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Bad Criminals

Vorwort

Herzlichen Dank an meine Familie und Freunde, die mich bei diesem Projekt begleitet und unterstützt haben.

Ein ganz besonderer Dank gilt meiner Lebenspartnerin, die bei der Nachkorrektur so viel Geduld gezeigt und ein wundervolles Cover designt hat.

Wichtiger Vermerk: Sämtliche Personen sind frei erfunden, genauso wie die Geschichte selbst. Da der Autor schlecht darin ist, Namen auszusuchen, hat er sich diesbezüglich bei seinem Umfeld bedient.

Es heißt ja, jeder kann singen, Geschichten erzählen oder kochen. Die Frage, welche sich der Autor gestellt hatte, bevor er den Roman in Angriff genommen hatte, war: sollte jeder / jede?

Lieber Leser, liebe Leserin, Sie sind dabei, es herauszufinden.

1

Die Arbeit ruft

Im Prinzip war es ein ganz normaler Montagmorgen, wie man ihn zu dieser Jahreszeit in diesem Bereich der Welt zu erwarten hatte. Die Meteorologen bestanden jedes Jahr darauf, dass der Frühling nun begonnen hatte, eine Zeit des Erwachens, des Blühens und des Sonnetankens. Das schien dem Frühling selbst aber ziemlich egal zu sein, denn er weigerte sich konsequent, auch nur eine dieser Eigenschaften preiszugeben.

Während Inspektor von Halden mit einer Mischung aus Müdigkeit und einem Anteil Unzufriedenheit versuchte, mit seinem Billig-Eiskratzer die Windschutzscheibe vom morgendlichen Raureif zu befreien, schweifte sein Blick über seinen Wagen hinweg zur Quartierstraße, die wie der Rest der Umgebung fest im Würgegriff des Nebels stand.

Da es ein relativ altes und nicht gerade behutsam gepflegtes Quartier war, ersparte der Nebel einem einen weiteren trostlosen Blick auf heruntergekommene Wohnblöcke, bei denen die Balkone einfach nur ein schlechter Witz waren. Die meisten Anwohner verwendeten die gefühlten zwei Quadratmeter, um ein paar Pflanzen zu züchten sowie die Wäsche zu trocknen. Wenige Masochisten hatten tatsächlich zwei Gartenstühle sowie einen Bistrotisch dort stehen, um anscheinend gelegentlich die schöne Aussicht auf die nächste Fassade in wackligen Gartenmöbeln genießen zu können.

Er selbst wohnte in einem ganz schönen Wohnblock, das einzige Gebäude im gesamten Quartier, welches von Grund auf durch die Verwaltung renoviert worden war. Ursprünglich war mal geplant gewesen, das gesamte Quartier durch massive Renovierung aufzuwerten, damit die Verwaltung die Erhöhung des Mietzinses auch irgendwie zu rechtfertigen wusste. Denn jedem Anwohner hier war klar, dass die Bausubstanz so alt war, dass eine Renovierung entweder gründlich gemacht werden musste, was natürlich erhebliche Kosten nach sich ziehen würde, oder man einfach eine Pinselrenovierung durchführen würde, damit man dann eine nicht ganz gerechtfertigte Mietzinserhöhung durchdrücken konnte.

Was die Verwaltung damals nicht hatte wissen können, war, daß die vorherigen Besitzer, also eine andere geizige und skrupellose Immobilienverwaltung, die Bausubstanz und die Qualität der Wohnräumlichkeiten in einem viel besseren Zustand verkauft hatten, als diese wirklich gewesen waren. Vor zwei Jahren flatterte von der Verwaltung bei Inspektor von Halden ein zweiseitiger Brief herein, in dem breit erklärt wurde, wie toll und wie schön die gesamte Überbauung schlussendlich aussehen würde und dass für die Anwohner durch die Bauarbeiten nur Vorteile entstehen würden.

Im Kleingedruckten wurde dann beiläufig erwähnt, dass die Umbauten die Bewohnbarkeit der Räumlichkeiten dezent einschränken würden, damit meinten sie komplett unbewohnbar, und dass nach den abgeschlossenen Arbeiten der Mietzins bescheiden erhöht , also um unverhältnismäßige dreißig Prozent angehoben werden würde. Die gesamten Arbeiten sollten eigentlich nur sechs Monate andauern, gerade genug Zeit, um so ziemlich die gesamte Wohnung auszukernen, die Fenster rauszuschmeißen und die gesamte Erneuerung abzuschließen. Während der Bauphase wurde auch daran gedacht, ein Carport zu installieren, was schlussendlich aber an den Baubewilligungen und an der mangelnden Initiative der Verwaltung gescheitert war und nun dazu führte, dass Inspektor von Halden jeden Winter sein nun zwölfjähriges Auto vom Schnee befreien musste.

Als er das Auto in Zusammenhang mit einer Beförderung erhalten hatte, hatte dies natürlich nach einem super Angebot geklungen, auf welches er sich auch irrsinnig gefreut hatte. Er hatte damals endlich die Prüfung zum Inspektor mit der Note „Gut“ bestanden und bereits eine Stelle angeboten bekommen. Inbegriffen waren bezahlte Spesen während der Arbeitszeit sowie ein Dienstwagen, bei dem alle Reparaturen sowie das Tanken vom Arbeitgeber übernommen wurden.

Vor zwölf Jahren war der Wagen also frisch gewaschen und von der Garage abgeholt auf seinem Dienstparkplatz gestanden, in einem eleganten Dunkelblau mit beigem Interieur, Marke BMW, und in der Inspektor-Vollausstattung, die von der Polizeiwerkstatt professionell eingebaut worden war.

Inzwischen hatte der Wagen natürlich einiges erlebt, wie beispielsweise kleinere Beulen an der Karosserie wegen Berührungen mit anderen Fahrzeugen, mit der Absicht, diese zu stoppen, oder kleinere Schrammen auf den hinteren Sitzen, wenn er gewisse Leute mehr oder weniger freiwillig hatte mitnehmen müssen, bis zu zerkratzen Felgen, weil er teilweise im Winter den Abstand zum Bordstein nicht genau hatte abschätzen können. Das Leder des Lenkrades fühlte sich abgenutzt und speckig an und viele Elemente der Armaturen hatten ihren Glanz verloren. Das Auto hatte mittlerweile auch schon über 250 000 Kilometer auf dem Buckel, war aber immer noch gut in Schuss. Selbstverständlich benutzte er mittlerweile das Navigationssystem auf seinem Smartphone, da das des Autos hoffnungslos veraltet und überfordert war. Die Entscheidung hatte er damals getroffen, als das Navi von BMW ihn auf dem Weg zum Tatort über eine Kuhweide hatte leiten wollen, welche als vollwertige Straße gekennzeichnet gewesen war.

Seine mittlerweile etwas angefrorenen Finger erinnerten ihn daran, dass er sich zum einen endlich einen neuen Eiskratzer mit langem Stiel besorgen sollte und dass Handschuhe, welche an den Fingerspitzen bereits Löcher aufwiesen, wohl keine gut wärmende Kleidung darstellten. Nachdem Inspektor von Halden fluchend noch das Eis von den Seitenspiegeln entfernt hatte, schmiss er den billigen Eiskratzer auf den Rücksitz und klemmte sich hinter das Steuerrad.

Er drehte energisch die Zündung und der Motor heulte kurz leise auf, um in ein beständiges Schnurren überzutreten. Er musste ohnehin noch etwa fünf Minuten warten, da die Scheibe stark angelaufen war und er so natürlich unmöglich losfahren konnte. Während das Auto nun versuchte, den Rest der Kälte vom Innenraum zu vertreiben und die Scheibe in etwas zu verwandeln, das man auch als transparent bezeichnen konnte, warf er noch einen kurzen Blick in den Schminkspiegel.

Früher hatte er keine Zeit damit verschwendet, sein Äußeres speziell zu pflegen, aber seit er letztes Jahr zweiundfünfzig geworden war und nun einen sechsundzwanzigjährigen Assistenten an seiner Seite hatte, wollte er nicht das Klischee des alten, abgehalfterten Polizisten erfüllen, sondern immer noch jung und dynamisch wirken. Was natürlich ein etwas schweres Unterfangen war, seitdem seine Haare sich weigerten, blond zu bleiben, und sich immer mehr in Weiß verwandelten.

Das bedeutete für ihn, dass er seine Haare immer etwas nachfärben ließ, um nicht wie ein Mann in der Midlife-Crisis zu wirken, aber dennoch das Ergrauen seiner Haare etwas zu verzögern. Sein Gesicht wirkte etwas eingefallen, da er in den letzten drei Monaten etwa zehn Kilo abgenommen hatte, hauptsächlich, indem er etwas mehr darauf achtete, was er aß und jeden Abend etwa dreißig bis vierzig Minuten Joggen ging, was im Winter – respektive Frühling – nicht immer ganz einfach war. Zweimal die Woche profitierte er vom Angebot des neuen Fitnesscenters der Polizei und wagte sich jeweils abends an die Kraftmaschinen, um etwas Gutes für seinen Körper zu tun – und teilweise mit der leisen Hoffnung, dass sein Waschbärbauch eines Tages vielleicht ein kleines bisschen seinen Waschbrettbauch durchscheinen lassen würde. Mit seinen ein Meter sechsundsiebzig hatte er eine durchschnittliche Körpergröße, womit er gut klarkam. Er wollte auch sonst endlich wieder Änderungen in seinem Leben hervorrufen, seit ihn seine letzte Freundin vor etwa vier Jahren verlassen hatte.

Er wollte gerade rückwärts aus seinem Parkplatz fahren, als er nochmals einen prüfenden Blick zu seiner Rechten machte, zum Nachbarwohnblock, bei dem letzte Nacht um etwa elf Uhr abends ein dunkelgrauer VW-Kastenwagen auf dem hintersten Parkplatz geparkt hatte. Das war im Grunde genommen nichts Außergewöhnliches, da in diesem Quartier viele Handwerker wohnten und es immer wieder vorkam, dass einer seinen Lieferwagen respektive das Arbeitsfahrzeug mit nach Hause nahm, damit er am nächsten Morgen bereits früh losfahren konnte – zu irgendeiner entfernten Baustelle.

Gestern Abend war ihm aufgefallen, dass das Fahrzeug kein Firmenlogo hatte, dafür aber einige schöne, große Kratzer an der Fahrertür sowie im hinteren Bereich des Fahrzeuges. Es hatte mehr wie ein Vorzeigefahrzeug einer VW-Vertretung ausgesehen, das vom Lehrling unachtsam in die Garage reingefahren worden war.

Die zwei Personen, die in jener Nacht ausgestiegen waren, hatten auch überhaupt nicht wie Handwerker ausgesehen und sich auch nicht entsprechend verhalten. Sie hatten sich auffällig vom Fahrzeug weggeschlichen, in sehr dunklen Klamotten, und sich nur leise Dinge zugeflüstert, die er auf dieser Entfernung nicht hatte verstehen können. Als etwa zehn Minuten vergangen waren, hatte er den VW-Kastenwagen nicht mehr weiter beachtet und sich wieder seiner Fernsehsendung gewidmet, welche über Kanadas Landschaft berichtet hatte – ein Land, in das er gern irgendwann einmal auswandern wollte. Das war ein Traum, der ihn seit seiner Trennung immer wieder begleitet hatte.

Er hatte schon mal Sendungen gesehen, die sich mit dem Auswandern beschäftigten und deren Abenteuer von einem neuen Leben in einem neuen Land erzählten, und wie viel glücklicher diese Personen jeweils mit dieser Entscheidung waren. Aber es war ein gewaltiger Unterschied, ob man mit einer Idee eine nette Fantasie verband, nach dem Motto: „Eines Tages werde ich dies auch mal tun“ oder, ob man dieses Abenteuer effektiv in Angriff nahm, wozu er einfach noch nicht bereit war. Aber es war nett, sich in dieser Fantasie zu verlieren und sich vorstellen zu können, wie und wo er einst mal leben könnte und sich ein neues Zuhause aufbauen würde.

Der Kastenwagen war auf jeden Fall schon wieder verschwunden und hatte keine Spuren hinterlassen. Wahrscheinlich war es wieder einmal ein unbedeutendes Ereignis gewesen, das er als Inspektor überinterpretiert hatte, was natürlich auch mit seinem Beruf zusammenhing. Er blickte noch mal kurz auf die Uhr und entschied, dass es höchste Zeit war, zur Arbeit zu fahren, denn er wollte nicht später als sieben Uhr dreißig beim Polizeiposten ankommen, um mit dem Assistenten einen neuen Fall im Bereich einer kleinen Diebesbande aufzuklären.

Um diese Zeit war der Weg zur Arbeit nicht immer einfach, da seine Arbeitsstrecke über mehrere stark befahrene Straßen führte, die chronisch überlastet waren. Er war stets sehr glücklich darüber, dass sein Auto über ein Automatikgetriebe verfügte, denn sonst käme er jedes Mal mit einem Krampf im linken Fuß bei der Arbeit an. Er war zwar Polizist, dies nützte ihm aber im Straßenverkehr nicht sonderlich viel, da sein Auto ja nicht entsprechend gekennzeichnet war, sondern aussah, wie ein normales ziviles Fahrzeug. Nicht dass man in einem Polizeiauto schneller zur Arbeit käme, aber die Leute hielten eher mal den Abstand ein und wagten es kaum, einem kurzfristig den Weg abzuschneiden.

Des Weiteren verzichteten viele Leute auf gewisse Handzeichen und Symbole, zu denen man zur täglichen Kommunikation im Straßenverkehr gern verleitet wurde, wenn jemand wieder einmal zu spät anfuhr oder zu früh vor einer Ampel abbremste. Inspektor von Halden kriegte jeden Morgen das volle Spektrum der Kommunikationsmöglichkeiten mit, da er als Polizist nicht unbedingt bei Orange über die Ampel fahren wollte und im Kolonnenverkehr natürlich einen gewissen Abstand einhalten musste, um nicht Stoßstange an Stoßstange zu kleben. Andersherum hatte er selbst aber keine Probleme, auch auszuteilen, da ihn sowieso niemand erkennen würde und es am frühen Morgen doch immer wieder mal guttat, seinem Ärger Luft zu machen.

„Himmelarsch, nicht schon wieder dieses verfluchte Warnlicht“, schnauzte er sein Armaturenbrett an und blickte verärgert auf die blinkende Warnung, dass der Ölstand seines Motors kritisch tief war. Das Problem mit alten Sechszylinder-Autos war, dass diese sich wie Menschen verhielten, und je älter sie wurden, desto inkontinenter wurden sie. Man füllte zwar laufend das Öl nach, hatte aber das Gefühl, dass der Motor dieses Öl so schnell wieder verlor, wie man es eingegossen hatte.

Das war schon das zweite Mal in diesem Monat, er hatte aber unglücklicherweise noch keine Zeit gehabt, sein Auto prüfen zu lassen. Seine Bitte beim Vorgesetzten, sie sollten ihm doch ein neues Auto zur Verfügung stellen, war auf taube Ohren gestoßen und mit der immer gleichen Begründung begleitet worden, dass die Stadt Geld sparen müsse und sein Wagen doch noch in einem sehr guten Zustand sei. Während er mit dem Schicksal haderte und immer noch wütend auf die Anzeige blickte, bemerkte er eine Zehntelsekunde zu spät, dass die Ampel von Rot wieder auf Grün umgeschaltet hatte, und erntete für sein kurzes Zögern ein Hupkonzert des Hintermannes.

„Schon verstanden, du Witzbold, leck mich doch am Arsch!“, knurrte er vor sich hin, während er im Seitenspiegel bemerkte, wie der hintere Wagen ihn beim Spurwechsel überholte.

Es war eine zweispurige Hauptstraße, bei der die linke Spur geradeaus in die Altstadt führte und die andere, dort musste er nämlich hin, nach rechts abbog, in Richtung Stadtmitte. Bei der nächsten Ampel, bevor sich die Spuren voneinander trennten, standen sie nun nebeneinander, er und der sichtlich frustrierte BMW-Fahrer mit nass gekämmten Haaren und frisch polierter Karosserie. Es war ein typischer Dreier-BMW – tiefer gelegt, Niederprofilreifen, Chromfelgen und neue Auspuffanlage sowie verdunkelte Scheiben.

Der Fahrer selbstverständlich mit der schräg sitzenden Baseballkappe und der obligatorischen Sonnenbrille auf der Nase, wobei es von Halden ein absolutes Rätsel war, wie man im Nebel mit einer solchen Brille fahren konnte.

Die Druckwelle des Basses der mächtigen Soundanlage war gut zu spüren und präsentierte allen Personen in der unmittelbaren Nähe einen klaren Einblick in den Musikgeschmack des Autofahrers. Der BWM-Fahrer schien immer wieder gehässig in seine Richtung zu blicken und ließ in regelmäßigen Zeitintervallen den Motor aufheulen, als könne er es kaum erwarten, Grün zu kriegen, was auch bald der Fall sein würde, denn die letzten Fahrzeuge bogen ab und auf der Kreuzung kehrte kurz Ruhe ein, bevor die Signale neu geschaltet wurden.

Die Ampeln hatten kaum Zeit, das Orange aufleuchten zu lassen, als der BMW-Fahrer brutal beschleunigte, gleichzeitig das Steuer scharf nach rechts riss und scheinbar ebenfalls vorhatte, rechts abzubiegen, obwohl dies gar nicht ging, denn nur Inspektor von Haldens Spur führte nach rechts, was den BMW-Fahrer aber nicht zu kümmern schien, jedoch dazu führte, dass von Halden leicht anfuhr, aber sofort wieder auf die Eisen steigen musste, um in letzter Sekunde eine Kollision mit seinem Kontrahenten zu verhindern. Dies hatte offensichtlich auch seinen Hintermann überraschte, denn er verpasste es, rechtzeitig zu bremsen, und knallte leicht in Inspektor von Haldens hintere Stoßstange, die diese Unachtsamkeit mit einem hörbaren Geräusch quittierte.

„Was soll denn die Scheiße, verdammt noch mal, ist der Kerl denn völlig verrückt geworden?!“, brüllte er vor sich hin, während er wieder auf sein Gaspedal stieg, um sofort die Verfolgung des Verkehrssünders aufnehmen zu können. „Na warte“, dachte er sich, vor Wut schäumend, „dich krieg ich, du Scheißkerl!“.

Seine Reifen quietschten leicht, als er schnell ebenfalls nach rechts abbog und er war ziemlich überrascht darüber, was er gleich wenige Meter weiter vor sich wiederfand. So überrascht in der Tat, dass er beinahe ebenfalls zu spät abgebremst hätte, was auch daran lag, dass der Nebel mittlerweile wieder dichter geworden war und er somit die Baustelle ebenfalls beinahe übersehen hätte. Schnell fuhr er direkt hinter den BMW, wobei er darauf achtete, dass er seinen Wagen sauber mit zwei Rädern auf dem Bürgersteig parkte, um möglichst nicht im Weg zu stehen.

Im Rückspiegel bemerkte er, dass der Fahrer, der ihn vorhin gerammt hatte, offensichtlich bemüht war, das Richtige zu tun, und ebenfalls anhielt, auch darauf achtend, möglichst kein Verkehrshindernis darzustellen, was sie aber alle zusammen mittlerweile trotzdem waren. Denn alle Fahrzeuge, die ebenfalls in diese Richtung mussten, hatten momentan wegen des BMW-Fahrers keinen Platz, sich durchzuzwängen, denn die Gegenfahrbahn war ebenfalls voll mit Fahrzeugen.

Völlig entnervt schaute von Halden auf sein Armaturenbrett, das nun noch mehr Warnsignale aufblinken ließ als noch vor Kurzem. Offensichtlich hatte die Vollbremsung, gefolgt von einer ruppigen Beschleunigung und der nachfolgenden, nicht minder hastigen Bremsaktion den Motor restlos überfordert.

Ein wenig weißer Qualm schien aus der Motorhaube emporzuschweben, aber vielleicht war es auch nur der feine Staub, den der Kipplastwagen vor ihnen verursachte, der gerade dabei gewesen war, Kies abzuladen, als der BMW-Fahrer beherzt mit seiner rechten vorderen Seite dessen Heck gerammt hatte. Der Inspektor atmete nochmals tief durch, betätigte den Schalter für die Warnblinkanlage und drückte seine Fahrertür auf. Verärgert wuchtete er sich aus seinem mittlerweile nahezu schrottreifen Wagen und schloss energisch die Tür wieder, sodass diese mit einem hörbaren Knall den Befehl quittierte.

Der BMW-Fahrer schien leicht benommen zu sein und machte zurzeit keine Anstalten, auszusteigen. Der Hilfsarbeiter, welcher eigentlich für die Verkehrsregelung zuständig war, bis der Lastwagen seine Fracht fertig deponiert hatte, schaute ungläubig herum, zog die Schultern hoch und hob verständnislos seine Arme. Der andere Fahrer war mittlerweile ebenfalls ausgestiegen und schritt etwas verlegen auf Inspektor von Halden zu.

„Guten Morgen. Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen hinten reingefahren bin, aber ich habe einfach zu spät gesehen, dass Sie so schnell abgebremst haben“, fing dieser an, sich zu entschuldigen, und wollte gleich fortfahren, worauf von Halden ihn aber unterbrach. Hastig kramte er seine Polizeimarke aus seiner Jackentasche hervor und zeigte sie dem Fahrer wie auch dem Hilfsarbeiter, der nur kurz nickte.

„So, das wäre nun geklärt. Ihre Personalien nehme ich gleich auf, aber das dürfte keine große Sache sein, sondern sollte von Ihrer Versicherung übernommen werden. Dennoch muss ich Sie darauf hinweisen, dass Sie mehr auf den Straßenverkehr achtgeben müssen, dann hätten Sie noch rechtzeitig bremsen können, mein Herr“, belehrte er rasch den resigniert dreinblickenden Fahrer.

Er warf hastig einen Blick auf das Heck seines Wagens und konnte nur eine kleine Beule feststellen, was in Anbetracht des Gesamtzustands des Fahrzeugs ohnehin kaum der Rede wert war.

„Sie dürfen sich in Ihr Auto setzen, wenn Sie möchten, ich muss mich zuerst um den Wagen da vorn kümmern“, sagte er, drehte sich um und schlenderte zum BMW, bei dem nun deutlich Wasserdampf aus dem Motorraum entwich.

„Es ist nicht meine Schuld, Herr Inspektor, dass der Fahrer hier einen Unfall gebaut hat“, meldete sich nun der Hilfsarbeiter zu Wort, der etwas verängstigt wirkte, als der Lastwagenfahrer die Entladung des Kieses abgebrochen hatte und nun sichtlich sauer den Schaden begutachtete.

Der BMW hatte eines der Rücklichter des Lastwagens völlig zerstört und gewisse Metallstangen und Abdeckungen verbogen. Das Nummernschild war nicht mehr zu sehen und musste wohl durch die Wucht des Aufpralls irgendwo hingeschleudert worden sein. Für den Lastwagenfahrer war das sichtlich ärgerlich, denn er musste diese Teile reparieren lassen, da er ansonsten nicht mehr auf der Straße fahren durfte, was natürlich bedeutete, dass er während dieser Zeit keine Aufträge fahren konnte. Außerdem war er wahrscheinlich sowieso schon unter Zeitdruck und konnte nun nicht mal mehr diesen Auftrag schnell über die Bühne bringen.

Von Halden begutachtete sorgfältig die Unfallstelle und stellte sicher, dass niemand verletzt war, sodass er sich nun dem BMW-Fahrer widmen konnte. Für ihn war der Fall eigentlich klar. Der Fahrer war mit stark überhöhter Geschwindigkeit illegal in diese Straße eingebogen und hatte wegen des Nebels, wobei hier die Sonnenbrille des Fahrers nun wirklich keine Hilfe gewesen war, den Lastwagen gar nicht oder nur sehr schlecht gesehen. Scheinbar hatte er versucht, knapp daran vorbeizufahren, die Lage aber unterschätzt, und hatte nicht mehr rechtzeitig bremsen können, sodass er vorn rechts satt in den Hintern des Lastwagens gekracht war.

„Okay, meine Herren, ich kümmere mich gleich um Ihren Lastwagen und den Papierkram, aber zuerst werde ich ein paar Worte mit diesem Herren tauschen“, meinte er und deutete mit seinem rechten Daumen in Richtung des jungen Lenkers, der sich langsam zu erholen schien.

„Ich bin beim Bauleiter, wenn Sie mich suchen, muss noch mit ihm reden“, knurrte der Lastwagenfahrer und schritt genervt in den Innenhof, wo Arbeiter gerade dabei waren, alles neu zu bepflastern.

Der Hilfsarbeiter schaute den Inspektor fragend an und verzog sich ebenfalls, als dieser ihm mit einem Wink zu verstehen gab, dass er sich vom Acker machen konnte.

„Was für ein Morgen“, seufzte von Halden, schüttelte den Kopf und kramte sein Mobiltelefon hervor.

„Hallo, Zentrale, Inspektor von Halden hier. Schicken Sie bitte einen Streifenwagen zu der Kreuzung zur Innenstadt, gleich bei der Baustelle des Versicherungsgebäudes gab es einen Unfall“, erläuterte er der Zentrale, wo er sich befand und was passiert war.

„Ah, hervorragend, danke!“ Er legte zufrieden auf. Offenbar war eine Streife gerade in der Nähe und sollte demnach gleich da sein. Wenigstens musste er so nicht allzu lange hier verweilen, denn er hatte schließlich noch anderes zu tun, als sich um Verkehrsunfälle zu kümmern, hierfür war er nicht zuständig.

Er steckte sein Telefon wieder in die Jackentasche und klopfte an die Scheibe der Fahrertür, woraufhin der junge Mann endlich die Scheibe runterließ, sodass sie ein nettes Gespräch führen konnten.

„Machen Sie gefälligst die Musik aus!“, schnauzte er den jungen Lenker an, während er seinen Gesprächspartner scharf beobachtete und sich wieder zu beruhigen versuchte. Mit etwas zitternden Händen schaltete dieser dann die Musik aus, worauf die Umgebung nicht mehr mit gefühlten Hundert Dezibel beschallt wurde. Der Inspektor atmete nochmals tief durch und baute sich regelrecht vor dem Fahrer auf.

„So, junger Mann, Sie dürfen mir gleich mal Ihren Führerschein abgeben und dann langsam aussteigen“, wies er den Fahrer ruhig an und streckte fordernd seine Hand aus.

„Ehm, ich habe keinen“, gab dieser leicht stotternd zu und versuchte mehrmals, die Tür zu öffnen, aber vergeblich. Der Aufprall hatte wohl den Rahmen so weit verzogen, dass sich die Tür nun nicht mehr öffnen ließ und der Fahrer dieses aussichtslose Unterfangen aufgab. Er blickte über seine Schultern, als er von Weitem eine Polizeisirene hören konnte. Die Patrouille kam wohl von der Altstadt, was verkehrstechnisch günstig war um diese Zeit, weshalb auch wenige Sekunden später der Streifenwagen einbog und auf der Seite der Hauptstraße auf dem Bürgersteig parkte, da es in der Straße mit den Unfallfahrzeugen keinen Platz mehr gab. Zwei Polizisten stiegen aus und marschierten gemächlich zur Unfallstelle. Inspektor von Halden kannte beide sehr gut und mochte ihre Arbeitsweise. Bernd, ein etwa dreißigjähriger, kräftiger Mann von großer Statur war immer für ein paar Späße zu haben. Karl, der vierunddreißigjährige Gruppenführer, war etwas wortkarger und kleiner, aber ebenfalls sehr sportlich und sogar kräftiger als Bernd.

„Guten Morgen, Frederic, siehst etwas bleich aus, ist es der Blutdruck oder dein Gemüt?“, grinste Bernd und ließ den Blick über die Unfallstelle schweifen, während er seinen Starbucks-Kaffeebecher zum Mund führte.

„Sieht er um diese Zeit nicht immer so aus?“, fügte Karl hämisch hinzu.

„Ihr zwei kommt mir gerade recht, hab einen Job für euch. Dann könnt ihr euch endlich wieder mal nützlich machen. Ihr müsst einen Wagen abschleppen, das werdet ihr ja noch hinkriegen“, brummte Frederic von Halden und hob seine Hand zum Gruß an. Karl grüßte zurück und bewegte sich direkt zur Fahrertür des BMWs.

„Welchen BMW möchtest du denn abgeschleppt haben, sehen beide nicht mehr so taufrisch aus“, schob Bernd belustigend hinterher, während er zu Frederics Fahrertür schlenderte. Dort angekommen, musste er laut lachen. „Du, Karl, schau dir das mal an, Frederic hat schon wieder Weihnachten!“, sagte er und zeigte dabei mit dem Zeigefinger aufs Armaturenbrett.

„Er sieht aber nicht sonderlich nach feierlicher Stimmung aus “, erwiderte der und blickte zum Unfallwagen zurück.

„Was hast du denn mit deinem Wagen gemacht, Frederic? Gibt es irgendeinen Sensor, der noch nicht angeschlagen hat? Wie bist du denn überhaupt bis hierher gekommen?“

„Ich glaube, der Reifendruck wird noch nicht angezeigt, das könnte aber auch daran liegen, dass der Sensor kaputt ist. Der Wagen fing an zu spuken, als ich den da verfolgen musste“, erwiderte Inspektor von Halden trotzig und wandte sich Karl zu.

„Wir müssen uns noch um den Fahrer dieses Wagens kümmern, der anscheinend keinen gültigen Fahrausweis besitzt. Außerdem wartet der Fahrer, der mich hinten gerammt hat, im Fahrzeug hier.“ Er deutete zuerst auf den BMW, der den Lastwagen gerammt hatte, und zeigte anschließend auf den Fahrzeughalter, der geduldig in seinem Wagen auf den Inspektor wartete.

„Und wie hat unser junger Lenker da es geschafft, im morgendlichen Frühverkehr den Wagen in einem Kieslastwagen zu versenken? Es ist ja nicht so, als wäre das Teil hier klein und übersehbar.“

„Er hat mich von der Spur, die Richtung Altstadt geht, abgeklemmt und ist mit hoher Geschwindigkeit hier eingebogen. Wahrscheinlich hat ihn der Nebel gestört und er konnte deshalb nicht mehr rechtzeitig bremsen“, erläuterte Inspektor von Halden kurz den Unfallvorgang.

„Ich ruf schon mal den Abschleppdienst und regle nachher den Verkehr, kümmert ihr euch um den Fahrzeuglenker“, rief Bernd seinen Kollegen entgegen und zückte sein Mobiltelefon.

„Sehr gut, in Ordnung“, antwortete Karl und wandte sich Inspektor von Halden zu.

„Der Lastwagenfahrer ist noch beim Bauleiter, er musste noch was besprechen“, fügte er noch rasch hinzu, als Karl den Schaden am Lastwagen kurz betrachtete.

„Den müssten wir ja auch noch kurz haben, nicht wahr?“, scherzte Karl und wandte sich wieder dem jungen BMW-Fahrer zu.

„Und warum sitzt er noch im Auto, ist ihm kalt?“, fragte Karl und zeigte auf den Fahrer.

„Nein, er kann nicht mehr aussteigen, die Karosserie ist komplett verzogen.“

Mittlerweile hatte der junge Fahrer seine Kappe sowie Sonnenbrille beiseitegelegt und starrte abwechselnd Inspektor von Halden und Karl an. Er hatte den Blick von einer Person, die verzweifelt einen geeigneten Zeitpunkt suchte, um in die Unterhaltung einzusteigen, diesen aber jeweils um einen Bruchteil von Sekunden verpasste.

„Wie heißen Sie denn, junger Mann?“, fragte Karl mit einem amüsierten Blick.

„Phillip Setzensack“, entgegnete der junge Lenker, erleichtert darüber, dass die Polizisten sich nicht über seinen Kopf hinweg über ihn unterhielten.

Inspektor von Halden schaute ihn missmutig an. „Ein Komiker ist er auch noch, was?“, brummte er. „Und wie heißen Sie wirklich?“, hakte er ungeduldig nach.

„So heiße ich wirklich“, versuchte Herr Setzensack, den Inspektor zu überzeugen und kramte seinen Personalausweis hervor. Inspektor von Halden blickte kurz darauf und konnte ein Grinsen nicht mehr unterdrücken.

„Ja, ein echter Gangstername … passt echt zum Image, das Sie sich hier aufgebaut haben, Herr … Setzensack!“, fügte Karl belustigt hinzu. „So, dann klettern Sie mal aus dem Wagen heraus, Herr Setzensack“, forderte ihn Karl auf und untermalte seine Bitte mit der entsprechenden Geste.

Verdattert schaute Herr Setzensack den Polizisten an und wollte gerade etwas erwidern, als ihn Karl sogleich unterbrach.

„Sie sind ja jung und sehen sportlich aus. Sie haben die Wahl und können jetzt aus dem Fenster herausklettern oder Sie warten, bis die Feuerwehr eintrifft und die Tür durchsägt.“ Man konnte anhand des sichtlich angestrengten Gesichtsausdrucks erkennen, dass Herr Setzensack die Optionen durchging, um schlussendlich zu einer sensationellen Erkenntnis zu kommen, nämlich, doch aus dem Auto herausklettern zu wollen.

Während der junge Mann begann, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, spürte Inspektor von Halden, wie sein Mobiltelefon anfing, in der Jackentasche zu vibrieren.

„Entschuldige bitte, Karl, ich muss mal kurz ans Telefon.“

Karl nickte ihm kurz zu und wandte sich wieder an den BMW-Fahrer.

„Guten Morgen, Arnold, was gibt es Neues?“, begrüßte von Halden seinen Assistenten.

Arnold Fritsch war seit etwa zwei Monaten an seiner Seite. Mit seinen sechsundzwanzig Jahren kam er praktisch frisch aus der Presse und hatte noch viel zu lernen. Normalerweise arbeitete von Halden allein und das hatte er auch verzweifelt dem Oberinspektor zu erklären versucht und drauf gepocht, keinen Partner zu bekommen.

Ihm war allerdings nahegelegt worden, dass kompetenter Nachwuchs nur dann entstehen könne, wenn dieser von den alten Hasen lernen dürfe. Worauf von Halden entgegnet hatte, dass noch weitere alte Hasen im Gebäude rumsäßen und er mit seinen zweiundfünfzig noch nicht zum alten Eisen gehöre, obschon er das immer öfters zu hören bekäme. Der Oberinspektor hatte es für nötig befunden, von Halden darauf hinzuweisen, dass die anderen Inspektoren bereits Partner erhalten hätten und er der Einzige sei, der es bis jetzt geschafft hätte, sich davor zu drücken. Das Gespräch war mehr oder weniger so abgeschlossen worden, dass der Oberinspektor von Halden darauf hingewiesen hatte, dass dieser nun mal ein Angestellter der Polizei sei und es schon vorkommen könne, dass er ab und zu Befehle von seinem Vorgesetzten umsetzen müsse. Es war natürlich nicht gerade sehr hilfreich für den Start einer guten Zusammenarbeit gewesen, dass der junge Herr Fritsch die gesamte Unterhaltung keine zwei Meter entfernt auf einem Stuhl hatte mitverfolgen dürfen.

„Guten Morgen, Herr Inspektor, ich habe soeben von der Zentrale erfahren, dass wir einen seltsamen Fall untersuchen sollen. Am besten, Sie kommen gleich zur alten Steinbrücke bei der Altstadt, und wir treffen uns dort.“

„Wurde uns der Fall definitiv zugeteilt? Bist du sicher, dass dieser Fall für uns interessant sein könnte? Nach dem heutigen Morgen habe ich keine Lust, eine belanglose Sache aufzuklären. Sonst können das nämlich die Kollegen von der Streife erledigen. Also, schieß los, worum geht es?“

„Ja, Herr Inspektor, wir haben den Fall bereits zugeteilt bekommen, und ich denke, er dürfte Sie interessieren. Es ist aber nicht ganz einfach, zu beschreiben, was wir genau vorfinden werden.“

„Ich habe eigentlich noch nie einen Fall erlebt, welcher durch die vorhandenen Wörter unseres Sprachvokabulars nicht hätte beschrieben werden können, es sei denn, die Person, die den Fall zu beschreiben versucht, ist der Sprache nicht mächtig.“

„Ich meinte mehr, dass ich Ihnen zwar beschreiben kann, was wir vor Ort sehen werden, aber ich kann mir die Sache beim besten Willen nicht erklären.“

„Wenn du’s auf Anhieb erklären könntest, wäre ich arbeitslos. Beschreibe mir einfach kurz die interessantesten Sachen, die du siehst. Danach entscheide ich, ob wir den Fall auch wirklich bearbeiten werden.“

„Wir haben einen verunfallten, dunkelgrauen VW-Kastenwagen sowie ein Stahldrahtseil, das von der Brücke gespannt ins Wasser verläuft und sich unterhalb der Wasserlinie irgendwo festgesetzt hat.“

„Hm, ein dunkelgrauer VW-Kastenwagen, sagst du? Und ein Stahlkabel, das ins Wasser führt? Wir haben einen Fall aufzuklären. Du weißt, was das bedeutet, ja?“

„Ja, Herr Inspektor. Ein Croissant und einen Earl Grey Tee mit einem Schuss Honig. Ich bringe Ihnen Ihr Ermittlungswerkzeug gleich zur Brücke.“

„Ausgezeichnet, Arnold. Ich mach mich gleich auf den Weg.“ Zufrieden steckte Inspektor von Halden sein Mobiltelefon zurück in die Tasche und blickte zu Karl rüber.

„Karl, ich muss los. Danke, dass du diese Baustelle hier für mich übernimmst.“

„Kein Problem. Den schwersten Teil haben wir hinter uns, nämlich dieses Autofahrtalent aus dem Fahrzeug zu holen. Von da an wird es kinderleicht sein“, erwiderte er scherzend und wandte sich wieder seine Aufgabe zu, die Personalien von Herr Setzensack aufzunehmen.

Von Haldens Blick schweifte nun zu Bernd rüber, der damit beschäftigt war, den Berufsverkehr um die Unfallstelle zu leiten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass eine kleine Gasse zwischen den Autos für die Rettungsfahrzeuge frei blieb. Denn von weit hinten konnte Inspektor von Halden bereits ein Abschleppfahrzeug nahen sehen. Sobald die letzten verschlafenen Automobilisten im Rückspiegel die Blinklichter erkennen würden, würde es das Abschleppfahrzeug bis zur Unfallstelle schaffen.

„Du machst das meisterhaft, Bernd. An dir ist ein Verkehrspolizist verloren gegangen. Könntest du meinen Wagen ebenfalls abschleppen lassen?“

„Ja, klar. Soll ich deinen Wagen gleich entsorgen lassen oder möchtest du noch die Einzelteile verkaufen?“, entgegnete Bernd hämisch, während er weiterhin konzentriert den Verkehr leitete.

„Lass ihn aufs Revier schleppen. Ich werde ihn dann meinem neuen Assistenten schenken. Schönen Tag noch!“, rief er Bernd zu und machte sich in der Nebelsuppe zu Fuß zur besagten Brücke auf, um diesen außerordentlichen Fall zu lösen.

2

Montag, zwei Wochen zuvor

Der Wecker meldete sich pünktlich um sechs Uhr morgens mit einem penetranten und lauten Piepsen, als würde er ihn anschreien und rufen: „Wach auf, du Penner, geh gefälligst zur Arbeit!“ Völlig benommen und mit einem richtig dicken Schädel drehte sich Christoph mühsam zur Seite und versuchte, mit seiner halb tauben Hand den kleinen Knopf auf dem Wecker zu treffen, um dieses nervtötende Geräusch endlich abstellen zu können. Während seine Fingerspitzen, zumindest glaubte er, das seien seine Fingerspitzen, über den hölzernen Nachttisch wanderten, spürte er, wie er auf Gegenstände stieß und diese über den Nachttischrand stupste. Opfer dieser Aktion waren sowohl seine Armbanduhr, seine Brille und selbstverständlich der Wecker, der nun irgendwo am Boden lag und weiter von sich hin trällerte. Während seine Hand wieder etwas Gefühl gewonnen hatte, spürte er unter sich das Parkett und erreichte schlussendlich den Wecker, nachdem er selbst mit einem lauten Rums vom Bett gefallen war.

Mit einem Stöhnen richtete er sich wieder auf, zog seine Pantoffeln an und warf sich seinen Morgenmantel über, der über einem Stuhl hing, welcher im Eck des Zimmers stand. Es war Montagmorgen, also eher ein Morgen, bei dem die meisten arbeitenden Menschen ihre liebe Mühe hatten, wieder im Berufsalltag Fuß zu fassen, zumal das Wochenende nicht immer erholsam war.

Obwohl Christoph gerade einmal fünfunddreißig Jahre jung war, fühlte er sich wie ein Fünfzigjähriger, der am Vorabend die Bierreserven mit seinen Kumpels ausgetrunken hatte. Er hatte starke Kopf- und Gliederschmerzen – vom ganzen seelischen Stress der letzten Wochen und Monate, die sein Leben zur Hölle gemacht hatten. Während er durch seine Viereinhalbzimmerwohnung schlenderte, konnte er durch die Schädeldecke spüren, wie sein Herz pochte, und ihm wurde fast übel. Er schaffte es gerade noch ins Badezimmer, wo er sich wieder erschöpft auf den Deckel der Kloschüssel setzte und nach einer Kopfschmerztablette griff.

Es waren starke Tabletten, die er seit drei Monaten nehmen musste, und es dauerte etwa 20 Minuten, bis diese wirklich wirkten. Trotzdem musste er sich jetzt bereit machen und duschen gehen, da er um sieben Uhr seine neunjährige Tochter für die Schule wecken musste. Die Stunde, die er früher als Maria aufstand, reichte gerade, um die Kopfschmerzen so einigermaßen davonzutreiben, ein kleines Frühstück runter zu würgen und sich so herzurichten, dass man sich bei einer Begegnung mit ihm nicht gerade erschrecken würde.

Er griff mit der linken Hand zum Waschbecken und stemmte sich hoch, damit er sich mit Blick in den Spiegel rasieren konnte. Er war wirklich total fertig und konnte kaum noch stehen, die letzten sechs Monate waren eine echt üble Zeit gewesen, verbunden mit vielen Anwalts- und Gerichtsterminen. Letzten Samstag war es dann endlich so weit gewesen, die Scheidung konnte abgeschlossen und das Sorgerecht definitiv ihm zugeteilt werden. Alles andere wäre eine Katastrophe mittleren Ausmaßes gewesen. Nachdem er mit zittrigen Händen endlich den Nassrasierer beiseitegelegt hatte, warf er einen prüfenden Blick in den Spiegel und betrachtete sein etwas graues und eingefallenes Gesicht und die markanten Tränensäcke, die ihn zeichneten.

„Besser wird’s heute wohl nicht“, murmelte er vor sich hin und wandte sich nach rechts zur Dusche, um den nächsten Teil seines Rituals abzuschließen. Während das warme Wasser wohltuend über seinen Kopf plätscherte, dachte Christoph über die letzten Jahre nach und was bis zum heutigen Tag wann und wie genau schiefgelaufen war. Zugegeben, er hatte für seinen Geschmack etwas früh geheiratet, aber zu dieser Zeit war er nun mal komplett verliebt gewesen und überzeugt, seine Seelenverwandte gefunden zu haben.

Mit vierundzwanzig hatte er eine hübsche zwanzigjährige Frau kennengelernt, aus sehr gutem Hause, die Wirtschaft studierte.

Zu dieser Zeit hatte er gerade eine neue Stelle bei einer Druckerei angenommen und somit schien alles perfekt zueinanderzupassen. Sie hatten sich sofort ineinander verliebt und jede freie Minute damit verbracht, zu träumen und schöne Dinge zu unternehmen. Das war wirklich eine wundervolle Zeit gewesen, wo er praktisch jeden Tag nur glücklich gewesen war, die ganze Welt schien ihm zu Füßen zu liegen, nichts schien unmöglich. So war das halt, wenn man noch jung und unerfahren war und seiner ersten Liebe begegnete. Die Hormone, die dabei ausgeschüttet wurden, hatten magische Kräfte und ermöglichten es, jeden Aspekt des Lebens in Rosa und mit Blumen geschmückt zu sehen.

Und so war es gekommen, wie es hatte kommen müssen: Seine Freundin war nach einem Jahr bereits schwanger geworden. Es war nicht so gewesen, als wäre dies völlig überraschend gekommen, wenn man bedachte, wie viel Zeit sie damit verbracht hatten, rumzuvögeln. Somit schien es auch naheliegend, so schnell wie möglich zu heiraten und sich eine gemeinsame Wohnung zu suchen, damit der Nachwuchs auch Platz hatte, sich zu entfalten. Wenn er jetzt so über diese Entscheidung nachdachte, speziell in Bezug auf das Thema Verhütung und was es zu dieser Zeit schon alles gegeben hatte, würde er am liebsten seinen Kopf nochmals gegen die Wand knallen, was er natürlich tunlichst vermied, da er schon genug Kopfschmerzen hatte und die Tablette endlich etwas Wirkung zeigte.

Die ersten vier Jahre mit seiner Tochter Maria waren wundervoll gewesen, aber schon zu dieser Zeit hatte er innerlich das Gefühl gehabt, dass seine Frau etwas Lebensfreude verloren hatte und immer öfter mit Freundinnen den Abend verbrachte, um sich abzulenken. Zu Beginn hatte er sich nicht wirklich Sorgen darüber gemacht, sie war ja doch um einiges jünger als er gewesen, hatte während der Schwangerschaft viel geopfert und hatte eben noch die jungen Jahre so richtig genießen wollen. Das hatte aber auch oft sehr lange Abende bedeutet, für seinen Geschmack einen etwas zu hohen Alkoholkonsum und hin und wieder mal kleinere Diskussionen mit der Polizei, weil sie wieder einmal etwas angetrunken am Steuer gesessen hatte.

Als Maria fünf Jahre alt geworden war, hatte die Kleine immer stärker zu husten begonnen und war überdurchschnittlich oft krank gewesen, was viele Arztbesuche nach sich gezogen hatte und das bisschen Freizeit, das sie noch gehabt hatten, auf null reduziert hatte. Das hatte für Spannungen gesorgt, insbesondere bei seiner Frau, die sich immer mehr ihrer jungen Jahre bestohlen gefühlt hatte. Die unbezahlten Rechnungen wegen der sogenannten Frust-Shopping-Touren seiner Frau, die immer teurer werdenden Arztbesuche mit den entsprechend verschriebenen Medikamenten für seine Tochter und die Erhöhung der Mietpreise waren allgemein zu dieser Zeit keine große Hilfe gewesen, insbesondere nicht, da es der Druckereibranche immer schlechter gegangen war. In dieser Zeit hatte sich das mit dem Alltag fertig werden angefühlt, wie wenn man ein Auto auf einer stark beschädigten Straße fuhr und sich so sehr konzentrierte, auf der Spur zu bleiben, dass man die Klippe, die vor einem wartete, nicht wahrnahm. Später war bei Maria endlich eine korrekte Diagnose getroffen worden: Starkes Asthma sowie ein gewisser Grad einer Immunschwäche, was die häufige Erkrankung seiner Tochter erklärt hatte. Nach dieser weiteren schlechten Nachricht hatte er sinnbildlich die Klippe schon sehen können, seiner Tochter zuliebe hatte er aber beschlossen, weiterzufahren und gehofft, dass rechtzeitig eine Brücke gebaut wurde.

Er drehte das Wasser ab, langte zitternd mit halb geschlossenen Augen nach einem Tuch und begann, sich rasch abzutrocknen, bevor er noch mehr frieren musste. Er hatte nicht wirklich Hunger, musste aber schließlich irgendetwas essen, und das Frühstück für seine Maria wollte er auch noch vorbereiten.

Die nächsten zehn Minuten verbrachte er meistens damit, erst mal einen Kaffee zu trinken, um sich nochmals etwas Zeit zu geben, aufzuwachen und seine Gedanken aufzuräumen. Während die schwarze Flüssigkeit seinen Rachen aufwärmte und ihm ein kleines Gefühl der Geborgenheit vermittelte, schwebten seine Gedanken wieder zurück an den Punkt, an dem er in der Dusche kurz aufgehört hatte.

Im Allgemeinen waren sie ein ganzes Jahr lang nach der Diagnose damit beschäftigt gewesen, Streit zu haben und sich Vorwürfe an den Kopf zu werfen, was alles schiefgelaufen war und wieso es genau sie getroffen hatte. Während er versucht hatte, stets all die Streitigkeiten und Spannungen vor Maria zu verstecken, so gut es ging, hatte seine Frau keinen Hehl daraus gemacht, dass ihre Tochter der Grund dafür wäre, dass sie nie ihre spritzige Zeit hätte genießen können und somit ihre Träume hätte begraben müssen.

Die Flucht vor der Realität verbrachte sie mehrheitlich damit, noch intensiver auszugehen und Drogen zu konsumieren. Zu Beginn waren es nur kleine Joints gewesen, etwas, um die Nerven zu lockern und gut schlafen zu können. Obwohl dies ein weiteres finanzielles Loch in ihre Kasse riss, gönnte er ihr diese „Freuden“, denn in den nächsten Monaten schienen die Spannungen tatsächlich etwas wegzugehen und seine Frau machte einen wesentlich weniger unzufriedenen Eindruck, was zu seiner Erleichterung auch wieder etwas Sex bedeutete.

Aber wie Börsenhändler oft zu sagen pflegen: Das ist jeweils nur der letzte Kurssprung einer Aktie, der letzte Funken der Euphorie, bevor die große Korrektur kommt, und man nur noch zusehen kann, wie sie komplett abstürzt. Eigentlich konnte er sich nicht erklären, weshalb ihm das nicht schon früher aufgefallen war, aber eines Tages erwischte er seine Frau, wie sie sich Heroin spritzte. Er konnte sich an diesen Tag genau erinnern, als wäre es gerade mal letzte Woche gewesen, so klar war der Schock noch in seinen Knochen zu spüren. Er hatte sich diesen Nachmittag extra freigenommen, um in der Abwesenheit seiner Tochter und seiner Frau eine Überraschung vorbereiten zu können, weil es in letzter Zeit wieder besser gelaufen war.

Er lief mit großer Vorfreude die drei Stockwerke zur obersten Wohnung hoch, öffnete die Wohnungstür, und als er links um die Ecke hastete, lag seine Frau völlig benommen auf dem Sofa, die Injektionsnadel noch im Arm. Der Anblick und das Gefühl, welches er dabei empfunden hatte, würde er niemals wieder vergessen. Es war eine Mischung aus blankem Entsetzen, Schockstarre, völliger Ratlosigkeit und Angst. An den Rest des Tages konnte er sich nicht mehr so genau erinnern, er wusste nur noch, dass er scheinbar seine Tochter sofort von der Schule abgeholt und zu seinen Eltern gebracht hatte, die zum großen Glück gerade zu Hause gewesen waren. Er hatte sich damals gefühlt, als wäre er mit dem Auto bereits über die Klippe gefahren.

An diesem Tag wurde ihm klar, dass er keine Zukunft mit seiner Frau hatte, die für seine Tochter auch nur im Entferntesten gut enden könnte. Noch am gleichen Nachmittag schickte er seiner Frau eine SMS mit der Nachricht, dass er die Scheidung einreichen würde. Was danach folgte, war ein schierer Albtraum.

Der Kaffee schien langsam Wirkung zu zeigen, und er entschloss sich, nun sein Frühstück vorzubereiten, welches sich aus einem Glas Orangensaft und zwei Scheiben Toast mit Honig zusammensetzte. Er stand langsam vom Küchentisch auf, kramte aus dem Brotkorb zwei Scheiben Toast hervor und schlenderte zum Toaster rüber. Nachdem die zwei Scheiben in den Schlitzen verschwunden waren und das Wunder der kontrollierten Kurzschlüssen die Drähte orange aufleuchten ließen, schlenderte er über den eisig kalten Steinboden der Küche zum Kühlschrank rüber, um beim Öffnen festzustellen, dass der Orangensaft alle war. Da fiel ihm ein, dass er letztes Wochenende ja keine Zeit gehabt hatte, den Kühlschrank wieder aufzufüllen. Somit entschied er sich nicht ganz freiwillig, seine Flüssigkeitszufuhr an diesem Morgen mit Tee zu bewerkstelligen.

Das Schlimmste an der Scheidung war gewesen, dass alle den Vorwürfen seiner Ehefrau Glauben geschenkt hatten, er hätte sie geschlagen, niemand aber seine Vorwürfe der Heroinsucht ernst genommen hatten. Sie war während der ganzen Zeit ein völlig anderer Mensch gewesen, regelrecht bösartig geworden. Sie hatte es meisterhaft verstanden, allen beteiligten Entscheidungsträgern etwas vorzuspielen, nämlich, dass sie die geeignete Mutter und vorbildliche Ehefrau war und dass er sein Leben nicht auf die Reihe bekam und Schulden hatte.

Die einzige Unterstützung, die er noch gehabt hatte, war von seinen Eltern gekommen, die beteuert hatten, dass sie immer hinter ihm stünden und nicht glaubten, was die anderen über ihn sagen würden. Sein Anwalt war die zweite Stütze gewesen, auf die er sich hatte verlassen können, denn er hatte nicht nur seine Interessen vertreten, sondern war ebenfalls davon überzeugt gewesen, dass die Gegenpartei alles getan hatte, um den Rauschgiftkonsum zu verbergen. Am meisten ins Kreuzfeuer war Maria geraten, die die gesamte Zeit der Scheidung bei ihrer Mutter hatte verbringen müssen, während er provisorisch bei seinen Eltern gewohnt hatte. Ihm war per provisorisches Rechtsverfahren, welches die Kinderschutzbehörde beantragt hatte, der Kontakt mit seiner Tochter während des Scheidungsverfahrens aufgrund seines angeblich aggressiven Verhaltens verboten worden.

Die Kontrollbesuche der Kinderschutzbehörde bei seiner Frau und Maria waren alles andere als produktiv gewesen, da sie meistens eine absolut perfekte Wohnung und eine aufrichtige Mutter angetroffen hatten. Dies zu orchestrieren, war selbstverständlich kein Kunststück gewesen, da die Besuche mehrere Tage im Voraus angekündigt worden waren und seiner Tochter unter mütterlicher Gewaltandrohung empfohlen worden war, nichts über die Missstände zu erzählen. Sie hatte sogar ihre Eltern, ihren Anwalt sowie die Behörden davon überzeugen können, dass es ihr und ihrer Tochter viel besser ginge, seit er ausgezogen war, und sie nun ohne Angst vor Gewaltakten leben konnten. Jeder Gerichtstermin war für ihn eine Qual gewesen, denn jede seiner Aussagen war vom gegnerischen Anwalt zerpflückt worden, und das schauspielerische Talent seiner Ehefrau hatte dafür gesorgt, dass ihm kein Glauben mehr geschenkt worden war.

Aus reiner Frustration war er eines Abends mal allein in eine Bar gegangen, um seinen Schmerz mit etwas Alkohol hinunterzuspülen. Selbstverständlich war dies wieder ein gefundenes Fressen für den gegnerischen Anwalt gewesen, der dann behauptet hatte, er hätte sich mit dem Bartender unterhalten und festgestellt, dass Christoph an der Grenze zum Alkoholiker stünde, und dass dies auf keinen Fall eine positive Wirkung auf die Tochter haben könnte. Was die Kinderschutzbehörde in ihrer Entscheidung, wie sie bis jetzt gehandelt hatte, noch weiter bestätigt hatte.

Die letzte Gerichtssitzung hatte also bevorgestanden und es schien alles aussichtslos zu sein. Es würde praktisch ein Gang zum Schafott werden, hatte sein Anwalt gesagt. Es täte ihm unendlich leid. Er hatte in dessen Augen die Ehrlichkeit lesen können. Zum Glück war dann alles anders gekommen, denn wie die meisten Kriminellen und Süchtigen hatte auch seine Frau offensichtlich das Gefühl gehabt, sie könne das Kartenhaus ewig aufrechterhalten, doch es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sie einen Fehler begangen hatte. Und diesen entscheidenden Fehler hatte sie einen Tag vor dem letzten Gerichtstermin begangen.

Während die Toasts vor sich hin brutzelten und das Wasser auf die richtige Temperatur gebracht wurde, klappte er seinen Laptop auf den Küchentisch auf, um ein wenig in den Online-Zeitungen zu lesen. „Rentner klauen Geldautomaten“, stand da als erste Schlagzeile. Während er das heiße Wasser und den Teebeutel seiner alten Teetasse vereinte und den Toast mit etwas Honig dekorierte, wusste er schon, welchen Artikel er als Erstes lesen würde. Mit seinem Frühstück setzte er sich wieder vor den Laptop und begann, den Artikel zu lesen, wobei seine Gedanken bereits wieder abschweiften.

Letzten Freitag war also dieser Gerichtstermin gewesen, alles schien aussichtslos und sein Leben vorbei zu sein. Er hatte schon geglaubt, seine Tochter nie mehr sehen zu dürfen und mit dem Gefühl das Gebäude verlassen zu müssen, dass alle glaubten, er sei der Bösewicht. Nur schon der Gedanke, dass seine liebe Maria bei seiner Ex-Frau hätte bleiben müssen, hätte ihm das Herz zerrissen. Er verdankte seine zweite Chance einem jungen Wachmann eines Parkhauses, der routinemäßig am Abend die Stockwerke der Tiefgaragen kontrolliert hatte, um eventuellem Vandalismus vorzubeugen. Was er damals auch nicht gewusst hatte, war, dass seine Frau in der Zwischenzeit mit Rauschmitteln handelte, damit sie fähig war, ihre Sucht zu finanzieren. Nach einer erfolgreichen Verkaufstour und dem Wissen, dass am nächsten Tag ihr Mann die Gerichtsverhandlung klar verlieren würde, hatte sie sich einen Schuss Heroin im Auto dieses Parkhauses gesetzt. Sie hatte wohl dort die Nadel aus dem Arm herausziehen können, bevor der Geist die lange Reise der Träume angetreten hatte. Der Wachmann war durch die Parkebenen patrouilliert und hatte die bewusstlose Frau bemerkt. Da sie nicht geantwortet hatte, waren der Notarzt und die Polizei informiert worden, die sie dann aus dem Auto hatten holen können. Im Spital hatte man ihr dann Blut entnommen, um feststellen zu können, was ihr Unwohlsein herbeigeführt haben könnte.

Die Gerichtsverhandlung am Freitagmorgen war im Wesentlichen eine reine Pro-forma-Sache zu seinen Gunsten gewesen, da nun klar geworden war, dass seine Frau schwere Delikte wie Drogenhandel, Erpressung und Veruntreuung von Geldern begangen und zudem mehrfach gelogen hatte. Zwei Polizisten hatten sie in den Gerichtssaal begleitet, einer war hinter ihr stehen geblieben, der andere hatte sich auf einen Stuhl gleich neben sie gesetzt und ihr die Handschellen abgenommen. Der Richter hatte sich zum Glück nicht weiteren Lügen ihrerseits aussetzen müssen, da sie bei allen Fragen ihre Aussage verweigert hatte und schweigend dagesessen war – mit einer verbitterten Miene angesichts der Tatsache, dass nun alles vorbei war. Die Haaranalyse hatte ergeben, dass sie seit mindestens zwei Jahren schwer süchtig war. Bis auf den Anwalt war von der Gegenseite niemand zur letzten Verhandlung gekommen, da sie wohl geahnt hatten, wie das Urteil aussehen würde – und dass sie möglicherweise mit ihrem Fehlverhalten konfrontiert werden würden.

Christoph wurde vollständig entlastet, bekam das alleinige Sorgerecht für Maria, und es gab eine einfache Gütertrennung. Es gab ja auch nicht viel, worüber man bezüglich des Besitzes hätte streiten können, sie hatten beide nichts mehr auf ihrem Konto übrig, sie wegen ihrer Sucht, er, weil er alle Rechnungen, Arztkosten und Anwaltskosten hatte zahlen müssen. Die wenigen Besitztümer, die sie gemeinsam erworben hatten, sowie der alte Opel Corsa, der beinahe schon auseinanderfiel, waren so wenig wert, dass ihm all diese überschrieben wurden.

Am Tag nach der Verhandlung konnte er zusammen mit Maria zurück in die Wohnung. Seine Eltern waren vorbeigekommen und hatten geholfen, alle Besitztümer und sonstige Gegenstände, die seiner Ex-Frau gehörten, in Kartons zu verpacken und wegzuschaffen. Er wollte einen Neuanfang ohne schmerzliche Erinnerungen. Seine Eltern hatten ihm etwas Geld gegeben, damit er sich auch ein neues Bett kaufen konnte, denn sie hatten es nur zu gut verstanden, dass er darin wohl keine Ruhe mehr finden würde. Bis Samstag spätabends hatten sie geschuftet, aufgeräumt und die Wohnung sauber gemacht, um das Kapitel ein für alle Mal abschließen zu können. Die Schulden hatte er allerdings immer noch und sie bereiteten ihm nach wie vor schwere Sorgen, denn es war ein Haufen Geld, nämlich um die 100.000 Euro.

Das letzte Stück Toast verschwand in seinem Mund, und er schaute kurz auf die Uhr, es war ein paar Minuten vor sieben, also höchste Zeit, Maria aufzuwecken. Er stand mit einem stechenden Schmerz im unteren Rückenbereich auf, schlenderte durch den kleinen Gang zu Marias Zimmer und öffnete behutsam ihre Tür, öffnete vorsichtig den Rollladen und schaltete das kleine Licht ein, um sie langsam zu wecken.

„Guten Morgen, mein Schatz, hast du gut geschlafen?“

„Morgen, Papa, habe sehr gut geschlafen. Muss ich denn aufstehen? Kann ich nicht noch etwas länger schlafen?“

„Ich weiß, wir hatten ein hartes Wochenende. Aber nächstes Wochenende kannst du so viel schlafen, wie du möchtest. Heute musst du zur Schule. Also, raus aus den Federn, kleine Maus!“

Sie rieb sich noch immer etwas verschlafen die Augen, strich eine goldene Haarsträhne aus ihrem Gesicht und lächelte ihn an.

„Kann ich Pfannkuchen haben?“

„Die würde ich dir sehr gern machen, wir haben leider nicht mehr allzu viel im Haus. Weißt du was, ich mache dir eine feine heiße Schokolade und ein Butterbrot mit etwas Konfitüre. Und morgen kriegst du Pfannkuchen“, sagte er mit sanfter Stimme, machte sich gedanklich eine Notiz, dass er bald wieder einkaufen müsste, und hoffte inständig, dass sie noch Kakao im Haus hatten.

„Danke, Papa“, erwiderte sie mit einem freundlichen Gesicht, zog ihr Nachthemd aus und flitzte splitterfasernackt ins Badezimmer, um ihre Morgendusche zu nehmen. Im Badezimmer angekommen, hörte er kurz, wie sie heftig husten musste, dann rauschte auch schon das Wasser. Obwohl sie schon seit jungen Jahren an dieser Krankheit litt, hatte sie sich ihre positive Persönlichkeit bewahrt, mit viel Frohsinn fürs Leben und Verständnis für ihr Umfeld. Sie mochte es sehr, sich morgens hübsch zu machen und der Welt Freude zu bereiten, indem sie mit einem Lächeln ihren Weg beschritt. Er bewunderte ihre Tapferkeit und, wie sie mit der ganzen Situation fertig wurde. Für einen kurzen Moment vergaß er seine Schmerzen und fühlte eine wohltuende Wärme in seinem Brustkorb, es war die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter. Er schlenderte zurück in die Küche, um den Kakao und das Butterbrot, welches er gerade seiner Tochter versprochen hatte, zu machen. Nebenbei öffnete er den Küchenschrank mit den Medikamenten, kramte aus einer metallenen Schatulle zwei Kapseln hervor, die Marias Immunsystem stärken sollten, und bemerkte sogleich, dass er bald wieder welche kaufen musste. Wenn der Vater seiner Ex gestern nicht vorbeigekommen wäre, wüsste er nicht, mit welchem Geld. Denn die Krankenkasse war nicht sehr kooperativ und ziemlich restriktiv, was die Medikamentenauswahl betraf.

Am Sonntagmorgen hatte um etwa zehn Uhr völlig unerwartet die Klingel der Wohnungstür geläutet und als Christoph geöffnet hatte, stand Peter, der Vater seiner Ex-Frau vor der Tür. Er war an diesem Morgen dermaßen erschöpft gewesen, dass sein Gesicht keine Gefühlsausdrücke mehr zu vermitteln vermocht hatte. Peter hatte sehr niedergeschlagen gewirkt und höflich darum gebeten, eintreten zu dürfen. Als sie dann zusammen auf dem Sofa gesessen hatten, die zwei Wassergläser auf dem Couchtisch, denn er hatte keinen Kaffee mehr im Schrank gehabt, hatte Peter begonnen, sein Anliegen vorzubringen.

„Christoph, ich kann nur schwer nachempfinden, was du in den letzten Monaten durchstehen musstest. Es ist als Vater nicht einfach, zuzusehen, wenn die eigene Tochter so viel Mist gebaut hat. Ich war leider oft auf Geschäftsreise und hatte die Entwicklung nicht bemerkt. Man bleibt gedanklich halt gern bei dem Bild seiner Tochter, als sie noch jung, unschuldig und süß war, und vergisst, dass das Leben sich weiterentwickelt.“

Er griff mit einer etwas zitternden Hand zum Wasserglas, nippte kurz daran und fuhr fort: „Ich habe blind den Lügengeschichten meiner Tochter Vertrauen geschenkt und die Augen vor der Wahrheit verschlossen. Meine Frau ist immer noch der Ansicht, dass du an der ganzen Sache Mitschuld trägst, dass es so weit kommen konnte. Ich glaube mehr, dass es unsere Schuld war.“ Mit der noch freien Hand hatte Peter in die Gesäßtasche gegriffen und einen weißen Umschlag neben dem Glas von Christoph abgelegt. Er hatte dabei für einen kurzen Moment gedankenverloren ins Nichts geblickt.

Christoph hatte noch immer nicht gewusst, was er erwidern sollte, und war erleichtert gewesen, als Peter etwas traurig mit dem Monolog fortgefahren war.

„In dem Umschlag sind zwanzigtausend Euro, das ist leider alles, was ich dir geben kann, ohne dass meine Frau davon erfahren würde. Ich möchte mich von ganzem Herzen entschuldigen und euch mit diesem Geld helfen, dass ihr weiterhin die Wohnung sowie die Medikamente für Maria bezahlen könnt. Ich könnte es sehr wohl verstehen, wenn ihr keinerlei Kontakt mehr mit mir haben möchtet, es würde mich allerdings außerordentlich freuen, ab und zu eine kleine SMS oder eine kurze Nachricht von euch zu erhalten, daß alles noch in Ordnung ist.“ Mit diesen Worten war er aufgestanden, hatte seine rechte Hand kurz auf die Schulter von Christoph gelegt, geseufzt und war, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gegangen.

Während Christoph die Milch für den Kakao erwärmte, dachte er wieder über diese Begegnung nach. Er war an diesem Tag so verdattert gewesen, dass er während des gesamten Gesprächs kein Wort aus sich herausgebracht hatte. Peter war die einzige Person der Gegenseite gewesen, die ehrliches Rückgrat bewiesen hatte. Im Umschlag waren tatsächlich zwanzigtausend gewesen, in großen und kleinen Noten, und genau dieses Geld würden sie in nächster Zeit bitter benötigen.

„Maria, mein Spatz, dein Frühstück ist fertig!“, rief er in Richtung Badezimmer.

„Komme gleich, Papa“, rief sie zurück.

Er setzte sich wieder vor seinen Laptop und begann nun konzentriert, den Artikel über den gestohlenen Automaten zu lesen. Offenbar hatten Rentner einen Geldautomaten von einer Einkaufsmeile aus seiner Verankerung herausgerissen und den gesamten Apparat mitgenommen. Die Täter waren von einer Videokamera ganz in der Nähe gefilmt worden, trotzdem fehlte von den Dieben immer noch jede Spur, und die Polizei suchte nach Zeugen. Man schätzte, dass in dem Automaten etwa 50.000 Euro gewesen waren.

„Hier, mein Schatz, dein Frühstück und deine Vitamine.“ Er überreichte Maria die zwei Kapseln für ihre tägliche Dosis Immunstärkung, als sie sich zu ihm an den Küchentisch setzte und sofort begann, ihr Butterbrot zu essen. Sie war wieder sehr süß angezogen, hatte den pinken Kapuzenpulli von Oma und Opa an und die hellblauen Jeans, welche sie zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Zudem hatte sie das Haar hübsch zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

„Ach, Papa, mach dir keine Sorgen, ich weiß, dass das Medizin ist. Werde ich heute Mittag wieder mit Oma und Opa essen?“

„Ja, mein Spatz. Sie werden dich von der Schule abholen und ihr werdet eine schöne Zeit zusammen haben. Ich werde heute etwas länger bei der Arbeit bleiben müssen, also werden dich Oma und Opa am Nachmittag nach der Schule auch wieder abholen und herbringen. Ich glaube, Oma macht dir dann dein Lieblingsessen, Schnitzel und Pommes. Na, wie klingt das?“

Sie würgte kurz den letzten Bissen ihres Butterbrotes hinunter, setzte ein Lächeln auf und erwiderte aufgeregt: „Oh Mann, Oma kocht mir Schnitzel. Das wird ein super Tag heute. Ich sage Oma, sie soll dir auch ein Schnitzel machen, damit du nach der Arbeit auch was Gutes essen kannst.“

„Danke, mein Spatz, das ist lieb von dir. So, sobald du mit dem Frühstück fertig bist, mach dich bitte bereit, wir müssen los!“ Er legte den Laptop beiseite, hievte sich aus dem Stuhl, wobei er wieder seinen lädierten Rücken zu spüren bekam, und schlurfte zurück ins Schlafzimmer, um sich dort etwas Arbeitstaugliches anzuziehen.

Ein paar Minuten später standen beide vor der Wohnungstür und zogen ihre Schuhe sowie ihre Frühlingsjacken an.

„Hast du dir die Zähne geputzt?“, fragte er Maria noch kurz, bevor es losging.

„Ja, Papa, habe ich.“

„Braves Kind. Hast du alle deine Schulbücher dabei?“, hakte er noch kurz nach.

„Habe ich. Und auch die neuen Farbstifte, die mir Opa am Samstag geschenkt hat.“

„Sehr gut, dann nichts wie zum Auto!“ Er zog hastig die Wohnungstür zu und schloss sie zweimal ab. Als sie den Wohnblock verließen, um zu den Parkplätzen zu gelangen, begegnete er Stefan, der im Erdgeschoss wohnte. Ein kräftiger Mann in seinen Siebzigern, groß gewachsen, etwa eins fünfundachtzig, ehemaliger Matrose und immer noch sehr fit und sportlich. Er wohnte seit einigen Jahren allein, seit seine reizende Frau gestorben war. Stefan lebte von einer spärlichen Rente und ging morgens oft in das Café, das zu Fuß keine fünf Minuten entfernt war.

„Guten Morgen, Christoph, alter Haudegen, und guten Morgen dir, kleine Prinzessin“, scherzte er und kniff seine Augen zusammen, als er in ihre Richtung blickte, da die Sonne noch sehr tief stand.

„Guten Morgen, Stefan, bist du auf dem Weg zum Café?“

„Wie fast jeden Morgen. So fängt der Tag wenigstens gut an, bevor die ersten Schwierigkeiten kommen.“

„Schatz, warte doch schon mal im Auto auf mich, ich komme gleich nach“, sagte Christoph zu seiner Tochter, griff in die Jackentasche und öffnete per Knopfdruck die Autotür mit seinem mittlerweile ausgeblichenen Autoschlüssel. Sie nickte ihm kurz zu und hüpfte glücklich zum Auto, um dort auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen.

„Ach, Stefan, ich bin so fertig von den letzten drei Tagen und obwohl das Gericht nun richtig entschieden hat, habe ich noch immer gewaltige finanzielle Schwierigkeiten.“

Stefan war für ihn wie eine Art Vertrauensperson, der er alles erzählen konnte. Er hörte immer sehr geduldig zu und gab, so gut es ging, Ratschläge, die schon oft geholfen hatten. Was er vor allem an Stefan mochte, war, dass er auch ehrliches Verständnis für seine Lage aufbrachte und so manche Lasten wegschwatzen konnte. Auch wenn seine Ex-Frau immer wieder mal zu spät nach Hause gekommen war, um Maria nach der Schule empfangen zu können, hatte die Kleine bei Stefan bleiben dürfen, bei einer heißen Tasse Kakao und leckeren Keksen, um sich die Zeit zu vertreiben. Letzten Samstag hatte er auch keine Minute gezögert und geholfen, all die Kartons runterzutragen und zum Wertstoffhof zu bringen. Obwohl Christoph auch nicht im Entferntesten mit dem Gedanken gespielt hätte, Stefan um Geld zu bitten, wäre er sicher der Erste gewesen, der ihm etwas geliehen hätte, wäre er selbst nicht extrem knapp bei Kasse gewesen.

„Das Gefühl kenne ich sehr gut, ich wünschte, ich könnte dir helfen. Aber ich weiß selbst nicht, wie ich die nächsten Mieten zahlen werde. Wir müssten halt dasselbe durchziehen wie diese Rentner“, lachte er, während sein muskulöser Arm die Zeitung von heute Morgen anhob und er mit dem Finger auf die Titel-Story zeigte.

„Du weißt doch, dass ich von dir nie Geld annehmen könnte. Du hast mir schon viel zu oft geholfen. Aber wenn du einen Fluchtwagen für deinen nächsten geplanten Raub benötigst, stelle ich dir gern meinen scheintoten Opel zur Verfügung“, scherzte Christoph und winkte sogleich ab.

„Wenn ich einen Rammbock brauche, komme ich gern wieder auf dich zurück“, erwiderte Stefan mit einem Grinsen im Gesicht und hob die Hand zum Abschied, während er in Richtung Café schlenderte.

Christoph winkte grinsend zurück, öffnete die Fahrertür seines alten, dunkelblauen Opel Corsa und ließ sich in den Fahrersitz fallen.

Als er den Motor startete, fiel ihm wieder ein, dass er dringend tanken und sein Wagen, wie die Warnleuchte zeigte, schon länger in den Service musste. Während er den kurzen Weg zu Marias Schule fuhr, hörten sie Radio und sie sang begeistert mit. Immer, wenn sie glücklich vor sich hin trällerte, fühlte er sich ebenfalls etwas besser und der Tag schien freundlicher.

Seit etwa zwei Jahren fuhr er nicht mehr so gern zur Arbeit. Nicht, dass er die Arbeit selbst nicht mochte oder dass seine Kollegen unfreundlich wären, ganz im Gegenteil, der Betrieb war sehr familiär und man half einander. Aber die Wirtschaftslage war schon seit mehreren Jahren für Druckereien äußerst schwierig. Alle mussten um Aufträge kämpfen und jedes Jahr gingen einige Druckereien in Konkurs. Die Anzeichen, dass Ihre Druckerei wohl das nächste Opfer sein und dass viele ihre Stelle verlieren würden, mehrten sich schon seit einiger Zeit.

Sie waren mittlerweile an Marias Schule angekommen und er hielt dort an.

„Ich wünsch dir einen schönen Tag in der Schule und lern was.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und lächelte sie an.

„Mach’s gut, Papa, bis heute Abend.“ Sie gab ihm ebenfalls einen Kuss auf die Wange, öffnete den Sicherheitsgurt, entriegelte die Tür und stieg mit einem kleinen Hüpfer aus. Dann schloss sie die Autotür wieder, winkte ihm lächelnd zu und rannte auf den Kinderspielplatz, wo bereits andere Kinder spielten. Er legte wieder den ersten Gang ein, um mit einem leichten Stottern des Motors wieder in die Straße einzubiegen.

Auf seiner Arbeitsstrecke war eigentlich selten viel Verkehr, sodass er bereits nach zehn Minuten sein Auto vor der Druckerei abstellen konnte. Er blieb noch ein paar Minuten im Wagen sitzen und versuchte, sich auf den Arbeitstag einzustellen. Irgendwie hatte er ein sehr flaues Gefühl im Magen, als würde heute kein guter Tag werden, er konnte aber nicht sagen, weshalb. Um diese Zeit waren Andreas und Mario meistens schon in der Druckerei, doch beide Autos fehlten auf dem Parkplatz, was ihm seltsam vorkam. Er öffnete verunsichert die Fahrertür und stieg aus dem Wagen, um mit etwas unentschlossenen Schritten in Richtung Eingangstür zu schlendern. Im Empfangsbereich stand Herr Meyer, der Chef der Druckerei, sowie Frau Stucki, die Sekretärin. Beide wirkten etwas niedergeschlagen und müde.

„Guten Morgen, Christoph. Wir würden gern mit dir im Sitzungszimmer ein paar Dinge besprechen, bitte folge uns!“ Während sein Chef und die Sekretärin in den Sitzungsraum traten, wurde das Gefühl in der Bauchgegend noch alarmierender, er bekam schon fast Krämpfe. Er betrat den Sitzungsraum und ließ sich etwas benommen auf den nächsten Stuhl fallen, den Blick auf den weißen Umschlag gerichtet, welcher vor ihm auf dem Tisch lag. Es bedurfte eigentlich keiner Worte irgendeiner Person dieses Raumes, um zu verstehen, dass er gerade entlassen wurde. Die Gesichter seines Chefs und der Sekretärin sprachen Bände. Nachdem alle Platz genommen hatten, faltete sein Chef die Hände zusammen, lehnte sich leicht nach vorn und richtete das Wort mit einem leisen Seufzer an Christoph.

„Wie du weißt, haben wir schon seit längerer Zeit Schwierigkeiten, uns am Markt zu behaupten. Wir schätzen deine Arbeit sehr und es fällt uns nicht leicht, dir das mitzuteilen, insbesondere im Wissen um deine Umstände. Wir haben wirklich alles versucht, damit es nicht so weit kommt. Doch die finanzielle Lage und die Marktsituation zwingen uns, diese Entscheidung zu fällen, da in ein paar Monaten die Firma zahlungsunfähig werden wird.“

Sein Chef hielt kurz inne und schien darüber nachzudenken, was er als Nächstes sagen wollte. Die Anspannung im Raum konnte man fast schon spüren, so still war es im Moment.

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