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Bauern, Bonzen und Bomben

Inhaltsübersicht

Vorspiel: Ein kleiner Zirkus namens Monte

Erstes Buch: Die Bauern

Erstes Kapitel: Eine Pfändung auf dem Lande

Zweites Kapitel: Jagd nach einem Photo

Drittes Kapitel: Die erste Bombe

Viertes Kapitel: Ein Gewitter zieht sich zusammen

Fünftes Kapitel: Der Blitz ist in der Wolke

Sechstes Kapitel: Das Gewitter bricht los

Siebentes Kapitel: Die Regierung greift durch

Zweites Buch: Die Städter

Erstes Kapitel: Die Erfindung des Boykotts

Zweites Kapitel: Der Boykott wird Wirklichkeit

Drittes Kapitel: Die Versöhnungskommission arbeitet

Viertes Kapitel: Die Städter kämpfen – aber gegeneinander

Fünftes Kapitel: Es kracht zum zweitenmal

Sechstes Kapitel: Gareis, der Sieger

Drittes Buch: Der Gerichtstag

Erstes Kapitel: Stuff verändert sich

Zweites Kapitel: Drei Tage Glück

Drittes Kapitel: Tredups Ende

Viertes Kapitel: Gareis in der Schlinge

Fünftes Kapitel: Zeugen und Sachverständiger

Sechstes Kapitel: Das Urteil

Nachspiel: Ganz wie beim Zirkus Monte

 

Dieses Buch ist ein Roman, also ein Werk der Phantasie. Wohl hat der Verfasser Ereignisse, die sich in einer bestimmten Gegend Deutschlands abspielten, benutzt, aber er hat sie, wie es der Gang der Handlung zu fordern schien, willkürlich verändert. Wie man aus den Steinen eines abgebrochenen Hauses ein neues bauen kann, das dem alten in nichts gleicht außer dem Material, so ist beim Bau dieses Werkes verfahren.

Die Gestalten des Romans sind keine Photographien, sie sind Versuche, Menschengesichter unter Verzicht auf billige Ähnlichkeit sichtbar zu machen.

Bei der Wiedergabe der Atmosphäre, des Parteihaders, des Kampfes aller gegen alle, ist höchste Naturtreue erstrebt. Meine kleine Stadt steht für tausend andere und für jede große auch.

H. F.

VORSPIEL

Ein kleiner Zirkus namens Monte

1

 

Ein junger Mann stürmt den Burstah entlang. Während des Laufens schießt er wütende, schiefe Blicke nach den Schaufenstern der Läden, die in dieser Hauptstraße von Altholm dicht an dicht liegen.

Der junge Mann, um die fünfundzwanzig, verheiratet und nicht häßlich, trägt einen alten schwarzen Rockpaletot, blankgescheuert, einen breitkrempigen schwarzen Filz und schwarzumränderte Brille. Sein blasses Gesicht dazu – und er scheint ein Leichenbitter, würdig jeder »Pietät« und »Ruhe sanft«.

Wennschon der Burstah der Broadway von Altholm ist, lang ist er nicht. Nach drei Minuten ist der junge Mann am letzten Haus, direkt am Bahnhofsplatz. Er spuckt kräftig aus und verschwindet nach dieser neuen Äußerung seiner Stinkwut im Hause der »Pommerschen Chronik für Altholm und Umgebung, Heimatblatt für alle Stände«.

Hinter der Barre der Expedition hockt eine gelangweilte Tippöse, die das Manuskript eines Zeitungsromans wegstecken will. Sie bremst diese Bewegung ab, als sie sieht, es ist nur der Annoncenwerber Tredup.

Er schmeißt einen Papierfetzen auf den Tisch. »Da! Das ist alles. Geben Sie’s in die Setzerei. – Sind die andern drinnen?«

»Wo sollen die denn sonst sein?« fragt die Schöne dagegen. »Wird das berechnet?«

»Natürlich wird das nicht berechnet. Haben Sie schon mal gesehen, daß ein Affe uns Anzeigen bezahlt hat?! Neun Mark kostet sie. War der Chef schon unten?«

»Der Chef erfindet schon wieder seit fünf.«

»Gott soll schützen! Und die Chefin? Dun?«

»Weiß nicht. Denke. Fritz hat ihr um acht eine Pulle Kognak holen müssen.«

»Dann ist ja alles in schönster Ordnung. – O Gott, was mich dieser Stall ankotzt! – Sind die drinnen?«

»Das haben Sie schon mal gefragt.«

»Haben Sie sich nicht, Klara, Klärchen, Klarissa. Ich hab Sie heute nacht um halber eins aus der Grotte kommen sehen.

»Wenn ich von meinem Gehalt leben sollte …«

»Weiß ich, weiß ich. Ob der Chef Geld hat?«

»Ausgeschlossen.«

»Und der Wenk, hat der was in der Kasse?«

»Ostseekino hat gestern abend bezahlt.«

»Also hole ich mir Vorschuß. Drinnen ist er doch?«

»Ich glaube, Sie haben …«

»Das schon einmal gefragt. Mehr als eine Walze, bitte, meine Holde. Vergessen Sie nicht das Inserat.«

»Gott. Und wennschon.«

 

2

 

Tredup zieht die Schiebetür zum Redaktionszimmer mit einem Ruck auf, geht durch und drückt sie sachte wieder zu. Der lange Geschäftsführer Wenk hockt in einem Sessel und pult an den Nägeln. Redakteur Stuff schmiert irgendeinen Mist.

Tredup feuert seine Mappe in ein Schrankfach, hängt Hut und Mantel beim Ofen auf und setzt sich an seinen Schreibtisch. Er zieht gleichgültig, als fühle er nicht die fragenden Blicke, einen Kartothekkasten hervor und beginnt Karten zu sortieren. Wenk hält mit Nägelschneiden inne, betrachtet sorgend die Klinge im Licht der Sonne, wischt sie an seinem Bürolüsterjackett ab, klappt das Messer zu und sieht Tredup an. Stuff schreibt weiter.

Es erfolgt nichts. Wenk nimmt ein Bein von der Sessellehne und fragt wohlwollend: »Na, Tredup?«

»Bitte, Herr Tredup!«

»Na, Herr Tredup?«

»Du kannst mir mal mit deinem ›Na‹!«

Wenk wendet sich an Stuff. »Er hat nichts, Stuff, sage ich dir. Nichts hat er.«

Stuff glupscht unter seinem Klemmer auf Tredup, zieht seinen graumelierten Walroßbart durch die Zähne und bestätigt: »Natürlich hat er nichts.«

Tredup springt wütend auf. Der Kartothekkasten fliegt mit einem Knall auf die Erde. »Was heißt ›natürlich‹? Ich verbitte mir ›natürlich‹! In dreißig Geschäften bin ich gewesen! Kann ich die Leute notzüchtigen? Soll ich ihnen die Inserate aus der Nase ziehen? Wenn sie nicht wollen, wollen sie nicht. Ich bettele schon … Und so ein Schreibknecht sagt ›natürlich‹. Lächerlich!«

»Reg dich bloß nicht künstlich auf, Tredup. Was hat denn das für einen Sinn?«

»Natürlich rege ich mich auf über dein ›Natürlich‹. Geh du doch selber einmal los Annoncen sammeln. Diese Affen! Diese Krämer! Diese drehstierige Bande! ›Ich inseriere vorläufig nicht.‹ – ›Ich habe keine Meinung für Ihr Blatt.‹–›Besteht die „Chronik“ überhaupt noch? Ich dachte, sie wäre längst eingegangen.‹ – ›Kommen Sie morgen wieder.‹ – Es ist zum Kotzen!«

Wenk murmelt aus seinem Sessel: »Ich traf heute früh den Maschinenmeister von den ›Nachrichten‹. Die kommen heute mit fünf Seiten Anzeigen raus.«

Stuff spuckt verächtlich. »Das Mistblatt. Kunststück. Wenn man fünfzehntausend Auflage hat.«

»Die haben ebensogut fünfzehntausend, wie wir siebentausend haben wollen.«

»Bitte, wir haben eine notarielle Bescheinigung über siebentausend.«

»Du mußt die Stelle mal radieren, wo das Datum steht. Die ist schon ganz schwarz vom Zuhalten mit deinem Daumen, all die drei Jahre, seit die Zahl mal richtig war.«

»Ich spucke auf die notarielle Bescheinigung. Aber den ›Nachrichten‹ wischt ich für mein Leben gern was aus.«

»Geht nicht. Der Chef will es nicht haben.«

»Natürlich, weil sich der Chef von den Fritzen Geld pumpt, müssen wir uns anstinken lassen.«

Wenk setzt den Bohrer neu an. »Also gar nichts hast du, Tredup?«

»Eine achtel Seite von Braun. Für neun Mark.«

Stuff stöhnt. »Neun Mark? Tiefer geht es nicht mehr.«

»Und sonst nichts?«

»Die Ausverkaufsanzeige vom verkrachten Uhrenschlosser hätt ich kriegen können, aber wir sollen Ware dafür abnehmen.«

»Bloß das nicht. Was mach ich mit Weckern? Ich steh doch nicht auf, wenn die Dinger klingeln.«

»Und der Zirkus Monte?«

Tredup bleibt im Aufundabrennen stehen. »Ich hab dir doch gesagt, es ist nichts, Wenk. Nun laß gefälligst auch das Meckern sein.«

»Aber den Monte haben wir doch jedes Jahr gehabt! Bist du überhaupt dagewesen, Tredup?«

»Ich will dir was sagen, Wenk. Ich will dir in aller Ruhe und Freundschaft mal was sagen, Wenk. Wenn du noch einmal so was sagst von ›überhaupt dagewesen‹, dann klebe ich dir eine …«

»Aber wir haben ihn doch jedes Jahr gehabt, Tredup!«

»So, haben wir …? Und ich will dir was sagen, dann werden wir ihn dieses Jahr eben mal nicht haben. Und du kannst es mir sagen, und der Chef kann es mir sagen, und Stuff kann mir’s sagen: Ich gehe nicht wieder in diesen Scheißzirkus vorfragen.«

»Was war denn?«

»Was war? Mist war. Frechheit war. Zigeunerfrechheit, semitisches, widerliches Gehabe war. Vorgestern war die Voranzeige in den ›Nachrichten‹. Ich töffele hin, ganz auf den Jugendspielplatz. Der Zirkus war überhaupt noch nicht da.«

»Dann hat der Manager in den ›Nachrichten‹ die Anzeige aufgegeben.«

»Und bei uns ist er vorbeigelaufen. Eben. Gestern früh wieder hin. Die sind beim Aufbau. Wo ist der Manager? Über Land. Plakate in die Kuhdörfer kleben. Als ob die Bauern jetzt in Stimmung wären! Soll um eins wiederkommen. Um eins ißt der Manager. Gut, ich warte eine Stunde. Der Manager, so ein verfluchter gelber Zigeuner, will mit seinem Chef reden. Ich soll um sechs wiederkommen. Ich bin um sechs da. Hat den Chef noch nicht sprechen können, soll heute früh wiederkommen.«

»Alle Achtung, immer nach dem Jugendspielplatz raus!«

»Das denke ich auch. Heute früh lerne ich den großkotzigen Chef kennen, diesen Herrn über anderthalb Affen, eine spatkranke Kracke und ein vermottetes Kamel. Hut in der Hand, Diener bis auf die Erde.

Und dieses Mistvieh, dieses Stinktier sagt, es lohnt sich ihm nicht, in der ›Chronik‹ zu inserieren! Kein Mensch lese unser Käseblättchen!«

»Was hast du ihm gesagt?«

»Am liebsten hätt ich ihm ein paar lackiert. Nun, ich dachte an meine Familie und habe Leine gezogen. Schließlich will meine Frau am Ersten auch ihr Wirtschaftsgeld haben.«

Stuff nimmt den Klemmer ab und fragt: »Hat er ›Käseblättchen‹ gesagt? Hat er wirklich ›Käseblättchen‹ gesagt?«

»So wahr ich hier stehe, Stuff!«

Und Wenk hetzt: »Das sollte ihm nicht so hingehen. Das wäre doch etwas für dich, Stuff. Du solltest ihn anmisten, nach Noten.«

»Tät ich. Tät ich. Aber der Chef will es doch nicht …«

»Das wäre mal eine schöne Gelegenheit, den Inserenten Angst zu machen. Kriegt einer was auf den Deckel, inserieren die andern wieder ein Weilchen aus Angst.«

»Aber der Chef …«

»Ach was, der Chef! Wir gehen alle drei zu ihm hin und sagen, daß was geschehen muß.«

»Anmisten tät ich ihn brennend gerne«, murmelt Stuff.

»Halt!« schreit Tredup. »Ich weiß was. Du verlangst, daß du die Roten anmisten darfst, dann erlaubt er dir wenigstens den Monte.«

»Nicht übel«, nickt Stuff. »Ich weiß da grade eine Geschichte mit dem Polizeimeister …«

»Na also, gehen wir ins Labor …«

»Jetzt gleich?«

»Na, natürlich gleich. Du mußt doch die Eröffnungsvorstellung von gestern abend runterreißen.«

»Also gehen wir zum Chef.«

 

3

 

In der Setzerei gab es einen Aufenthalt. Die beiden Linotypes waren verlassen, und die Maschinensetzer standen mit den Akzidenzsetzern und dem Metteur am Fenster. Sie starrten auf den Hof. Es war still im Raum, ein ungewohntes Atemanhalten.

Wenk fragte: »Ist jetzt Frühstück? Was gibt es?«

Ein wenig zögernd tat sich der Haufe am Fenster auseinander. Der Metteur, ehrliche Kümmernis im faltigen Gesicht, sagte: »Jetzt liegt sie draußen.«

Die drei gingen durch die Gasse Pausierender vor die Scheibe, taten einen Blick, auch ihnen verschlug es die Rede.

Es ist nur ein kleiner Hof, rings von Häusern umstanden, mit Fliesen belegt, einem spärlichen Grünfleck in der Mitte. Um sein schütteres Gras läuft ein Gitter, eines jener niedrigen gußeisernen Gitter, die nichts schützen. Fußfallen im Dunkel.

Aber jetzt war heller Tag, und sie war doch darüber gefallen. Sie lag dort auf dem Gras, wie sie hingestürzt, die schwarzen halblangen Röcke hatten sich verschoben, man sah unordentlich angezogene Strümpfe, schwarz gestrickt, weiße Wäsche.

»Sie wird über den Hof hinten zum Krüger gegangen sein, sich neuen Schnaps holen.«

»Der Fritz hat ihr um acht schon eine Pulle gebracht.«

»Sie ist ohne Besinnung.«

»Nein, sie weiß schon, sie will so liegen vor all den Fenstern.«

»Es ist, seit sich der Junge totgetrunken hat.«

Plötzlich sprechen alle auf einmal. Alle stehen sie und starren auf den schwarzen, hingestürzten Schatten.

Stuff schiebt die Schultern vor, drückt den Klemmer fest. »Das geht nicht. Komm, Tredup, wir holen sie.«

Wenk blickt den Fortgehenden nach. Er fragt besorgt: »Ob das richtig ist? Der Chef sieht das auch vom Labor.«

Der alte Metteur sagt giftig: »Seien Sie man sicher, Herr Wenk, wenn der seine Frau so sieht, dann sieht er sie nicht.«

Wenk geht den beiden nach. Er merkt auf dem Hof an allen Fenstern zurückfahrende Köpfe, die bei ihrer Neugierde nicht erwischt werden wollen.

Morgen ist es durch die ganze Stadt. Die Frau hat so viel Geld und sielt sich im Dreck. Ich sollte ihr Geld haben …

So ist das Leben, denkt der Annoncenjäger. Na ja, der übliche Salat … Nicht der Sohn, der sich totsoff, hat ihr den Rest gegeben, aber daß es alle Leute wissen, daß er so umkam … So ’ne kleine Stadt.

»Kommen Sie, gnädige Frau. Setzen Sie sich auf.«

Es ist ein verwüstetes Gesicht – blutleer, graugelb, mit hängenden Falten –, das verdrossen zur Sonne blinzelt. »Macht das Licht aus«, murrt sie. »Stuff, mach es aus. Noch ist Nacht.«

»Kommen Sie man, Frau Schabbelt. Wir trinken auf der Redaktion einen Grog, und ich erzähle Ihnen Witze.«

»O du Schwein«, sagt die Betrunkene, »glauben Sie, es ist mir um Witze?« Und plötzlich lebhaft: »Ja, erzähle Witze. Er hört sie immer gern. Ich darf an seinem Bett sitzen, er ist mir nicht mehr bös.«

Und plötzlich, im Aufstehen, im Gehen zwischen den beiden (Wenk folgt, schlenkert die Kognakflasche verächtlich zwischen den Fingern), plötzlich scheint sie in die Ferne zu horchen. »Keine Witze mehr, Herr Stuff. Ich weiß schon, Herbert ist tot. Aber auf Ihrem Sofa will ich liegen, wenn das Telefon geht und der Radiobericht kommt und die Zeitung läuft durch die Maschine. Es ist dann wie richtiges Leben.«

In der Setzerei ist ein hastiger, verlegener Arbeitsanfang. Niemand blickt hoch.

»Vergeßt den Kognak nicht!« ruft plötzlich die Frau.

Auf dem Sofa bekommt sie noch ein Glas voll, und schon schläft sie mit offenem Munde, schlaffem Kiefer, besinnungslos.

»Wer bleibt bei ihr?« fragt Stuff. »Einer muß bleiben.«

»Wollt ihr jetzt noch zum Chef?«

»Wer so fragt, bleibt. Komm, Tredup.«

Sie gehen. Wenk sieht ihnen nach. Sieht auf die schlafende Frau, horcht nach der Expedition, faßt die Kognakflasche und gießt sich kräftig einen hinter die Binde.

 

4

 

Das Laboratorium ist kein modernes Labor aus Glas, mit Sauberkeit, Helle und Luft, es ist der Spelunkenwinkel eines tüterigen Erfinders, der in einem Wust von Geräten, Ideen, Schutt und Schmutz ertrinkt.

An einem Tisch mit säurezerfressenem Linoleum sitzt eine Art Gnom mit weißem Strubbelbart, ein fettes, kugeliges Geschöpf, eine Art rotlackierter Zwerg. Er hat die sehr gewölbten, hellblauen schwachen Augen gegen die Eintretenden gehoben. »Bin nicht zu sprechen. Macht euern Mist alleine.«

Stuff sagt: »Grade anmisten möcht ich jemand, Herr Schabbelt. – Wenn Sie erlauben.«

Der Zwerg hebt eine Zinkplatte gegen das Licht, prüft sie sorgenvoll. »Die Autotypie kommt nicht.«

»Vielleicht ist der Raster zu fein, Herr Schabbelt?«

»Was verstehen Sie davon? Hinaus, habe ich gesagt! Was stinkt der Tredup hier herum? Raus! – Sieh da, zu fein. Dumm bist du nicht, Stuff. Das mag angehen. – Wen willst du anmisten?«

»Die Roten.«

»Nein. Fünfundfünfzig Prozent unserer Leser sind Arbeiter und kleine Beamte. Die Roten? Nie! Wenn wir auch rechts sind.«

»Es ist eine sehr gute Geschichte, Herr Schabbelt.«

»Erzähle sie, Stuff. Sieh, wo du Platz findest. Aber der Tredup muß raus. Er stinkt nach Akquisition.«

»Ich möchte schon gerne was andres tun«, murrt Tredup.

»Quatsch! Du tust es gern. Raus mit dir!«

»Wir brauchen ihn noch. Nachher zu der Geschichte.«

»Also stellen Sie sich dort ins Dunkel. Erzähle los, Stuff.«

»Sie kennen Kallene, den Polizeimeister? Natürlich. Nach der Revolution war er rot. SPD oder USPD, jedenfalls wurde er belohnt. Der dümmste aller Polizeidiener wurde Polizeimeister.«

»Weiß ich.«

»Und als er’s war, trat er aus der Partei aus, gab das Parteibuch zurück, wurde streng deutschnational, wie er vorher gewesen.«

»Und …?«

»Na, der macht abends auf dem Rathaus Aufsicht über die Reinemachefrauen. Wenn die Büros leer sind, Herr Schabbelt!«

»Und …?«

»Da sind so ein paar junge Weiber dabei, einfach Klasse. Man kann es sich ja denken, wenn sie so rutschen über den Boden, man bekommt da Einblicke …«

»Du kannst es dir jedenfalls denken, Stuff.«

»Na natürlich, nicht nur der Kallene kommt bei so was auf andere Ideen.«

»Mach’s kurz, Stuff. Wer hat ihn erwischt?«

»Der rote Bürgermeister!« schreit Stuff. »Der dicke Gareis. Auf seinem Schreibtisch haben sie’s gemacht.«

»Und?«

»Na, Herr Schabbelt! So eine Frage! Jetzt hat der Kallene wieder das Parteibuch.«

»Es ließe sich etwas daraus machen«, meint Schabbelt. »Aber nicht für uns. Etwa für die KPD. Tredup kann es weiterquatschen.«

»Herr Schabbelt!«

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Stuff. Sehen Sie, wie Sie sonst Ihre Spalten vollkriegen mit Lokalem.«

»Aber wenn wir nie stänkern dürfen! Das Blatt wird so doof. Man nennt uns schon ›Käseblättchen‹.«

»Wer?«

»Ist es nicht wahr, Tredup?«

Tredup enttritt dem Schatten, ganz gallig: »Schmierblättchen. Stinkmakulatur. Hakenkreuzruh. Scheißhausklappe. Unter Ausschluß der Öffentlichkeit.«

Stuff hebt seine Stimme: »Tante vom Kuhdorf. Der Langeweiler über alle Wände. Der Treppenfurz. Die Gakelei. Der Blinddarm. Der Maulwurf. Lies und schlaf.«

Tredup wieder: »Ich beeide es, Herr Schabbelt. Heute morgen erst hat mir ein Inserent gesagt …«

Der Chef ist zu seinen Zinkplatten zurückgekehrt. »Wen wollt ihr also anstänkern?«

Beide: »Den Zirkus Monte.«

Und Schabbelt: »Meinetwegen. Daß die Nicht-Inserenten wieder einmal Angst kriegen. Und zur Belohnung wegen des zu feinen Rasters.«

»Schönen Dank, Herr Schabbelt.«

»Schon gut. Aber diese Woche laßt ihr mich nun gefälligst in Frieden. Ich habe keine Zeit.«

»Wir kommen schon nicht her. Guten Morgen.«

 

5

 

Stuff sitzt am Schreibtisch und sieht auf die immer noch schlafende Frau. Ihr Gesicht hat sich etwas gerötet, ihre eisgrauen Haarzotteln liegen um den Kopf, hängen in ihr Gesicht. Er denkt: Die Kognakflasche ist beinahe leer. Als ich den Wenk rausschickte, stank er nach Schnaps. Jetzt säuft er sogar der besoffenen Chefin den Schnaps weg. Ich werde es ihm stecken.

Wieder nach der Frau hin: Ich werde ihr einen Kaffee machen lassen, einen heißen Mokka, daß sie ihn trinkt, wenn sie aufwacht. Ich werde nach der Grete klingeln.

Er sieht auf den Klingelknopf neben der Tür, dann auf das weiße Papier vor sich auf dem Pult. Schließlich, was hilft ihr ein Mokka? Gar nichts.

Er dreht an den Knöpfen des Radios. Eine Stimme ertönt: »Achtung! Achtung! Achtung! Hier ist der sozialdemokratische Pressedienst! Achtung!«

Äh, scheiß! Werde ich meinen Riemen schreiben.

Er setzt an, denkt nach und schreibt dieses:

»Ein kleiner Zirkus namens Monte hat auf dem Jugendspielplatz sein Domizil aufgeschlagen und gab gestern abend seine Eröffnungsvorstellung. Die Leistungen sind in keinem Punkte überragend, und sie kommen nirgends über ein Mittelmaß hinaus. Nach den Darbietungen, die unsere Vaterstadt vor noch nicht langer Zeit im Zirkus Kreno und im Zirkus Stern bewundern durfte, sind die Nummern des Monte-Programms klägliches Surrogat, das allenfalls für Kindervorstellungen ausreicht.«

Er überliest noch einmal das Geschriebene. Das wird es tun, denke ich. Er klingelt. Der Lehrling Fritz kommt. »Das soll gleich gesetzt werden. Und sag dem Metteur, er soll es als lokale Spitze bringen. Ich geh jetzt erst auf die Kriminalpolizei und dann aufs Schöffengericht. Wenn noch was ist, rufe ich an. Gut. – Halt, sage der Grete, sie soll der Frau Schabbelt einen Mokka machen.«

Der Junge geht ab. Stuff sieht auf die schlafende Frau, dann nach der Kognakbuddel. Er hebt die Buddel und trinkt den Rest aus. Er schüttelt sich.

Heute abend werde ich mich besaufen. Heute abend werde ich Amok laufen, denkt er. Mich betäuben, weg sein, vergessen. Das schweinischste Handwerk auf der Welt: Lokalredakteur sein in der Provinz.

Er sieht betrübt durch seine Klemmergläser und schiebt ab, zur Krimpo und zu den Schöffen.

Erstes Buch

Die Bauern

ERSTES KAPITEL

Eine Pfändung auf dem Lande

1

 

Auf der Station Haselhorst steigen zwei Männer aus dem Personenzug, der von Altholm nach Stolpe fährt. Beide sind städtisch gekleidet, tragen aber über dem Arm Regenmäntel, in der Hand derbe Knotenstöcke. Der eine ist ein Vierziger und sieht verdrossen aus, der junge dürre Zwanziger blickt sich lebhaft nach allen Seiten um. Alles interessiert ihn.

Sie durchqueren Haselhorst auf der Dorfstraße. Überall schauen aus dem Grün die Dächer der Bauernhäuser, bald mit Stroh, bald mit Reet, bald mit Ziegeln, bald mit Zink gedeckt. Jeder Hof liegt für sich, wendet, meistens von Bäumen umstanden, nur die Schmalseite seines Wohnhauses der Landstraße zu.

Sie haben Haselhorst hinter sich und gehen nun unter Ebereschen auf der Chaussee nach Gramzow. In den Koppeln steht Vieh, schwarzbunt und rotbunt, sieht sich auch einmal, langsam weiterkäuend, nach den Wanderern um.

»Es ist schön, einmal aus dem Büro herauszukommen«, sagt der Junge.

»Das habe ich auch einmal gedacht«, widersetzt der Alte.

»Immer und ewig nur Zahlen, es ist nicht auszuhalten.«

»Zahlen sind bequemer als Menschen. Man weiß, was man von ihnen zu erwarten hat.«

»Meinen Sie denn wirklich, Herr Kalübbe, daß etwas passieren kann?«

»Reden Sie keinen Quatsch. Selbstverständlich passiert nichts.«

Der Junge fühlt nach der Gesäßtasche. »Jedenfalls habe ich meine Pistole parat.«

Der Ältere bleibt mit einem Ruck stehen, schüttelt wütend die Arme, sein Gesicht läuft blaurot an. »Sie Idiot, Sie! Sie gottgeschlagener Querkopf!«

Seine Wut steigert sich noch. Er wirft Mantel und Stock auf die Chaussee, seine Aktentasche, die er unterm Mantel trug, dazu.

»Da! Da haben Sie es! Machen Sie den Dreck alleine! So eine Hirnverbranntheit! Und solch ein Bulle …« Er kann nicht weiterreden.

Der Jüngere ist weiß geworden, aus Kränkung, Ärger, Schreck. Aber er kann sich beherrschen. »Ich bitte Sie, Herr Kalübbe, was habe ich gesagt, daß Sie derart erregt sind!«

»Wenn ich schon so etwas höre! Die Pistole parat! Wollen Sie unter die Bauern mit einer Pistole gehen? Ich habe Frau und drei Kinder.«

»Aber ich bin heute früh noch einmal vom Finanzrat über den Gebrauch der Waffe belehrt worden.«

Kalübbe ist ganz Verachtung. »Der! Sitzt hinter seinem Schreibtisch. Kennt nur Papier. Einen Tag sollte er hier draußen mit mir pfänden gehen, nach Poseritz oder Dülmen oder auch heute nach Gramzow … Er würde keine Belehrungen mehr erteilen!!«

Kalübbe grinst schadenfroh schon bei dem Gedanken, daß der Herr Finanzrat ihn bei seinen Pfändungsgängen begleiten könnte.

Plötzlich lacht er. »Da, ich werde Ihnen was zeigen.« Er holt aus der Gesäßtasche seine Pistole, richtet sie auf den Kollegen.

»Machen Sie keine Geschichten«, ruft der und springt zur Seite.

Kalübbe drückt los. »Sehen Sie: nichts! Gar nicht geladen. Das halte ich von dieser Art Schutz.«

Er steckt seine Pistole wieder ein. »Und nun geben Sie mir Ihre.« Er zieht den Lauf kräftig zurück, wirft Patrone auf Patrone aus. Der Junge sammelt sie schweigend auf. »Stecken Sie die Dinger in die Westentasche und geben Sie sie heute abend dem Finanzrat zurück. Das ist meine Belehrung über den Waffengebrauch, Thiel.«

Thiel hat auch Stock und Mantel und Tasche schweigend aufgehoben und reicht alles dem Kollegen. Sie gehen weiter. Kalübbe sieht über die Wiesen, die von Hahnenfuß gelb, von Schaumkraut weißrosa sind. »Sehen Sie, Thiel, Sie müssen mir das nicht übelnehmen. Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand. – Das ist recht. Alle, die ihr dort drinnen sitzt auf dem Finanzamt, ihr habt ja keine Ahnung, was das heißt, hier draußen Dienst tun.

Habe mich auch gefreut, als ich Vollstreckungsbeamter wurde. Nicht nur die Diäten und die Bewegungsgelder. Ich kann sie wahrhaftig brauchen mit der Frau und den drei Kindern. Sondern draußen sein, hier, an einem Frühlingstag, und alles ist frisch und lebendig. Nicht so bloß Steine. Und man geht durch.

Und jetzt – jetzt ist man der schändlichste, schmählichste Dreck am Stecken des Staates.«

»Herr Kalübbe, Sie, der so gelobt werden!«

»Ja, die drinnen! Wenn ein Bauer zu euch kommt und wenn zehn Bauern zu euch kommen, so sind es Bauern in der Stadt. Und wenn sie wirklich einmal frech werden, wie ihr es nennt, so seid ihr viele. Und hinter der Barre. Und der Fernsprecher zur Polizei an der Wand.

Hier aber, wo wir jetzt gehen, da hat der Bauer gesessen vor hundert Jahren und vor tausend Jahren. Hier sind wir die Fremden. Und ich gehe mit meiner Aktentasche und mit meinen blauen Piepmatzmarken ganz allein zwischen ihnen herum. Und ich bin der Staat, und wenn es gut geht, nehme ich ihnen eine Ecke von ihrem Stolz und die Kuh aus dem Stall, und geht es schlimm an, dann mache ich sie heimatlos, wo sie seit tausend Jahren saßen.«

»Können sie denn wirklich nicht zahlen?«

»Manchmal können sie nicht, und manchmal wollen sie nicht. Und in letzter Zeit wollen sie überhaupt nicht. – Sehen Sie, Thiel, es sind immer reiche Bauern gewesen, sie haben immer aus dem vollen gelebt, und nun will es ihnen nicht eingehen, daß sie Fastenbrot essen müssen. Und dann sollen sie ja auch nicht richtig rationell wirtschaften …

Aber was verstehen wir davon? Es geht uns nichts an. Was gehen uns die Bauern an! Sie essen ihr Brot, und wir essen unseres. Aber was mich angeht, das ist, daß ich zwischen ihnen umhergehe wie ein unehrlicher Mensch, wie ein Scharfrichter aus dem Mittelalter, der geächtet war, wie ein Hurenmädchen mit dem Rädchen auf dem Arm, vor dem sie alle ausspucken, mit dem keiner an einem Tisch sitzen mag.«

»Halt! Einen Augenblick!« ruft Thiel und hält den Kollegen am Arm. Im Staub sitzt ein Schmetterling, ein braunbuntes Pfauenauge, mit zitternden Flügeln. Seine Fühler bewegen sich tastend in der Sonne, im Licht, in der Wärme.

Und Kalübbe zieht den Fuß zurück, der schon über dem Tier schwebte. Zieht ihn zurück und bleibt stehen, sieht hinab auf den beseelten farbigen Staub.

»Ja, auch das gibt es, Thiel«, sagt er erleichtert. »Weiß Gott, Sie haben recht. Auch das gibt es. Und manchmal wird der Fuß zurückgezogen. – Und nun bitte ich Sie nur um eines.«

»Ja?« fragt Thiel.

»Sie sind eben der Beherrschte gewesen und ich der Schreier. Mag angehen, daß sich heute noch einmal unsere Rolle ändert. Dann denken Sie daran, daß Sie jede Schmähung, jede Beleidigung ohne Widerspruch ertragen müssen, hören Sie, müssen. Daß ein guter Vollstreckungsbeamter keine Strafanträge wegen Beleidigung stellt, sondern vollstreckt. Daß Sie nie die Hand heben dürfen, selbst wenn ein anderer die Hand hebt. Es gibt immer zuviel Zeugen gegen Sie. Es gibt nur Zeugen gegen Sie. Wollen Sie daran denken? Wollen Sie mir das versprechen?«

Thiel hebt die Hand.

»Können Sie es auch halten?«

»Ja«, sagt Thiel.

»Dann also: Gehen wir dem Päplow in Gramzow seine beiden Ochsen versteigern.«

 

2

 

Die Uhr geht auf elf. Es ist immer noch Vormittag, und die beiden Finanzbeamten haben sich eben die Hand gegeben auf der Chaussee nach Gramzow.

Im Krug von Gramzow ist es drangvoll. Alle Tische sind besetzt. Die Bauern sitzen vor Bier und Grog, auch die Schnapsgläser fehlen nicht. Aber es ist fast still im Gastzimmer, kaum ein Wort wird laut. Es ist, als horchten alle nach hinten.

Hinten in der Wirtsstube sitzen auch Bauern, um den Tisch mit der Häkeldecke, unter dem Nußbaumregulator. Sieben Bauern sitzen dort, einer steht an der Tür, der achte. Im Sofa sitzt hinter seinem Grog ein Langer mit scharfgeschnittenem Gesicht voll unzähliger Falten, mit kalten Augen und schmalen Lippen. »Also«, spricht er und bleibt sitzen, »ihr, eingesessene Bauern von Gramzow, habt gehört, was der Bauer Päplow vorzubringen hat gegen den Entscheid des Finanzamtes in Altholm. Wer für ihn ist, hebe die Hand. Wer gegen den Bauern ist, lasse sie ungekränkt unten. Jeder tue, wie ihm dünkt, aber nur, wie ihm dünkt. – Stimmt ab.«

Sieben Hände erheben sich.

Der lange Bartlose steht aus dem Sofa auf. »Stoß die Tür auf, Päplow, zum Gastzimmer, daß alle hören. Ich verkünde den Beschluß der Bauern von Gramzow.«

Die Tür geht auf, und im gleichen Augenblick erheben sich die Bauern draußen. Der Lange fragt durchs Lokal zu einem weißbärtigen Bauern an der Außentür: »Sind die Wachen besetzt?«

»Sie sind besetzt, Vorsteher.«

Der Lange fragt nach der Tonbank mit dem kleinen wieselartigen Wirt: »Ist kein Weibervolk in der Nähe, Krüger?«

»Kein Weibervolk, Vorsteher.«

»So verkünde ich, der Gemeindevorsteher Reimers von Gramzow, den Beschluß der Bauernschaft, gefaßt von ihren erwählten Vertretern:

Es liegt ein Entscheid des Finanzamts Altholm vom zweiten März vor gegen den Bauern Päplow, daß er zu zahlen hat an rückständiger Einkommensteuer aus dem Jahre 1928 vierhundertunddreiundsechzig Mark.

Wir haben zu diesem Entscheid den Bauern Päplow gehört. Er hat geltend gemacht, daß dem Entscheid die Durchschnittsertragsberechnung für Höfe dieser Gegend zugrunde liegt. Daß dieser Durchschnittsertrag auf sein Anwesen aber keine Anwendung finden könne, weil er im Jahre 1928 außerordentliche Schädigungen erlitten hat. Zwei Pferde sind ihm eingegangen an Kolik. Eine Sterke ist beim Kalben verreckt. Seinen Vater, den Altenteiler, hat er ins Krankenhaus nach Altholm schaffen müssen und dort über ein Jahr erhalten.

Diese Gründe zum Steuernachlaß sind dem Finanzamt bekanntgemacht, sowohl direkt, durch den Bauern Päplow, wie durch mich, den Gemeindevorsteher. Das Finanzamt hat die Veranlagung aufrechterhalten.

Wir Bauern von Gramzow erklären den Beschluß des Finanzamtes Altholm für null und nichtig, weil er einen Eingriff in die Substanz des Hofes bedeutet. Wir verweigern dem Finanzamt und seinem Auftraggeber, dem Staat, jede Mithilfe in dieser Sache, es geschehe uns Liebes oder Leides.

Die vor fünfzehn Tagen vorgenommene Pfändung zweier gut angegraster Ochsen des Bauern Päplow ist nichtig. Wer bei der heute angesetzten Versteigerung dieser Ochsen ein Gebot auf sie abgibt, soll von Stund an nicht mehr Glied der Bauernschaft sein. Geächtet soll er sein, niemand darf ihm Hilfe leisten, sei es in Nöten der Wirtschaft, des Leibes oder der Seele. In Acht soll er sein, in Gramzow, im Kreise Lohstedt, im Lande Pommern, im Staate Preußen, im ganzen Deutschen Reiche. Niemand darf zu ihm sprechen, niemand darf ihm die Tageszeit bieten. Unsere Kinder sollen nicht mit seinen Kindern sprechen, und unsere Frauen sollen nicht mit seiner Frau reden. Er lebe allein, er sterbe allein. Wer gegen einen von uns handelt, hat gegen uns alle gehandelt. Der ist heute schon tot.

Habt ihr alle gehört, Bauern von Gramzow?«

»Wir haben gehört, Vorsteher.«

»So handelt danach. Ich schließe die Bauernversammlung. Die Wachen sind zurückzuziehen.«

Die Tür zwischen Gast- und Wirtsstube geht wieder zu. Der Gemeindevorsteher Reimers setzt sich, wischt sich die Stirn ab und tut einen Zug vom kalt gewordenen Grog. Dann sieht er auf die Uhr. »Fünf Minuten bis elf. Es wird Zeit, daß du verschwindest, Päplow, sonst kann dir der Knecht vom Finanzamt das Protokoll vorlesen.«

»Ja, Reimers. Aber wie wird es, wenn sie die Ochsen forttreiben?«

»Sie werden die Ochsen nicht forttreiben, Päplow.«

»Wie willst du es hindern? Mit Gewalt?«

»Keine Gewalt. Nie Gewalt gegen diesen Staat und seinen Verwaltungsapparat. Ich weiß etwas anderes.«

»Wenn du etwas anderes weißt … Es müßte nur sicher sein. Ich brauche das Geld für die Ochsen.«

»Es ist sicher. Morgen wissen alle Bauern im Land, wie man in Gramzow mit dem Finanzamt fertig wird. Geh nur ruhig.«

Der Bauer Päplow geht durch die Hintertür über den Hof hinaus, verschwindet an einem Knick. Die sieben Bauern gehen in die volle Gaststube.

 

3

 

Vor den Fenstern der Wirtschaft entsteht Bewegung: Die beiden Beamten vom Finanzamt kommen. Jeder führt einen rotbunten Stier am Halfter.

Sie sind auf dem Hof von Päplow gewesen. Irgendein Knecht war da und hat sie in den Stall gelassen zu den gepfändeten Tieren. Kein Bauer war zu sehen, keine Bäuerin, niemand, der Auftrag gehabt hätte, die Pfandsumme zu erlegen. So haben sie die Tiere aufgehalftert und sind mit ihnen zum Krug gekommen, die angesetzte und bekanntgemachte Versteigerung abzuhalten.

Sie binden die Tiere ans Reek vor der Tür und treten in die Wirtschaft. Im Gastzimmer ist Gerede gewesen, halblauter Meinungsaustausch, auch ein Fluch vielleicht, als man die Männer sah mit den beiden Tieren. Nun ist es still. Aber dreißig, vierzig Bauern sehen stur auf die Beamten, sehen ihnen ins Gesicht und verziehen nicht das eigene.

»Ist hier vielleicht Herr Päplow aus Gramzow?« fragt Kalübbe in die Stille.

Die Bauern sehen auf ihn und den Jungen, keiner spricht.

»Herr Päplow hier?« fragt Kalübbe mit erhobener Stimme.

Keine Antwort.

Kalübbe geht durch den Mittelgang der Gaststube zur Tonbank hin. Unter all den feindlichen Blicken geht er gehemmt und unbeholfen. Einen Stock, der über einer Lehne hängt, stößt er um. Er fällt polternd hin. Kalübbe bückt sich danach, hebt ihn auf, hängt ihn über die Lehne, sagt: »Pardon.«

Der Bauer sieht ihn an, stur, dann zum Fenster hinaus, verzieht nicht das Gesicht.

Kalübbe sagt zum Krüger: »Ich soll hier eine Versteigerung abhalten, wie Sie wissen. Wollen Sie mir einen Tisch hersetzen lassen?«

Der Krüger murrt: »Hier ist kein Tisch und kein Raum für einen Tisch.«

»Sie wissen, daß Sie Platz zu machen haben.«

»Wie soll ich es machen, Herr? Wen soll ich fortschicken? Vielleicht machen Sie sich Platz, Herr?«

Kalübbe sagt mit Nachdruck: »Sie wissen …«

Und der wieselige Krüger eilfertig: »Ich weiß. Ich weiß. Aber geben Sie mir einen Rat. Kein Gesetz, verstehen Sie, einen brauchbaren Rat.«

Eine Stimme ruft befehlend durchs Lokal: »Setz einen Tisch vor die Tür.«

Plötzlich ist der kleine Krüger ganz Beweglichkeit, Höflichkeit. »Einen Tisch vor die Tür. Selbstverständlich. Die beste Idee. Man kann dann auch das Vieh sehen.«

Der Tisch wird nach draußen gebracht. Der Krüger trägt eigenhändig zwei Stühle herbei.

»Und nun zwei Glas Helles für uns, Krüger.«

Der Krüger bleibt stehen, sein Gesicht legt sich in Falten, Kummer ist darin. Er schielt zu den offenen Fenstern, hinter denen die Bauern sitzen. »Meine Herren, ich bitte Sie …«

»Zwei Glas Helles! Was soll das …?«

Der Krüger hebt ganz schnell die Hände zu einer Bitte. »Meine Herren, verlangen Sie nicht von mir …«

Kalübbe sieht rasch zu Thiel hin, der das Gesicht über die Tischplatte gesenkt hält. »Sehen Sie, Thiel!« Und zum Krüger: »Sie müssen uns Bier ausschenken. Wenn Sie’s nicht tun und ich zeige Sie an, sind Sie die Konzession los.«

Und der Krüger vollendet im gleichen Ton: »Und wenn ich’s tue, bin ich meine Gäste los. So kaputt und so kaputt, Herr.«

Kalübbe und der Krüger sehen sich an, eine lange Zeit, scheint es.

»Also sagen Sie drinnen, daß die Auktion beginnt.«

Der Krüger macht eine halbe Verbeugung. »Solange es geht, soll der Mensch Mensch bleiben.«

Er geht. Der Beamte nimmt aus seiner Aktentasche Protokoll und Bedingungen, legt sie vor sich auf den Tisch. Thiel möchte gern, daß er ihn jetzt einmal ansähe, darum sagt er: »Ich habe eben an die Pistole gedacht. Ich glaube, ich lerne schon, daß Waffen nichts helfen.«

Kalübbe sagt trocken und blättert in seinem Protokoll: »Es ist noch nicht Abend. Wenn wir zu Haus sind, haben Sie mehr gelernt.«

Ein Schatten fällt auf den Tisch. Ein junger Mensch, schwarz gekleidet, eine schwarze Hornbrille auf der Nase, über der Schulter den Lederriemen eines Photoapparates, tritt hutlüftend heran. »Gestatten Sie, meine Herren, mein Name ist Tredup, von der ›Chronik für Altholm‹. Ich war eben in Podejuch, den Kirchenneubau für unser Blatt zu photographieren. Im Vorbeiradeln sehe ich, hier soll eine Auktion abgehalten werden.«

»Das Inserat stand auch in Ihrem Blatt.«

»Und das ist das gepfändete Vieh? – Man hört so viel von Schwierigkeiten bei Pfändungen. Hatten Sie welche?«

»Erlaubnis zu dienstlichen Auskünften erteilt Herr Finanzrat Berg.«

»Also Sie hatten keine Schwierigkeiten? Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich die Auktion photographierte?«

Und Kalübbe, barsch: »Stören Sie mich nicht länger. Ich habe keine Zeit für Ihr Geschwätz!«

Tredup zuckt überlegen die Achseln. »Wie Sie meinen. Jedenfalls werde ich photographieren. – Jeder hat seine Art Brot, und besonders süß scheint Ihres auch nicht zu schmecken.«

Er geht auf die andere Seite der Dorfstraße und beginnt seinen Apparat fertigzumachen.

Kalübbe zuckt die Achseln. »Er hat ja im Grunde recht. Es ist sein Beruf, und es war albern von mir, ihn anzugrobsen. Aber ich habe eine Wut auf die von der ›Chronik‹. Das ist schon Revolverjournalismus, was die treiben. Haben Sie vor ein paar Tagen die Kritik über den Zirkus Monte gelesen?«

»Doch. Ja.«

»Die reine Erpressung. Dabei weiß ganz Altholm, daß kein Mensch von der ›Chronik‹ zur Vorstellung war. Der Besitzer wollte wegen Geschäftsschädigung klagen, aber das hat ja alles keinen Zweck bei denen. Der Schabbelt verdreht, die Frau versoffen, der Kerl, der das Blatt schreibt, der Stuff, kriegt auch so seine periodischen Touren … Und was da sonst so rumläuft …«

»Gott! Wer liest denn die ›Chronik‹? Ich lese die ›Nachrichten‹.«

»Soll mich wundern, was der Kerl über die Auktion zusammenschmiert. Mittlerweile scheint niemand zu kommen.«

Sie sehen nach den Fenstern der Gaststube. Soviel sie erkennen können, ist es leerer dort geworden, trotzdem noch genug Bauern dasitzen.

»Gehen Sie noch einmal in die Tür und rufen Sie aus, daß die Auktion beginnt. Und dann sagen Sie dem Krüger, daß er zu mir kommen möchte.«

Thiel steht auf, geht in die Tür. Kalübbe hört ihn rufen, irgend jemand antwortet. Es entsteht Gelächter, dann gebietet eine scharfe Stimme Ruhe. Nach einer Weile kommt Thiel zurück.

»Was war da eben?« fragt Kalübbe gleichmütig.

»Der Krüger wird sofort kommen. – Ach ja, irgendein Witzbold rief mir zu: ›Jung, goh no Hus, dien Mudder will di waschen!‹ Aber ein Langer hieß ihn Maul halten.«

Der Krüger tritt an den Tisch. »Bitte, meine Herren?«

»Waren keine Viehhändler heute morgen da?«

»Doch. Viehhändler waren da.«

»Wer?«

Der Krüger zögert. »Ich weiß nicht. Ich kenne sie nicht.«

»Natürlich kennen Sie sie nicht. Und die sind wieder fortgefahren?«

»Die sind wieder fortgefahren.«

»Danke. Das war alles.« Der Krüger geht, und Kalübbe sagt zu Thiel: »Nun rufe ich noch den Fleischer Storm an. Bei dem kaufe ich selbst mein Fleisch. Vielleicht, daß der die Courage hat und kauft das Vieh zur Taxe. Das ist halb geschenkt.«

»Und wenn nicht?«

»Gott, dann rufe ich den Finanzrat an. Mag der mal entscheiden, was geschehen soll.«

Thiel sitzt und schaut auf die besonnte Dorfstraße. Ein paar Hühner suchen in Pferdeäpfeln unverdautes Korn, über den nächsten Hofeingang streicht sacht mit aufrechtem Schwanz eine Katze. Es wäre ganz schön hier, denkt er. Es ist alles beieinander, aber es ist Unrat in der Luft. Dem Kerl von der »Chronik« scheint auch klargeworden, daß aus der Auktion nichts wird. Da streicht er ab. Hat den Apparat noch in der Hand, vielleicht hat er was Besseres gefunden zu photographieren. – Muhe nicht, Ochs. Ich habe auch Durst und kriege nichts, trotzdem hier Hof bei Hof Brunnen sind. – Kalübbe ist hübsch vergrätzt, aber er nimmt es zu tragisch. Bauern sind Bauern. Ein dickes Fell und seinen Dienst tun, nichts denken. Mittelalter und Scharfrichter – wo er das her hat? Er muß richtig darauf lesen. Ich habe meinen Skat und er seine Familie und wir beide Altholm, was brauchen wir da Bauern? Und hübsch ist es doch hier, wenn auch Unheil …

Er döst ein bißchen in der Mittagssonne vor sich hin. Die Ochsen werfen die Köpfe und wehren mit dem Schwanz die Fliegen.

 

4

 

Kalübbe steht wieder am Tisch. »Geschlafen? Ja, es ist ganz, als könnte ein Gewitter kommen. Heut ist ein Tag, an dem die Milch zusammenläuft. – Also, der Fleischer Storm will nicht. Er hat Angst. Denkt, er bekommt landauf, landab kein Vieh mehr zu kaufen. Laß ihn. Wird meine Frau ihr Fleisch bei einem andern Fleischer kaufen.«

»Und der Finanzrat?«

»Ja, der Finanzrat, der hohe Herr, der Herr Berg verstehen das natürlich nicht. Die Sache ist ihm einfach unverständlich. Aber jedenfalls soll heute einmal ein Exempel statuiert werden, und die Bauern nicht mit dem Kopf durch die Wand. Wir sollen die Ochsen nach Haselhorst treiben und nach Stettin verladen. Vergnügen, was? Einen Wagen habe ich eben auch gleich bestellt. Also denke ich, wir machen los. Je eher wir dort sind, um so eher kriegen wir ein Glas Bier. Der Bahnhofswirt muß ausschenken.«

»Also denn los! Welchen nehmen Sie?«

»Lassen Sie mir den mit dem krummen Horn. Der ist zappelig. Und wenn er abhauen will, den Zaum nicht loslassen und feste mit dem Stock auf die Nase. Dann vergeht ihm schon das Rennen.«

Sie haben die Stricke vom Reek losgeknotet und machen sich an den Aufbruch. Die Tür von der Wirtschaft geht auf, und Bauer auf Bauer, ein Dutzend, zwei Dutzend, drei Dutzend treten aus der Gaststube. Sie stellen sich längst des Weges auf, wortlos stehen sie da, sehen den Abmarsch an.

Die beiden treiben die Dorfstraße entlang. Die Tiere gehen ruhig. Kalübbe wendet sich nach Thiel um und fragt: »Gemütlich, solch ein Spießrutenlaufen?«

»Wenn es denen Vergnügen macht!«

»Natürlich! – Was ist das?«

Das Dorf ist zu Ende. Die Straße hat einen scharfen Knick gemacht, und zwischen Ebereschen liegt die Chaussee nach Haselhorst vor ihnen. Auf beiden Seiten breite, wasserreiche Vorflutgräben, und vor ihnen, dreihundert Meter weiter, haben sie ein helldunkles Gewimmel, ein Hindernis.

»Was ist das?«

»Ich kann es nicht schlaukriegen. Bauen die eine Barriere?«

»Es sieht so hell aus. Und locker. Wie Stroh. Jedenfalls kümmern wir uns um nichts. Gehen grade durch.«

»Und wenn wir nicht vorbeikommen? Die Gräben sind zu breit.«

»So warten wir. Es wird ja irgendein Wagen oder ein Auto kommen.«

Sie sind nahe, und nun ruft Thiel erleichtert aus: »Es ist nichts. Da hat einer ein Strohfuder umgeschmissen.«

»Ja. Es scheint so.«

Aber, als sie noch näher sind: »Da stimmt doch was nicht. Die laden nicht wieder auf. Die führen ja Wagen und Pferde fort!«

»Egal! Wir gehen durch. So ein Strohbund schmeißt man mit dem Fuß beiseite.«

Jetzt sind sie ganz nahe. Drei, vier Leute stehen dort beim Stroh, das quer über die Chaussee liegt. Einer bückt sich, und plötzlich züngelt es auf, hier, dort. Eine Flamme tanzt. Zehn. Hundert. Rauch, weißer dicker Qualm wallt empor.

Die Stiere werfen die Köpfe hoch, sperren sich breitbeinig. Reißen den Leib herum.

Und plötzlich wirft sich der Wind in die Flammen, sengende Glut schlägt ihnen entgegen, sie stehen ganz im Rauch …

»Los! Los! Zurück ins Dorf!« schreit Kalübbe und hämmert wild mit dem Knüppel auf die Nase seines Stiers. Dumpf dröhnt der Nasenknorpel.

Fast Seite an Seite, taumelnd, fallend, vom Strick wieder hochgerissen, rasen sie dem Dorf zu.

Dann, hundert Schritte weiter, geht das Vieh ruhiger. Atemlos ruft Kalübbe: »Diesmal muß ich einen Bericht schreiben, es hilft nichts.«

»Und was machen wir nun?«

»Nach Haselhorst lassen uns die nicht. Das ist zwecklos. Aber nun grade! Wissen Sie was, jetzt spielen wir ihnen einen Streich und treiben über Nippmerow, Banz, Eggermühle nach Lohstedt.«

»Vierzehn Kilometer!«

»Und wenn! Wollen Sie die Stiere dem Päplow wieder in den Stall stellen?«

»Ausgeschlossen!«

»Also!«

Jetzt sind sie wieder am Krug. Dort stehen die Bauern, sehen ihnen entgegen.

»Die haben auf uns gewartet. Na, eure Stiere sollt ihr deswegen doch nicht haben. – Glatt und möglichst rasch vorbeitreiben.«

Alle Gesichter sehen auf sie. Es sind junge und alte, sehr weißblonde, mehlige, glatte und ganz zerfurchte mit grauen und schwarzen Bärten und mit der Lederhaut der Herbststürme und Winterregen. Als sie sich nähern, löst sich der Schwarm auf. Ein Teil tritt auf die andere Seite der Dorfstraße, und nun, als sie vorbei wollen, setzen sich alle in Bewegung, gehen stumm und dicht neben ihnen her, ein Geleit. Mit gesenkten und erhobenen Gesichtern, die nichts ansehen, Handstöcke in der Hand.

Das gibt noch etwas. Das geht nicht glatt, denkt Kalübbe. Wenn ich nur an den Thiel heran könnte, daß er nicht die Ruhe verliert.

Aber die Bauern gehen zu eng, und jetzt laufen die Stiere fast, sie riechen den Päplowschen Stall.

Doch Kalübbe paßt auf. Im Augenblick, da sein Stier in die heimische Hoffahrt einbiegen will, gibt er ihm einen dröhnenden Schlag aufs rechte Horn, stößt gleich darauf die Stockspitze in die Weiche, und der Stier rast los, blindlings gradeaus, die Dorfstraße entlang.

Das ging gut, denkt Kalübbe laufend und wundert sich, daß die Bauern noch nicht nachgeben, weiter nebenhertraben. Aber da ist auch schon Thiel dicht neben ihm. Vom Rennen atemlos, flüstert er dem zu: »Kümmere dich um nichts, Thiel. Strick fest ums Handgelenk. Laß dir das Tier nicht klauen. Das gehört dem Staat, und das muß jetzt nach Lohstedt, koste es, was es wolle.«

Die Bauern laufen nebenher. Es ist so viel Getrapps auf dem Weg und die Aussicht beengt. Und doch! Da vorn ist wieder das Hellgelbe, auch auf diesem Wege.

Aber nun gibt es kein Halten mehr. Durch müssen wir, denkt Kalübbe.

Das geängstete Tier rast nur so, Kalübbe kann sich nicht umdrehen. Er hört, wie die Stockschläge der Bauern hageldicht auf seinen Ochsen prasseln, er schreit: »Achtung, Thiel! Auf die Wiese!«

Und da ist das Feuer schon. Er sieht irr-deutlich sechs, acht Gesichter, er sieht plötzlich den Kerl von der »Chronik« mit dem Photoapparat in der Hand, er sieht noch, wie ein Bauer mit dem Stock nach dem Apparat schlägt …

Dann ist die Glut da, die Hitze, stechender Qualm.

Er sieht nichts mehr. Der Stier reißt ihm die Hand ab, so zerrt er am Strick.

Und nun steht er an einem Baum. Er ist durch, die Straße vor ihm ist frei, er atmet schwer mit versagenden Lungen.

Dann schaut er sich um. Dicke weißgelbe Qualmschwaden wälzen sich über Wiese und Weide. Schatten huschen darin.

Wo ist Thiel?

Dann sieht er den andern Stier über eine Wiese rasen, führerlos, mit hocherhobenem Schwanz und gesenktem Kopf.

Er wartet eine Viertelstunde, eine halbe. Er kann nicht fort von dem Tier, es gehört dem Staat. Schließlich gibt er das Warten auf. Der Thiel wird sich schon wieder anfinden. Die Bauern tun niemand nichts.

Kalübbe nimmt mit seinem Ochsen den Weg nach Lohstedt unter die Füße.

ZWEITES KAPITEL

Jagd nach einem Photo

1

 

Es ist abends gegen elf. Stuff ist eben aus dem Kino gekommen und hat sich im Tucher zu Wenk an den Tisch gesetzt.

»Was trinkst du? Nur Bier? Nee, das genügt nicht, bei mir burren die trüben Fliegen heut wieder. – Franz, einen halben Liter Helles und eine Kömbuddel.«

»Wie war’s im Kino?«

»Mist, verdammter. So was muß man morgen loben, bloß weil die Affen inserieren.«

»Was war’s denn?«

»So ein erotischer Schmarren. Was Ausgezogenes.«

»Das ist doch was für dich?«

»Hau ab, Wenk! Was die heute schon Erotik nennen! Wozu ausziehen? Man weiß ja schon alles vorher.«

Stuff trinkt. Erst einen Schnaps. Dann einen langen Schluck Bier. Dann wieder einen Schnaps.

»Das ist das Richtige. Solltest du auch tun. Das macht Stimmung.«

»Geht nicht. Darf nicht. Mein Wachtmeister schimpft, wenn ich nach Schnaps stinke.«

»Gott ja, deine Olle. Komisch muß das sein, immer dieselbe. So gar keine Überraschung. Macht das denn noch Spaß?«

»Spaß? Ehe ist doch kein Spaß.«

»Eben. Hab ich mir immer schon gedacht. Und ohne Überraschungen. Nee, danke. Weißt du, das ist ja der Mist bei der modernen Frauenkleidung: Man weiß alles schon vorher. Diese blöden Schlüpfer! Früher, die weiten, weißen offenen Hosen!« Er versinkt in Schwärmerei.

»Wo sitzt eigentlich dein Mann?« stört ihn Wenk.

»Wieso? Mein Mann? Ach so, der Kalübbe! Dort. Der übernächste Tisch. Der Griese, der Skat spielt, so ein bißchen dick.«

»So, das ist Kalübbe«, sagt Wenk enttäuscht. »Den hätt ich mir anders gedacht.«

»Anders gedacht. Der ist gut so, wie er ist. Schon die beiden Kerle, die mit ihm spielen. Das muß die reine Freude sein für den Herrn Finanzrat.«

»Wer ist denn das?«

»Na, den in der grauen Uniform mußt du doch kennen. Den kennt doch jedes Kind. Nicht? Das ist der Hilfswachtmeister Gruen aus dem Kittchen. Mall-Gruen nennen sie ihn, weil er verrückt ist, seit ihn die Muschkoten November achtzehn an die Wand gestellt haben.«

»Warum denn?«

»Weil er sie zu sehr gezwiebelt hat, wahrscheinlich. Sie haben nach ihm Scheibenschießen gemacht, und daß er dabei leben geblieben ist, das hat er, glaub ich, selber noch nicht kapiert. – Du mußt mal aufpassen, wenn die Rechten schwarzweißrot flaggen, dann kann er an keiner Flagge vorüber. Zieht den Hut und verkündet: ›Unter dieser Fahne haben wir nicht gehungert.‹ Die Kinder laufen ihm in Scharen nach.«

»Und so was ist Beamter?«

»Warum nicht? Zellen wird er wohl noch auf- und zuschließen können.«

»Und der dritte?«

»Das ist der Lokomotivführer Thienelt. Dienstältester Lokomotivführer im Bezirk. Hinter dem ist schon die ganze Reichsbahndirektion hergewesen, er soll Dienstuniform anziehen. Er tut es nicht. Warum wohl?«

»Keine Ahnung. Sag schon.«

»Na, sehr einfach. Er tut es nicht, weil er dann die Dienstmütze aufsetzen müßte. – Du bist zu doof, Wenk. Saufen kannst du gut, aber zu doof bist du doch. – Weil an der Dienstuniform ein neumodischer Adler ist, und er ist noch für die altmodischen …«

»Und er tut’s nicht?«

»Er tut’s nicht. Nun haben sie ihn auf ’ne Rangierlokomotive gesetzt, aber er denkt: Meine zwei Jahre bis zur Pension halt ich’s noch aus. Die Oberen lassen ihn jetzt in Ruhe, aber die Kollegen. Kollegen sind immer das Schlimmste.«

Pause. Stuff trinkt ausgiebig.

»Mittlerweile könnte der Kalübbe endlich mal pinkeln gehen, daß ich ihn draußen unauffällig sprechen kann.«

»Glaubst du denn, er tut es?«

»Wenn man es richtig anpackt, tut er es.«

»Du riskierst was dabei.«

»Wieso? Wenn es rauskommt, bin ich besoffen gewesen.«

 

»Du, Stuff, der Einzeljüngling am Ecktisch fixiert dich immer.«

»Wenn’s ihm Spaß macht. Nee, den kenne ich nicht. Ehemaliger Offizier, taxiere ich. Reist jetzt in Ölen und technischen Fetten.«

»Sieht ganz so aus, als möcht er mit dir reden.«

»Vielleicht kennt er mich. – Prost! Prost!« schreit Stuff durch das ganze Lokal dem unbekannten jungen Mann zu, der das Bierglas grüßend gegen ihn erhob.

»Kennst du ihn doch?«

»Keine Ahnung. Der will was. Na, er wird schon kommen.«

»Komisch eigentlich, dir so zuzuprosten.«

»Warum komisch? Wenn ihm meine Kartoffelnase gefällt? Na, ich will erst noch mal einen Schnaps verlöten, Kalübbe sitzt ordentlich fest.«

»Du, Stuff«, fängt Wenk wieder an. »Der Tredup hat sich heute über dich beklagt. Du läßt ihn nichts verdienen.«

»Tredup kann mir. Mit Tredup rede ich schon vierzehn Tage nichts.«

»Wegen der Ochsen?«

»Wegen der Ochsen! Glaubt der Ochse, ich bringe seinen Artikel über die Ochsenpfändung, bloß damit er seine fünf Pfennig die Zeile kriegt?!«

»Geld hat er, glaube ich, nötig.«

»Haben wir alle. Ich will dir was sagen, Wenk, alle Leute, die zuwenig Geld haben, taugen nichts. Tredup ist scharf auf Geld wie die Katze auf Baldrian.«

»Vielleicht schiebt er Kohldampf mit seiner Familie.«

»Soll ich deswegen alle mit seinem blöden Bericht vor den Kopf stoßen? Bring ich was für die Bauern, dann freu dich für deinen Annoncenteil: Finanzamt, Polizei, Regierung mit ihren Bekanntmachungen, alles schnappt ab.«

»Aber er sagt, er hat dir einen zweiten Bericht gegen die Bauern geschrieben.«

»Und …? Soll ich gegen die Bauern sein? Nee, so ein bißchen Sympathie hat man doch noch. Säße ich sonst hier und lauerte auf den Kalübbe, der partout nicht aus den Hosen will? – Na, endlich! Wenn man den Esel nennt … Bis nachher!«

Und Stuff geht schwerfällig dem Kalübbe nach.

 

2

 

Stuff stellt sich im Pissoir an das Becken neben Kalübbe. Der stiert tiefsinnig in das rinnende Wasser. Stuff sagt: »’n Abend, Kalübbe!«

»’n Abend! Ach so ja, du, Stuff. Es geht so, nicht wahr?«

»So wie immer: beschissen.«

»Wie kann es auch anders gehen?«

»Na so was! Klagen jetzt auch schon die Beamten?«

»Beamter, na ja, Beamter …«

»Etwa nicht? Wenn mein Schabbelt was in den Kopf kriegt, macht er die Bude zu, und ich sitze auf der Straße.«

»Wer’s glaubt. Wo dich die ganze Provinz kennt.«

»Eher schon dich. Seit den Ochsen …«

»Entschuldige, Stuff, ich muß wieder zum Skat …«

»Natürlich. – Ist es wahr, daß morgen Lokaltermin ist?«

»Möglich. – Der Thienelt und der Gruen warten.«

»Und daß du die Täter indentifizieren sollst?«

»Ich muß jetzt zum Skat!«

»Und daß deine Hilfe, der Thiel, ohne Kündigung auf die Straße gesetzt ist?«

»Wenn du doch alles weißt, warum fragst du noch? Also ’n Abend, Stuff!«

»Ich will dir etwas verraten, Kalübbe. Du wirst strafversetzt. Aber halt’s Maul.«

Kalübbe starrt ihn an, ohne zu reden. Das Wasser läuft und rinnt und gurgelt in dem Becken. Die beiden Männer stehen einander gegenüber.

»Ich? Du meinst mich? Ich und strafversetzt? Dir haben sie ja ins Gehirn geschissen! Laß mich zufrieden mit deinem Quatsch. Ich habe meinen Ochsen nach Haus gebracht.«

»Grade weil. In den Stall vom Gemeindevorsteher hättest du sie stellen sollen. Dann hätt’s keinen Klamauk gegeben.«

»Der Finanzrat sagt, ich hätt’s gut gemacht.«

»Der Finanzrat! In der Suppe rühren schon viel goldenere Löffel.«

»Ich werde nicht strafversetzt.«

»Doch wirst du. Höre zu, Kalübbe …«

Drei Mann dringen in die Schifferade. Kalübbe dreht sich zum Spiegel und fängt umständlich an, sich die Hände zu waschen. Die drei Mann begrüßen Stuff lebhaft und lärmend. Er stellt sich an ein Becken und tut sehr beschäftigt, schielt dabei nach Kalübbe. Der macht keine Anläufe mehr zu gehen. Stuff grinst vor sich hin.

Nach einer Weile ziehen die Leute ab und lassen Stuff und Kalübbe wieder allein.

Kalübbe sagt brüsk: »Ich will dir was sagen, Stuff. Ich habe es mir überlegt: Vielleicht werde ich wirklich strafversetzt. Die machen das heute so. Verantwortung haben nur wir Untern. Aber dich geht das nichts an, und wenn du in deiner gottverdammten ›Chronik‹ ein Wort davon schreibst …«

»Kein Wort. Du wirst strafversetzt. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Fragt sich nur, ob du nun auch noch andere reinreißen willst?«

»Reinreißen? Ach so! – Es kommt darauf an, was für andere?«

»Da sind diese Bauern. Morgen ist Lokaltermin. Wenn du welche erkennst, schieben die Knast, Monate und Monate.«

»Ich hab keinen Grund, den Bauern grün zu sein.«

»Aber warum feind? Tätest du’s nicht auch so, wenn du vom Hofe müßtest?«

»Sie haben es an dem Morgen zu schlimm getrieben.«

»Und du machst den Speckjägern oben die Geschäfte. Dein Finanzrat freut sich einen Ast, wenn er möglichst viel Bauern einspunden kann. Dann kann er doch wieder eine Weile drauflospfänden.«

»Das Aas! Höre, Stuff, ist das anständig? Er gibt mir telefonisch den Auftrag, die Ochsen unter allen Umständen nach Haselhorst zu bringen, und nun wird mir ein Strick daraus gedreht, daß ich meinen nach Lohstedt gebracht habe! Ist das anständig?«

»Das ist die Art heute.« Stuff spuckt in ein Becken. »Willst du dich strafversetzen lassen und doch erkennen?«

Kalübbe zögert. »Es war ja alles nur ein Augenblick. Wenn ich die Bauern nicht erkennen würde … Aber da ist der Thiel!«

»Das laß meine Sorge sein! Glaubst du, der Thiel wird reden? In einen Graben gefallen, Ochse ausgerissen, Zeug verdorben, Knochen zerschunden, dafür auf die Straße gesetzt, fristlos, weil er den Ochsen laufen ließ, glaubst du, der erkennt? Glaubst du, der ist so doof?«

»Man müßte es wissen.«

»Man weiß es. Unter uns: Der Thiel hat eine Stellung. Bei einer Zeitung. Ich sage nicht, wo.«

Die beiden Männer schweigen eine Weile, dann sagt Kalübbe: »Na, ich glaube, Stuff, das ging alles zu schnell. Ich weiß es wirklich nicht, welche Bauern ich im Krug und welche am Strohfeuer sah.«

»Siehst du, Kalübbe. Und wenn du einmal keine Lust mehr hast mit dem Vollstrecken, schreibst du mir eine Karte …«

Sie wenden sich zur Tür …

 

3

 

Eine Stimme ertönt hinter ihnen: »Einen Augenblick, meine Herren. Es war sehr interessant.«

In der Tür zum Klosett steht der junge Mann, dem Stuff vor einer Viertelstunde zutrank.

»Wirklich. Fabelhaft interessant. – Ja, ich war dadrin beschäftigt, meine Herren. Und dann wollte ich nicht unterbrechen. Der hübscheste Fall von Zeugenbeeinflussung, den ich persönlich erlebt habe. Wirklich ganz reizend.«

Er steht in der Tür zum Lokus, vor der Brille, und knöpft ganz unnötig an seinen Hosenträgern herum. Um seine Augen spielen tausend Fältchen, und in all seiner Malesche denkt Stuff: Ein Junge? Uralt ist das Aas. Ausgekocht. Ein ganz gemeiner Hund!

Laut knurrt er: »Bilden Sie sich nur nichts ein. Was Sie schon hören können! Wo ewig das Wasser läuft.«

Der junge Mann greift in seine Tasche und zieht einen Haufen Papier hervor. »Entschuldigen Sie das Material. Es ist Klopapier. Aber ich stenographiere. Ihre Unterhaltung schien mir des Festhaltens würdig.«

»Sie lügen ja. Das ist weißes Papier. Glauben Sie, Sie bluffen mich? Zeigen Sie doch mal her!«

Der dicke Stuff macht eine unglaublich rasche Bewegung, einen Griff nach dem linken Arm des Jünglings, der das Papier hält. Aber wie ein Hammer schlägt dessen rechte Faust auf Stuffs Arm. Stuff stößt links vor, stößt nach der Magengrube des Jünglings, der nach der Brille retiriert.

Stuff grunzt: »Los, Kalübbe, das Papier müssen wir haben!«

Und der Jüngling, völlig ruhig, jetzt auf dem Klosettdeckel stehend: »Es ist sehr amüsant, meine Herren …«

Die Toilettentür geht auf, und ein paar Herren erscheinen. Die drei Kämpfer nehmen unbeteiligte Posen ein. Kalübbe probiert den Seifenautomaten. Stuff lehnt in der Klosettür und scheint dem Schlanken, der den Spülungskasten befingert, Ratschläge zu geben: »Es muß am Schwimmer liegen.«

Endlich sind die Herren fertig. Einer möchte noch eine Unterhaltung mit Stuff anspinnen, aber der grobst ihn an: »Laß mich zufrieden. Ich will hier kotzen!« Und der Herr entschwindet.

Noch schlägt die Tür nicht an, da macht Stuff einen blitzschnellen Vorstoß gegen ein Bein des Unbekannten, faßt es, reißt daran, und mit Getöse stürzt der Jüngling vom Klosettdeckel. Sein Kopf schlägt mehrmals gegen die Wand. Dann liegt er im Winkel, etwas blaß, etwas blutend, während Stuff ihm die Hand, die den Papierwust hält, aufzubrechen sucht.

»Die kriegen Sie nicht auf. Die hat schon manchen Handgranatenstiel festgehalten, Stuff …«

»Das wußte ich, daß Sie mich kennen …« Stuff läßt ihn los und betrachtet ihn prüfend. Kalübbe schaut schweigend, noch immer schneeweiß, über seine Schulter.

Der Jüngling steht auf und verbeugt sich. »Gestatten Sie, Henning. Georg Henning. Und entschuldigen Sie den kleinen Scherz, ich bin noch etwas kindlich.«

»Wahrscheinlich«, sagt Stuff. Und zu Kalübbe gewendet: »Keine Angst mehr. Der schwatzt nicht.«

»Sehen Sie hier, das Stenogramm. Es wandere in den Orkus. Und nun spülen wir kräftig nach. Unwiederbringlich!«

»Und was möchten Sie nun?« fragt Stuff. »Denn daß Sie so ganz ohne …?«

»Nein, natürlich nicht. Aber anders. Wie Sie sich’s denken, geht es nicht. Wenigstens nicht so allein. Es gibt nämlich eine Photographie von dem Strohfeuer und den ausbrechenden Ochsen.«

»Unmöglich!«

»Vielleicht gibt es sogar zwei Aufnahmen!«

»Ich sollte das nicht wissen?!« fragt Stuff empört.

»Warte!« ruft Kalübbe erregt. »Warte einmal. Er hat recht. Daß ich nie mehr daran gedacht habe! Da war ein Kerl von einer Zeitung, wollte schon die Auktion knipsen. Dann sah ich ihn wieder, hinter einem Baum, beim Strohfeuer nach Haselhorst zu. Und schließlich, grade als es durch die Flammen ging … Ein Bauer, ein schwarzbärtiger Kerl, schlug ihm den Kasten aus der Hand.«

»Und dieser junge Mann«, sagt Herr Georg Henning, »dieser junge Mann ist Mitglied Ihrer Zeitung, Herr Stuff, und heißt Tredup.«

Stuff starrt Henning an, wendet sich dann zu Kalübbe, der bejahend mit dem Kopf nickt. Stuff senkt den seinen, greift in die Tasche, spielt mit Schlüsseln. Sieht sich um, fängt an mit der Uhrkette zu spielen.

Alle drei schweigen.

»Ich will Ihnen etwas sagen, meine Herren. Ich kenne Sie nicht, Herr Henning, und brauche Sie auch nicht weiter zu kennen. Ich weiß Bescheid.

Also am Abend nach der Ochsenpfändung kommt der Tredup erregt zu mir, will einen Bericht schreiben. Eine halbe Spalte. Es werden zwei. Nun ist die Sache so, daß der Tredup kein Gehalt kriegt, nur Prozente von den Annoncen, und wenn er was schreibt, fünf Pfennig für die Zeile.

Ich sage zu ihm: ›Tredup, Ihr Bericht ist gut, aber er ist Mist. Ich weiß, es geht Ihnen dreckig, Sie haben Frau und Kinder, aber diesen Bericht nehme ich Ihnen nicht ab. Diesen Bericht stecke ich eigenhändig in den Bleiofen. Dies ist eine Bauernsache und eine Regierungssache und geht die Stadt Altholm und die Leser der Altholmschen „Chronik“ einen Dreck an.‹«

»Und was tat Tredup? Schimpfte er?«

»Nein, das tat er grade nicht. Er sagte nur, immer, wenn er was Gutes hätte, nähme ich es nicht. Und ging ab. Und spricht seitdem kein Wort mit mir, schreibt mir keine Zeile, hilft mir bei keiner Arbeit.«

Henning fragt: »Und er hat nichts gesagt, daß er geknipst hat?«

»Das ist es ja grade. Kein Wort.«

»Dann hat er was vor.«

»Oder die Photos sind nichts geworden?«

»Warum hätte er dann davon geschwiegen. An dem Abend hatte er sie doch noch gar nicht entwickelt!«

Henning sagt: »Morgen ist der Lokaltermin, und bis dahin müssen wir wissen, ob es Photographien gibt oder nicht. Sie, Kalübbe, sind außen vor. Der Zug fährt um halb zehn. Bis dahin haben Sie Bescheid wegen Ihrer Aussage. Sie gehen jetzt los, Stuff, und wir treffen uns dann Ecke Stolper Straße und Burstah. Der Tredup wohnt Stolper Straße 72. Gegen halb eins werden wir da sein. Da kommt er aus dem Schlaf und läßt sich leichter bluffen.«

»Der reine Feldherr! – Sie waren draußen? Natürlich.«

»Nur das letzte halbe Jahr. Ich war zu jung. Aber nachher noch: Baltikum, Ruhr, Oberschlesien, wo was los war.«

»Merkt man. Also denn vorläufig!«

Endlich wird die Toilette frei.

 

4

 

In der Stolper Straße brennen nachts nach zwölf kaum noch Laternen. Die beiden Männer gesellen sich schweigend zueinander und machen sich auf den Weg.

Dann fragt Stuff: »Was wurde übrigens mit dem Ochsen von Thiel?«

»Eingefangen und geschlachtet.«

»Natürlich. Aufstallen wäre zu gefährlich.«

»Natürlich. Es gibt immer Verräter.«

Sie gehen schweigend weiter.

Wieder fängt Stuff an: »Ich war nur ein halbes Jahr an der Front. Sonst die ganzen vier Jahre Etappenschwein. Aber ich habe nie etwas dazu getan, mich zu drücken. Es kam daher, weil ich Setzer gelernt habe und man Setzer brauchte.«

»Im Baltikum war es am besten«, sagt der andere nachdenklich. »Gott! So im fremden Land Herr sein! Keine Zivilbevölkerung, auf die man Rücksicht zu nehmen braucht. Und all die Mädchen!«

»Gehen Sie mir ab mit den Weibern! In solchen Geschichten und dabei Weiber!«

»Ich reise«, sprach Georg Henning ruhig, »für eine Berliner Firma in Melkmaschinen und Zentrifugen. Keine Frau weiß mehr von mir.«

»Trinken Sie nicht?«

»Ich betrinke mich nie.«

»Dann geht es.«

Sie gehen schweigend weiter.

»Ich weiß nicht, was Sie für einen Plan haben«, fängt Georg Henning an, »aber ich habe hier einen echten Krimpoausweis mit Lichtbild. Und ein Krimposchild.«

Er schlägt den Aufschlag des Sommermantels zurück und zeigt das Blechschild der Kriminalpolizei.

»Nein, das geht nicht. Tredup wird unsere paar Kriminalbeamten wohl kennen. Und geht die Sache schief, gibt es einen Riesenkrach. So etwas ist für später gut. Dies geht so, mit Geld.«

»Wie Sie meinen, Kamerad«, sagt der Junge und berührt flüchtig seinen Hut. Stuff tut das gut. Er geht rascher und sieht unternehmungslustig auf die kleinen zweistöckigen Buden.

»Es ist die nächste Ecke«, sagt Henning. »Nach dem Hof hin. Wir brauchen nur über das Gatter zu klettern.«

»Sie wissen Bescheid.«

»Ich jage seit fünf Tagen nach ihm. Aber er ist vorsichtig. Geht nie in eine Schenke. Trinkt nichts, raucht nichts, hat nichts mit Mädeln.«

»Der Mann hat kein Geld.«

»Eben. Das sind die Schwierigsten.«

»Oder die Bequemsten.«

»Der nicht.«

Sie klettern leise über ein Torgatter, biegen um einen Schuppen, und der kleine Hinterhof, an zwei Seiten von Gärten begrenzt, liegt vor ihnen.

In einem verhangenen Fenster ist Licht. »Da wohnt er. Lassen Sie sehen.«

Sie versuchen, Einblick zu bekommen. »Nein, nichts? Warum hat er noch Licht? Warum schläft er um eins noch nicht? – Warten Sie. Treten Sie an die Seite, daß er Sie nicht gleich sieht. Ich klopfe jetzt an die Scheibe.«

Stuff klopft leise.

Sein Klopfen ist kaum verhallt, so fällt schon ein Schatten auf die Gardine, als hätte der drin auf das Klopfen gewartet.

»Den überrumpeln wir nicht«, murmelt Stuff, und sein Hintermann legt ihm die Hand bestätigend auf die Schulter.

Die Gardine geht zurück, das Fenster öffnet sich, und ein dunkler Kopf fragt leise: »Ja? Wer ist da?«

»Ich. Stuff. Kann ich dich mal sprechen, Tredup?«

»Warum nicht? Wenn es dich drinnen nicht geniert? Komm nur rein. Ich mache auf.«

Das Fenster schließt sich wieder, die Gardine geht zu.

»Soll ich gleich mitkommen?« fragt Henning.

»Natürlich. Mit dem macht man doch keine Umstände.«

Eine Tür nach dem Hof geht leise auf. Tredup steht darin. »Komm nur rein, Stuff. Ach, Sie sind zwei? Bitte schön.«

Es ist kein großes Zimmer, in das sie direkt vom Hof kommen. Auf einem Spind brennt eine beschattete Petroleumlampe, beleuchtet Stöße von Briefumschlägen, ein Adreßbuch, Tinte und Feder. An der Wand zwei Betten, Gestalten darin. Tiefes, gleichmäßiges Atmen.

»Sie können ruhig halblaut sprechen. Die Kinder schlafen fest, und meine Frau hört nie, was sie nicht hören soll.«

»Was machst du noch so spät, Tredup?« Stuff deutet auf die Kommode. »Übrigens: Herr Henning – Herr Tredup.«

»Ich schreibe Adressen. Für einen Münchener Verlag. Fünf Mark das Tausend. Die ›Chronik‹ bezahlt nicht sehr viel, nicht wahr, Stuff?«

»Es hat mir leid getan, Tredup, mit deinem Artikel. Aber ich habe hier etwas Besseres. Deshalb bringe ich den Herrn gleich zu dir, weil er hier nur auf der Durchreise ist. Der Herr kauft Bilder für eine Illustrierte und hat Interesse für deine Bilder von der Ochsenpfändung. Er würde fünfzig Mark für das Bild zahlen.«

Tredup hat den etwas gehemmten Vortrag Stuffs still lächelnd angehört. »Ich habe keine Bilder von der Ochsenpfändung.«

»Tredup! Ich weiß bestimmt. Es ist doch ein schönes Geld für dich!«

»Und ich würde es mitnehmen, wahrhaftig! Ich bin nicht wählerisch. Ja, ich habe geknipst. Aber es ist nichts geworden. So ein Aas von Bauer schlug mir den Apparat aus der Hand.«

»Ich weiß das, Herr Tredup«, sagt Henning. »Ich habe davon gehört. Aber Sie haben schon vorher photographiert. Einmal. Vielleicht zweimal.«

»Einmal.«

»Gut, einmal. Ich zahle Ihnen für jede Aufnahme, wenn Sie den Film und sämtliche Abzüge mir verkaufen, einhundert Mark.«

Tredup grinst. »Das sind zwanzigtausend Adressen. Einhundertundsechzig Nachtstunden Arbeit. An uns Pechvögeln gehen alle guten Geschäfte vorbei. Die erste Aufnahme ist nur Qualm.«

Stuff sagt beschwörend: »Tredup …!«

Tredup lächelt wieder. »Nun, Sie glauben mir nicht. Sie halten mich für einen Millionär, der aus Sport Adressen kliert. Das ist zu reparieren.«

Er zieht eine Schublade aus dem Spind und beginnt zu suchen. »Es war ein Rollfilm mit zwölf Aufnahmen. Drei Aufnahmen vom Kirchenneubau in Podejuch. Zwei innen, eine außen, bitte. Zwei Aufnahmen von der Ochsenpfändung. Hier die mit dem Qualm. Halt den Film ruhig gegen die Lampe, dann siehst du, daß es Rauch ist. Hier die mißlungene, als der Bauer mir hundert Mark aus der Hand schlug. Nun kommt eine, die du mir abgekauft hast, Stuff: das verunglückte Auto auf der Chaussee nach Stettin. Sechs. Sieben bis zehn: vier Bilder vom Wochenmarkt. Elf und zwölf die Einweihung der Großtankstelle. Stimmt es?«

»Gott, Tredup, wir glauben dir auch so.«

»Eben nicht.«

»Es tut mir leid«, sagt Henning. »Ich hätte Ihnen das Geschäft gegönnt. Aber vielleicht verkaufen Sie mir die drei Aufnahmen von der Podejucher Kirche. Ich kann sie für meine Illustrierte gebrauchen. Fünf Mark für jede. Einverstanden?«

»Bitte sehr.«

»So, und nun wollen wir Sie nicht länger stören. Sie sollten auch ins Bett.«

»Ja, ich denke, ich darf heute Schluß machen. Ich bin höllisch müde. Fallen Sie nicht. Warten Sie, ich schließe Ihnen das Gatter auf. Gute Nacht und schönen Dank, die Herren.«

Die beiden gehen die Straße hinunter.

»Glauben Sie«, fragt Stuff zögernd, »daß es so stimmt?«

»Ich weiß nicht recht. Die zwölf Aufnahmen lagen ein bißchen sehr parat und abgezählt zurecht.«

»Oh, was das angeht, Tredup ist ein Muster an Pedanterie und Ordnung. Und bei hundert Mark …«

»Das ist auch mein Trost. Sie sagen dann morgen Kalübbe Bescheid, daß er niemanden zu erkennen braucht.«

»Ja. Also denn auf Wiedersehen, Herr Henning.«

»Wir sehen uns schon irgendwo wieder. Hier entlang komme ich zu meinem Hotel. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Tredup hat das Licht ausgemacht und legt sich zu seiner Frau. »Ich will dir etwas sagen, Elise. Wir haben hier zwei Bürgermeister. Der Ober ist rechts, der taugt nichts und hat nichts zu bestellen. Und der Bürgermeister ist links und Polizeichef. Zu dem gehe ich morgen.«

»Du mußt wissen, was du tust, Max«, sagt die Frau. »Sieh nur zu, daß ein bißchen Geld reinkommt. Der Hans braucht Schuhsohlen, und die Grete muß unbedingt zwei Hemden haben.«

»Erst einmal haben wir fünfzehn Mark. Aber für fünfzehn Mark bin ich nicht zu kaufen. Auch nicht für hundert. Fünfhundert, das ginge eher.«

Und dann schlafen sie ein.

 

5

 

Tredup geht jeden Morgen gegen zehn auf das Rathaus, wo er beim Bürodirektor nachfragt, ob städtische Bekanntmachungen für den Anzeigenteil der »Chronik« da sind.

Heute steigt er, nachdem er zwei oder drei Blätter in seine Aktentasche geschoben hat, aus dem Erdgeschoß in den ersten Stock hinauf. Er geht durch eine Flügeltür, ein langer weißer Gang mit roten Türen liegt vor ihm. Er weiß, hier irgendwo residiert Bürgermeister Gareis, der Polizeiherr von Altholm.

Er beginnt die Schilder an den Türen zu lesen: »Marktpolizei«, »Verkehrspolizei«, »Kriminalpolizei«, »Kriminalkommissar«, »Polizeioberinspektor«. Da ist es: »Bürgermeister«. Aber ein roter Pfeil verweist auf die nächste Tür: »Vorzimmer des Bürgermeisters. Anmeldungen nur hier.«

An das Vorzimmer hat er nicht gedacht! Er wird dort sitzen und warten müssen, andere Leute sitzen auch dort, einer erkennt ihn, und Stuff erfährt, daß Tredup, der Werber der rechten »Chronik«, beim linken Bürgermeister war.

Zögernd macht er kehrt. Er darf seine Stellung, Basis der Existenz von vier Personen, nicht gefährden.

Schon auf der Treppe, kehrt er wieder um. In der Nacht sind aus fünfhundert tausend Mark geworden. Solche Belohnungen zahlen Polizei und Staatsanwaltschaft oft. Und tausend Mark scheinen Sicherheit zu verbürgen, gedeihliches Auskommen … vielleicht ein kleiner Laden.

Aber das Vorzimmer kommt nicht in Frage. Er muß es wagen. Und mit einem plötzlichen Ruck öffnet er die Tür zum Allerheiligsten. Es ist aber eine Doppeltür, und die zweite macht er viel sachter auf.

Er hat Glück. Der Bürgermeister ist allein, er sitzt an seinem Schreibtisch und telefoniert. Beim Geräusch der sich öffnenden Tür wendet er den Kopf nach dem Besucher. Er kneift die Augen ein wenig zusammen, um ihn zu erkennen, und macht dann eine Geste nach dem Nebenzimmer.

Tredup zieht die Tür leise hinter sich zu und bleibt stehen an ihr, vorgebeugt, aufmerksam und beflissen.

Bürgermeister Gareis telefoniert weiter.

Tredup hat gehört, daß der Bürgermeister der längste Mann von Altholm ist. Aber dieser Mann ist nicht lang, dieser Mann ist ein Elefant, ein Koloß. Ungeheure Glieder, Fleischmassen, kaum vom Tuch zusammengehalten, ein Gesicht mit doppeltem Kinn, hängenden Wangen, dicke fleischige Hände.

Nach seiner ersten abwehrenden Gebärde beachtet der Bürgermeister den Besucher nicht mehr. Er telefoniert ruhig weiter, wann eine Sitzung stattfinden soll, ein uninteressantes Gespräch.

Tredup fängt an, sich im Zimmer umzusehen.

Plötzlich merkt er, daß auch ihn der Bürgermeister beschaut, und ein quälendes Gefühl beschleicht ihn, daß diese klaren hellen Augen – unter einem schwarzen glatten Scheitel – alles sehen: die ungebügelten Hosen, die schmutzigen Schuhe, die schlechtgewaschenen Hände, den fahlen Teint.

Aber nun ist es nicht mehr zu verkennen: über den Hörer weg lächelt ihm Bürgermeister Gareis zu. Und nun weist er auf einen Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, macht eine einladende Geste, und jetzt, mitten im Gespräch, sagt er: »Einen Augenblick noch. Ich bin gleich für Sie frei.«

Tredup sitzt, der Bürgermeister legt den Hörer auf, lächelt wieder und fragt rasch: »Also, wo brennt es?«

Plötzlich hat Tredup das Gefühl, daß er diesem Mann alles sagen kann, daß der für alles Verständnis hat. Ein Gefühl wie Rührung, eine heiße, begeisterte Bewunderung wallt in ihm auf. Er sagt: »Wo es brennt? In Gramzow, auf den Straßen nach Haselhorst und Lohstedt.«

Der Bürgermeister ist ernst, er nickt ein paarmal, sieht nachdenklich auf einen Mammutbleistift, mit dem seine Hände spielen, und sagt: »Da hat’s gebrannt.«

»Und die Polizei interessiert sich für die Brandstifter?«

»Vielleicht. Kennen Sie die?«

»Ein Freund von mir. Vielleicht.«

»Ein Freund ist mir zu weitläufig. Sagen wir: Sie. Ein Unbekannter. Größe X.«

»Also mein Freund X.«

Der Bürgermeister bewegt die Schultern. »Sie sind aus Gramzow?«

»Mein Freund? Nein. Aus der Stadt.«

»Dieser Stadt?«

»Wohl möglich.«

Der Bürgermeister steht auf. Tredup bekommt einen Schreck. Es ist, als bewege sich ein Berg. Er steht auf und steht auf und ist immer noch nicht alle. Ganz von oben tönt die Stimme auf den im Sessel zusammengesunkenen Tredup: »Für alle Vernunft habe ich beliebig viel Zeit, für Unvernunft keine Minute. Wir spielen hier nicht Detektivroman. Sie wollen etwas von mir, wahrscheinlich Geld. Eine Nachricht verkaufen. Ich bin nicht interessiert.«

Tredup will Einspruch erheben. Die Stimme geht darüber fort. »Bitte, ich bin nicht interessiert. Gramzow ist nicht mein Bezirk. In Frage käme der Landrat in Lohstedt. Womöglich auch die Regierung.«

Der Bürgermeister setzt sich wieder. Plötzlich lächelt er. »Vielleicht aber kann ich Ihnen helfen. – Reden Sie also keinen Unsinn, Mann. Raus mit der Sprache. Ich habe in meinem Leben schweigen gelernt.«

Der zerschmetterte Tredup belebt sich wieder. Er sagt eifrig: »Ich war dort, an jenem Nachmittag. Ich habe alles gesehen: die Beamten, die Bauern, die Ochsen.«

»Sie würden sie wiedererkennen, bestimmt?«

Tredup nickt eifrig. »Mehr noch.«

»Sie wissen die Namen?«

»Nein, keine Namen. Aber …«

»Aber …?«

»Aber ich habe zwei Aufnahmen gemacht, die eine vom Feuer nach Haselhorst zu, die andere vom Feuer auf der Lohstedter Straße. Die Bauern sind darauf, die angesteckt haben, die Stroh gestreut haben, die dabeistehen, alle …«

Der Bürgermeister, ganz Nachdenken, fragt: »Ich kenne die Vernehmungsprotokolle nicht. Aber soviel ich weiß, steht in keinem, daß ein Fremder mit einem Photoapparat dabei war.«

Flüchtig denkt es in Tredup: Es ist seine Sache nicht? Er kennt die Protokolle nicht? Und doch weiß er … Etwas warnt, und darum sagt er nur: »Die Bilder gibt es.«

»Keine gestellten? Wir sehen es sofort.«

»Die andere Seite weiß von ihnen. Heute nacht um eins wurden mir fünfhundert Mark dafür geboten.«

»Ein guter Preis«, bestätigt der Bürgermeister. »Vielleicht sind sie zur Stunde das Zelluloid nicht mehr wert. Jetzt ist Lokaltermin in Gramzow. Wenn die Beamten die Bauern bestimmt erkennen, sind Ihre Bilder wertlos.«

»Wenn … Der mir fünfhundert bot, wird auch an die Beamten gedacht haben.«

Der Bürgermeister betrachtet sein Gegenüber lange und nachdenklich. »Sie sind nicht unbrauchbar. Was kosten die Bilder?«

»Heute eintausend.«

»Und morgen? Nun, lassen wir das. Es wird nicht unmöglich sein. Sie haben die Bilder hier?«

Tredup weicht aus: »Die Bilder stehen jederzeit zur Verfügung.«

»Ich glaube schon, daß sie existieren. Und sie sind scharf, deutlich? Man erkennt die Leute?«

»Wie ich vor Ihnen sitze, Herr Bürgermeister.«

»Es ist gut, Herr X. Sie warten vielleicht draußen zehn Minuten. Wie gesagt, ich habe kein Interesse. Aber es mag sein, daß Stolpe will. Sie warten also. Und vorläufig besten Dank.«

Tredup ist kaum aus der Tür, schon klingelt der Bürgermeister.

»Hören Sie, Piekbusch, Sie nehmen drei Akten in die Hand. Gehen unauffällig über den Gang. Da steht ein junger Mann, schwarzer Schlapphut, verbeulte Knie, Aktentasche, käsig, die Schuhbänder am rechten Schuh sind auf. Unauffällig ansehen, ob Sie ihn kennen. Gleich zurückkommen.«

Sekretär Piekbusch geht.

Der Bürgermeister am Apparat: »Verbinden Sie mich sofort mit dem Regierungspräsidenten. Persönlich und dringlich. Geben Sie mir, bis das Gespräch kommt, den Polizeioberinspektor. Und dann den Amtsrichter Grumbach. Sind Sie dort, Frerksen? Ja, kommen Sie bitte sofort zu mir. Und lassen Sie den Dienstwagen vorfahren. Sie müssen in einer Viertelstunde mit jemand nach Stolpe. Ja bitte, gleich. – Nun, wie ist es, Piekbusch, kennen Sie ihn?«

»Gesehen habe ich ihn schon, Herr Bürgermeister, aber …«

»Also Sie kennen ihn nicht. Gehen Sie zur Krimpo herum. Die Beamten, die da sind, sollen unauffällig den Gang entlanggehen, nach verschiedenen Dienstzimmern, auf die Toilette. Sobald ihn einer erkannt hat, anrufen. Nein, besser persönliche Meldung.

Ja, wer ist dort? Herr Amtsrichter Grumbach? – Ja, Herr Amtsrichter, hier Bürgermeister Gareis. Ich wollte bitten, den Lokaltermin in Gramzow, wenn irgend möglich, um zwei Stunden zu verschieben. – Dickes neues Material. – Lokaltermin wahrscheinlich vollkommen überflüssig. – Wieso? Nun, Sie werden sehen. – Man hat auch so seine Quellen. – Ich kann noch nichts sagen, ich spreche aber sofort mit Stolpe. – Ja, meinethalben auf meine Verantwortung. – Das Finanzamt? Ach, was die Beamten schon aussagen! Das reicht doch nicht zu einer Verurteilung, vielleicht nicht einmal zu einer Anklageerhebung. – Entweder alles oder nichts. – Also, Sie hören von mir. Oder vom Regierungspräsidenten. – Was Temborius damit zu tun hat? Weil er Geld bezahlen soll. Geld kostet es. Geld, Geld und noch mal Geld. – Richtig, das laß ich ihm, ich begnüge mich mit dem Ruhm. Also, denn!«

Er hängt ab. Der Sekretär kommt ins Zimmer.

»Gehen Sie nur wieder, Piekbusch. Wenn er erkannt ist, habe ich gesagt.«

»Der junge Mann ist verschwunden, Herr Bürgermeister.«

»Verschwunden?! Das heißt: weggegangen?« Der Bürgermeister starrt. Er denkt: Wenn mich irgendein Feind geblufft hat! Dann bin ich grenzenlos blamiert. Es kann ein Spion gewesen sein, der horchen wollte, was die Regierung vorhat. Dann bin ich erledigt. Ah bah, das war kein Spion. Er wird Angst bekommen haben. Und laut: »Sehen Sie auf der Toilette nach, Piekbusch. Der Mann ist nur mal aus den Hosen.«

Piekbusch will gehen. »Halt! Und Frerksen soll kommen. Wo bleibt er denn? – Ach, da sind Sie ja, Frerksen. – Hallo, Piekbusch, was im Vorzimmer sitzt, soll zu Assessor Stein zur Abfertigung. Er soll vertrösten, aufschieben. Ganz Wichtiges zu mir in einer Viertelstunde. – Und nun setzen Sie sich, Frerksen, wir haben eine dicke Sache, wir werden uns in Stolpe bei dem Genossen Temborius endlich mal einen weißen Fuß machen.«

DRITTES KAPITEL

Die erste Bombe

1

 

Das Allerheiligste des Regierungspräsidenten Temborius ist ein langer, dunkelgetäfelter Raum. Immer ist dort das Licht gedämpft. Die mit Wappenschildern und bunten Putten gezierten Scheiben schwächen den hellsten Sommertag.

Dieser von der Gunst seiner Partei, ein wenig Verwaltungskenntnis und viel Beziehungen emporgetragene Beamte liebt nicht das Laute. Leises, Gedämpftes, Halbhelles liegt seinem Wesen. Leise, gedämpft und halbhell hat der Genosse Temborius die Geschicke seines Bezirkes verwaltet, und leise, gedämpft und halblaut ist auch die Unterhaltung zwischen ihm, dem Kommandierenden der Schutzpolizei und dem Geheimen Finanzrat Andersson. Irgendwo in einem dunkelsten Winkel notiert ein kleiner fetter Assessor die Bemerkungen der drei Herren, für einen Aktenvermerk, zur Sicherung seines Vorgesetzten.

»Bedauerlich bleibt«, flüstert der leise Provinzialvertreter des Ministers des Innern, »bedauerlich bleibt, daß die Staatsanwaltschaft in solcher Kürze nicht erreichbar war. Der Fall Gramzow ist kein beliebiger Fall, er ist ein Signum.«

Polizeioberst Senkpiel sehnt sich nach einer Zigarre. »Jetzt muß eben durchgegriffen werden.«

»Wenn die Bilder halten, was Gareis versprach, wird man endlich einmal die Unruhestifter kennen.«

»Aus einem Orte. Die Bewegung ist längst nicht mehr lokal.«

»Eben! Man wird sehen, ob Emissäre anderer Ortschaften dabei waren.«

»Meine Herren …« Der Präsident setzt an, stockt, bricht ab. Von neuem, mit einem irritierten Rucken der Schultern: »Die Meinung der Staatsanwaltschaft wäre mir außerordentlich wertvoll gewesen.«

»Es ist alles im klaren«, tröstet Geheimrat Andersson. »Wenn die Täter auf den Bildern erkenntlich sind, wird es hohe Gefängnisstrafen setzen.«

Temborius bleibt mißvergnügt. »Und wird es helfen? Wird es die andern schrecken?«

Der Oberst betrachtet den Geheimrat, der Geheimrat den Oberst.

Dann wenden die beiden Herren die Köpfe und starren in die Ecke, wo der gänzlich bedeutungslose Assessor sitzt.

Der Oberst spricht zuerst: »Schrecken? Man sollte es denken. Wenn die Kerle ein halbes Jahr oder ein Jahr brummen, werden sie schon zur Besinnung kommen.«

Der Präsident hebt seine Hand, eine schmale, knochige, langfingrige Hand mit dicken Adern. »Sie sagen: ja. Aber ist es wirklich ›ja‹? Meine Herren, ich muß Ihnen gestehen, ich halte diese Bewegung für sehr gefährlich, für äußerst gefährlich, für viel gefährlicher als KPD und NSAP. Das Schlimmste, was geschehen kann, geschieht: Der Verwaltungsapparat kommt ins Stocken. Ich sage Ihnen, ich sehe den Tag, da es unmöglich sein wird, das flache Land zu verwalten.«

Die Herren sind bestürzt. »Herr Präsident.«

»Bitte! Unsere Gemeindevorsteher waren nie sehr gut. Kaum einer hat sich auch früher um Fristen im Dienstverkehr gekümmert. Der Amtsverkehr lief stets nur zögernd. Heute ist aus Zögern passiver Widerstand geworden. Akten bleiben wochen-, monatelang auf den Dörfern. Mahnungen sind zwecklos, verhängte Geldstrafen nur im Zwangsvollstreckungswege …« Er bricht ab.

Von neuem: »Es gibt im Bezirk schon reichlich zwei Dutzend Gemeindevorsteher, die Steuerbescheide an ihre Gemeindemitglieder nicht zustellen, nein, zurückschicken. Da ungerecht. Hören Sie, da ungerecht! Die Mithilfe der Gemeindevorsteher bei Vollstreckungen fällt ganz fort, siehe Gramzow. Und die Bewegung greift um sich. Die Maschine knarrt, stockt. Und daß es grade mein Bezirk sein muß …!«

»Der Minister weiß, was er an Ihnen hat«, sagt Andersson.

»Nein, nein, auch der Minister … Ich habe den Eindruck, daß man in Berlin sehr unzufrieden mit der hiesigen Entwicklung ist.«

Der Oberst sagt: »Das Bild wird mit einem Schlage anders, sobald die Leute vom passiven zum aktiven Widerstand übergehen. Gramzow war der erste Fehler der Bauern. Wir werden – lassen die Bilder den Täter erkennen – heute noch hart zufassen. Das wird andere Fehler der Bauern verursachen. Geben Sie mir die Erlaubnis, meine Leute einzusetzen. Zusammenstöße werden nicht ausbleiben, und wo erst Zusammenstöße sind, da ist unser Sieg gewiß.«

»Sie sind ein Optimist, Senkpiel«, bemerkt Temborius. »Nichts ungewisser als der Ausgang eines derartigen Prozesses. – Die Staatsanwaltschaft fehlt heute hier.«

»Nichts gewisser«, betont der Oberst. »Wenn die Bilder gut sind.«

»Die Bilder machen es nicht allein. Auch die beiden Beamten des Finanzamtes werden auszusagen haben. Sind Sie deren sicher, Herr Kollege?«

Andersson verzieht das Gesicht. »Richtig. Richtig. Ich habe da heute früh etwas von Berg in Altholm gehört, was mich verblüfft hat. In Altholm kursiert das Gerücht, daß Kalübbe – Sie erinnern sich, jener tüchtige Beamte, der seinen Ochsen nach Lohstedt brachte –, daß also Kalübbe strafversetzt werden soll. Daß der andere, Thiel, der nur aushilfsweise bei uns beschäftigt war, fristlos entlassen worden sei.«

Der Regierungspräsident bewegt die Schultern. »Was ist das nun wieder?«

Andersson strafft sich. »Jedenfalls keine Bauern. Es ist kein Zweifel, daß andere Leute ihre Finger in diesem Spiel haben. Ich vermute …« – geheimnisvoll, vor gespannten Gesichtern –, »Berlin. Diese Karte ist fabelhaft geschickt gespielt. Mein Kollege Berg versichert mir, daß Kalübbe vollständig verändert ist, nichts mit ihm aufzustellen. Eine in Aussicht gestellte Beförderung nahm er mit Skepsis auf, zweiflerisch, kurz, glaubte sie einfach nicht.«

»Aber warum befördert man ihn nicht gleich!« ruft der Regierungspräsident aus.

»Jetzt, vor dem Prozeß?« gibt Andersson zu bedenken.

»Erlauben Sie«, sagt der Polizeichef eifrig. »Ich erinnere mich, seinerzeit beförderten Majestät einen Wachtposten, der Leute, die ihn geneckt, erschossen hatte, sofort zum Gefreiten.«

Ein ungemütliches Schweigen entsteht. Diesmal tauschen Andersson und Temborius Blicke, während der Oberst sich mehrere Male kräftig räuspert.

»Immerhin«, sagt kühl der Finanzrat. »Eine Beförderung im Moment ist ausgeschlossen. Auch wenn der Beamte nicht mit der Freudigkeit aussagen sollte, die erwünscht ist. Für viel bedenklicher halte ich es übrigens, daß der andere, Thiel, völlig verschwunden ist.«

»Verschwunden? Wie denn verschwunden? Man verschwindet doch nicht! Er wird doch eine Wohnung haben? Eltern?«

»Er wohnte möbliert. Die Sachen sind noch dort. Er bleibt, trotz unauffälligen Forschens der Kriminalpolizei, verschwunden.«

Der Oberst will die Scharte wieder auswetzen: »Nach ihm zu forschen ist vielleicht nicht richtig. Man suche den Mann, der dies Gerücht aufgebracht hat. Es ist doch nur ein Gerücht?«

»Gerücht …«, sagt Andersson gereizt. »Nun ja. Es ist natürlich untersucht worden, ob die beiden nicht ihre Befugnisse übertreten haben, als sie die Ochsen statt nach Haselhorst nach Lohstedt brachten. Jedenfalls werden wir bei der jetzigen Sachlage weder strafversetzen noch entlassen.«

Der Oberst triumphiert: »Dacht ich mir! Es haben also doch Erwägungen geschwebt … Suchen Sie die Leute, die nicht dichthielten.«

Das Telefon schrillt.

Temborius dreht sich um. »Herr Assessor Meier, wollen Sie sehen. Ich habe ausdrücklich verboten, daß ich jetzt angerufen werde. Stellen Sie fest, wer mein Verbot übertreten hat.«

Der Assessor geht an den Apparat. Die drei Herren sprechen nicht. Irgend etwas hängt in der Luft. Sie starren gespannt auf den Assessor, der hört, ein »Ja« sagt, wieder hört, ein »Nein« spricht, immer noch hört …

Der Regierungspräsident: »Bitte, Herr Assessor …«

Der Assessor hält, durch die Weite des Zimmers, dem Präsidenten den Hörer hin. Er sieht etwas weiß aus, auf seiner Stirn stehen Schweißtropfen. »Ich glaube …«, flüstert er, »… es scheint sehr wichtig … Sie selber …«

Irgendwie bezwungen erhebt sich Temborius. Er geht zum Apparat, vor sich hin murmelnd: »Was ist denn das nun wieder?« Den Hörer in der Hand: »Ja, hier Regierungspräsident Temborius … ja doch, ich selbst … wer ist denn dort?« Ganz ungeduldig: »Was wollen Sie denn, Mann?!«

Eine Männerstimme sagt im Apparat: »Soeben hat der Bilderverkäufer Tredup mit Polizeioberinspektor Frerksen das Haus betreten. In fünf Minuten fliegt das Regierungspräsidium in die Luft.«

 

2

 

Der lange, dürre, trockene, leise, bürokratische Herr, den Hörer in der Hand, plötzlich brüllt er, mit schreiender Stimme: »Was? Was?! Mein Herr, Ihre Witze …« Und flehend: »Wer ist denn dort? Sagen Sie mir doch wenigstens Ihren Namen! Wer?«

Er läßt den Hörer sinken, stiert die Herren an. »Was sagen Sie nun? Was in aller Welt sagen Sie nun? In fünf Minuten fliegt das Regierungspräsidium in die Luft.«

»Ein Bluff«, sagt der Oberst, schreitet auf den Apparat zu und nimmt dem Präsidenten den Hörer formlos aus der Hand. »Fräulein! Fräulein! Sofort die Schupokaserne! Wer dort? Oberleutnant Wrede? Äh, Kamerad, umgehend alle Mannschaften, alle, zum Regierungspräsidium. Ich erwarte Sie an der Auffahrt. Überfall! – Fräulein, schnellstens alle Büros anrufen: Sämtliche Personen haben sofort das Präsidium zu verlassen. Sofort. Ihre Kollegin sucht unterdes festzustellen, von wo der Anruf eben kam. – Nicht wahr, Sie haben mitgehört? Sie wissen Bescheid. Ich dachte mir das schon.«

Er läßt den Hörer sinken. Lächelt. »So, meine Herren, noch vier Minuten. Aber ich sage Ihnen: Bluff!«

»Aber das ist Wahnsinn«, schreit Temborius. »Wie kann man wagen …?«

Die Tür öffnet sich. Hinter Polizeioberinspektor Frerksen betritt in seinen zerdrückten Kleidern, blaß und beklommen, Tredup das Zimmer. Frerksen grüßt militärisch: »Zur Stelle, Herr Regierungspräsident.«

Der zwinkert mit den Augen. »Von Altholm? Wegen der Bilder?«

Frerksen bejaht mit einem Nicken.

Der Präsident flüstert: »Das ist ihr Bürgermeister! Das ist der Gareis, der uns dies eingebrockt hat! Sie Mensch mit Ihren unseligen Bildern! Machen Sie, daß Sie …«

Andersson greift ein. »Herr Präsident, darf ich vielleicht …? Sie entschuldigen …« Zu den ganz Verblüfften gewendet: »Das Regierungspräsidium fliegt nämlich in drei Minuten in die Luft … Sie sehen uns etwas erregt …«

Wieder der Präsident: »Meine Herren, Sie entschuldigen mich. Da sind wichtige Papiere, Staatsdokumente … Ich muß erst … Herr Assessor Meier, ich bevollmächtige Sie … Sie werden kaufen, die Belohnung geben … meine Herren, Dokumente …«

Eine dunkle Flügeltür schließt sich lautlos.

Der Oberst sagt eilig: »Also, Herr Assessor, jetzt sind Sie der Mann an der Spritze. Sie entschuldigen mich. Ich muß zu meinen Mannschaften.«

Und der Polizeioberinspektor Frerksen: »Herr Kamerad, wenn Sie gestatten. Die Lösung dieser polizeitaktischen Aufgabe interessiert mich …«

Und Andersson: »Da Sie Vollmacht haben, bin ich hier überflüssig. Auf Wiedersehen.«

Sein Abgang ist eilig.

In dem Riesenzimmer stehen zwei: Assessor Meier, klein, bleich, sehr jüdisch, etwas schwitzend. Tredup, langschinkig, blaß, schmuddelig, unrasiert.

Der Assessor mustert den an der Tür. »Haben Sie eigentlich Angst?« fragt er.

»Ich möchte mein Geld«, sagt Tredup unberührt von allem. »Hier sind die Bilder.«

Er zieht sie aus der Brusttasche, wickelt sie aus, hält sie dem Assessor hin, in jeder Hand eines.

Der Assessor wirft einen flüchtigen Blick darauf, sieht Männer, etwas Rauch, ein langer, glattrasierter, scharffaltiger Bauer schürt Feuer.

»Gut, legen Sie dort hin. Haben Sie eigentlich keine Angst?«

»Erst das Geld. – Übrigens sind Sie ja auch noch hier.«

»Richtig. War das nicht …?« Er horcht nach dem Fenster. Draußen Trillerpfeifen, Gerenne, etwas wie das vielstimmige Brausen einer Menge. »Wissen Sie was, holen Sie sich Ihr Geld morgen.«

Tredup beharrt: »Nein. Jetzt.«

Und der Assessor, eilig: »Wir sind vermutlich die beiden einzigen Menschen im Bau. Woher soll ich Geld kriegen?«

Tredup schlägt vor: »Wenn wir zur Kasse gingen?«

Und der Assessor Meier: »Muß es sein?«

»Natürlich. Ohne Geld keine Bilder.«

»Also gehen wir.«

Er geht vorauf, klein, etwas schiefbeinig, plattfüßig, aber er geht. Auf den Gängen stehen alle Türen auf, von einem Stuhl sind eilig abgelegte Akten hinuntergeglitten. Mitten auf dem Gang liegt eine Puderquaste. Die Paternosteraufzüge bewegen sich gespenstisch.

Der Assessor zögert. »Nein, wir nehmen lieber die Treppe. Hat der Kerl eine Bombe gelegt, so sicher in den Fahrstuhlschacht. – Na, das ist auch Unsinn. Explodiert es, sind wir so und so hin. Kommen Sie man.«

Im Erdgeschoß, die Eisentür zur Kasse steht angelehnt. Sie treten ein. Der Assessor murmelt: »Toll ist das.«

Der große Kassenschrank steht ellenweit offen. Der fahrbare Kassentisch hinter der Schranke sperrt sein Gitter auf. Geldpakete häufen sich dort.

»Also bitte«, sagt der Assessor. »Bedienen Sie sich. Aber wenn Sie es möglich machen können, ein bißchen rasch.« Tredup blickt fragend. »Soll ich selbst …?«

Ungeduldig: »Ja, nur zu, Mann! Glauben Sie, ich bin ein Held?«

Und Tredup: »Wenn Sie gestatten, nehme ich es in Zehnmarkscheinen.«

Assessor Meier stöhnt: »Auch das noch!«

Und Tredup: »Es fällt beim Ausgeben weniger auf.«

»Stimmt. Falls Sie noch zum Ausgeben kommen.«

Tredup zählt ab, langsam und sorgfältig. Es geht nicht sehr rasch, aber schließlich ist er bei tausend.

»Aber nun kommen Sie auch, Mensch.«

»Wollen Sie keine Quittung?«

»Nein, kommen Sie schon.«

 

Das Regierungspräsidium ist von der Polizei abgeriegelt. An den Enden des Marktplatzes, fern, wogt die Menge.

Auf den Granitstufen der Freitreppe erscheinen nebeneinander zwei Gestalten und überschreiten langsam, unter dem atemlosen Schweigen der Menge, den Marktplatz.

Oberst Senkpiel tritt ihnen mit erhobener Uhr entgegen. »Was habe ich Ihnen gesagt, meine Herren? Zwölf Minuten! Kindischer Bluff!«

Assessor Meier schüttelt dem Annoncenakquisiteur der »Chronik« die Hand. »Es hat mich sehr gefreut. Wenn Sie mich einmal brauchen können, kommen Sie ruhig zu mir.«

Er hat seinen Chef erspäht und steuert auf ihn los.

Auch Tredup drängt sich in die Menge. Etwas fällt ihm ein. Er schiebt sich zurück, erreicht nach Verhandeln, daß er durch die Sperrkette gelassen wird.

Dort steht Assessor Meier, im Kreise von sechs, acht Herren. Tredup legt ihm die Hand auf die Schulter. »Entschuldigen Sie, Herr Assessor. Aber wir haben die Bilder ganz vergessen. Hier sind sie.«

Und der Regierungspräsident, entsetzt: »Aber, Herr Assessor, ich verstehe Sie einfach nicht! Wenn man nur einmal was nicht selbst macht …«

 

3

 

Auf der Straße von Stolpe nach Gramzow fährt durch den hellen Sommervormittag ein Motorrad. Georg Henning steuert es, der Vertreter aus Berlin in Melkmaschinen und Zentrifugen. Siebzig Kilometer Fahrt hat er darauf und die Aufgabe dazu, schneller zu sein als ein Telefongespräch, das in jeder Minute die Verhaftung des Gemeindevorstehers Reimers dem Landjäger in Haselhorst anbefehlen kann.

Aber er rechnet mit der Verwirrung in Stolpe, er hofft, rechtzeitig bei Reimers zu sein. Er ist immer rechtzeitig gewesen in solchen Fällen.

Die Straße hebt sich, senkt sich, hebt sich. Eine Kurve. Und wieder: auf – ab – auf. Knicks. Felder. Wiesen. Weiden. Ein paar Bäume. Eine Ecke Wald. Felder. Ein Dorf. Und wieder freie Fahrt.

Unklar denkt Henning: Das Leben läßt sich gut an. Ich fühle mich.

Haselhorst!

Er weiß nicht, in welchem Hause der Oberlandjäger wohnt, aber er hält scharf Ausschau nach dem Schild mit dem gerupften Geier. Vielleicht sieht er ihn. Alles ist still im Dorf, kaum ein Mensch zu sehen, auch der Bahnhof liegt ausgestorben.

Treffe ich den Gendarm auf seiner Tretkarre kurz vor Gramzow, rassele ich ihn einfach über den Haufen, denkt Henning. Franz Reimers muß Zeit haben, Sachen zu packen, sich mit Geld zu versorgen, Papiere zu zerreißen.

Etwas später: Sachen packen kann fortfallen. – Den Stuff muß ich am Abend unbedingt noch erwischen. – Und dann zur »Bauernschaft«. Die sind bis acht oder neun auf der Redaktion. Dann zum Thiel. Na, ihr werdet staunen heute nacht, ihr Stolper!

Die ersten Häuser Gramzows tauchen vor ihm auf. Im Vorbeisausen schaut er in die Hecken, in den Graben, ob dort noch Stroh hängt. Kaum noch etwas zu sehen. Helleres Gras ist nachgewachsen, wo das Strohfeuer sengte. Hier nahm es seinen Anfang. Wartet, ihr Bonzen, ich will euch schon …

Endlich der Hof. Er lehnt das Rad gegen das Stallgebäude, springt eilig die Stufen zum Haus empor. Im dunklen Vorraum prallt aufkreischend eine Magd zurück. »Sachte, Marie«, ruft er, faßt sie um und drückt ihr einen Kuß auf.

Dann klopft er kurz und tritt in die Stube des Bauern.

Es ist nicht mehr die Vorkriegsstube mit Mahagonimöbeln, Säulchen und Muschelaufsatz und einem spiegelgeschmückten Vertiko. Es ist das Bauernzimmer aus der Inflationszeit. Schwere, moderne Möbel mit unruhigen Maserungen, große Klubsessel, ein Ledersofa, ein Schreibtisch, eine Bibliothek, aus deren Mittelabteil ein Gewehrschrank wurde.

Der Bauer sitzt in seinem großen Schreibtischstuhl und raucht nach dem Mittagessen langsam seine Zigarre. Vor ihm steht Kaffee und Kognak.

Er grüßt: »Tag, Georg.«

»Tag, Franz. Ah, du hast Kaffee. Laß mir auch eine Tasse geben. Und wenn du noch Mittagessen hast …«

Der Bauer geht hinaus und sagt Bescheid. Die Tasse bringt er selbst mit. »Da. Misch dir, wie du magst.« Und während Henning die Mischung vollzieht: »Es läßt sich gut an, in diesem Jahr zur Heuernte.«

»Ach leck! Es läßt sich schlecht an in diesem Jahr mit dem Melkmaschinengeschäft. – Übrigens wirst du heute noch verhaftet.«

Der Bauer sieht auf seine Zigarre. »Wegen der Ochsen?«

»Ja, wegen der.«

»Also hat das Aas von der ›Chronik‹ doch Bilder gemacht?«

»Hat er«, bestätigt Henning.

»Man hätte mehr Geld bieten müssen.«

»Weiß ich. Aber auf Stottern hätt er die Bilder nicht verkauft.«

»Immer das Geld. Wir wären zehnmal weiter … na ja …«

Der Bauer geht auf und ab, auf und ab. Raucht. Die Magd kommt, stellt auf den Schreibtisch das Essen, verschwindet. Henning beginnt zu essen, langsam, mit Genuß. Einmal steht er auf, holt sich selbst aus der Küche Senf, man hört draußen die Mägde juchzen. Der Bauer geht auf und ab.

Schließlich ist Henning fertig, er gießt sich noch einen Kaffee ein, trinkt, brennt eine Zigarette an. »Willst du eigentlich nicht packen, Franz?«

»Nein.«

»Oder für Geld sorgen? Oder Papiere verbrennen?«

»Bei mir können die immer kommen.«

»Richtig.«

»Wieso weißt du es überhaupt, und wieso sind die noch nicht da?«

»Als ich heute nacht von dir fortfuhr, fing es wieder an zu bohren: Doch hat er Bilder. Gleich heute früh rief ich den Stuff an, der hatte den Tredup nicht gesehen.«

»Laß dich nicht mit dem Stuff ein.«

»Ich erzähle ihm schon nichts, was er nicht wissen darf. – Dann überlege ich mir: Wer kann die Bilder kaufen? Die Staatsanwaltschaft gibt kein Geld, die ladet einfach als Zeugen vor. Der rote Gareis von Altholm, der darf nicht so mit dem Geld, wie er möchte. Dem schauen die Bürgerlichen zu sehr auf die Finger. Bleibt der Wallach in Stolpe.

Ich nach Stolpe. Richtig, kurz nach zwölf kommen sie angerasselt. Weißt du, der hochnäsige Frerksen, der sich von der Klippschule zum Oberinspektor raufgeleckt hat. Und der Tredup. Der Tredup sieht mich noch, wie ich grade um die Ecke will.«

»Paß auf, daß du nicht verhaftet wirst.«

»Morgen sicher. Heute nacht steigt eine ganz große Sache. Aber morgen bin ich weg. – Ich warte fünf Minuten, dann klingele ich den Temborius an. Von so ’nem Automaten im Postamt. Erst sollte ich ihn nicht kriegen, aber dann sagte ich, sein Leben wäre bedroht, und da bekam ich ihn.«

»Und was sagtest du?«

»Machte gehorsamst Meldung, daß sein Bilderlieferant und sein Polizeikater gekommen seien, antichambrierten …«

»Und?«

»Und daß in fünf Minuten die Bude in die Luft fliegen würde. Du, ich sage dir, ich habe ihn schnaufen hören durch den Draht. Ich hab’s gerochen, wie sich seine Hosen füllten.«

»Und dann?«

»Na, als ich die Maschine zu dir startete, zog grade die gesamte Schupo aus.«

»Nicht schlecht. Aber es gibt wieder Krakeel in den Zeitungen, und du weißt, diese Art Krakeel wollen die Bauern nicht.«

»In den Zeitungen? Ich fresse einen Besen, daß in den Zeitungen höchstens fünf Zeilen davon stehen. Etwa so, daß sich ein Witzbold einen Scherz erlaubt hat … Oder nein, daß das Ganze nur eine Übung war für den Fall eines Falles …«

»Möglich. Aber nimm dich in acht, Georg, laß diese Dinger. Wir haben eine gute Sache, wir wollen keinen Klamauk.«

»Ihr nicht. Aber glaub’s schon, Franz, es geht nicht ganz ohne Klamauk.« Hastig, als der andere unterbrechen will: »Keiner von euch soll damit zu tun haben. Niemand soll etwas wissen. Ich mach es allein.«

Pause. Dann: »Und noch ein paar. Ganz allein funkt es nicht. Aber du wirst sie nie kennen.«

Der Bauer steht da. »Vielleicht hast du recht. Ich bitte dich nicht, ich hindere dich nicht. Aber …« – mit erhobener Stimme – »liegst du im Dreck, ich hebe dich nicht auf. Keiner von uns soll dir helfen. Es geht um die Sache.«

Henning sagt trocken: »Ich habe nie einen um Hilfe gebeten. Wenn einmal einer über mir lag, habe ich eben meine Dresche bezogen. Erledigt. – Wann türmst du?«

»Ich reiße nicht aus.«

»Du hast es bequem. Ich fahre dich mit meiner Karre nach Stolpermünde. Du fährst acht Wochen, ein Vierteljahr auf einem Fischkutter als Fischerknecht. Dann ist so viel geschehen, daß du zurückkommen kannst.«

»Aber ich darf nicht verschwinden. Die Bewegung braucht mich.«

»Nutzt du ihr im Kittchen?«

»Viel. Mehr vielleicht, als wenn ich draußen bin. Ich will dir etwas sagen: Mich verhaftet heute kein Landjäger. Heute kommt die Schupo selbst. Sorge, daß die Bauern Bescheid wissen. Telefoniere von den umliegenden Dörfern heran, was Beine hat. Sag den Sendboten Bescheid, daß sie es im Bezirk erfahren. O Georg, wenn sie mich fesseln würden, wenn sie mich in Ketten ins Auto schaffen würden! Einen Photographen her und Bilder in die nächste Ausgabe der ›Bauernschaft‹!«

»Du hast recht. Nach heute mittag kommt die Schupo selbst.«

Der Bauer denkt nach. »Ich werde hier im Zimmer sitzen und Gewehre putzen. Vielleicht schicken sie einen jungen Leutnant, der wird gleich wild, wenn er sieht: Andere haben auch Waffen. Die von der Schupo haben heute alle deswegen einen Fimmel. Wild müssen sie werden! Du weißt es nicht, wie schwer es ist, die Bauern in Gang zu bringen. Sie knirschen mit den Zähnen, wenn ihnen der Hof Stück bei Stück aus der Hand gewunden wird, aber sie ducken sich. Das ist die Obrigkeit, das liegt ihnen im Blute. Aber wenn so was kommt, dann wirkt es vielleicht doch …«

»Ob es wirkt!«

»Noch eins, Georg. Sprich heute mit dem Rehder aus Karolinenhorst, der wird mein Nachfolger in der Führung. Laß am Sonntag Burschen aus vier, fünf Dörfern durchs Land reiten, die den Rechtsbruch kundtun. Den Wortlaut setzt dir der Padberg von der ›Bauernschaft‹ auf. Sie sollen Things einberufen und eine große Protestversammlung nach Altholm. Vor dem Gefängnis müßt ihr demonstrieren. Ich werde euch hören in meiner Zelle.«

»Alles wird geschehen.«

»Und vergiß nicht, laß Geld sammeln. Wir brauchen Geld. Die ›Bauernschaft‹ muß zu einem Notopfer aufrufen. Ich muß den ersten Verteidiger von der Welt haben. Es muß ein politischer Prozeß werden.«

»Ich weiß einen. Ich werde in Berlin anfragen.«

»Den ersten! Georg, ich sage dir, wenn sie mit Schupo kommen, wenn sie mich in Ketten legen, wenn sie mich schlagen: Es wird der schönste Tag meines Lebens!«

 

4

 

Henning hat nur die Verhaftung von Reimers abgewartet. Dann ist er nach Altholm gefahren, um Stuff zu sprechen.

Als er dort ankommt, ist es dunkel geworden, aber er findet Stuff rasch. Altholm hat vierzig bis fünfzig Kneipen, in einer von ihnen wird Stuff schon sitzen. Er findet ihn in der dritten.

Stuff ist trübe und wortkarg. Henning hat ihm von Tredup erzählt, aber Stuff scheint heute nichts zu stören. Er trinkt hastig, und Henning hat das Gefühl, als höre er nicht recht zu. Die Ereignisse in Stolpe quittiert er nur mit den Worten: »Fauler Witz!« Er fragt ungeduldig: »Sonst noch was?«

Henning beginnt neu. Erzählt von der Verhaftung von Reimers. »Ich habe nicht selbst dabeisein dürfen, ich sollte mich nicht sehen lassen, aber ich habe vom Knick aus beobachtet, hinterher die Leute befragt und die Frau Reimers.«

»Na, was war das schon groß! Eine gewöhnliche Verhaftung! Und zu Recht.«

»Erlauben Sie mal: zu Recht! Besteht denn Fluchtverdacht?«

»Verdunklungsgefahr.«

»Wo die Bilder vorliegen. Was ist denn da zu verdunkeln? – Aber egal.« Henning lenkt ein. »Wozu sollen wir uns streiten? – Kurz nach sechs kamen sie, zwei von der Kriminalpolizei und ein Lastauto mit Schupo. Solch ein Aufgebot! Die Regierung macht sich ja lächerlich. Um einen Mann. Na, ich hatte vorgesorgt. Die Dorfstraße war gleich voll von Leuten. Und immerzu kamen noch frische.«

»Also nicht um einen Mann.«

»Aber ich bitte Sie! Das sind doch friedliche Bauern. Die sehen zu, da hebt nicht einer die Hand. – Die Schupos zogen eine Kette um den Hof. Ein halb Dutzend gingen in das Haus, mit dem Offizier und der Schmiere.«

»Welcher Offizier?«

»Ja, denken Sie, wir hatten gehofft, es würde ein Leutnant kommen. Da war es Oberst Senkpiel selbst. – Das andere weiß ich von der Frau und den Leuten. Die kommen ins Zimmer, da steht Franz, der Reimers, am Tisch und hat ein Gewehr in der Hand. Und fünf Gewehre liegen vor ihm auf dem Tisch. Es fuhr ihnen nicht schlecht in die Knochen. Die jungen Kerls griffen gleich nach ihrer Kanone, und die Krimpo nahm Deckung hinter dem Ofen.«

»Keiner läßt sich gern die Knochen zerschießen.«

»Sechs gegen einen!«

»Ändert das was? – Und?«

»Der Oberst blieb ruhig. Er machte einen Witz und setzte sich in den Sessel. Reimers nahm ihm den Sessel weg, weil er ihn nicht zum Sitzen gebeten hatte, und verlangte, alle hätten die Hüte und Mützen abzunehmen in seinem Zimmer.«

»So ein Quatsch. Soldaten und Mützen abnehmen!«

»Grade darum. – Na, der Oberst wurde auch so langsam warm, und die Krimpos wollten erst einmal den Waffenschein für die vielen Waffen sehen. Der Reimers sagt: ›Den hat der Franz.‹

›Wer ist der Franz?‹ fragen die.

›Das ist mein Sekretär‹, antwortet Reimers.

Er soll ihn rufen. Aber er kann ihn nur selber holen. Das wollen sie nicht, haben Angst, daß er türmt, sie wollen ihn holen.

Wo der Franz ...

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