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Backstage in Seattle

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Für Hannah,
wie versprochen.

1. KAPITEL: JUST ANOTHER DAY

ELIZA

November 5th, 9:00 pm

Seufzend stieg ich aus der Dusche und schlang schnell das Handtuch um meinen bebenden Körper. Mein Kopf brummte, mein Hals tat immer noch weh, und ein Blick in den Spiegel über dem kleinen Waschbecken sagte mir, dass ich genauso schlecht aussah, wie ich mich fühlte.

Seit knapp drei Wochen lag ich nun mit Fieber und einer Erkältung im Bett und war kaum ausgegangen. Jenny und Alison kümmerten sich rührend um mich und versuchten in ihrer freien Zeit so gut es ging meine Langweile zu vertreiben, aber ansonsten sah es wirklich schlecht aus. Wir hatten Ferien, verdammt noch mal. Die letzten, bevor unser erstes Semester an der Uni beginnen würde. Meine Eltern hatten mich unterstützt, wo sie nur konnten, obwohl wir nie viel Geld besessen hatten und sie mich insgeheim beide nicht ausziehen lassen wollten. Aber jetzt war ich zwanzig, hatte mein letztes Jahr an der Highschool hinter mir und wollte endlich mein neues Leben hier beginnen. Selbstständig werden. Die komplette Erfahrung haben. Vier Monate war es jetzt her, seit ich in diese kleine Wohnung nach Seattle gezogen war. Ich teilte sie mir mit Jennifer und Alison, die ich beide über die Online-WG-Börse kennengelernt hatte, Letztere beehrte uns allerdings nur mit ihrer Anwesenheit, wenn sie nicht gerade in der luxuriösen Wohnung von Tom, ihrem neuen Freund, lebte.

Ich verstand mich ziemlich gut mit den Mädels, und ich war mir bewusst, wie viel Glück ich hatte, von Anfang an in einer nicht zu teuren Wohngemeinschaft mit sympathischen Mitbewohnerinnen zu landen. Dazu kam außerdem noch, dass wir zu Fuß nur knapp zehn Minuten zum Campus brauchten.

Ich öffnete das Fenster im Badezimmer und lief dann in den Flur, wo es noch eisiger war, selbst für November. Ich überlegte, ob ich mich vor den Fernseher legen sollte, um so diesen Abend zu verbringen, da Ally bei Tom und Jen gerade einkaufen war. Ich hätte auch Samuel anrufen können. Er war mein bester Freund seit frühester Kindheit und war zusammen mit mir auf Wohnungssuche gegangen. Mittlerweile wohnte auch er in der Stadt, aber ich wollte mich heute niemandem aufdrängen.

Der Schlüssel drehte sich im Schloss, und ich schaute verwundert zur Tür. Für einen Moment war ich zu abgelenkt, um wahrzunehmen, dass ich noch immer nur mit einem Handtuch bekleidet war.

„Eliza?“, hörte ich Alisons Stimme, eine Sekunde bevor sich die Tür öffnete und sie mit Tom an der Hand hereinspazierte, die Wangen von der Kälte draußen leicht gerötet. Sie sah wie immer super aus, ihre Figur war einfach nur unfair, und ihre schulterlangen Haare glänzten weißblond. Tom war breit und riesig, aber auch er sah unbestreitbar gut aus mit seinen dunklen Locken und den blau funkelnden Augen, wenn auch ein bisschen zu muskulös für meinen Geschmack. Aber damit war er exakt ihr Typ, wie ich wusste.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte ich verwirrt.

Tom kicherte, und auch Ally musste grinsen.

„Toms Bruder kommt aus L.A., um bei ihm und Alex zu wohnen. Er ist zwei Jahre älter als wir und wird mit uns studieren.“

Das war eine Neuigkeit, zumal ich nicht gewusst hatte, dass Alex, Toms Bruder, und er noch mehr Geschwister hatten, aber es erklärte nicht ihr Auftauchen hier. Gerade wollte ich noch mal nachfragen, als Tom in unser kleines Wohnzimmer lief und sich auf das Ledersofa fallen ließ, während Ally die Küche ansteuerte.

„Ich verstehe ja, dass dir bei den Temperaturen draußen heiß ist, Liz, aber denkst du, dass das für deine Erkältung besonders gut ist?“ Er deutete lachend auf meine spärliche Bekleidung.

Ich verdrehte die Augen, musste dann aber auch grinsen, während ich schleunigst in mein Zimmer lief, um mir weitere Peinlichkeiten zu ersparen. Ich ließ die Tür offen und schnappte mir Unterwäsche aus meiner kleinen Kommode und meine karierte Pyjamahose, die unter einem meiner unzähligen Kissen lag. „Wollt ihr mir jetzt erklären, warum ihr hier seid?“, rief ich Richtung Wohnzimmer, während ich mich hastig anzog.

„Finns Flieger kommt in ungefähr ‘ner Stunde an, und ich muss ihn abholen. Alex hatte kurzfristig keine Zeit, deswegen mach ich‘s jetzt halt. Und da dachten Ally und ich, wir könnten dir davor einen Besuch abstatten und dich aus deinem Loch holen.“

Finn – das war wohl der dritte Westwood-Bruder.

Ally kam in mein Zimmer und wuschelte mir durch die nassen Haare, als ich mir gerade ein übergroßes T-Shirt überzog.

„Geht‘s dir besser?“, fragte sie und schaute mich mitleidig an. Sie benahm sich manchmal so, als wäre sie Jahre älter als ich, dabei waren es gerade einmal ein paar Monate. Aber sie hatte irgendwie recht: Sie war die Vernünftigere von uns beiden und außerdem auch ein ganzes Stück größer als meine 1.65 m.

Ich lächelte sie an. „Es geht. Aber ich freue mich, dass ihr da seid. Du schläfst hier, oder? Wenn Toms Bruder kommt?“

Sie schnappte sich meinen Wäschekorb mit einer Hand und fuhr sich mit der anderen durch ihre Haarpracht. „Ich weiß noch nicht, wahrscheinlich schon, immerhin ist es seine erste Nacht hier, sie wollen sicher Zeit miteinander verbringen … Aber hm … ich glaube nicht, dass Tom es eine Nacht ohne mich aushält“, flüsterte sie verschwörerisch und brachte mich zum Grinsen. Die beiden hatten vor wenigen Wochen zueinander gefunden. Es war ekelhaft süß, wie abhängig sie voneinander waren. Doch gleichzeitig war es etwas, das ich nicht nachempfinden konnte und auch nicht wollte.

Wozu sich verlieben, wenn es sich am Ende sowieso nur als Illusion herausstellte? Bei meinen Eltern war es so gewesen, also wieso sollte ich eine Ausnahme darstellen? Seit ich denken konnte, genoss ich mein Singleleben und verspürte nicht den geringsten Drang, etwas daran zu ändern.

Dann kam mir noch etwas anderes in den Sinn. „Ally, du musst nicht meine Wäsche machen. Ich kann das selbst tun, ich bin kein Kind mehr!“, meinte ich gespielt entrüstet. Sie bemutterte mich viel zu sehr.

„Red keinen Blödsinn, Liz, wir wissen alle beide, dass du so gut wie nie aufräumst, und außerdem bist du krank, das ist doch mal die perfekte Ausrede für dich.“

Sie grinste mich an und lief aus dem Zimmer, während ich ein „Dafür koche ich uns heute was!“ hinterher rief. Kochen war etwas, das ich einfach konnte, ich hatte schon immer in der Küche mitgeholfen und liebte es. Weder Alison noch Jen hatten meines Erachtens jemals etwas Essbares zustande gebracht, also hatte ich von Anfang an diesen Teil der Hausarbeit übernommen.

Ich lief ins Wohnzimmer, wo inzwischen der Fernseher lief und Tom es sich gemütlich gemacht hatte. Alison hantierte neben dem Badezimmer an der Waschmaschine und summte fröhlich vor sich hin.

Ich setzte mich neben Tom. „Erzähl mal von deinem Bruder.“

Er warf mir einen belustigten Blick zu. „Interesse?“

„Ihr habt mich neugierig gemacht. Ich habe nicht gewusst, dass Alex und du noch einen Bruder habt.“

„Finn ist zweiundzwanzig und war in L.A. auf der Highschool, wo er auch bei unseren Eltern gelebt hat. Jetzt studiert er hier mit uns zusammen an der Uni“, erzählte er nebenbei und schaute dabei wie gebannt auf irgendein Hockeyspiel.

„Was studiert er denn?“

Doch ich bekam keine Antwort, Tom setzte sich laut stöhnend auf und raufte sich die Haare. „Nein! Das darf doch nicht wahr sein! Hast du das gesehen?!“

Ich war mir sicher, dass er zu sich selbst sprach. Meine Begeisterung für Sport im Fernsehen hielt sich ziemlich in Grenzen.

In dem Moment kam Ally, und ich fing ihren Blick auf, woraufhin wir beide grinsten und die Augen verdrehten.

„Oh nein, sag mir nicht, deine Mannschaft verliert!“, rief sie mit deutlichem Sarkasmus in der Stimme und setzte sich auf den Schoß ihres Freunds.

Tom umschlang sie reflexartig mit seinen Armen, aber sein Blick war noch immer auf den Fernseher gerichtet. „Sie sind nur im Rückstand. Wir können das aufholen“, erklärte er todernst, und ich kicherte, was mir einen bösen Blick einbrachte.

Ich stand auf und ging hinüber zur Küche, die sich im gleichen Raum befand und nur durch eine Theke vom Wohnzimmer abgetrennt war. „Wollt ihr was Bestimmtes essen?“, fragte ich beiläufig.

„Keine Umstände, wir sind bald wieder weg“, kam es von Tom, der sich uns jetzt wieder zuwandte, da die Werbepause eingespielt wurde.

Ally nickte zustimmend. „Ich fahre mit Tom zum Flughafen, und danach komme ich wieder her.“

Tom strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und sah irgendwie verstimmt aus. „Bleibst du heute nicht bei mir?“, fragte er enttäuscht.

Alison drehte sich um und gab ihm einen kleinen Kuss. „Ich dachte, du willst ein bisschen Zeit alleine mit deinem Bruder verbringen?“

„Ach was, du hast doch …“

Sie diskutierten, während ich einen Blick in den Kühlschrank warf und einsah, dass es sinnlos war, etwas kochen zu wollen, während Jen noch einkaufen war. In der Kühltruhe befanden sich lediglich zwei Fertigpizzen, also zuckte ich mit den Schultern und schob sie kurzerhand in die Röhre.

„Ach, Eliza?“

Ich blickte fragend zu Tom.

„Wie wär‘s, wenn du heute mitkommst, dann kannst du Finn persönlich kennenlernen und musst nicht mich mit Fragen löchern.“ Er zwinkerte mir zu.

„Ich bin krank“, erwiderte ich automatisch, aber gleichzeitig machte sich Neugierde in mir breit. Plötzlich fühlte ich mich gar nicht mehr so schlecht. Gut, mein Hals kratzte noch immer, aber die Dusche hatte mir offenbar gut getan, meine Kopfschmerzen waren fast ganz verschwunden.

Tom schaute mich kurz nachdenklich an, dann leuchtete sein Gesicht auf. „Okay, ich hab ‘ne Idee … Wie wäre es, wenn du dich bis morgen Abend auskurierst und dann mit zum Howl at the Moon kommst und wir beide“ – er gab Ally einen Kuss auf die Wange – „Finn abholen gehen und ich dich danach hier ablade? Aber dann schläfst du morgen ganz sicher bei mir, Baby, okay?“

Alison drehte sich recht zufrieden zu ihm um, nickte, und dann fingen die beiden an, sich auf eine Weise zu verschlingen, die ich kaum mit ansehen konnte.

„Hey, Leute, was ist Howl at the … wie war das?“, fragte ich, um sie zu unterbrechen – mit Erfolg.

Sie lösten sich voneinander, und Tom schaute mich ungläubig, Ally belustigt an. „Du kennst nicht …?“, setzte Tom an.

„Das Howl at the Moon ist eine College-Bar mit verschiedener Livemusik, vor allem Indie und … “ – Alison warf mir an dieser Stelle einen bedeutsamen Blick zu – „Rock. Tom und seine Brüder spielen morgen Abend.“

„Sobald wir es geschafft haben, Finn zu überreden – und glaub mir, das werden wir …“, warf Tom ein.

Ich liebte Rockmusik. Von klassisch über Alternative bis Indie war alles dabei. Und ich hatte nicht gewusst, dass die Jungs Musik machten. Je mehr ich mitbekam, desto interessanter wurde dieser Finn.

„Warte – seit wann macht ihr Musik?“, fragte ich.

„Seit ein paar Jahren … Wir haben in Los Angeles ab und zu gespielt, aber als Alex und ich hierher gezogen sind, war nicht mehr viel los.“

Ich wandte mich Ally zu, für die das Thema offensichtlich nichts Neues war.

„So etwas enthältst du mir vor? Dein Freund ist Musiker?“, fragte ich sie gespielt empört.

Tom lachte, während Alison die Augen verdrehte und mich dann bittend ansah.

„Du darfst das morgen auf keinen Fall verpassen“, bettelte sie, und ich sah ihr an, dass sie sich schon längst sicher war, mich am Haken zu haben. Ich liebte Livemusik, ich war neugierig auf Finn, und außerdem hatte ich es in der letzten Zeit wirklich vermisst auszugehen. Ich hatte kein Fieber mehr. Die Erkältung war zwar noch spürbar, aber auf jeden Fall besser geworden.

Ally sah mich mit leuchtenden Augen an.

„Ich komme mit“, ergab ich mich, und sie sprang jauchzend von Toms Schoß, um mich zu umarmen.

„Ich bin mir sicher, du wirst es nicht bereuen. Du brauchst eine ordentliche Party, um endlich wieder fit zu werden!“

***

FINN

Der Flughafen war überfüllt. Voller Menschen, die sich freudig begrüßten oder von einem Terminal zum anderen eilten, um ihren Flug nicht zu verpassen. Seufzend nahm ich mein Gepäck von der Bandkontrolle und sah mich um. Tausende Passanten beobachteten mich, und ich verspürte den Drang, meine Augen zu verdrehen. Warum waren alle Menschen gleichermaßen naiv und völlig blind für das Wesentliche? Man akzeptierte mich nur meines Aussehens wegen. Ich hätte ein komplettes Arschloch sein können, niemand hätte sich daran gestört.

Ich versuchte, mich auf das zu konzentrieren, was unmittelbar vor mir lag. Leise Vorfreude stieg in mir auf. Es war ein ungewöhnliches Gefühl, aber irgendwie auch berechtigt – ich hatte meine beiden Brüder seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Unsere Eltern waren fast geplatzt vor Glück, als ich endlich eingewilligt hatte, mich an der gleichen Uni wie Alex und Tom einzuschreiben. Sie hatten versucht, ihre überschwängliche Freude zu verbergen, aber ich hatte es ihnen angesehen, vor allem Laura, unserer Mutter. Ihr unvergleichbarer Optimismus tat mir irgendwie leid. Ich wusste, dass es nicht besser werden würde. Nur anders. Ich hatte keine Lust, mich zu verändern oder mich anzupassen. Tom und Alex kannten mich besser, und sie akzeptierten mich. Wir hatten seit letzter Woche eine Abmachung. Meine Vergangenheit sollte nie wieder zur Sprache kommen, ich sollte ein neuer Mensch werden. Wenigstens äußerlich, wenigstens für die Leute hier. Ich musste zugeben, es war befreiend, aus L.A. rauszukommen. Es gab jetzt nichts mehr an meiner Umgebung, das mich an früher erinnerte, keine mitleidigen Blicke, keine kahlen, weißen Wände mehr.

Ich stellte mich unter das fünfte Terminal und zog das schwarze protzige Handy aus der Tasche – ein Geschenk von meinem Dad Michael zu meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag. Ich hatte mich inzwischen an den Reichtum gewöhnt, Michael und Laura gaben nicht damit an, es war okay. Es war zur Gewohnheit geworden, dass Geld keine Rolle mehr in unserem Leben spielte. Doch es war keineswegs so, dass sie nicht viel dafür getan hatten. Michael arbeitete seit Jahren als Psychiater in seiner eigenen Klinik. Und auch Laura war berufstätig, sie hatte ihr künstlerisches Interesse zu etwas Handfestem umgewandelt und sammelte bedeutende Werke für eine Kunstgalerie.

Die beiden waren erfolgreich, doch der wahre Grund, warum ich sie so sehr schätzte, war nicht etwa das Geld oder ihr Ansehen. Nein, sie waren neben all diesen Dingen auch noch die bodenständigsten Personen, die ich je kennengelernt hatte. Zu meinem unfassbaren Glück.

Meine Finger fuhren automatisch über den Bildschirm und schrieben – wie so oft in der letzten Zeit – Alex‘ Namen in das Telefon. Er nahm nach dem ersten Klingeln ab.

„Finn?“

„Nein“, erwiderte ich lächelnd und mit meiner dunkelsten Stimme. Die Vorfreude auf meine Brüder wurde immer größer, auch wenn ich es mir nicht ganz eingestehen wollte.

„Mr. Westwood ist bei dem Flug hierher Opfer eines schrecklichen Attentats geworden.“

Ein Lachen folgte, im Hintergrund waren auch andere Stimmen zu hören. „Du hast mir auch gefehlt, Kleiner!“

Ich verdrehte die Augen. Er war nur drei Jahre älter als ich, ließ es aber ordentlich raushängen.

„Ich bin gerade angekommen und warte sehnsüchtig auf dich“, sagte ich grinsend und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Wie lange war es her, dass ich lachen konnte, ohne mich dazu zu zwingen?

„Hat Tom dich noch nicht angerufen? Ich kann heute nicht kommen – muss arbeiten – und er sollte dich eigentlich abholen. Sag mir nicht, er hat‘s vergessen!“

„Mach dir keinen Stress, ich bin gerade erst angekommen … Arbeitest du immer noch in dieser Bar?“

„Ja, Emporio, und ich muss gleich wieder los. Wir sehen uns in ungefähr zwei Stunden. Aber erzähl mal … wie war der Flug, und wie geht‘s Mom und Dad?“

„Der Flug war ganz okay, ich hab die meiste Zeit geschlafen, und den beiden geht‘s super. Laura hat natürlich geheult, aber du weißt ja, das ist normal, etwas anderes wäre besorgniserregend.“

Alex lachte erneut. „Alles klar, dann ruf jetzt mal Tom an, mal schauen, was er gerade so treibt. Wir sehen uns später, Finn!“

„Bis dann“, murmelte ich und nahm dann das Handy vom Ohr, um Tom anzurufen.

Ich wollte gerade die Wahltaste betätigen, als der hämmernde Sound von The Sharpest Lives, meinem Klingelton von My Chemical Romance, erklang. Der Name meines Bruders wurde angezeigt – das nannte ich perfektes Timing.

„Tom?“, fragte ich und musste unwillkürlich grinsen, als mir einfiel, dass ich mich genauso wie Alex meldete, obwohl es doch offensichtlich war, wer sich gerade am anderen Ende der Leitung befand.

„Willkommen!“, brüllte er mir ins Ohr. Im Hintergrund hörte ich, wie ein Motor sich beschleunigte und ein hohes Lachen ertönte. „Ich bin unterwegs, wir sind in fünf Minuten da, Ally ist mitgekommen, dann könnt ihr euch endlich kennenlernen.“

Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich wusste nicht, ob mir das Kennenlernen anderer Menschen am ersten Abend gut tun würde. Andererseits erzählte mir Tom jetzt schon seit einer gefühlten Ewigkeit von der Frau, die ihm angeblich seine Sinne geraubt hatte. Du willst neu anfangen, redete ich mir ein. Dann musst du jetzt langsam beginnen, dich auch wie ein soziales Wesen zu benehmen. Normale Menschen genießen es, unter Leuten zu sein.

„Okay, cool, ich freu mich“, sagte ich mit so viel Enthusiasmus wie möglich in der Stimme. „Hoffentlich bist du gut genug für sie, wenn sie eine solche perfekte Göttin ist, wie du mir beschrieben hast“, fügte ich hinzu.

Das nächste, was ich hörte, war Alisons‘ schallendes Lachen, während Tom etwas Undefinierbares grunzte. Ohne darüber nachzudenken, lachte ich schon wieder auf – was war heute nur los mit mir? Es war schwer zu glauben, aber ich hatte tatsächlich gute Laune. Wir verabredeten uns am größten Café, das direkt neben meinem Terminal lag und verabschiedeten uns knapp, Tom mit hörbarer Freude in der Stimme, und auch ich konnte jetzt nicht mehr leugnen, dass ich erstens neugierig auf die Freundin meines Bruders war und dass ich mich zweitens auf die beiden Verrückten freute.

Ich stellte meine Koffer und den Rucksack mit meinem Handgepäck vor das Café und kramte ein paar Dollar aus den Taschen meiner schwarzen Jeans. Kaum hatte ich den Laden betreten, kam schon das erste weibliche Geschöpf in meine Richtung gelaufen und warf mir eindeutige Blicke zu. Ich seufzte und stellte mich an die kurze Schlange vor der Kasse, mein Blick wandte ich der weihnachtlichen Dekoration an den Wänden zu. Weihnachten. Seltsam. Es war noch mehr als ein Monat bis zu diesem Fest, und außerdem hatte ich keine Lust, ständig daran erinnert zu werden. Weihnachten war das Fest der Liebe, der Familie und des Zusammenseins. Genau das, was … Stopp. Keine Rückfälle, ermahnte ich mich innerlich und sah mich um, um mich abzulenken – und bereute es augenblicklich.

Ein Mädchen in ungefähr meinem Alter beobachtete meine gesamte Erscheinung. Sie ließ den Blick langsam von oben nach unten wandern und schmolz dabei förmlich vor sich hin. Ich schüttelte verärgert den Kopf und fragte mich, ob sie nicht wenigstens ein paar Hemmungen besaß.

Man könnte meinen, sie würde als nächstes …

„Ich bin Zoey“, nuschelte sie leicht benommen und hielt mir dann aber entschlossen die Hand hin.

Sie war blond, schlank und wahrscheinlich ganz süß. Kurz gesagt: Ich würde den Teufel tun und mich ihr vorstellen. Ich war dieses Verhalten wirklich leid. Da war es in Los Angeles ja noch besser gewesen, wo mich jeder kannte und für einen hoffnungslosen Freak hielt.

Mit deutlicher Mühe nahm ich ganz kurz die Hand des Mädchens und lächelte sie schwach an. Das sollte genügen.

„Finn.“ Meine Stimme klang vermutlich nur halb so gelangweilt, wie ich mich fühlte.

Doch das schien sie nicht zu bemerken. Sie schnappte nach Luft und starrte mich an, als käme ich direkt aus dem Weltall.

Während ich ein Stöhnen unterdrückte, drehte ich mich wieder um und war sehr froh darüber, dass ich an der Reihe mit meiner Bestellung war und somit Zoey noch halbwegs freundlich abwürgen konnte.

Hinter dem Tresen stand – dem Himmel sei Dank – ein Kerl, der definitiv kein Interesse hatte, so wie er schaute. Ich bestellte einen doppelten Espresso und er gab gelangweilt die Rechnung auf. Nachdem ich den Kaffee entgegengenommen und bezahlt hatte, verließ ich so schnell wie möglich das Café, ohne auch nur im Geringsten auf Zoeys enttäuschten Blicke zu achten.

Zehn Minuten später, sah ich meinen großen Bruder mit einer Blondine in meine Richtung laufen. Tom war riesig und breit wie immer, und er sah noch fröhlicher als das letzte Mal aus, als wir uns gesehen hatten. Wahrscheinlich lag es an dem Mädchen an seiner Seite – Alison. Er hatte einen Arm um sie gelegt, und ich konnte von der Ferne sehen, dass sie sich angrinsten.

Ein Lächeln breitete sich wieder auf meinem Gesicht aus, als sie vor mir standen und mein Bruder seine Freundin losließ, um mir freundschaftlich auf den Rücken zu klopfen.

„Hey, Finn! Wie geht‘s dir? Wie war der Flug?“

Ich grinste. „War ganz okay, ich freu mich, hier zu sein.“

Mein Blick wanderte zu Alison, die mich mit einer Mischung aus Neugier und Freundlichkeit betrachtete. Tom trat zurück. „Das ist Ally, meine perfekte Göttin“, sagte er mit einem Kichern, woraufhin wir ihn beide auslachten. „Baby – mein kleiner Bruder aus dem sonnigen L.A.“

Ich verdrehte wie vorhin bei Alex am Telefon die Augen und umarmte dann Alison, die mich jetzt offen angrinste. Sie war mir seltsamerweise sofort sympathisch. Das lag dann wohl daran, dass sie mich weder angaffte, als wäre ich das einzige männliche Wesen im näheren Umkreis, noch auf irgendeine Weise peinlich berührt durch meine Anwesenheit war. Na bitte, es ging doch.

Wir fuhren mit Toms geräumigen Wagen in Richtung Stadtmitte, während Alison mich über alles Mögliche ausfragte: mein Studium, meinen Musikgeschmack, die Erwartungen, die ich an Seattle hatte und natürlich Los Angeles.

Es störte mich nicht, ihre Fragen zu beantworten, irgendwie machte es mir sogar Spaß.

„Ich fühle mich, als hätte ich hier einen Test zu bestehen. Tom, was hast du ihr für schreckliche Sachen über mich erzählt, dass sie mich jetzt so löchert?“

Alison kicherte, und Tom drehte sich zu mir um und warf mir einen belustigten Blick zu.

„Nur die Wahrheit“, antwortete er mit einem Grinsen, drehte das Radio auf volle Lautstärke und gab Gas.

***

November 6th, 12:15 am

„Wie bitte?!“ Perplex drehte ich mich zu meinen Brüdern um. „Das ist nicht euer Ernst, oder?“

Alex lächelte und verschränkte die Arme vor der Brust. Er war vor einer Stunde zu Toms Wohnung gekommen und nachdem wir alle zusammen Ally nach Hause gebracht hatte, waren wir wieder zurückgefahren – zu Toms Wohnung, wo ich in nächster Zeit leben würde, wie ich bis vor einer Sekunde geglaubt hatte.

Ich starrte zum fünften Mal vom Schlüssel, den Tom mir in die Hand gedrückt hatte, zur Tür, die ein Stockwerk über seiner lag und wieder zurück zu meinen Brüdern.

„Sehen wir so aus, als würden wir Witze machen? Komm schon, schließ auf.“ Tom kicherte. „Auf den Moment haben wir seit Monaten gewartet. Um genau zu sein, seit du gesagt hast, du würdest sicher kommen. Stimmt‘s, Alex?“

Er nickte. „Wir haben lange nach etwas gesucht, das dir gefallen würde und fanden diese Wohnung passend – das perfekte Willkommensgeschenk, oder?“ Auch er lachte ein wenig.

Noch immer fühlte ich mich benommen, als ich den Messingschlüssel in das Schloss steckte. Am Schlüssel hing ein Anhänger, eine silberne E-Gitarre.

Nachdem ich den Schlüssel zweimal umgedreht hatte, hörte ich ein leises Klicken – die Tür war offen.

Der Anblick, der sich mir bot, war beeindruckend. Diese Wohnung war genau auf meine Ansprüche abgestimmt. Eigentlich war es mehr ein Loft als eine Wohnung, die Grenzen der verschiedenen Wohnbereiche gingen fließend ineinander über. Rechts von mir befand sich das Wohnzimmer: Eine schlichte schwarze Ledercouch, groß genug, um zwei Menschen darauf sitzen zu lassen. Links und rechts davon standen die dazu passenden Sessel, und gegenüber war ein schwarzer Flachbildfernseher angebracht, gerade die richtige Größe, um nicht übertrieben zu wirken. Dahinter war eine Kochnische – nichts Besonderes, nur die wichtigsten Utensilien, um zurecht zu kommen. Die Küche war in braunem Holz gehalten, genauso wie der Esstisch, der gleich daneben stand. Gegenüber der Tür stand ein einfacher Schreibtisch, der Platz für mein Notebook bot und auf dem sich jetzt eine komplette Schreibausrüstung befand. Diese würde ich für mein Studium gut gebrauchen können.

„Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.“

Alex deutete auf die Tür, die sich hinter der Couch befand. „Dein Schlafzimmer“, erklärte er lächelnd. „Aber du hast später mehr Zeit, dich umzuschauen.“ Er drehte sich zu Tom. „Komm, zeigen wir ihm das Dach, dann können wir auch die restlichen Details besprechen.“

„Seid ihr verrückt geworden?“

Sie liefen beide mit selbstzufriedenen Gesichtsausdrücken auf direktem Weg in die Küche und dann durch die Glastür, die ich jetzt erst dort bemerkte. Ich folgte ihnen benommen und konnte mein Glück noch nicht ganz fassen. Langsam aber sicher machte sich das Gefühl in mir breit, dass es vielleicht doch ganz gut gewesen war, hierher zu kommen. Ich sah meine Brüder jeden Tag, hatte aber trotzdem eine eigene Wohnung, in der ich meine Ruhe haben konnte.

Die Dachterrasse war klein, aber der Blick war überwältigend. Gerade jetzt, mitten in der Nacht, konnte man die ganzen Lichter der Stadt sehen, während von den Straßen unter uns entfernte Geräusche zu uns nach oben drangen. Alex und Tom hatten sich schon auf zwei der Holzstühle gesetzt, die zusammen mit einem winzigen Tisch nah am Geländer standen. Beide grinsten mich an und warteten auf eine Reaktion.

Ich fuhr mir durch die Haare und lächelte. „Ich glaube, ich habe die richtige Entscheidung getroffen, hierher zu kommen. Danke.“

„Wir wollen einen Neuanfang für dich“, meinte Alex, und sein Gesichtsausdruck wurde plötzlich ernster.

Ich hoffte, er würde jetzt nicht ein Thema ansprechen, über das ich ganz und gar nicht reden wollte.

„Bau dir hier was Neues auf, vergiss das Alte.“

Ich räusperte mich und lief zu dem dritten Stuhl, um mich darauf niederzulassen.

„Ich weiß das alles hier zu schätzen und auch, dass ihr mir helfen wollt. Ich will auch einen Neuanfang“, murmelte ich abweisend und stützte mich mit den Ellbogen an den Stuhllehnen ab.

Eine Weile blieb es still, während wir alle vor uns hin starrten. Ich hoffte inständig, die beiden würden das als Warnung verstehen und nicht mehr davon anfangen. Ich hatte keine Nerven dazu, immer und immer wieder daran erinnert zu werden.

„Super“, meldete sich Tom zu Wort, und seine Stimme klang nach wie vor zuversichtlich. „Apropos Neuanfang, wir haben was mit dir zu besprechen …“

Fragend blickte ich vom einen zum anderen. Alex sah irgendwie vorsichtig aus, als hätte er Angst vor einem großen Ausbruch, Toms Gesichtsausdruck verriet pure Entschlossenheit.

Ich war mir sicher, das hatte nichts Gutes zu bedeuten.

„Also, es gibt hier einen ziemlich angesagten Club oder eine Bar oder wie auch immer du es nennen willst. Das Howl at the Moon. Es ist ein Schuppen für Livemusik, meistens Classic-Rock und Indie. Tja, und da morgen eine Party steigt und so ziemlich alle Studenten dort sein werden, haben wir uns überlegt, dass wir denen mal ein bisschen einheizen und dich so ganz nebenbei vorstellen können.“ Er grinste, als wäre ihm der Sieg schon sicher.

In meinem Kopf fing es an zu arbeiten. Sie wollten mich den Leuten vorstellen und zufällig handelte es sich um eine Bar, in der Livemusik gespielt wurde. Bestimmt waren es Amateur-Bands, die auftraten, genau wie wir es früher in Los Angeles getan hatten.

Und wie stellte man am besten den Bruder der berühmten – und ich war mir sicher, Tom und Alex waren hier berüchtigt – Westwoods dem ganzen Semesterjahrgang vor? Richtig, man nehme ihn, stelle ihn auf die Bühne, drücke ihm ein Mikro in die Hand, dazu noch seine Gitarre und …

„Würdest du morgen Abend mit uns auftreten?“

***

ELIZA

Ich schaute mir gerade eine Wiederholung einer uralten Sitcom im Fernsehen, als es erneut klingelte. Schlurfend lief ich zur Tür und riss sie schwungvoll auf – vor mir stand eine vollbepackte Jenny, die sich an mir vorbeidrängte, um ins Innere unserer Wohnung zu kommen. Sobald ich Anstalten machte, ihr ein paar Tüten aus der Hand zu nehmen, grinste sie und schüttelte die dichten roten Locken.

„Oh nein, du ruhst dich mal schön aus, du hast es echt nötig.“

Ich verdrehte die Augen, legte mich dann aber wieder brav aufs Sofa.

„Ach so, was ich dir sagen wollte: Sam kommt morgen vorbei, um den Wasserhahn in der Küche zu reparieren – ich hab ihn gefragt, er hat Zeit. Ich hab ihn im Supermarkt getroffen, er wollte eigentlich jetzt noch kommen, aber ich hab ihm gesagt, du würdest noch ein bisschen Ruhe brauchen, schließlich geht‘s für uns alle ja am Montag mit der Uni los. Aber er freut sich schon auf morgen, du weißt schon – die Party.“

Wie so oft wenn Jenny mich mit einem Schwall von Informationen überschüttete, war ich leicht verwirrt. Langsam drang das, was sie mir eben gesagt hatte, zu mir durch.

„Warte … du weißt auch von der Party?“

„Süße, jeder weiß davon“, erwiderte sie mit einem mitleidigen Lächeln, während sie die Einkäufe in Windeseile in die Schränke räumte. „Du hast wirklich zu lange in diesem Kaff gewohnt“, meinte sie grinsend, und auch ich musste lachen. „Erstens ist das Howl at the Moon die angesagteste College-Bar im ganzen Zentrum, und außerdem sollen doch die Westwoods morgen spielen, oder? Es ist das Event des Monats, Elizabeth.“ Sie zwinkerte mir zu – natürlich kannte auch Jenny meine große Abneigung gegen den Namen, den meine Eltern mir gegeben hatten, aber sie liebte es, mich ein wenig zu ärgern.

„Okay, es hört sich immer besser an, wenn du jetzt auch mitkommst. Weißt du zufällig, mit wem Sam hingeht?“ Jetzt war es an mir, sie anzuzwinkern.

Sie zuckte mit den Achseln, als wäre es ihr gleichgültig, aber die leichte Röte ihrer Wangen verriet sie.

„Und wenn du möchtest, kann ich morgen vor der Party kurz mit Ally verschwinden, dann habt ihr die Wohnung für euch“, fuhr ich mit Unschuldsmiene fort und bekam ein Sitzpolster an den Kopf geworfen.

„Du weißt ganz genau, dass wir nur Freunde sind!“

Lachend setzte ich mich auf und nickte ironisch. „Na sicher. Deshalb grinst du auch immer wie ein Honigkuchenpferd, wenn sein Name fällt. Und wo wir gerade beim Thema sind, hat es zufällig was mit eurem Zusammentreffen zu tun, dass du eine Dreiviertelstunde länger als sonst gebraucht hast?“

„Ich rede nicht mehr mit dir“, verkündete sie, aber ich sah, wie ein Grinsen über ihr Gesicht huschte. Früher oder später würden die beiden zusammenfinden, da war ich mir sicher. Jetzt müsste ich nur noch zufälligerweise ein paar Sätze bei Samuel fallen lassen, und die Sache wäre in Butter. Er war verschossen in meine Mitbewohnerin, seit wir beide hierher gezogen waren, nur war er zu schüchtern, um den ersten Schritt zu wagen.

Jenny setzte sich mit einem Pudding zu mir, nachdem sie das Einräumen beendet hatte, und ich legte meinen Kopf in ihren Schoß.

Eine Weile sagten wir beide nichts, bis meine Gedanken wieder in diese seltsame Richtung führten. Sie kannte Alex, da die beiden am Wochenende in derselben Bar jobbten, also vielleicht konnte sie mir mehr über den mysteriösen dritten Westwood-Bruder erzählen.

„Sag mal, hast du irgendetwas von diesem Finn mitbekommen?“ Ich ließ es absichtlich so klingen, als hätte ich mir nicht viele Gedanken darüber gemacht.

„Hmm … ja“, nuschelte sie und schob sich genüsslich einen weiteren Löffel Schokoladenpudding in den Mund. „Alex hatte vorhin saugute Laune, weil er heute kommt, um bei ihnen zu wohnen. Ich glaube, die stehen sich alle ziemlich nah. Und Finn wird in einem neuen Loft direkt über Tom wohnen, das ist sozusagen sein Willkommensgeschenk, das Geld haben sie ja“, plapperte sie los und blickte dann misstrauisch zu mir. „Aber wieso interessiert dich das? Ich dachte, du bist zufrieden mit deinem Singleleben.“

„Bin ich auch“, versuchte ich mich herauszureden. „Ich darf doch neugierig sein, ich wusste bis heute Morgen nicht, dass dieser Finn überhaupt existiert. Seit wann weißt du eigentlich von ihm?“ Ein Themenwechsel. Genau das Richtige. Nicht, dass sie noch dachte, ich hätte mich mehr mit ihm befasst. Sonst würde sie sicher Verkupplungs-Versuche starten.

„Ach, Ally hat ihn vor einigen Wochen erwähnt, als gerade feststand, dass er kommen würde. Ich frage mich nur, wieso wir erst so spät von ihm erfahren haben. Was es wohl damit auf sich hat?“, fuhr sie schon in Gedanken fort.

Auch ich ließ meine Gedanken schweifen. Mein Vater hatte gestern angerufen und mich eingeladen, die Weihnachtsfeiertage bei ihm zu verbringen. Die Minuten vergingen, während ich an den morgigen Tag und an meine Eltern dachte und langsam schläfrig auf Jennys Schoß wurde.

***

FINN

November 6th, 1:00 am

Seit Tom und Alex gegangen waren, waren nur wenige Minuten vergangen. Ich saß noch immer hier auf der neuen – auf meiner neuen Terrasse. Der Ausblick von hier oben, aus dem sechsundzwanzigsten Stock, war wirklich nicht schlecht. Ich freute mich wirklich über das Geschenk der beiden, nur konnte ich es im Moment nicht genießen.

In meinem Kopf herrschte wieder ein heilloses Durcheinander, und mit meinen Brüdern war auch die heitere Stimmung gegangen.

Ein Teil von mir fing wieder an, sich zu fragen, warum ich überhaupt hier war. Warum ich mir das antat.

Zu Hause in L.A. befand ich mich auf sicherem Terrain. Hier hatte ich keine Ahnung, worauf ich mich einließ. Ich war kaum einen Tag hier, da sollte ich mich schon von mehreren Leuten begaffen lassen, die sowieso kein Interesse an mir, sondern nur an meinem ach so tollen Aussehen hatten.

Aber andererseits war ich dankbar, von Laura und Michael wegzukommen.

Ich musste zugeben, dass es nicht das Schlimmste war, vor versammelter Menge zu singen. Ich konnte es, es lag mir einfach. Und das Gute daran war, dass es mich auch noch ablenkte. Ich musste nicht nachdenken, wenn ich die Saiten unter meinen Fingern spürte und das Mikro an meinen Lippen.

Außerdem waren Alex und Tom dann zufrieden, und ich konnte ihnen allen ein bisschen Normalität vorgaukeln. Je mehr ich sie davon überzeugen konnte, dass alles in Ordnung war, desto weniger würden sie mich mit Fragen quälen. Fragen nach meinem Befinden zum Beispiel. Oder nach meinen Zielen, meinen Wünschen und Träumen. Nach meiner Zukunftsperspektive. Was wollte ich mit meinem Leben anfangen?

Die Antwort war simpel: Gar nichts. Am Schönsten wäre es, jetzt einfach aufzustehen, ans Geländer zu gehen und … ja, was dann?

Ich könnte springen, dachte ich. Und währenddessen die Vergänglichkeit dieses Lebens in jeder Faser meines Körpers spüren.

Was sitzt du dann noch hier?, murmelte eine leise Stimme in meinem Kopf. Du könntest es doch tun. Jetzt. Hier. Du müsstest keinen Gedanken mehr an all das verschwenden.

Ich schüttelte den Kopf ein paarmal hin und her, dann stützte ich ihn verzweifelt in meine Hände und raufte mir die Haare. Nach wenigen Sekunden stand ich abrupt auf und warf dabei den Holzstuhl um. Es interessierte mich nicht, ich musste einfach weg hier. Weg von dieser Terrasse, hinein in meine neue Wohnung, wo keine Gefahr lauerte.

Als ich wieder im Wohnzimmer stand, ging ich weiter zu der Tür, die zu meinem Schlafzimmer führte. Ich rannte schon fast hinein und schloss die Tür hinter mir. Mein Atem ging schneller, mein Herz klopfte. Ich versuchte mich zu beruhigen und schaute mich zur Ablenkung in dem Zimmer um. Es war riesig. In der Mitte stand ein Doppelbett aus schlichtem schwarzem Holz. Auch hier befanden sich ein Schreibtisch aus dem gleichen Material und ein dazu passender Stuhl mit Lederbezug.

Ich dachte kurz nach, verdrängte die vorherigen Gedanken und lief dann kurzerhand zurück in den Flur, um meine Koffer zu holen.

Nach einer halben Stunde waren all meine CDs und die große Musikanlage eingeräumt, und auch in dem begehbaren Schrank hatte ich einiges an Kleidung untergebracht. Das Zimmer sah gleich heimischer aus. Ich war noch immer nicht müde, noch immer nicht bereit, schlafen zu gehen, weil mich sonst die Gedanken leiden lassen würden. Schmerz machte mir eigentlich nichts aus, ich hatte mich mein Leben lang daran gewöhnt, nur würde ich wieder in einen Rausch verfallen und wie eben in diesem kurzen Augenblick auf der Dachterrasse die Kontrolle über mich verlieren.

Das durfte ab jetzt nicht mehr passieren. Ich hatte mich endgültig entschieden. Ich wollte kein Psychopath sein, nicht hier, nicht jetzt. Es war ein für alle Mal genug, sagte ich mir und lief zu meiner gerade aufgebauten Anlage, um Musik aufzulegen.

Dabei fiel mir auf, dass es draußen in Strömen zu regnen angefangen hatte und die Stühle noch im Freien auf der Terrasse standen. Ohne groß zu überlegen, drehte ich mich um, dann bemerkte ich aber, dass ich gar nicht in die Küche musste, um nach draußen zu kommen. Von der Fensterbank des riesigen Fensters über meinem Bett konnte man genauso problemlos aufs Dach gelangen. Ich schlüpfte hindurch, ohne irgendeinen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich nur wenige Minuten zuvor von dort geflohen war.

Nachdem ich die Möbel unter dem Vordach der Terrasse in Sicherheit gebracht hatte und wieder zurück in mein Zimmer gestiegen war, zog ich mich langsam aus.

Ich würde eine heiße Dusche nehmen und danach sofort ins Bett gehen, in der Hoffnung, dass die Müdigkeit mich doch noch übermannte.

Seufzend öffnete ich dir Tür zum Badezimmer, während meine Gedanken wieder zum morgigen Tag wanderten. Ich war mir sicher, es würde mich enorme Anstrengung kosten, mich normal zu benehmen. Ich war aus der Übung. Aber wenn ich heute noch ein wenig Glück hatte, dann würden die hinterlistigen Gedanken mich vielleicht für diese Nacht verschonen und ein bisschen schlafen lassen.

***

ELIZA

November 6th, 8:20 pm

Tausende Kleideranproben, ein paar Gläser Wein und ein einstündiges Telefonat mit meiner Mutter später, stand ich alleine in unserer Wohnung und begutachtete mich im Wandspiegel meines Zimmers. Die Stilettos von Ally sahen unbestreitbar gut aus und passten perfekt zu meiner Hose in Lederoptik. Darüber trug ich eine dunkelblaue Bluse mit tiefem Ausschnitt und einen grauen Strickschal, damit ich keinen Krankheitsrückfall erlitt. Schließlich herrschten draußen schon Minustemperaturen – ich hatte aus dem Fenster sogar ein paar Schneeflocken gesehen.

Meine Mitbewohnerinnen waren schon lange gegangen, nachdem wir uns ausgiebig gestylt und betrunken hatten. Ich war diejenige, die am wenigsten vertrug, aber ich hatte mich heute nicht zurückgehalten. Ich wollte meinen Spaß. Wir waren kurz vor dem ersten Semester! Wenn nicht jetzt, wann dann? Und solange ich gerade laufen und denken konnte, war ja alles in Ordnung.

Was aber definitiv nicht in Ordnung war, war der Zeiger der tickenden Uhr auf meinem Nachttisch, wie ich in diesem Moment feststellte.

Ich stieß einen kleinen Schrei aus und raste ins Badezimmer. Verdammt noch mal, wo war die Zeit geblieben? Eben noch hatte ich gemütlich mit meiner Mutter geplaudert und meinen Haaren noch den nötigen letzten Schliff verpasst, und jetzt war es schon zwanzig nach acht! Ich blickte gehetzt mein Spiegelbild über dem Waschbecken an und fuhr mir in Windeseile mit meinem dunkelroten Lippenstift über die Lippen. Im nächsten Moment wirbelte ich schon wieder zurück in mein Zimmer und schnappte mir meine zum Glück schon fertig gepackte Tasche von meinem Bett. Ich schwankte kurz und wäre fast auf dem Holzboden ausgerutscht, da ich für einen Augenblick vergessen hatte, was für Schuhe ich an den Füßen trug, dann kramte ich mein Handy hervor und gab Allys Nummer ein. Während es wählte, war ich schon zur Tür gerannt, hatte meine Jeansjacke vom Jackenständer gerissen und meinen Schlüssel in der Tasche verstaut.

Nachdem die Tür abgeschlossen war und ich durch das Treppenhaus nach unten rannte, klickte es endlich in der Leitung, und ich atmete schon erleichtert auf, als die Mailbox ertönte. Ich fluchte vor mich hin und kassierte deshalb einen entrüsteten Blick unserer über achtzigjährigen Nachbarin, die gerade durch die Tür lief.

Ich schenkte ihr keine weitere Beachtung, da ich gerade ein Taxi ein paar Meter von mir entfernt an der Straßenseite halten sah. Eine Frau stieg aus, und ich rannte schon darauf zu, als mir ein Typ im Anzug mit triumphierendem Gesichtsausdruck das Taxi vor meiner Nase wegschnappte. So viel zu Gentleman und Ladies first! Ich rief ihm ein aufgebrachtes „Penner!“ hinterher, was er leider nicht mehr hörte, weil er die Autotür schon geschlossen hatte. Normalerweise würde ich die U-Bahn nehmen, aber zur nächsten Haltestelle lief man über zehn Minuten, und das schien jetzt mit der Verspätung unmöglich.

Ich winkte wie wild vorbeifahrenden Taxis zu, um nicht noch später zum Howl at the Moon zu kommen. Wäre ich doch bloß vorhin mit den anderen gegangen! Nach etlichen Minuten reagierte endlich einer der Taxifahrer auf meine Bemühungen und hielt neben mir. Ich stieg schnell ein, wobei ich fast auf der glatten Straße ausgerutscht wäre. Die Schuhe, Eliza, denk an die Schuhe, ermahnte ich mich innerlich. Gerade noch rechtzeitig konnte ich mich fangen und hievte mich ins Wageninnere. Der Taxifahrer schaute mich fragend an. Ich las die Adresse von meinem Handydisplay ab. Das Taxi fuhr endlich los und reihte sich in den Verkehr auf der überfüllten Straße ein. Ich lehnte mich schwer atmend zurück und hoffte inständig, die Fahrt würde nicht zu lange dauern, während meine Finger wieder über meine Handytasten fuhren, um Jenny anzurufen.

Natürlich ging auch sie nicht an ihr Telefon, und so verbrachte ich die restliche zwanzigminütige Fahrt damit, aus dem Fenster zu schauen und mich etwas zu entspannen. Taxi fahren war jedes Mal Luxus pur für mich. Ich fühlte mich der Stadt so nah, wenn die Lichter an mir vorbeiblitzten.

Als das Auto langsamer wurde, hielt ich dem Fahrer ein paar Geldscheine hin, stieg aus und rief ein „Danke, stimmt so!“ hinterher, während ich meine Tasche hastig über die Schulter warf und dem blinkenden Neonschild, das einen heulenden Wolf auf einem Klavier zeigte, entgegenrannte. Gott sei Dank, wenigstens war ich hier ganz sicher richtig. Ein schneller Blick auf mein Handy sagte mir, dass es schon kurz nach neun Uhr war – Ally und Jen machten sich bestimmt schon Sorgen, andererseits hatten sie mich vermutlich vergessen, denn noch immer ging keine an ihr Handy.

Ich hatte gerade die Tür erreicht, hörte schon die gedämpfte Rockmusik von innen und schlüpfte hinein, da passierte es: Ich rutschte auf dem vom Schneeregen nassen Boden aus, verlor mein Gleichgewicht und stolperte in etwas – jemanden, der gerade aus dem Club hinaustreten wollte.

Meine Nase würde in Sekundenschnelle Bekanntschaft mit dem Boden machen, wenn ich nichts dagegen unternahm. Das Erste, das mir auf die Schnelle einfiel, waren meine ausgestreckten Hände. Verdammt, warum hatte ich mir auch diese Mörderschuhe von Ally aufzwingen lassen, noch dazu bei diesem Scheißwetter?

Es dauerte einige Augenblicke, bis ich realisierte, dass ich immer noch auf beiden Beinen stand und dass es seltsam gemütlich war. Dazu kam noch dieser unglaubliche Duft von Regen, Erde oder Holz und etwas Süßem, das ich nicht identifizieren konnte.

Zwei Arme hielten mich fest, sodass ich mich nicht von der Stelle bewegen konnte. Ich konnte die Muskeln und die Wärme durch die Lederjacke, in der die Arme steckten, spüren.

Gott, war das peinlich, jetzt würde der Typ mich bestimmt gleich zur Sau machen. Vorsichtig blinzelte ich, hob dann langsam den Blick und erstarrte.

Ein helles Augenpaar schaute mir direkt in die Augen und nahm mir den Atem.

Ich blinzelte erneut heftig, um dann festzustellen, dass es zu einem jungen Mann gehörte. Für einen Moment schloss ich die Augen.

Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder war das gerade eine Erscheinung oder eine Illusion, die dank des Alkohols in meinem Kopf herumspukte und mich etwas glauben ließ, das nicht wirklich existierte, oder ich hatte gerade einen Gott vor mir. Oder besser gesagt: Er hielt mich in seinen starken, perfekt trainierten Armen.

Ich öffnete meine Augen wieder – er war immer noch da. Langsam stolperte ich einen Schritt zurück – vielleicht würde er sich ja gleich in Luft auflösen –, aber er machte keine Anstalten mich loszulassen, sondern folgte mir.

Nachdem ich mich von seinen Augen losreißen konnte, musterte ich den Rest seines Äußeren: Die Haare waren dunkelblond und durcheinander – bestimmt hatte er Stunden vor dem Spiegel verbracht, um sie so zerzaust hinzubekommen, mit Erfolg, sie sahen nämlich perfekt aus – und ich konnte nur mühsam den aufkommenden Drang unterdrücken, meine Hände augenblicklich darin zu vergraben.

Super, der Alkohol wirkte zweifellos.

Seine Gesichtszüge waren perfekt. Ich fand kein anderes Wort dafür, markantes Kinn, gerade Nase, vollkommene Lippen. Und sein Geruch, sein wunderbar süßlich herber Geruch … Ich atmete tief ein und konnte nicht aufhören, ihn zu bestaunen. Mein Blick blieb an seinem hängen, nachdem mein Gehirn jedes andere Detail seines Gesichts eingespeichert hatte. Ich war mir nicht sicher wie lange ich darin versank, bis mir plötzlich der Gedanke kam, dass ich mich hier gerade zum Idioten machte. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen, in ihn hineingelaufen zu sein, oder vielleicht sollte ich ihn einfach an mich reißen und nie wieder … Konzentration, Eliza!

Warum zur Hölle benahm ich mich so, als hätte ich noch nie in meinem Leben einen gut aussehenden Mann gesehen?

Das liegt vielleicht daran, dass du noch nie so einen Mann gesehen hast, verhöhnte mich die kleine Stimme in meinem Kopf. Shelton, die Kleinstadt aus der ich kam, hatte so etwas jedenfalls nicht zu bieten gehabt. Und ich musste ihr zustimmen, denn ich hatte so jemanden wie ihn noch nie gesehen. Ich hatte gedacht, die Westwoods wären schöne Männer, wie bitteschön sollte ich dann den hier beschreiben?

Er hatte seine Augenbrauen zusammengezogen und sah dabei so sexy aus, dass alles andere unwichtig wurde. Aber der Ausdruck in den hellgrünen Augen war irgendwie frustriert … oder besorgt? Eigentlich war es mir gleich, ich wollte einfach nur diese Situation genießen. Seine Hände waren um meine Unterarme geschlungen, hielten mich fest, aber nicht so sehr, dass sie mir wehtaten.

Ich schüttelte den Kopf, um ihn freizukriegen. Besser gesagt als getan – die Lippen des Geschöpfs vor mir teilten sich gerade und brachten mich wieder an die Grenzen meiner Beherrschung.

„Ist alles okay mir dir, Kleine?“, fragte er, und ich schmolz dahin beim Klang seiner tiefen, etwas heiseren Stimme. Alles in mir fing zu kribbeln an, und ich fragte mich ernsthaft, ob ich gerade den Verstand verlor. Wahrscheinlich war mein Kopf so vernebelt, dass ich Dinge sah, die nicht da waren.

„Hm … Ja, sorry, dass ich …“ Meine Stimme verlor sich irgendwo im harten Bass, der gerade im Hintergrund ertönte. Ich räusperte mich und startete einen zweiten Versuch. „Tut mir leid, dass ich dich fast umgeworfen hab“, brachte ich etwas verständlicher hervor. Während ich sprach, wich ich seinem Blick aus. Mein Kopf schwirrte, und plötzlich schwankte ich. Verdammt, hätte ich bloß nicht so viel mit den Mädels getrunken … Ich vertrug aber auch wirklich kaum etwas.

Im nächsten Moment hätte ich die Welt umarmen können – er zog mich näher zu sich, und der Ausdruck in seinen Augen wurde hart und glühend.

„Dazu braucht es schon mehr. Aber ich glaube nicht, dass du es alleine schaffst. Ist dir schwindelig?“

„Ja“, wollte ich sagen. Natürlich war mir schwindelig, aber das lag größtenteils an seiner berauschenden Nähe. Oder am Wein, ich war mir nicht ganz sicher. Benommen schloss ich die Augen. „Ist schon okay …“

Und das nächste, was ich mitbekam, waren seine Arme, die wirklich erstaunlich stark waren und mich jetzt hinein in die Bar zogen. Ich blinzelte – er führte mich vorbei an Tischen, Theken und Hockern. Der Laden war überfüllt, aber ich hatte nicht das geringste Bedürfnis, mich nach irgendwelchen Menschen umzuschauen, während er an meiner Seite war. Später, wenn er endlich zu Schall und Rauch geworden war, hatte ich noch genug Zeit.

Die Musik dröhnte immer noch laut an meinen Ohren, und ich ließ mich widerstandslos von dem wunderschönen Mann mitreißen, der mich jetzt energisch in einen dunklen Flur führte. Die Toiletten kamen in Sicht. Die Alarmglocken im hinteren Teil meines Gehirns fingen aus weiter Ferne an zu klingeln. Was hat er vor?

Er zog einen Schlüssel aus seiner Hosentasche. Ohne mir Zeit zu lassen, mich zu fangen, steuerte er eine Tür neben der Toilette an, und ich konnte nichts anderes tun, als ihn sprachlos anzustarren. Was zum Teufel taten wir hier?

Er hielt mir die Tür auf, und ich schlüpfte hinein. Wir befanden uns in einem kleinen dunklen Raum, und bevor meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen konnten, war er schon wieder bei mir, stellte sich vor mich und nahm mir jede Sicht.

„Ich weiß nicht, warum ich dich hierher bringe“, murmelte er leise, wie zu sich selbst, und trat langsam näher. Jetzt konnte ich ihn besser sehen – seine Augen funkelten so hell, dass ich keine Probleme hatte, sein Gesicht zu erkennen. War er angetrunken, so wie ich? Wieso brachte er mich sonst in diesen Raum? War er ein Serienkiller?

Ich hatte keine Ahnung, wo wir uns befanden, zumal ich noch nie in diesem Club gewesen war, aber wir konnten von hier aus noch deutlich die Musik hören, also war es nicht allzu weit von der Bar entfernt. Es war kühl hier, fast wie draußen, aber vermischt mit einem Geruch nach Holz und seinem unverwechselbarem Duft. Trug er Parfüm? Wenn ja, dann wollte ich den Namen wissen – ich hatte nie etwas Vergleichbares gerochen.

„Wo sind …“ Ich verstummte, als sich ein warmer Finger an meine Lippen legte. Mit großen Augen blickte ich ihn an – fragend, suchend nach etwas – einem Grund, warum er mich mitgezogen hatte.

Doch im selben Moment bemerkte ich, dass ich mir die gleichen Fragen stellen konnte – warum war ich hier mit ihm? Warum hatte ich mich widerstandslos mitziehen lassen?

„Keine Fragen.“ Seine Stimme war nur ein Hauchen, und ich spürte, wie sich eine Gänsehaut über meinen Körper legte.

Ich hörte das Ticken einer Uhr ganz nah an meinem Ohr. Die Sekunden vergingen quälend langsam, ohne dass er ein Wort sprach, und dann plötzlich sah ich etwas in seinem Blick – ein Flackern, das langsam zu einem glühenden Lodern wurde, vermischt mit Verzweiflung.

Mit einem Mal wurden alle Fragen bedeutungslos, ich sah seinen leidenschaftlichen Blick und ertrank darin. Ein brennender Wunsch erschien anstelle der Verwirrung in mir. Ein Wunsch, genauso irrational wie die ganze Situation …

Ich hob meine Hand wie in Trance und berührte seinen Finger, der nach wie vor auf meinem Mund lag.

Dann ging alles ganz schnell. Mit einer Bewegung schob er fast schon grob unsere Hände beiseite, umschlang mit der einen Hand meine Hüfte, legte seine andere an meinen Nacken und drückte mich nach hinten. Es war keine harte Wand wie vermutet, sondern etwas Weiches, aber ich verschwendete meine Zeit nicht damit, mir Gedanken zu machen, gegen was wir beide im nächsten Moment krachen würden.

Er drückte seinen Körper an meinen. Ich hielt die Luft an, und mein Herz setzte für einen Schlag aus, während sein Atem warm gegen mein Gesicht strömte. Hatte mich jemals ein Mann so berührt?

Seine Augen waren jetzt ein einziges Glühen. Im nächsten Moment beugte er sich zu mir. Ich dachte nicht mehr nach. Alles drehte sich um uns und wurde unbedeutend. Für eine Millisekunde starrte er in meine Augen, als würde er etwas darin suchen. Zustimmung vielleicht? Ich war mir sicher, er fand sie, denn einen Moment später überbrückte er in einem Atemzug den Abstand zwischen uns und presste seine Lippen voller Begierde gegen meine.

Draußen, in der Realität, schrie der Leadsänger seine Verzweiflung im Refrain heraus.

2. KAPITEL: BETWEEN PLEASURE AND PAIN

FINN

November 6th, 8:00 pm

Ich wusch mir die Hände und starrte währenddessen mein Spiegelbild im riesigen Spiegel an. Unter meinen Augen befanden sich dunkle Schatten, es war mir gestern Nacht nicht wirklich gelungen, allzu viel Schlaf abzubekommen. Ich befand mich in den riesigen Toiletten des Howl at the Moon, und es waren nur noch ein paar Minuten bis acht Uhr.

Tom und Alex waren wahrscheinlich gerade backstage und bereiteten sich für den Auftritt vor. Die zwei waren ungefähr genauso sehr aus der Übung wie ich, aber es gab einen großen Unterschied: Im Gegensatz zu den beiden musste ich spielen und singen. Ich war ein bisschen nervös, aber weniger wegen des Auftrittes als wegen der vielen Leute. Egal, heute musste ich da durch, das hatte ich mir selbst versprochen.

Anschließend wollte ich schnell wieder verschwinden, wenigstens von der Bühne. Mir war klar, dass ich zum Gespräch der Studenten werden würde. Ich war neu, und ich war mit Tom und Alex verwandt. Seufzend trocknete ich meine Hände ab und lief zur Tür.

Der Backstage-Raum befand sich direkt neben den Toiletten. Wir hatten vorhin alle einen Schlüssel von Mr. Erikson, dem Besitzer des Ladens, bekommen – warum war mir immer noch rätselhaft. Wir würden heute auftreten, aber wir hatten ja nicht vor, regelmäßig hier aufzutauchen. Ich stutzte. Verdammt, hatten die beiden mir irgendetwas verschwiegen?

Für den Moment ließ ich es auf sich beruhen und betrat das Zimmer. Es war weitaus kleiner als die Toiletten, die einzigen Möbel hier bestanden aus einem Miniaturtisch, einem Zweisitzer-Sofa, auf dem Tom jetzt mit leicht frustriertem Gesichtsausdruck saß, und einem Kleiderständer, direkt rechts von der Tür. In der Ecke hinter der Couch standen die Gitarren von Alex und mir, das Schlagzeug war wahrscheinlich schon auf der Bühne. Links von der Tür befanden sich Stufen, die zur Bühne führten.

Das Howl at the Moon hatte meine Erwartungen übertroffen, die Bar war geschmackvoll eingerichtet, draußen vor der Bühne befand sich eine Tanzfläche, und ansonsten gab es etliche Barhocker und kleine Tische und Sessel aus schwarzem Leder. Die Wände waren größtenteils leuchtend orange und schwarz gestrichen, und an der langen Frontseite der Bar war das Kennzeichen des Clubs groß und eindrucksvoll zu sehen, sodass es beim Betreten des Clubs jedem auffiel. Die Silhouette eines heulenden Wolfs bei Vollmond, der auf einem gebogenen Klavier stand.

Tom hielt mir ein gefülltes Scotch-Glas hin. Er selbst stellte seines gerade ab und fuhr sich seufzend durch die Haare, bevor er mir mit einer Geste seiner Hand bedeutete, mich neben ihn zu setzen. „Wärm dich erst mal auf, bis Alex kommt.“

Er kippte die restliche Flüssigkeit in seinem Glas hinunter, und auch ich nippte am Alkohol. Eigentlich wollte ich es nicht gleich an meinem ersten Abend hier übertreiben, aber ich hatte zu Hause schon ein paar Bier getrunken. Mein Schrank war ziemlich gut gefüllt, wie ich festgestellt hatte. Ich wusste, wie viel ich vertrug und dass ich langsam aufhören sollte, aber im Moment war es mir egal.

„Wahrscheinlich hat er sich verlaufen oder so“, murmelte ich geistesabwesend.

Tom grinste. „Du bist hier der Neue, Finn. Es ist deine Aufgabe, dich zu verlaufen. Alex hat bestimmt nur irgendein heißes Mädchen aufgegabelt“, sagte er und tat so, als wäre das etwas völlig Normales.

Ich lachte. „Na sicher, Alex, der Womanizer.“

Unser ältester Bruder war das genaue Gegenteil von einem Frauenaufreißer. Er sah zwar ganz gut aus, war aber – wie er so schön sagte – beziehungsunfähig. Sobald er eine Frau kennenlernte, kam sie in die Friendzone. Er hatte einfach nie Interesse an etwas Festem gehabt, ähnlich wie ich selbst. Mit dem Unterschied, dass er durchaus bereit war, sich anderen Menschen zu öffnen.

Im selben Moment wurde die Tür aufgerissen, und kalte Luft strömte zusammen mit unserem Bruder herein. Ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht.

„Das hab‘ ich gehört! Wartet, bis ich euch von meiner neuesten Bekanntschaft erzähle.“

Er nahm sich auch ein Glas. „Ihr Name ist Kristina, und ich habe sie gerade an der Bar getroffen. Tja, und sie hat mich gefragt, ob es sich lohnen würde, hier zu bleiben, weil sie nur mit einer Freundin gekommen ist und keine Ahnung hat, ob der Laden gut ist oder nicht.“

„Und du hast gleich mal mit der Tatsache geprotzt, dass du hier in wenigen Minuten auftreten wirst, habe ich recht, Brüderchen?“ Tom kicherte.

Grinsend nickte Alex. „So in etwa. Sie ist wirklich süß.“

Wir saßen da, redeten noch eine Weile, und die Nervosität wuchs, bis die beiden aufstanden.

„Bist du fertig?“, fragte Tom.

Ich nickte schnell und versuchte, meinem Gesicht einen zuversichtlichen Ausdruck zu verleihen, damit sie sich nicht noch mehr Gedanken über mich machten.

Draußen sprach eine männliche Stimme ins Mikrophon. Sie musste laut und ohrenbetäubend klingen, doch hier drinnen hörte man sie nur gedämpft. Trotzdem konnte ich jedes Wort verstehen, das der Ansager der Menge entgegenrief: „So, Leute, hier die versprochenen Westwoods, mit ihrem Bruder aus dem sonnigen Los Angeles – Finn. Ich weiß, ihr werdet sie lieben. Bühne frei!“

Ich verdrehte die Augen. Offenbar wusste jeder hier drinnen – außer mir selbst natürlich – schon seit Wochen, dass ich heute vorspielen würde. Meine Brüder hatten mal wieder ganze Arbeit geleistet. Ich seufzte leise. Alex hörte es und warf mir sofort einen ermunternden Blick zu. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte Angst vor dem bevorstehenden Auftritt.

„Das ist Lucas, der Barkeeper – und Sohn von Mr. Erikson“, klärte er mich auf, und ich nickte nur und fuhr mir mit der Hand durch die Haare.

Tom warf mir einen Blick zu. Es war soweit. Alex ging als Erster die Stufen zur Bühne hoch und stellte sich der Menge, die jetzt laut jubelte. Tom war der Nächste, laut lachend winkte er den vielen Menschen im Publikum zu – hauptsächlich waren es Studenten, wie ich unschwer erkennen konnte. Jetzt war ich dran. Ich atmete einmal tief durch, griff nach meiner Gitarre und trat durch auf die Bühne. Für einen kurzen Moment wurde ich von einem Gefühl überwältigt, das mir vage bekannt vorkam.

Während ich vor dem Mikrofon stand und auf die Leute herabsah, traf mich eine Welle der Erinnerung an unsere letzten Auftritte. Sie hatten alle in verschiedenen kleineren Bars und Clubs in L.A. stattgefunden. Damals hatte ich noch Spaß daran gehabt, zu singen und Gitarre zu spielen. Mich hatte jedes Mal eine freudige Stimmung erfasst, wenn ich auf der Bühne stand und die Zuschauer mir zujubelten.

Nachdem jeder seinen Platz auf der Bühne gefunden hatte – Tom am Schlagzeug, Alex schräg hinter mir, ebenfalls mit seiner E-Gitarre – drehte ich mich kurz zu den beiden um, damit wir gleichzeitig anfingen. Ich nickte ihnen zu und begann meine Finger über die Saiten meiner umgehängten Gitarre zu bewegen.

Es überraschte mich, wie einfach und richtig es mir erschien, hier zu stehen und zu spielen. Ich blendete alles außer den Klang der Instrumente aus und konzentrierte mich nur noch auf die gängige Melodie. Als mein Einsatz kam, fing ich an zu singen, mühelos, ohne Anstrengung.

Wir hatten uns für Every You Every Me von Placebo entschieden, ein Lied, mit dem wir wiederholte Male in L.A. aufgetreten waren. Meine Stimme war deutlich tiefer als Brian Molkos, aber das machte nichts – die Leute waren immer auf den Titel abgefahren, er war rockig und lud zum Tanzen ein. Auch hier schien er keine Ausnahme zu machen. Ich sah, wie die Studenten direkt vor der Bühne mitwippten, ein paar weiter hinten sangen die bekannten Zeilen mit und begannen dann auch zu tanzen.

Wir waren meistens nur mit Coversongs aufgetreten. Die Texte, die ich über die Jahre in mein Notizbuch gekritzelt hatte, waren mir zu persönlich, und die Musik dazu war nicht ausgereift genug, wir hatten nur selten daran gearbeitet.

Mit allem, was ich hatte, schmetterte ich den Text in das Mikro und konzentrierte mich nur auf die Noten und auf meine Stimme, die den ganzen Raum einzunehmen schien. Laut, durchdringend und melodisch. Da war kein Schmerz zwischen den Zeilen, nur die willkommene Taubheit, das Gefühl, das mich in Verbindung mit der Musik immer vergessen ließ.

Als wir beim Refrain angekommen waren und wir die Bar endgültig zum Kochen gebracht hatten, gesellte sich Alex zu mir, und wir sangen gemeinsam in das Mikro, während Tom ganze Arbeit an den Drums leistete. Alles in mir vibrierte, der ganze Raum schien sich in einem Strudel aus Farben, springenden Menschen und Jubelrufen aufzulösen.

Kurz vorm Ende legte ich meine Gitarre beiseite, ließ Alex das letzte Riff alleine übernehmen und nahm das Mikro aus der Halterung. Ich fing an, auf der Bühne hin- und herzutigern, spürte, wie der Schweiß an meinen Schläfen herunterlief, wie jeder Blick durch die Scheinwerfer nur auf mich gerichtet war und genoss jede Sekunde. Sie waren perfekt, diese wenigen Minuten, in denen ich mir nicht darüber im Klaren war, dass dieser Augenblick vielleicht nie wieder kommen würde.

Als die letzten Töne verklangen, warf ich einen verstohlenen Blick nach hinten. Alex hatte sich wieder zu Tom gesellt, und beide schienen nicht im Mindesten überrascht zu sein. Sie lächelten mich an, und ich sah den triumphierenden Haben-wir‘s-dir-nicht-gesagt-Ausdruck in ihren Gesichtern.

Also begann ich mit dem nächsten Lied, diesmal dem etwas ruhigeren, weniger fröhlichen Drown von Three Days Grace, auf das meine Stimmlage wie zugeschnitten war. Das Gefühl von eben war mit einem Schlag wie weggeblasen. Darüber wunderte ich mich nicht, solche Emotionen waren bei mir selten von Dauer. Stattdessen machte sich in mir eine kühle Gleichgültigkeit breit, und gleichzeitig wünschte ich mir, nie an diesen Ort gekommen zu sein. Die ganzen neuen Eindrücke brachten mich durcheinander, und ich wollte so schnell wie möglich hier raus.

Beim ersten Song hatte ich mich nur an die freudige Erregung, die ich bei meinen damaligen Auftritten in jeder Faser meines Körpers gespürt hatte, erinnert. Eine Illusion, ein Irrtum. Ich schloss die Augen, während ich wie automatisch weitersang, und hoffte, dass es schnell vorbeiging. Ich wollte nach Hause, in mein neues Apartment, ich brauchte viel mehr Zeit. Alles war so neu, und doch verlangte man von mir, es hinzunehmen und mich schnell einzuleben. Als der Song endlich zu Ende war, ignorierte ich die Zugabe-Rufe und folgte meinen Brüdern hinter die Bühne. Tom klopfte mir auf die Schulter, er schien nicht zu bemerken, in was für einer Stimmung ich mich befand.

„Gute Arbeit.“ Er strahlte übers ganze Gesicht. „Wenn wir so weitermachen, können wir den Samstag für uns gewinnen. Das heißt, wir dürfen dann an jedem Wochenende hier spielen. Das wird so …“

„Was genau willst du damit sagen?“, unterbrach ich ihn mit leiser Stimme. Ich erinnerte mich an meine Bedenken. Ja, wieso sollte Mr. Erikson uns die Schlüssel zum Backstage-Raum geben, wenn wir nur einmal zum Spaß auftraten?

Die beiden wechselten einen schnellen Blick. Allerdings nicht schnell genug – ich hatte ihn bemerkt. Langsam fing in mir etwas zu brodeln an. Ich spürte es und konnte nichts dagegen tun.

Jetzt ergriff Alex das Wort. Er sprach behutsam und vorsichtig, als wollte er mich schonen, was mich nur noch wütender machte. „Also, wir haben uns überlegt, dass wir noch ein paarmal öfter auftreten könnten … Natürlich nicht zu oft“, räumte er ein. „Aber vielleicht jede zweite Woche oder so, wenn du nichts dagegen hast?“

Er sprach nicht weiter, was wahrscheinlich an meinem Gesichtsausdruck lag. Ich warf ihm einen zornigen Blick zu und presste meine Lippen fest zusammen.

Tom schaute trotzig. „Du hast doch selber gesagt, dass du hier einen Neuanfang willst. Das hier könnte dir helfen, wieder reinzukommen. Du kannst dich ja nicht ewig verkriechen und vorgeben, du hättest nichts mit dieser Welt zu tun.“

Im gleichen Moment sah er, was für einen riesigen Fehler er gemacht hatte. Da kam auch der warnende Blick unseres älteren Bruders zu spät. Bei mir war eine Sicherung durchgebrannt. Schluss mit der Selbstbeherrschung, Schluss mit all den guten Vorsätzen, Schluss mit jeglichem Gedanken an einen Neuanfang.

Ich explodierte.

***

ELIZA

Im ersten Moment rührte ich mich nicht, sondern verharrte genauso, spürte seinen Körper ganz nah an meinem, und seine Lippen, die drängend auf meinen lagen. Mir wurde so schwindelig, dass ich sicher gefallen wäre, wenn ich nicht zwischen ihm und was auch immer gepresst wäre.

Alles drehte sich, und in mir ging ein solches Durcheinander los, dass ich erschrocken die Augen schloss. Er war so warm und roch so unbeschreiblich gut. Ich wusste nicht das Geringste über ihn, nur einer Sache war ich mir hundertprozentig sicher – ich hatte mich noch nie gefühlt wie in diesem Augenblick.

Ich bewegte mich immer noch nicht, ließ einfach zu, dass er mich küsste und genoss jeden Atemzug, den er tat. Das Nächste, was ich realisierte, waren seine Hände, die er von der Wand nahm und an mein Gesicht legte. Er hielt es in seinen Händen, und dann passierte etwas Schreckliches – er wich zurück.

In seinem Blick war unendliche Verwirrung und ein Verlangen, das ich noch nie so stark in den Augen eines Mannes gesehen hatte. Er trat noch einen Schritt zurück und ließ seine Hände so abrupt sinken, als wäre ein Stromschlag durch seinen Körper gefahren. Sein Atem ging schneller, und mein Herz reagierte entsprechend darauf.

Was zur Hölle geht hier vor sich?

„Ich … du …“, stammelte der wunderschöne Fremde.

Ich starrte ihn wortlos an, benommen von dem Kuss, den ich nicht erwidert hatte. Warum eigentlich? Warum hatte ich ihn nicht auch geküsst?

Er trat einen weiteren Schritt zurück. „Scheiße“, entfuhr es ihm. „Es tut mir leid, i-ich … du kannst gehen, es tut mir leid.“ Heillos verwirrt blickte er mich an und fuhr sich mit einer atemberaubenden Bewegung durch das wirre Haar.

Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Wie sollte ich ihm begreifbar machen, dass er mich berühren sollte, dass ich nach hinten gedrückt werden wollte, seinen Körper an meinen … Oh mein Gott, was war los mit mir?

Ich war so eine Vollidiotin! Natürlich dachte er jetzt, ich war verängstigt oder peinlich berührt oder erschrocken und abgeneigt. Nun ja, erschrocken war ich mehr als alles andere, denn mal ehrlich, wer wurde schon einfach so in das Hinterzimmer einer Bar geführt und kurz darauf auf diese Weise geküsst? Ich hatte in meinem Leben noch nie eine Dummheit begangen, hatte es risikofrei und geordnet durchlebt und hatte immer alles durchdacht, bevor ich handelte. Jetzt war es an der Zeit, spontan zu sein.

Die Stimme des Sängers vibrierte in meinem Kopf, erfüllte mich und brachte mich dazu etwas zu tun, das ich in nüchternem Zustand nie und nimmer getan hätte. Sein Blick war so eindringlich in der Dunkelheit, und obwohl auch Verwirrung und Scham darin zu sehen waren, war das Verlangen deutlich zu erkennen. Ich sah es als Aufforderung.

Im nächsten Moment stolperte ich in seine Arme und schlang meine um seinen Nacken. Meine Lippen trafen hart gegen seine und mir war, als würde eine Explosion zwischen uns stattfinden, als er im Bruchteil einer Sekunde die Arme um meinen Körper legte und mich an sich zog, seine Lippen in vollkommenem Einklang mit meinen.

Ich klammerte mich an ihn wie eine Ertrinkende. Er küsste leidenschaftlich und fordernd, als hätte er in seinem ganzen Leben nichts anderes getan. Was vermutlich der Fall war, so wie er aussah. Es schien, als hätte er keine Sekunde überlegt, sondern einfach nur seinem Verlangen nachgegeben. Warum er ausgerechnet mich küsste, verstand ich nicht, aber ich war sicherlich nicht so dumm, mich mit dieser Frage länger zu beschäftigen. Ich hatte keine Gelegenheit dazu, da er mich immer wieder an sich drückte und mir währenddessen den Atem und den Verstand nahm.

Seine Lippen waren weich, aber ich spürte die Bartstoppel eines Dreitagebarts an meiner Haut. Seine Küsse wurden heftiger, und auch ich bewegte mich leidenschaftlicher, als plötzlich seine Hände weiter nach unten wanderten und mich hochhoben. Ich wich einen Zentimeter zurück, um nach Luft zu schnappen. Gleichzeitig krallte ich meine Hände in sein Haar und starrte in seine Augen. Sein Atem ging beängstigend schnell, und er drückte meinen Oberkörper noch näher an seine Brust.

„Du … bist unglaublich“, raunte er heiser.

Mein Atem stockte, als er sein Gesicht wieder näher an meines schmiegte.

„Das sagt der Richtige“, keuchte ich außer Atem und schnappte anschließend gleich noch einmal nach Luft, als ich sah, wie ein Grinsen über sein Gesicht fuhr, das so schön war, dass es wehtat.

Ich schloss die Augen, ignorierte das aufkommende Schwindelgefühl in mir und genoss das Gefühl seiner Lippen und seines heißen Atems an meiner Kehle. In diesem perfekten Augenblick gab es nichts mehr außer uns in dieser Kammer und die ersten Schläge des neu eingespielten Lieds draußen in der Bar.

***

FINN

Sie war eine Erscheinung, anders konnte ich mir mein Verhalten nicht erklären. Ich hatte das Gegenteil von dem gemacht, was ich in meinem ganzen Leben getan hatte.

Am Anfang war alles wie gewöhnlich gewesen. Wie früher. Ich stritt mich mit meinen Brüdern, weil ich einfach nichts mit dem Leben anfangen konnte, das sie hier für mich wollten. Und dann tat ich das, was ich schon immer getan hatte: Ich rannte weg. Wollte nur noch raus aus dem Club, raus aus der Welt, in der ich etwas vorgeben musste, das ich nicht war.

Ja, und dann kam sie. Sie war in mich reingerannt, das konnte passieren. Ich war so abgelenkt gewesen, dass ich im ersten Moment nicht richtig realisierte, was ich da tat. Meine Hände hielten ihren Körper fest, und mein Blick haftete auf ihrem überraschten Gesicht.

Sie war hübsch, keine Frage. Und das empfand ich nicht nur so, weil der Alkohol meine Gedanken benebelte. Aber das erklärte nicht, warum ich beim Anblick dieses Mädchens eine Hitzewallung in mir spürte, obwohl sie sich doch exakt so benahm, wie es vor ihr Tausende getan hatten. Ihre ohnehin schon großen Augen weiteten sich, und sie reagierte sichtbar auf mein Äußeres. Das Unheimliche an der Situation war, dass ich nicht einfach genervt ihre Entschuldigung akzeptierte und mich dann endlich vom Acker machte.

Stattdessen zog ich sie in die Bar, führte sie backstage und hoffte, meine Brüder wären nicht anwesend.

Und dann kam der schlimmste Teil. Na gut, es war nicht der schlimmste, es war der beste. Ich hatte keine Sekunde mehr gewartet, sondern in ihre Augen geschaut und darin die Erlaubnis gesehen, die ich in diesem Moment gebraucht hatte.

Aber dann schloss sie ihre Augen, und plötzlich wurde mir in völliger Klarheit bewusst, was ich ihr hier tat. Und vor allem, was sie nicht tat.

Mein Körper schrie nach ihrer Nähe, aber ich ignorierte ihn. Mist, verdammter, ich hatte sie bestimmt völlig verängstigt. Wie ein Perverser zog ich sie in diesen Raum, der kaum besser als eine Besenkammer war, und küsste sie, ohne mich auch nur ansatzweise um ihre Meinung zu kümmern. Was war ich nur für ein Arschloch. In diesem Moment war ich mir hundertprozentig sicher, dass sie Angst hatte. Vor mir. Was sollte man auch sonst empfinden, wenn man einfach so mitgenommen wurde? Was dachte sie, würde ich noch mit ihr anstellen wollen?

„Ich … du …“, stotterte ich voller Verwirrung. Ich musste mich unbedingt unter Kontrolle bringen.

Sie starrte mich schockiert an.

„Scheiße“, fluchte ich erneut, aber das brachte uns jetzt nicht weiter. Ich musste handeln, so schnell wie ich konnte, um nicht noch mehr Schaden anzurichten. „Es tut mir leid, i-ich … du kannst gehen, es tut mir leid.“ Du kannst gehen? Wer war ich, um ihr so eine Erlaubnis zu geben? Natürlich konnte sie gehen, ich hielt sie ja nicht gefangen. Verdammt noch mal.

Ich fuhr mir wütend durch das Haar und wollte gerade die Tür für sie öffnen, als sie den Mund öffnete. Ich erstarrte in der Bewegung. Warum ging sie nicht? Sie schloss wieder ihre Lippen, ohne dass ein Wort daraus gekommen war. Wir starrten uns einige Sekunden lang einfach in die Augen. Ich dachte nicht mehr an den Streit mit meinen Brüdern, nur noch daran, wie ich diese Situation ungeschehen machen konnte. Ein Problem gab es dabei – diese lästige, verdammte Stimme in meinem Kopf, die flüsternd nach mehr verlangte.

Ich wollte die Kleine. Ich wollte sie mehr als irgendetwas anderes. Und genau in dem Moment, als ich mir das eingestand, da passierte das Unglaubliche. Ihr Blick wurde entschlossen, und dann kam sie direkt zurück in meine Arme.

Mein Magen überschlug sich. Ich sah alles in Zeitlupe. Wie sie beinahe erneut über ihre hohen Schuhe stolperte und mich mit halboffenem Mund anstarrte, während ich reflexartig nach ihren Armen griff, um sie zu stützen.

Tausend Fragen rasten durch meinen Kopf, und sie beantwortete sie alle auf einmal, indem sie ihre Arme um meinen Hals warf und ihren Mund auf meinen presste. Ich überlegte nicht, wieder handelte ich automatisch, als ich meine Arme um ihren wunderbar weichen Körper schlang und sie so nah an mich zog, dass wir beide kaum Luft bekamen. Ihre Lider schlossen sich, und sie seufzte.

In dem Moment ertönte aus der Bar ein neues Lied, und ich ließ von ihrem Hals ab, um ihr Gesicht zu beobachten. Mein Kopf dröhnte ein wenig, aber es war mir ziemlich egal. Wahrscheinlich wäre ich nicht hier, wenn ich nichts getrunken hätte. Es war mir nur recht. Ich erkannte das bekannte Lied bereits bei Beginn der ersten Strophe.

„I‘m not strong enough to stay away“, flüsterte ich. Apocalyptica. Wie gut es passte. Es war das Original, das aus den Boxen dröhnte, draußen spielte keine andere Band, andernfalls hätten wir es von hier aus gehört.

Ich konnte jetzt nicht mehr gehen. Es fühlte sich falsch an.

Sie öffnete ihre Augen und sah mich benommen an. „Like a moth I‘m drawn into your flame. “ Ihre Stimme klang seltsam verzweifelt, aber ihre Augen brannten. Sie kannte das Lied. Sie verstand diesen Moment. Ich bekam eine Gänsehaut.

Wir ließen uns nicht aus den Augen, als unsere Gesichter sich wieder näherten. Diesmal waren wir zaghafter, die Situation hatte sich verändert. Ich spürte ihre Hände, die sie vorsichtig aus meinen Haaren zog und an mein Gesicht legte. Langsam. Behutsam.

In diesem Moment überkam mich eine unbeschreibliche Angst. Was tun wir hier?

Unsere Lippen berührten sich schon. „Was tun wir hier?“, wiederholte ich gerade so laut, dass sie mich hören konnte. Ich war mir sicher, sie hörte die Panik aus meiner Stimme heraus.

Ich sah kurz etwas in ihren Augen aufflackern, dann verschwand es wieder. Sie drückte ihre Lippen sanft gegen meine. Ich bewegte mich nicht, hielt sie nur fest.

„Keine Fragen“, flüsterte sie an meinem Mund.

Keine Ahnung, wie lange wir so weitermachten. Es waren schon einige Lieder gespielt worden, und noch immer befanden wir uns hier, unter spärlicher Beleuchtung, und küssten uns, als würde unser Leben davon abhängen.

Ab und zu schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass Tom und Alex mich suchen könnten und im allerschlimmsten Fall hier hereinplatzen würden, aber jedes Mal lenkte sie mich ab und schob jede Bedenken mit ihren Lippen, ihren Haaren und diesem perfekten Körper beiseite. Würden wir so weitermachen, dann würde ich mich nicht mehr beherrschen können. Ich würde ihr die Kleider vom Leibe …

Ein bekanntes Lied riss mich aus meinem hypnotisierten Zustand. Mein Klingelton. Mitten in diesem unwirklichen Geschehen nahm ich das vertraute Geräusch nur am Rande meines Verstandes wahr. Ich ignorierte es und küsste sie drängend weiter. Sie störte sich auch nicht daran, jedenfalls gab es keine Anzeichen dafür. Und dann spürte ich etwas an meinem Bein vibrieren. Sie zuckte zusammen. Es sah ganz so aus, als war ich nicht der Einzige, den man suchte.

Widerstrebend löste ich mich von ihren Lippen und zog uns beide hoch, sodass wir aneinander geschmiegt auf dem Sofa saßen. Ich befreite eine Hand aus ihren wilden Locken und kramte panisch mein Handy hervor. Fast musste ich lachen, als ich bemerkte, dass ihre Reaktion mit meiner nahezu identisch war. Hektisch zog sie ihr Telefon aus der Hosentasche, während ich den Namen meines Bruders auf meinem Bildschirm erkannte.

Kurz zog ich es in Erwägung, ihn wegzudrücken und hier herauszurennen, so schnell wie meine Beine mich trugen. Denn es gab keine Zweifel an der Tatsache, dass ich so schnell wie möglich verschwinden musste. Meine Brüder würden aber merken, dass etwas nicht in Ordnung war. Außerdem konnte ich vielleicht Tom am Telefon dazu bringen, sich von diesem Raum fernzuhalten, bis ich endgültig weg war. Mit leicht zitternden Händen nahm ich das Gespräch an. Sie war derweil mit Tippen beschäftigt, wahrscheinlich beruhigte sie ihre Freunde.

Ich räusperte mich. „Ja?“

„Wo zum Teufel steckst du, Finn? Okay, wir hatten eine Meinungsverschiedenheit, aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, einfach zu verschwinden, nur weil dir was nicht passt.“

Ich schluckte und versuchte, meine Stimme ein bisschen genervt und gleichzeitig reuevoll klingen zu lassen. Kurzentschlossen antwortete ich: „Ich bin zu Hause, ich hab vorhin überreagiert, sorry. Können wir morgen darüber reden? Ich brauche heute Abend meine Ruhe.“ Mein Herz schlug schneller, während ich auf seine Antwort wartete.

Es folgte eine kurze Pause.

„Wenn du meinst. Wir haben eigentlich gedacht … ach, vergiss es. Ich … okay. Aber heute wird es nichts mehr. Ich hab Ally versprochen, dass ich bei ihr bleibe. Aber hm, ich könnte …“

„Nein, nein“, unterbrach ich ihn schnell. Er sollte nicht auf irgendwelche dummen Gedanken kommen. Ich hatte heute sowieso keine Nerven für ein Gespräch mit meinen Brüdern. Nicht jetzt, nicht später. Nicht, nach dem, was gerade geschehen war. Ich hörte sie weiter tippen, und der Duft ihrer Haare stieg mir erneut in die Nase. Ich musste mich zusammenreißen, sonst würde ich es nicht schaffen, Tom zu überzeugen. „Ich kann morgen da vorbeikommen. Ich, ähm, ich geh jetzt unter die Dusche und ruf dich später noch mal an, dann kannst du mir die Adresse geben, ja?“ Jetzt kam das Wichtigste. „Wo bist du gerade?“, fragte ich erneut so teilnahmslos wie möglich. Im Hintergrund war Musik und Gelächter zu hören, also standen meine Chancen schlecht.

„Wir sind noch im Howl at the Moon, wie schon die ganze Zeit. Nur Alex ist irgendwie verschwunden, mit diesem Mädchen. Ich bin mit Ally und ein paar anderen Freunden hier. Bist du …“ Er brach ab. Seine Stimme klang extrem enttäuscht, und das tat mir leid. „Bist du sicher, dass du nicht doch noch kommen willst?“, fragte er leise.

Ich atmete tief ein und räusperte mich dann. „Tut mir leid, nicht heute. Wir reden morgen, okay? Grüß die anderen von mir, ja?“

Er fing sich schnell wieder. „Ist gut, bis dann“, sagte er ins Telefon, bevor er auflegte, und zu meiner Erleichterung klang er wieder einigermaßen fröhlich.

Ich steckte das Handy zurück in meine Hosentasche und ließ langsam das Mädchen in meinen Armen los. Benommen stand ich auf. Ich hatte keine Ahnung, wie ich hier herauskommen sollte, ohne gesehen zu werden. Ich sah zu ihr runter, sie war fertig mit Schreiben und schaute jetzt aus langen Wimpern zu mir hoch. Ihre Wangen waren noch leicht gerötet, ihre Locken zerzaust, und sie sah mir abwartend in die Augen.

Plötzlich verfluchte ich ihre Schönheit. Und ihre Anwesenheit. Aber vor allem verfluchte ich mich für meine Schwäche. Ich war kaum hier, da beging ich schon den ersten Fehler. Denn anders konnte ich die letzte halbe Stunde nicht beschreiben. Ein einziger lächerlicher Fehler. Ich musste weg hier und zwar schnell.

Gerade wollte ich mich umdrehen, als sie sich auf einmal erhob. Sie kam näher, bis wir direkt voreinander standen und unsere Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt waren.

„Kommst du öfters hierher?“ Sie blickte mich seltsam verzweifelt an.

„Nein“, erwiderte ich abweisend. Meine Stimme war eiskalt. Du bist der größte Idiot dieses Universums, Finn.

Ich bemühte mich um eine geheimnisvolle Stimme. Meine Hand griff unter ihr Kinn und hob es an „Findest du nicht, dass es bei einem Mal bleiben sollte, Kleine? Weil es so schön war?“, hauchte ich.

Sie schloss die Augen und nickte. „Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist“, flüsterte sie, und dann huschte ein Grinsen über ihr perfektes Gesicht. „Sieht so aus, als hätten wir jetzt beide ein Problem.“

Gegen meinen Willen entfuhr mir ein Lachen. „Da ich nicht denke, dass du über magische Fähigkeiten verfügst, muss ich dir zustimmen. Wir haben wirklich ein kleines Problem.“

Ihr Grinsen wurde breiter. Sie konnte unmöglich wissen, was für eine Wirkung das auf mich hatte oder wie unglaublich verführerisch sie so aussah.

„Hmm … lass mich überlegen, ich glaube, wir haben noch eine letzte Chance. Ich nehme mal an, dass deine Freunde dich hier drinnen erwarten, oder?“, fragte ich und sie bejahte.

„Ich hab mehrere Droh-Nachrichten bekommen“, sagte sie mit einem Kichern. „Und du müsstest jetzt unter der Dusche sein …“ Sie zwinkerte mir zu.

„Es müsste hinter den Toiletten einen Hinterausgang geben, der direkt auf die Hauptstraße führt, wenn wir Glück haben. Dann verschwinde ich von dort aus, und du gehst auf direktem Weg zurück in die Bar und erzählst deinen Freunden etwas von zu viel Verkehr“, fuhr ich fort. Dann blickte ich tief in ihre Augen. „Und das hier, das bleibt unser Geheimnis, was sagst du?“

Sie sagte gar nichts, sondern presste ihre Lippen noch einmal kurz und hart auf meine. Ich spürte, wie eine weitere Welle der Erregung mich durchfuhr und wollte sie schon packen, als die Stimme der Vernunft sich in meinem Kopf meldete. Wenn du jetzt nachgibst, kommst du hier nie wieder sicher heraus. Und das weißt du. Widerstrebend strich ich noch einmal mit dem Daumen über ihre Unterlippe, dann zog ich mich zurück und lief zur Tür. Ich hielt sie ihr auf und versuchte das Verlangen zu unterdrücken, als sie vor mir ins Licht trat und ich ihren Körper nun von hinten sehen konnte.

Hastig schloss ich die Tür hinter uns ab und trat auch in den Flur, wo ich mich hektisch umsah. Bevor sie wusste, wie ihr geschah, hatte ich mit der rechten Hand ihre Hüfte umschlungen und führte sie in die richtige Richtung. Erleichtert stöhnte ich auf, als ich eine Doppeltür aus Glas sah, draußen waren schon Lichter zu sehen und Straßengeräusche zu hören.

Zu unserem unfassbaren Glück war der Flur hier wie ausgestorben. Nur aus der Damentoilette klangen Schluchzer zu uns rüber. Wahrscheinlich hatte sich mal wieder jemand mit zu vielen Drinks zugeschüttet, das kannte ich aus L.A.

Wir schafften es in wenigen Sekunden zur Tür. In der Bar dröhnten tausende Geräusche, übertönt von der Rockmusik. Die Musik war wirklich gut hier, das musste ich zugeben.

Gerade als wir beide gleichzeitig zur Türklinke greifen wollten, hörten wir Schritte auf dem Linoleumboden hinter uns. Ich ignorierte das unbeschreibliche Gefühl ihrer warmen Hand unter meiner und stieß die Tür schnell auf.

Wir stolperten beide in die Kälte und atmeten gleichzeitig auf. Ich ließ ihre Hand nicht los. Auf der lauten Verkehrsstraße rasten Taxis und andere Autos an uns vorbei. Der Bürgersteig war voll mit Dutzenden Nachtschwärmern und Passanten.

Wir grinsten uns an.

„War schön, dich kennenzulernen“, rief sie über den Straßenlärm.

Ich zwinkerte ihr zu. „Gleichfalls, schöne Frau. Hoffentlich sehen wir uns nie wieder.“

Sie lachte. „Du bist ein Gentleman. Okay, ich muss los. Ich wünsch dir ein schönes Leben.“

Und da wurde ich noch mal überwältigt, ich konnte wirklich nichts dagegen tun. Ich zog sie an mich und presste meine Lippen auf ihren Mund. Ich küsste sie kaum eine Sekunde lang. Dann ließ ich sie los, drehte mich um und hob die Hand, als gerade zur richtigen Zeit ein Taxi an den Straßenrand fuhr.

Das Letzte, was ich sah, als ich schon auf dem Rücksitz des Taxis saß, war ihr überraschter Gesichtsausdruck.

Ich lachte, während ich dem Fahrer meine Adresse nannte und war mir in diesem Moment zu hundert Prozent sicher, dass ich sie nie wieder sehen würde.

***

ELIZA

Ich starrte dem Taxi noch eine Weile hinterher, bevor ich zum zweiten Mal an diesem Abend zum Eingang des Howl at the Moon lief und prompt mit Ally und Tom zusammenstieß. Ally zog mich ins Innere, während sie mich mit Vorwürfen überschüttete, und ich versuchte, mich mit lahmen Ausreden zu verteidigen.

Ich schaute mich um und versuchte, das soeben Erlebte für später in die hinterste Ecke meines Kopfes zu schieben. Alle Tische und Hocker waren in schwarzes Leder gekleidet, sogar die Bar. An einem Tisch nahe der Tanzfläche konnte ich Jenny und Samuel erkennen. Sie saßen sehr nah beieinander und lächelten. Ich musste grinsen, als ich sie sah. Es sah ganz danach aus, als würde es zwischen den beiden super laufen.

Jen schaute genau in dem Moment auf, als wir durch die Tür kamen. Sie sprang auf, während sie Sam mit sich zog. Ihre roten Locken wirbelten um sie herum, und er konnte seinen Blick nicht von ihr wenden, was mich wiederum noch mehr grinsen ließ.

Alison ließ mich erst los, als Jenny mir um den Hals fiel.

„Wo hast du nur gesteckt?“, rief sie in mein Ohr und wich dann zurück, um mich zu betrachten. „Du siehst aus, als würdest du gerade aus dem Bett kommen“, kicherte sie, während wir zu unserem Tisch liefen, woraufhin ich einen halben Herzinfarkt bekam. Wie sehr konnte man mir ansehen, was eben passiert war? Sam löste seinen Blick von Jenny und warf mir einen fragenden Blick zu, bevor ich ihn kurz umarmte.

Ich entschuldigte mich kurz, um auf die Toilette zu gehen und Ally nickte. „Ich muss mich auch noch auffrischen“, erwiderte sie mit fröhlicher Stimme. Das passte mir gar nicht, hoffentlich würde sie mich nicht mit Fragen bombardieren. Ich war nicht bereit über das zu reden, was die vergangene Stunde passiert war, ich verstand es doch nicht einmal selbst.

Sie hakte sich bei mir unter, und wir gingen an den Tischen und der Bar vorbei, direkt in den Flur, wo ich eine Reaktion unterdrücken musste, da ich ja nicht zum ersten Mal hier entlanglief. Beim Gedanken an seine Arme wurde mir wieder heiß.

„Ist sonst wirklich nichts passiert?“, fragte Ally mich eindringlich.

Ich verdrehte die Augen und kicherte, als hatte sie gerade etwas besonders Abwegiges gefragt. Meine einzige Chance bei ihr bestand darin, die ganze Sache ins Lächerliche zu ziehen, und darin war ich bekanntlich ziemlich gut.

Als mein Blick endlich auf mein Spiegelbild fiel, fragte ich mich, warum ich mich überhaupt um Ausreden bemüht hatte, wenn man mir doch exakt ansehen konnte, was ich getan hatte. Ally verschwand misstrauisch in eine Kabine, und ein Mädchen stellte sich lächelnd neben mich ans Waschbecken. Sie hatte pechschwarze Haare und trug sie in einem kinnlangen Bob mit Ponyfransen.

„Coole Bar hier, oder? Ich bin Kris.“ Sie trocknete ihre Hände ab und reichte mir eine Hand.

Ich ließ meinen Lippenstift zurück in die Tasche fallen und schüttelte sie. „Eliza. Ich bin zum ersten Mal hier und bin schon begeistert. Allein die Musik … “

Ally gesellte sich mit einem wissenden Blick zu uns. „Hi“, grüßte sie Kris. „Ich bin Alison. Kann es sein, dass du vorhin einem jungen Mann namens Alex über den Weg gelaufen bist?“, fragte sie ohne Umschweife.

Kris schaute sie überrascht an, und auch ich fragte mich, was das sollte. „Woher weißt du das? Ja, er und seine Brüder haben vorhin gespielt, das habt ihr doch bestimmt auch mitbekommen! Wir haben uns an der Bar unterhalten und sind nach dem Auftritt ein bisschen nach draußen gegangen, weil es hier drinnen so laut war. Er ist ziemlich süß.“ Sie grinste verlegen.

Mir kam plötzlich ein anderer Gedanke. „Oh, Mist, heißt das, ich hab den Auftritt verpasst? Und wo ist Finn? Ich dachte, er wäre hier und wollte mit Alex und Tom vorspielen?“, fragte ich Ally.

Sie zuckte mit den Achseln. „Sie haben zwei Lieder gespielt, das war‘s. Und ja, Finn war hier, aber dann haben sie sich irgendwie gestritten, und er ist abgehauen. Frag Tom am besten selbst, er wollte mir nichts verraten.“

Sie wandte sich Kris wieder zu, die zwischen uns hin und her schaute und grinste. „Ich bin die Freundin von Tom, Alex‘ Bruder, und er hat mir vorhin erzählt, dass Alex mit einem hübschen Mädchen namens Kristina unterwegs wäre. Das bist dann wohl du.“

Kris lachte. „Das nenne ich mal einen Zufall. Ihr müsst mir alles über Alex erzählen, was ihr wisst.“

„Später“, antworteten wir kichernd und liefen alle drei nach draußen, zurück in die Bar, wo Alex inzwischen am Tisch saß und uns ungläubig anschaute. Der Rest war auf der Tanzfläche verschwunden, wie es aussah.

Es war zwar ein bisschen schade, dass ich den Auftritt der Jungs verpasst hatte, aber ich war mir sicher, es würde noch andere Gelegenheiten geben, um sie spielen zu sehen. Abgesehen davon war dieser Abend einfach zu gut, um ihn sich durch solche Kleinigkeiten verderben zu lassen.

Wir erklärten Alex, dass wir Kris gerade kennengelernt hatten, er stellte sie seinem Bruder vor, und dann blieben wir direkt stehen. Ich schaute zu Alison und unserer neuen Bekanntschaft. „Mädels, ist euch nicht auch gerade nach tanzen?“

***

FINN

November 7th, 1:00 am

Mein Telefon klingelte, und ich drehte die Musik leiser, als ich Toms Name erkannte und abnahm.

„Sorry, aber wir sind jetzt erst nach Hause gekommen, und ich hab noch ein wenig mit den Mädels geredet.“

„Mädels?“, hakte ich nach. Soweit ich wusste, war er doch bei seiner Freundin, oder etwa nicht?

„Jenny und Eliza wohnen zusammen mit Alison, sie hatten eigentlich gehofft, dich heute zu treffen, aber na ja …“

„Wir haben ja noch morgen Zeit, oder?“, setzte ich schnell nach. Ich wollte jetzt auf keinen Fall auf dieses Thema zurückkommen.

„Also kannst du morgen so gegen zwölf Uhr vorbeikommen? Dann kannst du dich auch ein wenig mit Eliza unterhalten, sie ist schon ziemlich gespannt auf dich …“

Ich unterdrückte ein Stöhnen, ich wollte jetzt keine weitere Diskussion mit meinem Bruder. „Klingt gut, gibst du mir die Adresse?“

Er gab sie mir durch.

„Also, ich leg mich jetzt schlafen …“

„Tu das.“

Ich biss mir auf die Lippe. Jetzt oder nie. „Tom?“

„Hm?“

„Es tut mir leid.“ Das tat es wirklich. Nach langem Grübeln war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mich nicht mehr so anstellen würde. Ich wollte kein Idiot sein.

Es blieb eine Weile ruhig. „Mir auch“, sagte er schließlich. „Alex und ich hätten das vorher mit dir besprechen müssen … Wir reden morgen, ja? Ally kommt gerade aus der Dusche.“

Jetzt musste ich wieder lächeln. „Viel Spaß. Grüß sie von mir.“

„Den werde ich haben.“ Er kicherte. „Gute Nacht, Kleiner.“

Und mit diesen Worten unterbrach er die Verbindung.

Vielleicht würde morgen gar nicht mal so schlecht werden, dachte ich lächelnd und drehte die Anlage wieder lauter.

***

ELIZA

November 7th, noon

Es war Sonntag, die Sonne schien in mein Zimmer, und ich hatte tief und fest geschlafen. Kurz: Meine Laune befand sich auf dem Höhepunkt. Hinzu kam noch die Aussicht auf ein ausgiebiges Frühstück, das ich später mit Ally, Tom und Finn, der gleich vorbeikommen sollte, genießen würde. Ich stand mit einem Lächeln auf und stellte mich vor meinen Kleiderschrank, um mir etwas zum Anziehen zu suchen, bevor ich in den Flur lief.

Alles war ruhig, und die Tür von Jenny stand offen, ich konnte von hier aus sehen, dass ihr Bett gemacht war. Entweder hatte sie sich gestern Abend noch mal rausgeschlichen, um bei Samuel zu übernachten, oder aber sie war heute Morgen schon früh gegangen, was ich sehr bezweifelte. Als ich schon weitergehen wollte, fiel mir etwas Weißes auf ihrer dunkelblauen Überwurf-Decke ins Auge, also betrat ich ihr Zimmer. Als ich den Zettel sah, konnte ich ein Kichern nicht unterdrücken.

Mädels, Sam hat gestern Abend noch mal angerufen, und ich bin zu ihm gefahren. Also macht euch keine Sorgen um mich, wir sehen uns spätestens heute Abend.

Kuss, Jenny

P.S.: Das ist alles rein freundschaftlich, versteht sich. Nicht, dass ihr noch auf falsche Gedanken kommt.

Jetzt musste ich wirklich lachen. Dachten sie ernsthaft, wir würden ihnen die „Gute Freunde“-Nummer abnehmen? Für wie dumm hielten sie uns eigentlich?

Gerade als ich Wasser für den Kaffee aufsetzte, ertönte die Türklingel. Ich warf einen kurzen Blick auf die Tür von Alisons Schlafzimmer, doch nichts bewegte sich. Entweder die zwei schliefen wirklich noch, oder sie hatten es darauf angelegt, dass ich Toms Bruder alleine gegenüberstand.

Ich zwang mir ein Lächeln auf die Lippen und öffnete die Tür, während ich schon mit meiner Vorstellung begann. „Hi, ich bin Eliza, und du musst Finn …“

Mein Lächeln erstarb, und ich verstummte augenblicklich. Ich schwankte. Es sah ganz so aus, als würden meine Füße mir nicht mehr gehorchen wollen. Ich hielt mich an der gerade geöffneten Tür fest, meine Hände rutschten am glatten Holz entlang, bis sie den Türgriff fanden und sich so fest daran klammerten, dass es wehtat. Ich schloss meine Augen. Nein, nein, nein. Das war ein böser Traum, nicht die Realität, versuchte ich mich zu beruhigen.

Nach einer Sekunde öffnete ich sie wieder, aber er war immer noch da. Seine perfekten Gesichtszüge, seine zerzausten Haare und diese unglaublichen hellgrünen Augen. Diese Augen, die sich jetzt vor Überraschung weiteten.

Reflexartig hob er die Hände, als er sah, wie ich mein Gleichgewicht für einen Moment verlor und ließ sie dann abrupt sinken. Diese Geste kam mir extrem bekannt vor.

„Nein“, entfuhr es mir laut und dann, bevor ich überhaupt realisierte, was ich da tat, hatte ich ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen und war lautlos auf den Boden gesunken.

3. KAPITEL – UNDISCLOSED DESIRES

ELIZA

Für ein paar Sekunden rührte ich mich nicht. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Vielleicht sollte ich aufstehen und zurück in mein Zimmer gehen, den Vorfall vergessen. Einatmen. Wahrscheinlich war die Fantasie wieder mit mir durchgegangen. Ausatmen.

Weitere Sekunden verstrichen und langsam, ganz langsam gelang es mir, mich wieder aufzurichten. Ich benahm mich albern. Na gut, es war ein Schock, aber noch lange kein Grund, durchzudrehen. Ich würde mich jetzt reif und erwachsen benehmen. Es gab keinen Grund zum Überreagieren, redete ich mir ein.

Da klopfte es an der Tür, erst zögerlich, dann entschlossener. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, vernahm ich im nächsten Augenblick seine Stimme.

„Mach auf.“

Nur zwei einfache Worte, aber sie brachten meine Hände zum Zittern. Zwei Worte gesprochen von dieser rauchigen Stimme, und mein Körper wurde von oben bis unten mit einer Gänsehaut überzogen. Ich schob es verzweifelt auf den Restalkohol in mir.

Er sprach nicht laut, seine Stimme klang nur gedämpft durch die Tür herein, aber es reichte ein für alle Mal aus, um mich vollkommen aus dem Konzept zu bringen. Finn also, dachte ich und spürte, wie sich die Möglichkeit, mich einfach zu verkriechen, immer weiter von mir entfernte. Seinen Namen in Verbindung mit dem traumhaften Unbekannten im Howl at the Moon zu bringen, machte die ganze Sache offiziell und unausweichlich. Was für ein riesengroßes Durcheinander. Finn Westwood, der Bruder von Tom und Alex. Und ganz nebenbei mein Beinahe-One-Night-Stand von gestern Abend. Denn genau das wäre passiert, wenn das Telefon nicht geklingelt hätte.

Ich ergriff die Türklinke und bemühte mich um einen gleichgültig-freundlichen Blick. Vielleicht würde er unser Zusammentreffen mit keiner Silbe erwähnen. Vielleicht würde er sich mir gegenüber kühl und distanziert verhalten. Wahrscheinlich bereute er seine Tat von gestern schon. Aber genau das war mein Trumpf: Ich hatte mich zwar von ihm küssen lassen und genauso hemmungslos zurückgeküsst, aber er hatte angefangen. Er war derjenige gewesen, der mich überhaupt mitgezogen hatte. Ich konnte die ganze Schuld auf ihn schieben. Schon gleich ging es mir besser.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es mir so schwer fallen würde, meinen Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu halten. Jetzt war es nicht mehr so dunkel wie gestern. Jetzt konnte ich jedes einzelne Detail sehen. Von der einfachen Jeans bis zur geöffneten Lederjacke, die mich so ganz nebenbei an gestern erinnerte, unter der ich ein helles T-Shirt sah, durch das man die Muskeln erahnen konnte.

Ich schluckte und wandte meinen Blick schnell seinem Gesicht zu. Ich war so sehr in diesem Augenblick gefangen, dass ich nicht richtig realisierte, was zur Hölle er im nächsten Moment tat.

Denn eine Sekunde später hatte er mich nach draußen in den Flur gezerrt, und dann befand ich mich – das würde wohl langsam zur Gewohnheit werden – zwischen ihm und der kalten Wand in meinem Treppenhaus. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich seinen Körper und sein Gesicht wieder so nah spürte. Mit einem unergründlichen Blick starrte er mich einen Moment lang an.

„Wo sind Tom und Alison?“, fragte er flüsternd.

Ich wagte einen kurzen Blick zur Tür, die immer noch offen stand. Ich konnte mich keinen Zentimeter bewegen, seine Hände waren wie Fesseln um meine Schultern geschlungen. „In Allys Zimmer. Sie schlafen höchstwahrscheinlich noch.“ Ich sprach genauso leise. Mein Herz schlug inzwischen wieder, und wie. Es pochte so laut, dass es in meinen Ohren dröhnte.

Er nickte kurz, geschäftsmäßig, dann kam er näher. Sein warmer Atem fuhr über mein Gesicht. „Du wirst nichts von gestern erzählen, verstanden?“

Und das war der Moment, in dem sich mein Gehirn wieder einschaltete. Ich wurde wütend. Sehr wütend. Was fiel diesem Kerl ein, mich einfach aus meiner Wohnung zu ziehen und mir Befehle zu erteilen, als hätte er irgendeinen Anspruch auf mich? Ich ging erst gar nicht auf seine Frage ein. „Nimm deine Drecksfinger von mir“, zischte ich.

Überrascht starrte er mich an und wich ein bisschen zurück, sein Körper war aber nach wie vor gegen meinen gedrückt, und ich musste verdammt gut aufpassen, um meine Beherrschung nicht zu verlieren. Er hatte mich zwar wütend gemacht, aber er war einfach hinreißend. Auch wenn er sich wie ein Idiot benahm.

„Sofort!“

Offenbar dachte er gar nicht daran, sondern kam wieder näher.

„Lass den Scheiß“, fuhr ich ihn an. Ich war mir sicher, er war sich seiner Wirkung auf mich durchaus bewusst und nutzte sie schamlos aus. Aber damit würde er nicht durchkommen.

„Hast du mich verstanden? Hast du es irgendjemandem erzählt?“, fragte er jetzt eindringlicher. Unsere Nasenspitzen berührten sich fast.

„Nein, verdammt. Lieber würde ich mir die Kugel geben.“

Er zog die Augenbrauen nach oben und plötzlich war nichts mehr von Verzweiflung in seinem Gesicht zu sehen. Schalk glitzerte in diesen unglaublichen Augen. Er grinste fast. „Ach, ja? Verbessere mich, wenn ich etwas falsch mitbekommen habe, aber gestern kam es mir nicht so vor, als würde es dir nicht gefallen.“

Jetzt musste er wirklich grinsen, und mein Magen zog sich bei diesem Augenblick schmerzhaft zusammen. Ich schluckte und dachte in Sekundenschnelle nach. Niemals würde ich mir jetzt die Blöße geben und ihn wissen lassen, dass der gestrige Abend für mich so ziemlich der beste seit Langem gewesen war und dass diese Tatsache nicht zuletzt an ihm lag.

„Ich war betrunken. Da kann so etwas passieren. Und wenn du dich richtig erinnerst, war nicht ich diejenige, die dich in einen dunklen Raum gezogen hat.“

„Betrunken, so, so. Ich hatte eher den Eindruck, dass du nicht die Finger von mir lassen konntest.“ Auf meinen Einwand ging er natürlich gar nicht erst ein.

„Ohne Alkohol wäre ich nie mitgegangen. Du hattest es ja unbedingt nötig“, konterte ich und konnte mir einen triumphierenden Blick nicht verkneifen. Ich redete Blödsinn, klar, aber irgendwie machte es Spaß, sich mit ihm zu streiten. Auf jeden Fall würde ich ihm keine weitere Genugtuung verschaffen.

Für einen Moment war er sprachlos, dann geriet meine Selbstbeherrschung wieder ins Schwanken. Er beugte sich näher zu mir, brachte unsere Gesichter auf gleiche Höhe und nahm eine seiner Hände von meiner Schulter, um sie stattdessen in meinen Nacken zu legen. Ich hätte mich jetzt ohne Weiteres von ihm befreien können, aber ich bewegte mich nicht.

„Und was ist jetzt?“, raunte er leise und kam noch näher.

Ich war kurz vor dem Durchdrehen. Würde er nicht im Laufe der nächsten Sekunden zurücktreten, dann konnte ich für nichts mehr garantieren.

Er neigte den Kopf leicht nach rechts, während sich sein Griff in meinem Nacken verstärkte. Unsere Lippen waren nur noch Millimeter voneinander entfernt.

In einem letzten Anfall von Beherrschung presste ich mich enger an die Wand. Er folgte mir.

„Lass mich los“, hauchte ich lautlos, aber genauso gut hätte ich „Ich will dich“ seufzen können, es kam auf dasselbe heraus. Ich hatte schon die Augen geschlossen und spürte seinen heißen Atem an meinen Lippen. Dann erklang das Geräusch von einem sich umdrehenden Schlüssel im Schloss.

Meine Lider flogen auf, und ich sah, wie er mich überrascht anstarrte, seine Lippen verharrten kurz vor meinem Mund, seine Augen direkt vor meinen.

Im nächsten Moment hatte ich ihn von mir gedrückt und war in Richtung meiner Wohnungstür gestolpert. Das Geräusch kam von der Wohnung neben uns, dort wohnte ein älteres Paar, und die Dame war bekannt dafür, nichts auf der Welt mehr als Klatsch und Tratsch zu lieben.

„Verschwinde“, zischte ich. Wenn uns irgendjemand so sah, waren wir geliefert. Hastig lief ich in unsere Wohnung, und natürlich gehorchte er nicht, sondern lief mir hinterher. So schnell ich konnte, schloss ich die Tür hinter uns und warf ihm einen wütenden Blick zu.

„Was soll das?“, flüsterte ich zornig. Besorgt huschte mein Blick in den Flur, wo sich Allys Zimmer befand. Immer noch war alles still.

Er schaute mich ungläubig an. „Großartiger Vorschlag. Und wohin, bitteschön, soll ich deiner Meinung nach verschwinden?“

Langsam kam mein Gehirn wieder in die Gänge. Er musste hierbleiben, schließlich war er Toms Bruder und wurde hier erwartet. Bei dem Gedanken daran verspürte ich immer noch den Drang, zu untersuchen, ob ich mich wirklich und wahrhaftig in der Realität befand.

„Vergiss es. Und wehe, wenn du ein Wort gegenüber Tom und Alison verlierst. Ich bring dich eigenhändig um.“ Jetzt übernahm ich seine Rolle.

„Ich sehe, wir sind uns einig. Obwohl ich nur zu gerne deinen Versuch sehen würde.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Lass es nicht darauf ankommen.“

Ich lief in die Küche, während sich alles in meinem Kopf drehte. Er blieb vor der Tür stehen und verfolgte jede meiner Bewegungen.

Die Situation hatte sich verändert, urplötzlich waren wir zu Verbündeten geworden. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Sicherlich würde ich nicht freundlich zu ihm sein.

Ich nahm mir eine Tasse aus dem Schrank und füllte sie mit Kaffee. Provozierend lief ich zur Couch, setze mich und nippte daran, ohne ihm etwas anzubieten. Selbst schuld, wenn er mich so überfiel und erwartete, dass ich nach seiner Pfeife tanzte. Das gestern Abend war ein Ausrutscher gewesen, ich hatte mich zu sehr gehen lassen. Es würde nie wieder passieren.

Ich vermied es sorgfältig, ihn anzuschauen. Eine Weile verging, während ich meinen Blick stur geradeaus richtete und so tat, als würde ich ihn nicht sehen. Innerlich sah es natürlich ganz anders aus. Mein Herzschlag hatte sich noch immer nicht normalisiert, und meine Hände zitterten noch leicht. Ich fuhr mir durch die Haare und hörte, wie er Luft holte. Also blickte ich ihn doch an, er wirkte leicht verlegen.

„Wo kann ich meine Schuhe hinstellen?“

Ich hob eine Braue. „Deine Höflichkeit kannst du dir sonstwohin stecken.“

Er kicherte, zuckte mit den Schultern, zog seine Schuhe aus und stellte sie sorgfältig neben der Wohnungstür ab. Unwillkürlich verdrehte ich die Augen. Es war ja klar, dass er es mir besonders schwer machen musste. Langsam kam er näher, bis er vor dem Sofa stand. Er ging in die Hocke, direkt vor mir.

„Eliza, hm?“

Meinen Namen aus seinem Mund zu hören, war ungewöhnlich. Und extrem aufregend.

Ich rutschte demonstrativ einen Meter nach rechts. Bloß weg von ihm.

Seufzend richtete er sich auf und setzte sich neben mich. „Wenn wir überzeugend sein wollen, dann müssen wir auch üben, weißt du.“

Ich zog es in Erwägung, ihn einfach zu ignorieren, aber ein großer Teil in mir war sich bewusst, dass er recht hatte. Wenn Tom und Ally jetzt auftauchen würden, dann wäre sofort jedem klar, dass wir uns nicht fremd waren. Man bombardierte keinen Fremden mit tödlichen Blicken, so wie ich es mit … Finn tat. Gott, war das seltsam, seinen Namen zu denken.

Ich schaute ihm zögerlich in die Augen, und er lächelte.

„Ich bin Finn. Der Bruder von Tom und Alex. Du musst Eliza sein.“ Er hielt mir die Hand hin.

Im ersten Moment dachte ich, er bluffte, aber sein Gesicht war ernst. Ich schluckte meinen Widerwillen hinunter und ergriff seine Hand. „Glaub bloß nicht, dass das irgendetwas an der Situation ändert. Ich kann dich nicht leiden“, raunte ich leise und versuchte, seine große, warme Hand zu ignorieren, die sich um meine schloss.

Er sah mich abwartend an. Meine offensichtliche Abneigung schien ihm nicht besonders zuzusetzen. Wahrscheinlich ahnte er schon längst, dass ich ihm sowieso nicht widerstehen konnte.

Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Hi, Finn.“

Er grinste mich schief an, und ich vergaß eine Sekunde lang, wie das mit dem Atmen ging.

Bitte, lass mich das durchstehen, dachte ich nur. Vielleicht sollte ich vortäuschen, ins Bad gehen zu müssen. Lange würde ich es nicht mehr aushalten, alleine mit ihm in einem Raum zu sein.

Am besten, wir führten jetzt ein bisschen Small Talk, um die Situation freundlicher wirken zu lassen. „Und, was führt dich hierher?“, fragte ich also, obwohl ich die Antwort sowieso schon kannte.

Einen Augenblick war er angesichts der Änderung meines Verhaltens überrascht, dann spielte er aber glücklicherweise mit. „Ich bin hier, um dich kennenzulernen und um mit Tom zu reden. Danach wollen wir, wie du wahrscheinlich weißt, irgendwo zusammen essen gehen.“

Ich nickte. „Ins Perkins.“

„Mhm … Und nach Seattle bin ich gekommen, um zu studieren. Literatur und Musik. In welchem Jahrgang bist du eigentlich?“

„Im gleichen wie du. Wir fangen morgen gemeinsam an. Ich studiere mit dir Literatur.“ Ich schluckte. Wie sollte ich es Tag für Tag ertragen, in denselben Vorlesungen wie er zu sitzen und mich gleichzeitig auf den Stoff zu konzentrieren?

„Netter Zufall“, erwiderte er mit einem breiten Grinsen.

***

FINN

Mein Bruder und Alison kamen aus ihrem Zimmer. Sie schauten sich so intensiv an, dass es mir peinlich war, sie zu beobachten. Zu allem Überfluss trug sie lediglich ein Hemd, das ihr bis zu den nackten Knien ging und nur von Tom stammen konnte.

„Hey, Finn! Wann bist du denn gekommen? Wir haben die Klingel gar nicht gehört.“

Das war ja mal eine Überraschung.

„Vor einigen Minuten. Eliza hat mich hereingelassen.“ Ich deutete Alisons leicht verwirrten Blick als Frage und fügte noch ein „Sie ist gerade im Badezimmer“ hinzu.

Sie nickte kurz.

Tom schaute mich verschwörerisch an. „Und? Wie findest du sie?“, fragte er eifrig.

Ich verdrehte die Augen. Kein Wunder, dass jetzt so eine Frage kam. Tom hatte mich schon oft damit geneckt, dass ich keine feste Freundin hatte. Und jetzt, da sogar Alex Interesse an mehr zeigte, war es irgendwie klar, dass das perfekte Mädchen für mich gesucht werden musste. Ich seufzte angesichts meiner Lage inmitten von glücklichen Pärchen. „Sie scheint ganz okay zu sein“, versuchte ich Tom zu beschwichtigen, als Eliza gerade zurückkam. Offenbar hatte sie meinen letzten Satz gehört.

„Ganz okay, hm? Nicht besonders schmeichelhaft, was?“, fragte sie und hob eine Braue.

Tom lachte. „Das ist ein riesiges Kompliment. Finn findet normalerweise kein Mädchen ganz okay.“

„Dann fühle ich mich jetzt aber geehrt“, gab sie ungerührt zurück und gesellte sich zu ihrer Freundin, die gerade Orangensaft aus dem Kühlschrank holte. Lächelnd sah ich ihr zu und wandte mich dann wieder Tom zu, der mich, wie ich gerade erst bemerkte, mit einem seltsamen Gesichtsausdruck beobachtete.

Ich warf schnell einen Blick zu den Mädchen. „Was ist?“, fragte ich bemüht teilnahmslos.

Er schüttelte den Kopf und lächelte. „Nichts weiter, du siehst heute nur optimistischer aus.“

„Tatsächlich?“ Ich grinste, und sein Blick wurde ungläubig. Vielleicht sollte ich mich ein bisschen zügeln, ich benahm mich wirklich eigenartig, da würde er früher oder später doch merken, dass ich etwas verheimlichte. Ich hatte gute Laune, allein diese Tatsache reichte wahrscheinlich schon aus, um ihn zu verunsichern. Denn mal ehrlich, wie oft kam es vor, dass ich mich so unbeschwert gab? Doch mit diesem Thema wollte ich mich jetzt nicht befassen, und vor allem wollte ich nicht darüber nachdenken, woran mein Stimmungsumschwung lag.

Nicht jetzt, wo ich gerade anfing, Spaß zu haben.

***

Als wir in dem Café saßen, fühlte ich mich großartig. Nicht nur, dass das Essen hier ziemlich gut war und ich endlich das Knurren in meinem Magen beruhigen konnte, nein, ich saß auch noch neben Eliza, die seit gut zwanzig Minuten ihr Bestes tat, um mich zu ignorieren.

Tom und Alison saßen ziemlich nah beieinander und machten auch den Eindruck, als würden sie sich bestens amüsieren. Gerade beugte sie sich zu ihm, um ihn – mal wieder – zu küssen.

Ich sah darin die perfekte Gelegenheit und drehte mich zu meiner Sitznachbarin. „Willst du von den Spiegeleiern probieren? Die darfst du dir nicht entgehen lassen, Kleine.“

Sie warf mir prompt einen entnervten Blick zu, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die beiden immer noch vertieft waren und uns nicht beachteten. „Das ist schrecklich nett von dir, aber danke, nein. Ich bin bestens versorgt“, erwiderte sie steif.

„Bist du das also? Dein Gesichtsausdruck ist ziemlich hungrig, wenn du verstehst, was ich meine, deswegen dachte ich, ich frage lieber nach …“ Verschwörerisch grinste ich sie an.

Sie wandte sich blitzschnell von mir ab, atmete tief durch und griff zu Messer und Gabel, um den letzten Bissen von ihren Pancakes zu nehmen. Ihre Wangen nahmen schon wieder einen leichten Rotton an, und sie formte „Idiot“ mit den Lippen.

Um ein Haar hätte ich gekichert. Ich beobachtete sie, während sie aß und so tat, als würde sie sich nicht daran stören. Es war mehr als unterhaltsam, zu sehen, wie sie sich ein Stück Pancake in den Mund schob und der Sirup versehentlich an ihren Mundwinkeln herabtropfte. Plötzlich war es hier drinnen viel zu heiß, und jetzt war ich derjenige, der den Blick abwenden musste. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie sie die heiße Soße mit einem Finger von ihren Lippen wischte und mir dann einen provozierenden Blick zuwarf.

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