem Mittelmeer den Weg in den Odenwald fand.

Hauptkommissar Max Beckmann saß vor seinem alten Wohnwagen und schaute auf die Wiese. Er hatte einen Becher Kaffee in der Hand und rauchte. Er wünschte, Emilia säße neben ihm, wünschte, sie könnten den Moment teilen, und sei es nur die Stille. Er wählte ihre Nummer, doch sein Anruf blieb ohne Antwort.

Langsam kämpfte sich die Sonne durch den Nebel. Frühaufsteher in Trainingsanzügen und Bademänteln schritten zum Waschhaus. Platzwart Richard grüßte Beckmann und ging zu seinem Traktor. Mit Getöse startete der Diesel. Schwarze Abgaswolken zogen über das Gras, als Richard Fahrt aufnahm und die Beschaulichkeit der frühen Stunde verschreckte.

Beckmann hätte nicht sagen können, warum es ihn so spät im Jahr in den Odenwald verschlagen hatte. Vielleicht war es die Sehnsucht nach dem Spätsommer, den er mit ihr hier oben verbracht hatte. Doch Emilia war nach Wien gefahren. Ihre Anrufe wurden spärlicher, bis sie gänzlich ausblieben. Nur noch selten nahm Emilia seine Gespräche an. Langsam verblasste seine Erinnerung an ihr liebes Gesicht wie ein schöner Gedanke, der sich im Alltag verlor. Ohne sie war ihm die Welt fremd, fühlte er sich verloren in der Schönheit der Natur. Der Wind war ihm kalt, obwohl er warm war, und wenngleich die Sonne ihre Strahlen auf die Wiese schickte, war ihr Schein ihm eigentümlich trostlos.

Beckmann warf Rudi einen Stock, doch auch sein Hund war nicht bei der Sache. Pflichtschuldig jagte er dem Holz hinterher, nahm es ins Maul und kaute lustlos darauf herum. Beckmann schaute auf seinen Hund, schaute in die Eichen, die ihre entlaubten Äste von sich streckten.

Schließlich erhob er sich, ging in seinen Wohnwagen, spülte die Tasse, stellte sie an ihren Platz im Fach über dem Kocher. Er drehte das Gas ab, ließ das Wasser aus dem Tank, sodass es nicht gefrieren würde im Winter, der unnachsichtig bevorstand. Der Sommer war vorüber – es war Zeit, zurück nach Philippsburg zu fahren.

KAPITEL 2

Philippsburg, Studentenwohnheim am Ludwigshain
Montag, 30. November, 22.36 Uhr

Moritz Bennets Fall war kurz. Vielleicht hätte er den Sturz aus dem zweiten Stock überlebt, denn er war stämmig und hatte auf seinen Körper geachtet. Doch die Stäbe des stabilen Metallzauns, der die Mülltonnen gegen den Hof des Studentenwohnheims abgrenzte, verjüngten sich am oberen Ende zu langen Spießen. Diese bohrten sich in Bennets Leib und setzten seinem jungen Leben ein jähes Ende.

»Wahrscheinlich war er sofort tot«, sagte der Notarzt, der bemüht war, nicht in die Blutlache zu treten, die sich unter der Leiche gebildet hatte. Der Mediziner schloss seinen Aluminiumkoffer und überließ den Mitarbeitern der Kriminaltechnik den Tatort, der von Halogenlampen beleuchtet wurde.

Hauptkommissar Max Beckmann schaute nach oben. Sein Blick schweifte über die Brüstungen der Betonbalkone des Wohnheims, die nach Westen ausgerichtet waren. »Welches Stockwerk?«, fragte er seine Kollegin, Kriminalkommissarin Aila Gündogdu.

»Zweites, drittes …, vielleicht höher?«, erwiderte sie und knöpfte ihren Mantel zu.

Das letzte Aufflackern des Sommers war vorüber. Ein Tiefdruckgebiet im Nordatlantik fächerte Polarluft nach Deutschland. Der Wetterbericht hatte vor dem ersten Herbststurm des Jahres gewarnt und sollte recht behalten. Ein kalter, schneidender Wind blies von Nordwesten die letzten Blätter von den Bäumen, Regen peitschte über das Land.

Beckmann schaute in die Gruppe von Menschen, die dem Wetter trotzten und außerhalb des Absperrbandes standen. Zwei Streifenpolizisten stellten sicher, dass keine Neugierigen dem Tatort zu nahe kamen. »Gibt’s hier einen Hausmeister?«, rief Max.

Ein mittelgroßer, rundlicher Mann Mitte vierzig hob die Hand. »Das bin wohl ich.«

Beckmann signalisierte seinen Kollegen, den Hausmeister durchzulassen. Dieser ging auf Beckmann zu und streckte ihm die Hand entgegen, jede Bewegung gezirkelt, zielstrebig, als befände er sich auf einer Mission, die es ihm nicht erlaubte, auch nur einen Augenblick die Kontrolle zu verlieren. »Reich ist mein Name, Kaplan Reich. Ich bin das geistliche Oberhaupt dieser kleinen Gemeinde.«

»Gemeinde?«, fragte Beckmann. »Ich dachte, das ist ein Studentenwohnheim.«

»Selbstverständlich ist es das, Herr Kommissar.«

»Hauptkommissar, Herr Reich. Beckmann ist mein Name, Max Beckmann.«

»Sehr angenehm. Wenngleich …, die Umstände könnten erfreulicher sein.«

»Sehr richtig.« Beckmann deutete auf den leblosen Körper, den die Sanitäter auf eine Trage hoben. »Haben Sie einen Blick auf das Opfer geworfen?«

Der Kaplan bekreuzigte sich. »Wenn ich mich nicht täusche …«, Reich seufzte, »ist dies unser Bruder Moritz.«

»Moritz …?«

»Bennet. Moritz Bennet. Er lebte in unserem Haus.«

»Wie lange?«

»Da müsste ich nachschauen.«

Beckmann bedachte ihn mit einem skeptischen Blick.

»Drei Jahre, denke ich …, ja, etwas mehr als drei Jahre«, sagte der Gottesmann schließlich.

»Na, geht doch, wenn man sich Mühe gibt.« Beckmann schaute nach oben. »Wo liegt Bennets Zimmer?«

Reich deutete auf einen Balkon im zweiten Stock, links von der Absturzstelle.

»Seines scheidet also aus«, sagte Max. »Welche Räume, denken Sie, kommen in Frage?«

Reich folgte Beckmanns Blick, überlegte einen Augenblick. »Folgen Sie mir«, sagte er und setzte sich dienstbeflissen in Bewegung.

Die Flure des Studentenwohnheims waren weiß. Die Türen waren weiß, der Boden, die Wände, die Decken waren weiß. Wohin Beckmann schaute, sah er Weiß. Selbst die Einrichtung der Stuben war – welche Überraschung – ganz in Weiß gehalten.

»Ist das Absicht, oder ist Ihrem Innenarchitekten nichts anderes eingefallen?«, fragte Beckmann, als er ein Zimmer im zweiten Stock betrat.

»Bitte?«

»Die Einrichtung, die Flure. Warum ist alles weiß?«

»Weiß ist die Farbe der Reinheit, mein Sohn.«

»Ich bin nicht Ihr Sohn, Herr Reich«, sagte Beckmann scharf.

»Ich bitte vielmals um Verzeihung. Macht der Gewohnheit.«

»Gewöhnen Sie sich’s ab, dann verstehen wir uns blendend.« Beckmann sah sich um. In der spartanischen Studentenbude herrschte Ordnung, die an Leblosigkeit grenzte. Einzig ein Kreuz über der Stirnseite des Bettes schmückte die kahlen Wände. »Wohnt hier jemand?«, fragte Max verwundert.

Kaplan Reich nickte. »Aber ja, Herr Kommissar.«

Beckmann schüttelte den Kopf, durchschritt die winzige Stube und öffnete die Tür zum Balkon. Er schaute nach unten in den Hof. Aila winkte ihm zu, Max winkte zurück, blickte hinüber zu den Mülltonnen und verließ den Balkon. »Wir sind zu weit rechts«, sagte er und verließ den Raum.

Der Kaplan senkte das Haupt, verriegelte sorgfältig die Balkontür und folgte eilig Beckmann, der drei Zimmer weiter an eine Tür klopfte.

»Keine Not«, erklärte der Kaplan und betrat die Stube.

»Gibt’s hier keine Schlüssel?«, fragte Max verwundert.

»In unserer Gemeinde haben wir keine Geheimnisse voreinander. In diesem Haus sind alle Räume unverschlossen«, verkündete Reich.

»Auch Ihre?«

Der Kaplan breitete die Hände aus, als wollte er seine Gemeinde empfangen. »Dies ist etwas ganz anderes. Meine Tür ist stets geöffnet.«

»Aber verschlossen, wenn Sie nicht da sind.«

»Selbstverständlich, aber dies hat rechtliche Gründe.«

»Selbstverständlich«, bemerkte Beckmann spöttisch und ließ den Blick schweifen.

Dieser Raum verriet, dass in ihm gelebt wurde – und dass ihn jemand eilig verlassen hatte. Die Balkontür stand offen, das Notebook auf dem kleinen Schreibtisch war aufgeklappt, farbige Linien tanzten über den Bildschirm. Ein halbvolles Glas stand neben dem Computer, ein anders lag auf dem Boden – ebenso wie einige Bücher und Papier, das der Wind vom Schreibtisch geweht hatte. Im Badezimmer brannte Licht. Beckmann schaute kurz hinein, um sicherzugehen, dass sich niemand hinter dem Duschvorhang versteckte. Dann ging er auf den Balkon. Wieder schaute er hinunter, nickte und drehte sich um. »Lassen Sie den Computer, Herr Reich!«, herrschte er den Kaplan an, der sich angeschickt hatte, das Notebook zuzuklappen. »Halten Sie sich bitte vom Schreibtisch fern!«

»Wieso? Aber …, ich wollte nur behilflich sein!«

»Vielen Dank, aber dies ist gänzlich überflüssig. Bitte verlassen Sie den Raum.«

»Wie Sie wünschen«, sagte Reich bußfertig beleidigt. Zögerlich trat er den Rückzug an und blieb im Türrahmen stehen. »Sie müssen wissen, dieses Zimmer ist absolut inakzeptabel. Wir legen größten Wert auf Ordnung und Sauberkeit. Ich darf Ihnen versichern, das wird Konsequenzen haben«, entfuhr es ihm.

»Konsequenzen?«

»In diesem Fall, scheint mir, ist ein strenger Verweis angebracht.«

»Und dann?«

»Im Wiederholungsfall muss der Bewohner unser Haus verlassen. Regeln sind Regeln!«

»Wer wohnt hier, Herr Reich?«

»Amir Malik, wenn ich mich nicht täusche«, antwortete der Geistliche, ohne nachzudenken.

»Gut, wir reden später«, sagte Beckmann und trat auf den Balkon. Er beugte sich über die Brüstung und pfiff. »221«, rief er hinunter und machte eine kreisende Handbewegung. Dann ging er zurück ins Zimmer. »Wir inspizieren die Räume in den oberen Stockwerken«, sagte er zu Reich, der Beckmann nicht aus den Augen gelassen hatte. »Dann können Sie gleich nachsehen, ob die Insassen ihre Zellen aufgeräumt haben. Diesen Raum jedoch betreten Sie bis auf Weiteres nicht. Regeln sind Regeln, Herr Kaplan, sonst gibt’s einen Verweis.«

Die Flure waren menschenleer, kein Geräusch drang aus den Studentenstuben. Niemand redete, niemand lachte, nirgendwo rauschte eine Toilettenspülung. Nirgends gab es einen Hinweis darauf, dass junge Menschen hinter den weißen Türen lebten.

»Ist es hier immer so ruhig?«, fragte Beckmann den Kaplan.

»Silentium, Herr Kommissar. Um zehn Uhr ist Nachtruhe oder Zeit für ein stilles Gebet oder Zeit zum Studieren für die, die während des Tages ihre Zeit vergeudet haben.«

»Und die Studenten halten sich daran?«

»Aber sicher, Herr Kommissar, darauf …«

»Ich weiß, Regeln sind Regeln«, unterbrach ihn Beckmann. »Darauf legen Sie großen Wert.«

Reich nickte zufrieden. Ohne anzuklopfen, öffnete er die Tür von Zimmer 621 und schaltete das Licht an. Wie die Räume in den Etagen darunter war es aufgeräumt und klinisch sauber. Wieder weckten sie einen jungen Mann, der ihnen schlaftrunken entgegenblinzelte. Wieder versicherte ihnen ein Student, dass er fest geschlafen habe. Gesehen und gehört habe er nichts.

Beckmann schüttelte den Kopf.

»Der Schlaf der Gerechten, Herr Kommissar«, sagte Reich und lächelte andächtig, als er die Tür von außen zuzog.

Beckmann verstand die Welt nicht mehr. Er ließ sich die Namen der Bewohner geben und ging hinunter in den zweiten Stock. Die Kriminaltechniker hatten mit ihrer Arbeit begonnen und sicherten Spuren in Amirs Bude.

»Nehmt vor allem den Computer mit«, sagte Beckmann. Schneider, der dicke Leiter der KT, schenkte Max einen vorwurfsvollen Blick.

»Schon gut«, sagte Beckmann und wandte sich Reich zu. »Zeigen Sie mir Moritz Bennets Zimmer.«

Vor dem Wohnheim fand Beckmann Aila, die die Schaulustigen befragt hatte. »Hat einer von denen was gesehen?«, fragte er.

Aila strich sich ihr dunkles Haar aus dem Gesicht. »Niemand. Bei dem Wetter waren alle drin vorm Fernseher oder im Bett.«

»Wer hat uns gerufen?«

»Rat mal!«

»Ein Mann, der mit seinem Hund unterwegs war?«, schlug Beckmann vor.

»Du sagst es.«

»Was wären wir ohne Hundebesitzer.«

»Er hat einen Schrei gehört.«

»Wann war das?«

»22.03 Uhr.«

»Jemand gesehen?«

»Hat er nicht. Wenn du mit ihm sprechen willst, da drüben steht er.« Sie zeigte auf einen älteren Herrn, der seinen kleinen Terrier eng an der Leine hielt.

»Männchen?«, fragte Beckmann.

Aila lachte. »Herr und Hund.«

»Gut, dass ich meinen im Wagen gelassen habe«, sagte Max. In letzter Zeit war der Dackel in Rudi erwacht, und Beckmanns kleiner Hund wurde beim Anblick jedes Rüden zum Gladiator – egal, wie groß der andere Hund war, egal, wie sich dieser verhielt. Weibchen durften alles, doch bei männlicher Konkurrenz hörte der Spaß auf. »Soll ich ihn kastrieren? Dann wird er ruhiger«, hatte eine übereifrige Veterinärin vorgeschlagen. Doch Beckmann hatte dankend abgelehnt und sich einen neuen Tierarzt gesucht. Ein Mann hat ein Recht auf seine Hoden, fand er.

»Was habt ihr oben gefunden?«, erkundigte sich Aila.

»Wahrscheinlich ist er aus dem zweiten Stock gefallen oder gefallen worden«, antwortete Beckmann und deutete auf den hellerleuchteten Balkon. »Der Bewohner des Zimmers ist nicht mehr da, ein gewisser …«, er warf einen Blick auf seinen Notizblock, »ein gewisser Amir Malik.«

Aila schüttelte sich. Es war kalt geworden. »Flüchtig?«

»Oder er hat Panik bekommen. Wir werden sehen.«

»Bist du fertig?«, fragte Aila.

Beckmann sah in den Nachthimmel. Der Wind trieb dunkle Wolken vor den Mond, erneut begann es zu regnen. »Wir reden im Präsidium weiter.«

»Definitiv der bessere Ort«, bestätigte Aila und zog sich die Kapuze über.

Ärgerlich drückte Großkomtur Rebeillard die Zigarette in den Aschenbecher auf seinem Schreibtisch. »Indiskutabel, Kaplan. Absolut indiskutabel!«, rügte er Reich, nachdem ihm dieser berichtet hatte, was in der Nacht in Philippsburg geschehen war. Die beiden Männer befanden sich in einem hohen, holzvertäfelten Raum, der nur von zwei Lampen erhellt wurde. Draußen tobte der Sturm, der die Regentropfen hart an die Fensterscheiben trieb.

Rebeillard erhob sich. »Wie konnte das passieren?« Obwohl er die Sechzig überschritten hatte, hielt er seinen langen, drahtigen Körper aufrecht. Er trat an die Fenster, sah einen Moment hinaus in die Nacht, dann zog er zornig die schweren Vorhänge zu.

»Ein Unfall, Herr, ein bedauerlicher Unfall!«, versuchte sich Reich zu erklären. Er war noch in der Nacht in die Kölner Zentrale der Bruderschaft des Heiligen Bernhard gefahren, um dem Leiter der deutschen Sektion Bericht zu erstatten. Großkomtur Rebeillard war sichtlich verärgert über die Unterbrechung seines Schlafes. Weitaus ungehaltener war er über die Vorkommnisse in Philippsburg.

»Ein Unfall …? Lächerlich! Die Zielperson tötet unseren Bruder? Unmöglich! Das ist deine Schuld! Deine Versäumnisse bringen die gesamte Operation in Gefahr!«

Reich senkte den Kopf.

Rebeillard griff sich eine Zigarette aus der Dose auf seinem Schreibtisch und ging nachdenklich zu den verhängten Fenstern. »Was wusste dieser Ungläubige, dieser Amir?«, fragte er schließlich.

»Nach allem, was Bruder Moritz berichtete …« Der Kaplan strich sich nervös durchs Haar. »Nun ja …, der Heide war wahrscheinlich nichts weiter als ein Maschinenbaustudent aus Ramallah.«

Unvermittelt wandte sich Rebeillard um. »Unsinn!«, herrschte der Großkomtur seinen Untergebenen an.

Dieser senkte den Blick.

»Bruder Thomas, du redest Unsinn!«

»Ich stand mit Bruder Moriz in ständigem Austausch«, rechtfertigte sich Reich. »Er freundete sich mit der Zielperson an. Alles lief nach Plan. Bruder Moritz war überzeugt, dass dieser Amir nichts mit Salafisten, nichts mit Terroristen zu schaffen hatte. Er war froh …«

»Ausflüchte, Kaplan!«, unterbrach ihn der Großkomtur. »Oder willst du behaupten, dass unser Bruder im LKA lügt?«

»Natürlich nicht! Aber ich …, ich kann nur sagen: Dieser Amir war ein liederlicher Mensch. Er trank, er rauchte, trieb sich herum mit Huren …«

»Tarnung ist ein probates Werkzeug des Teufels, Kaplan, das solltest du wissen.«

»Ich hätte ihn längst aus dem Wohnheim geworfen, wenn nicht …«

»Genug!«, fuhr ihn Rebeillard an. »Wo ist die Zielperson jetzt?«

»Niemand weiß es. Die Polizei sucht nach ihm.«

»Die Polizei? Das fehlte noch!« Rebeillard zündete sich die Zigarette an. »Keinesfalls darf er ihnen in die Hände fallen.«

»Was soll er ihnen schon sagen?«

»Sag du es mir!«, fuhr ihn der Großkomtur an. »Es war deine Aufgabe, deine Verantwortung! Ist das deine Auffassung von Treue? Entferne dich! Auf der Stelle!«

Reich erhob sich unsicher. »Ich werde ihn finden, Herr, ich verspreche es.«

»Nichts wirst du tun! Ich werde augenblicklich die fratres milites einschalten.« Reich traf ein böser Blick. »Du fährst zurück nach Philippsburg und erwartest deine gerechte Strafe.«

Reich neigte das Haupt und erhob sich. »Wie Sie wünschen, Herr.«

Rebeillard griff zum Telefonhörer. »Gott sei mit dir«, sagte er beiläufig, ohne Reich eines Blickes zu würdigen.

KAPITEL 3

Polizeipräsidium Südhessen
Dienstag, 1. Dezember, 09.35 Uhr

Morgen, Beckmann! Schön, dich zu sehen!«, begrüßte ihn Aila und ihr hübsches Gesicht strahlte.

»Die Freude ist ganz meinerseits«, erwiderte Beckmann matt, aber seine Kollegin war bereits abgetaucht. Max setzte sich auf den Besucherstuhl und bückte sich. Er fand Aila unter der Tischplatte ihres Schreibtischs, den Kopf in Rudis Fell vergraben. »Wie geht es dir?«, fragte er.

Aila ließ von Rudi ab und setzte sich wieder aufrecht auf ihren Stuhl. »Ging mir nie besser«, sagte sie und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Der Hund, enttäuscht von der kurzen Begrüßung, arbeitete sich zwischen ihren Beinen nach oben, suchte Ailas Blick, um anschließend seinen Kopf in ihren Schoß zu legen. Unweigerlich glitt ihre Hand nach unten und streichelte das samtige Fell.

»Hund müsste man sein«, sagte Beckmann.

»Soll ich dir mal das Fell kraulen?«

»Das wär mal was.«

Rudi grunzte leise.

»Kannst du knicken.«

»Wie weit bist du?«

Aila ließ von Rudi ab und nahm sich ihren Block vor. »Wahrscheinlich haben wir’s mit nichts weiter als einem Unfall zu tun. Zwei Studenten kriegen sich in die Haare, es kommt zum Streit, vielleicht wegen einer Frau, die beiden rangeln, einer fällt vom Balkon.«

Der Hund trollte sich und ließ sich mit einem vorwurfsvollen Brummen in der Raummitte nieder.

Beckmann bedachte Aila mit einem skeptischen Blick. »Was wissen wir?«

»Das Opfer heißt Moritz Bennet, 21 Jahre alt. Er kommt aus Köln, studierte Elektrotechnik an der TU. Bei uns gibt’s keinen Eintrag über ihn, nicht mal einen Strafzettel. Das war’s. Die Eltern sind informiert. Die Kölner Kollegen haben das übernommen.«

»Und der andere?«

»Amir Malik ist 22, aufgewachsen in Ramallah, Palästina. Studiert seit zwei Jahren Maschinenbau in Philippsburg.«

»Wie kam er her?«

»Stipendium vom Goethe-Institut.«

»Sonst was Auffälliges?«, fragte Max.

»Ich glaub, er ist sauber. Sonst hätte er kein Stipendium bekommen.«

»Keinen politischen Hintergrund? Keine Verbindung zur Hamas?«

»Wahrscheinlich nicht. Bei Studenten wird hingeschaut, wer ins Land kommt.«

»Wer’s glaubt.« Beckmann rieb sich das Kinn. »Fahndung?«

»Hat noch nichts ergeben.«

»Setz dich mit den Kollegen in Wiesbaden in Verbindung. Vielleicht hat der Verfassungsschutz Malik auf dem Radar.«

Aila schrieb auf ihren Block. »Noch was?«

»Wurden die Studenten im Wohnheim befragt?«

»Wurden sie.«

»Mit welchem Ergebnis?«

»Nix, Beckmann! Die Kollegen sagen, so was hätten sie noch nicht erlebt. Amir kannte niemand, auch über Moritz Bennet nur Unverfängliches.«

»Mit dem Wohnheim stimmt was nicht, ich sag’s dir.«

Aila lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter ihrem Kopf. »Verrat’s mir, mein Held!«

Beckmann ignorierte ihre prominenten Brüste. »Die ganze Bude ist suspekt. Die Zimmer sind so aufgeräumt, da musst du nachgucken, ob da jemand lebt. Auch beim Mordopfer.« Beckmann schüttelte den Kopf. »›Silentium‹, ›Stilles Gebet‹ – religiöser Schwachsinn.«

»Nur weil du nicht dran glaubst …«

»Heißt das noch lange nicht, dass da nichts faul ist. Hast du nun?«

»Was?«, fragte Aila.

»Etwas über das Wohnheim herausgefunden? Das machen wir hier beruflich, wenn du dich erinnerst.«

»Natürlich, Massa«, erwiderte Aila ungerührt und schaute auf ihren Block. »Beim Wohnheim nix Weltbewegendes. Es wird getragen von einem Verein, der Studentischen Kulturgemeinde Philippsburg e.V.«

»Was sind das für Leute?«

»Im Vorstand lauter integre Menschen aus Philippsburg.«

»Zum Beispiel?«

»Der Vorstandsvorsitzende des Philippsburger Energieversorgers – zum Beispiel.«

»Was beweist das?«

»Gar nichts, Beckmann.«

»Dann ist ja gut. Lass uns abwarten, vielleicht hat Schneider was gefunden«, sagte Beckmann und stand auf. »Wenn du mit dem Verfassungsschutz redest …, frag die Kollegen, ob Amir in einer islamischen Gemeinde aktiv war.« Bevor er das Büro verließ, drehte er sich noch einmal zu Aila: »Wenn du dabei bist, frag auch den Staatsschutz im LKA.«

Beckmann saß in seinem Büro und erledigte Papierkram. Nicht nur, dass es genügend Arbeit gab, nun musste sie auch umfänglich dokumentiert werden, was zu einer Fülle von Formblättern geführt hatte, die niemand jemals las, vor allem nicht, seitdem die IT-Abteilung Online-Dokumentationen eingeführt hatte. Beckmann wünschte, er hätte eine Sekretärin, die ihn entlasten würde. Doch Sekretärinnen waren abgeschafft worden, sodass die Führungskräfte ihre Schreibarbeit selbst erledigen mussten. Mit einer Ausnahme: Der Polizeipräsident hatte nach wie vor eine Direktionsassistentin. Und dies war gut so. Denn wer sonst sollte das Präsidium leiten, wenn der Chef unterwegs war und die Stelle seines Stellvertreters nach wie vor vakant? Beckmann begrüßte die umfänglichen Exkursionen seines Vorgesetzten ins In- und Ausland, denn der Polizeipräsident war ein Mensch, der wenig von Polizeiarbeit verstand, dafür umso besser wusste, mit wem man wo zu Abend essen musste und mit wem besser nicht.

Beckmann fuhr seinen Computer hoch und googelte die Studentische Kulturgemeinde Philippsburg e.V. Er klickte und ihn begrüßte eine ansprechende Homepage. Er arbeitete sich weiter zur Philosophie des Vereins und begann zu lesen:

»Die Studentische Kulturgemeinde Philippsburg e.V. bietet eine grundlegende, das Studium ergänzende Bildung, die das Leben als Dienst am Nächsten begreift. Dies setzt eine umfassende Erziehung voraus. Heranwachsende sollen ihre Verpflichtungen in Lebenspraxis und Studium ernst nehmen und entwickeln. Zudem soll ihnen eine fundierte menschliche Bildung helfen, ihre Verantwortung für Familie und Gemeinschaft zu entdecken und wahrzunehmen. Gefördert werden Engagement und Initiative für das Gemeinwesen. Sie stärken die persönliche Entwicklung und fußen auf dem christlichen Menschenbild.«

Beckmann nickte. Es war der unverbindliche Text, den er erwartet hatte. Er klickte weiter durch die Homepage, bis er einen interessanten Eintrag fand:

»Die Studenten, die 1953 die Studentische Kulturgemeinde Philippsburg e.V. gründeten, wurden von einem Mann beseelt, der seit den dreißiger Jahren die Verantwortung christlichen Denkens in Staat und Gesellschaft zu stärken wusste: der 2005 heiliggesprochene Jean-Pierre Emerald, der zunächst in Frankreich, dann in der ganzen Welt die Gründung vieler Bildungseinrichtungen und sozialer Initiativen gefördert hatte.«

Das Telefon klingelte. Max nahm ab, hörte zu. »In Ordnung. Ich bin in zwanzig Minuten da.«

Auf dem Weg zum Ausgang schaute er bei Aila vorbei, bat sie, Jean-Pierre Emerald zu recherchieren, und sagte ihr, dass er einen Einsatz habe.

Aila schaute hoffnungsfroh vom Monitor hoch. »Soll ich mitkommen?«

»Hier brauche ich dich mehr. Schon was vom Verfassungsschutz?«

Aila schüttelte den Kopf.

»Hat sich die König gemeldet?«

»Noch nichts aus der Rechtsmedizin«, antwortete sie.

»Bleib dran, bitte!«

Sie seufzte leise. »Wann bekommen wir Verstärkung?«, fragte sie.

»Nicht in Sicht«, erwiderte Beckmann.

Aila schüttelte den Kopf. »Vermisst du ihn nicht?«

»Korff?«

»Wen sonst?«

»Wie einen eitrigen Pickel am Hintern. Genau da, wo die Naht der Unterhose langgeht«, sagte Beckmann im Abgehen.

Oberkommissar Korff war im Sommer Opfer seines Hochmuts geworden. In Verkennung seiner Fähigkeiten war er der Versuchung erlegen, mit einer Psychopathin zu verhandeln, die Aila als Geisel genommen hatte. Korff hatte sich streng an die Empfehlungen der Kriminalpsychologen gehalten und war von der Geiselnehmerin liquidiert worden.

Beckmann schämte sich ein wenig dafür, doch er war froh, Korff losgeworden zu sein – nicht nur, weil dieser eine unangemessen hohe Meinung von sich gehabt hatte. Gemeinsam mit dem Polizeipräsidenten hatte er gegen Beckmann intrigiert, und wenn Max sich nicht vorgesehen hätte, wäre er zur Schutzpolizei abkommandiert worden. Korff war hinterhältig, unzuverlässig und seine Arbeit schlampig gewesen. Auf Mitarbeiter wie ihn konnte Beckmann verzichten.

Der Sturm peitschte über den Fußballplatz der Sportanlage Mollebusch. Die Weiden, die das Gelände umstanden, bogen sich, und ihre kahlen Zweige flatterten im Wind wie dünnes Haar. Beckmann trug einen Wachstuchmantel mit Kapuze und stand mit dem Notarzt unter der Überdachung der kleinen Sportlerkneipe. Diese befand sich neben einem Flachbau, in dem die Umkleidekabinen untergebracht waren. Schweigend sahen die Männer hinüber zu Schneider, der mit seinen Kriminaltechnikern damit beschäftigt war, den Tatort abzusuchen. Die Leiche verbarg sich unter einem weißen Pavillon, der ein wenig Schutz vor dem Regen bot. Spurensuche war ein hoffnungsloses Unterfangen, denn es hatte die ganze Nacht geregnet. Wenn es Hinweise am Tatort gab, so waren sie längst weggewaschen worden. Schneider bedeutete Beckmann näherzutreten.

Zwei Männerbeine ragten aus einer grünen Biotonne. In der zerschlissenen Cordhose steckten zwei Stangen, an deren Enden rote Wimpel befestigt waren.

»Offensichtlich Eckfahnen vom Fußballplatz«, erklärte Schneider, als er seinem Mitarbeiter zunickte. Dieser kippte die Tonne. Vorsichtig zogen zwei seiner Kollegen die Leiche heraus und legten sie auf eine Plastikplane. Sie traten zurück, sodass ein Erkennungsdienstler die Leiche fotografieren konnte.

Das Gesicht des Toten war ein Trümmerfeld, kaum noch als menschliches Antlitz zu erkennen. An rohen Fleischfetzen klebten Kartoffel- und Eierschalen. Kaffeepulver, schlaffe Pommes frites und andere Essensreste hafteten an den blutigen Haaren. Der Tote war mit einem abgetragenen, karierten Flanellhemd und einer Cordhose bekleidet.

»Jemand sollte den Laden mal unter die Lupe nehmen«, sagte einer der weißvermummten Männer aus Schneiders Truppe und deutete auf die Sportlerkneipe, die berühmt war für ihre üppigen Fleischportionen. Ausgehungert vom Mensaessen, hatte sich Beckmann in seiner Studentenzeit hier oft den Bauch vollgeschlagen.

Der Notarzt trat an die Leiche heran und untersuchte die Gliedmaßen. »Die Todesursache scheint offensichtlich. Bei den Temperaturen …, gestorben ist er wahrscheinlich zwischen Mitternacht und zwei Uhr.«

Max war dankbar, dass sich der Arzt nicht zierte. Dass dessen Aussage zum Todeszeitpunkt nicht letztgültig sein würde, war Beckmann klar – wie jedem, der es regelmäßig mit Leichen zu tun hatte.

Er verließ den Tatort und ging zur Kneipe, die keinen Namen hatte; bekannt war das Lokal als Schnitzel-Lui, das reichte. »Stammessen 5,50 €«, stand auf der Schiefertafel, die neben dem Eingang angebracht war. Heute gab’s Burgunderbraten und Salzkartoffeln.

Beckmann trat ein, froh Kälte und Wind zu entkommen. Es war warm im Gastraum, und aus der Küche duftete es nach saurem Wein und gebratenen Zwiebeln. In einer Ecke verrichtete ein alter Ölofen seinen Dienst. Beckmann fühlte sich in seine Jugend zurückversetzt. Hier hatte sich seit Jahrzehnten nichts verändert: Das Mobiliar bestand noch immer aus robusten, schlichten Stühlen und Tischen, deren Resopal-Auflagen blass und stumpf geworden waren. Auf jedem Tisch standen Salz- und Pfefferstreuer neben Maggi-Fläschchen, die so lange in Gebrauch gewesen waren, dass sich die Etiketten abgewetzt hatten.

Beckmann trat an den Tresen und rief in die Küche.

Es dauerte eine Weile, bis sich der spindeldürre Wirt zeigte. »Kann isch jezd uffmache?«, fragte er in breitestem Philippsburger Idiom. »Isch hab nämlisch Kundschaft, wisse Se!«, sagte er und wischte sich die Hände an seiner Schürze ab.

Beckmann griff zum Telefon. »Kannst du die Kneipe freigeben?«, fragte er Schneider, hörte kurz zu und beendete das Gespräch. »Sie können.«

»Wurd auch Zeid!«, erklärte Lui und ging nach draußen, um laut zu pfeifen.

Es dauerte nicht lange, bis sich nach und nach die Stammkundschaft zum Stammessen einfand. Keiner der acht Männer war jünger als sechzig, viele sicher deutlich älter.

»‘s gibt Burgunderbraade un’ Salzkadoffel. Esse Se mid?«, fragte der Wirt.

»Was sonst noch?«

»Nix weider! Kadde erst ab sechs«, erwiderte Lui und nickte seiner Kundschaft zu.

»Wie?«, fragte ein dünner Mann jenseits der Siebzig, als er seinen Mantel an die Garderobe hängte.

»Muss«, antwortete Lui. Er ging hinter den Tresen. »Was is’ jezd?«, brummte er in Beckmanns Richtung.

»Burgunderbraade«, bestellte Max.

Lui nickte zufrieden und begann, Bier zu zapfen.

Beckmann setzte sich auf einen der hohen Hocker vor den Tresen. »Wie lange hatten Sie gestern Abend auf?«

»Bis die lezde foard war’n.«

»Wann war das?«

»Schwer zu saache.«

»Geben Sie sich Mühe.«

»Auch aans?«, fragte Lui und deutete auf die Pilsgläser.

Beckmann nickte und nahm das Glas entgegen, das ihm über den Tresen gereicht wurde. Dann setzte sich der Wirt in Bewegung und brachte die Biere an den Tisch der Stammgäste. Max drehte sich um, hob sein Glas und stimmte in den Chor ein: »Prost!«, riefen die Herren und tranken ihr Pils mit der Ernsthaftigkeit passionierter Trinker.

»Wann also?«, fragte Beckmann den Wirt, als Lui wieder hinter dem Tresen stand und erneut begann, Bier zu zapfen.

»Was?«, fragte dieser zurück.

Beckmann wurde ungeduldig. »Wann ha’m Sie gestern zugemacht?«

Der Wirt setzte eine nachdenkliche Miene auf. »Wie lang ward ihr gesdern da?«, rief er den Stammgästen zu.

»War ned späd«, antwortete ein Gast beiläufig.

»Ned späder als sonsd!«, lachte ein zweiter.

»Sischer ned!«, bestätigte ein dritter, worauf die Mannschaft in sinnlose Heiterkeit ausbrach, sich zuprostete und die Gläser leerte.

»Eine Uhrzeit ist hilfreich«, insistierte Beckmann.

»Saache mer maa … elf, halb zwölf. Odder?«, schlug der dünne Mann vor.

»Halb zwölf kommt hin!«, bestätigte sein Nachbar und rieb sich das Kinn. Auch die anderen nickten zustimmend.

»Herr Wirt, Nachschub!«, rief ein dicker Rentner mit kaum noch Haaren auf dem Kopf. Er lächelte und zeigte eine Reihe viel zu weißer Zähne im Oberkiefer.

Beckmann setzte sich zu den Stammgästen. »Irgendwas Besonderes gestern Abend?«

»Was soll gewese’ sei’?«

»Gab’s Streit? Hatte jemand Krach mit ‘nem Gast?«

»Nee, war alles ruisch, gab kein Krach. Mir hawwe dag‘sesse un’ hawwe geschwätzt. De Albert hat Kadde gespielt mit zwei Kerle von auswärds.«

»Was war’n das für Leut’?«, fragte Beckmann.

»Auswädische …, von Hannover oder was. Hawwe ganz vornehm g‘schwätzd, ned so wie mir. Awwer de’ Albert hat sich guud mid ‘ne verstanne.«

»Des warn sischer Verdreeder«, warf der dünne Mann ein.

»Klingebutzer! Hawwe g‘soffe’ wie die Löscher«, ergänzte der Dicke und nahm sein Gebiss aus dem Mund. »Des drickd wie die Sau!«, schimpfte er und massierte den Gaumen.

Die anderen lachten.

»Wo ist der Albert jetzt?«, fragte Max ungeduldig.

Der dünne Mann fuhr sich mit der Hand über den Kopf, sah sich um. »Da isser ned!«

»Und?«

»Was un’?«

Beckmann wurde ungehalten: »Ist das nun ungewöhnlich?«, fragte er nachdrücklich.

Lui kam mit den Bieren und hielt das Tablett, sodass sich die Herren bedienen konnten.

Der Dicke setzte sein Gebiss wieder ein, nahm einen langen Schluck, stellte bedächtig das Glas ab und richtete den Blick auf Lui, der die leeren Gläser einsammelte. »Is’ des ungewöönlisch, Lui?«

»Was?«, entgegnete der Wirt.

»Dass de’ Albert ned da is’.«

Lui zog die Stirn in Falten »Normaal is’ des ned. Sonst isser immer da.«

»Was hatte Albert gestern Abend an?«, fragte Beckmann in die Runde.

Die Herren dachten nach.

»E’ Hemd …, mit Karos, wisse Se?«, sagte der dünne Mann.

»Genau, Spirwes! Karos …, wie immer.«

»Un’ e’ Hoos …«

»Cord …, schon zimmlisch verrobbd«, warf Spirwes ein und lachte. »Wie immer.«

»Farbe?«

»Braun, glaub isch, braun …«

Beckmann nickte. »Wie heißt der Albert weiter?«

Der dünne Mann schob sich den kleinen Finger ins Ohr und wackelte ihn im Gehörgang. Er schloss kurz die Augen, zog den Finger aus dem Ohr und besah sich ihn skeptisch. »Langmanns Albert heißd er«, sagte er schließlich und wischte sich die Hand an der Hose.

»Wie sonst?«, warf ein anderer ein.

»Und wo wohnt er?«

»Ned weid, ums Eck«, erklärte Spirwes.

»Wo genau?«, fragte Beckmann.

»De’ Eifelring hoch.«

»Hausnummer?«

»Weiß isch ned.«

Beckmann schaute die anderen an, die den Kopf schüttelten.

»Mir hawwe uns immer hier g‘droffe.«

»Lui, wo bleibt’s Esse’?«, rief der dünne Mann.

»Kommt«, antwortete der Wirt und ging in die Küche.

Beckmann stand auf, zog seinen Mantel über und legte zwei Euro auf den Tresen. »Vielen Dank, die Herren, es kommt gleich ein Kollege und nimmt eure Aussagen auf.«

»Un’ de’ Burgunderbraade?«, fragte der Wirt, der mit dampfenden Tellern in den Gastraum kam.

»Später, Lui, später.«

Als Beckmann ins Freie trat, wütete der Sturm mit unverminderter Wucht. Ihn fröstelte nach der feuchten Wärme im Lokal. Max trat an die Leiche heran, begutachtete Hemd und Hose. Schneider winkte ihn zu sich und deutete auf einen nassen, olivgrünen Parka. »Den haben wir um die Ecke gefunden.«

Beckmann zog sich Handschuhe über, nahm das Kleidungsstück und ging zurück in die Kneipe. Er trat an den Tisch der Stammgäste. »Ist das Alberts Jacke?«

»Gut mööschlisch«, sagte der dünne Mann.

»Ganz sischer, Spirwes. Ganz sischer, Herr Kommissar«, bekräftigte der Mann mit den viel zu weißen Zähnen.

Beckmann setzte sich und wartete, bis er die Aufmerksamkeit der Herren hatte. »Und jetzt erzählt ihr mir was über die zwei Kerle, mit denen Albert Karten gespielt hat.«

Beckmann stand vor der Rezeption in Ritas Pension und schlug auf die Tischglocke auf dem Tresen. Er klingelte erneut, ohne dass sich die Dame des Hauses gezeigt hätte. Er ging am Tresen vorbei in die Küche. Rita saß am Tisch, rauchte und nippte an einem Cognacschwenker. Hinsichtlich ihres Alters wahrte sie diskretes Schweigen, doch solange sie ihre Pension schon hatte, musste sie die Sechzig längst überschritten haben. Sie war eine Philippsburger Institution und hatte sich – genauso wie ihr Haus – in den letzten vierzig Jahren kaum verändert. Ihre Erscheinung war wie eh und je tadellos. Ihr gelbblondes Haar war auftoupiert und mit viel Haarspray in Form gehalten. Noch immer war ihr Lidstrich zu breit, noch immer waren die Wimpern zu lang. Aber Rita war eine Dame, durch und durch. Was konnte sie dafür, dass sich die Mode änderte?

»Morgen, Beckmann«, begrüßte sie ihn.

»Warum bist du nicht vorgekommen?«

»Warum sollt ich?«

»Es hätte Kundschaft sein können.«

»Ich wusst, dass du’s warst.«

Beckmann setzte sich zu ihr.

»Auch einen?«, fragte sie und deutete auf den Cognac.

»Zu früh«, entgegnete Beckmann.

»Was verschafft mir die Ehre?«

»Ich such zwei Vertreter. Um die fünfzig, nicht von hier.«

»Zimmer 23«, sagte sie beiläufig. »Zum Frühstück war’n sie nicht da. Wahrscheinlich schlafen sie ihr’n Rausch aus.«

Beckmann klopfte einmal, klopfte zweimal, ohne dass sich in Zimmer 23 eine Reaktion gezeigt hätte. Er hörte lautes Schnarchen und drückte die Klinke nieder. Die Tür war unverschlossen, und er trat ins Zimmer. Der Geruch von Alkohol und saurem Männerschweiß schlug ihm entgegen.

Zwei nicht mehr junge Herren schliefen im Doppelbett. Einer hatte es geschafft, die Hose auszuziehen, der andere lag auf der Decke, ohne sich die Mühe gemacht zu haben. Über dem Polstersessel aus den sechziger Jahren hing ein Mantel. Beckmann nahm ihn hoch und sah, dass er voller Flecken war. Er brauchte keine Kriminaltechnik, um zu wissen, dass es Blutflecken waren. Auch Hose und Schuhe waren blutverschmiert. Beckmann nahm das Portemonnaie aus der Gesäßtasche, fischte drei Fünfzig-Euro-Noten heraus und steckte die Börse wieder zurück. Leise verließ er das Zimmer, ging nach unten und telefonierte mit der Einsatzleitung.

Er saß mit Rita in der Küche. Sie rauchten und tranken – Beckmann war der Meinung, er hatte sich einen kleinen Cognac verdient. Es dauerte nicht lange, bis die Kollegen eintrafen. Wie abgesprochen, war das Martinshorn stumm geblieben. Beckmann begleitete die Polizisten nach oben. Mit vereinten Kräften machten sie die beiden Herren ausgehfertig und verfrachteten sie in den Polizei-Bus. Beide waren noch immer so betrunken, dass sie sofort wieder einschliefen.

Beckmann schloss die Schiebetür des VW, verabschiedete die Kollegen und ging zurück zu Rita. Er reichte ihr drei Fünfzig-Euro-Scheine, die sie in ihren Ausschnitt steckte.

»Pack die Sachen zusammen. Jemand wird sie abholen.«

»Mach’s gut, Beckmann«, sagte sie und gab ihm einen Kuss.

Alexis Perron trug ein Kapuzenshirt. Darüber hatte er einen dunklen Mantel gezogen. Unter der Kapuze ragte der Schirm einer Baseball-Kappe hervor. Der frater miles hatte in einer Toreinfahrt Position bezogen und wartete auf Amir Malik. Es war ein Leichtes gewesen, den Mann ausfindig zu machen. Vom Kontaktmann der Bruderschaft beim Staatsschutz im LKA erfuhr Alexis, in welcher Moschee der Ungläubige betete. Auch wusste der Bruder in Wiesbaden, mit wem sich der junge Mann dort angefreundet hatte. Der LKA-Mitarbeiter hatte Perron die Adresse des Freundes durchgegeben, dessen Wohnung Alexis nun im Blick hatte.

Seit mehr als zwei Stunden übte er sich in Geduld. Alexis beobachtet, wie ein Renault vor einer Einfahrt hielt. Zwei junge Männer stürmten in das Haus. Kurze Zeit später kehrten die Mohammedaner zurück und fuhren davon. Perron sah auf die Uhr. Nur zehn Minuten später trat die Zielperson auf die Straße und eilte Richtung Innenstadt.

Perron zog die Baseball-Kappe tiefer ins Gesicht. Er war sich bewusst, dass der Karlsplatz im Herzen Philippsburgs mit Kameras gesichert war. Er stand in einer Ladenpassage und beobachtete die Zielperson, die unter der Überdachung des Karlscenters Schutz gesucht hatte. Auch Amir hatte die Kapuze seines Shirts tief ins Gesicht gezogen. Der junge Student rauchte unruhig, als wartete er auf einen günstigen Moment, um es mit dem Sturm aufzunehmen, der über den Platz fegte. Im Hintergrund lärmte der Weihnachtsmarkt. Schließlich warf Amir seine Zigarettenkippe auf den nassen Boden und trat in den Regen.

Alexis verzog das Gesicht. Er verabscheute Unreinlichkeit. Er nahm die Verfolgung auf, verringerte kontinuierlich den Abstand. Amir ging auf die zentrale Haltestelle des Platzes zu. Busse und Straßenbahnen fuhren beständig ein und aus, entließen ihre Passagiere in den Trubel der Adventszeit und nahmen die Gebeutelten auf, die dem Getümmel entfliehen wollten. Der Ungläubige wollte die Gleise überqueren, doch das schrille Bimmeln einer anfahrenden Tram ließ ihn innehalten. Bedächtig setzte sich das Fahrzeug in Bewegung, wieder betätigte der Fahrer die Klingel, um die Fußgänger zu warnen. Perron trat dicht hinter Amir und zog die Geldbörse aus der Tasche der Zielperson. Aus den Augenwinkeln sah der Gotteskrieger eine Straßenbahn, die aus der entgegengesetzten Richtung einfuhr.

Die Tram hatte ihre Geschwindigkeit bereits reduziert, doch sie hatte Schwung genug, um Amirs Körper zu überrollen.

»Fall gelöst!«, sagte Beckmann und setzte sich Aila gegenüber auf den Bürostuhl. Dann begrüßte er Rudi, den er bei ihr gelassen hatte. Der Hund war ihm im Sommer bei einem Fall zugelaufen. Max war entschlossen gewesen, ihn ins Tierheim zu bringen, doch Rudi hatte andere Pläne und war bei Beckmann geblieben. Der Welpe war inzwischen zu einem stattlichen Tier geworden. Im Grunde war Rudi ein großer Hund mit viel zu kurzen, krummen Beinen und einer mächtigen Stimme.

Aila bedachte Max mit einem spöttischen Blick. »Da ist jemand aber optimistisch«, sagte sie kokett. Aila war eine schöne Frau und wusste um ihre sinnliche Präsenz, die Beckmann fortwährend irritierte.

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