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Bagdad … Marlboro

 

NAJEM WALI

 

BAGDAD … MARLBORO

 

EIN ROMAN FÜR BRADLEY MANNING

 

 

Aus dem Arabischen von

Hartmut Fähndrich

 

Carl Hanser Verlag

 

Undique ad inferos tantundem viae est

Von überall her ist es gleich weit zur Unterwelt

 

Antwort des griechischen Philosophen

Anaxagoras auf die Frage, ob er nach seinem

Tod in seine Heimatstadt überführt werden wolle.

 

Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, das erst noch kommen wird. Wenn es eine gibt, ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir jeden Tag leben, die wir durch unser Zusammensein bilden. Es gibt zwei Arten, nicht unter ihr zu leiden. Die erste fällt vielen leicht: die Hölle zu akzeptieren und so sehr Teil von ihr zu werden, dass man sie nicht mehr sieht. Die zweite ist riskant und verlangt ständige Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft: zu suchen und erkennen zu lernen,wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Dauer und Raum zu geben.

Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte

 

 

Lichtsäulen

Leuchten auf in Steppennacht.

Zigaretten, die auf ewig brennen.

Schau nur

Welche Namen wir schreiben

In der Düsternis der Frontnacht

Bagdad … Marlboro.

Salmân Mâdi

 

 

Für Sâra M., weil sie mir einige ihrer Geschichten

anvertraut hat, bevor sie ging.

Für die Kommissarin Verena K., weil sie weiß,

warum diese Geschichte jetzt kommt.

INHALT

VOR DANIEL BROOKS:

ALLE WEGE FÜHREN ZUM MAIDÂN-PLATZ

1.    Der Anfang des Wegs: Irgendwo … jetzt

2.    Ein Rückblick auf den Beginn:

       Die Elendsjahre 1984 bis 1991 im Irak

3.    Der Schatten eines Dichters

 

DANIEL BROOKS:

LEBENDE TOTE

4.    Die Faszination der Marines

5.    Vergessene Kriege und solche, die noch andauern

6.    Der Weg in die Grube

 

NACH DANIEL BROOKS:

ALLE WEGE FÜHREN GEN HIMMEL

7.    Robin Hood verabschiedet sich von seinem Metier

8.    Fremder im eigenen Land

9.    Die Rückkehr zum Maidân-Platz

 

ABRUNDUNG

Dank und Würdigung

VOR DANIEL BROOKS:
ALLE WEGE FÜHREN ZUM MAIDÂN-PLATZ

1. DER ANFANG DES WEGS:
IRGENDWO … JETZT

Wenn ich meinen Reisepass betrachte und besonders meinen Namen und mein Geburtsdatum anschaue, kommt mir Daniel Brooks in den Sinn. Bis zu seinem plötzlichen Auftauchen hatte ich nie geglaubt, dass mein Leben sich je auf eine solch abrupte Weise verändern könnte, durch einen fremden Mann wie ihn, der von weit her kam.

All das geschah vor sieben Jahren in Bagdad. Es waren die schwersten und möglicherweise auch die gefährlichsten Jahre, die die Stadt je erlebt hat. Ehrlich, wenn ich an die Geschichte zurückdenke, kommt sie mir schon recht seltsam vor. Dass sich so etwas in einer Stadt wie Bagdad abgespielt haben soll! Dass zwei Männer wie wir, mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen und durch Länder, Meere und Ozeane voneinander getrennt, sich unbedingt hier begegnen sollten!

Daniel wurde am Ufer des Mississippi in New Orleans im US-Bundesstaat Louisiana geboren und wuchs in New York im Stadtteil Queens auf. Ich dagegen habe das Licht der Welt in einer kleinen Stadt im westlichen Irak am Ufer des Euphrat erblickt und bin dann am Ufer des Tigris in Bagdad aufgewachsen.

Heute sieht das alles normal und echt aus, sogar mein gefälschter Name und meine neuen Papiere, mein neuer Aufenthaltsort und das Land, das ich mir zufällig ausgewählt habe und das mir, nach einer langen Odyssee, einer fast dreijährigen Irrfahrt durch verschiedene Länder der Welt, zu einer Art Heimat wurde. Aber damals, als ich mitten in dieser brenzligen Situation steckte, kam mir das sehr anders vor. Ich ließ es einfach geschehen. Im besten Falle glaubte ich wohl, allein der Zufall habe diesen Mann hergeführt, im schlimmsten Fall glaubte ich, jemand habe ihn zu mir geschickt, um mich zu quälen. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass jemand, der Tausende von Kilometern von mir entfernt wohnte, all die Jahre auf eine Gelegenheit gewartet hatte, um mich zu treffen. Aber als der Krieg begann und die amerikanischen Truppen am 9. April 2003 in Bagdad einzogen, hatte dieser jemand gedacht: Das ist die Gelegenheit. Ich muss in die irakische Hauptstadt reisen, um diesen Mann zu suchen. Er hatte keine Ahnung, dass sich für diesen Mann, für mich, in dem Augenblick, da er an meine Tür klopft, für mich ein neues Leben beginnen wird. Auch für andere Iraker und sogar Amerikaner hat sich damals vieles verändert. Aber wenn ich jetzt eine Waage hätte, legte ich den Einmarsch der Amerikaner in die eine Waagschale und die Folgen meiner Bekanntschaft mit Daniel Brooks in die andere. Jawohl, Tausende, ja, Millionen Iraker haben danach ihre Namen geändert, aus Furcht vor Verfolgung oder weil dies üblich war, wenn eine neue Ära anbricht. Manche sind ausgewandert, andere sind geblieben. Für mich hat sich aber mein Leben verändert, vollständig. Das heißt nicht, dass das Leben, das ich jetzt führe, falsch ist oder dasjenige, das ich zuvor geführt hatte, richtig war. Sie sollen nur verstehen, dass die Person, die Ihnen diese Geschichte jetzt erzählt, eine andere ist als diejenige an dem Tag, an dem Daniel Brooks in ihr Leben trat. Wenn ich jetzt über mein Leben und alles Geschehene nachdenke, halte ich bei einem einzigen Bild inne: der Stadt Bagdad und Daniel Brooks.

Was geschah, geschah also nicht zufällig.

 

Damals, vor sieben, acht Jahren, wohnte ich in einem respektablen Stadtteil von Bagdad. Der Name bleibt hier besser unerwähnt. Wichtig ist, dass es sich nicht um ein Viertel der Altstadt handelte, sondern um eines jener neueren, die in den siebziger Jahren entstanden sind. Meine Wohnung lag an der Hauptstraße unweit des Marktes und des Polizeireviers. Verglichen mit anderen Teilen Bagdads, war diese Gegend damals relativ ruhig. Erst Ende 2003 und in den ersten drei Monaten des Jahres 2004 gab es einmal einen bewaffneten Überfall auf das Polizeirevier und einige gewaltsame Zwischenfälle. Vorher geschah in dem Viertel nichts, was einen Umzug oder gar den Verkauf des Hauses erforderlich gemacht hätte. Meine Frau hatte sich von mir getrennt und war zu ihren Eltern zurückgekehrt. Das Haus, das für mich allein etwas zu groß war, wurde zu einer Art Gefängnis. Weder die Arbeit in dem nicht ganz kleinen Vorgarten noch der Fernseher oder das Radio im Wohnzimmer trösteten mich darüber hinweg. Was sollte jemand alleine mit mehr als dreihundertfünfzig Quadratmetern anfangen, zweihundert für die Wohnung, hundertfünfzig für den Garten? Es gab eine tägliche Stromunterbrechung, die für uns schon fast selbstverständlich geworden war, und Generatoren gab es damals noch kaum.

In jenen Tagen schaute mein Neffe, der Sohn meines Bruders, hin und wieder bei mir vorbei. Er blieb ein paar Stunden und ab und zu, an Wochenenden, auch über Nacht. Neben meinem Gang zum Getränkeladen am Ende der Straße hinter meinem Haus, wo ich Arak kaufte und manchmal ein paar Minuten in der Ecke saß, die der Inhaber für Stammgäste wie mich eingerichtet hatte, war dieser Neffe meine einzige Abwechslung. Sogar die wenigen Male, die ich zum Maidân-Platz ging, um meinen Freund, den Dichter Salmân Mâdi, zu treffen, verschafften mir keine wirkliche Ablenkung. Kaum vorstellbar, wie er die Amerikaner hasste! Er wollte sogar lieber beim Maidân-Platz leben als bei Frau und Kind. »Das ist er einzige Ort, wo ich keine Amifratze sehen muss«, sagte er. Ich glaube aber, das war nur so eine Behauptung, tatsächlich ging es um etwas anderes. Salmân hatte nämlich schon vor der Ankunft der Marines dort gewohnt. Die Amerikaner waren nur ein Vorwand, um seinen Traum zu verwirklichen, in diesem Viertel zu leben und eine Art Solidarität mit den »Marginalisierten« zu praktizieren, wie er sie nannte. Er war stolz darauf, und wir wussten es.

Ich sagte, dass sogar die Gesellschaft Salmâns mir weder Trost noch Vergessen verschaffte. Eher machte mich sein Anblick noch deprimierter. Wir tranken zwar zusammen, aber Salmân soff exzessiv. Damals hielt er in jeder Ecke seiner Wohnung eine angebrochene Flasche Arak versteckt. Er fürchtete, die Vorräte auf dem Platz könnten sich erschöpfen und er würde gezwungen sein, Arak an Orten zu suchen, wo er Amerikaner sehen müsste. Ja, ich hatte eine Schwäche für Salmân. Alle wussten von unserer Freundschaft, die in die achtziger Jahre zurückreicht. Aber Salmân ist völlig verändert aus dem Kuwaitkrieg zurückgekehrt. Er versank immer tiefer in Depression, und das konnten auch die Ereignisse nach dem 9. April 2003 nicht ändern. Er wurde nur noch wütender. Stundenlang saßen wir da, ohne ein Wort zu wechseln, und wenn er einmal den Mund aufmachte, so nur, um über die ganze Welt zu schimpfen. Nichts und niemand konnte ihn zum Verstummen bringen, nur der Schlaf. Mit ihm in die Kneipe al-Gunun, »Der Irrsinn«, hinunterzugehen, war ein Erlebnis, denn wehe, er sah einen amerikanischen Soldaten oder eine Patrouille vorbeigehen! Dann kam eine Flut von Schimpfwörtern aus seinem Mund! Mit Salmân zusammenzusitzen wäre noch deprimierender, wenn ich ihm die Geschichte von meiner Trennung von Ashâr und von meiner miesen Lage erzählte.

Mit meinem Neffen war das ganz anders. Wenn er mich besuchte, war ich völlig entspannt. In seiner Gesellschaft konnte ich mein Elend zumindest vorübergehend vergessen. Er hatte gerade sein Studium an der Universität von Bagdad begonnen und freute sich über die Geschichten aus meiner Studienzeit in den siebziger Jahren. Er lachte, weil er glaubte, ich flunkerte, wenn ich ihm zum Beispiel von Studentinnen im Minirock erzählte, oder dass man den Hidschab damals überhaupt nicht kannte. Manche trugen die Abâja, nahmen sie aber ab, wenn sie in die Uni kamen, und ließen sie in der Studentinnengarderobe zurück. Und wenn man draußen vorbeiging, roch es durchs Fenster nach Zigaretten. All das erzählte ich ihm und insbesondere Geschichten von Besäufnissen. Wenn wir zusammensaßen, trank ich immer. Auf allen Bildern, die er von mir aufnahm, hatte ich ein Glas Arak in der Hand, während er selbst nicht trank, er mochte mich so sehr, dass er sogar an derselben Fakultät für Tiermedizin studierte wie ich früher einmal. Einmal fragte ich ihn, warum er dieses Fach gewählt habe. Ich hatte diesen Beruf als Tierarztleiter des Schlachthauses ja an den Nagel gehängt und mich einer anderen Tätigkeit zugewandt, die keinerlei Beziehung zur Tiermedizin besaß. »Warum sollte ich das nicht studieren«, entgegnete er, »wo du selbst doch einmal gesagt hast: Wenn die Welt ein Saustall ist, liegt ihr Zentrum im Irak. Man braucht kein Studium der Humanmedizin.« Ich konnte mich nicht daran erinnern, so etwas gesagt zu haben. Doch ich war wieder einmal betrunken und ließ meiner Phantasie freien Lauf: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich daran gedacht habe, diesen miesen und stinklangweiligen Beruf als Bauunternehmer aufzugeben, weil ich gern Schriftsteller werden wollte.« »Aber das ist im Irak und in allen anderen arabischen Ländern ein Beruf ohne Perspektive«, warf er ein. Es war ihm klar, dass man mit der Schriftstellerei kein Geld verdient und dass einem dieser Beruf nur Unannehmlichkeiten bringt. Doch er mochte mich, und ebenso wie er meinte, dass die Geschichten, die ich zum Besten gab, Produkte meiner Phantasie waren, der Phantasie eines Alkoholikers, der lieber Schriftsteller wäre, gefiel es ihm, für mich Geschichten zu erfinden und mir Aussagen oder Verhaltensweisen anzuhängen, die seiner Phantasie entstammten, der Phantasie eines gerade einmal zwanzigjährigen Mannes. Damit wollte er mir helfen, zu meinem alten Vorhaben zurückzufinden, ein Geschichtenerzähler zu werden. Weil er mich mochte, besuchte er mich, so oft er konnte, was mir Kopfzerbrechen bereitete, weil ich mir Sorgen machte, ihm könnte unterwegs etwas zustoßen. Doch auf Warnungen lautete seine Antwort konstant: »Hör mal, Onkel, in deiner Gesellschaft zu sein wiegt alles auf, was draußen an Vernichtung und Zerstörung geschieht.« Obwohl er wusste, dass sein Vater mit diesen Besuchen nicht einverstanden war, kam er regelmäßig. Und wenn es, während vorlesungsfreier Tage zum Beispiel, nicht ging, weil er seine Familie besuchte, hockte ich, Arak trinkend, allein im Haus oder ich fuhr in mein kleines Büro im Universitätsviertel an der Abu-Ghuraîb-Straße, direkt gegenüber der Biskuitfabrik. Erinnern Sie sich? Diese Fabrik, die ein österreichisches Konsortium in Bagdad in den fünfziger Jahren baute. Weil es aber eigentlich nichts oder nur wenig zu tun gab und ich den Ort im Grunde nicht mochte, blieb ich immer häufiger zu Hause. Ich schickte die drei Angestellten, die für Büroarbeiten zuständig waren, heim und behielt nur Hassan, einen einfachen Arbeiter, der auf das Büro aufpasste und mir Tee oder Mezze bereitete, wenn ich kam, um allein oder in Begleitung eines Freundes etwas zu trinken. Aber als Hassan mir eines Tages mitteilte, am Abend zuvor sei zu vorgerückter Stunde eine amerikanische Patrouille vorbeigekommen, weil vor dem Gebäude eine Rakete abgeschossen worden war, sagte ich ihm: »Vielleicht solltest du jetzt auch gehen. Es ist inzwischen wirklich gefährlich geworden.« Doch er weigerte sich. Er bleibe hier. Erstens hätten die Amerikaner die Abschussrampe gefunden, und zweitens kenne er den jungen Mann, der sie aufgestellt hatte. Er, Hassan, hatte ihn sogar aufgesucht und ihn vor seiner ganzen Familie gewarnt, das bleiben zu lassen. Er solle gefälligst seine Raketen woanders abschießen. Da Hassan darauf bestand zu bleiben, gab es für mich keinen triftigen Grund, im Büro weiterhin anwesend zu sein. Ich ließ ihn gewähren, rief ihn aber von Zeit zu Zeit von zu Hause an.

 

Am Abend des 31. März 2004 berichteten die Medien vom Tod von vier Söldnern, die zur Blackwater-Organisation gehörten. An einem 31. März wurde auch die Irakische Kommunistische Partei gegründet. Ich wusste davon, wegen meiner Bekanntschaft mit Kommilitonen an der tiermedizinischen Fakultät (von denen einige gute Freunde werden sollten), die Kommunisten waren, und auch wegen meiner Freundschaft mit dem chaotischen und unsteten Salmân, der einmal absurderweise verdächtigt wurde, Kommunist zu sein. Jedes Jahr an diesem Tag wurden sie alle bespitzelt. Wenn sie ihr Haus verließen, um in eine Kneipe oder ein Café zu gehen, aber auch wenn sie zu Hause blieben, machte sie das bei den Sicherheitsbeamten verdächtig. Sie waren ratlos. Da man mich aber nicht verdächtigte, vielleicht wegen meines Geburtsorts – haben Sie ihn vergessen? Im Westen des Landes – oder wegen meines Familiennamens, vielleicht auch wegen meines Onkels, des Bruders meiner Mutter, der hoher Offizier bei der Armee war, konnte ich ihnen helfen. Einen nach dem anderen besuchte ich sie und brachte eine Flasche Alkoholisches und etwas zum Essen in einer Tüte mit.

Das ist aber nicht der eigentliche Grund, weshalb ich mich an jenes Datum erinnere, und auch nicht, weil jener 31. März mein siebter Hochzeitstag war. Meine Frau Ashâr schlug ihn mir in unserem alljährlich wiederkehrenden Streit um die Ohren. »Du weigerst dich, Kinder zu haben«, fauchte sie, »und behauptest, so wolltest du unsere Liebe erhalten. Und dann vergisst du sogar unseren Hochzeitstag. Du denkst nicht einmal daran, geschweige denn feierst du ihn. Was willst du denn da an Liebe erhalten?« In jener Zeit nahm die Sorge um meinen Neffen mit dem wachsenden Chaos in Bagdad ständig zu. Eine Woche später wurde der Bus, in dem er von seiner Familie nach Bagdad zurückkehrte, von einer Rakete getroffen, und er kam dabei ums Leben.

Ich erinnere mich so gut an jenen 31. März, weil er den Verlauf des Krieges im Irak veränderte, oder vielleicht sollte ich lieber sagen, weil es der Tag war, der alle künftigen Kriege der Welt veränderte: Frisch eingetroffene Söldner lösten die regulären Soldaten ab. An jenem Tag berichteten die Medien vom Tod von vier Söldnern, die zur Blackwater-Organisation gehörten, nicht, wie es bei ihnen offiziell hieß: zivile Hilfskräfte oder ausländische Helfer für den Wiederaufbau – als ob es sich einfach um Ingenieure, Bauleute, Mitglieder humanitärer Organisationen oder Spezialisten für den Bau von Trinkwasserpumpstationen handelte. Erinnern Sie sich? Es waren die vier Männer, deren verkohlte Leichen noch einige Tage an der Fallûdscha-Brücke hingen. Es war ein Tag wie schon viele andere. Was bedeuteten schon vier tote amerikanische Söldnern bei Hunderten von toten Irakern täglich. Ich saß im Wohnzimmer und lauschte den Nachrichten und Kommentaren zu diesem Thema aus dem Transistorradio, da der Strom wie üblich unterbrochen war. Plötzlich ein Pochen an der Haustür. Es war Namîr, der im Haus hinter dem meinen wohnte. Schon drei Monate hatte ich weder ihn noch sonst jemanden aus seiner Familie gesehen, seit dem letzten Neujahrsfest, als der Polizeirevier in unserer Nähe Ziel eines Angriffs gewesen war. Ich konnte meine Freude über sein Auftauchen nur schwer zügeln, ja, ich beschimpfte mich selbst vor ihm. »Verflucht sei das Vergessen«, rief ich, als ich ihm die Hand schüttelte und ihn herzlich umarmte. »Niemand ist zu tadeln in diesen schwierigen Zeiten«, beschwichtigte er. Er sei gekommen, sich von mir zu verabschieden. Er habe das Haus verkauft; er wolle lieber in der Nähe seiner Arbeitsstelle wohnen. Der Weg zum Klub sei riskant geworden. Ich gab ihm recht. Er arbeitete im Ilwija-Klub am Andalus-Platz, und der tägliche Gang dorthin und wieder zurück verlangte ein gerüttelt Maß an Mut. Erst später erfuhr ich, dass er mir etwas verschwieg: Er war von Bewaffneten bedroht worden. In seinem Garten standen dichte Bäume, und man konnte von dort die Straße ausspähen, die zum Getränkeladen führte. Er eignete sich also als Versteck, Beobachtungsposten und Ausgangspunkt für bewaffnete Angriffe auf die Marines, die hin und wieder mit ihren Jeeps vorbeikamen, um ein paar Dosen Bier zu kaufen. Da ihnen in ihrem Camp in der Nähe Alkohol verboten war, erledigten sie das in aller Eile in einer der engen Nebenstraßen. Mein Nachbar versäumte es nicht, mir noch rasch zu versichern, dass er sich über einen Besuch von mir im Ilwija-Klub freuen würde. »Sympathische Menschen wie Sie sind rar in diesen Tagen«, sagte er. Gern würde er mich in der Cafeteria begrüßen, um sich ein wenig für die gutnachbarschaftlichen Beziehungen zu revanchieren. Eigentlich habe er mir das schon lange sagen wollen: Immer wenn er Licht in meinem Wohnzimmer oder in meinem Garten sehe, habe er Mitleid mit mir. Allein da zu sitzen, brauche Energie und Trost. Er könne mir leicht eine Mitgliedskarte besorgen, »obwohl ein Unternehmer wie Sie dabei gar keine Vermittlung brauchen dürfte«. Ich dankte ihm und versprach vorbeizukommen. Doch bevor er ging, drehte er sich nochmals um und sagte: »Beinahe hätte ich es vergessen: Vor ein paar Tagen kam ein amerikanischer Unternehmer in den Klub, ganz allein. Seltsamerweise sprach er fließend Arabisch. Er sagte, er suche nach einem irakischen Unternehmer. Das müssten Sie gewesen sein. Er war überrascht, als man ihm sagte, Sie kämen nicht in den Klub. Komisch, sagte er, das ist doch der Klub der Unternehmer und Händler?« Natürlich habe ich sofort gedacht, dass Namîr mir eine Geschichte auftischte wie viele andere Iraker. Sein Wunsch nach meinem Besuch im Klub könnte ihn dazu veranlasst haben, denn in jenen Tagen versuchten alle Geschäfte zu machen, warum nicht auch er? Seit seiner Gründung war der Klub für die meisten Mitglieder ein Ort, um Geschäfte abzuschließen. Etwas, das mich zu jener Zeit überhaupt nicht interessierte. Ich war erschöpft und dachte mehr an Ruhe als an Geld. Kaum hatte ich die Trennung von meiner Frau überstanden, da traf mich der völlig sinnlose Tod meines Neffen. Wer im Unternehmensbereich arbeitet, braucht starke Nerven. Woher sollte man sie in solchen Zeiten nehmen? Dazu musste man schmieren und schmeicheln, wie das bei uns heißt. Und das war noch nicht alles. Ein Projekt in Angriff zu nehmen und auszuführen barg viele Risiken. Wer nicht eine dieser Sicherheitsfirmen, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen, mit Privatschutz beauftragte, hatte sein Material und sein Gerät bald gesehen. Das Honorar für einen solchen Schutz variierte, je nach Örtlichkeit, Ausmaß und Dauer. Die meisten von denen, die sich Unternehmer oder Händler nannten und den Klub aufsuchten, waren Neureiche mit Beziehungen in die Regierung, die die Projekte nicht selbst durchführten, sondern an andere, kleinere Unternehmer vergaben und daran verdienten. Sogar mir wurde die Durchführung von diesem oder jenem kleinen Projekt angetragen, doch ich habe stets abgelehnt. Das war in Unternehmer- und Händlerkreisen Gemeingut, besonders bei den Besuchern dieser Klubs.

 

Es war das erste Mal, dass ich von einem Amerikaner hörte, der nach mir suchte. Das zweite Mal berichtete mir von ihm ein etwas absonderlicher junger Mann, der von Zeit zu Zeit in den Getränkeladen an der Straßenecke kam. Bis zu jenem Tag wusste ich nicht einmal, ob dieser junge Mann im Viertel wohnte oder dort einfach nur auftauchte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn früher schon gesehen zu haben. Und schließlich wohnte ich seit Ende der siebziger Jahre in der Gegend. Aber wann achtet man schon auf Details dieser Art, wenn nicht plötzlich etwas passiert, das besondere Aufmerksamkeit erfordert? Auf die Leute, die in der Nähe wohnen, oder auf die umliegenden Straßen. Im Fall der Iraker musste es sich, wenn Sie mir diese Aussage nachsehen, um eine Angelegenheit handeln, die ungewöhnlicher als der Krieg ist; denn Kriege waren bei ihnen zur Routine geworden. Seit der Gründung ihres Staates sahen die Iraker ihre Machthaber in Kriegen in Nord und Süd schalten und walten. Warum also erstaunte sie beispielsweise das Eintreffen der Amerikaner in Bagdad? Ich selbst stand im Garten, ein Glas Tee in der Hand, und betrachtete in aller Ruhe die amerikanischen Panzer, die auf das Zentrum von Bagdad zurollten, als ginge mich die ganze Geschichte nichts an. Jedenfalls musste in meinem Fall unweigerlich etwas geschehen, das ungewöhnlicher war als der Krieg, es musste beispielsweise eine Person wie dieser Amerikaner nach mir fragen, damit ich erfuhr, dass es im Viertel einen jungen Mann namens Muhammad Parîs gab, der einfach so auftauchte, dessen Existenz ich akzeptieren musste und dessen eigentlichen Namen ich erst später erfuhr. Denn wenn er damals im Getränkeladen erschien, hörte ich als Anrede nur diesen Namen. Niemand hat je seinen richtigen Namen gebraucht, Muhammad Chidr al-Wâthik. Den Spitznamen Parîs soll er erhalten haben, weil er immer so schick angezogen war, als er, nach der Auflösung des irakischen Heeres durch die Amerikaner, als Eisverkäufer arbeitete. Er trug immer kurze Hosen und ein buntes T-Shirt. Nach allem, was man über ihn erzählte, war er Soldat in der irakischen Armee gewesen. Nach dem April 2003 sei er zum professionellen Kidnapper mutiert, der in Robin Hoods Fußstapfen wandelte, wie er mir später selbst einmal erklärte. Er wählte seine Opfer unter den großen »Hawâsim«: So nannte man die Neureichen, die sich nach der Niederlage in der »Umm al-Hawâsim«, der »Mutter der Entscheidungen«, bereichert hatten, wie das Regime den Kampf gegen die Amerikaner nannte, in dem es dahingegangen ist. Sie kämpften nicht, sondern klauten nur. Das Interessante dabei war, dass die amerikanischen Streitkräfte von Muhammads Bekanntschaften in kriminellen Kreisen profitieren wollten und ihn zunächst in der Zivilverteidigung einsetzten. Er selbst machte keinen Hehl aus seinen Aktivitäten. Immer wieder brüstete er sich, und zwar todernst, vor den Kunden im Getränkeladen, die Amis hätten ihm mindestens hundert Dollar pro Kriminellem bezahlt, den er auslieferte. Später habe er dann auf eigene Rechnung zu arbeiten begonnen. Seine Entführungen führte er zu verschiedenen Zeiten durch, jedoch bevorzugt am hellen Tag. Und wenn ihn jemand, im Ernst oder zum Spaß, nach seinen Techniken fragte, gab er kostenlose Ratschläge. »Es ist empfehlenswert zuzuschlagen, wenn die Leute zur Arbeit gehen oder von dieser zurückkehren.« Detailliert gab er auch Auskunft über die Möglichkeiten der Flucht, die sich bei Nacht wegen der Polizeisperren als schwierig erweise. Dieser Muhammad, dessen Geschichte ich Ihnen nicht ohne Grund erzähle und der jeden Tag den gleichen olivfarbenen Trainingsanzug trug, kam einmal und berichtete mir, es gebe da einen Amerikaner, der nach mir gefragt habe. Das war an einem heißen Tag etwa drei Monate nach Namîrs Besuch, am 28. Juni, dem Tag, als den Irakern mitgeteilt wurde, der amerikanische Zivilverwalter habe ihnen selbst die Macht in Bagdad überantwortet. Ich erinnere mich, dass ich dieses Ereignis damals feiern wollte, obwohl es natürlich nicht darum ging, die Machtbefugnisse an die Iraker zu übertragen, wie es offiziell hieß, sondern darum, dem amerikanischen Zivilverwalter einen anständigen Abgang zu ermöglichen. Zu diesem Zweck lud er zu einer Pressekonferenz außerhalb Bagdads und kaschierte so sein Verschwinden. Klammheimlich stahl er sich im Privatflugzeug aus der Hauptstadt, wie ein Verbrecher, der Angst hat, verhaftet zu werden. Und weil wir jede Gelegenheit ergriffen und es im Land sowieso nichts zu feiern gab, sagte ich mir: Geh und trink mit den anderen Kunden des Getränkeladens auf das Wohl dieses miesen Cowboys. An jenem Abend, nachdem ich schon mindestens zwei Stunden dort war, tauchte wie gewöhnlich Muhammad Parîs auf. Doch statt von seinen Abenteuern zu berichten, fragte er den Inhaber des Ladens, ob ich da sei, worauf der Gefragte zurückfragte: »Na, was denn, Muhammad, willst du ihn entführen? Er ist weder reich noch ein Hawâsim.« Er spielte also auf meinen guten Ruf an. »Nicht doch, ich habe etwas Dringendes für ihn«, erwiderte Muhammad lachend. Als ich zu ihm trat, zog er mich beiseite. Es war das erste Mal, dass ich Muhammad Parîs so nahe von Angesicht zu Angesicht sah. Zwar war er erst Mitte dreißig, aber er schien mir zwanzig Jahre älter zu sein: Glatze, hageres Gesicht, zur Hälfte von einem Bart bedeckt, der begonnen hatte, weiß zu werden; sogar seine Stimme schien mir müde und matt. »Am besten Sie verlassen die Gegend und schlafen irgendwo weit weg«, riet er mir und erklärte, als ich ihn fragend anstarrte, auf dem Weg hierher habe er vor wenigen Minuten einen großen Dodge mit amerikanischem Nummernschild gesehen. Am Steuer saß ein Mann, dessen Gesicht er nicht genau erkennen konnte. Er habe ihn aber aussteigen und an meine Haustür klopfen sehen. Ein großer, kräftiger Mann mit sehr dunkler, um nicht zu sagen: schwarzer Haut, so glaube er. Ein Auto mit amerikanischem Kennzeichen vor dem Haus verheiße nichts Gutes. Dann klopfte Muhammad Parîs mir auf die Schulter und fügte noch hinzu, er werde jedenfalls, weil ich ein guter Mensch sei, nicht zögern, mich zu schützen. »Sie wissen, wo ich wohne«, sagte er, bevor er mit seiner Flasche verschwand.

 

Vielleicht glauben Sie, es sei Dünkel, Gleichgültigkeit oder, schlimmer noch, Ignoranz, was mich das Ganze nicht ernst nehmen ließ. Aber noch heute bin ich überzeugt, dass ich mich unmöglich anders hätte verhalten können. In jenen Tagen wurde es schwierig, zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Jedweder Slogan, den jemand von sich gab, war am nächsten Tag schon in aller Munde. Alles war ansteckend in unserem Land: die Lüge ebenso wie die Verleumdung, der Neid ebenso wie die Niedertracht, die Aggression ebenso wie der Mord, die Entführung ebenso wie die Erpressung, die Vergewaltigung ebenso wie die Hurerei. Jawohl, alle diese üblen Eigenschaften übertrugen sich wie ein Virus unter den Leuten. Ganz anders die guten Eigenschaften, die nicht ansteckend waren, besonders weil es sie nicht mehr gab. Ehrlichkeit, Freigebigkeit und Hilfsbereitschaft zum Beispiel oder Güte, Anstand und Aufrichtigkeit gehörten, wenn es sie bei uns überhaupt je gegeben hatte, der Vergangenheit an. Alles war falsch, alles war wilde Behauptung. Warum sollte ich mich da anders verhalten? Wenn ich nicht einmal glaubte, was mein Nachbar Namîr sagte, ein redlicher Mensch, der keinen Grund zu lügen hatte, warum sollte ich da jemandem vertrauen, der gern ein irakischer Robin Hood gewesen wäre. Stattdessen sagte ich mir: Seit der Ankunft der Amerikaner ist das ganze Land verrückt geworden. Und die allgemeine Unsicherheit hat dafür gesorgt, dass die Menschen anfangen, Geschichten zu erfinden. Hatte Namîr nicht die Geschichte seines Hausverkaufs erfunden? Zwei, drei Tage bevor er davon erzählte, hatte ich, auf meinem Heimweg vom Getränkeladen, tatsächlich einen Pick-up gesehen, der mit sechs oder sieben vermummten, bewaffneten Männern zu seinem Haus fuhren. Von den Geschichten, die Muhammad Parîs von sich selbst erzählte, glaubte ich sowieso keine einzige. Zum Beispiel jene, dass eines seiner Entführungsopfer ein etwa achtjähriger Junge gewesen sei, der Sohn eines ehemaligen Direktors der Raschîd-Bank. Dieser habe zu den Hawâsim gehört und habe sich, nach dem Einzug der Amerikaner in Bagdad, vierzig Millionen Dollar angeeignet. Nicht dass ich bezweifelte, dass ein Bankdirektor vierzig Millionen klauen kann, da sei Gott vor! Er hätte ja unter dem früheren Regime diese Stellung gar nicht bekommen, wenn er sich nicht verbrecherischer Talente erfreut hätte. Was mir dagegen nicht einleuchtete und was schwer zu glauben war: dass Muhammad Parîs den Sohn dieses Gauners für bloße 20 000 Dollar hatte laufenlassen!

Oder nehmen Sie diese andere Geschichte, laut der er auf einen Schlag 190 000 Dollar kassierte. Ihr Mann sei stinkreich und habe mit dem ältesten Sohn des ehemaligen Herrschers zusammengearbeitet, soll ihm eine Frau erzählt haben. Einen Teil seines Reichtums habe er erst nach der Flucht des Herrschers und seiner Sprösslinge erhalten. Sie wollte sich an ihm rächen, weil er ein junges Mädchen geheiratet hatte. Also hätte sie ihn aufgefordert, ihren Mann zu entführen, was nach Aussage von Muhammad Parîs ein Kinderspiel war. »Genau nach den Anweisungen der Ehefrau haben wir ihn entführt, als er unterwegs zu seiner Neuen war. Wir haben ihn zu Boden geworfen, gefesselt, in den Kofferraum gepackt und dann das Weite gesucht.« Einige Tage danach zahlte die Ehefrau nicht nur das Lösegeld und strich ihren Anteil ein, der viermal so hoch war wie der des Entführers, sie machte diesen auch zu ihrem bevorzugten Liebhaber. Er schlief bei ihr und mit ihr, wann er wollte und wie er wollte. Er bekam, was er wünschte. Sie widersetzte sich nicht einmal, wenn er sie, wenn es ihn ankam, an Händen und Füßen fesselte. Sollte ich ihm das alles glauben? Warum sollte jemand, der Geschichten dieser Art erfindet, überhaupt für vertrauenswürdig gehalten werden? Warum sollte ein Amerikaner kommen und nach einem kleinen irakischen Unternehmer wie mir suchen? Diese Frage beschäftigte mich nur kurz, und ich versuchte zum zweiten Mal, den Fremden zu vergessen, ihn aus meinem Gehirn zu vertreiben. Das hätte ich auch geschafft, wenn mich nicht drei oder vier Tage später Hassan aus meinem Büro angerufen und mir mit trauriger Stimme, unter Tränen fast, erzählt hätte, der junge Mann, der einmal vor dem Büro die Raketenabschussrampe aufgestellt habe, sei in Begleitung von ein paar vermummten Männern in einem Pick-up gekommen und aufs Dach gestiegen. Diesmal wollten sie ihr Gerät dort oben aufstellen. Als er sie aufforderte, das Dach zu verlassen, hätten sie ihre Maschinenpistolen auf ihn gerichtet und ihn geheißen, sich zu verziehen und seinem Arbeitgeber mitzuteilen, sein Büro sei konfisziert. Sie würden hier dessen Freunde, die Amis, erwarten. »Und wissen Sie«, sagte Hassan, »ich weiß gar nicht, von welchen Amerikanern sie reden.« »Ich auch nicht«, gab ich zu. Gut, ich hatte ihm nichts von dem Besuch des Amerikaners bei mir zu Hause erzählt. Doch nun begann ich, eine Verbindung herzustellen zwischen jenem Amerikaner, der mich schon zweimal gesucht haben sollte, und dem, was mir Hassan gerade erzählt hatte. Dass mich auch Hassan anlog, war undenkbar. Die Befürchtungen, die mich überkamen, sollten sich nur zu bald bewahrheiten. Zwei Tage nach unserem Telefonat sah ich denselben Pick-up, der zu Namîrs Haus gefahren war, vor meinem anhalten. Ob es auch derselbe war, mit dem man die Raketenabschussrampe zu meinem Büro gebracht hatte, wusste ich nicht. Ebenso wenig wusste ich, ob die sechs oder sieben Männer, die darin saßen, dieselben waren, die Hassan bedroht hatten. Sie drangen, voll bewaffnet, in den frühen Morgenstunden bei mir ein und forderten mich auf, das Haus zu verlassen. Sie brüllten Allâhu akbar, gaben sich als Widerstandskämpfer aus und erklärten, für einen wie mich, der mit den Amis kollaboriere, sei eigentlich kein Platz auf dieser Welt, sie würden mich aber aus Respekt für meine Familie am Leben lassen. »Dein Vater war ein angesehener Scheich, dein Bruder ist ein Kämpfer wie wir«, verkündeten sie. Wissen Sie, ich habe in meinem Leben viele schreckliche Momente durchlebt: an der iranischen Front Anfang der achtziger Jahre, dann im Süden, in den Sümpfen von Nassirîja und Missân, oder, noch später, im Krieg im Norden in den Bergen von Kurdistan. Ich kann Ihnen aber versichern, noch nie hatte ich so am ganzen Leib gezittert und mich so völlig verängstigt gefühlt, wie in jenen kurzen Augenblicken. Es ist nicht leicht, die Szene zu beschreiben.

Ich habe bewaffnete Menschen gekannt, seit ich das Licht der Welt erblickte. Ich habe die Leute um mich herum Waffen tragen sehen, dort in den Steppen im Westen unseres Landes. Ich habe Hirten oder Schmuggler, Hochzeitsgäste oder Friedhofbesucher mit Waffen fuchteln sehen. Sogar bei uns zu Hause habe ich meinen Vater herumballern sehen. Das war bei der Hochzeit meiner Onkel und sogar bei der Geburt jenes Neffen, der dann umkam. Als wir nach Bagdad zogen und mein Vater für allerhand Unternehmen zu arbeiten begann, wurde es natürlich anders. Doch bis zu seinem Tod habe ich meinen Vater nie ohne Waffe schlafen gesehen. Manchmal lagen zwei Gewehre unter seinem Bett, und noch immer frage ich mich, wie Menschen mit Waffen unter ihrem Bett miteinander schlafen können. Nicht nur mein Vater, Millionen von Männern tun das. Auch mein jüngerer Bruder war dermaßen in Waffen vernarrt, dass ihn eines Tages mein Vater warnte, er müsse die Waffen kontrollieren, sonst würden diese einst ihn kontrollieren. Die Waffen seien der Schmuck der Männer, behauptete er, aber in Grenzen. Eine Aussage, die meine Mutter zum Lachen brachte: Bevor er seinen Sohn eine solche Weisheit lehre, solle er erst einmal selbst seine Waffen kontrollieren. Nach seinem Tod sammelte meine Mutter als Erstes die beiden Gewehre und alle Pistolen meines Vaters ein und beauftragte mich, sie irgendwo weit weg in den Fluss zu werfen. Sie sei traurig über den Tod meines Vaters, sagte sie, aber zum ersten Mal könne sie ruhig schlafen, eine Äußerung, die meinen Bruder richtig wütend machte. Er war gerade in die Militärakademie eingetreten, und als er erfuhr, was meine Mutter und ich getan hatten, kehrte er dem Haus den Rücken. Wir würden das Vermächtnis meines Vaters nicht respektieren, behauptete er. Die Waffen, die er zurückgelassen habe, seien unsere Ehre. Als ich ihn fragte, von was für einer Ehre er eigentlich rede, kanzelte er mich ab. Er nehme keine Belehrungen von einem Bruder entgegen, der mit Kommunisten, Schrûgi (»Südlern«), und Säufern befreundet sei. Noch heute höre ich die Ohrfeige, die ich ihm verpasste. Mein Bruder ging wütend fort, und mir bot sich danach nie die Gelegenheit, mich bei ihm zu entschuldigen. Nicht einmal zur Beerdigung unserer Mutter kam er. Er hielt bei sich zu Hause eine eigene Trauerfeier ab. Sein Sohn, mein Neffe, verstand bis zu seinem Tod nicht, worum es bei dem Streit zwischen seinem Vater und mir eigentlich ging. Hätte ich ihm sagen sollen, es handle sich um das Waffentragen?

Aber ich habe die Gefahr nie so direkt vor Augen gehabt wie an jenem Morgen. Die Bedrohung blitzte aus den Augen jener vermummten Gestalten, besonders aus denen ihres offensichtlichen Anführers, der sein Gesicht hinter einer Kufiya versteckt hielt und vom Vordersitz des Autos aus ungerührt die Szene beobachtete. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Und in jenem Augenblick, am Morgen eines heißen Sommertags, hatte ich nur einen Gedanken: Raus und weg hier! Irgendwie kam ich zum Maidân-Platz, erklomm irgendwie die Treppe, die zur Wohnung meines Freundes Salmân Mâdi hinaufführte, klopfte und sah Salmân – wie üblich, betrunken – die Tür öffnen und hörte sein »Willkommen, willkommen in der befreiten Zone, dem Maidân-Platz«. Wohl da erst machte ich mir klar, dass ich nur mit den Kleidern auf dem Leib geflüchtet war und nichts mitgenommen hatte: weder einen Koffer noch die Schatulle mit meinen Ersparnissen, von denen ich einmal in Frieden leben wollte. Alles hatte ich zu Hause zurückgelassen, mit Ausnahme eines kleinen Geldbetrags, den ich für Notfälle immer im Futter meiner Jacke bei mir trug. Ich wusste nicht, dass ich, indem ich zu Salmân ging, genau den Weg einschlug, den die Geschichte vorgesehen hatte, gewählt vom Leben für mich: den Weg zu dem geheimnisvollen Amerikaner, der nach mir suchte wie nach dem Helden eines gerade begonnenen Romans, den der Verfasser mit seinem Schicksal konfrontiert. Aber wohin sollte ich in Bagdad in jenen Tagen gehen, wenn nicht zu meinem Freund Salmân? Die ethnischen Säuberungen zwischen Sunniten und Schiiten waren in vollem Gang. Aber bevor ich von dem mysteriösen Amerikaner spreche, den ich treffen sollte, muss ich von Salmân Mâdi erzählen. Ohne ihn zu kennen, wäre es schwierig, der Geschichte zu folgen und zu verstehen, was mir in jenen Jahren geschah und warum mein Leben sich danach veränderte.

2. EIN RÜCKBLICK AUF DEN BEGINN:
DIE ELENDSJAHRE 1984 BIS 1991 IM IRAK

Salmân habe ich im Winter von 1984 kennengelernt. Damals begann ich meinen Militärdienst bei verschiedenen Einheiten, die in den Bergen, den Städten und den Dörfern Kurdistans kämpften. Bis dahin, also vor meiner ersten Einberufung zu den Reservetruppen in der Gegend von Suleimanîja, genauer: am Damm von Dukân, hatte ich im »Sektor für Veterinärangelegenheiten« beim dritten Korps in Basra gedient. Der irakisch-iranische Krieg war in vollem Gang, und Fliegerangriffe und Artilleriebeschuss waren tägliche Routine. Obwohl die irakischen Streitkräfte weit auf iranisches Gebiet vorgedrungen waren, blieb das erklärte Ziel Bagdads, zunächst die Kontrolle über die Stadt Abadân zu erringen, um von da aus die gesamte erdölreiche Region Chusistan zu erobern. Ein ambitioniertes, wenn nicht gar selbstmörderisches Vorhaben. Denn im gleichen Maße, wie wir die Gebiete verminten, über die die Iraner gegen Basra vorrücken könnten, verminten diese die ganze Gegend um Abadân. Um diese Minen zu »entschärfen«, die ihren Vorstoß verhinderten, schickten die Iraner scharenweise kleine Kinder voraus, denen sie den Schlüssel zum Paradies um den Hals gehängt hatten. Entsprechendes konnten die Iraker nicht tun, denn von welchem Paradies wäre da die Rede, wo doch die im Lande herrschende Partei eine säkulare war? Aber irgendjemand hatte dann die geniale Idee, statt der Buben Esel zu schicken. Das sei die beste Antwort. Natürlich hatten die Tiere keinen Paradiesschlüssel um den Hals. Lachen Sie nicht! Selbst die Esel sind also vor dem Krieg nicht sicher. Wie dem auch sei, da die meisten Esel, die damals entlang der irakisch-iranischen Grenze herumstromerten, nach Ausbruch des Krieges nach Süden gezogen waren, musste man sie zur Rückkehr zwingen. Tausende von Eseln wurden täglich aus den Golfstaaten, meistens Kuwait, zurückgeschafft. Aufgabe unserer Einheit war es, diese Tiere zu behandeln und die gesunden unter ihnen für ihren Einsatz zu bestimmen. Einige waren nämlich sehr erschöpft und wären schon nach wenigen Kilometern zusammengebrochen. Über ein Jahr zog unsere Einheit kreuz und quer an der Front entlang und schickte einen Esel um den anderen zu den Minenfeldern hinaus. Es gibt keine statistischen Erhebungen über die Esel, die dort verendet sind. Sicher ist, es war ein Riesengemetzel. Man musste sich das nur anschauen. Viele haben getreten und geschrien, als hätten sie gespürt, was sie in ein paar Stunden erwartete.

Als sich der Kriegsverlauf änderte, oder besser als sowohl hier im Land als auch in den Golfstaaten die Eselsvorräte erschöpft waren, beschloss das Verteidigungsministerium, unsere Einheit aufzulösen. Die Offiziere und besonders die Veterinärärzte, kamen zu den Einheiten, die im Norden des Landes gegen die Kurden kämpften, die erste Brigade in Sulaimanîja und die fünfte zwischen Irbil und dem Dreiländereck Irak–Türkei–Iran. Nun war es unsere Aufgabe, den Mauleselselbstmorden Einhalt zu gebieten, einem Phänomen, das sich plötzlich in Kurdistan verbreitete. Eine weitere völlig absurde Aufgabe, aber immerhin weniger unangenehm als die vorhergehende. Nicht weil es im Norden weniger gefährlich gewesen wäre als an der Front im Süden, sondern weil es jetzt darum ging, um das Leben der Tiere zu kämpfen und nicht auf üble Weise ihr Blut zu vergießen, wie zuvor bei Basra.

Sie wissen vielleicht, dass ich in der Armee nicht wie andere Nichtparteimitglieder mit Universitätsabschluss behandelt wurde, die sich in ihrer Dienstzeit mit dem Sold eines Unteroffiziers begnügen mussten. Ich erhielt den Lohn eines Offiziers. Der Grund dafür war mein Familienname und mein Geburtsort.

Da ich nicht aus dem Süden bin, habe ich dieses Privileg erhalten. Ich hatte immer eine gewisse Narrenfreiheit. Sie erinnern sich, dass ich, Arakflaschen unterm Arm, am Geburtstag der Kommunistischen Partei, am 31. März, zu meinen aus Angst zu Hause gebliebenen kommunistischen Freunden gepilgert bin und damit die Sicherheitsbeamten gereizt habe, die zu ihrer Bewachung abgestellt waren? Ich wusste genau, dass ich nicht Gefahr lief, verhaftet zu werden. Ein einziges Mal hielt mich ein vorlauter Polizist an. Doch als er auf dem Personalausweis meinen Namen und meinen Geburtsort las, erbleichte er und entschuldigte sich. Wahrscheinlich hatte er es mit der Angst zu tun bekommen. Heute wissen das alle, aber niemand will es zugeben. Alle reden von den Unterschieden der Menschen heute und vergessen dabei nur allzu gern, dass in jenen Jahren diese Regel galt, besonders in der Armee: Universitätsabsolventen wie ich, die nicht aus dem Süden kamen und auch keine Kurden waren, genossen Privilegien. Wer weder Kurde noch Südler war, schien automatisch loyal, und sollte auch seine Loyalität Schwächen zeigen, man hätte ihn höchstens etwas kritisiert und gemaßregelt. Die Veterinärmediziner zum Beispiel, die der regierenden Partei angehörten, hatten den Grad von Offizieren, die aber nicht an die Front geschickt wurden, weder im Süden noch im Norden des Landes. Ein großer Teil von ihnen arbeitete auf den Geflügelfarmen, die den Söhnen des Machthaber gehörten. Eine Person wie ich, mit Offiziersprivilegien, lief zwar nicht Gefahr, verhaftet zu werden, konnte sich aber, durch die Weigerung, der Partei beizutreten und durch die Wahl falscher Freunde, Nachteile einhandeln. Einmal ließ mich der Sicherheitsoffizier des 3. Korps an der irakisch-iranischen Front in Hârtha kommen, um mich zu maßregeln. »Laut Ihrer Personalakte«, stellte er fest, »sind alle Ihre Freunde SSK. Können Sie mir den Grund dafür nennen?« Sie kennen diese Abkürzung SSK, ein in jenen Jahren verbreiteter Vorwurf: Schrûgi (»Südler«), Schiit, Kommi. Sollte ich ihm erklären, dass ich seit meiner Kindheit an den Ufern des Euphrat im Westen des Landes gelebt habe, unter Schrûgi, die nicht zwangsläufig Kommunisten waren, sondern einfache Leute, deren Väter meist die Arbeit im britischen Militärlager angelockt hatte? Sollte ich ihm erklären, dass mir mein Vater erzählte, wie man, wegen Mangel an Arbeitskräften, zu Beginn der vierziger Jahre gleichzeitig die schiitische Hussainîja-Moschee und die sunnitische Moschee gebaut hatte? Also zwei vermeintlich verfeindete Gruppen aus dem Süden (Schiiten) und dem Rest des Landes (Sunniten) gut zusammenarbeiteten? An Freitagen und an offiziellen Feiertagen halfen sich Sunniten und Schiiten gegenseitig beim Bau. Sollte ich ihm erklären, dass mir bei schiitischen Anlässen der Muezzin oder der Rezitator an der Hussainîja-Moschee – er hieß Kâmil und war Sunnit – aufgefallen ist, und zwar allein wegen seiner schönen Stimme; oder dass zum Beispiel in Habbanîja, einer Kleinstadt neben unserer noch kleineren, alle irakischen Gemeinschaften vertreten waren: verschiedene christliche Konfessionen, Assyrer, Chaldäer, Katholiken, sogar Sabäer und Mandäer gab es. Aber würde dieser Offizier das kapieren, oder würde er glauben, ich machte mich über ihn lustig? Und er selbst? Sollte ich ihm sagen, dass er nicht Sicherheitsoffizier des Korps geworden wäre, wenn er nicht aus dem Clan des Machthabers stammte? Genau das machte mich die ganze Zeit über wütend. Deshalb hielt ich mich von dem Offiziersklüngel fern und suchte stattdessen in jeder Einheit, in die ich versetzt wurde, nach einem Unteroffizier als Freund. Das war kein einfaches Unterfangen, da gerade die Armee von Misstrauen beherrscht war und man kaum jemandem vertrauen konnte. Über Persönliches sprach man sogar unter Offizieren selten, wie da erst zwischen einem Offizier und einem einfachen Soldaten, wobei es unerheblich war, ob es sich um einen Unteroffizier mit Schulabschluss handelte. Anfangs bekam ich noch hie und da Schwierigkeiten mit ein paar Soldaten. Doch im Laufe der Zeit entwickelte ich eine eigene Strategie. Ich suchte mir Unteroffiziere aus, die Arak tranken oder sonst wenigstens Absolventen einer Literaturfakultät waren. Seit den Tagen an der Universität in den siebziger Jahren war ich ein passionierter Leser. Außerdem pflegte ich schon damals Kontakt mit zahlreichen Intellektuellen, becherte mit ihnen in den Kneipen der Abu-Nuwâs-Straße oder in der Schriftstellerunion von Bagdad. Wie auch immer ich vorging, im Allgemeinen dauerte es seine Zeit. Nur damals nicht, als ich Salmân kennenlernte. Ich glaube, das war eine Woche nach meinem Transfer in das Zielerfassungsbataillon in Dukân.

Man hatte mir mitgeteilt, das Maultier, das die Verpflegung zum Radarposten hoch oben im Gebirge transportierte, habe versucht, Selbstmord zu begehen. Ich musste mich beeilen, um zu sehen, ob das Tier noch lebte. Soweit ich mich erinnere, war es eine kalte, sternklare Nacht. Der Schnee schimmerte bläulich. Das Tier, das sich in den Tod zu stürzen versucht hatte, hatte dafür eine enge, steile Stelle gewählt. Genau genommen war es eine Kluft, in die kein Licht fiel, und es war nur eine Stimme, die mich hinführte. Jemand schrie: »Du Henkersknecht, geh doch in dein Kaff zurück. Wir jagen dich zum Teufel und schmeißen dich aus Amt und Würden!« Damals wusste ich noch nicht, dass diese Worte von einem bekannten irakischen Dichter stammten, der in San Francisco lebte. Die Herkunft des Satzes interessierte mich so wenig, dass ich den Sprecher anfangs nicht einmal nach dem Autor fragte. Ich hatte einen einfachen Soldaten als Gesinnungsgenossen gefunden, das interessierte mich. Ich spürte sofort, dass dieser Mensch, der keine Dienstgradabzeichen trug, mein Freund werden würde. Was er da schrie, sagte mir, dass er nicht Parteimitglied war. Und wegen meiner Freude darüber vergaß ich zunächst das Maultier, das tief unten am Fuße des Abhangs lag. Ich ging zu dem Soldaten, der ständig seine selben zwei Sätze wiederholte.

Seither ist mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, weiß Gott, siebenundzwanzig Jahre, und trotzdem erinnere ich mich noch genau an jede Einzelheit, als wäre es gestern geschehen. Salmân saß, vor Kälte schlotternd, auf einem Felsen, eine Zigarette im Mund, die er erst wegwarf, als ich vor ihm stand. Er schien über mein Auftauchen überrascht und fand nicht einmal die Zeit, sich die Träne abzuwischen, die glitzernd über seine rechte Wange rollte. Er erhob sich verunsichert, versuchte so etwas wie einen Gruß und entschuldigte sich. »Der Selbstmörder liegt da unten im Gebüsch.«

»Selbstmörder«. Mir gefiel das Wort. Bisher hatte mir gegenüber noch nie jemand ein Maultier oder sonst ein Tier als »Selbstmörder« bezeichnet. Warum eigentlich nicht? Schließlich waren inzwischen im Land die Maultiere am dezidiertesten gegen den Krieg und weigerten sich immer häufiger, die Lasten zu ertragen, die man ihnen aufbürdete, oder das Leben, das man ihnen zumutete, an völlig widernatürlichen Orten: in Militärlagern oder an waffenstarrenden Fronten statt auf grünen Auen. Sogar Esel sah ich an der irakisch-iranischen Front, unserer Ostfront, Selbstmord begehen. Währenddessen heizten die Poeten mit ihren Ergüssen die Begeisterung an: Ihre Kehlen wurden nicht heiser, Hymne um Hymne zu intonieren, ihre Hände nicht müde, die Kriegstrommel zu rühren.

Ich lächelte, aber diese Träne, die da auf seiner Wange verweilte, weckte meine Neugier. Wahrscheinlich war sie wegen der Kälte oder des Windes gekommen, der ziemlich kräftig blies. Ich hieß ihn, sich zu rühren, streckte ihm die Hand entgegen und stellte mich vor, ohne meinen Dienstgrad zu erwähnen. Dann erkundigte ich mich nach seinem Namen, worauf er seine Nummer nannte. »Nein, dein Name.« Er zögerte. Offenbar war er so etwas nicht gewohnt. »Soldat Salmân Mâdi.« Was er denn jetzt unternehmen wolle, wo sein Maultier tot sei, wollte ich wissen. Wie er ohne es auf den Berg hinaufsteigen wolle. Er musterte mich neugierig. Konnte er nicht glauben, was ich sagte, oder wollte er sich einfach vergewissern, dass der Offizier, den er vor sich sah, aus Fleisch und Blut war und kein Produkt seiner Phantasie? »Aber Sie haben doch das Tier noch gar nicht untersucht.« Ich lächelte und forderte ihn auf, mir zu folgen, der Jeep warte unten im Tal. Den ganzen Weg über sagte Salmân kein einziges Wort. Ich auch nicht. Kennen Sie das? Zwei Personen begegnen sich und keine von beiden muss die andere fragen, was sie denkt. Sie verstehen sich wortlos, wie Wahlverwandte. Genau so ging es uns in jener kalten Winternacht.

Als wir in meine Stube kamen, gab ich ihm meinen Mantel und fragte ihn, was er essen wolle. Ob er etwas trinken wolle, fragte ich ihn nicht. Ich hatte genug bei mir. Mindestens drei Flaschen Arak. »Ich habe den Fahrer geschickt, um im Resto Grillfleisch und Beilagen zu holen.« Dann legte ich ein weiteres Stück Holz ins Feuer. Ich wusste, dass eine Nacht voller langer Gespräche vor uns lag.

Ich spürte, dass ich einen außergewöhnlichen Soldaten vor mir hatte, einen Menschen, der mein Freund werden und es bis ans Ende unserer Tage bleiben würde. Und mein Gefühl hat mich nicht getrogen. Wir tranken drei oder vier Gläser, im Hintergrund Fairûs mit »Du Vogel! Du Vogel, hoch oben über der Welt! Flieg, sag meiner Liebsten, wie sehr ich leide! Du Vogel!« Dann fragte ich ihn, von wem der Satz stamme, den er zuvor zitiert hatte. Er starrte mich an. Die Frage schien ihn völlig zu überraschen. Ob ich das wirklich nicht wisse, fragte er zurück. »Nein, im Ernst, ich weiß es nicht.« Ob ich irgendwelche irakischen Schriftsteller gelesen hätte, fragte er weiter. Wahrscheinlich um nicht gefragt zu werden, ob ich auch ihn selbst nicht kenne, denn ich ahnte, das er ein Ausnahmedichter war, den man schwer ignorieren konnte, antwortete ich: »Ich kenne einen einzigen irakischen Schriftsteller: Harûn Wâli, ich habe ihn gelesen, weil er über das Totgeschwiegene und die Ungerechtigkeit spricht, die dem Menschen angetan wird.« Ich konnte nicht ahnen, dass er diesen Harûn Wâli kannte, ja, dass ihn eine schon alte und durchaus enge Beziehung mit ihm verband. Aber die Freude, die sich auf seinem Gesicht abzeichnete, als ich den Namen erwähnte, ließ mich das gleich verstehen, und dann fügte er hinzu: »Harûn hat zwar bisher nur sehr wenig veröffentlicht, aber mir gefällt die Unerbittlichkeit, mit der er unentwegt von dem Inferno erzählt, in dem wir uns befinden. Er hat früh das Land verlassen, um sich die Gelegenheit zu geben, von unserer Qual mit der Freiheit zu berichten. Das hat er mir gesagt, als er ging. Jetzt spüre ich, dass er uns wirklich nahe ist«, sagte er und fügte dann noch hinzu, dass er aus seinem Munde oft einen Satz des Kollegen Italo Calvino, den er von ganzem Herzen schätze, gehört habe und der etwa so lautete: Wir leben in der Hölle. Alles, was wir tun können, ist unsere Hölle nicht schlimmer zu machen.

Ich weiß noch, dass wir nach seinen Erinnerungen an Harûn eine ganze Flasche Arak auf das Wohl des von uns beiden bewunderten Romanciers geleert und dabei ausführlich über uns selbst geredet haben. Zu vorgerückter Nachtstunde erklärte er mir, er sei glücklich, meine Bekanntschaft gemacht zu haben, und er könne nur hoffen, man werde mir wegen seiner Vergangenheit keine Schwierigkeiten machen. Er meinte das ironisch und fügte, als ich ihn musterte, hinzu: »Ich will dich wirklich nicht wegen mir in Schwierigkeiten bringen.« Er hob den Kopf und wies auf eine Stelle an der Stirn und eine andere am Kinn. Eines Tages hätte man ihn ins Büro des Nachrichtendienstes im Verteidigungsministerium in Bâb al-Muasam gebracht, hinter jener Moschee, deren Bau einzig dazu diente, den Folterkeller zu tarnen. Dort habe man von ihm verlangt, seine Verbindung zur Opposition zuzugeben und seine Freunde zu verpfeifen, die man alle für Kommunisten hielt. Als er wahrheitsgemäß erklärte, keine solchen Beziehungen zu haben, öffnete sich für ihn das Tor zur Hölle. Das Resultat war noch immer auf seinem Körper zu sehen. Er habe einen Schrieb unterzeichnet, auf dem er sich schuldig bekannte, und habe alles erzählt, was er von seinen Freunden wusste. »Als ich rauskam, klebte ein Gefühl der Schande an mir. Sie haben meine Würde und meine Menschlichkeit kaputtgemacht. Ich fühlte mich so gemein. Ich begann wie ein Hund zu leben, dessen einzige Sorge es ist, nicht mehr gequält zu werden. Weißt du, dass sie mich jederzeit wieder vorladen und über meine Beziehung zu dir ausfragen können?« Ich beruhigte ihn, er solle sich da mal keine Sorgen machen. Solange wir zusammen seien, bestehe jedenfalls keine Gefahr, dass er eingebuchtet werde. Da war ich mir sicher, schon wegen meines Onkels. Bis heute weiß ich nicht, wie wir am folgenden Tag frühmorgens aufgewacht sind. Möglich, dass wir ja gar nicht geschlafen, möglich auch, dass wir immer mal wieder geschlafen und dazwischen gesprochen und getrunken haben. Möglich auch, dass ich den Schlaf ganz vergessen habe. Nicht vergessen habe ich, dass er, bevor er zu Bett ging, mir unbedingt noch etwas erklären wollte: »Warum ich dort oben geheult habe? Es war Schuldgefühl, nichts anderes.« Alle wüssten, dass der Abhang an dieser Stelle sehr steil abfalle. »Ich hätte besser aufpassen müssen«, erklärte er bedrückt. Er sei ja nicht zum ersten Mal mit dem Maultier dort hinaufgestiegen. »Ganz im Gegenteil«, sagte er vorwurfsvoll. »Ich habe an anderes gedacht.« Es sei auch nicht das erste Mal gewesen, dass ihn seine Geistesabwesenheit gehindert hätte, jemanden zu retten. Aber das sei eine andere Geschichte, für einen anderen Tag. Jetzt müsse er von neuem mit diesem Schuldgefühl leben. Beim Schlafengehen sagte er noch ein paarmal einen Satz, von dem ich erst später erfuhr, dass er aus Shakespeares Hamlet stammt: »So macht Bedenken jeden von uns feige.« Um uns herum töteten sich die Menschen, tröstete ich ihn, und ihn quäle der Sturz eines Maultiers. Was für eine Ironie! Am folgenden Tag stand ich vor ihm auf, wusch mir das Gesicht und zog rasch meine Uniform an. Danach ging ich direkt zum Bataillonskommandanten und bat ihn, mir Salmân als Adjutanten zu überlassen. Er gab seine Einwilligung.

 

So begann zwischen Salmân und mir eine Freundschaft, die nur hin und wieder getrübt war durch seine Depressionen und Schuldgefühle. Wenn diese ihn überfielen, überließ ich ihn sich selbst. Er sollte nicht merken, dass ich ihn häufig weinen sah. Unser Tageslauf folgte einem Programm, dessen Einzelheiten nicht wir bestimmten. Früh am Morgen wachten wir auf, unwichtig, wann genau. Das richtete sich nicht nach dem Zeitplan der Einheit, außer wenn es ein Maultier gab, das sich weigerte, auf den Berg hinaufzugehen, oder das sich schon frühmorgens ins Tal hinunterstürzte, was nur zwei- oder dreimal geschah. Da ich Offizier zur besonderen Verwendung war, wurde ich nicht zum Bataillon abkommandiert. Ich war allein, sozusagen eine Einheit für mich. Die anderen Offiziere verpassten mir deshalb den Spitznamen »Maultiereinheit«, vielleicht aus Neid, vielleicht auch, weil sie die Arbeit eines Veterinärmediziners geringschätzten. Doch diese Unabhängigkeit ließ mich in den Genuss einiger Privilegien kommen, deren sich die anderen nicht erfreuten. Ich konnte von den Soldaten praktisch alles verlangen, was ich brauchte. Zum Beispiel konnte ich ihnen befehlen, mit ein paar Kompaniemaultieren auszuhelfen. Wir hatten, soweit ich mich erinnere, zehn Maultiere, alle bei bester Gesundheit, bevor sich fünf in den Tod stürzten und das sechste sich eines Nachts aus dem Staub machte. Aber mit Ausnahme des Fahrers habe ich für meine Arbeit mit den Maultieren nie einen zusätzlichen Soldaten beansprucht, obwohl jedes einzelne Tier große Aufmerksamkeit erforderte. Ich wollte mich mit Salmân begnügen. Was brauchten wir einen Dritten, der nur unsere Zweisamkeit gestört hätte? Neben Salmân wäre sowieso nur eine Person als Dritter in Frage gekommen, nämlich Harûn Wâli, aber wir waren beide froh, dass er weit weg war. »Ich beneide ihn dafür, dass er dieser Totenblase entkommen ist!« Totenblase, so bezeichnete Salmân den damals im Gange befindlichen Krieg. Seltsam nur, dass dieser Sonderling, der für seine Trägheit bekannt war und der immer eine Offenbarung erwartete, um daraus ein Gedicht zu machen, sich um meinen Ruf bei den anderen Offizieren Gedanken machte, besonders vor dem Adjutanten, der für die Sicherheit der Einheit verantwortlich war und der unsere Beziehung misstrauisch beäugte, zumal ich den Parteiversammlungen fernblieb. Dabei dienten mir immer die Maultiere als Entschuldigung. Natürlich wusste auch er insgeheim, dass die Maultiere tatsächlich wichtiger waren als die Partei. In diesen Bergregionen nützten kein Soldat, kein Offizier und keine Waffe etwas ohne Maultier. Selbstverständlich hatte er sich Salmâns Geheimdienstakte kommen lassen. Salmân war sich darüber wohl im Klaren und wollte niemandem einen Vorwand liefern, von mir zu verlangen, mich seiner zu entledigen. Er war bereit, mir zu helfen, auch ohne dass ich ihn darum bat. Kaum rief man mich zur Behandlung eines Tiers, ließ er alles stehen und liegen, zog seine Stiefel an und rief wie in einem Western: »Gehen wir, vamos.« Und nicht nur das. Er beschaffte sich sogar während einer seiner seltenen Urlaubstage Bücher über Maultiere – in der Buchhandlung Mackenzie in Bagdad! Wer erinnert sich heute noch an sie? Die alte Buchhandlung an der Kreuzung von Raschîd- und der Banken-Straße. Ich bin ihm dankbar, denn so lernte auch ich noch Neues über dieses liebenswürdige Tier. Es ist mir auch ein Rätsel, dass wir, meiner Erinnerung nach, an der tiermedizinischen Fakultät nichts von dem gelernt hatten, was in diesen Büchern stand. Die Buchhandlung Mackenzie führte unzählige alte Bücher in verschiedenen Sprachen. Woher der Inhaber sie beschaffte, blieb sein Geheimnis, aber zahlreiche Studenten der medizinischen Fakultät wurden bei ihm fündig. »Weißt du, ich entdecke gerade eine neue Literatur. Die Maultierliteratur«, erklärte mir Salmân damals. »Sei nicht überrascht, wenn ich bald einmal ein Gedicht über unsere Freunde, die Maultiere, schreibe.« Ein Gedicht? Salmân füllte ein ganzes Heft mit Gedichten und gab ihm den Titel: »Warten auf das Maultier«. Ich habe sie auswendig gelernt, wie all die anderen Gedichte, die er in meiner Stube im Gebirge verfasst hat, nicht nur im Zielerfassungsbataillon beim Damm von Dukân, sondern auch in allen späteren Einheiten. Es war die produktivste Periode in seinem Dichterleben.

Die Tage waren also sozusagen spontan aufgeteilt, ohne großes Zutun unsererseits. Dabei half auch die Ruhe an unserem Frontabschnitt. Die Kurden verhielten sich wie nach einem Waffenstillstand und ließen uns in Frieden. Dadurch hatten wir so viel Zeit, wie wir wollten, und an Tagen, an denen kein Maultier Selbstmord beging, streikte oder floh, saßen Salmân und ich, besonders gegen Mittag und am Nachmittag, in der warmen Stube und lasen, oder wir gingen im Wald in der Nähe spazieren. Am Abend richteten wir uns unseren einfachen, aber reichlichen Tisch, dankbar den beiden Soldaten – der eine ein Christ namens William, der im Laden arbeitete, der andere ein Kurde namens Imâd, der in der Küche arbeitete –, die uns jeden Tag mit etwas Besonderem überraschten: Früchte, Gemüse, alkoholische Getränke oder gar Sumer-Zigaretten, die damals schwer zu bekommen waren. Auch zu essen brachten sie uns, und wir mochten es lieber als das Essen in der Offizierskantine. Wir schätzten unseren eigenen Tisch. Um sieben Uhr setzten wir uns zum Abendarak, und dann füllten wir Glas um Glas, im Hintergrund die Stimme von Fairûs, ganz selten einmal ein Tonband mit anderen Liedern. Wir rauchten eine Zigarette nach der anderen und unterhielten uns, bis uns irgendwann einmal die Augen zufielen. Es konnte Mitternacht sein oder auch noch später. Wir fragten selten nach der Uhrzeit. Das ganze Bataillon schlief dann längst, man hörte nur noch die Stimmen der Wachen bei der Ablösung. Irgendwo in der Ferne schrie eine Eule, rauschten Blätter oder knirschte Schnee. Wir aber unterhielten uns weiter und weiter, meist über Bücher. Er konnte nicht glauben, dass er auf einen solchen »Bibliotheksschatz« gestoßen war, wie er die beiden großen büchergefüllten Koffer nannte. Und auch noch wo?! Im nordirakischen Sulaimanîja, in einer unwegsamen Bergregion in der Nähe des Damms von Dukân. Er habe wirklich Glück gehabt, sagte er. Ohne meine Hilfe wäre er nicht imstande gewesen, auch nur ein einziges dieser Bücher mitzunehmen. Wegen seiner Akte müsse er sehr vorsichtig sein; seine Festnahme durch den Geheimdienst sei noch lange nicht vergessen. Während der ersten Tage seines Dienstes beim Damm von Dukân hatte er einmal versucht, zwei Bücher hereinzuschmuggeln: Der Idiot von Dostojewski auf Englisch und Der Zwist der Muslime und die Ermordung des Kalifen Othmân von Taha Hussain. Es war ein Versuch zu sehen, was passieren würde. Alle wussten, dass man sich unter dem inzwischen verflossenen Regime allein durch das Mitführen eines Buches verdächtig machte. Wie konnte er es da wagen, ein Buch auch noch in die Kaserne mitzubringen? Er musste Rede und Antwort stehen vor dem stellvertretenden Bataillonskommandeur, der wissen wollte, warum das eine Buch auf Englisch sei und das andere vom Zwist der Muslime handle. Sollte sich so etwas wiederholen, müsse er ihn ans Büro des militärischen Abschirmdienstes beim Verteidigungsministerium in Bagdad melden. Ob das klar sei? Die Frage war eine Warnung, und seit jenem Vorfall kämpfte Salmân gegen die Versuchung, Druckerzeugnisse bei sich zu tragen. Wenn er trotzdem einmal bei seiner Rückkehr vom Urlaub ein Buch dabeihatte, ließ er es im Bus, auf einem Fenstersims oder auf einer Parkbank liegen. Nur die Bücher über die Maultiere, die er mitbrachte, erregten beim Offizier keinen Argwohn – oder vielleicht doch, wer weiß?

Und nun war er auf diesen Schatz von einer Bibliothek gestoßen. Vielleicht dachte Salmân ja, ich hätte alle die Bücher, die mich begleiteten, gelesen. Aber im Vergleich zu ihm las ich nicht viel. Er war ein noch viel gieriger Leser als ich. Und nicht nur das. Kaum hatte er ein Buch zu Ende gelesen, begann er, darüber zu reden. Und dann war er nicht mehr zu bremsen. Alle unsere Gespräche drehten sich um Bücher, egal, ob um diejenigen, die er auf meiner Stube, oder solche, die er früher einmal gelesen hatte. Eines Tages erzählte ich ihm von meinen Wunsch, einen Roman über Tiere zu schreiben, obwohl ich mich schämte, vor ihm zuzugeben, dass ich verglichen mit unserem Freund Harûn Wâli natürlich ein Amateur war. Um einen Roman zu schreiben, müsse man nicht nur Hunderte von Büchern gelesen haben, sondern auch eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen, sagte Salmân einmal. »So hat es ja wohl unser Freund Harûn Wâli gemacht?« Er kenne niemanden, der gieriger gelesen habe, und wenn er jetzt hier bei uns wäre in dieser Bergeinsamkeit, würde er auch nichts anderes tun als wir, nämlich lesen; er kenne auch niemanden, der unternehmungslustiger sei. Ich glaube, er sagte das aus Bescheidenheit. Natürlich wollte er nicht sagen, dass er noch gieriger las als Harûn. »Weißt du«, sagte er mir einmal, »mein Großvater sagte immer: ›Zwei Dinge im Leben sind das Höchste: vögeln und darüber reden.‹ Ich würde behaupten, dass es zwei andere Dinge sind: Bücher lesen und darüber reden.« Durch Salmân habe ich Autoren kennengelernt, die zu lesen mir früher nicht eingefallen wäre: Erich Maria Remarque, Henri Barbusse, Leonhard Frank, André Malraux oder Ernest Hemingway. Bei jedem Urlaub bat er mich, Bücher von ihnen mitzubringen, und ich weiß noch genau, wie untröstlich er war, wenn ich ohne das erwartete Buch zurückkam. So geschah es mit dem Roman des Rumänen Constantin Virgil Gheorghiu, Die fünfundzwanzigste Stunde. Erst später habe ich gemerkt, dass es in all diesen Romanen um dasselbe Thema geht, den Krieg. Das war unser Ritual. Die Bibliothek zog überallhin mit uns. Nach zwei Jahren beim Damm von Dukân, nachdem wir erfolgreich die unserem Bataillon noch verbliebenen Maultiere darauf dressiert hatten, klaglos Mühsal und Lasten auf sich zu nehmen, wurde ich versetzt. Zum Glück war ein Onkel von mir noch immer an leitender Stelle im Verteidigungsministerium tätig, bevor auch er am 3. Juli 1993 unter dem Vorwurf der Beteiligung am Militärputsch gegen den Herrscher verhaftet wurde. Dabei hatte sich der amerikanische Geheimdienst blamiert, der den Coup, angeblich unbeabsichtigt, angezettelt hatte. Dieser Onkel wurde damals mit anderen Offizieren aus den Clans der Dschabbûr und der Dulaim hingerichtet. Ohne seine Hilfe hätte ich die Versetzung Salmâns nicht durchdrücken können. Es sei, so argumentierte ich, ausgesprochen schwierig, einen Ersatz für ihn zu finden, und er habe ja nun schon eine gute Ausbildung im Umgang mit Maultieren erhalten. Und weil die Anstellung in der Armee eine ganz normale Angelegenheit war, gab sein Bataillon beim Damm von Dukân die Zustimmung, ihn an die Abteilung für Nutztiere beim Verteidigungsministerium abzustellen, damit es für ihn leichter war, mit mir in Verbindung zu bleiben. Auf diese Weise wurden wir in verschiedene Regionen im Land versetzt und arbeiteten in mehreren Einheiten, und wir blieben bei allen Versetzungen stets zusammen. Es war die intensivste Leseperiode in meinem Leben. Am 20. August 1988 ging der Krieg zu Ende. Als wir knapp zwei Monate später entlassen wurden, fragte ich ihn, was er davon halte, mit mir in einem der Schlachthäuser in Bagdad zu arbeiten. »Nach der langen gemeinsamen Erfahrung mit Tieren, die wir gesammelt haben, wäre das doch etwas. Ich habe keine andere Arbeit, und du kannst von deiner Tätigkeit nicht leben. Warum also solltest du nach Nassirîja gehen?« Ich wusste, wie unwohl ihm bei dem Gedanken war, in seine Stadt zurückzugehen. Er fürchtete, gleich bei seiner Ankunft festgenommen zu werden. »Ich weiß, was du meinst«, antwortete er. »Es ist in unserem und im Interesse der Tiere.« Dann wandte er sich an mich mit den Worten: »Du Henkersknecht, geh doch in dein Kaff zurück. Wir jagen dich zum Teufel und schmeißen dich aus Amt und Würden!« Ich lachte. Er solle sich darüber keine Gedanken machen, aus Amt und Würden werde der echte im Irak agierende Henker nicht geschmissen, und in sein Kaff werde er nie zurückgehen. Doch wer hätte geahnt, dass er genau das einmal tun würde? Dass der Henker des Landes, den man den »historischen Führer« oder meist den »Schicksalsführer« nannte, dass dieser Verbrecher fast fünfzehn Jahren nachdem wir an der Busstation Allâwi al-Hilla gestanden hatten, zurück in sein Dorf gehen würde, in dem er als Kind Schafe und Ziegen gehütet hatte? Doch da war es schon zu spät. Er hatte schon Menschen und Steine verschlungen, Bücher und ...

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