Logo weiterlesen.de
Bange Herzen im Herrenhaus

Margaret Way

Bange Herzen im Herrenhaus

1. KAPITEL

Eine Stunde vor Brisbane trieben von Osten dunkle, von grellen Blitzen durchzuckte Wolken heran, die sich zu einem riesigen Ungetüm zusammenballten. Für Garrick Rylance, den erfahrenen Piloten, war es ein vertrautes Bild, das er immer wieder fasziniert beobachtete. Die aufgetürmten, regenprallen Wolkenmassen, aus denen die grandiosen Lichterscheinungen in die Stratosphäre hinaufschnellten, waren aber nach wie vor ein furchterregendes Schauspiel für ihn. Ungeahnte Kräfte konnten sein leichtes Flugzeug erfassen – es herumschleudern, abstürzen oder gnädig passieren lassen.

An diesem Nachmittag war das Himmelsfeuerwerk nicht stark genug, um gefährlich zu werden, trotzdem kam es ihm nicht gelegen. Kritisches Wetter machte jeden Piloten nervös, und das konnte er sich gerade jetzt nicht leisten. Die Nase der „Beech Baron“ tauchte in den dichten Nebel ein. Wie ein schweres, feuchtes Tuch legte er sich um die kleine Maschine. Blendend helle Blitze zerteilten das Grau und schossen wie Leuchtraketen über die Tragflächen hinweg.

Nach einigen herzhaften Flüchen ließ Garricks Anspannung jedoch spürbar nach. Sein Kopf war wieder klar, und die Hände lagen ruhig auf dem Steuer. Ein guter Pilot musste abwarten können, sonst verlor er die Übersicht. Garrick besaß diese Fähigkeit. Er hatte seinen Pilotenschein vor vielen Jahren gemacht, unmittelbar nach seiner Volljährigkeit. Sein Vater war unheimlich stolz gewesen und hatte ihm anerkennend auf die Schulter geklopft.

„Du bist ein Naturtalent, Garrick. Alles gelingt dir wie von selbst. Mit so einem Jungen kann sich keiner messen.“

Garrick war überzeugt, diese Coolness nur geerbt zu haben. Sein Vater, Daniel Rylance, war in allem sein Vorbild gewesen, auch was das Fliegen betraf. Trotzdem gehörte er nicht zu den waghalsigen Menschen. Er ging ernsthaft an die Dinge heran, und Fliegen konnte höchstes Vergnügen, aber auch den Tod bringen. Das vergaß er niemals. Keinen Augenblick, denn es gab im Outback immer wieder Unfälle. Dieses Dröhnen der Motoren auf der Rollbahn und dann das adlergleiche Aufsteigen in den weiten blauen Himmel, wo nur noch Wolken seine Begleiter waren – welch ein Freiheitsgefühl! Es erregte ihn und schenkte ihm gleichzeitig wundersamen Frieden.

Im Lauf der Jahre hatte er mehr als eine gefährliche Situation bewältigen müssen. Heute meinte es das Wetter allerdings noch vergleichsweise gut mit ihm, doch weiter oben im Norden konnte es wirklich brenzlig werden. Zum Beispiel am Top End, über den heißen, feuchten Steppen während der Regenzeit!

Alles in allem hatte Garrick eine ziemlich turbulente Reise hinter sich. Gleich zu Beginn hatte er sich bereit erklärt, einen Arbeiter der benachbarten Ranch ins Krankenhaus zu transportieren, weil dort kein Flugzeug zur Verfügung stand. Nicht alle Rancher waren so wohlhabend wie die Rylances, die nicht nur über „Coorango“, sondern auch über „Rylance Enterprises“ herrschten – ein weltweit verzweigtes Industrieunternehmen. Garrick hatte mit seiner Maschine auf einer asphaltierten Straße landen müssen, die irgendwo im Nichts endete. Eine heikle Situation, wenn man an die schmale Piste und an die vielen Kängurus in der Region dachte, die durch Geräusche leicht zu erschrecken waren, zumal eine niedergehende „Beech Baron“ geradezu Höllenlärm verbreitete. Dabei geriet jede Herde in Panik. Die Tiere sprangen dann wild umher und bildeten eine ständige Gefahrenquelle. Manche warfen sich flach hin, als hätten sie Gelenkstarre, und schienen mit großen dunklen Augen zu flehen: Bitte tu mir nichts. Kängurus gehörten eben nicht zu den verständigen Kreaturen.

Zum Glück war die behelfsmäßige Landebahn nicht zu kurz gewesen, denn die Straße führte endlos weiter, quer durch eine rote Landschaft mit weiten Flächen von verdorrtem falbfarbenem Spinifex-Gras, verkrüppelten Büschen mit gezackten Zweigen und unzähligen ausgetrockneten Flussläufen, in denen die Aborigines lagerten. Nur selten gab es ein Leben spendendes Wasserloch, in dem sich das goldene Sonnenlicht spiegelte.

Sand. Spinifex. Tracks mit „Bull dust“-Löchern. Sie bestimmten das Rote Zentrum des Landes.

Der arme Patient, grau im Gesicht und schweißüberströmt, hatte furchtbare Schmerzen ausgestanden, aber tapfer die Zähne zusammengebissen und nicht geklagt. Die laienhafte Diagnose lautete Nieren- oder Gallensteine. Der Ranchbesitzer und zwei seiner Männer hatten den Kranken im Pick-up zur Straße transportiert und auf einer Trage in die „Beech Baron“ umgeladen. Jetzt musste Garrick ihn nur noch zum nächsten Standort des „Royal Flying Doctor Service“ bringen, wo wegen unerwartet vieler Entbindungen und mehrerer ernsthafter Unfälle gerade Hochbetrieb herrschte. Einem Mann war die Schulter von einem Stier mit dem Horn durchbohrt worden. Das gereizte Tier hatte ihn an den Lattenzaun genagelt und dort über zehn Minuten festgehalten.

Der Auftritt als barmherziger Samariter hatte Garrick in seinem Zeitplan um Stunden zurückgeworfen. Als er endlich in Brisbane landete, flaute das Unwetter langsam ab. Blasse Sonnenstrahlen brachen durch die dichten Wolkenmassen und trieben sie auseinander. Der Himmel färbte sich noch einmal tiefblau, denn es war kurz vor Sonnenuntergang. Nach dem prächtigen Farbenspiel würde die Welt sofort in schwarzer Nacht versinken, denn in den Tropen dunkelte es überraschend schnell.

Garrick landete so weich wie ein Brolgakranich auf dem Wasser und parkte die Maschine hinter einem „Gulfstream Jet“. Irgendwann würde er sich auch so ein Luxusmodell zulegen. Nachdem er alle Funktionen noch einmal überprüft hatte, stieg er aus und ging über das betonierte Vorfeld zu einer Limousine, neben der ein Chauffeur wartete, der ihn zu der Rylance-Villa bringen sollte, die in einem großen Garten am Brisbane River lag.

„Guten Flug gehabt, Mr Rylance?“, fragte der Fahrer, indem er mit zwei Fingern seine fesche graue Mütze berührte.

„Ich habe schon bessere erlebt.“ Garrick verstaute das einzige Gepäckstück, das er mitgebracht hatte, mühelos im Kofferraum. Auf die Hilfe des Chauffeurs konnte er, weiß Gott, verzichten.

Sobald sie unterwegs waren, begann er eine belanglose Unterhaltung. Er war gekommen, um bei der Hochzeit seines Cousins Corin, die in zwei Tagen stattfinden sollte, Brautführer zu sein. Nach den traumatischen Wochen, die dem Tod von Corins und Zaras Vater und ihrer Stiefmutter gefolgt waren, stand ein ganz großes Ereignis bevor. Dalton und Leila Rylance waren bei einem Flugzeugabsturz in China ums Leben gekommen – ein Unfall, der ganz Australien aufgestört hatte. Dalton war Herrscher über ein riesiges Wirtschaftsimperium gewesen, an dessen Spitze jetzt Corin stand. Er musste die Rolle annehmen, ob er wollte oder nicht. Zur Belohnung dafür durfte er jetzt Miranda Thornton, die große Liebe seines Lebens, heiraten.

Garrick hatte die zierliche Frau mit den silberblonden Haaren und den auffallend türkisblauen Augen bei Daltons und Leilas Beerdigung kennengelernt. Sie war ihm auf den ersten Blick sympathisch gewesen, nicht nur wegen ihrer aparten Schönheit, sondern auch wegen ihrer Intelligenz. Sie wollte Ärztin werden, und ihre Art, mit Menschen umzugehen, prädestinierte sie für diesen Beruf. Corin konnte von Glück sagen, aber er verdiente es auch. Er hatte es im Leben nicht leicht gehabt – ebenso wenig wie seine Schwester Zara. Der frühe Tod ihrer Mutter – der allseits verehrten ersten Mrs Rylance – hatte beide Geschwister schwer getroffen.

Die zweite Mrs Rylance hatte diese Achtung nicht genossen, wenigstens nicht bei Garricks Mutter. Er selbst hatte sich von Leilas Charme und ihrer scheinbaren Warmherzigkeit einfangen lassen. Möglich, dass sie mit ihren viel gerühmten Verführungskünsten bei ihm etwas übertrieben hatte!

„Du bist ein reicher, gut aussehender junger Mann, mein Lieber.“ Garrick meinte noch, die strenge Stimme seiner Mutter zu hören. „Dafür haben Frauen wie Leila den richtigen Blick.“

Wie auch immer, Leila Rylance war eine ungewöhnlich attraktive Frau gewesen und hatte den arroganten, selbstherrlichen Dalton glücklich gemacht. Die Tragödie hatte trotzdem ihren Lauf genommen. Auch die Superreichen blieben nicht vom Leid verschont.

Dalton und Garricks Vater Daniel waren Cousins zweiten Grades. Daniels Familie hatte ihr Geld mit Schaf- und Rinderzucht gemacht. Leider war der tatkräftige, allseits beliebte und geachtete Daniel seit einigen Jahren an den Rollstuhl gefesselt. Er war einem „Jackeroo“ – so nannte man die Neulinge bei der Rancharbeit – zu Hilfe geeilt, dabei vom Pferd gestürzt und am Rückgrat verletzt worden. Seitdem siechte er immer mehr dahin.

Daniel und Dalton hatten sich nie besonders nahegestanden. Dalton erweckte keine Zuneigung, geschweige denn Liebe. Er hatte nur als Geschäftsmann etwas dargestellt, als übermächtige Leitfigur und Pionier der landeseigenen Metallindustrie.

Von Dalton wanderten Garricks Gedanken zu Zara, was häufiger geschah, als ihm lieb war. Sie trug die Schuld an seinen ausgestandenen seelischen Qualen. Sie hatten sich einmal leidenschaftlich geliebt – nein, er hatte Zara leidenschaftlich geliebt. Für sie war dagegen alles nur ein Spiel gewesen. Ihm hatte sie alles bedeutet. In ihren Armen zu liegen hieß, die Welt um sich her zu vergessen. Er hätte ihr jedes Opfer gebracht, wenn er vom Verzicht auf sein Erbe einmal absah.

Ihr chauvinistischer Vater hatte nur eins von ihr verlangt: gut auszusehen, den Sohn einer anderen Gelddynastie zu heiraten und für neue Nachkommen zu sorgen. Geschäftssinn sprach er Frauen grundsätzlich ab.

„Große Unternehmen können nur von Männern geleitet werden.“

Entsprechend diesem Grundsatz war „Rylance Metals“ ein von Männern dominiertes Unternehmen. Das traf zwar auch auf „Rylance Enterprises“ zu, aber dort änderte sich jetzt manches. Garricks Mutter saß inzwischen im Vorstand und nahm aktiv am Geschäftsleben teil. Sie hatte die Berufung von zwei weiteren kompetenten Frauen durchgesetzt, die sich ausgezeichnet bewährten. Helen Rylance war eine Frau von Format und dazu eine große Menschenkennerin. Warum sie sich in Zara so geirrt hatte, würde ihm immer unverständlich bleiben.

Seine so wunderschöne Zara. Sein dunkler Engel. Sein ewiger Traum.

Sie war zwei Jahre jünger als er und trotz ihrer achtundzwanzig Jahre immer noch ungebunden. Bei einer hübschen Person wie ihr, die dazu noch ein bedeutendes Erbe erwartete, war das mehr als ungewöhnlich. Natürlich standen die Verehrer seit Jahren bei ihr Schlange, aber Zara ging ihren eigenen Weg. Statt die verwöhnte, reiche Tochter zu spielen, strebte sie eine Karriere in der Finanzwelt an. Sie hatte die Aufgeschlossenheit für geschäftliche Unternehmungen der Rylances geerbt, doch das beeindruckte ihren Vater nicht. Ein Platz bei „Rylance Metals“ blieb ihr versagt, obwohl sie ein Diplom in Betriebswirtschaft besaß. Dalton hatte sie nur studieren lassen, weil sie lernen sollte, mit ihrem zukünftigen Erbe richtig umzugehen.

Seit Jahren lebte und arbeitete Zara in London, wo es vor einiger Zeit zu einem üblen Skandal gekommen war. Außer Zara war ein gewisser Konrad Hartmann, ein berüchtigter deutscher Geschäftsmann, darin verwickelt, der in großem Stil Gelder unterschlagen haben sollte. Inzwischen wartete er auf seinen Prozess, was ihn kaltließ, da er reich genug war, um sich auch im Gefängnis genügend Vorteile zu verschaffen.

Die Londoner Klatschpresse hatte Zara schonungslos als Hartmanns „schöne, junge australische Geliebte“ bezeichnet, woraus rasch seine Komplizin geworden war, denn sie galt nicht nur als wohlhabende Erbin, sondern auch als Finanzgenie. Warum hatte sie nichts gewusst oder zumindest geahnt? Das war mehr als verdächtig und für die Medien Anlass genug, bis an die Grenze der Verleumdung zu gehen.

Garrick empfand keine Genugtuung bei dem Gedanken, dass Zara so übel mitgespielt worden war. Obwohl sie gleich zu Beginn jede ernsthaftere Beziehung zu Hartmann abgestritten hatte, stand ihr Name jetzt für eine leichtsinnige Liebesaffäre mit einem milliardenschweren Gentleman-Gauner. Die Wahrheit kannten allein Zara und Hartmann. Garrick wusste nur eins: dass er niemals vergessen würde, wie tief sie ihn verletzt hatte.

Sicher würde sein Blut bei ihrem Anblick schneller pulsieren. Die Augen würden ihm übergehen, aber ein gebrochenes Herz war nur schwer zu heilen. Extreme Gefühle schlugen häufig in ihr Gegenteil um. Dann verwandelte sich Kummer in Hass. Leider gelang es ihm nicht, Zara zu verachten. Er konnte nur verhindern, dass sie jemals wieder eine Schwachstelle in seiner Rüstung entdeckte.

Anfangs hatte er geschwankt, ob er Corins Einladung zur Hochzeit annehmen sollte. Da Zara erste Brautjungfer war, ging er als Brautführer ein beträchtliches Risiko ein. Doch am Ende hatte er beschlossen, Corin nicht zu enttäuschen, zumal er nur die halbe Geschichte von Zaras Verrat kannte. Mehr würde er auch nicht erfahren. Alles andere blieb sein und ihr Geheimnis. Sie würden gemeinsam an der Hochzeitstafel sitzen und ein Bild trauter Familienharmonie abgeben.

Irgendwie war Garricks Leben nach der Trennung von Zara weitergegangen. Einmal hatte er sogar versucht, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen, und sich mit Sally Forbes verlobt. Die Forbes’ waren alteingesessene Rancher und enge Freunde der Rylances. Er kannte Sally seit Ewigkeiten, und niemand hätte besser zu ihm passen können. Sie kam aus dem Outback, ritt meisterhaft, besaß enorme Energie und war ausgesprochen anziehend. Zu dem glänzenden nussbraunen Haar und den lustigen braunen Augen kamen noch eine gute Erziehung und ein lebhaftes, zutrauliches Wesen hinzu.

Man hatte Sally frühzeitig beigebracht, dass sie einmal Herrin auf einer großen Ranch sein würde. Einer Ranch wie Coorango. Es hätte klappen können, wenn Garrick nicht durch seine Erinnerungen an Zara blockiert gewesen wäre. Schließlich hatten sie sich freundschaftlich getrennt. Sally hatte einen gemeinsamen Freund geheiratet – aus Trotz, wie viele glaubten. Garrick hoffte, dass es nicht so war. Er mochte Nick Draper, und beide schienen zusammen glücklich zu sein.

Waren seitdem wirklich fünf Jahre vergangen? Zara hatte versucht, die tiefe Kluft zwischen ihnen zu überbrücken, und ihm Briefe geschrieben. Er war in großer Versuchung gewesen, sie zu lesen. Immer wieder hatte er sie in die Hand genommen und dann doch nicht geöffnet. Es wäre ihm wie Verrat an sich selbst erschienen. Über der Lektüre hätte er alle Selbstachtung verloren.

Anfangs hatten die Umschläge mit ihrem Inhalt als dickes Bündel in seiner Schreibtischschublade gelegen, dann hatte er sich entschlossen, sie zu verbrennen. Feuer erschien ihm passender als der Schredder.

Die Vergangenheit war in Rauch aufgegangen. Schade, dass er seine Erinnerungen nicht genauso loswerden konnte.

2. KAPITEL

Die im Mittelmeerstil erbaute Rylance-Villa war von beeindruckender Größe. Sie lag am Ende einer Sackgasse, die Nachbargrundstücke rechts und links waren mit gleich prächtigen Häusern bebaut. Der zwei Hektar große Garten grenzte direkt an den breiten, tiefen Brisbane River. Im Frühling und Sommer neigten sich üppig blühende Zweige über das Ufer, aber zu anderen Zeiten konnte der Fluss auch gefährlich werden.

Als Junge hatte Garrick das Anwesen zum ersten Mal betreten. Mit zehn Jahren wurden Kinder aus dem Outback, deren Eltern sich das leisten konnten, aufs Internat geschickt, um dort die bestmögliche Ausbildung zu erhalten. Das war Tradition. Garrick und Corin waren schon kurz nach der Geburt in demselben prestigeträchtigen Jungeninternat angemeldet worden, das auch ihre Väter und Großväter besucht hatten. Dadurch war eine besondere Bindung zwischen ihnen entstanden.

Zara war ihm wie eine Märchenprinzessin erschienen, denn sie trug weiße, mit Stickerei verzierte Kleider, wie er sie noch nie gesehen hatte. Ihr langes dunkles Haar wurde mit einem blauen Seidenband zurückgehalten, aber nur so weit, dass es ihr noch breit über Rücken und Schultern fiel. Seine Schwester Julianne, die damals sechs Jahre alt war, wurde nie so betont weiblich angezogen. Sie trug T-Shirts und Shorts oder Jeans, wie alle Ranchkinder, und sah mit ihrem dunklen Lockenkopf fast wie ein Junge aus.

Schon damals hatte Zara ihn unwiderstehlich angezogen und eine rätselhafte magische Kraft auf ihn ausgeübt. Heute glaubte er, dass sie schon früh alle Mittel eingesetzt hatte, um ihn über ihren wahren Charakter zu täuschen. Das Leben im Outback war aufregend und gefährlich genug, doch die Begegnung mit der kleinen Zara Rylance hatte zum ersten Mal Glanz in sein junges Leben gebracht.

„Das ist Zara, Garrick … meine süße kleine Tochter.“

Kathryn Rylance hatte sie miteinander bekannt gemacht und vermutlich über sein haltloses Erstaunen gelächelt. Zara selbst hatte ihm gefasst und anmutig die Hand gereicht. Wie zierlich war sie ihm erschienen. Wie erwachsen!

Natürlich hatte sie die vollendeten Manieren von ihrer Mutter gelernt, einer Frau mit Grazie und vollendeter Eleganz. Wer hätte damals ahnen können, dass sie wenige Jahre später nicht mehr am Leben sein würde? Sie hatte die Gewalt über das Steuer ihres hochtourigen Sportwagens verloren und war durch ein Brückengeländer in den Tod gestürzt. Welch ein Schock für die Familie! Garrick erinnerte sich noch an den Ausbruch seiner Mutter, als Dalton kurz darauf wieder geheiratet hatte.

„Sie ist jung genug, um seine Tochter zu sein, Daniel. Einfach unglaublich!“ Ihre blauen Augen, die sie ihrem Sohn vererbt hatte, blitzten vor Empörung. „Was soll jetzt aus den mutterlosen Kindern werden? Der kaltherzige Dalton wird sie kaum über den Verlust hinwegtrösten. Die kleine Zara wird am meisten leiden … glaub mir, Daniel. Hörst du überhaupt zu? Sie wird Dalton und die neue Mrs Rylance durch ihre Ähnlichkeit immer an Kathryn erinnern. Ich weiß, du hörst es nicht gern, aber ich glaube immer noch, dass unsere liebe Kathy so verzweifelt war …“

Helen Rylance war so unvermittelt verstummt, als wäre sie über ihre eigenen Worte erschrocken. Garrick, der an der Tür gehorcht hatte, war von seinem Vater entdeckt und hereingewinkt worden.

„Schon gut, Garrick. Komm nur herein.“

Wie gespannt war er gewesen, auch noch den Rest zu erfahren! Jeder wusste, was seine Mutter von Leila Rylance hielt, denn sie sprach ihre Meinung offen aus. Sie hatte mit Kathryn ihre beste Freundin verloren, und all ihre Sympathie galt jetzt Zara.

Die handgetriebenen Bronzegitter öffneten und schlossen sich automatisch, sobald die Fernbedienung betätigt wurde. Zu beiden Seiten der breiten Auffahrt standen mächtige Kubanische Königspalmen, darunter wuchsen in lang gestreckten Beeten leuchtende Bromelien und bildeten eine farbenprächtige Allee, die auf den runden Vorplatz mündete. Rechts und links davon breiteten sich gepflegte Rasenflächen aus, deren sattes Grün jeden Bewohner aus dem Outback überraschen musste.

Näher zum Haus lagen die mit Buchsbaum eingefassten Rosenrabatten, die Garrick noch in Erinnerung hatte. Hier herrschte die Königin der Blumen ohne Konkurrenz. Jetzt, im Frühsommer, standen alle Sorten in voller Blüte. Jedes Beet war einer besonderen Farbe gewidmet. Alle Rosé- und Rottöne kamen vor, dazu Weiß, Gelb und Orange in feinsten Abstufungen. Über allem lag eine Atmosphäre von Ruhe und Frieden.

Kathryn Rylance hatte diesen Pflanzen immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie hatte eng mit dem Chefgärtner, einem Engländer namens Joshua Morris, zusammengearbeitet und die Anlage ständig erweitert. Joshua kannte sich mit Rosen bestens aus und verehrte seine Arbeitgeberin. Niemand wunderte sich, als er sofort nach Kathryns Tod kündigte und den Garten sich selbst überließ.

Garrick hatte seine Müdigkeit inzwischen überwunden und spürte eine wachsende Anspannung. Würde er Zara hier antreffen? Sie besaß ein eigenes Apartment, aber so kurz vor der Hochzeit zog sie die Villa womöglich vor. Platz genug war dort jedenfalls vorhanden. Man hätte eine ganze Armee darin unterbringen können.

Corin hatte ihm gestanden, dass er mit dem Gedanken spiele, das ganze Anwesen zu verkaufen. Es waren für ihn zu viele Erinnerungen damit verbunden. Allerdings würde er trotz seiner finanziellen Möglichkeiten Mühe haben, ein ähnlich wertvolles Grundstück mit Blick auf den Fluss zu finden. Allein das Gebäude musste Millionen wert sein, und Dalton hatte bestimmt für modernste Sicherheitsvorkehrungen gesorgt. Die Entscheidung lag bei Corin. Ob Miranda gewillt war, in das traditionsreiche Haus einzuziehen, blieb abzuwarten. Als Corins Frau würde sie eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen. Angehende Ärztinnen heirateten normalerweise keine Milliardäre, wenngleich Miranda durchaus in der Lage wäre, den unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden.

Garrick ahnte, dass Zara ihm die Tür öffnen würde. Der schmerzhafte Druck auf seiner Brust verriet es ihm.

„Hallo, Garrick.“ Zara war das Ebenbild ihrer schönen Mutter. Ihr zaghaftes Lächeln verriet, wie nervös sie war. Nur in den warm blickenden dunklen Augen lag noch der Zauber von einst.

Wie weh es tat, sie nur anzusehen! War sie sich dessen überhaupt bewusst? Plötzlich war alles wieder wie früher, nur die Erkenntnis, vergeblich geliebt zu haben, kam ihm mit einem Mal.

Inzwischen war er älter und klüger geworden. Der Schmerz hatte sich in eiserne Entschlossenheit verwandelt. Garrick merkte es selber nicht, aber seine Ausstrahlung war entschieden sexfeindlich.

„Hallo, Zara. Ich habe schon überlegt, ob du da sein würdest.“

Das klang so kühl, dass sie errötete. „Du musst mir nicht um den Hals fallen, Rick.“

„Das könnte ich auch gar nicht.“ Garrick verzog keine Miene. Nur sein Herz schlug viel zu schnell. „Du hast es mir abgewöhnt. Darf ich hereinkommen?“

„Natürlich.“ Zara errötete noch mehr und trat zur Seite. Sie besaß eine gertenschlanke, biegsame Figur und hatte das schwarze Haar zu einem kunstvollen Nackenknoten zusammengefasst, sodass ihr schlanker Hals und die zierlichen Ohren voll zur ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bange Herzen im Herrenhaus" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen