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Bayou Billionaires - Reich wie Midas und sündhaft sexy (4-teilige erotische Serie)

Catherine Mann, Joanne Rock

Bayou Billionaires - Reich wie Midas und sündhaft sexy (4-teilige erotische Serie)

PROLOG

„Ich muss gestehen, dass ich mir aus Football eigentlich überhaupt nichts mache.“

Prinzessin Erikas Bemerkung kam für Gervais Reynaud ziemlich überraschend. Immerhin saßen sie seit vier Stunden in einer privaten Zuschauerlounge des Wembley-Stadions. Dort würde sein Team in zwei Monaten zu einem Freundschaftsspiel antreten.

Als Besitzer der New Orleans Hurricanes hatte Gervais eigentlich Wichtigeres zu tun, als sich an der Gesellschaft dieser vornehmen nordischen Prinzessin zu erfreuen. Sie saß auf dem Platz neben ihm, während sie sich ein Fußballspiel anschauten. Diese Sportart hatte allerdings herzlich wenig mit dem amerikanischen Football zu tun. Dennoch fand er das Spiel bis jetzt ungeheuer spannend, und er hatte gedacht, der Prinzessin ginge es ebenso. Schließlich stammte sie aus königlichem Haus und diente ihrem Land beim Militär. Da hätte er schon erwartet, dass sie sowohl sportlich als auch sportbegeistert wäre.

In ihrer schlichten grauen Uniform mit den Goldlitzen und Orden wirkte sie zwar durchtrainiert, aber von dem Fußballspiel auf dem grünen Rasen dort unten war sie sichtlich gelangweilt.

Auch wenn Gervais europäischem Fußball längst nicht so viel abgewinnen konnte wie amerikanischem Football, so nötigten ihm die sportlichen Leistungen, die die beiden erstklassigen Mannschaften zeigten, Bewunderung und Respekt ab. Diese Athleten zählten zu den besten der Welt.

Gervais’ eigentliche Aufgabe heute bestand darin, sich mit den Örtlichkeiten des Stadions vertraut zu machen, damit er sein Team darauf vorbereiten konnte. Mit dem Erwerb der New Orleans Hurricanes hatte er seinen geschäftlichen Ruf aufs Spiel gesetzt. Sämtliche Finanzberater hatten ihm von diesem Schritt vehement abgeraten. Natürlich gab es Risiken. Aber Gervais war noch nie vor einer Herausforderung zurückgeschreckt. Das lag nicht in seiner Natur. Und jetzt hing seine Karriere vom Erfolg der Hurricanes ab. Wegen seines illustren Familiennamens war die Presse seit jeher an ihm interessiert. Aber seit er Eigentümer des Teams geworden war, hatte das überhandgenommen.

Sein Aufenthalt in Großbritannien, um sich mit dem Wembley-Stadion vertraut zu machen, bot ihm eine willkommene Pause von der Belästigung durch neugierige Reporter. Das Interesse an amerikanischem Football war hierzulande nicht besonders groß. Daher konnte er sich unbefangen bewegen und das Spiel genießen, ohne ein Blitzlichtgewitter befürchten zu müssen.

Allerdings wünschte er sich, er könnte die Hurricanes heute spielen sehen. Die Leitung des Trainerteams hatte er einem seiner Brüder anvertraut. Ein anderer Bruder spielte auf der Position des Quarterbacks. Etliche Sportreporter daheim waren der Meinung, dass er mit dieser Besetzung einen großen Fehler begangen hatte.

Sie warfen ihm gar Vetternwirtschaft vor. Aber da kannten sie die Reynauds schlecht.

Niemals hätte er Familienmitglieder ausgewählt, wenn sie nicht die besten für den Job gewesen wären. Vor allem deshalb nicht, weil er als Eigentümer des Teams endlich Gelegenheit hatte, seinen eigenen Weg zu gehen. Er hatte es satt, nur ein Rädchen im Getriebe des großen Familienimperiums aus Schiffsmogulen und Footballstars zu sein.

Doch um erfolgreich zu sein, musste er das politische Spiel mit ebenso geschickter Strategie beherrschen wie das Spiel auf dem Feld. Als Clubbesitzer war er das Gesicht der Hurricanes. Das bedeutete auch, mit dieser temperamentvollen Prinzessin höfliche Konversation zu betreiben. Auch wenn sie nicht verstanden hatte, dass sein Footballteam nicht zu den Mannschaften gehörte, die sich gerade im Wembley-Stadion ein spannendes Match lieferten. Vermutlich war ihr das ziemlich egal.

Er lehnte sich auf dem weißen Ledersofa zurück und warf spielerisch einen ledernen Football von Hand zu Hand. Er war ein Geschenk eines PR-Mannes des Londoner Fußballclubs, der Gervais willkommen geheißen und ihm seinen Platz gezeigt hatte. Die Zuschauerlounge leerte sich allmählich, denn das Spiel war beendet. Die Londoner Mannschaft hatte das andere britische Team im Kampf um die Landesmeisterschaft knapp geschlagen. „Liegt es am Ball?“, fragte er. „Mögen Sie den nicht?“

Mit einer anmutigen Handbewegung strich sie sich über das sorgfältig hochgesteckte weißblonde Haar. „Oh nein, das ist es nicht. Vielleicht ist mein Englisch nicht so gut, wie ich es mir wünschen würde“, antwortete sie mit einem kaum wahrnehmbaren Akzent. Offensichtlich hatte sie eine gute Erziehung genossen. Ihre Englischkenntnisse schienen ausgezeichnet, und ihre Aussprache war ziemlich sexy. Allerdings bemerkte sie nicht, dass der Ball, den Gervais in den Händen hielt, im Gegensatz zu dem runden Ball auf dem Spielfeld oval war. „Mir gefällt das Spiel nicht. Das Fußballspiel.“

„Dann würde mich interessieren, warum Ihr Land ausgerechnet Sie als Repräsentantin zum Endspiel entsandt hat.“ Verdammt, sie war viel zu schön, um wahr zu sein, und ihre maßgeschneiderte Uniform füllte sie genau an den richtigen Stellen aus. „Hat man Sie ausgesucht, um Sie für einen unerhörten Verstoß gegen die Regeln des Königshauses zu bestrafen?“

Wenn sie das alles nicht interessierte, warum ging sie dann nicht, jetzt da das Spiel zu Ende war? Was hielt sie hier noch, um an ihrem Champagnerglas zu nippen und sich mit ihm zu unterhalten? Und viel wichtiger, was hielt ihn selbst noch hier? Immerhin hatte er für heute Abend einen Rückflug gebucht.

„Zunächst einmal gehöre ich nicht zu einem regierenden Königshaus.“ Sie setzte das Glas ab und blickte ihn aus eisblauen Augen an. Eisblau wie das kalte Land, dem sie entstammte. „Seit über fünfundvierzig Jahren sind wir keine Monarchie mehr. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, bin ich nur die jüngste von fünf Töchtern. Es spielt keine Rolle, ob mir diese Sportart gefällt oder nicht. Mir scheint, Sie und ich haben ganz einfach verschiedene Interessen.“

„Bleibt immer noch die Frage, warum Sie hier sind.“ Er war neugieriger, als er sein sollte.

Zum Beginn des Spiels waren sie einander nur kurz vorgestellt worden. Und seitdem wünschte er sich, mehr über diese faszinierende, wenn auch ziemlich zugeknöpfte Frau zu erfahren.

„Meine Mutter war nicht besonders glücklich mit meiner Entscheidung, eine Militärlaufbahn einzuschlagen. Wäre ich ein Mann, hätte sie das niemals hinterfragt. Aber sie macht sich Sorgen darüber, dass ich nicht genug am gesellschaftlichen Leben teilnehme und unverheiratet bleibe. Mein Wert scheint für sie nur davon abzuhängen, wie viele Kinder ich bekomme.“ Sie verdrehte missbilligend die Augen und schlug die langen schlanken Beine übereinander. „In Anbetracht der Tatsache, dass ich meinen Lebensunterhalt ganz allein bestreite, finde ich das einfach lächerlich. Außerdem sind fast alle meiner älteren Schwestern verheiratet und vermehren sich wie die Waschbären.“

„Wie die Kaninchen.“

Sie hob die blonden Augenbrauen. „Wie bitte?“

„Sich vermehren wie die Kaninchen, so lautet die Redensart“, erklärte er und unterdrückte ein breites Grinsen.

„Merkwürdig“, meinte sie und runzelte die Stirn. „Kaninchen sind süß und flauschig, Waschbären dagegen weniger niedlich. Ich finde, Waschbären passen besser“, stellte sie fest, als ob sie nur durch ihre Bemerkung den Sprachgebrauch ändern könnte.

„Mögen Sie Kinder nicht?“, hörte er sich fragen. Er hätte jetzt auch aufstehen und sie hinausbegleiten können. Damit wäre den gesellschaftlichen Umgangsformen Genüge getan.

Aber wann hatte er das letzte Mal mehr als ein paar Worte mit einer Frau gewechselt? Abgesehen von geschäftlichen Besprechungen? Es schadete bestimmt nichts, wenn er sich noch ein paar Minuten mit ihr unterhielt.

„Ich glaube nicht, dass man ein Dutzend Erben produzieren muss, um eine Monarchie zu stabilisieren, die gar nicht mehr existiert.“

Ein gutes Argument und eine unerwartete Antwort. „Also muss ich nicht befürchten, dass Sie sich den Spielern an den Hals werfen?“

Er deutete zum Spielfeld, auf dem sich die siegreiche Mannschaft gerade selbst feierte.

„Auf keinen Fall“, erwiderte sie so schnell und energisch, dass er lachen musste.

Es war erfrischend, eine Frau kennenzulernen, die zur Abwechslung einmal kein Sportgroupie war.

„Was genau tun Sie denn beim Militär?“, fragte er und stellte verwundert fest, dass sein Rückflug vorübergehend in Vergessenheit geraten war.

„Eigentlich bin ich Krankenschwester. Aber beim Militär sind meine Sprachkenntnisse gefragt. Ich arbeite als diplomatische Dolmetscherin.“

Er hob erstaunt die Augenbrauen. „Wie bitte?“

„Was ist daran so schockierend? Haben Sie den Eindruck, als ob es mir an Intelligenz mangeln würde?“

Daran mangelte es ihr gewiss nicht. Und auch nicht an gutem Aussehen. Sie war unglaublich sexy.

„Sie sind wunderschön und sehr wortgewandt. Sie sprechen fließend Englisch. Natürlich sind Sie intelligent.“

„Und Sie sind ein Schmeichler“, erwiderte sie vorwurfsvoll. „Ich bin zwar im Moment Dolmetscherin, aber meine Dienstzeit ist bald zu Ende. Ich habe vor, meinen eigentlichen Beruf durch eine Zusatzqualifikation zu ergänzen. Ich werde eine Zusatzausbildung in Aromatherapie machen. Ich bin besonders daran interessiert, wie sich Düfte auf die menschliche Psyche auswirken. Zum Beispiel, um Stress zu bewältigen, das Immunsystem zu stärken, Allergien zu bekämpfen oder den Energiehaushalt zu regulieren.“

„Und wo wird diese Ausbildung stattfinden?“

„Ich habe einen Platz in einem Ausbildungsprogramm hier in London bekommen. Ich hatte gehofft, ich könnte beim Militär als Krankenschwester arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln. Aber meine Vorgesetzten hatten da andere Pläne mit mir. Und ich möchte mein Berufsleben nicht als Dolmetscherin verbringen.“

„Ich bin beeindruckt“, sagte er und nickte anerkennend mit dem Kopf.

„Vielen Dank“, erwiderte sie, während sie sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr strich. „Und jetzt erklären Sie mir bitte, was ich wissen muss, um bei meiner Rückkehr nach Hause einen intelligenten Kommentar über all diese Muskelmänner auf dem Spielfeld da unten abzugeben.“

Er erhob sich und streckte einen Arm aus, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. „Leider weiß ich nur wenig über europäischen Fußball, Prinzessin. Die Sportart, die mein Team zu Hause betreibt, unterscheidet sich wesentlich davon.“

Sie erhob sich mit der Anmut einer Frau, die eher in Ballsälen glänzte als bei Ballsportarten. Und dennoch hatte sie sich dafür entschieden, einen Beruf zu ergreifen und ihrem Land beim Militär zu dienen.

Prinzessin Erika Mitras hatte den Rang eines Hauptmanns inne und entsprach so gar nicht seinen Erwartungen. Als er ihren Namen auf der Gästeliste entdeckt hatte, war ein ganz anderes Bild vor seinem geistigen Auge entstanden. Er hatte sich die ausländische Würdenträgerin entweder als arrogante Diva vorgestellt oder aber als Fußballgroupie, die auf eine Gelegenheit erpicht war, die Spieler kennenzulernen.

Bis jetzt hatte er noch nicht viele Leute getroffen, die es wagten, ihm zu sagen, dass sie Football nicht mochten. Sei es nun europäischer oder amerikanischer. Tatsächlich gab es nicht viele Menschen in seinem Leben, die sich nichts aus Sport machten. Schiffe mochten die Quelle des Reichtums der Familie sein, aber Football war seit jeher ihre Leidenschaft.

Daher schien es ihm seltsam, dass Erikas Desinteresse an Sport sie noch anziehender für ihn machte. Sie löste ein Verlangen in ihm aus, das er bisher noch für keine Frau empfunden hatte.

Vermutlich hatte seine heftige Begierde auch mit der Tatsache zu tun, dass er hier nicht unter den wachsamen Augen der amerikanischen Presse stand. Wenn er sich geschickt anstellte, konnte er möglicherweise seinen Impulsen nachgeben, ohne irgendwelche Konsequenzen für seine Familie oder sich selbst fürchten zu müssen.

Er trat einen Schritt näher und legte eine Hand der Prinzessin in seine Armbeuge. Dabei stieg ihm ihr zimtartiger Duft in die Nase. „Während ich das tue, könnten wir zusammen London unsicher machen. Essen gehen, Theater oder was immer Sie möchten. Nur wir zwei. Was sagen Sie dazu?“

Flüge konnte man schließlich umbuchen.

Sie blickte zu ihm auf und studierte mit ihren strahlend blauen Augen für einen Moment sein Gesicht, bis sich die Andeutung eines Lächelns um ihre Mundwinkel abzeichnete. „Aber nur, wenn wir nach Ihrer kurzen und hoffentlich aufschlussreichen Erläuterung über die Unterschiede zwischen diesen Ballsportarten kein Wort mehr über Sport verlieren.“

„Versprochen“, erwiderte er feierlich.

„Dann bin ich dabei.“

Er lächelte in sich hinein. Wer hätte gedacht, dass Zimt so aufregend sein konnte?

1. KAPITEL

Zweieinhalb Monate später

New Orleans, Louisiana

Prinzessin Erika Birgitta Inger Freya Mitras von Holsgrof wusste, wie man einen wahrhaft königlichen Auftritt hinlegte. Ihre Mutter hatte sie in dieser Hinsicht ausführlich unterwiesen.

Dafür war Erika ihr dankbar, während sie ihren Mut sammelte, um das Trainingsfeld zu überqueren, auf dem sich eine Schar hünenhafter Männer tummelte. Noch mehr Mut und Selbstvertrauen verlangte es ihr ab, einem ganz bestimmten Mann auf diesem Feld gegenüberzutreten: dem Anführer dieser vor Testosteron strotzenden Truppe und Eigentümer dieser hochmodern ausgestatteten Trainingsanlage.

Spieler in schwarz-goldenen Trikots rannten über den Rasen und ließen ihre großen Schulterpolster aneinanderkrachen. Die Luft war erfüllt von zornigen Ausrufen, Grunzlauten und Flüchen. Trainer liefen neben den Spielern her und bellten Anweisungen oder pfiffen auf schrillen Trillerpfeifen.

Vor einem Monat hatte Erika ihre militärische Laufbahn beendet. Die Hoffnung, ihrem Land auch in Kampfeinsätzen dienen zu können, hatten ihre Eltern zunichtegemacht. Dank deren Einflussnahme hatte man ihr einen Schreibtischjob in Aussicht gestellt und eine Position, die vor allem repräsentative Pflichten umfasste. Das war auch der Grund, warum sie schon während ihres Besuchs im Wembley-Stadion so frustriert gewesen war. Frustriert, zornig, haltlos und leichtsinnig.

Viel zu leichtsinnig. Dieser Leichtsinn hatte zu einem ebenso genussreichen wie leidenschaftlichen Wochenende geführt. Und er hatte sie jetzt hierher gebracht. Nach New Orleans. Zu Gervais.

Ihre Absätze versanken im weichen Gras des Trainingsplatzes der New Orleans Hurricanes. Eigentlich hatte sie vermutet, diese amerikanische Sportart würde auf Kunstrasen ausgetragen. Doch Vermutungen waren etwas, das sie während ihres Abenteuers hier unbedingt vermeiden musste.

Nach seiner Abreise aus Großbritannien hatte sie nicht beabsichtigt, Gervais wiederzusehen. Ihr gemeinsames Wochenende voller Leidenschaft und atemberaubendem Sex war eine Flucht gewesen. Eine Flucht vor den Regeln und protokollarischen Vorschriften, die ihr Leben sonst so sehr beschränkten. Zwar hatte es in ihrer Vergangenheit Beziehungen gegeben, aber die jeweiligen Partner waren immer von ihren Eltern ausgewählt und sorgfältig überprüft worden. Gervais war der erste Mann, den sie sich selbst ausgesucht hatte.

Und wie sich herausstellte, war ihre Wahl auf einen Mann gefallen, den sie so leicht nicht vergessen konnte.

Über das Spielfeld hinweg spürte sie seinen Blick wie eine Berührung. Vermutlich hatte er sie wegen der plötzlich eingetretenen Stille bemerkt. Die Spieler hielten in ihren Bewegungen inne, und es war kein Geräusch mehr zu hören.

Alles andere um sie herum nahm Erika nur noch schemenhaft wahr, als sie die Augen auf Gervais richtete. Er stand bei den Tribünen. Er wirkte groß und durchtrainiert, auch wenn er weniger muskulös war als die Sportler auf dem Feld. Sie wusste, dass er in seiner Jugend und während des Studiums selbst Football gespielt hatte. Dann hatte er eine andere Laufbahn eingeschlagen und im Reedereiunternehmen seiner Familie gearbeitet. Bis er sich entschloss, das Team der New Orleans Hurricanes zu kaufen. Mittlerweile kannte Erika den Unterschied zwischen amerikanischem Football und europäischem Fußball. Sie wusste auch, dass Gervais mit seiner Entscheidung große Aufmerksamkeit in der Presse erregt hatte.

Er hatte ihr nicht viel über sich erzählt. Aber vor ihrer Reise nach New Orleans war es ihr ein Bedürfnis gewesen, möglichst viele Informationen über ihn und seine Familie zu sammeln. Es war erstaunlich, was eine kurze Internetrecherche zutage fördern konnte.

Die Familie stammte von französischen Einwanderern ab und hatte ihr Vermögen in der Schifffahrt verdient. Gervais’ Großvater Leon hatte die Firma zu einem florierenden Kreuzfahrtunternehmen ausgebaut. Auch die Sportbegeisterung der Familie hatte er in einen erfolgreichen Geschäftszweig verwandelt, indem er ein texanisches Footballteam kaufte. Die Anteile vermachte er seinem ältesten Sohn Christophe, der sie sofort verkaufte und stattdessen ein Baseballteam erwarb. Ein Affront, der zu einem tiefen Zerwürfnis in der Familie führte.

Seinen Enthusiasmus für Football gab Leon an seinen jüngeren Sohn Theo weiter. Dessen vielversprechende Karriere als Quarterback in Atlanta geriet jedoch durch eine Verletzung in Gefahr. Theos exzessiver Lebenswandel nach der Scheidung von einem gefeierten Supermodel tat sein Übriges, und so kam die Karriere bald zu einem Ende.

Drei Söhne stammten aus dieser Ehe, Gervais, Henri und Jean-Pierre. Außerdem gab es da noch Dempsey, ein Sohn aus einer früheren Affäre. Alle seine Söhne hatten die väterliche Leidenschaft für Football geerbt, am College gespielt und galten nun als aussichtsreiche Kandidaten für die nationale Footballliga. Während die beiden älteren Söhne sich dafür entschieden, ihren Geschäftssinn in das noch recht neue Team der Hurricanes einzubringen, setzten die beiden jüngeren ihre aktive Laufbahn auf dem Spielfeld fort.

Die Reynaud-Brüder waren vor allem in Louisiana bekannt. Ihre sportlichen Heldentaten wurden ebenso diskutiert wie die Frauen in ihrem Leben. In der Lobby ihres Hotels hatte Erika genug Gesprächsfetzen aufgeschnappt, um sich zu fragen, ob auch sie Gegenstand solcher Unterhaltungen sein würde, wenn ihre Bekanntschaft mit Gervais an die Öffentlichkeit gelangte. Es gab wohl kaum einen Weg, sich in dieser Footballwelt auf Dauer zu verstecken.

Football. Eine Sportart, aus der sie sich noch immer nicht viel machte. Damit hatte Gervais sie während ihres Wochenendes in London mehr als einmal aufgezogen. Ein Wochenende, das sie überwiegend unbekleidet verbracht hatten. Vor ihrem geistigen Auge erschien das verführerische Bild seines muskulösen Körpers. Sie erschauerte, während sie an ihre leidenschaftlichen Umarmungen dachte.

Der eindringliche Blick aus seinen dunklen Augen heizte ihre Erinnerungen noch mehr an, als er auf sie zuging. Mit seinen langen Beinen bewältigte er die Entfernung in kurzer Zeit. Sein Jackett und die Kakihose deuteten darauf hin, dass er sich mitten in einem Arbeitstag befand. Als er vor ihr anhielt, blendeten seine breiten Schultern die Sonne aus. Sein attraktives Gesicht lag im Schatten, aber sie musste es nicht deutlich sehen, um zu wissen, dass sein markantes Kinn mit Bartstoppeln bedeckt war. Bereits Sekunden, nachdem er sich rasiert hatte, schienen sie nachzuwachsen. Das leichte Kratzen seiner Bartstoppeln auf ihrer nackten Haut hatte sich unauslöschlich in Erikas Gedächtnis eingebrannt.

Plötzlich fiel es ihr schwer zu atmen.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Willkommen in den Vereinigten Staaten, Erika. Ich wusste nichts von deinem Besuch. Ich dachte, du machst dir nichts aus Sport.“

„Und trotzdem bin ich hier.“ Sie hatte das dringende Bedürfnis nach Privatsphäre. Sie brauchte einen Ort jenseits der gleißenden Sonne Louisianas und der neugierigen Blicke des gesamten Footballteams, um ihm den Grund für ihre Reise über den Atlantik in diesen schwülen sumpfigen Staat zu erklären. „Das ist kein offizieller Besuch“, fügte sie hinzu.

„Und du bist nicht in Uniform.“ Sein Blick glitt über ihr leichtes Wickelkleid.

„Meine Dienstzeit ist beendet. Jetzt werde ich mich wieder meiner Ausbildung widmen.“ Weit weg vom Militär und von ihren Eltern, die immer noch eine Position als übersetzendes Aushängeschild für sie vorsahen. „Ich bin hier wegen einer Fachtagung zum Thema Aromatherapie.“ Ihr Interesse an diesem Thema entsprach der Wahrheit, ganz im Gegensatz zu der Tagung, die ein frei erfundener Vorwand für ihren Aufenthalt hier war.

„Ich erinnere mich. Düfte zur Heilung. Könntest du meinen Spielern nicht ein paar wirkungsvolle Deodorants empfehlen? Sie hätten es dringend nötig.“ Ein Lächeln umspielte seinen sinnlichen Mund.

Erika schloss kurz die Augen. Sie war müde wegen des langen Flugs und nicht in der Verfassung, Höflichkeiten auszutauschen. Geschweige denn, sich Sticheleien über ihre beruflichen Interessen anzuhören. „Können wir uns irgendwo unter vier Augen unterhalten?“

Kurz studierte er ihr Gesicht, dann warf er einen Blick über die Schulter. „Ich befinde mich mitten in einem Treffen mit Sponsoren. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Abendessen?“

„Ich bin nicht gekommen, um dich zu verführen“, sagte sie – hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.

Er hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich hatte eigentlich eine kulinarische Spezialität des Staates Louisiana im Sinn, nicht Sex. Aber da wir gerade von Sex reden …“

„Das tun wir nicht“, unterbrach sie ihn. „Bring deine Besprechung zu Ende, wenn es nötig ist. Aber ich muss wirklich dringend mit dir sprechen. Unter vier Augen. Es sei denn, du möchtest, dass unsere Privatangelegenheiten vor dem ganzen Team diskutiert werden.“

Sie selbst war jedenfalls nicht bereit, die Tatsache, dass sie mit dem nächsten Erben der Familie Reynaud schwanger war, hier in aller Öffentlichkeit darzulegen.

Sie war tatsächlich da. Erika, die verführerische Prinzessin, die seit ihrem Abschied vor drei Monaten seine Träume belebt hatte. Obwohl er seine gesamte Aufmerksamkeit der Verhandlung mit den Sponsoren hätte widmen sollen, konnte er die Augen nicht von ihr abwenden. Von ihren aufregenden Kurven und dem platinblonden Haar, das ihr ein fast überirdisches Aussehen verlieh.

Er sollte sich aufs Geschäft konzentrieren. Aber sie war einfach zu faszinierend. Und viel zu sexy.

Offenbar war jedes Mitglied des Teams auf dem Spielfeld derselben Meinung. Die Blicke der Männer hingen wie gebannt an ihr.

Nachdem Gervais sich mit Erika für den Abend verabredet und sie eingeladen hatte, sich das Training von der Tribüne aus anzusehen, kehrte er zu den Sponsoren zurück. Für deren Unterhaltung hatte zwischenzeitlich Beau Durant gesorgt, der mit den personellen Angelegenheiten des Teams betraut war. Beau war ein alter Freund aus Collegetagen und teilte Gervais’ Begeisterung dafür, ein Footballteam zu leiten. Er verstand es, seinen Enthusiasmus mit kühlem Geschäftssinn zu paaren, und leistete neben seiner Tätigkeit in dem Konzern seiner Familie für die Hurricanes hervorragende Arbeit.

„Gervais, ich würde gern noch bleiben, aber wir haben noch eine andere Verabredung. Ich melde mich bei dir“, verabschiedete sich Beau.

„Danke, Beau. Bis später“, sagte Gervais und erwiderte den festen Händedruck seines ehemaligen Zimmergenossen.

Beau warf einen neugierigen Blick auf die Prinzessin, aber er stellte keine Fragen. Er war ein geschäftstüchtiger Mann, der die Privatsphäre seiner Mitmenschen respektierte. Schließlich wolle er ja auch nicht, so pflegte er zu sagen, dass andere Leute ihre Nase in seine Angelegenheiten steckten.

Beau war nicht der Einzige, dessen Blick auf Erika ruhte – das gesamte Team starrte sie an. In Gervais erwachte der Beschützerinstinkt.

„Dempsey, haben die Jungs nicht was Besseres zu tun, als herumzustehen und wie pubertierende Teenager ein hübsches Mädchen anzuglotzen?“, rief er seinem Halbbruder zu.

Dempsey grinste. „Alles klar, Männer. Macht mit dem Training weiter. Fürs Herumstehen und Gaffen werdet ihr schließlich nicht bezahlt. Kommt schon, bewegt euch.“

Henri Reynaud, der Quarterback der Hurricanes und Gervais’ Bruder, bedachte seinen Coach mit einem amüsierten Blick, setzte dann den Helm wieder auf und ging zurück auf seine Position. Der Louisiana-Bomber, wie er von seinen Fans seit der Studienzeit genannt wurde, würde schon noch herausfinden, was es mit der Schönen dort auf sich hatte.

Dempsey kritzelte ein paar Zahlen auf das Papier in seinem Klemmbrett und fragte beiläufig: „Was ist denn nun mit dem königlichen Besuch?“

„Es gibt ein paar unbeantwortete Fragen aus unserer gemeinsamen Zeit in England“, antwortete Gervais ausweichend.

„Eure gemeinsame Zeit?“, wiederholte Dempsey und schnalzte mit der Zunge.

Gervais war klar, dass er ebenso gut mit der Wahrheit herausrücken konnte. Mit einer etwas abgeschwächten Wahrheit. Denn die Geschehnisse in London würden sich auf Dauer nicht geheim halten lassen. „Wir hatten eine … heimliche Affäre.“

„Verdammt heimlich, wenn noch nicht einmal ich was davon mitbekommen habe.“ Dempsey verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, nicht allzu beleidigt auszusehen.

„Du warst mit dem Team beschäftigt. Ganz so, wie es sein sollte.“

„Also hast du eine interkontinentale Beziehung zu Europas begehrtester Prinzessin?“

„Liest du etwa die Klatschpresse, Dempsey?“, fragte Gervais mit einem Augenzwinkern.

Dempsey zuckte die Schultern. „Irgendwie muss ich ja mit den teilweise etwas sonderbaren Hobbys der Spieler mithalten.“

„Lass die Gute bloß nicht hören, dass sie eine begehrte Prinzessin ist. Sie ist Soldatin. Möglicherweise bekommst du von ihr einen Tritt in den Hintern.“

„Wirklich? Soldatin? Das ist erstaunlich.“

„Sie hat mir erzählt, dass männliche Mitglieder der königlichen Familie immer zum Militär gehen. Warum also nicht auch Frauen? Allerdings hat sie gerade ihre Dienstzeit beendet.“ Es kam ihm vor, als hätte sie sich mit dieser Tatsache noch nicht abgefunden. Kein Wunder, er wusste selbst, wie schwierig es war, seinen Platz in einer erfolgreichen Familie zu finden.

„Für Carole wird es ein Freudenfest, diese Meldung für die Presse auszuschmücken. Eine königliche Hoheit als Freundin. Wirklich nett, Kumpel. Du bist mir schon einer“, erklärte Dempsey und grinste. Carole Montemarte war für die Öffentlichkeitsarbeit der Hurricanes verantwortlich.

Nur, dass diese Meldung nicht der Wahrheit entsprach. Erika hatte alle seine Anrufe ignoriert. Und nach seiner Abreise aus London hatte er einige Male versucht, sie anzurufen. Ihre gemeinsame Zeit war ihm unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt.

Trotzdem, für eine derartige Fernbeziehung hatte er weder die Zeit noch die Energie. Das wusste er, und daher waren seine Versuche eher pflichtschuldig gewesen. Vielleicht hatte sie das geahnt und ihn deshalb ignoriert.

Aber warum war sie dann so unverhofft hier aufgetaucht?

Nun, das würde er wohl bald herausfinden.

2. KAPITEL

Für Erika war es eigentlich nichts Besonderes, in einer Limousine zu fahren. Ein solcher Luxus gehörte zu dem Privileg ihrer königlichen Abstammung. Es sollte sich normal anfühlen, von einem Chauffeur durch die Gegend kutschiert zu werden und dabei den Sonnenuntergang zu betrachten. Den Wagen hatte Gervais geschickt, um sie vom Hotel zu seinem Haus zu bringen. Es kam Erika vor, als hätte sie ihre halbe Kindheit auf der Rückbank einer Limousine verbracht, während sie und ihre Familie von einer Veranstaltung zur nächsten fuhren.

Heute jedoch war nichts normal. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie hatte sich selbst nie als Mutter einer Kinderschar gesehen, hatte nie geglaubt, sie könnte in der Mutterrolle aufgehen wie ihre Schwestern. Es war nicht so, dass sie keine Kinder wollte. Aber es war alles so schnell gegangen. Obendrein mit einem Mann, dessen Zuneigung sie sich nicht sicher sein konnte.

Bei dem Gedanken an Gervais begann sich in ihrem Kopf alles zu drehen. Allein die Vorstellung, ihm von ihren ungeahnten gemeinsamen Interessen zu erzählen, verwandelte ihren Magen in einen Knoten. Wie um alles in der Welt sollte sie ihm das beibringen? Sie hatte die Neuigkeiten ja selbst kaum verdaut. Aber es gab Geheimnisse, die man einfach nicht für sich behalten konnte. Und wenn sie Gervais die Wahrheit zu ihren eigenen Bedingungen eröffnen wollte, musste es bald geschehen.

Heute Abend.

In diesem Moment bemerkte sie, dass der Wagen angehalten hatte. Zwangsläufig musste sie in die Realität zurückkehren – und weder königlicher Glanz noch Luxus würden an dieser Realität etwas ändern. Sie trug ein eisblaues Kleid, das sie ausgewählt hatte, weil es sie an ihre Heimat erinnerte. An die Kraft, die ihrem kleinen Land innewohnte. Sie musste sich das ins Gedächtnis rufen, bevor sie Gervais gegenübertrat.

Sosehr sie es auch versuchte, sie wurde die Erinnerung daran, wie er sie angesehen hatte, nicht los. Sein Blick war wie eine Berührung. Ein wohliger Schauer durchrieselte sie bei dem Gedanken daran.

Der Chauffeur öffnete ihr die Wagentür, und sie stieg aus der Limousine. Ganz bewusst richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und hob stolz den Kopf. Eine sanfte Brise strich ihr über die Haut und die Haare. Instinktiv griff sie nach der mit Saphiren besetzten goldenen Nadel, die ihr Haar im Nacken zusammenhielt. Die Nadel war ein kostbares Erbstück und seit Jahrhunderten im Besitz ihrer Familie.

Sie befestigte die Nadel neu, während sie das Anwesen der Familie Reynaud in Augenschein nahm. Die letzten Strahlen der Sonne trafen sich mit dem matten Licht des bereits aufgegangenen Mondes. Sterne begannen an Louisianas Himmel zu funkeln. Der Weg zum Eingangstor war von Lichtern eingegrenzt, die im Dämmerlicht leuchteten.

Erika hob die Augen zu der mächtigen hellen Fassade vor ihr. Sie war antiken griechischen Tempeln nachempfunden, mit weiten Bögen und mächtigen Säulen, wie Erika beeindruckt feststellte. Und dabei war sie in Palästen aufgewachsen und eigentlich nicht so leicht zu beeindrucken.

Als sie die Stufen zu dem prächtigen Gebäude erklomm, verschwand die Sicherheit, die ihr die Berührung der goldenen Haarnadel verliehen hatte. Doch bevor sie die Nerven verlieren und umkehren konnte, fuhr die Limousine an und die Flügeltür des großen Hauses öffnete sich. Nun gab es kein Zurück mehr.

Die gewaltige Eingangshalle war durch mehrere gelblich schimmernde Deckenleuchten erhellt. Ihr Licht warf einen dezenten Schimmer auf große Wandmalereien, die Jagdszenen zeigten. Eine elegant geschwungene Freitreppe führte in die oberen Etagen. Amerikanischer Adel, dachte Erika bei sich und strich ihr Kleid glatt.

Eine Hausangestellte geleitete sie in einen Raum, der rechts an das Foyer angrenzte. Es war ein repräsentativer Speisesaal mit seidenen Vorhängen, Stühlen mit aufwendiger Schnitzerei und verschwenderischen Blumenarrangements in imposanten Bodenvasen aus Marmor. Solche Räume kannte Erika nur zu gut, und sie mochte sie nicht. Sie waren oft unpersönlich, kalt und protzig. So wie dieser hier.

Sie folgte der Hausangestellten in das nächste Zimmer, das wesentlich einfacher und gemütlicher war. Kein Zweifel, dieser Raum wurde von der Familie als Wohnzimmer genutzt. Die Möbel waren geschmackvoll, aber nicht pompös. Es herrschten Pastelltöne vor, und augenblicklich verspürte Erika den Wunsch, sich mit einem guten Buch und einer Tasse Tee auf das große einladend wirkende Sofa zu kuscheln. An der Stirnseite des Zimmers befand sich eine gut ausgestattete Bar, und hohe Fenster ermöglichten den Blick auf den Außenpool und das dahinter liegende Gelände, das wie ein Park gestaltet war. An einer Seite des Zimmers schien ein Durchgang zu einem weiteren Raum zu führen. Vielleicht ein Schlafzimmer mit angrenzendem Bad?

Erika biss sich auf die Unterlippe. Sie war nicht hier, um die Einrichtung zu bewundern oder sich Gedanken zur Architektur zu machen. Sie musste einem Mann, den sie kaum kannte, mitteilen, dass er demnächst Vater werden würde. Und dass diese Tatsache ein gefundenes Fressen für die Presse wäre, wenn sie und Gervais keine gemeinsame Regelung fanden.

Apropos Gervais, wo steckte dieser Mann eigentlich, fragte sie sich, als er in der geöffneten Terrassentür auftauchte. Groß. Muskulös. Das kantige Gesicht leicht gebräunt, das dunkle Haar zerzaust. Er lächelte, als er ihrem Blick begegnete.

Plötzlich hatte Erika das Gefühl, nur noch aus Nerven zu bestehen. Ihre Haut begann zu prickeln, und sie machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts. Auf ihn zu.

Sie schaute sich um. Außer zwei Hausangestellten konnte sie niemanden erblicken. „Wo ist der Rest deiner Familie?“

„Dempsey besitzt ein eigenes Haus ganz in der Nähe. Meine jüngeren Brüder Jean-Pierre und Henri teilen sich ein Haus am nordwestlichen Ende des Sees. Mein Großvater wohnt mit mir hier. Dieses Haus ist am längsten im Besitz der Familie. Deshalb ist es ihm vertraut. Und es ist immer jemand da, der sich um ihn kümmert. Großvater ist alt und wird immer vergesslicher. Wir tun für ihn, was wir können.“

„Das tut mir leid.“

„Heutzutage gibt es hervorragende Medikamente. Es geht ihm den Umständen entsprechend wirklich gut. Außerdem besitzt er einen hartnäckigen Lebenswillen.“ Gervais’ Lächeln wirkte gequält. Es war ihm anzusehen, dass er sich selbst Mut machte. Und dass er es gewohnt war, seinen Großvater zu verteidigen.

„Und wo wohnen die anderen Familienangehörigen?“

„Machst du dir Sorgen, sie könnten unangemeldet über uns herfallen?“, fragte er mit erhobenen Augenbrauen.

Sie wurde rot. Nur nicht die Nerven verlieren, ermahnte sie sich selbst. Jetzt galt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Auch wenn sie seinen Blick wie eine Berührung auf der Haut spürte. „Vielleicht.“

„Mein Vater lebt in Texas und kommt nicht so oft hierher. Jean-Pierre ist mit seinem Team in New York, und Henri wohnt die meiste Zeit im Garden District von New Orleans. Also steht ihr Haus hier im Moment leer.“

Er drehte sich um und bedeutete ihr, ihm nach draußen zu folgen. Fasziniert kam sie seiner Aufforderung nach. Irgendetwas hatte er an sich. Etwas Gefährliches, das sich nicht auf den ersten Blick deuten ließ. Und das machte ihn so unerhört sexy.

Und genau das, erinnerte sie sich selbst, hatte sie in diese Situation gebracht.

Gervais ließ seinen Blick über die überdachte Veranda schweifen. Als sie seinem Blick folgte, bemerkte sie den großen Whirlpool und den aufwendigen Springbrunnen am anderen Ende. Der Springbrunnen schien genau wie das Haus dem antiken Griechenland zu entstammen. Aus einer verborgenen Anlage drang leise Musik, die sich mit dem sanften Plätschern der Wellen im See vermischte.

„Oh, wir essen draußen“, stellte Erika beim Anblick eines gedeckten Tisches erstaunt fest.

Sie holte tief Atem. Die Luft war angenehm mild heute Abend und nicht so feucht wie sonst oft. Der große runde Tisch war mit einem weißen Tischtuch, feinem Porzellan, Silberbesteck, Kristallgläsern, Kerzen in silbernen Haltern und frischen Blumen in einer geschwungenen Vase gedeckt. Deckenventilatoren sorgten für willkommene Luftbewegung.

„Ich habe dir eine kulinarische Spezialität aus Louisiana versprochen.“ Zuvorkommend rückte er ihr den Stuhl zurecht. „Und ich habe mein Wort gehalten. Es gibt Gumbo, ein Eintopf aus Gemüse und Meeresfrüchten.“

Während sie sich setzte, wurde sie sich schlagartig seiner Nähe bewusst. Sie konnte die Wärme spüren, die sein Körper abstrahlte. Kurz blinzelte sie und versuchte, sich auf das Essen zu konzentrieren. Gervais nahm gleichfalls Platz, hob die silbernen Deckel von den Warmhalteplatten und tat ihr auf.

„Danke. Dein Zuhause ist wunderschön“, bemerkte sie.

„Diese alten Plantagenhäuser besitzen viel Charakter. Mir ist klar, dass die Geschichte deiner Heimat viele Jahrhunderte weiter zurückreicht als die meines Landes. Wir können weder mit alten Burgen und Schlössern noch mit spannenden Überlieferungen aufwarten. Aber auch hier gibt es Orte, die geschichtlich interessant sind. Dieses Haus gehört dazu.“

„Die Architektur und die Einrichtung sind überwältigend. Ich kann verstehen, warum du hier leben willst.“ Wenn Amerikaner über ihre kolonialen Städte sprachen, betonten sie immer den europäischen Charme, den diese besaßen. Aber damit stellten sie ihr eigenes Licht unter den Scheffel, fand Erika. Städte wie New Orleans waren wie ein Schmelztiegel von verschiedenen Kulturen, die willkürlich zusammengeworfen worden waren. Und aus dieser Mischung war etwas Neues entstanden, das sich gänzlich von Europa unterschied.

„Falls du ein Restaurant vorziehst, kein Problem“, sagte er, während er ihr den Brotkorb reichte.

„Nein, auf keinen Fall. Hier gefällt es mir besser. Mehr Privatsphäre.“ Sie hob eine Hand. „Versteh das bitte nicht falsch. Ich meinte Privatsphäre für eine Unterhaltung.“

„Ja, schon klar“, erwiderte er. „Du hast deinen Standpunkt ja vorhin schon deutlich gemacht.“

Gumbo mit Meeresfrüchten, rote Bohnen, Reis und zum Nachtisch starken Kaffee und mit Puderzucker bestäubte Donuts. Es war ein Festmahl, das Erikas Geschmacksnerven zum Schwingen brachte.

„Wie war die Fahrt vom Hotel hierher?“, erkundigte er sich.

„Schön. Die vielen Bäume mit diesem gigantischen Moos sind wundervoll. Und das Wasser reicht oft fast bis zum Straßenrand, als ob das Meer jeden Moment über die Ufer treten würde.“ Die Landschaft mit ihrer üppigen Vegetation unterschied sich grundlegend von Erikas felsiger rauer Heimat. Bisher gefiel ihr New Orleans außerordentlich gut.

„Du könntest hier wohnen statt im Hotel“, schlug er vor.

„Deshalb bin ich nicht gekommen“, sagte sie kühl. Obwohl ihr ganzer Körper in der Nähe dieses Mannes vor Verlangen zu vibrieren schien.

„Und weshalb dann? Nachdem du mich in London ohne ein Wort des Abschieds verlassen hast?“

Das hatte er sich also gemerkt. In ihrem Kopf begannen all die sorgfältig formulierten Sätze zu kreisen, die sie sich seit dem Beginn dieser Reise zurechtgelegt hatte.

„Das tut mir leid. Ich dachte, es würde die Dinge für uns beide leichter machen. Es war eine Affäre ohne Zukunft. Schließlich trennt uns ein ganzer Ozean. Ich wollte uns eine schmerzhafte Abschiedsszene ersparen.“

Damals war sie noch davon ausgegangen, dass sie ihr normales Leben einfach so wieder aufnehmen könnte. Aber all ihre Pläne wurden zunichtegemacht, als sie erfuhr, dass sie schwanger war.

„Und meine Anrufe? Ich habe dir Nachrichten hinterlassen, dass ich dich sprechen möchte.“

„Ich dachte, du wolltest nur höflich sein. Ein Gentleman. Das war sehr ehrenwert von dir. Aber es ist nicht genug für eine Beziehung.“

Er hob die Augenbrauen. „Da wir gerade von Höflichkeit sprechen – war es wirklich zu viel verlangt, wenigstens einen meiner Anrufe zu erwidern? Ich hätte schon erwartet, dass du mir diese Höflichkeit erweist.“

„Du bist wütend. Und du hast jedes Recht dazu. Ich entschuldige mich für meine falsche Entscheidung.“

„Jetzt bist du ja hier. Wegen einer Tagung, wenn ich mich richtig erinnere.“

„Das entspricht eigentlich nicht der Wahrheit.“ Nervös spielte Erika mit ihrem Lederarmband. „Ich habe es nur gesagt, falls jemand zuhört. Ich bin gekommen, um dich zu sehen. Um mich bei dir zu entschuldigen. Und um mit dir zu sprechen.“

„Über was möchtest du denn mit mir sprechen?“

„Darüber, wie wir mit unerwarteten Konsequenzen unseres gemeinsamen Wochenendes umgehen könnten.“

Alarmiert schaute er auf. „Unerwartete Konsequenzen? Wie wäre es, wenn du mir einfach sagen würdest, was du auf dem Herzen hast, anstatt mich zu einem Ratespiel zu zwingen?“

Sie tupfte sich mit der Serviette die Mundwinkel ab, als wollte sie sich noch ein paar Sekunden erkaufen, bevor sich ihr Leben für immer ändern würde. Dann faltete sie das Tuch sorgfältig zusammen und legte es neben ihren Teller, bevor sie Gervais in die Augen blickte. „Ich bin schwanger. Das Kind ist von dir.“

Von allen Dingen, die sie hätte sagen können, war Gervais auf diese Neuigkeit am wenigsten vorbereitet. Er wusste, dass er jetzt etwas sagen musste. Etwas Geistreiches und Tröstliches. Aber er fand keine Worte. Stumm schaute er sie an.

Sie war genauso schön und verführerisch wie an dem Abend, an dem sie sich kennengelernt hatten. Aber irgendetwas war anders an ihr. Vielleicht die Art, wie sie sich bewegte. Oder ihre Körperhaltung. Das hätte ihn warnen sollen.

Ihre Miene war schwer zu lesen. Sie wirkte ebenso distanziert wie kühl und schlug die Augen nieder, damit er den Ausdruck darin nicht erkennen konnte. Er ließ den Blick über ihr blondes Haar, den schmalen Hals und das zerbrechlich wirkende Schlüsselbein gleiten. Vor ihm saß eine Prinzessin und nicht das leidenschaftliche Mädchen mit dem offenen zerwühlten Haar, das ihn während ihres wilden Wochenendes in London so für sich eingenommen hatte.

Er konnte sich noch an jede einzelne Sekunde mit ihr erinnern. Obwohl seitdem Monate vergangen waren, hatte er nichts vergessen. Weder ihren Duft, noch ihren Geschmack oder den Klang ihrer Stimme.

Er musste etwas sagen, das der Situation angemessen war. Das ihr angemessen war. Er sammelte seine Gedanken und suchte nach den richtigen Worten.

Trotz seiner Bemühungen brachte er nur ein einziges Wort hervor. „Schwanger.“ So viel zu einer angemessenen Rede.

Auf ihrem Gesicht zeichnete sich Enttäuschung ab. Natürlich hatte sie das Recht, mehr von ihm zu erwarten. Aber ihm wollte einfach nichts einfallen. Nach ein paar Sekunden peinlichen Schweigens veränderte sich ihr Gesicht. Von Enttäuschung war nichts mehr zu sehen. Stattdessen kam sie ihm nun vor wie eine Eisprinzessin. Stark, unnahbar und unerhört sexy in ihrem femininen Kleid, das die Farbe ihrer Augen widerspiegelte. Unablässig spielte sie mit ihrem auffälligen Lederarmband.

„Ja, und ich bin absolut sicher, dass das Kind von dir ist.“

„Das habe ich nicht infrage gestellt.“

„Ich wollte das nur klarstellen. Obwohl es heutzutage mit der Option eines DNA-Tests wohl kaum möglich ist, in dieser Sache zu lügen.“ Sie runzelte die Stirn. „Brauchst du Zeit zum Nachdenken? Wir können auch zu einem späteren Zeitpunkt darüber sprechen. Du kommst mir etwas blass vor.“

Blass? Das konnte sein, schließlich fühlte er sich, als wäre er mit einem hundertdreißig Kilo schweren Footballspieler zusammengeprallt. Allerdings hatte er sich zu seiner aktiven Spielerzeit von so einem Zusammenstoß schneller erholt. Jetzt ging es jedoch um mehr, um viel mehr. Er musste besonnen vorgehen.

„Ein Kind ist immer ein Grund, sich zu freuen.“ Behutsam nahm er ihre Hand, bereit, sie sofort loszulassen, wenn es Anzeichen gab, dass ihr seine Berührung nicht angenehm war. Dabei musste er gegen das dringende Bedürfnis ankämpfen, Erika in seine Arme zu ziehen. „Ich bin nur überrascht. Wir haben doch aufgepasst.“

„Offenbar nicht genug. Du … äh … hast die Kondomverpackung manchmal etwas ungeduldig aufgerissen. Vielleicht ist bei einem dabei ein Loch entstanden.“

Er zog scharf den Atem ein. „Puh … Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“

„Das war kein Vorwurf.“ Sie entzog ihm ihre Hand. „Nur die Feststellung einer Tatsache.“

„Na schön. Also, du bist schwanger von mir. Wann sollen wir zum Standesamt fahren, um zu heiraten?“

„Machst du Witze? Ich bin nicht wegen eines Heiratsantrags in die Vereinigten Staaten gekommen.“

„Aber das ist es, was ich dir anbiete. Hättest du es lieber auf traditionelle Weise? Kein Problem.“ Er stand auf und ging vor ihr auf die Knie. „Heirate mich, und lass uns das Kind gemeinsam großziehen.“

Ihre Augen weiteten sich. Sie sprang auf und blickte sich um. Gab es am Ende Zeugen für diese Szene? „Steh auf. Du machst dich lächerlich.“

Er erhob sich. „Lächerlich?“

Zum ersten Mal seit er sie kannte, wirkte sie wirklich nervös. Sie trat einen Schritt zurück und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Das ist vielleicht das falsche Wort. Aber so etwas sieht dir gar nicht ähnlich. Und es ist nicht das, was ich will.“

„Und was willst du?“

„Dass du Bescheid weißt. Und das tust du ja nun. Und ich möchte mit dir besprechen, ob du Anteil an dem Leben des Babys haben willst, bevor ich Entscheidungen bezüglich meines eigenen Lebens treffe.“

„Anteil haben? Ich will mein Kind großziehen, verdammt noch mal.“

„Also gemeinsames Sorgerecht.“

Er nahm ihre zitternden Hände in seine und hielt sie fest. „Du hast mich nicht verstanden. Ich will mein Kind großziehen.“

„Unser Kind.“

„Natürlich.“ Mit den Daumen strich er behutsam über die Innenseite ihrer Handgelenke. „Lass uns Frieden schließen, damit wir dieses Gespräch in aller Freundschaft führen können.“

Als sie die Schultern sinken ließ, führte er sie zu einer Bank am anderen Ende der Veranda. Dort setzten sie sich nebeneinander hin.

Sie nickte. „Ich möchte das auch friedlich regeln. Deshalb bin ich gekommen.“

„Und darüber bin ich froh.“ Er legte ihr einen Arm um die Schultern. Als er die Wärme ihres Körpers spürte, musste er sich beherrschen, um sie nicht an sich zu ziehen. „Mein Bruder Dempsey wuchs in dem Glauben auf, dass sein Vater ihn nicht wollte. Das hat ihn verunsichert und geängstigt. Ich werde nicht zulassen, dass es meinem Kind genauso ergeht. Dieses Baby soll von Anfang an wissen, dass es erwünscht ist und geliebt wird.“

„Natürlich soll unser Kind in dem Bewusstsein aufwachsen, dass beide Eltern es lieben.“

„Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“

„Welche Frage?“

„Die lächerliche Frage von dem Kerl auf den Knien. Willst du mich heiraten?“

3. KAPITEL

„Dich heiraten? Aber ich kenne dich doch gar nicht.“ Erikas Stimme zitterte. Eine Ehe? Sie wollte Hilfe und Beistand von Gervais. Aber ihn heiraten? Das Wort hallte wie ein Echo in ihr wider.

„Wir kannten uns gut genug, um Sex zu haben“, wandte Gervais ein. „Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich versuche, das Richtige zu tun. Wir könnten nur standesamtlich heiraten und uns in einem Jahr wieder scheiden lassen. Dann wird unser Kind später wissen, dass wir es ernsthaft miteinander probiert haben, es jedoch leider nicht funktioniert hat.“ Er wirkte sachlich. Ruhig und pragmatisch.

Trotzdem verdoppelten sich Erikas Ängste. Das alles ging viel zu schnell. Und dieser Plan war viel zu ausgeklügelt. Auf keinen Fall wollte sie einer Familie angehören, die alles tat, nur um den Schein zu wahren. Sie hatte sich dafür entschieden, auf eigenen Füßen zu stehen. Und sie wollte in ihrem Leben etwas erreichen.

Sie kämpfte gegen ihre Panik an und bemühte sich um einen kühlen Kopf. „Hast du dir das so auf die Schnelle ausgedacht? Oder hast du Übung mit solchen Situationen?“, fragte sie scharf. Die Vorstellung von Gervais in den Armen einer anderen Frau versetzte ihr einen Stich.

„Es ist mein Ernst“, sagte er nur und rückte ein Stück näher an sie heran.

Sie studierte sein Gesicht. Den zuckenden Muskel an seinem Kinn. Die hellen Reflexe in seinem dichten dunklen Haar. Sogar jetzt in diesem Moment fand sie ihn unglaublich attraktiv. Doch das reichte noch lange nicht aus, damit sie den Verstand verlor. „Den Eindruck gewinne ich allmählich auch.“

„Und ich habe den Eindruck, dass du meinen Heiratsantrag ablehnst.“ Er lehnte sich zurück und stützte die Hände auf die Oberschenkel.

„Damit liegst du absolut richtig. Es ist noch viel zu früh, um über eine Ehe zu sprechen. Und für den Fall, dass du es vergessen hast: Ich habe vor, meine Ausbildung in Großbritannien fortzusetzen.“

„Willst du nicht einmal über meinen Antrag nachdenken?“, fragte er mit weicher Stimme und legte den Kopf zur Seite. „Nicht einmal um des Kindes willen? Lass mich in der Schwangerschaft und in der ersten Zeit nach der Geburt für dich sorgen. Währenddessen kannst du meine Familie kennenlernen. Und wenn die Footballsaison vorbei ist, können wir Zeit mit deiner Familie verbringen.“

Erbost sprang Erika auf und trat ein paar Schritte zurück. „Habe ich denn dabei gar nichts zu sagen? Du bist ziemlich aufdringlich. So hatte ich dich gar nicht in Erinnerung.“

Auch Gervais stand nun auf und näherte sich ihr langsam, Schritt für Schritt, bis sie einander fast berührten. „An was erinnerst du dich denn?“

„Falls du versuchst, mich zu verführen, damit ich tue, was du willst …“ Sie verlor den Faden, schloss kurz die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Das war gar nicht so einfach in seiner Nähe.

„Falls? Anscheinend gebe ich mir nicht genug Mühe.“ Er ließ die Hände über ihre Arme gleiten.

Sie erschauerte. Und für einige wenige Sekunden war sie drauf und dran, ihm nachzugeben. Ihm und ihrem eigenen Verlangen. Aber der Gedanke an ihr ungeborenes Kind brachte sie wieder zur Vernunft.

Sie hielt seine Hände fest. „Hör auf damit. Ich spiele keine Spielchen. Ich bin gekommen, um dich von meiner Schwangerschaft zu unterrichten und nicht, um irgendwelche Forderungen zu stellen. Und ganz sicher nicht, um wieder mit dir anzubändeln.“

Er ließ die Hände sinken und blickte sie finster an. „Das würde ich gern klarstellen. Wenn ich gesagt hätte, dass ich nichts mit dem Kind zu tun haben wollte, wärst du einfach wieder gegangen?“

„Du hättest nie wieder etwas von mir gehört oder gesehen“, erwiderte sie eisig. Für einen solchen Mann hatte sie keine Verwendung. Eines musste sie allerdings zugeben: Auch wenn ihr sein Heiratsantrag ziemlich fordernd vorkam, Gervais zählte anscheinend zu den Männern, die sich ihrer Verantwortung stellten und ihr Kind nicht im Stich ließen.

„Das wird mir nicht noch einmal passieren. Du hast dich einmal sang- und klanglos aus dem Staub gemacht. Ein zweites Mal wird dir das nicht gelingen.“

Hatte er sich nach ihrem gemeinsamen Wochenende wirklich ein Wiedersehen gewünscht? Noch vor Kurzem hatte sie die Antwort auf diese Frage gar nicht wissen wollen. Sie hatte schlicht Angst gehabt zu entdecken, dass er nur aus Pflichtbewusstsein und Höflichkeit den Kontakt zu ihr gesucht hatte. Und nach all dem, was sie miteinander geteilt hatten, war sie sich nicht sicher gewesen, ob sie Anzeichen von kühler Distanz in seiner Stimme ertragen hätte. Jetzt allerdings würde sie nie mehr erfahren, was seine ursprünglichen Absichten gewesen waren.

Sie holte tief Atem, straffte die Schultern und sortierte ihre Gedanken. „Du kannst mich nicht so einfach herumkommandieren. Ich werde mich nicht zu einer Heirat nötigen lassen, weil du das für eine gute Idee hältst. Ich habe meine eigenen Pläne.“

Über die Jahre hinweg hatten viele Leute ihren Willen und ihre Entschlossenheit unterschätzt, nur weil sie das Etikett „Prinzessin“ trug. Ihre kommandierenden Offiziere, ihre Lehrer und sogar ihre eigenen Eltern. Sie würde Gervais schon zeigen, wie viel Feuer und Durchsetzungsvermögen sie besaß.

„Ich verstehe das“, murmelte er sanft. „Aber das schließt doch nicht aus, dass wir jetzt auch gemeinsame Pläne machen.“

Die Anspannung in ihr ließ ein wenig nach. „Es ist gut zu wissen, dass du auch vernünftig und nicht nur impulsiv sein kannst.“

Er zuckte die Schultern. „Um diesem guten Eindruck gerecht zu werden, mache ich dir einen vernünftigen Vorschlag: Wir verbringen die nächsten vier Wochen …“

„Zwei Wochen“, unterbrach sie ihn. Sie hatte bereits ihr normales Leben unterbrochen und war um den halben Erdball für ihn gereist.

Er nickte. „Also schön, zwei Wochen. Wir verbringen sie gemeinsam, um uns besser kennenzulernen und Pläne für das Kind zu machen. Du kannst hier bei mir wohnen. Es gibt etliche Zimmer und Gästeapartments, damit du deine Privatsphäre hast. Ich werde nichts unternehmen, was du nicht willst. Wir nutzen die Zeit, um eine gemeinsame Basis zu finden.“

„Und wenn wir in diesem Zeitrahmen keinen Erfolg haben?“ Erika war zumute, als würde sie über einen geschäftlichen Abschluss verhandeln. Aber vielleicht genügten ja zwei Wochen, um Gervais zur Vernunft zu bringen.

„Dann werde ich dir wohl in deine Heimat folgen müssen. Was hältst du davon, wenn ich im Hotel anrufe und deine Sachen hierherschicken lasse? Du siehst aus, als würdest du jeden Moment im Stehen einschlafen.“

„Du schlägst also ernsthaft vor, dass ich meine Pläne aufgebe und bei dir einziehe?“ Sie deutete auf das Haus. Zwei Wochen mit ihm zusammen unter demselben Dach, dieser Teil hörte sich weniger nach einem geschäftlichen Abschluss an. Schon bei der Vorstellung bekam sie eine Gänsehaut.

„Du bekommst dein eigenes Bett, falls du darauf bestehst“, erwiderte er mit einem anzüglichen Grinsen. „Aber wenn wir das Beste aus diesen zwei Wochen machen wollen, wäre es schon gut, wenn du hier wohnen würdest. Außerdem kann ich hier besser für deine Sicherheit sorgen.“

„Für meine Sicherheit sorgen?“, wiederholte sie verständnislos. „Warum sollte das nötig sein?“

„Wegen dem Footballverein und der Reederei ist meine Familie weithin bekannt. Das kann Segen und Fluch zugleich sein. Die Fans sind sehr leidenschaftlich. Die meisten von ihnen sind harmlos und wohlmeinend, aber es gibt auch einen harten Kern, der jedes Spiel absolut persönlich nimmt. Und es kann durchaus so weit kommen, dass jemand Rache für eine vermeintlich falsche Entscheidung nehmen will.“ In seinem Kinn zuckte ein Muskel. „Da dein Baby auch mein Baby ist, wird es dem gleichen Risiko ausgesetzt sein wie jedes andere Mitglied der Familie Reynaud. Wenn du nicht um deinetwillen hierbleiben willst, dann tu es für das Kind. Wir sind hier absolut sicher.“

Damit hatte er den einzigen Grund gefunden, über den sie nicht streiten konnte. Dennoch musste sie vorsichtig sein. Sie brauchte Zeit, um über die Folgen nachzudenken, die ihre Einwilligung in dieses Arrangement haben konnte. Aber jetzt war sie viel zu erschöpft dazu.

„Ich bin tatsächlich total müde. Es war ein langer und emotional anstrengender Tag. Es wäre schön, wenn mir jemand eines der Gästeapartments zeigen könnte, von denen du gesprochen hast. Zumindest heute Nacht werde ich hierbleiben.“

„Natürlich.“ Er nahm sein Mobiltelefon zur Hand und tippte auf das Display. „Du findest dort alle Toilettenartikel, die du benötigst. Gleich kommt jemand, um dir alles zu zeigen und dafür zu sorgen, dass du alles hast, was du brauchst.“

Noch bevor er seinen Satz beendet hatte, erschien eine junge Frau an der Tür. Vermutlich hatte Gervais sie per SMS herbeigerufen.

Offenbar hatte er es ernst gemeint, dass er ihr Privatsphäre zubilligen würde, wenn sie mit ihm unter einem Dach lebte. Das wusste sie zu schätzen, obwohl die Leichtigkeit, mit der er dieses Arrangement getroffen hatte, sie auch in Erstaunen versetzte. Hatte die Verkündung ihrer Schwangerschaft diesen kühlen Mann denn überhaupt nicht erschüttert?

„Vielen Dank.“ Sie blickte ihm in die Augen, und einmal mehr nahm seine männliche Ausstrahlung ihr fast den Atem. Sie trat einen Schritt zurück, um Distanz zwischen ihnen zu schaffen. Sie brauchte Abstand. Und Schlaf.

„Ich habe ein ziemlich langes Trikothemd der Hurricanes. Ich lasse es dir hinaufbringen. Du kannst es als Nachthemd benutzen“, sagte er, ohne sie aus den Augen zu lassen.

Etwas in seiner Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

Das letzte Mal, als sie die Nacht unter einem Dach verbracht hatten, waren sie kaum zum Schlafen gekommen. Und sie hatte auch kaum Verwendung für ein Nachthemd gehabt.

Als sie sich von Gervais verabschiedete, hatte sie das untrügliche Gefühl, dass er sich dieser Tatsachen ebenso bewusst war wie sie.

Sie schloss die Tür hinter sich, lehnte sich dagegen und stieß den Atem aus. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihn angehalten hatte.

Neugierig blickte sie sich in dem Wohnzimmer des Gästeapartments um. Dies war ein anderer Einrichtungsstil, als sie es gewöhnt war. Fließende, nahezu durchsichtige Gardinen verschleierten den Blick auf den Pontchartrain-See. Während sie ins Schlafzimmer zu dem überbreiten, üppig ausgestatteten Bett ging, verursachten ihre Absätze auf dem Marmorfußboden des Wohnraums klackernde Geräusche. Sie konnte nicht widerstehen und strich mit einer Handfläche über den seidigen weißen Bettüberwurf, während sie den antiken handgeschnitzten Nachttisch aus dunklem Holz näher in Augenschein nahm. Etliche kostspielig aussehende Toilettenartikel waren auf dem Tisch aufgereiht.

Erika öffnete den Verschluss einer Flasche mit Körperlotion und schnupperte daran. Ein dezentes Jasmin-Aroma stieg ihr in die Nase. Dann inhalierte sie den fruchtigen Duft eines Haarshampoos.

Dieses Haus war alt. Nicht so alt wie die Burg, auf der sie aufgewachsen war, aber auch dieses Gebäude besaß eine eigene Geschichte. Und es vermittelte ein ganz anderes Lebensgefühl als die Schlossmauern in ihrer winterlichen Heimat. Hier schien alles großzügiger und heller zu sein. Bei der Errichtung dieses Hauses hatten sich die Erbauer mehr von der Bequemlichkeit für die Bewohner leiten lassen als von repräsentativen Erwägungen.

Sie ließ sich auf das Bett fallen und war nicht im Geringsten überrascht, dass es genauso komfortabel war, wie es aussah. Auf dieser Matratze war ihr zumute, als würde sie auf einer Wolke schweben.

Es war ein tröstliches Gefühl, das sie im Moment gut gebrauchen konnte. Ihr gesamtes Leben wurde gerade auf den Kopf gestellt. Sie kam sich vor wie losgelöst von allem, was ihr bekannt und vertraut war. Das war befreiend und beängstigend zugleich. Ihre Laufbahn beim Militär war vorüber. Dort waren während der vergangenen Jahre ihre Wege stets vorherbestimmt gewesen. Damit schien es nun vorbei. Erika hatte das Gefühl, in einem Fluss zu treiben, in dem sich widersprechende Bedürfnisse und unabwägbare Verantwortlichkeiten durcheinanderwirbelten.

Ja, sie wollte ihren Traum verwirklichen. Sie wollte in Großbritannien ihre Ausbildung zur Fachkrankenschwester beenden. Das war ihr sehnlichster Wunsch. Aber dieser Traum schien nicht mehr so leicht in die Tat umzusetzen wie noch vor drei Monaten.

Sogar jetzt, tausende Meilen entfernt von ihrer Heimat, spürte sie den Druck, den ihre Familie auf sie ausübte. Wenn ihre Eltern erst von ihrer Schwangerschaft erfuhren, würde der Druck noch stärker werden. Sie würden versuchen, sie in eine Ehe zu drängen. Und Gervais schien denselben Plan zu haben. Es würde nicht einfach werden, sich diesem Druck zu widersetzen.

Tief in ihrem Inneren wusste Erika, dass sie in der Lage war, allein für ihr Kind zu sorgen. Es war möglich, ihrem Baby alles zu geben und gleichzeitig ihre Träume wahr werden zu lassen. Nur die Erwartungen der anderen, die auf ihr lasteten, machten sie nervös und ängstlich. Vielleicht war es am besten, wenn sie erst einmal darüber nachdachte, wie sie sich der neuen Situation allein stellen konnte. Und erst danach würde sie sich um die Forderungen kümmern, die ihre Familie oder Gervais an sie stellten.

Sie stand auf, kehrte ins Wohnzimmer zurück und schaute sich die Sportmagazine an, die auf einem niedrigen Beistelltisch neben dem Sofa lagen. Während sie wahllos darin blätterte, versuchte sie, ein Gefühl für Gervais und seine Familie zu bekommen. Sein Haus, das einem Palast glich, deutete auf Wohlstand hin. Regelrecht auf Reichtum. Aber es sagte nichts über seine Persönlichkeit aus. Während ihres kurzen Aufenthaltes war ihr nicht entgangen, dass die Räume, die sie gesehen hatte, nur spärlich dekoriert waren. Ihr gegenüber an der Wand hingen einige schwarz gerahmte Fotografien. Die Fotos wirkten unpersönlich und hätten besser in Geschäftsräume als in ein Wohnhaus gepasst.

Sie trat näher, um sie genauer zu betrachten. Es handelte sich um professionelle Porträtaufnahmen, wie auch sie und ihre Familie sie schon mehr als einmal hatten machen lassen. Doch während bei ihren eigenen Familienfotos fast nur Frauen abgebildet waren, zeigten diese Bilder ausschließlich männliche Mitglieder der Familie Reynaud.

Die jüngste Generation auf einem Gruppenbild stand nah bei ihrem Großvater. Das kam ihr merkwürdig vor. Ein Mann, der aussah, als könnte er Gervais’ Vater sein, befand sich ganz am Rand der Aufnahme. Theo, so lautete sein Name, wenn sie sich recht erinnerte, wirkte seltsam isoliert und trug ein ungeduldiges Lächeln auf den Lippen.

Sie streckte einen Arm aus und strich behutsam mit dem Zeigefinger über das mit einer dünnen Glasscheibe bedeckte Gesicht von Gervais. Es müsste verboten werden, so gut auszusehen, dachte sie bei sich. Unwillkürlich stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Sie ließ die Hand sinken.

Nein, Erika, rief sie sich selbst zur Ordnung. Konzentriere dich gefälligst auf das Wesentliche. Es galt jetzt herauszufinden, was für ihr ungeborenes Kind am besten war. Und dazu gehörte ganz bestimmt nicht, schon wieder mit Gervais ins Bett zu hüpfen. Auch wenn ihr bei dieser Vorstellung ein wohliger Schauer über den Rücken lief.

Vater.

Dieses Wort dröhnte durch seine Gedanken wie ein Nebelhorn.

Gervais versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Auf das Treffen mit Dempsey, der vorbeigekommen war, nachdem Erika sich zurückgezogen hatte. Nur weil Erika schwanger war, hieß das noch lange nicht, dass seine Karriere ins Hintertreffen geraten durfte. Er musste mit seinem Bruder über die Entwicklung des Teams reden. Und darüber, wie sie neue Sponsoren gewinnen und ihr Netzwerk ausbauen konnten.

Doch in Anbetracht der jüngsten Vorkommnisse in seinem Privatleben war das leichter gesagt als getan.

Er schwenkte sein Bierglas in der Hand und beobachtete gedankenverloren die aufsteigenden Blasen der Kohlensäure. Nach dem Abendessen hatte er es sich in einem der kleineren Wohnzimmer gemütlich gemacht. Als das Haus noch seinen Eltern gehört hatte, waren die Räume voller Bilder, Nippes, Vasen und Ähnlichem gewesen. Sogar Kronleuchter hatte es gegeben. Einer von ihnen hatte so tief gehangen, dass er und seine Brüder jedes Mal beim Ballspielen ein Stück aus ihm herausgebrochen hatten. Und an den Kunstreliefs an den Wänden hatten sie sich beim Rangeln immer die Haut aufgeschürft.

Dieser Raum war seit jeher ein Zimmer für die männlichen Familienangehörigen gewesen. Gervais fühlte sich hier am wohlsten. Hier verbrachten die Brüder gemeinsam Zeit, und auch Dempsey war nach dem Betreten des Hauses zielsicher in dieses Zimmer gegangen.

Dempsey nahm einen tiefen Zug aus seinem Bierglas und stellte es dann geräuschvoll auf der Tischplatte ab. Er neigte den Kopf zur Seite und lehnte sich in dem bequemen Ledersessel zurück. „Was hat es eigentlich mit dem Besuch dieser Prinzessin auf sich?“

Gervais zuckte betont gleichgültig die Schultern. „Es ist nur eine Stippvisite.“

„Für eine Stippvisite liegen die Vereinigten Staaten und Europa ziemlich weit auseinander“, bemerkte Dempsey trocken.

„Dein Humor ist wirklich unschlagbar.“

„Freut mich zu hören.“ Dempsey trank noch einen Schluck Bier. So leicht ließ er sich nicht von seinem eigentlichen Thema abbringen. „Soweit ich gehört habe, habt ihr beide euch in London ziemlich gut verstanden. Wollt ihr da weitermachen, wo ihr aufgehört habt?“

„Nicht direkt“, antwortete Gervais ausweichend.

„Also, dann frage ich noch einmal. Warum ist sie hier? Und sag mir nicht, dass es mich nichts angeht, denn sie lenkt dich von deiner Arbeit ab.“

Gervais widerstand dem Impuls, seinem Bruder zu widersprechen. Wem wollte er etwas vormachen? Unwillkürlich senkte er die Stimme. „Was ich dir jetzt anvertraue, bleibt unter uns. Versprichst du mir das?“

„Natürlich. Die Frage ist eigentlich eine Beleidigung.“

„Tut mir leid. Aber es ist wichtig, dass vorerst niemand davon erfährt.“ Er holte Luft. „Sie ist schwanger. Von mir.“

„Bist du dir da sicher?“ Dempseys Blick verdüsterte sich.

Gervais hob die Brauen und blickte seinem Bruder in die Augen. Ihm stand nicht der Sinn nach einer solchen Diskussion.

„Also schön, das Kind ist von dir“, lenkte Dempsey ein. „Und was jetzt?“

„Mein Kind, meine Verantwortung“, erwiderte Gervais. Er würde für sein Kind da sein. Das war nicht verhandelbar.

„Das ist eine interessante Wortwahl. Verantwortung.“ Dempsey spuckte dieses Wort förmlich aus, und sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr.

Nach dem Grund für den Unmut musste Gervais nicht lange suchen. Dempsey war sein unehelicher Halbbruder. Sein Vater wie auch der Rest der Familie hatten erst von ihm erfahren, als Dempsey bereits dreizehn Jahre alt war. Damals war Yvette, seine Mutter, knapp bei Kasse gewesen und hatte Geld vom Vater ihres Sohnes verlangt. Daraufhin hatte Theo den Jungen kurzerhand in seine Familie aufgenommen.

Dempseys Anfangszeit in der Familie als schwierig zu bezeichnen, wäre eine absolute Untertreibung. Vielmehr glich diese Eingewöhnungsphase einem häuslichen Kleinkrieg. Schon bald verließ Gervais’ Mutter ihren Mann und ihre Söhne, und fortan gab es im Haus nur noch männliche Wesen: Gervais und seine Brüder, Theo und Grandpa Leon. Und es war Leon, der sich um die Jungen kümmerte. Theo war viel zu sehr damit beschäftigt, jedem Frauenrock nachzujagen und sich vor jeglicher Verantwortung zu drücken.

„Ich werde mein Kind um keinen Preis im Stich lassen“, erklärte Gervais energisch.

Er wusste allzu gut, welche Narben es auf Dempseys Seele hinterlassen hatte, dass er in den ersten Jahren seinen Vater nicht gekannt hatte. Und dass er geglaubt hatte, sein Vater mache sich nichts aus ihm. Dabei hatte Theo nicht einmal gewusst, dass Dempsey existierte.

Das war allerdings keine Entschuldigung dafür, dass er seine Ehefrau schmählich betrogen und nach der Scheidung seine Söhne sich selbst überlassen hatte.

„Ich wollte nur sagen, dass ich ganz genau weiß, wie es sich anfühlt, ein unbequemer Fehler zu sein. Eine lästige Verantwortung.“ An Dempseys Schläfe zuckte ein Muskel, und sein Blick war in weite Ferne gerichtet.

„Dad liebt dich. Wir alle tun das. Du bist Teil dieser Familie.“

„Ich weiß. Aber das war nicht immer so.“

„Damals kannten wir dich noch nicht.“

„Dad schon. Oder zumindest wusste er, dass er sich mit Frauen einließ, ohne auch einen einzigen Gedanken an die möglichen Konsequenzen zu verschwenden.“ Dempseys Augen verdunkelten sich. Und wie üblich ging er in Bezug auf seine Mutter automatisch in Verteidigungsposition. Er konnte nicht anders, obwohl ihm klar war, dass Yvette keine besonders fürsorgliche Mutter für ihn gewesen war.

„Wie auch immer, wir haben ziemlich lange gebraucht, bis wir uns zusammengerauft haben. Also sorg dafür, dass du die Dinge für dich geregelt hast, bevor das Kind zur Welt kommt. Und sieh zu, dass du seiner Mutter nicht versehentlich auf die Füße trittst. Falls du nicht Jahre damit verbringen willst, dich dafür zu entschuldigen, dass du die Sache gleich am Anfang gründlich vermasselt hast. Zum Beispiel, indem du von Verantwortung faselst.“

Dieser Ausbruch war ebenso heftig wie unerwartet. Dempsey sprang auf und eilte mit gesenktem Kopf zur Tür.

Gervais folgte ihm auf den Fersen. „Warte, Mann, ich …“ Er brach ab, als er beinah mit seinem Bruder zusammenprallte.

Dempsey war abrupt stehen geblieben. Fassungslos schaute er zur Treppe in der Eingangshalle. Oder besser zu der Frau, die auf dieser Treppe stand.

Erika. Und sie trug nichts als das Footballtrikot, das ihr kaum bis zu den Knien reichte. Sie sah darin genauso verführerisch aus wie in ihrem eisblauen Kleid.

Gervais ließ seine Augen über ihren Körper gleiten. Über ihre langen schlanken Beine, die schmale Taille und ihre Brüste, die sich unter dem Trikot deutlich abzeichneten. Und dann die lange blonde Mähne … Das Trikot verdeckte den Großteil ihrer Haut. Dennoch verspürte er das Bedürfnis, sie in eine Decke zu hüllen, um sie vor den Blicken seines Bruders zu schützen.

„Ich habe Stimmen gehört und wollte wissen, was los ist“, erklärte sie und deutete auf eine dunkle Ecke der Halle, in der Gervais’ Großvater stand. „Ich vermute, dass ist dein Grandpa?“

Leon Reynaud wanderte nachts häufig umher, wenn er nicht schlafen konnte. Das wurde zunehmend schlimmer, ebenso wie seine Vergesslichkeit. Doch Gervais machte sich im Moment mehr Gedanken um Erika. Ihr Gesicht war ausdruckslos, aber er meinte, eine Spur von Unbehagen in ihrer Stimme gehört zu haben. Hatte sie etwas von der Unterhaltung zwischen ihm und seinem Bruder mitbekommen?

Leon deutete mit einem seiner knotigen Finger auf Gervais und Dempsey. „Jemand kriegt ein Kind?“ Er schüttelte betrübt den Kopf. „Euer Vater konnte seine Hose noch nie anbehalten.“

Gervais wurde von einem heftigen Schuldgefühl überschwemmt. Jahrelang hatte er es vermeiden können, mit seinem Vater verglichen zu werden. Er hatte sich bewusst dafür entschieden, nicht in seine Fußstapfen zu treten.

Während Gervais’ Kindheit und Jugend war sein Vater meistens nicht anwesend gewesen. Und nach wie vor wurde Theo Reynaud seinem Ruf als unverbesserlicher Schürzenjäger gerecht, der seine Pflichten gegenüber seiner Familie und seinem Geschäft vernachlässigte.

Einmal mehr beschloss Gervais, dass er es mit seinem Kind besser machen würde. Auch wenn Erika nicht mit an Bord war. Er würde seine Vaterrolle ernst nehmen und seinem Kind all das geben, was sein eigener Vater versäumt hatte.

Dempsey ging zu seinem Großvater und legte ihm beruhigend den Arm um die Schultern. „Nein, Theo erwartet keinen weiteren Nachwuchs, Grandpa.“

„Oh.“ Verwirrt kratzte Leon sich sein spärliches Haar. „Da habe ich wohl etwas falsch verstanden.“

Dempsey warf seinem Bruder einen Blick zu. Dann nahm er Leon beim Arm und führte ihn behutsam aus der Halle. „Ich bringe dich in dein Zimmer, Grandpa.“ Als sie an Erika vorbeigingen, nickte er ihr kurz zu. Dann wandte er sich wieder seinem Großvater zu. „Ich habe dir neue Musik mitgebracht. Ein paar von den alten Cajun-Songs, die du so gern hörst.“

„Danke, mein Junge. Vielen Dank.“

Die beiden verließen die Halle, und Erika und Gervais blieben allein zurück.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust, bevor sie ihm mit ihren strahlend blauen Augen ins Gesicht blickte.

„Das Trikot steht dir besser als irgendeinem der Spieler“, bemerkte Gervais. Mehr noch, sie sah atemberaubend sexy darin aus.

„Wem gehört es?“, fragte sie und strich mit einer Fingerspitze über die Nummer auf ihrer Brust.

Er fühlte sich versucht, dasselbe zu tun.

„Wessen Nummer ist das?“

Plötzlich hatte er einen Kloß in der Kehle und schluckte trocken. „Niemandem. Diese Nummer wurde zurückgezogen. Sie war für mich reserviert, falls ich dem Team beitrete. Was ich nicht getan habe.“ Einen Moment kämpfte er gegen das Bedauern über die verpasste Gelegenheit an. Dann rief er sich selbst zur Ordnung. Er hatte zwar nie für das Team gespielt, aber er hatte es immerhin gekauft. „Soll ich dich zurück zu deiner Suite begleiten?“, fragte er hoffnungsvoll.

Sie hob das Kinn. „Nein danke, das ist nicht nötig. Ich finde den Weg allein.“

Nachdenklich blickte er ihr nach, während sie die Treppe hochging. Diese Angelegenheit war noch lange nicht erledigt. Sie würde es erst sein, wenn er ihr dieses Trikot von ihrem schönen Körper gestreift hatte.

4. KAPITEL

Sie tat es wirklich. Zwei Wochen würde sie mit Gervais in seinem Haus am Pontchartrain-See verbringen. Mit ihm unter einem Dach schlafen. Und jetzt, da ihre Sachen aus dem Hotel gebracht worden waren, besaß sie auch mehr als nur ein Kleid und ein Footballtrikot zum Anziehen.

Erika zupfte am Saum des Trikots, das sich erstaunlich weich anfühlte.

Es geschah also tatsächlich. Dass sie letzte Nacht hier geschlafen hatte, war mehr als nur eine Stippvisite. Wie Gervais versprochen hatte, drängte er sie zu nichts und wahrte Distanz. Trotzdem konnte sie seine Gegenwart überall spüren.

Aber sie würde bleiben. Während sie Kleidungsstücke aus dem Koffer nahm und in den Schrank räumte, versanken ihre Füße in dem dicken Orientteppich des Schlafzimmers ihrer Gästesuite. Am Fenster hielt sie inne, um die Aussicht auf den im Sonnenschein glitzernden See zu bewundern.

Die Morgensonne wärmte ihr Gesicht. In den Tiffanylampen brach sich das Licht und warf farbige Reflexe an die Wand. Erika betrachtete sich in dem goldgerahmten Spiegel über der Kommode und strich sich unwillkürlich eine Strähne hinters Ohr.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Moment, als Gervais das getan hatte. Und zu der Art, wie er sie ansah. Sein Blick konnte noch immer eine Flamme in ihr entzünden.

Aber ihre Beziehung zu Gervais war inzwischen komplizierter geworden. Sie verdrängte diesen Gedanken und widmete sich wieder dem Auspacken. Während sie sorgfältig ihre Unterwäsche in die Schubladen der Kommode sortierte, hatte sie das Gefühl, zur Normalität zurückzukehren. Zumindest konnte sie es versuchen.

Sie legte die Hand auf die noch kaum vorhandene Wölbung ihres Bauchs. Auch ihre Taille war noch fast so schmal wie zuvor. Trotzdem konnte sie nicht leugnen, dass ihr Körper sich veränderte. Ihre Brüste fühlten sich geschwollen an und waren empfindlich.

Und ihre Gefühle befanden sich in Aufruhr.

Das störte sie am meisten. Sie war daran gewöhnt, zielstrebig und sachlich zu handeln. Doch jetzt kam sie sich vor, als würde sie ziellos dahintreiben. Ihre Dienstzeit war zu Ende, und die Ausbildung hatte noch nicht begonnen. Sie war schwanger von einem Mann, den sie kaum kannte. Außerdem blieb ihr nur wenig Zeit, um ihr Leben zu regeln, bevor ihre Familie und der Rest der Welt von ihren anderen Umständen erfuhren. Sie hatte einen Platz in einem Fortbildungsprogramm für den Herbst und wollte an dem Kurs teilnehmen bis zu ihrem Entbindungstermin. Aber was dann?

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Als sie öffnete, sah sie sich einer hübschen schlanken Frau in Bleistiftrock und Seidenbluse gegenüber. Das karamellfarbene Haar trug sie hochgesteckt. Ihr freundliches Lächeln enthüllte makellos weiße Zähne.

Die Frau streckte die Hand aus. „Hallo, ich bin Adelaide Thibodeaux, Dempseys persönliche Assistentin. Er ist der Trainer der Hurricanes. Gervais bat mich nachzusehen, ob Sie alles haben, was Sie brauchen.“

Erika nickte und schüttelte die dargebotene Hand. „Ja, vielen Dank. Freut mich, Sie kennenzulernen. Es ist sehr nett von Ihnen, bei mir vorbeizuschauen.“

„Ich bin seit der Kindheit mit Dempsey befreundet. Ich helfe der Familie gern.“

Adelaide hatte Pumps mit sehr hohen Absätzen an. Genau die Art, die Erika sonst auch gern trug. Jetzt allerdings zog sie wegen der Schwangerschaft flachere Schuhe vor.

„Haben Sie veranlasst, dass mir mein Gepäck gebracht wird?“

Adelaide runzelte die Stirn. „Ja, habe ich etwas vergessen?“

„Nein, keineswegs. Alles ist da. Vielen Dank.“ Erika deutete auf den Raum hinter sich. „Das Apartment ist sehr schön. Und ich weiß es zu schätzen, dass ich meine persönlichen Sachen jetzt zur Verfügung habe.“

„Wir möchten alle, dass Sie sich hier wohlfühlen. Für das Team ist es eine großartige Werbung, wenn jemand mit königlicher Herkunft bei den Spielen zusieht.“

Erika zuckte zusammen. Auf Medienrummel konnte sie gut verzichten. Vor allem bis sie sich darüber im Klaren war, wie sie die nächsten Monate bewältigen sollte.

Entsetzt rang Adelaide die Hände, dabei glitzerten ihre silbernen Armbänder im Sonnenlicht. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Aber nein. Es ist nur so, dass ich nicht gerade ein Footballfan bin. Überhaupt liegen sportliche Wettkämpfe mir nicht besonders.“ Das war nur die halbe Wahrheit. Doch sie konnte Adelaide schlecht den wahren Grund für ihre Scheu vor der Presse anvertrauen.

„Aber Sie sehen so fit aus. Bestimmt treiben Sie irgendeine Art von Sport.“

„Bis vor Kurzem war ich beim Militär. Und ich mache Yoga und jogge. Aber für Mannschaftssportarten habe ich nicht viel übrig.“

„Wirklich nicht?“ Adelaide hob verblüfft die Augenbrauen. „Dann verstehe ich nicht ganz, warum Sie hier sind … Bitte entschuldigen Sie. Ich hätte das nicht sagen dürfen. Es geht mich überhaupt nichts an.“

Erika suchte nach einer einfachen Antwort. „Gervais und ich haben uns in England gut verstanden. Und da ich hier in der Nähe an einer Tagung teilnehmen werde, habe ich mich zu einem Besuch entschlossen.“ Schön, die Teilnahme an der Tagung war eine Lüge. Aber damit konnte sie leben.

„Ich verstehe“, sagte Adelaide mit größter Selbstverständlichkeit. Es schien sie nicht weiter zu erstaunen, dass Gervais der Grund für einen Transatlantikflug sein konnte. Zumindest einer der Gründe. „Falls Sie noch irgendetwas brauchen, zögern Sie bitte nicht, es mir zu sagen.“

„Nochmals vielen Dank. Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen. Aber ich bin es gewöhnt, allein zurechtzukommen.“ Erika legte großen Wert auf ihre Unabhängigkeit, und daran sollte sich auch nichts ändern.

„Mir war nicht klar, welches Protokoll bei königlichem Besuch einzuhalten ist“, sagte Adelaide unsicher. „Immerhin sind Sie eine Prinzessin.“

„Nur dem Namen nach. Außerdem bin ich die fünfte Tochter meiner Eltern.“

„Sie sind sehr bescheiden.“

„Na ja, man hat mich ja schon vieles genannt, aber nicht bescheiden. Ich bin einfach nur pragmatisch.“

Adelaide lächelte. „Jedenfalls heiße ich Sie herzlich willkommen in New Orleans. Ich freue mich darauf, Sie näher kennenzulernen.“

„Danke. Mir geht es ebenso.“ Erika hatte den Verdacht, dass sie noch viele Leute näher kennenlernen würde, ob sie nun wollte oder nicht. Ihre Gedanken drifteten zu Gervais. Ihn wollte sie tatsächlich näher kennenlernen.

Adelaide wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um. „Vielleicht sollten Sie sich ein Footballspiel als mittelalterliches Ritterturnier vorstellen, wenn Sie zusehen. Das könnte verhindern, dass Sie sich gar zu sehr langweilen.“

Erika schloss die Tür. Ein Ritterturnier? So hatte sie es noch nie betrachtet. Möglicherweise war es einen Versuch wert.

Ihr Blick glitt wieder zum Fenster auf den See. Er lag vor ihr wie ein geheimnisvolles Versprechen und erinnerte sie daran, dass sie sich an einem Ort befand, den sie nicht kannte. Das machte sie neugierig. Außerdem lag es in ihrem Interesse, einen Zugang zu dieser fremden Welt zu finden.

Sie nahm sich vor, das Beste aus der Zeit hier zu machen und mehr über den Vater ihres Kindes zu erfahren. Das bedeutete auch, dass sie sich auf ihn und sein Leben einlassen musste.

Also würde sie einen Platz in der ersten Reihe einnehmen.

Während sie die letzten Kleidungsstücke aus dem Koffer nahm, fragte sie sich, ob Adelaide Thibodeaux schon viele andere Frauen für Gervais in diesem Haus willkommen geheißen hatte.

Heute schien alles nach Plan zu laufen. Gervais beobachtete, wie sich die private Zuschauerlounge im Zephyr-Stadion für ein Spiel der Vorsaison allmählich mit Menschen füllte. Um Geld für eine örtliche Schule zu sammeln, waren Karten für die private Lounge zu hohen Preisen verkauft worden. Daher kamen mehr Gäste als üblich in die luxuriös ausgestattete Lounge, die sonst Familienmitgliedern und engen Freunden vorbehalten war.

Fiona Harper-Reynaud, Gervais’ Schwägerin, war bekannt für ihr wohltätiges Engagement. Ihr Ehemann Henri spielte auf der Position des Quarterbacks und wurde von der Fangemeinde sehr verehrt. Dieser Umstand bedeutete einen zusätzlichen Anreiz, ihre Einladung anzunehmen und reichlich zu spenden. Henri wurde von seinen Anhängern liebevoll Louisiana-Bomber genannt und war jeden Cent seines hoch dotierten Vertrages wert. Als Spielmacher mit ebenso viel Talent wie Biss war er die ideale Besetzung der zentralen Position des Quarterbacks.

Die Tatsache, dass besonders die weiblichen Fans ihn heiß und innig liebten, betrachtete er als persönlichen Bonus – auch wenn das für seine Ehefrau manchmal ziemlich schwierig war. Meistens jedoch schien Fiona es mit Gelassenheit zu nehmen und nutzte seine Popularität für wohltätige Zwecke. Heute hatten es sich ihre spendablen Gäste auf den schwarzen Ledersesseln vor dem großen Panoramafenster der Lounge bequem gemacht. Halb leere Teller und etliche Bierflaschen standen auf niedrigen Beistelltischen. Am Schluss des zweiten Viertels lagen die Hurricanes mit drei Punkten in Führung.

Gervais jedoch nahm diesmal ausnahmsweise kaum Anteil am Spielverlauf. Seine Augen hingen wie gebannt an einer bestimmten Person. Erika.

Er war anfangs damit beschäftigt gewesen, Gäste zu begrüßen und dem Servicepersonal letzte Anweisungen zu geben. Daher hatte er bisher kaum Zeit mit ihr verbringen können. Jetzt saß sie auf einem Sofa in der Nähe der Bar und nippte an einem Glas Mineralwasser mit Zitrone. Sie trug ein türkisfarbenes Seidenkleid, das ihr bis zu den Knien ging und sich eng an ihre aufregenden Kurven schmiegte. Sie sah unerhört sexy aus. Gervais wusste ganz genau, warum ihre Figur noch weiblicher wirkte als sonst.

Weil sie sein Kind in sich trug.

Sie bewegte die Zehen in den offenen Sandalen und beugte sich vor, um den Spann ihrer Füße zu reiben. Die Lounge war klimatisiert und ziemlich kühl. Fror sie vielleicht? Aber sie musste doch aus ihrer Heimat an niedrige Temperaturen gewöhnt sein. Er hätte gern dafür gesorgt, dass sie sich hier wohlfühlte. Wenn sie Gefallen an seiner geliebten Heimatstadt fand, dann wären sie nicht gezwungen, ihre elterlichen Pflichten über zwei Kontinente hinweg wahrzunehmen.

Hätte er heute Morgen doch bloß Zeit für ein gemeinsames Frühstück mit ihr gefunden! Stattdessen hatte er sich um die Vorbereitungen des Spiels kümmern müssen. Zum Glück hatte Adelaide ihm angeboten, nach ihr zu sehen. Dempseys Assistentin war der ganzen Familie freundschaftlich verbunden. Sie war das einzig Gute aus Dempseys problematischer Kindheit, bevor sein Vater ihn gefunden und zu sich genommen hatte.

Adelaide hatte ihm eine Textnachricht geschickt, in der sie ihm versicherte, dass Erika alles hatte, was sie benötigte.

Jetzt beobachtete er, wie Erika das Essen, das vom Servicepersonal gebracht wurde, in Augenschein nahm: Canapés mit Kaviar oder Trüffelbutter. Erlesene Köstlichkeiten, doch sie winkte ab, als ein Kellner ihr ein Tablett hinhielt. Obwohl sie doch eigentlich Hunger haben müsste.

„Ist das Essen nicht nach deinem Geschmack?“, fragte er, während er auf sie zutrat. Er rückte seine Krawatte zurecht und fragte sich, ob er für sie nicht besser eine Spezialität aus ihrem Heimatland hätte bestellen sollen. Er hatte zwar keine Ahnung, was man dort zu sich nahm, aber das ließ sich ja herausfinden. „Wir haben für heute ein besonderes Menü geordert, aber ich kann für dich auch etwas anderes liefern lassen.“

Ganz in der Nähe brach eine Gruppe junger Frauen in Jubel aus, als Henri auf dem Feld ein besonders guter Spielzug gelang.

Erika stand auf und stellte sich neben ihn. Ihr Duft erinnerte ihn an Magnolien und sorgte dafür, dass er das Spiel vorübergehend aus den Augen verlor. Vielmehr zogen vor seinem geistigen Auge Bilder ihres gemeinsamen Wochenendes vorbei. Und er erinnerte sich an ihre langen Beine, als sie gestern Abend auf der Treppe gestanden hatte. Nach diesem verführerischen Anblick hatte er kaum Schlaf gefunden.

„Gervais, es ist alles ganz wunderbar und viel anspruchsvoller, als ich es bei einem Footballspiel erwartet hätte. Ich danke dir.“

Ihre Worte waren höflich, aber er konnte spüren, dass sie etwas beschäftigte. „Aber?“, hakte er lächelnd nach.

Sie trat ein paar Schritte auf das Fenster zu und deutete auf die Sitzreihen unter ihnen. Die Pause näherte sich, und die Zuschauer begannen, die Gänge zu bevölkern. „Ehrlich? Ich hätte Lust auf so einen Hotdog, wie sie von den Verkäufern in den Gängen angeboten werden. Mit Senf und Zwiebeln.“

„Du möchtest einen Hotdog?“, vergewisserte er sich mit einem breiten Grinsen.

Von Anfang an hatte sie ihn mit ihrer unkonventionellen Persönlichkeit bezaubert. Sie war eine Prinzessin, die beim Militär diente. Ein sexy Rebell. Und trotz der Gourmethäppchen auf den Tabletts der Kellner hatte sie Appetit auf einen Hotdog.

„Wenn es nicht zu viele Umstände macht. Ich fürchte, ich habe mein Portemonnaie vergessen.“

„Es macht überhaupt keine Umstände.“ Tatsächlich hatte er gar nichts dagegen, die klimatisierte Lounge zu verlassen und sich unter die Fans zu mischen. Das hatte er schon lange nicht mehr gemacht.

Er beugte sich zu ihr, legte eine Hand auf ihren Rücken und flüsterte ihr ins Ohr: „Schwangerschaftsgelüste?“

Sie blinzelte, und ihr Atem beschleunigte sich unter seiner Berührung. „Ich denke schon. Morgens ist es schwierig wegen der Übelkeit, aber den Rest des Tages habe ich ständig Hunger. Heute war es besonders schlimm. Die Reise war anstrengend, und ich leide immer noch unter Jetlag.“

Er lächelte. „Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass du etwas zwischen die Zähne bekommst. Wenn ich es recht bedenke, hätte ich selbst gern einen Hotdog.“ Er berührte sie an der Schulter, weil er kaum die Hände von ihr lassen konnte. „Ich bin gleich zurück.“

Erika setzte sich wieder und beobachtete mit großen Augen das Treiben auf dem Spielfeld. Die Marschkappelle der Louisiana State University sorgte in der Spielpause zusammen mit einem örtlichen Popstar für musikalische Unterhaltung. Dazu gab es eine spektakuläre Lasershow, die das Publikum in lautstarke Begeisterung versetzte. Der Geruch von Rauch und künstlichem Nebel drang bis in die Lounge und kitzelte Erikas durch die Schwangerschaft übersensiblen Geruchssinn.

Dieser Zuschauerraum unterschied sich sehr von der luxuriösen, aber recht unpersönlichen Lounge im Wembley-Stadion, wo sie Gervais kennengelernt hatte. Die private Lounge der Reynauds war neben den üblichen Bildschirmen, auf denen man auch im hinteren Bereich das Spiel verfolgen konnte, mit familiären Erinnerungsstücken, Fotos und Siegestrophäen des Teams ausgestattet.

Doch Erika zog es vor, sich das Spiel direkt am Fenster anzusehen. Wie Adelaide angedeutet hatte, kam es ihr tatsächlich vor wie eine Mischung aus moderner Unterhaltungskultur und mittelalterlichem Ritterturnier. Dank ihrer militärischen Ausbildung konnte sie verschiedene Formationen und Spielzüge erkennen, mit denen die gegnerischen Mannschaften versuchten, sich gegenseitig auszutricksen. Dem Wettkampf auf diese Art zuzuschauen, war für sie wie eine Offenbarung. Und längst nicht so langweilig, wie sie befürchtet hatte. Außerdem konnte sie es kaum erwarten, von dem Hotdog abzubeißen, den Gervais ihr gleich bringen würde.

Unvermittelt tauchte Fiona Harper-Reynaud neben ihr auf, die Frau des Quarterbacks und Gervais’ Schwägerin, wenn Erika das richtig behalten hatte. „Prinzessin Erika, Sie wirken so nachdenklich.“

„Oh, ich habe über das Spiel nachgedacht. Ich versuche zu verstehen, was ich sehe. Leider habe ich überhaupt keine Ahnung von den Regeln. Meine Schwestern und ich hatten nicht oft Gelegenheit, bei Mannschaftssportarten zuzusehen.“

Fiona lächelte und setzte sich neben sie. „Wenn Sie kein Footballfan sind, haben Sie mit Gervais eine interessante Wahl getroffen.“

„Ich fange gerade an, diesen Sport in einem völlig neuen Licht zu sehen.“ Und da ihr Kind Teil dieser Welt sein würde, wäre es dumm, nicht mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Erika nahm sich fest vor, nicht nur zuzuschauen, sondern auch über diesen Sport zu lesen.

Sie konnte ihr Kind schlecht in eine Welt schicken, die ihr selbst fremd war. Und wie es aussah, schloss diese Welt nun einmal auch Football ein. Außerdem war es ihr nicht möglich, in dieser Lounge zu sitzen, die vor Reynauds nur so überquoll, und nicht zu würdigen, wie begeistert sie von diesem Sport waren.

„Und wie stellen Sie das an?“, fragte Fiona, während sie mit dem Zeigefinger über den Rand ihres Weinglases strich. Der Diamant ihres Eherings funkelte dabei im Licht der Lampe über ihnen.

Erika deutete auf das Spielfeld. „Adelaide Thibodeaux hat mir vorgeschlagen, das Ganze wie ein Ritual aus längst vergangenen Zeiten zu betrachten. Wie eine mittelalterliche Schlacht oder ein Ritterturnier. Mir macht das Zusehen mit dieser Vorstellung mehr Spaß.“

„Hmm“, machte Fiona und hob die sorgfältig gezupften Augenbrauen. „Ich finde das sexy. Und passend. Schultereinlagen und Helme als Rüstungen. Das funktioniert tatsächlich. Das muss ich unbedingt verwenden, wenn ich das nächste Mal Karten für wohltätige Zwecke verkaufe.“

„Stimmt, das klingt Erfolg versprechend.“ Das fand Erika wirklich. Wenn es ihr half, diesen Sport zu würdigen, konnte es durchaus auch für andere Leute reizvoll sein.

„Vielleicht sollte ich auch das Menü noch einmal überdenken. Ich habe den Eindruck, als hätte ich es diesmal ein wenig übertrieben.“ Fiona nahm ein Canapé vom Teller auf dem Beistelltisch und inspizierte ihn kritisch.

„Das Essen ist hervorragend“, beruhigte Erika sie und lächelte.

„Aber Sie wollen lieber einen Hotdog. Bitte entschuldigen Sie, aber ich kam nicht umhin, Ihr Gespräch mit Gervais mitanzuhören.“

„Ich hoffe, Sie werten das nicht als Beleidigung. Denn so war es nicht gemeint.“ Erika kämpfte gegen eine Welle der Panik an, denn ihr wurde plötzlich furchtbar übel. „Ich bin in den Vereinigten Staaten, da wollte ich natürlich probieren, was die Menschen bei einem Footballspiel gewöhnlich essen.“

Ein Kellner ging mit einer Platte voller Köstlichkeiten vorbei, die ein intensives Aroma verströmten. Zu intensiv für Erika. Sie drückte eine Hand auf den Bauch, als eine weitere Welle der Übelkeit sie heimsuchte und ihr Magen sich schmerzhaft verkrampfte.

Fragend blickte Fiona sie an. „Wenn Sie etwas brauchen, lassen Sie es mich bitte wissen.“

Ahnte Fiona etwas? Auch wenn sie selbst keine Kinder hatte? Erika glaubte, ein gewisses Verständnis in ihren Augen zu erkennen. Und Traurigkeit.

Für einen kurzen Moment fragte sie sich, ob Fiona sich auch einmal in dieser Situation befunden hatte. Nicht schwanger zu sein von einem attraktiven Fremden, sondern sich als Außenseiterin zu fühlen, die zu viel Verantwortung schulterte.

Dieser Gedanke bedrückte Erika – und verschlimmerte die Übelkeit. Sie unterdrückte den Drang zu würgen und hoffte, sie würde es auf die Füße und in die Damentoilette schaffen, bevor es zu einem peinlichen Zwischenfall kam.

Sie biss sich auf die Lippe, während sie vorsichtig aufstand. Der Boden schien unter ihren Füßen zu schwanken. Das war kein gutes Zeichen. Aber wenn es ihr gelang, sich an der Rückenlehne des Sofas festzuhalten, konnte sie vielleicht das Gleichgewicht halten. Da war sie. Erika klammerte sich daran fest. Sie sah ihre Umgebung nur noch verschwommen, war aber in der Lage, den Ausgang auszumachen.

„Ich bin gleich zurück. Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment“, brachte sie mühsam hervor.

Doch als sie den ersten Schritt tat, schwankte der Boden mehr als zuvor. Sie verlor das Bewusstsein und sank in sich zusammen.

5. KAPITEL

Gervais drängte sich durch die Menge, den Hotdogverkäufer fest im Blick. Während er vor und zurück geschoben wurde, entdeckte er in den Augen der umstehenden Leute, dass viele ihn erkannten.

Die Presse leistete gute Arbeit, indem sie dafür sorgte, dass sein Gesicht für die Fans unverrückbar mit dem Team verbunden war. Das erfüllte besonders bei den Verhandlungen mit Sponsoren seinen Zweck, obwohl er sich oft eine dezentere Rolle wünschte und den Ruhm gern den Spielern überlassen würde. Doch sein Familienname bürgte auch dafür, dass die Eintrittskarten sich gut verkauften. Also machte er gute Miene zum bösen Spiel. Sein Team sollte erfolgreich sein, und er tat, was immer dafür nötig war.

Viele der Zuschauer lächelten ihn an oder stießen ihren Nachbarn in die Rippen, um ihn auf den Teambesitzer aufmerksam zu machen. Gervais war zumute, als stünde er auf einer Bühne im Rampenlicht. Prinzipiell hätte er nichts dagegen gehabt, hier und da stehen zu bleiben, um mit den Fans zu plaudern und sein Team würdig zu vertreten. Aber jetzt dachte er nur daran, Erika einen Hotdog zu besorgen, und zwar sofort.

Also grinste er nur in die Menge und drängte sich an den Fans vorbei, bis er den Verkäufer erreicht hatte. Der Duft von heißen Würstchen, Röstzwiebeln und Senf stieg ihm in die Nase. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Von allen Dingen, um die Erika hätte bitten können, war dies etwas, das er absolut sympathisch fand. Ein Hotdog war einer Prinzessin nun wirklich nicht angemessen. Und genau deswegen gefiel es ihm so sehr, dass sie sich einen wünschte. Sie verschmähte Kaviar und Trüffel zugunsten eines einfachen Hotdogs.

Als er mit zwei Hotdogs bewaffnet auf dem Rückweg zur Lounge war, vibrierte sein Handy. Mit der freien Hand fischte er es aus der Hosentasche und schaute auf das Display. Seine Schwägerin. Mit gerunzelter Stirn nahm er das Gespräch an.

„Ja, Fiona?“

„Gervais, Erika ist ohnmächtig geworden.“ Fionas sonst so ruhige Stimme zitterte. „Wir bekommen sie nicht wach. Ich weiß nicht …“

„Ich bin schon unterwegs.“ Mühsam kämpfte er gegen die aufsteigende Panik an. Zwei Stufen auf einmal nehmend, lief er die Treppe hinauf. Der Senf aus den Hotdogs in seiner Hand tropfte auf seine Schuhe, aber es war ihm egal. So schnell er konnte, rannte er um die Ecke zum Eingang, der zur Privatlounge führte.

Endlich angekommen, sah er einen Kreis von Menschen, der um eines der Sofas herumstand und ihm die Sicht versperrte. Es war, als würde sich ihm der Magen umdrehen. Achtlos warf er die Hotdogs auf einen Tisch und drängte sich zum Sofa vor.

„Erika?“, rief er, alle Umgangsformen vergessend, und kniete sich neben das Sofa.

Da lag sie. Bewusstlos. Viel zu blass, viel zu ruhig.

Er nahm ihre Hand und warf einen Blick über die Schulter. „Hat schon jemand einen Arzt gerufen? Wir brauchen einen Arzt. Sofort.“

Fiona nickte. „Ich habe schon jemanden verständigt. Gleich nachdem ich mit dir telefoniert habe.“

Er strich über Erikas Stirn, dann fühlte er ihren Puls. Langsam, aber regelmäßig. Ein gutes Zeichen. Aber sie kam nicht zu sich. Es gab so viele Komplikationen, die mit einer Schwangerschaft einhergehen konnten. Durch mehrere Fehlgeburten seiner Schwägerin hatte seine Familie dies schmerzvoll erfahren müssen.

Ohne darüber nachzudenken bat er Fiona um Hilfe. „Ruf den Doktor bitte noch einmal an. Er soll sich beeilen. Erika ist schwanger“, flüsterte er ihr zu und zuckte innerlich zusammen, als er sich erinnerte, wie sehr sie noch immer unter ihren Fehlgeburten litt.

Erika kämpfte sich durch den dichten Nebel ihrer Ohnmacht und blickte in besorgte Gesichter, die auf sie herabsahen. Einige waren näher als andere.

Der Mann mit dem Stethoskop um den Hals, der gerade ihren Puls fühlte, musste wohl ein Arzt sein.

Sie schaute sich nach Gervais um. Es überraschte sie nicht, ihn zu ihren Füßen auf der Sofakante zu erblicken. Er sah sie an, die Augen voller Furcht. Mit seinen breiten Schultern schirmte er sie ein wenig gegen die Blicke der umstehenden Menschen ab. Alle starrten sie an.

Besorgt. Und neugierig.

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