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Ball der Träume

1. Kapitel

 

Was für ein Tag! Bis jetzt hatte er schon zwei Lieferanten gefeuert, die ihn versetzt hatten, hatte seinem EDV-Fachmann die Hölle heiß gemacht, weil er das neue Softwareprogramm immer noch nicht geliefert hatte, und hatte sich mit seinem Geschäftsführer gestritten, der jedem Angestellten der Firma einen Weihnachtsbonus zukommen lassen wollte. Einen Weihnachtsbonus, der so hoch war, dass man davon bequem ein ganzes Dritte-Welt-Land hätte ernähren können.

Nicht einmal elf Uhr, und er hatte schon an allen Fronten Krieg geführt.

Nicht einmal elf Uhr, und es sah ganz so aus, als würde dies ein perfekter Tag.

Damien lehnte sich in seinem ledernen Bürosessel zurück, verschränkte die Hände hinter dem Nacken, legte die Füße auf den Schreibtisch und atmete tief durch. Das Bürogebäude seiner Firma stand in der Collins Street, und das große Panoramafenster bot einen fantastischen Blick auf die Skyline von Melbourne. Damien schloss die Augen und ging im Geist noch einmal die turbulenten Ereignisse des Morgens durch.

Er galt als schwierig, skrupellos und als ein Mann, den man fürchten musste. Damien DeLuca wurde allgemein als der härteste Konzernchef südlich des Äquators angesehen. Offensichtlich hatte er heute wieder einmal alles getan, um diesen Ruf zu verdienen.

Das war ihm nur recht. Ja, er war sogar stolz darauf. Schließlich hatte es Jahre gedauert, dieses Image aufzubauen. Als jüngster Sohn einer italienischen Einwandererfamilie gehörte er in Australien zur ersten Generation. Seine Eltern waren vor über fünfunddreißig Jahren hierher gekommen, um ihr Glück zu machen. Er hatte sehr hart arbeiten müssen, um sich seinen Platz in der Geschäftswelt zu erobern, und ganz unten angefangen. Als Junge hatte er seinen Eltern in ihrem Gemüseladen geholfen, danach mit Hilfe eines Stipendiums eine der besten Universitäten des Landes besucht und sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen – mit einem Diplom als Betriebswirt und als Managementexperte. Dann hatte er die Wahl unter vielen Angeboten gehabt.

Nach einem kurzen Gastspiel in einem größeren Konzern hatte er nach nur zwei Jahren seine eigene Firma für Softwareentwicklung gegründet. Schon bald waren sie zu einer ernsthaften Konkurrenz auf diesem Sektor geworden.

Nach weiteren zwei Jahren hatte er zwei seiner Konkurrenzfirmen übernommen und galt seitdem in der ganzen Branche als innovativer Unternehmer. Seine Firma wurde als Erfolgsmodell angesehen, das viele zu kopieren versuchten. Aber eigentlich war sein Erfolg kein Geheimnis. Er hatte Delucatek nicht dadurch groß gemacht, dass er zu allen nett war. Er hatte sein Ziel dadurch erreicht, dass er höchste Ansprüche an seine Mitarbeiter und an sich selbst stellte.

Und er hatte alles aus eigener Kraft erreicht. Damien hatte keine Zeit für Partner, es lag ihm nicht, die Kontrolle mit jemand anderem zu teilen. Er war der Boss, nicht mehr und nicht weniger. So lebte er sein Leben, geschäftlich wie privat. Die Frauen, mit denen er sich für kurze Zeit einließ, mussten das akzeptieren, selbst wenn manche von ihnen glaubten, ihn ändern zu können. Aber in dieser Hinsicht sahen sie sich getäuscht. Er brauchte sie nicht.

Damien DeLuca brauchte niemanden.

Er schwang die Füße vom Schreibtisch, blickte auf seine Rolex und runzelte die Stirn. Enid Crowley, seine Assistentin, sollte nach ihrer Pause jeden Moment mit einem Kaffee für ihn erscheinen. Und sein Geschäftsführer Sam Morgan kam zu spät, um ihm die internationale Marketingkampagne für ihr neues Softwareprodukt zu präsentieren.

Viel zu spät!

Ärgerlich stand Damien auf. Was fiel Sam nur ein? Er brauchte schließlich seine Zustimmung für die Kampagne, die mehrere hunderttausend Dollar kostete. War ihm die Sache nicht wichtig genug, um wenigstens pünktlich zu erscheinen? Das war kein gutes Zeichen für die Kampagne.

Noch weniger war es ein gutes Zeichen für Sam.

 

Was für ein Tag! Das brauchte sie nicht. Nicht heute!

Eve Summers drückte die Mappe mit den Unterlagen für die Kampagne an sich und versuchte, die Tränen zurückzudrängen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ausgerechnet heute war sie mit einer schwierigen Aufgabe betraut worden, die sie mit der Konzernspitze konfrontieren würde.

Ausgerechnet heute musste Sam eine Erkältung bekommen!

Normalerweise hätte sie sich sehr über die Gelegenheit gefreut, dem gefürchteten Boss ihre Vorschläge präsentieren zu können. Schließlich war dies eine große Chance. Seit über drei Monaten arbeitete sie in dieser Firma, kannte Sam, ihren Vorgesetzten, und wusste, dass er oft nichts dabei fand, die Verdienste seiner Mitarbeiter als die eigenen auszugeben.

Die Kampagne zu planen hatte ihr Spaß gemacht, und sie war mit dem Ergebnis zufrieden. Was konnte also hilfreicher für sie sein, als dem Mann, der ihr berufliches Schicksal in der Hand hatte, ihre Vorschläge zu unterbreiten? Unter normalen Umständen wäre sie über eine solch einmalige Gelegenheit entzückt gewesen.

Unter normalen Umständen –

Aber dies sind nun einmal keine normalen Umstände.

Heute gab es Wichtigeres für sie. Immer wieder gingen ihr zwei Sätze durch den Kopf. Sie wiederholte sie wie ein Mantra.

"Es tut uns sehr Leid, aber aus rechtlichen Gründen können wir Ihnen nicht helfen. Wenn Sie verheiratet wären –"

Wenn ich verheiratet wäre! Das sollte wohl ein Witz sein. Bryce hatte all ihre Hoffnungen in dieser Hinsicht zunichte gemacht, als er sie vor zwei Monaten verlassen hatte. Eine Woche vor ihrer Hochzeit! Wenn sie verheiratet gewesen wäre, hätte sie die Klinik für künstliche Befruchtung gar nicht erst aufsuchen müssen. Dann wäre sie nämlich wahrscheinlich bereits schwanger.

Aber sie war nicht verheiratet, und es sah auch nicht so aus, als würde es in nächster Zeit dazu kommen.

Es gab keinen Mann in ihrem Leben. Und keine Aussicht darauf. Im Moment hätte sie nur durch die Bars ziehen und einen Samenspender suchen können. Keine schöne Perspektive. War es das wert? Musste sie sich in solche Niederungen begeben, nur um das Versprechen einzulösen, das sie ihrer todkranken Mutter gegeben hatte? Eve bezweifelte es.

Erneut musste sie an das schmerzverzerrte Gesicht ihrer Mutter denken. Die Krankheit war ihr inzwischen deutlich anzusehen, sie bestand nur noch aus Haut und Knochen. Eve hätte alles getan, um den Schmerz ihrer Mutter zu lindern und ihr wieder Hoffnung zu geben. Aber wenn es bedeutete, dass sie sich irgendeinen Mann suchen musste, nur um von ihm schwanger zu werden – Nein, diese Vorstellung war nun wirklich nicht sehr verlockend. Sie mochte verzweifelt sein, aber sie war nicht leichtsinnig oder unbesonnen. Vielleicht hieß das ja in letzter Konsequenz, dass sie ihrer Mutter ihren Herzenswunsch nicht erfüllen konnte.

Vielleicht konnte sie ihr das Enkelkind nicht schenken, nach dem sie sich so sehnte.

Mit einem Klingeln leuchtete der Knopf auf, der das fünfundvierzigste Stockwerk anzeigte, der Lift blieb stehen, und die Tür glitt auf. Eve betrat das mit dickem Teppichboden ausgelegte Foyer der Chefetage und lenkte ihre Gedanken weg von ihrer Mutter und hin auf das bevorstehende Treffen. Hoffentlich dauerte es nicht zu lange. Sie war sich ihrer Sache sicher, denn sie kannte ihren Text inzwischen auswendig. Kein Wunder, schließlich hatte sie die Kampagne ja selbst entworfen.

Wenn diese Besprechung hinter ihr lag, würde sie in ihr Büro zurückkehren und in Ruhe über alles nachdenken. Die Ärzte hatten ihrer Mutter noch zwölf Monate gegeben. Also hatte sie drei Monate Zeit, um eine Lösung zu finden, die es ihr ermöglichte, ihr Versprechen wahr zu machen. Irgendetwas würde ihr schon einfallen. Es musste noch einen Weg geben.

Es muss ihn geben!

 

"Sam! Du hast dich verspätet. Nun komm schon rein!"

Die tiefe männliche Stimme klang ungeduldig und gereizt. Eve atmete tief durch.

"Sam!"

Das musste sie sein – die Stimme des hoch geschätzten und gefürchteten Firmenchefs Damien DeLuca. Sie hatte bisher erst einmal mit ihm zu tun gehabt, und das auch nur am Telefon. Das hatte ihr schon gereicht. Sam hatte ihr sofort den Hörer aus der Hand gerissen, als er gemerkt hatte, wer am anderen Ende der Leitung war. Eve musste daran denken, wie der Konzernchef von allen insgeheim genannt wurde: Numero Uno – die Nummer eins. Und genau so hatte er sich auch angehört.

Nervös zupfte sie am Saum ihrer schlichten grauen Kostümjacke. Es ließ sich nicht leugnen, sie war hochgradig nervös. Damien DeLuca galt als Egomane. Das war das Letzte, was sie heute brauchte, einen brüllenden Egomanen. Sie straffte sich und betrat entschlossen das große Büro.

Natürlich wusste sie, wie Damien aussah, denn überall im Gebäude hingen Fotos von ihm. Trotzdem traf sein Anblick sie unerwartet. Er war ein athletisch gebauter Mann, den eine Aura von Macht und Präsenz umgab. Die dunklen, durchdringend blickenden Augen, das dichte schwarze Haar und die sinnlichen Lippen machten ihn äußerst attraktiv. Fast sah er aus wie ein Filmstar. Und obwohl Eve wusste, was sie erwartete, war sie nicht auf die Gefühle vorbereitet, die sie plötzlich erfassten.

Gefahr.

Erregung.

Und vielleicht noch etwas ganz anderes –

2. Kapitel

 

"Wer sind Sie?"

Die Frau in dem mausgrauen Kostüm erstarrte. Sie hielt eine Mappe wie einen Schutzschild gegen die Brust gedrückt und wirkte total eingeschüchtert.

"Sie sind nicht Sam", sagte er anklagend.

Sie setzte zum Sprechen an, schwieg dann jedoch. Dann lächelte sie unerwartet, und Damien entspannte sich. Das plötzliche Funkeln in ihren Augen gefiel ihm. Vielleicht war sie ja doch nicht die graue Maus, für die er sie im ersten Moment gehalten hatte. Fast konnte man sie sogar hübsch nennen – normal hübsch eben. Aber die große Brille und das Kostüm machten sie unscheinbarer, als sie in Wirklichkeit war.

"Mr. DeLuca", sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. Die Stimme überraschte ihn, sie war ein wenig heiser und sehr sexy. "Man hat mir gesagt, Sie seien ein Genie. Das scheint wirklich der Fall zu sein."

Irgendwie klang es nicht wie ein Kompliment. Damien hatte einen Moment lang das Gefühl, als würde man ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Die junge Frau lächelte noch immer.

"Ich bin Eve Summers aus der Marketingabteilung. Freue mich sehr, Sie kennen zu lernen."

Damien sah sie misstrauisch an. Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt. Bestimmt freute sie sich über dieses Treffen genauso wenig wie er sich darüber, dass diese graue Maus vor seinem Büro herumgelungert hatte. Er gab ihr kurz die Hand und ging zurück an seinen Schreibtisch.

"Wo ist Sam?" fragte er ungeduldig.

"Sam hat eine schlimme Erkältung. Wir haben ihn in ein Taxi gesetzt und nach Hause geschickt."

"Warum wurde ich darüber nicht informiert?"

Eve sah ihn erstaunt an. "Ich dachte, man hätte Sie informiert."

"Nein, hat man nicht."

Sie überlegte kurz. "Gut, wie auch immer, wir hielten es für wichtig, Ihnen die Marketingkampagne zu präsentieren. Die Sache eilt schließlich. Wer weiß, wann Sam wieder gesund sein wird? Und wir brauchen Ihre Zustimmung für die Bewilligung des Budgets."

Will sie mich damit beeindrucken, dass sie die Initiative ergreift?

"Natürlich ist es auch in meinem Interesse, keine Zeit zu verlieren. Legen Sie los! Sie wissen hoffentlich, worum es geht."

Eve nickte und befeuchtete sich nervös die Lippen. "Darf ich kurz an Ihren Computer? Ich habe eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet, die wir gemeinsam durchgehen sollten."

Damien zuckte die Schultern und deutete auf den Laptop, der vor ihm auf dem Schreibtisch stand. "Bitte sehr, bedienen Sie sich." Er war gespannt, was Miss Maus ihm präsentieren würde. Bis jetzt hatte sie sich ja ganz wacker gehalten, doch nun ging es ums Ganze.

Eve atmete tief durch, ging um den Schreibtisch herum und stellte sich neben Damien. Als sie sich über ihn beugte, nahm er den schwachen Duft ihres Parfüms wahr.

Er kannte sich mit Düften gut aus, wusste auch, welches Parfüm zu welcher Frau passte. Seiner Freundin Carmel, einer eleganten Erscheinung, hatte er Chanel No. 5 geschenkt. Kandy, die sehr sinnlich war, hatte Opium bekommen. Und für Belinda, die ein bisschen wie eine Fee aussah, kam nur Romance infrage.

Aber dieses Parfüm war ihm neu, er hatte noch nie etwas Ähnliches gerochen.

Es passt zu ihr, dachte er. Sie wirkte harmlos, irgendwie unschuldig. Ein kurzer Blick auf ihren Rock überzeugte ihn davon, dass ihre Beine recht ansehnlich waren. Wäre das Kostüm enger gewesen, hätte er mehr dazu sagen können. Er sog ihren Duft noch einmal rasch ein. Aprikose? Ja, das war es, sie duftete nach Aprikose. Was für eine angenehme Abwechslung.

 

Eve merkte natürlich, dass er sie von oben bis unten taxierte. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Sie war auf ihre Arbeit konzentriert und konnte jetzt keine Ablenkung gebrauchen. Damiens Anwesenheit machte sie nervös. Auch fand sie es nicht sehr angenehm, ihm so nah zu sein.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich den Laptop heranzuziehen, um die Diskette einzulegen. Dabei musste sie sich vorbeugen und hatte erneut das unangenehme Gefühl, einer genauen Prüfung unterzogen zu werden. Damiens Blick schien sie zu durchdringen, und ihre Haut fing an zu prickeln.

Für das, was sie plötzlich spürte, gab es nur eine Bezeichnung: animalische Sexualität. Damien strahlte sie mit jeder Pore seines Körpers aus. Da Eve nicht darauf vorbereitet gewesen war, traf es sie mit aller Macht. Noch nie zuvor war sie einem Mann begegnet, der ihr so unmissverständlich bewusst machte, dass er ein Mann war.

Und dass ich eine Frau bin.

Mit einem Mal fühlte sie sich sehr unbehaglich. Damien DeLuca würde es ihr nicht leicht machen. Aber etwas anderes hatte sie auch nicht erwartet.

Er galt als arrogant, schwierig, abweisend. Manche hielten ihn sogar für ein Genie. Aber dass er es seinen Angestellten leicht gemacht hätte, davon hatte man noch nie gehört. Je eher sie dieses Treffen hinter sich brachte, desto besser. Hoffentlich gelang es ihr jetzt, sich auf ihre Präsentation zu konzentrieren.

Um ehrlich zu sein, er hatte sie überrascht. Er war zwar genau so, wie alle ihn immer beschrieben hatten. Aber plötzlich entdeckte Eve noch eine andere Dimension an ihm, die sie verstörte und die sie nicht genau hätte benennen können.

Vielleicht machte sie sich ja auch nur etwas vor. Wahrscheinlich war er nur ein ganz gewöhnlicher Workaholic, der nicht wusste, wie man mit Menschen umging.

Das Einzige, was ihn von anderen Workaholics unterschied, war seine Attraktivität. Er verströmte aus jeder Pore Testosteron. Das traf es wohl eher.

Die Fotos, die sie bisher von ihm gesehen hatte, wurden ihm nicht gerecht. Wahrscheinlich war es an der Zeit, neue Bilder in Auftrag zu geben, die mehr von dem wiedergaben, was seine Persönlichkeit ausmachte. Aus irgendeinem Grund musste Eve plötzlich an die Kinder denken, die er sicher irgendwann einmal haben würde. Mit seinem IQ, den Genen und dem guten Aussehen ihres Vaters würden seine Kinder bestimmt ebenso intelligent sein und ebenso gut aussehen wie er.

Vielleicht brauchte sie einen Mann wie ihn?

Ihre Finger verharrten mitten in der Bewegung mit der Maus, ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet.

Wie komme ich nur darauf? Konnte sie an nichts anderes mehr denken? Ihr Problem beschäftigte sie von morgens bis abends. Jetzt fing sie schon an, Fantasien in Bezug auf die Männer zu entwickeln, mit denen sie arbeitete. Und in Bezug auf ihren Chef, was noch viel schlimmer war.

Nicht nur schlimm, sondern ausgesprochen sinnlos. Er gehörte zu einer anderen Liga, die nichts mit ihrem Leben zu tun hatte. Nein, diesen Gedanken musste sie sich sofort aus dem Kopf schlagen. Abgesehen davon schien Damien nach allem, was sie gehört hatte, ein überzeugter Junggeselle zu sein. Ein Mann, der nur nach seinen Prinzipien lebte und sich von niemandem etwas sagen ließ.

"Stimmt irgendetwas nicht?"

Eve zuckte zusammen und errötete. "Nein, nein, alles in Ordnung. Sehen Sie, hier ist die Datei. Wir –"

Sie atmete tief durch und versuchte, sich wieder auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Auf dem Monitor erschien die erste Seite ihrer Präsentation, und sie begann mit ihrem Vortrag.

 

"Was wissen Sie über sie? Wie heißt sie noch gleich – Eve? Diese Lady aus der Marketingabteilung, die ein bisschen wie ein Mäuschen aussieht?"

Ohne den Blick vom Computerbildschirm zu wenden, tippte Enid weiter mit derselben atemberaubenden Geschwindigkeit und antwortete trocken: "Und Sie glauben, dass ich diese Frau kenne?"

"Sie kennen jeden, Enid. Erzählen Sie mir doch nichts!"

Noch immer sah sie nicht auf, aber Damien registrierte das kleine zufriedene Lächeln, das ihre Lippen umspielte.

"Ich nehme an, Sie sprechen von Eve Summers."

Er nickte. "Ja, so heißt sie wohl. Also los, erzählen Sie mir etwas über sie. Wie lebt sie?"

"Sie lebt zusammen mit ihrer verwitweten Mutter. Soweit ich weiß, hatte sie auch einen Bruder, aber der kam unter tragischen Umständen ums Leben."

Damien nickte gespannt. "Und weiter?"

"Sie ist siebenundzwanzig Jahre alt, Single, sollte vor ein oder zwei Monaten heiraten, aber irgendetwas ist dazwischengekommen. Vielleicht hat der Bräutigam sie vor dem Altar stehen lassen."

Vor dem Altar? Ja, das konnte er sich gut vorstellen. Obwohl ihre Präsentation erstklassig gewesen war, hatte Damien den Eindruck gewonnen, dass Eve etwas gegen Männer hatte.

"Übrigens, hier sind die Nachrichten für Sie." Enid reichte ihm einen Stapel Papiere. "Vergessen Sie das Memo, das ganz oben liegt. Sam hat eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen. Er schafft es nicht, Ihnen die Pläne für die Marketingkampagne zu präsentieren. Aber das wissen Sie ja schon."

Damien nickte und besah sich die Unterlagen.

"Die Kleine hat gut gearbeitet", gab er widerstrebend zu. "Ich weiß nicht, ob Sam es hätte besser machen können. Er ist manchmal ziemlich umständlich und braucht Stunden, um auf den Punkt zu kommen. Trotzdem – ich habe irgendwie den Eindruck, dass sie mich nicht ausstehen kann."

Enid lachte. "Niemand kann Sie ausstehen, Damien. Sie sind der schlimmste Boss, den man sich vorstellen kann. Und was noch viel schlimmer ist – das gefällt Ihnen!"

"Aber Sie mögen mich doch wenigstens, Enid, oder?"

Endlich hörte sie auf zu tippen. Sie kniff die Augen zusammen, betrachtete ihren Chef angelegentlich und nickte dann. "Sagen wir mal, ich respektiere Sie. Es macht Spaß, für Sie zu arbeiten, und meinem Konto ist es noch nie besser gegangen. Aber ob ich Sie mag – ehrlich gesagt, bin ich mir da nicht sicher."

Damien lachte laut. Natürlich hatte sie das nicht ernst gemeint. Sie war verrückt nach ihm. "Warum sind Sie eigentlich der einzige Mensch in der ganzen Firma, der mich nicht ernst nimmt?"

"Einer muss Ihnen ja die Stirn bieten." Damit schien das Gespräch für sie beendet zu sein, und sie tippte weiter.

Damien blätterte die Notizen durch, hielt plötzlich inne und las den Text.

"Verdammt! Wer hat sich nur so etwas ausgedacht – ein Kostümball für die Weihnachtsfeier in diesem Jahr? Was für eine blöde Idee!"

"Na, wer wohl?" Enid lachte vergnügt. "Sie natürlich! Sie haben gesagt, das würde die Barrieren zwischen den einzelnen Abteilungen einreißen. Ich halte es für eine großartige Idee."

"Und als was werden Sie gehen, Enid? Als Winnie Puuh?"

Offensichtlich war er damit zu weit gegangen. Sie presste die Lippen zusammen, ihr Lächeln verschwand. "Keineswegs", erwiderte sie kühl. "Eigentlich dachte ich an Prinzessin Leila aus dem Krieg der Sterne. Aber Genaues werde ich Ihnen natürlich nicht verraten. Das müssen Sie schon selbst herausfinden. Die Masken werden erst um Mitternacht abgenommen."

Damien ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Ja, es war eine gute Idee, mit einem Kostümball das Eis zu brechen. Die Barrieren niederzureißen, die, wie er in letzter Zeit beobachtet hatte, zwischen seinen Managern und den einfachen Angestellten immer größer geworden waren.

Und es wäre interessant, zu beobachten, als was seine Mitarbeiter sich verkleideten. Einige brauchten sich dazu nicht groß anzustrengen. Er konnte schon jetzt Eve als graue Maus vor sich sehen. Ihr fehlten nur noch ein Schwänzchen und ein Paar rosa Öhrchen. Dann wäre sie äußerst überzeugend.

3. Kapitel

 

"Du siehst wie eine Prinzessin aus!"

Eve lächelte und drehte eine kleine Pirouette, bevor sie das Zimmer ihrer Mutter betrat. Sie wies auf ihre schwarze Perücke. "Findest du es nicht ein wenig übertrieben? Die Verkäuferin im Laden meinte, es würde toll aussehen."

"Übertrieben? Nein, Liebes, es ist perfekt. Du wirst die Ballkönigin sein."

"Da bin ich mir nicht so sicher."

"Ich habe noch etwas für dich. Ein Parfüm, das wunderbar zu deinem Kostüm passt." Sie reichte ihrer Tochter einen Flakon, und Eve besprühte sich mit dem Parfüm. Es roch sehr verführerisch, schwer und exotisch. Ganz anders als ihr normales Parfüm. Aber heute war ja auch ein ganz besonderer Abend.

Sie schüttelte die Kopfkissen auf und betrachtete liebevoll das bleiche, ausgezehrte Gesicht ihrer Mutter. Dann ging sie in die Küche, um ihr einen Tee zu machen. Als sie zurückkam, reichte sie ihr die Tasse zusammen mit einer kleinen Untertasse, auf der die Pillen lagen, die sie einnehmen musste.

"Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich überhaupt auf die Sache eingelassen habe. Wenn du möchtest, bleibe ich auch gern zu Hause."

"Unsinn!" erwiderte ihre Mutter energisch. "Du gehst ohnehin so selten aus. Du solltest es genießen, wenn sich dir die Gelegenheit dazu bietet, Eve." Sie spülte die Pillen mit dem Tee hinunter und verzog das Gesicht.

"Es interessiert mich nun einmal nicht besonders, unter die Leute zu gehen."

"Das sollte es aber. Es ist nicht normal für eine junge Frau, sich so sehr von der Welt abzuschließen."

"Aber ich habe einen Beruf, Mutter. Dabei treffe ich genug Leute."

Ihre Mutter sah sie scharf an. "Denkst du eigentlich immer noch an Bryce?"

Eve zuckte die Schultern und wich ihrem Blick aus. Die Sache mit Bryce war ein harter Schlag für sie gewesen. Es hatte sie sehr verletzt, dass er sie wegen einer anderen Frau verlassen hatte – und das so kurz vor der Hochzeit. Noch schlimmer war es gewesen, herauszufinden, dass die beiden sich bereits seit über einem Jahr heimlich trafen. Und dass die andere Frau schwanger war. Damit hatte Eve nicht gerechnet. Es hatte sie völlig unvorbereitet getroffen, besonders weil sie sich selbst so sehnlichst wünschte, schwanger zu werden. Trotz allem hatte sie sich auch nach der Trennung noch nach Bryce gesehnt. Jetzt dachte sie nur noch selten an ihn.

"Nein", erwiderte sie daher wahrheitsgemäß. Sie hatte inzwischen Zeit gehabt, über ihre Beziehung nachzudenken, und war zu dem Schluss gekommen, dass auch sie nicht ganz unschuldig an ...

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