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Bay City Heroes – Im Zeichen der Gerechtigkeit

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Die USA in den Jahren 2020 bis 2045
  8. 1
  9. 2
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Über dieses Buch

USA, 2045: Als Seraphina Winter überfallen und niedergeschlagen wird, brechen ungeahnte Fähigkeiten aus ihr hervor. Plötzlich schwebt sie hoch über der Stadt. Das kann nur eins bedeuten: Sie ist eine Veränderte – und steht von nun an auf der Abschussliste der Regierung. Gemeinsam mit vier anderen Veränderten beschließt sie, aus der Not eine Tugend zu machen. Sie verpassen sich geheime Identitäten und nehmen als Superhelden den Kampf gegen das Unrecht in der Stadt auf. Doch als immer mehr Veränderte spurlos verschwinden, muss Sera den Regierungsagenten John Hunter um Hilfe bitten, auch wenn sie nicht weiß, ob sie ihm wirklich vertrauen kann …

Über die Autorin

Zur Vorbereitung auf dieses Buch hat die Autorin unter dem Decknamen Laura Weller ein Jahr unter Veränderten gelebt, sie in ihrem Alltag begleitet und gelernt, sich in ihrer nicht ungefährlichen Welt zurecht zu finden. Wenn sie nicht gerade in geheimer Mission unterwegs ist, verarbeitet die Münchnerin Brigitte Melzer ihre neugewonnenen Erkenntnisse in Fantasy-Romanen, die bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Mehr unter www.brigitte-melzer.de

L A U R A  W E L L E R

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Roman

Für die wahren Bay City Heroes, ohne deren unermüdlichen Einsatz diese Geschichte nicht existieren würde:

Flashing Fever – unwiderstehlich mit seinem Cape aus hellblauem Frottee,

Blurr, der Typ, der so schnell rennt, dass der Name Programm ist,

Trickster, der manchmal mit Lee Majors
verwechselt wird,

»Ich bin das Team«-Cosmic,

Boomerang, dessen Geheimlabor endlich auch einen Kühlschrank für Bier hat,

und natürlich der unvergessene Mandarin, der manchmal wie ein schwebender Glückskeks klang.

Keine Sorge, eure wahren Identitäten sind bei mir sicher – zumindest, bis der Preis stimmt.

Außerdem für Felix und Daniel, die mir die Inspiration zu den »Bay City Heroes« geliefert haben, und für Rob, Chris und Krimp, die die Stadt an der Bucht mit Leben und einer Menge Geballer und Gelächter erfüllen.

Die USA in den Jahren 2020 bis 2045

Als Schutzmaßnahme gegen den wachsenden Terror begannen die USA Anfang der 2020er-Jahre, sich nach außen hin abzuschotten. Die Hürden für eine Einreise waren derart hoch, dass viele ausländische Firmen gezwungen waren, sich aus dem US-Geschäft zurückzuziehen. Als Gegenmaßnahme erließen andere Länder einen Einreisestopp für US-Bürger. Je weiter die Abschottung ging, desto härtere Sanktionen wurden gegen das Land verhängt.

Was die USA dazu bringen sollte, ihre Politik zu überdenken, führte zur vollständigen Isolation Amerikas. Der gegenseitige Handel kam komplett zum Erliegen, diplomatische Beziehungen wurden auf Eis gelegt. In der Folge zog die US-Regierung sämtliche Truppen aus den weltweiten Krisengebieten ab. Diese Maßnahme, die dazu gedacht war, die anderen Länder an den Verhandlungstisch zurückzubringen, blieb ohne Erfolg. Europa hatte längst eine eigene Armee, die in der Welt die Aufgabe Amerikas übernahm. Der Handel zwischen Europa, Asien und Russland florierte. Die USA, einst Global Player und Weltmacht, versanken in der Bedeutungslosigkeit.

2023 folgte der wirtschaftliche Zusammenbruch. Die Arbeitslosenzahlen schossen in die Höhe, Sozial- und Gesundheitsleistungen wurden erst gekürzt, schließlich komplett gestrichen. Durch die schlechte wirtschaftliche Lage und die kaum noch vorhandene Auswahl an Produkten wuchs der Unmut in der Bevölkerung.

GlobalNet-Encyclopedia; Auszug aus ›Die Isolation der USA

PS:Professor Callaghan, Sie sagten einmal, die Redensart »Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert« passe hervorragend auf FARCE. Können Sie das näher erläutern?

JC:FARCE trat als Protestpartei auf den Plan, mit der Absicht, die Abschottungspolitik der damaligen Regierung zu beenden und das Land wieder nach außen hin zu öffnen. Dabei hatten die Mitglieder von FARCE das Wohl und den Wohlstand der Bevölkerung im Sinn, die immer mehr unter dem wirtschaftlichen Niedergang zu leiden hatte. Doch die Gruppe war viel zu unerfahren auf dem politischen Parkett.

PS:Die hätten wohl besser bei Ihnen Rat suchen sollen, was?

JC:Ein Berater hätte sicher nicht geschadet. So jedoch war es für die Regierung leicht, FARCE in Misskredit zu bringen und die Bevölkerung, die anfangs große Sympathien für die Gruppe hegte, gegen sie aufzubringen. Ein paar gezielte Verleumdungen genügten, um –

PS:Moment! Wollen Sie damit sagen, dass die Regierung eine Schmutzkampagne erfunden hat, um FARCE loszuwerden?

JC:Dafür gibt es mittlerweile genügend Beweise. Es war nicht schwer, den Mitgliedern von FARCE Dinge zu unterstellen, die sie nicht getan hatten. Keiner der FARCE-Leute wusste, wie man sich gegen so etwas zur Wehr setzt. Letztlich brachten diese Anschuldigungen sogar zwei von ihnen ins Gefängnis.

PS:Und der Rest ging in den Untergrund oder sagte sich los.

JC:Richtig. Das Handeln der damaligen Regierung, gepaart mit der Unerfahrenheit der FARCE-Mitglieder, hat diese Gruppe zu Terroristen gemacht.

PS:Dann halten Sie FARCE also für ein Opfer der Regierung?

JC:Eher für ein Opfer ihrer eigenen Überzeugungen. Das Ziel von FARCE war es, in diesem Land eine Veränderung herbeizuführen. Als sie das nicht mehr auf legalem Wege schaffen konnten, nutzten sie die einzige Möglichkeit, die ihnen blieb: Sie versuchten, die Regierung durch Terror zum Rücktritt zu zwingen.

PS:Hat so etwas schon einmal funktioniert?

JC:Nein. Keine Regierung wird unter Terror freiwillig das Feld räumen. Sie wird nur andere Maßnahmen zur Bekämpfung ergreifen.

PS:Was sie dann auch getan hat.

JC:Die großflächige Zerstörung der Strominfrastruktur wäre schon Grund genug für eine endgültige Zerschlagung von FARCE gewesen. Nach den darauffolgenden Anschlägen auf San Francisco und Oakland musste die Regierung ihre volle Schlagkraft und Entschlossenheit unter Beweis stellen. Den Sicherheitsbehörden blieb gar keine andere Alternative, als FARCE zu eliminieren.

Auszug aus ›Aufstieg und Fall von FARCE‹.
Interview von Pete Smith (
PS/Global News) mit
Josh Callaghan (
JC/Dozent für Politikwissenschaft)

Wie die Bürgermeister von San Francisco und Oakland in einer gemeinsamen Erklärung verlauten ließen, sollen die beiden Städte nicht nur wiederaufgebaut, sondern auch zusammengelegt und in Bay City umbenannt werden. Dies, so Bürgermeister Beagle, solle einen Neubeginn nach den verheerenden Anschlägen markieren.

Quelle: ›S. F. Daily Observer‹ (Archiv),
20. September 2026

Als ob die, deren Angehörige und Freunde bei den Anschlägen gestorben sind, einfach alles vergessen könnten, nur weil die Städte und ihre Stadtteile jetzt anders heißen!

Quelle: Leserbrief an den ›S. F. Daily Observer‹ (Archiv),
22. September 2026

Die Zerstörung der Stromnetze hat die wirtschaftlich prekäre Lage zusätzlich verschlimmert. Wer den nicht unbeträchtlichen Einmalbetrag zum Wiederaufbau der Netze nicht bezahlen konnte, wurde gar nicht erst wieder angeschlossen. Teile der Mittelschicht, die zwar den Anschluss bezahlt haben, können sich Strom manchmal nur stundenweise leisten. In den armen Gegenden hat heute kaum noch jemand einen legalen Stromzugang, wodurch landesweit nachts ganze Straßenzüge im Dunkeln liegen – die sogenannten Dunklen Viertel.

GlobalNet-Encyclopedia; Auszug aus ›Strom – ein Luxusgut‹

»Alle reden immer nur von den Anschlägen, aber mal ehrlich, es geht dem ganzen Land beschissen, und unser wahres Problem ist die verdammte Stromversorgung! Ohne Saft werdet ihr nichts in den Griff kriegen! Sorgt endlich für bezahlbaren Strom, dann habt ihr auch keine Dunklen Viertel mehr, in die sich die Cops nicht reintrauen!«

Ein aufgebrachter Bürger während einer
›Alle haben ein Recht auf Strom‹-Kundgebung
in Washington D. C., Februar 2031

Internet ab sofort nicht mehr anonym zugänglich

Die Zeiten, in denen man sich frei im Internet bewegen konnte, sind endgültig vorbei. Ab sofort ist eine Nutzung nur noch mit Anmeldung per Fingerabdruck oder Retinascan möglich. Alle Suchvorgänge werden überwacht.

Quelle: ›S. F. Daily Observer‹ (Archiv),
18. Dezember 2026

PS:Professor, gestatten Sie mir eine letzte Frage: Was halten Sie persönlich von dem vermehrten Auftauchen der »Veränderten«? Ist das etwas, das Ihnen Angst macht?

JC:Diese Menschen mit übermenschlichen Fähigkeiten? Ich müsste schon verrückt sein, wenn sie mir keine Angst machen würden. Allerdings kann ich sie auch nicht pauschal verteufeln. Wichtig ist, dass unsere Regierung nicht noch einmal denselben Fehler macht wie mit FARCE und die Veränderten so sehr in die Ecke drängt, dass sie nur noch in den Untergrund gehen können. Denn dann sehen wir einer ähnlichen Gefahr entgegen wie damals. Vielleicht sogar einer noch größeren, wenn man die Fähigkeiten dieser Leute in Betracht zieht.

Auszug aus ›Aufstieg und Fall von FARCE‹.
Interview von Pete Smith (
PS/Global News) mit
Josh Callaghan (
JC/Dozent für Politikwissenschaft)

»Seien wir ehrlich, technisch betrachtet haben uns die Wirtschaftskrise, das Handelsembargo und die Anschläge auf unser Stromnetz auf den Entwicklungsstand der frühen 2000er-Jahre zurückgeworfen. Und ich bin nicht sicher, ob wirklich Interesse daran besteht, das wieder aufzuholen.«

Dr. Marc Winter in der Sendung
›Bay City Talk‹ am 14. September 2035

1

Amtshilfeersuchen an das BnS

Bay City. Wie Bürgermeister Clark Parker heute verlauten ließ, wird er ein Amtshilfeersuchen an das Büro für nationale Sicherheit (BnS) stellen. Dabei geht es um die Einrichtung einer Außenstelle der Abteilung für Veränderte (AfV) in Bay City. Diesem Ersuchen liegt eine wachsende Zahl von Meldungen aus der Bevölkerung zugrunde, die von Sichtungen Veränderter berichten. Da die Polizei weder über die Kapazitäten noch die nötige Ausrüstung verfügt, um gegen Veränderte und deren spezielle Fähigkeiten vorzugehen, soll die AfV diese Aufgabe übernehmen. Darüber, ob das BnS dem Ersuchen nachkommen wird, ist noch nichts bekannt. Experten gehen davon aus, dass in Anbetracht der Anzahl an Verdachtsmeldungen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sich unter den Verdächtigen tatsächlich auch echte Veränderte befinden, was eine Entsendung von AfV-Agenten nach Bay City durchaus wahrscheinlich macht.

Quelle: ›Bay City News‹ (Archiv), 17. April 2045

*

Genervt und froh, dass der Abend vorüber war, ließ sich Seraphina Winter in den Sitz der Limousine sinken. Fünf Stunden hatte sie im stickigen Ballsaal des Zane House gesessen. Fünf Stunden in einem Luxushotel, und keine Minute war vergnüglich gewesen. Selbst der Champagner hatte es nicht geschafft, die dröge Abfolge von Spendenaufrufen und Dankesreden aufzulockern, die den Abend endlos in die Länge gezogen hatten. Es war das jährliche Wohltätigkeitsbankett der Kent-Foundation zu Gunsten der vom Leben Benachteiligten gewesen – so stand es auf der Einladung. Weniger geschwollen hätte man auch einfach »Spendensammlung für Arme« schreiben können, aber das klang natürlich nicht so nett. Traditionell fand das Bankett am 24. Juni, dem Jahrestag der Anschläge, statt, die 2026 alle in Angst und Schrecken versetzt hatten. Heute, neunzehn Jahre später, war von dem einstigen Entsetzen nichts mehr zu spüren. Der Gedenktag war längst zu einem Volksfest verkommen. Mittags gab es eine große Parade, deren bunte Festwagen durch den wohlhabenden Norden von Bay City und über die Bay Bridge nach Osten zogen. Danach fanden überall in der Stadt Partys statt, auf deren Höhepunkt Pappschilder mit dem »FARCE«-Schriftzug verbrannt wurden. Kaum zu glauben, dass dieselben Typen, die FARCE als politisches Gegengewicht zu den großen Parteien gegründet hatten, zum Schluss derart durchgedreht waren.

Als es mit FARCE zu Ende ging, war Sera sechs gewesen, und sie musste erst einige Jahre älter werden, um zu begreifen, was passiert war. Eines allerdings wusste sie schon früh: FARCE war so ziemlich der dämlichste Name, den sich eine Partei einfallen lassen konnte. Freie Amerikaner für reges cosmopolitisches Engagement. Da war jemand wirklich scharf auf ein außergewöhnliches Akronym gewesen.

Durch den Versuch der Regierung, die unliebsame Konkurrenz loszuwerden, war FARCE letztlich zu einer Terrororganisation geworden. Und damit hatte die Katastrophe ihren Lauf genommen, der der heutige Gedenktag geschuldet war.

Und das langweiligste Wohltätigkeitsbankett aller Zeiten.

Seras Tischnachbarinnen waren drei ältere Damen in wallenden Designerroben gewesen, deren gestraffte und bis in den letzten Winkel mit Botox gefüllte Gesichter keine Regung erkennen ließen. Doch ganz gleich, wie gruselig sie aussehen mochten, eines hatten sie ihr vorausgehabt: Jede der drei hatte einen Begleiter an ihrer Seite, während der Stuhl neben Sera leer geblieben war. Sie hatte in die Kameras gelächelt und die Fragen der Reporter nach ihrem Kleid, ihrer Frisur und dem fehlenden Mann an ihrer Seite wie üblich geduldig beantwortet. Innerlich jedoch hatte sie vor Wut darüber, dass Tom sie versetzt hatte und vermutlich lieber auf irgendeine Party gegangen war, geschäumt.

Wie jedes Jahr hatte Sera im Namen ihrer Mutter zehntausend Dollar gespendet. Und wie jedes Jahr nahm sie sich fest vor, beim nächsten Mal einen Scheck zu schicken und den Abend mit etwas zu verbringen, das tatsächlich Spaß machte.

Ihr Fahrer hatte sich im Rückstau der Limousinen inzwischen bis an die nächste Kreuzung vorgearbeitet. Statt jedoch nach links abzubiegen, fuhr er nach rechts.

Plötzlich überkam Sera ein ungutes Gefühl. »Das ist der falsche Weg«, sagte sie. »Richtung Bridge View müssen wir nach links.«

»In der Richtung sind ein paar Straßen gesperrt. Nachtbaustelle«, erklärte der Fahrer, dessen Namen sie sich nicht gemerkt hatte. Der Mann war eine Vertretung, die der Limousinenservice geschickt hatte, nachdem Barry, ihr üblicher Fahrer, wegen eines familiären Notfalls ausgefallen war. »Die Umleitung geht durch ein paar kleine Straßen, in denen sich jetzt vermutlich das ganze Partyvolk herumtreibt. Das umfahre ich lieber.«

Beruhigt lehnte Sera sich wieder zurück. Das merkwürdige Gefühl allerdings war noch immer da. Womöglich hatte es gar nichts damit zu tun, dass sie in die falsche Richtung fuhren. Es musste etwas anderes sein. Aber der Fahrer wirkte nüchtern, und der Wagen selbst erweckte auch nicht den Eindruck, als würde er jeden Moment mit stotterndem Motor liegen bleiben.

»Hatten Sie einen angenehmen Abend, Miss Seraphina?«, riss sie der Mann aus ihren Gedanken.

Miss Seraphina. Sera konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Obwohl der Kerl vermutlich gerade mal dreißig war, hörte er sich an, als stammte er aus einem anderen Jahrhundert. Nicht einmal Tante Edna sprach so, und das wollte wirklich was heißen.

»Ja, danke«, erwiderte sie knapp, um ihn nicht zu einem Gespräch zu ermuntern.

Schon auf dem Weg zum Zane House hatte er wortreich erklärt, wie aufgeregt er angesichts dieses ersten Einsatzes war und dass er Chancen auf eine Festanstellung habe, wenn er sich gut machte. Sera hatte irgendwann abgeschaltet und seine Stimme nur noch als Hintergrundgeräusch wahrgenommen, während sie aus dem Fenster geblickt und beobachtet hatte, wie die noblen Gegenden von Bay City mit ihren schimmernden Fassaden aus Glas und Stahl vorbeizogen.

Auch jetzt begann er zu plappern, als hätte sie ihn mit ihrer Antwort aus einer Art Stand-by-Modus geweckt. »Unfassbar, dass die Leute den Tag eines Terroranschlags feiern«, sagte er kopfschüttelnd. »Als ob daraus etwas Gutes entstanden wäre. Sehen Sie sich die Stadt doch an!« Anklagend deutete er auf die Fassaden der Wolkenkratzer, deren Umrisse sich vor dem Nachthimmel abhoben. »Ein Moloch ist das! Und eines Tages verschlingt er uns alle.«

So dachten viele, die nicht Seras Glück hatten, in einem der teuersten Viertel zu leben und über alle Annehmlichkeiten zu verfügen. Trotzdem konnte Sera seine Worte so nicht stehen lassen. »Was wir feiern, sind nicht die Anschläge, sondern die Tatsache, dass wir sie überlebt haben.«

Die Sicherheitsbehörden waren FARCE damals dicht auf den Fersen gewesen, woraufhin die Gruppe in einer groß angelegten Aktion die landesweite Stromversorgung lahmgelegt hatte. Das dadurch entstandene Chaos war die perfekte Ablenkung von ihrer eigentlichen Aktion gewesen: einem groß angelegten Anschlag auf San Francisco und Oakland, bei dem sie über hundert Sprengsätze deponiert und gezündet hatten.

Der Fahrer unterdrückte ein Schnauben. »Überlebt haben wir vielleicht, aber um welchen Preis? Ich möchte ja nicht respektlos oder undankbar klingen, Miss Seraphina …«

»Aber?«

Er räusperte sich und schluckte einmal, doch offenbar wollten die Worte sich nicht einfach runterschlucken lassen. »Sie führen ein unbeschwertes Leben, aber da draußen gibt es eine Menge Leute, für die das Wort unbeschwert schon lange nicht mehr existiert.«

Natürlich wusste Sera, dass es anderen weit weniger gut ging. Was glaubte der Kerl denn, warum sie zu Spendengalas und Wohltätigkeitsveranstaltungen ging?

Nicht jeder in der Stadt hatte Strom, und nicht alle hatten sich nach den Anschlägen den Wiederaufbau leisten können. Wer die nötigen Mittel nicht besaß, war aus den guten Vierteln verdrängt worden. Wenn man von dem Problem mit der Stromversorgung absah, ging es der Mittelschicht gar nicht so schlecht, auch wenn sie deutlich kleiner geworden war. Der Rest war allerdings abgehängt worden. Die Armen lebten in den Dunklen Vierteln – Ghettos, die sich auf beiden Seiten der Bucht wie eine ansteckende Krankheit ausgebreitet hatten. Dort, so hatte Sera gehört, waren die neuen Gebäude einfach auf die Ruinen der alten gesetzt worden, zusammengeschustert aus den Überresten alter Fassaden, Brettern und Wellblech. Manche Straßenzüge glichen angeblich noch immer Trümmerwüsten. Sera war noch nicht dort gewesen, und manchmal schien es ihr, als würden die Dunklen Viertel losgelöst vom Rest der Stadt existieren – fernab von ihrem eigenen Leben. Im Fernsehen bekam man, wenn überhaupt, nur hin und wieder verschwommene, wacklige Aufnahmen präsentiert, die ein mutiger Reporter dort heimlich gemacht hatte. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte nur ein einziges Mal ein Fernsehteam versucht, in einem der Dunklen Viertel offiziell zu filmen. Die Männer waren ohne Ausrüstung und Wertgegenstände, dafür aber mit der Warnung, sich nicht noch einmal dort blicken zu lassen, zurückgekommen. Wer seinen Verstand beisammen hatte, hielt sich von da fern.

Dasselbe galt für die U-Bahn-Tunnel, von denen einige während der Anschläge eingestürzt waren. Aus Geldmangel hatte man darauf verzichtet, sie wiederaufzubauen, und das Netz nicht einmal auf Teilstrecken wieder in Betrieb genommen. Angeblich standen sogar die Züge noch dort, wo man sie evakuiert hatte.

In den Jahren des Wiederaufbaus hatte es in der Stadt regen Zuzug gegeben. Viele der Bauarbeiter waren geblieben und hatten ihre Familien nachgeholt. Geschäftsleute, die Chancen auf neue Einnahmequellen witterten, kamen ebenso nach Bay City wie Menschen, die hier einen Neuanfang machen wollten. Seras Dad sprach von einer Goldgräberstimmung, die sich für eine Weile breitgemacht hatte. Doch angesichts der begrenzten Grundfläche gab es nur eine Richtung, in die die Stadt weiterwachsen konnte: nach oben. Heute ragten an vielen Stellen, an denen früher drei- oder vierstöckige Häuser gestanden hatten, Wolkenkratzer in den Himmel. Nur im Nordwesten und in einigen Randbezirken gab es noch Gegenden, in denen Villen und Einfamilienhäuser dem Wachstum getrotzt hatten. Es grenzte an ein Wunder, dass einige der Parks und Grünflächen vom Bauboom unberührt geblieben waren, manche offen und weitläufig, andere winzig und verborgen im Schatten der Hochhäuser. Die Stadt war wirklich riesig, und vielleicht war sie in einigen Teilen auch ein Moloch, aber sie war auch ihr Zuhause, und deshalb liebte Sera sie. Zumindest den Teil, in dem sie sich bewegte.

Für gewöhnlich fuhr sie nach der Gala noch zu irgendeiner Party, heute stand ihr danach nicht der Sinn. Am Ende würde sie nur Tom begegnen, und darauf hatte sie nun überhaupt keine Lust. Sie lebten nicht in einer festen Beziehung. Sie gingen zusammen auf Partys, landeten manchmal miteinander im Bett und hatten ihren Spaß. Keine Verpflichtungen. Außer der, dass der andere auch erschien, wenn er einer Verabredung zugesagt hatte – oder wenigstens absagte. Beides hatte Tom nicht getan, und das nicht zum ersten Mal.

Abgesehen davon, dass Sera ihm heute nicht mehr über den Weg laufen wollte, hatte der Abend ihr jegliche Energie aus den Knochen gesaugt. Dabei war sie früher so gern zum Bankett der Kent-Foundation gegangen! Einige von Seras schönsten Erinnerungen hingen damit zusammen.

Sie war fast elf gewesen, als ihre Mutter sie zum ersten Mal mitnahm. Mit ihr war das Bankett nie langweilig gewesen. Sie hatten die Leute beobachtet, sich gegenseitig auf besonders ausgefallene Mitglieder der High Society aufmerksam gemacht und gegen so manchen Lachanfall angekämpft. Für ihre Mutter hätten Seras heutige Tischnachbarinnen einiges an Unterhaltungswert besessen. Aber ihre Mutter war tot. Bei einem Unfall ums Leben gekommen, als Sera achtzehn war. Und alles, was Sera noch für sie tun konnte, war, ihr Andenken zu ehren. Das würde sie auch weiterhin tun, indem sie die Kent-Foundation, die ihrer Mutter so sehr am Herzen gelegen hatte, finanziell unterstützte.

Sera hatte lange geglaubt, sie müsse ihr ganzes Leben nach dem ausrichten, was ihre Mutter sich gewünscht hätte. Nur deshalb hatte sie überhaupt zu studieren begonnen – weil ihre Mutter der Ansicht gewesen war, dass ein anständiger Job verhindern würde, dass sie angesichts ihres Vermögens abhob. Und weil sie sich, ebenso wie ihr Vater, wünschte, dass Sera eines Tages die Firma übernahm. Ihre Gedanken sollten nicht ständig um Geld und Luxus kreisen. Doch wenn das Geld ohnehin da war, warum sollte sie dann nicht das Leben mit all seinen Annehmlichkeiten genießen?

Ihr war schnell klar geworden, dass Betriebswirtschaft nichts für sie war. Auch drei andere Studiengänge hatten sie nicht bei der Stange halten können. Und deshalb besaß sie jetzt keinen Abschluss und hatte keinen blassen Schimmer, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Das Einzige, das sie mit Sicherheit wusste, war, dass sie nicht im Unternehmen ihres Vaters arbeiten oder es eines Tages führen wollte.

Statt sich über die Zukunft Gedanken zu machen, ließ sie sich seit beinahe drei Jahren treiben. Eine Weile hatte sie es genossen, einfach in den Tag hinein zu leben, allmählich jedoch wurde es eintönig. Immer öfter fragte sie sich, ob das für den Rest ihres Lebens so weitergehen sollte und wo darin der Sinn lag.

Doch im Moment, hier in dieser Limousine, war weder von Eintönigkeit noch von Genuss etwas zu merken. Stattdessen kehrte die ungute Vorahnung mit voller Wucht zurück und ballte sich wie ein Klumpen in ihrem Magen zusammen. Die Gänsehaut, die ihre Arme auf einmal überzog, hatte nichts mit der Temperatur im Wagen zu tun. Hier stimmte definitiv etwas nicht.

Sera warf einen Blick aus dem Fenster. Keine Laternen, keine Leuchtreklamen, keine erleuchteten Fenster, nur das schwache Licht des Mondes. Und ihr eigenes, in der getönten Scheibe blass wirkendes Abbild. Das war nicht gut, denn es bedeutete, dass es dort draußen kein Licht gab. Und kein Licht wiederum …

Oh, verflucht! Sie waren im Dunklen Viertel!

»Sie müssen sofort umdrehen!«, wies sie den Fahrer an.

Den Schweißperlen in seinem Nacken und dem hektischen Tippen seiner Finger auf dem Navi nach zu urteilen, war auch ihm nicht entgangen, wo sie sich befanden. Er nahm die Hand gerade lange genug vom Navi, um den Knopf für die Zentralverriegelung zu drücken.

»Keine Sorge, ich bringe uns gleich hier raus.« Falls seine Worte aufmunternd klingen sollten, wurde das durch das Beben in seiner Stimme zunichtegemacht. Während Sera ihren Blick wieder aus dem Fenster richtete, in der Hoffnung, doch etwas zu entdecken – irgendein Licht, einen Anhaltspunkt, dass sie sich bestenfalls in einem Randgebiet befanden und das Dunkle Viertel nach wenigen Metern hinter ihnen läge –, bearbeitete der Fahrer weiter das Navi.

Um mehr sehen zu können, presste Sera ihre Stirn gegen die Scheibe und schirmte das Gesicht mit den Händen ab. Das war definitiv kein Randbezirk. Sie waren mittendrin. Dabei lag das Dunkle Viertel in entgegengesetzter Richtung zu ihrem Zuhause. Wie hatte dieser Kerl die Nachtbaustelle denn bitte umfahren wollen? Über Los Angeles?

Alles, was Sera verschwommen sah, waren heruntergekommene Häuserblocks und jede Menge Unrat auf den Straßen. Von Zeit zu Zeit glaubte sie, irgendwo ein einzelnes Licht aufblitzen zu sehen. Vielleicht der Schein einer Taschenlampe oder der Scheinwerfer eines Wagens. Nicht, dass viele Fahrzeuge unterwegs gewesen wären. Tatsächlich konnte sie kein einziges ausmachen. Straßen und Gehwege waren wie leer gefegt. Abgesehen davon, dass die Polizei, die schon tagsüber kaum dazu zu bewegen war, hierherzukommen, nachts keinen Fuß in diese Gegend setzte, wagten sich um die Zeit offenbar nicht einmal mehr die Anwohner aus ihren Häusern. Sicher, es war nach Mitternacht, und die meisten schliefen vermutlich, aber zumindest vereinzelt hätten doch ein paar Nachtschwärmer unterwegs sein müssen. Andererseits kämen die Leute hier wohl nicht von einer Party nach Hause, sondern eher von einem Überfall oder Einbruch.

Womöglich gab es hier Veränderte! Die Nachrichten waren seit Monaten voll mit Berichten über diese Freaks mit ihren gefährlichen Fähigkeiten. Da war zum Beispiel dieser Typ, der angeblich ein Gebäude des Zane House angezündet hatte. Mit einem Flammenstrahl aus seiner Hand! Allein der Gedanke war beängstigend. In der letzten Zeit wurden immer öfter Veränderte in der Stadt gesehen, doch Sera hatte bisher nichts von einer Verhaftung gehört.

Ihr Blick fiel wieder auf die verlassenen Straßen. Nachts, wenn alles im Dunkeln lag, machten Banden die Straßen unsicher und gingen in den besseren Gegenden – gut genug, dass es etwas zu holen gab, aber nicht so gut, dass die Häuser alarmgesichert waren – auf Raubzug. Wo könnte ein Veränderter besser untertauchen als hier, in einer Gegend, in der sich jeder nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte und ganz bestimmt niemand die Polizei rief?

Noch immer war kein Licht zu sehen. Der Fahrer hatte aufgehört, das Navi zu bearbeiten, und starrte auf die Straße.

Ein plötzlicher Knall ließ Sera hochfahren. Der Wagen geriet ins Schleudern. Die Bremsen quietschten. Die Limousine rutschte noch ein Stück über den Asphalt, dann kam sie mit einem Ruck, der Sera in den Gurt presste, quer zur Fahrbahn zum Halten.

»Was war das?«

»Ein Reifen ist geplatzt!« Das Weiße in den aufgerissenen Augen des Fahrers schimmerte hell, als er im Rückspiegel zu Sera sah. »Sind Sie verletzt?«

Sie schüttelte den Kopf.

Er zog sein Handy heraus. »Ich rufe den Pannendienst.«

Pannendienst? Sera würde ganz bestimmt nicht hier warten, bis irgendjemand kam, um den Reifen zu wechseln. Wenn sich um diese Zeit überhaupt jemand in diese Gegend wagte, was sie stark bezweifelte. »Rufen Sie Ihre Zentrale an! Die sollen einen anderen Wagen schicken!«

Er wischte und tippte auf seinem Smartphone herum, hielt es sich ans Ohr, schüttelte es und starrte schließlich wie hypnotisiert auf das Display.

»Jetzt sagen Sie nicht, es ist kaputt!« Sera holte ihr eigenes Telefon aus der Tasche und wollte nach der Nummer der Zentrale suchen, als sie es sah: kein Empfang. Sie waren mitten in der Stadt, und dieses Mistding hatte keinen Empfang!

Großartig.

Zumindest wusste sie jetzt, warum sie die ganze Zeit diese Vorahnung gehabt hatte. Kein Netz war schon schlimm. Die zusätzliche Reifenpanne machte daraus ein Desaster.

»Da drüben ist ein Telefon«, sagte der Fahrer und deutete in die Dunkelheit, in der sich tatsächlich ein öffentliches Telefon aus dem Mondlicht schälte. »Ich rufe Hilfe.«

Mit einem dumpfen Schlag entriegelten sich die Türen, und er stieg aus. Sera beobachtete, wie er die Straße überquerte. Eine Telefonsäule. Erstaunlich, dass so etwas außerhalb eines Museums überhaupt noch existierte. Andererseits mussten die Leute hier ja irgendwie telefonieren, und ohne Handyempfang oder den nötigen Strom, um die Dinger überhaupt aufzuladen, war das vermutlich die einzige Möglichkeit.

Der Fahrer erreichte die Säule und griff nach dem Hörer. Er war nicht weiter als fünfundzwanzig Meter entfernt, trotzdem konnte Sera kaum mehr als seine Silhouette ausmachen. Ohne das Mondlicht hätte die Finsternis ihn längst verschluckt. Er starrte den Hörer in seiner Hand an, und als er ihn hob, erkannte sie das lose Kabel, das daran baumelte. Abgerissen.

So viel also zu den Möglichkeiten, zu telefonieren.

Der Fahrer knallte den Hörer auf die Gabel und wandte sich gerade wieder dem Wagen zu, als er mitten in der Bewegung innehielt. Sera folgte seinem Blick und entdeckte am Zugang zu einer Seitengasse einen hellen Schimmer, der ihr bisher entgangen war. In einer Metalltonne brannte ein Feuer, die Flammen so schwach, dass sie ebenso schwer wahrnehmbar waren wie die Umrisse der Gestalten, die sich um die Tonne scharten. Fünf dunkel gekleidete Typen, der Statur nach alle männlich, richteten ihre Aufmerksamkeit in diesem Moment vom Fahrer auf die Limousine.

Unwillkürlich griff Sera nach ihrem Handy. Aber selbst wenn sie auch nur einen einzigen Empfangsbalken zu sehen bekommen hätte, was hätte ihr das genutzt? Falls sich die Polizei überhaupt auf den Weg machte – immerhin befand sich hier ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft in Gefahr –, käme sie zu spät. So wie es aussah, musste sie sich darauf verlassen, dass ihr Fahrer sie in Sicherheit brachte.

Derselbe Fahrer, der gerade einen Haken nach links schlug und die Straße entlang in der Dunkelheit verschwand.

Dieser Mistkerl ließ sie einfach sitzen!

Allein!

Hier!

Mit diesen Ghettotypen, die … Oh, scheiße! Sie kamen auf den Wagen zu. Langsam, wie in Zeitlupe, aber sie kamen definitiv näher.

Sera war sauer auf den getürmten Fahrer. Stinksauer! Und auf Tom. Wenn der sie nicht hätte hängen lassen, wäre sie jetzt auf dem Weg zu irgendeiner Party und nicht in diesem stromlosen Vorhof zur Hölle gefangen.

Ihre Wut änderte nichts daran, dass diese Typen immer näher kamen. Der Gedanke an Veränderte, die sich vielleicht hier verbargen, war wie weggewischt. Geschichten über Leute, die Blitze schleudern oder fliegen konnten, klangen bedrohlich, doch im Augenblick war die Realität weitaus gefährlicher.

Inzwischen konnte Sera sie besser erkennen. Sie trugen allesamt Kapuzenpullis, als wäre das die Uniform dieser Gegend. Zwei hielten Baseballschläger in der Hand. Also echt, keinen Strom bezahlen können, aber Geld für Sportausrüstung auf den Kopf hauen! Das Messer in der Hand eines Dritten ließ ihre Gedanken schlagartig ersterben.

Im Wagen zu warten war keine gute Idee. Aber was sollte sie dann tun? Die Typen bitten, sie in Ruhe zu lassen und doch freundlicherweise andernorts ihren Raubzügen nachzugehen?

Sera steckte ihr Handy in das glitzernde Abendtäschchen und streifte sich die Umhängekette über. Dann glitt sie über die Rücksitzbank auf die andere Seite des Wagens und öffnete die den Kerlen abgewandte Tür. Durch die getönten Scheiben konnten sie das unmöglich gesehen haben. Wenn es ihr gelang, unbemerkt aus dem Wagen zu steigen, konnte sie vielleicht in der Dunkelheit verschwinden, bevor jemand auch nur ahnte, dass sie da gewesen war.

Die kühle Nachtluft wehte ihr um die Nase, als sie ihren Absatz klappernd auf den Asphalt setzte. Hastig streifte sie die High Heels ab und nahm jeden in eine Hand, sodass sie sich notfalls damit verteidigen konnte.

Noch hatten sie Sera nicht gesehen. Auch das Klappern des Absatzes war unbemerkt geblieben. Zumindest hatte niemand darauf reagiert.

Allerdings gingen sie jetzt schneller. Nicht hektisch, eher zielstrebig. Als wüssten sie … Mist, sie hatten sie doch gehört!

Sera sah sich um. Etwa zwanzig Meter von ihr entfernt führte eine schmale Straße in die Schatten. Das war perfekt. Wenn sie die Einmündung vor diesen Kerlen erreichte, konnte sie sie vielleicht abhängen. Ach was, ganz sicher konnte sie das! Sie ließ sich regelmäßig von einem Personal Trainer herumscheuchen. Wozu sollte das gut sein, wenn sie nicht in der Lage wäre, diese Straßenräuber, die vermutlich allesamt Kettenraucher und Junkies waren, abzuhängen?

Geduckt lief sie los. Der Boden war kalt und rau unter ihren Fußsohlen, und sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, in was sie alles trat oder noch treten würde. Vermutlich brauchte sie, wenn sie erst hier raus war, Unmengen von Wasser, Seife und Desinfektionsmittel. Und eine Tetanusspritze.

Das würde allerdings noch warten müssen, denn aus der Richtung, in die sie lief, lösten sich vier weitere Gestalten aus den Schatten. Die Kapuzen ihrer Pullis hatten sie tief ins Gesicht gezogen, trotzdem hätte Sera schwören können, dass sie grinsten. Grinsten solche Typen nicht immer?

Zeit für Plan B.

»An eurer Stelle würde ich nicht näher kommen!«, rief sie. »Die Polizei ist alarmiert und auf dem Weg.«

Ihre Worte lösten dröhnendes Gelächter aus, was sie sich auch hätte denken können.

Was, wenn Sera sie bezahlte, damit sie sie in Ruhe ließen? Sollten sie doch die paar hundert Dollar haben, die sie bei sich trug – notfalls auch die Kreditkarte und das Handy, beides konnte sie sperren lassen –, wenn sich damit verhindern ließ, dass die Kerle sie anrührten. Aber würden sie sich damit zufriedengeben? Etwas an der Haltung dieser Männer wirkte zutiefst bedrohlich. Auf eine körperliche Weise, von der Sera nicht zu sagen vermochte, ob sie es darauf abgesehen hatten, jemanden zu verprügeln, abzustechen, oder ob sie anderweitig Hand an sie legen würden. Ganz bestimmt wollte sie nicht warten, um es herauszufinden. Und das brachte sie zu Plan C: Sie begann, um Hilfe zu schreien.

Selbst in einer Gegend wie dieser konnte unmöglich jeder Mensch ein Verbrecher sein. Es musste doch auch anständige arme Leute geben, die einer Frau in Not helfen würden!

Sera schrie und schrie.

»Hilfe! Polizei! Retten Sie mich! Hört mich denn keiner?«

Noch ein paarmal »Hilfe« in verschiedenen Tonlagen und das I unterschiedlich langgezogen. Falls jemand auf ihre Rufe antwortete, hörte sie es über ihrem Geschrei nicht. Es war allerdings wahrscheinlicher, dass die Anwohner ihre Rufe ebenso ignorierten wie der getürmte Fahrer (der sich seine Festanstellung so was von in die Haare schmieren konnte!).

Als Sera aufhörte zu schreien, vernahm sie ein Geräusch. Einen Moment lang keimte Hoffnung in ihr auf, dann begriff sie, dass es von den Männern kam. Einige lachten noch immer, andere stießen zornige Flüche aus. Einer rief: »Bringen wir die Tussi zum Schweigen!«

Sie wandte sich nach rechts, doch ein paar der Typen versperrten ihr den Weg. Sie waren jetzt überall um Sera herum. Und je näher sie kamen, je enger der Kreis wurde, desto mehr begriff sie, dass dies die Gefahr war, vor der ihre Vorahnung sie zu warnen versucht hatte.

Sera riss ihren Schuh hoch und schlug mit dem Absatz auf einen der Kerle ein. Als dieser, eher belustigt denn erschrocken, zurückwich, rannte sie los. Noch immer war die Dunkelheit ihr Ziel und vermutlich die einzige Hoffnung, die ihr noch blieb.

Sie schaffte drei Schritte. Und einen halben. Dann wurde sie gepackt und zurückgerissen. Sera geriet ins Stolpern. Einer der Schuhe fiel aufs Pflaster, als sie darum kämpfte, ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren.

»Ihr könnt mein Geld haben!«, rief sie. »Aber bitte lasst mich in Ruhe!«

Sie war kein Mensch, der andere gern um etwas bat. In dieser Situation allerdings erschien es ihr angebracht. Aber auch sinnlos, wie sich schnell herausstellte.

Lachend entwand ihr einer der Männer den zweiten Schuh, dann packte er sie am Arm. Sie versuchte, sich loszureißen, doch sein Griff war zu fest. »Komm schon, du Miststück! Komm mit ins Licht, damit wir dich ansehen können!«

Er zerrte sie an der Limousine vorbei auf die andere Straßenseite zu, wo noch immer das Feuer in der Tonne brannte. Sie wehrte sich, doch die Kerle waren überall um sie herum, zogen und stießen sie vorwärts.

Es gelang Sera, mit der freien Hand nach ihrer Handtasche zu tasten und den Schnappverschluss zu öffnen. Sie griff nach ihrem Handy und riss es heraus. Es kostete sie einen kurzen Blick und zwei Berührungen auf dem Display, dann flammte die Taschenlampe auf. Mit einem zornigen »Hier, du Mistkerl!« leuchtete Sera dem Kerl, der sie gepackt hielt, in die Augen. Für einen Moment lockerte sich sein Griff. Mehr brauchte sie nicht, um sich loszureißen.

Unglücklicherweise waren die anderen nicht geblendet. Einer hob etwas in die Luft und holte aus. Der Baseballschläger! Der Schlag traf Sera an der Schulter. Sie taumelte vorwärts. Ein zweiter Schlag erwischte sie an der Schläfe und schickte sie zu Boden. Beim Aufprall rutschte ihr das Telefon aus der Hand. Der Lichtstrahl fiel ihr ins Auge und blendete sie. Dann wurde es finster.

Sie konnte nicht länger als ein paar Sekunden weggetreten gewesen sein. Als sie wieder zu sich kam, waren die Männer immer noch da. Sera war noch nicht bereit, die Augen wieder zu öffnen, doch sie konnte sie hören. Ein Durcheinander dröhnender und viel zu lauter Stimmen, die sich wie Nägel in ihren hämmernden Kopf bohrten. Sie hatte rasende Kopfschmerzen. Ihr Gehirn schien zu pulsieren und dabei unaufhörlich gegen ihre Schädeldecke zu stoßen. Schädelhirntrauma, schoss es ihr durch den Kopf. Der Gedanke war so beunruhigend, dass sie ihn sofort verdrängte.

Stöhnend öffnete sie nun doch die Augen.

Um sie herum war es gleißend hell. Blinzelnd suchte sie nach etwas, woran sich ihr Blick festhalten konnte. Gleichzeitig tastete sie nach ihrem Handy. Sie musste das verdammte Licht abschalten, wenn sie sich ein Bild von ihrer Lage machen wollte.

Sie fand das Telefon direkt neben ihrer Hand. Das Display war ebenso dunkel wie die Lampe auf der Rückseite.

Woher kam das Licht? Ein Suchscheinwerfer der Polizei? Wohl kaum. Dann wären die Kerle längst getürmt.

Allmählich gewöhnten sich Seras Augen an die Helligkeit. Zumindest gelang es ihr jetzt, erste Umrisse darin auszumachen. Ihre Angreifer! Sie kniff die Augen zusammen, um mehr erkennen zu können. Waren sie zurückgewichen?

Langsam richtete sie sich auf, kämpfte sich erst auf die Knie, dann auf die Beine. Niemand hinderte sie daran. Stattdessen entfernten sich die Kerle weiter von ihr. Als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Oder eine geladene Pistole.

Da nichts davon der Fall war, konnte Sera sich auf das Verhalten der Männer keinen Reim machen.

Was zum …?

Nicht, dass ihr das Zurückweichen der Typen nicht gelegen gekommen wäre – aber warum taten sie das? Wollten sie sie etwa ziehen lassen? Es wäre ihr sicher leichter gefallen, zu entscheiden, was sie als Nächstes tun sollte, wenn ihr Kopf sich nicht immer noch angefühlt hätte, als könnte er jeden Moment explodieren.

Auf der Suche nach etwas, das sie als Waffe verwenden konnte, blickte Sera an sich hinab. Und erstarrte. Das Licht, dieses grelle, blendende Licht, kam aus ihr! Sie leuchtete von innen heraus wie ein überdimensioniertes Glühwürmchen!

Im Gegensatz zu Sera schienen die Männer ihren Schrecken überwunden zu haben und kamen jetzt wieder näher, Baseballschläger und Messer drohend erhoben.

Seras Kopfschmerzen waren schlagartig verschwunden. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Im einen Moment noch rasender Schmerz hinter ihrer Stirn, im nächsten nichts mehr. Nicht einmal da, wo sie der Baseballschläger getroffen hatte.

Das ist der Adrenalinrausch! Wenn sie erst hier raus war – wenn –, würde das Hämmern vermutlich mit doppelter und dreifacher Vehemenz zurückkehren.

Plötzlich verschob sich ihre Perspektive. War sie gerade noch auf einer Ebene mit ihren Angreifern gewesen, sah sie jetzt alles von oben. Als hätte ihr Geist ihren Körper verlassen und schwebte nun ein Stück über ihr, von wo aus er alles beobachtete. Nur dass es nicht allein Seras Geist war, der – wie es bei Nahtoderfahrungen angeblich der Fall sein sollte – schwebte, sondern ihr ganzer Körper.

Für einen Moment hielten die Männer inne. Dann schrie einer: »Holt euch die Missgeburt!«

Ein Ruck ging durch ihren Körper, als sie höher in die Luft gerissen wurde. Leuchtend wie ein Komet schoss sie nach oben. Sie schrie auf, während sie mit ansehen musste, wie die Männer unter ihr immer kleiner wurden. Jetzt war nur noch eines von Bedeutung: Wie konnte sie diesen Aufstieg stoppen?

Als hätte der Gedanke allein ausgereicht, hielt sie in der Luft inne. Wie ein Ballon an einer Schnur schwebte sie fünfzig Meter über den Dächern des Dunklen Viertels und starrte fassungslos nach unten.

Ihre Angreifer starrten zurück. Zumindest vermutete Sera das. Ganz sicher konnte sie nicht sein, denn das Leuchten, das sie noch immer umgab wie ein zu groß geratener Heiligenschein, erlaubte ihr keinen allzu genauen Blick. Was vielleicht auch besser war.

Der Zustand des Schwebens hielt nicht lange an. Sie fragte sich gerade, wie sie von hier fort und wieder nach unten kommen sollte, als es sie herumriss, bis sie waagerecht in der Luft lag. Einen Moment lang schwankte Sera, als hielten Seile sie an Ort und Stelle, dann hatte ihr Körper sein Gleichgewicht gefunden.

Oh Gott, ich will nach Hause! Bitte, bitte, einfach nur nach Hause! Oder aufwachen! Ihr war beinahe alles recht, solange dieser Albtraum nur endlich aufhörte. Mit einer Gehirnerschütterung in einem Krankenhausbett zu erwachen und herauszufinden, dass dieses ganze Fliegen und Leuchten nichts weiter als Einbildung gewesen war, schien ihr eine gute Möglichkeit zu sein. Noch lieber aber wäre sie in ihrem Bett aufgewacht und hätte festgestellt, dass alles nur ein verrückter Traum war.

Als sei der Gedanke an ihr Bett der Auslöser, schoss Sera los, über die Dächer dahin, wie ein Vogel. Oder ein … Veränderter. Sie wusste nicht, ob es dieser Gedanke war, der ihr den nächsten Schrei entriss, oder die Tatsache, dass ihr Flug sich noch weiter beschleunigte. So oder so: Seraphina Amelia Winter schrie.

2

Bay City. Zu gleich zwei schrecklichen Unfällen kam es gestern auf der Richmond Street, einer der teuersten Einkaufsmeilen unserer Stadt. Maya Winter, Ehefrau von Marc Winter, einem der fünf reichsten Männer des Landes, wurde von einem herabstürzenden Fassadenteil getroffen und lebensgefährlich verletzt. Sie verstarb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.

Ihr Mann befand sich zur Zeit des Unfalls in einem Geschäft auf der anderen Straßenseite. Als er sah, dass seiner Frau etwas zugestoßen war, lief er sofort los. Dabei achtete er nicht auf den Verkehr und wurde von einem Lastwagen erfasst. Laut ärztlicher Prognose wird Mr Winter für den Rest seines Lebens an einen Rollstuhl gefesselt sein.

Lesen Sie auch unseren Artikel auf Seite 3 über den Aufstieg von Winter PharmaTech zum größten Pharmakonzern Amerikas.

Quelle: ›Bay City News‹ (Archiv), 13. September 2037

*

»Guten Morgen, Bay City! Hier ist wieder euer DJ Flashing Fever mit dem Neuesten vom Tage und der letzten Nacht – präsentiert von unserem großzügigen Sponsor Never Sleep Again – dem Energydrink aus dem Hause Careless Products, der euch die Augen öffnet! Und was war das für eine Nacht! Ein tief fliegender Veränderter, gehüllt in strahlendes Licht, wurde am Himmel gesichtet. Ihr wisst ja, was man sagt: Fliegen die Veränderten tief, ist die Wetterlage schief. Also haltet den Kopf unten, bis der Sturm vorbei ist. Und denkt –«

Mit einem Knurren schlug Sera auf den Aus-Knopf. Der Radiowecker verstummte und Flashing Fevers überdreht fröhliches Geplapper mit ihm. Sie musste sich dringend einen anderen Sender suchen. Dieses pseudowitzige Geschwafel am Morgen war wirklich nicht ihr Ding. Am liebsten hätte sie sich tiefer unter die Decke verkrochen, doch Flashing Fevers Worte hatten sich in ihr Gehirn gegraben, und jetzt hingen sie dort fest. Schiefe Wetterlage. Veränderte. Sera runzelte die Stirn. Hatte sie heute Nacht nicht ebenfalls von Veränderten geträumt? Das lag wohl an der erwähnten Wetterlage. Noch wahrscheinlicher aber lag es am Champagner, der ihr zwar über das Bankett hinweggeholfen, aber auch ausgesprochen lebhafte Träume beschert hatte.

Blinzelnd schlug sie die Decke zurück und hielt überrascht inne. Statt ihres Seidenpyjamas hatte sie noch das rote Kleid von gestern Abend an. Das Designerstück war so zerknittert, als hätte sie … Nein, nicht hätte – sie hatte darin geschlafen. Als sie die Beine aus dem Bett schwang, fiel Seras Blick auf ihre schmutzigen Füße. Ein Schmutz, der sich auch auf dem Bettlaken und dem Satinbezug befand.

Vor ihrem inneren Auge blitzte ein Bild auf, wie sie ihre Schuhe ausgezogen und von der Limousine weggelaufen war. Das Dunkle Viertel. Die Männer, die sie angegriffen hatten. Plötzlich war alles wieder da: das Pochen in ihrer Schläfe, dort wo der Baseballschläger sie getroffen hatte, die Erinnerung an das Leuchten und daran, wie sie in die Luft geschossen war.

Der Anblick der Stadt unter ihr war unglaublich gewesen. Am eindringlichsten jedoch war ihr der Wind in Erinnerung geblieben. Kein Gezerre, nicht das Gefühl von roher Gewalt. Vielmehr hatte es sich angefühlt, als hätte er sie getragen. Sie neigte für gewöhnlich nicht zu verklärten oder übermäßig romantischen Gefühlen und kam sich albern vor, so etwas auch nur zu denken, aber genau so hatte sie es empfunden: Als wäre der Wind ihr Freund.

Das reichte jetzt wirklich! Sie war fünfundzwanzig und damit eindeutig zu jung, um durchzudrehen. Entschlossen, die letzte Nacht hinter sich zu lassen und alles zu vergessen, stand sie auf. Was sie jetzt brauchte, waren drei bis fünf Aspirin, die den dumpfen Kopfschmerz im Zaum hielten. Und Kaffee. Stark. Schwarz. Am besten ohne störendes Wasser. Ein doppelter Espresso würde es wohl auch tun.

Auf dem Weg zur Schlafzimmertür bemerkte Sera die dunklen Fußspuren auf dem Teppich. Ihr Blick folgte den schmutzigen Abdrücken vom Bett zur Fensterfront und auf die dahinter liegende Dachterrasse. Dort war sie gelandet, direkt neben ihrem Pool, auf dessen Wasseroberfläche die Sonne so unschuldig glitzerte, als hätte es die letzte Nacht nie gegeben. Trotzdem erinnerte sie sich. Die Terrakottafliesen unter ihren nackten Fußsohlen, noch warm von der Hitze des vergangenen Tages, das leise Aufgleiten der Tür, als sie das Penthouse von der Terrasse aus betrat. Sera hatte nicht wahrhaben wollen, was geschehen war, und sich sofort ins Bett verkrochen, in der Hoffnung, der Albtraum möge am nächsten Morgen vergessen sein. Die Folgen des berühmten Glases zu viel oder vielleicht eines verdorbenen Hummers. Selbst vergammeltem Kaviar hätte sie bedenkenlos die Schuld in die Schuhe geschoben. Zusammen mit dem Schock durch den Überfall wäre das doch eine recht plausible Erklärung für Wahnvorstellungen gewesen. Wenn sie am Morgen aufwachte, so hatte sie sich eingebildet, wäre alles wieder normal. Das hatte sie wirklich gehofft, und vielleicht hätte es auch geklappt, wenn Flashing Fever nicht etwas von einem fliegenden Veränderten erzählt hätte.

Konnte das wirklich wahr sein?

War sie diese Veränderte?

Nun, wie viele sollte es denn geben, die mitten in der Nacht durch die Stadt flogen? Natürlich war sie gemeint. Aber Sera war keine von denen! Mit ihr war alles in Ordnung. Sie war normal. Alles war bestens und letzte Nacht … ein Ausrutscher.

Doch die Erinnerung ließ sich nicht mehr verdrängen. Der Anblick der Stadt unter ihr. Das Dunkle Viertel, dessen Straßen und Häuser wie eine schwarze Insel inmitten eines Ozeans aus Licht dagelegen hatten. Die Straßenschluchten, zuerst finstere Schlünde und später, weiter im Norden, in den besseren Gegenden, hell erleuchtet und jene Sicherheit ausstrahlend, die Sera im Dunklen Viertel so schmerzlich vermisst hatte. Der Mond, der sich auf dem Wasser in der Bucht spiegelte. Die schimmernden Stahlfassaden der Hochhäuser, die Beständigkeit würdevoller alter Villen mit ihren hell erleuchteten Fenstern, hinter denen die Menschen ihr Leben lebten. Normale Menschen. Wie sich der Wind auf ihrer Haut angefühlt hatte. Das war … großartig gewesen.

Aber sie war keine Veränderte!

Veränderte waren Freaks.

Sie waren böse!

Bestimmt war sie davongelaufen. Irgendwie war es ihr gelungen, an diesen Kerlen vorbeizukommen. Im Adrenalinrausch war doch angeblich vieles möglich, das unter anderen Umständen undenkbar wäre. Sie war gerannt. Und das Einzige, das sie in den dreiundvierzigsten Stock zu ihrem Penthouse befördert hatte, war der Aufzug gewesen!

Wahrscheinlich war das Radio bereits eine ganze Weile gelaufen, und dieser Flashing Fever hatte seinen Text schon mehrfach wiederholt, bevor sie ihn wahrgenommen hatte. Ihr Unterbewusstsein musste die Meldungen aufgenommen und daraus einen abgedrehten Traum fabriziert haben.

Sie konnte doch nicht fliegen!

Das war lächerlich.

Und sie würde es sich beweisen.

Wenn das erledigt war, konnte sie in Ruhe duschen und dann endlich den Kaffee mit möglichst wenig Wasser kochen, nach dem sie sich sehnte.

Sera suchte sich eine Stelle im Raum, die weit von sämtlichen Möbeln entfernt war. Dort blieb sie stehen. Fliegen also. Da sie keine Ahnung hatte, wie sie es anstellen sollte, reckte sie die Arme in die Luft in der Annahme, dass der Rest ihres Körpers der Bewegung folgen würde – zumindest, wenn sie tatsächlich in der Lage war zu fliegen. Wovon sie nicht ausging.

Ihr Körper rührte sich nicht.

Der Dusche und dem Kaffee ein Stück näher, nickte Sera zufrieden, wollte jedoch ganz sichergehen. Statt die Arme nur in die Luft zu recken, stieß sie sie jetzt schwungvoll nach oben.

Nichts.

Natürlich nicht.

Noch ein Versuch, immerhin wollte sie definitiv ausschließen, dass es tatsächlich geschehen sein könnte. Dieses Mal versuchte sie es mit Visualisieren. Sie schloss die Augen und stellte sich vor, wie sich ihre Füße vom Boden lösten. Da sie den Teppich noch immer spürte, ging sie mehr ins Detail und ließ vor ihrem inneren Auge einen Film ablaufen, der in Großaufnahme zeigte, wie sich Zehe für Zehe vom Boden löste, gefolgt vom Rest der Fußsohle.

Wieder nichts.

Fast schon ein bisschen enttäuscht öffnete sie die Augen wieder. Von wegen fliegen! Vielleicht noch ein allerletzter Versuch, nur um auch wirklich ganz sicherzugehen. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah zur vier Meter entfernten Decke. Da hinauf, dachte sie. Wenn ich fliegen könnte, würde ich jetzt dort hinauf schweben.

Sie ließ gerade den Kopf kreisen, um ihre Nackenmuskulatur zu lockern, als es ihr den Boden unter den Füßen fortriss. Mit Schwung schoss sie nach oben, knallte mit dem Kopf gegen die Decke und schlug einen Atemzug später der Länge nach auf dem Teppich auf. Fluchend setzte sie sich auf und rieb sich den Kopf.

War da gerade passiert, was sie glaubte, dass passiert war? Hatte sie sich gewünscht, zur Decke zu kommen und … und plötzlich war sie dort gewesen?

Sie streifte ihre Benommenheit ab und stand auf. Erfüllt von der Ahnung, wie sie es gemacht hatte, richtete sie ihren Blick wieder nach oben. Da will ich rauf, dachte sie und fügte aus Sorge um ihren Kopf hastig hinzu: Vorsichtig.

Behutsam, fast schon zögernd, lösten sich ihre Fußsohlen vom Teppich. Ganz langsam schwebte Sera nach oben.

Das war es? Sie musste sich nur in Gedanken ein Ziel ausmalen, und schon ging es los?

Etwa fünfzehn Zentimeter bevor ihr Kopf die Decke berührte, blieb sie in der Luft stehen. Sie schwebte! Seras Blick wanderte durch den Raum und blieb am Bett hängen. Ein gutes Ziel. Kaum hatte sie das gedacht, kippte sie in die Waagerechte und flog in Richtung Bett. Hier wollte sie runter. Ein Wunsch, der mit einem gnadenlosen Absturz belohnt wurde. Mit einem unterdrückten »Uff« krachte sie auf die Matratze.

Verblüfft rollte sie sich auf den Rücken und starrte in die Luft, aus der sie gekommen war. Also noch mal. Sie dachte oder wünschte – vielleicht war das in diesem Fall dasselbe – sich nach oben. Und schon ging es los. Mit einem Ruck stieg sie in Richtung Decke empor, zuerst langsam, dann immer schneller.

Nicht dagegen knallen!

Ruckend verlangsamte sich ihr Aufstieg und endete erneut ein paar Zentimeter unterhalb der Decke. Wie weit konnte sie das treiben? Einmal an der Wand entlang durch den Raum? Kaum hatte Sera es gedacht, setzte sie sich auch schon in Bewegung. In zackigen Kurven flog sie die Wände des Schlafzimmers ab.

Am liebsten hätte sie es mit einem Looping versucht, fürchtete aber, dass ihr dabei entweder die Decke in die Quere kommen oder sie sich – beim Versuch, ihr auszuweichen – in den Fußboden graben würde. Also beschränkte sie sich darauf, durch den Raum zu sausen, mal hierhin, mal dahin, mal höher und mal knapp über dem Boden, die Geschwindigkeit von langsamem Schweben zu einem schnellen Dahinsausen variierend. Gut, das mit dem Sausen war übertrieben, in Wahrheit war Sera kaum schneller, als wenn sie durch das Zimmer gerannt wäre. Immerhin musste sie nicht nur auf die Decke, sondern auch auf die Wände und Möbel Rücksicht nehmen. Der Raum mochte groß sein, doch solange sie nicht wusste, ob und wie schnell sie bremsen konnte, wollte sie kein Risiko eingehen.

Sie flog zur Tür und öffnete sie. Jetzt stand ihr auch der Rest des Penthouse zur Verfügung. Vom Schlafzimmer durch den breiten Gang, in die zum Wohnzimmer hin offene Küche, durch die drei Gästezimmer und wieder zurück zum Schlafzimmer. Sera flog im wilden Zickzack zwischen den Räumen hin und her, immer wieder aufschreiend, wenn ihr ein Hindernis zu nah kam, bis sie das Ping der Aufzugtür vernahm. Erschrocken knallte sie hinter dem Tresen auf den Küchenboden und kam gerade rechtzeitig auf die Beine, um zu sehen, wie Carol, eine der Angestellten des Concierge-Service, von dem sie Einkäufe und Putzarbeiten erledigen ließ, mit den bestellten Lebensmitteln in die Küche trat.

Carol hielt inne, als sie Sera bemerkte. »Hallo, Miss Winter. Sie sind heute aber gut gelaunt. Hatten Sie einen schönen Abend?« Sie stellte die Tüten auf den Tresen und begann, auszupacken.

Schöner Abend? Was sollte Sera darauf sagen? Und wie kam die Frau darauf, dass sie gut gelaunt sein könnte? Immerhin war sie gerade mit dem Hintern auf den Fliesenboden geknallt. Da bemerkte Sera das Grinsen in ihrem Gesicht. Es musste schon da gewesen sein, als Carol hereingekommen war.

»Der Abend war okay«, sagte sie, da sie es nicht über sich brachte, einen anfangs langweiligen Abend, in dessen weiterem Verlauf sie um ein Haar gestorben wäre, als schön zu bezeichnen. Aber sie fühlte sich gut. Trotz des Überfalls, der Kopfschmerzen und der Sache mit dem Fliegen war sie bester Dinge, und das war es, was sie am meisten überraschte.

Für gewöhnlich war Sera nach einer durchfeierten Nacht am nächsten Tag nicht vor dem Mittagessen ansprechbar und auch sonst nicht zu viel zu gebrauchen. Sollte sie sich nach den Ereignissen der vergangenen Nacht nicht schlechter fühlen als mit einem Partykater? Ganz bestimmt aber sollte sie nicht grinsend hier herumstehen, erfüllt von dem Hochgefühl, das das Fliegen in ihr ausgelöst hatte.

Bin ich eigentlich noch zu retten?

Kopfschüttelnd ging Sera ins Badezimmer. Am Waschbecken blieb sie stehen und warf einen vorsichtigen Blick in den Spiegel. Trotz der Mittagssonne, die durch die Milchglasfenster fiel, erschien ihr der Raum zu dunkel. Wie sollte sie da erkennen, ob sich etwas verändert hatte? Sera sah prüfend zum Fenster, ob vielleicht ein Teil der Jalousien geschlossen war, als sie aus dem Augenwinkel einen hellen Schein im Spiegel wahrnahm. Langsam drehte sie sich herum. Und starrte auf ihr leuchtendes Abbild.

Das Leuchten. Damit hatte alles angefangen, und trotzdem hatte sie es vollkommen vergessen. Oder wohl eher verdrängt.

Warum leuchtete sie jetzt? Weil es ihr nicht hell genug gewesen war?

Mit zusammengekniffenen Augen blickte Sera in den Spiegel, wandte den Kopf nach rechts und nach links, ging mit dem Gesicht mal näher heran, mal entfernte sie sich ein Stück. Es schien tatsächlich aus ihr zu kommen. Als hätte sie einen glühenden Funken in sich, den sie zu einem grellen Strahlen auflodern lassen konnte. Tatsächlich wurde das Licht heller, steigerte sich im Gleichklang mit dem aufgeregten Schlagen ihres Herzens, bis es sie so blendete, dass sie ihr Gesicht nicht mehr auszumachen vermochte.

Sera hob die Hand und berührte ihre Wange, darauf gefasst, dass sich die Haut heiß anfühlte. Doch ihr Gesicht war nicht wärmer als sonst. Das war beruhigend genug, um ihren Puls wieder herunterzubringen. Und je mehr sich ihre Aufregung legte, desto schwächer wurde das Leuchten.

Sie schloss die Augen und atmete mehrere Male tief ein und aus. Als sie die Augen wieder öffnete, war das Licht verschwunden.

Zu dunkel, dachte sie, und sofort flammte es erneut auf. Blendend hell. Dann plötzlich flackerte es, wie das Licht einer Kerze im Luftzug, und erlosch.

Noch einmal versuchte Sera, es zu rufen. Nichts geschah. Sie richtete ihre Gedanken darauf, dass es zu dunkel war, und als das nicht half, sprach sie die Worte sogar laut aus. »Ich brauche mehr Licht!«

Wieder und wieder versuchte sie es, doch das Leuchten blieb aus. Warum war es vorhin hell geworden und jetzt nicht mehr? Als wären seltsame Fähigkeiten nicht schon schlimm genug, schienen sie auch noch unzuverlässig zu sein. Fast ein wenig enttäuscht wandte sie sich wieder ihrem Spiegelbild zu. Abgesehen davon, dass sie noch das Make-up von gestern Abend trug, was ihr Panda-Augen beschert hatte, und ihre blonde Lockenmähne ein einziges Durcheinander war, sah alles normal aus. Ihre Augen waren so blau wie immer, und die Nase hatte das gewohnte aristokratische Aussehen. Die letzte Nacht hatte keine Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, die nicht mit Make-up-Entferner zu beseitigen wären. Keine rot glühenden Augen. Keine Stress- oder Panikfalten. Nicht das geringste Anzeichen von Besorgnis oder Anstrengung. Selbst von dem Schlag, den sie an der Schläfe abbekommen hatte, war nichts zu sehen. Sie sah gut aus. Sie fühlte sich gut. Und die Sache mit dem Fliegen war schon irgendwie nett.

Allerdings hatte sie auch einen Haken: Wer so etwas wie Fliegen und Leuchten konnte, musste ein Veränderter sein. Sera hatte noch nie von einem normalen Menschen gehört, der dazu in der Lage gewesen wäre. Aber sie wollte niemand sein, auf den die AfV Jagd machte. Allein der Name verursachte ihr schon eine Gänsehaut: AfV – Abteilung für Veränderte. Mit diesen Agenten war nicht zu spaßen. Sera wollte nichts mit ihnen zu tun haben, und sie wollte ganz bestimmt kein Freak sein. Wenn sich das herumsprach, war ihr guter Ruf ruiniert! Wie sollte sie ihren Freunden dann noch unter die Augen treten? Niemand würde sie mehr auf Partys einladen. Keine Galas, Konzerte und Theaterpremieren mehr. Nie wieder über den roten Teppich laufen – es sei denn, sie wollte mit Eiern beworfen, beschimpft und ausgebuht werden. Und verhaftet.

Je mehr Sera der Zusammenhang zwischen ihren neu entdeckten Fähigkeiten und den Auswirkungen, die das auf ihr zukünftiges Leben haben würde, bewusst wurde, desto mehr wuchs ihre Panik. Ihr Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust, ihre Hände, mit denen sie sich am Waschbeckenrand abstützte, zitterten, und ihre Knie wurden weich. Das Licht in ihr flackerte auf. Als sie bemerkte, dass sie kurz davor war, zu hyperventilieren, zwang sie sich, durchzuatmen. Sie drehte den Hahn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Allmählich beruhigte sie sich wieder, und das Leuchten verglomm.

Fliegen mochte eine noch so tolle Fähigkeit sein, wenn es jedoch bedeutete, dass sie dadurch zu einer Ausgestoßenen wurde, war sie gern bereit, darauf zu verzichten. Vielleicht war es ja nur ein vorübergehendes Problem. Wie ein 24-Stunden-Fieber. Ganz sicher war es eines, das man lösen konnte. Immerhin war sie reich, und es gab kaum etwas, das sich mit Geld nicht aus der Welt schaffen ließ.

3

Versetzungsbescheide für folgende Agenten erteilen (neuer Einsatzort: Bay City):

Hunter, John ID 2396 – leitender Agent

Barnes, Elizabeth ID 1408 – stellv. Leitung

Bruce, Daniel ID 8749

Danvers, Clinton ID 1222

Grimm, Frank ID 23

Howard, Samantha ID 4509

Jones, Luke ID 1902

Murdock, Anthony ID 2384

Olson, Peter ID 173

Wayne, Allan ID 3587

Winston, Phil ID 978

Quelle: Memo von Roger Tanner
an seine Assistentin,
15. Mai 2045

Ab sofort steht Bay City
unter dem Schutz der AfV

Bay City. Für den heutigen Abend hat Bürgermeister Parker im Rathaus eine Pressekonferenz anberaumt, in deren Rahmen er den Leiter des neu in der Stadt eingetroffenen AfV-Teams vorstellen wird.

Der Zeitpunkt, zu dem die AfV in Bay City ihre Arbeit aufnimmt, könnte nicht besser gewählt sein, denn erst vorletzte Nacht wurde ein fliegender Veränderter über der Stadt gesichtet. Die AfV wird den Umtrieben dieser Monster hoffentlich bald ein Ende setzen.

Der Leiter der Einheit, Special Agent John Hunter (33), ist ein erfahrener Mann im Umgang mit Veränderten. Nach seiner Ausbildung beim FBI wechselte er zum dem Heimatschutzministerium unterstellten Büro für nationale Sicherheit (BnS), für das er bis zu seinem Wechsel zur AfV tätig war. Wie wir in Erfahrung bringen konnten, zählt Agent Hunter in Expertenkreisen zu den besten und effektivsten Agenten der AfV.

›Bay City News‹, 26. Juni 2045

*

John Hunter stand neben Bürgermeister Parker hinter dem Rednerpult und nahm das immer wieder aufbrandende Blitzlichtgewitter mit stoischer Gelassenheit hin. In der halben Stunde, seit Parker ihn der Öffentlichkeit vorgestellt hatte, war der Bürgermeister mehrmals auf die Sichtungen von Veränderten eingegangen, hatte wiederholt betont, wie wichtig die Anwesenheit von Johns Team war, und der Presse die Aufgaben der AfV in aller Ausführlichkeit erläutert. Aus Parkers Mund klang das nach einer ausgesprochen vielfältigen Tätigkeit. Für John ließ sich seine Arbeit in einem einzigen Satz zusammenfassen: Veränderte aus dem Verkehr ziehen, bevor sie Schaden anrichten konnten.

John war erst heute Nachmittag angekommen, und die lange Zugfahrt steckte ihm noch in den Knochen. Statt hier zu stehen und sich wie ein Preisbulle präsentieren zu lassen, hätte er sich lieber an die Arbeit gemacht. Denn so langweilig die Pressekonferenz auch sein mochte, so wichtig war Johns Anwesenheit in dieser Stadt. Im Gegensatz zu den Umzugskisten, die noch unangetastet in seinem Apartment standen, hatte er sich die Kiste mit den Berichten über die gesichteten Veränderten sofort vorgenommen. Wie John aus Erfahrung wusste, beruhten derartige Meldungen zu einem großen Teil auf Missverständnissen, stammten von Betrunkenen oder waren Versuche, unliebsame Personen in Misskredit zu bringen. Einige aber waren hochinteressant, darunter eine über einen Brandstifter, der immer wieder Feuer legte – zuletzt in einem Trakt eines Luxushotels. Von dem leuchtenden Subjekt, das erst vorletzte Nacht über der Stadt gesichtet worden war, existierten sogar Bildaufnahmen. Leider waren sie derart unscharf und überbelichtet, dass eine Identifizierung nicht möglich war. Die Berichte ließen allerdings keinen Zweifel daran, dass es in Bay City Veränderte gab, die deutlich mehr konnten als nur vorauszuahnen, wann das Telefon klingeln würde. Bisher war es den örtlichen Einsatzkräften der Polizei und des BnS nicht gelungen, auch nur eines dieser Subjekte zu fassen. Das würde sich jetzt ändern.

Die Journalisten durften inzwischen ihre Fragen stellen, und Johns Aufmerksamkeit kehrte in den Raum zurück.

»Werden Sie wirklich für Sicherheit sorgen?«

»Wie sieht Ihr Konzept aus?«

»Sind die Ausbildung und Ausrüstung der AfV gut genug, um mit den Veränderten fertigzuwerden?«

»Was glauben Sie, woher die Veränderten kommen?«

»Wie kann sich die Bevölkerung schützen?«

Sooft John mit der Presse zu tun hatte, sooft wiederholten sich auch die Fragen – und seine Antworten.

»Wir stehen im Dienst der Bevölkerung und tun alles, um die Menschen zu schützen.«

»Unser Konzept ist aus Sicherheitsgründen vertraulich.«

»Die Ausbildung meiner Agenten ist die beste – immerhin habe ich die meisten selbst ausgebildet.« An dieser Stelle folgten die üblichen Lacher, obwohl er das keineswegs scherzhaft meinte.

»Unsere Ausrüstung ist das Beste, das zur Verfügung steht.« Wobei hier die Betonung auf zur Verfügung stehen lag, denn es gab weit fortschrittlichere Technologien, die ihm seine Arbeit deutlich hätten vereinfachen können. Leider waren die nicht verfügbar.

»Darüber, woher die Veränderten kommen, müssen sich andere Gedanken machen. Unsere Aufgabe besteht darin, die Bevölkerung zu schützen.«

»Die beste Schutzmaßnahme ist es, wachsam zu bleiben und im Zweifelsfall die AfV oder wenigstens die Polizei zu informieren. Werden Sie auf keinen Fall selbst tätig.«

Es fehlten noch die Frage nach seiner liebsten Freizeitbeschäftigung und die, warum er diesen Job machte, als eine Rothaarige das Wort erteilt bekam.

»Lisa Martin, Bay City Cable TV«, stellte sie sich vor. »Agent Hunter, ist es wahr, dass Ihre Schwester von einem Veränderten getötet wurde?«

John gefror innerlich. »Nein, das ist nicht zutreffend. Ich habe keine Geschwister. Und ich kann Sie beruhigen, ich hatte auch nie welche.«

Der letzte Teil entlockte den Anwesenden ein Schmunzeln. John hingegen war nicht nach Lachen zumute. Er mochte keine Geschwister haben, dennoch war Lisa Martin der Wahrheit, die die Öffentlichkeit nichts anging, verdammt nahegekommen.

Nach den obligatorischen Fragen nach seinen Hobbys (»Dafür bleibt keine Zeit.«) und dem Grund für seine Jobwahl (»Einer muss es ja tun.«) übernahm der Bürgermeister wieder das Wort und setzte zu einer Wutrede über die Veränderten an.

Er sprach gerade über die sichere Zukunft, die Bay City dank der AfV bevorstand, als ein Vertreter des BnS zu John trat. »Sir«, sagte er so leise, dass keiner der Umstehenden es hören konnte. »Es wurde ein Veränderter gesichtet.«

John gab dem Mann ein Zeichen, ihm an den Rand des Podiums zu folgen. »Ein echter Veränderter oder nur eine der üblichen Falschmeldungen?«

»Verdammt echt, Sir. Ein Zeuge hat ein Handyvideo von einem Flammenstoß gemacht. Der Mann wartet im Besprechungsraum.«

»Sagen Sie dem Bürgermeister, dass ich wegmusste, und informieren Sie ihn über die Lage.« Ohne ein weiteres Wort an die Presse verließ John den Saal durch eine Seitentür.

Der Besprechungsraum im ersten Stock wurde heute genutzt, um die Sicherheitskräfte zu koordinieren. Von dem regen Treiben, das im Vorfeld der Pressekonferenz hier geherrscht hatte, war jetzt nichts mehr zu spüren. Alle waren auf ihren Posten, entweder im Gebäude selbst, in der Sicherheitszone außerhalb oder im Überwachungsraum, wo die Feeds der Überwachungskameras auf meterlangen Bildschirmwänden zusammenliefen.

Die einzigen Personen im Raum waren ein uniformierter Polizist und ein bärtiger Mann in Straßenkleidung. John war noch nicht ganz durch die Tür, da kam der hochgewachsene Polizist schon zu ihm. »Special Agent Hunter, ich bin Officer Daniels. Es freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Freut mich ebenfalls.« John deutete über die Schulter des Officers. »Ist das der Zeuge?«

»Ja, Sir.«

Der Bärtige erhob sich. »Scott Davis«, stellte er sich vor. »Sie sind der Kerl, der sich um das kümmert, was immer ich da gesehen habe?«

»Ja – wenn Sie nüchtern sind und wirklich gesehen haben, was Sie glauben gesehen zu haben.«

»Hier ist Mr Davis’ Handy. Darauf befindet sich der Videobeweis.« Officer Daniels überreichte John ein zerkratztes Mobiltelefon.

Das Video war bereits aufgerufen, sodass er nur noch Play drücken musste. Erst jedoch brauchte er ein paar Informationen, um das Bildmaterial besser einordnen zu können. »Wo sind diese Aufnahmen entstanden, Mr Davis?«

»In der Shoppingmall am Ocean View Park. Ich war gerade auf dem Weg zu meinem Auto, als ich sah, dass da was … Das war wirklich verdammt gruselig! Ich habe schon viel über diese Missgeburten gehört, aber –«

»Mr Davis«, unterbrach John ihn. »Bitte lassen Sie uns bei den Fakten bleiben.«

Davis starrte John einen Moment lang an, dann nickte er. »Natürlich, Sir. Ich war auf dem Weg zu meinem Wagen, als ich am hinteren Ende des Parkhauses Geräusche hörte. Es klang wie … Ich weiß nicht … Jemand schimpfte und sagte etwas wie ›Euch werde ich es zeigen!‹. Im nächsten Moment sah ich Flammen.«

Geschichten dieser Art hatte John schon oft gehört. Für gewöhnlich stellte sich heraus, dass es gar kein Feuer gegeben und es sich nur um eine Lichtspiegelung oder etwas ähnlich Banales gehandelt hatte. Er hatte sogar schon erlebt, dass ein Melder selbst das Feuer gelegt hatte. Und das nur, weil dieser Idiot die AfV in Aktion erleben wollte!

»Flammen wie aus einem brennenden Mülleimer?«, hakte John nach.

»Nein, wie aus einem Flammenwerfer. Von da an habe ich alles gefilmt.«

John startete das Video. Es war wacklig und ein wenig zu dunkel. Trotzdem konnte er einen Mann in einem Anzug erkennen, der in einiger Entfernung vor einem geparkten Wagen stand und auf den Boden starrte. Einen Herzschlag lang geschah nichts. Dann zuckte ein Feuerstrahl aus der Hand des Mannes und schoss an einer Stelle zu Boden, die aus dem Aufnahmewinkel nicht einsehbar war. Ein zufriedenes Grinsen zeigte sich auf dem Gesicht des Anzugträgers. Dann wandte er sich ab, stieg in seinen Wagen und fuhr davon. Glücklicherweise war Mr Davis geistesgegenwärtig genug gewesen, die Kamera auf das Kennzeichen zu halten, ehe er zu der Stelle lief, an der der Boden vom Feuer geschwärzt war. Inmitten der Rußspuren lag eine tote Ratte, aus deren Fell Rauchschwaden emporstiegen.

Könnte das dieser Brandstifter sein? John stoppte das Video. »Sie bekommen das Handy zurück, sobald die Bearbeitung abgeschlossen ist, Mr Davis.« Er reichte Officer Daniels das Handy, zusammen mit seiner Visitenkarte. »Das muss in die Forensik. Sagen Sie dem zuständigen Techniker, er soll mir eine Kopie des Videos schicken, und nehmen Sie Mr Davis’ Aussage auf.«

»Ja, Sir.«

»Werden Sie den Kerl verhaften?«, fragte Davis.

»Ich werde der Sache nachgehen.« Mehr wollte er nicht versprechen, solange er nicht sicher sein konnte, dass das Video echt war. Es wäre nicht die erste Fälschung, die er zu sehen bekam. Doch wenn dem so war, würden die Computer-Forensiker es feststellen. Davis’ Verhalten allerdings ließ John nicht an eine Fälschung glauben. Der Mann schien aufrichtig verängstigt zu sein.

John verabschiedete sich von ihm und dem Officer. Er hatte den Besprechungsraum kaum hinter sich gelassen, da griff er nach seinem Handy. Sein erster Anruf galt der Zentrale, an die er das Kennzeichen des Verdächtigen durchgab. »Ich brauche Namen und Wohnort des Halters«, verlangte er. Sobald er die Daten hatte, rief er sein Team zusammen.

Klasse 1 –kein Gefahrenpotenzial – registrieren und mit Sender versehen; dann Freilassung

Klasse 2 –geringes Gefahrenpotenzial – registrieren und mit Sender versehen; Freilassung, wenn keine Straftat vorliegt

Klasse 3 –mittleres Gefahrenpotenzial – registrieren und mit Sender versehen; Freilassung unter der Auflage, dass regelmäßig Blocker eingenommen werden, die die Fähigkeiten unterdrücken (wöchentliche Blutwertkontrolle zur Überprüfung der Medikamenteneinnahme)

Klasse 4 –deutlich erhöhtes Gefahrenpotenzial – registrieren und mit Sender versehen; Medikamentenpumpe in Körper implantieren, die den blockenden Wirkstoff freigibt; Überwachung durch Behörden und regelmäßige medizinische Checks

Klasse 5 –hohes Gefahrenpotenzial – registrieren und mit Sender versehen; Sicherungsverwahrung unter Ruhigstellung durch Sedativa

Quelle: ›Diensthandbuch der AfV‹.
Klassifizierung von Veränderten/Tabelle 12, Abb. 3

*

John fuhr in die Zentrale, ein dreistöckiges, harmlos wirkendes Bürohaus im Bankenviertel, das die AfV für sein Team angemietet und entsprechend umgebaut hatte. Das Gebäude verfügte über ein modernes Alarmsystem, überwachte Zugänge, die sich im Notfall hermetisch abriegeln ließen, und eine unterirdische Garage, deren Zufahrt mit massiven Toren gesichert war. Neben der Garage mit dem Fuhrpark, bestehend aus mehreren weißen Transportern und den regierungstypischen schwarzen SUVs mit getönten Scheiben, verfügte das Untergeschoss über einen weitläufigen, mit Stahltüren verschlossenen Bereich, in dem Waffen und Ausrüstung lagerten. Außerdem gab es einen Zellentrakt.

Als John ankam, hatten seine Leute bereits die Ausrüstung in zwei der Transporter geladen und erwarteten ihn in voller Kampfmontur im Besprechungsraum im ersten Stock. Nach Jahren der Zusammenarbeit waren sie ein eingespieltes Team. Doch trotz aller Abgeklärtheit fieberten sie jedem Einsatz noch immer in angespannter Erwartung entgegen. Diese Anspannung war wichtig, denn sie sorgte dafür, dass sie wachsam blieben. Und am Leben.

John gab ihnen ein kurzes Briefing. Der Eigentümer des Wagens war ein Mann Ende zwanzig namens Frederick Hurst. Ihm gehörte einer der Läden in dem Einkaufszentrum, in dessen Parkhaus Mr Davis das Video aufgenommen hatte. Als Wohnort des Halters war ein Haus im West End gemeldet. Natürlich bestand noch immer die Möglichkeit, dass das Video gefälscht war. Trotzdem wollte John nicht auf das forensische Gutachten warten und riskieren, dass der mutmaßliche Veränderte in der Zwischenzeit womöglich andere verletzte. Lieber nahm er jemanden hoch, den er wieder auf freien Fuß setzte, wenn feststand, dass von ihm keine Gefahr ausging.

In geübter Effizienz verschafften sie sich einen Überblick über die Umgebung des Einsatzgebiets und legten ihr Vorgehen fest. Nicht einmal eine halbe Stunde, nachdem John in der Zentrale angekommen war, brachen sie auf.

Am Ziel stellten sie ihre Fahrzeuge außer Sichtweite ab. John, der als Leiter der Einheit das Privileg genoss, keinen Kampfanzug tragen zu müssen, stieg als Erster aus und sah sich um. Das West End war eine ruhige Gegend, in der die Einfamilienhäuser den Hochhäusern getrotzt hatten. Autos parkten in den Auffahrten, flankiert von kleinen Vorgärten, und hinter den meisten Fenstern brannte Licht.

Wenn dieser Veränderte echt war, wovon John im Augenblick ausgehen musste, konnte er sich nur über dessen Sorglosigkeit wundern. Angesichts der Tatsache, dass ihnen die Evaluierung drohte, wenn sie als Veränderte enttarnt wurden, sollten diese Bastarde doch eigentlich auf der Hut sein. Andererseits waren Feuerstrahlen eine nicht gerade alltägliche Fähigkeit. Vermutlich fühlte er sich sicher. Ein fataler Irrtum. Kein Veränderter war jetzt noch sicher, nicht solange er, John, und sein Team in der Stadt waren.

Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass die Straßen ruhig und weitgehend verlassen waren, gab er seinen Leuten das Zeichen, auszusteigen. Im Schutz der Dunkelheit näherte sich John dem Ziel durch einen benachbarten Garten. Hinter den Hecken und Sträuchern ging er in Deckung und beobachtete die Rückseite des Hauses durch sein Fernglas, während der Rest des Teams die Umgebung erkundete.

Der Sender in seinem Ohr knackte. »Auf der Straße ist niemand zu sehen«, meldete Elizabeth Barnes, seine Stellvertreterin, über Funk.

»Seitenstraßen und angrenzende Gärten sind auch sauber«, erklang Tony Murdocks Stimme in seinem Ohr, die Worte wie immer von hörbarem Kaugummikauen unterlegt.

»Sonst irgendwelche Aktivitäten?«, erkundigte sich John.

»Negativ.«

Hervorragend. Wenn er etwas nicht gebrauchen konnte, waren es neugierige Nachbarn oder irgendwelche Passanten, die ihnen in die Quere kamen. Am besten noch, um ein Selfie mit einem Veränderten zu ergattern.

»Bereithalten!«, wies er das Team an.

Es erstaunte ihn, dass sich ausgerechnet hier, in dieser gehobenen Gegend, ein Veränderter aufhalten sollte. Doch der in der Auffahrt parkende Wagen, den John von dem Video kannte, bestätigte zumindest die Richtigkeit der Adresse.

»Standardvorgehen, alle Zugänge und die Straße sichern. Auf Position!«, befahl er. »Auf mein Zeichen schlagen wir zu.«

Geduckt huschte John zwischen Hecke und Gartenmauer entlang. In einem toten Winkel an der Frontseite, der weder vom Haus noch von den Nachbargrundstücken aus eingesehen werden konnte, richtete er sich auf.

Murdock, der ihn zusammen mit Clint Danvers erwartete, hielt ihm eine Kevlar-Weste entgegen. John schlüpfte aus seinem Jackett, hängte es über den Zaun und legte die Weste an, wobei er darauf achtete, seine Krawatte nicht zu zerknittern. Gegen die meisten Fähigkeiten der Veränderten half das Kevlar wenn überhaupt nur begrenzt, manchmal allerdings entschied sich einer, es mit einer gewöhnlichen Schusswaffe zu versuchen. Dann war es gut, vorbereitet zu sein.

Wann immer es in einen Einsatz ging, verfluchte John die rückständige Technik. Wo sie sich noch mit Smartphones, Laptops und Tablets herumschlagen mussten, kommunizierte man in anderen Ländern längst über Implantate in Gehirn, Augen und Ohren. Er hatte schon oft versucht, seine Vorgesetzten dazu zu bewegen, diese Technologien zu beschaffen, doch wegen der noch immer geltenden Handelssanktionen war auf legalem Weg nichts zu machen.

John zurrte die Riemen der Weste fest, befestigte seine Dienstmarke gut sichtbar und überprüfte ein letztes Mal seinen Taser. Die Aufgabe der AfV war es nicht, die Veränderten zu töten – auch wenn er sich manchmal fragte, ob das auf Dauer nicht die bessere Lösung wäre –, sondern sie in Verwahrung zu nehmen, damit sie der Evaluierung und Registrierung zugeführt werden konnten. Viele Veränderte wehrten sich. Doch die Taser, Modelle der Entwicklungsabteilung des BnS, waren das zuverlässigste Mittel, jeden Widerstand zu brechen. Ein direkter Körperkontakt war nicht nötig, auch verfügten sie nicht über Drähte mit Projektilen am Ende, wie sie bei der Polizei noch immer im Einsatz waren. Ihre Taser ähnelten viel mehr einer futuristischen Laserpistole. Allerdings verschossen sie keine Strahlen aus gebündeltem Licht, sondern feinste stromleitende Partikel, über die sich der folgende Stromstoß seinen Weg zum anvisierten Ziel bahnte. Mit dem so entstehenden Betäubungsstrahl konnten sie ein Ziel aus bis zu zehn Metern Entfernung außer Gefecht setzen. Für Notfälle trug John zusätzlich eine alte SIG Sauer in einem Schulterholster.

Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass seine Waffen einsatzbereit waren, verstaute er sie wieder und machte sich mit Murdock und Danvers auf den Weg zur Tür. Mit raschen Schritten überwanden sie die drei Stufen, die unter ein von weißen Säulen getragenes Vordach führten. Über Funk kam die Bestätigung, dass die anderen auf Position waren.

John zog seinen Taser und stellte eine besonders hohe Stromstärke ein. Bei jemandem, der mit Feuer um sich schießen konnte, wollte er kein Risiko eingehen.

Statt seine Zeit mit klingeln zu verschwenden, verpasste er der Tür einen Tritt, der sie nach innen auffliegen ließ. Sofort war Murdock an ihm vorbei und sicherte den Eingangsbereich. John und Danvers rückten weiter vor.

Frederick Hurst, der noch denselben Anzug wie auf dem Video trug, kam ihnen durch das Wohnzimmer entgegen, gerade als John auf die Schwelle trat.

»AfV!«, rief John und deutete auf seine Dienstmarke. »Gemäß Paragraph zwei der –«

Im Gesicht des Mannes machte sich Entsetzen breit. Noch bevor John seinen Text zu Ende bringen konnte, hob Hurst den Arm. Ein Feuerstrahl schoss daraus hervor. John sprang zur Seite. Zischend schlugen die Flammen dort in den Teppich, wo er eben noch gestanden hatte. Damit war die Echtheit des Videos bestätigt.

Mit wie vielen Angriffen mussten sie rechnen? Zwei? Drei? Die Kräfte der Veränderten waren nicht unendlich. Früher oder später musste jeder von ihnen regenerieren, ehe er seine Fähigkeiten erneut einsetzen konnte. Spätestens wenn sich seine Kräfte erschöpft hatten, konnten sie ihn gefahrlos festnehmen. Nur dass John nicht vorhatte, sich so lange attackieren zu lassen.

Seit er für die AfV arbeitete, war er mit Wasserstrahlen, Eisbällen und Elektrizität angegriffen worden. Alles kein Vergnügen, aber nichts davon war so gefährlich gewesen wie der Flammenstrahl dieses Mannes.

John war nicht bereit, ein Risiko einzugehen und das Leben seiner Leute oder sein eigenes aufs Spiel zu setzen. Er hatte es höflich versucht. Wenn der Kerl es auf die harte Tour wollte – das konnte er haben!

Er suchte hinter einer Couchgarnitur Deckung und löste den Sicherungshebel seines Tasers. Ein hoher Summton verkündete, dass die Waffe einsatzbereit war. John spähte über die Rückenlehne. Der Veränderte, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte, lenkte seinen Arm erneut in seine Richtung. In diesem Augenblick zerbarst das Panoramafenster in Hursts Rücken unter Getöse, und vier von Johns Leuten stürmten in einem Hagel aus Scherben herein.

Hurst fuhr herum und feuerte. Nicht einen, nicht zwei, sondern gleich drei Flammenstöße. Sie prallten wirkungslos an den Schutzschilden ab, mit denen sich die Agenten den Weg durch die Fensterfront gebahnt hatten.

Dieser Freak verfügte über mehr Power, als John gedacht hatte, doch jetzt musste sie aufgebraucht sein. Er sprang auf, setzte über die Couch hinweg und zielte.

Der Kerl hob erneut den Arm.

John drückte ab, verriss den Schuss jedoch, als er einen weiteren Feuerstoß auf sich zurasen sah. Er hechtete über den gläsernen Couchtisch hinweg und riss ihn im Fallen herum. Der Feuerstrahl prallte an der Glasplatte ab, und die durchsichtige Scheibe eröffnete ihm den Blick auf das flammende Inferno, das ihn um ein Haar gegrillt hätte. Er spürte die Hitze. Der Geruch von etwas Verbranntem stieg ihm in die Nase. Die Couch hatte Feuer gefangen.

Fünf Feuerstöße! Dazu noch zwei im Parkhaus. Die Kräfte dieses Freaks waren wirklich erstaunlich. Das war mindestens Klasse 3!

Er wechselte einen Blick mit Frank Grimm, der mit den anderen im Rücken des Veränderten näher kam. Grimm nickte, er hatte verstanden.

John sprang auf. Den Taser auf die Zielperson gerichtet, drückte er immer wieder ab. Einmal streifte er ihn am Arm, allerdings ohne erkennbare Wirkung. Und wenn schon! Alles, worauf es ankam, war, den Veränderten abzulenken, damit die anderen ihn überwältigen konnten.

Und die Ablenkung funktionierte hervorragend. Fast schon ein wenig zu gut für Johns Geschmack, denn Hurst scherte sich nicht um die anderen. Offenbar hatte er John als die größte Bedrohung ausgemacht. So wie er seinen Taser immer wieder abfeuerte, feuerte dieser Drecksack Flammenstrahlen auf ihn.

Wie viele denn noch?, hätte John um ein Haar gebrüllt, mehr wütend als überrascht.

Mit vorgereckten Schilden stürmten die Agenten los, um den Veränderten niederzurennen. Drei Meter. Zwei. Einer. Ohne sich umzudrehen, reckte Hurst die andere Hand nach hinten. Eine kurze, ruckartige Geste, und Johns Leute wurden von einer wabernden Wand erfasst und zurück auf die Terrasse geschleudert.

Ein Kraftfeld! Auch noch?

Das war zweifelsohne der mächtigste Veränderte, dem John bisher begegnet war. Von wegen Klasse 3! Er hob den Taser und schoss. Hurst duckte sich unter dem Strahl hinweg und ging seinerseits wieder zum Angriff über. Hinter Möbelstücken und Raumteilern Deckung suchend, lief John fluchend weiter, während die Flammen vor, hinter und neben ihm einschlugen.

Und plötzlich war es vorbei.

Der Arm des Veränderten war noch immer auf ihn gerichtet, doch es kam kein weiterer Feuerstoß. Lediglich ein paar dunkle Rauchfäden stiegen aus seinen Fingerspitzen empor. Auch das Kraftfeld baute sich nicht mehr auf. Die verzweifelten Gesten, die er mit seinem Arm vollführte, waren so wirkungsvoll, als würde er ihm den Finger zeigen.

John richtete seinen Taser auf den Veränderten und drückte ab. Der Stromstoß traf Hurst mitten in die Brust und schickte ihn zu Boden. »Game over, Arschloch.«

Sofort war Elizabeth bei dem Veränderten und legte ihm den Neutralisator um den Hals, der ihn von seinen Kräften abschnitt.

»Das war schnell, Liz.« Grinsend nahm Grimm den Gesichtsschutz ab, gerade als der Verschluss des Halsreifs zuschnappte. »Hast wohl Schiss, dass er dich noch mal fliegen lässt?«

Elizabeth betrachtete ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue, ein Ausdruck, den John auch ohne Worte verstand. Für gewöhnlich hielt die Wirkung der Betäubung mehrere Stunden an, und danach kam man mit einem höllischen Kater zu sich. Dieser Veränderte aber besaß Fähigkeiten, wie sie sie noch nie erlebt hatten. Wer konnte da schon sagen, wie lange ihn der Strom außer Gefecht setzen würde?

Während Elizabeth und Grimm die brennende Couch mit Decken löschten, ging John zu dem reglosen Mann, drehte ihn auf den Bauch und fesselte ihm die Hände auf dem Rücken mit Kabelbinder. »Gemäß Paragraph zwei der US-weiten Verordnung zur Sicherung von Veränderten sind Sie verpflichtet, uns zu begleiten, damit eine Evaluierung Ihrer Fähigkeiten und Ihrer geistigen Stabilität vorgenommen werden kann«, ratterte er den gewohnten Standardspruch herunter. Du kannst dich auch wehren, dann werde ich dich mit Freuden abknallen.

Kaum hatte er seinen Satz vollendet, schlug der Veränderte die Augen auf. So schnell! John glaubte zu spüren, wie er versuchte, seine Kräfte anzuzapfen. Ebenso wie er glaubte, die Verwunderung zu bemerken, als das nicht gelang.

»Spar dir die Mühe«, sagte er kalt lächelnd. »Auch wenn du deine Kräfte nicht selbst aufgebraucht hättest, könntest du jetzt nicht mehr darauf zugreifen. Der Ring um deinen Hals verhindert das. Spezielle Legierung, die sich mit den Kräften von Veränderten nicht gut verträgt. Wir nennen es den Neutralisator – du kannst es das Wasser nennen, das deine Zündeleien löscht.«

Er zog den Kabelbinder noch ein wenig strammer und stand auf. Mit einem Nicken gab er seinen Leuten zu verstehen, dass sie den Kerl zum Wagen bringen sollten. Auf dem Weg nach draußen legte John die Kevlar-Weste ab, warf sie Murdock zu und zog sein Jackett wieder an. Zufrieden rückte er die Krawatte zurecht. Für den ersten Arbeitstag war es nicht schlecht gelaufen.

4

Mit Abschluss der aktuellen Versuchsreihe steht fest, dass es möglich ist, eine dauerhafte Wirkung des Serums ohne die bisherigen Nebenwirkungen zu erreichen. Regelmäßige Impfungen wären damit nicht länger nötig.

Statusbericht von Marc Winter,
Inh. Winter PharmaTech,
leitender Wissenschaftler für Projekt 3
XP,
23. Oktober 2036

Ein dauerhafter Effekt des Serums wird von der Regierung abgelehnt. Die dahin gehenden Versuche sollen nicht mehr aufgenommen werden. Im Falle eines Aufstands von mit 3XP geimpften Subjekten wären die Auswirkungen fatal. Konzentrieren Sie Ihre Forschungen auf die Weiterentwicklung und Verbesserung des aktuellen Serums.

Antwort aus dem Verteidigungsministerium,
25. Oktober 2036

*

»Nur ein kleiner Pieks, dann haben Sie es überstanden.«

Mit gerunzelter Stirn beobachtete John, wie der Weißkittel seinen Hemdsärmel noch ein Stück weiter nach oben schob und nach der Spritze griff. Dass der Mann mit einem gestandenen Agenten sprach wie mit einem Dreijährigen, konnte John gerade noch ignorieren. Sollte er es aber wagen, ihm nach der Impfung ein Pflaster mit Marienkäfern oder ähnlich fröhlichen Kinderbildchen über die Einstichstelle zu kleben, würde er für nichts garantieren.

Glücklicherweise schien der Arzt seine Grenzen zu kennen. Kaum hatte er John das grünliche 3XP-Serum gespritzt – den Pieks hatte er nicht gespürt, dafür das Brennen des Wirkstoffs, der sich jetzt unter seiner Haut verteilte –, griff er nach einem hautfarbenen Pflaster und klebte es auf Johns Arm. »Die Komponente zur Regeneration wurde verstärkt«, erklärte der Arzt. »Falls Sie Nebenwirkungen verspüren, melden Sie sich. Ansonsten sehen wir uns in sechs Wochen zur Auffrischung.« Und schon war er aus dem Behandlungsraum verschwunden.

Die regelmäßigen Auffrischungen waren lästig, aber das wurde von der Wirkung des Impfstoffs, den sie intern das Supersoldaten-Serum nannten, mehr als wettgemacht. Als vor zwei Jahren immer mehr Veränderte mit stärkeren Fähigkeiten in Erscheinung traten, rief die AfV das Impfprogramm ins Leben. Das Serum, das ursprünglich für die Armee entwickelt worden war, befand sich noch im Versuchsstadium, und John war einer von fünfzig Agenten, die sich freiwillig gemeldet hatten, es in der Praxis zu testen. Noch waren die Langzeitfolgen nicht erprobt, doch das war ein Risiko, das er gern in Kauf nahm. Ihm war alles recht, was seine Chancen erhöhte, gegen die Veränderten zu bestehen und sie aus dem Verkehr zu ziehen. Manche Kritiker meinten, dass sich die Probanden durch das Serum zu Veränderten machen ließen. Doch das war Bullshit. Die Wirkung war hilfreich, hatte aber nichts mit der Art und dem Ursprung der Fähigkeiten dieser Monster zu tun. Es war lediglich eine weitere Waffe, so wie die Taser und Neutralisatoren.

Dank des Serums verfügte John über bessere Reflexe, größere Stärke und Regenerationsfähigkeit. Prellungen, Schnitte und Platzwunden, die zu seinem täglichen Geschäft gehörten, heilten deutlich schneller. Verletzungen, die sich früher auf seine Arbeit ausgewirkt hätten, behinderten ihn kaum. Trotzdem wollte er die verbesserte Regeneration lieber nicht auf die Probe stellen.

Er rollte den Hemdsärmel herunter, schloss den Knopf und schlüpfte in sein Jackett. Der medizinische Dienst befand sich im obersten Stock des BnS-Hauptgebäudes, nur wenige Blocks von Johns Büro entfernt. In Washington hatte er für die turnusmäßige Impfung zum Hauptquartier des BnS vor den Toren der Stadt fahren müssen, was ihn jedes Mal den halben Arbeitstag gekostet hatte. Da war es hier deutlich angenehmer.

Er war auf dem Weg zum Aufzug, als jemand seinen Namen rief. John blieb stehen und drehte sich um.

»Hatten Sie vor, sich bei mir zu melden, Special Agent Hunter? Oder wollten Sie frei von jedem bierseligen Abend in der Tristesse von Bay City vor sich hin vegetieren?«

»Wie schön, dass du immer noch zuerst ans Biertrinken denkst, Reed.«

Hank Reed, mit dem er die FBI-Ausbildung durchlaufen und später beim BnS angefangen hatte, blieb grinsend vor ihm stehen. »Immerhin kennst du meinen Namen noch.«

»Schön, dich zu sehen.«

»Und?«

»Und was?«

»Wann hättest du dich bei mir gemeldet?« Hank war fast so groß wie John, aber etwa eineinhalb Mal so breit. Allerdings hatte seine Statur nichts mit dem erwähnten Bierkonsum zu tun. Tatsächlich schien der Agent in erster Linie aus Muskeln zu bestehen, die aussahen, als könnten sie seinen dunkelblauen Anzug jeden Moment sprengen. Sein braunes Haar war so kurz geschnitten, dass nichts von der mehrfach gebrochenen Nase ablenkte.

»Sobald ich ausgepackt habe.«

Hank schnaubte. »Wir wissen beide, dass du vermutlich noch auf deinen Umzugskisten sitzen wirst, wenn sie dich pensionieren.«

»Kein Wunder«, gab John zurück. »Immerhin wurden wir gerufen, um euren Müll zu beseitigen. Da bleibt gar keine Zeit zum Auspacken.«

»Autsch, das tat weh.« Hank griff sich mit der Hand an die Brust, wurde aber gleich wieder ernst. »Diese Veränderten sind …« Er schüttelte den Kopf. »Meine Leute sind bestens ausgebildet, die ballern dir zielsicher alles weg, das auch nur gefährlich riecht. Aber wenn es um diese Typen geht, hilft uns unsere Ausbildung einfach nicht weiter. Von unserer Ausrüstung ganz zu schweigen.«

So sehr John sich oft über die Ausstattung seines Teams aufregen mochte, im Gegensatz zu den anderen Bundesbehörden verfügte die AfV immerhin über das eine oder andere Gimmick, das im Kampf gegen die Veränderten durchaus nützlich war. Nicht zuletzt aber war es ihre Erfahrung im Umgang mit den Freaks, die ihnen einen Vorteil gegenüber dem BnS und der Polizei verschaffte, welche beide deutlich vielfältigere Aufgabengebiete abdecken mussten.

»Ich habe gehört, ihr habt gestern den ersten hochgenommen.«

Der erfolgreiche Einsatz hatte der Presse eindringlicher als die salbungsvollen Worte des Bürgermeisters gezeigt, wie wichtig die AfV für die Stadt war.

»Dank eines aufmerksamen Bürgers ist uns dieser Brandstifter ins Netz gegangen.«

Hank stieß einen leisen Pfiff aus. »Wir sahen ganz schön alt aus, als wir ihn vor ein paar Wochen gestellt haben und er uns einfach entwaffnet hat.«

»Ihr habt euch entwaffnen lassen? Hast du deine Leute einzeln zu ihm geschickt, mit Schleifchen um die Knarren?«

»Ach komm, jetzt tu nicht so, als wäre die Verhaftung für euch ein Spaziergang gewesen. Als die Cops ihn damals gestellt haben, hat er ihnen einen Feuerstoß vor den Latz geknallt, der sie vor Angst erstarren ließ. Er war weg, bevor die Ersten auch nur zu blinzeln gewagt haben.

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