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Badewannentag

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel

Über die Autorin

Elfriede Vavrik, geboren 1929 und Mutter von drei Söhnen, betrieb bis 2006 eine kleine Buchhandlung in der Nähe von Wien. Nach ihrer zweiten Scheidung im Alter von vierzig Jahren blieb sie allein und entdeckte erst mit 79 ihr Liebesleben neu. Darüber schrieb sie den Tatsachenroman »Nacktbadestrand«, der sich mehr als 20 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste hielt.

1.

Niemals wird der Frühling beginnen, dachte ich. Es schneite schon wieder. Es war der erste Februar. Eigentlich war es doch normal, dass es am ersten Februar schneite. Aber an jenem Tag stand ich am Fenster in meinem Schlafzimmer und wollte die Sonne sehen. Ich wollte Vögel hören und den Flieder riechen. Stattdessen Schnee überall, und den wollte ich nicht.

Seit bestimmt zwei Wochen keinen meiner Männer gesehen. Weder den stillen Franz, der zu Ostern nach Hawaii geflogen war. Allein, ohne seine Freundin, die er mit mir betrog. Noch Hermann, der manchmal den weiten Weg aus Salzburg auf sich nahm, um mich zu sehen und mit mir zu schlafen. Hermann, der sich immer höflich wie ein Lieblingsenkel benahm. Von meinem liebsten Gerald, dem Schottergrubenunternehmer, der immer so gut zu mir war, hatte ich auch schon seit vierzehn Tagen nichts mehr gehört. Wo war er geblieben?

Ich hatte ein paar Kurzgeschichten geschrieben und zwei, drei Treffen mit Männern abgesagt, die sich noch auf meine Kontaktanzeigen von früher gemeldet hatten. Einer davon war damals bei mir gewesen, ohne meine Lust auf Wiederholung zu wecken.

Für ein paar Tage war ich also ein bisschen allein und schon fühlte ich mich einsam. Ich ging um das Telefon herum wie eine hungrige Hyäne um ein Stück Fleisch und überlegte in ungewohnter Schüchternheit, wen ich anrufen könnte.

Dann dachte ich wieder, dass ich Ruhe geben sollte, dass sich bestimmt einer melden würde, dass mich meine Lieben schon nicht im Stich lassen würden. Aber wenn die Stunden im Schneckentempo vergingen und der Tag sich anfühlte wie eine Reise durch die unendlichen, langweiligen Weiten des Weltraums, dann ging es mir einfach schlecht. Ich fühlte mich ausgelaugt vom Trubel der letzten Wochen, alleingelassen und vor allem alt. Wie eine Herbstlandschaft nach einem schweren Hagelgewitter, die nicht weiß, wie die zerrissenen Blätter geflickt, die überfluteten Wiesen getrocknet und die zersplitterten Stämme noch vor dem Wintereinbruch ersetzt werden könnten.

Ich stützte mich mit der Hand am Heizkörper ab und vergaß ganz, dass er heiß war. Ich wollte mir vorstellen, dass die Schneeflocken Blütenblätter sind oder weiche Pollen oder goldgelber Blütenstaub, aber es ging nicht. Ich nahm den Telefonhörer zur Hand, wählte Geralds Nummer, legte sofort wieder auf. Ich wollte mich in einem so melancholischen, um nicht zu sagen depressiven Zustand niemandem zeigen.

Ich freute mich über den Erfolg meines Buches, in dem ich mir meine Freude über mein spätes zweites Liebesleben von der Seele geschrieben hatte. Die Frau, die es nach zwei gescheiterten Ehen und vierzig Jahren Abstinenz noch einmal wissen wollte. Die Frau, die mit neunundsiebzig ihren ersten Orgasmus hatte. Inzwischen war einige Zeit vergangen. Ich hatte viel zu tun gehabt. Wenn ich nach Fernsehauftritten auf Flughäfen eincheckte, winkten mir Fans zu, und ich verschickte eine Menge signierter Fotos. Trotzdem fehlte mir jetzt ein Mann voll Testosteron und Spannkraft. Die schönste Aufgabe kann dem Unglück bringen, der nicht aufpasst und den Kontakt zur Außenwelt verliert. Da schrieb ich über die sexuelle Befreiung im Alter, und dann hatte es zur Folge, dass ich erst recht wieder allein war. Ein Mann auf mir und in mir, und all diese Gedanken wären verflogen gewesen. Doch es war keiner in Reichweite.

Ich werde mit meinen weichen alten Händen nie wieder einen harten Penis umfassen, dachte ich. Niemals wird der Frühling wiederkommen. Ich hatte meinen Frühling schon, aber ich habe es vermasselt, und jetzt ist es zu spät. Geralds lachendes Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich hätte mir trotz allem Zeit für ihn nehmen müssen, dachte ich. Ich dachte auch an das Gejammer von Peter, jenes jungen Mannes, der bei mir als Einziger Bier hatte trinken dürfen. Er hatte immer wieder Probleme mit seiner ebenso jungen Freundin gehabt und sich dann bei mir ausgeweint. Ich hätte nie mit ihm Schluss machen dürfen, dachte ich, trotz seiner Jugend.

Ich merkte, wie sich meine Gedanken verselbstständigten. Ich fühlte, wie jemand mein Nachthemd hob und mir ohne Wenn und Aber seinen Schwanz in die unvorbereitete, aber doch schon feuchte Scheide steckte. Wie aus dem Hinterhalt in einen ahnungslosen Feind. War es der geschickte Gerald? Oder der junge, vorsichtige, liebevolle Peter? Oder der tätowierte, unbarmherzige Häftling, der zu Weihnachten bei mir zu Hause gewesen war? Oder doch einer meiner Ehemänner aus meinem ersten Leben? Endlich ließ ich den heißen Heizkörper los und drehte mich um. Das Schlafzimmer war leer. Kein Aggressor weit und breit. Ich seufzte.

Mein Kreislauf war vom vielen Grübeln unruhig geworden. Ich holte mir ein Glas Wasser aus der Küche, trank es sofort aus, füllte es erneut und stellte es im Schlafzimmer auf den Nachttisch. Ich ließ mein Nachthemd fallen. Jetzt war ich ganz nackt und fühlte mich frei. Ich führte meine Hand zur Klitoris, ließ mir Zeit, strich durch mein dünnes, glattes Schamhaar und schloss die Augen. Ich blieb stehen, während ich mit der Hand kreisende Bewegungen vollführte. Ich wollte eine richtige Gänsehaut bekommen und weiche Knie. Ich wollte mich bebend aufs Bett fallen lassen und weitermachen und weiter und weiter, bis der Frühling käme.

Auf meinen geschlossenen Lidern sah ich wie Dias Bilder von einem jungen Mann in einem blauen Overall. Mit einem gelben Helm auf dem Kopf lehnte er neben einer Baugrube an seiner Schaufel. Sein Gesicht war verschwitzt und mit Staub und Sand verklebt. Sein dichtes Haar hatte die Farbe des frischen Teers, auf dem seine schweren Stiefel ruhten. Er kam auf mich zu, die Schaufel über die Schulter gelegt. Er kam immer näher. Ich erwartete seine Berührung. Aber da stand er plötzlich vor mir, und während er mich weiterhin ansah, nahm er eine andere Frau. Eine jüngere. Sie war so um die sechzig Jahre jünger. Er zog sie an ihren langen blonden Haaren. Sie kreischte und stöhnte, aber sein Gesicht blieb ruhig. Ich wollte ihn für mich haben. Ich führte mir einen Finger ein. Da sah ich, wie er die Schaufel am Ende des Stiels packte und ausholte. Das Schaufelblatt traf mich schwer am Kopf.

Mir wurde schwindlig. Ich suchte Halt, aber mein Bett war niedrig und die Heizung und das Fensterbrett waren zu weit weg. Ich riss die Augen auf und sah nur noch viel zu hell und viel zu schnell die Einrichtungsgegenstände an mir vorbeisausen. Ich fiel hin. Es fühlte sich an, als würde der Sturz eine Ewigkeit dauern. Ich meinte, die Niagarafälle hinabzugleiten.

Zuerst schlug ich mir den Kopf an, aber nur leicht, weil ich seinen Aufprall mit meinen Händen abfedern konnte. Dann hörte ich ein lautes Knacken. Ein stechender Schmerz schoss durch meinen linken Oberschenkel und durch mein Becken bis unter meine Schädelplatte. Das ist nicht sehr gut, flüsterte ich mir zu. Du bist wirklich alt, flüsterte ich weiter, sonst würdest du ja jetzt einfach aufstehen und es würde nicht so wehtun. Ich versuchte an etwas Friedliches zu denken. An schlafende Schafe. Doch die Schafe erwachten und fletschten die Zähne wie tollwütige Hunde. Ich versuchte es wieder. Schlaft ruhig, schlaft, meine weichen wolligen Schäfchen, schlaft. Die Sonne scheint am Tag und nachts blinken die Sterne, schlaft. Aber der Schmerz ließ solche Bilder nicht zu. Der Schäfer kam mit einer gewaltigen Schere, schor die Schafe kahl und häutete sie hinterher. Ich wusste, dass ich mir eine Verletzung geholt hatte, die ich nicht mit Salben oder Umschlägen auskurieren können würde. In meinem linken Bein war sicher etwas gebrochen. Es ließ sich überhaupt nicht mehr bewegen. Ich kroch zum Telefon. Am Boden liegend wählte ich die Notrufnummer. Es fiel mir schwer, meine Adresse zu artikulieren. Ich kroch weiter in den Flur und öffnete schon mal die Tür für die Rettungsleute. So eine kleine Wohnung hat ihre Vorzüge, dachte ich.

Ich musste mich anziehen, zumindest ein wenig bedecken. Schließlich wollte ich die armen jungen Sanitäter nicht mit meiner an der Türschwelle hingebreiteten vergangenen Schönheit überraschen. Ich konnte nur unter den Kleiderständer kriechen, an einem der Mäntel ziehen und hoffen, dass er auf mich fallen würde. Es funktionierte nicht ganz so einfach. Ich hatte die Mäntel sorgfältig aufgehängt.

Mein Gott, dachte ich, warum kann ich nicht einfach Ruhe geben, meine Eitelkeit und Scham ablegen und hier wie ein nicht ganz jugendfreies Dornröschen liegen bleiben, bis die Prinzen kommen? Ich hätte nicht einmal die Tür für sie aufmachen müssen. Die Prinzen, Retter und Sanitäter hätten sie schon irgendwie eingeschlagen. Das wäre für sie vielleicht sogar ein Abenteuer gewesen. Aber nein, meine Eitelkeit siegte. Am Boden liegend zog ich weiter an den Mänteln. Drei hingen am Kleiderständer, und endlich gab das Bändchen des einen nach und riss durch. Ich jubelte, biss die Zähne zusammen und schlüpfte halb liegend nach und nach in die Ärmel des Mantels. Dann knöpfte ich ihn zu. Was für ein Opfer. Wie ein Wurm wand ich mich auf dem Boden des Flurs. Bei jeder Bewegung hätte ich am liebsten aufgejault wie ein Wolf bei Vollmond, so sehr tat es weh.

Kaum war ich fertig, kamen die Sanitäter in die Wohnung und knöpften mir den Mantel wieder auf. Ein Notarzt beugte sich über mich und fragte, ob ich Schmerzen hätte. Das Wort »Schmerzen« hätte er besser nicht gewählt. Auf einmal waren sie viel mehr Wirklichkeit als bisher, und ich schrie los. Ich bekam eine Spritze und noch eine Spritze, und alles wurde angenehm und hell, so ähnlich wie in dem Augenblick, in dem ich gestürzt war. Ich schwebte. Mir wurde klar, warum so viele Menschen süchtig nach Schmerz- und Beruhigungsmitteln sind. Am besten breche ich mir von jetzt an täglich etwas, dachte ich, als sich die Wirkung der Spritze voll entfaltete. Das Wort »Oberschenkelhalsbruch« war das Letzte, das ich den Arzt sagen hörte. Was für ein süßes, weiches Wort, dachte ich. Der Frühling war da.

2.

Im Unfallkrankenhaus Mödling lief dann alles wie von alleine. Der Frühling war dort allerdings wieder vorbei. Ich war eine von unendlich vielen alten Damen, die sich im Winter den einen oder anderen Knochen brechen. Oder eben sogar den gefürchteten Oberschenkelhals. Meistens passiert das auf Glatteis, oft auch in der glitschigen Badewanne, seltener auf Hundekot. Wahrscheinlich bildete ich eine Ausnahme, weil ich mir den Bruch bei der Selbstbefriedigung zugezogen hatte. Meine Blödheit. Warum hatte ich mich nicht einfach hingelegt?

Nachdem ich aus meinem Dornröschenschlaf erwacht war, wurde ich sofort in den nächsten befördert und unter Vollnarkose operiert. Die Chirurgen steckten den Knochen mithilfe eines Titannagels wieder zusammen. Ich träumte, dass ich einen Kuchen backe, einen Kuchen mit kandierten Früchten. Ich hatte eine Schüssel auf dem Schoß und knetete den Teig darin mit beiden Händen. Meine Hände waren wie gefesselt von der dichten Masse. Vor mir stand Gerald und rief: »Mach weiter, knete, knete!« Er lachte. Er war gar nicht bedrohlich oder herrisch, sondern nett und herzlich, ganz so, wie es eben seine Art war. In jeder Hand hielt er einen Blumenstrauß, links Tulpen und rechts Lilien. Sein Hosenschlitz war offen, und er presste mir seinen steinharten Schwanz in den Mund, so fest er konnte. Ich wich nicht zurück. Ich war wahnsinnig gierig. Später schob ich den Kuchen in den Ofen. Dabei ließ ich seinen Schwanz nicht los, denn Gerald saß auf dem brennenden Gasherd. Mit den brennenden und qualmenden Blumen in den Händen presste er meinen Kopf gegen sich. An seinen Oberschenkelinnenseiten sammelte sich Schweiß.

In meinem Traum gesellten sich noch die anderen drei Männer dazu, die mich im vergangenen Jahr oft besucht hatten. Der scheue und ängstliche Franz, der kleine, zarte Peter und der im Bett ganz harte Hermann. Alle drei nahmen mich abwechselnd von hinten. Einer nach dem anderen kam in mir. Alles wiederholte sich immer und immer wieder, bis ich merkte, dass Gerald in meinem Mund zu zucken und zurückzuschrecken begann. Ich wechselte die Position, legte mich mit dem Rücken auf eine Wolke des siebten Himmels und ließ mich von Franz, Peter und Hermann festhalten.

Drei Tage nach der Operation hatte ich mehrere solcher Träume hinter mir, aber ich hatte es immer noch nicht über mich gebracht, einen meiner Freunde anzurufen. Ich war unansehnlich in meinem Krankenbett. Ich hatte Schmerzen. Und obwohl mir die Ärzte versicherten, dass die Operation und die ersten Heilungsschritte erstaunlich positiv verlaufen seien, sorgte ich mich auch, ob alles wieder gut werden würde.

Das Telefon läutete. Mein Verlag wollte über mein zweites Buch mit mir sprechen. Dafür hatte ich im Moment wirklich keinen Kopf. Gleich nach diesem Gespräch klingelte mein Handy noch einmal. Es war Gerald. Er müsse mich unbedingt sehen, sagte er. Er wusste nichts von meinem Unfall, woher auch. Ich stotterte herum und gab vor, keine Zeit zu haben. Aber er ließ nicht locker, bis ich ihm alles erzählte und zugab, im Krankenhaus zu sein. Ich musste ihm mindestens sieben Mal versichern, dass es mir gut ging und dass mir keine Lebensgefahr drohte.

»Tut mir leid, dass ich mich nicht schon früher gemeldet habe«, sagte er. »Ich steige jetzt gleich ins Auto und bin in wenigen Stunden bei dir.« Es war sinnlos, ihm zu widersprechen. Angenehm sinnlos. Ich mag Männer, die wissen, was sie tun, und die sich nicht beirren lassen. Kaum hatten wir unser Gespräch beendet, läutete das Telefon wieder. Es war Franz.

»Hallo Elfriede. Ich will ficken«, sagte er geradeaus.

Ich brachte kein Wort heraus. Wie lange würde mich mein Oberschenkelhals daran hindern, diese Freuden des Lebens, die ich doch erst vor so kurzer Zeit entdeckt hatte, zu genießen?

»Was ist?«, fragte Franz nach einer Weile der Stille. »Bist du noch dran? Kann ich kommen?«

»Ich habe mir ein Bein gebrochen«, sagte ich.

»Na und?«, antwortete er.

Vielleicht hatte er recht. Wenn eine über achtzigjährige Frau überhaupt noch Sex haben konnte, dann wohl auch eine mit einem verletzten Bein. Gut, es war nicht irgendeine Verletzung. Die Zeit, in der alte Menschen am Bruch eines Oberschenkelhalses gestorben waren, war noch nicht allzu lange vorbei. Die Ärzte hatten mich in diesem Punkt aber beruhigt. Die Operation sei inzwischen Routine, ein guter Ausgang sehr wahrscheinlich. Trotzdem war ich schwer angeschlagen. Ich fühlte, dass so ein Unfall nach wie vor die Gefahr mit sich brachte, nicht mehr auf die Beine zu kommen und bis zum Tod nur noch dahinzusiechen. Aber ich wollte leben, auch wenn ich dafür die Zähne zusammenbeißen musste. Ich hatte noch so viel nachzuholen. Ich wusste, dass meine Verletzung heilen würde. Und außerdem spürte ich, wie ich bloß beim Telefonat mit Franz unter der Krankenhausdecke langsam, aber sicher feucht wurde.

Ich rechnete im Kopf schnell nach, wann genau ich aus dem Krankenhaus entlassen werden würde, und nannte ihm ein Datum und eine Uhrzeit. Er sagte zu, kurz angebunden wie immer, und legte auf.

Zu guter Letzt klingelte mein altertümliches Handy an diesem Tag noch einmal zu Mittag, als mir die Schwestern gerade einen Gemüseauflauf mit Salat servierten.

»Hallo?«, hörte ich eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Vavrik hier. Wer ist da?«

»Vavrik? Also ist es die richtige Nummer. Ich bin Jochen.«

»Wer?«

Der Mann wirkte etwas unsicher. Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, mit irgendeinem Jochen Kontakt gehabt zu haben.

»Sie haben doch in einer Zeitschrift inseriert, dass Sie Männer suchen, ohne Bindung, nur so.«

»Ach ja, das ist schon eine ganze Weile her. Woher wissen Sie meinen Namen?«

Nachdem sich Jochen mehrmals geräuspert hatte, erklärte er mir nach und nach, dass er mir schon im Sommer einen Brief geschrieben habe. Einen sehr höflichen, wie ich mich nun erinnerte. Er hatte darin erklärt, dass er normalerweise nicht auf Inserate reagiere, dass er aber eine schwere Zeit durchmache, in der ihm etwas Körperkontakt mit einer sympathischen Dame sehr helfen würde. Ich hatte ihm damals ebenso höflich geantwortet und ihm offenbar auch meinen Namen genannt.

»Und warum melden Sie sich erst jetzt?«, fragte ich und stocherte ungeduldig im Gemüseauflauf, der kalt zu werden drohte.

»Ich war verhindert«, sagte er unbestimmt, »aber jetzt habe ich Zeit und eine große Sehnsucht. Ich hoffe, dass sich bei Ihnen nichts geändert hat, dass es Ihnen gut geht und dass Sie noch immer interessiert sind, einen Mann kennenzulernen. Einfach so.«

Ich lachte. Oh, es hatte sich vieles verändert, ganz abgesehen von meinem Oberschenkelhalsbruch. Ich war jetzt keine schüchterne alte Dame mehr. Meine Liebhaber hatten mir einiges beigebracht. Ich war genau die Richtige, um einem schüchternen Mann auf die Sprünge zu helfen.

»Derzeit bin ich leider verhindert«, sagte ich trotzdem. Es war mein Stolz, der mich drängte, ihn zappeln zu lassen. »In ein bis zwei Wochen habe ich vielleicht Zeit. Ich rufe Sie dann an.«

»Ich warte darauf«, sagte er. Er klang wie eine Mischung aus einem höflichen Beamten und einem Prinzen aus alten Zeiten, der mit seiner Angebeteten per Sie sein muss.

Der Gemüseauflauf schmeckte mir, obwohl er längst kalt war. Der Frühling würde wiederkommen, da war ich nun sicher. Erstaunlich, wie leicht es ist, Sex zu bekommen, egal wie einem das Leben mitspielt, dachte ich.

Ich erinnerte mich, dass Gerald bald zu Besuch kommen würde, und bat eine Schwester, mir bei der Hygiene zu helfen. Man schwitzt ja so viel in Krankenhausbetten. Ich wollte für meinen Musketier gut riechen. Ich putzte mir sorgfältig die Zähne. Das alles dauerte naturgemäß etwas lang, und ich fürchtete zuerst, nicht rechtzeitig fertig zu werden. Schließlich wartete ich ungeduldig etwa eine halbe Stunde, die mir wie eine halbe Ewigkeit vorkam. Ich löffelte Himbeerjoghurt und sah fern.

Als die Fernsehbilder vor meinem unruhigen Blick zu flimmern begannen, kam Gerald endlich. Er hatte einen riesigen Blumenstrauß dabei und eine Vase, die er offenbar am Schwesternstützpunkt ausgeborgt hatte. Er grinste breit.

»Hallo Elfriede!«, rief er. »Was ist dir denn eingefallen? Du musst auf dich aufpassen!«

Er gab mir einen Kuss auf die Wange, als wäre ich seine Großmutter. Ich begrüßte ihn im gleichen Stil, zog ihn aber dann zu mir.

»Komm, gib mir einen echten Kuss«, sagte ich. »Ist doch egal, wenn es jemand merkt.«

Er küsste mich. Das Zähneputzen hatte also seinen Sinn gehabt. Er küsste mich zuerst zaghaft, aber bald schon richtig. Ich hatte in den vergangenen Wochen gar nicht wirklich gemerkt, wie sehr ich das Küssen vermisst hatte. Mehr als in den vierzig Jahren davor. Ich fühlte mich wie ein Kind, das endlos auf sein Eis warten musste und jetzt hofft, dass der Eisbecher bodenlos ist und das Eis niemals versiegen wird.

Ich hatte auf einmal wieder Lust, mein Leben zu genießen. Die vergangenen Monate waren an mir vorübergezogen wie ein Film. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einem Flugzeug geflogen und wenige Wochen später war es schon Routine gewesen. Ich hatte in Talkshows neben Fernsehköchen, Extremsportlern, Schauspielern und Politikern gesessen. Ich, die »Sex-Oma«, die Greisin mit den jungen Liebhabern, die alte Dame, die mit dem Griff ihrer Balkonschaufel masturbiert. Ich hatte mich so sehr bemüht, all das Neue zu bewältigen, dass ich es zu wenig ausgenutzt hatte. Ich hatte die Männer nur mit Blicken gestreift, statt richtig Ausschau zu halten. Ich hatte mir für das Geld, das ich verdient hatte, noch nichts gekauft. Noch nicht einmal einen richtigen Vibrator. Die Welt stand mir offen, so erschien es mir zumindest jetzt, und bewirkt hatte dieses Gefühl nur ein kleiner, aber feiner Kuss von Gerald.

Ich musste Gerald genau erzählen, was mir zugestoßen war. Er erzählte mir die Neuigkeiten aus seinem Schotterunternehmen. Auch dieses belanglose Plaudern war eine Sache, die ich schmerzlich vermisst hatte. Gerald versprach, mich am Tag meiner Entlassung vom Krankenhaus abzuholen. Ich wollte gleich am ersten Tag in Freiheit endlich wieder die wärmende, belebende, zärtliche und manchmal auch grobe körperliche Liebe erfahren.

Nach Geralds Besuch blieb ich bis zum Abendessen euphorisch. Danach fiel mir etwas ein, das mich nicht schlafen ließ. Die Angst, nie wieder Sex haben zu können, war vielleicht lächerlich und unberechtigt gewesen. Doch sie war nur Ersatz für eine andere, tiefliegendere Angst gewesen, für eine, die sich nicht so leicht erkennen und benennen ließ. Tatsache war, dass ich mich vor der Zukunft fürchtete. Nicht vor dem Tod. Dieser Teil meiner Zukunft war unausweichlich, doch obwohl er rechnerisch ziemlich nahe gekommen war, erschien er mir im Augenblick weder näher noch ferner als in den meisten anderen Phasen meines Lebens. Ich hatte keine Angst vor dem Tod. Ich hatte Angst vor dem Leben nach meinem Neuanfang. Davor, nicht weiterzuwissen, wenn sich die Aufregung um mein Buch gelegt haben würde. Wenn ich alles in meinem Kopf geordnete haben und wissen würde, was geblieben war und was nicht. Das war die Angst, die mich lähmte und die mich schüchtern und kontaktscheu gemacht hatte. Die ersten Erkenntnisse über das, was geblieben war, stellten sich bereits ein. Ich war wegen des Trubels um mein Buch nur wenige Wochen kaum ans Telefon gegangen, und schon hatten die Männer aufgehört, mich anzurufen. Das hatte ich nicht erwartet. Und es tat meinem Ego gar nicht gut und warf einen Schatten über diesen Neuanfang, den der Erfolg mit sich gebracht hatte.

Neuanfänge, auch wenn ich sie mir hinterher schönredete, waren in meinem Leben fast immer unter Druck passiert und mit Schmerzen verbunden gewesen. So etwa, als mein erster Mann mit allen seinen Firmen pleitegegangen und verhaftet worden war. Damals musste ich mit meinen beiden kleinen Söhnen von einem Tag zum anderen unsere Wohnung verlassen. Sie lag in einer von meinem Mann gepachteten Pension und fiel nun an den Besitzer zurück, der keine Gnade kannte. Ich flehte ihn an, mich zumindest noch für ein paar Wochen in einem kleinen Zimmer der Pension schlafen zu lassen. Vergeblich.

»Sofort heißt sofort«, sagte er.

Beim Kofferpacken sah er mir zu, und ich wusste nicht, ob ich weinen oder schreien sollte. Also tat ich beides gleichzeitig, bis ich müde war und schwieg. Ich konnte nicht alles mitnehmen, schließlich musste ich auch die Kinder transportieren. Außerdem wusste ich nicht wohin. Zurück zu meinen Eltern wollte ich auf keinen Fall. Aber meine Freundinnen wollten mich nicht aufnehmen und eine eigene Wohnung konnte ich mir nicht leisten. Also blieben nur meine Eltern.

Meine Mutter sagte bereits am Telefon, dass ich für die Unterkunft in ihrer kleinen Wiener Wohnung Miete zahlen müsse. Ich schlief mit den Kindern in der Küche, und meine Mutter bedauerte jeden Tag lautstark den Fehler, mich geboren zu haben. Tagsüber arbeiten konnte ich nicht. Meine Mutter dachte nicht daran, auf ihre kleinen Enkel aufzupassen. Also übernahm ich Heimarbeit, die ich auch nachts verrichten konnte. Ich strickte Kinderpullover und Schals, bis ich ganz dumm davon wurde.

Mein Vater, der schwach und etwas langsam von Begriff war, redete mir gut zu. Schließlich setzte er sich gegen meine Mutter durch und sie nahmen die Kinder mit ins Gartenhaus am Stadtrand. So sollte ich Zeit für mich haben, um mich neu zu organisieren. Ich erwies mich als nicht besonders dankbar. Als ich zum ersten Mal allein in der elterlichen Wohnung war, fiel mir nichts Besseres ein, als die Gashähne aufzudrehen und mich auf den Boden zu legen.

Als ich so auf dem Bretterboden lag und das erstaunlich angenehm riechende Gas leise zischend den Raum anfüllte, überlegte ich, worauf es mir mehr ankam. War es mir wirklich so wichtig zu sterben? Oder hoffte ich einfach nur, dass sich jemand eine Zigarette anzündete und das ganze Haus in die Luft flog? Ich stellte mir das Feuer vor und es wurde mir dabei ganz warm und angenehm zumute. Es waren der Gewaltakt und der Nervenkitzel, die mich reizten. Irgendetwas zu erschüttern und zu verändern in dieser Welt war mir wichtiger als der Tod.

Als ich mir das brennende Haus so vorstellte und mich selbst darin verkohlen sah, packte mich wieder mein Selbsterhaltungstrieb. Außerdem dachte ich an meine Kinder. Sie sollten nicht allein und schutzlos meiner Mutter ausgeliefert sein. Ich drehte den Gashahn ab und schleppte mich aus dem Haus. Das Atmen fiel mir schon schwer. Ich dachte nicht daran, einen Rettungsdienst zu rufen.

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