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Bagdad

 

 

 

Als Najem Wali ein Kind war, erschien ihm Bagdad wie ein Traum. Sein Vater brachte ihm von dort Geschenke und Geschichten mit, und sobald er die Schule abgeschlossen hatte, gab es für ihn nur ein Ziel: Er zog zum Studium in die Hauptstadt. Als 1980 der Krieg gegen den Iran ausbrach, floh er nach Deutschland – doch Bagdad blieb seine Stadt: eine herrliche Stadt, bevor sie für Jahrzehnte zum Schauplatz von Krieg und Terror wurde. An dieses Bagdad, an die Stadt der Kaufleute, der Wissenschaftler und Künstler, so international und chic wie London und Paris, erinnert Najem Wali in seinem neuen Buch. Es verbindet die Geschichte einer Metropole mit persönlichen Erinnerungen und setzt den Bildern der Zerstörung die Bilder einer blühenden Weltstadt entgegen.

 

Najem Wali

 

BAGDAD

 

Erinnerungen

an eine Weltstadt

 

Aus dem Arabischen

von Hartmut Fähndrich

 

 

Carl Hanser Verlag

 

 

Wenn Bagdad und seine Bewohner nach mir fragen, dann frage auch ich nach den anderen Hauptstadtbewohnern.

Abu l’Alâ al-Ma’arri im 11. Jahrhundert

 

Für Liebende ist Bagdad nicht weit.

Johann Wolfgang v. Goethe, West-östlicher Divan (Buch Suleika), Anfang des 19. Jahrhunderts

 

Namen der Städte, die ich alle nicht gesehen hatte, summten wie Mücken um die Ohren – Kabul, Herat, Chorasan, Isfahan, Schiras. Bagdad kann das nicht aufwiegen. Es hatte auch so einen deutschen Klang …

John Dos Passos, Orient Express, Anfang des 20. Jahrhunderts

 

 

Für den Dichter Kamâl Sabti, meinen Freund,
der in eine andere Welt aufbrach auf der Suche
nach seiner heiligen Stadt … Bagdad

 

 

Inhalt

 

   1  Der andere Najem

   2  Im Chevrolet nach Bagdad

   3  Die fremde Stadt am fremden Ort

   4  Die Grußpostkarten

   5  Eine Stadt zwischen Kleiderschrank und Kopfkissen

   6  Das Datum einer Postkarte

   7  Die britischen Soldaten und die Pfadfinder
       von Bagdad

   8  Pferdedroschken, Bahnhöfe, Kirchen und Kinos

   9  Das also ist Bagdad?

10  Erste Bekanntschaft mit der Raschîd-Straße

11  Die Bagdad-Enzyklopädie

12  Auf Kolumbus’ Spuren

13  Bagdad und seine Zeitungen

14  Ein Denkmal für einen Selbstmörder

15  Die Stadt mit den Augen Schehresâds

16  Das »Haus der Weisheit«

17  In Reichweite der Stadt

18  Studentenleben

19  Ortswechsel

20  Das eigene Zimmer

21  Der Garten der Literatur

22  Der Aufruhr der ersten Liebe

23  Im Café

24  Orte der Rebellion

25  Die Villen der Reichen

26  Drei Schriftsteller

27  John Dos Passos: Der Weg nach Bagdad

28  Annemarie Schwarzenbach:
      Zwischen Opium und Bagdad

29  Max Frisch: Wenn die Stadt zur Alternative
      für die Frauen wird

30  Bagdad, die Dichter und die Bilder

31  Bronzebraun und einzigartig

32  Die Veränderungen der Stadt

33  Zeit zu leben und Zeit zu sterben

34  Die Neuerfindung der Stadt

      Dank

      Anmerkungen

 

1

Der andere Najem

 

Ich gehe an der Hand meines Vaters. Er beugt sich zu mir herunter, wenn ich ihm etwas zuflüstere. Wie getragen von zwei kleinen Flügeln spaziere ich mit ihm durch die Straßen und Gassen von Bagdad. Speziell an solchen Tagen, an denen er sich wieder einmal auf die Reise machte, drängte ich, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, meine Mutter, mich schon früh zu Bett zu bringen, und dann betrachtete ich in den langen Winternächten die Zimmerdecke und begann, mich mit meinem Vater zu unterhalten. Ich bat ihn, wir sollten herumgehen und herumgehen. Dabei half mir die Architektur des Hauses, dieses sogenannten englischen Hauses mit seiner besonderen Bauweise mit dem Giebeldach, mit Ecken und Winkeln und allerlei Pfosten, auf denen die Decke ruhte. Die starrte ich immer wieder an und lief um sie herum. Ich wanderte über imaginäre Landkarten, die ich unerbittlich prüfte, wie jemand, der ein Geheimnis entdecken will. In den Sommernächten übernahm – weil wir auf dem weiten Hof des Hauses schliefen – der Himmel die Rolle der Decke. Ich blickte lange auf die unzähligen Sterne am Himmel, den ich mir als Leinwand vorstellte. So zeichnete ich mir meine eigene Karte von Bagdad. Eine kleine Karte im Spazierradius des Jungen, der ich damals war. Wie lange diese Phantasiereise dauerte, weiß ich nicht, denn meistens überließ ich mich rasch dem Schlaf. Meine Augen ermüdeten, während sie winters kreuz und quer und hin und her über die Decke wanderten, sommers weit oben von Stern zu Stern.

Am Morgen, noch bevor die Sonne ihre Reise über die Erde angetreten hatte, fragte mich meine Mutter, die mich manchmal ohne Scheu aus dem Schlaf riss, wenn sie mich dahinschweben sah: »Na, wie war deine Nachtreise?«, um dann, die Augen in die Ferne gerichtet, mit einem tiefen Seufzer hinzuzufügen: »Eines Tages wirst du Bagdad mit eigenen Augen sehen.«

 

 

Najem Wali (NW) als Baby mit etwa sechs Monaten,

auf einer Teekiste sitzend. Foto: Studio Mizil, Amâra

 

Wie nahe meine Phantasiestadt der Stadt kam, in die ich bis zu jenem Augenblick nie einen Fuß gesetzt hatte, weiß ich nicht. Nur das weiß ich von jenen Nächten noch, die inzwischen so fern sind wie Bagdad, dass ich wie ein Architekt Luftstraßen im freien Raum anlegte, und dass die Geschichten über Bagdad, die ich in meiner Umgebung hörte, meine Reisen mit neuen Phantasmen nährten. Nun lebe ich schon lange in Berlin, und heute, da Bagdad in aller Munde ist, weiß ich, dass alle die Geschichten, die man über diese Stadt erzählte, Ausgeburten der Phantasie waren, ohne Beziehung zu einer wirklichen Stadt namens Bagdad. Vielleicht glaubte ich, Bagdad existiere überhaupt nur in jenen Geschichten, da jede einen Aspekt der Stadt enthielt, den die nächste nicht kannte. Warum habe ich damals, mit fünf oder sechs Jahren, nicht darüber nachgedacht? Begreift ein Kind in diesem Alter noch nichts von Geografie, von Distanz und Grenzen? Weiß es noch nicht, was die Architektur von Häusern bedeutet?

Aber ist das nicht eine allgemein menschliche Gewohnheit? Die Phantasie schafft Topografie, wenn aber dann der wirkliche Ort auftaucht, heißt es: Sachte, sachte! Das ist doch nicht der Ort, den wir uns vorgestellt haben? Ganz sicher war das bei mir nicht anders als bei den Älteren, den Erwachsenen, die sich ebenfalls ihr Bagdadbild schufen – wie sollten sie auch nicht, bei einer Stadt, die aufs engste mit dem Namen »Tausendundeine Nacht« verbunden ist! Alle Fremden, die davon träumten, Bagdad zu besuchen – darunter nicht zuletzt Militärs, Offiziere und einfache Soldaten, Briten und andere, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Stadt eingedrungen waren, nämlich am 17. Juni 1914, und Amerikaner mit ihren Verbündeten aus anderen Nationen, etwa hundert Jahre später, nämlich am 9. April 2003 –, sie alle, die in die Stadt eindrangen (und hier reden wir noch gar nicht von jenen, die, wie Napoleon Bonaparte, ihren Traum, die Stadt zu betreten, nicht verwirklichen konnten), ergänzten sich ihr Bild der Stadt mit Bildern, die das Geschichtengewebe Schehresâds im 8. Jahrhundert n. Chr. formte, und wenn sie die Stadt betraten, gingen sie durch die Straßen und meinten, sie schritten in längst vergangenen Zeiten. Die wirkliche Stadt mit ihren Menschen und ihren Häusern wurde von der imaginierten Stadt überlagert, die das innere Auge ihrer Phantasie sah. All denen, die so in die Stadt kamen, blieb sie fremd, und je länger sie darin wohnten, desto fremder wurde sie ihnen, desto abweisender empfanden sie sie.

 

 

NW im Marineanzug, ca. drei Jahre alt, auf einer Teekiste stehend.

Foto: Studio Mizil, Amâra

 

Natürlich war das bei mir anders. Ich erzähle von einem fünf- bis sechsjährigen Jungen, der dank seiner Mutter schon lesen und schreiben konnte, bevor er zur Schule kam, einem kleinen Jungen, dessen Welt ein Bilderreich war und der anfangs meinte, er könne sich seine Welt nach Belieben schaffen, und erst, älter geworden, das Instrumentarium entdeckte, das ihm bei der Erzeugung dieses Bilderreichs half. Mein Vater erzählte mir, ich hätte von klein auf daran gedacht, nach Deutschland zu gehen, ja nach Berlin. Ich weiß nicht, ob das stimmt, obwohl ich von ihm später erfuhr, warum ich an Berlin dachte. Ich erinnere mich aber genau, dass aus dem Album mit den Bildern, die ich damals vor Augen hatte, das von Bagdad besonders herausragte. Die Bilder der anderen Orte verblichen daneben; sie waren erreichbar. Die Sehnsucht nach Basra zum Beispiel, der Heimat meiner Mutter, wo ich meine ersten Monate verbracht hatte, wurde immer in den Frühjahrs- und Sommerferien durch einen Besuch gestillt – obwohl Basra brutal heiß war und das Wasser dort widerlich salzig, eigentlich ungenießbar. Bagdad dagegen? Dieses Bagdad, von dem meine Mutter ständig erzählte, ebenso meine Großmutter und mein Großvater, alle unsere Nachbarn, Verwandten und Bekannten, von dem alle redeten, die mich nach meinem abwesenden Vater fragten, von dem auch die Freunde meines Vaters sprachen, die mich vor unserem Haus spielen sahen und sich erkundigten, ob er schon aus Bagdad zurück sei, dieses Bagdad schien mir weit, weit weg. Aber nicht nur mir ging es so, sondern allen. Es war, als läge dieses Bagdad auf einem fernen Planeten, in einem anderen Land. Es war geheimnisvoll wie die Städte in den Geschichten, die uns meine Großmutter erzählte, Städte, zu deren Toren nur Abenteurer und Elende die Schlüssel erhielten. Mein Vater war einer von ihnen. Als Einziger in Amâra besaß er einen Schlüssel, um Bagdad zu betreten. Allein dieser Gedanke erfüllte mich mit Stolz, und obwohl ich mich ständig nach ihm sehnte, mich um ihn sorgte und fürchtete, er könnte einmal nicht mehr zurückkommen, und mich über seine Rückkehr freute, auch weil mit ihm eine heitere Stimmung bei uns einkehrte und alle fröhlich und lebhaft wurden – seine Leibspeisen wurden gekocht, alle scherzten und lachten, besonders meine Mutter, die unablässig selig lächelte –, trotz alledem, muss ich gestehen, wünschte ich mir häufig schon zwei oder drei Tage nach seiner Rückkehr, er solle wieder nach Bagdad aufbrechen, damit ich mir die Stadt wieder nach Gutdünken erfinden könnte.

 

2

Im Chevrolet nach Bagdad

 

Mein Vater war noch jung, als er meiner Erinnerung nach einen weißen Chevrolet, Modell 1951, erwarb. Es war das einzige Modell mit einer Klimaanlage, was in einem Land, in dem die Temperaturen im Sommer schon einmal 50 Grad Celsius übersteigen, nicht unwichtig ist. Mein Vater kaufte das Auto beim amerikanischen Konsulat in Bagdad. Er war von dem Wunsch, Bagdad zu besuchen, so besessen, dass er seine Arbeit als Mechaniker in einer Automobilwerkstatt aufgab. Er hatte viele Geschichten über Bagdad gehört, und eigentlich wollte er in die Hauptstadt Bagdad umziehen und mit uns dort wohnen. Wer hätte nicht gern in der Hauptstadt gelebt? Einmal hörte ich ihn zu meiner Mutter sagen: »Amâra ist für einen jungen Mann wie mich, der Musik mag und gern Schallplatten kauft, eine enge, erstickende, eine tödliche Stadt.« Sie war von der Idee, nach Bagdad umzuziehen, nicht weniger begeistert als er, obwohl sie dann weit weg von ihrer Familie in Basra wäre. Basra war von Amâra nur 182 Kilometer entfernt, Bagdad immerhin 365 Kilometer. Für ihren Vater, meinen Großvater Faradsch Jûssuf, der in Basra lebte und arbeitete, wäre es schwieriger, uns nach Belieben zu besuchen, am Wochenende, Donnerstag und Freitag, an Festen oder zu anderen Gelegenheiten. »Von Basra nach Amâra ist es nur ein Katzensprung«, hörte ich meinen Großvater sagen.

Mein Vater gab sich nicht mit dem Traum vom Umzug nach Bagdad zufrieden. Seit man immer öfter von den dortigen Konzerten mit arabischen und irakischen Sängern und Sängerinnen hörte, suchte er nach einem Weg dorthin.

Im Frühjahr 1958 (drei Monate vor dem Militärputsch gegen die königliche Familie) kaufte er ein Auto und fuhr damit Sammeltaxi zwischen Amâra und Bagdad. Man müsse mit einem kleinen anfangen, erklärte er. Gab es damals ein besseres als den Chevrolet, Modell 1951? Drei Jahre später wurde ihm die Vergeblichkeit seines Tuns bewusst: Was die Fahrerei einbrachte, gab er sofort wieder für Benzin, fürs Hotel oder fürs Essen aus, wenn er, wie es mitunter geschah, zwei Tage oder länger in Bagdad bleiben musste, manchmal, weil er seinen Wagen nicht voll brachte – besonders nach dem 14. Juli 1958, als mit dem Bau der »Revolutionsstadt«, die heute Sadr City heißt, begonnen wurde, deren Bewohner meist aus den ländlichen Gebieten um Amâra stammten, und die Zahl der Sammeltaxis in die Höhe schnellte –, manchmal blieb er aber auch in Bagdad, um ein Konzert zu besuchen. Wie er mir Jahre später erzählte, stand er mit seinem Auto bei Sadda und wartete auf Kundschaft. All seine Fahrgäste kamen aus Bauernfamilien und wollten ihre Verwandten besuchen, die sie in den Dörfern um Amâra zurückgelassen hatten. Fünf setzten sich auf die Ladefläche, drei ins Fahrerhaus. Hinten kostete es pro Person einen, vorne eineinviertel Dinar. Er quetschte seine Fahrgäste in sein Auto, aber niemand protestierte. Um die Kontrollen der Verkehrspolizei auf der Schnellstraße, die sich auf zwei Bereiche konzentrierten – auf die Gegend von Asisîja und auf die Einfahrt zur Stadt Kût –, zu umgehen, bog er vor Asisîja ab und versuchte sein Fahrerglück auf einer Straße östlich von Asisîja durch die sogenannte Dschasîra, eine weite, öde Region, die sich von dort bis an die iranische Grenze erstreckt. So machte er einen Bogen um die Stadt und fuhr erst in der Gegend von Scheich Saad wieder auf die Schnellstraße Richtung Amâra.

Wenn mein Vater darüber heute spricht, lacht er, aber ich stelle ihn mir vor, wie er am Steuer seines Wagens mit ängstlicher Miene die Dschasîra durchquert, hoch konzentriert, um nicht von der Straße in die Grenzregionen Irans abzukommen, die Region von Badra und Dschissân. Er musste einem Weg folgen, den überhaupt nur wenige Fahrer kannten, Leute wie er, die den Verkehrskontrollen auswichen, weil sie in ihr Kleintaxi mehr als die fünf zulässigen Personen gestopft hatten. Ich stelle mir auch die acht eingepferchten Fahrgäste vor. (»Andere Fahrer haben zehn Leute reingepackt«, erzählte mein Vater.) Sie fragen ihn nach einem Café oder einer Raststätte unterwegs, und er beruhigt sie: Auf halbem Weg durch die Dschasîra gebe es in einer Gegend namens Glât ein Café. Heute lacht mein Vater, wenn er über dieses Café spricht. Der Inhaber, der in einem Dorf ganz in der Nähe wohnte, hatte neben einem kleinen, zugewachsenen Wasserlauf zwei Sitzbänke aus Lehm gebaut und darauf Sitzteppiche gelegt. Der Teekocher stand auf der blanken Erde. Manchmal war der Mann nicht da, und es blieb einem nichts anderes übrig, als weiterzufahren.

 

 

NW im Alter von etwa sieben Jahren mit seinem Vater (sitzend auf der rechten Seite des Fotos) in einem Café in Amâra

 

Nach etwa drei Jahren, 1961, fand mein Vater also heraus, dass diese Arbeit nutzlos war. Er konnte sich nicht einmal mehr Schallplatten leisten wie zuvor. Er kaufte sich wieder einen Chevrolet, einen grünen Pick-up, Modell 1960. Ein Freund namens Chalîl Basna beteiligte sich daran. Diesmal brachten sie Fahrgäste von Amâra nach Basra – ein Jahr lang. Dann ertrug er die Trennung von Bagdad nicht mehr, verkaufte seinem Teilhaber seinen Anteil und erwarb selbst ein großes Auto. Er wollte es erneut mit dem Personentransport zwischen Amâra und Bagdad probieren – dieses Mal mit einem gelben Chevrolet, Modell 1960. Dieses Modell mit einem Chassis aus Holz – der »Nadschaf-Köter«, wie es damals hieß, oder die »Sechziger-Karre«, wie wir sie auf der Straße und zu Hause nannten – sah ich später, dem Kino sei Dank, in Lateinamerika, in Asien und in Afrika zur Beförderung von Personen eingesetzt. Zu jener Zeit waren die Straßen im Irak noch nicht asphaltiert, und so verwandelte sich zum Beispiel die Straße zwischen Amâra und Bagdad im Winter und bei Regen in eine Ansammlung aus Wasser- und Schlammpfützen. Dort mit größeren Autos zu fahren, war ein gefährliches Unterfangen, nicht zu vergleichen mit dem Fahren eines kleinen Taxis. Die Straße war staubig, und wenn die saisonalen Stürme, die Sumûm-Winde, wie die Leute sie nannten, bliesen, sah man wenig oder nichts. Im Winter schwollen sogar die im Sommer ausgetrockneten Flüsse an und konnten durchaus über die Ufer treten. Man nannte die Bäche, die die Straße überquerten, die »Abschneider«, und einen Fluss, den Gibâb, der im Sommer völlig austrocknete, bezeichnete man wegen der viele Fische, die er bei Hochwasser zu beiden Seiten der Straße anspülte, als »Fischpapa«.

 

 

Chevrolet vor der US Embassy Sahat Al Tath Bab al-Muadham, 1950er Jahre

 

Heute dürfte die Fahrt von Bagdad nach Amâra zwischen vier und fünf Stunden dauern, und zwar trotz der Kontrollposten, die wie Pilze aus dem Boden schießen, und trotz der permanent prekären Sicherheitslage im Land. Damals jedoch dauerte die Fahrt einen halben Tag, und wenn das Auto Schwierigkeiten machte oder wenn es regnete, konnte man schon einmal die Nacht auf der Straße verbringen, sofern das Auto die verschlammte Straße überhaupt bewältigte. Dazu mussten im Winter Ketten aufgezogen werden. Auch Räuber gefährdeten die Reise. Draußen irgendwo übernachten zu müssen, hieß, sich Risiken auszusetzen, und dabei spielte es keine Rolle, ob es Sommer oder Winter war. Autos, die von angeschwollenen Bächen oder vom Regen überrascht wurden, blieben im Morast stecken und mussten auf das nächste Fahrzeug warten, das ihnen weiterhelfen konnte, oder darauf, dass nach Sonnenaufgang der Schlamm trocknete. Und je länger sich die Weiterfahrt verzögerte, desto gefährlicher wurde es, erst recht weil die Räuber der Stämme, die entlang der Straße lebten, genau wussten, wann sie angreifen mussten.

All das wusste ich schon, bevor ich meinen Vater zum ersten Mal nach Bagdad begleitete, denn nach jeder Reise erzählte mein Vater ausführlich von seinen Erlebnissen, nicht nur von der Fahrt auf der Schnellstraße, sondern auch von seinem Aufenthalt in Bagdad – und das immer hochdramatisch, wie manche eben dazu neigen, im ganz Natürlichen Dramatisches zu sehen. Deshalb fällt es mir heute noch schwer zu entscheiden, ob die Geschichten, die er erzählte, wirklich passiert sind oder ob er sie erfunden hat und ihn in erster Linie die Reaktion meiner Mutter interessierte. Diese Geschichten trug er gern stückchen- oder schubweise vor, meist beim Frühstück, wenn er seinen Tee trank. Ein Schluck aus dem Glas, eine kurze Pause, dann ein Stück der Geschichte. Und so immer weiter. Aber bei jedem Stückchen der Geschichte, bei jedem Schluck Tee sah ich ihn verstohlen auf meine Mutter schielen, um die Wirkung von ihrem Gesicht ablesen zu können. So machte er es bei allen Geschichten, die er nach seiner Rückkehr erzählte. Und wenn die Fahrt mit dem Auto auf der Straße Bagdad–Amâra schon ein solches Abenteuer war, die Geschichten, die sich um seine Suche nach einem Hotelzimmer oder einem Restaurant drehten, verstand ich nie alle. Auch sie waren abenteuerlich bis an die Grenzen des Dramatischen. Sogar die Art, wie er an die Postkarten kam, die er meiner Mutter aus Bagdad schicken musste – darauf legte sie großen Wert –, gab eine Geschichte her. Entweder musste er einen halben Tag lang durch alle Läden rennen, bis er eine passende Postkarte fand, oder die Schalter hatten, als er auf die Post kam, gerade geschlossen. Alle Bagdad-Geschichten meines Vaters waren atemberaubend abenteuerlich.

Meine Mutter glaubte sie ihm wohl, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls forderte sie mich bei jeder Reise meines Vaters nach Bagdad auf, an ihn zu denken und vor dem Einschlafen sowie nach dem Aufwachen zu beten, dass er gesund und wohlbehalten zurückkäme. Dann erinnerte sie mich an die Karten, die er schicken, und an die Geschenke, die er mitbringen würde. Und genauso, wie ich mich auf die versprochenen Geschenke und die Karten aus Bagdad freute, die meine Mutter mir schenkte und die ich in ein Heft klebte, das sie mir eigens zu diesem Zweck gekauft hatte, sorgte ich mich um ihn. Ein Leben ohne ihn konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Mein Vater war damals noch ein junger Mann, Ende zwanzig, und je länger er weg war, desto größere Sorgen machte ich mir. Als könnte ich ihn so beschützen, begleitete ich ihn im Geist auf seinen Fahrten. Und wenn wir in meiner Phantasie nach Bagdad kamen, plädierte ich dafür, dort ein oder zwei Tage zu bleiben, zur Erholung von den Strapazen des Weges. Ich kann mich nicht erinnern, dass er meine Bitte je abgeschlagen hätte. Im Gegenteil, er ließ sich von mir durch Bagdad chauffieren.

Für mich waren das wirklich die erquicklichsten Augenblicke. Die Stadt schien mir im ersten Moment rätselhaft. Ich musste den Zauber brechen, weil ich nicht wieder dieselben Routen nehmen wollte wie bei den vorangegangenen Fahrten meines Vaters. Ich ließ meine Phantasie frei schweifen, sie war meine Waffe im Kampf gegen die Unklarheit, ja sogar bei der Überwindung der Furcht. Damit mein Vater mit mir als Begleiter heil zurückkam, musste ich für ihn eine »Idealstadt« erfinden, eine vollkommene Stadt. Damals als kleiner Lausbub strengte ich mich an, sie weitläufig zu errichten, mit Platz für die Freiheit und die Träume, um die sich mein Vater mühte, eine Stadt, in der er alles fand, was ihm Freude machte, die ihm das Gefühl gab, Mensch zu sein. Eine Stadt voller Kinos, die er liebte, eine Stadt voller Konzertsäle und Plattenläden sollte es sein, denn seit ich denken kann, hatte er gern das Grammophon angestellt und dann andächtig den Liedern von Sajjid Darwîsch, Umm Kulthûm, Salîma Murâd, Nâsim al-Ghasâli und Muhammad Abdalwahhâb gelauscht. Eine Stadt voller Cafés und Kasinos, damit er dort mit meiner Mutter sitzen konnte. Eine Stadt voller Fotostudios, damit er sich mit meiner Mutter aufnehmen lassen konnte wie am Tag ihrer Hochzeit: er im weißen Anzug mit dünnem Schnurrbärtchen und sauber gescheiteltem Haar, sie im modischen Kostüm, das ihre hellbraunen Schultern und ein wenig von ihrer Brust sehen ließ, die Lippen geschminkt, die Augen dunkel nachgezogen und das krause Haar frisiert wie Scarlett O’Hara und Rhett Butler in »Vom Winde verweht«. Eine Stadt voller Kinder wie ich, die himmelhoch schaukelten, mit ihren Eltern durch die Läden streiften oder, etwas älter, zur Schule gingen, wo sie ohne Mühe und Kummer lernten. Eine Stadt voller Schulen und Buchläden – das vergaß ich nie, sonst hätte ich meinen Vater verraten und seine Wünsche nicht ernst genommen. Eine Stadt voller kleiner, alter Autos, Marke Chevrolet, wie jener weiße, Jahrgang 1951, das erste jener farbigen Modelle, die Chevrolet baute, um sich von den tristen 1940er Jahren mit ihren schwarzen Autos zu verabschieden.

Wie falsch ich doch damals lag! Ich glaubte, die Hauptstadt Bagdad, in der mein Vater wohnen wollte, ganz nach meinem Geschmack zu entwerfen und machte mir nicht klar, dass das Material, auf das ich mich dabei stützte, die schwarz-weißen Postkarten, die Bilder und Zeitschriften waren, die mein Vater uns und seinen Freunden aus Bagdad mitbrachte, alle diese Schallplatten, denen ich im Hof unseres Hauses lauschte, all diese Geschichten, die ich von ihm und anderen hörte.

Und schließlich unternahm ich mit meinem Vater tatsächlich eine erste Fahrt nach Bagdad. Diese Fahrt hat das Bild der Stadt nicht völlig verwischt, die ich zuvor gebaut hatte, sondern im Gegenteil mich angespornt, unermüdlich an meiner Phantasiestadt weiterzubauen, meiner Traumstadt, die realistischer war als das Bagdad, das ich als Kind mit eigenen Augen sah. Als ob ich damit selbst den Weg wählte, den ich weitergehen sollte. Als ob ich mich darauf vorbereitete, was ich später tun sollte, als ich Schriftsteller wurde und bei anderen Städten den beim Bau von Bagdad erprobten Phantasieentwurf einsetzte: Um eine Stadt zu bauen, braucht man keine Pfeiler, sondern Ereignisse. Ereignis auf Ereignis, so erhebt sich das Bauwerk. Das ist meine ureigene Art zu bauen. Nichts Phantastisches ohne ein Ereignis, auf dem man aufbauen kann. So bringe ich Leben in die Stadt zurück. Es ist, als ob die Phantasievorstellung und der Bau von Bagdad nach eigenem Geschmack der Grundstein war, auf dem meine Städte sich erheben sollten, wo immer ich haltmachte auf meiner Fahrt kreuz und quer über die Erde. Die Phantasie ist das Mittel, sich am Leben zu erhalten. Vielleicht ist die Phantasie das Leben.

 

3

Die fremde Stadt am fremden Ort

 

Im Gegensatz zu Mossul, Basra und Erbîl, den drei anderen bekannten Städten im Irak, die bevölkerungsmäßig an Bagdad aber nicht heranreichen, fehlt Bagdad die Beziehung zur alten Geschichte des Zweistromlandes oder Mesopotamiens, wie der heutige Irak früher einmal hieß, oder der Sawâd-Region (so die spätere Bezeichnung), in der Bagdad entstanden ist. Offenbar wollte die Stadt eine ihr völlig eigene Zivilisation schaffen, eine Zivilisation, die aus keiner alten Geschichte schöpft, sondern eine eigene Geschichte begründet, eine Entwicklung vom Punkt null. Mossul zum Beispiel, das antike Ninive, die zweite Stadt des Iraks, etwa 400 Kilometer von Bagdad entfernt, ist ein Ort mit einer altehrwürdigen Geschichte, die ins 5. vorchristliche Jahrtausend zurückreicht. Es war ein Bauerndorf, schon bewohnt, bevor die Assyrer im 11. Jahrhundert v. Chr. große Teile des Zweistromlandes besiedelten und Ninive zu ihrer Hauptstadt machten, was es bis zum Jahr 611 v. Chr. blieb, dem Jahr, als das »gewaltige« Ninive den Chaldäern in die Hand fiel, die auf dem Gipfel ihrer Macht waren. Bis heute zeigen uns die archäologischen Funde die zivilisatorische Hinterlassenschaft der Assyrer. Man muss nur an die Bibliothek des assyrischen Königs Aschurbanipal erinnern, um den zivilisatorischen Entwicklungsstand zu erkennen, den Ninive damals erreicht hatte. Und wir sollten auch nicht vergessen, dass die Assyrer, obwohl Heiden, eine wesentliche Rolle bei der Ausbreitung der christlichen Religion in jener Region gespielt haben. Ninive wurde durch die Gelehrten und Forscher aus anderen Teilen des Zweistromlandes und aus den umliegenden Ländern, die dorthin strömten, zu einer Stadt der Mönche und der religiösen Studien. Mar Ishâk al-Niniwi und Mar Michaîl sind die bekanntesten Heiligen, die die Stadt hervorgebracht hat. Unter der jahrhundertelangen Besatzung durch die persischen Sassaniden verarmte die Stadt, ihrer assyrischen Identität beraubt, und die Bewohner wurden zur Emigration auf die andere Tigrisseite gedrängt, wo sie eine besser befestigbare Lokalität vorfanden: einen Ort, auf einer Anhöhe gelegen und von einem Fluss umgeben, der zunächst Uburija (vielleicht von ubûr oder abr, Überquerung, abgeleitet) hieß, später, unter der Kontrolle der muslimischen Araber von der Arabischen Halbinsel, Mossul genannt wurde. Das war zur Zeit des zweiten »rechtgeleiteten« Kalifen, Umar Ibn al-Chattâb. Damals erhielt die Stadt Ninive den Namen Mossul, »Ankunftsort«, wegen ihrer Rolle als Etappenstation zwischen Syrien/al-Schâm und Churistân (dem »Land der Sonne« auf Kurdisch). Noch einen anderen Namen gab man der Stadt, al-Hadbâ, »die Geneigte«, wegen eines schiefen Minaretts der großen Moschee oder wegen des gewundenen Verlaufs des Tigris. Mitunter hieß die Stadt auch »Mutter der beiden Frühlinge«, weil im ganzen Irak nur sie sich jedes Jahr zweier Frühlinge erfreut. Der Herbst ist dort wegen seines berühmt milden Windes wie ein zweiter Frühling.

Basra, rund 550 Kilometer von der Hauptstadt Bagdad entfernt und nach Größe und Bevölkerungszahl hinter Mossul rangierend, war ursprünglich eine ländliche Region, die im irakischen Aramäisch Basrijâtha oder Basrijâfa heißt, die Gegend von Sarâjif/Bâsarîfi, wobei sarîfa das irakische Lehmhaus bezeichnet, das Vorbild für den bis heute im südlichen Irak vorherrschenden Haustyp (so ausnahmslos in der Gegend von Ahwâr, außerdem in ärmlichen städtischen Vierteln und Gebieten). Erst nach dem Eindringen der muslimisch-arabischen Heere, die von der Arabischen Halbinsel heranrückten und die Kontrolle der Siedlung übernahmen, wurde Basra zu einer blühenden Stadt – das war zu Beginn der Ausbreitung der Araber oder zu Beginn dessen, was die islamische Geschichtsschreibung als »Auftuungskriege« bezeichnet. Utba Ibn Ghaswân, einer der Gefährten des Propheten Muhammad, führte die entscheidende Schlacht um Basra. Er war es, der im Jahre 636 n. Chr. (14 n. H.) die Gründung der Stadt befahl. So wurde Basra zur ersten Stadtgründung in islamischer Zeit. Es wurde die Stadt der Sprache, des islamischen Rechts und des Sufis Hassan al-Basri, des Gründers einer eigenen Schule, der »liberalen« Schule von Basra, im Gegensatz zur »strengen« Schule von Kufa. Basra, das den größten sunnitischen Friedhof des Iraks besitzt, wo Hassan al-Basri und der Traumdeuter Ibn Sirîn ihre letzte Ruhestätte haben, wuchs in jener Zeit rasch an und blieb, bis Bagdads Stern aufging, ein Zentrum von Wissenschaft und Wirtschaft. Es gab den Mirbad von Basra, ein »Literaturfestival«, bei dem Gedichte vor den großen Dichtern, Sprachgelehrten und Poesiesachverständigen vorgetragen wurden. Es hieß: Der Irak ist das Auge der Welt, Basra ist das Auge des Iraks und der Mirbad ist das Auge Basras. Doch war die Stadt, wie alle großen Metropolen in früherer Zeit, im Lauf seiner Geschichte zahlreichen Angriffen ausgesetzt und erlebte viele Revolutionen. Einige von ihnen dokumentierten Ausnahmegeschichte – nicht nur für den Irak, sondern auch für die umliegende Golfregion: beispielsweise die Revolution der Sandsch oder diejenige der Karmaten, bevor die Mongolen auf ihrem Weg nach Bagdad in die Stadt kamen. Und als der türkische Sultan Sulaimân der Prächtige, al-Kanûni, im Jahre 1534 Bagdad besetzte, beließ er Basra unter der Regentschaft der muslimischen Araber, die die Mongolen verjagt hatten. Bis zur Ankunft der britischen Streitkräfte, die im Jahre 1914 die Türken vertrieben, war Basra neben Bagdad und Mossul einer der drei Verwaltungsbezirke, in die der Irak aufgeteilt war. Basra, das man auch den »lächelnden Mund des Iraks« nannte, verlor durch all die Kriege und all die Mühsale, die es im 20. Jahrhundert erlebte, viel von seiner Schönheit: der Hafen wurde vernachlässigt, die Wasserversorgung verfiel; die Palmen, für die die unzähligen Gärten und Haine in und um die Stadt bis an die Grenzen Irans berühmt waren, verbrannten oder wurden vernachlässigt und vertrockneten. Neun Millionen Palmbäume fielen den Kriegen des Diktators Saddâm Hussain zum Opfer.

Die viertgrößte Stadt im Irak, Erbîl, wurde von den Sumerern gegründet, die um 2300 v. Chr. aus dem Süden Mesopotamiens kamen, und hat über Jahrhunderte eine wichtige Rolle gespielt. Der Name geht auf den assyrischen Namen der Stadt, Erbiluwâw, das heißt »vier Gottheiten«, zurück – ein Hinweis auf die wichtigen assyrischen Tempel in der Stadt. Erbîl galt den Assyrern als heilig und war eines ihrer Zentren der Ischtâr-Verehrung. Ihre Könige pilgerten vor jeder militärischen Unternehmung dorthin. Im 3. Jahrhundert n. Chr. wurde die Stadt christianisiert, hieß seitdem Arâmi Hidschâb und wurde eines der wichtigsten nestorianischen Zentren im Irak. Bedeutende Könige und Militärführer zogen durch die Stadt: Alexander der Große zum Beispiel oder Saladin, der Ajjubide. Die muslimischen Araber kamen im Jahre 653 n. Chr. unter dem Kalifen Umar Ibn al-Chattâb. Erbîl ist heute die administrative und politische Hauptstadt irakisch Kurdistans, und wird noch immer von unterschiedlichen christlichen Gruppen bewohnt. Das chaldäische Madînat Ankâwa ist Zeuge alter syrisch-aramäischer Kultur, und die Zitadelle und die alten Klöster in der Umgebung erinnern an das historische Erbîl.

Bagdad besitzt keine vergleichbare alte Geschichte. Diese Stadt wurde im Jahr 762 n. Chr. auf Geheiß des zweiten Abbassidenkalifen Abu Dschaafar al-Mansûr gegründet. Alles, was über sie aus der Zeit vor ihrer Gründung erzählt wird, entstammt dem Reich der Phantasie. So soll der Ort ursprünglich ein persisches Dorf mit Namen Bâgh Dâd gewesen sein; oder sein Name soll früher Bâbeli gewesen sein, was von den Göttern stamme. Ich glaube, dass diese Phantasien sich in nichts von den Phantastereien des kleinen Jungen unterscheiden, der ich damals war. Es sind nichts als Versuche seitens der Liebhaber von Bagdad, ihre Stadt, über die sie eifersüchtig wachten, zur bedeutendsten Stadt im Zweistromland zu erklären, wichtiger als Mossul, Basra und Erbîl, als Ninive, Basrajâtha und Erbilwâw.

Die Lage dreier großer Städte war bekannt: Basra südlich, die beiden anderen, Mossul und Erbîl, nördlich von Bagdad. Aber Abu Dschaafar al-Mansûr (754–775) wollte einen völlig neuen Ort für seine Residenz suchen, ja er dachte nicht einmal über eine andere geeignete Stelle nach, nur sechzig Kilometer südlich von Bagdad, die aber am Euphrat lag, nicht am Tigris wie Bagdad. Ich meine die Stadt Babel, die eindeutig älter ist als die anderen drei. Es gibt nur zwei Städte in Mesopotamien, die älter sind als Babel, beide sumerisch: Uruk (al-Warkâ‘) und Ur. Ich weiß nicht, welchen Weg die Truppen der Abbassiden gegen die Umajjaden genommen haben, deren Staat sie stürzten. Sicher war die Stelle, auf der Abu Dschaafar al-Mansûr seine neue Hauptstadt zu errichten beschloss, nicht die einzig mögliche. Sein sechs Jahre jüngerer Bruder, Abu l-Abbâs al-Saffâch, der erste Kalif des Abbassidenreichs, den man Schlächter nannte, weil er viel Blut vergoss und viele Menschen töten ließ, wählte für sich einen anderen Ort als Hauptstadt, an einer völlig anderen Stelle, und nannte diese Haschimîja. Das war, unmittelbar östlich an das Jordantal anschließend, dort, wo früher einmal die Stadt Fâra stand, ein Ort, der auf römische Zeit zurückging. Abu Dschaafar al-Mansûr beschloss, seine neue Hauptstadt aus einem Guss zu bauen, etwa 800 Kilometer entfernt von der Stadt seines Bruders. Das muss auf den ersten Blick wirklich seltsam erscheinen. Doch wenn man überlegt, was der Kalif wollte und plante, ist es überhaupt nicht abwegig.

Alle Chroniken sind sich einig, dass Bagdad auf Wunsch des Kalifen Abu Dschaafar al-Mansûr gebaut wurde, und zwar weit weg von Städten wie Basra und Kufa, in denen es dauernd Unruhen gegen den Herrscher gab. Ein hübsch gelegener Ort mit einem gemäßigten Klima sollte es sein. Darum wählte er, so heißt es, für Bagdad jene Stelle am Ufer des Tigris und legte im Jahre 762 n. Chr. mit eigener Hand den Grundstein. Er hatte eine Anzahl Architekten ausgewählt, die den Bau beaufsichtigen sollten. Ihnen standen zahlreiche exzellente Baumeister und Handwerker zur Seite. Es verwundert nicht, dass die Stadt, gemessen an den technischen Möglichkeiten jener Epoche, in Rekordzeit entstand. Nur vier Jahre nach der Grundsteinlegung war der Bau abgeschlossen und die Stadt bereit für den Einzug des Kalifen samt seinem Hof und den staatlichen Ämtern. Damit war Bagdad zur Hauptstadt des Abbassidenreichs geworden. Al-Mansûr begnügte sich aber nicht mit der Stadtgründung auf dem westlichen Tigrisufer, dem heutigen Karch, sondern wirkte schon zwei Jahre später, im Jahre 768 n. Chr., darauf hin, sie durch die Errichtung einer weiteren Stadt auf dem Ostufer zu erweitern, die er Russâfa nannte. Diese Stadt machte er zum Sitz seines Sohnes und Thronfolgers al-Mahdi und ließ sie mit Wall und Graben, mit einer Moschee und einem Palast versehen. Sehr bald schon florierte Russâfa, dehnte sich aus und wurde zum gesuchten Wohnort. Dies führte zu einer Zweiteilung: Karch war der Sitz des Kalifenpalasts (heute Palast der Republik und Grüne Zone), Russâfa war Sitz der meisten staatlichen Ämter. Unter al-Mansûrs Enkel Harûn al-Raschîd, den man durch die Geschichten aus Tausendundeine Nacht und durch seine Kontakte zu Kaiser Karl dem Großen kennt, wurde Bagdad zur weltweit größten Stadt, in der Kultur und Wissenschaft blühten wie nirgendwo sonst.

Bagdads Geschichte ist mit der Geschichte des Abbassidenkalifats, wenn nicht sogar mit der Geschichte der islamisch-arabischen Welt aufs engste verknüpft – und zwar von 762 n. Chr. bis 1258 n. Chr., dem Jahr, als die Stadt in die Hand der Mongolen unter Hülägü (um 1217–1265) fiel. 1258 war das Jahr, in dem Bagdad als »Hauptstadt der Welt«, wie sie zur Zeit des Kalifen Harûn al-Raschîd und seines Sohnes al-Maamûn genannt wurde, unterging. Diese Stadt war auch durch ihre Anlage als Rundstadt einzigartig gewesen. Die Mehrzahl der islamischen Städte war dagegen rechteckig wie Fustât oder quadratisch wie Kairo oder oval wie Sanaa. Der Grund dafür lag möglicherweise darin, dass diese Städte neben Erhebungen entstanden, die eine Rundform verhinderten. Mit Bagdad entstand eine neue Richtung in der islamischen Architektur. Andere von den Abbassiden errichteten Städte folgten diesem Beispiel, Samarra etwa mit seinen prächtigen Moscheen und Palästen. Neben der baulichen Gestaltung gab es die Dekoration, die man als die Sprache der islamischen Kunst bezeichnet. Sie findet sich an Moscheen, Palästen, Kuppeln in geometrischen und floralen Ziermustern und ruft beim Betrachter Ruhe, Entspannung und Entzücken hervor. Im Westen nennt man diese Art islamischer Kunst Arabesken.

Auch wenn die Chroniken darüber schweigen, al-Mansûr hatte die Wahl des Ortes für den Bau Bagdads mit Sicherheit nicht dem Zufall überlassen. Zweifellos bestärkten ihn das ausgewogene Klima und die Stelle, auf der der Kalif die Stadt und seinen Palast errichten ließ. Meiner Meinung nach war der Hauptgrund für seine Entscheidung ein anderer – und der stand im Zusammenhang mit einem Problem, das den Abbassidenstaat von Anfang an begleitete. Ich meine, dass die Abbassiden ohne persische Hilfe weder imstande waren, die Umajjadendynastie zu stürzen, noch später einen starken Staat zu errichten, besonders im Bereich der Verwaltungs-, Steuer- und Heeresordnung. Es waren die unter dem Befehl des Persers Abu Muslim al-Chorasâni kämpfenden Soldaten, die die Umajjaden besiegten und Abu l-Abbâs, den Schlächter, als ersten Kalifen auf dem Abbassidenthron einsetzten. Es war dann die Familie der Barmakiden, die den Staat zur Zeit des Kalifen Harûn al-Raschîd führte und einen so großen Einfluss ausübte, dass während der Regierungszeit Harûn al-Raschîds nichts im Staat – kein Projekt, kein Handel und kein Geschäft – ohne die Vermittlung eines Mitglieds dieser Barmakiden getätigt werden konnte.

Abu Dschaafar al-Mansûr hätte sich durchaus in Haschimîja einrichten können, der Stadt, die sein Bruder Abu l-Abbâs zur Hauptstadt erkoren hatte: Haschimîja lag in einer Gegend mit erträglichem Klima, umgeben von Bergen und nach Westen hin auf das fruchtbare Jordantal geöffnet. Doch das wollte er nicht. Er brauchte ein neues Symbol, ein sichtbares und kräftiges Symbol, nicht allzu weit von der Provinz Chorasân entfernt, von wo aus die Abbassiden gegen die Umajjaden zu Felde gezogen waren, einen Ort, der in der Nähe des mächtigsten persischen Palasts lag, jenes Zeugen ihrer Kultur und ihres Reichs, das jahrhundertelang über das Zweistromland geherrscht hatte. Vor Abu Muslim al-Chorasâni und dem Einfluss seiner Gefolgschaft auf die Abbassiden hatten in Mesopotamien lange Zeit die Sassaniden geherrscht. Kaiser Chosroe residierte in der Stadt Madâïn, dem heutigen Salmânbey. Diese Hauptstadt der Sassaniden unter Chosroe besaß noch immer gewaltige Macht. Madâïn, »Chosroes Halsband«, nur etwa zwanzig bis dreißig Kilometer südöstlich des heutigen Bagdad gelegen, war ganz sicher eine veritable Herausforderung für Abu Dschaafar al-Mansûr. Vielleicht hätte er die Stadt gern zerstört, war dazu aber nicht in der Lage. Warum also nicht eine Stadt bauen, die die andere in jeder Hinsicht an Pracht übertraf? Warum nicht eine Stadt gründen, die zum neuen kulturellen Zentrum der Welt würde, bedeutender als die sassanidische Kultur?

Bagdad wurde nicht zufällig gegründet. Vielleicht dachte Abu Dschaafar al-Mansûr, die Entstehung einer neuen Dynastie erfordere auch den Bau einer neuen Stadt, und schuf so im Irak eine Tradition: Alle Familien und Geschlechter, die künftig in Bagdad herrschten, Personen aus anderen Völkern und Reichen oder doch aus anderen Städten, sollten Fremdlinge in der Stadt bleiben (bis heute haben diejenigen, die im Palast der Republik oder in der Grünen Zone in Bagdad sitzen, keinerlei Bezug zur Stadt). Fremde aufzunehmen scheint Bagdads unabänderliches Schicksal zu sein. Und diese Fremden haben mit wenigen Ausnahmen mit großem Eifer Zerstörung gesät und Vernichtung verbreitet. Araber oder Nichtaraber, Muslime, Buddhisten, Christen oder Heiden, Mongolen oder Sassaniden, Türken oder Saudis, Beduinen oder Räuber, Dörfler oder Turbanträger. Das Ausmaß der Zerstörung, das diese Stadt erlebte, übertrifft bei weitem alles, was die drei anderen Städte des Zweistromlands im Lauf ihrer langen Geschichte erlitten haben.

All das wusste ich noch nicht, als ich die Postkarten sammelte, die mein Vater uns aus Bagdad schickte. Doch wenn ich sie mir jetzt anschaue, wird mir klar, dass sie Dokumente der Zerstörung sind. Sie zeigen markante Gebäude der Stadt, die, soweit sie nicht schon damals verschwunden waren, in den 1960er Jahren verschwanden oder im Lauf der folgenden Zeit zerstört wurden. Jenes Bagdad hatte mit der Zivilisation, die ihm zugrunde lag, zu existieren aufgehört. Das abbassidische Bagdad gehörte einer längst vergangenen Zeit an, einer endgültig verschwundenen Epoche. Bagdad starb am 10. Februar 1258, als Hülägü in die Stadt einbrach, über zwei Millionen Menschen umbrachte und nur Spuren der Verwüstung und Zerstörung hinterließ. Die Wasser des Tigris sollen vom Blut rot gefärbt gewesen sein. Moscheen und Paläste, Bibliotheken und Krankenhäuser wurden gebrandschatzt. Tausende wertvoller Bücher über Medizin, Astronomie, Wissenschaft und Literatur im »Haus der Weisheit« verbrannte Hülägüs Soldateska. Die großen Gebäude, an denen Generationen gearbeitet haben, wurden geplündert, verbrannt und dann dem Erdboden gleichgemacht. Hülägü war gezwungen, wegen des Verwesungsgestanks, der von der Stadt ausging, sein Heerlager auf die dem Wind abgewandte Seite der Stadt zu verlegen. Das war Bagdad, die Verwüstete.

Um die Stadt zu neuem Leben zu erwecken, brauchte es jemanden, der ihr neuen Geist einhauchte, nicht notwendigerweise den Geist seines Gründers, sondern einen Geist, den die Stadt für sich selbst suchte: Bagdad war es leid, die Rolle zu spielen, die die Großen ihm zuwiesen. Diesmal wollte die Stadt nur in den Augen der Kinder leben. Wie der syrische Dichter Nisâr Kabbâni über sie sagte: »Deine Augen, o Bagdad, seit meiner Kindheit sind sie zwei Sonnen, schlafend unter meinen Wimpern.« Die Stadt lebt nur durch den Besuch Najems, und so bin ich wie die Stadt selbst, die auf zwei Seiten, zwei »Sonnen«, aufgeteilte Stadt, die nicht voneinander zu trennen sind: Karch und Russâfa. Auch ich bin zweigeteilt: ein Najem, der in Bagdad lebt, und ein anderer, der weit weg lebt. Und nur auf diese Art existieren wir beide.

 

4

Die Grußpostkarten

 

Auf jeder Postkarte meines Vaters, die ich aufhob und sauber chronologisch geordnet in mein hübsches Heft klebte, sah ich eine Stadt, die zu Amâra, der Stadt, in der ich lebte, keinerlei Bezug hatte, nicht nur weil Bagdad die Hauptstadt des Iraks war und alle ständig über die Hauptstadt redeten, sondern mehr noch weil sie neben alten Bauwerken und alten Gassen auch moderne Straßen und Gebäude enthielt. Die Menschen, die ich auf diesen Karten sah, kamen mir vor wie aus anderen Zeiten. Mag sein, dass dafür die Geschichten verantwortlich sind, die meine Mutter mir beim Eintreffen jeder neuen Karte erzählte, oder die Kraft der Bilder, die jeden Betrachter ahnen lassen, dass dies eine Stadt mit einer ureigenen Geschichte ist – entstanden aus vielen Dynastien, die sie beherrscht, vielen Zivilisationen, die auf sie gewirkt haben. Als Kind wusste ich nicht, dass die Schönheit Bagdads, die ich auf jeder Postkarte bewunderte – später auch auf Schwarz-Weiß-Bildern, auf Karten und auf Gemälden –, ihren Ursprung darin hatte, dass die Stadt fremd in ihrer Umgebung war. Sie war wie eine von allen geliebte, hinreißende Kreatur, begehrt von Liebhabern aus aller Welt: manche näherten sich ihr mit Freundlichkeit, andere mit Barschheit. Und wer ihre Liebe nicht zu gewinnen vermochte, den spie sie aus und sann auf ihre Zerstörung – meist Schritt für Schritt, in Ausnahmefällen auf einen Schlag. Der Karten sammelnde Junge wusste nicht, dass Bagdad, diese schöne Frau, dort als Fremde geboren war. Er stellte sich die Stadt vor, mit jeder neuen Geschichte aus dem Mund der Mutter um ein weiteres Bild bereichert. Bild um Bild, Geschichte um Geschichte. So formte sich Bagdad für ihn nach und nach.

365 Kilometer liegt Bagdad von Amâra entfernt, aber mit jeder Geschichte, die meine Mutter erzählte, kam mir die Stadt einen Schritt näher, und jeder Tag, an dem ich eine Ansichtskarte erhielt, war ein Freudentag, nicht nur für mich, auch für meine Mutter, die sich sichtbar veränderte: Sie lachte laut, wenn sie sich mit unseren Nachbarn oder mit ihren Freundinnen unterhielt, im Sommer auf dem Hof, im Winter im Salon. Ich verzieh es ihr, wenn sie ihnen die Karten zeigte, sobald der Postbote, unser Nachbar Atwân, sie gebracht hatte. »Schaut nur, wie wunderschön Bagdad ist!«, sagte meine Mutter, und für eine Weile drängten alle sich gestikulierend um sie. Beim Gott wohlgefälligen Abbâs, lass mich auch einen Blick darauf werfen!

Ich weiß nicht genau, welchen Berufen die Ehemänner der Freundinnen meiner Mutter nachgingen. Nur von einigen habe ich es erfahren. Da war Dâghi zum Beispiel, Umm Kâssim, die Frau von Hadsch Mutaschar, dem Freund meines Vaters, eine schweigsame, ruhige Frau, gleichzeitig die schönste unter den Freundinnen meiner Mutter, dann Marâm, unsere Nachbarin, die im Gegensatz zu Dâghi eine lockere Zunge besaß und ständig von ihrem Mann, Abu Malak, mit seinen enormen sexuellen Fähigkeiten redete. Wenn er eine Viertelflasche Arrak geleert habe, lasse er sie die ganze Nacht nicht schlafen. »Er kommt dauernd rein«, sagte sie und meinte seinen, wie sie es formulierte, die ganze Nacht über steifen Schwanz. Dann kommentierte meine Großmutter: »Er kann’s nicht besser.« Dâghis Mann besaß wie mein Vater zwei Transportautos auf der Bagdad-Amâra-Route. Der Mann der zweiten, Umm Malak, war Automechaniker und hatte einen Dodge. Es war, daran erinnere ich mich noch immer, der Einzige im Viertel. Die beruflichen Tätigkeiten der anderen Ehemänner habe ich nie erfahren oder sie inzwischen wieder vergessen. Aber sogar Dâghi, deren Mann ebenfalls nach Bagdad fuhr, bat meine Mutter, die Postkarten ansehen zu dürfen, wenn sie uns besuchen kam. Meine Mutter zeigte die Karten voller Stolz herum, obwohl mein Vater auf die Rückseite nichts als unsere Adresse schrieb: Amâra, Machmudîja-Viertel, Abdalrachîm-al-Muchtâr-Gebäude, Wohnung von Abdallah Wâli. Unter der Adresse stand höchstens noch ein kurzer Satz wie »Meine Grüße an die ganze Familie«. Atwân sagte immer, wenn er meiner Mutter die Karte aushändigte, es brauche gar nicht die genaue Adresse, einfach Amâra, das genüge schon, damit die Karte im Postamt ankäme. Wenn man die Postsäcke leere und diese Art Karten sehe, sage er zu seinen Kollegen, den Postboten in anderen Vierteln, sie bräuchten sie gar nicht erst umzudrehen und die Adresse zu lesen, sie könnten sie gleich ihm überlassen. Es gebe nur einen, der so hübsche Ansichtskarten von Bagdad schicke, und das sei Abdallah. Auch die Frauen wussten das. Sie waren hingerissen und unterhielten sich lautstark darüber, während die Karte von Hand zu Hand wanderte. Manchmal gab eine sie nicht weiter, sondern legte sie mitten in den Frauenkreis, wo alle sie neugierig betrachteten. Es gab immer Kommentare und Geschichten. Meine Mutter war freudig erregt, weshalb ich ihr sogar verzieh, wenn sie die Postkarte ihren Freundinnen zeigte, bevor ich sie sehen durfte. Ich rannte auch nie zu meiner Mutter, um die Karte zu stibitzen. Ich betrachtete einfach das Geschehen, in freudiger Erwartung, dass dieses Bild, das die Freundinnen meiner Mutter in Erstaunen versetzte, schließlich in meinem hübschen Heft enden würde, neben den anderen Bildern, in Vorfreude auf die Geschichte, die meine Mutter mir später erzählen würde, wenn wir allein mit der Postkarte wären, entweder auf dem Hof oder im Salon, gleich wenn die Frauen gegangen wären, oder später am Abend, wenn wir zu Bett gingen. Bis zur Geburt meiner Schwester Nawâl durfte ich nämlich, wenn mein Vater in Bagdad war, neben ihr schlafen. Dann hielt sie die Karte in die Höhe und begann die Geschichte zu erzählen. Sie erzählte und erzählte, als wollte sie ihr Wissen, das sie aus dem Erdkunde- oder Geschichtsunterricht mitgebracht hatte, auf die Bilder anwenden. Wenn sie sich danach zu mir drehte, um zu sehen, welchen Eindruck ihre Erzählung auf mich gemacht hatte, stellte sie fest, dass ich eingeschlafen war. Dann gab sie mir einen Kuss, schob die Postkarte unters Kopfkissen und sagte: »Bis zur nächsten Karte und einer neuen Geschichte.« Das war ihr Ritual. Es waren viele Geschichten, die mir meine Mutter so erzählte. Einige davon gingen gemeinsam mit den Karten verloren, andere blieben mir im Gedächtnis, mit Bagdad verknüpft, überwiegend aber mit meiner Mutter. Bei meinen letzten Besuchen bei ihr erinnerte ich sie an diese Geschichten, oder sie erinnerte mich an jene, die ich vergessen hatte. »Hättest du nicht immer gedrängt, hätte mich vielleicht keine Phantasie zum Erzählen dieser Geschichten beflügelt«, meinte sie lachend. »Wie wahr!«, antwortete ich.

Natürlich hatte meine Mutter recht. Manchmal musste sie einfach erzählen, selbst wenn sie wegen der Hausarbeit, wegen der Gastgeberinnenpflichten ihren Freundinnen gegenüber oder aus anderen Gründen müde war. Nicht dass sie auf diesen Postkarten etwas gab, das sie bewegte, und wäre es nur ein Zeichen der Zuneigung von Seiten meines Vaters gewesen. Doch vielleicht fand sie darin einen Ersatz für ihren Traum, nach Bagdad zu gehen. Diesen Traum hat meine Mutter nie aufgegeben. Sie träumte immer davon, in Bagdad zu leben, in der Hauptstadt. Ich frage mich, ob es damit zu tun hatte, dass sie ihre Kindheit in der Stadt Kût verbrachte, von wo es nach Bagdad nur noch 161 Kilometer sind. Ihr Vater arbeitete damals in Kût als Fleischer, später zog er um und war bis zu seinem Tod als Inspektor für die irakische Dattelgesellschaft am Bahnhof in Basra tätig, damals Makal genannt. In Kût, das unter der Diktatur den Namen Wâssit erhalten sollte, ging meine Mutter zur Schule und hatte immer ausgezeichnete Noten. Als sie später auf das Lehrerinnenseminar in Bagdad wechseln wollte, entschied mein Großvater, ihr das zu verbieten: »Meine Tochter geht nicht nach Bagdad auf die Schule.« Und damit blieb ihr nichts anderes übrig, als zu heiraten. Mein Vater war das genaue Gegenteil von ihr, er hatte nicht einmal die Grundschule abgeschlossen. Der Direktor verwies ihn von der Schule, weil er mit einem Projektionsapparat hantierte, den er Kino nannte. Die Schüler standen rauchend in den Toiletten der Schule und betrachteten die Bilder, die mein Großvater von einem Mister Charles bekam, einem englischen Inspektor, der viermal im Jahr kam, um die Arbeit im englischen Friedhof in Augenschein zu nehmen und den Gärtnern, deren Boss mein Großvater war, ihren Lohn auszuzahlen. Aber vielleicht war es nicht nur das, was den Blick meiner Mutter auf meinen Vater lenkte, sein Verhältnis zum Kino und zu den Künsten im Allgemeinen. Mein Vater war auch ihr Cousin – der Sohn der Schwester ihres Vaters –, und bei seinen Besuchen im Haus meiner Großmutter in Amâra verliebte sie sich in ihn. Er war einer von wenigen in der Stadt, die damals ein Grammophon besaßen, und dadurch sehr attraktiv. Welches Mädchen würde sich nicht angezogen fühlen und sich verlieben beim Klang der Musik von Muhammad Abdalwahhâb und den Liedern von Umm Kulthûm? Und nicht nur das, immer wenn meine Mutter meinen Vater zu Schallplatten befragte, die sie zum ersten Mal bei ihm sah, erklärte er ihr, er habe sie aus Bagdad mitgebracht. Bagdad, der Traum meiner Mutter vom Studium am Lehrerinnenseminar, ihr fixer Traum, erreichte sie damals in Form von Schallplatten, später von Postkarten.

Der Dichter Badr Schâkir al-Sajjâb, der aus Basra stammte, saß einmal in einem Café in Kuwait, nur etwa dreißig Kilometer von Basra entfernt, und hörte auf einem Grammophon ein irakisches Lied. Da packte ihn das Heimweh, und er schrieb: »Gestern kamst du zu mir, mein Irak, auf einer Schallplatte.« Meine Mutter hätte dasselbe sagen können, zunächst vor ihrer Heirat: »Gestern kamst du, mein Bagdad, als eine Schallplatte.« Später, nach ihrer Heirat: »Gestern kamst du, mein Bagdad, in Form einer Ansichtskarte.« Und weil das Grammophon aus dem Haus verschwunden ist, mein Vater hat es verkauft und durch ein großes Philips-Radio ersetzt, blieb ihr am Ende nur das Bagdad der Ansichtskarten.

 

5

Eine Stadt zwischen Kleiderschrank und Kopfkissen

 

Einige dieser Postkarten hat meine Mutter viele Tage behalten – zufällig oder absichtlich. Sie hat sie vor mir versteckt, aber ich habe sie gefunden. Bei denjenigen, die sie unter dem Kissen »vergessen« hatte, war das nicht schwer. Aber diejenigen, die sie – außerhalb meiner Reichweite, wie sie meinte – in ihre Handtasche oder anderswohin gesteckt hatte, fielen mir oft erst nach Tagen in die Hände, meistens zufällig. Doch im Lauf der Zeit fand ich praktisch alle ihre »geheimen« Orte heraus: im Kleiderschrank, im Nachttisch oder in der Außentasche des großen Reisekoffers, unterm Bett, sogar hinter dem großen Philips-Radio. Natürlich habe ich sie damals nicht gefragt, warum sie gerade diese oder jene Postkarte versteckte. Im Allgemeinen schob sie die Ansichtskarte, über die sie mir erzählte, unters Kopfkissen, dort fand ich sie am nächsten Morgen. Kaum wach, zog ich sie hocherfreut hervor und klebte sie, oft noch vor dem Frühstück, in mein Heft. Manchmal aber fand ich zu meiner Überraschung am folgenden Morgen keine Karte am gewohnten Ort. Wenn ich meine Mutter umarmte und danach fragte, lachte sie: »Gestern Abend? Postkarte? Du hast wohl geträumt!« Da all mein Betteln nichts nützte, fügte ich mich und glaubte ihr. Nachdem sich solche Vorfälle wiederholten und ich danach manche dieser Karten zufällig fand, nahm ich an, meine Mutter verstecke und verleugne sie, um mit mir zu spielen, und weil mir das Spiel gefiel, verriet ich nie, dass ich die versteckten Karten gefunden hatte. Ich klebte sie in mein Heft, ohne ihr davon zu erzählen. Auch sie stellte keine Fragen, auch sie schien Gefallen an der Sache zu finden. Denn ich hielt dieses Heft weder vor ihr noch vor sonst jemandem geheim. Später zeigte ich es sogar meiner Schwester. Und ganz sicher hat meine Mutter dann die eingeklebten Postkarten gesehen. Natürlich wusste ich damals nicht, warum sie die eine und nicht die andere Karte für ihr Versteckspiel mit mir auswählte.

Auf einer dieser Karten war, wie ich mich erinnere, das Grab von Prinzessin Subaida, genannt Sumurrud Chatûn, abgebildet, eines der markanten Gräber auf dem Schunisîja-Friedhof, dem alten Klostertor-Friedhof in Karch. Es ist eines der auf einem weiten Gürtel Land um die Moschee des Sufischeichs Maarûf gelegenen archäologischen und historischen Monumente. Natürlich war meine Mutter begierig, die Geschichte der Prinzessin Subaida zu erzählen. Dabei verriet ihre Stimme Bewegung und Kummer. Sie erzählte von dieser Frau, als ob es sich um eine ihrer Freundinnen handelte, mit denen sie noch vor kurzem im Salon zusammengesessen hatte – es war Herbst und etwas kühl, ein Hauch von Melancholie lag über allem, wie überall auf der Welt im Herbst. Erst später entdeckte ich, dass sie nicht die Einzige war, die so leidenschaftlich von Subaida oder eben Sajjida Sumurrud Chatûn sprach, dabei aber eine andere Subaida meinte. An jenem Herbsttag erzählte meine Mutter Subaidas Geschichte und scheute keine Mühe, sie durch Zusätze hier und dort als ihre eigene erscheinen zu lassen. Ich glaube nicht, dass Authentizität oder Wahrheitsgehalt der Geschichte sie in gleicher Weise beschäftigten wie die von ihr beabsichtigte Verbindung: Erstens ging es ihr um ihre eigene Beziehung zu Bagdad. Schau nur, was es in Bagdad für Frauen gibt! Und was für Friedhöfe! Zweitens ging es um ihren Groll, weil sie ihre Ausbildung nicht am Lehrerinnenseminar in Bagdad fortsetzen und danach mit meinem Vater in der Hauptstadt leben durfte. Sie hatte nämlich, wie ich erfuhr, schon früher ein Auge auf meinen Vater geworfen, und wenn sie über einen Ehemann nachdachte, zog sie nie einen anderen Mann in Erwägung. »Wenn ich Lehrerin geworden wäre, würden wir in Bagdad leben«, hat sie immer wieder bekümmert erzählt, besonders in Augenblicken, wenn sie sich an zwei Freundinnen erinnerte, die das Seminar besucht hatten und beide in Bagdad wohnten. Ihr Verlust wurde zu ihrem Traum: Bagdad. Da sie ihre Ausbildung nicht hatte fortsetzen dürfen, suchte sie nach starken weiblichen Vorbildern, die ihre eigene Überzeugung stützten, dass Frauen das Recht hätten zu arbeiten, genau wie der Mann.

Von klein auf, lange bevor sie mir die Geschichte erzählte, mahnte mich meine Mutter zu Achtsamkeit. Später würde ich vieles hören, was nichts anderes zum Ziel hätte, als die Frau als Mensch herabzusetzen. Dabei seien die Leistungen der Frau an sich bekannt und greifbar, die Geschichte belege es, jeder wisse das. Aber die Menschen verdrehten die Tatsachen. »Tausende von Frauen sind im Schatten geblieben, obwohl sie der Menschheit Dienste erwiesen haben«, erzählte sie mir. »Prinzessin Subaida, die Frau des Abbassidenkalifen Harûn al-Raschîd, war eine der Heldinnen islamischer Geschichte, die Initiantin des ersten großen Wasserbauprojekts der Geschichte. Weißt du, warum ihr Großvater, der Kalif Abu Dschaafar al-Mansûr, sie Subaida nennen ließ? Ich will es dir sagen: Sie war hellhäutig und wunderschön, und ihr Name ist die Verkleinerung von subda, Rahm. Ihr Großvater gab ihr diesen Namen als Kosenamen wegen ihrer rahmhellen, weichen Haut. Verstehst du?« Natürlich verstand ich, aber mehr als die Schönheit der Prinzessin gab mir der Rahm zu denken, der offenbar früher einmal weiß war, nicht gelb, wie der, den Mutter am Morgen bei den Frauen aus der Umgebung der Stadt kaufte und den wir normalerweise als Häubchen auf der Sauermilch (rauba) hatten, die wir am Abend aßen. Meine Mutter unterbrach meine Überlegungen, holte mich aus meiner Gedankenwelt zurück und erzählte weiter, dass sich Subaida trotz ihrer Schönheit und ihres Feingefühls einer scharfen Intelligenz erfreute, außerdem sei sie mutig gewesen und habe auch zahlreiche kreative Werke hinterlassen.

Seltsam fand ich, dass Schönheit und Feingefühl im Gegensatz zu Intelligenz und Mut stehen sollten. Als ich meine Mutter danach fragte, meinte sie, um die Antwort zu finden, müsse ich die Geschichte hören:

»Es war einmal in alter Zeit eine Prinzessin, die war ein Inbegriff an Schönheit und Jugendfrische. Sie hieß Subaida. An einem dieser für immer denkwürdigen Tage zog sie mit Harûn al-Raschîd, der ihr Ehemann und der Kalif der Muslime war, an der Spitze einer großen Karawane aus Bagdad hinaus, um die Pilgerfahrt ins ehrwürdige Mekka zu unternehmen. Während sie nun unterwegs waren, entging ihr nicht, dass die Pilger Wasser benötigten und auf der beschwerlichen Reise keines fanden. Da dachte sie: Warum sollte ich nicht ein Projekt in die Wege leiten, das den Pilgern dient: ein flussgleicher Wasserlauf mit Schöpfstellen entlang dem Weg der Pilger vom Irak bis ins ehrwürdige Mekka? Als sie diese Idee ihrer Umgebung mitteilte, erschien sie allen unrealistisch, ja ein Phantasieprodukt. Doch nachdem Subaida die Zeremonien der Pilgerfahrt absolviert hatte, fasste sie ihren Entschluss. Sie versammelte Architekten, Bauleute und Heerführer um sich und befahl ihnen, Brunnen zu graben, ganz gleich was es koste. ›Und wenn ich bei diesem Projekt für jeden Spatenstich einen Dinar bezahlen müsste, ich werde es durchziehen‹, versprach sie. Aufgrund von Landvermessungen, die sie höchstpersönlich durchführte, wurde klar, dass man zwischen Bagdad und Mekka zwanzig Brunnen benötigte. Sie befahl, diese zu graben. Für dieses Projekt gab sie eine Million siebenhunderttausend Goldmithqâl aus. Alle wiegten bedenklich den Kopf und fragten sich, wie denn die Brunnen miteinander verbunden werden sollten. So grub man Kanäle, bis das Wasser von Brunnen zu Brunnen floss. Und jeder Brunnen war in beide Richtungen mit dem Wasserlauf zwischen Bagdad und Mekka verbunden. Dann kam die Frage auf, wie man das Wasser kühl halten konnte. Die Ingenieure schlugen vor, den Kanal abzudecken und nur einige Öffnungen zu lassen, durch die sich die Pilger auf ihrem langen Weg des Wassers zur rituellen Reinigung und zum Trinken bedienen konnten. Außerdem versuchten die Bauverantwortlichen so, das Wasser vor den Fluten und gegen Witterungseinflüsse zu schützen. Wenn die Flut kam, konnte sie den Damm nicht zerstören. Das Gesamtbauwerk nannte man ›Subaidas Quelle‹.

Das Hübsche daran ist, mein Junge«, fuhr meine Mutter lächelnd fort, »dass Frau Subaida nach Beendigung des Projekts die Ingenieure und alle Bauspezialisten und Arbeiter mit ihren Kladden zur Abrechnung zusammenrief. Sie nahm sie aber, so wird überliefert, und warf sie bei Bagdad in den Tigris. Danach hob sie ihre Hände zum Himmel und rief: ›Die Abrechnung erfolgt am Tag der Abrechnung. Wir wollen hier nicht abrechnen. Ich will nur das Gefühl haben, dass alles, was ich ausgegeben habe, für Gott ist. Von ihm stammen die Dirhams, und ihm sind sie ein Almosen.‹

Subaidas Quelle gehört zu den wichtigsten historischen Bauwerken auf der Arabischen Halbinsel, im heutigen Königreich Saudi-Arabien, mein Junge«, fuhr meine Mutter fort, als wäre sie dort gewesen oder hätte von ihrem Wasser getrunken, dabei hatte sie damals noch nicht einmal die Pilgerfahrt nach Mekka unternommen. »Gewisse Reste davon haben sich über Jahrtausende bis heute erhalten. Sie haben die Geschichte dieser großartigen Frau unauslöschlich gemacht, deren Ziel es war, den Durst der Pilger zu löschen.«

Meine Mutter schwieg eine Weile. Wahrscheinlich musste sie lange über ihren nächsten Satz nachdenken. Dann erklärte sie, und es klang wie ein Resümee, wie eine Lektion, die ich aus dieser Geschichte lernen sollte, die sie mir mit auf den Weg geben wollte: »Bemerkenswert daran ist, mein Kind, dass ihr Mann, der Kalif Harûn al-Raschîd, ihr diese Idee nicht auszureden versuchte. Er war nicht das größte Hindernis für die Erfüllung ihres Traums, wie es heute bei Frauen der Fall ist, die auf verschiedenen Gebieten Herausragendes leisten. Er lachte sie nicht aus und versuchte nicht, ihr Vorhaben zu verhindern, obwohl es zunächst nichts als ein Hirngespinst war. Er sagte nicht: ›Wie sollte eine Frau wie du ein solch enormes Projekt schultern?‹«