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Beckmann: Das Rattenhaus

Das Buch

Johanne Hollstein war schön. Sie war wild und begehrt – sie war eine der reichsten und umstrittensten Frauen der Nachkriegszeit. Fünfzig Jahre später ist sie alt, hässlich und tot. Mit eingeschlagenem Schädel und zertrümmerten Gliedern liegt die Milliardärin auf dem Küchentisch ihrer verwahrlosten Villa, ihr Leichnam angefressen von den Ratten, mit denen sie ihr Leben teilte.

In seinem ersten Fall kommt Hauptkommissar Max Beckmann einem perfiden Mordkomplott auf die Spur. Es geht um einen verschollenen Goldschatz, um sehr viel Geld, um Einfluss und Macht.

Im Laufe der Ermittlungen begegnet Beckmann der Liebe seines Lebens: Emilia Hollstein. Sie ist die jüngste Tochter des Mordopfers und Alleinerbin eines riesigen Vermögens. Emilia und Max stürzen sich in eine leidenschaftliche Affäre, doch Beckmann setzt ihre Beziehung aufs Spiel, als er der mysteriösen Thyra von Greifwald auf die Spur kommt.

Die mutmaßliche Mörderin ist eine schöne Frau und weiß um ihre sinnliche Ausstrahlung. Diese setzt Thyra skrupellos ein, um ihre tödlichen Pläne zu verwirklichen. Sie ist überzeugt, dass ihr kein Mann widerstehen kann – auch Beckmann nicht. Der nimmt die erotische Herausforderung an und beginnt ein gefährliches Spiel ...

Der Autor

Bernd Waldmann, geboren 1958, studierte Germanistik, Anglistik und Amerikanistik. Promotion zum Dr. phil. Er arbeitet seither als Autor, Übersetzer und Texter. Neben der künstlerischen Arbeit: Tätigkeit als Pädagoge, Management-Trainer und Coach.

Das Rattenhaus ist der erste Beckmann-Krimi. Der zweite

Beckmann-Band wird in Kürze erscheinen.

Details auf www.beckmann.live

Bernd Waldmann

Beckmann: Das Rattenhaus

Kriminalroman

PROLOG

Colonia Belezza, Chile, August 1978

D ie Strahlen der Sonne drangen durch den abendlichen Dunst und erleuchteten die Mädchen, die ihrem Publikum zustrebten. In strenger Formation fügten sich ihre Körper harmonisch zu einem bewegten Ganzen. Jedes der kleinen Geschöpfe war bekleidet mit einem Trikot in blendendem Weiß, das den zarten Kinderleib vollendet abbildete. Die Kostüme waren an der Vorderseite geöffnet und zeigten die junge Brust. Dazu trugen die Mädchen Röckchen aus feinem Tüll, die ihnen an die Oberschenkel reichten, ihre nackten Füße steckten in anmutigen Ballettschuhen.

In der Vorwärtsbewegung formten sich ihre Körper zu einem Pfeil, an dessen Spitze ein Kind hervortrat. Sein schmales, schönes Gesicht war umrahmt von enganliegendem, hellbraunem Haar, das sich kaum bewegte, so vollkommen kontrollierte das Mädchen jede Regung seines Leibes. Es war größer als die anderen und mochte sieben oder acht Jahre alt sein. Das Kind schien sich seiner Verantwortung bewusst, doch auf eine Art, die leicht war und ernst zugleich. Es hob das Knie, langsam, sein Gesicht konzentriert auf die Aufgabe, die vor ihm lag, doch ein feines Lächeln verriet, dass es wusste, welchen Zauber seine Bewegungen auf das Publikum ausübten.

Das Mädchen setzte den Fuß mit der Spitze auf, ließ langsam die Ferse nieder, aber nicht, bevor der Fußrücken bis zur großen Zehe mit dem Schienbein eine Gerade gebildet hatte. Das runde, zart geformte Knie streckte sich in demselben Moment, als die Ferse die Erde berührte. Die Bewegungen formten sich zu einem Fluss, der in der Hüfte seinen Mittelpunkt fand, und das Kind schien zu schweben, als die Formation begann, ihm nachzueifern.

Zwei ältere Herren und eine Frau Anfang fünfzig saßen in bequemen Korbsesseln auf der Veranda des herrschaftlichen Hauses und beobachteten die Prozession auf dem Paradeplatz. Ein Mann in Uniform stand etwas abseits und verfolgte kritisch die Darbietung. In der rechten Hand hielt er eine feine Rute, die er gelegentlich in die Handfläche seiner Linken schlug.

Hoher Besuch war erschienen aus der Heimat, und es erfreute die Exilanten, Nachrichten aus Deutschland zu hören, befriedigt von der Ankündigung, dass der bedeutende Gast die Colonia Belezza auch weiterhin unterstützen würde.

»Großartig, Greifwald!«, stieß dieser hervor, ohne die Augen von dem Körper des Mädchens an der Spitze zu nehmen. Benno von Greifwald, immer noch stehend, neigte artig den Kopf und ignorierte die respektlose Verkürzung seines Namens.

»Ergebensten Dank, Herr Minister«, sagte er und blickte auf seine Tochter, die ihm Ehre machte. Er war stolz, dass sie den Ruf der Colonia mehren und zur Zufriedenheit des Gastes beitragen würde.

Leopold Metzger war ein Provinzpolitiker, dem einst der Sprung in die rheinische Hauptstadt gelungen war, wo er als Minister über einigen Einfluss verfügt hatte. Diesen wusste er noch immer zum Nutzen der deutschen Kolonie in Chile einzusetzen. Zwar hatte er sich aus der nationalen Politik zurückgezogen, stand indes jederzeit für das höchste Amt im Staat bereit.

Metzger hielt den Atem an, als sich Greifwalds Tochter, Thyra, weiter von der Gruppe löste, einige Schritte in seine Richtung schwebte, die Hüften straff gespannt, sodass ihr Körper nahezu schwerelos schien. Sie wurde zur vollendeten Form, und darüber ließ sie fast die Schönheit ihrer Bewegung vergessen. Ansatzlos sprang sie auf ihre Hände, die Fußspitzen gerade in den Himmel gereckt. Ihr Röckchen fiel ihr bis zum Hals, dann bog sie ihre Taille zurück, und ihre Unterschenkel hingen waagrecht über ihren Kopf.

Metzger klatschte Beifall, als sie auf den Händen in seine Richtung ging, ohne dass sich die Füßchen auch nur eine Idee nach links oder rechts bewegt hätten.

»Erstaunlich, Greifwald! Sie leisten hier Bemerkenswertes!«

»Die Überlegenheit arischen Blutes, Herr Minister!«

»Und eine tadellose deutsche Erziehung!«, ergänzte Arnulf von Teutschenhain, der aus Buenos Aires in die Colonia Belezza gekommen war.

Johanne Hollstein, die Metzger auf seiner Reise nach Chile begleitete, beugte sich hinüber und schenkte dem Minister ein laszives Lächeln: »Gesunde, schöne, rassenreine Körper!«

»Wie wahr, wie wahr! Bisweilen muss man die Heimat verlassen, um sich alter Wahrheiten, alter Werte zu vergewissern.« Metzger schaute auf Greifwalds Tochter, die sich brav vor ihm verbeugte.

»Sie wird uns doch heute Abend Gesellschaft leisten?«, fragte er Greifwald.

»Selbstverständlich, Herr Minister. Und einige ihrer Freundinnen und Freunde werden sie begleiten.«

»Eine kleine Vorstellung vielleicht?«

»Es ist alles vorbereitet, Herr Minister.«

»Ich bin gespannt, Greifwald!«, entgegnete Metzger gut gelaunt.

Er trank sein Glas leer und leckte sich die Lippen. »Ausgezeichnet, Ihr chilenischer Wein. Wirklich ganz ausgezeichnet!«

KAPITEL I

Philippsburg, Montag, 11. August, 02.15 Uhr

D as Haus stand am Ende der Straße, und Hauptkommissar Max Beckmann hätte es schwerlich verfehlen können. Es war umstellt von hohen Bäumen, die beschienen wurden vom Blaulicht der Polizeiautos. Auch ein Leichenwagen stand zwischen den Einsatzfahrzeugen. Beckmann fuhr durch den gemauerten Torbogen auf das verwahrloste Gras des weitläufigen Grundstückes, das von einer hohen Natursteinmauer umgeben war. Nicht, dass zu wenig Platz in der Auffahrt gewesen wäre. Sie war gemacht für den großen Auftritt, für die Parade von Maybachs und anderer Gefährte aus großen Zeiten, als man in Jahrtausenden zu rechnen pflegte.

Beckmann stieg aus und ging zu einem imposanten Treppenaufgang. Vor ihm ragte das massive Gebäude in die Dunkelheit des Nachthimmels. Der rechte Seitenflügel des Palazzos wartete schwarz und leblos auf bessere Zeiten, aus dem linken drang Licht durch die Schlitze der Fensterläden nach draußen. Angelockt von der Helligkeit, schwärmten Insekten durch die warme Luft der Sommernacht und warfen tanzende Schatten über den Vorplatz. Beckmann stieg die Stufen hinauf zu einem großen Portal, dessen Türflügel weit geöffnet worden waren.

Auf dem vorletzten Treppenabsatz lag eine tote Ratte. Eine zweite stand über ihr mit nicht mehr viel Leben in sich. Ihr Leib war aufgerissen und die Därme quollen aus ihr heraus. Beckmann glaubte, sie schaue ihn geradewegs an, als bitte sie um Hilfe, wissend, dass es keine geben würde. Sie wandte ihren Blick von ihm ab und verschwand im Haus. Er schüttelte sich und betrat die düstere Eingangshalle. Die Ratte war verschwunden, nur eine Blutspur verlief sich im Dunkeln des Vestibüls.

»Der Führer schließt auf zur Truppe. Ich dachte schon, du kommst nicht mehr«, begrüßte ihn Oberkommissar Korff. Er war ein mittelgroßer, drahtiger Mann Anfang dreißig, den stets eine nervöse Energie umgab, als machte er sich jeden Moment auf eine Katastrophe gefasst oder auf die Gelegenheit, beruflich voranzukommen. Er hatte sich einen weißen Einweg-Overall übergezogen.

»Was machst du um diese Uhrzeit, dass du nicht pünktlich sein kannst?«, fragte Korff den Vorgesetzten. Doch Beckmann reagierte nicht auf ihn, wandte sich nach links und ging in den großen Saal. Der Gestank schlug ihn nieder. Er nahm das von Korff gereichte Taschentuch. Es war in Eukalyptusöl getränkt, das seine Nase beruhigte. Auch Beckmann zog sich einen Schutzanzug über.

»Eine Stunde, habe ich gesagt. Das war vor einer Stunde.«

»Deine Uhr geht nach«, erwiderte Korff.

»Dann wäre es immer noch eine Stunde«, sagte Beckmann und ging weiter in den Raum hinein. »Ist die Billerbeck da?«

»Vor einer halben Stunde gegangen«, erwiderte Korff. »Ich hatte die Situation im Griff.«

»Schön für dich, dass die Staatsanwältin den Eindruck hatte.«

»Im Gegensatz zu dir, weiß sie meine Fähigkeiten zu schätzen.«

»Sie muss nicht mit dir arbeiten«, sagte Beckmann beiläufig und lief an den Mitarbeitern der Kriminaltechnik vorbei, nickte zufrieden, als er sah, dass der Dauerdienst ordentlich gearbeitet hatte. Das Team war vollständig und tat seine Arbeit. Er begrüßte kurz Schneider, den Leiter der KT.

Der Saal glich der Müllhalde einer sehr reichen, sehr schmutzigen Gemeinde. Er war nicht groß genug, um darin ein Polomatch auszutragen, doch viel fehlte nicht. Der Raum war hoch, sodass sich Beckmann fühlte wie in einer Kirche. Es war ein Raum, der die Menschen darin auf ein Liliputmaß reduzierte, der einschüchtern und beeindrucken sollte. Daran änderten auch die diversen Sitzgruppen nichts, die sich im Saal verloren. Beckmann sah Möbelstücke, die – da war er sicher – einst ein Vermögen gekostet hatten, ohne von Geschmack zu zeugen. Vor ihm spie eine schwere Couch ihre Innereien aus. Die linke Hälfte war gänzlich entblößt, in der rechten, nahezu unversehrten, war ein farblich passendes Kissen angerichtet, das, wie Beckmann hätte schwören können, akkurat platziert worden war mit einem Knick in der Mitte, wie es sich gehörte. Um das Sitzmöbel standen Holzkisten und Pappkartons, übereinandergestapelt, mitunter geöffnet, manche verschlossen, manche ausgepackt, ihr Inhalt auf dem Boden verteilt. Dazwischen und auf dem Sofa gegenüber lagerten Dutzende papierbrauner Zwanzigkilo-Säcke, nebeneinander und übereinander. In ihre Leiber waren Wunden geschlagen worden, aus denen sich braune Pellets in die Umgebung ergossen.

»Was ist das?«, fragte Beckmann.

»Futter!«

»Futter?«

»Kaninchenfutter, Meerschweinchenfutter, Vogel-, Hasen-, Hamster-, Hundefutter, suchen Sie es sich aus, Herr Hauptkommissar. Das Haus gleicht in seiner Gänze dem Lager einer mittelgroßen Tierfutterhandlung. Futter in allen Variationen, un-, vor- und nachverdaut.«

»Das erklärt einiges!«, sagte Beckmann.

Er sah sich weiter um. Der Saal war aufgeheizt von den Lampen der Kriminaltechnik, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn, rann ihm nass den Rücken hinunter. Die Techniker knieten auf einem wahrscheinlich wertvollen, alten und ausnehmend schmutzigen Teppich. Auch die Männer der KT hatten sich Tücher umgebunden.

»Wo ist die Leiche?«, fragte Beckmann und nahm die von Korff gereichten Latexhandschuhe.

»Folgen Sie mir, Herr Hauptkommissar, ich bin gespannt auf dein Expertenurteil«, antwortete Korff und verließ den Raum. Beckmann schloss sich dem Kollegen an.

»Vielleicht macht jemand ein Fenster auf«, sagte er im Gehen. Das süß-metallische Aroma des Blutes lag auf Beckmanns Geruchsnerven wie der Gestank von Verwesung, von Schweiß, Urin und Kot, der sich in die Wände des Hauses gefressen hatte, in die Böden und in den Unrat, der alles umstand.

Er war froh, wieder in den Eingangsbereich zu treten. Auch hier stapelten sich Tierfuttersäcke, Kartons und Möbelstücke. Ein kolossaler Stufengang schwang sich in das Dunkel der oberen Stockwerke. Sie gingen an der Treppe vorbei und nahmen eine Stiege, die nach unten führte. Beckmann und Korff betraten eine Küche, in der man für eine Hundertschaft Bereitschaftspolizisten hätte kochen können. Im Gegensatz zum oberen Stockwerk war sie nahezu leergeräumt. Nur der fettverkrustete Herd und das schmutzige Geschirr in der Spüle verrieten, dass der Raum benutzt worden war. Die Fäulnis des Hauses war auch hier präsent, überlagert vom Gestank frischen Kotes.

Vor ihm dominierte die Rechtsmedizinerin die Szene. Gewöhnlich beschränkte sich ihr Aufgabenbereich auf den Obduktionssaal, in dem sie die Leichen in Augenschein nahm. Erst als ihr Beckmann am Telefon gesagt hatte, in wessen Haus der Mord geschehen war, hatte sie sich bereit erklärt, eine Ausnahme zu machen und war persönlich am Tatort erschienen. Wie Beckmann war sie in Philippsburg aufgewachsen und wusste um die Prominenz der Hollsteins, wusste, dass dies kein gewöhnlicher Fall sein würde.

Marie Luise König war ein majestätisches Weib. Sie hatte sich über den langen Küchentisch gebeugt und machte sich an der Leiche zu schaffen. Beckmann genoss den Schwung ihres Hinterteils, bevor er sich dem Mordopfer zuwandte. Man musste kein Mediziner sein, um zu erkennen, dass die Frau, die vor ihm auf dem Tisch lag, nicht mehr am Leben war. Auch war offensichtlich, was ihren Tod verursacht hatte. Der Täter hatte ihr den Schädel zertrümmert, der jetzt in einem Nest gallertiger Hirnmasse auf der Tischplatte ruhte. Die Schläfe war eingedrückt, weiße Knochensplitter ragten aus der Wunde an der Seite des Kopfes, die fahle Haut und die schmutziggrauen Haare waren blutig. Und wo sich einst ihr Gesicht befunden hatte, thronte nun ein großer, stinkender Kothaufen.

»Da hat jemand drauf geschissen«, rief eine Stimme aus der hinteren Reihe. Die Kollegen von der Kriminaltechnik lachten.

Beckmann wandte sich um und fokussierte den Possenreißer. »Macht, dass ihr rauskommt!«, sagte er scharf.

Der Raum leerte sich bis auf Beckmann, Korff und König. Korff hätte es vorgezogen, sich den Kollegen anzuschließen. Er gab gern den Zyniker, konnte aber kein Blut sehen.

Beckmann trat an den Tisch. Die alte Frau vor ihm war nackt. Ihr Leib erinnerte ihn an den Körper einer fetten Puppe, deren Glieder ein rabiates Kind verdreht hatte. Der rechte Unterschenkel stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Die Beine waren offensichtlich gebrochen worden, ebenso die Arme, die ausgestreckt neben dem Kopf lagen. Der Täter hatte die Handgelenke mit Seidenstrümpfen an zwei Tischbeine gebunden. Beckmann schüttelte den Kopf, als er das wellige Hakenkreuz auf dem Bauch der alten Dame untersuchte. Er drehte sich um, weil er dachte, etwas zu hören, abseits des Lichts, das von den Scheinwerfern ausging. Er horchte, konnte indes den Ursprung des Geräuschs nicht orten.

»Irgendein neues Nazi-Ritual?«, fragte er König.

Weder König noch Korff antworteten.

Beckmann deutete auf die Bruchstellen. »Postmortal?«

König schenkte ihm einen kurzen Blick. »Eindeutig«, sagte sie.

Beckmann besah sich den Körper näher. »Ist das Blut?« Er deutete auf das Hakenkreuz. »Was meinst du, Korff?«

Der Angesprochene antwortete nicht. Beckmann nickte befriedigt, als Korff keine Anstalten machte, näher an den Tisch zu treten.

König rettete den Kollegen: »Wahrscheinlich nicht«, sagte sie. »Müssen wir im Labor untersuchen.«

»Das dürfte dich interessieren«, meldete sich Korff zu Wort, der bemüht war, Boden gutzumachen. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe auf die Küchenwand.

So sterben Veräterschlamben! gez HH, stand dort in großer Kinderschrift. Beckmann ließ sich von Korff die Lampe reichen und trat näher an die Wand heran, um das Geschriebene zu untersuchen. Die braunen Buchstaben wirkten unbeholfen, als habe sie ein Erstklässler geschrieben.

»So richtig gescheit ist unser Täter nicht!«, kommentierte Korff.

»Oder er will uns für dumm verkaufen«, erwiderte Beckmann und wandte sich wieder der Leiche zu. Die großen Brüste der alten Frau hingen schwer und verletzlich über ihren Körperrand. Beckmann sah, dass sie übersät waren mit Wunden unterschiedlicher Größe und Tiefe. Er zog seine Lesebrille aus der Brusttasche seines Hemdes und beschaute sich die Verletzungen näher.

»Ich wusste schon immer, dass du krank bist«, sagte König, ohne die Augen von ihrer Arbeit abzuwenden.

Beckmann ging nicht auf sie ein. Korff zog sich weiter in den Hintergrund zurück.

Beckmann deutete auf die tiefen Wunden im Fleisch der Brüste: »Hast du dir das angesehen?«

»Hab ich«, sagte die Medizinerin.

»Und?«

»Kann ich noch nicht sagen. Es sind keine Schnittverletzungen, die Ränder sind ungleichmäßig.«

»Irgendeine Vermutung?«

»Wahrscheinlich die Ratten«, entgegnete König.

Beckmann zog die Brille ab. Es war still im Raum. Wieder war ihm, als hörte er ein unbestimmtes Geräusch, das aus den dunklen Ecken zu kommen schien. Er achtete nicht weiter darauf und stellte sich hinter König, die die Haut an den Bruchstellen des rechten Beines untersuchte.

»Sag mir, wer ist hier krank?«, flüsterte er ihr durch die Kapuze ins Ohr, doch sie ignorierte ihn: Ihre Hände gingen unbeeindruckt ihrem Handwerk nach.

Er winkte Korff zu sich und deutete auf die Brüste des Mordopfers.

»Ist das fotografiert worden?«

Korff nickte.

Beckmann hatte sich Empfindlichkeiten am Tatort abgewöhnt, doch als König der alten Frau eine lange, breite Stumpenkerze aus der Scheide zog, hatte er Verständnis für den Kollegen, der eilig hinauf ins Freie strebte.

Sie standen auf der Treppe und schauten auf den Vorplatz. Korff hatte wieder etwas Farbe im Gesicht. Beckmann streifte die Kapuze seines Schutzanzugs ab. »Wer hat sie gefunden?«, fragte er.

»Komm mit«, sagte Korff.

Er führte seinen Chef auf den Vorplatz und deutete auf einen jungen Streifenpolizisten, auf dessen Unterarm ein junger Hund Platz genommen hatte.

»Er!«

Der Polizist sprach leise mit dem Tier, bewegte den Arm sachte von links nach rechts, als wiege er ein Kind mit Bauchweh. Der Körper des Welpen war entspannt. Soweit Beckmann sehen konnte, hatte er ein pelziges Fell und kurze, dicke, krumme Beine. Das Tier sah ihn aufmerksam an.

»Du machst das gut, Kurt«, sagte Beckmann zu dem Kollegen.

»Das einzige, was ihn einigermaßen ruhigstellt, Max. Er hat uns alle verrückt gemacht mit seinem Gebell.«

»Hervorragende Arbeit, junger Mann! Der Hauptkommissar ist beeindruckt«, sagte Korff, der sich wieder auf sicherem Terrain wähnte.

»Nimm dir ein Beispiel, Korff«, sagte Beckmann mit säuerlichem Lächeln.

Schutzmann Kurt schien die Spannung zwischen den höheren Dienstgraden zu bemerken und versuchte abzulenken: »Die Nachbarn haben uns gerufen, weil sie das Gekläff nicht mehr ertragen haben«, sagte er. »Bei dem Wetter hatten sie die Fenster aufgemacht.«

»Wann war das?«, fragte Beckmann.

»23.53 Uhr. Er hat immer noch gebellt, als wir gekommen sind. Die Tür stand offen, und das Licht hat gebrannt. Ich hab sofort den Dauerdienst gerufen, als ich die Leiche gesehen hab.«

»Kluger Bursche«, sagte Beckmann. »Zum Kotzen bist du hoffentlich rausgegangen.«

»Selbstverständlich! Schon wegen der Spuren.«

»Da sag noch einer, auf der Polizeischule lerne man nichts. Sehr gut, Kurt!«

Der Streifenpolizist nickte. »Die Nachbarn sagen, sie hätten vorher nie einen Hund gehört.«

»Sie haben auch sie nicht zu Gesicht bekommen«, ergänzte Korff. »Scheinbar war sie ein selbstgenügsames Herzchen.«

Beckmann warf dem Kollegen einen Blick zu. »Habt ihr euch schon umgesehen? Sieht’s überall aus wie in dem Saal?«, fragte er Kurt.

Korff fühlte sich angesprochen: »Kannst du sagen, Beckmann. Das Haus ist eine Müllkippe.«

Die Männer sahen, wie König die Eingangstreppe hinabschritt. Sie trat auf wie ein Weib aus einer Wagner-Oper, es fehlte nur der Helm. König hatte sich umgezogen und ihre Taschen gepackt. Sie trug ein türkisfarbenes Etuikleid. Eigentlich war sie zu üppig, um es so eng zu tragen. Ihr stand es jedoch wie einem Krieger die Rüstung.

Beckmann ging ihr entgegen. »Das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen«, sagte er, küsste sie leicht auf die Wange, was sie huldvoll ertrug.

»Ihr könnt sie jetzt mitnehmen«, sagte König zu den Männern vom Beerdigungsinstitut, die auf dem Vorplatz auf ihr Stichwort warteten.

»Ich weiß, was du gemacht hast«, sagte sie leise zu Beckmann. »Hast du keine Dusche?«

»Keine Zeit, wenn die Pflicht ruft«, entgegnete er.

König ging über den Platz zu ihrem Audi. Sie startete den Wagen und verließ zügig das Gelände, ohne die Polizisten zu beachten. Die drei Männer blieben auf dem Vorplatz stehen. Beckmann zündete sich eine Zigarette an. Niemand sagte etwas, bis die Leichenträger den Leib der alten Frau ins Freie befördert hatten. Sie sahen ihnen zu, wie sie den grauen Kunststoffsarg in den Wagen schoben, die Türen verriegelten und einstiegen. Der Dieselmotor sprang an, und das Fahrzeug verließ das Grundstück durch das große Tor.

»Dahin geht Johanne Hollstein, dahin gehen mehr als zwei Milliarden Euro«, sagte Beckmann. »Und nichts davon kann sie mitnehmen.«

Das Motorengeräusch verebbte in der Nacht, und es war wieder still.

»Woher kennst du das Opfer?«, fragte Korff, als sie zurück ins Haus gingen. Kurt folgte den Kollegen, immer noch mit dem Hund auf dem Arm.

»Jeder Philippsburger kennt die Hollsteins«, antwortete Beckmann und überblickte den Saal, in dem der Mord geschehen sein musste. Die Scheinwerfer waren ausgeschaltet worden. Es schien dunkel, wenngleich in den drei Kronleuchtern einige Glühbirnen brannten. Die Mitarbeiter der Kriminaltechnik hatten sich vorerst zurückgezogen, und Beckmann hatte den Ort des Geschehens für sich. Er brauchte die Ruhe, um sich auf den Tatort zu konzentrieren. Fast hätte man sagen können, er genoss diesen Moment wie ein Schauspieler, der nach der Vorstellung das leere Theater betrat, um dem Stück nachzuspüren, das gegeben worden war. Wieder glaubte Beckmann, ein Geräusch zu hören, doch es blieb mehr ein Gefühl denn akustische Wahrnehmung.

Der große Raum war hoch und weitläufig trotz der Kisten und Möbel, die überall herumstanden, ein Raum, gedacht für den großen Empfang mächtiger und wichtiger Menschen, die ihre Sektkelche spazieren führten, welche ihnen von weißbeschürzten Dienstmädchen mit einem artigen Knicks gereicht wurden. Beckmann sah einen imposanten, halbblinden, in Gold gefassten Spiegel, vor dem sich die Futtersäcke in die Höhe stapelten. An der langen Seitenwand hatten sich einige Gemälde mit korrekt gekleideten Herren in aufrechten Posen versammelt, die unberührt und entschlossen in die Gegend schauten. Aus welchem Grund auch immer hatte sich zu diesen herrischen Kerlen ein Mensch gesellt. Das Gemälde zeigte einen Mann mittleren Alters, der den Blick mehr nach innen, denn auf die Umgebung richtete. Seine Kleidung war förmlich, doch er schien sich in ihr wohlzufühlen. Er hatte einen freundlichen, etwas schiefen Mund, der lächelte ohne Hintergedanken, ein ganz leises Lächeln, von dem man sich angenommen fühlen konnte. Er passte in diese Reihe wie ein Schoßhund, der in ein Wolfsrudel geraten war.

An der Stirnseite des Raums befand sich ein Schaustück, ohne das man einst nicht auszukommen glaubte, wenn man Eindruck schinden wollte. Ein gewaltiger, in schwarzem Marmor gefasster Kamin dominierte die Wand. Nichts deutete darauf hin, dass darin in letzter Zeit etwas gebrannt hatte. Die Feuerstelle war kalt und ohne Asche. Auf dem Sims waren gerahmte Fotografien aufgestellt, dazwischen stand ein Pokal, auf dessen Deckel ein Adler thronte, der in seinen Fängen ein Hakenkreuz hielt. Darüber prangte Adolf Hitler in Uniform auf einem übergroßen, dilettantischen Gemälde. Der Führerblick bohrte sich starr und herrisch in die Tierfutterberge auf der anderen Seite des Saales.

»Niemand mit so viel Geld lebt in einem Loch wie diesem«, sagte Korff.

»Warum nicht?«, entgegnete Beckmann nachdenklich. »Wenn du Geld hast, kannst du leben, wie du willst. Es gibt reiche Leute, die sammeln ihre Pisse.«

Er ging zu einer der offenen Kisten, die neben dem Kamin standen. Eine von ihnen war voller Bücher. Sie sahen gewichtig aus, wie sie so dalagen – repräsentative Schaustücke, die wahrscheinlich nie jemand gelesen hatte, schon gar nicht zum Vergnügen. Beckmann zog wieder seine Handschuhe über und nahm ein Buch heraus, dessen Ledereinband angenagt war.

»Die Hollsteins leben, wie es ihnen gefällt«, sagte er, legte das Buch beiseite und nahm sich eine andere Kiste vor. Er griff nach einem hölzernen Spielzeugpferd, das mit blauer Farbe bemalt worden war. Jetzt war der Anstrich blass und rissig, der Schweif war dünn. Beckmann drehte es. Es stand auf einem Brett mit vier Rädern, die ebenfalls aus Holz gefertigt waren. Er widerstand dem Impuls, die Räder anzustoßen, wie es ein Kind getan hätte. Vorsichtig legte er das Spielzeug zurück.

»Wenn du alt wirst, rückt die Kindheit näher«, sagte Korff.

»Und manche Leute werden nie erwachsen«, erwiderte Beckmann und ging zum Kamin, wo er nach einer gerahmten Fotografie griff. Sie zeigte eine junge Frau mit einem Sommerhut, den sie mit einer Hand festhielt. Um sie herum gruppierten sich zwei Herren mittleren Alters. Nahe bei ihr stand ein junger Mann. Es schien windig zu sein in der Szene, denn das Kleid klebte an ihrem anmutigen Körper. Die schöne junge Dame lachte wie jemand, für den das Leben noch nicht zur Erinnerung geworden war, wie jemand, der sich nicht vorstellen kann, dass einmal die Lust aus dem Leben weichen könnte – ebenso wie Frohsinn und Hoffnung. Sie war vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, und ihre gute Laune schien nicht im Geringsten getrübt von den drei Männern in schwarzen Uniformen und Hakenkreuzbinden, die sie mit ihren Blicken verzehrten.

Der kleine Hund knurrte. Beckmann schaute zu Kurt, der den Welpen noch immer auf seinem Arm hielt. Beckmann stellte die Aufnahme zurück. Er ging weiter durch den Raum, um den bösen Blick Adolf Hitlers hinter sich zu lassen. Das Knurren wurde lauter. Es war erstaunlich tief für einen so kleinen Hund.

Kurt streichelte den Welpen. »Was soll jetzt mit ihm passieren, Max?«, fragte der Streifenpolizist.

»Nun, was tut man in solchen Fällen, Korff?«, fragte Beckmann, fasziniert von einem halbzerstörten Konzertflügel. Er ging näher heran und hob die Tastaturabdeckung.

»Tierasyl, nehme ich an«, antwortete Korff.

»Ist da jetzt noch jemand?«, fragte Kurt.

»Wahrscheinlich nicht«, sagte Beckmann. Die Tastatur war unversehrt und nahezu sauber. Beckmann schlug eine Taste im tieferen Tonbereich an. Ein dumpfer Laut drang aus dem Bauch des Instruments. Er drückte eine weitere Taste, begeistert von so viel Funktion inmitten des Verfalls. In den Ton des Instruments mischte sich ein zweiter, laut und schrill, wie der Schrei eines entsetzten Kindes. Aus dem Augenwinkel erkannte Beckmann eine Bewegung von etwas, das auf ihn zu schnellte. Instinktiv schlug er mit der Hand dagegen. Bevor die Männer begriffen, was passierte, hatte sich der kleine Hund aus dem Arm des Schutzmannes katapultiert und das Genick einer fetten Ratte durchbissen.

Sie standen auf dem Vorplatz und erholten sich von dem Schrecken. Vielleicht war es der Schrei der Ratte, die sich wild und verzweifelt gegen die Feinde wehrte, protestierte, dass in ihren Lebensraum eingedrungen wurde, vielleicht war es das Graue, Haarige, Spitze dieser Kreatur, vielleicht der nackte, lange Schwanz, was den Menschen mit Abscheu erfüllte – vielleicht war es auch die kollektive Angst vor der Pestilenz, die sich von den Vorfahren bewahrt hatte.

Beckmann rauchte, die anderen hatten die angebotene Zigarette ausgeschlagen. »Du bleibst heute Nacht hier«, sagte er zu Kurt. »Ich schicke dir Verstärkung.«

Der Streifenpolizist setzte den Hund auf die Erde. »Was wird mit ihm?«

»Er beschützt dich. Denk dir, es wär ein Polizeihund.«

»Das ist nicht dein Ernst, Beckmann?«

»Absolut, Kurt! Du hast doch gesehen, er ist ein Killer.«

»Du willst mich auf den Arm nehmen?«

»Natürlich, Kurt«, sagte Beckmann lachend und klopfte Korff auf die Schulter. »Du bringst ihn morgen ins Tierasyl!«

Korff hob die Hände. »Allergie, Beckmann, tut mir leid! Sonst gerne. Du weißt, ich bin immer da, wenn es unangenehm für dich wird!«

Es war 2.42 Uhr in der Nacht des 10. auf den 11. August, als Kriminalhauptkommissar Max Beckmann auf den Hund kam.

Bert Mosch lag quer auf einem altmodischen Polstersessel und ließ den Rauch aus seiner Lunge strömen. Er wartete darauf, dass ihn der Joint beruhigen würde. Die Ereignisse der Nacht tobten in seinem Kopf wie das Speed, das er zuvor genommen hatte. Die Amphetamine trieben seinen Herzschlag noch immer in die Höhe. Cannabis war zu schwach. Bert überlegte, ob er etwas Stärkeres einwerfen sollte, doch die Erinnerung an die letzten Stunden gefiel ihm zu sehr, als dass er sie betäuben wollte. Es hatte Spaß gemacht, die Alte zu verprügeln, mit ihr zu spielen. Dumm nur, dass sie schon tot war. Besonders stolz war er auf seinen Einfall, ihr aufs Gesicht zu kacken. Der krönende Abschluss, ein Geniestreich! Auch die Botschaft an der Wand war gut, doch nicht so geil wie der Haufen im Gesicht der Alten.

»Ich bin ein Genie!«, schrie er und katapultierte sich auf die Füße. Seinen dünnen Körper drängte es nach Bewegung. Er begann, hektisch im Wohnzimmer auf und ab zu gehen, trat an die geöffnete Schiebetür zur Terrasse, nahm noch einen Zug. Es hatte kaum abgekühlt in der Nacht, und Bert schwitzte.

Linda Bürger fluchte: »Scheiße!«, schrie sie betrunken. »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«

Bert nahm seine Wanderung durch den Raum wieder auf.

»Reg dich ab!«, herrschte Thyra von Greifwald die Freundin an, die auf dem Sofa gegenüber saß. Thyra machte eine bestimmende Bewegung zu Bert hin, der ihr den Joint gab. Sie inhalierte tief und reichte die Tüte über den Tisch.

»Nimm einen Zug!«, kommandierte sie. »Das beruhigt!«

Linda ignorierte Thyra. »Ich will mich nicht beruhigen!«, zeterte sie. »Scheiße! Wie kann man nur so blöd sein! Schlägt die Alte tot! Bevor sie das Testament ändern kann! So blöd kann man nicht sein!«, schrie sie Judith an, die neben ihr in den Polstern kauerte.

»Sagt die Richtige!«, erwiderte diese trotzig.

Linda gab ihr eine Ohrfeige, die die junge Frau ertrug wie eine verdiente Strafe.

Bert nahm den Joint wieder an sich und deutete hinüber zu Judith.

»Linda hat recht!«, sagte er. »Die Fotze hat’s vermasselt.«

Er nahm einen nervösen Zug, dann gab er die Tüte an Thyra weiter.

»Ihr wart nicht dabei!«, lamentierte Judith. »Die Schlampe hat mich angegriffen! Beschimpft hat sie mich, und sie hat Rudi getreten!«

»Musst du ihr gleich den Schädel einschlagen?« Linda hämmerte sich mit dem Handballen an die Stirn. »So blöd kann man gar nicht sein!«

»War doch keine Absicht, du dumme Kuh!«, rechtfertigte sich Judith, worauf sie sich eine weitere Ohrfeige fing.

»Das hat wehgetan!«

»Heul nicht! Das hast du dir verdient!«, wies Thyra sie zurecht. Sie nahm einen letzten Zug, dann drückte sie den Joint in den vollen Aschenbecher.

»Hast du!«, bestätigte Bert.

Thyra winkte ihn zu sich. Er gehorchte und blieb vor ihr stehen. »Aber wir haben’s hingekriegt! Du hast’s hingekriegt, mein Großer.« Sie lächelte, als sie Berts harten Penis bearbeitete, der sich unter seiner Jeans abzeichnete. Bert beugte sich zu ihr hinunter, steckte ihr die Zunge in den Mund und fuhr ihr zwischen die Beine.

»Hast du gut gemacht«, sagte Thyra, als sie ihren Mund wieder für sich hatte. Sie ließ sich eine Weile befummeln, stieß Bert dann aber zurück.

»Fick ihn!«, befahl sie Judith.

»Fick das Schwein selbst! Ihr passt gut zusammen!«

»Das war keine Bitte!«

»Fick ihn selbst!«, heulte Judith.

Mit einer elastischen Bewegung glitt Thyra aus dem Sofa, griff sich mit der rechten Hand die Weidenrute, die auf dem Tisch lag, mit der linken packte sie Judith bei den Haaren und schleifte sie über den Boden. Judith schrie, als Thyra die Rute über ihren Rücken zog. Sie wehrte sich, doch Thyra zwang sie in die Knie, schlug sie wieder. Mit kindlicher Freude verfolgte Bert das Geschehen, die Hand in der Hose. Auch Linda hatte aufgehört, sich leidzutun.

»Steh auf!«, befahl Thyra.

Judith zögerte.

Thyra schlug mit der Rute in ihre Hand. »Steh auf, sag ich!«

Judith gehorchte wimmernd, als ihre Herrin die Gerte hob.

»So ist gut!«, lobte Thyra.

Sie umarmte Judith, redete leise auf sie ein, strich ihr sachte über die Haare. »Zieh dich aus, mein Schatz«, sagte Thyra sanft.

Judith schaute sie an und gehorchte, nachdem ihr Thyra aufmunternd zugenickt hatte.

»Du bist ein wirklich sehr hübsches Mädchen! Weißt du das?«, sagte Thyra zärtlich.

Judith senkte den Blick.

Thyra küsste sie wieder und streichelte ihr Gesicht. »Es geht doch!« Ihre Hand wanderte über Judiths großen Busen zu ihrer nackten Körpermitte, wo sie begann, den Kitzler der jungen Frau zu massieren.

»Na, siehst du!«, sagte Thyra, als sie spürte, wie Judith feucht wurde. »Alles wird gut.«

Beckmann stand am offenen Fenster seines Wohnzimmers. Er rauchte und schaute hinunter auf die leere Straße. Er konnte nicht schlafen, zu voll war sein Kopf von dem, was er in der Nacht erlebt hatte. Er schnickte die abgerauchte Zigarette auf die Straße, bemüht, den Gully zu treffen. Er verfehlte ihn und nahm sich vor, die Kippe zu entsorgen, wenn er am Morgen ins Präsidium fahren würde. Der Hund schlief zu seinen Füßen, doch er war hellwach, sobald sich Beckmann regte.

Die Nacht hatte keine Abkühlung gebracht. Die Häuser, der Asphalt strahlten noch immer von der Hitze der letzten Wochen. Das Thermometer stand bei mehr als 25 Grad, und der kommende Tag sollte so heiß werden wie seine Vorgänger. Die Stadt stöhnte unter dem Jahrhundertsommer, wie die Zeitungen schrieben. Sie forderten die Menschen auf, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, vor allem die älteren, von denen einige bereits gestorben waren, weil sie zu wenig getrunken hatten.

Beckmann hatte dem Hund eine Schüssel mit Wasser hingestellt, zu Fressen gab es nichts für ihn. Der Kühlschrank war leer – abgesehen von zwei Flaschen Bier und einem Stück Butter. Beckmann hatte die letzten Tage auswärts gegessen mit einer Frau, die mit dem Gedanken spielte, ihren Mann zu verlassen. Sie war herzzerreißend schön und auf eine traurige Weise fröhlich, als könnte sie so herausfinden, was sie mit sich und ihrem Leben anfangen wollte. Wenn sie miteinander schliefen, war es wie ein langer Abschied: Jeder mühte sich, alles richtig zu machen, ohne dass einer dem anderen geben konnte, was er oder sie wollte oder brauchte. Sie liebten einander nicht, aber seine Anwesenheit ersparte es ihr, allein auf ihren Mann zu warten, bis er von seiner Geschäftsreise nach Hause kommen würde. Und so ging es ihm auch, wenn der Abend in die Nacht kroch, und er mit sich nichts anzufangen wusste.

Wenn ihm nur die eigene Gesellschaft blieb, war er sich fremd. Er brauchte ein Gegenüber, am besten ein weibliches. Männer langweilten ihn, stießen ihn oft ab in ihrer Grobheit. Männer waren hässlich, fand er. Wenn er sich im Spiegel besah, war er manchmal überrascht, dass sich Frauen zu ihm hingezogen fühlten. Er war groß und recht drahtig für Anfang vierzig, hatte ein paar Muskeln an den richtigen Stellen und genügend Haare auf dem Kopf. Dennoch fiel es ihm schwer, seinen Körper gutzuheißen. Nur wenn eine Frau ihn berührte, fühlte er sich in ihm aufgehoben. Vielleicht war es, wie die Griechen dachten, dass die Götter einst die Menschen in Mann und Frau geteilt hatten, und diese seither auf der Suche waren nach der Hälfte, die ihnen verloren gegangen war.

Die Frau, die sich trennen wollte, war nicht die Hälfte, die Beckmann suchte. Er hatte die Beziehung am Abend beendet, als er nackt auf ihrer Bettkante saß. Sie hatten es kommen sehen, jeder hatte gewartet, dass der andere aussprach, was beide fühlten: In der hitzigen Nähe ihrer Berührung waren sie sich fremd geblieben. Keiner wusste etwas zu sagen. Er zog sich schweigend an, sie sah ihm schweigend dabei zu. Er gab ihr einen letzten Kuss und verließ leise die Wohnung wie ein Einbrecher, der sich mit leeren Händen davonschlich.

Es war keine neue Erfahrung für ihn, denn mit keiner Frau war er lange zusammengeblieben. Nicht, dass er untreu gewesen wäre. Es war mehr eine Unruhe, die ihn befiel, sobald es darum ging, ein neues Leben einzurichten. Dann floh er, weil keine die Richtige, keine unter ihnen war, in der er sich wiedergefunden, die aus ihnen beiden ein Ganzes gemacht hätte.

Er lag auf seinem Bett. Der Hund hatte sich neben ihn gelegt und ruhte mit dem Kopf auf Beckmanns nacktem Bauch. Das graue Licht der Dämmerung stahl sich durch die offenen Fenster, als er den Kopf des Tieres streichelte, froh, dass jemand bei ihm lag.

Benno von Greifwald saß alleine in seinem Arbeitszimmer. Draußen lärmten die Dschungeltiere, die er nicht mehr hörte, zu lange hatte er in den Tropen gelebt. Die Dämmerung hatte eingesetzt, als sein Telefon klingelte. Er nahm ab, ohne seinen Namen zu nennen, hörte wortlos zu, was der Anrufer zu sagen hatte.

Es klopfte an die Tür.

»Ja!«, sagte der alte Mann schneidend, ohne den Hörer vom Ohr zu nehmen. Er achtete nicht auf die Frau, die ihm eine Tasse Tee brachte. Sie stellte das heiße Getränk auf seinen Schreibtisch. Er nickte beiläufig, dann verließ sie das Arbeitszimmer. Besondere Mühe gab sie sich, die Tür leise zu schließen. Der alte Herr reagierte ungehalten auf Geräusche, die andere verursachten.

»Finden Sie das Kennwort!«, bellte er in den Hörer.

Seine Stirn zog sich zornig in Falten. Ihm gefiel nicht, was der Anrufer sagte.

»Sie muss es haben, Bürger! Finden Sie es, bringen Sie es mir!«

Ohne auf eine Antwort zu warten, legte er auf.

KAPITEL II

Philippsburg, Montag, 11. August, 10.02 Uhr

D ie Sitzung im neuen Polizeipräsidium in Philippsburg begann zwei Stunden später als üblich. Es war Montagmorgen, und der Berufsverkehr war abgeflossen, sodass sie die Fenster weit geöffnet hatten. Dennoch war es stickig. Ein Stehventilator schwenkte seinen Rotor von links nach rechts, bewegte die heiße Luft, ohne Abkühlung zu bringen. Das Präsidium hatte zwar eine Klimaanlage, doch sie war zu schwach, um an heißen Tagen wie diesem die Raumtemperatur signifikant zu senken.

Billerbeck nickte Beckmann zu. Die Staatsanwältin war eine aparte, blonde Frau in den Vierzigern mit einem Teint, der kein Make-up brauchte. Sie war groß, selbstbewusst und kompetent. Ihr war es wichtig, dass sie über die wesentlichen Schritte der Ermittlungen auf dem Laufenden war. Meist ließ sie Beckmann freie Hand.

Der blickte in die Runde. »Was haben wir?«, fragte er seine müden Kollegen. »Gibt es Spuren?«

Manfred Schneider ergriff das Wort. Der Leiter der Kriminaltechnik hatte einen Ordner vor sich und schwitzte. Er war ein korpulenter Mann Ende fünfzig, nicht groß, nicht klein, mit ein wenig Haar auf dem Kopf, das er sorgsam pflegte. Schneider rückte seine Brille zurecht, bevor er sprach. »Das Haus ist ausgesprochen schmutzig. Daher fanden wir sehr viele Spuren, sehr viele Fingerabdrücke«, sagte er bedächtig. »Keine an der mutmaßlichen Mordwaffe.«

»Mordwaffe?«, fragte Beckmann.

»Kerzenständer, massiv Messing, 42,3 cm hoch, Blut, Haare und Hautpartikel daran, ebenso wie Reste von Hirnmasse. Da wir im Haus keine weitere Leiche gefunden haben, welcher der Schädel zertrümmert wurde, denke ich, dass wir mit einiger Sicherheit annehmen können, dass es sich um die Mordwaffe handelt.« Schneider schaute hoch, als erwartete er Beifall.

»Danke für die detaillierte Auskunft«, sagte Beckmann durchaus mit ironischem Sinn, wenngleich dieser gänzlich unsinnig war. Denn Schneiders Geist war dem Tatsächlichen zugewandt und nur diesem. Er sagte, was er meinte, er vernahm, was er faktisch zu hören glaubte. Verdeckte Bedeutungen hatten für ihn nur am Tatort Belang.

»Was noch?«, fragte Beckmann.

»Tatort ist der Saal. Dort lag auch der Kerzenständer. Sehr viel Blut und Hirnmasse auf dem Teppich, viel zu wenig Blut in der Küche.«

»Wie ist sie in die Küche gekommen?«, fragte Billerbeck.

»Wahrscheinlich getragen. Wir haben keine Schleifspuren gefunden.«

»Und was schließen wir daraus?« Korff schaute Beckmann an, als wäre der ihm Rechenschaft schuldig. Max nickte Schneider zu.

»Entweder ist der Mörder kräftig oder wir haben es mit zwei Tätern zu tun. Das Opfer war ausgesprochen ... füllig: mindestens 80 Kilo. Die Autopsie wird das klären. Wir haben ein paar Faserspuren an der Leiche gefunden, Genaueres später.«

»Die Bude ist so verdreckt, woher wissen wir, dass sie vom Täter sind?«, fragte Korff.

»Es sind Kunstfasern, die wahrscheinlich nicht vom Opfer stammen.«

»Das ist ja aufschlussreich! Kanntest du sie?«, wollte Korff wissen.

»Rein hypothetisch. Nichts in diesem Haushalt ist neueren Datums«, erwiderte Schneider ungerührt.

»Wieso umgibt sich jemand mit derart altem Zeug?«, fragte Kriminalkommissarin Aila Gündogdu, Beckmanns Assistentin, und legte die Fotos vom Tatort zurück auf den Tisch. Ihre Zuständigkeit konzentrierte sich auf den Schreibtisch. Sie war unverzichtbar, wenn es darum ging, Informationen aus dem Netz zu beschaffen. Aila war methodisch, gewissenhaft, wusste, was sie konnte und wann sie Unterstützung brauchte. Auch meckerte sie nicht, wenn die Arbeitszeiten unregelmäßig wurden. Beckmann hatte sie am Morgen aus dem Bett geholt, ohne dass sie sich beklagt hatte.

»Habt ihr das Haus durchsucht?«, fragte er.

»Wir sind erst am Anfang, wir machen heute weiter. Das Licht ist hilfreich«, antwortete Schneider.

»Was wissen wir über das Opfer?«, erkundigte sich Korff, doch Billerbeck unterbrach ihn: »Sind wir mit den Spuren fertig?«, fragte sie. »Was ist mit der Eingangstür?«

»Keine Beschädigungen«, sagte Schneider.

»Die Fenster?«

»Keine Anzeichen für gewaltsames Eindringen. Sie muss den Täter hereingelassen haben. Auch die Tür des großen Eingangstores an der Zufahrt war unverschlossen.«

Aila kaute auf ihrem Bleistift. »Ungewöhnlich, wenn ihr mich fragt«, sagte sie. »Alte Leute sind doch eher ängstlich.«

»Vielleicht ist er einfach reinspaziert, hat sich einen hübschen Kerzenständer geschnappt und ihr den Schädel zertrümmert. Und weil ihm das zu langweilig ist, und er uns was zu ermitteln geben will, macht er es spannend, demoliert die Leiche ein wenig und arrangiert sie auf dem Küchentisch«, sagte Korff mit einem selbstgewissen Lächeln. »Und um den Spaß vollkommen zu machen, scheißt er der Alten auf den Kopf, schmiert ihr ein Hakenkreuz auf den Bauch und hinterlässt uns eine Botschaft an der Küchenwand.« Korff ignorierte die missbilligenden Blicke von Beckmann und Billerbeck und lehnte sich zufrieden zurück, als hätte er den Fall gelöst.

»Der Schlüssel steckte innen«, erklärte Schneider, ohne auf Korff einzugehen.

»Vielleicht stand die Tür offen, es war heiß gestern Nacht«, sagte Aila.

»Wahrscheinlich kannte sie den Täter«, warf Korff ein.

Beckmann wurde ungehalten. Ihm uferte die Diskussion aus. »Egal!«, sagte er. »Wie ist er hineingekommen? Oder sie? Das müssen wir klären. Untersucht das Türschloss. Es hat keinen Sinn, zu spekulieren.« Er schaute die Kollegen an, konzentrierte sie auf die Aufgabe, die vor ihnen lag: »Deutet etwas auf Raubmord hin? Wurde etwas gestohlen?«

Schneider senkte seinen Kopf und schenkte Beckmann einen abfälligen Blick.

»Ich weiß, ich weiß!«, räumte dieser ein. »Es ist zu früh und bei der Unordnung schwer zu sagen. Entschuldigung, dass ich frage! Aber Johanne Hollstein war eine reiche Frau. Hatte sie Schmuck, Bargeld im Haus? Wurden Schränke durchsucht? Bitte achtet darauf!«

Schneider nickte.

»Was wissen wir über die Kleider?«, fuhr Beckmann fort. »Was hatte sie an, bevor man ihr die Knochen brach?«

Schneider schaute in seine Unterlagen, blätterte umständlich vor und zurück.

»Es ist noch nicht geordnet, ich bin noch nicht dazu gekommen«, sagte er ungehalten, als wäre dies die Schuld der anderen. Jetzt nahm er sich die Zeit, um die gewünschte Ordnung herzustellen, derweil die Kollegen bemüht waren, sich ihre Ungeduld nicht anmerken zu lassen. Schließlich fand Schneider die Stelle und sortierte die Blätter, bis sie in einer für ihn akzeptablen Reihenfolge lagen. Er blickte über seine Brille in die Runde.

»Also …«, sagte er.

»Was?«, unterbrach Beckmann gereizt.

»Die Kleider, die wir in der Küche fanden ...«, fuhr Schneider unbeeindruckt fort. »Gehen wir davon aus, dass es die Kleider waren, die sie während des Mordes trug. Sie waren voll Blut, also können wir davon ausgehen, dass es so ist. Also, in der Küche fanden wir eine sehr schmutzige Unterhose, einen Hüfthalter, wenn dies der rechte Ausdruck dafür ist.«

»Wenn du ihn nicht kennst! Du bist doch der Nostalgiker unter uns«, lachte Korff.

Ihn traf ein strafender Blick Beckmanns.

Schneider hielt die bebrillten Augen auf das Papier gesenkt und fuhr fort: »Wie gesagt, einen sehr befleckten Schlüpfer, wollene Socken, einen altmodischen Hüfthalter ...« Er blickte hoch, um etwaige Einwände im Keim zu ersticken. »Ein schmutziges seidenes Trägerhemd, ein langes Kleid aus festem Stoff, eine wollene Strickjacke.« Er machte eine undramatische Kunstpause und beschloss seine Ausführungen: »Alle Kleidungsstücke in ausgesprochen verschlissenem Zustand, ursprünglich jedoch von hervorragender Qualität. Wir fanden auch ein Paar alte, abgetragene Pumps.«

Aila schüttelte ihr langes, dunkles Haar. »Ich würde sagen, das rechte Outfit für einen romantischen Sommerabend bei geöffneten Türen«, sagte sie heiter. Sie war jung genug, dass man ihr den fehlenden Schlaf nicht ansah. Ihr Teint war frisch, und sie duftete wie die Luft, die morgens von einer frischgemähten Wiese aufsteigt, wenn die Sonne darauf scheint: ein wenig süß, ein wenig erdig, ein ganz klein wenig säuerlich, doch die Melange ganz leicht und beschwingt.

»Das würde ich nun nicht sagen«, merkte Schneider an und dachte nach. Nachdem er lange genug überlegt hatte, fuhr er fort: »Vielleicht litt sie an niedrigem Blutdruck, unbehandelt. Daher die umfangreiche Bekleidung.«

Beckmann wurde ungeduldig. »Gibt es Spuren auf dem Grundstück?«

»Es hat seit Wochen nicht geregnet. Der Boden ist bretthart«, erklärte Schneider.

»Also nichts.«

»Meine Leute durchsuchen Haus und Gelände noch mal bei Tageslicht.«

»Sehr gut.« Der Kriminaltechniker ging Beckmann bisweilen auf die Nerven, doch der Mann war gründlich.

»Also, wenn ihr mich nicht mehr braucht ...« Schneider schaute sich um, ohne jemanden wirklich anzusehen. »Dann geh ich jetzt. Die Arbeit erledigt sich nicht von selbst.«

Schneiders Hinweis auf die eigene Betriebsamkeit, seine Geringschätzung für den Rest der Truppe gehörten zu ihm wie das Keilkissen, das er immer bei sich trug. Der Chef der Kriminaltechnik erhob sein gewichtiges Hinterteil aus dem Sitz, packte umständlich Kissen und Papiere, sah in die Runde, nickte, dann verließ er den Raum.

Beckmanns Handy vibrierte. Er sah auf das Display und nahm das Gespräch an. »In Ordnung«, sagte er nach einem kurzen Moment. »Ich komme nachher vorbei.« Max beendete die Verbindung.

»Die Autopsie ist um elf«, sagte er zu den anderen. »Dann sehen wir weiter.« Er machte Aila ein Zeichen. »Was wissen wir über das Opfer?«

Sie nahm ihren Notizblock zur Hand und trug vor: »Johanne Hollstein, geboren am 8. Mai 1927, Tochter von Sebastian Müller. Philippsburger Geldadel. Müller Maschinenwerke bis 1955, dann aufgekauft von den Hollsteins. Heirat mit Hans-Hermann Hollstein im gleichen Jahr. Vier Kinder: Wotan, Bertha, Heinrich und Emilia. Hollstein starb ‘96 in der Schweiz.«

»Todesursache?«, fragte Beckmann.

»Autounfall«, entgegnete Aila.

Beckmann notierte sich den Punkt. »Seit wann lebte sie in dem Haus?«

»Es ist ihr Elternhaus, wahrscheinlich hat sie nie woanders gelebt.«

»Wie es sich gehört«, sagte Korff.

»Alle Kinder bis auf Emilia leben im Ausland«, fuhr sie fort.

»Wo wohnt sie?«

»Hier«, sagte Aila.

»Gutes Mädchen!«, sagte Beckmann schmunzelnd.

Korff und Aila lachten verhalten. Der Lokalpatriotismus der Stadt war Legende.

»Weitere Verwandte?«

»Die Hollsteins und Müllers sind prominente Philippsburger Familien.«

»Was wissen wir über sie?«

»Die Hollma AG ist nach wie vor in Familienbesitz. Wie es aussieht, teilen sich Johanne und die Kinder das Aktienkapital.«

»Wieviel hielt Johanne Hollstein?«

»So viel man braucht.« Sie blickte auf, um zu sehen, ob sie die Aufmerksamkeit der Kollegen hatte. Sie räusperte sich: »51 Prozent der Anteile.«

»Mehrheit«, erklärte Korff und pfiff durch die Zähne.

»Die Hollma soll verkauft werden«, sagte Aila.

»Genauer?«

Aila schaute auf ihre Notizen. »Bellechamps will die Hollma übernehmen. Dazu brauchen sie das Aktienpaket Johannes.«

»Wieviel haben sie schon?«, fragte Beckmann.

»Nicht genug.«

»Woher weißt du das?«

»Internetrecherche«, sagte Aila und legte den Block auf den Tisch.

Beckmann nickte zufrieden. »Gute Arbeit.«

Billerbecks Handy läutete. Sie sah auf das Display und verließ den Raum.

»Was ist mit dem Nazigedöns?«, fragte Beckmann.

»Bin ich dran«, erwiderte Aila. Sie zog eine Aufnahme des Leichnams aus ihren Unterlagen und deutete darauf. »Wenn ihr mich fragt, mit dem Hakenkreuz stimmt was nicht.«

»Genau mein Eindruck!«, erklärte Korff, der wie Beckmann aufgestanden war und sich hinter Aila gestellt hatte.

»Das Kreuz ist falsch herum«, sagte Aila. Sie zeigte auf den Haken links oben. »Hier müsste der Strich aufsteigen, wie hier.« Sie legte die Abbildung einer Nazifahne neben das Foto von der Leiche. Dann deutete sie auf das Hakenkreuz auf dem Bauch der Toten: »Hier geht er nach unten.«

»Sag ich doch«, warf Korff ein. »Unser Täter ist blöde. Er kann kaum schreiben, er kann noch nicht mal ein Hakenkreuz malen.« Korff setzte sich, bevor sein Chef Platz genommen hatte.

»Gute Idee«, sagte Beckmann. »Vielleicht suchen wir einen dummen Nazi oder einen, der uns glauben machen will, dass wir es mit einem braunen Blödmann zu tun haben. Kümmere dich darum.«

»Werde ich, Beckmann, das werde ich. Kannst dich drauf verlassen!«

»Dann ist ja gut.« Beckmann verteilte die weiteren Aufgaben: »Du sprichst dich mit den Kollegen ab«, wies er Korff an. »Wir müssen die Nachbarn befragen und das Gelände durchsuchen. Nach der Pressekonferenz heute Mittag werden die Telefone Sturm läuten. Du organisierst den Telefondienst, der die Hinweise aus der Bevölkerung aufnimmt und überprüft.«

Korff nickte. »Wird erledigt«, sagte er, ohne sich Notizen zu machen. »Du glaubst, dass uns jemand verarschen will?«, fragte er zweifelnd.

»Zum Glauben geh ich in die Kirche«, erwiderte Beckmann.

Korff fand es nötig, sich erneut Gehör zu verschaffen: »Es gibt hier sehr viel Wut am Tatort!«

Aila lachte. »Sagt unser Profiler!«

Beckmann wurde ungehalten. »Lasst uns nicht spekulieren! Aila, finde heraus, wer erbt, wir brauchen das Testament. Finde den Anwalt. Kläre, ob es Verbindungen zur Nazi-Szene gibt.« Er schaute Korff an: »Noch Fragen?«

»Na, bei so viel Managementkompetenz haben wir den Fall ja schnell geklärt!« Korff stand auf und verließ rasch den Raum.

Beckmann folgte Aila auf den Flur. »Ich brauche Emilia Hollsteins Anschrift.«

Aila riss ein Stück Papier von ihrem Block und reichte es ihm.

Er warf einen Blick darauf. »Woher hast du so schnell die Adresse?«

»Telefonbuch«, sagte sie lächelnd, dann ging sie federnd den Flur entlang zu ihrem Büro. Am Ende des Korridors hielt Korff zwei Plastikbecher Kaffee aus dem Automaten in den Händen. Das Zeug war heiß, und er verbrannte sich die Finger. Trotzdem wartete er auf Aila.

Max rief ihnen zu. »Und findet heraus, woher der Hund kommt!«

Aila machte eine vage Geste, als sie in ihr Büro verschwand.

Beckmann hörte sie lachen.

Max verließ das Polizeipräsidium, nachdem er kurz bei Billerbeck vorbeigeschaut hatte. Der Hund zog an der provisorischen Leine, die Beckmann ihm umgebunden hatte. In der Sitzung hatte der Welpe zu seinen Füßen gelegen und sich nur gerührt, wenn sein neuer Herr eine Bewegung machte, mit seinem Stuhl wippte oder nervös wurde. Auf dem Weg ins Präsidium hatten sie Fuß und Sitz geübt – der Hund folgte tadellos.

»Das nächste Mal, wenn Korff das Maul aufreißt, sag ich Fass und der Hund fällt ihn an …«, dachte Beckmann. Korff war kein schlechter Mitarbeiter, doch er war eigensinnig, nachlässig, auf seine Karriere fixiert und kannte seinen Platz nicht. Anders als Beckmanns neuer Begleiter. Schon in der Nacht war dieser ihm gefolgt und hatte seine Position nie in Frage gestellt. Nach einem gefassten Hier war das Tier vom Arm des Streifenpolizisten zu ihm geschnellt, hatte sich vor ihm postiert, als wollte es sich eine Belohnung abholen. Das Verhalten des Tieres war Max gänzlich unverständlich. Weder hatte er jemals einen Hund besessen, noch hatte er je Verständnis für Menschen gehabt, die ihr Leben mit einem Hund verkomplizierten – als würde dieser Part nicht verlässlich von Frauen übernommen, zumindest in Beckmanns Leben.

»Wahrscheinlich bist du ein Naturtalent«, hatte Korff am Morgen gespottet. Beckmann hatte es überhört – ebenso wie Ailas »Hundeflüsterer«, als sie nach der Sitzung ins Büro gegangen war.

Emilia Hollstein wohnte in einer der besseren Gegenden Philippsburgs: direkt am Wald, lauschig und gesetzt, aber doch zu dicht besiedelt für Bewohner jenseits der Milliardengrenze. Beckmann fand einen schattigen Parkplatz, öffnete das Schiebedach, damit es dem Hund nicht zu heiß würde. Er ging zum Eingang, fand die richtige Klingel und läutete. Mit einem diskreten Summen gab die Tür nach. Ein Aufzug führte ihn ins oberste Stockwerk. »Doch gehoben«, dachte er, als er die Glocke an der Wohnungstür läutete.

»Kommen Sie rein«, sagte Emilia Hollstein und sah ihm in die Augen – einen Moment länger, als nötig gewesen wäre. Sie war wahrscheinlich über vierzig und trug einen schwarzen Kimono, der in der Körpermitte von einem Gürtel zusammengehalten wurde. Ihr braunes Haar war kurz geschnitten, wie es Französinnen mögen. Sie hatte kein Make-up aufgelegt und duftete, dass es Beckmann schwindlig wurde.

»Möchten Sie nicht eintreten?«, wiederholte sie.

Er nickte und setzte sich in Bewegung.

»Machen Sie hinter sich zu.«

Beckmann tat, wie ihm geheißen, dann folgte er ihr, wie er dem Lauf eines Tunnels gefolgt wäre, sich nicht kümmernd, wann er sein Ende fände, wenn sie nur vor ihm gehen würde. Ihm war, als bewegte sie sich nicht wie eine gewöhnliche Sterbliche, ihm war, als würden ihre nackten Füße den Boden kaum berühren.

Er fand sich in einem hellen, bequemen Sofa wieder. Ein niedriger Tisch stand zwischen ihm und einer ähnlichen Couch, auf der sie Platz genommen hatte.

»Wollen Sie mir nicht verraten, was Sie zu mir führt?«

Beckmann konzentrierte sich auf ihre Frage, als säße er in der Schule, bemüht, eine Aufgabe zu lösen, die jenseits seines Verständnishorizontes lag. Er wusste, er musste die Initiative zurückgewinnen.

»Lassen Sie jeden Besucher ein, ohne dass er sich vorgestellt hat?«, fragte er.

»Bei gutaussehenden und eloquenten Männern mache ich Ausnahmen«, sagte sie. Emilia Hollstein bedachte ihn mit einem Lächeln, das er dankbar empfing. Sie hatte weiße Zähne und schön geschwungene Lippen.

Beckmann schluckte. Er war sich sicher, dass sie das flutartige An- und Abschwellen seiner Halsschlagader bemerken musste. »Beckmann ist mein Name, Max Beckmann. Ich leite die Mordkommission in Philippsburg.«

»Mordkommission?« Sie streckte ihre Hände nach vorne. »Herr Kommissar, verhaften Sie mich!« Sie war gänzlich unbekümmert und ohne Arg.

»Hauptkommissar«, korrigierte er sie und hätte sich im gleichen Moment schlagen mögen.

Sie nahm die Hände wieder an ihren Körper, der Schalk war aus ihrer Stimme gewichen. »Herr Hauptkommissar!«, sagte sie förmlich. »Was führt Sie zu mir?«

Sie richtete sich auf. Ihr Körper war gespannt, der Blick auf ihn gerichtet. Sie hatte ganz außergewöhnliche Augen, bemerkte Beckmann, Augen von einem hellen, leuchtenden Grün, das ins Türkis hinüberspielte.

Sie wartete.

»Frau Hollstein, wir fanden Ihre Mutter heute Nacht erschlagen in ihrem Haus.«

Beckmann wusste nicht, was er erwartet hatte. Wann immer er schlechte Nachrichten zu überbringen hatte – und das war nicht selten –, war er bemüht, sich in ein unbeschriebenes Blatt zu verwandeln, sich dem Unvermeidlichen zu stellen ohne Vorahnung all dessen, was die Erfahrung nahelegte. Emilia Hollstein verharrte regungslos, ihr Gesicht ohne Ausdruck, die Augen geradeaus, durch ihn hindurch, was ihn kränkte. Beckmann fühlte den Drang, Trost zu spenden, sie aus der Regungslosigkeit zu erlösen. »Mein Beileid«, sagte er.

»Warum sagen Sie das?«, sagte sie ungehalten. »Sie kannten weder meine Mutter noch kennen Sie mich!«

»Konventionen. Oft das Einzige, was in Situationen wie diesen bleibt«, sagte er beschwichtigend.

»Finden Sie es adäquat, an dieser Stelle über die Unzulänglichkeit von Sprache zu reflektieren?«

»Warum nicht?«, entgegnete Beckmann. »Reden ist besser als Stille.«

»Manchmal ist Schweigen die bessere Wahl.«

»Dann lassen Sie uns schweigen«, sagte Beckmann und schaute sie an. Sie erwiderte den Blick. Es dauerte lange, bis sie sprach: »Meine Mutter war keine liebenswerte Frau. Es tut mir nicht leid, dass sie tot ist.«

»Warum sagen Sie das?«, fragte Beckmann.

Sie lächelte bitter, als sie den Kopf leicht zur Seite neigte: »Reden ist besser als Stille?«

»Sie mochten sie nicht?«

»Sie war die selbstsüchtigste und kaltherzigste Frau, der ich je begegnet bin.«

Er sagte nichts, wartete darauf, dass sie weitersprach, doch Emilia Hollstein blieb stumm. Sie saß nach vorn gebeugt, die Hände über den zusammengepressten Knien gefaltet. Den Blick hatte sie auf den Boden gerichtet.

»Der Tod berührt uns dennoch«, sagte Beckmann leise.

Sie schaute hoch, sah ihn an. Schließlich sagte sie kaum hörbar: »Was gibt Eltern das Recht, ihr Leben zu leben und uns alleine zu lassen mit der Scham, ihre Kinder zu sein?«

»Sie haben uns das Leben gegeben.«

»Ohne dass sie uns gefragt hätten.«

»Was wir daraus machen, liegt an uns.«

»Nur, wenn sie uns lassen.«

»Wie könnten sie es verhindern?«

»Meine Mutter konnte es, verlassen Sie sich drauf!« Sie erhob sich ruckartig. »Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ich vernachlässige alle Gesetze der Höflichkeit.«

»Keineswegs«, entgegnete Beckmann, der ebenfalls aufgestanden war.

»Ich habe eine Bitte.«

»Ja?«

»Frau Hollstein, ich muss Sie bitten, Ihre Mutter zu identifizieren.«

Da war er wieder, als sie ihm gegenüberstand: Er sog den Duft ihrer Haut, ihres Haares ein, der leicht und frisch war mit einer Spur von Zitrone und Zimt über einer machtvollen Moschusnote.

»Geht es Ihnen gut?«, fragte sie.

»Ging mir nie besser!«, erwiderte er.

»Jetzt gleich?«

»Bitte?«

»Die Identifizierung.«

»Wenn es Ihnen möglich ist.«

»Sie gestatten, dass ich mich umziehe?«

»Selbstverständlich. Eine Frage hätte ich noch.«

»Ja?«

»Verraten Sie mir den Namen Ihres Parfüms?«

»Gehört das zu Ihren Ermittlungen?«

»Selbstverständlich! Jedes Detail ist von Interesse.«

»Dann muss ich Sie enttäuschen, Herr Kommissar. Um diese Tageszeit lege ich kein Parfüm auf. Niemals!«, sagte sie und verschwand hinter einer Zimmertür.

Sie hatte darauf bestanden, selbst zu fahren. Ihm war es recht, denn es gab ihm Zeit, sich zu besinnen. Jedoch bedauerte er, sie nicht bei sich zu wissen. Sie folgte ihm in die Rechtsmedizin, was ihm gefiel. Er wusste, wo sie war, wenn er in den Rückspiegel schaute. Er erlebte einen Moment der Vertrautheit, den er nicht empfinden sollte.

Er fuhr umsichtiger als gewohnt, um sie nicht zu verlieren. Der Hund saß neben ihm. Aufmerksam nahm er am Prozess des Fahrens teil.

»Es wird Zeit, dass ich dich loswerde«, sagte Beckmann und schaute in den Rückspiegel.

König hatte die Leiche passabel hergerichtet. Beckmann hatte sie zuvor angerufen und ihr Kommen angekündigt. Blut und Kot waren abgewaschen, die klaffenden Kopfwunden durch Haare und ein Tuch verdeckt worden. Johanne Hollsteins Augen waren geschlossen.

Mit einem Nicken bestätigte Emilia Hollstein die Identität der Toten, wandte sich jedoch nicht ab. Sie beschaute das Gesicht ihrer Mutter wie jemand, der sichergehen wollte, dass er es mit einer Leiche zu tun hatte. Es schien, als wollte sie durch den Körper hindurchsehen und jedem Detail des Todes nachspüren.

»Sie sieht friedfertig aus«, sagte sie schließlich.

»Das liegt im Auge des Betrachters«, sagte Beckmann, nicht sicher, ob sie es aufrichtig meinte. Doch sie schien gänzlich ernsthaft.

Emilia Hollstein suchte seine Augen und hielt sie fest. »Sie kannten sie nicht, als sie noch lebte«, sagte sie, ohne den Blick von ihm zu nehmen. Dann verließ sie den Raum.

Sie stand auf dem Parkplatz vor der Rechtsmedizin und inhalierte den Rauch einer Zigarette. Emilia Hollstein trug ein Sommerkleid, hell und heiter, das ihre Figur betonte. Ihre Schultern waren bloß und braun wie ihre Beine. Sie hatte die anmutigsten Fesseln. Elegant schwang sich die Linie der Wade hinab zur Ferse.

»Wollen Sie mich jetzt verhaften?«, fragte sie.

»Würde Sie das reizen?«

»Sie fanden mein Verhalten vorhin sicher ungebührlich.«

»Ungewöhnlich«, erwiderte Beckmann. Er holte seinen Notizblock heraus. »Sagen Sie, wie kann ich Ihre Geschwister erreichen? Sie müssen verständigt werden.«

»Es tut mir leid, Herr Hauptkommissar«, sagte sie entschieden. »Ich habe keinen Kontakt mit ihnen, mit niemandem aus der Familie.«

»Das ist schade«, entgegnete er und steckte sein Notizbuch wieder weg.

»Müssen Sie mich nicht verhören?«, fragte sie.

»Wir müssen reden, das ist wahr.«

»Gibt es Vorschriften bezüglich des Ortes?«

»Ich werde diesbezüglich die Dienstvorschriften konsultieren«, entgegnete er und zündete sich eine Zigarette an.

»Soweit mein Kenntnisstand mich nicht trügt, werden prominente Verdächtige in ihren Privaträumen befragt.«

»In der Tat. Das gilt besonders für attraktive weibliche Verdächtige.«

»Dann erwarte ich Sie heute um sieben zum Abendessen. Wenn es Ihnen recht ist?«

»Das ist keine Frage des Rechts, mehr der Pflicht«, erwiderte er.

»Dann versuchen Sie’s mal mit Neigung«, sagte sie, als sie in ihren Wagen stieg.

Beckmann sah ihr nach, bis sie die Ausfahrt genommen und sich seinem Blick entzogen hatte.

Sein Handy läutete. Er nahm ab und sprach kurz mit Aila. Er musste zurück ins Präsidium. Die Presse hatte Wind bekommen von Johanne Hollsteins Tod. Er ging zu seinem alten Benz und öffnete die Wagentür. Es war heiß und stickig im Inneren, stickiger als draußen, obwohl er das Schiebedach offengelassen und den Wagen in den Schatten gestellt hatte. Dem Hund schien die Wärme nichts auszumachen. Gut gelaunt sprang er Beckmann auf den Arm, fuhr seine Zunge aus, leckte seinem neuen Herrn übers Gesicht. Beckmann war die Nähe unangenehm, gleichzeitig beglückte ihn die Freude seines Gefährten. Das Tier sprang aus dem Wagen und rannte einige schnelle Runden auf dem Parkplatz. Es kam zurück, stellte sich auf seine Hinterpfoten, streckte sich an Max’ Bein, stieß sich wieder ab. Der kleine Hund bellte, freudig, am Leben zu sein, freudig darüber, sich in Bewegung zu wissen. Beckmann kam nicht umhin zu lächeln. Der Hund machte vor Beckmanns Füßen Sitz, schaute ihn erwartungsfroh an. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, und er bellte, als wollte er seinem Herrn etwas sagen.

»Hast du Hunger?«, fragte Beckmann, sich plötzlich bewusst, dass der Hund seit gestern nichts gefressen hatte.

Das haarige Wesen richtete den Blick auf den Menschen vor ihm und neigte den Kopf zur Seite.

»Futter?«, fragte der Mensch erneut.

Der Kleine neigte den Kopf zur anderen Seite, die krummen, kräftigen Beine trippelten auf und ab. Er kannte das Wort.

»Was frisst so ein Tier?«, fragte sich Beckmann. Er dachte an die Reklame für Gourmetgerichte in Aluschälchen, die feine Damen in tief ausgeschnittenen Abendkleidern ihren haarigen Lieblingen auf Porzellan servierten und mit einem Petersiliensträußchen garnierten.

»Das kannst du vergessen«, sagte er zu dem kleinen Hund. »In Afrika hungern Kinder!« Er machte ein Zeichen in den Wagen hinein. Der Welpe sprang auf den Beifahrersitz.

»Wenn du glaubst, das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft, dann hast du dich getäuscht«, sagte Beckmann und ließ den Motor an.

Der kleine Hund schien ausländische Küche zu mögen. Ohne zu zögern, schlang er die Kebabbrocken hinunter, die Max ihm zuwarf, selbst das eine oder andere Fetzchen Salat fraß er gierig. Beckmann hatte ein schlechtes Gewissen, wenn er daran dachte, dass er das Tier so lange hatte fasten lassen.

Er bat den Mann hinter dem Tresen der Döner-Bude um einen tiefen Plastikteller und etwas Wasser für seinen neuen Begleiter, worüber sich der Hund zu freuen schien. Beckmann konnte sehen, wie sich der kleine Bauch zu einer Kugel ausformte.

Er sah auf die Uhr. Es war halb zwölf. Zeit für die Pressekonferenz. Wieder machte er sich Vorwürfe. Der Hund hatte den improvisierten Wassernapf restlos leer geleckt. Beckmann nahm sich vor, in Zukunft Kebab mit weniger Schärfe zu bestellen. Er wischte sich die Soße aus dem Gesicht und von den Händen, dann warf er den Müll in den blauen Abfallbehälter, der neben einem weißen Stehtisch stand. Beckmann fühlte sich klebrig, nicht nur wegen der Joghurtsoße. Er steckte den Teller ein, ging zum Wagen, wo er – peinlich berührt – wartete, bis sich der kleine Hund am Tischbein erleichtert hatte.

Thyra und Bert lagen nackt auf zwei Sonnenliegen im Schatten der Bäume. Sie hatten eine Sangria angesetzt, die sie aus hohen Gläsern tranken. Linda und Judith waren im Tierasyl, so hatten sie Haus und Garten für sich.

»Was machen wir mit Judith?«, fragte Thyra schläfrig. Ihre braune Haut glänzte schweißnass.

»Breitenbach glotzt dir auf die Möse!«

»Und wenn?«, erwiderte Thyra, öffnete die Schenkel und winkte zum Nachbargrundstück hinüber.

Bert fuhr den Mittelfinger aus. »Geile alte Sau!«

»Lass ihn.«

»Er hat ein Teleskop, der geile Bock!« Bert wischte sich mit dem Handtuch übers Gesicht. »Fick deine Alte!«, rief er und lachte: »Wenn du kannst!«

»Ich trau ihr nicht!«

Bert hatte sich abgeregt. »Judith?«, fragte er.

»Sie wird Ärger machen!«

»Lass sie doch.«

»Ich hab Linda gesagt, sie soll uns Ketamin mitbringen.«

Berts Augen leuchteten. »Geil!«

»Nicht nur für dich!«

»Wir machen’s wie mit den Alten?«, fragte er freudig erregt.

»Genau! Heute Abend ist Judith dran«, sagte sie und kratzte sich zwischen den Beinen. »It’s showtime!«

Die Pressekonferenz verlief, wie Pressekonferenzen verlaufen. Beckmann bestätigte Namen und Alter der Toten, bestätigte, dass die Polizei den Tod als unnatürlich qualifiziere. Nein, zum Tathergang lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nichts Genaues sagen.

Aus Versehen griff sich Beckmann ein warmes Kaltgetränk und war angewidert von der klebrigen Süße, die im Mund zurückblieb. Er öffnete ein ungekühltes Mineralwasser, das nicht viel änderte.

Er gab unverbindliche Antworten auf nichtssagende Fragen, bat die Öffentlichkeit um Mithilfe, dankte für die Aufmerksamkeit und verschwand eilig durch eine Seitentür, um sich wichtigeren Dingen zu widmen. Es war höchste Zeit, dem Tierasyl einen Besuch abzustatten.

Auf dem Weg zum Auto klingelte Beckmanns Telefon. Kerstin Konstantin, eine befreundete Journalistin, zeigte sich enttäuscht von der Pressekonferenz.

»Ich brauche Details! Du bist mir was schuldig«, sagte sie fordernd.

»Du bist mir was schuldig!«, entgegnete Beckmann.

Kerstin lachte. »Du willst mich zappeln lassen, ich kenn dich, Beckmann.«

»Was krieg ich dafür?«

Sie dachte nach. »Eine Geschichte, wenn du sie brauchst?«

Beckmann wusste, dass er sie ohnehin bekommen würde. Journalisten waren eine gewissenlose Spezies. Ein Aufmacher war ein Aufmacher, auch wenn er sich später als Zeitungsente herausstellen würde. Wen interessierte das – zwei Tage später? Er gab ihr das Nazigedöns am Tatort. »Sollen die Täter ruhig glauben, dass wir darauf reinfallen«, dachte Beckmann.

Kerstin schien zufrieden.

»Vergiss nicht: Jetzt bist du mir was schuldig!«, erinnerte er sie.

Sie lachte wieder. »Dafür hättest du mir was geben müssen, was ich nicht schon weiß!«

Er fuhr nach Osten, verließ die stickige Stadt. Das Thermometer hatte sich nahe der 40-Grad-Marke eingependelt.

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