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BACCARA GOLD BAND 10

Lektion in Erotik

1. KAPITEL

Sylvie Bennett schloss die Tür des Apartments 4A hinter sich und eilte die Treppe hinunter ins Foyer von Amber Court 20. Durch die Fensterscheibe der schweren Haustür konnte sie sehen, dass es heute Morgen heftig schneite.

Na, prima, dachte sie gereizt. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Normalerweise zog sie es vor, zu Fuß zur Arbeit zu gehen, statt den Bus zu nehmen. Aber heute Morgen wollte sie einen besonders energischen und geschäftstüchtigen Eindruck machen, und windzerzaustes Haar passte da nicht ins Bild.

Ihre sonst immer so gute Laune sank noch mehr, als sie daran dachte, was sie heute tun wollte. Es war nicht auszuschließen, dass sie sich heute Abend ohne Job wiederfinden würde.

„Hallo, Sylvie! Guten Morgen!“

Ihre düstere Stimmung hob sich sofort, als Sylvie ihre Vermieterin Rose Carson sah. Ein hübscher Morgenmantel aus Flanell umhüllte ihre rundliche Figur, und ihr grau meliertes Haar war leicht strubbelig, als ob sie noch nicht dazu gekommen sei, es zu kämmen. Sie sah herzlich und freundlich aus – zum Knuddeln, dachte Sylvie. Wenn sie sich in ihren Tagträumen vorstellte, wie ihre Mutter ausgesehen haben könnte, was sie sich schon lange nicht mehr erlaubte zu tun, dann hatte sie Rose vor Augen.

„Hi. Wie geht es Ihnen heute Morgen?“ Sie durchquerte das Foyer, wo Rose mit der Zeitung in der Hand stand.

„Es geht mir großartig“, antwortete Rose fröhlich. „Ich habe das Gefühl, dass heute etwas Wunderbares geschehen wird.“

Sylvie lächelte trocken. „Das wäre schön.“ Sie legte ihren Mantel über das Treppengeländer und wickelte sich ihren Wollschal um den Hals.

„Das ist ja ein wirklich hübsches Kostüm, meine Liebe.“ Rose fuhr sanft mit der Hand über den glatten Stoff. „Aber, wenn Sie mir meine Einmischung verzeihen wollen, ich glaube, es fehlt das gewisse Etwas an Schmuck, um es richtig zur Geltung zu bringen.“

„Wahrscheinlich“, stimmte Sylvie zu. „Aber woher nehmen und nicht stehlen?“

Rose zwinkerte ihr amüsiert zu. „Schämen Sie sich, junge Dame! Sie arbeiten in dem angesehensten Schmuckgeschäft des Landes und besitzen selbst keinen Schmuck?“ Sie hob die Hand, um Sylvie zu bedeuten, ein wenig zu warten. „Ich habe genau das Richtige für Sie.“

„Rose, Sie brauchen doch nicht …“ Aber ihre Vermieterin eilte schon in ihre Wohnung zurück, bevor Sylvie den Satz beenden konnte.

Nach nur wenigen Minuten war sie wieder da und reichte ihr eine wunderschöne, fast herzförmige Brosche. Ein Bernstein glitzerte inmitten von verschiedenen anderen Steinen.

„Oh, die ist wirklich ganz besonders schön. Wo haben Sie sie her? Wer hat sie gemacht?“

„Ein Designer, den ich vor langer Zeit kannte.“ Rose winkte ab, als Sylvie ihr die Brosche zurückgeben wollte, und steckte sie ihr entschlossen an den Aufschlag ihrer Kostümjacke. „Das ist genau das, was Sie heute brauchen.“

„Aber es ist ein viel zu wertvolles Stück. Ich kann doch unmöglich …“

„Und es sammelt nur Staub an in meiner Schmuckschatulle“, warf Rose ein. „So. Sehen Sie nur, wie gut sie an Ihnen aussieht.“ Sie drehte Sylvie zum Spiegel herum.

„Sie ist wirklich fantastisch.“ Sylvie fuhr sanft mit dem Finger über die Brosche. Heute brauchte sie all ihr Selbstvertrauen, das sie aufbringen konnte. Vielleicht würde sie sich tatsächlich dieses eine Mal das wunderschöne Schmuckstück ausleihen. „Na, gut.“ Lächelnd wandte sie sich um und gab Rose einen Kuss auf die Wange. „Sie haben gewonnen. Ich werde sie tragen.“

„Wunderbar!“ Rose klatschte in die Hände. „Machen Sie sich besser auf den Weg, meine Liebe. Ich weiß, dass Sie gern früh im Büro sind, und nach dem Wetter zu urteilen, wird es heute ein wenig glatt sein auf der Straße.“

Sylvie nickte, drapierte den Schal so, dass er auch Mund und Ohren bedeckte, schlüpfte in ihren dicken Wintermantel und zog die Kapuze hoch. „Wünschen Sie mir Glück. Ich habe heute eine wichtige Sitzung.“ Und das war nicht gelogen. Dass man sie zu der Sitzung nicht eingeladen hatte, war schließlich nebensächlich.

„Mit dieser Brosche an Ihrem Revers kann ich Ihnen garantieren, dass Sie Glück haben werden.“

Sylvie musste sich mit dem ganzen Gewicht gegen die Tür stemmen, um sie aufzubekommen. Roses letzte Bemerkung hatte sie kaum gehört. „Noch mal vielen Dank, Rose. Bis heute Abend.“

„Genug, Mr. Grey! Was Sie vorschlagen, mag legal sein, aber es ist unmoralisch.“

Zwei Stunden später, nachdem Sylvie endlich im Büro angekommen war, stürzte sie in den Konferenzraum und ging entschlossen den langen Tisch entlang, an dem die Vorstandsmitglieder von „Colette Jewels“ saßen, der Firma, bei der sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben wohlfühlte. „Colette“ und ihre Angestellten waren ihre Familie, und sie würde nicht zulassen, dass jemand ihrer Familie schadete.

Ein überraschtes Raunen ging bei ihrem Erscheinen durch den Raum, aber Sylvie achtete nicht darauf. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Mann, der am Kopfende des Tisches saß und sich in diesem Moment langsam erhob.

Ihr Magen zog sich zusammen, sobald sie sich klarmachte, was sie sich hier erlaubte. Aber irgendjemand musste es doch tun!

Sie behielt den Blick starr auf Marcus Grey gerichtet, den skrupellosen Kerl, der im Begriff war, „Colette“ zu ruinieren. Als sie näherkam und ihre Blicke sich begegneten, empfand sie außer Wut noch ein ganz anderes Gefühl. Himmel, der Mann sah nicht so aus wie auf den wenigen Fotos, die sie in den Zeitungen gesehen hatte. Er ähnelte überhaupt nicht dem Ungeheuer, das sie in ihrer Vorstellung mit Attributen abstoßender Hässlichkeit bedacht hatte.

Zu ihrem Entsetzen fühlte sie sich körperlich unleugbar zu ihm hingezogen. Er besaß ein festes, jetzt ziemlich aggressiv vorgestrecktes Kinn, kräftige weiße Zähne und schmale, glatt rasierte Wangen. Seine Sonnenbräune wurde durch das glänzende, hellbraune Haar und die smaragdgrünen Augen noch hervorgehoben. Die Nase war gerade, sein Mund sinnlich und gut geschnitten – ein Mund der einen auf dumme Gedanken bringen kann, dachte Sylvie und stöhnte innerlich auf, als sie sah, dass er eben diesen Mund in völlig unangebrachter Belustigung zu einem Lächeln verzog.

Sylvie spürte, dass sie rot wurde. Denk an deine berechtigte Wut, sagte sie sich eindringlich. Dann sieht er eben gut aus! Er ist trotzdem ein prinzipienloses Ungeheuer!

„Da ich noch gar keinen Vorschlag gemacht habe“, erwiderte er auf ihre Bemerkung, „sehe ich nicht, was so unmoralisch daran sein soll, dass ich an einer Sitzung des Vorstands teilnehme. Immerhin besitze ich die Aktienmehrheit.“

Greys Stimme klang kühl und ungerührt. Doch trotz des Lächelns, das in Sylvies kritischen Augen unerträglich selbstgefällig aussah, konnte man eine gewisse Gereiztheit in seinem Ton ausmachen.

„Ich weiß alles über Ihre Intrigen“, fuhr Sylvie fort und blieb vor ihm stehen. „Wir alle hier bei ‚Colette‘ wissen Bescheid. Wir sind eine Familie, Mr. Grey, und wir werden nicht erlauben, dass Sie unsere Bindungen zerstören.“

Er hob die Augenbrauen, während er ihren Körper mit einem interessierten Blick überflog, den er ein wenig länger auf ihren Brüsten verweilen ließ. Sylvie musste gegen den heftigen Wunsch ankämpfen, ihn so gezielt zu treten, dass er eine ganze Weile kein Verlangen haben würde, eine Frau dermaßen zu mustern. Gleichzeitig durchfuhr es sie heiß. Es fiel ihr plötzlich schwer, normal zu atmen, und ihr Herz klopfte verräterisch laut.

Als sein Blick sich schließlich wieder mit ihrem traf, wurde sein Lächeln sogar noch breiter. „Ich befinde mich eindeutig im Nachteil, Miss …?“

„Bennett“, fuhr sie ihn an, wütend auf sich, weil ihr ganz schwindlig wurde, nur weil er ein so umwerfend gut aussehender Mann war. „Assistentin des Leiters der Werbeabteilung.“

„Miss Bennett, und was für gemeine Intrigen soll ich angeblich ausgeheckt haben, um diese Firma zu zerstören?“

Sie verzog verächtlich den Mund. „Da man Ihnen einen Gerichtsbescheid hat zukommen lassen, um Sie an der Liquidation der ‚Colette‘-Aktien zu hindern, brauche ich Ihnen kaum eine Analyse Ihrer Absichten zu geben.“

„Die Anschuldigung wurde zurückgenommen, wenn Sie sich erinnern“, sagte er sanft, „mangels Beweisen.“

Grey legte den Kopf schief und betrachtete sie, während sie nach einer passenden Antwort suchte. Dann trat er zu ihrer Überraschung vor und nahm ihren Ellbogen.

„Kommen Sie mit, Miss Bennett.“

„Wie bitte?“ Seine Finger schlossen sich wie Handschellen um ihren Arm.

Er entschuldigte sich bei den Anwesenden und ging mit ihr zur Tür. Auf dem Weg dorthin erwartete sie ein äußerst erstaunlicher Anblick. Rose stand neben dem Buffet, die Hände gelassen gefaltet. Rose?

Sylvie wäre fast gestolpert, als sie an ihrer Vermieterin vorbeikam, die sie anlächelte und ihr ermunternd zuzwinkerte. Was zum Kuckuck tat Rose bei einer Vorstandssitzung von „Colette“? Ein Kellner in weißem Hemd und marineblauer Hose eilte vorbei. Lieber Himmel, auch Rose trug ein marineblaues Kostüm. Waren ihre finanziellen Umstände denn so schwierig, dass sie arbeiten musste? Warum erhöhte sie dann nicht einfach die Miete?

Sylvie bekam ein schlechtes Gewissen, als sie daran dachte, wie froh sie gewesen war, eine so schöne Wohnung zu einer derart günstigen Miete zu bekommen. Sie würde so bald wie möglich mit den anderen Mietern darüber sprechen müssen. Rose war immerhin sechsundfünfzig, das war zwar bei Weitem noch nicht alt, aber jetzt noch als Kellnerin arbeiten zu müssen, war doch ein wenig hart.

Inzwischen hatten sie die Tür des Konferenzraums erreicht. Grey hielt sie für Sylvie auf und folgte ihr dann in den Gang hinaus.

Sie entzog sich ihm sofort und erklärte ärgerlich: „So schnell werden Sie mich nicht los. Sie können nicht einfach, mir nichts, dir nichts, ‚Colette‘ demontieren, und von uns, die wir diese Firma lieben, erwarten, dass wir tatenlos zusehen.“

Sein Lächeln verschwand, und stattdessen erschien ein Gesichtsausdruck von so intensiver Entschlossenheit, dass ihr Mut sank.

„Ich besitze jetzt die Aktienmehrheit. Ich kann mit dieser Firma machen, was ich will, und es gibt nichts, was irgendjemand dagegen tun könnte.“

„Wir werden noch einmal vor Gericht gehen.“ Sie merkte, dass sie in ihrer Nervosität mit Roses hübscher Brosche spielte, und zwang sich, ihre Finger stillzuhalten.

„Das wird mich nicht weiter aufhalten.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, als ob eine weitere Klage gegen ihn ihm keine Kopfschmerzen bereiten würde.

Sylvie war verzweifelt, aber sie würde eher sterben, als aufzugeben. Deshalb änderte sie ihre Taktik. „Was kann ich Ihnen bieten, Mr. Grey, damit Sie Ihre Pläne ändern?“

Seine Augen glitzernden wie bei einem Tiger, der seine Beute wittert. „Handelt es sich um ein persönliches oder ein geschäftliches Angebot, Miss Bennett?“

Bei der Vorstellung, wie es wäre, von ihm geküsst zu werden, wurde sie erneut rot. „Rein geschäftlich, das kann ich Ihnen versichern. Und noch etwas, alle Angestellten von ‚Colette‘ bringen der Firma ebensolche Loyalität entgegen wie ich.“

„Wie ist Ihr Vorname?“

„Mein … was?“

Er lächelte leicht. „Wie ist Ihr Vorname?“

„Sylvie.“ Verblüfft sah sie ihn an. „Warum?“

„Ich wollte nur wissen, welcher Name zu dieser schönen Erscheinung gehört.“

Sie errötete schon wieder und war noch wütender auf sich, weil sie sich insgeheim über sein Kompliment freute. „Sexuelle Belästigung ist ein ernstes Vergehen, Mr. Grey. Passen Sie lieber auf.“

„Nennen Sie mich Marcus.“ Er ignorierte einfach ihren Einwand. „Sylvie, lassen Sie uns etwas abmachen.“

„Was denn?“, fragte sie misstrauisch.

„Ein gemeinsames Abendessen. Im Austausch dafür verspreche ich, in der heutigen Vorstandssitzung nichts zu tun, was negative Auswirkungen auf ‚Colette‘ haben könnte.“

„Warum, um alles in der Welt, wollen Sie mit mir zu Abend essen?“

„Weil Sie eine attraktive Frau sind und weil mir Ihr Stil gefällt.“ Er zögerte, bevor er hinzufügte: „Und weil Sie mich interessieren. Was bringt eine Angestellte dazu, sich so sehr für eine Firma einzusetzen, in die sie nichts investiert hat? Es gibt wahrscheinlich viel besser bezahlte Jobs auf dem Markt für intelligente, ehrgeizige Frauen wie Sie.“

„Woher wollen Sie wissen, ob ich ehrgeizig bin? Vielleicht bin ich ja hundertprozentig zufrieden mit meiner Position hier.“

Grey lachte. „Unsinn, Sylvie, einem Gleichgesinnten können Sie nichts vormachen.“ Er wurde ernst. „Wie lautet also Ihre Antwort?“

„Was geschieht, wenn ich Ihren Befehl ignoriere?“

Er lächelte kühl. „Ich dachte, Sie wollten das Beste für ‚Colette‘?“

Schachmatt. Was für ein gemeiner Kerl! Sylvie überlegte. Was konnte ihr schon geschehen? So würde sie wenigstens ein wenig Zeit schinden, selbst wenn sie ihn nicht dazu überreden konnte, „Colette“ nicht zu schließen. Und er war ja nicht abstoßend. Außerdem würde es ihr Spaß machen, die Klingen mit ihm zu kreuzen.

„Ich nehme an“, sagte sie langsam, „dass mir nichts anderes übrig bleibt. Habe ich Ihr Wort, dass Sie heute auf der Vorstandssitzung nichts unternehmen werden?“

Er hob eine Hand und lächelte spöttisch. „Mein Ehrenwort.“

Sie wandte sich zum Gehen. „Als ob das von Ihnen etwas wert wäre. Ein ehrenhafter Mensch würde nie mit dem Gedanken spielen, über hundert Menschen auf die Straße zu setzen.“

„Wer hat denn etwas davon gesagt, dass jemand auf die Straße gesetzt wird?“

„Ist das etwa nicht Ihre Absicht?“, fragte sie herausfordernd zurück.

„Ich habe die Absicht, ein profitables Abkommen zu treffen“, sagte er und klang jetzt gereizt.

„Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, wer dabei zu Schaden kommt“, fuhr sie ihn an und wandte sich ab.

„Miss Bennett.“

Seine Ton war ruhig und leise, aber es kam Sylvie keinen Moment in den Sinn, Greys Aufforderung zu ignorieren. Langsam drehte sie sich wieder zu ihm um.

„Ich weiß sehr viel mehr darüber, wie Menschen durch rücksichtslose Geschäftsmethoden zu Schaden kommen können, als Sie sich vorstellen können. Und ich denke bei meinen Geschäften immer an meine Angestellten.“

Was ist also geschehen? fragte Sylvie sich später. Sie schloss gerade die Tür zum Büro ihres Chefs hinter sich, der sie, wenn auch eher halbherzig, wegen ihres ungestümen Verhaltens getadelt hatte. Doch Marcus Greys Worte waren eigentlich sehr deutlich gewesen. Offenbar hatte er das Gefühl, durch irgendwelche Geschäftsabkommen zu Schaden gekommen zu sein. Hatten diese Abkommen etwas mit „Colette“ zu tun? Das würde erklären, warum er gerade diese Firma aufs Korn genommen hatte.

Kaum hatte sie ihren Computer eingeschaltet, ging sie ins Internet und machte sich auf die Suche. Wenn sie heute Abend schon mit ihm essen gehen musste, wollte sie wenigstens gut informiert sein über Marcus Grey.

Marcus stieg in sein glänzendes schwarzes Mercedes-Coupé und dachte daran, wie Sylvie Bennett den Flur hinuntergegangen war, nachdem sie sich getrennt hatten. Er hatte noch genau vor Augen, wie ihr kurzer brauner Faltenrock ihre langen, schlanken Beine umspielte.

In den zahlreichen Beziehungen, die er im Lauf der Jahre mit Frauen eingegangen war, hatte er nie die Kontrolle über seine Gefühle verloren. Obwohl er die leidenschaftliche Verbindung mit dem schönen Geschlecht genoss, verlor er selbst in den lustvollsten Momenten nie ganz den Verstand.

Heute hatte er gleich bei der ersten Begegnung unvernünftig reagiert. Wusste Sylvie Bennett eigentlich, wie hinreißend sie aussah mit ihren dunklen Augen und einem Mund, der zum Küssen wie geschaffen schien? Er hatte es schwierig gefunden, sich auf das zu konzentrieren, was sie sagte, weil er zu sehr damit beschäftigt war, den aufregenden Bewegungen ihrer Lippen zu folgen und die hübschen Brüste unter der taillierten Jacke zu betrachten sowie ihr langes dunkles Haar, das ihr ausdrucksvolles Gesicht umgab wie Seide.

Wenn jemand anders in den Konferenzraum gestürzt wäre, um ihn zu beschimpfen, hätte er dessen Kopf gefordert. Aber als Sylvie durch den Raum auf ihn zugekommen war, hatte er sie nur fasziniert anstarren können. Er hatte sich in den Tiefen ihrer Augen verloren, ohne den Wunsch gehabt zu haben, gerettet zu werden. Sie wusste wahrscheinlich nicht einmal, wie verführerisch ihr Seidenkostüm sich an ihre weiblichen Rundungen schmiegte und welch verheerende Wirkung ihr Anblick auf ihn gehabt hatte.

Als er schließlich den Blick von ihr gelöst hatte und sich über ihre Worte klar geworden war, hatte er erst einmal aufgehört zu überlegen, wie schnell er sie ins Bett bekommen könnte, und überlegt, warum sie ihm dermaßen feindselig begegnete.

Was, zum Teufel, sagte man über ihn? Sicher, es stimmte, dass er „Colette“ übernehmen wollte, aber das bedeutete nicht, dass er die Angestellten entlassen würde. Andererseits würde er darauf bestehen, dass die Firma gründlich von unzulänglichen oder unfähigen Mitarbeitern befreit werden würde. Aber die meisten Angestellten von Colette würden danach automatisch Angestellte von „Grey Enterprises“ werden. Genau das hatte er dem Vorstand auch klargemacht, nachdem er in den Konferenzraum zurückgekehrt war. Wenn sie sich also keine Sorgen um ihren Job zu machen brauchten, was sollte es sie da interessieren, unter wem sie arbeiteten?

Er erinnerte sich an die Verwirrung und die Erleichterung auf den Gesichtern der Vorstandsmitglieder, als er keine Schritte verkündete, um „Colette“ zu übernehmen. Sie verstanden offensichtlich nicht, warum er es hinauszögerte.

Wenn er ehrlich war, verstand er es selbst nicht so ganz.

Aber sein Hunger nach Vergeltung hatte zum ersten Mal, seit er alt genug war, um die Demütigung seines Vaters durch „Colette“ zu rächen, einen Dämpfer erhalten. Sylvie Bennett hatte es geschafft, dass er an die Menschen hinter dem Firmennamen dachte. Bisher hatte er keinen Gedanken an die Angestellten bei „Colette“ verschwendet. Er hatte nur daran gedacht, wie die Firma seinen Vater zerstört hatte.

Aber Sylvie Bennett war eine Frau, wie er noch keine kennengelernt hatte. Er war es eher gewöhnt, dass Frauen ihm schmeichelten. Allerdings würde er als unverheirateter Mann bei seinem Reichtum auch dann ihre uneingeschränkte Bewunderung bekommen, wenn er aussähe wie eine Kröte.

Sylvie Bennett hatte ihm nicht geschmeichelt, und sie hatte es sich nicht anmerken lassen, ob sie ihn attraktiv fand oder nicht. Doch instinktiv hatte er wahrgenommen, dass sie sich seiner Gegenwart ebenso bewusst war wie er ihrer. Sie hatte allerdings nur ihre Wut gezeigt, und ihre Zorn blitzenden Augen hatten ihn völlig in ihren Bann gezogen. Er hatte sich ermahnen müssen, dass er Sylvie nicht einfach in die Arme reißen und küssen konnte, bis sie alles um sich herum vergaßen. Er durfte sie nicht an sich pressen, um ihre herrlichen Rundungen zu spüren, oder sich mit ihr in das nächste Büro einschließen, um zu erkunden, ob ihre Haut überall so weich und zart war, wie er vermutete.

Aber er hatte sich all das mit jeder Faser seines Körpers gewünscht, und tat es jetzt noch. Sie mochte ja glauben, dass er sich aus ritterlichen Gefühlen oder noch sentimentaleren Gründen von ihr dazu hatte überreden lassen, ihre kostbare Firma vorerst zu verschonen, aber der eigentliche Grund waren seine Pläne für heute Abend. Er wollte so viel wie möglich über Miss Sylvie Bennett herausfinden, und am Ende des Abends – sein Puls beschleunigte sich, als er an ihre blitzenden Augen dachte – war es durchaus wahrscheinlich, dass er die temperamentvolle Miss Bennett in sein Bett lockte.

Er wusste, dass sie nicht verheiratet war, weil er gleich nach der Sitzung in ihrer Personalakte nachgesehen hatte. Sie war ledig, siebenundzwanzig Jahre alt und seit dem College-Abschluss bei „Colette“ angestellt. Ihre Arbeit wurde als herausragend beurteilt, offenbar galt sie bei „Colette“ als aufgehender Stern. Er kannte jetzt ihre Größe, eins fünfundsechzig, und ihr Gewicht, siebenundfünfzig herrlich verteilte Kilo. Aber er hatte keine Informationen über ihre Familie gefunden. Sie hatte keine Verwandten angegeben, sondern für den Notfall nur die Adresse ihrer Vermieterin. Bedeutete das, dass sie keine Familie hatte?

Marcus parkte vor Sylvies Haus, einem ehemaligen Herrenhaus, das man in mehrere Apartments aufgeteilt hatte. Seine Sekretärin hatte Sylvie angerufen und ihr gesagt, dass sie um halb acht fertig sein solle. Ob sie nach dem Abendessen bei ihr oder bei ihm etwas trinken würden, wollte er ihr überlassen. Aber von da an würde er die Sache in die Hand nehmen.

Nichts würde ihn davon abhalten können.

Sie öffnete die Tür nur Sekunden, nachdem er geklopft hatte.

„Guten Abend, Mr. Grey. Wollen Sie hereinkommen?“ Sie lächelte nicht.

„Danke.“ Er trat ein, und als sie die Tür geschlossen hatte, reichte er ihr eine Blumenschachtel. „Für Sie.“

Sylvie nahm sie mit einem so misstrauischen Blick entgegen, dass er fast laut aufgelacht hätte. „Es ist keine Bombe.“ Vielleicht hatte er sich doch etwas zu früh auf sinnliche Genüsse mit ihr gefreut. Es würde wohl etwas länger dauern, als er geglaubt hatte, um ihr so nah zu kommen, wie er es wollte.

Sie lächelte verlegen. „Danke.“

Als sie die Schachtel öffnete und die zarte weiße Orchidee sah, stieß Sylvie impulsiv einen Freudenschrei aus und fügte ein sehr viel ehrlicheres Danke hinzu. Sie holte die Blume heraus und strich mit der Blüte über die Wange. „Wie schön.“ Sie lächelte ihn warm an.

Seine Hoffnung für den Verlauf des Abends stieg wieder.

Beim Lächeln zeigten sich zwei kleine Grübchen in den Wangen, die sie gleichzeitig schelmisch und verführerisch aussehen ließen. Er hätte gern ihre Wange berührt. Ob die Haut wirklich so zart war, wie sie aussah? Ihre Lippen waren tiefrot geschminkt, und als er sich vorstellte, was diese wundervoll geschwungenen roten Lippen mit ihm tun könnten, befürchtete er, dass das heutige Abendessen ihm endlos vorkommen würde.

Sie machte eine Handbewegung in Richtung Wohnzimmer. Es war ein Raum mit hoher Decke und weißen Möbeln, der nur hier und da mit ausgewählten Farbtupfern belebt wurde. „Möchten Sie sich setzen?“

„Nein, danke“, erwiderte er. „Unsere Reservierung ist für acht Uhr.“ Er hätte seinen letzten Dollar gewettet, dass ihre Wohnung genauso auffallend und einmalig sein würde wie Sylvie selbst.

Der Rotton ihres Kleides, das sie heute Abend trug, passte genau zu ihrem Lippenstift. Es schien auf den ersten Blick schlicht zu sein, aber das täuschte. Es schmiegte sich eng an ihren Körper, war jedoch hochgeschlossen. Aber als Sylvie sich umdrehte, um eine Vase für die Blumen zu holen, sah Marcus, dass der Rückenausschnitt bis zur Taille reichte und sehr viel mehr zarte Haut enthüllte, als er zu hoffen gewagt hatte.

Sein Interesse wuchs rapide. Wenn sie ihm damit etwas sagen wollte, dann hatte sie seine ganze Aufmerksamkeit. In jedem Fall war es ein kluger Schritt von ihr, denn er würde Schwierigkeiten haben, mit den Gedanken beim Geschäft zu bleiben.

Schon jetzt beschäftigte ihn eigentlich nur ein Problem. Konnte eine Frau unter so einem Kleid einen BH tragen? Die Antwort war klar: Sie konnte nicht. Wie sollte er also ein vernünftiges Gespräch führen, wenn er sich insgeheim fragte, wie er es anstellen könnte, die Hände in den hohen Ausschnitt dieses gewagten Kleids zu stecken? Wie lange er brauchen würde, um die Rundungen ihrer Brüste zu spüren? Und wie lange es dauern würde, bis er Sylvie vollständig aus dem Kleid herausgeschält haben würde?

Marcus seufzte unterdrückt. Diese Art von Gedankengängen waren gar nicht typisch für ihn. Er arbeitete zu viel, das war die Erklärung.

Sylvie kam einen Moment später mit einer rosafarbenen Vase in orientalischem Stil zurück, in die sie seine Orchidee gesteckt hatte, und schenkte ihm ein weiteres Lächeln. Dann wandte sie ihm wieder den Rücken zu, als sie die Vase auf den ovalen Glastisch im Esszimmer stellte.

„Gut.“ Sie drehte sich um und nahm einen langen weißen Wollmantel vom Stuhl. „Ich bin so weit.“

Er nahm ihr den Mantel ab, und als er ihn für sie hielt, damit sie hineinschlüpfte, konnte er nicht widerstehen, mit den Fingern kurz über ihre Schultern zu streichen. Ein betörender Duft ging von ihr aus, und er atmete ihn tief ein. Der Duft war blumig, aber nicht süß und passte perfekt zu ihr.

Als er sie die breite Marmortreppe hinunterbegleitete, wurde die Tür zu Apartment 1A geöffnet und eine attraktive ältere Dame kam heraus, einen kleinen Topf in der Hand. Überrascht erkannte er die Frau, die heute Nachmittag an der Vorstandssitzung teilgenommen hatte.

„Hallo, Rose“, sagte Sylvie.

„Hallo, meine Liebe. Gehen Sie aus?“

Sylvie nickte. Marcus spürte förmlich ihren Widerwillen, ihn ihrer Nachbarin vorstellen zu müssen.

„Rose, das ist Marcus Grey. Marcus, meine Vermieterin und liebe Freundin, Rose Carson.“

Er nickte und wollte eine Bemerkung machen, aber Rose schüttelte kaum merklich den Kopf, als ihre Blicke sich trafen. Sehr interessant, dachte Marcus. Aus welchem Grund auch immer wollte sie offenbar nicht, dass Sylvie von ihrer Verbindung zur Firma erfuhr. Statt die Frage zu stellen, die ihm auf der Zunge gelegen hatte, sagte er nur: „Guten Abend, Mrs. Carson.“

„Mr. Grey.“ Sie lächelte ihn erleichtert an und wandte sich wieder an Sylvie. „Ella in 2D hat eine Erkältung, und da dachte ich, ich bringe ihr ein wenig Hühnersuppe vorbei.“

Sylvie lächelte. „Ich bin sicher, dass sie sehr dankbar sein wird, Rose. Bei mir hat sie jedenfalls immer Wunder gewirkt. Oh, was ich fast vergessen hätte, ich habe noch Ihre Brosche. Ich laufe schnell hoch und bringe sie Ihnen.“

„Keine Eile, meine Liebe“, sagte Rose freundlich. „Sie können sie mir ein anderes Mal wiedergeben. Gehen Sie ruhig und amüsieren Sie sich.“

„Sprechen Sie von der Brosche, die Sie heute trugen?“ Marcus überlegte einen Moment. „Sie war sehr ungewöhnlich, wenn ich mich recht erinnere, ein sehr schönes Stück aus Bernstein.“

Zu seiner Überraschung errötete Rose Carson. „Es ist nur ein altes Ding, das mir am Herzen liegt und nicht sehr wertvoll.“

„Wenn es Ihnen am Herzen liegt, dann ist es wertvoll“, sagte er nachdrücklich, was ihm ein weiteres Lächeln bescherte.

Sylvie sah ihn nachdenklich an und wandte sich dann an Rose. „In Ordnung. Dann bekommen Sie sie morgen. Es gibt da sowieso noch etwas, das ich mit Ihnen besprechen möchte.“

Sie verabschiedeten sich und gingen weiter.

„Das war sehr nett, was Sie zu Rose gesagt haben.“

Er zuckte die Achseln. „Es war meine ehrliche Meinung.“

Sie erreichten sein Auto, und er hielt ihr die Beifahrertür auf. Als Sylvie sich setzte, verrutschte der Mantel etwas, und ihr Kleid schob sich ein wenig nach oben, sodass Marcus ihre schlanken Schenkel bewundern konnte. Das Schicksal meinte es heute offenbar gut mit ihm, und sein Puls schlug schneller.

2. KAPITEL

Marcus fuhr in den Norden der Stadt zum Country-Club von Youngsville, der über einen Golfplatz verfügte und an einer Seite an den Ingalls-Park grenzte, an der anderen an den See. Sylvie war während der Fahrt sehr schweigsam. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet, aber mit einem Daumen strich sie immer wieder unruhig über ihren Handrücken.

„Ich habe mir Ihre Personalakte angesehen“, sagte Marcus ohne Einleitung. Er zog Wut und Aggressivität bei Weitem ihrer jetzigen Stille und Nervosität vor.

Sie sah ihn verblüfft an. „Wie bitte?“

„Ich musste doch wissen, wo Sie wohnen.“ Was nicht ganz stimmte, da seine Sekretärin das für ihn hätte herausfinden können.

„Und ich dachte, dafür sind Sekretärinnen da“, erwiderte sie trocken.

Er grinste. Hatte sie seine Gedanken gelesen? „Nicht immer“, meinte er. „Und jetzt sagen Sie mir, warum Sie sich entschlossen haben, für ‚Colette‘ zu arbeiten. Wie ich gesehen habe, sind Sie seit fünf Jahren dabei. War es gleich Ihr erster Job nach dem College?“

Sie nickte. „Ja. Ich habe einen Abschluss in Marketing und Management. Als ich hörte, dass ‚Colette‘ Leute suchte, war ich begeistert. Ich hatte schon immer eine Schwäche für schönen Schmuck.“ Sie lächelte. „Nicht, dass ich ihn mir auch leisten könnte.“

„Und wo haben Sie angefangen?“ Er wusste es natürlich schon, aber er wollte, dass sie sich entspannte, und nach seiner Erfahrung taten Leute das am leichtesten, wenn sie über sich sprechen durften.

„Ich bin sicher, das wissen Sie schon längst.“

„Tun Sie mir den Gefallen. Ich würde es gern aus Ihrer Sicht hören.“

„Okay.“ Sie zuckte die Achseln. „Ich schickte ‚Colette‘ meine Bewerbung, machte mir aber eigentlich keine großen Hoffnungen. Ich hatte gehört, dass die Anforderungen sehr hoch seien. Als man mich zu einem Interview bat, war ich richtig schockiert. Aber ich gab mein Bestes, und man stellte mich als Assistentin in der Verkaufsabteilung ein. Von dort kam ich in die Werbeabteilung und wurde innerhalb der Abteilung weiterbefördert. Ich liebe meine Arbeit sehr.“

Das glaubte er ihr gern, und sie war sicher sehr gut darin. „Sie könnten die gleiche Arbeit auch in einer anderen Firma machen.“

„Ich möchte aber für keine andere Firma arbeiten. Ich liebe ‚Colette‘. Die Leute, mit denen ich arbeite, sind sehr liebe Freunde geworden. Ich war bei der Taufe des Enkels meines ersten Chefs. Das kann man nicht einfach beiseite wischen.“ Sie wurde immer aufgeregter. „‚Colette‘ ist mehr als nur Dollars, mehr als nur ein Name an der Börse. Warum wollen Sie sie zerstören?“

Es ärgerte ihn, dass sie nicht erst fragte, wie seine Pläne für „Colette“ genau aussähen, sondern ihn bereits für einen rücksichtslosen Mann ohne Prinzipien hielt, bevor sie ihn überhaupt kennengelernt hatte.

„Ich habe niemals behauptet, dass ich sie zerstören will.“ Wenn sie ihm nicht vertraute, würde er ihr auch keine Erklärungen geben. „Sie und Ihre Kollegen haben wüste Gerüchte in Umlauf gebracht, an denen vielleicht gar nichts der Wahrheit entspricht.“

„Vielleicht aber doch“, konterte sie. „Mir ist aufgefallen, dass Sie meine Fragen nicht beantworten. Wollen Sie nicht wenigstens an die Menschen denken, die von ihrem Job bei ‚Colette‘ abhängig sind?“

„Okay.“ Er parkte den Wagen und kam zu ihr herum, um sie in den Country-Club zu führen.

„Okay?“ Sie sah ihn finster an. „Was soll das heißen? Dass Sie einverstanden sind, meine Sicht der Dinge zu berücksichtigen, oder dass Sie genug von mir haben? Sie können mich gern sofort wieder nach Hause fahren, wenn Sie wollen, Mr. Grey.“

„He, Moment mal! Ich möchte mich nicht mit Ihnen streiten, Sylvie.“

„Was wollen Sie dann von mir?“

Er konnte sehen, dass sie die Worte bedauerte, kaum dass sie sie ausgesprochen hatte, und lächelte amüsiert. „Soll ich das wirklich beantworten?“

Widerwillig erwiderte Sylvie sein Lächeln. „Nein, lieber nicht.“

Marcus nahm ihren Ellbogen, und sie gingen weiter. „Lassen Sie uns für den Rest des Abends unsere Meinungsverschiedenheiten vergessen. Ich habe nicht oft die Gelegenheit, eine so schöne Frau wie Sie auszuführen, und ich möchte den Augenblick genießen.“

Sie zögerte einen Moment und schüttelte dann den Kopf. „Sie sind ein sehr gerissener Mann, Mr. Grey. Ich muss vor Ihnen auf der Hut sein.“

„Ach was, wegen mir brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Es sei denn“, fügte er hinzu, „Sie bestehen weiterhin darauf, mich Mr. Grey zu nennen. Ich heiße Marcus.“

Sie lächelte. „Marcus.“

Die Art, wie ihre Lippen seinen Namen formten, war sehr erotisch, und Hitze breitete sich in seinem Körper aus.

Er war erleichtert, als der Oberkellner sie ansprach und zu ihrem Tisch führte, von dem aus sie eine herrliche Aussicht auf den Michigansee hatten. Es wehte ein ziemlich kräftiger Wind, der die Wellen so aufwühlte, dass sie Schaumkronen bildeten.

„Selbst im Winter ist der See wunderschön“, sagte Sylvie leise.

Sie tranken einen trockenen Weißwein, und Sylvie lächelte Marcus über die Flammen der Kerzen hinweg an. „Sie haben gar nicht erwähnt, dass Ihr Vater einmal eine Firma besaß, die Entwürfe für Juwelen und Schmuck herstellte. ‚Van Arl‘ hieß sie, glaube ich.“

Das Weinglas halb zum Mund geführt, erstarrte Marcus. Langsam nahm er dann einen Schluck, bevor er antwortete. „‚Van Arl‘ ist seit langer Zeit nicht mehr im Geschäft. Die Firma gehört sozusagen in die Steinzeit.“

Sie hob die Augenbrauen. „Vor fünfundzwanzig Jahren war sie doch noch sehr bekannt.“

Er zuckte die Achseln. „Wenn Sie es sagen. Wo haben Sie denn von ‚Van Arl‘ gehört?“

„Sie sind nicht der Einzige, der sich vorbereitet hat. Ich habe heute Nachmittag auch ein paar Hintergrundinformationen über Sie gesammelt, aber ohne die Hilfe einer vollständigen Personalakte.“

„Na, wunderbar. Ich musste ausgerechnet Sherlock Holmes zum Abendessen einladen.“ Er brachte ein Lächeln zustande und hoffte, dass es sorgloser aussah, als er es war. „Was wollen Sie über ‚Van Arl‘ wissen? Ich war noch ein Kind, als die Firma bestand, und erinnere mich kaum an sie.“

„Sie war für eine Weile sehr erfolgreich und hätte sogar eine Konkurrenz für ‚Colette‘ sein können, nicht wahr?“

„In den sechziger und siebziger Jahren war sie sehr wohl eine Konkurrenz für ‚Colette‘, und einmal belieferte sie sie sogar mit Edelsteinen.“ Er gratulierte sich insgeheim, dass er so ruhig blieb. „Bis ‚Colette‘ die besten Designer meines Vaters abwarb, was Sie sicher schon wissen, wenn Sie darüber gelesen haben.“

Sie nickte. Das Mitgefühl in ihren braunen Augen machte ihn seltsamerweise wütend, statt ihn zu beschwichtigen. Sie konnte ihr Mitleid für sich behalten. „Es geht hier nicht um Rache, wenn Sie das glauben sollten“, sagte er kühl. „Offenbar bot ‚Colette‘ den Leuten mehr Geld als ‚Van Arl‘. Es war einfach ein kluger Schachzug – genau wie meine Entscheidung, ‚Colette‘ zu übernehmen, einfach ein gutes Geschäft ist.“

„Ach, so versuchen Sie das vor sich zu rechtfertigen? Als gutes Geschäft?“ Sie legte eine Hand auf seine. „Marcus, die Menschen, die jetzt für ‚Colette‘ arbeiten, sind nicht dafür verantwortlich, was mit der Firma Ihres Vaters geschah. Carl Colette leitete damals die Firma, und er ist schon seit Langem tot. Er hatte eine Tochter, die vor unzähligen Jahren einfach verschwand und von der man seitdem nichts mehr gehört hat. Seit Carls Frau vor über einem Jahrzehnt starb, hat kein Colette mehr etwas mit der Firma zu tun gehabt.“

„Es geht nicht darum, wer bei ‚Colette‘ arbeitet“, warf er ein. „Dank der Firma meines Vaters hatte ich schon immer Interesse an Schmuck und Juwelen, und ich möchte mich erweitern. Der Name der Firma, die ich kaufe, spielt für mich keine Rolle. Es ist einfach nur ein weiteres Schmuckgeschäft. Ich habe mich nach dem günstigsten Deal umgesehen, und es schien mir leichter, ‚Colette‘ zu erwerben als eine andere Firma.“

Um sie abzulenken, umfasste Marcus ihre Finger und fuhr mit dem Daumen sanft über ihren Handrücken. Aber Sylvie blieb beim Thema und entzog ihm hastig ihre Hand.

„Sie wollen ‚Colette‘ also gar nicht anrühren, sondern nur den Namen ändern?“

„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete er ausweichend. „Aber wie ich schon sagte, ich sorge immer dafür, dass wertvolle Mitarbeiter belohnt werden, wenn ich eine Firma übernehme.“

Sylvie lehnte sich zurück. Er hatte sie offensichtlich nicht überzeugt, aber er ließ sich auf kein weiteres Gespräch dazu ein. Marcus wandte den Kopf und machte dem Kellner ein Zeichen.

Als nun die Vorspeise kam, sorgte er dafür, dass ihre Themen weniger gefährlich waren. Er erfuhr, dass Sylvie das Theater sehr liebte, besonders Musicals, und dass sie den Soundtrack zu jedem Stück von Andrew Lloyd Webber besaß.

„Wie kommt es, dass Sie sich so fürs Theater interessieren?“, fragte er. „Ist jemand aus Ihrer Familie Schauspieler?“

„Nein, mir gefällt es einfach.“ Sie lächelte, hatte bei seinen Worten aber den Blick abgewandt und sah nun hinaus auf den See. „Ich bekam meine erste Vorstellung erst zu sehen, als ich schon auf der Highschool war“, fuhr sie leise fort. „Ich war … ich bin Waise.“

„Das tut mir leid. Ich wollte keine unangenehmen Erinnerungen wecken.“ Er nahm behutsam ihre Hand.

„Schon gut.“

Sie holte tief Luft, und er konnte sehen, wie schwer es ihr fiel, ihr Lächeln beizubehalten.

„Wurden Sie nicht adoptiert?“

Ihr Lächeln wurde spöttisch. „Ich war ein ziemlich kränkliches Kind und dazu sehr frech. Wenn ich ein Kind adoptieren wollte und man böte mir ein Kind wie mich an, würde ich auch dankend abwinken.“

„Das klingt nach einer sehr traurigen Kindheit.“

Sie zuckte die Achseln. „Ach, es war schon in Ordnung. Ich denke nur noch selten daran, seit mein Leben sich gebessert hat.“

Er hob fragend die Augenbrauen. „Sich gebessert? Sie sagen das, als ob Sie ein Exsträfling wären.“

Sylvie lachte amüsiert und entspannte sich ein wenig. „Nein. Aber ich muss auf dem besten Weg gewesen sein, hinter Gitter zu kommen. Ich war ein sehr widerspenstiges, wildes Kind.“

„Wie wild? Haben Sie immer einen Streit vom Zaun gebrochen oder banden Sie die Leute an den Bettpfosten und klauten ihnen das Silber?“

Sie musste erneut lachen. „Weder noch. Ich hatte eine bombensichere Methode, Heimen zu entkommen, die mir nicht gefielen. Ich lief einfach immer wieder weg, bis sie es satthatten, mich ständig suchen zu müssen. Nach dem vierten oder fünften vergeblichen Versuch, mich bei einer Familie unterzubringen, schickten sie mich in ein Heim für schwer erziehbare Kinder. Dort herrschte ein strenges Regiment, und am Anfang hasste ich es. Aber die dortige Disziplin war genau das, was ich brauchte.“ Sie breitete die Arme aus und grinste schelmisch. „Denn so wurde ich zu der beispielhaften Bürgerin, die Sie heute vor sich sehen.“

Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich habe den Verdacht, dass Sie im Herzen immer noch eine Rebellin sind.“

Aber während sie weiteraßen, fragte Marcus sich, wie Sylvie die erfolgreiche Frau werden konnte, die sie war. Ihre Kindheit musste ein wahrer Albtraum gewesen sein. An wen hatte sie sich gewandt, wenn sie Liebe und Verständnis suchte? Seine Kindheit war zwar bei Weitem nicht vollkommen gewesen, aber er hatte immer gewusst, dass seine Eltern ihn liebten. Selbst nach dem Bankrott seines Vaters, als sehr schwere Zeiten auf ihn und seine Familie zugekommen waren, hatte er nie bezweifelt, dass er geliebt wurde. Auch die Trennung seiner Eltern erschien ihm nicht so schlimm wie das, was Sylvie durchgemacht hatte.

Als sie ihren Kaffee nahmen, wechselte das Musikertrio, das den ganzen Abend Swingmusik gespielt hatte, zu sanften Tanzmelodien. Mehrere Paare erhoben sich und gingen zur Tanzfläche.

„Möchten Sie tanzen?“ Er hatte zwar nicht damit gerechnet, sie heute Abend noch in die Arme nehmen zu können, aber da sich ihm die Gelegenheit bot, wollte er sie natürlich nicht verpassen.

„Gern.“

Sylvie ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen, wo er sie in die Arme nahm und sie sich zu den Klängen eines langsamen Walzers zu drehen begannen. Sie war eine gute Tänzerin, die leichtfüßig seiner Führung folgte. Marcus forderte sie zu immer komplizierteren Schritten heraus und merkte erfreut, dass sie keine Sekunde aus dem Takt kam.

Seine Hand lag auf ihrem weichen, nackten Rücken, und unter seinen Fingerspitzen fühlte ihre Haut sich an wie warme Seide. Immer wieder dachte er daran, dass sie keinen BH trug, und er musste sich anstrengen, nicht ständig auf ihre Brüste zu sehen. Die Musik wurde schneller, er wirbelte noch einige Male mit Sylvie herum und zog sie dabei fest an sich. Ihr Bein glitt zwischen seine Schenkel, und ihm stockte der Atem, als er ihre vollen Brüste spürte. Jedes Mal, wenn ihre Blicke sich trafen, sah er in ihren Augen die gleiche sexuelle Faszination, die ihn gepackt hatte.

Marcus hatte schon oft Frauen begehrt, hatte ihren duftenden Körper an sich gepresst und ihre willigen Lippen geküsst. Aber sollte er sich jemals nach einer Frau so gesehnt haben wie nach Sylvie, dann konnte er sich jedenfalls nicht daran erinnern. Die starke Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte, machte ihn nervös, aber er wollte sich ihr trotzdem nicht entziehen.

Sie beendeten gerade eine besonders schwungvolle Tanzfigur, als eine ältere Dame auf ihrem Weg zur Tür stehen blieb.

„Sie beide tanzen wunderbar zusammen. Sie müssen sehr viel Übung haben.“

Sylvie drehte sich um und lächelte die Frau an. „Wir tanzen oft.“

Als die Frau gegangen war, konnte Marcus sein Lachen nicht länger unterdrücken. „Lügnerin.“

„Ich habe nicht gelogen.“ Sylvie reckte das Kinn vor. „Ich tanze wirklich oft, und Sie sicher auch, sonst könnten Sie nicht ein so guter Tänzer sein. Sie hat einfach nur angenommen, dass wir beide immer zusammen tanzen.“

Er grinste. „Sie sind ganz schön gerissen, Sylvie. Erinnern Sie mich daran, dass ich Ihre Worte immer genau unter die Lupe nehme.“

Die Musik wurde wieder langsamer, und Marcus wurde wieder ernst und zog Sylvie erneut an sich. Er verschränkte seine Finger mit ihren und legte ihre Hand an seine Brust. Genüsslich sog er den frischen Duft ihres Haars ein. Ihre Körper berührten sich leicht, während sie tanzten, und ihr Gesicht war seinem so nah, dass er die Lippen auf ihre Schläfe hätte drücken können, wenn er den Kopf ein wenig drehte. Der Gedanke war verführerisch, aber Marcus hielt sich zurück.

Sie tanzten still weiter. Er strich langsam über die seidige Haut ihres Rückens, und trotz der starken Sehnsucht, die ihn erfüllte, entspannte er sich. Er begehrte Sylvie, aber das konnte warten. Im Augenblick genoss er das Gefühl, endlich etwas gefunden zu haben, von dem er gar nicht gewusst hatte, dass er es suchte.

„Schön“, sagte er leise.

„Hm, sehr.“ Sie seufzte.

„Sylvie, ich genieße Ihre Gesellschaft.“ Und das nicht nur auf rein körperlicher Ebene. Sylvie war intelligent und humorvoll, und sie hatte keine Angst davor, sich ihm zu widersetzen. Außerdem war sie die attraktivste Frau, der er je begegnet war. Sie war einmalig.

„Ich auch“, antwortete sie leise. „Viel zu sehr.“

„Wie kann man etwas viel zu sehr genießen?“ Er lächelte.

Sie lehnte sich leicht zurück, um ihn ansehen zu können. „Sie wissen genau, was ich meine. Wir sind Feinde in einer vielleicht sehr unangenehmen Schlacht.“

„Das ist Geschäft. Dies hier ist persönlich.“ Er zog sie so dicht an sich, dass ihre Schenkel sich trafen. Sie wich nicht zurück, sondern schmiegte sich nur leise aufseufzend an ihn. „Sehr persönlich.“

„Ich bin nicht sicher, ob wir eins vom anderen trennen können.“ Aber sie lehnte vertrauensvoll den Kopf an seine Schulter.

„Ich schon. Einigen wir uns einfach darauf, dass wir verschiedener Meinung sind, und belassen wir es dabei.“

„Ich … Na, schön.“

Das klang ganz so, als ob es ihr schwerfiele, einen klaren Gedanken zu fassen, und das konnte er ihr im Moment sehr gut nachfühlen. Er lächelte zufrieden, weil nicht nur seine Gefühle in Aufruhr geraten waren.

Ihr Mund war so nah, dass er ihren warmen Atem spürte. Und dann konnte er nicht länger widerstehen und schlang die Arme ganz fest um sie. Das Gefühl ihrer herrlichen Rundungen an seinem Körper war fast unerträglich schön, und beinahe hätte er laut aufgestöhnt, als nun sie ihre Arme fest um seinen Nacken legte.

„Sehen Sie mich an“, bat er.

„Nein.“

„Warum nicht?“

Sie lachte unsicher. „Weil Sie mich dann küssen werden, und ich glaube nicht, dass ich in der Lage bin, mit Ihren Küssen fertig zu werden.“

Ihre Ehrlichkeit gefiel ihm. „Ich weiß, dass ein Kuss von Ihnen mich umwerfen wird, aber ich möchte Sie trotzdem küssen.“

„Man bekommt nicht immer, was man möchte“, erwiderte sie mit einem Anflug von Strenge in ihrer Stimme. „Oder hat Ihre privilegierte Erziehung Sie diese Wahrheit nicht gelehrt?“

Ihre Worte trafen ihn wie ein Schlag. Er hörte auf zu tanzen, und Sylvie sah ihn fragend an.

„Ich bin mit Geld aufgewachsen, das stimmt“, sagte er leise, „und ich kann nicht leugnen, dass es mein Leben in vielerlei Hinsicht bequemer gestaltet hat. Aber glauben Sie ja nicht, dass Geld einem alles gibt, was man braucht.“

Sylvie war sichtlich betroffen. „Marcus, es tut mir leid. Das hätte ich nicht sagen dürfen.“

„Ich nehme Ihre Entschuldigung an.“ Er küsste sie auf die Stirn. „Wollen Sie mir zur Entschädigung nicht auch einen Kuss geben?“

Sie lachte, und die zwei Grübchen zeigten sich in ihren Wangen. „Sie sind unglaublich hartnäckig.“

Er nickte ernst. „Eine meiner besten Eigenschaften.“

„Kein Kuss“, sagte sie. „Ganz besonders nicht in aller Öffentlichkeit.“

„Ah, sie macht mir Hoffnungen. Und wie ist es in aller Abgeschiedenheit?“

Sylvie sah ihn gespielt streng an, und Marcus nahm lachend ihre Hand und führte sie von der Tanzfläche herunter.

„Wollen wir gehen?“

„Ja.“ Sie sah auf ihre Armbanduhr. „Aber nicht, damit Sie mit mir flirten können, Mister. Ich muss morgen sehr früh arbeiten.“

Er grinste, nahm ihren Mantel und half ihr hinein.

Als sie Amber Court erreichten, begleitete Marcus sie bis zu ihrer Wohnung. Während sie die Treppe hinaufgingen, spürte er regelrecht, dass Sylvie sich innerlich zurückzog und wieder auf Distanz zu ihm ging. Sie zögerte vor ihrer Tür, holte den Schlüssel aus ihrer Handtasche und drehte sich um.

„Ich danke Ihnen für einen sehr schönen Abend, Marcus.“

Sie sah ihm in die Augen, aber ihr Lächeln war unpersönlich, und das ärgerte ihn sehr. Er hatte doch gemerkt, dass sie sich auch zu ihm hingezogen fühlte.

Er kam einen Schritt näher, und sie hielt erschrocken die Luft an. „Sylvie, wollen Sie morgen Abend wieder mit mir ausgehen?“

Langsam stieß sie die Luft aus. „Ich weiß nicht, ob das klug wäre, Marcus. Sie wollen die Firma, in der ich sehr gern arbeite, einfach schlucken. Es ist eine sehr unangenehme Situation …“

„Ich will Sie wiedersehen“, unterbrach er sie, „und Sie wollen mich wiedersehen. Oder nicht?“

Sie zögerte. „Ich …“

Er legte ihr einen Finger auf die Lippen. „Keine Lügen.“

„Ich hatte nicht vor zu lügen“, sagte sie leise. „Aber ich finde, es ist eine schlechte Idee, Geschäft und …“

„Das hier hat nicht das Geringste mit meinen Geschäften zu tun“, unterbrach er sie heftig. Er packte sie um die Schultern, zog sie leidenschaftlich an sich und presste seine Lippen auf ihre.

Sylvie stieß einen erschrockenen Laut aus, und Marcus spürte, dass sie sich in seinen Armen anspannte. Doch als er sie sanfter küsste und ihren Rücken zu streicheln begann, entspannte sie sich und erwiderte seinen Kuss mit einer Hingabe, in der Sehnsucht mitschwang. Marcus musste sich zusammenreißen, um sich von seiner Leidenschaft nicht völlig überwältigen zu lassen. Doch er spürte, dass Sylvie ihre Lippen für ihn noch nicht geöffnet hatte. Ihre Reaktion war eine seltsame Mischung aus distanzierter Klugheit und süßer Unschuld. Die Art, wie sie ihn küsste, überraschte ihn. Er hatte erwartet, dass sie sehr viel erfahrener sei.

Sie trugen immer noch ihre Mäntel, hatten sie aber aufgeknöpft, weil es im Treppenhaus recht warm war. Mit vorsichtigen Bewegungen schob er ihren Mantel auseinander, sodass er sie direkt an sich drücken konnte, um ihr zu zeigen, wie stark er sie begehrte.

Leise aufstöhnend löste sie sich aus seiner Umarmung und sah ihn mit großen Augen an.

„Wow!“ Er streichelte weiterhin ihren Rücken und wollte sie noch nicht ganz freigeben, obwohl sie die Hände auf seine Brust legte und ihn leicht von sich schob. „Das war nun bestimmt nicht geschäftlich.“

„Aber auch nicht sehr klug“, erwiderte sie heftig.

Als er daraufhin lächelte, legte sie seufzend die Hand an seine Wange.

Er drehte den Kopf und küsste ihre Handfläche. „Sag Ja“, flüsterte er. „Geh morgen Abend mit mir aus.“

Sie zögerte so lange, dass er schon anfing, nach weiteren Argumenten zu suchen. Er nahm ihre Hand und drückte einen Kuss auf das Handgelenk, dort, wo ihr Puls wie rasend klopfte.

Da stieß sie erneut einen Seufzer aus und sagte dann leise: „Ja.“

Er hätte am liebsten einen Freudenschrei ausgestoßen, riss sich aber zusammen. Doch er hauchte ihr schnell noch einen Kuss auf die Lippen. „Wunderbar. Ich hole dich um sieben Uhr ab. Zieh dir etwas Zwangloses an.“

„Wo werden wir hinfahren?“

Er lächelte nur geheimnisvoll und wandte sich zum Gehen, bevor er seinem Verlangen hätte nachgeben und Sylvie wieder an sich reißen können.

„Marcus?“ Ihre Stimme klang unsicher. „Du wirst doch nicht … Du wirst morgen nichts tun, um ‚Colette‘ zu schaden, oder?“

Was war schon ein Tag, nachdem er die Dinge jahrelang geplant hatte? Das Versprechen kostete ihn nichts. „Nein. Ich verspreche, dass morgen nichts passieren wird.“

Aber als er die Treppe hinunterging und das Haus am Amber Square 20 verließ, regte sich doch Unmut in ihm. Es ärgerte ihn, dass Sylvie glaubte, sich für „Colette“ einsetzen zu müssen, für eine Firma, die einen Schatz wie Sylvie Bennett bestimmt nicht verdiente.

Sylvie lehnte sich an ihre Wohnungstür, bis ihr Herzklopfen sich beruhigt hatte. Kein Mann hatte je solche Gefühle in ihr geweckt. Sie berührte leicht ihre Lippen, die immer noch brannten von Marcus’ Küssen. Ein Mann, der so küssen konnte, war eine Gefahr für den Seelenfrieden einer Frau.

Sie seufzte und ging in ihr Schlafzimmer. Dort sah sie die Bernsteinbrosche, die Rose ihr geliehen hatte, auf ihrem Nachttisch liegen, und plötzlich fiel ihr ein Gespräch bei Rose ein, die sie vor einigen Wochen zu Thanksgiving eingeladen hatte. Drei von den Hausbewohnerinnen, die gleichzeitig ihre Freundinnen und Kolleginnen waren, waren auch dabei gewesen. Sie alle standen Rose sehr nah, die für sie so etwas wie eine Ersatzmutter darstellte. Alle drei hatten kürzlich geheiratet oder sich verlobt, und eine von ihnen, Meredith Blair, hatte einen Scherz über die Brosche gemacht, die Lila Maxwell an jenem Abend trug.

„Pass lieber auf, Sylvie“, hatte Meredith sie geneckt. „Wenn Rose dir diese Brosche leiht, sind deine Tage als Single gezählt. Ich habe die Brosche an dem Tag getragen, als ich Adam kennengelernt habe, und Rose hat sie Jayne an dem Tag geliehen, an dem sie Erik traf. Ich weiß nicht, wer sie gemacht hat, aber sie muss irgendwie verzaubert sein.“

„Das ist nicht dein Ernst!“ Lilas Verlobungsring hatte geglitzert, als sie instinktiv die Hand auf die Brosche an ihrer Bluse legte. „Und ich habe sie an dem Tag getragen, als Nick und ich …“ Ihre Wangen hatten sich verdächtig gerötet.

Nick Camden hatte seine Hand auf ihre gelegt und den Satz beendet. „An dem Tag, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich ohne sie nicht leben kann.“

Rose hatte zufrieden gelächelt. „Vielleicht ist sie ja wirklich verzaubert. Ich werde Sie Ihnen am besten auch bald mal leihen, Sylvie.“

„Schon gut“, hatte sie hastig gesagt. „Mir gefällt mein Leben so, wie es ist.“

Während sie sich nun auszog und ihre Sachen weglegte, ging ihr Blick unwillkürlich immer wieder zu der glitzernden Brosche auf ihrem Nachttisch. Konnte es wirklich sein? Ach, wie albern! Natürlich nicht!

Und trotzdem. Jayne, Lila und Meredith hatten die Liebe ihres Lebens getroffen, als sie die Brosche trugen. Wenn nun sie und Marcus … Er war der vollkommene Mann, wenn man von seinem kleinen Charakterfehler in Hinsicht auf „Colette“ absah. Sie fand ihn unbeschreiblich attraktiv, und sie schienen ähnliche Interessen zu haben.

Aber sie kannte ihn doch erst seit knapp einem Tag. Du bist einfach nur verschossen in den Mann, mehr nicht, warnte eine innere Stimme sie. Und das sagt nichts darüber aus, wie gut ihr zusammenpasst – außer vielleicht im Bett. Genau deswegen hatte sie ihn auch nicht hereingebeten. Bis jetzt war es ihr nie besonders schwergefallen, eine Verabredung kurz und schmerzlos zu beenden. Tatsächlich hatte sie die Männer, mit denen sie bisher ausgegangen war, immer nur mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange verabschiedet und fertig. Ihre einzige intimere Erfahrung hatte sie auf einer ihrer etwas längeren Ausreißtouren gehabt. Damals war sie sechzehn gewesen, und das Erlebnis war so schmerzlich und unromantisch gewesen, dass sie nie das Verlangen gehabt hatte, es mit einem anderen Mann zu wiederholen – bis heute.

Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. Was mochte Marcus davon halten, dass sie so leicht auf seine Küsse eingegangen war? Wahrscheinlich plante er jetzt, sie zu verführen, und wer konnte ihm das verübeln? Sie erschauerte unwillkürlich, als sie sich vorstellte, was das zu bedeuten hatte.

Was hätte sie getan, wenn er sie zu mehr gedrängt hätte? Wieder durchfuhr sie ein Schauer, und sie wünschte, sie hätte Marcus rechtzeitig abgewehrt. Aber in seinen Armen konnte man sie nicht für ihre Taten verantwortlich machen.

Deswegen sollte sie ihm nun auch ganz weit aus dem Weg gehen.

Aber was hatte sie getan? Sie hatte seine Einladung für morgen Abend angenommen. Natürlich könnte sie sich einreden, nur das Interesse an „Colette“ liege ihr am Herzen, aber was würde das schon nützen? Kein Mann hatte solche Gefühle in ihr geweckt, noch nie hatte sie gedacht, dass ihr Leben ohne einen Mann unvollständig sei. Erst heute Abend waren ihr solche Gedanken gekommen, als sie mit Marcus gelacht hatte, als sie sich verstanden gefühlt hatte angesichts des aufmerksamen Blicks in seinen Augen, während sie ihm von ihrer Kindheit erzählt hatte, als er sie umarmt hatte und sie plötzlich das Gefühl gehabt hatte, endlich dort zu sein, wo sie hingehörte.

Kaum etwas konnte verführerischer sein für jemanden, der fast sein ganzes Leben kein Mitgefühl oder Verständnis kennengelernt hatte. Sie hatte sicher schon viel erreicht. Von einer rebellischen Außenseiterin hatte sie sich zu einer erfolgreichen, anerkannten Frau gewandelt und Freunde gewonnen, besonders Rose, die wie eine Mutter zu ihr war.

Aber ihr war noch nie ein Mann begegnet, der ihr das Gefühl gegeben hätte, ohne ihn könne sie nicht glücklich sein.

Reiß dich zusammen, Mädchen! Sie sah sich finster im Spiegel an, während sie sich die Zähne putzte. Du bist ein Mal mit ihm ausgegangen. Ein einziges Mal! Deswegen brauchst du dich nicht so aufzuregen.

Aber im Traum tanzte sie in den Armen eines Mannes mit grünen Augen, der genau das war, was ihr fehlte.

Am nächsten Tag im Büro schwebte Sylvie wie auf Wolken. Ihr Chef, Wil Hughes, sah sie nachdenklich an, als ihr Bildschirmschoner sich zum dritten Mal einschaltete.

„Was ist los mit dir, Sylvie? Du kommst mir heute ein wenig geistesabwesend vor.“

„Entschuldigung.“ Sie bewegte die Maus, und der Bildschirm zeigte wieder ihr Programm an. „Ich mache mir nur Sorgen darüber, was ‚Grey Enterprises‘ als Nächstes unternehmen wird.“

Wil nickte. „Wie wir alle. Aber wir können nichts tun, außer abwarten, bis die Axt auf unsere Häupter herabfällt. Und dann müssen wir sehen, was für Möglichkeiten uns noch bleiben.“ Er fuhr sich mit der Hand durch das leicht ergraute Haar. „Ich hasse die Vorstellung, ‚Colette‘ verlassen zu müssen und woanders noch mal von vorn anzufangen.“

„Vielleicht kommt es ja nicht dazu.“

„Vielleicht.“ Wil klang skeptisch, dann lächelte er. „Da wir gerade von Grey sprechen. Was ist gestern passiert, nachdem du ihn aus dem Konferenzraum befördert hattest?“ Er schüttelte den Kopf, als ob er immer noch nicht glauben könne, was sie getan hatte. „Hast du etwas erreicht?“

Sylvie lächelte. „Es war wohl eher umgekehrt: Er hat mich nach draußen befördert. Und ich habe keine Ahnung, ob ich etwas erreicht habe. Aber wir haben zusammen zu Abend gegessen, und heute Abend gehen wir wieder aus. Ich bleib also am Ball und werde mich weiterhin für unsere Sache einsetzen.“

Ihr Chef setzte sich abrupt auf. „Machst du Witze?“

„Nein, überhaupt nicht.“

„Maeve wird durchdrehen, wenn sie das hört. Du musst bald zum Abendessen kommen und uns alle Einzelheiten erzählen.“

„Sehr gern. Ich komme gern zum Abendessen, meine ich“, fügte sie hastig hinzu. „Die Einzelheiten müssen aber vielleicht zensiert werden.“

Wil lachte. „Maeve kriegt sie schon aus dir heraus.“

Wils Frau, Maeve, war seit einem Autounfall vor einigen Jahren an den Rollstuhl gefesselt und hatte ständig Probleme mit ihrer Gesundheit. Aber sie war trotz allem eine warmherzige, lebensfrohe Frau geblieben. Sie und Wil gehörten zu den ersten Freunden, die Sylvie bei „Colette“ gefunden hatte, seit sie in der Werbeabteilung arbeitete, und sie würde alles für die beiden tun. Wils größte Sorge war, wie er für Maeves Arztrechnungen aufkommen sollte, wenn er tatsächlich entlassen werden würde.

„Wie geht es ihr?“

„Ganz gut. Ihr Arzt meint, sie habe sich endlich vollständig von der schweren Grippe erholt.“

Sylvie drückte seine Hand. „Das freut mich.“

In diesem Moment wurde die Bürotür geöffnet, und beide drehten sich um. Aber zunächst konnten sie nicht sehen, wer hereingekommen war, da ein riesiges Blumenarrangement seine Trägerin bis auf einen grünen Rock und schlanke Beine verbarg.

„Wo ist der Schreibtisch?“, erklang gleich darauf Lilas Stimme hinter den Blumen.

Sylvie lachte und stand schnell auf, um ihre Freundin zum Tisch zu führen. „Stell sie hier hin. Wieso spielst du denn heute den Lieferjungen?“

Lila stellte die Blumen ab und richtete sich wieder auf. Ihre Augen funkelten amüsiert. „Ich war auf dem Weg nach unten, als ich die Blumen sah. Die Mädchen an der Rezeption sagten, sie seien für dich, also war ich natürlich einverstanden, sie dir zu bringen. Außerdem sterbe ich vor Neugier zu erfahren, von wem sie sind!“

„Ich glaube, ich ahne es“, meinte Wil.

Sylvie nahm einen kleinen Umschlag, der zwischen den Blumen steckte, und öffnete ihn.

Ich freue mich schon darauf, Sie heute Abend zu sehen. Marcus.

„Sehr interessant. Sieht ganz so aus, als hättest du einen guten Eindruck gemacht.“ Lila sah ihr neugierig über die Schulter, und Wil war gleich hinter ihr. „Rose hat mir erzählt, dass du gestern Abend mit ihm aus warst. Muss ja ein toller Erfolg gewesen sein, wenn er dich gleich heute wiedersehen will.“

Sylvie spürte, dass sie rot wurde. „Es war sehr nett“, sagte sie nur.

„Tu uns allen einen Gefallen“, schlug Wil vor. „Hab heute auch einen netten Abend, und wenn du schon dabei bist, red ihm die Schließung von ‚Colette‘ aus, okay?“

Sylvie verzog das Gesicht. „Klingt fast wie Prostitution, oder?“

Ihre Freunde sahen sie ehrlich entsetzt an.

„Sylvie, du gehst doch nicht etwa mit ihm aus, weil du der Firma helfen willst, oder?“, meinte Lila. „Nach allem, was man sich so über ihn erzählt, hättest du sowieso keine Chance.“

Sylvie lächelte schief. „Nein. Gestern bin ich mit ihm ausgegangen, weil ich der Firma helfen wollte, aber heute will ich es tun, weil er ein fantastischer Tänzer ist und wir uns gestern wirklich gut unterhalten haben. Ehrlich, mehr ist es nicht.“

3. KAPITEL

Während Sylvie sich eine elegante marineblaue Hose und einen hellblauen Seidenpullover anzog, war ihr jedoch klar, dass dieser Abend doch mehr für sie bedeutete, als sie vor ihren Freunden zugeben wollte. Sie war ein reines Nervenbündel, und sie war sonst nie nervös vor einem Rendezvous. Würde sie ihn immer noch so attraktiv finden wie gestern? Oder würde sie feststellen, dass die Fantasie mit ihr durchgegangen war und der Wein ein Übriges getan hatte?

Als es klingelte und sie öffnete, richtete sich Marcus, der lässig am Türrahmen gelehnt hatte, auf, und sie begegnete seinem intensiven Blick.

Ihr Puls beschleunigte sich, ihr stockte der Atem, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Himmel, er sah einfach fantastisch aus. Er trug eine schwarze Cordhose und unter einer schwarzen Bomberjacke ein weißes Hemd, das am Hals offen stand. Seine Schultern schienen so breit wie die Türöffnung zu sein, aber Sylvie wusste natürlich, dass das nur ihre Einbildung war.

„Guten Abend.“ Sie war erstaunt, dass ihre Stimme so normal klang.

„Guten Abend. Sie sehen wundervoll aus.“ Er ließ den Blick genüsslich über ihren Körper gleiten.

„Danke. Und vielen Dank auch für die Blumen.“ Sie wies auf den Kaminsims. „Sie sind wirklich wunderschön.“

Sylvie nahm ein Jackett aus dem Schrank im Flur, und Marcus hielt es ihr, damit sie hineinschlüpfen konnte. Sie stand mit dem Rücken noch zu ihm, als er die Arme um sie schlang und sie leicht an sich zog.

„Sylvie“, flüsterte er. „Ich habe den ganzen Tag an nichts anderes gedacht.“

Sie legte die Hände auf seine starken Arme, damit er nicht weiterging, versuchte aber nicht, sich ihm zu entziehen. Es war eine süße Qual, ihn so nah zu spüren. Aber es war eine Qual, der sie widerstehen musste.

„Was letzte Nacht angeht“, sagte sie und klang etwas atemlos, „ich kann nicht … ich meine, ich gehöre nicht zu den Frauen …“

„Ich weiß. Das habe ich auch nie gedacht“, unterbrach er sie amüsiert.

Einen Moment verstärkte er seinen Griff, und sie hatte das Gefühl, dass er mit sich kämpfte. Doch dann ließ er sie los, nahm ihre Hand und drehte sie zur Tür. „Fertig?“

Wie gestern Abend fuhr Marcus nach Norden und am Michigansee entlang, aber anders als gestern hielt er nicht vor dem Country-Club von Youngsville, sondern fuhr noch etwa zwanzig Minuten weiter.

Schließlich bog er zu einem wunderschönen, kleinen italienischen Restaurant ab, von dem Sylvie schon gehört hatte. Es lag direkt an einem großen Sandstrand und bot eine atemberaubende Sicht auf den See. Der Oberkellner führte sie an einen Tisch in einer ruhigen Ecke.

Nachdem Marcus den Wein bestellt hatte, lehnte er sich zurück und betrachtete Sylvie mit einer Intensität, die sie erst recht nervös machte.

„So. Wo waren wir gestern stehen geblieben?“, fragte er.

Der Gedanke daran, was sie gestern Abend als Letztes getan hatten, trieb Sylvie die Röte ins Gesicht. Marcus lächelte, und sie runzelte verärgert die Stirn. „Das tun Sie absichtlich, und ich …“

„Na, na“, unterbrach er sie sanft. „Wie sollen wir uns besser kennenlernen, wenn du nicht endlich anfängst, mich zu duzen? Für mein Entgegenkommen verdiene ich doch wenigstens eine Chance, oder?“

Sie seufzte und nickte zögernd.

Er beugte sich vor und schenkte ihr ein weiteres Lächeln, das ihren Puls zum Rasen brachte.

„Ich möchte mehr über dich erfahren. Erzähl mir von dem letzten Heim, in dem du warst, und was dich dazu gebracht hat, deine Lebenseinstellung so völlig zu ändern.“

„Das ist einfach zu beantworten“, erwiderte sie bereitwillig. „Eine Umarmung.“

Er hob die Augenbrauen. „Eine Umarmung?“

Sie nickte. „Wie gesagt, ich war ein widerspenstiges Gör, entschlossen, gegen den Strom zu schwimmen, komme, was wolle – zumindest in den ersten Wochen. Aber da war eine Frau, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, die zwei Mal in der Woche kam. Sie gab Kindern, die Schulprobleme hatten, Nachhilfe; half bei den Mahlzeiten, wenn das Personal überfordert war, und spielte ab und zu Karten mit den Kindern. Als sie mich das erste Mal sah, kam sie direkt auf mich zu, nahm mich in die Arme und sagte: ‚Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen, Sylvie‘.“

Marcus sah sie ein wenig skeptisch an. „Eine so harte Nuss wirst du nicht gewesen sein, wenn das schon genügt hat.“

„Oh, sie ist nicht sofort zu mir durchgedrungen. Aber nach den ersten paar Wochen wurde mir klar, dass ich mich auf die Begegnungen mit ihr freute. Eines Tages schrieb ich eine Eins in einem Mathematiktest, und sie war so froh darüber, als ob ich den Nobelpreis gewonnen hätte. Sie gratulierte mir und sagte mir, wie stolz sie auf mich sei. Und sie fügte hinzu, dass ich selbst stolz auf mich sein solle, worauf ich merkte, dass ich das auch war. Das war so ziemlich der Beginn der neuen Sylvie.“

Er betrachtete sie. „Sie muss eine bemerkenswerte Dame gewesen sein.“

„Das ist sie. Sie geht immer noch zwei Mal in der Woche ins Heim, und ich gehe ein Mal im Monat mit ihr.“ Sie lächelte liebevoll. „Sie … du hast sie gestern kennengelernt.“

„Mrs. Carson? Deine … Vermieterin?“

„Genau die.“ Sylvie war überrascht, dass ihn das offenbar verwirrte, aber da kam der Kellner mit dem Wein, und sie vergaß, Marcus zu fragen.

Beim Essen plauderten sie freundschaftlich, und Marcus erkundigte sich nach ihrer Arbeit.

„Was genau macht eigentlich die Assistentin des Leiters der Werbeabteilung?“

Sylvie zuckte die Achseln. „Das kannst du dir sicher vorstellen. Ich leite die Teams, die an neuen Werbespots, Anzeigen und Slogans für die Firma arbeiten. Im Augenblick beschäftigen wir uns mit den Strategien für den kommenden Herbst.“

„Neun Monate im Voraus?“

Sie nickte. „Es dauert eine Weile, um eine wirklich hervorragende Werbekampagne auszuarbeiten. Bis zum Valentinstag werden wir schon wieder an Weihnachten denken.“

Er lachte. „Muss dir schwerfallen, die Jahreszeiten auseinanderzuhalten.“ Er wies aus dem Fenster. „Da wir von Jahreszeiten sprechen – ich nehme an, dass wir dieses Jahr weiße Weihnachten haben werden.“

Sylvie folgte seiner Blickrichtung. Unzählige dicke Schneeflocken fielen über dem mondbeschienenen See herab. „Oh, wie schön!“, rief sie begeistert. „Ich liebe Schnee.“

„Ich habe gar nicht gehört, dass es heute schneien würde.“

Der Kellner, der gerade ihre Teller abräumte, hörte Marcus’ Bemerkung. „Sie haben gerade durchgegeben, dass es der zweite heftige Schneesturm in diesem Jahr werden soll, Sir.“

Marcus verzog das Gesicht. „Na, wunderbar, und ich bin im Coupé unterwegs.“ Er beugte sich über den Tisch. „Ich breche ungern jetzt schon auf, aber mein Wagen hat keine Winterreifen. Wir machen uns besser auf den Weg.“

Sylvie nickte und verbarg ihre Enttäuschung, so gut sie konnte.

Marcus bezahlte die Rechnung und holte ihre Jacken. Als sie aus der gemütlichen Wärme des Restaurants traten, traf sie heftiger Wind vom See mitten ins Gesicht. Die Straße war schon schneebedeckt, und der Gehweg ziemlich glatt.

Marcus schüttelte verärgert den Kopf. „Bleib hier, Sylvie. Ich fahr mit dem Wagen vors Haus.“

Wenige Minuten später fuhren sie langsam auf die Uferstraße, die sie nach Youngsville zurückführte. Sie unterhielten sich nicht mehr viel. Der heftige Schneefall erschwerte Marcus so sehr die Sicht, dass er seine ganze Aufmerksamkeit fürs Fahren brauchte. Die Fahrt zum Restaurant hatte nur eine halbe Stunde gedauert, aber für den Rückweg brauchten sie mehr als die doppelte Zeit. Auf der Ausfahrt zur Stadt geriet der Wagen leicht ins Rutschen, und wenn Marcus nicht so geschickt gewesen wäre, wären sie im Graben gelandet.

„Wir können von Glück reden, dass wir gerade keinen Gegenverkehr hatten“, murmelte er.

Sylvie nickte. Ihr Herz schlug unruhig, und sie schluckte nervös.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich habe mir den Wetterbericht nicht angehört und muss zugeben, dass ich so etwas nicht erwartet habe.“

„Heute Nachmittag haben sie auch nur etwas von leichtem Schneefall gesagt, nichts von einem solchen Schneegestöber.“

Den restlichen Weg brachten sie ohne Zwischenfälle hinter sich, obwohl die Reifen des Wagens noch mehrmals Schwierigkeiten hatten, auf dem Schnee Halt zu finden. Als Marcus endlich vor Sylvies Haus hielt, war er sehr erleichtert.

Er begleitete Sylvie hinein, und ihr fiel auf, dass der Schneefall noch heftiger wurde. Es schien sich tatsächlich zu einem richtigen Schneesturm auszuwachsen, und sie machte sich nun Sorgen wegen Marcus. Sie wusste zwar nicht genau, wo er wohnte, aber selbst nur eine sehr kurze Strecke zu fahren, wäre bei diesem Wetter zu gefährlich.

„Möchtest du hereinkommen?“, fragte sie, als sie vor ihrer Wohnungstür standen. Sie zögerte nur einen Moment, bevor sie entschlossen fortfuhr: „Du kannst gern bei mir übernachten. Heute Nacht sollte niemand mehr Auto fahren.“

Marcus, der gerade seinen rotschwarzen Schal löste, hielt mitten in der Bewegung inne. Langsam sah er auf sie hinab, und die Glut, die Sylvie in seinen Augen sah, ließ sie unwillkürlich erschauern.

„Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“

„Ich auch nicht“, erwiderte sie ehrlich. „Aber es wäre herzlos, dich bei diesem Wetter wieder hinauszuschicken. Bis morgen wird es sicher aufgehört haben zu schneien und die Straßen sind wieder frei.“ Sie räusperte sich. „Mein Sofa lässt sich zu einem Bett aufklappen.“

Er lächelte. „Werden meine Füße über den Rand hängen?“

„Das bezweifle ich. Es ist besonders lang, und wenn es immer noch zu kurz sein sollte, kannst du mein Bett haben, und ich schlafe auf dem Sofa.“

„Nein.“ Marcus folgte ihr in die Wohnung und schloss die Tür hinter ihnen. „In deinem Bett habe ich nur vor zu schlafen, wenn du neben mir liegst.“

Sylvie schluckte erregt, antwortete aber so ruhig sie konnte: „Ich werde nicht mit dir schlafen, Marcus. Ich dachte, das hätten wir klargestellt.“

Er schlüpfte aus seiner Jacke und legte sie mit dem Schal über eine Stuhllehne. „Vorhaben kann man ändern. Außerdem erinnere ich mich nicht, so etwas mit dir abgemacht zu haben.“

Sie wollte schon protestieren, als sie merkte, dass er sie nur neckte. Sylvie hängte ihren Mantel weg und machte sich auf den Weg zur Küche. Bei Marcus Worten war ihr etwas anderes eingefallen, und sie fragte: „Hast du eigentlich noch mal über deine Pläne für ‚Colette‘ nachgedacht?“

Seine Miene, die eben noch belustigt gewesen war, verfinsterte sich augenblicklich. Sylvie bedauerte sofort, ihn gefragt zu haben. Es würde sie sehr bedrücken, wenn sie ihnen jetzt den Abend verdorben hätte.

„Ich denke die ganze Zeit an ‚Colette‘.“

Nach dieser geheimnisvollen Antwort konnte sie das Thema nicht mehr auf sich beruhen lassen. Immerhin war „Colette“ der Grund, weswegen sie sich überhaupt mit ihm traf. Sie holte zwei Kaffeetassen aus dem Schrank und drehte sich zu ihm. „In welcher Weise?“

Er zuckte die Achseln. „Ich überlege, wie ich ‚Colette‘ in mein Unternehmen integriere“, erwiderte er nur.

Jetzt war Sylvie genauso schlau wie vorher.

„Aber das kannst du nicht tun!“ Ihre Stimme wurde laut vor Aufregung. „Willst du etwa behaupten, dass es keine Entlassungen geben wird, wenn eine Fusion stattfindet?“

Marcus verschränkte die Arme vor der Brust, dass sein weißes Hemd sich über die Rückenmuskeln spannte, lehnte sich lässig an den Küchentresen und betrachtete Sylvie nachdenklich. „Ich kann dir nichts versprechen.“

Das klang unnachgiebig, und Sylvie wandte sich abrupt ab und füllte Kaffee in die Maschine. „Kannst du nicht, oder willst du nicht?“

Im nächsten Moment war er hinter sie getreten, und sie spürte seine Hände auf ihren Schultern. Er beugte sich vor und flüsterte ihr ins Ohr: „Weder noch, oder beides. Such es dir aus.“ Sein Griff wurde fester, er drehte sie zu sich herum. „Ich möchte nicht übers Geschäft mit dir reden, Sylvie.“

Mit Tränen in den Augen sah sie zu ihm hoch. „Ich kann mein Leben nicht so in sauber voneinander getrennte Bereiche aufteilen wie du.“ Sie befreite sich aus seinem Griff und ging aus der Küche. „Ich werde ein paar Sachen packen und bleibe die Nacht über bei Rose. Du kannst mein Bett haben.“

Marcus warf sich unruhig auf Sylvies Sofa hin und her. Die Nacht war ihm endlos erschienen. Es war noch dunkel, aber das Licht an seiner Uhr zeigte ihm, dass es fast halb sieben war.

Es war frühmorgens, und er war allein in Sylvies Wohnung. Verdammt! Natürlich hatte er auch vorgehabt, die Nacht bei ihr zu verbringen, aber nicht allein und auf einem harten Sofa. Unterdrückt fluchend stand er auf und nahm die Handtücher, die Sylvie ihm hingelegt hatte. Dann stellte er sich unter die Dusche und wünschte sich, das hart auf ihn herabprasselnde Wasser könnte auch seine Probleme mit der Fusion fortspülen.

Fusion. Wenn er ehrlich war, war es gar nicht das, was er vorhatte. „Colette“ würde aufhören zu existieren, wenn er fertig mit ihr war. „Grey Gems“, eine Tochterfirma von „Grey Enterprises“, würde alles schlucken, was wert war, erhalten zu bleiben.

Es ist ein gutes Geschäft, verteidigte er sich selbst. Ein kluger ökonomischer Schritt. „Colette“ war in letzter Zeit sowieso auf dem absteigenden Ast. Der Name Grey würde die Aktien wieder steigen lassen.

Dass die Gerüchte über eine Übernahme von „Colette“ gerade der Grund gewesen waren, die den Aktienwert gedrückt hatten, war ja nicht seine Schuld. Er hatte die Gerüchte nicht in Umlauf gebracht. Andererseits musste er zugeben, dass er nichts getan hatte, um sie im Keim zu ersticken. Außerdem hatte „Colette“ auch noch diesen lächerlichen Prozess gegen ihn angestrengt – und natürlich verloren. Weil sie nicht beweisen konnten, dass er etwas mit den Gerüchten zu tun hatte. Fast wünschte er, er hätte damit zu tun. Die Gerüchte hatten ihm sehr geholfen. Mehrere Aktionäre hatten sich doch tatsächlich zitternd vor Angst an ihn gewandt, noch bevor er dazu gekommen war, ihnen selbst ein Angebot zu machen.

Aber jetzt musste er sofort nach Hause fahren und sich umziehen, bevor er ins Büro fahren würde. Sehr viel Arbeit wartete auf ihn.

Er zog sich an und trat ans Fenster. Obwohl Youngsville normalerweise nicht so viel Schnee zu sehen bekam wie die Teile von Indiana, die von den großen Seen weiter entfernt waren, musste heute etwa ein halber Meter Schnee liegen, und es schneite immer noch. Aber offenbar waren die Straßen geräumt worden, was bedeutete, dass er nach Hause und von dort mit einem passenderen Wagen in sein Büro fahren konnte.

Er stellte den Fernseher ein und erfuhr, dass es am Abend noch heftiger schneien würde.

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