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BACCARA SPEZIAL BAND 3

Wenn es Nacht wird im Museum …

PROLOG

Die Mumie

Ein Jahr zuvor

„Sir!“

Die Stimme klang leise und respektvoll.

Dr. Henry Tomlinson, ein weltweit anerkannter Ägyptologe, drehte sich um. Eine seiner Studentinnen war ins klimatisierte Zelt geschlüpft und lächelte ihn erwartungsvoll an.

Eigentlich unterrichtete er schon seit fünf Jahren nicht mehr, doch er liebte es noch immer, mit Studenten zu arbeiten. Er hatte sich zur Ruhe gesetzt, um sich ganz der Praxis zu widmen, und kürzlich hatte ihn eine amerikanische Firma namens Alchemy für die Leitung dieser Ausgrabungsstätte angeheuert.

Die von Alchemy zur Verfügung gestellten technischen Mittel waren phänomenal, und Henry konnte sein Glück immer noch nicht fassen. Doch noch mehr als über die finanziellen Mittel freute er sich darüber, dass er Studenten wie Harley Frasier mitnehmen durfte.

Sie war sechsundzwanzig, hübsch, hatte honigblonde Haare und ihr Gesicht war von einer geradezu klassischen Harmonie. Ihren großen, grünen Augen schien nichts zu entgehen. Sie war zudem kompetent und talentiert und besaß einen laserscharfen Verstand. Außerdem hatte sie Humor und das bezauberndste Lachen, das er je gehört hatte.

Von den fünf Absolventen seines Fachgebiets war sie zweifellos sein Liebling. Oft kam er sich bei ihr vor wie ein großväterlicher Mentor – und diese Vorstellung gefiel ihm, denn er hatte weder Frau noch eigene Kinder. Das war nicht immer so geplant gewesen … aber hätte sich die Gelegenheit ergeben, Vater zu werden, wäre er froh und stolz gewesen, jemanden wie Harley zur Enkelin zu haben.

Vielleicht war ihr enges Verhältnis seltsam, denn von seinen fünf Assistenten war sie die Einzige, die Ägyptologie nur als Nebenfach studierte.

Doch Harley war wegen ihres Fachwissens dabei, und weil sie später auf dem Gebiet der Kriminalpsychologie und der Forensik arbeiten wollte. Henry war nun schon seit fast zehn Jahren auf der Suche nach dem Grab von Amunmose. In diesen zehn Jahren hatte er immer mehr Hinweise gefunden und war dabei auch auf viele andere alte Grabstätten und – schätze gestoßen. So kam es, dass er nun ständig mit irgendwelchen Ausgrabungen beschäftigt war. Doch sein eigentliches Interesse galt immer noch der Entdeckung Amunmoses.

Viele andere vor ihm hatten schon nach dem Grab gesucht.

Manche waren während ihrer Suche sogar verschwunden oder verstorben.

Es gab Hinweise darauf, dass Amunmose ermordet worden war. Als Kriminologiestudentin war Harley deshalb perfekt geeignet, um alle Indizien zu finden, die bei dem Begräbnis hinterlassen worden waren.

„Ich glaube, wir sind für heute fertig und packen jetzt zusammen. Wir wollen zum Essen ins Dorf fahren. Sie sollten mitkommen, das würde Ihnen guttun“, sagte Harley.

„Nächstes Mal, Harley“, versprach er ihr. „Hier gibt es noch so viel zu tun und anzusehen!“

Anfang der Woche hatten sie das geheime Grab des Amunmoses endlich entdeckt und seitdem schwebte Henry Tomlinson natürlich im siebten Himmel. Sein Traum hatte sich endlich erfüllt und seine Fantasie war wahr geworden – es war die Vollendung seines Lebenswerks.

„Ja! Sie haben es geschafft, Dr. Tomlinson.“

„Das habe ich, nicht wahr?“

Die Entdeckung Amunmoses war der wichtigste archäologische Fund der letzten Jahre, und es war seine Entdeckung. Selbst jetzt, am Ende eines anstrengenden Tages – und obwohl er die Gesellschaft seiner jungen Mitarbeiter durchaus genoss – war er zu fasziniert, um einfach Feierabend zu machen. Es gab noch etwa ein Dutzend Särge zu untersuchen, einer vermutlich der von Amunmoses selbst. Es gab so viel zu analysieren und so viel zu beschreiben! Außerdem gab es auch noch die Särge, die beim Einsturz der Grabkammer beschädigt worden waren. Manche waren zersplittert und enthüllten deshalb ihre Mumien. Henry Tomlinson war neugierig, was er herausfinden würde, bevor die Mumien verpackt und für den Transport nach Kairo vorbereitet wurden.

Das Ganze war einfach monumental.

„Dr. Tomlinson, Sie haben so hart gearbeitet. Sie sollten ein bisschen feiern. Sie sind wie Carter damals mit Tutanchamun. Ist Ihnen das überhaupt klar?“

„Ach, Unsinn“, widersprach Henry und schüttelte den Kopf. „Ihr Vorschlag klingt verlockend, aber ich kann hier nicht weg. Das sind so unglaubliche Schätze!“ Er deutete auf den beschädigten Sarg. „Dieser Mensch hier, Harley. Es sieht fast so aus, als wäre er lebendig begraben worden. Als hätte er geschrien, während er eingewickelt wurde.“

In diesem Moment steckte Jensen Morrow, auch einer seiner Studenten, den Kopf durch die Zeltklappe.

„Sie sollten nicht mit dem Gruselzeugs hier allein bleiben, wenn Sie stattdessen mit coolen Kids wie uns abhängen können“, mischte er sich ein.

Alle lachten. Jensen war ein gut aussehender, dunkelhaariger junger Mann, der sein Studienfach liebte.

„Klingt verlockend“, wiederholte Henry. „Aber ich bleibe trotzdem hier.“

Jensen zog die Augenbrauen hoch und wandte sich an Harley. „Dann bleiben wohl nur wir zwei übrig, denn Belinda Gray wartet auf einen Video-Chat mit ihrem Verlobten, der im Irak stationiert ist, und Roger Eastman hat einem der Techniker versprochen, ihm bei irgendwelchem Computerkram zu helfen. Es scheint, als hätte er Informationen von irgendeiner Rebellengruppe abgefangen. Joe Rosello arbeitet gerade mit dieser hübschen Ägypterin, unserer Dolmetscherin, und lernt etwas über Flaschenzüge.“

„Flaschenzüge? Schon klar!“, bemerkte Harley grinsend.

Irgendwann ließen Harley und Jensen ihn endlich allein.

Dr. Henry Tomlinson richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die unbekannte Mumie #1. Viele Pharaonen und Mitglieder des Königshauses teilten ihr Grab mit Unbekannten … mit Dienern, die sie im nächsten Leben benötigten.

Fast der gesamte Sargdeckel war aufgerissen. Henry hatte gerade tatsächlich das Gefühl, als stünde er vor der Kulisse eines Horrorstreifens. Es sah wirklich so aus, als wäre der Mann bei lebendigem Leibe eingewickelt worden, sein Mund war zu einem stummen Schrei verzerrt.

Konnte diese Mumie nicht vielleicht Amunmose selbst sein? fragte er sich. Das Grab des Mannes war schließlich noch nicht identifiziert worden.

Doch es war unprofessionell, voreilige Schlüsse zu ziehen. Die Röntgenaufnahmen würden ihnen das Innere zeigen und damit vermutlich Aufschluss darüber geben, ob die Ursache des verzerrten Gesichts im Sterbeprozess lag oder ob der Mann wirklich bei lebendigem Leib eingewickelt worden war.

Es konnte nicht Amunmose sein, dachte Henry dann. Denn sie hatten einen Sarg in einer inneren Grabkammer gefunden, ganz versteckt in einer Nische – genau, wie es überliefert worden war.

Die Zeltklappe öffnete sich erneut.

Als Henry sich umsah, entdeckte er Ned Richter, eine Führungskraft von Alchemy.

Er lächelte, und das zu Recht, denn es war ein fantastischer Tag gewesen.

„Hey“, erwiderte Henry. Er mochte Ned Richter. Dieser war zwar kein Ägyptologe, aber er war wissbegierig und sprang jederzeit ein, wenn zusätzliche Arbeitskraft gebraucht wurde.

Richters Frau Vivian hingegen mochte er weniger. Sie war auch Ägyptologin – jedenfalls hielt sie sich dafür, dachte er verächtlich. Angeblich hatte sie ihren Abschluss an der Brown gemacht, aber sie war eine echte Nervensäge.

Sie tat gern so, als wüsste sie, wovon sie redete, doch das war selten der Fall.

„Ich wollte nur einmal nach Ihnen sehen!“, erklärte Richter.

Henry hörte nun Vivian hinter ihrem Mann. „Sag ihm, er soll mit uns kommen. Wir holen uns etwas zu essen und zu trinken.“

„Hey, Viv!“, rief Henry. „Ich brauche nichts. Ich arbeite lieber noch, und ein paar meiner Studenten bringen mir bestimmt etwas zu essen mit. Wir sehen uns dann morgen“, meinte Henry.

Na endlich!

Doch er hatte sich kaum umgedreht, da öffnete sich die Zeltklappe erneut.

Dieses Mal war es Arlo Hampton, ein eigens von Alchemy angeheuerter Ägyptologe, der deren Investition überwachen sollte.

Arlo war jung, groß und ein bisschen schlaksig. Er trug lieber eine dicke Brille als Kontaktlinsen. Sein Glück, dass Nerds gerade in waren, denn er war zweifellos einer. Aber ein netter, aufgeschlossener Nerd. Er liebte Ägyptologie, doch er war nicht eingebildet oder glaubte, alles besser zu wissen.

„Ich wusste, dass Sie mit den Schätzen allein sein wollen, wie die Made im Speck!“, meinte Arlo aufgekratzt. „Ich wollte mich nur vergewissern, dass es Ihnen gut geht.“

„Mir geht es blendend. Falls Sie mir Gesellschaft leisten wollen …“

„Ich bin erledigt, Henry. Ich werde mit den anderen ein Sandwich essen, wenn Harley und Jensen zurück sind, und mich dann sofort aufs Ohr hauen.“

„Alles ist gut, Arlo. Machen Sie sich einfach einen schönen Abend. Sie haben heute hart gearbeitet und ich bin eben ein alter besessener Mann. Verschwinden Sie schon!“

Arlo lächelte und hob die Hände. „Bin ja schon weg!“

Endlich war er allein.

Henry ging zurück zu seinem Schreibtisch, um seine Notizen für die geplante Ausstellung, die eines Tages stattfinden sollte, in ein Aufnahmegerät zu diktieren. Doch nach kurzer Zeit verstummte er. Er meinte, eine Bewegung im Zelt gehört zu haben.

Er sah sich um. Nichts. Alles unverändert.

Henry schüttelte ungeduldig den Kopf. Er konnte sich glücklich schätzen, diese Zeit für sich zu haben, denn irgendwann würde Dr. Arlo Hampton seine Zeit hier beanspruchen, ebenso wie Yolanda Akeem, ihr Kontakt zum Ministerium für Altertümer … und dann war da natürlich noch Ned Richter und seine Frau. Richter waren die Mumien vermutlich ziemlich egal, er war nur hier, um Alchemys Interessen zu wahren.

Doch die Expedition war ein großer Erfolg, und das hier war seine Zeit. Seine Zeit allein mit all den Schätzen!

Er wollte sich gerade wieder an die Arbeit machen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm.

Er stand auf und sah sich um.

Nichts.

Henry setzte die Aufnahme fort.

„Im alten Ägypten …“

Da war doch etwas hinter ihm!

Er versuchte, sich umzudrehen … und erblickte nichts als Bandagen, in die im alten Ägypten die Toten gehüllt worden waren. Er sah die eingewickelten Finger auf sich zukommen und … dann legten sie sich wie Draht um seinen Hals …

Er wehrte sich, wand sich und zappelte. Er versuchte aufzustehen, schaffte es aber nicht. Der Schmerz war einfach entsetzlich. Die Welt um ihn herum wurde langsam schwarz, und kleine Blitze explodierten vor seinen Augen. Alles, was er noch denken konnte, war …

Die Mumie!

Die Mumie war auferstanden.

Doch das war unmöglich.

Er war Wissenschaftler, er war rational. Er glaubte nicht.

Während die letzten Elektronen in den finsteren Falten seines sterbenden Bewusstseins explodierten, dachte er noch: Ich werde gerade von einer ägyptischen Mumie ermordet!

Es ergab keinen Sinn. Das konnte nicht sein.

1. KAPITEL

Ein Jahr später

Neues Museum für Altertümer

New York

Der Mond, der im Tempelbereich des Museums durch das Oberlicht fiel, schuf ein verblüffendes Traumbild. Das Licht schimmerte auf dem Marmor, sodass es aussah, als wäre der Nil, der neben dem Tempel verlief, aus purem Kristall. Die Lichter an der Wand waren gedämpft und sahen deshalb aus wie brennende Fackeln.

Die Ausstellung im Neuen Museum für Altertümer war wirklich beeindruckend, selbst für Harley, die bei den Ausgrabungen in der Sahara dabei gewesen war. Harley spürte plötzlich eine Brise von der Klimaanlage und fröstelte.

„Die Mumien gehen Ihnen wohl an die Nieren, hm?“

„Wie bitte?“ Harley drehte sich blitzschnell um.

Die Worte hatten scherzhaft geklungen, und waren von einer angenehmen tiefen männlichen Stimme ausgesprochen worden.

Die Stimme erinnerte sie an irgendetwas – und berührte etwas in ihr, tief unter ihrer Haut.

Doch sie hatte den Mann noch nie zuvor gesehen, obwohl ihr die Stimme seltsam vertraut vorkam.

Heute wurde der erste Abend gefeiert, an dem die Ausstellung zu sehen war. Ab morgen war sie dann der Öffentlichkeit zugänglich. Sie war Henry zu Ehren nach ihm benannt worden – die Henry-Tomlinson-Sammlung ägyptischer Kunst und Kultur.

Natürlich wurden ihm zu Ehren auch Reden gehalten, denn ohne ihn wäre diese sensationelle Ausstellung nicht möglich gewesen.

Doch Henry war tot, er war nun ebenso Geschichte wie seine Schätze.

Sie hatte das Gefühl, dass dieser Mann – mit seiner tiefen, vertrauten Stimme – in irgendeiner Verbindung zu Henry stand.

Doch sie hatte ihn definitiv noch nie zuvor gesehen.

Er war nämlich nicht die Art Mann, die man vergaß.

Er war groß – knapp eins neunzig, schätzte sie. Weil sie jüngst Seminare zur Identifizierung belegt hatte, in denen Kriminologen lernten, auf Details zu achten, fiel ihr außerdem auf, dass er eine ausgezeichnete Körperhaltung hatte und muskolös war.

Er trug einen legeren Anzug, war frisch rasiert und sein dunkles Haar war kurz geschnitten.

War er jemandes Bodyguard?

Im schimmernden Mondlicht, das durch das Oberlicht fiel, konnte sie seine Augenfarbe nicht genau ausmachen, doch ihrem Gefühl nach waren sie blau, trotz seiner dunklen Haare.

Er war zwischen dreiunddreißig und sechsunddreißig, schätzte sie. Er trug mit Sorgfalt ausgewählte unauffällige Kleidung, einen dunkelblauer Anzug, dunkelblaues Hemd und eine blau-schwarz gestreifte Krawatte.

Sie war sich sicher, dass er sie gerade ebenso gründlich gemustert hatte wie sie ihn.

„Verzeihung. Ich wollte Sie nicht stören. Sie haben doch keine Angst vor Mumien, oder?“, fragte er erneut und musterte sie neugierig.

„Nein, ganz und gar nicht“, versicherte sie ihm.

Er trat auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Micah. Micah Fox.“

Sie schüttelte sie. „Harley Frasier. Sehr erfreut. Verzeihung, aber wer sind Sie? Kenne ich Sie?“

Er lächelte. „Ja und nein. Ich bin ein ehemaliger Student von Dr. Tomlinson“, erwiderte er. „Ich war an der Brown, als er dort unterrichtet hat. Vor etwa zwölf Jahren hatte ich sogar das Glück, bei einer seiner Expeditionen mit dabei sein zu dürfen. Damals suchte er das Grab einer Prinzessin des Alten Reichs, fünfte Dynastie.“ Er zögerte, immer noch lächelnd, und zuckte dann mit den Schultern. „Er hat sie gefunden – sie befindet sich jetzt in einer Vitrine nicht weit von hier.“ Er verstummte, musterte sie erneut und fragte dann: „Überrascht Sie das?“

„Nein, nein, Sie sehen nur nicht aus wie ein Ägyptologe“, erklärte Harley. „Tut mir leid! Nicht, dass Ägyptologen irgendwie besonders aussehen. Es ist nur …“

„Schon gut. Ich bin auch kein Ägyptologe. Ich habe zwar mit Archäologie angefangen, dann aber mein Hauptfach gewechselt. Ich arbeite jetzt für die Regierung.“

„FBI?“, riet Harley.

Er nickte.

„Irgendetwas klingelt bei mir, ich weiß nur nicht, was“, sagte sie. „Ich erkenne Ihre Stimme, aber Sie kenne ich nicht. Ich meine …“

„Ja, das stimmt. Sie kennen meine Stimme. Ich fange am besten ganz von vorn an. Ich habe Sie kurz nach dem Vorfall mit Henry angerufen, als Sie gerade in Rom waren. Wir haben versucht herauszufinden, was genau passiert ist. Ich bin der Mann, der immer mit Ihnen telefoniert hat. Special Agent Micah Fox – obwohl ich zugeben muss, dass ich nicht offiziell vom FBI beauftragt worden war, sondern auf eigene Faust ermittelt habe. Außerdem weiß ich, dass Sie die Cousine von Craig Frasier sind … Craig und ich haben früher zusammengearbeitet. Craig hat mir erzählt, dass Sie Ihr Studium abgeschlossen haben und noch überlegen, was Sie mit Ihrer Ausbildung anfangen sollen. Ob Sie beim NYPD anfangen, bei dem Detektivbüro bleiben, das Sie derzeit beschäftigt, oder ob Sie zum FBI gehen sollen. Aber heute sind Sie aus demselben Grund hier wie ich, um unseren alten Professor zu ehren.“

„Ich … verstehe“, sagte sie langsam.

Doch tat sie das wirklich?

Nein, eigentlich nicht.

Sie erinnerte sich nur noch verschwommen an jene Zeit. Vielleicht weil sie sich nicht daran erinnern wollte. Doch ihre Gedanken kehrten immer wieder zu jenem Abend zurück, als sie ins Camp zurückgekehrt waren, lachend und Essen für ihren Professor im Gepäck, den sie auf dem Boden neben dem beschädigten Sarg und der schreienden Mumie gefunden hatten. Er war mit seinem eigenen Gürtel erdrosselt worden, die offenen Augen hervorquellend, Würgemale am Hals. Das Sicherheitspersonal war überzeugt davon gewesen, dass sich kein Außenstehender in der Nähe der Zelte aufgehalten hatte. Der Arbeitsbereich, zu dem auch die Zelte für die Mitarbeiter gehörten, wurde stets streng überwacht. Die ägyptische Polizei war sogar gekommen, um bei den Ermittlungen zu helfen.

Doch dann war plötzlich die Hölle losgebrochen. Es hatte geheißen, dass eine militante Gruppe namens Ancient Guard einen Überfall auf die Expedition plante. Das war leider kein ungewöhnliches Szenario … deshalb musste alles so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht werden.

Die Sicherheitskräfte von Alchemy und die ägyptische Polizei hatten ihr Bestes getan, um von der Expedition zu retten, was noch zu retten war – auch Henry Tomlinsons Leiche, um die Todesumstände genauer zu untersuchen.

Viele Indizien gingen leider verloren, aber wenigstens wurde nicht noch jemand ermordet. Die abschließende Untersuchung der ägyptischen Polizei ergab, dass der geniale Archäologe Dr. Henry Tomlinson wahnsinnig geworden war und Selbstmord begangen hatte. Man kam zu dem Schluss, dass er sich eingebildet hatte, eine Mumie sei zum Leben erwacht und diese wolle ihn umbringen … Es wurde vermutet, dass unbekannte Bakterien die Ursache dieser kurzfristigen geistigen Umnachtung gewesen waren, und alle Funde der Expedition waren deshalb mit angemessenen Vorsichtsmaßnahmen untersucht worden.

Doch Harley hatte diesem Urteil vehement widersprochen. Sie studierte Kriminologie. Sie wusste genau, was für eine einwandfreie Untersuchung erforderlich gewesen wäre, und vieles davon war einfach unterlassen worden. Eine richtige Untersuchung des Tatorts hatte praktisch nicht stattgefunden.

Wer hatte denn je auf so eine Art Selbstmord begangen?

Die zuständige Polizei hatte sich in Harleys Augen als absolut inkompetent erwiesen. Die Behörden sowohl in Ägypten als auch in Amerika hatten nicht genug getan, und die Leute von Alchemy wollten, dass es ein Selbstmord war. Denn sie wollten sich nicht mit einem Mord herumschlagen müssen.

Angeblich waren sie sehr betrübt und gestanden im Nachhinein Fehler ein.

Man hätte es besser wissen und vorsichtiger sein müssen!

Doch die Begeisterung des Professors habe letzten Endes dazu geführt, dass die Sicherheitsmaßnahmen vernachlässigt wurden, die ihm vielleicht das Leben gerettet hätten.

Tolles Firmenstatement, dachte Harley angewidert.

Es war ein Wunder, dass sie heil da rausgekommen waren und dass sie alle noch lebten.

Zuerst wurden sie nach Kairo verfrachtet, und dann, auf Erlass der ägyptischen Behörden und des Außenministeriums hin, fast umgehend ins Flugzeug nach Rom gesetzt, und von Rom war es dann weiter nach New York gegangen.

Rückblickend erinnerte sich Harley nun wieder, dass sie in einem kleinen Hotel in Italien, per Telefon mit diesem Mann namens Fox gesprochen hatte. Er hatte alles wissen wollen, was sie über die Geschehnisse wusste, und sie hatte es ihm bereitwillig erzählt … und hinzugefügt, dass sie kein Wort der offiziellen Erklärung glaubte.

Henry hatte sich nicht selbst umgebracht.

Special Agent Fox schien Harleys Meinung zu teilen, doch offenbar war er genauso ignoriert worden wie sie selbst.

Jetzt kam zum ersten Mal seit einem Jahr alles wieder hoch.

Doch heute Abend war sie hier, um Henry Tomlinson zu ehren.

„Miss Frasier?“

„Tut mir leid“, sagte sie leise.

Er schüttelte den Kopf. „Hey, schon gut. Ich weiß, wie viel er Ihnen bedeutet hat, und es war sicher schwer, an Ihrer Überzeugung festzuhalten, dass er ermordet wurde, wenn alle etwas anderes gesagt haben“, meinte Micah Fox.

Das war es immer noch. „Ach, wissen Sie es denn noch gar nicht?“, brummte sie. „Henry ist durch die Bakterien in den Bandagen verrückt geworden. Warum konnte er auch nicht warten, bis die nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden? Es ist so tragisch!“

Ihre Stimme troff nur so vor Sarkasmus.

Sie waren allein im Tempelbereich, trotzdem sah sie sich vorsichtshalber um und sagte: „Tut mir leid. Ich glaube tatsächlich, dass er umgebracht wurde. Es wurden zwar Bakterien gefunden, aber nicht ausreichend. Henry wurde ermordet, und ich konnte nichts tun, um es zu beweisen.“

Micah nickte. Sie mochte sein Gesicht und sein markantes Kinn. Seine Augen, erkannte sie jetzt, waren wirklich blau – himmelblau.

„Vergessen Sie nicht, ich war auch sein Student, und jetzt bin ich FBI-Agent. Ich konnte auch nichts tun. Ihnen muss also nichts leidtun.“ Er zögerte kurz. „Ich sollte Ihnen etwas erklären. Ich kenne Sie natürlich in erster Linie durch Craig, aber auch durch Henry. Wir hatten noch regelmäßig Kontakt, und er hat mir immer erzählt, womit er gerade beschäftigt war. Ich habe mich zwar letzten Endes für die Polizeiarbeit entschieden, aber ich liebe die Ägyptologie noch immer. Henry hielt wirklich große Stücke auf Sie.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann mir kaum vorstellen, wie diese letzte Nacht gewesen sein muss. Ich hoffe, es geht Ihnen inzwischen wieder gut. Zeit heilt alle Wunden, heißt es ja.“

„So heißt es.“

„Zumindest, wenn man Frieden mit der Vergangenheit geschlossen hat.“

„Das hab ich nicht“, meinte sie grimmig und fügte hinzu: „Und Sie auch nicht.“

„Das stimmt, deshalb möchte ich gern, dass Sie mir erzählen, was genau passiert ist, als Sie ihn zum letzten Mal gesehen haben.“

„Heute Abend wird dazu aber wohl keine Gelegenheit sein“, erwiderte sie.

„Ich weiß. Dann ein anderes Mal?“

„Ich rede gern mit Ihnen. Ich bin mir nur nicht sicher, was ich Ihnen noch von Bedeutung erzählen könnte.“

„Sie haben ihn immerhin gefunden. Ich möchte den Abend nur noch einmal mit Ihnen durchgehen.“

„Das Untersuchungsergebnis war einfach lächerlich! Sie wissen bestimmt, was der Gerichtsmediziner gesagt hat!“

„Ein ägyptischer Gerichtsmediziner, der so schnell wie möglich da raus wollte, bevor bewaffnete Rebellen über ihn herfallen.“

„Alchemy hatte auch einen Gerichtsmediziner gestellt. Er hat den Ergebnissen des Ägypters zugestimmt.“

„Ich bin sicher, das geschah in weniger als zwei Minuten. Sobald ihr Urteil feststand, wurde Henry mit Konservierungsstoffen behandelt und in eine Kiste gepackt, sodass alle möglichen Beweise vernichtet wurden. Vielleicht liege ich falsch. Vielleicht liegen wir falsch. Aber ich würde mich besser fühlen, wenn wir uns darüber unterhalten könnten.“

„Ja, natürlich“, sagte sie.

Natürlich? Sie wollte doch gar nicht an jene Nacht zurückdenken!

Doch hier war jemand von der Polizei, der ihr Recht gab … der Einzige bisher. Auch Fox glaubte, dass es dort draußen eine Wahrheit gab, die alle anderen leugneten.

Sie sahen einander verlegen an.

„Tja, freut mich auf jeden Fall, Sie endlich mal persönlich kennengelernt zu haben“, sagte Micah. Seine Stimme wurde sanfter. „Ich wollte Sie nicht stören. Sie wollen vielleicht lieber allein sein.“

Auf einmal waren sie nicht mehr allein.

Jensen Morrow schlenderte durch den Tempelbereich. Offenbar hatte er Harley, aber nicht Micah gesehen, wahrscheinlich weil dieser im Schatten eines verzierten Obelisken stand.

„Ich wusste doch, dass ich dich hier finden würde!“, rief Jensen und umarmte Harley. Er hatte hier vor Ort eine Stelle als stellvertretender Museumsdirektor angenommen, wobei ihm sein Doktor in Ägyptologie natürlich zugute gekommen war. Er war ihr während ihrer Phasen der Zweifel, der Wut und der anschließenden Kapitulation, ein treuer Freund gewesen.

Harley ließ Jensens Umarmung zu, denn sie mochte ihn noch immer. Sie hatten sich damals auf Anhieb gut verstanden. Vielleicht hätte zu einem gewissen Zeitpunkt sogar mehr daraus werden können, denn er war unterhaltsam, charmant und aufmerksam, dazu groß, dunkelhaarig und attraktiv. Doch in der Nacht, als Henry Tomlinson gestorben war, hatte sich alles geändert.

Obwohl sie die Freunde, die sie in Ägypten kennengelernt hatte, nicht mehr sehr oft sah, da jeder sein eigenes Leben lebte, waren sie einander dennoch verbunden geblieben. Sie standen sich sogar besonders nah, denn die gemeinsame Erfahrung der Ausgrabung, Henry Tomlinsons Tod und die anschließende Flucht aus der Wüste mitten in der Nacht unter dubiosen Umständen, hatte sie zusammengeschweißt.

Sie hatte ihr Studium schließlich abgeschlossen und einen Teilzeitjob in einer angesehenen Detektei in der Stadt angenommen, während sie überlegte, welchen beruflichen Weg sie in der Zukunft einschlagen wollte. Für den Moment fühlte es sich dort richtig an. Aber sie musste bald eine Entscheidung treffen, doch obwohl sie kontinuierlich auf ihre Ziele hinarbeitete, hatte sie das Gefühl, auf irgendetwas zu warten.

„Gleich geht es los“, sagte Jensen zu ihr und löste die Umarmung, um Harleys Gesicht zu mustern. Dann bemerkte er auf einmal, dass noch jemand im Tempelsaal war.

Er gab Micah Fox hastig die Hand. „Tut mir leid. Wie unhöflich. Ich habe Sie gar nicht gesehen. Ich bin Jensen Morrow.“

„Micah Fox“, erwiderte der andere. „Wir haben nach dem Tod von Henry Tomlinson am Telefon schon mal miteinander gesprochen.“

„Ach, das waren Sie?“, fragte Jensen. „Wow. War ich ausweichend oder unhöflich damals? Wenn ja, dann war das nicht meine Absicht. Es ist nur … Sie waren nicht dabei in jener Nacht. Wir haben Henry gefunden … wobei, ich sollte wohl eher sagen, Harley hat Henry gefunden … und noch bevor der Gerichtsmediziner eintraf, hieß es, dass Rebellen in der Nähe sind und wir das Lager so schnell wie möglich abbrechen müssten. Harley und ich sind fast durchgedreht. Wir waren so bestürzt und fassungslos …“ Er verstummte.

„Sie hätten an der Situation nichts ändern können“, entgegnete Micah.

„Sie sind vom FBI, oder? Ich schätze mal, wenn Sie schon nichts herausfinden oder bewirken konnten, konnten Harley und ich es erst recht nicht. Die Sache ist nur – und das ist es, was mir einfach nicht in den Kopf will – es war kein abgeschlossener Raum. Ich meine, wenn er sich tatsächlich mit irgendwelchen Bakterien infiziert hat, wieso hat es dann nur ihn erwischt? Haben Sie offiziell in dem Fall ermittelt?“

„Nein, ich war nur wegen Henry dort“, erwiderte Micah.

„Special Agent Fox war einst auch Henrys Student“, erklärte Harley rasch.

Jensen bedachte Harley mit einem Seitenblick. „Ich glaube, wir waren die Letzten, die ihn gesehen haben. Lebend, meine ich. Harley hatte ihn überreden wollen, mit uns auszugehen. Aber Sie kennen ihn ja. Er hatte nie Feierabend.“

„Nein, Henry hatte nie Feierabend.“ Er zögerte und räusperte sich dann. „Ich glaube, es geht gleich los.“

„Gehen wir.“ Harley nahm Jensens Hand und nickte Micah zu. Es war albern, aber plötzlich hatte sie Angst, dem Mann zu nah zu kommen. Er strahlte nicht nur Stärke aus, sondern brachte auch Wärme in ihre kalte Welt.

Sie lief bereits Gefahr, ihren Gefühlen nachzugeben, all der Traurigkeit, der Trauer und der Wut … und das an einem Abend wie diesem … mit einem Mann wie ihm.

Sie spürte, dass Micah ihnen hinterhersah.

Sie fragte sich, was er wohl dachte.

Harley Frasier war wirklich eine attraktive Frau, dachte Micah, als er ihr hinterhersah. Er hatte sie schon eine ganze Weile beobachtet, bevor er sie schließlich angesprochen hatte. Es war offensichtlich, dass Henry ihr wirklich etwas bedeutet hatte, und er wusste auch, wie viel sie Henry bedeutet hatte.

Laut Craig hatte sie wundervolle Eltern, einen großartigen, älteren Bruder und rüstige Großeltern. Micahs Eltern waren beim Einsturz einer Brücke ums Leben gekommen, als er noch ein Kind gewesen war. Seine Tante Jane hatte ihn daraufhin großgezogen.

Henry Tomlinson war daher wie ein Vater oder Großvater für ihn gewesen. Er hatte seine Begeisterung für Ägyptologie mit Henry teilen können. Henry hatte allerdings eine Familie gehabt, die er geliebt hatte. Er hatte zwar nie geheiratet, doch er hatte ein enges Verhältnis zu seiner Nichte und seinem Schwieger-Neffen, und er war verrückt nach deren Kindern.

Er hatte Micah einmal Bilder von einem ungewöhnlichen Kanopenkrug geschickt und zeitgleich noch welche von den Kindern mit ihrem neuen Welpen. Das war typisch Henry gewesen.

Micah fragte sich, ob er sich hier in ein sinnloses Unterfangen verstieg. Was, wenn die Wahrheit über Henry Tomlinsons Tod nie ans Licht kommen würde?

Micah war sofort nach Kairo geflogen, um Henrys Tod zu untersuchen, und danach nach Rom, wo das Alchemy-Team kurz zwischengelandet war. Die Kommunikation hatte allerdings nur übers Telefon stattgefunden, denn er hatte immer einen Tag hinterhergehinkt, und als er endlich wieder in den Staaten angekommen war, war schon zu viel Zeit verstrichen gewesen.

Henry war eingeäschert worden, so wie er es seiner Nichte für den Fall seines Todes aufgetragen hatte. Daraufhin war es natürlich zu spät gewesen, um Experten einzuschalten.

Doch wieso sollte jemand einen Gelehrten wie Henry töten wollen? Der Mann hatte nie etwas für sich beansprucht. Er hatte nie auch nur das kleinste, unbedeutendste Artefakt beiseitegeschafft. Ihm war es immer nur darum gegangen, die Schätze mit der ganzen Welt zu teilen.

Männer und Frauen standen in Pärchen und Grüppchen im großen Foyer herum und plauderten, während in Schwarz und Weiß gekleidete Kellner und Kellnerinnen Tabletts mit Häppchen und Champagnerflöten herumreichten.

Viele der Gäste waren als Förderer des Museums hier. Es waren auch einige Politiker eingeladen, darunter auch der Bürgermeister.

Doch keiner von ihnen interessierte Micah.

Er überflog die Menge und beobachtete nur die Personen, um die es ihm ging.

Arlo Hampton – jung, sympathisch, groß und schlank. In seinem Anzug war er auf jungenhafte Weise attraktiv. Er unterhielt sich gerade mit einem ägyptischen Würdenträger. Ned Richter und seine Frau Vivian – er so kernig und sie so winzig, beide lächelnd – plauderten momentan mit dem Bürgermeister. Zwischen einem alternden Broadway-Regisseur und seiner jüngsten Muse, befand sich Belinda Grey, allerdings ohne ihren Verlobten, der noch immer beim Militär war. Er sah auch Roger Eastman, schlank und drahtig, und mit dicken Brillengläsern, der gerade mit den Händen gestikulierte, während er lautstark über eine technische Neuerung bei den Sicherheitsvorkehrungen für wertvolle historische Objekte schwadronierte. Auf der anderen Seite des Raumes, inmitten eines Pulks junger weiblicher Azubis, stand Joe Rosello. Joe war breit gebaut wie ein Footballspieler, hatte volle dunkle Locken und ein sehr weißes Lächeln.

Micah hatte sich über jeden Mitarbeiter, der in den letzten Tagen der Ausgrabung dabei gewesen war, intensiv informiert. Es war nicht leicht gewesen, etwas über die ägyptischen Helfer herauszufinden. Da sie aber keine Archäologen waren, hatten sie keinen Zutritt zu dem Sicherheitsbereich gehabt, in dem sich das Zelt befand. Trotzdem hatte er sein Bestes gegeben. Doch sein Gefühl sagte ihm, dass der Schuldige nicht in Ägypten zu finden war, sondern unter denen, die Henry nahegestanden hatten.

Warum? fragte er sich erneut. Warum hätte irgendjemand Henry umbringen wollen? Wenn ihm doch nur ein Motiv einfallen würde …

„Micah?“

Er drehte sich um. Er hatte nicht damit gerechnet, hier viele Leute zu kennen. Doch sein Name wurde von einer zarten Stimme ausgesprochen, die er sogar ziemlich gut kannte.

Es war Simone Bixby, Henry Tomlinsons Nichte.

Simone war Mitte dreißig, eine strohblonde Frau, die noch immer etwas Mädchenhaftes an sich hatte. Sie war klein, schlank und blauäugig. Sie wurde von ihrem Mann Jerry, einem Banker, begleitet.

Micah begrüßte die beiden.

„Danke, dass du auch gekommen bist, und danke für alles, was du getan hast“, sagte Simone. „Es ist immer noch schwer zu akzeptieren.“

„Das ist es“, bestätigte Micah.

„Aber heute“, unterbrach Jerry ihn heiter, „sind wir hier, um sein Lebenswerk zu ehren.“

„Ein unglaubliches Lebenswerk“, bestätigte Micah.

„Oh, seht nur, da ist Arlo Hampton“, sagte Jerry. „Micah, reden wir später weiter? Simone, wir müssen uns mit ihm unterhalten.“

„Bitte entschuldige uns“, sagte Simone.

„Natürlich!“, erwiderte Micah. Sie verabschiedeten sich und er sah sich weiter im Saal um.

Sie waren alle gekommen. Studenten, Verwaltungsangestellte, Ägyptologen, Beamte der Stadt, Museumsmitarbeiter, und sogar eine exotische Frau mit dunkler Haut und fast tintenschwarzem Haar, die gerade mit Simone und ihrer Familie sprach, während Arlo daneben stand.

Das war Yolanda Akeem. Sie waren sich in Kairo kurz begegnet. Sie war die Vertreterin des ägyptischen Ministeriums für Altertümer. Sie hatte ihm in Kairo alle Informationen gegeben, die sie hatte, aber es waren leider nicht viele gewesen. Nur ein schlampiger Autopsie-Bericht und ein Vortrag über die Gefahren des Nahen Ostens. Er hatte kaum zugehört, denn zu dieser Zeit waren Henrys Leiche und die Teilnehmer der Expedition längst fortgeschafft worden, und er war ihnen so schnell wie möglich gefolgt.

Plötzlich sah er Harley Frasier. Sie hatte ein Lächeln auf den Lippen, als sie mit Gordon Vincent, dem Museumsdirektor, sprach. Doch ihr Lächeln wirkte gezwungen. Jensen war bei ihr, ebenfalls lächelnd und plaudernd. Er hingegen wirkte etwas zu sehr darauf bedacht, seinen Charme spielen zu lassen.

Dabei hatte er das gar nicht nötig, schließlich besaß er den Job im Museum schon längst.

Harley hingegen arbeitete immer noch für Fillmore Investigations, eine große Detektei und Sicherheitsfirma, die für ihre enge Verbindung zum NYPD und anderen Vollzugsbehörden bekannt war.

Der FirmengründerEdward Fillmore hatte als Kind nur knapp eine Entführung überlebt. Sein Anliegen war es deshalb, dass alle Ermittler, egal, ob privat oder staatlich, zum Wohle der Opfer zusammenarbeiten sollten. Da Micah aus ähnlichen Gründen zum FBI gegangen war, mochte er den Mann, ohne ihn zu kennen. Micah freute sich, dass Harley sich für eine so angesehene Detektei entschieden hatte. Obwohl ihn das natürlich nichts anging. Aber ihre Stimme am Telefon vor über einem Jahr hatte irgendetwas in ihm ausgelöst, und jetzt hatte er sie das erste Mal gesehen.

Jeder, der halbwegs bei Sinnen war, würde sie attraktiv und bezaubernd finden.

Er jedenfalls war bezaubert und beeindruckt von ihr, obwohl er sie kaum kannte …

Er zwang sich, den Blick von Harley loszureißen und die anderen Menschen im Saal zu beobachten.

Er hielt sich die ganze Zeit im Hintergrund und sah dem Treiben schweigend zu, bis er bemerkte, dass ein Freund eingetroffen war.

„Ich muss zugeben, ich hab schon damit gerechnet, dich hier zu treffen“, begrüßte ihn Craig Frasier.

Micah lächelte, ohne ihn anzusehen. „Ich schätze, ich bin auch nicht überrascht, dich hier zu sehen.“

„Ich kann doch nicht zulassen, dass du dir Schwierigkeiten einbrockst“, murmelte Craig.

„Ich bin nur hier, um einem alten Freund die Ehre zu erweisen“, sagte Micah.

„Den Teufel tust du.“ Craig lächelte grimmig. „Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, was du jetzt noch zu entdecken hoffst.“

Endlich wandte Micah ihm das Gesicht zu und lächelte schief. „Es würde helfen, wenn jemand plötzlich von seinem schlechten Gewissen übermannt wird und zugibt, dass er durchgedreht ist und Henry ermordet hat.“

„Das wird aber nicht passieren.“

„Ich weiß.“

„Und?“

„Keine Sorge. Ich werde deine Cousine nicht belästigen“, erklärte Micah.

„Ich mache mir keine Sorgen. Ich glaube sogar, es würde euch beiden ganz guttun, euch mal in Ruhe zu unterhalten. Vielleicht findest du ja doch noch etwas heraus. Alles war damals so überstürzt und politisch motiviert. Ja, ihr solltet euch auf jeden Fall unterhalten.“

„Du sagst das, als würdest du die offizielle Version ebenfalls anzweifeln“, erwiderte Micah leise.

„Weil ich das auch tue. Ich bin überzeugt davon, dass etwas vertuscht wurde.“

„Aber nicht von der Regierung“, warf Micah ein.

„Sondern?“

Er sah ihn ernst an. „Von Alchemy.“

Craig hatte keine Gelegenheit, darauf zu antworten, denn Arlo Hampton ergriff nun auf einem kleinen Podium in der Mitte des Foyers das Mikrofon. Er räusperte sich und sagte: „Meine Damen und Herren, Freunde des Museums, Freunde der Forschung und der Wissenschaft und Freunde der Stadt New York!“

Es dauerte einen Moment, bis alle aufhörten zu reden und ihm zuhörten. Jemand schlug mit einer Gabel oder einem Löffel an ein Champagnerglas, dann wurde es endlich still im Saal.

„Wir möchten Sie zu unserer verblüffenden neuen Ausstellung begrüßen, die wir einem wahrhaft genialen Mann verdanken. Einem brillanten, großzügigen, gütigen Mann, dessen Name ab jetzt unsere Museumsmauern zieren wird: Dr. Henry Tomlinson. Wer Henry kannte, liebte ihn. Er war ein Gelehrter, aber er war auch zutiefst menschlich und liebte seine Familie und seine Freunde. Niemand verstand sich so auf die Ägyptologie wie Henry …“

Ein plötzlicher Aufschrei im Publikum ließ ihn verstummen. Alle drehten sich erschrocken um.

Jemand war die Treppe aus dem Untergeschoss heraufgekommen und schwankte jetzt durch die Menge.

Jemand, der als groteske Mumie verkleidet war und wie in einem schlechten Gruselfilm umhertaumelte.

War das eine Show-Einlage zur Eröffnungsfeier?

Nein, ganz bestimmt nicht, denn Arlo brummte ein verärgertes „Verzeihen Sie!“, stieg vom Podium herab und näherte sich der Mumie, die jetzt genau auf ihn zu torkelte.

„Was wird hier gespielt?“ Micah und Craig standen nah genug, um Arlos Worte hören zu können. „Richter, sind Sie das etwa? Sie Idiot!“

Doch es war nicht Richter, das wusste Micah sofort. Richter war viel korpulenter als diese zarte, schlanke Person im Mumiengewand.

Ned Richter zumindest!

Das Telefon in der Hand, stürzte Micah auf die Mumie zu und wählte dabei bereits den Notruf.

„Entfernen Sie sofort die Binden! Machen Sie schnell!“, befahl er.

Die Mumie brach vor ihm zusammen.

Micah konnte den eingewickelten Körper gerade noch auffangen, bevor er zu Boden sank.

So schnell er konnte, begann er, die Binden zu entfernen.

Vivian Richter blickte kurz zu ihm auf, doch dann durchlief ein Schauer ihren Körper und sie schloss die Augen.

Micah wusste instinktiv, dass die Binden mit irgendeinem Gift getränkt worden waren.

2. KAPITEL

Nun herrschte heilloses Chaos.

Harley war zutiefst bestürzt, dass Vivian Richter so schwer verletzt und dem Tod nur knapp entronnen war.

Sie war zwar fest eingewickelt gewesen, doch die äußeren Binden waren verrottet und lösten sich bereits auf. Sie stammten offenkundig von einer echten Mumie. Die inneren Binden hingegen waren neu – diese Art von Leinen benutzte das Museum für Vorführungszwecke.

Vivian wimmerte und stammelte unverständliches Zeug. Eine Frau im Saal war Ärztin – eine Podologin zwar, aber sie hatte immerhin Medizin studiert. Sie kniete neben Vivian und telefonierte gerade mit den Sanitätern, die bereits unterwegs waren.

Special Agent Fox hatte sofort die Kontrolle übernommen und erklärte den Saal zur Sperrzone, die niemand verlassen durfte.

Harley war unglaublich froh, dass Craig hier war. Er und Micah beruhigten die Leute, teilten sie in Gruppen ein und befragten sie, beide auf der Suche nach Antworten.

„Sie wird sterben! Sie wird sterben!“, rief Simone Bixby, Henry Tomlinsons Nichte, aufgelöst. Harley sah, dass Micah Fox zu ihr eilte, ihr beruhigend einen Arm um ihre Schultern legte und sie zu einem Stuhl führte.

Inzwischen war natürlich auch der Sicherheitsdienst des Museums eingetroffen, ebenso wie die Polizei.

Alle redeten gleichzeitig. Micah und Craig hatten die Leute, je nachdem, in welchem Verhältnis sie zum Museum standen, eingeteilt. Manche waren Museumsangestellte, manche Ehrengäste. In einer Ecke befanden sich die Teilnehmer der Expedition. Harley stand neben Belinda Gray, Joe Rosello, Roger Eastman und Jensen Morrow sowie dem Alchemy-Archäologen Arlo Hampton.

Ned Richter saß zusammengekauert auf dem Boden neben seiner Frau.

Es schien ewig zu dauern, dabei vergingen in Wirklichkeit nur wenige Minuten, bis weitere Sirenen die Nacht zerrissen und Notfallsanitäter in den Saal stürmten. Ned Richter durfte seine Frau begleiten. Es wurde eine neue Gruppe gebildet, mit Arlo Hampton und allen, die intensiver mit der Ausstellung zu tun hatten. Gäste, die gerade erst gekommen waren, wurden kurz befragt und dann weggeschickt.

Alle, die mit der Vorbereitung des Abends zu tun gehabt hatten, standen in einer anderen Gruppe. Jeder Einzelne von ihnen wurde verhört, bevor er nach Hause durfte.

Überall im Museum waren jetzt Polizeibeamte und Leute von der Spurensicherung. Sie verteilten sich in den Ausstellungssälen, Personalbüros und Präparierungsräumen.

„Bedauerlich, dass wir die Feierlichkeiten unterbrechen mussten“, meinte Joe mit enttäuschter Miene, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. „Was für eine Verschwendung an Essen und Wein.“

„Joe! Was stimmt denn bloß nicht mit dir?“, rief Belinda tadelnd.

„Ach, komm schon. Vivian Richter ist doch eine Dramaqueen“, meinte Joe.

„Sie stirbt vielleicht“, erwiderte Roger leise.

„Denk an meine Worte. Sie wird nicht sterben“, widersprach ihm Joe.

„Angeblich ist es Gift gewesen“, warf Roger ein. „Irgendeine Art Gift an den Binden.“

„Es geht ihr wirklich sehr, sehr schlecht“, sagte Jensen. „Diese halb verwesten Binden … wer weiß, wo die her sind … oder was noch daran klebt?“

„Oder ob sie präpariert worden sind“, ergänzte Roger. „Dann wäre sie vergiftet worden.“

Alle schwiegen für eine Minute.

„Sie hätte tot sein können … genauso wie Henry Tomlinson“, flüsterte Belinda.

Wieder schwiegen alle.

„Vielleicht wird sich ja jetzt außer mir noch jemand dafür stark machen, herauszufinden, was Henry wirklich zugestoßen ist“, sagte Harley leise.

Heute Abend hatte sie immerhin entdeckt, dass tatsächlich noch jemand auf ihrer Seite stand. Der Ermittler mit der tollen Stimme, Craigs Freund, Micah Fox.

„Okay, okay“, entgegnete Belinda. „Damals habe ich nicht darauf gedrängt. Ich meine, was macht es auch schon für einen Unterschied? Die Todesursache war – laut zwei verschiedenen Rechtsmedizinern – dass es irgendwelche Bakterien waren, die ihn wahnsinnig gemacht und in den Selbstmord getrieben haben.“

Die Antwort auf ihre Ausführungen war ein erneutes Schweigen.

„Was hätten wir denn bitteschön tun sollen?“, jammerte Belinda. „Wir hatten doch keinerlei Handhabe. Rebellen sind auf das Camp zugesteuert, und alle wollten uns nur noch da raushaben!“

„Damals hat keiner von uns wirklich geglaubt, dass er sich selbst umgebracht hat“, meinte Jensen schließlich.

„Aber wir haben alle klein beigegeben.“ Roger klang bekümmert. „Bis auf Harley, und die haben wir quasi mundtot gemacht“, fügte er entschuldigend hinzu. „Aber mal im Ernst, was hätten wir denn tun sollen? Irgendwelche irren Aufständischen hatten uns im Visier. Tut mir leid, aber ich wollte nicht sterben. Mir war zu diesem Zeitpunkt egal, ob die Beweise korrekt aufgenommen wurden – ich wollte nur noch da raus! Am Ende haben wir wohl alle die offizielle“ – er malte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft – „Version geglaubt. Es war eben einfacher und …“

„Miss Frasier!“

Harley wurde aufgerufen. Es war ein Beamter in Zivil, dem der Fall offenbar zugewiesen worden war. Er war dünn und wirkte verhärmt, sein Partner hingegen war korpulenter, hatte ein Milchgesicht und ein breites Lächeln. Sie hießen McGrady und Rydell. Rydell war der mit dem Lächeln.

Doch sie würde garantiert nirgendwo allein hingehen. Es war ihr ein Rätsel, wie Craig immer so schnell mitbekam, wenn sie in Schwierigkeiten steckte, und heute Abend war er auch noch mit Micah Fox hier, der Ermittler, der sie damals angerufen hatte – und sie zu Beginn des Abends angesprochen hatte. Was, wenn sie mit ihm gesprochen hätte, als er es wollte?

Hätte die Katastrophe des heutigen Abends dann verhindert werden können?

Hatten die heutigen Ereignisse überhaupt etwas damit zu tun?

Sie wurde in ein Büro des Museums geführt, das die Polizei besetzt hatte, und spürte ihren Cousin und den mysteriösen Micah Fox eher hineinkommen, als dass sie es sah.

Die beiden setzten sich nicht, sondern begaben sich hinter Harley in Stellung.

McGrady setzte sich hinter den Schreibtisch und fragte streng: „Miss Frasier, in welchem Verhältnis stehen Sie zu dem Museum, der Expedition und der verletzten Frau?“

„Ich war bei der Expedition damals dabei. Mit Vivian habe ich eigentlich nichts zu tun“, erwiderte Harley. „Vivian ist mit Ned Richter verheiratet, der ein hohes Tier bei Alchemy ist. Alchemy hat die gesamte Expedition finanziert. In der Sahara waren wir alle ziemlich eng miteinander in Kontakt – nicht, dass wir eine andere Wahl gehabt hätten.“

„Dann kannten Sie die anderen also gut!“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich sie gut kannte. Wir waren halt … Kollegen.“

„Aber Sie mögen Mumien, stimmt’s? Alles, was alt und ägyptisch ist?“, fragte McGrady.

„Ja, natürlich. Ich finde diese Kultur faszinierend.“

„Wäre es dann nicht ein toller Streich, jemanden zu überwältigen und ihn in vergiftete Leinenbinden einzuwickeln. Wie eine Mumie?“

„Was?“, platzte Harley empört hervor.

McGrady beugte sich vor und wedelte mit einem Stift vor ihrer Nase herum. „Sie waren es doch damals auch, die Henry Tomlinson entdeckt hat, richtig?“

Das war zu viel.

Harley hörte hinter sich einen Aufschrei von Craig oder Micah Fox, sie war sich nicht sicher.

Aber egal. Sie konnte – und würde – für sich selbst einstehen. Sie beugte sich vor.

„Ja, ich habe Henry gefunden. Meinen Freund und Mentor. Ich habe ihn gefunden und habe daraufhin einen Aufstand veranstaltet, den sie sich gar nicht vorstellen können. Doch es hat niemanden, der auch nur irgendetwas zu sagen hatte, geschert. Erst hieß es, die Rebellen kommen! Unser Leben zu retten war wichtiger als die Wahrheit über den Tod dieses guten Mannes herauszufinden, was natürlich durchaus stimmte. Dafür hatte ich ja noch Verständnis! Aber dann gab es keine richtige Autopsie und seine Nichte ließ ihn einfach einäschern … und jetzt befragen Sie mich plötzlich zu Henry und zu Vivian Richter. Sie haben vielleicht Nerven! Ich bin heute Abend hergekommen, um Henry zu ehren. Ich habe die Ausstellung vor heute Abend nicht gesehen und seit unserer Rückkehr hatte ich nichts mit Alchemy zu tun. Ich schlage also vor, dass Sie stattdessen lieber mit den Leuten reden, die etwas mit Alchemy und der Ausstellung zu tun haben.“

Alle im Raum schwiegen, doch dann glaubte Harley ein ganz leises „Bravo“ zu hören.

McGrady räusperte sich. „Tut mir leid, Miss Frasier, aber Ihnen ist doch wohl bewusst, dass Vivian Richter lebensgefährlich … nun, möglicherweise ermitteln wir hier sogar in einer Mordsache.“

„Und ob Sie in einer Mordsache ermitteln, denn Dr. Henry Tomlinson wurde ermordet. Wir sollten beten, dass Vivian überlebt, aber wir sollten trotzdem nach einem Mörder suchen. Haben Sie sonst noch Fragen?“, wollte Harley wissen.

„Haben Sie Vivian heute Abend gesehen?“

„Nein.“

„Aber Sie waren doch früher hier, oder?“

„Nur ein paar Minuten. Ich habe mir den Tempel angesehen.“

„Der bis zur offiziellen Ausstellungseröffnung morgen gesperrt ist.“

„Ich durfte hinein, weil ich bei der Expedition mit dabei war.“

„Waren Sie auch in der Nähe des Bereichs, wo die Ausstellungsstücke präpariert werden?“

„Ja.“

„Wo auch Vivian war?“

„Möglicherweise.“

„Aber Sie haben sie dennoch nicht gesehen. Wen haben Sie denn gesehen?“

„Nur Jensen. Jensen Morrow. Er arbeitet hier – oh, und Special Agent Fox.“ Sie drehte sich zu ihm um. Er und Craig standen hinter ihr wie ein Paar ägyptische Wächter. Fast musste sie lächeln, aber nur fast. Sie konnte einfach nicht fassen, dass dieser Detective sie hier gerade verhörte, während man ihr zuvor immer jede Hilfe verweigert hatte!

„Special Agent Fox?“, fragte McGrady.

„Ich war fünf Minuten nach Miss Frasier hier. Man sagte mir, sie sei zum Tempel gegangen. Ich wollte mit ihr noch einmal über den Tod von Henry Tomlinson sprechen, deshalb bin ich ihr direkt gefolgt. Wir unterhielten uns noch, als ihr Kollege Jensen Morrow auftauchte. Genau wie sie gerade ausgesagt hat“, erklärte Micah Fox.

McGrady stand auf.

„Na schön. Miss Frasier, Sie können jetzt gehen.“

Harley stand auf und starrte ihn an. „Ich bin froh, dass ich gehen darf, aber vielleicht würden Sie mir freundlicherweise vorher noch sagen, wie es Vivian geht. Wir stehen uns vielleicht nicht nah, aber wir haben dennoch eng zusammengearbeitet.“

McGrady seufzte. „Sie hält sich wacker. Die Ärzte behandeln gerade die Folgen der Vergiftung.“

„Was für ein Gift war es denn?“

„Es handelt sich hier um eine laufende Ermittlung. Diese Information darf ich Ihnen nicht geben, selbst wenn ich es wüsste.“

„Ich verstehe. Danke.“

Craig öffnete die Tür, und Harley marschierte hinaus. Er und Micah folgten ihr. Sie meinte McGrady murmeln zu hören: „Und nehmen Sie Ihre FBI-Agenten mit.“

„Nicht gerade kooperativ“, meinte Craig. „Normalerweise klappt die Zusammenarbeit mit dem NYPD immer ausgezeichnet.“

„Vielleicht ist er ja sauer, weil er noch nicht weiß, womit er es hier zu tun hat. Noch ist es zu früh, um zu wissen, was passiert ist“, meinte Micah.

Harley drehte sich blitzschnell um und funkelte ihn böse an. „Seien Sie doch nicht albern“, fuhr sie ihn an. „Wir beide wissen mit absoluter Sicherheit, dass Henry Tomlinson ermordet wurde. Dann wird Vivian Richter plötzlich in vergiftete Mumienbinden gewickelt, und wir wissen nicht, was passiert ist? Offensichtlich hat jemand versucht, sie umzubringen!“

Craig packte sie an den Schultern. „Harley! Hör auf, Micah ist auf deiner Seite.“

Rydell, der nette Cop mit dem Milchgesicht, ging nun auf Jensen Morrow zu. Er war der Nächste auf der Liste, dachte Harley. Wie dumm von den Cops.

Jensen war mit ihr zusammen und gar nicht im Camp gewesen, als Henry Tomlinson ermordet worden war. Die waren alle einfach nicht clever genug, um zu begreifen, dass es einen Zusammenhang gab. Doch sie mussten es erkennen, bevor noch jemand starb.

Doch Craig hatte recht, sie durfte ihren Frust nicht an Micah Fox auslassen.

Warum war sie nur so feindselig ihm gegenüber?

Er versuchte doch nur, ihr zu helfen. Er …

Er behauptete, die Wahrheit erfahren zu wollen, und er schien auch über die nötigen Mittel zu verfügen, diese herauszufinden. Es war einfach zu schön, um wahr zu sein, und deshalb wagte sie es nicht, sich darauf einzulassen, denn die Vorstellung, einen Verbündeten zu haben, war so … fremd! Er war schließlich beim FBI – und trotzdem auf ihrer Seite. Es fühlte sich gut an. Nach all der Zeit fühlte sich das richtig gut an.

„Tut mir leid“, murmelte sie.

Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, da kam Kieran Finnegan, die Freundin von Craig, herbeigeeilt. „Draußen wartet ein Wagen. Komm, ich bring dich nach Hause.“

„Aber …“

„Es gibt nichts, was Sie heute noch tun könnten, Harley“, sagte Micah Fox.

„Lass uns gehen“, sagte Kieran sanft.

Sie nickte. „Danke“, sagte sie zu Craig und Micah, dann ließ sie sich von Kieran nach draußen führen.

Ein heller Sedan wartete vor dem Museum. Kieran hatte kein Auto, deshalb vermutete Harley, dass der Fahrer vom FBI war, und Micah oder Craig ihn bestellt hatten.

Sobald sie neben Kieran im Wagen saß, bereute sie, dass sie gegangen war. „Ich hätte dortbleiben sollen. Ich hätte die Ausstellungsstücke untersuchen sollen und die Präparationsräume. Ich war schließlich bei der Expedition dabei und weiß, was entdeckt wurde. Ich habe das Grab gesehen, nachdem es geöffnet wurde. Ich war es, die Henry gefunden hat.“

„Du könntest dort überhaupt nichts tun. Niemand darf die Ausstellungs- und Büroräume betreten, bis der Tatort gesichert ist. Wenn Vivian Richter überlebt, was wir natürlich alle hoffen, erinnert sie sich vielleicht an etwas, das uns hilft.“

„Aber McGrady ist vom NYPD, er hält bestimmt Informationen vor Craig und Agent Fox zurück.“

„Craig wird mit seinem Chef sprechen. Sein Chef wird den Polizeichef oder den Bürgermeister oder irgendjemand anderen anrufen, und sie werden alle nötigen Informationen kriegen“, erklärte Kieran zuversichtlich.

Harley lehnte sich für einen Moment zurück und fühlte sich plötzlich sehr müde.

Sie schloss die Augen, öffnete sie dann wieder und sah zu Kieran hinüber. Kieran wusste natürlich über alles Bescheid, was während und nach der Expedition in der Sahara bei der Suche nach dem Grab des Amunmose vorgefallen war. Als Polizeipsychologin konnte sie nicht viel erschüttern.

„Verrat mir … was hältst du von alldem?“, fragte sie Kieran. „Wer hätte Henry Tomlinson töten wollen? Beziehungsweise, wer hätte sich als Mumie verkleidet, um ihn zu töten, und dann auch noch Vivian Richter?“

„Möglicherweise haben die beiden Vorfälle ja gar nichts miteinander zu tun“, meinte Kieran.

„Oh, bitte! Erzähl mir nicht, dass Henry nicht ermordet wurde, oder, dass ich mir das einbilde, weil ich nicht wahrhaben will, dass er verrückt geworden ist und Selbstmord begangen hat.“

„Das sage ich doch gar nicht. Aber ihr wart in der Wüste, also muss es jemand dort getan haben. Henry ist tot, und vielleicht ist dieser Möchtegern-Mörder hier nur ein Trittbrettfahrer gewesen. Das Problem ist, dass ich diejenigen, die darin verwickelt sind, nicht kenne. Es ist schon schwer genug, sich ein Urteil zu bilden, wenn man die Möglichkeit hat, mit den Leuten zu sprechen und sie zu befragen.“

„Tut mir leid.“

„Davon einmal abgesehen …“

„Ja?“

Kieran lächelte und zuckte mit den Schultern. „Du bist genauso gut ausgebildet wie ich, wenn nicht sogar besser.“

„Ja, aber in anderen Fachgebieten! Ich weiß einfach zu wenig über Psychologie.“

„Du meinst über menschliche Gefühle, wie Eifersucht?“

„Eifersucht? Du meinst irgendjemand wäre gern selbst ein berühmter Ägyptologe?“

„Möglicherweise. Manche Menschen morden auch, weil sie psychisch krank sind. Sie sind Psychopathen oder Soziopathen. Dann gibt es noch die gängigen Motive … Liebe, Gier, Hass und Eifersucht. Wenn du überzeugt davon bist, dass die beiden Vorfälle in Verbindung stehen, ruf dir jeden einzelnen Beteiligten genau vor Augen. Nur du kennst die Dynamik zwischen den verschiedenen Personen, die an der Expedition beteiligt waren.“

„Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass einer von ihnen Henrys Tod herbeigeführt hat. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.“

„Du kannst schon, du willst es nur nicht“, meinte Kieran.

Sie hatten nun die Recter Street und damit das Fabrik-Loft erreicht, das offiziell Harleys Onkel gehörte, der aber meist außer Landes war und die große, mietpreisgebundene Wohnung Harley überließ, bis sie ihre wahre Berufung gefunden hatte.

Der Fahrer sprang aus dem Wagen und hielt Harley die Tür auf. Kieran lehnte sich hinaus, um sich von ihr zu verabschieden.

„Geh nach Hause, leg dich ins Bett und schlaf ein bisschen“, sagte Kieran. „Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus.“

Harley umarmte sie flüchtig und verabschiedete sich dann mit einem Kuss auf die Wange. „Danke fürs nach-Hause-Bringen. Morgen früh bin ich aber wieder an der Sache dran.“

Kieran grinste. „Nichts anderes würden wir von dir erwarten.“ Sie lehnte sich wieder zurück, und der Fahrer schloss die Tür. Er nickte Harley ernst zu und wartete, bis sie sicher an der Haustür angekommen war.

Harley schloss auf und winkte dem Nachtportier zu, der in dem restaurierten zwanzigstöckigen Gebäude gerade Dienst hatte. Dann nahm sie den alten Fahrstuhl in den zehnten Stock. Kurze Zeit später kam sie in ihrem Stockwerk an und betrat das geräumige Loft. Das Gebäude hatte einst eine Textilfabrik beherbergt. Sie hatte über hundert Quadratmeter und Fenster, die vom Boden bis zur Decke reichten, mit Blick auf die Grace Church und über die Stadt. Ein Tresen trennte die Küche vom Ess- und Wohnbereich, und eine schmiedeeiserne Wendeltreppe führte hinauf zu ihrem Schlafzimmer.

Sie war zu Hause und sollte jetzt ins Bett.

Doch sie konnte unmöglich schlafen.

Sie fragte sich, ob Vivian Richter noch lebte. Sie überlegte kurz, ob sie im Krankenhaus anrufen sollte, aber wahrscheinlich würde man ihr sowieso keine Auskunft geben.

Nachdem sie die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hochgestiegen war, zog sie schnell ihr Schlafshirt über und kroch unter die Decke. Doch dann bemerkte sie, dass sie vergessen hatte, die Vorhänge zuzuziehen.

Sie hoffte auf Schlaf, doch ihre Gedanken kehrten immer wieder zu jener Zeit in der Sahara zurück. Es war so ein Privileg gewesen, Teil dieser Expedition zu sein. Sie erinnerte sich daran, was sie alle empfunden hatten, als sie endlich auf das Grab gestoßen waren. Satima Mahmoud – die hübsche ägyptische Dolmetscherin, von der Joe Rosello so angetan gewesen war – war die Erste gewesen, die schrie, als die Arbeiter den Eingang gefunden hatten.

Natürlich war Henry Tomlinson sofort gerufen worden. Er hatte das Siegel geöffnet. Sie hatten alle gelacht und Witze über die Flüche gerissen, die bei solchen Funden dazugehörten, und über die albernen Filme, die es darüber gab.

Bei anderen Expeditionen waren tatsächlich Menschen ums Leben gekommen – als hätte wirklich ein Fluch auf ihnen gelegen. Die Tutanchamun-Geschichte war ein gutes Beispiel dafür. Doch nach allem, was man hörte, gab es mittlerweile eine wissenschaftliche Erklärung für alles, was damals passiert war.

Für fast alles jedenfalls.

Bei ihrem Fund hatte es keine Verwünschungen gegeben. Keine schriftlichen zumindest.

Doch jetzt war Henry tot, und er hatte das Siegel aufgebrochen …

Es war garantiert kein uralter Mumienfluch, der auf ihnen lag. Jemand hatte Henry umgebracht, und dieser jemand war bis jetzt ungestraft davongekommen, weil weder das amerikanische Außenministerium noch die ägyptische Regierung gewollt hatten, dass die Expedition ins Visier von Rebellen geriet. Vernünftigerweise!

Doch jetzt …

Aus irgendeinem Grund handelten die Träume ihres folgenden unruhigen Schlafs nicht von Mumien, Gräbern, Sarkophagen oder Kanopenkrügen … und auch nicht von irgendwelchen Grabbeigaben, goldenen Zeptern, Geschmeiden oder Schätzen.

Stattdessen sah sie Sand. Den endlosen Sand der Sahara. Der Sand wurde aufgewühlt, erhob sich und wirbelte durch die Luft, als sich ihr irgendjemand näherte …

Sie wappnete sich, denn außer dem Sand lagen auch noch Gerüchte in der Luft. Es hieß, die Expedition sollte angegriffen werden und es gab bereits Unruhen in der Gegend. Sie befanden sich immerhin im Nahen Osten!

Doch zu ihrer eigenen Überraschung ging sie durch den aufgewirbelten Sand geradewegs auf das zu, was auch immer sich ihr da näherte.

Dann sah sie plötzlich jemanden.

Den Mörder?

Sie ging weiter auf ihn zu. Hinter dem Mann wogte der Sand, dunkel und schwer wie ein tödlicher Tornado.

Dann sah sie ihn endlich.

Es war Micah Fox!

Sie schreckte aus dem Schlaf auf und fragte sich, ob er tatsächlich ihre Rettung war … oder eine Gefahr. Eine Gefahr für ihr Herz … eine Gefahr, die sie nicht vorausgesehen hatte.

3. KAPITEL

Micah bemühte sich, ruhig zu bleiben; eine Fähigkeit, die er sich auf der Polizeiakademie hart erarbeitet hatte.

Es war früh am Morgen des nächsten Tages, und der New Yorker FBI-Chef Richard Egan hatte ihn zu sich zitiert – allein.

Egan war Craigs direkter Vorgesetzter. Er war ein harter Hund, meinte Craig, aber im besten Sinne. Er besaß die Fähigkeit, in seiner Abteilung für jeden Fall den richtigen Ermittler zu finden.

Außerdem würde er mit Zähnen und Klauen kämpfen, wenn er der Meinung war, dass das FBI in einen Fall miteinbezogen werden sollte, hielt aber ebenso Abstand, wenn er das Gefühl hatte, den örtlichen Behörden in die Quere zu kommen.

Oft wurden sogar gemeinsame Einsatzgruppen gebildet, doch in diesem Fall sah es nicht danach aus. Vielleicht würde das FBI offiziell nicht einmal an den Ermittlungen beteiligt sein. Im Augenblick ging es um einen möglichen Mord, der Tausende von Meilen entfernt begangen worden war, und einen versuchten Mord bei einer Museumseröffnung. Es konnte sich ebenso gut um ein bizarres Ritual oder einen missglückten Streich handeln.

Diverse Morgenzeitungen lagen auf Egans Schreibtisch. Die Schlagzeilen auf den Titelseiten ähnelten alle der ersten, die er las: Mumien erobern New York City!

Egan betrachtete die Zeitungen und schüttelte den Kopf. Micah fand, er wirkte eher bestürzt darüber, dass die Leute bereit waren, diesen Unfug zu glauben, als über die verstörenden Schlagzeilen selbst.

„Sehen Sie sich das nur mal an. Alle spielen verrückt! Gott sei Dank ist diese Frau nicht gestorben. Aber bei dem ganzen Mumien-Hype wird man uns garantiert Druck machen. Die Presse wird nicht aufgeben. Also, nur damit ich das richtig verstehe …“, sagte Egan. „… Sie haben eine Weile nicht gearbeitet?“

„Nein, Sir. Ich hatte Urlaub.“

„Und Sie haben Ihren Urlaub dazu genutzt, um nach Ägypten zu reisen?“

„Ja, Sir.“ Er zögerte. „Das war vor einem Jahr. Ich habe damals ein paar Wochen Urlaub genommen, und jetzt wieder. Ich bin aber nicht krank. Es hatten sich einige Überstunden bei mir angesammelt, und ich arbeite mit einer tollen Truppe. Letztes Jahr …“

Egan wartete.

„Ich hatte gehört, dass Henry Tomlinson, ein alter Freund von mir, unter ungewöhnlichen Umständen ums Leben gekommen war. Deshalb wollte ich mir die Ausgrabungsstätte einmal selbst ansehen, doch als ich dort ankam, war sie schon geräumt. Ich versuchte, seine Leiche ausfindig zu machen, hinkte allerdings immer mehrere Schritte hinterher. Aber das wissen sie ja alles längst.“ Er stockte. „Wie gesagt, ich bin ein Workaholic, Sir.“

„Also arbeiten Sie auch in Ihrem Urlaub?“

„Letztes Jahr wurde ich an der Nase herumgeführt und von Pontius zu Pilatus geschickt. Unsere Leute in Kairo haben mir zwar geholfen, wurden aber ebenfalls abgeblockt und gewisse ägyptische Beamte haben mich wie einen Idioten behandelt. Ich habe die Spuren verfolgt, soweit es ging, aber Henrys Nichte hatte man gesagt, ihr geliebter Onkel sei bei einem schrecklichen Unfall ums Leben gekommen und sie ließ ihn deshalb seinem Wunsch gemäß einäschern. An einem Haufen Asche kann man natürlich keine Obduktion mehr vornehmen.“

„Unsere Leute im Nahen Osten hätten dasselbe getan wie Sie“, versicherte ihm Egan. „Henry war ein guter Freund und er war ein guter Mensch. Sein Tod hätte eine anständige Ermittlung verdient, die er – aufgrund der Umstände, ich weiß – nicht bekam.“

Egan schwieg eine Minute, dann sagte er: „Sie waren heute Nacht ganz zufällig in dem Museum, als eine Frau in einem mit Nikotin vergifteten Mumienkostüm die Feier gesprengt hat?“

„Das war es also: eine Nikotinvergiftung. Aber ich war nicht zufällig im Museum, Sir. Ich war absichtlich dort. Wie gesagt, ich kannte Henry Tomlinson. Ich habe den Mann geliebt und wollte ihm die Ehre erweisen.“

„Und Craig Frasier ist darin verstrickt, weil seine Cousine Harley bei der Expedition dabei war?“

Micah zuckte mit den Schultern, hielt jedoch Egans Blick stand.

„Sie sind ein guter Ermittler, Micah“, sagte Egan nach einer Weile. „Ich habe Ihre Dienstakte gesehen und kenne Ihren Vorgesetzten und ich habe gehört, dass der zuständige Cop ein Depp ist.“ Er grinste. „Und zwar in jeder Hinsicht.“

Überrascht zog Micah die Augenbrauen hoch.

Egan lachte. „Sein Partner Rydell, hat mich angerufen. Er wollte sich für McGradys Benehmen entschuldigen. Der Typ hatte wohl gehofft, es würde ein Mordfall daraus werden, sein Mordfall, und deshalb wollte er das FBI da raushalten.“

„Verstehe.“

„Keine Sorge. Wir übernehmen jetzt die Führung.“

„Wirklich?“ Er hatte beschlossen, ruhig zu bleiben, deshalb gab er sich Mühe, sich seine Überraschung und Freude nicht anmerken zu lassen.

Egan lehnte sich zurück und musterte ihn. „Der Fall hat im Nahen Osten begonnen, das betrifft nicht nur die Stadt New York.“

Micahs Puls raste, doch er bewahrte immer noch Haltung.

„Das ist ausgezeichnet, Sir. Bedeutet das …“

„Ich habe mit Ihrem Büro gesprochen. Sie und Craig können die Ermittlungen gemeinsam leiten. Kennen Sie Craigs Partner Mike? Der braucht dringend Urlaub, und wenn Sie schon mal da sind, werde ich ihm diesen jetzt bewilligen. Ich übertrage Ihnen beiden also hiermit offiziell den Fall. Aber arbeiten Sie weiterhin mit der Polizei zusammen, und auch mit allen anderen Behörden, die darin verwickelt sind. Ich nehme an, wir bekommen es bald auch mit dem Außenministerium und den Botschaften zu tun. Das Opfer von letzter Nacht ist seit ungefähr dreißig Minuten wieder bei Bewusstsein, und ich habe veranlasst, dass Sie und Craig die Befragung übernehmen. Ihr Urlaub ist also vorbei. Ich schlage vor, Sie machen sich direkt an die Arbeit.“

„Jawohl, Sir, danke.“

„Schnappen Sie den Mistkerl!“, sagte Egan.

Micah nickte und wollte gehen.

„Hey!“, rief Egan ihn noch einmal zurück.

„Sir?“ Micah kehrte um.

„Ich habe nicht viel von dem Chaos in Ägypten mitbekommen. Was ist denn aus diesem Aufstand geworden?“

„Der war vorbei, bevor er überhaupt angefangen hatte, soviel ich gehört habe“, berichtete Micah. „Als ich in Kairo gelandet bin, saßen die Mitarbeiter der Expedition längst im Flugzeug und das Militär hatte den Putsch abgewendet. War wohl eher ein Studentenprotest. Jedenfalls war die Sache längst ausgestanden, doch die Expedition hatte bereits alle Zelte abgebrochen. Ich bin zur Ausgrabungsstätte gefahren, aber da gab es nichts mehr zu sehen. Alles war bereits geräumt.“

„Und die Rebellen?“

„Es gab ein paar Festnahmen, doch die meisten sind geflohen, als das Militär auftauchte.“

„Im Nachhinein scheint es übertrieben gewesen zu sein, aber lieber Vorsicht als Nachsicht“, meinte Egan.

„Natürlich“, bekräftigte Micah.

Doch beim Verlassen von Egans Büro fragte er sich zum ersten Mal, ob die Sache mit den Rebellen nicht vielleicht nur vorgeschoben gewesen war, um sicherzustellen, dass Henry Tomlinsons Tod nicht genauer untersucht wurde.

Aber vielleicht trieb er es auch einfach nur zu weit und wurde langsam paranoid.

Vielleicht ging seine ganze Verschwörungstheorie zu weit.

Andererseits … vielleicht hatte es wirklich eine Verschwörung gegeben.

„Was denkst du gerade?“, fragte Jensen.

Harley war wieder zur Amunmose-Ausstellung ins Museum zurückgekehrt. Jensen hatte sie angerufen und ihr erzählt, dass er, solange Vivian im Krankenhaus war, ein wenig Hilfe gebrauchen könnte, also war sie gekommen.

„Die Eröffnung der Ausstellung wurde um einen Tag verschoben“, hatte er ihr morgens am Telefon erzählt. „Aber da Vivian vorübergehend ausfällt und vor allem, da du ein fotografisches Gedächtnis hast und dabei warst, könntest du mir helfen, ein paar Dinge zu erledigen.“

Sie hatte sofort zugesagt.

Jensen hatte ihr erzählt, dass er das Museum in dieser Nacht nicht verlassen hatte. Er sah nicht müde aus, doch er gehörte zu den Menschen, die tagelang durcharbeiten konnten und dann einfach vierundzwanzig Stunden am Stück schliefen, die Nacht durchmachten und dann weiterarbeiteten.

„Ich finde die Ausstellung außerordentlich … so wie Henry“, sagte sie leise.

Sie standen gerade im Tempelbereich, genau dort, wo sie am Abend zuvor auch schon gestanden hatte, als Micah Fox sie angesprochen hatte. Doch sie betrachtete nicht die Ausstellungsstücke, sondern blickte zurück in die Eingangshalle des Museums.

Ein breiter Korridor führte zum Tempelbereich, und vom Hauptsaal aus gingen sechs kleinere Kammern ab. Der Tempel lag im Osten, in Richtung Sonnenaufgang, da er dem Sonnengott Ra gewidmet war. Er war zum Fenster hin offen, damit die Sonne hineinfiel.

„Die Informationen zu Ra, Tutanchamun, Eje und Amunmose findet man dort an der Seite, neben Amunmoses Mumie.“ Diese war in einem kleineren Saal ausgestellt worden, den sie ganz für sich allein hatte. „In den Korridoren steht viel von der sagenhaften Grabeskunst, die wir gefunden haben“, fuhr Jensen fort.

„Verwunderlich, findest du nicht?“, fragte Harley.

„Was meinst du? Dass wir überhaupt etwas gerettet haben, obwohl wir mit eingezogenem Schwanz davongelaufen sind?“

„Mit eingezogenem Schwanz davonzulaufen, war das einzig Vernünftige“, erwiderte Harley. „Doch nach der Identifizierung seines Leichnams durch eine DNA-Analyse hat unsere Entdeckung beweisen können, dass er tatsächlich ermordet wurde.“

„Er wurde erwürgt!“, bestätigte Jensen.

„Genau wie Henry“, murmelte Harley.

„Naja, bei Henry wissen wir es nicht genau.“

„Ich schon.“

Jensen zuckte mit den Schultern. „Was Amunmose angeht, lügt das gebrochene Zungenbein auf dem Röntgenbild jedenfalls nicht.“

„Aber wir haben dennoch keine Ahnung, wer es getan hat.“

„Ich wette, Eje hat es selbst getan.“

„Heutzutage würde er jedenfalls für die Verschwörung zum Mord angeklagt und vor Gericht schuldig gesprochen werden. Ich bin mir sicher, es war seine Idee. Aber wer hat ihn umgebracht und wer hat seinen Leichnam später mit so viel Ehren beigesetzt?“

„Hey, ich bin hier der Ägyptologe!“, beschwerte sich Jensen lächelnd.

„Ja, und ich bin die Kriminologin. Wir müssen herausfinden, wer es war und warum er es getan hat“, meinte Harley.

„Ich denke, wir können davon ausgehen, dass der Mörder inzwischen selbst zu Gott heimgekehrt ist“, meinte Jensen grinsend.

„Ja, Amunmoses Mörder.“

„Ah! Aber nicht Henrys Mörder? Ist es das, was du sagen willst?“

Sie nickte.

„Dein Cousin ist beim FBI, und dieser Micah auch. Sie werden die Wahrheit schon ans Licht bringen. Umso mehr, nachdem das mit Vivian passiert ist“, meinte er zuversichtlich. „Weißt du was? Wir sind ausverkauft. Wir haben heute natürlich nicht wie geplant geöffnet, aber für morgen sind wir restlos ausverkauft. Wir waren immer schon gut besucht, aber seit wir die Mumien haben, sind wir ein echter Hit.“

„Ich hab die Nachrichten gesehen und auch ein paar Zeitungen gelesen. Aber das war keine Mumie. Das war Vivian. Apropos Vivian, wie geht es ihr denn inzwischen?“, fragte Harley.

„Soweit ich weiß, geht es ihr gut. Sie ist bei Bewusstsein und kommandiert bereits das Krankenhauspersonal herum. Sie wird schon wieder.“

„Gott sei Dank. Aber was hat sie zu der ganzen Sache gesagt?“

„Nichts. Sie erinnert sich an gar nichts.

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