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BACCARA JUBILÄUM BAND 3

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Das gewagte Spiel des Millionärs

1. KAPITEL

„Langsam, Baby, wir haben alle Zeit der Welt.“ Cristiano Verón streichelte sanft über Giseles Hals und schmiegte sich eng an sie, während er leise und beruhigend auf sie einredete. Ein letztes Mal bäumte sie sich auf, bis ihre Bewegungen schließlich dem Rhythmus folgten, den er vorgab.

„Genau so“, flüsterte er leise und streichelte weiter ihren Nacken. „Das machst du hervorragend.“

Gisele war sehr folgsam. Warum konnten nicht alle weiblichen Wesen in seinem Leben so sein wie sie? Auch wenn dieser Gedanke zynisch war, lächelte Christiano zufrieden und genoss diesen Moment. Die Luft duftete nach Frühling, und zum ersten Mal seit Wochen spürte er die wärmende Kraft der Sonne. Als er den Ball fixierte und mit dem Schläger ausholte, erfasste ihn ein absolutes Hochgefühl.

Einen Treffer auf dem Polofeld zu landen war fast so gut wie Sex und stand deshalb auf der Liste von Cristianos Lieblingsbeschäftigungen gleich an zweiter Stelle.

Er hatte gar nicht mehr gewusst, wie wunderbar es sich anfühlte, sich etwas Gutes zu tun. Er sehnte sich nach seinem Anwesen in Hertfordshire, auf dem er schon ewig nicht mehr gewesen war. Dios, er vermisste die Stallungen, seine Pferde und die Herausforderung, die dieses Spiel an seine Selbstbeherrschung stellte.

Mit leichtem Druck führte er sein Lieblingspferd elegant an allen Hindernissen vorbei. Sie gehorchte brav. Wären doch nur alle …

Leider wurde er aus seinen Tagträumen gerissen, weil am Spielfeldrand ein ungebetener Gast auftauchte. Aus Cristianos Hoch drohte ein kleines Tief zu werden. Diesmal wartete zwar keine seiner liebestollen Verehrerinnen auf ihn, aber dafür ein Besucher, auf den er ebenso gut hätte verzichten können.

Hugh Harrington, der Verlobte seiner Schwester.

Cristiano verfluchte seinen zukünftigen Schwager innerlich dafür, dass er seinetwegen das Training unterbrechen musste. Grundsätzlich hatte er ja nichts gegen ihn. Das Einzige, was ihn manchmal wahnsinnig machte, war dieser übertriebene Eifer, den Hugh andauernd an den Tag legte. Warum gab der Kerl sich nicht einfach damit zufrieden, Amandas Herz in rasender Geschwindigkeit erobert zu haben? Nein, auch auf dem Polofeld musste er offenbar immer wieder beweisen, was für ein Draufgänger er war. Manchmal fiel es Cristiano wirklich schwer, die nötige Gelassenheit für Hughs Ehrgeiz aufzubringen. Hoffentlich war er nicht hier, weil er mit ihm trainieren wollte. Gott sei Dank schien das nicht der Fall zu sein. Der junge Mann mit dem knabenhaften Gesicht trug keine Polouniform, sondern einen eleganten Anzug. Und er schaute ziemlich zerknirscht drein.

Bitte nicht noch ein Hochzeitsdrama, flehte Cristiano innerlich. Das bevorstehende Ereignis hatte mittlerweile lächerliche Ausmaße angenommen. Die Schreckensmeldungen, mit denen Amanda und seine Mutter ihn täglich bombardierten, raubten ihm allmählich den letzten Nerv. Und da Cristiano es war, der täglich neue Schecks ausstellen musste, konnte er sich den hysterischen Anfällen nur schlecht entziehen.

In weniger als einem Monat würde das ganze Theater endlich ein Ende haben. Amanda würde dann nicht mehr im vorehelichen Liebeswahn durch die Gegend rennen, Vivi ihre Suche nach Ehemann Nummer fünf fortsetzen, und das Leben würde endlich wieder so sein wie immer.

Nur noch achtundzwanzig Tage …

Er ritt seinem unliebsamen Besucher entgegen, blieb vor ihm stehen und sah mit skeptischem Blick auf ihn herab. „Ich dachte, du bist in der Provence, um dort ein Anwesen zu begutachten.“

„Schon längst erledigt. Danach bin ich sofort nach Hause geflogen“, antwortete Hugh und bemühte sich um Haltung. Der junge Mann holte tief Luft. „Tut mir leid, dass ich dich an einem Sonntag beim Training störe. Aber ich muss etwas mit dir besprechen. Dauert auch nicht lange.“

„Was ist es diesmal?“ Christiano seufzte. „Sind den Rosen die Köpfe abgefallen, oder den Angestellten vom Partyservice die Hände? Hat irgendeine Brautjungfer plötzlich festgestellt, dass sie schwanger ist?“

Trotz seiner Sonnenbräune sah Hughs Gesicht plötzlich fahl aus. „Leider keine der Brautjungfern“, murmelte er.

„Wer dann? Amanda?“

„Nein, eine andere Frau. Aber ich kenne sie überhaupt nicht“, fügte Hugh hastig hinzu. „Ich weiß nur, dass sie Australierin ist und mir diese schlimme Nachricht auf den Anrufbeantworter gesprochen hat, während ich weg war. Sie behauptet, sie sei schwanger.“

Gisele warf ungeduldig ihren Kopf hin und her. Um sie zu beruhigen, klopfte Cristiano ihr sanft auf den Hals. Sein Blick ruhte fest auf dem jungen Mann, der nervös vor ihm stand und versuchte, die Fassung zu bewahren. „Willst du mir jetzt ernsthaft erzählen, dass diese Frau ein Kind von dir erwartet?“

„Das behauptet sie zwar, aber es ist natürlich absoluter Unsinn.“

„Du hast gesagt, du kennst sie nicht“, sagte Cristiano. Er klang zwar sehr ruhig, machte aber auch keinen Hehl daraus, dass er misstrauisch war. „Soll das heißen, du hast sie noch nie gesehen?“

„Ganz genau weiß ich das natürlich nicht. Du weißt ja, dass ich Anfang des Jahres knapp einen Monat lang in Australien war. Ich musste dort den Verkauf des Hillier-Anwesens abwickeln.“

Als Repräsentant des familiären Auktionshauses war Hugh häufig unterwegs. Doch an diese Geschäftsreise konnte sich Cristiano noch gut erinnern. Bei der Vorstellung, ihren Verlobten einen ganzen Monat lang nicht zu sehen, war seine Schwester von einem dramatischen Liebeskummer gepackt worden, der kaum auszuhalten gewesen war.

„Ich habe dort unzählige Menschen getroffen“, fuhr Hugh fort.

„Und Frauen.“

„Jetzt hör schon auf. Gut möglich, dass ich dieser Frau begegnet bin. Aber selbst wenn. Ich kann mich nicht einmal an ihren Namen erinnern. Seit ich Amanda kenne, interessiere ich mich nicht mehr für andere Frauen. Das musst du mir glauben.“

Allem, was Liebe und Ehe betraf, begegnete Cristiano grundsätzlich mit Sarkasmus. Darum hätte ihm Hughs leidenschaftliches Plädoyer eigentlich gleichgültig sein können. Aber wie hatte sein Stiefvater noch gesagt: Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. „Weiß noch jemand von diesem Anruf?“, fragte er.

Hugh schüttelte den Kopf.

„Hast du Amanda davon erzählt?“

„Machst du Witze? Du hast ja keine Ahnung, wie sehr allein die Hochzeitsvorbereitungen sie mitnehmen.“

Doch. Das wusste Cristiano. Leider.

„Es ist ihr großer Tag. Es darf einfach nichts dazwischenkommen. Was, wenn diese Frau hier plötzlich auftaucht? Einen Tag vor der Hochzeit?“

„Was willst du tun?“, fragte Cristiano. „Ihr Schweigegeld zahlen?“

Hugh sah ihn bestürzt an. Cristiano fragte sich, ob sich sein Schwager in spe überhaupt schon die Mühe gemacht hatte, nach einer Lösung zu suchen. „Keine Ahnung, was ich tun soll“, antwortete Hugh. Cristianos Vermutung war damit bestätigt. „Ich hätte Justin gefragt, aber der ist in New York, um den Ruf von Harrington wiederherzustellen. Ich kann ihm nicht noch mehr zumuten, deshalb bin ich zu dir gekommen. Kannst du mir nicht helfen?“

Natürlich konnte Cristiano das. Er nickte ihm kurz zu. Er hatte großen Respekt vor Justin, Hughs älterem Bruder, der trotz des Todes seiner Frau versuchte, das Familienunternehmen zu retten. Nach allem, was man so hörte, sah es nicht sehr gut aus.

„Warum ausgerechnet ich?“ Hugh schüttelte hilflos den Kopf. „Warum tut sie mir das an?“

Cristiano hätte ihm spontan tausend Gründe nennen können. „Hat sie über Geld gesprochen?“

„Nein. Sie sagte nur, sie versuche, mich zu erreichen. Sie hat sogar ihren Namen buchstabiert. Und dann kam sie gleich zur Sache und erklärte, dass sie schwanger sei.“

„Diese Frau fackelt anscheinend nicht lange.“

„Ich würde sagen, diese Frau ist anscheinend sitzen gelassen worden. Was soll ich denn jetzt machen, Cristiano? Amanda darf auf keinen Fall etwas davon erfahren. Ich kann aber auch nicht so tun, als sei das … das …“ Hugh fuhr sich nervös mit einer Hand durchs Haar und seufzte verzweifelt. „Vielleicht ist das alles ja ein Missverständnis. Eine Verwechselung. Vielleicht sollte ich sie einfach anrufen.“

„Hast du dir ihre Telefonnummer aufgeschrieben?“

Als Hugh ein Stück Papier aus der Innentasche seines Jacketts kramte, bemerkte Cristiano, wie dessen Hand dabei zitterte. Trotz seiner Urlaubsbräune sah Hugh tatsächlich sehr mitgenommen aus, was Cristiano wunderte. Vielleicht hatte sich Hugh, der Playboy, der in der Vergangenheit nie etwas anbrennen ließ – und dem sein Bruder Justin mehr als nur einmal den Hals hatte retten müssen – in Australien doch noch einen Junggesellenabschied gegönnt.

Ein anderes Land, ein paar Drinks zu viel, eine verführerische Schönheit, die nicht lange fackelte …

Und vielleicht erklärte das ja auch, warum er lieber diese Frau anrufen wollte, als sich Amanda anzuvertrauen. Vielleicht spielte Hugh ihm die Unschuld vom Lande vor, weil er hoffte, Cristiano würde die Sache für ihn schon ausbügeln. Hugh wusste genau, dass die Familie für Cristiano heilig war, und dass er alles tun würde, damit seine Schwester glücklich war.

„Könntest du sie nicht für mich anrufen?“, fragte Hugh.

„Hör zu, ich fliege im Juni sowieso nach Australien.“ Cristiano musste nicht lange überlegen. Er begann bereits, einen Plan zu entwickeln. „Am besten, ich treffe diese Frau so schnell wie möglich und rede mit ihr. Dann wissen wir wenigstens genau, was sie will.“

„Das würdest du für mich tun?“

„Nein“, antwortete er trocken. „Nicht für dich. Für Amanda.“

Er beugte sich vor und nahm Hugh den Zettel aus der Hand. Isabelle Browne, las er. Darunter war eine Telefonnummer und so etwas wie ein Firmenname gekritzelt. At Your Service. Zu Ihren Diensten? Fragend blickte er seinen Schwager an. „Eine Begleitagentur? Sag mir jetzt nicht, diese Frau ist eine bessere Prostituierte!“

„Keine Ahnung. Ich habe nur aufgeschrieben, was sie aufs Band gesprochen hat. Kann schon sein, dass das irgendein Firmenname ist. Mir sagt er jedenfalls nichts.“

Hugh neigte den Kopf zur Seite und sah Cristiano vorsichtig an. „Du glaubst mir nicht, oder?“

„Ich glaube erst einmal gar nichts und würde mir lieber meine eigene Meinung bilden.“

„Das heißt also, du versuchst, Isabelle Browne zu finden?“

„Ich werde es nicht bloß versuchen. Ich werde sie finden“, korrigierte Cristiano ihn scharf. „Noch bevor ich meine Schwester zum Altar führe, werde ich herausfinden, ob an der Behauptung dieser Frau etwas dran ist. Solltest du mich anlügen, wird die Wahrheit ans Licht kommen und die Hochzeit platzen.“

„Ich habe nicht gelogen. Ich schwöre es dir, Cristiano.“

„Dann hast du ja auch nichts zu befürchten, nicht wahr?“

Isabelle Browne hatte sich geschlagene vierundzwanzig Stunden eingeredet, sie habe nichts zu befürchten. Der Mann, der sie als Haushälterin engagiert hatte, war Geschäftsführer einer privaten Fluggesellschaft. Wahrscheinlich hatte sie irgendein Kunde seiner Chisholm Air weiterempfohlen – genau diese Art Klientel wandte sich an At Your Service, wenn ein Gast während einer Geschäftsreise in Australien eine erstklassige Haushaltsführung benötigte. Es war nicht das erste Mal, dass sie auf diese Weise eine Anstellung bekam. Denn sie war gut – nein, verdammt gut – in ihrem Job.

Weil er aber eine volle Stunde früher ankam als geplant und sie überhaupt noch nicht mit ihm gerechnet hatte, war sie gegen ihren Willen nervöser als sonst. Isabelle schloss die Augen, atmete tief ein und versuchte, sich zu konzentrieren. Er ist ein ganz normaler Kunde, sagte sie sich wieder und wieder. Er hat Geld und hohe Ansprüche, die sie erfüllen würde. Das war ihr Job.

Allmählich wurde sie innerlich zwar ruhiger, doch es fiel ihr schwer, ihre Neugierde zu bändigen. Isabelle klebte förmlich mit ihrem Gesicht an der Fensterscheibe, damit sie den Mann besser erkennen konnte, der da unten gerade aus dem Auto stieg. Sofort schaltete sie ihren iPod aus und nahm die Kopfhörer ab. Der Partymix hatte sie während der Vorbereitungen im Haus in Schwung gehalten, jetzt aber kamen ihr die schnellen Beats unpassend vor. Das dramatische Stakkato aus Der weiße Hai schien eher das Gebot der Stunde.

Schluss jetzt.

Als sie ihn dabei beobachtete, wie er seinen langen geschmeidigen Körper ausstreckte, fuhr ein Kribbeln durch ihren Magen. Bei seinem Anblick musste sie allerdings weniger an einen menschenfressenden Hai als an eine große Wildkatze denken, die sich behaglich in der Sonne streckte. Sein volles dunkelbraunes Haar glänzte sanft in der Sonne. Seine Hände steckten in weichen Lederhandschuhen. So, wie er über den Vorplatz der großen, im mediterranen Stil erbauten Villa schlenderte, hätte man meinen können, er gehöre hierher. Als Empfangsmusik hätte sie wahrscheinlich ein Stück von Ravel gewählt … Vielleicht aber auch ein paar lateinamerikanische Salsa-Rhythmen. Auf jeden Fall etwas Pulsierendes, Sinnliches; etwas, das den flirrenden, sommerlichen Beat betonte, der ihn zu umwehen schien. Eben etwas, dass einem Mann gerecht wurde, der wie ein römischer Gott aussah.

Ein ganz normaler Kunde? Sie konnte sich ein verblüfftes Lächeln nicht verkneifen. Von wegen.

Allein bei dem Namen Cristiano Verón hätte ihr bereits klar sein müssen, dass sich dahinter jemand verbarg, der sehr viel aufregender war als irgendein durchschnittlicher britischer Firmenboss. Nach ihrem Anruf in London hätte sie bei der Adresse des Kunden und seinem Wunsch, nur Isabelle – und ausdrücklich keine andere als Isabelle – zu engagieren, hellhörig werden müssen.

Kopfschüttelnd versuchte sie, sich zu beruhigen. Ein Zufall, Isabelle. London ist eine große Stadt.

Solange Apollo da unten sie nicht vom Gegenteil überzeugte, würde sie weiter davon ausgehen, dass er nichts mit Hugh Harrington zu tun hatte. Sie würde einfach Augen und Ohren offen halten und die persönlichen Grenzen wahren. Aus dem Grund sprach auch sicherlich nichts dagegen, ihn bei seiner Ankunft zu beobachten. Gut, vielleicht war es etwas ungehörig, auf sein, wie aus Stein gemeißeltes, Hinterteil zu starren, während er ausstieg und sich tief über den Kofferraum beugte, um sein Gepäck herauszuholen.

Trotzdem konnte Isabelle den Blick nicht abwenden. Als er mit einem geschmackvollen Lederkoffer in seiner Hand wieder zum Vorschein kam, griff Isabelle angespannt in den Vorhang, hinter dem sie stand. Jetzt konnte sie zum ersten Mal sein Gesicht sehen. Er hatte hohe markante Wangenknochen, einen fein geschwungenen Mund, und er trug eine dunkle Pilotensonnenbrille. Als er sich umdrehte, um den Wagen abzuschließen, wünschte sich Isabelle, er würde die Brille abnehmen, damit sie ihn in Ruhe betrachten konnte.

Vielleicht hatte die sanfte Herbstbrise ja ihren Wunsch zu ihm hinuntergeweht, denn er nahm tatsächlich seine Brille ab und schob einen Bügel in den Kragen seines schokoladenbraunen Sweaters. Dann blickte er hinauf. Genau zu dem Fenster, hinter dem sie stand.

Ertappt trat Isabelle einen Schritt zurück. Ihr Herz pochte wild, und ihr Atem ging heftig. Als sie mit klopfendem Herzen noch einmal durch die Vorhänge spähte, war er nicht mehr zu sehen. Sie war enttäuscht. Wie albern. Dann wurde sie ganz schnell panisch.

Natürlich konnte sie ihn nicht mehr sehen, er stand bestimmt schon vor der Tür. Genau dort, wo sie in diesem Moment auch stehen sollte, um ihn formvollendet willkommen zu heißen. Miriam Horton, ihre Chefin, würde sie in Stücke reißen, wenn sie davon Wind bekam, wie sich Cristiano Verón vor verschlossener Tür gerade die Beine in den Bauch stehen musste. Sie sah auf ihre Schuhspitzen und stöhnte leise auf. Auch das noch. Sie hatte immer noch ihre bequemen Hausschuhe an. So konnte sie ihm unmöglich vor die Augen treten.

Sie schnappte sich die altmodischen Dienstschuhe, die zur Uniform von At Your Service gehörten, und stürzte hastig die Treppe hinunter.

Cristiano hatte sie bereits erspäht, als er die Auffahrt zum Vorplatz der Villa hinaufgefahren war. Er wusste in diesem Moment natürlich noch nicht, wer sie war. Aber er hatte hinter einem der oberen Fenster die Silhouette einer Frau gesehen, die glaubte, unbeobachtet zu sein, und vor sich hin tanzte.

Dann war ihm wieder eingefallen, dass es sich nur um Isabelle Browne handeln konnte. Und er wusste wieder, warum er die Strapaze dieser langen Reise auf sich genommen hatte. Die Fäden liefen bei der Frau in diesem Haus zusammen.

Als er herausgefunden hatte, dass At Your Service eine Agentur für Hauspersonal war, die bevorzugt von der Melbourner Oberschicht und deren Gäste aus aller Welt angefragt wurde, war ihm einiges klarer geworden. Das war wahrscheinlich die Verbindung zu Hugh Harrington. Nachdem Hugh seine Unterkunft in Melbourne gebucht hatte, hatte er auf Empfehlung eines Freundes wahrscheinlich auch Isabelle Browne als Haushälterin engagiert. Gut möglich, dass die beiden sich auf diese Weise getroffen hatten.

„Es tut mir leid, aber Ms. Browne ist im Urlaub“, erklärte der Geschäftsführer höflich. „Allerdings haben unsere anderen Mitarbeiter ebenfalls hervorragende Referenzen.“

„Vielleicht würde sie den Urlaub ja für das Doppelte von dem, was sie normalerweise verdient, unterbrechen?“

Geld war noch immer eines der besten Argumente. Keine Stunde nach dem Gespräch hatte Cristiano einen Rückruf von At Your Service und die gewünschte Haushälterin für seinen Aufenthalt in Australien erhalten.

Er würde einfach nur seinen Charme spielen lassen und die richtigen Fragen stellen. So könnte er sicherlich herausfinden, was es mit der vermeintlichen Beziehung zwischen ihr und Hugh auf sich hatte.

Als er sein Gepäck aus dem Wagen holte, bemerkte er, wie diese Isabelle ihn vom Fenster aus beobachtete. Er fragte sich, ob sie Hugh auf dieselbe Art und Weise unter die Lupe genommen hatte, bevor sie ihn zu ihrem Opfer und unfreiwilligen Vater ihres Kindes gemacht hatte.

Als er sich zum Haus umdrehte, konnte er nicht widerstehen und warf einen kurzen Blick zum Fenster. Er sah sie zwar nicht mehr, aber er wusste, dass sie sich hinter dem Vorhang versteckt hatte, um ihn von dort aus zu beobachten.

„Vielleicht, Ms. Isabelle Browne …“, sagte er sich leise und sah entschlossen ein letztes Mal zum Fenster hinauf. Als er den mit Säulen umrahmten Aufgang zur Villa erreichte, erschien ein feines Lächeln auf seinem Gesicht. „… werden Sie schon bald ein Geschäft machen, mit dem Sie nie gerechnet hätten.“

2. KAPITEL

Bereits auf dem Flugplatz war Cristiano von einem übereifrigen Mitarbeiter von At Your Service aufgehalten worden, der ihm die Schlüssel zur Villa samt einer Wegbeschreibung in die Hand gedrückt hatte. Nun stand er vor der verschlossenen Tür und wartete schon wieder. Da niemand auf sein Läuten reagierte, schloss er kurzerhand selbst auf. Als die schwere Tür leise aufsprang, trat er in das Foyer.

Das Erste, was ihm auffiel, war eine Frau, die am Fuß der Treppe unbeholfen und um ihr Gleichgewicht bemüht, auf einem Bein balancierte und sich krampfhaft mit einer Hand am Geländer festhielt. Das war vermutlich Isabelle Browne. Die es wohl nicht rechtzeitig geschafft hatte, ihre Schuhe zu wechseln. Zumindest schien das die logische Erklärung dafür zu sein, warum an einem Fuß lose ein Hausschuh baumelte, während der andere in einem konservativen Gesundheitsschuh steckte.

Als sie sich etwas reckte, sah er, dass sie den zweiten Hausschuh in der Hand hielt und hinter ihrem Rücken zu verstecken versuchte. Lange würde sie so nicht stehen bleiben können. Cristiano ließ dieses Bild in aller Ruhe auf sich wirken und musterte sie eingehend.

Äußerlich war sie das sprichwörtliche hübsche Mädchen von nebenan. Ihre honigblonden Locken waren streng aus dem Gesicht gekämmt. So war der Blick frei auf eine hohe, zarte Stirn und zwei große Augen, mit denen sie ihn entsetzt anstarrte. Ihre Wangen waren gerötet, und das leichte Zucken ihrer Mundwinkel verriet, dass sie um Haltung bemüht war. Soweit er es einschätzen konnte, trug sie kein Make-up. Und was ihren Körper anging … Was hätte er sagen sollen? Die Dienstkleidung, die sie trug, war alles andere als schmeichelhaft, und die frisch gestärkte Schürze, die sie umgebunden hatte, machte es auch nicht besser.

Sie entsprach keineswegs dem klassischen Bild der verführerischen Schönheit.

Vor allem aber entsprach sie definitiv nicht dem Frauentyp von Hugh Harrington.

„Herzlich willkommen in Melbourne, Mr. Verón“, sagte sie, während sie das Geländer losließ und unsicher knickste. Die Hand, mit der sie den Schuh versteckte, ließ sie tapfer hinter ihrem Rücken. „Ich bitte um Verzeihung, dass ich nicht rechtzeitig an der Tür war, um Sie angemessen zu begrüßen.“

„Umso schöner, dass Sie mich hier und jetzt begrüßen“, entgegnete Cristiano charmant, um es ihr etwas leichter zu machen. Er lächelte sie offen an und streckte seine Hand aus. „Ich bin Cristiano Verón.“

Statt auf seine Geste und sein Lächeln einzugehen, nickte sie nur leicht mit dem Kopf. „Darf ich Ihr Gepäck nehmen, Mr. Verón?“

Als sie den Koffer greifen wollte, kam Cristiano ihr blitzschnell zuvor. Da sie nicht rechtzeitig ausweichen konnte, streifte ihre Hand aus Versehen seinen Oberschenkel. Sie wich zwar sofort zurück, konnte aber nicht mehr vor ihm verbergen, dass ihr Gesicht knallrot anlief.

Hatte die Berührung auf sie eine ähnliche elektrisierende Wirkung wie auf ihn? Interessant.

„Entschuldigen Sie bitte, Mr. Ver…“

„Bitte, nennen Sie mich Cristiano“, unterbrach er sie und stellte den Koffer wieder ab. Irgendwie war diese Ms. Browne so gar nicht die Frau, die er erwartet hatte.

„Ist das hier nicht alles ein bisschen zu förmlich?“, fragte er vorsichtig.

At Your Service besteht auf tradierte Umgangsformen“, entgegnete sie steif. Ihr Verhalten stand ihrer Kleidung in nichts nach.

„Aber was denken Sie selbst, Isabelle? Mögen Sie solche Förmlichkeiten überhaupt?“, fragte er, während er langsam um sie herum ging und sprachlos ihre graue Uniform bestaunte. Wo war die Frau geblieben, die er eben noch hinter dem Fenster hatte tanzen sehen, die ihre Hüften und Arme im Takt bewegt hatte? Er lehnte sich etwas vor und schnappte sich den anderen Hausschuh, den sie in der Zwischenzeit diskret auf die unterste Treppenstufe hatte gleiten lassen. „Oder bevorzugen Sie so etwas hier?“

„Es geht nicht darum, ob ich die Uniform mag oder nicht“, antwortete sie leicht gereizt. „Sie gehört zu den Vertragsbedingungen. Vorschrift ist Vorschrift.“

„Wenn ich Sie aber nun lieber in etwas Zwangloserem sehen würde?“

Sie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu, bevor sie an sich hinuntersah. „Dann würde ich Sie fragen, was Sie an meiner Dienstkleidung auszusetzen haben. Sie ist vorgeschrieben, nützlich, und … und …“

„Scheußlich?“, ergänzte er hilfsbereit.

Sie sah ihn überrascht an, und für eine Millisekunde trafen sich ihre Blicke. Ihre Augen wirkten plötzlich viel freundlicher und strahlten vor Wärme und Humor. In diesem Moment konnte sich Cristiano durchaus vorstellen, wie dieses Lächeln auf einen empfänglichen Mann wirken musste.

„Ich wollte natürlich sagen, bequem“, entgegnete sie.

„Sogar die ungewöhnlichen Schuhe?“

Das Lächeln verschwand schlagartig, und sie sah ihn wieder bestürzt an. „Es tut mir sehr leid. Ich habe nicht so früh mit Ihnen gerechnet. Ich …“

Cristiano hielt ihr den Hausschuh entgegen. „Tragen Sie die ruhig, wenn die für Sie bequemer sind.“ Dann senkte er lächelnd seine Stimme. „Ich sage es auch nicht weiter.“

Sie blinzelte nervös. Sie war kein bisschen so, wie er sie sich vorgestellt hatte – aber sie hatte wunderschöne lange Wimpern.

„Wie Sie meinen.“ Ihre Stimme klang zwar immer noch unsicher, doch sie nickte ihm sachlich zu. „Möchten Sie, dass ich Ihnen jetzt das Haus zeige?“

„Unbedingt“, entgegnete Cristiano lächelnd. „Sobald Sie sich für die richtigen Schuhe entschieden haben.“

„Nennen Sie mich Cristiano“ entsprach ganz und gar nicht dem typischen Kunden von At Your Service, dachte Isabelle, als sie eine halbe Stunde später die Treppe wieder hinunterging. Und die Sache mit ihrer Uniform und ihren Schuhen war erst der Anfang gewesen. Während sie die geräumige Villa besichtigt hatten, war er zwar die ganze Zeit aufmerksam und höflich geblieben, doch sie war sich sicher, dass ein Großteil dieser Aufmerksamkeit nicht den Besonderheiten des Hauses, sondern ihr selbst gegolten hatte.

In den mehr als zehn Jahren, die sie jetzt als Haushälterin arbeitete, hatte sie noch nie so extrem auf einen Kunden reagiert. Und in den ganzen achtundzwanzig Jahren, die sie nun lebte, noch nie so auf einen Mann. In der Sekunde, in der er durch die Tür getreten war, hatte er sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Wo sie ohnehin schon wie ein verwirrter Flamingo vor ihm auf einem Bein gestanden hatte.

Es lag nicht nur an seiner verfrühten Ankunft oder an ihrer Neugierde darüber, warum er ausgerechnet sie als Haushälterin engagiert hatte. Selbst sein überirdisch gutes Aussehen war nicht der Grund, weswegen sie so durcheinander war, obwohl sie sich seiner männlichen Ausstrahlung nicht entziehen konnte. Seine Nase trug Spuren eines alten Bruchs, und eine Narbe zog sich quer über Nasenwurzel und eine Augenbraue.

Doch diese kleinen Unebenheiten unterstrichen gerade die Schönheit seiner makellos geschwungenen Lippen, und sie passten zu seiner dunklen Stimme. Es waren kleine Hinweise darauf, dass er kein Gott, sondern ein Mann war.

Aber eben auch ihr Auftraggeber. Sie durfte nicht jedes Mal beim honigsüßen Klang seiner Stimme oder bei der Art, wie er das s aussprach, dahinschmelzen. Wie auch immer, ihr ganzes Leben war durch ihn von einem auf den anderen Moment auf den Kopf gestellt worden. Dabei hatte sie sich doch eigentlich eine Auszeit nehmen wollen, um darüber nachzudenken, was sie als Nächstes tun könnte. Andererseits wäre es leichtsinnig gewesen, das Gehalt, das er ihr geboten hatte, auszuschlagen.

Mit Unsicherheiten hatte sie gerechnet. Aber doch nicht mit einem Mann, der hypnotische Kräfte besaß. Sie seufzte. Hauptsache, er wahrte Abstand. Und wenn er doch ein paar Zentimeter zu dicht neben ihr stehen, ihr eine Sekunde zu lang in die Augen sehen würde? Dann würden ihre Hormone zu tanzen beginnen, und wahrscheinlich würde sie sich zu einem absolut kindischen Verhalten hinreißen lassen. Bloß keinen Fehler mehr machen. Deswegen hatte sie eben auch alles darangesetzt, schleunigst aus seinem Schlafzimmer zu verschwinden, wo er dabei gewesen war, auf dem Weg ins Badezimmer sein Hemd auszuziehen. Das, was sie im Vorbeigehen von seinem athletischen Körper erspäht hatte, war fast zu viel für sie gewesen. Der Anblick seiner olivfarbenen glatten Haut hatte ihr den Rest gegeben. Sie hatte genug über Cristiano Verón erfahren!

„Kein Grund zur Panik“, redete sie sich ein, während sie sich mit ihrer Hand unaufhörlich Luft zufächelte. Sie war auf dem Weg zur Küche, ihrem Heiligtum. „Er ist nur eine Woche hier. Rein geschäftlich.“

Sie brauchte einfach nur etwas Zeit, um seine Eigenarten herauszufinden und sich an ihn zu gewöhnen.

Flirtete er? Und wie, da hatte Isabelle nicht den geringsten Zweifel. Aber jemand wie er beherrschte die Kunst des Flirts wahrscheinlich im Schlaf. So wie sie die Zubereitung ihrer köstlichen Biskuits, mit der sie gerade beschäftigt war.

Isabelle konnte kochen wie keine andere, und er konnte eben flirten.

Diese Einsicht tröstete sie. Nachdem sie das Blech in den Ofen geschoben hatte, stellte sie die Uhr und wischte die Arbeitsplatte sauber. In ihrer Küche verlor sie nie den Überblick. Sie würde mit Cristiano Verón klarkommen, ganz egal, was er als Nächstes tun würde … Hauptsache, er fing nicht wieder an, sich Stück für Stück auszuziehen.

Sie deckte im Salon den Tisch in einer Nische, aus der man einen fantastischen Blick über die Port Philip Bay hatte. Als sie seine festen Schritte hörte, stellte sie Teller mit frischem Roastbeef, Sandwiches und Zitronenkuchen bereit. Ihre kleinen Biskuits standen zum Abkühlen auf einer Anrichte.

Sie wischte sich die Hände ab, zupfte ihre Schürze zurecht und holte tief Luft. Dieses Mal würde sie sich professionell verhalten. Kein Gestotter, kein Gestarre, kein Gestolper.

Kurz darauf trat er in den Salon. Sein vom Duschen noch feuchtes Haar war im Nacken streng zurückgekämmt und wirkte dadurch dunkler und länger.

Obwohl er nur eine einfache schwarze Hose und ein weißes Hemd trug, zog sich bei seinem Anblick alles in ihr zusammen. Denn das Bild seines nackten Körpers spukte permanent vor ihrem inneren Auge herum. Es war zwar nicht leicht, aber dennoch ignorierte sie tapfer den Anblick seines glatten, frisch rasierten Kinns. Sie achtete auch nicht darauf, wie er genießerisch den Duft des warmen Gebäcks einsog. Sie hatte sich im Griff. Dachte sie. Doch dann nahm er einen der noch warmen Biskuits. Sie konnte nicht anders und starrte verzückt auf seine schlanken Hände.

Er ließ den Kuchen in seinem Mund verschwinden und murmelte in seiner Muttersprache etwas für sie Unverständliches vor sich hin. Aber auf Worte kam es nicht an.

Schon begannen ihre Hormone wieder wie wild zu tanzen. Mit aller Macht versuchte sie, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. In dem es Haushälterinnen untersagt war, sich im Anblick der Hände und Lippen eines Auftraggebers zu verlieren, oder sich Träumereien von Küssen auf ihrer Haut hinzugeben.

„Mögen Sie lieber Tee oder Kaffee?“, fragte sie.

Er warf einen Blick auf die Auswahl an Speisen, ohne auf ihre Frage zu antworten. „Haben Sie das alles selbst gemacht, Isabelle?“

So, wie er die Worte sprach, wirkten sie auf sie wie eine zarte Berührung. Um sich abzulenken, widmete sie sich der Teekanne. Ob er nun Tee wollte oder nicht, spielte dabei keine Rolle.

„Ja“, brachte sie schließlich heraus. „Das ist alles von mir.“ Sie beobachtete aus den Augenwinkeln, wie er sich lässig gegen die Anrichte lehnte, statt sich an den Tisch zu setzen. „Das Rezept für die Biskuits ist von meiner Großmutter“, fügte sie hinzu.

„Hat sie Ihnen beigebracht, so wunderbar zu backen?“

„Sie hat mir alles beigebracht.“

Diese Aussage war zwar so privat, dass Isabelle es schon wieder bereute, ihren Mund aufgemacht zu haben. Sie liebte ihren Job vor allem deshalb, weil sie dort nicht über sich sprechen musste, weil sie unsichtbar bleiben konnte. „Wäre jetzt nicht ein guter Zeitpunkt, um das Menü zu besprechen?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

„Heute Abend werde ich im Restaurant speisen. Ich habe gleich ein Meeting.“

„Wo treffen Sie sich denn?“, fragte sie. „Um diese Zeit sind die Straßen sehr voll. Sie werden mehr als eine Stunde in die City brauchen.“

„Ich muss nicht in die City, sondern nach Brighton. Sie scheinen sich hier gut auszukennen.“

„Ich lebe hier. Brauchen Sie eine Wegbeschreibung? Ich könnte Ihnen einen Stadtplan …“

„Nein, vielen Dank, das ist nicht nötig. Mein Wagen hat ein Navigationssystem.“

Natürlich hatte er das! Isabelle schlug sich innerlich vor die Stirn.

„Glauben Sie, dass ich es in dreißig Minuten schaffe?“

„Ich würde etwas mehr Zeit einkalkulieren.“

Als sie wegsehen wollte, gelang es ihm, ihren Blick festzuhalten. „Ist das Ihre Art zu leben, Isabelle? Alles rechtzeitig zu planen, kein Risiko einzugehen?“

„Ich glaube, dass es am sinnvollsten ist“, sagte sie vorsichtig.

„So sinnvoll wie Ihre Uniform?“

Das traf es natürlich nicht, aber sie wollte sich nicht schon wieder auf eine Diskussion über ihre Dienstkleidung einlassen. Warum kam er bloß immer wieder auf dieses Thema zu sprechen? „Noch einmal zu den Menüs. Was mögen Sie am liebsten?“

Sie reichte ihm die Frühstückskarte, die er ihr wieder zurückgab, nachdem er einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte. „Orangensaft, pochierte Eier, gebackener Schinken. Kolumbianischer Kaffee, schwarz.“

Sieh an, wenn er wollte, konnte er ja doch Fragen präzise beantworten. „Und was hätten Sie gerne zum Lunch?“

Dieses Mal machte er sich nicht einmal mehr die Mühe, auf die Karte zu sehen. „Lassen Sie sich was einfallen.“

„Sie müssen doch irgendwelche Wünsche haben?“

Mit einer anmutigen Bewegung streckte er seinen Körper und tippte mit einem Finger gegen ihren altmodischen gesteiften Kragen. „Machen Sie einfach.“

„Aber ich bin nicht befugt …“

„Ich denke, ich zahle Ihnen genug, um meine eigenen Wünsche zu äußern, meinen Sie nicht?“

Isabelle nickte und schluckte. Er stand dicht vor ihr. Das Kribbeln, das sich in ihrem Inneren ausbreitete, ließ ihre Stimme erzittern. „Was wünschen Sie, Mr. Verón?“

„Für den Anfang wäre ich schon zufrieden, wenn Sie mich nicht immer Mr. Verón nennen würden.“

„Aber …“

Schon legte er seinen Finger leicht auf ihren Mund. „Mein Name ist Cristiano.“

Geschockt über diese unerwartete Berührung, starrte Isabelle ihn an. Es war hart, gegen das Bedürfnis anzukämpfen, den Mund zu öffnen und ihn zu küssen, und es dauerte einen Moment, bis sie wieder reagieren konnte. „Ich werde es versuchen“, entgegnete sie heiser.

„Na bitte. Ich bin sicher, dass es Ihnen bald nicht mehr schwerfallen wird.“

Isabelle war sich jedoch alles andere als sicher, ob sie so viel Nähe zulassen wollte, ihn bei seinem Vornamen zu nennen. Aber, wie er selbst schon gesagt hatte, er war ihr Boss und zahlte ihr ein Gehalt, das mehr als großzügig war. Also widersprach sie nicht und nahm das kleinere Übel in Kauf. „Und welche Kleidung soll ich tragen?“

„Solche, in der Sie sich wohlfühlen“, sagte er und überlegte einen Moment. „Solange sie nicht grau ist.“

Nicht grau.

Stellte er sich vor, wie sie ohne Uniform aussah? War sie bereits Teil seiner erotischen Fantasien?

Wie so vieles andere an Cristiano Verón war auch sein Gang sehr lässig und übte eine enorme Anziehungskraft auf sie aus. Gebannt blickte sie ihm nach, bis die Tür endlich ins Schloss gefallen war. Was für ein Mann. Was für eine Ausstrahlung. Sexy, magisch, unbeschreiblich.

Als sie sich mit einem schweren Seufzer in den nächstbesten Sessel fallen ließ, hatte sie das Gefühl, dass ihre ganze Kraft mit ihm gegangen war. Natürlich war das lächerlich, das wusste sie. Stattdessen begann sie, sich über sich selbst zu ärgern.

Wenn sie besser in Form gewesen wäre, hätte sie ihn gefragt, warum er eigentlich bereit war, ihr dieses gigantische Honorar zu zahlen. Irgendjemand musste sie in den höchsten Tönen gelobt haben, denn sonst hätte er nicht so hartnäckig auf sie persönlich bestanden. Sobald er wieder auf das Thema zu sprechen kam, würde sie die Gelegenheit nutzen und ihn höflich darauf ansprechen.

Zufrieden mit ihrem Entschluss begann sie, die unberührte Teetafel wieder abzuräumen. Danach setzte sie sich in ihren Wagen, um die Einkäufe zu erledigen. Da sie nicht weit entfernt von hier wohnte, überlegte sie kurz, nach Hause zu fahren und ein paar andere Kleidungsstücke einzupacken.

Zu Hause wartete allerdings auch ihre Schwester, die sie wieder mit Fragen überhäufen würde. Also drehte Isabelle kurzerhand um und fuhr wieder in die Villa. Chessies Inquisition konnte bis morgen warten.

Isabelle wusste, dass sie anrufen würde, und natürlich tat Chessie das auch. Wenn auch später als erwartet. Keine Begrüßung, nur ein knappes „Und?“

Isabelle wusste sofort, was Sache war. Die beiden hatten unzählige Jahre allein miteinander verbracht und mussten nicht viel sagen, um sich zu verstehen. Chessie bombardierte sie mit Fragen und wollte alles über ihre Begegnung mit Cristiano Verón wissen. Wie ihr erster Arbeitstag verlaufen war, welchen Eindruck der Kunde auf sie gemacht hatte. Doch Isabelle fühlte sich nicht imstande, ihre Fragen zu beantworten.

„Kannst du nicht offen sprechen?“, fragte Chessie. „Ist er gerade in der Nähe? Bist du noch bei der Arbeit?“

Am liebsten hätte Isabelle alle diese Fragen mit Ja beantwortet, doch sie brachte es nicht übers Herz, ihre Schwester anzulügen. „Nein, er ist nicht hier. Er ist heute Nachmittag angekommen und musste direkt danach zu einem geschäftlichen Termin.“

„Und?“, bohrte Chessie weiter. „Du musst doch irgendeinen Eindruck von ihm haben.“

Eine ganze Lawine von Eindrücken überrollte Isabelle, aber nur eine Beschreibung traf es auf den Punkt. „Er ist genauso wie sein Name. Exotisch, stilvoll, exklusiv. Er ist Cristiano Verón.“

„Du hast es tatsächlich getan? Du hast tatsächlich seinen Ausweis überprüft, wie ich es dir geraten habe?“ Chessies Stimme überschlug sich fast vor Aufregung. „Wahnsinn!“

Isabelle fuhr sich mit einem Finger über die Nase. „Natürlich habe ich seine Sachen nicht durchwühlt“, sagte sie. „Schließlich will ich meinen Job noch behalten. Aber eins kann ich dir sicher sagen: Er ist nicht Hugh Harrington.“

„Deswegen kann er trotzdem ein Schürzenjäger sein“, konterte Chessie.

Isabelle lachte trocken auf und schüttelte ihren Kopf. „Glaube mir, Chess, Cristiano Verón ist sicherlich kein Schürzenjäger. Ich glaube, er ist einfach nur hier, um seine Geschäfte zu erledigen. Mich hätte weiß Gott wer empfehlen können. Die Thompsons, zum Beispiel.“

„Wenn du das sagst“, antwortete Chessie wenig überzeugt.

„Ja, das sage ich. Und sollte ich meine Meinung aus irgendeinem Grund ändern, dann wirst du die Erste sein, die es erfährt.“

3. KAPITEL

War sie schwanger oder nicht?

Als er im Eingang der Küche stand, musterte Cristiano seine Haushälterin von der Seite, während sie sich gerade einem der oberen Regale entgegenstreckte. Wie zum Teufel hätte er das sagen können, wenn sie lieber in einem Sack herumlief, als in anständiger Kleidung? Die heutige Variante war zwar nicht grau, dafür aber schlammbraun.

Cristiano beobachtete sie dabei, wie sie mit weichen Bewegungen durch die Küche glitt. Als sie die Kaffeemaschine füllte, bewegte sie ihre Hüften mit einer Lässigkeit, die ihm gefiel. Dazu summte sie lächelnd vor sich hin. Er nahm sich fest vor, sich durch ihre charmante Ausstrahlung nicht von seinem eigentlichen Ziel ablenken zu lassen. In den letzten beiden Tagen waren seine Versuche, etwas mehr über sie zu erfahren, jedes Mal in einer netten Plauderei geendet.

Heute war bereits Samstag. Zeit, die Dinge voranzutreiben.

Sie war so sehr in die Frühstücksvorbereitungen vertieft, dass sie ihn noch gar nicht bemerkt hatte. Als sie sich ein weiteres Mal reckte, um etwas aus dem oberen Regal zu nehmen, nutze er die Gelegenheit, um auf sich aufmerksam zu machen.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen.“

Vor Schreck, und mit einem kleinen Aufschrei, ließ sie eine Schüssel fallen, und aus einem vermeintlichen Impuls umfing Cristiano ihre Taille. Seine Reaktion war natürlich völlig übertrieben und nichts weiter als ein erster Test. Doch dann sah er zu ihr hinunter und verlor sich regelrecht in ihren wasserblauen Augen. Als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, war er überzeugt gewesen, sie wären braun, doch da hatte er sich geirrt. Ebenso musste er seine Ansicht korrigieren, sie sei bloß durchschnittlich hübsch. Eine solche Beschreibung wurde Isabelle Browne nicht gerecht.

„Alles in Ordnung“, sagte sie mit heiserer Stimme. „Würden Sie jetzt bitte wieder Ihre Hände von meinen Hüften nehmen?“

Langsam löste Cristiano seinen Griff und trat einen angemessenen Schritt zurück. Statt das Gefühl zu genießen, gerade einen weichen Frauenkörper in den Händen gehalten zu haben, richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf ihre zitternden Hände. Erschrocken riss sie sich die Kopfhörer von den Ohren und legte sie zusammen mit dem iPod auf eine Arbeitsplatte.

„Es tut mir furchtbar leid, Sie so erschreckt zu haben“. Er nickte ihr entschuldigend zu. Er war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihre Taille zu begutachten und ihr dabei zuzusehen, wie sie ihre Hüften im Rhythmus bewegt hatte. Er hätte einfach aufmerksamer sein müssen.

„Sie haben mich zu Tode erschreckt“. Ihre Nasenflügel bebten, während sie tief Luft holte und um Fassung rang. „Ich dachte, Sie wollten etwas später frühstücken. Um diese Zeit habe ich Sie noch nicht erwartet.“

„Ich habe schon ein bisschen gearbeitet … Sie scheinbar auch.“ Cristiano deutete auf ihre Arbeit. Geschnittenes Obst, frischer Kaffee und warmes Gebäck, das einen köstlichen Duft verbreitete.

„Ihr Frühstück ist gleich fertig. Die Zeitungen liegen auf dem Tisch, und auf dem Anrufbeantworter sind zwei Nachrichten, die ich notiert habe. Wenn Sie jetzt hinübergehen wollen, werde ich Ihnen sofort den Kaffee servieren.“

Er schien direkt aus der morgendlichen Dusche gesprungen zu sein, trug schlichte edle Jeans und einen schwarzen Pullover, der vermutlich aus Kaschmir oder Seide war. Und der sich bestimmt auch so anfühlte. Er sah unglaublich männlich und selbstbewusst aus.

Sie konnte immer noch seine Hände auf ihrer Taille spüren.

„Legen Sie doch bitte ein zweites Gedeck auf, wenn Sie den Kaffee bringen.“

Seine unerwartete Bitte holte Isabelle sofort wieder in die Gegenwart zurück. „Bleibt Ihr Gast zum Frühstück?“, fragte sie, und tatsächlich gelang es ihr, dabei kühl und professionell zu klingen.

„Mein Gast?“ Er sah sie mit seinen dunklen Augen fragend an. „Das zweite Gedeck ist für Sie. Ich würde gerne meine Termine fürs Wochenende mit Ihnen durchgehen und könnte dabei Ihren Rat gebrauchen.“

Während er die Rückrufe erledigte, richtete sie das Frühstück an. Das unwiderstehliche Timbre seiner Stimme lenkte sie dabei allerdings immer wieder ab. Mit wem telefonierte er gerade? Mit einer Vivi, wegen der Hochzeit einer Amanda, oder mit dieser Chloe, die wegen einer Gisele anrief?

Es ging sie nichts an, und es stand ihr auch nicht zu, über exotische Frauennamen nachzugrübeln. Selbst dann nicht, wenn er sich ebenfalls so zu ihr hingezogen fühlen würde, wie sie zu ihm. Falscher Mann, falsche Zeit. Dabei wurde sie sein Bild, das sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte, einfach nicht mehr los – die Art, wie er skeptisch seine dunklen Augenbrauen zusammengezogen, seine intelligenten Augen, mit denen er jede ihrer Bewegungen in der Küche verfolgt hatte.

Nachdem sie sich zu ihm gesetzt hatte und ihn schließlich überzeugen konnte, dass sie wirklich keinen Kaffee wollte, bat er sie, ihm ein nettes Restaurant zu empfehlen. Jetzt war Isabelle wieder in ihrem Element.

„Bevorzugen Sie eine bestimmte Küche?“, fragte sie.

„Einfach nur gutes, regionales Essen. Nichts Kompliziertes.“

„Dachten Sie an Lunch oder eher an Dinner?“

„Es geht um den Lunch, heute Mittag. Heute Morgen habe ich einen Termin auf einer Farm in der Nähe von Geelong, um mir ein paar Pferde anzusehen. Ich würde auf dem Rückweg gerne irgendwo einkehren. Fällt Ihnen was ein?“

„Einiges“, antwortete sie und versuchte, ihre Neugierde zu zügeln. Hatte er Kinder? Warum sonst sah ein Mann sich Pferde an? In Australien? „Auf Philip Island, einer kleinen Insel in der Nähe, gibt es einige nette Lokale. Am Wochenende ist dort immer viel los. Deshalb würde ich Ihnen raten, einen Tisch zu reservieren.“

Da er mit Blick zur Terrasse saß, ließ die Sonne sein Gesicht sanft erstrahlen und seine Augen in verschiedenen Farbtönen funkeln. „Können Sie das tun? Uns dort irgendwo einen Tisch reservieren?“

Isabelles Herz begann heftig zu klopfen, obwohl sie wusste, dass uns nichts mit ihr zu tun hatte. Zweifellos würde er mit einem Geschäftspartner essen. „Sagen Sie mir einfach, welches Ihnen am besten gefallen würde.“

„Welches würden Sie denn wählen, Isabelle?“

„Schwer zu sagen. Es kommt darauf an, mit wem Sie sich treffen.“

„Mit Ihnen.“

Isabelle blinzelte überrascht. „Mit mir?“

Er lehnte sich bequem in seinem Stuhl zurück. „In welchem dieser Restaurants würden Sie persönlich am liebsten essen?“

„Ehrlich gesagt, in keinem von denen“, gab sie zu. Sie sah, wie er ganz leicht eine Augenbraue hob. „Das hat nichts mit der Küche zu tun. Ich bevorzuge eine niedrigere Preisklasse.“

„Und wenn sie in Ihrer Preisklasse liegen würden?“

„Dann im Arcadia Ridge“. Ohne zu zögern, nannte sie den Namen des Restaurants, das ganz oben auf ihrer Wunschliste stand. „Sie bieten dort eine erstklassige regionale Küche an, die sie raffiniert variieren. Die Weine sind exzellent, der Service ist tadellos und das ganze Ambiente ist einfach wunderschön.“

„Klingt wie ein Lieblingsrestaurant.“

„Die meisten Kunden lieben es. Ich war leider noch nie dort.“

„Dagegen müssen Sie etwas unternehmen“, sagte er. „Damit Sie es demnächst aus erster Hand empfehlen können.“

„Mal sehen, vielleicht schaffe ich es ja Ende der Woche, wenn meine Aufgabe hier erledigt ist“, entgegnete sie, obwohl sie wusste, dass es ihr sowieso nicht gelingen würde. Ihr Gehalt reichte gerade einmal für das tägliche Leben und das pünktliche Begleichen ihrer Rechnungen. „Ich habe ja noch etwas Urlaub.“

„Den Sie wegen mir unterbrechen mussten.“

Isabelle nahm eine gerade Haltung an. Sie begriff, dass sie das Gespräch unbeabsichtigt auf sich gelenkt hatte. Plötzlich begann ihr Puls zu rasen. Sie brauchte eine Sekunde, um sich auf das vorzubereiten, was ihr auf dem Herzen lag. „Wenn Sie gestatten, würde ich Ihnen gerne eine Frage stellen … Warum wollten Sie unbedingt, dass ich den Job als Haushälterin übernehme?“

„Ihr Name fiel, als ich mit einem Freund gesprochen habe. Warum möchten Sie das wissen?“

Isabelle überlegte, was sie antworten sollte. Sie konnte ja kaum sagen: Weil ich mich frage, ob Sie Hugh Harrington kennen und wegen des Ich-bin-schwanger-Anrufs hier sind.

„Finden Sie das so ungewöhnlich?“, fuhr er fort, nachdem sie nicht sofort geantwortet hatte. „Sagen Sie nicht, dass dieser Service, den Sie hier bieten …“ Er deutete auf die Frühlingsblumen, den Korb mit den Zimtrollen und das Tablett mit dem Kaffee, „… Ihnen nicht eine Menge Aufträge beschert.“

„Doch“, bestätigte Sie. „Aber normalerweise nicht so ein Honorar.“

„Sie waren wahrscheinlich schon mitten in der Urlaubsplanung. Ich fand es wichtig, Sie für die ganzen Unannehmlichkeiten zu entschädigen. Nach Ihrer Zusage dachte ich, Sie wären mit dem Angebot einverstanden gewesen.“ Er sah ihr direkt in die Augen, sein Blick war wach und klar. „Habe ich mich etwa geirrt?“

Dachte er vielleicht, sie würde sich über ihr Gehalt beschweren? „Nein“, antwortete sie nachdrücklich und errötete. „Sie bezahlen mir viel zu viel Geld für viel zu wenig Arbeit!“

„Dann sollte ich mir wohl einige zusätzliche Aufgaben für Sie überlegen.“

„Natürlich“, unterbrach sie schnell, „was immer Sie von mir verlangen, ich würde mich freuen, eine angemessene Leistung für mein Geld anbieten zu können.“

Wie er so zurückgelehnt auf dem Stuhl saß und mit den Daumen seiner gespreizten Hände leicht gegen die Brust trommelte, schien es, als würde er sich dieses Angebot tatsächlich ernsthaft durch den Kopf gehen lassen. „Machen Sie mir einen Vorschlag“, sagte er provozierend.

Isabelle spürte, wie ihre Haut zu kribbeln begann. Sie musste vorsichtig sein, der Unterton in seinen Worten ging weit über alles Geschäftliche hinaus. In ihrem Kopf lief plötzlich eine Fotolovestory ab – seine Hände, ihre Taille, kein schwarzer Pullover, keine hässliche Uniform – sie zwang sich, all die Bilder zu ignorieren und ihm sachlich zu antworten. „Es gehört auch zu meinen Aufgaben, Besorgungen zu erledigen. Wenn Sie also etwas brauchen oder nach einem Geschenk für Ihre … oder sonst jemanden suchen, dann helfe ich Ihnen gerne“, ergänzte sie förmlich.

Er hob seine dunklen Augenbrauen und sah sie spöttisch an. „Für meine … oder sonst jemanden?“

„Ihre Gattin“, fügte sie spitz hinzu und musste unweigerlich an die ganzen weiblichen Namen auf dem Anrufbeantworter denken, die die Anruferinnen hinterlassen hatten. „Oder Ihre Geliebte. Kein Problem, ich könnte für beide etwas Hübsches besorgen.“

„Wie schamlos.“

„Keine Sorge, ich bin sehr diskret.“

„Glücklicherweise“, sagte er nach einer sorgfältig gesetzten kleinen Pause, „habe ich weder die eine noch die andere.“

Obwohl es ihr eigentlich gleichgültig sein konnte, hüpfte ihr Herz vor Erleichterung. Obwohl sie sich im Grunde genommen gar nicht für Vivi, Amanda und all die ganzen anderen Frauen interessierte.

„Ich denke da an etwas anderes. Haben Sie einen Führerschein?“

„Ja, habe ich.“

„Schaffen Sie es, in einer halben Stunde startklar zu sein?“

Auch das noch, sie sollte fahren. Was nun? Sie hatte ihm angeboten, mehr für ihr Geld zu tun. Für einen Rückzieher war es zu spät. Sie fuhr sich mit der Zunge über ihre trockenen Lippen. „Ja, gut“, brachte sie hervor.

„Fein“, sagte er mit einem geschäftlichen Nicken.

„Wo soll ich hin?“, fragte sie. „Ist es notwendig, dass ich mich umziehe?“

„Raus aus diesem Ding?“ Er warf einen abschätzigen Blick auf ihr Outfit. „Bitte, nur zu.“

„Ich habe aber nur eine Jeans im Angebot.“

„Die ist genau richtig für unsere kleine Tour.“

„Unsere Tour?“

Er sah sie aus seinen dunklen tiefgründigen Augen an. „Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt?“, fragte er sie ruhig. „Sie, Isabelle, werden mich nach Geelong fahren.“

Nein, das war ihr so nicht klar geworden.

„Ich habe die letzten Nächte durchgearbeitet. Für den Fall, dass ich einschlafen sollte, möchte ich einfach nur sichergehen, dass das nicht hinter dem Steuer eines Autos passiert.“

Er reckte seinen geschmeidigen Körper, stand auf und sah sie amüsiert an. „Na, kommen Sie, kein Grund, ein so erschrockenes Gesicht zu machen. Als Gegenleistung für Ihren Fahrdienst lade ich Sie zum Lunch in das Restaurant ein, von dem Sie mir so vorgeschwärmt haben.“

„Das geht nicht. Ich werde nicht mit Ihnen essen“, rief sie schockiert.

„Warum nicht? Glauben Sie, ich hätte Hintergedanken? Unterstellen Sie mir etwa, dass das der Grund ist, weswegen ich Sie angeheuert habe?“ Der bohrende Blick, mit dem er sie ansah, trieb ihr die Schamesröte ins Gesicht. Seine Stimme wurde jetzt leiser, aber auch schärfer. „Was glauben Sie eigentlich, wofür ich Sie bezahlen möchte, Isabelle?“

„Nicht dafür“, entgegnete sie schnell. Die Hitze in ihrem Gesicht übertrug sich auf ihren ganzen Körper, als ihre Fantasie ihr vorspielte, das mit ihm zu tun, was sich hinter seinen Andeutungen verbergen mochte. „Dafür bezahlt zu werden ist absolut unmöglich.“

Er sah sie erstaunt an.

„Ich meine … für eine weibliche Dienstleistung … also dafür, Zeit mit Ihnen zu verbringen.“ Oje, was redete sie denn da? Sie war ja kurz davor, sich zu verplappern. Sie holte tief Luft und sah zur Seite, um seinem neugierigen und amüsierten Blick auszuweichen. Sie rieb ihre Hände gegen ihre Oberschenkel, bevor sie weniger nervös fortfuhr. „Sie wissen, was ich meine. Wobei das nicht der Grund ist, warum ich nicht mit Ihnen zu Mittag essen kann.“

„Sondern?“

„Ich bin nur die Haushälterin.“

„Sie sind meine Haushälterin“, korrigierte er. „Die mir klar zu verstehen gegeben hat, dass sie für das Gehalt, das sie von mir bekommt, viel zu wenig zu tun hat. Und um das zu ändern, habe ich mir überlegt, dass Sie heute meine Fahrerin sind. Ich bitte Sie, mir bis zum Lunch Gesellschaft zu leisten. Betrachten Sie’s einfach als berufliche Zusatzqualifikation, vielleicht macht Ihnen das die Sache leichter.“

4. KAPITEL

„Und? Was halten Sie von dieser Karte, Isabelle?“

Natürlich hatte er während der Fahrt kein Auge zugetan. Nicht, als sie mit der Fähre die Bucht überquerten, um dann die Armitage Poloställe zu besuchen, und auch auf dem Rückweg nicht, bevor sie in das Restaurant eingekehrt waren. Stattdessen hatte er seinen weiblichen Chauffeur in einen Small Talk nach dem anderen verwickelt und mit Fragen gequält. Über die Landschaft, das Essen, die Weine. Dabei hatte er darauf geachtet, dass die Gesprächsthemen nicht zu persönlich wurden. Mit Erfolg, denn tatsächlich wurde sie während der Fahrt etwas lockerer und legte allmählich ihre förmliche Haltung ab. Während Isabelle konzentriert hinter dem Steuer saß, hatte Cristiano die Gelegenheit genutzt, um sie eingehender zu betrachten. Ihm war aufgefallen, wie lebendig ihr Gesichtsausdruck war, wenn sie sprach, und ihm gefiel die Art, wie sie ihren Mund bewegte oder abwesend den Mund verzog.

„Die Karte ist ganz wunderbar“, antwortete sie auf seine Frage. Doch Cristiano schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das glauben soll. Wenn mich nicht alles täuscht, erzählt mir der skeptische Zug um Ihre Lippen etwas anderes.“ Er tippte sich mit einem Finger gegen den eigenen Mund, um ihr zu zeigen, welche Stelle er meinte.

„Das ist eine unbehandelte Fehlstellung der Zähne. Keine Kritik an der Speisekarte.“

Ihre Schlagfertigkeit beeindruckte Cristiano, der spontan auflachte. Es war nicht das erste Mal an diesem Tag, dass sie ihn mit scharfsinnigen Bemerkungen und klugen Beobachtungen überrascht hatte. Hinter der reservierten Haushälterin war eine ganz andere, unverstellte Isabelle aufgetaucht. „Da bin ich aber froh, dass sie sich gegen eine Zahnklammer entschieden haben.“

„Sie mögen schiefe Zähne?“, fragte sie argwöhnisch und zog eine Augenbraue nach oben.

„Kleine Unvollkommenheiten machen ein Gesicht doch erst interessant.“

Sprachlos starrte sie ihn an. Dann schüttelte sie den Kopf und atmete empört aus. „Jemandem zu sagen, er habe ein interessantes Gesicht, ist nicht besonders schmeichelhaft.“

„Ich dachte mir schon, dass Sie für Komplimente nichts übrig haben“, entgegnete Cristiano lakonisch und sah sie an. Er hatte sie mit seiner Bemerkung überrascht, keine Frage. Aber er hatte auch zum ersten Mal das Gefühl, dass vor ihm eine Frau saß, die auf ihn als Mann reagierte. Er genoss die feine Schwingung, die auf einmal in der Luft lag.

„Ich sehe schon, Sie sind eine geradlinige Frau“, sagte er.

„Mit schiefen Zähnen.“

Amüsiert lehnte sich Cristiano in seinem Stuhl zurück und betrachtete in aller Ruhe ihren Mund. Sie hatte volle Lippen, deren geschwungene Konturen sogar noch besser zur Geltung kamen, gerade weil sie ungeschminkt waren. Da sie ihren Mund leicht geöffnet hatte, konnte er sehen, was sie an ihren Zähnen zu stören schien. Er fand das im Gegenteil ganz entzückend. „Finden Sie diese kleinen Makel an Menschen denn nicht spannend?“, fragte er.

„Kommt ganz auf die Geschichte hinter dem Makel an. Meine Zähne zum Beispiel …“ Dabei fuhr sie sich unbewusst mit der Zunge über die Oberlippe – eine unschuldige Geste, die in Cristianos Körper eine nicht ganz unschuldige Regung auslöste – „… sind von Natur aus so krumm. Nicht besonders spannend, finde ich.“

„Das sagen Sie.“

Und wieder trafen sich ihre Blicke, denen ein ganz neues Feuer innezuwohnen schien. „Welche Geschichte steckt denn hinter Ihrer gebrochenen Nase?“

„Das war sehr unspektakulär.“

„Das sagen Sie.“

Wieder brachte sie ihn mit ihrer Schlagfertigkeit zum Lachen. „Ich bin vom Pferd gefallen“, erklärte er schlicht.

„Sie machen Witze!“

Er sah sie amüsiert an. „Wenn ich Ihnen wirklich ein Abenteuer erzählen könnte, würde ich viel dramatischer beginnen … Bedauerlicherweise war es aber nur eine einfache Trennung, wenn auch eine sehr schmerzhafte. Zwischen meinem Hinterteil und dem Sattel.“

„Na, als ich mir an diesem Morgen Ihr Hin… ich meine, als ich mir Sie so angeschaut habe“, korrigierte sie hastig, „konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass Sie sich überhaupt jemals von Ihrem Sattel trennen würden.“

„Soso, Sie haben mich also beobachtet.“

Wie all seine Geschlechtsgenossen verfügte Cristiano über eine ebenso beträchtliche wie simple männliche Eitelkeit. Daher genoss er es, als er sah, wie sie errötete. „Ja, habe ich“, sagte sie. „Allerdings weiß ich auch so gut wie nichts über Polo und Pferde. Wahrscheinlich wurden Sie schon mit einem Poloschläger in der Hand geboren.“

Cristiano lachte vergnügt. „Nicht ganz. Mein Vater war Polospieler. Daher bin ich zumindest mit dem Stallgeruch zur Welt gekommen. Bloß spielen konnte ich da noch nicht. Ich vermute, meine Mutter hätte es mir auch nicht erlaubt.“

„Mag sie dieses Hobby nicht?“

„Sagen wir so: Sie mag die männlichen Spieler“, erklärte er trocken. „Vor allem, wenn sie das gewisse argentinische Flair mitbringen.“

„Verstehe.“

Cristiano warf ihr einen forschenden Blick zu. „Was verstehen Sie, Isabelle?“

„Ihr Name, Ihr Aussehen … Ich habe zuerst auf eine italienische Abstammung getippt.“

„Gar nicht so falsch, meine Mutter hat mir tatsächlich ein paar Gene von dort vererbt.“

„Dann ist sie Italienerin?“

„Vivi ist halb italienisch, halb englisch. Ziemlich wüste Mischung.“

Man konnte Isabelle praktisch ansehen, wie sie vor Neugier beinahe platzte, sich aber nicht traute, weitere Fragen zu stellen. Waren ihr diese Gespräche über seine Familie schon zu persönlich?

Tut mir leid, Isabelle Browne. Denn was das Persönliche betrifft, da rede ich mich gerade erst warm.

„Mein Vater ist Argentinier“, fuhr er fort. Noch ein paar Geschichten aus seinem Leben, und sie würde hoffentlich selbst etwas gesprächiger werden. „Obwohl der zweite Mann meiner Mutter für mich wie mein eigentlicher Vater war.“

„Ist er Engländer?“, fragte sie nun doch. Ihre Augen glänzten vor lauter Wissbegierde.

„Ein waschechter. Als er Chisholm Air international aufgebaut hat, spielte Alistair jedes Klischee der englischen Aristokratie schamlos für sich aus.“

„Alistair Chisholm ist Ihr Stiefvater?“, fragte sie beeindruckt.

„War.“

„Oh, sicher. Ich habe in der Zeitung von seinem Tod erfahren. Es tut mir leid.“

„Mir auch“, entgegnete Cristiano. „In der Galerie der Ehemänner meiner Mutter war er mir mit Abstand der Liebste.“

„Dann sind Sie also von Argentinien nach England gezogen?“, fragte sie zögernd.

„Und dann nach Italien, wo meine Mutter zum dritten Mal verheiratet war, und wieder für einige Jahre zurück auf die Estancia, die Rinderfarm meines leiblichen Vaters. Da ist es dann passiert.“

Er strich sich mit der Daumenspitze langsam über den Nasenrücken und beobachtete Isabelle dabei, wie sie diese Bewegung aufmerksam verfolgte. Sie fuhr sich mit der Zunge über ihre Lippen. „Und wie genau?“

„Eine Wette zwischen meinem Bruder und mir. Ich war überzeugt davon, eine ungezähmte Stute einreiten zu können. Leider war sie etwas bösartig. Was soll ich sagen, das Böse hat gewonnen.“

„Da spricht der Macho“, sagte sie augenzwinkernd. „Geschieht Ihnen ganz recht.“

„Ich fühlte mich natürlich tief in meiner Ehre gekränkt, aber die Anteilnahme, die mir danach von allen Seiten aus entgegengebracht wurde, hat mich über meine Schmach hinweggetröstet.“

„Weibliche Anteilnahme, nehme ich an.“

Cristiano grinste breit. „Welche denn sonst?“

Obwohl ihr Lachen überrascht klang, ging es ihm trotzdem unter die Haut. Er betrachtete sie. Einige ihrer widerspenstigen Locken hatten sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst, den sie sich am Morgen gebunden hatte. Und als er sah, dass sich die Kellnerin näherte, gab er dieser unbemerkt zu verstehen, sie solle später wiederkommen. Er wollte diesen Moment auskosten. „Was ist mit Ihnen, Isabelle Browne“, fragte er sie interessiert. „Leben Sie schon lange hier?“

„Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Melbourne verbracht. In den letzten zwanzig Jahren habe ich es einmal bis Bali geschafft, und das auch nur, um dort Urlaub zu machen.“

„Hat es Sie denn nie gepackt, raus in die Welt zu gehen?“

„Oh, ich liebe es, zu reisen. Aber damit muss ich wohl noch etwas warten. Im Moment sind einige Dinge einfach wichtiger.“

Einige Dinge. Das konnten tausend Gründe sein, doch im Prinzip kam für Cristiano nur einer infrage.

Andere Umstände!

Plötzlich erinnerte er sich wieder daran, warum er hier war und dieses Gespräch mit ihr führte. Nicht, dass er befürchtete, den eigentlichen Grund dieses Treffens aus dem Blick zu verlieren. Er ließ sich einzig und allein deshalb auf die – zugegeben – nicht unangenehme Konversation mit ihr ein, weil er sich dadurch ein eigenes Bild von ihr machen konnte. Er räusperte sich und gab der Kellnerin ein Zeichen. „Wir sollten langsam bestellen. Was möchten Sie gerne essen?“

Nachdem sie sich wieder in die Speisekarte vertieft hatte, verdüsterte sich auch prompt der Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Das wirkt alles so … überzogen.“

Cristiano überlegte. Die Gerichte entsprachen genau der Beschreibung, die Isabelle ihm an dem Morgen gegeben hatte. Klassische Zutaten auf pfiffige Art kombiniert. „Meinen Sie die Preise?“, fragte er, warf noch einmal einen kurzen Blick auf die Karte und zuckte dann ungerührt die Schultern.

„Verglichen mit London sind das Sonderangebote.“

„Vielleicht für Sie“, murmelte sie.

„Sie sind eingeladen, schon vergessen?“ Er beugte sich über den Tisch und nahm ihr elegant die Karte aus der Hand. Dann lehnte er sich wieder zurück und lächelte die Kellnerin an, die mittlerweile zu ihnen gekommen war. „Was können Sie uns heute empfehlen?“

Er übernahm die Bestellung mit einer Selbstverständlichkeit, die Isabelle von einem Mann seines Standes auch nicht anders erwartet hätte. Polospieler, vermögend, weltmännisch. Argentinien, England, Italien. Kein Wunder, dass er sie sofort mit seiner Exotik beeindruckt hatte.

Die ganze Situation machte Isabelle erneut klar, wie groß der Unterschied zwischen seiner und ihrer Welt war. Sie war es nicht gewohnt, dass ein Mann wie er ihr Aufmerksamkeit schenkte. Wie er bereits festgestellt hatte, war sie nicht der Typ, der für Komplimente empfänglich war. Auch, wenn sie all das durchaus genießen konnte, war sie sich bewusst darüber, wo ihr Platz war.

Sie tat gerade ihre Arbeit, und damit basta. Und als die Kellnerin den Wein brachte, gab sie ihm das noch einmal klipp und klar zu verstehen. Obwohl sie entschieden erklärt hatte, dass sie nur Wasser trinken würde, nahm er die Flasche aus dem Kühler, um ihr einzuschenken. Schützend legte sie die Hand über ihr Glas und sah ihn eindringlich an. „War ich nicht deutlich genug?“

Er betrachtete ihre Widerspenstigkeit offenbar als willkommene Herausforderung, denn er nahm ihren Blick auf und hielt ihm stand. „Was denn? Sind Sie etwa mit meiner Auswahl nicht zufrieden?“

„Ich bin ganz sicher, Sie haben eine hervorragende Wahl getroffen …“

„Kommen Sie, ein Glas wird schon nicht so tragisch sein.“

„Kommen Sie, Sie wollen doch Ihre Fahrerin nicht betrunken machen.“

In ihren Blicken schien ein unsichtbares Kräftemessen zu toben. Das Wort Nein hatte er in seinem Leben bestimmt noch nicht oft gehört. Erstaunlicherweise stellte er die Flasche wieder zurück. Flackerte da nicht sogar ein Funken der Anerkennung in seinen Augen? „Sie nehmen Ihren Job sehr ernst, nicht wahr?“

„Aber selbstverständlich“, antwortete sie fest, während sie sich bewusst gerade hinsetzte und ihre Hände auf ihre Oberschenkel legte.

„Mögen Sie Ihre Arbeit?“

„Es ist ein guter Job.“

„Aber mögen Sie diesen Job?“, insistierte er, weil er eine klare Antwort von ihr wollte.

„Einiges mag ich sehr, anderes nicht“, entgegnete sie vorsichtig. „Es ist wie bei jedem Job.“

Als die Vorspeisen gebracht wurden, war Isabelle froh, sich den Shrimps widmen zu können. Sie beugte sich leicht über ihren Teller, um den herrlichen Duft einzuatmen. Es war zum Niederknien.

„Soviel ich weiß, kochen Sie leidenschaftlich gerne. Wenn das Ihre Leidenschaft ist, warum arbeiten Sie dann nicht als Köchin?“

„Wenn ich in Restaurants wie diesem arbeiten könnte, würde ich das sogar.“

„Und warum können Sie das nicht?“

„Weil mir die Qualifikationen und die notwendige Ausbildung fehlen.“

„Wenn Sie das wirklich wollen, dann könnten Sie doch die besten Empfehlungsschreiben Ihrer Kunden und Ihres Chefs zusammenstellen.“

Isabelle runzelte die Stirn und stocherte mit ihrer Gabel auf dem Teller herum. Wieso musste er auf einmal auf einer Frage herumreiten, mit der ihr Chessie schon seit Jahren in den Ohren lag? „Ich kann an dem Beruf der Haushälterin nichts Schlimmes finden. Außerdem habe ich das Glück, auf diese Weise meistens in hervorragend ausgestatteten Küchen zu arbeiten.“ Das klang wenig überzeugend und wie auswendig gelernt. Isabelle spürte, wie die Zukunftsangst in ihr hochstieg und drohte, ihr die Luft zum Atmen zu nehmen. Sie wollte schleunigst das Thema wechseln. „Außerdem ist die Bezahlung gut und das Trinkgeld oft sehr hoch.“

„Und Geld ist wichtig.“

„Natürlich ist es das“, antwortete sie direkt. Doch dann spürte sie, wie er sie prüfend ansah. Wollte er sie zur Rechenschaft ziehen, weil sie die Bezahlung in den Vordergrund stellte? Für ihn war Geld natürlich kein Problem. „So kann ich meine Rechnungen zahlen“, erklärte sie, „und mich aus eigener Kraft ernähren.“

„Nur Sie allein, Isabelle?“

An diesem Punkt ihres Gespräches regte sich allmählich ihr Misstrauen. Sie begann, sich zu fragen, ob hinter seinem ruhigen und besonnenen Verhalten doch mehr Kalkül steckte, als sie geglaubt hatte. Auf dem Weg zum Restaurant hatte er noch gesagt, wie hungrig er war. Jetzt rührte er seinen Teller kaum an. Hier ging es doch um mehr, als nur um eine nette Plauderei!

Isabelle legte ihre Gabel beiseite und sah ihn herausfordernd an. „Was wollen Sie eigentlich von mir wissen?“

„Nur, ob Sie alleine leben“, antwortete er ruhig. „Gestern haben Sie Ihre Großmutter erwähnt.“

„Gran, also meine Großmutter, ist vor sechs Jahren gestorben.“

Sogar nach dieser langen Zeit war die Erinnerung immer noch so lebendig, dass Isabelle einen Kloß im Hals spürte, als sie an sie dachte. Vielleicht sah Cristiano, wie sehr es sie berührte, darüber zu reden. Jedenfalls nickte er ihr mitfühlend zu. Dann fuhr er fort. „Haben Sie sonst noch Familie?“

„Eine Schwester. Wir wohnen zusammen“, fügte sie hinzu. „Nur wir zwei, noch.“

Sie war die ganze Zeit so gebannt von ihm gewesen, dass sie nicht darauf geachtet hatte, wie er die Stirn runzelte. Über seine ganze charismatische Erscheinung hätte sie fast ihre Sorgen und Bedenken vergessen, die nun wieder über sie hereinbrachen. Sie spürte, wie ihr Herz klopfte. Ihr Hals war wie zugeschnürt. Eine Mischung aus Misstrauen und Vorsicht bemächtigte sich ihrer.

Wer bist du, Cristiano Verón, und warum hast du so ein großes Interesse an meiner Familie?

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass jemand auf ihren Tisch zulief, der aussah wie der Manager des Restaurants. Wahrscheinlich war er auf ihre kaum angerührten Teller aufmerksam geworden. Isabelle achtete nicht auf seine leisen Worte. Entschuldigung, ein Anruf, blablabla. Sie konzentrierte sich ausschließlich auf Cristianos Augen und den Moment, in dem sie endlich wieder alleine sein würden. Im Geiste suchte sie schon nach den passenden Worten.

War seine Reaktion vorhersehbar oder machte sie sich zu viel Gedanken? Vielleicht wäre es klüger, mit dem Gespräch noch zu warten, bis alle Karten auf dem Tisch lagen …

Und dann hörte sie es! Der Name, den sie aufschnappte, riss sie aus ihren Grübeleien und brachte sie mit einem Schlag wieder an den Tisch zurück.

„Mr. Harrington sagt“, flüsterte der Mann, „es sei dringend. Es geht um Gisele.“

5. KAPITEL

Cristiano legte augenblicklich seine Serviette beiseite, stand auf und drängte sich an dem Manager vorbei in Richtung Empfangshalle. Das Letzte, was er wahrnahm, war Isabelles geschockter Gesichtsausdruck.

Chloe, seine Stallmeisterin, hatte ihn am Morgen telefonisch bereits darüber informiert, dass Gisele kaum Futter zu sich nahm. Weil Chloe Cristiano nicht erreichen konnte – er hatte sein Handy ausgeschaltet, um sich auf das Essen mit Isabelle zu konzentrieren – hatte sie Hugh gebeten, sich der Sache anzunehmen und Cristiano aufzuspüren. Dass ausgerechnet Hugh ihn anrufen würde, um ihm die schlechte Nachricht zu überbringen, damit hatte Cristiano nun wirklich nicht gerechnet. Umso tiefer saß der Schock. Gisele hatte schwere Koliken und schwebte in Lebensgefahr.

Nach dem Telefonat mit Hugh hatte er den Lunch rasch beendet und das Telefon die nächsten Stunden nicht mehr aus der Hand gelegt. Er fühlte sich hilflos, weil er nichts weiter tun konnte, als mit den Angestellten seines Stalls und dem Tierarzt zu sprechen. Wenn es notwendig gewesen wäre, sich in ein Flugzeug zu setzen und nach Hause zu fliegen – er hätte sofort die nächstbeste Maschine genommen. Aber die Zeitverschiebung zwischen Australien und England betrug fast einen ganzen Tag. Er würde so oder so zu spät kommen. Gisele würde lange vor seiner Ankunft in die kritische Phase kommen. Ihm blieb nichts weiter übrig, als in die Villa zurückzukehren, wo er nervös die nächsten Anrufe abwartete.

Dann, nach Stunden, endlich die erlösende Nachricht: Die Medikamente hatten angeschlagen und die Stute war, wenn sich keine weiteren Komplikationen einstellten, über den Berg.

Eine große Welle der Erleichterung erfasste Cristiano, der jetzt erst spürte, wie erschöpft und müde er war. Als er einen Blick auf das frisch bezogene Bett in der Mitte seines Schlafzimmers warf, begann er automatisch, seine Kleidung auszuziehen und sich auf den Weg ins Badezimmer zu machen. Vielleicht war es der Reiz des Bettes, das einladend auf ihn zu warten schien, vielleicht war es die Vorstellung, nackt zu sein. Oder die Tatsache, dass sein Kopf nach allem, was an diesem Nachmittag passiert war, endlich wieder frei war. Jedenfalls fühlte er sich völlig entspannt, und plötzlich hatte er das Bild der geschockten Isabelle wieder vor Augen.

Isabelle Browne, die ihn mit leicht geöffnetem Mund und ihren großen Augen bestürzt angesehen hatte, als der Name Harrington gefallen war.

Mit ausgebreiteten Armen stützte er sich an die Wand der Duschkabine und ließ sich das heiße Wasser über den angespannten Nacken laufen. Während er im Geiste noch einmal den Nachmittag durchging, verfinsterte sich seine Stimmung. Plötzlich wurde ihm klar, dass sie ihm genügend Hinweise geliefert hatte, die seinen Verdacht bestätigten. Die weite Uniform. Die strikte Weigerung, Kaffee und Wein zu trinken. Die Bemerkung, dass sie außer ihrer Schwester keine Familie mehr hatte … Im Moment, noch.

Während der Heimfahrt und nach ihrer Rückkehr, hatte keiner mehr ihr Gespräch oder den Name Hugh erwähnt. Ein paar Mal hatte sie an seine Zimmertür geklopft, um ihn mit Kaffee zu versorgen. Doch da er keinerlei Andeutungen gemacht hatte, ihre abgebrochene Unterhaltung fortzusetzen, schwieg sie lieber und schlüpfte wieder in die Rolle der unsichtbaren Haushälterin.

Jetzt, da die Aufregung vorüber war, schien alles wieder ganz klar zu sein. Er verfluchte sich innerlich dafür, dass er sich von dieser anderen Isabelle hatte einnehmen lassen. Von ihren neugierigen leuchtenden Augen, ihren sich im Rhythmus wiegenden Hüften. Diese Frau vereinte Gegensätze in ihrem Wesen, die ihn faszinierten. Wie sehr hatte er sich an diesem Nachmittag gewünscht, die Angelegenheit mit der Schwangerschaft würde sich als dummes Missverständnis erweisen.

Zu gerne hätte er sie beim Essen gefragt, was sie mit ihrer Bemerkung „im Moment, noch“ gemeint hatte. Es wäre so einfach gewesen! Er war sich sicher, dass sie ihm ihre Schwangerschaft gebeichtet hätte. Dann hätte er sich als Hughs Vermittler zu erkennen gegeben, und die Sache wäre erledigt gewesen.

Er trocknete sich flüchtig ab und streifte sich nur ein Paar Hosen über. Er trat auf den prächtigen Balkon, der das ganze obere Stockwerk der Villa umgab, atmete die milde Herbstluft ein und genoss es, den sanften Wind auf seinem halb nackten Körper zu spüren. Doch die hereinbrechende Nacht tauchte nicht nur das Meer in Dunkelheit. Sie brachte auch seine Zweifel und Selbstvorwürfe wieder zurück.

Dios, wie ungeschickt war er nur vorgegangen! Er benahm sich wie ein selbstgerechter Idiot, der glaubte, eine Frau nur ein paar Tage beobachten zu müssen, um sie zu durchschauen. Ja, er war sogar ein doppelter Idiot, weil er seinem zügellosen Verlangen nach dieser Frau erlaubt hatte, seine Urteilskraft zu trüben.

Im Zimmer hinter der Glastür hörte er das leise Klappern von Porzellan. Jetzt war wohl die beste Gelegenheit, um sie zur Rede zu stellen.

Er blieb im Türrahmen stehen und blickte sich im Zimmer um. Sie stand neben seinem Schreibtisch und war gerade dabei, hastig einige Papiere zu durchwühlen.

Cristiano spürte, wie sich eine Eiseskälte in ihm ausbreitete.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte er, obwohl er wusste, dass sie bereits fündig geworden war.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als Isabelle sich blitzartig umdrehte und Cristiano im Türrahmen sah.

Sie durfte ihn nicht immer so anstarren! Es war nicht gut, sich nervös mit der Zunge über die Lippen zu fahren, wenn man vor seinem Auftraggeber stand. Und es war auch bestimmt nicht gut, dieses heiße Prickeln im Körper zuzulassen und sich der Vorstellung hinzugeben, mit den Lippen seine Brust zu erforschen.

Definitiv gar nicht gut war es, auf frischer Tat ertappt zu werden.

Erschrocken schlug sie eine Hand auf die Stelle, an der ihr klopfendes Herz saß. „Tun Sie das nie wieder“, entfuhr es ihr.

Als er langsam ins Zimmer trat, rührte sich ihr schlechtes Gewissen.

„Was denn?“, fragte er leise. Ihr Blick fiel auf den feinen Strang seidiger Haare, der den unteren Teil seines nackten Oberkörpers entlang bis zu einer Stelle lief, die sie nicht mehr sehen konnte.

Hör. Auf. Ihn. An. Zu. Starren.

Sie zwang sich, ihren Blick abzuwenden, aber es gelang ihr nicht. Jeder Muskel seines schlanken Körpers schien gespannt. Sie musste unwillkürlich an eine Wildkatze denken, die sich zum Sprung auf ihre Beute bereit machte.

Ihr Gefühl sagte ihr, dass es besser wäre, vorsichtig zu sein. „Mir aufzulauern. Wie kann jemand, der so groß ist wie Sie, sich so lautlos bewegen?“

Erst jetzt fiel ihr auf, dass seine schlanken Füße nackt waren. Und sehr sexy. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück, doch der Schreibtisch stand ihrem Rückzug im Wege.

„Haben Sie wenigstens gefunden, was Sie suchen?“

„Ich habe nichts Bestimmtes gesucht“, entgegnete sie vielleicht eine Spur zu schnell. Dadurch klang ihre Bemerkung wie ein Schuldeingeständnis, eine Lüge.

Er ging auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen. So dicht, dass sie an seinem Körper den Duft von Bergamotte und Zitrone wahrnehmen konnte.

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