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BACCARA HERZENSBRECHER BAND 2

Heiß umschwärmt

1. KAPITEL

„Miss Meadows, Mr. Morgan wird Sie jetzt empfangen“, verkündete die Chefsekretärin.

Kirsten Meadows stand auf. Schon jetzt fühlte sie sich wie eine arme Verwandte neben dieser schicken, selbstbewussten älteren Frau. Sie selbst trug ein schwarzes Kostüm, das sie im Einkaufszentrum ihrer Heimatstadt gekauft hatte, und eine Kette mit imitierten Perlen. So konnte sie bestimmt nicht mit dieser Angestellten in dem teuren Designer-Outfit mithalten, aber wie immer verbarg Kirsten ihre Ängste und Sorgen hinter einem gelassenen Gesichtsausdruck.

Morgans Chefsekretärin musste sehr gut verdienen, um sich solch ein teures Kostüm leisten zu können. Das bedeutete, dass auch der Job als Assistentin des Chefs gut bezahlt werden würde.

Dieser Gedanke machte Kirsten Mut, und so betrat sie nun das Büro des reichen und mächtigen Seth Morgan.

Doch gleich an der polierten Mahagonitür verließ ihre Zuversicht sie wieder.

Der Mann grüßte sie nicht. Er blickte nicht einmal von seinem Schreibtisch auf. Sein gut geschnittenes dunkles Haar und das markante Gesicht ließen ihn älter erscheinen als dreiunddreißig. Kirsten wusste, dass er so alt war – nur knapp sechs Jahre älter als sie.

Sie nahm an, dass es das anstrengende Leben eines reichen Geschäftsmannes war, das ihn dazu brachte, das Gesicht so zu verziehen. Jedenfalls hoffte sie, dass es nicht an ihrem Lebenslauf lag, den er gerade las. Sie hatte ihr letztes Geld ausgegeben, um zu diesem Vorstellungsgespräch nach Manhattan zu fliegen. Wenn sie den Job nicht bekam, war sie erledigt.

„Ich habe schon bessere gesehen.“ Jetzt blickte Seth Morgan endlich auf. Ein eisiger Blick traf Kirsten.

„Sprechen Sie von meinem Lebenslauf?“, fragte sie schließlich. Sie kam sich dumm vor.

Er nickte und lehnte sich in seinem schwarzen Ledersessel zurück, um sie zu mustern.

Der italienische Anzug, den er trug, passte so gut, dass er nicht mal Falten warf. Seine eisblaue Krawatte verstärkte den Eindruck von kühler Distanziertheit noch.

„Fünf Sprachen fließend, Tochter eines Karriere-Diplomaten – das könnte jede sein.“ Er schnippte mit dem Finger gegen die Mappe und starrte Kirsten an, als wollte er sie herausfordern, seiner Einschätzung zu widersprechen, indem sie ihre besonderen Fähigkeiten anpries.

Sie unterdrückte einen Seufzer. Dieser arrogante reiche Mann sollte auf keinen Fall erleben, dass sie um den Job bettelte. Er hatte ihr schreckliche Umstände bereitet, indem er sie nach New York zitiert hatte, aber wenn die Reise ein Fehlschlag gewesen war, dann gönnte sie diesem Wall Street-Magnaten nicht die Genugtuung zu wissen, dass er sie ruiniert hatte.

Sie hob ruhig den Kopf und starrte zurück.

„Es tut mir leid, wenn Sie glauben, dass ich nicht qualifiziert genug bin für die Stelle bei Ihnen“, begann sie. „Aber Sie hatten meinen Lebenslauf, bevor Sie mich zu einem Vorstellungsgespräch hergebeten haben. Ganz gewiss hätten Sie mir auch eine schriftliche Absage erteilen können, ohne dass ich den ganzen Weg von Montana bis nach Manhattan hätte kommen müssen. Nun haben Sie unser beider Zeit verschwendet …“

„Warum sollte ich Ihnen einen Job geben?“, fragte er scharf.

Er legte die Fingerspitzen zusammen, sodass sie ein V bildeten, und musterte Kirsten wieder.

Widerstrebend musste Kirsten zugeben, dass er attraktive Hände hatte, kräftig und nicht so bleich, wie man das von Leuten in Büro gewöhnlich erwartete. Sie passten zu seinem markanten Gesicht.

Sie mobilisierte ihre letzte Kraft. „Ich könnte auf Ihrem Besitz in Mystery, Montana, eine Menge leisten, weil ich die Gegend sehr gut kenne. Mein Vater hat für mehrere Botschafter im Ausland gearbeitet, aber meine Mutter ist mit mir jeden Sommer an ihren Geburtsort zurückgekehrt, und nach der Scheidung …“ Sie machte eine Pause. Es tat immer noch weh, wenn sie daran dachte, zu welch kostspieligem Gerichtsverfahren ihr Vater ihre Mutter gezwungen hatte. Die letzte Grausamkeit war das Leben in Armut gewesen, das sie nach all den Jahren im Ausland hatte führen müssen. Durch diese Ungerechtigkeit waren Kirsten und ihre Schwester dem Vater bis zum heutigen Tag entfremdet.

„Nun ja.“ Kirsten räusperte sich. „Nach der Scheidung meiner Eltern habe ich mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester in Mystery gelebt und dort die Highschool beendet. Ich kenne den Ort genauso gut wie eine Einheimische, aber zusätzlich bringe ich die Erfahrungen mit, die ich dadurch gesammelt habe, dass ich in vielen verschiedenen Kulturen aufgewachsen bin.“

„Also haben Sie das Gefühl, dafür qualifiziert zu sein, meine Geschäfte in Mystery zu führen.“

„Bestimmt kann ich als Ihre Assistentin mit allem fertig werden, was auf Ihrem Besitz erforderlich ist. Ich habe auf dem College Buchführung gelernt. Ich kann einen Haushalt führen. Außerdem wird meine Erfahrung in Übersee beim Planen von Partys und Gesellschaften von Nutzen sein, die Sie möglicherweise auf Ihrer Ranch geben wollen. Und ich kann Ihrer Frau bei der Terminplanung helfen“, fügte sie hinzu.

„Ich habe keine Frau.“

Kirsten stieß innerlich einen erleichterten Seufzer aus. Der Familienstand dieses Mannes ging sie gar nichts an, aber immerhin bewarb sie sich für die Stelle einer Assistentin, und sie hatte nicht die geringste Lust, sich um so persönliche Dinge zu kümmern wie zum Beispiel die Verschleierung von Mr. Morgans Affären vor seiner ahnungslosen Frau. Hoffentlich hatte er nicht so viele wie ihr, Kirstens, Vater gehabt hatte.

„In Ordnung, Miss Meadows, Sie können jetzt gehen.“

Sie öffnete den Mund, um zu fragen, ob sie den Job nun hatte oder nicht, aber sie brachte kein Wort heraus. Irgendwie schien es ihr nicht mehr von Bedeutung zu sein. Dieser attraktive reiche Mann war es gewöhnt, darüber zu bestimmen, wer in der Wall Street lebte und starb. Es würde ihre Position nicht verbessern, wenn sie unnütze Fragen stellte.

Also nickte sie und wandte sich ab.

„Das Ranchhaus ist jetzt fertig, und ich würde gern ein langes Wochenende dort verbringen, um mich einzuleben. Heute Abend fliege ich nach Montana und zeige Ihnen, was dort noch getan werden soll.“

Kirsten erstarrte. Das klang ja, als hätte sie den Job.

„Was die Bezahlung angeht …“ Sie drehte sich wieder zu ihm um.

Er unterbrach sie. „Das ist bereits geregelt. Sie bekommen das, was Sie verlangt haben.“

„Danke“, stammelte sie und überlegte, wie es hatte passieren können, dass die Dinge sich innerhalb von Sekunden von einem verzweifelten Fehlschlag zu einem totalen Erfolg gewandelt hatten.

Aber Seth Morgan hatte sie bereits entlassen. Er blickte nicht mehr von seinem Schreibtisch auf, wo er gerade einen Bericht las.

Kirsten verließ das Büro und jubelte innerlich.

„Danke, Hazel, danke!“, sagte sie im Fahrstuhl auf dem Weg nach unten immer wieder.

Hazel McCallum war der Grund dafür, dass sie den Job bekommen hatte. Der betagten Viehbaronin gehörte fast der ganze Ort Mystery in Montana. Von ihrer Ranch aus überblickte sie das Tal, als wäre es ihr persönliches Eigentum, was zum größten Teil auch zutraf. Und für die über siebzigjährige Frau war jeder Einwohner von Mystery so etwas wie ein Verwandter. Es war Hazel, die für Kirsten die Stellung als Assistentin des neuesten Einwohners von Mystery, Seth Morgan, gefunden hatte.

Und Kirsten brauchte den Job. In einer Gegend, wo vorwiegend Viehzucht betrieben wurde, waren Bürojobs schwer zu bekommen. Kirstens Mutter und ihre kleine Schwester waren sowohl gefühlsmäßig als auch finanziell von Kirsten abhängig, und zurzeit war keine der beiden in der Lage, woanders hinzuziehen, wo sie keine Unterstützung bekommen würden.

Sie würden sich bei Hazel niemals für all das revanchieren können, was sie für sie getan hatte. Sie würde ihr ganzes Leben damit verbringen, Hazel für all ihre Güte zu danken, besonders ihrer Mutter gegenüber, die krank war und soviel mehr brauchte, als Kirsten und ihre elfjährige Schwester leisten konnten.

Mit dem Gedanken an ihre Mutter verließ Kirsten jetzt das Gebäude und ging zur U-Bahn, um zu ihrem Hotel zurückzukehren und für die Heimreise zu packen.

Sie hatte den Job, das war das Wichtigste. Mit dem arroganten Seth Morgan würde sie sich schon irgendwie arrangieren.

Seth Morgan beobachtete, wie die junge Frau in dem einfachen schwarzen Kostüm sein Büro verließ.

Kirsten Meadows war mehr, als er erwartet hatte. Wie Hazel ihm erklärt hatte, war sie ganz gewiss qualifiziert für den Job. Sogar überqualifiziert, wenn er nach ihrem Lebenslauf ging. Er hatte keinerlei Zweifel daran, dass sie ihre Arbeit ernst nehmen und ihm eine große Hilfe sein würde.

Was er nicht erwartet hatte, war das Gefühl, das er verspürt hatte, als er in ihre dunkelblauen Augen gesehen hatte. Er fühlte sich eindeutig zu dieser Frau hingezogen. Immerhin war er ein Mann, und Kirsten Meadows war so schön, dass sie fast wie ein Engel wirkte.

Ja, es waren die Augen, die ihn vor allem beeindruckt hatten. Dunkle Augen, in denen man versinken konnte wie in einem tiefen See. Seth war sofort in Verteidigungsstellung gegangen.

Nun verzog er das Gesicht und drückte auf den Knopf, um seine Sekretärin zu rufen.

„Ja, Mr. Morgan?“, erwiderte seine Sekretärin mit melodischer Stimme.

„Verbinden Sie mich mit Hazel McCallum.“

„Sofort, Sir.“

Er wirbelte mit seinem Stuhl herum und blickte auf die Wolkenkratzer der Südspitze von Manhattan, auf die Freiheitsstatue und Governor’s Island. Die Aussicht war wundervoll. Mit solch einem Panorama vor sich konnte man glauben, die ganze Welt erobert zu haben.

Doch in letzter Zeit war diese Aussicht nicht mehr ganz so befriedigend für ihn. All diese spektakulären Gebäude waren Monumente menschlicher Schaffenskraft, die Seth zutiefst bewunderte. Jedes Hochhaus erschien ihm wie ein Ausdruck eines Eroberungswillens, der keine Grenzen kannte. Doch jetzt fragte er sich, ob er allmählich genug davon hatte. Es gab Zeiten, da starrte er auf die Wolkenkratzer und überlegte, ob die Menschen, die in ihnen wohnten und arbeiten, nicht wertvoller waren als die Mauer, die sie umschlossen, ob Beziehungen nicht wichtiger waren als das Streben, immer höher, immer größer zu bauen.

Ja, er spürte das Verlangen nach mehr. Aber er wusste nicht, was genau das sein sollte.

Jedenfalls hatte er keine Ahnung gehabt, bis er in die dunkelblauen Augen dieser Frau geblickt hatte.

Jetzt starrte er nachdenklich vor sich hin. Dann verhärtete sich sein Gesichtsausdruck, und seine Augen blitzten auf.

Er war nicht bereit, sich austricksen zu lassen, und er kannte Hazel McCallum gut genug, um zu wissen, dass sie manchmal Leute verkuppelte, um neue Einwohner für die Stadt Mystery zu gewinnen, statt sie nur den Touristen zu überlassen. Hazel hatte genau gewusst, welche Schönheit Kirsten war, als sie ihr Empfehlungsschreiben aufsetzte. Wenn sie ihm diese junge Frau schickte, so steckte garantiert mehr dahinter als der Wunsch, ihm zu einer guten Assistentin zu verhelfen.

Seth drückte auf den Knopf der Sprechanlage, als diese summte.

„Sir?“, kam die zögernde Stimme seiner Sekretärin. „Miss McCallum lässt ausrichten, dass sie zurzeit keine Anrufe aus New York entgegennimmt.“

„Wie bitte?“ Seth war fassungslos. Niemand hatte sich je geweigert, einen Anruf von ihm entgegenzunehmen.

„Sie … sie hat gesagt, wenn Sie mit ihr reden wollen, müssen Sie das Gleiche tun wie alle Einwohner von Mystery. Sie können zu ihr auf die Ranch kommen.“

Seth presste die Lippen zusammen. „Das hat sie gesagt, ja?“ Er sprach laut und klar. „Na ja, dann rufen Sie das alte Mädchen an und sagen Sie ihr, ich will sie gleich als Erste morgen früh sehen.“

„Dort oder hier, Sir?“

Seth merkte, dass sogar seine Sekretärin von der alten Hazel McCallum eingeschüchtert worden war.

„Dort“, antwortete er scharf und kam sich vor wie ein altmodischer Verehrer, dem man endlich erlaubt hatte, die Tochter seines Chefs zu besuchen. „Und sorgen Sie dafür, dass mein Flugzeug für den Flug nach Montana startklar gemacht wird.“

Er schaltete die Sprechanlage aus und wandte sich wieder der Skyline zu. Dieses Mal tröstete ihn die Tatsache, dass er wenigstens etwas in seinem Leben erreicht hatte, selbst wenn er keine Viehbaroninnen oder blauen Berge von Montana erobert hatte.

Das Flugzeug war innen hell eingerichtet. Alles passte perfekt zusammen, und auch der butterweiche Ledersessel, in dem Kirsten saß, war perfekt. Inzwischen befanden sie sich in zwanzigtausend Fuß Höhe, und sie stiegen weiter. Sie flogen der untergehenden Sonne entgegen, und die gedämpfte Innenbeleuchtung ließ alles in einem sanften Goldton schimmern.

Kirsten hörte, wie Eiswürfel in einem Glas klickten, und blickte über die Schulter. In einer Ecke der Kabine gab es eine Bar, ein Steward bereitete dort gerade Drinks vor. Dahinter lag eine weitere Kabine mit einem Badezimmer und – Kirsten konnte das immer noch kaum glauben – einem Bett, in dem Seth Morgan schlafen konnte, während er nach London oder Tokio flog.

„… in der ersten Woche. Danach möchte ich mich darauf verlassen können, dass Sie zusammen mit Mary in New York die Korrespondenz im Griff haben, während ich auf der Ranch bin.“ Seth Morgan erinnerte beim Erteilen von Anweisungen an einen Marinesergeant. „Außerdem möchte ich, dass Sie mit Hazel McCallum eng zusammenarbeiten, um die richtigen Pferde für mich zu finden. Ich werde Gäste haben, und ich möchte im Stall gute Pferde für sie bereitstehen haben.“

„Ich bin geritten, seit ich sechs Jahre alt war. Hazel und ich arbeiten gut zusammen.“ Kirsten machte sich Notizen auf dem neuen Laptop, den Seth ihr zur Verfügung gestellt hatte.

„Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“, mischte sich der Steward ein.

„Wasser“, antwortete Seth. Er war offensichtlich daran gewöhnt, bedient zu werden.

„Eistee, bitte“, sagte Kirsten und machte sich wieder Gedanken über den Mann, der ihr gegenübersaß.

Das Mineralwasser, das der Steward ihm jetzt eingoss, konnte bedeuten, dass Seth Morgan ein Gesundheitsfanatiker war. Das würde in Mystery nicht besonders gut ankommen. Dort hielten die Leute Steaks für eins der Grundnahrungsmittel.

„Hier.“ Der Steward reichte ihr ein großes Glas Eistee.

Sie nahm es.

„Zucker?“, bot er ihr an und hielt das silberne Tablett niedriger, sodass sie besser an die silberne Zuckerschale herankam.

Genau in dem Moment, als Kirsten nach dem Zuckerlöffel griff, sackte das Flugzeug in ein Luftloch.

Kirsten sah, wie das Mineralwasser auf den italienischen Anzug von Seth Morgan spritzte. Das hätte sie komisch finden können, wenn sie selbst nicht in diesem Moment von ihrem Eistee durchnässt worden wäre. Und auch der Zucker landete auf ihr.

„Du lieber Himmel!“ Der Steward war entsetzt.

„Es tut mir leid“, murmelte Kirsten, leckte sich instinktiv den Zucker von den Lippen und fing an, verzweifelt an dem teuren Ledersitz herumzureiben, bevor sie auch nur an sich selbst dachte.

Seth Morgan saß ihr wie erstarrt gegenüber und sah sie an. Sein Gesichtsausdruck war irgendwie hart.

Sie sagte sich, dass er ganz offensichtlich wütend war. Doch was konnte sie dafür, dass das Flugzeug in ein Luftloch geraten war? „Ich werde für die Reinigung des Leders bezahlen“, bot sie an und sah sich nach weiteren Servietten zum Abwischen um.

„Unsinn.“ Seth Morgan stand auf.

Damit schnitt er ihr den Weg ab. Nun bemerkte sie, dass ihre Vorderseite so mit Zucker bedeckt war, dass es aussah, als hätte es geschneit.

Seth Morgan beugte sich vor und streifte Kirsten die schwarze Jacke ab. Seine Hände waren überraschend warm, als sie ihren Hals streiften.

Aus irgendeinem Grund hatte sie erwartet, dass er kalte Hände hatte. Er war reich, attraktiv und mächtig. Sie hatte damit gerechnet, dass kalte Hände und ein kaltes Herz zusammengehörten.

„Also, das geht nicht“, meinte der Steward.

Kirsten blickte an sich hinunter. Das weiße T-Shirt, das sie unter der Jacke getragen hatte, war durch die Nässe durchsichtig geworden. Kirsten schnappte nach Luft und bedeckte sich mit den Armen, wodurch sie den klebrigen Zucker weiter verteilte. Sie hoffte, dass Seth Morgan nicht das Gleiche gedacht hatte wie der Steward, aber dann blickte sie auf, in seine Augen, und sie erkannte, dass er sehr wohl alles zur Kenntnis genommen hatte, bis zur Farbe ihres BHs – ein leuchtendes Pink.

„Sie müssen sich umziehen“, erklärte er hölzern. Sein Ausdruck war immer noch durchdringend, und es kam Kirsten vor, als würde er ebenfalls an Sex denken.

„Meine Tasche ist unten im Gepäckraum. Ich dachte nicht, dass ich sie brauchen würde.“ Kirsten fröstelte.

„So können Sie in der Kabine sitzen. Wir haben noch mehrere Stunden Flug vor uns.“

„Vielleicht kann ich mich im Waschraum etwas säubern.“

Seth Morgan nickte dem Steward zu. „Geben Sie Miss Meadows meinen Bademantel und was immer sie zum Duschen braucht. Wenn wir gelandet sind, bringen Sie ihre Tasche hier herein, damit sie sich umziehen kann.“

Der Steward nickte.

Kirsten stand vorsichtig auf, wobei sie ihr T-Shirt von sich weghielt, damit der Zucker wenigstens dort blieb, statt auf dem Boden zu landen. Dann folgte sie dem Steward in die hintere Kabine. Sie dachte weiter an Seth Morgans Blick, der voller unanständiger Versprechen gewesen war.

Alles, was ihr beim Duschen durch den Kopf ging, war die Tatsache, dass sie und ihr neuer Boss ihre Beziehung auf äußerst turbulente Weise begonnen hatten – womit sie nicht mal die Turbulenzen während des Fluges meinte – und sie befürchtete, dass es noch schlimmer werden würde. Wenn es eins gab, das sie bereits über ihren Chef wusste, dann, dass er ein Mensch war, der sich nahm, was immer er wollte. Sie würde all ihren Verstand brauchen, um sich ihm gegenüber zu behaupten. Nachdem sie hatte mit ansehen müssen, wie ihr Vater ihre Mutter behandelt hatte, hatte sie sich geschworen, selbst niemals zur Beute eines Mannes zu werden. Doch das kam ihr jetzt, nachdem sie mit Zucker bestreut worden war, wie ein frisch gebackener Keks und dann Seth Morgan serviert worden war, ziemlich schwer vor.

Die Shampooflasche fiel ihr aus den nassen Fingern, und das Geräusch des Aufschlags zerrte weiter an ihren bereits geschundenen Nerven. Aber sie tröstete sich mit einem Gedanken: Seth Morgan konnte sie so sehr durcheinanderbringen, wie er wollte, solange er sie so gut bezahlte. Und wenn sie selbst gefühlsmäßig unverletzlich blieb, konnte er alle Kekse haben, die er wollte.

2. KAPITEL

Während Seth seinen zweiten Whiskey trank, fragte er sich, wie zum Teufel er dieses Bild wieder aus dem Kopf bekommen sollte.

Das Bild von Kirsten Meadows, nass und klebrig, mit Zuckerkristallen an den Wimpern wie Schneeflocken, na ja, das war ein Anblick, den kein Mann je wieder vergessen würde. Sie hatte ihn angesehen wie eine üppige, sinnliche Zuckerfee, und wenn er wesentlich weniger zivilisiert gewesen wäre, als es der Fall war, hätte er gleich dort auf dem Ledersessel mit ihr geschlafen.

Er rutschte unbehaglich auf seinem Platz herum und starrte in die schwarze Nacht auf der anderen Seite des Flugzeugfensters.

Der Steward saß inzwischen vorne bei den Piloten. Seth war allein. Trotz des Geräusches der Triebwerke hörte er immer noch in der Dusche Wasser laufen.

Die Frau hatte dichtes blondes Haar, und es würde viel Zeit und viel heißes Wasser erfordern, all den Zucker herauszubekommen. Unwillkürlich stellte Seth sich vor, wie er selbst durch Kirstens nasses Haar strich und den Zucker wegwusch.

Er rutschte wieder herum und trank einen weiteren großen Schluck Whiskey. Seine eine Handkante war klebrig, weil er Kirsten geholfen hatte, die Jacke auszuziehen. Ohne nachzudenken, leckte er den Zucker ab. Er schloss die Augen und genoss den Moment. Einfacher weißer Zucker war für ihn zu Nektar geworden, nur durch die Zugabe von Begierde.

Er war nicht bloß scharf auf Sex, da war er sicher. Nikki, ein Model, das zurzeit seine Freundin war, war gern bereit, all seine Bedürfnisse zu erfüllen, vor allem seit er ihr einen roten Sportwagen und dazu passende Rubinohrringe gekauft hatte.

Nein, mit ihm geschah etwas, das ihm nicht vertraut war. Statt sich zu wünschen, dass Nikki an diesem Abend mit ihm nach Montana fliegen würde, sodass sie dort miteinander schlafen konnten, fürchtete er sich eher vor dem gemeinsamen Wochenende, das er ihr versprochen hatte. Er hatte keine Lust mehr, Nikki die Ranch zu zeigen, die er gerade gekauft hatte. Jetzt wollte er allein dort herumlaufen und die Gelegenheit nutzen, seine neue Angestellte besser kennenzulernen.

„Darf ich reinkommen?“

Er drehte ruckartig den Kopf herum und sah Kirsten in der Kabinentür stehen, die süßen Kurven in einen Bademantel mit Paisleymuster gehüllt, der genau zu ihren mitternachtsblauen Augen passte.

„Setzen Sie sich. Wir haben noch mindestens zwei Stunden Flug vor uns.“

Sie ging vorsichtig auf nackten Füßen durch die Kabine und hielt dabei den Bademantel am Hals zusammen wie eine prüde alte Jungfer. Seth fand diese unschuldige Geste auf gewisse Weise charmant, aber das hielt ihn nicht davon ab, Kirsten fasziniert anzustarren.

Ihre Blicke trafen sich.

Kirsten lächelte unsicher. „Ich muss sagen, dass mir das noch nie zuvor passiert ist. Allerdings bin ich bisher auch immer nur mit normalen Fluglinien geflogen, und dort wird Zucker in diesen kleinen Tüten serviert. Jetzt weiß ich, warum.“ Sie lachte nervös.

Seth lachte ebenfalls, und das war ein gutes Gefühl. Es linderte die Spannung, die zwischen ihnen herrschte, und auch die schreckliche Anspannung in seinem Körper.

„Ich werde Ricky sagen, dass er abgepackten Zucker besorgen soll“, meinte Seth.

Kirsten lächelte erneut. Ihr Gesicht hellte sich auf. „Ist das der Name des Stewards? Wir hatten noch keine Gelegenheit, uns richtig kennenzulernen.“

„Na ja, er hat Sie durchaus kennengelernt“, erwiderte Seth und rief Kirsten damit den peinlichen Moment von vorhin ins Gedächtnis zurück, obwohl er das gar nicht vorgehabt hatte.

Daraufhin herrschte Schweigen in der Kabine.

Kirsten stand langsam auf und ging zu ihrem Laptop. „Ich schätze, wir können jetzt weitermachen“, bemerkte sie verlegen.

„Ich arbeite nicht mehr.“ Seth hob sein fast leeres Whiskeyglas und deutete auf die Bar. „Nehmen Sie sich etwas. Es könnte Ihnen gut tun. Anscheinend frösteln Sie immer noch.“

Sie blickte unsicher zur Bar hinüber.

„Machen Sie schon“, drängte Seth sie. „Ich werde es Ihnen morgen nicht vorwerfen. Schließlich habe ich selbst dringend einen Drink gebraucht.“ Daraufhin leerte er sein Glas und starrte wieder zum Fenster hinaus.

Kirsten ging vorsichtig zur Bar hinüber und mixte sich einen Drink. Sie fand, dass Seth Morgan ein seltsamer Mann war, aber vielleicht wurde man so, wenn man so unglaublich reich war. Und doch schien in seinem Wesen etwas Ursprüngliches zu liegen, das an die Oberfläche drängte. Sie sah es in seinem Blick und an der Art, wie er immer unruhig auf seinem Sitz herumrutschte. So, als würde es ihm nicht gelingen, es sich bequem zu machen.

Kirsten schenkte sich noch einen Drink ein und fragte sich, ob Ruhelosigkeit ansteckend war. Ganz gewiss wurde sie selbst auch jedes Mal unruhig, wenn sie diesen düsteren, missbilligenden Blick sah.

Nach dem zweiten Drink fühlte Kirsten sich wieder wohler. Das Schweigen ging in belanglose Bemerkungen und schließlich in ein echtes Gespräch über. Seth stellte eine Menge persönliche Fragen. Tatsächlich verlangte er sogar Antworten auf sehr viele persönliche Fragen, aber Kirsten machte es nichts aus, ihm diese zu geben. Sie erklärte ihm eine Vielzahl von Dingen aus ihrem Leben, wobei sie das Geräusch der Triebwerke irgendwie beruhigend fand.

„Wesentlich mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Danach sind meine Mutter, meine Schwester und ich wieder nach Mystery gezogen. Und da leben wir bis heute. Alles bestens.“ Kirsten saß im Schneidersitz in ihrem Sessel, in der Hand ein Glas mit dem besten Whiskey mit Soda, den sie je getrunken hatte. Der Alkohol hatte sie schläfrig gemacht und ihre innere Abwehr außer Gefecht gesetzt. So hart Seth Morgans Blick manchmal sein mochte, im Moment machte ihr das nicht viel aus. Inzwischen war das Eis gebrochen, und sie redeten.

„Warum waren Sie so scharf auf diesen Job?“

Bei dieser Frage lief Kirsten doch wieder ein kalter Schauer über den Rücken. „Na ja, ich hätte ja im Schnellrestaurant von Mystery Burger braten können, aber wissen Sie, was die bezahlen?“ Sie lachte spöttisch, obwohl es ihr bei dem Gedanken immer noch grauste.

„Hazel sagte, Sie müssten diesen Job unbedingt haben. Sie hätten das Geld nötig.“

Es war deprimierend für Kirsten, darüber reden zu müssen. „Carrie ist erst elf, und meine Mutter hatte in letzter Zeit gesundheitliche Probleme. Sie sollte wirklich zurzeit nicht arbeiten.“

„Also bleibt alles an Ihnen hängen.“

Kirsten schwieg eine Weile. Schließlich sagte sie: „Ich hätte sicher auch ohne Hazels Hilfe einen Job gefunden, aber ich muss gestehen, dass mir dieser gut gefallen würde, falls alles klappt.“ Dann bemühte sie sich verzweifelt um einen Themenwechsel. Dazu sah sie sich in der Kabine um. „Ich kann es nicht fassen, dass ich gerade in einem Flugzeug geduscht habe. Ich meine, wie haben Sie sich an all das gewöhnt?“

Jetzt war es Seth, der eine Weile schwieg. Er starrte Kirsten erst einmal nur an.

„Ich war früher auch einmal sehr scharf auf bestimmte Dinge“, antwortete er schließlich. „Ich wollte die ganze Welt erobern, und in gewisser Weise habe ich das geschafft. Ich schätze, inzwischen bin ich etwas blasiert, was meinen Reichtum angeht. Heute reizt mich so schnell nichts mehr.“

„Es muss toll sein, wenn man seinen Appetit in jeder Hinsicht gestillt hat“, meinte Kirsten ruhig. „Ich selbst werde bloß immer hungriger und hungriger.“

„Mein Appetit ist noch lange nicht gestillt. Aber irgendwann bekomme ich immer alles, was ich will.“

Das klang für Kirsten mehr nach einer Drohung als nach einer einfachen Bemerkung.

Sie musterte Seth, und in ihr läutete eine Warnglocke.

Danach sagte Seth nichts weiter mehr.

Er starrte nur in die Dunkelheit hinaus und beachtete Kirsten gar nicht mehr. Es war, als wäre sie unsichtbar geworden.

Das Flugzeug landete pünktlich. Nachdem der Ricky, der Steward, ihr Gepäck gebracht hatte, zog Kirsten sich Jeans und ein warmes Hemd an. Seth hatte arrangiert, dass auf dem Flughafen bereits ein Jeep auf ihn wartete, und so waren sie sehr bald unterwegs zu seiner neu erworbenen Ranch.

Kirsten stellte überrascht fest, dass diese ganz anders war, als sie erwartet hatte.

Nachdem sie Seths Büro gesehen hatte, hatte sie sich das Ranchhaus als riesiges Gebäude vorgestellt, neben dem ein hoher Berg aufragte. Stattdessen fand sie nun eine meisterhaft gebaute Blockhütte vor, die so gut in die Landschaft passte wie ein Vogel in sein Nest. Das Haus war ausgesprochen gemütlich. In jedem Raum gab es einen Kamin aus Stein. Ein Büro war überhaupt nicht vorhanden. Seth erklärte, dass er sich eine Ranch in Montana gekauft hatte, um sich dort zu entspannen, nicht um zu arbeiten.

Obwohl Kirsten sich vorgenommen hatte, unbeeindruckt zu bleiben, war sie nun doch wirklich angetan, sowohl von dem Haus als auch von Seth selbst.

Die Haushälterin, Viola, war eine ältere Frau mit kurzem weißen Haar und hohen Wangenknochen, die auf eine indianische Abstammung hindeuteten. Sie zeigte Kirsten ihr Zimmer und ließ sie dann mit einem Imbiss auf einem Tablett allein.

Kirsten sah sich in dem schönen Schlafzimmer um, das hauptsächlich blau dekoriert war. Dann warf sie sich aufs Bett und griff nach dem Telefon, um ihre Familie anzurufen.

„Carrie! Sag Mom, dass ich zurück bin und den Job habe!“, begann sie aufgeregt, aber leise.

Sie wartete, bis sie die vertraute Stimme hörte, dann fuhr sie fort. „Das stimmt! Ich habe den Job! Also kündigst du gleich morgen im Schnellrestaurant. Keine Arbeit mehr. Du musst dich von der Chemotherapie erholen und wieder glücklich werden. Dann wirst du auch so gesund, wie der Doktor es uns erklärt hat.“

Kirstens Mutter protestierte, aber davon wollte Kirsten nichts hören. „Ich habe alles im Griff, Mom“, sagte sie. „Du solltest das Zimmer sehen, das ich hier habe. Die Überdecke auf dem Bett ist aus einem Material wie mein bester Paschmina-Schal. Also wozu brauche ich noch Geld für Miete? Es gehört dir. Du musst morgen kündigen. Ich werde mich morgen bei Hazel bedanken, und dann komme ich vorbei, um nach euch beiden zu sehen.“

Sie hörte eine Minute zu und verdrehte die Augen. „Die Sache ist bereits beschlossen und besiegelt. Akzeptiere es. Alles ist genauso, wie ich es geplant hatte. Unser Schiff ist in den Hafen eingelaufen. Gib Carrie einen Kuss von mir.“ Sie legte den Hörer auf und schlang die Arme um sich. Es war ein wundervoller Tag. All ihre Probleme schienen gelöst zu sein.

Es klopfte es an der Tür, und Kirsten blickte auf.

Seth Morgan stand in der Tür, die immer noch offen war. Er trug nur Jeans und ein Wollhemd. Offenbar ließ er sich hier so weit gehen, dass er sogar barfuß herumlief, aber seinen Gesichtsausdruck konnte man nicht gerade als entspannt bezeichnen.

„Ich würde gern mit Ihnen über den morgigen Tag sprechen“, begann er.

Kirsten richtete sich auf dem Bett auf. Sie wurde rot. „Es tut mir leid, wenn Sie das gehört haben …“

„Miss Meadows, niemand weiß besser als ich selbst, wie reich ich bin“, unterbrach er sie in scharfem Ton. „Wenn es Ihnen nicht aufgefallen wäre, hätte ich Sie für dumm gehalten.“ Er wechselte das Thema. „Jetzt zum Geschäft. Ich möchte mir die Pferde ansehen, die Jim, der Verwalter der Ranch, zurzeit im Stall hat, um festzustellen, welche für meine Hausgäste geeignet sind, wenn ich später welche habe. Und ich hätte gern eine zweite Meinung, was die Pferde angeht, also können Sie damit rechnen, morgen eine Menge Zeit im Sattel zu verbringen.“

„Sicher.“ Kirsten war den Tränen nahe. Es war ein entsetzlicher Gedanke, dass sie ihren kostbaren Job womöglich durch einen weiteren dummen Fehler gefährdet hatte.

„Also sehen wir uns morgen früh.“

„Ich stelle mich darauf ein“, antwortete Kirsten heiser. „Brauchen Sie mich heute Abend noch für etwas?“

Sein hungriger Blick hätte sie wahrscheinlich schockiert, wenn sie nicht vorher schon solche Angst gehabt hätte. Seth musterte kalt ihre Lippen, betrachtete dann ihren Hals und schließlich ihre vollen Brüste, die sich unter dem warmen Hemd abzeichneten.

„Wir sehen uns morgen früh, Miss Meadows.“ Er drehte sich abrupt um und ging.

Kirsten schloss die Tür hinter ihm. Als sie dann in ihrem Zimmer allein war, atmete sie tief ein und versuchte sich zu entspannen.

Sie konnte es sich nicht erlauben, diesen Mann zu beleidigen. In Zukunft würde sie ungeheuer vorsichtig sein müssen. Es hing einfach zu viel von ihr ab.

Doch auch nachdem ihre Angst nachgelassen hatte, klopfte ihr Herz immer noch wie wild. Sie war auf seltsame Weise aufgeregt. Nun schloss sie die Augen. Sie sah immer noch Seth vor sich, wie er in der Tür gestanden hatte, mit diesem harten Ausdruck in dem attraktiven Gesicht, mit Jeans und nackten Füßen, als wäre er ein ganz einfacher Mann und kein Milliardär.

Ihr Körper sandte gewisse Signale aus, die sie jedoch zu leugnen versuchte. Ihre Brüste und ihre Lippen kribbelten, bloß weil Seth sie angestarrt hatte. Sie wagte gar nicht, daran zu denken, wie sie reagieren würde, sollte er je versuchen, sie zu berühren. Es hatte ganz gewiss etwas damit zu tun, dass Seth Morgan ein Mann war, noch dazu ein ausgesprochen gut aussehender. Doch sie lebten in viel zu verschiedenen Welten, wenn man davon ausging, wie viel Geld jedem von ihnen zur Verfügung stand. Außerdem wollte Kirsten nicht verletzt werden. Das hatte sie zur Genüge früher bei ihrer Mutter erlebt, die von ihrem Mann gedemütigt worden war.

Als Kirstens Vater in seinem Beruf aufgestiegen war, hatte er beschlossen, dass er eine neue Frau wollte. Kirsten glaubte, dass er inzwischen bei der vierten Ehe angelangt war, und jede Frau war jünger als ihre Vorgängerin.

Wenn Kirstens Vater, der nur begrenzte Macht gehabt hatte, einer Frau schon so viel antun konnte, wie er das bei Kirstens Mutter getan hatte, dann wäre Seth Morgan vermutlich fähig, ihr, Kirsten, jegliches Selbstbewusstsein zu rauben.

Und so attraktiv fand Kirsten ihn nun auch wieder nicht, dass es sich lohnte, seinetwegen ein solches Risiko einzugehen. Das würde er nie sein.

Sie war jetzt völlig erschöpft. Sie zog ihre Kleidung aus und holte ihr Nachthemd aus der Tasche. Als sie dann ins Bett stieg, war sie entschlossen, jeden Gedanken an Seth zu verdrängen. Sie würde ihren Job perfekt erledigen und alles abwehren, was zu Ärger führen könnte. Es musste eine ganz unkomplizierte Beziehung bleiben. Auf diese Weise würde alles einfach sein. Kirsten musste sich nur ganz kühl und geschäftsmäßig verhalten, dann war die Sache in Ordnung.

Doch so müde sie auch war, sie bekam Seths Anblick einfach nicht aus dem Kopf.

Und obwohl sie sich die Sache genau überlegt hatte, konnte sie in dieser Nacht kaum schlafen.

Kirsten und Seth waren seit mehr als einer Stunde unterwegs. „Da drüben ist der Blue Rock Creek, wo ich früher im Sommer immer geschwommen bin.“ Kirsten deutete auf die westliche Seite des Pfades.

Sie saß auf einer dicklichen Stute namens Sterling, und Seth ritt einen großen dunklen Hengst, der eher ein Vollblut war als ein normales Ranchpferd und passenderweise Noir hieß. Beide Tiere waren besser trainiert, als Kirsten das je bei einem Pferd erlebt hatte, und deshalb war es ein Vergnügen, mit ihnen in die Berge zu reiten.

„Sind Sie früher auch auf Ihrem Pferd hier herauf geritten?“, fragte Seth.

„Nein“, erwiderte Kirsten. „Ich hatte nie ein eigenes Pferd. Wir konnten uns das nicht leisten. Aber ich bin natürlich hier geritten. Hazel war immer bereit, guten Reitern Pferde zu leihen. Wann immer ich als Teenager etwas Zeit übrig hatte, brauchte ich bloß zu fragen, und sie hat mir eins ihrer besten Pferde gegeben. Und nach einem langen Ritt in der Gegend hier oben schien alles nicht mehr so schlimm zu sein. Ganz gleich, worum es sich auch immer handelte.“

Sie sah Seth an und lächelte. Zwar war sie immer noch nervös wegen der Begegnung am Abend zuvor, und sie zögerte, sich Seth zu öffnen, aber hier in diesem vertrauten Gelände und auf einem guten Pferd war sie wieder in ihrem Element und hatte das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben.

„Ich habe einmal sogar eine Grizzlybärin hier oben gesehen“, gestand sie. „Sie hat mich fast zu Tode erschreckt. Und es hätte sogar noch schlimmer kommen können, denn sie hatte zwei Junge bei sich.“

„Sie hatten Glück, dass sie Sie nicht angegriffen hat.“ Seth wirkte besorgt.

Kirsten zuckte mit den Schultern. „Sie war auf der anderen Seite des Baches, und ich bin sicher, dass sie genauso wenig mit mir zu tun haben wollte wie ich mit ihr. Tatsächlich kann ich mich noch erinnern, woran ich damals gedacht habe. Ich dachte an meine eigene Mutter, die ihre Kinder geschützt hat, indem sie sie nach Mystery gebracht hat.“ Kirsten lächelte schief. „Es ist komisch. Inzwischen bin ich selbst wohl diese Mutter mit den Jungen.“

Seth sah aus, als würde er im Sattel erstarren. „Wie viele Kinder haben Sie denn?“, fragte er langsam.

Kirsten war nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. „Haben Sie mich gefragt, wie viele Kinder ich habe?“

„Ja.“ Das klang hölzern.

„Spielt das eine Rolle, was den Job angeht?“ Sie wusste nicht, worauf er hinauswollte.

„Wenn Sie Kinder haben, verstehe ich, dass Sie vielleicht nicht im Ranchhaus wohnen wollen. Ich kann Ihnen stattdessen einen Bungalow geben …“

Kirsten lachte und schüttelte den Kopf. „Danke für das Angebot, aber das einzige Kind, das ich habe, ist meine elfjährige Schwester Carrie.“ Und eine Mutter, die nach einer erfolgreichen Chemotherapie noch immer schwach ist, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Ich mag Kinder.“ In Seths Gesicht waren jetzt keinerlei Gefühle zu erkennen.

„Stammen Sie aus einer großen Familie?“ Kirsten fand, dass diese Frage passend und überhaupt nicht ungehörig war.

Es überraschte sie, als Seth lachte. „Ich war ein Einzelkind und wurde – wenn man das so bezeichnen kann – nur von meiner Mutter aufgezogen.“

„Meine Eltern sind auch geschieden.“ Kirsten blickte zu den schneebedeckten Bergspitzen hinüber.

„Meine Eltern haben sich nicht scheiden lassen. Das wäre viel zu ehrlich gewesen.“ Seth warf Kirsten einen durchdringenden Blick zu. „Mein Vater war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er hatte keinen Anteil an unserem Leben, weil er immer fort war und auch ohne uns viel zu viel Spaß hatte.“

„Das tut mir leid.“ Kirsten streichelte Sterlings schwarz-weiße Mähne, als wäre das ein Trost. „Aber wenigstens war Ihre Mutter für Sie da.“

Das schien Seth zu amüsieren. „Kennen Sie den alten Witz über das Ehepaar, das in ein Restaurant geht? Der Mann sieht dort eine andere Frau und küsst sie ausgiebig auf den Mund.“

Kirsten schüttelte den Kopf.

Seth erzählte weiter. „Na ja, als das Paar sich dann hinsetzt, fragt die Ehefrau ihren Mann, wer denn diese andere Frau ist, und er antwortet, das wäre seine Geliebte. Die Ehefrau ist wütend und verlangt die Scheidung, aber ihr Mann erklärt ihr, dass sie bei einer Scheidung auch die Häuser in Aspen und auf St. Thomas verliert, nicht mehr in Boca Raton einkaufen kann und so weiter.“

Seth grinste und drehte Noir so herum, dass er Kirsten besser ansehen konnte. „Der Witz endet damit, dass die Frau den Mund hält, was eine Scheidung angeht. Dann sehen sie, wie ein anderes Ehepaar das Restaurant betritt, und dieser Mann geht ebenfalls zu einer Frau, die nicht seine ist, und küsst sie. Daraufhin fragt die erste Frau ihren Mann, wer denn diese Frau ist, und ihr Mann erklärt ihr, das wäre die Geliebte dieses anderen Mannes.“

Seth machte eine lange Pause, um eine bessere Wirkung zu erzielen.

Dann kam er zur Pointe. „Da meint die Frau: ‚Also, unsere Geliebte ist aber schöner.‘“

Kirsten ritt schweigend weiter. Sie war nicht sicher, ob sie lachen oder weinen sollte. Der Witz war schrecklich, und Seth meinte damit offensichtlich, dass seine Mutter mehr am Einkaufen interessiert gewesen war als an ihrem Sohn.

Seth wendete und ritt weiter den Bergpfad entlang, „Ja, sehen Sie, eine Scheidung ist manchmal wesentlich ehrlicher.“

Sie ritten lange Zeit schweigend weiter, jeder in seine eigenen Gedanken versunken.

Doch schließlich wurde es Kirsten zu still. „Hey, wollen Sie sehen, wo ich damals der Grizzlybärin begegnet bin?“

Seth drehte sich zu ihr um und nickte.

Also bogen sie an einer Weggabelung in Richtung des Baches ab.

Sobald sie den Bach erreicht hatten, saß Kirsten ab und band Sterling fest. Seth tat das Gleiche mit seinem Hengst.

„Ich denke, es war da unten. Wollen Sie es immer noch sehen? Wir werden ein ganzes Stück laufen müssen.“ Sie blickte zu ihm auf.

Da sie jetzt keine hohen Absätze trug, fiel ihr erst richtig auf, wie groß Seth war. Er ragte weit über sie hinaus, und da er sie sowieso schon immer mit seinen düsteren, intensiven Blicken einschüchterte, fand sie es wirklich nicht nötig, auch noch durch seine Größe daran erinnert zu werden, dass er viel stärker war als sie.

„Für mich ist das kein Problem, aber der Weg ist ziemlich steinig. Ist das okay für Sie?“

Sie lachte. „Hey, dies ist die Gegend, in der ich als Kind gelebt habe. Ich könnte mich hier mit verbundenen Augen zurechtfinden.“

„Dann zeigen Sie mir die Stelle.“

Sie sah ihn ein zweites Mal an, um festzustellen, ob es wirklich das war, was er wollte, dann wanderte sie am Bach entlang, bis Gestrüpp den Weg versperrte und sie gezwungen war, in den Bach zu steigen.

Seth blieb in seinen Cowboystiefeln direkt hinter ihr.

„Es ist nicht mehr weit, glaube ich.“ Kirsten kaute auf ihrer Unterlippe herum. „Allerdings ist es eine Weile her.“ Sie ging noch ein paar Schritte weiter. Dann sah sie auf der anderen Seite des Baches die Lichtung, wo damals die Grizzlybärin und ihre zwei Jungen gewesen waren.

„Da ist es. Ich stand da drüben …“ Sie drehte sich um, und dabei geriet sie auf einem moosbewachsenen Stein ins Rutschen und verlor das Gleichgewicht.

Seth schlang einen Arm um ihre Taille und hielt sie fest.

Kirsten blickte auf. Eigentlich wollte sie Seth einfach nur danken und sich dann von ihm lösen, aber er ließ sie nicht los. Und so stand sie da und starrte ihn an. Um sie herum herrschte Schweigen. Es schien Kirsten, dass sogar die Grillen den Atem anhielten.

„Wird unsere Geliebte hübscher sein?“, fragte Seth in zynischem Ton.

Kirsten sah ihm in die Augen, entsetzt und zugleich auf seltsame Weise erregt. Seth hielt sie mit seinem Arm gefangen, und sein Blick war durchdringend. Seine Worte taten ihr weh und schienen gleichzeitig ein Versprechen zu enthalten. Einerseits sprach er von Heirat und Verpflichtung, doch dabei versicherte er ihr bereits, dass es Betrug und Schmerz geben würde.

Kirstens Puls raste. Ihre Kehle und ihre Lippen waren trocken. Sie glitt mit der Zungenspitze darüber – genau, wie sie das getan hatte, als sie mit Zucker bestreut gewesen war. Das Rauschen des Wassers an ihren Füßen kam ihr plötzlich betäubend laut vor.

„In meiner Ehe wird es keine Geliebten geben. Das verspreche ich Ihnen“, erklärte sie voller Gefühl.

Seth hob eine rabenschwarze Augenbraue. „Was soll denn verhindern, dass es welche geben wird?“, fragte er heiser. „Das hier?“ Er presste sie an sich und küsste sie auf den Mund.

Es war ein heißer Kuss. Fast mehr, als Kirsten ertragen konnte. Es war Monate her, seit sie zuletzt von einem Mann mit solcher Sehnsucht geküsst worden war, und genauso lange war es her, seit sie sich überhaupt das sinnliche Vergnügen eines tiefen, innigen Kusses erlaubt hatte. Sie hätte gedacht, dass er nach einem Rasierwasser aus der Londoner Bond Street duftete, aber stattdessen nahm sie männliche Hitze und Leder wahr – eine herrliche Kombination.

Er zog sie noch enger an sich und drang mit der Zunge weiter in ihren Mund vor. Kirsten stöhnte leise und hielt sich an seinen Schultern fest, während er fortfuhr, sie erregend zu küssen. Ihre Knie wurden weich. Sie glaubte dahinzuschmelzen und sehnte sich plötzlich danach, ganz mit Seth eins zu werden.

Er legte eine Hand auf ihre Taille und glitt dann höher. Einerseits wollte Kirsten nicht, dass ihr Verstand sich einmischte, andererseits wusste sie, dass sie drauf und dran wäre, mit ihrem Chef zu schlafen, wenn er jetzt ihre Brust umfasste. Und das wäre absolut unverzeihlich.

Kalte Logik zwang sie, in die Wirklichkeit zurückzukehren.

Benommen löste sie sich von Seth, und dann wurde sie wütend. „Ich habe die Gerüchte über Sie gehört. Ich weiß Bescheid über die vielen schönen Mädchen, die Sie erobert haben. Hazel hat mir erzählt, was in der Wall Street über Sie getuschelt wird.“ Sie hatte sich jetzt so richtig in Rage geredet. „Aber ich will keine weitere Eroberung von Ihnen sein, verstanden? Diesen Ärger kann ich nicht gebrauchen. Was ich will und was ich brauche, ist dieser Job. Ich muss diesen Job haben, und ich werde ihn nicht behalten können, wenn Sie und ich – na ja, wenn Sie und ich …“ Sie erstickte fast an ihrem Frust. „Also, wir werden es nicht tun, okay? Wir werden es einfach nicht tun!“, schrie sie, bevor sie zu ihrem Pferd zurückrannte und dann den ganzen Weg bis zum Stall im Galopp zurücklegte.

„Hazel, Sie haben mich in eine Falle gelockt“, beschwerte Seth sich an diesem Abend. Er war in Hazel McCallums Wohnzimmer, das im Stil des neunzehnten Jahrhunderts eingerichtet war. Ebby, Hazels Haushälterin, schien zu spüren, in welche Richtung dieses Gespräch sich entwickeln würde, denn sie brachte ihnen die Whiskeykaraffe.

„Wollen Sie damit sagen, dass ich hinterhältig bin? Seth, Sie haben mir gesagt, dass Sie eine persönliche Assistentin brauchen, und ich habe Ihnen jemanden empfohlen. Jetzt sehen Sie sich an! Sie sitzen da und machen mir Vorwürfe.“

Hazel trug Jeans und Cowboystiefel. Ihr silbergraues Haar war zu einer eleganten Frisur aufgesteckt. Alles an ihr hatte Stil und Klasse.

Jetzt gab sie Ebby ein Zeichen, für sie beide Whiskey einzuschenken.

Seth weigerte sich, sein Glas entgegenzunehmen.

Hazel nahm ihrs. Es gelang ihr nicht, sich ein Zwinkern zu verkneifen. „Ich trinke immer gern einen kleinen Schluck vor dem Dinner“, erklärte sie. „Der Whiskey heizt das Blut auf, finden Sie nicht? Oh, aber Ihr Blut ist ja bereits erhitzt, nehme ich an.“ Sie hob das Glas an die Lippen.

Schlecht gelaunt nahm Seth nun doch sein Glas entgegen.

„Ich glaube wirklich nicht, dass Miss Meadows die Art von Frau ist, nach der ich für diese Stelle gesucht habe“, behauptete er angespannt.

„Wieso?“, erkundigte Hazel sich fröhlich. „Weil sie schön und klug ist? Sie spricht fünf Sprachen fließend. Falls meine Quellen sich nicht getäuscht haben, sprechen Sie selbst nur eine.“

Seth warf ihr einen seiner üblichen eisigen Blicke zu. „Ja, aber die eine Sprache, die wirklich zählt, spreche ich fließend, die des Geldes. Dadurch komme ich auch in allen anderen bestens zurecht.“

„Kirsten Meadows spricht diese Sprache nicht. Daran sollten Sie denken, Seth.“ Hazel wurde jetzt ernst.

Sein Mund wurde hart. „Ich bin noch nie einer Frau begegnet, die diese Sprache nicht gesprochen hat. Außerdem hat Ihre liebe Miss Meadows etwas ganz anderes gesagt am Telefon, als sie die Redewendung gebraucht hat, dass ihr Schiff in den Hafen eingelaufen wäre.“

Die Viehbaronin musterte Seth. „Kirsten ist nicht wie die Frauen, die Sie kennen. Denken Sie an meine Worte. Sie ist etwas, womit Sie noch nie zuvor zu tun hatten, mein Sohn, und der Himmel möge Sie schützen, wenn Sie das vergessen sollten.“

Seth erwiderte nichts, aber der harte Zug um seinen Mund wirkte jetzt noch härter.

Hazel lachte und goss ihm Whiskey nach.

„Jetzt sollten wir zu angenehmeren Gesprächsthemen übergehen“, fuhr sie fort. „Ich wollte Ihnen erklären, dass Sie nächste Woche der Gastgeber für das Mysterybarbecue sein werden. Wir veranstalten jedes Jahr eins, und gewöhnlich findet es hier auf der Ranch statt, aber es wird Zeit, dass die Leute aus der Stadt ihren neuen Mitbürger kennenlernen.“

„Erzählen Sie das nicht mir, sondern Kirsten. Ich muss nächste Woche womöglich in New York …“

„Es interessiert mich überhaupt nicht, wo Sie nächste Woche womöglich sein müssen. Als ich Ihnen dieses wertvolle Land verkauft habe, habe ich Ihnen gesagt, dass es mit einer Verpflichtung für diese Stadt verbunden ist. Und das bedeutet, dass Sie hier zu sein haben.“ Hazel zwinkerte. „Warum laden Sie nicht Ihre schicken Freunde aus New York hierher ein? Es könnte ihnen gefallen zuzusehen, wie Sie den Rancher spielen.“

Endlich lachte Seth. „Hazel, Sie sind hier in dieser Kleinstadt nicht in Ihrem Element. Ich schwöre, Sie sind diabolisch genug, um an der Wall Street Geld zu scheffeln.“

Die Viehbaronin lächelte und zeigte dabei gleichmäßige weiße Zähne. „Also, dieses alte Cowgirl könnte mit den glatten Typen aus der Stadt nicht umgehen, und das wissen Sie auch.“

„Nein, die könnten mit Ihnen nicht fertig werden“, widersprach Seth trocken.

„Wir werden ihnen am übernächsten Freitag eine Chance geben, das herauszufinden.“

Seth trank einen weiteren großen Schluck Whiskey und verdrehte die Augen.

„Hazel! Ich musste einfach herkommen, um mit dir zu reden! Ich habe den …“ Kirsten blieb ruckartig stehen. Ebby war ihr dicht auf den Fersen.

„Oh, du meine Güte! Es tut mir leid, Hazel. Du hast Gesellschaft“, murmelte Kirsten und sah Seth an.

„Unsinn. Er gehört jetzt zur Familie, genau wie du, Kirsten. Er hat Land von mir gekauft, und das macht ihn zu einem Einheimischen.“

Hazel stand auf, langsamer als früher, aber doch schneller als die meisten anderen Leute in ihrem Alter. „Schön, dass du hier bist. Wir wollten gerade essen. Komm, setz dich mit an den Tisch.“

Ebby verschwand, um ein drittes Gedeck zu holen.

Kirsten schüttelte den Kopf. „Nein, entschuldige. Ich hätte erst anrufen sollen.“

„Seit wann gehe ich denn ans Telefon?“, spottete Hazel. „Wenn du mir etwas zu sagen hast, musst du das von Angesicht zu Angesicht tun, so wie man es in der guten alten Zeit gemacht hat. Wer das nicht will, muss es lassen. Und jetzt kommt essen, ihr zwei, bevor alles kalt wird.“ Hazel ging ins Speisezimmer hinüber.

Kirsten blieb allein mit Seth zurück.

Sie blickte zu ihrem Chef auf, immer noch durcheinander von dem Vorfall am Bach vor einigen Stunden.

„Guten Tag, Mr. Morgan“, sagte sie verlegen.

„Miss Meadows.“ Er nickte ihr kurz zu.

Sie hätte schwören können, dass in diesen kalten Augen ein kleines Zwinkern zu erkennen war. Daraufhin wurde sie rot.

„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich vorhin so hereingeplatzt bin. Mir war wirklich nicht klar, dass Sie hier sein könnten.“

Er verzog ein bisschen den attraktiven Mund, den sie so verlockend fand. „Es macht mir gar nichts aus. Aber wenn wir zusammenarbeiten und jetzt auch noch zusammen essen, möchte ich, dass Sie mich Seth nennen.“

„Natürlich. Und Sie können mich Kirsten nennen.“

Er nickte.

Kirsten stellte fest, dass sie ausgesprochen steif miteinander umgingen. Der Kuss am Nachmittag hatte sie offenbar beide erstarren lassen.

„Hättest du gern einen Drink?“, unterbrach Ebby sie und bot Kirsten Whiskey mit Eis an.

Kirsten war dankbar dafür, sich auf etwas anderes konzentrieren zu können als die Erinnerung an diesen Kuss. Also nahm sie das Glas und nippte daran.

„Sie wartet“, verkündete Ebby und lächelte wissend.

Seth verdrehte wieder die Augen. „Oh, ich verstehe. Wenn es eins gibt, was wir wirklich nicht tun dürfen, so ist es, die Königin warten zu lassen.“

Sowohl Ebby als auch Kirsten starrten ihn an.

Dann fingen beide an zu lachen.

„Wissen Sie, Mr. Morgan“, begann Ebby dann. „Sie lernen wirklich schnell. Und offenbar bekommen Sie auch Dinge viel schneller als die meisten anderen Menschen. Ich schätze, Sie passen tatsächlich hierher nach Mystery.“

3. KAPITEL

Hazels Dinner waren berühmt dafür, dass es so übermäßig viel von allem gab, und dieses war keine Ausnahme. Kirsten war vom Whiskey benommen und mehr als satt, als sie und Seth sich von der Viehbaronin verabschiedeten. Da Kirsten sich von ihrer Mutter zu Hazels Ranch hatte fahren lassen, nahm sie jetzt widerstrebend Seths Angebot an, sie zu seinem Haus mitzunehmen.

Kirsten befand sich kaum in Seths Jeep, als ihre Gefühle wieder verrückt spielten. Aber sie bemerkte immerhin, wie geschickt Seth das Fahrzeug über die dunklen Bergstraßen lenkte.

„Sie fahren wie ein Einheimischer“, stellte sie fest.

Er schmunzelte. „Ich bin kein Einheimischer. Ich bin in East Hampton im Staat New York aufgewachsen.“

„Na ja, irgendwie scheinen Sie und Mystery aber zusammenzupassen. Die Touristen haben gewöhnlich schreckliche Angst vor diesen Straßen, wenn es dunkel ist.“

„Meine Eltern hatten eine Skihütte in Big Sky, Montana. Ich bin schon als Kind zu dem Schluss gekommen, dass die Natur der Berge mir besser gefällt als das Skilaufen. Beim Campen habe ich später gelernt, auf Bergstraßen zu fahren.“

„Das erklärt es.“

Er sah sie von der Seite an und musterte sie.

„Wissen Sie“, begann er dann. „Hazel hat mir gesagt, dass ich nächste Woche den Gastgeber beim Mysterybarbecue spielen muss. Ich hoffe, Sie wissen, was dazu nötig ist, denn ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich bei so etwas vorgehen muss.“

Kirsten schmunzelte. „Hazel kann wirklich hinterhältig sein. Sie liebt es, das einem Greenhorn zu überlassen. Es ist wie eine Art Test.“

„Nun ja, ich erwarte von Ihnen als meiner Assistentin, dass Sie sicherstellen, dass ich diesen Test bestehe.“

Sie nickte. „Ich weiß, was dabei zu tun ist. Kein Problem. Betrachten Sie es als erledigt.“

„Ich will ein paar New Yorker einladen.“

„Natürlich.“

„Morgen früh bekommen Sie die Liste. Sie können sämtliche Telefonnummern in meinen Akten finden.“

„Selbstverständlich.“

„Ich will, dass Nikki von meinem Flugzeug abgeholt wird.“

Kirstens Herz begann heftiger zu schlagen. Sie wusste, wer Nikki Butler war. Die Klatschzeitschriften liebten es, Fotos von dem gertenschlanken Model mit ihren Milliardärsfreunden zu drucken.

Kirsten redete sich ein, dass sie nicht im geringsten eifersüchtig war.

Der Kuss, den sie und Seth an diesem Nachmittag ausgetauscht hatten, war bestenfalls eine Dummheit gewesen, schlimmstenfalls bedeutete er eine Gefahr für den Job, den sie so dringend brauchte. Die Gefühle, die sie nun erlebte, nachdem sie gehört hatte, dass ihr Chef seine Freundin nach Montana holen wollte, konnten nur auf Enttäuschung zurückzuführen sein, Enttäuschung darüber, dass Seth Morgan so oberflächlich war, sich mit einem hohlköpfigen Model zu verabreden, dessen Intelligenzquotient um ein Vielfaches niedriger war als die winzige Anzahl von Kalorien, die es täglich zu sich nahm.

„Ich werde garantieren, dass sie alles bekommt, was sie will.“

Wozu auch Seth selbst gehörte. Bei diesem Gedanken überkam Kirsten mehr Bitterkeit, als sie erwartet hatte.

„Sorgen Sie dafür, dass sie am Donnerstag kommt, damit wir vor dem großen Ereignis noch etwas Zeit für uns allein haben.“

„Ich kümmere mich darum“, erwiderte Kirsten hölzern.

„Falls Sie irgendwelche Fragen über Nikkis Vorlieben haben, kann Mary Ihnen helfen. Sie weiß alles über Miss Butler.“

Kirsten nickte und fragte sich, ob ihr Gesicht so grün war, wie es zu ihren Gefühlen gepasst hätte.

„Geht es Ihnen gut, Kirsten?“

Sie drehte sich ruckartig zu ihm um. „Ich fühle mich großartig. Wieso sollte ich nicht? Warum fragen Sie überhaupt?“

Er zögerte. „Na ja, wir parken jetzt schon seit fast einer Minute vor dem Ranchhaus und könnten eigentlich aussteigen und hineingehen. Aber Sie scheinen vollkommen in Gedanken zu sein.“

Kirsten kam es vor, als würde sie aus einem Albtraum erwachen.

Sie sah zum Fenster des Jeeps hinaus und stellte fest, dass sie sich tatsächlich vor Seths Haus befanden. Dabei konnte sie sich überhaupt nicht daran erinnern, dass sie angehalten hatten.

„Nein, nein, es ist alles in Ordnung. Ich bin wohl bloß ein bisschen müde nach dem langen Tag.“ Sie stieg aus dem Wagen.

„Na ja, dann gute Nacht.“

Doch sie plapperte wie eine Idiotin weiter. „Ich werde mich um alles kümmern. Machen Sie sich keine Sorgen. In zwei Tagen werden alle Vorbereitungen für das Barbecue erledigt sein.“

„Gute Nacht, Miss Meadows.“

Sie zögerte. Plötzlich hasste sie es, dass sie wieder so formell miteinander umgingen, nachdem das doch schon ganz anders gewesen war.

„Gute Nacht, Mr. Morgan.“

Das Mysterybarbecue war das größte Ereignis des Sommers. Es nahmen sowohl Touristen als auch Einheimische daran teil. Diese Tradition, die Hazel McCallum begründet hatte, bestand schon seit Jahrzehnten. Hazel behauptete immer, man könnte bei einem Barbecue mehr über einen Menschen erfahren als in einem Fünf-Sterne-Hotel.

Kirsten beobachtete, wie das Supermodel Nikki Butler sich am Swimmingpool der Ranch sonnte, und sie hatte das schreckliche Gefühl, dass Hazel recht hatte. Ob es Kirsten gefiel oder nicht, sie würde Nikki Butler an diesem Wochenende besser kennenlernen, als ihr lieb war.

„Könnten Sie bitte mehr Mineralwasser in den Kühlschrank hier beim Swimmingpool stellen?“, bat Nikki gerade die Haushälterin in zuckersüßem Ton.

Viola lächelte, als sie an Kirsten vorbeikam.

„Darf ich Ihnen etwas bringen?“, erkundigte sich die ältere Frau so freundlich wie immer.

„Um mich müssen Sie sich nicht auch noch kümmern. Ich versorge mich grundsätzlich selbst.“ Kirsten lächelte zurück.

„Es wird noch schlimmer werden, wenn der Rest der Gäste eintrifft. Es kommen ein weiteres Fotomodell und zwei Börsenmakler“, erklärte Viola.

Kirsten erschauderte unmerklich. „Da werden in der Stadt Scotch und Reiscracker knapp werden.“

Viola lachte und kehrte in die Küche zurück.

Kirsten wollte gerade ebenfalls gehen, als sie sah, wie Seth sich vom Stall her dem Swimmingpool näherte. Er bemerkte sie nicht, sondern hatte offenbar nur Augen für Nikki.

Kirsten trat hinter einen Holzpfosten und beobachtete die beiden. Dabei wurde ihr ganz schlecht. Sie wollte sich nicht mit Seth Morgan einlassen, befürchtete aber, dass ihr Verstand das eine sagte, ihr Herz jedoch ganz etwas anderes. Es gefiel ihr überhaupt nicht, Seth mit einer anderen Frau zusammen zu sehen, aber sie konnte sich trotzdem nicht abwenden, denn ihre Neugier war größer als ihre gute Erziehung.

Die beiden diskutierten etwas. Keiner schien besonders liebevoll mit dem anderen umzugehen, aber Kirsten fragte sich, ob sie solchen Äußerlichkeiten wie Berührungen nicht eine zu große Bedeutung beimaß.

Seth hatte anscheinend gerade eine Entscheidung getroffen, und Nikki lehnte sich einfach zurück und sonnte sich weiter. Kirsten dachte, dass sie wohl wirklich total oberflächlich war.

Da Kirsten nicht wollte, dass Seth sie bemerkte, ging sie wieder in Deckung und kehrte dann ins Haus zurück. In der großen Küche setzte sie sich an den Schreibtisch und überflog die Liste für die Organisation des Barbecue, um sich zu vergewissern, dass sie nichts vergessen hatte.

„Miss Meadows …“

Kirsten richtete sich erschrocken auf. Seth stand direkt hinter ihr und musterte sie wieder einmal mit kühlem Blick.

„Ja?“, antwortete sie ruhig.

„Nikki muss ihren Agenten anrufen. Würden Sie ihr bitte ihr Handy bringen? Sie sagt, es liegt auf dem Bett.“

Kirsten nickte.

Es kam ihr vor, als würde Seth zufrieden grinsen. Aber er sagte nichts weiter, sondern ging einfach weg.

Kirsten schäumte vor Wut, als sie die hölzerne Treppe hinaufstieg.

Außer ihrem Zimmer und Seths Suite gab es im hinteren Teil des Hauses noch drei Gästezimmer. Kirsten hoffte, dass sie das Handy nicht auf Seths Bett suchen musste, als sie nun den Flur entlangging.

Alle drei Gästezimmer waren unbenutzt.

Nikki musste also bei Seth wohnen.

Niedergeschlagen näherte sich Kirsten Seths geschlossener Tür.

Sie hatten sich nur einmal geküsst und ein paar angenehme Momente erlebt. Da war nichts zwischen ihnen, und seine Freundin hatte jedes Recht der Welt, in seinem Haus zu schlafen, wo auch immer sie wollte.

Nikki Butler ist Seths Geliebte, dachte Kirsten. Daran würde sie immer denken müssen, solange Nikki hier war, und erst recht, wenn sie wieder weg war. Seth Morgan war gefährlich. Er hatte schon eine Menge Frauen gehabt und kümmerte sich nicht darum, in welchem Zustand er sie zurückließ, wenn er weiterzog.

Nach allem, was Kirstens Mutter passiert war, war Kirsten umso entsetzter darüber, dass sie auch nur flüchtig daran gedacht hatte, eine Beziehung mit diesem attraktiven Schürzenjäger anzufangen. Bisher war sie bei Männern immer äußerst vorsichtig gewesen. Trotzdem hatte sie schon einige Male die falsche Wahl getroffen. Vor allem ein Mann, James, hing immer noch in Mystery herum und drängte sie, wieder mit ihm auszugehen, obwohl sie Schluss gemacht hatten, nachdem er an einem Abend die Beherrschung verloren hatte. Kirsten hatte kein Verständnis für solche Typen, und bisher hatte sie nur wenige getroffen, die ihrem Vater nicht ähnlich gewesen waren in ihrer Selbstbezogenheit.

Sie und ihr neuer Chef hatten sich einmal geküsst. Kirsten erinnerte sich daran, dass das überhaupt nichts bedeutete. Es war von beiden Seiten aus eine Fehleinschätzung gewesen. Das war alles. Zwar konnte sie in letzter Zeit offenbar nur daran denken, wie sie in Flammen gestanden hatte, als Seth den Kuss vertieft hatte, aber sie würde sich ins Gedächtnis rufen müssen, dass sie mit den Stiefeln in dem rauschenden Bach gestanden und sehr kalte Füße gehabt hatte. Diese Kälte war es, auf die sie sich konzentrieren musste. Nur die Kälte.

Sie öffnete die Tür zu Seths Schlafzimmer und erstarrte.

Zwischen ihr und dem Bett stand ein nackter Mann, dessen äußerst attraktiven Po sie jetzt vor sich hatte.

„Oh, es tut mir leid!“ Sie wurde kreidebleich.

„Was zum Teufel tun Sie hier?“, fuhr Seth sie an und hielt seine Badehose – die er offenbar nicht rechtzeitig hatte anziehen können – vor sich, als er sich zu Kirsten umdrehte.

Kirsten war sprachlos. Sie konnte ihn einfach nur anstarren, den muskulösen Bauch, das dunkle Brusthaar, das sich unterhalb des Bauchnabels zu einer Linie verjüngte.

„Noch einmal: Was zur Hölle tun Sie hier? Klopfen Sie nie an?“, fragte Seth wütend.

„Es tut mir leid, aber Sie haben mir aufgetragen, das Handy von Miss Butler zu holen, das angeblich auf dem Bett liegt. Ich dachte nicht, dass Sie hier wären.“

Ein Muskel zuckte an Seths Kinn. „Sie wohnt im Gästehaus, genau wie alle anderen aus New York.“

„Es … es tut mir leid“, stammelte Kirsten. „Ich hatte einfach angenommen, sie würde hier wohnen.“

„Das tut sie nicht.“

Wieso nicht? hätte Kirsten am liebsten gefragt. Sie wünschte sich verzweifelt, aus diesem Mann klug werden zu können, damit sie sich selbst schützen konnte.

Aber im Moment konnte sie unmöglich Fragen stellen. Seth war nackt, und seine Beziehung zu Nikki ging sie nichts an. Absolut nichts.

Kirsten musste sich auf Kälte konzentrieren.

Und es war sehr schwer, an Kälte zu denken, während sie den nackten Seth Morgan anstarrte, dessen attraktiven straffen Po sie immer noch sehen konnte, da sich hinter ihm ein Spiegel befand.

„Miss Meadows, Sie können gehen.“ Er sah sie scharf an. „Außer natürlich, Sie wollen reinkommen und die Tür verschließen.“

Kirsten wich zurück, als wäre sie von einer Biene gestochen worden, schüttelte den Kopf und suchte blind nach dem Türgriff. Seths Nacktheit jagte ihr Angst ein und erregte sie gleichzeitig. Diese Situation weckte eine Fülle von Gefühlen in ihr, die sie viel lieber unterdrückt hätte. Entsetzt fragte sie sich, wie sie sich je wieder würde davon abhalten können, an Seth zu denken, nachdem sein Anblick sich nun für immer und ewig in ihr Gedächtnis eingegraben hatte.

Erst einmal war sie froh darüber, flüchten zu können. Und während sie aus dem Schlafzimmer rannte, hörte sie Seth hinter sich lachen.

„Seth ist so unmöglich wie immer. Ich meine, er hat es doch tatsächlich gewagt, mich im Gästehaus unterzubringen, zusammen mit allen anderen Gästen aus New York. Ist das zu fassen?“

Kirsten hatte Nikki gerade erst ihr Handy aus dem Gästehaus gebracht, und nun konnte sie deutlich mithören, was diese zu ihrem Agenten sagte. Offensichtlich war Seths Geliebte nicht gerade in guter Stimmung, obwohl sie sich doch am Swimmingpool ausgeruht hatte. Kirsten hatte fast Mitgefühl mit ihr. Sie selbst war heute Morgen auch nicht bester Laune.

„Oh, Schatz“, sprach Nikki sie jetzt an, wobei sie eine Hand über die Sprechmuschel des Handys hielt. „Können Sie dafür sorgen, dass man mir eine Magnum-Flasche Champagner in mein Zimmer bringt? Danke.“ Sie wandte sich wieder ihrem Telefon zu. „Das müsste genügen.“

„Natürlich.“ Etwas in Kirsten zog sich schmerzhaft zusammen, als sie das Wort „Schatz“, hörte. Für Nikki waren alle ein „Schatz“: Viola, Kirsten, Jim, der Verwalter der Ranch. Der einzige Mensch, den sie nicht so nannte, war Seth.

Kirsten holte den Champagner aus dem Weinkeller und brachte ihn ins Gästehaus, das an einem Berghang stand, so eben außer Sichtweite vom Ranchhaus entfernt. Sie stellte zwei Kristallgläser auf den kupferfarbenen Tresen und verstaute den Champagner im Kühlschrank. Dabei war sie eine Million Meilen weit weg mit ihren Gedanken.

In mancherlei Hinsicht war Nikki Butler perfekt für Seth. Sie war unglaublich schön. So schön, dass Seth wohl kaum nebenbei noch eine Geliebte hätte haben können, die schöner war. Außerdem würde Nikki wahrscheinlich immer bereit sein, Seths schlechtes Benehmen zu dulden, um die nächste Beute in die Hände zu bekommen, und dann wären alle glücklich.

Aber aus irgendeinem Grund machte der Gedanke, dass Nikki und Seth zusammenbleiben könnten, Kirsten traurig. Ganz gewiss war Seth Morgan einer der zynischsten, härtesten Männer, die sie je getroffen hatte. Aber in seinem Inneren steckte etwas anderes, etwas sehr Menschliches. Er tolerierte bestimmte Dinge zwar, machte aber wenigstens zynische Bemerkungen darüber. Das war eine Art kämpferischer Zug, eine Reaktion darauf. Er fand das immerhin nicht völlig normal.

Hazel sah auch etwas in ihm, und Kirsten hatte vor, sie eines Tages danach zu fragen, was genau das war. Die Viehbaronin verkaufte sonst nie jemandem etwas von ihrem Land. Dass sie Seth sogar ein großes Stück davon verkauft hatte, bedeutete, dass er es ihrer Meinung nach wert war.

Kirsten lächelte insgeheim. Sosehr das im Widerspruch zu Seths riesigem Reichtum stehen mochte, manchmal war es schwer zu erkennen, dass Seth überhaupt etwas wert war.

Durch das Fenster bemerkte sie, wie Seth am Swimmingpool eintraf. Er sprang vom Sprungbrett ins Wasser und spritzte Nikki dabei nass. Dann kam sein Kopf wieder an die Oberfläche. Er grinste unverschämt, und in seinem Haar glitzerten Wassertropfen. In der in weiter Ferne, konnte Kirsten die hohen Berge sehen, auf deren Gipfeln Schnee lag.

Mit all seinem Reichtum konnte Seth zwar ein Loch im Boden buddeln und einen Swimmingpool bauen lassen, was in Anbetracht der kühlen Sommer in Montana eine unnötige Extravaganz war, aber an den Bergen konnte er nichts ändern. Die Berge waren immer da, unberührbar und großartig. Der Swimmingpool und die Berge, das war der Gegensatz zwischen etwas Künstlichem und etwas, das wirklich von Bedeutung war.

Und Kirsten wollte wirkliche Bedeutung. Nikki dagegen wünschte sich das Künstliche.

Kirsten nahm an, dass es das war, was ihr zu schaffen machte. Es stimmte sicher gar nicht, dass sie dabei war, sich in Seth Morgan zu verlieben. Ja, sie hatten sich geküsst, und zugegeben, sie hatte es atemberaubend gefunden. Wie die Berge.

Und tief in ihrem Inneren vermutete sie, dass Seth Morgan mehr an sich hatte als nur das Künstliche.

Trotzdem würde Nikki gewinnen. Das war unvermeidlich.

Und dann würde es keine weiteren heißen Küsse geben. Es würde keine Unterhaltungen auf dem Pferderücken mehr geben, außer solchen zwischen Boss und Angestellter. Und keine weiteren Berge.

Kirsten seufzte. Sie war auf seltsame Weise deprimiert. Aber dann nahm sie sich zusammen. Zwar glaubte sie nicht, dass sie wirklich dabei war, sich in Seth zu verlieben, aber manchmal kam es ihr doch fast so vor.

Wie jetzt in diesem Moment, als sie beobachtete, wie er mit seinem Model am Swimmingpool herumalberte. Tatsächlich hätte Kirsten ihn am liebsten auf der Stelle von dort weggeholt, weil sie eifersüchtig war.

Um den Schmerz loszuwerden, den sie immer empfand, wenn sie sah, dass etwas, das von Bedeutung war, ihr entglitt.

4. KAPITEL

Am Freitagnachmittag sah Kirsten zu, wie die Mitglieder der Band ihre Instrumente aufbauten.

Sie kannte die Countryband gut, die sie engagiert hatte. Es war die beste in Mystery. Sie hoffte nur, dass James, der Sänger und Bandleader, es schaffte, die Vergangenheit ruhen zu lassen.

Weniger als einen Monat lang waren sie miteinander ausgegangen, dann hatte Kirsten Schluss gemacht. Sie hatten einfach nicht zusammengepasst, weil sie viel zu unterschiedliche Persönlichkeiten waren. Was jedoch noch schlimmer war, James hatte Kirsten nicht verstanden. Er hatte ihre Zurückhaltung und Vorsicht ständig für Hochnäsigkeit gehalten.

Es hätte nie eine gute Beziehung werden können, aber James war trotzdem verärgert gewesen, als Kirsten ihm das gesagt hatte. Jetzt hoffte sie, dass er inzwischen eine neue Freundin hatte. Sonst würde es beim Barbecue womöglich unangenehme Szenen geben, denn James trank manchmal zu viel Bier.

Doch Kirsten schob jetzt ihre Sorgen beiseite und sah zu, wie eine Gruppe von Arbeitern eine Tanzfläche aufbaute.

Alles in allem sah es so aus, als würde das Barbecue ein Erfolg werden. Der wunderschöne Himmel über Montana mit seinen vielen Sternen bildete die die perfekte Kulisse fürs Tanzen.

Einen Moment lang wandte Kirsten sich ab. Plötzlich fühlte sie sich mehr als Aschenputtel statt als Assistentin eines Tycoons aus der Wall Street. Die Vorstellung, unter einem herrlichen Sternenhimmel mit dem Mann, den sie liebte, zu tanzen, war unwiderstehlich. Doch jedes Mal, wenn sie anfing, davon zu träumen, hatte der Mann, mit dem sie tanzte, das Gesicht von Seth Morgan. Und das deprimierte Kirsten noch mehr.

„Sind die anderen schon vom Flughafen angekommen?“, erkundigte sich Nikki, die bereits unzählige Gläser Chardonnay getrunken hatte.

Kirsten bemerkte, dass Nikki extra vom Swimmingpool zu ihr gekommen war, um mit ihr zu reden.

„Ich weiß es nicht. Inzwischen müsste das Flugzeug gelandet sein, aber ich habe weder Mr. Morgan noch den Jeep gesehen“, erklärte Kirsten dem großen, schönen Model.

Sie hatte eine schreckliche Nacht hinter sich, weil sie immer daran hatte denken müssen, dass Seth wahrscheinlich mit Nikki zusammen war, aber irgendwie glaubte Kirsten nun fast, dass es Nikki noch schlechter ging als ihr. Nikki sah ziemlich mitgenommen aus, und sie hatte schon am späten Vormittag angefangen, Wein zu trinken.

Kirsten verkniff sich alle Fragen, auf die sie gern eine Antwort gehabt hätte. Die Beziehung zwischen ihrem Boss und seiner Geliebten ging sie gar nichts an. Allerdings gingen ihr viele Dinge durch den Kopf. Hoffnung und Verzweiflung wechselten sich auf geradezu lächerliche Weise in ihrem Herzen ab, und sie wünschte sich wirklich, dass diese Qual ein Ende nehmen würde.

„Er sollte besser bald auftauchen“, meinte das Model jetzt schnippisch. „Das ist alles, was ich weiß. Wenn er mich hierher fliegen lässt, mitten ins Nirgendwo, und mir alles wegnimmt, was mir Spaß macht, dann werde ich mir meinen Spaß vielleicht bei Rick holen müssen.“

Das schockierte Kirsten. Sie wusste, dass Rick einer von Seths Freunden aus New York war. „Vielleicht ist er einfach abgelenkt. Sie wissen schon. Die Vorbereitung des Barbecues und all das.“ Kirsten fragte sich, warum sie sich die Mühe machte, Nikki so etwas als Erklärung anzubieten. Zuerst einmal war es offensichtlich, dass das Model von ihr weder einen Rat noch Mitgefühl wollte. Und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, musste sie auch zugeben, dass sie eine Beziehung zwischen Nikki und Seth nicht fördern wollte. Seth war nicht derjenige, der das Barbecue plante. Das war Kirstens Job, und der hatte sie schon reichlich Nerven gekostet.

„Abgelenkt?“ Nikki schnaubte verächtlich. „Er ist der letzte Mann auf der Welt, der eine Nacht voller Leidenschaft ablehnen würde. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Als ich auf dem Cover dieses Dessouskatalogs war, konnte er die Hände nicht von mir lassen.“

Kirsten hatte das Gefühl, dass sie gleich heftige Kopfschmerzen bekommen würde.

„Und jetzt“, fuhr das angesäuselte Model fort, „jetzt holt er mich extra aus New York hierher, damit ich ihn auf seinem neuen Besitz besuche, und dann steckt er mich ins Gästehaus, dieser betrügerische Mistkerl.“ Nikki sah Kirsten an. „Also, wer ist die andere Frau? Hat er noch eine hierher eingeladen?“

Kirsten hatte den Eindruck, dass ihr Herz stehen blieb.

Sie wurde bleich und begann zu stammeln: „Ich … ich habe keine Ahnung.“

„Kommen Sie schon.

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