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BACCARA EXTRA BAND 7

BRENDA HARLEN

Eine fürstliche Affäre

Fürst Rowan steckt in einem Dilemma: Heiratet er nicht binnen sechs Monaten, verliert er den Anspruch auf den Thron. Aber die Frau, die ihm wie keine den Kopf verdreht hat, hat er gerade entlassen

SARA ORWIG

1000 Küsse für die Braut

Will Ashley wirklich ihn – oder nur sein Geld? Als Hoteltycoon Ryan erfährt, dass die scheue Schöne vom Land ein Kind von ihm erwartet, scheinen alle Zweifel beseitigt. Bis seine mondäne Ex neue sät …

ROBYN GRADY

Vorsicht – viel zu heiß!

Sicher, denkt David, er braucht diese Kampagne. Aber braucht er dazu unbedingt seine heiße Kundenbetreuerin? Vor allem, da Serena ihn dazu bringt, sie statt im Büro … im Schlafzimmer haben zu wollen?

ROXANNE ST. CLAIRE

Starker Mann – was nun?

Sie muss die Managerin seines großen Halloween-Events werden! Doch der faszinierende Matt ist offenbar dagegen. Spontan versucht Paige, ihn mit den erotischen Waffen einer Frau umzustimmen …

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Eine fürstliche Affäre

PROLOG

Die unberührten Sandstrände und das kristallklare Meer machen Tesoro del Mar zu einem wahren Schatz des Mittelmeers. Obwohl die Insel sehr klein ist, zieht sie Besucher aus aller Welt an.

Lara Brennan saß im Flugzeug und las in ihrem Reiseführer. Sie konnte gar nicht genug über die Insel erfahren, auf der sie gleich landeten.

Tanis Rowland, ihre beste Freundin und Reisepartnerin, schüttelte den Kopf. „Wir sind doch hier, um Urlaub zu machen. Warum studierst du dieses Buch so intensiv, als ob du darüber eine Examensarbeit schreiben müsstest?“

„Mich faszinieren die Geschichte, die Kultur und sogar der Name des Landes. Wusstest du, dass er Schatz des Meeres bedeutet?“

„Tesoro del Mar.“ Tanis stieß einen tiefen Seufzer aus. „Das hört sich wie ein Königreich aus einem Märchen an.“

„Es ist kein Königreich, sondern ein Fürstentum.“

„Was ist da der Unterschied?“

„Es wird nicht von einem König, sondern von einem Fürsten regiert.“

Tanis blaue Augen funkelten. „Es gibt hier einige wirklich scharfe Blaublüter.“

Lara lachte. Sie kannte bisher nur Fürst Julian – der glücklich mit Fürstin Catherine verheiratet war – aber sie hatte Fotos von seinen Brüdern in den Boulevardblättern gesehen. Sie waren alle groß, dunkel und unverschämt gut aussehend. „Wir werden wahrscheinlich noch nicht einmal einen von Julians Brüdern sehen. Rowan arbeitet als Investmentbanker in London, Eric ist Marineoffizier, und Marcus studiert in Harvard.“

„Na ja, wenigstens werden wir im Fürstenpalast wohnen. Wie alt ist er eigentlich?“

Lara las in ihrem Reiseführer nach. „Er wurde vor mehr als vierhundert Jahren erbaut.“

„Das ist wirklich alt. Hatten die denn damals schon Toiletten mit Spülung?“

„Nein. Ich kann mir aber vorstellen, dass es über die Jahre viele Renovierungsarbeiten gab.“

„Welche Sprache sprechen die Menschen hier?“

„Die Insel wurde sowohl von den Spaniern als auch von den Franzosen besiedelt. Deshalb ist es offiziell ein zweisprachiges Land. Die meisten Einwohner sprechen aber auch Englisch.“

Lara überflog die Geschichte von Tesoro del Mar und der Herrscherfamilie Santiago und schlug die nächste Seite auf. Es folgte eine Abbildung des prächtigen Palastes, die sich über zwei Seiten ausstreckte. Man konnte die atemberaubend schönen Türme, die hohen Balkone und die Bogenfenster erkennen. Lara freute sich sehr darauf, den Palast zu besichtigen. Aber noch mehr freute sie sich auf die Familie, die darin wohnte.

Zweimal im Jahr reisten Fürst Julian und Fürstin Catherine nach Kilmore, Catherines Heimatstadt in Irland, um ihre Familie zu besuchen. Vor vielen Jahren hatte Lara sie dort über einen entfernten Verwandten kennengelernt. Bei diesem Besuch war das Fürstenpaar ohne Kindermädchen gereist, wodurch Lara die Möglichkeit geboten bekam, sich um deren zwei Kinder zu kümmern.

Die Fürstin wirkte überrascht und erleichtert, dass ihre Kinder Lara von Anfang an mochten. Und auch für Lara war es ein Vergnügen, sich um die beiden fürstlichen Sprösslinge zu kümmern. Bei jedem weiteren Besuch der Fürstenfamilie lud Catherine Lara ein, damit sie Zeit mit der Familie verbringen konnte.

Drei Wochen zuvor hatte Catherine Lara gebeten, sie in Tesoro del Mar zu besuchen, um das jüngste Mitglied der Familie kennenzulernen.

Lara war begeistert gewesen. Noch mehr hatte sie sich gefreut, dass sie für die zwei Wochen auch eine Freundin mitnehmen konnte.

Tanis schnappte hörbar nach Luft und drückte Laras Arm. „Da ist die Insel!“

Lara sah aus dem Fenster und war sofort von dem Blick gefangen.

Die Fotos in ihrem Reiseführer kamen nicht im Entferntesten an die Wirklichkeit heran. Die Hügel wirkten noch viel grüner, die Strände weißer und das Meer klarer.

„Ich wünschte, ich könnte für immer hierbleiben“, sagte Tanis verträumt.

Lara wusste, dass dies immer ein Traum für Tanis bleiben würde. Ihre eigene Zukunft könnte jedoch tatsächlich hier sein, da die Fürstin ihr angeboten hatte, diese Insel zu ihrem Zuhause zu machen.

Auch wenn Lara in den letzten Jahren ein sehr enges Verhältnis zu Catherines Familie aufgebaut hatte, so hätte sie nie gedacht, dass die Fürstin sie als Kindermädchen auswählen würde. Lara war immerhin unehelich geboren und wusste nicht einmal, wer ihr Vater war. Nun blieben ihr zwei Wochen, um sich Tesoro del Mar anzusehen, sich mit den Kindern wieder vertraut zu machen und zu entscheiden, ob sie ihr altes Leben hinter sich lassen und ein neues auf der Insel beginnen wollte.

Catherine hatte darauf bestanden, dass Lara sich Zeit für ihre Entscheidung ließ. Aber nach nur einem kurzen Blick auf die Insel – schien Laras Entscheidung schon gefallen zu sein.

Sie würde auf der Insel bleiben und das neue Kindermädchen der Fürstenfamilie werden!

1. KAPITEL

Viereinhalb Jahre später

Drei Tage nach der Beisetzung von Fürst Julian Edward William Santiago und Fürstin Catherine Mary Santiago versuchte Rowan immer noch zu begreifen, weshalb sein Bruder und seine Schwägerin sterben mussten. Und nun das.

Rowan sah von dem offiziellen Dokument auf dem Schreibtisch auf und blickte zu seinem Bruder Marcus. „Was haben sie sich nur dabei gedacht?“

„Wahrscheinlich haben sie geglaubt, dass ihre Kinder bei dir in den besten Händen sind. Sie hätten wohl aber nie damit gerechnet, bei einer Explosion auf ihrer Jacht ums Leben zu kommen.“

Eigentlich war der Aufenthalt auf der Jacht als Familienausflug geplant gewesen. Doch da Alexandria und Damon mit Fieber im Bett lagen und Christian sich auch noch von einer Grippe erholte, war das Kindermädchen mit ihnen zu Hause geblieben. Das Fürstenpaar hatte beschlossen, wenigstens ein paar romantische Stunden zu zweit auf der Jacht zu verbringen, wenn der Ausflug schon ausfallen musste.

Rowan starrte erneut auf das Schreiben, das ihm das Sorgerecht für die Kinder übertrug. Seine Schwägerin und sein Bruder hatten dieses Dokument mit seinem Einverständnis erstellen lassen. Aber er hätte aber niemals gedacht, dass dieser Fall tatsächlich eintreten könnte. Nun waren Julians Kinder unter seiner Obhut, womit die Zukunft des Fürstentums in seinen Händen lag.

„Ich weiß, dass du nicht erwartet hast, jemals in diese Situation zu geraten“, sagte Marcus. „Wirst du damit zurechtkommen?“

„Irgendjemand muss sich ja um die Verpflichtungen kümmern, bis Christian alt genug ist, um das Fürstentum zu regieren. Ob ich damit zurechtkomme?“ Rowan schüttelte den Kopf und sah zu einem Foto auf dem Schreibtisch. Es zeigte seinen ältesten Bruder und seine Schwägerin mit den Kindern. Sie sahen glücklich aus – und das nach fünfzehn Jahren Ehe. Wie konnte das Schicksal bloß so erbarmungslos zuschlagen?

Marcus stand auf und nahm das Foto in die Hände. „Die gesamte Familie hat in letzter Zeit viel durchgemacht. Ich werde noch etwas hierbleiben, um dich zu unterstützen, bevor ich nach Harvard zurückgehe.“

„Auch Eric hat mir seine Hilfe angeboten. Und dafür bin ich euch wirklich dankbar. Ich möchte aber nicht, dass ihr eure Pflichten vernachlässigt.“

„Das tust du doch auch.“

Rowan tat das, was er für seine Pflicht hielt. Er war sich sicher, dass seine Brüder sich genauso verhalten hätten, wenn sie in seiner Lage gewesen wären.

Die Familie Santiago lenkte schon seit Langem die Geschicke des Landes und genoss großes Vertrauen bei der Bevölkerung. Rowan wusste, dass sie ihn ebenso als Fürsten akzeptieren würden wie Julian. Er war sehr bewegt gewesen, als die ganze Insel auf den Beinen gewesen war, um dem Fürstenpaar das letzte Geleit zu geben.

Auch wenn er nicht darauf brannte, das Land zu regieren, sah er doch ein, dass es seine Pflicht war. Und er würde sie mit Stolz erfüllen, um seinem verstorbenen Bruder Respekt zu zollen und das Land in eine sichere Zukunft zu führen.

„Ich habe weniger Angst, das Land zu regieren, als mich um die Kinder zu kümmern.“ Rowan war sich der Verantwortung bewusst, die ihm sein Bruder übertragen hatte. Da er aber die letzten Jahre in London verbracht hatte, war sein Verhältnis zu den Kindern nicht sehr eng. Außerdem kannte er sich nicht mit der Erziehung von Kindern aus.

Mit Christian würde er noch zurechtkommen. Der Junge war zwölf und sehr vernünftig, auch wenn ihm bewusst war, dass er bald der Herrscher des Fürstentums wäre.

Alexandria war acht und konnte sehr rebellisch sein.

Damon war so etwas wie der kleine Wirbelwind in der Familie. Der Vierjährige konnte einen zum Wahnsinn treiben, das wusste Rowan sehr genau.

„Die Kinder haben ein Kindermädchen, das sich die ganze Zeit um sie kümmert“, erinnerte Marcus ihn.

Rowan nickte. „Auch was das Kindermädchen angeht, muss ich mich sehr über Julian und Catherine wundern.“

„Wie meinst du das?“

„Liest du denn nie Zeitung?“

„Nicht die Boulevardblätter. Da geht es mehr um Sensationshascherei als um seriösen Journalismus.“

„Miss Brennan hat den Zeitungen jedenfalls genug Stoff geliefert. Und was man da lesen konnte, war nun wirklich alles andere als angemessenes Benehmen.“

„Na ja. Sie ist immerhin jung und attraktiv. Und sie kann nichts dafür, dass die Presse sich bei allem, was sie tut, auf sie wirft. Miss Brennan hat immerhin einen engen Kontakt zur Fürstenfamilie.“

„Ein Kindermädchen der Fürstenfamilie sollte reif und vornehm sein.“

„Wie Adele, unser altes Kindermädchen, das immer so streng war?“

„Immerhin hat sie keine Schlagzeilen auf den Tanzflächen der Insel gemacht.“

Marcus lachte. „Da magst du recht haben. So alt, wie sie war, hätte bestimmt kein Magazin sich mehr für sie interessiert.“

Rowan musste daran denken, was für ein negatives Bild vom Fürstenhaus das neue Kindermädchen mit den Schlagzeilen geschaffen hatte. „Findest du nicht auch, dass sie ein schlechtes Vorbild für die Kinder ist?“

„Ich weiß nicht genau, ob die Kinder in den Clubs mit dabei waren.“

Rowan hätte eigentlich mit so einer Antwort rechnen müssen. Immerhin war auch sein Bruder regelmäßig in den Klatschspalten der Magazine zu finden. „Du weißt, worauf ich hinauswill.“

„Nicht ganz.“

„Sie arbeitet für die Fürstenfamilie. Somit bringt man ihr Verhalten auch mit uns in Verbindung.“

„Sie kommt aber gut mit den Kindern aus. Und das ist die Hauptsache.“

Gegen dieses Argument konnte Rowan nichts einwenden, vor allem, da in diesem Moment gerade ein lautes Kichern durch das Fenster drang. Er stand auf und ging zum Fenster, um zu sehen, wo die fröhlichen Stimmen herkamen.

Wie er erwartet hatte, war Lara mit Alexandria und Damon im Garten und spielte mit ihnen. Rowan beobachtete, wie Damon versuchte, über Laras Schulter zu klettern, während sie auf dem Gras kniete. Alle drei rollten sich auf dem Gras und kicherten immer wieder.

Lara hatte Rowan schon von Anfang an fasziniert. In ihren Augen war immer dieses Funkeln, und wenn sie ihn anlächelte, konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Marcus kam zu ihm ans Fenster. „Nach allem, was sie durchgemacht haben, freue ich mich, sie wieder lachen zu hören.“

„Dr Marotta hat gesagt, dass die Kinder zäher sind, als wir denken. Ich bin erleichtert, dass sich das bestätigt. Nur Christian scheint alles in sich hineinzufressen.“

„Wo ist denn der Thronfolger?“

„In der Bibliothek. Er holt Unterrichtsstunden nach.“

„Er ist doch immer noch ein Kind.“

„Ja, aber es war seine Entscheidung, wieder zu lernen.“ Rowan zwang sich zu einem Lächeln. „Du solltest übrigens das Gleiche tun.“

„Das werde ich auch. Ich möchte nur noch etwas mehr Zeit mit den Kindern verbringen, bevor ich abreise.“ Marcus lächelte. „Und vielleicht auch mit Lara.“

Rowan kehrte zum Schreibtisch zurück und setzte sich. Er wollte keine weitere Diskussion wegen des Kindermädchens anfangen. In seinen Augen war Lara nur ein weiteres Problem, das er von seinem Bruder geerbt hatte.

Wenige Tage, nachdem Rowans Bruder in die Staaten zurückgekehrt war, erschien das Kindermädchen der Fürstenfamilie ein weiteres Mal auf der Titelseite der Zeitungen. Diesmal war sie am Strand fotografiert worden und trug ein winziges Nichts von einem Bikini.

Sie war offenbar gerade im Wasser gewesen, da ihre Brustspitzen sich deutlich unter dem Stoff abzeichneten. Sie lächelte und streckte die Arme nach jemandem aus, der nicht auf dem Bild zu erkennen war.

Zuerst überkam Rowan die Lust – Lara brachte sein Blut in Wallung. Sie war atemberaubend sexy. Und er war auch nur ein Mann, genauso schwach und anfällig für weibliche Reize wie jeder andere.

Aber er war in erster Linie ein Fürst. Er musste sich seine Partnerin sehr genau auswählen, denn sie sollte die höchsten Ansprüche erfüllen.

Rowan schob die Zeitung beiseite.

Wie sehr er sie begehrte. Trotzdem gab es nur eine Lösung für dieses Problem: Er musste die Frau aus dem Palast und somit aus seinem Leben verbannen.

Lara sammelte Eimer und Schaufeln für den Ausflug zum Strand ein, während Alexandria und Damon im Garten spielten. Alexandria war nicht sehr begeistert von der Idee gewesen, ans Meer zu gehen. Sie hatte immer noch Angst davor, weil ihre Eltern ertrunken waren. Schließlich hatte sie aber doch zugestimmt. Lara sah dies als Zeichen dafür, dass das Mädchen sich langsam von dem Schrecken erholte.

Marcus war am Samstag vor seiner Rückreise schon einmal am Strand mit ihnen gewesen. Leider wollte Christian an diesem Tag nicht mitgehen. Lara hoffte, dass er sich diesmal überreden ließ.

Nur eine Sache konnte Lara in die Quere kommen: Fürst Rowan hatte sie für den heutigen Tag in sein Büro gebeten. Die Nachricht hatte sowohl Bestürzung als auch Begeisterung in ihr hervorgerufen.

Der Fürst hatte sie noch nie zuvor in sein Büro rufen lassen. Er hatte aber auch noch nie einen Grund gehabt. Tatsächlich war es ihr so vorgekommen, dass er bei seinen Besuchen aus London immer darum bemüht war, ihr aus dem Weg zu gehen. Sie hatte das Gefühl, dass er mit der Entscheidung seines Bruders, sie als Kindermädchen einzustellen, nicht zufrieden gewesen war.

Nun regierte Rowan das Land, das ihr so sehr ans Herz gewachsen war, und die Kinder, die sie über alles liebte, standen unter seiner Obhut. Deshalb war Lara besorgt.

Sie spielte gerade bei den Kindern im Garten, als Rowans Privatsekretär erschien und sie ins Büro zitierte.

„Wo willst du hin?“, fragte Damon und hielt ihr Bein fest, als sie gerade losgehen wollte.

Lara fuhr durch seine wilden Locken. „Ich gehe zum Fürsten.“

„Wer ist das?“

Lara lächelte. „Dein Onkel Rowan.“

„Oh.“ Damon umklammerte immer noch ihr Bein.

„Aber du hast doch gesagt, dass wir zum Strand gehen“, schaltete Alexandria sich ein.

„Ich hoffe, dass wir immer noch Zeit dafür haben, wenn ich zurückkomme“, antwortete Lara.

„Ich will aber jetzt gehen“, sagte Damon befehlend.

„Leider stellt Fürst Rowan jetzt die Regeln auf, und ich kann ihn nicht warten lassen.“

Damon sah sie wütend an. „Ich fand es besser, als Daddy die Regeln gemacht hat. Ich will, dass Daddy und Mommy wieder da sind.“

Lara kniete sich vor ihn hin und nahm den Jungen in die Arme. „Ich weiß, wie sehr du sie vermisst, mein Schatz.“

„Ich vermisse sie auch.“ Alexandria kam zu ihnen und legte die Arme um Lara.

Lara kamen die Tränen, als sie die Kinder tröstete. „Ihr müsst immer daran denken, dass euer Daddy und eure Mommy in euren Herzen weiterleben.“

„Ich will, dass sie wieder mit uns im Palast leben.“

Eine halbe Stunde war seit der Vorladung zum Fürsten vergangen. Lara hatte es nicht übers Herz gebracht, die Kinder einfach so mit ihrem Kummer allein zu lassen. Sie brachte sie in ihr Zimmer, gab ihnen Bücher und Puzzles und redete ruhig auf sie ein.

Als sie schließlich an die Tür des Fürsten klopfte, merkte sie gleich, dass er wütend war.

Lara machte unwillkürlich einen Knicks – eine lächerliche und veraltete Förmlichkeit, die noch lächerlicher wirkte, da sie alte Shorts und ein ausgeblichenes T-Shirt vom Spielen mit den Kindern trug. Julian und Catherine hatten immer keinen Wert auf derartige Förmlichkeiten gelegt, wenn sie nicht in der Öffentlichkeit waren. Rowan schien allerdings darauf zu bestehen.

„Sie wollten mich sehen, Fürst Rowan?“

„Schon vor einer Weile.“ Rowan blickte sie verärgert an. „Anscheinend haben Sie die Zeit nicht genutzt, um sich zurechtzumachen.“

Lara zwang sich, ruhig zu bleiben und die Schmetterlinge in ihrem Bauch zu ignorieren. Immer, wenn sie Rowan traf, war sie aufgeregt. Sie wusste, dass das einerseits daran lag, dass er sie ablehnte. Andererseits war sie seit dem ersten Treffen mit Rowan in ihn verschossen – auch wenn sie das niemals zugeben würde.

Sie wusste nicht, warum Rowan diese Gefühle bei ihr auslöste. Es war einfach so. Allerdings war sie sich im Klaren darüber, dass sie in seinen Augen nie mehr als das Kindermädchen sein würde – und auch noch ein denkbar ungeeignetes.

Außerdem befürchtete sie, dass er sie aufgrund ihrer familiären Hintergründe ablehnen würde. Für Catherine und Julian war das nie ein Problem gewesen.

„Sie haben ein Blatt im Haar.“

Seine schroffe Bemerkung brachte sie wieder in die Realität zurück. „Oh.“ Lara entfernte es aus den Haaren und errötete. „Ich komme direkt aus dem Garten.“

„Wohl nicht ganz so direkt.“

„Nein. Alexandria und Damon waren bekümmert. Ich wollte sie nicht allein lassen.“

„Wenn Sie in mein Büro gebeten werden, sind Ihre Belange irrelevant.“

Auch wenn sie in ihn verschossen war, so war er doch manchmal ein fürstlicher Idiot. Lara atmete tief durch und zählte bis zehn, um sich zu beruhigen. „Entschuldigen Sie, mein Fürst. Es ist meine Aufgabe, mich um die Kinder zu kümmern. Und genau das habe ich getan.“

„Und was haben Sie getan, als dieses Bild aufgenommen wurde?“ Rowan deutete auf die Zeitung, die auf seinem Schreibtisch lag.

Lara blickte zu Boden und spürte, wie die Wut in ihr aufstieg. „Das war ein Privatgrundstück. Ich weiß nicht, wie es zu dieser Aufnahme kommen konnte.“

„Außerhalb dieser Mauern existiert keine Privatsphäre. Das müssten Sie inzwischen wissen.“

Lara wusste, dass es besser gewesen wäre, sich zu entschuldigen. Aber ihrer Meinung nach hatte sie nichts Falsches getan, und sie war zu stolz, um Rowan um Vergebung zu bitten.

„Stattdessen sind Sie wieder auf der ersten Seite und wirken wie ein Playmate.“

Obwohl sie die Wut, die sich in ihrem Bauch angestaut hatte, kaum noch zurückhalten konnte, schaffte sie es, ruhig zu bleiben. „Danke. Ich fühle mich geschmeichelt.“

Rowan kniff die Augen zusammen. „Wenn Sie glauben, dass ich das amüsant finde, dann irren Sie sich gewaltig.“

„Ich glaube nicht, dass Sie überhaupt irgendetwas amüsant finden.“

„Wie kann ich das auch, nur drei Wochen nach dem Tod des Fürstenpaars? Und nun auch noch dieses Foto, auf dem sich das Kindermädchen der Fürstenfamilie herumtreibt.“

„Herumtreibt?“

„Gibt es denn eine andere Erklärung dafür?“

Lara wollte gar nicht erst versuchen, ihm zu erklären, dass es sich um eine vollkommen harmlose Situation gehandelt hatte. „Fragen Sie Ihren Bruder. Er war dabei.“

Rowan sah sie überrascht an. „Marcus?“

„Ja.“

„Ich weiß nicht, was meine Brüder an Ihnen gefunden haben. Bis heute kann ich nicht verstehen, warum Julian Sie überhaupt eingestellt hat. Sie sind viel zu jung und unerfahren. Nun bin ich aber für die Kinder verantwortlich, und ich werde das tun, was das Beste für sie ist.“

Lara senkte den Blick, damit er nicht ihre Tränen sehen konnte. Es war ihre eigene Schuld. Sie hätte Rowan nicht herausfordern sollen. Ihr Stolz ließ einfach nicht zu, dass sie ihn anbettelte. Aber die Kinder waren ihr wichtiger als ihr Stolz. Deshalb wollte sie nicht kampflos aufgeben. „Was auch immer das Foto für Sie bedeuten mag, es hat nichts mit meinen Fähigkeiten als Kindermädchen zu tun.“

„Das sehe ich anders. Sie sind immerhin ein Vorbild für die Kinder.“

Lara merkte, dass es keinen Sinn hatte, vor ihm auf die Knie zu fallen. Er hatte sich bereits seine Meinung über sie gebildet.

„Sie können sich Ihre Abfindung auf dem Weg nach draußen im Personalbüro abholen“, sagte Rowan trocken.

„Glauben Sie ernsthaft, dass mir eine finanzielle Entschädigung wichtiger ist als die Kinder?“ Als er gerade den Mund öffnen wollte, um ihr zu antworten, schüttelte sie den Kopf. „Ach ja, richtig. Was ich möchte, ist ja irrelevant.“

„Das wäre dann alles, Miss Brennan.“

Lara ging niedergeschlagen zur Tür. Sie wusste, dass sie nichts mehr an der Situation ändern konnte. Allerdings hatte sie auch nichts mehr zu verlieren. „Nein, das ist nicht alles. Sie sagen, dass Sie das tun, weil es am besten für die Kinder ist. Ich frage mich nur, ob Sie sich nicht selbst belügen. Glauben Sie tatsächlich, dass ein paar Stunden mit den Kindern am Esstisch ausreichen, um zu wissen, was sie wirklich brauchen?“

Rowan blätterte in der Zeitung und ignorierte Lara. Aber so leicht würde sie sich nicht rauswerfen lassen.

„Ist Ihnen bekannt, dass Christian Probleme mit Algebra hat und überbackene Kartoffeln nicht ausstehen kann? Wussten Sie, dass Alexandrias Lieblingsfarbe Orange ist und sie davon träumt, eine Tänzerin zu werden?“

Rowan sah sie kühl an und sagte nichts.

„Wussten Sie, dass Damon keine Nacht seit der Explosion auf der Jacht durchgeschlafen hat?“

„Sind Sie nun fertig?“

Lara schüttelte den Kopf. „Die Kinder brauchen mehr als nur jemanden, der auf sie aufpasst und sie an ihre fürstlichen Pflichten erinnert. Sie brauchen jemanden, der sie liebt.“

„Sie sind entlassen, Miss Brennan. Begreifen Sie das nicht?“

Die Tränen, die sie vorher mit aller Kraft unterdrückt hatte, liefen ihr nun die Wangen hinunter. Trotzdem hob sie stolz den Kopf. „Und Sie sind ein arroganter, selbstgefälliger Idiot!“

„Das hast du wirklich zu ihm gesagt?“ Tanis grinste über beide Ohren.

„Ja, das habe ich getan“, antwortete Lara schniefend.

Lara hatte kaum mit dem Weinen aufhören können, seit sie den Palast verlassen hatte, in dem sie viele Jahre gelebt und die Kinder lieb gewonnen hatte. Und sie konnte sich noch nicht einmal von ihnen verabschieden.

Fürst Rowan hatte ihr das allerdings nicht verboten. Es war ihre Entscheidung gewesen. Sie hätte einfach nicht ertragen können, in ihre Gesichter zu blicken, während sie ihnen erklärte, dass sie gehen musste. Was hätte sie ihnen auch erzählen sollen? Sie konnte die Schuld nicht auf Rowan schieben und ihn vor den Kindern für alles verantwortlich machen. Er war nun immerhin so etwas wie ihr Ersatzvater. So verärgert sie auch war, sie musste Rowans Entscheidung hinnehmen. Auch wenn ihr Herz noch so sehr schmerzte.

Am liebsten wäre Lara einfach nach Hause gefahren. Allerdings lag das mehr als Tausend Kilometer weit weg. Also bat sie stattdessen den Chauffeur des Palastes darum, sie zu Tanis’ Haus zu fahren.

Tanis war zwei Jahre nach ihrem ersten Besuch wieder nach Tesoro del Mar zurückgekehrt. Einerseits, um den Heiratsplänen, die ihre Mutter für sie schmiedete, zu entfliehen, andererseits, um näher bei ihrer Freundin zu sein. Nachdem Tanis ihr Studium in Kunstgeschichte abgeschlossen hatte, arbeitete sie nun in einem Café, um sich die Miete und die Materialien für ihre künstlerische Arbeit in der Kunstgalerie von Port Augustine leisten zu können. Sie hoffte, dort ein paar Kontakte zur Künstlerszene der Insel herstellen zu können.

Lara war roh, ihre beste Freundin in der Nähe zu haben.

„Ich hätte liebend gern eurem Gespräch gelauscht, Lara.“ Tanis kam mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern ins Wohnzimmer ihrer Wohnung.

„Ich war einfach wütend und verletzt.“

„Das ist ja auch verständlich.“ Tanis schenkte ihnen Wein ein. „Du hast dich vier Jahre lang um die Familie gekümmert, und er wirft dich wegen eines einzigen Fotos raus.“

Lara seufzte. „Dieses Foto. Ich weiß nicht mal, wie es dazu gekommen ist. Wir waren doch an einem privaten Strand, die Kinder, Marcus und ich.“

„Der Fotograf hatte wahrscheinlich ein starkes Zoomobjektiv. So konnte er eine Großaufnahme von dir machen, auf der du extrem sexy wirkst. Die Kinder um dich herum hat er einfach aus dem Foto herausgeschnitten.“

„Vielen Dank für das Kompliment.“

Tanis lächelte nur.

Lara trank einen Schluck Wein. „Glaubst du, dass er mich aus dem Land werfen kann?“

„Er ist der regierende Fürst. Er könnte dich für alles belangen. Aber warum sollte er das tun?“

„Du hast recht.“

„Eigentlich solltest du froh sein, dass du endlich den Palast verlassen hast.“

„Warum?“

„Weil du sonst nie von deiner Schwärmerei für Rowan geheilt werden würdest. Jetzt kannst du immerhin tun und lassen, was du willst. Du bist frei.“

„Das hört sich an, als ob ich in einem Gefängnis gelebt hätte.“

„So ähnlich war es doch, oder?“

„Ich hatte auch mein Privatleben. Ich bin ausgegangen und habe mich amüsiert.“

„Ja. Aber du bist niemals mit einem Mann zweimal ausgegangen, weil du ihn immer mit Rowan verglichen hast. Und welcher normale Mann kann schon mit einem attraktiven Fürsten mithalten?“

Das konnte Lara nicht abstreiten, auch wenn es ihr noch nie richtig aufgefallen war.

„Du bist jetzt fünfundzwanzig Jahre alt“, fuhr Tanis fort. „Noch viel zu jung, um an eine Heirat zu denken. Wach endlich auf aus deiner Märchenwelt. Sonst wirst du nie einen Mann bekommen und eigene Kinder haben, die du dir so sehr wünschst.“

„Da hast du wieder recht.“

Tanis lächelte zufrieden. „Natürlich habe ich recht. Und ich weiß auch schon, welcher Mann dir dabei helfen kann, deinen Traumfürsten zu vergessen.“

„Bitte sag mir nicht, dass du ein Blind Date für mich arrangiert hast.“

„Eigentlich geht es gar nicht um ein Date, sondern um einen Job.“

„Um was für einen Job denn?“

„Was hältst du davon, das Kindermädchen von Luke zu werden?“

„Von deinem Luke?“

„Von meinem Boss.“

Lara hatte Luke ein paarmal in der Kunstgalerie getroffen und wusste nur wenig über ihn. Wenn sie sich richtig erinnerte, war seine Frau vor Kurzem verstorben, weshalb er seine Zwillinge allein aufzog. Außerdem war er ausgesprochen attraktiv. Sie wusste, dass ihre Freundin ihn heimlich begehrte. „Ich dachte, er hat schon ein Kindermädchen.“

„Jetzt nicht mehr. Sie ist letzte Woche mit einem Bildhauer durchgebrannt.“

„Und du glaubst, dass er verzweifelt genug ist, um ein Kindermädchen einzustellen, das von der Fürstenfamilie gefeuert worden ist?“

„Ich weiß, dass er froh wäre, dich bei sich zu haben. Wenn du möchtest, kann ich ihn gleich anrufen.“

Lara hätte am liebsten Nein gesagt, denn klammheimlich hoffte sie, dass Fürst Rowan alles bereute und sie wieder zu sich zurückholte. Aber das würde wohl nie passieren.

„Du kannst du es dir ja noch überlegen, Lara. Jedenfalls kannst du so lange hierbleiben, wie du möchtest.“

„Danke.“

Lara war dankbar für Tanis’ Angebot. Aber sie mochte es nicht annehmen. Die Wohnung ihrer Freundin war gerade einmal groß genug für eine Person. „Ein neuer Job wäre gar nicht schlecht. Ich muss irgendwie weiterkommen.“

„Dann rufe ich gleich Luke an.“ Tanis griff zum Telefonhörer.

Lara nippte an ihrem Wein, während ihre Freundin alles für sie arrangierte.

„Er wollte herkommen und dich abholen“, sagte Tanis, nachdem sie das Telefongespräch beendet hatte.

„Gut.“

„Nein. Das ist nicht gut. Da wir beide heute freihaben, sollten wir die Gelegenheit nutzen und shoppen gehen.“

„Du meinst Schuhe kaufen?“

Tanis lächelte. „Gibt es denn etwas Schöneres?“

„Für einen neuen Job brauche ich auch neue Schuhe.“

„Dann lass uns losgehen, den Tag genießen und den arroganten Fürsten vergessen.“

Laras Augen füllten sich wieder mit Tränen. „Rowan mochte mich von Anfang an nicht. Ich hätte aber niemals gedacht, dass seine Abneigung so weit gehen würde.“

„Er ist eben ein arroganter Idiot.“ Tanis sagte das so überzeugt, dass Lara lachen musste.

„Ich muss heiraten?“ Rowan sah Henri Marchand ungläubig an. „Sie machen Witze, oder?“

„Leider nicht.“ Rowans politischer Berater schien es tatsächlich ernst zu meinen. „Wenn Sie nicht innerhalb von sechs Monaten nach Ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag heiraten, verlieren Sie womöglich den Anspruch auf den Thron.“

„Lässt sich das nicht anfechten?“

„Möglicherweise. Es würde aber schwierig werden und lange dauern. Und Ihr Geburtstag steht schon bald vor der Tür.“

„Das bedeutet also, dass ich knapp sechs Monate Zeit habe, um eine geeignete Frau zu finden?“

„Ganz genau, Eure Hoheit.“

„Und wenn ich mich weigere? Würde Eric dann das Amt übernehmen?“ Das wollte Rowan auf keinen Fall. Er könnte nie zulassen, dass sein Bruder die Karriere bei der Marine hinwarf, um seinen Pflichten auf der Insel nachzukommen. Und sein jüngster Bruder Marcus konnte noch nicht einmal auf sich selbst aufpassen, geschweige denn auf ein Fürstentum.

„Das Ganze ist nicht so einfach, wie Sie denken“, warnte Henri ihn. „Sie vergessen, dass auch andere Familienmitglieder in Betracht kämen. Ihre Tante Elena ist der Meinung, dass ihr Sohn Michael ebenfalls Anspruch auf den Thron hat. Falls Sie also vorhaben, die Gesetze zu missachten, wird sie die Erste sein, die sich dagegen wehrt.“

Rowan faltete die Hände auf dem Schreibtisch und versuchte, sich seine Resignation nicht anmerken zu lassen. „Na schön. Sie sind mein Berater. Dann beraten Sie mich. Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“

„Ich glaube, dass die Entscheidung, eine Frau zu heiraten, in erster Linie eine persönliche Entscheidung sein sollte und nicht eine politische.“

Rowan sah ihn missmutig an.

„Sie kennen doch viele Frauen.“

„Es besteht wohl ein großer Unterschied, eine Frau zum Essen auszuführen und ein paar angeregte Stunden mit ihr zu verbringen oder sie zu heiraten und den Rest des Lebens mit ihr zu verbringen.“

„Es muss doch aber eine Frau geben, die Eindruck bei Ihnen hinterlassen hat.“

Rowan versuchte, sich an die Frauen zu erinnern, die er in der letzten Zeit ausgeführt hatte. Doch in seinem Kopf schwirrte immer nur das Bild einer einzigen Frau herum … das von Lara. Er dachte an ihre vollen und verführerischen Lippen, die er noch nie geküsst hatte.

„Anscheinend gibt es da doch eine Frau.“

Henris Kommentar riss Rowan aus seiner Träumerei. „Nein“, log er. „Es gibt keine.“

„Nun, dann sollten Sie sich am besten möglichst schnell nach einer Frau umsehen. Aber sobald die Presse davon Wind bekommt, werden Sie sich vor heiratswilligen Frauen kaum noch retten können.“

Rowan nickte. „Sind Sie sicher, dass mir keine andere Wahl bleibt?“

„Ich bin kein Anwalt. Aber ich glaube, die Gesetze lassen sich nicht so einfach ändern, weil die Bevölkerung das nicht akzeptieren würde. Und auch nicht Ihre Tante Elena.“

„Danke, Henri.“ Sein Berater war kein Anwalt. Aber sein Bruder Marcus studierte Jura. Rowan griff zum Telefonhörer und wählte Marcus’ Nummer.

2. KAPITEL

Zehn Tage, nachdem Lara den Palast verlassen hatte, versuchte Rowan immer noch, sich einzureden, dass er kein schlechtes Gewissen haben musste. Doch jedes Mal, wenn er in Damons oder Alexandrias traurige Augen sah, fragte er sich, ob seine Entscheidung wirklich richtig gewesen war. Selbst Christian, der normalerweise immer vernünftig war, schien Lara zu vermissen.

Außerdem musste Rowan an das Gespräch mit Marcus denken. Marcus hatte ihn darin über die wahren Hintergründe des Strandfotos aufgeklärt.

Rowan hatte vorschnell reagiert, ohne alle Fakten zu kennen. Das Foto hatte Gefühle in ihm ausgelöst, über die er sich nicht im Klaren gewesen war. Es hatte ihm gezeigt, dass er Lara begehrte, sie aber gleichzeitig nicht haben konnte, da sie das Kindermädchen war und in einer vollkommen anderen Welt lebte.

Rowan war entsetzt gewesen, dass er solche Gefühle für Lara hatte. Deshalb war es in dem Moment für ihn besser gewesen, sie zu feuern. So kam er nicht jedes Mal in Versuchung, wenn sie in seiner Nähe war.

Mittlerweile war ihm bewusst, dass es nicht geholfen hatte, sie aus dem Palast zu verbannen. Seit sie die Familie verlassen hatte, träumte er jede Nacht von ihr und sehnte sich nach ihrem atemberaubenden Körper. Er wollte sie berühren, küssen und sie ganz fest an sich drücken.

Er wusste, dass er eine falsche Entscheidung getroffen hatte. Aber er konnte die Kündigung nicht mehr rückgängig machen. Damon und Alexandria würden sich schon wieder beruhigen, und auch Christian würde wieder vernünftig werden. Das neue Kindermädchen war ja erst seit einer Woche im Palast. Er war sich sicher, dass bald wieder alles seinen normalen Lauf nehmen würde.

Rowan hatte Edna Harris nicht eingestellt, weil sie graue Haare hatte und lange Röcke trug. Aber es gab ihm ein besseres Gefühl. Edna hatte viel Erfahrung als Kindermädchen und würde bestimmt keine negativen Schlagzeilen machen. Außerdem fühlte er sich absolut nicht zu ihr hingezogen. Und das war auch gut so.

Er spürte plötzlich, wie jemand an seinem T-Shirt zog. Er richtete sich auf, rieb sich die Augen und sah zu dem Kind, das neben seinem Bett stand. „Alexandria, was ist passiert?“

„Damon übergibt sich wieder.“

„Wo ist Mrs Harris?“

„In Damons Zimmer.“

„Weshalb bist du dann hier?“

„Weil nur du das wieder in Ordnung bringen kannst.“

Rowan runzelte die Stirn. „Was kann ich denn tun, was Mrs Harris nicht tun kann?“

„Lara zurückholen.“

„Ihr habt doch jetzt ein neues Kindermädchen“, sagte Rowan sanft.

„Aber sie kennt das Lied nicht.“

„Welches Lied denn?“

„Na das Lied eben …“ Alexandria stockte und brach in Tränen aus. Sie blinzelte und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Das Lied von Mommy. Lara hat es immer gesungen, wenn wir schlecht geträumt haben.“

Rowan sah auf die Uhr. Es war drei Uhr morgens, und er hatte um sieben Uhr einen wichtigen Termin mit dem Ministerpräsidenten. Er wusste aber auch, dass es weitreichende Folgen haben konnte, wenn er diese Krise nicht löste.

„Damon hat sich jede Nacht übergeben, seit Lara weg ist“, sagte Alexandria leise.

„Jede Nacht?“

„Hat Mrs Harris dir das nicht erzählt?“

„Nein.“

Alexandria seufzte. „Seit Mommy und Daddy tot sind, hat Damon jede Nacht Albträume. Lara hat ihm immer vorgesungen, um ihn zu beruhigen. Aber jetzt schreit er so lange, bis ihm schlecht wird.“

Rowan holte den Morgenmantel aus dem Schrank. „Miss Brennan ist jetzt schon seit zehn Tagen nicht mehr da, richtig?“

Alexandria nickte.

Rowan sah sie schockiert an. „Damon übergibt sich also schon seit zehn Tagen?“ Die Erkenntnis, dass ihm das niemand mitgeteilt hatte, machte ihn wütend. „Lass uns zu deinem Bruder gehen und dann Dr Marotta anrufen.“

Trotz des inständigen Flehens von Mrs Harris weigerte sich Alexandria, wieder schlafen zu gehen. Auch Rowan brachte es nicht übers Herz, sie dazu zu drängen. Stattdessen versprach er dem Kindermädchen, dass er Alexandria selbst ins Bett brächte, sobald der Arzt da war.

Dr Marotta kam eine halbe Stunde nach Rowans Anruf im Palast an. Leider hatte er kein Wundermittel für Damon, gab ihm aber ein leichtes Beruhigungsmittel.

Als Damon schließlich eingeschlafen war, brachte Rowan Alexandria ins Bett. Er war nicht daran gewöhnt, da dies normalerweise das Kindermädchen übernahm. Doch er fand Gefallen daran, Alexandria zuzudecken und ihr eine Gutenachtgeschichte zu erzählen. Es tat ihm aber auch im Herzen weh, da sein Bruder dieses Ritual immer gepflegt hatte und das nun nicht mehr konnte.

„Gute Nacht, kleine Fürstin.“ Rowan gab ihr einen Kuss auf die Stirn und wollte gerade das Zimmer verlassen, als Alexandria etwas murmelte.

„Du sorgst doch dafür, dass Lara wieder zurückkommt, Onkel Rowan?“

„Ich werde mit ihr reden.“

Mehr konnte er im Moment nicht versprechen. Alexandria schien die Antwort zu genügen, da sie sich lächelnd umdrehte und die Augen schloss.

Dr Marotta wartete auf Rowan, als dieser Alexandrias Zimmer verließ.

„Danke, dass Sie so spät noch gekommen sind, Doktor.“

Der alte Mann verbeugte sich. „Es ist mir stets eine Ehre, Eure Hoheit.“

„Selbst wenn Sie um vier Uhr morgens aus dem Bett geklingelt werden?“

„Auch dann.“

Rowan führte ihn in die Bibliothek und setzte sich in einen Ledersessel. „Was können Sie mir zu Damons Zustand sagen?“

„Wahrscheinlich nichts, was Sie nicht schon wissen. Er hat in letzter Zeit viel durchgemacht.“

„Was kann ich dagegen tun?“

„Seien Sie einfach für ihn da.“ Plötzlich runzelte Dr Marotta die Stirn. „Ich habe schon vor langer Zeit mit Miss Brennan über dieses Thema gesprochen. Und sie hatte mir versichert, dass Damons Zustand immer besser wurde. Vielleicht sollte ich noch einmal mir ihr sprechen, da es sich nun wieder verschlechtert.“

„Die Kinder haben ein neues Kindermädchen.“

„Oh.“ Dr Marotta sah Rowan skeptisch an.

„Glauben Sie, dass es ein Fehler war, Miss Brennan zu entlassen?“

„Ich würde nie wagen, Ihre Entscheidungen infrage zu stellen, Eure Hoheit.“

„Und wenn ich Sie darum bitte?“

„Nun, Miss Brennan hatte ein sehr enges Verhältnis zu den Kindern. Und nachdem die Kinder ihre Eltern verloren haben, trifft es sie umso härter, auch noch ihr über alles geliebtes Kindermädchen zu verlieren.“

Rowan nickte. Während er den Arzt zur Tür brachte, dachte er über Alexandrias Bitte nach, Lara wieder zurückzuholen.

Er hatte keine andere Wahl. Gleich morgen würde er zu der Frau gehen, die ihm mehr als jede andere den Kopf verdrehte.

Lara ging auf Zehenspitzen zu Marcis und Kaylas Zimmer, um nach ihnen zu sehen, bevor sie selbst sich wieder ins Bett legte.

Als sie das Zimmer der Mädchen betrat, fiel ihr sofort auf, dass Marcis Bett leer war. Erleichtert stellte sie fest, dass das Mädchen sich in das Bett ihrer Schwester gelegt und sich an sie gekuschelt hatte.

Lara kannte nicht den Grund für Marcis Verhalten. Hatte sie nur einen schlechten Traum gehabt, oder war es eine Gewohnheit? Sie musste Luke fragen. Nach etwas mehr als einer Woche war ihr die neue Familie immer noch sehr fremd. Es würde noch lange dauern, bis sie die Gewohnheiten und Vorlieben der Mädchen kannte.

Immerhin hatten die Mädchen Lara akzeptiert. Sie waren sehr still, brav und wohlerzogen. Lara war sich sicher, dass sie keine Probleme mit ihnen hätte, und auch Luke schien sehr dankbar dafür zu sein, dass sie so kurzfristig eingesprungen war.

Als Lara das Zimmer wieder verließ, musste sie an Damon, Alexandria und Christian denken. Besonders der Gedanke, dass Damon jede Nacht schreiend aufgewacht war, beunruhigte sie. Kam das neue Kindermädchen mit dieser schwierigen Situation überhaupt zurecht?

Fürst Rowan bekam davon sicherlich nichts mit. Er schlief ja zwei Stockwerke weiter oben.

Als Lara gerade in ihr Bett gehen wollte, klopfte es an der Tür. Sie runzelte die Stirn und sah auf die Uhr. Es war schon fast elf Uhr. Wer konnte das jetzt noch sein?

Das Klopfen wurde immer lauter. Sie zog ihren Morgenmantel an und eilte an die Tür, weil sie fürchtete, dass die Mädchen aufwachen konnten.

Luke kam ihr allerdings zuvor. Er stürzte mit halb offenen Augen aus seinem Arbeitszimmer und lief zur Tür. Anscheinend war er wieder an seinem Schreibtisch eingeschlafen.

„Ich gehe schon“, sagte er.

Lara blieb hinter ihm und war schockiert, als Luke die Tür öffnete und sie den späten Besucher sah.

Luke schien den Fürsten allerdings nicht gleich zu erkennen. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Ich muss unbedingt mit Miss Brennan reden.“ Rowan sah über Lukes Schulter.

Lara wurde jetzt erst bewusst, wie unangemessen gekleidet sie war, und machte einen Knicks. „Guten Abend, Eure Hoheit.“

„Eure Hoheit?“ Luke begriff erst jetzt, wem er da die Tür geöffnet hatte. „Verzeihen Sie. Bitte kommen Sie herein …“

„Das ist schon in Ordnung“, unterbrach ihn Rowan. „Entschuldigen Sie bitte meinen späten Besuch. Ich wollte schon früher kommen, aber ein Abendessen mit dem japanischen Botschafter hat mich aufgehalten.“

Lara spürte, wie der Fürst sie musterte. „Was führt Sie hierher, Eure Hoheit?“

Rowan sah ihr tief in die Augen und sagte die Worte, die sie nie zu hören erwartet hatte. „Ich brauche Sie.“

Rowan hätte auch einen Bediensteten schicken können, um Lara die Nachricht zu überbringen. Aber das wäre feige gewesen. Er musste Lara persönlich sprechen und sich bei ihr entschuldigen.

Der Mann, der an die Tür gegangen war, ließ sie allein.

Lara führte Rowan in die Küche und forderte ihn dazu auf, sich zu setzen. Dann setzte sie Teewasser auf. „Warum brauchen Sie mich?“

„Miss Rowan, ich weiß, dass Sie nicht gut auf mich zu sprechen sind, aber es geht um Damon. Er hat Albträume.“

„Die hat er schon seit dem Tod seiner Eltern.“

„Das weiß ich jetzt auch. Aber ich hatte keine Ahnung, wie schlimm sein Zustand die ganze Zeit über war. Alexandria isst kaum noch etwas, und Christian spricht nur noch mit mir, wenn ich ihn dazu auffordere.“

„Und was soll ich dabei tun?“

„Sie könnten zurückkommen.“

„Nein.“ Lara drehte sich um.

„Wollen Sie nicht wenigstens noch einmal darüber nachdenken?“

„Ich habe mittlerweile einen anderen Job.“

„Sie meinen, bei dem Mann, der mir die Tür geöffnet hat …“

„Luke Kerrigan.“

„Arbeiten Sie für ihn?“

„Glauben Sie, ich bin nur hier, um mit ihm zu schlafen?“

Rowan wusste, dass sie ihn bloß herausfordern wollte. Trotzdem gefiel ihm dieser Gedanke gar nicht. „Ich werde mit Mr Kerrigan reden. Ich bin mir sicher, dass wir uns einigen können.“

„Und was wird aus Lukes Kindern?“

„Die werden Sie bestimmt vermissen. Ich bezweifle aber, dass sie in zehn Tagen eine so enge Beziehung zu Ihnen aufgebaut haben wie Julians Kinder in viereinhalb Jahren.“

„Soll ich nun dankbar sein, dass Sie das endlich begriffen haben?“

„Nein. Ich erwarte überhaupt keinen Dank von Ihnen. Aber ich wäre sehr erleichtert, wenn Sie zum Palast kämen, um wenigstens etwas Zeit mit den Kindern zu verbringen.“

„Ich möchte nicht in den Palast zurückkehren.“ Lara holte Tassen und Untertassen aus dem Regal und knallte sie laut auf den Tisch. „Und Sie haben kein Recht, hierherzukommen und diesen Schritt von mir zu verlangen.“

„Ich weiß. Trotzdem musste ich Sie fragen.“ Rowan legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Lara spürte, wie ihr immer wärmer wurde. Sie konnte sich nicht gegen das Verlangen wehren, das in ihr aufstieg. Nur eine kleine Berührung genügte, und schon schmolz sie fast dahin.

Rowan sah sie so eindringlich an, dass sie kaum noch Luft bekam. Ihr Herz klopfte wie wild. Ihr war noch nie aufgefallen, wie sehr seine Augen funkelten. Er war ihr aber auch noch nie so nah gewesen. Und auch wenn sie wusste, dass seine Nähe in diesem Moment nicht gut für sie war, konnte sie keinen Zentimeter von ihm weichen.

Erst als der Fürst die Hand von ihrer Schulter nahm, bekam Lara wieder Luft. Ihr wurde klar, dass Tanis recht hatte. Lara würde sich nie in einen anderen Mann verlieben können, solange sie in der Nähe von Rowan war.

Lara schluckte und trat einen Schritt zurück. „Ich kann nicht.“

Rowans Handy klingelte. Er murmelte eine Entschuldigung und zog sich zurück, um das Gespräch anzunehmen.

Lara wollte gerade Tee einschenken, als Rowan zurückkam und ihr das Handy reichte. „Es ist Alexandria.“

Lara sah ihn verwundert an und nahm das Handy entgegen. „Alexandria?“

„Lara!“ Die Freude in der Stimme des Mädchens war unüberhörbar. „Ich wusste nicht, dass Onkel Rowan heute mit dir reden würde. Kommst du wirklich heute Abend zurück? Wir vermissen dich. Damon hatte wieder einen Albtraum. Er hat sich aber gleich beruhigt, als ich ihm erzählt habe, dass du heute kommst. Ich freue mich so sehr.“

Lara war hin und her gerissen. Wie konnte sie in den Palast zurückkehren, nachdem Rowan sie fristlos entlassen hatte? Andererseits, konnte sie sich tatsächlich weigern, wenn die Kinder sie so dringend brauchten?

„Wir haben jetzt Mrs Harris“, fuhr Alexandria fort. „Sie ist richtig alt und trägt nur hässliche Kleider. Außerdem lacht sie nie. Christian behauptet, dass sie schon auf der Erde war, als die Dinosaurier noch lebten.“

Lara wunderte sich nicht, dass Rowan ein neues Kindermädchen eingestellt hatte. Sie war aber erleichtert, dass sie nicht so einfach zu ersetzen war.

„Wir kommen kaum noch zum Spielen. Und dann muss ich mir komische Kleider anziehen, damit ich eine vornehme Lady werde. Ich will aber lieber so sein wie du, Lara. Mit dir haben wir immer so viel Spaß.“

Lara schaffte es schließlich, das Gespräch zu beenden, ohne irgendwelche Versprechungen zu machen. Schweren Herzens gab sie das Handy an Rowan zurück.

„Haben Sie ihr erlaubt, so spät noch aufzubleiben, um mit mir sprechen zu können?“, fragte sie.

„Nein. Aber ich hätte es getan, wenn es Sie irgendwie dazu bringen könnte, zu uns zurückzukehren.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie zu solchen Mitteln greifen würden, Eure Hoheit.“

„Sie kennen mich wohl noch nicht richtig, Miss Brennan. Sonst wüssten Sie, dass ich bis zum Letzten kämpfe.“

„Falls ich zurückkommen sollte, dann müssen Sie mir versichern, dass Sie Ihre Meinung nicht einfach wieder ändern.“

„Ich gebe Ihnen mein Wort.“

„Das reicht mir nicht. Ich möchte einen Vertrag.“

Rowan war nicht daran gewöhnt, dass jemand seinen Anordnungen nicht Folge leistete. Und in diesem Fall musste er sogar einen Kompromiss mit dem Kindermädchen eingehen, was sich für einen Fürsten gar nicht schickte.

Letztendlich hätte er alles unternommen, um Lara wieder zurück in den Palast zu bekommen. Natürlich nicht seinetwegen. Er war sich immer noch der Gefahr bewusst, die von Laras Anwesenheit im Palast ausging. Die Kinder brauchten Lara. Das hatte er mittlerweile verstanden. Er musste aber auch schnellstmöglich eine Frau zum Heiraten finden. Und Lara würde ihm dabei eher im Weg stehen.

„Ein Vertrag könnte dabei helfen, unsere Erwartungen aneinander klarzustellen“, stellte Lara fest.

Rowan nickte. Ihm blieb keine andere Wahl. „Ich werde meinen Anwalt gleich morgen früh damit beauftragen.“

„Danke.“

Da Lara immer noch darauf bestand, dass Luke zuerst sein Einverständnis zu ihrer Kündigung gab, führten sie noch ein Gespräch mit ihm, bevor sie das Haus verließen. Luke erklärte sich einverstanden, dass Rowan ihm die Dienste von Edna Harris zur Verfügung stellte, solange er nach einem neuen Kindermädchen suchte.

Während der Fahrt zum Palast sagte Lara kaum ein Wort. Ihr Duft machte Rowan ganz verrückt. Er wollte mit ihr reden und sie berühren. Sie brachte jetzt schon seine Sinne durcheinander. Wie würde das erst werden, wenn sie wieder zusammen im Palast wohnten?

Er hatte sich gewaltig in ihr geirrt. Lara war weder zu jung und unerfahren, noch der falsche Umgang für die Kinder. Sie war eine starke Frau, die sehr viel Mut bewies und unbeirrt für ihre Ziele kämpfte. Außerdem ließ sie sich nicht von seinem Fürstentitel beeindrucken, was Rowan ebenso imponierte.

Rowan wusste, dass er stolz auf sich sein konnte, da er die scheinbar unmögliche Aufgabe, Lara zurückzuholen, erfolgreich gemeistert hatte. Trotzdem hatte er ein ungutes Gefühl. Er sah zu ihr und war fasziniert von ihrer natürlichen Schönheit. Sie benutzte kaum Make-up und trug sportliche Kleidung, dennoch war sie die schönste Frau, die er in seinem Leben gesehen hatte.

Er nahm das Lenkrad seines Geländewagens in beide Hände und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn.

Es schien zwar so, als ob er bekommen hatte, was er wollte. In Wahrheit wollte er aber noch viel mehr.

Lara stieß einen tiefen Seufzer aus, als Rowans Wagen die Einfahrt zum Fürstenpalast hochfuhr. Als sie vor viereinhalb Jahren das erste Mal hierhergekommen war, kam sie nicht mehr aus dem Staunen heraus. Auch jetzt nahm ihr der Blick auf den prächtigen Palast den Atem.

Rowan parkte vor dem Eingang und wollte Lara die Tür öffnen. Doch sie sprang heraus, bevor er an der Tür war. Sie war immerhin eine Bedienstete und kein Gast. Auch wenn sie nicht vergessen konnte, wie Rowan sie kurz zuvor in der Küche angesehen hatte.

Vielleicht begehrte er sie. Diese Erkenntnis überraschte sie, da sie niemals geglaubt hätte, dass er mehr als Verachtung für sie übrig hätte. Aber sie musste vorsichtig sein, da sie sich seiner wahren Absichten nicht sicher sein konnte.

Lara folgte ihm ins Foyer des Palastes und war aufgeregt wie damals beim ersten Besuch. Sie hatte nicht damit gerechnet, jemals hierher zurückzukehren. Es waren nicht nur die glänzenden Marmorböden und die prächtigen Kronleuchter, die sie faszinierten. Irgendwie hatte sie das Gefühl, als wäre sie wieder nach Hause gekommen.

„Sie sind bestimmt schon müde, aber ich würde gern noch kurz etwas mit Ihnen besprechen“, sagte Rowan, nachdem er dem Butler die Koffer übergeben hatte.

„Gut.“

Rowan bat sie, auf einem der gemütlichen Sofas im Foyer Platz zu nehmen. Dann setzte er sich ebenfalls. „Möchten Sie etwas Tee?“

„Nein, danke.“

„Ich bitte Sie, mein Verhalten zu entschuldigen. Marcus hat mir erzählt, wie es zu dem besagten Foto gekommen war. Ich wäre aber froh gewesen, wenn Sie mir von Alexandrias Angst vor dem Meer erzählt hätten.“

„Hätte das einen Unterschied gemacht?“

„Dessen bin ich mir nicht sicher. Ich weiß aber inzwischen, dass die Kinder Sie wirklich brauchen.“

Rowan sah ihr in die Augen, und sie spürte erneut, wie ihr warm wurde. Nur ein Blick – und sie schmolz dahin. Sie musste sich zusammenreißen. „Ist das der Punkt, an dem auch ich mich für mein Verhalten entschuldigen sollte, Eure Hoheit?“

Rowan amüsierte sich über den ernsten und entschlossenen Ausdruck in Laras Gesicht. „Nein, Miss Brennan. Ich erwarte keine Entschuldigung von Ihnen. Ich hoffe aber, dass Sie Ihre Meinung über mich ändern werden.“

„Sie haben immerhin eingesehen, dass die Bedürfnisse der Kinder wichtiger als Ihre sind. Das ist ja schon einmal ein Anfang.“

„Ich möchte Ihnen sagen, wie dankbar ich bin, dass Sie zurückgekommen sind.“

„Ich habe es für die Kinder getan.“

„Das ist mir bewusst.“ Rowan stand auf und ging zur Treppe. „Ich bringe Sie nach oben.“

„Ich kenne den Weg.“

„Natürlich.“ Er ließ sie vorausgehen und folgte ihr.

Als sie bei ihrem Zimmer angekommen waren, konnte er nicht widerstehen und berührte sie erneut. Er legte die Hand auf ihre Wange und streichelte sie, während ihre Augen groß wurden und ihr der Atem sichtlich stockte.

Er konnte in ihren Augen erkennen, dass seine Gefühle für sie auf Gegenseitigkeit beruhten. Doch er zog die Hand wieder zurück. Es war für sie beide zu riskant.

„Gute Nacht, Miss Brennan.“

Sie schluckte. „Gute Nacht, Eure Hoheit.“

Rowan beobachtete sie, wie sie in ihrem Zimmer verschwand. Während er sich auf dem Weg zu seinem machte, wurde ihm bewusst, dass er einen weiteren Fehler begangen hatte. Er war sich allerdings nicht sicher, ob der Fehler darin bestand, Lara zu berühren … oder sie gehen zu lassen.

3. KAPITEL

Lara war schnell wieder mit den Kindern vertraut. Sie versuchte, Alexandria weiter die Angst vor dem Meer zu nehmen, was sehr wichtig war, da sie immerhin auf einer Insel wohnten. Sie beruhigte Damon, wenn er nachts schreiend aufwachte, und hoffte, dass seine Albträume bald ein Ende fänden. Christian machte ihr am meisten Sorgen. Er wirkte äußerlich zwar ruhig, aber er litt sehr. Der Junge schien sich mit dem Lernen abzulenken, doch Lara wusste nicht genau, wie gut ihm das gelang.

Rowan lief ihr nur sehr selten über den Weg. Ob er es absichtlich tat oder ihn seine Pflichten zu sehr in Anspruch nahmen, wusste sie nicht. Er hatte jedenfalls keine Möglichkeit mehr, ihr heiße Blicke zuzuwerfen, da sie sich so selten sahen. Nach einer Woche fragte sie sich, ob da überhaupt jemals etwas zwischen ihnen gewesen war. Und am Ende der zweiten Woche war sie sich sicher, dass sie sich alles bloß eingebildet hatte.

Am darauf folgenden Dienstag erhielt sie eine Nachricht von ihm. Lionel überbrachte sie ihr, als sie draußen im Garten saß und die Sonne genoss, während die Kinder in der Schule waren.

„Sieben Uhr Abendessen im Esszimmer der Fürstenfamilie.“

Lara wusste, dass es sich nicht um eine Einladung, sondern um eine Anordnung handelte.

Während sie sich für das Abendessen umzog, ärgerte sie sich, dass sie seinen Anweisungen Folge leisten musste. Er war der regierende Fürst und sie nur das Kindermädchen.

Wie immer war sie nervös, wenn es darum ging, Rowan zu treffen. Das lag einerseits an seinem Fürstentitel und andererseits daran, dass sie ihn nach wie vor begehrte. Zum Glück schien er nicht zu merken, wie sehr sie sich nach ihm sehnte.

Lara nahm sich bei der Auswahl ihrer Abendgarderobe viel Zeit. Sie wollte etwas Schickes anziehen, ohne dass es zu seriös wirkte. Nachdem sie ihre Wahl getroffen hatte, trug sie Make-up auf, aber sie verzichtete auf Parfum. Warum sollte sie sich für einen Mann zurechtmachen, der sich noch nicht einmal für sie interessierte? Der Fürst würde sie nur zur Kenntnis nehmen, wenn sie zu spät kam, und das würde gleich passieren, wenn sie sich nicht etwas beeilte.

Es gab drei Esszimmer im Fürstenpalast. Der Bankettsaal wurde für Staatsempfänge und andere besondere Veranstaltungen genutzt. Zudem gab es einen weiteren Saal, der Anlässen mit bis zu vierzig Personen Platz bot. Das Esszimmer hingegen diente privaten Abendessen der Fürstenfamilie.

Als Rowan auf die fünf gedeckten Plätze am Tisch sah, wurde ihm bewusst, dass er die Kinder seit Julians und Catherines Tod kaum näher kennengelernt hatte. Und er musste sich eingestehen, dass er sich auch nicht sehr darum bemüht hatte. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Geschäfte und politischen Belange des Fürstenhauses. Die Kinder waren ihm immer noch fremd.

Aus diesem Grund hatte er heute alle zum Abendessen eingeladen. Zuerst hatte er gezögert, auch das Kindermädchen einzuladen, dann war ihm aber klar geworden, dass sie ihm den Zugang zu den Kindern vielleicht etwas erleichtern konnte.

In diesem Moment betraten die Kinder das Esszimmer. Alexandria ging voran. Ihre Augen leuchteten, und ihre Wangen waren rot vor Aufregung. Sie hielt ihren kleinen Bruder an der Hand, der auch begeistert zu sein schien. Christian lief ein paar Meter hinter ihnen und wirkte reservierter und ernster als seine Geschwister.

Schließlich betrat Lara den Raum und gesellte sich zu den Kindern.

Wie immer war Rowan fasziniert von Lara. Sie trug ein trägerloses Abendkleid, das knapp bis zu ihren Knien reichte und ihre endlos langen Beine betonte.

Sein Blut geriet in Wallung. Was für eine Schande es war, dass er sie niemals haben könnte. Aber er wusste auch, dass er sich darauf konzentrieren musste, eine Ehefrau zu finden, und Lara als Kindermädchen war tabu.

Während des Essens spornte Lara die Kinder an, von ihrem Alltag zu erzählen. Sie selbst gab aber kaum etwas von sich preis und vermied auch jedes direkte Gespräch mit Rowan. Außerdem aß sie nur wenig. War das Essen etwa zu vornehm für sie?

Christian hingegen langte wie ein Teenager zu. Alexandria stocherte gelangweilt in ihrem Essen herum, während Damon eine Schneise in seinen Kartoffelbrei schlug und zwei Erbsen mit der Gabel hindurchführte.

„Weiß das Kind nicht, wie man eine Gabel benutzt?“, fragte Rowan entsetzt.

Lara sah Rowan gereizt an und wandte sich an Damon. „Du sollst doch nicht mit dem Essen spielen, Damon.“

Damon nahm ein Stück Fleisch in die Finger und warf es in den Mund.

„Und du sollst auch nicht die Finger zum Essen benutzen“, ermahnte ihn Alexandria.

„Wer sagt das?“ Damon sah Rowan herausfordernd an.

„Mommy sagt das“, erwiderte Alexandria.

Damon drehte sich wieder zu seiner Schwester. „Mommy ist nicht hier.“

Alexandrias Augen füllten sich mit Tränen. „Aber wenn sie hier wäre, würde sie dir sagen, dass man nicht mit den Fingern essen soll.“

„Sie ist es aber nicht, und du kannst nicht …“

„Damon!“ Lara unterbrach ihn mit strenger Stimme. „Benimm dich bei Tisch.“

Der Junge nahm die vernachlässigte Gabel in die Hand und spießte eine Karotte damit auf.

Rowan hatte gehofft, beim Abendessen die Kinder seines Bruders näher kennenzulernen. Deswegen war er umso verärgerter über das Gezanke der Kinder und das Unvermögen des Kindermädchens, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Da er seine Hoffnungen an seinen ältesten Neffen knüpfte, wandte er sich an Christian. „Ich habe dich heute in der Bibliothek am Computer gesehen.“

Christian nickte nur, da sein Mund voll war. Er schluckte zuerst alles hinunter und antwortete dann. Wenigstens hatte der Junge anständige Tischmanieren. „Ich habe im Internet recherchiert.“

„Was hast du denn recherchiert?“

„Erklärungen für Explosionen auf Wasserfahrzeugen.“

Lara fiel die Gabel aus der Hand. „Christian!“

Christian zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nur herausfinden, was passiert ist … warum Moa und Dad gestor…“

„Schluss jetzt!“ Lara sah ihn streng an.

„Aber er hat mich doch gefragt, und ich habe nur seine Frage beantwortet.“

„Darüber spricht man nicht beim Essen“, ermahnte Lara ihn.

„Über was sollen wir dann reden?“ Christian sah sie herausfordernd an. „Welche Gesprächsthemen sind denn für oberflächliche Familientreffen angemessen?“

So viel zu den guten Manieren des Jungen. Rowan versuchte, die Situation zu entkrampfen. „Dieses Essen bietet uns allen eine Chance, uns besser kennenzulernen. Und wir sollten diese Chance auch nutzen.“

Nun platzte Christian heraus. „Du bist doch nur hier, weil Mom und Dad tot sind. Ansonsten würdest du in London sein und dich überhaupt nicht für uns interessieren.“

„Das ist nicht wahr“, sagte Rowan.

„Blödsinn!“, entgegnete Christian ihm.

Damon starrte seinen Bruder nur an, während Alexandria wieder zu weinen begann.

„Ich verbitte mir diesen Ton“, sagte Rowan leise.

„Du kannst mir nicht sagen, was ich zu tun oder zu lassen habe“, antwortete Christian. „Du bist nicht mein Vater.“

„Nein, das bin ich nicht“, stimmte Rowan zu. „Trotzdem solltest du mir Respekt entgegenbringen. Ansonsten wirst du den Raum sofort verlassen.“

Christian stand auf und lief aus dem Zimmer.

Lara goss Milch in ihren Kaffee und wandte sich an die beiden Kinder. „Seid ihr fertig mit dem Essen?“

Die Kinder nickten.

„Dann geht in die Küche und helft beim Abwasch. Danach bekommt ihr euren Nachtisch.“

Die Mienen der beiden erhellten sich. Lärmend liefen Damon und Alexandria aus dem Zimmer.

Rowan nahm an, dass Lara die Kinder in die Küche geschickt hatte, um mit ihm in Ruhe über den Streit mit Christian reden zu können. Doch jetzt schwieg sie.

Er wollte die Angelegenheit allerdings nicht einfach unkommentiert lassen. „Christian muss lernen, seine Gefühlsausbrüche zu kontrollieren.“

Lara rührte in ihrer Kaffeetasse herum und sagte nichts.

„Sein Wutanfall war unangemessen, und sein Ton war vulgär“, fuhr er fort.

„Sie sollten eher darauf achten, was er gesagt hat, und nicht, wie er es gesagt hat.“ Lara sah Rowan in die Augen. „Wenn Sie das täten, dann würden Sie bemerken, dass er seinen Gefühlen einfach einmal freien Lauf lassen musste.“

„Trotzdem war es nicht angebracht.“

„Aber auch nicht falsch.“

„Wie meinen Sie das?“

„Er hat doch recht. Wenn Sie sich nicht mehr Mühe mit den Kindern geben, wird Ihr Verhältnis zu ihnen immer oberflächlich bleiben.“

„Glauben Sie etwa, dass ich das von heute auf morgen ändern kann? Ich habe mir doch mit dem Abend heute immerhin Mühe gegeben.“

Lara öffnete den Mund, als ob sie etwas sagen wollte, zögerte dann aber.

„Raus mit der Sprache!“, forderte Rowan sie auf.

„Das möchten Sie sicher nicht hören.“

„Wahrscheinlich nicht. Aber das hat Sie ja noch nie davon abgehalten, Ihre Meinung zu sagen.“

„Na gut. Ich glaube nicht, dass dieses Abendessen Ihnen irgendwie weiterhelfen konnte. Die Kinder sind klüger, als Sie denken. Sie können sie nicht einfach mit einem vornehmen Essen beeindrucken.“

„Haben Sie denn eine bessere Idee?“

„Sie sollten zu Ihren wahren Gefühlen stehen.“

„Und was sind Ihrer Meinung nach meine wahren Gefühle?“

„Sie sollten dazu stehen, dass Sie in diese Situation nur hi­neingeraten sind, weil Julian und Catherine umgekommen und Sie deshalb mit der ganzen Situation überfordert sind.“

„Ist das Ihr Ernst?“

„Gefühle lassen sich eben nicht logisch erklären. Sie werden nie ein enges Verhältnis zu den Kindern aufbauen, wenn Sie sich nicht mit Ihren negativen Gefühlen auseinandersetzen.“

„Und was macht Sie zu so einer Expertin auf diesem Gebiet?“

„Ich bin keine Expertin. Aber ich glaube, dass Sie nur zu den Kindern durchdringen können, wenn Sie ehrlich sind und den Kontakt zu ihnen suchen. Und ein gemeinsames Essen wird da bestimmt nicht ausreichen.“

„Zugegeben, das ist eine ungewohnte Situation für mich. Ich versuche aber, mein Bestes zu geben.“

„Das ist nicht genug“, sagte Lara unverblümt.

Rowan kam nicht mehr zu einer Antwort, da die Kinder Lara aus der Küche riefen.

Lara stand auf, lief zur Tür und drehte sich noch einmal um. „Tut mir leid, ich werde den Kindern jetzt beim Nachtisch Gesellschaft leisten.“

Rowan beobachtete, wie Lara den Raum verließ. Er fragte sich, wie er von einer Frau schwärmen konnte, die so gar nicht auf seiner Wellenlänge zu sein schien. Vielleicht provozierte er sie aber auch unbewusst, um sie auf Distanz zu halten.

Lara klappte das Buch zu, das sie sowieso nicht las, und hob den Kopf, um aus dem Fenster zu sehen.

Draußen wehte eine Brise vom Meer. Lara konnte das leise Plätschern der Fontäne und das Zirpen der Grillen im Garten hören, aus dem es herrlich nach Blumen duftete. Sie blickte auf die andere Seite des Hofes, wo im zweiten Stock immer noch Licht brannte. Das konnte nur Rowans Büro sein.

Wenn Rowan zu Hause war, arbeitete er meist bis spät nachts in seinem Büro. Seine neue Rolle als regierender Fürst beanspruchte ihn sehr. Und er hatte niemanden, mit dem er diese Last teilen konnte.

Lara machte sich Sorgen, dass alles zu viel für Rowan war. Er hatte ja noch nicht einmal Zeit, um seinen verstorbenen Bruder und dessen Frau zu betrauern. Als er Lara damals gefeuert hatte, war sie sich sicher gewesen, dass er nicht fähig war, überhaupt zu trauern, da er in ihren Augen kein Herz besaß.

Als er dann aber in Lukes Wohnung gekommen war und sagte, dass er sie brauchte, hatte sie gewusst, dass sie ihn nicht zurückweisen könnte.

Nachdem sie ihr Leben lang abgelehnt worden war – erst von ihrem Vater und später auch von ihrer Mutter – fühlte es sich gut an, endlich gebraucht zu werden.

Lara fragte sich, ob sie vorhin nicht etwas zu hart zu Rowan gewesen war. Immerhin war es wichtig für die Kinder, ihren Onkel kennenzulernen.

Sie beschloss spontan, in sein Büro zu gehen und noch einmal mit ihm zu reden.

Als sie auf der anderen Seite des Palastes ankam, bemerkte sie, dass Rowans Privatsekretär nicht mehr an seinem Arbeitsplatz war. Rowan musste ihn bereits nach Hause geschickt haben.

Die Tür stand einen Spalt offen, und leise Musik drang aus dem Büro. Lara machte einen Schritt nach vorn und wollte klopfen. Durch die Öffnung konnte sie sehen, dass Rowan hinter dem Schreibtisch saß und auf ein Bild starrte. In seinem Gesicht erkannte sie unendliche Trauer.

Sein Anblick bewegte sie sehr. Er sah besorgt und bekümmert aus. In diesem Moment wirkte er zum ersten Mal verletzlich.

Lara wusste nicht, was sie tun sollte. Einerseits wollte sie ihn mit seinem Kummer allein lassen und gehen, andererseits wäre sie am liebsten zu ihm ins Büro gegangen, hätte ihn in die Arme genommen und getröstet. Zaghaft klopfte sie an die Tür.

„Herein.“

Lara öffnete die Tür und betrat das Büro.

Rowans Gesichtsausdruck entspannte sich, als er sie erkannte. „Ja, Miss Brennan?“

„Verzeihen Sie die Störung. Ich wollte mich nur entschuldigen.“

„Weil Sie mir nicht erzählt haben, dass die Kinder mich hassen?“

„Das stimmt nicht.“

Er schüttelte den Kopf. „Die Kinder brauchen mich nicht.“

„Sie scheinen wirklich überhaupt keine Ahnung zu haben.“

„Waren Sie nicht auch heute Abend mit am Tisch?“

„Doch. Und ich habe drei Kinder gesehen, die gerade ihre Eltern verloren haben und sich verzweifelt nach Liebe sehnen. Da der Rest der Familie nicht hier ist, sind Sie der Einzige aus der Familie, der ihnen dieses Gefühl geben kann. Leider haben Sie es in den letzten dreieinhalb Wochen nicht geschafft, mehr Zeit für sie zu finden.“

„Falls es Ihnen nicht aufgefallen sein sollte, versuche ich nebenbei auch noch ein Land zu regieren.“

„Ich weiß, dass Sie sehr viele Verpflichtungen haben. Im Moment sind die Kinder aber wichtiger als alle Politiker, Lobbygruppen und Wohltätigkeitsorganisationen auf der Insel zusammen. Die Kinder brauchen Sie. Wahrscheinlich genauso sehr, wie Sie die Kinder brauchen.“

„Wenigstens gibt es eine Sache, die ich richtig gemacht habe.“

„Und die wäre?“

„Ich habe Sie davon überzeugt, zurückzukommen.“

Lara errötete. Sie wollte ihm die Verantwortung aber nicht so einfach abnehmen. „Ich bin nur das Kindermädchen. Sie gehören zu ihrer Familie.“

Er schwieg einen Moment lang und nickte dann. „Ich werde versuchen, mich mehr anzustrengen.“

Lara wusste nicht genau, wie ernst sie seine Worte nehmen konnte.

Immerhin zeigte er langsam Einsicht.

Das Letzte, was Rowan wollte, war ein weiterer Streit mit einem verärgerten und bekümmerten Jungen. Aber nach dem Gespräch mit Lara musste er noch einmal mit Christian reden.

Rowan fand den Jungen in der Bibliothek am Computer. „Was machst du da?“, fragte er, während Christian gebannt auf den Bildschirm starrte.

„Chatten.“

Rowan wusste, dass er lange auf eine weitere Erklärung warten konnte. „Könntest du bitte eine Pause machen? Ich möchte gern mit dir reden.“

„Ich kann auch zwei Dinge auf einmal machen.“

„Davon bin ich überzeugt. Aber wir sollten uns jetzt Zeit für ein Gespräch unter vier Augen nehmen. Also schalte bitte den Computer aus.“

Der Junge tippte noch ein paar Wörter und schob dann die Tastatur beiseite. „Ich habe mich ausgeloggt.“

„Danke.“

„Muss ich mich jetzt bei dir entschuldigen?“

„Glaubst du denn, dass eine Entschuldigung angebracht wäre?“

Christian zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“

Rowan hob eine Braue.

„Na gut. Es tut mir leid, dass ich dich nicht respektiert habe. War es das jetzt?“

„Noch nicht ganz. Das, was du beim Abendessen gesagt hast, war doch noch nicht alles, oder?“

„Lara hat dich zu dem hier angestiftet, stimmt’s?“

„Wie kommst du darauf?“

„Weil du dich vorher nie für uns interessiert hast.“

Christian klang weder verletzt noch verärgert. Er sagte nur seine Meinung. Wahrscheinlich traf es Rowan deshalb umso härter.

„Es tut mir leid, dass du so empfindest.“ Rowan schüttelte den Kopf. „Ich meine, es tut mir leid, dass ich euch vernachlässigt habe.“

„Das ist nicht deine Schuld. Meine Eltern hätten sichergehen müssen, dass du wirklich das Sorgerecht für uns übernehmen möchtest.“

„Ich habe mit deinen Eltern darüber gesprochen. Das liegt aber schon sehr lange zurück.“

„Wirklich?“

„Ich habe damals nichts dagegen gehabt, eine eventuelle Vormundschaft zu übernehmen. Aber wer hätte ahnen können, dass ihnen etwas passieren könnte?“

„Dass ihnen was passieren könnte?“

Rowan holte einen dicken Ordner aus seiner Aktentasche. „Die Lysithea ist explodiert, nachdem Gas aus einem Leck ausgetreten und ein Funke durch den elektronischen Anlasser entstanden ist.“

Christian starrte auf den Ordner in den Händen seines Onkels. „Du lässt mich den Bericht lesen?“

„Du hast das Recht, die vollständige Wahrheit zu erfahren.“

Der Junge blickte zu Boden. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass sie nicht mehr da sind. Manchmal glaube ich, dass Dad gleich zur Tür hereinkommt und Mom mich fragt, ob ich reiten gehen möchte.“

„Ich vermisse sie auch, Christian.“

Sie sagten eine Zeit lang nichts. Das Schweigen fühlte sich nun aber nicht mehr so unangenehm an.

„Tut mir wirklich leid, was ich beim Abendessen von mir gegeben habe“, sagte Christian schließlich.

„Ich nehme deine Entschuldigung an.“

Rowan war zufrieden mit dem Gespräch und verließ die Bibliothek. Auf dem Weg zur Tür drehte er sich noch einmal um und bemerkte, dass Christian ihn ansah.

„Ich reite gern“, sagte der Junge. „Am liebsten am frühen Morgen. Ich würde mich über einen Reitpartner freuen.“

Christians Lächeln erwärmte Rowans Herz. „Vielleicht sehen wir uns dann irgendwann im Stall.“

„Ja, vielleicht.“

Rowan hörte ein Pferd. Jemand kam in seine Richtung. Trotzdem blieb er in seinem Versteck. Er war hergekommen, um endlich einmal allein zu sein. Niemand außer dem Stallmeister Frank wusste, dass er hier war.

Der Reiter lenkte das Pferd zum Bach.

Es war definitiv nicht Frank.

Sondern Lara!

Die Frau, an die er den ganzen Tag über denken musste und von der er nachts träumte.

Lara stieg vom Pferd ab, tätschelte den Kopf des Pferdes und flüsterte etwas Unverständliches. Als sie sich umdrehte, um das Pferd zum Bach zu führen, sah Rowan Tränen auf ihren Wangen.

Bevor er über sein Handeln nachdachte, ging er auf sie zu und berührte ihren Arm.

„Eure Hoheit! Ich wusste nicht, dass Sie hier sind.“

Obwohl ihre Augen rot und ihre Wangen voller Tränen waren, kam sie ihm wunderschön vor. Rowan reichte ihr ein Taschentuch.

„Danke.“ Lara trocknete sich die Wangen und sah ihn verlegen an. „Ich wollte Sie nicht stören. Sobald Folly getrunken hat, reite ich weiter.“

„Bitte bleiben Sie hier.“

„Sie möchten doch bestimmt allein sein.“

„Ich wollte nur etwas Ruhe finden. Aber ich würde mich freuen, wenn Sie mir etwas Gesellschaft leisten.“

„Wie kommt es, dass Sie mitten am Tag Freizeit haben?“

„Ich habe einen Termin mit dem Finanzminister verschoben.“

„Sie schwänzen also.“

„Ich habe mir nur eine kleine Auszeit genommen.“

Lara lächelte, und Rowan spürte, wie es in seinem Bauch kribbelte.

„Wie haben Sie diesen Ort gefunden?“, fragte Rowan.

„Fürstin Catherine und ich haben hier oft mit den Kindern Picknicks veranstaltet. Manchmal war sogar Julian dabei, wenn er die Zeit dafür fand.“

„Wussten Sie, dass Julian Catherine unter diesem Baum einen Heiratsantrag gemacht hat?“

„Nein. Aber sie hat mir erzählt, dass er sie das erste Mal hier geküsst hat.“

„Wahrscheinlich wäre es noch zu mehr als nur dem Kuss gekommen, wenn Eric nicht auf einmal aus dem Baum gefallen wäre.“

„Eric hat sie heimlich beobachtet?“

„Ich war mit meinen Brüdern hier. Wir hatten uns alle im Baum versteckt.“

„Das hat Julian bestimmt nicht gefallen, oder?“

„Er war richtig wütend.“

Lara lächelte wieder.

Rowan war fasziniert von ihren sinnlichen Lippen. Er fragte sich, was sie wohl täte, wenn er sie einfach in die Arme nahm und küsste. Würde sie den Kuss erwidern oder ihn wegstoßen?

Er sah ihr tief in die Augen.

Einen Moment lang schwiegen sie beide. Nur das Rascheln der Blätter war zu hören. Sie waren ganz allein.

Plötzlich wurde ihm klar, wie weit weg sie vom Palast und dessen Regeln und Pflichten waren. An diesem Ort kam es ihm so vor, als ob er kein Fürst und sie kein Kindermädchen war. Sie waren einfach nur eine Frau und ein Mann. Es gab keine Grenzen zwischen ihnen.

„Es ist schwer, ihren Tod zu akzeptieren, nicht?“, fragte sie leise.

Die Frage holte Rowan wieder in die Wirklichkeit zurück.

„Ich habe auf dem Weg hierher an sie gedacht“, fuhr Lara fort. „Und ich musste an die schöne Zeit denken, die ich hier mit ihnen verbracht habe.“

„Deshalb haben Sie geweint.“

Lara nickte und berührte seinen Arm, ein Zeichen der Freundschaft zwischen ihnen.

Während sie am Bach saßen und die Nachmittagssonne genossen, war Rowan froh, dass sie endlich eine freundschaftliche Beziehung aufgebaut hatten.

Aber er wollte nicht nur Laras Freundschaft – er wollte mehr.

4. KAPITEL

In den folgenden Wochen verbrachte Lara mehr Zeit mit Rowan, seiner Nichte und seinen Neffen. Sie war überrascht, dass er sich nicht als der unnahbare Fürst erwies. Noch mehr freute sie sich allerdings, dass die Kinder ihren Onkel ins Herz schlossen.

Aber es bereitete Lara auch Probleme, dass Rowan immer mehr mit den Kindern unternahm. Denn je mehr sie seine guten Seiten kennenlernte, desto stärker fühlte sie sich zu ihm hingezogen.

Der Mann, den sie als fürstlichen Idioten bezeichnet hatte, brachte die Kinder zum Lachen, half ihnen bei den Hausaufgaben und versuchte, so oft wie möglich für sie da zu sein.

Auch die Kinder schienen ihn immer mehr zu mögen, was auch an der Idee zu erkennen war, die sie an diesem Tag hatten.

„Eine Geburtstagsparty?“, fragte Lara die Kinder verwundert.

„Ja, wir wollen eine Überraschungsparty für Onkel Rowan machen“, sagte Alexandria.

Damon tanzte klatschend um sie herum. „Party! Wir feiern eine Party!“

Lara zögerte und sah zu Christian, der noch nichts dazu gesagt hatte. „Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist“, sagte sie. „Vielleicht hat er schon etwas vor.“

„Christian hat das schon mit Henri abgeklärt“, gab Alexandria strahlend bekannt.

Der Junge nickte zustimmend. „Er hat heute Abend zwischen sechs und acht Uhr frei.“

Lara hatte zwar immer noch Zweifel, wollte den Kindern die Überraschung aber nicht vermiesen. „Na, dann sollten wir gleich mit den Vorbereitungen beginnen.“

„Er kommt!“ Damon rannte zurück in Rowans Büro, das mit bunten Luftschlangen und Ballons dekoriert war.

Lara blickte noch ein letztes Mal durch den Raum, um zu prüfen, ob alles an Ort und Stelle war, und schaltete dann das Licht aus.

Alexandria hatte sich hinter der Tür versteckt und hielt Konfetti in den Händen. Lara hatte versucht, ihr diese Idee auszureden, aber das Mädchen ließ sich nicht davon abbringen.

Lara hoffte, dass Rowan nicht verärgert über die Überraschung war. Vielleicht hatte er ja auch eine private Feier mit einer Geliebten geplant.

Jetzt war es jedenfalls zu spät, um einen Rückzieher zu machen.

Sie hörte Schritte im Flur.

Rowan unterhielt sich draußen eine Weile mit Henri und betrat schließlich das Büro.

„Überraschung!“, riefen die Kinder im Chor.

Alexandria warf das Konfetti in die Luft, das auf ihren Onkel fiel.

Rowans Lippen verzogen sich langsam zu einem Lächeln, als er die Dekoration um sich herum und den Kuchen auf dem Tisch bemerkte. „Anscheinend feiert hier jemand eine Party.“

Alexandria strahlte ihn an. „Wir feiern eine Geburtstagsparty für dich.“

„Eine Überraschungsparty!“, rief Damon dazwischen.

„Eine Überraschung ist es gewiss.“ Rowan sah zu Henri, der draußen im Flur geblieben war. „Ich nehme an, dass die Unterlagen, die Sie erwähnt haben, nur ein Vorwand waren, um mich ins Büro zu locken.“

„Ja, Eure Hoheit.“

„Also habe ich heute keine Verpflichtungen mehr?“

„Nur noch das eine Treffen.“

„Sagen Sie das bitte für mich ab, Henri.“

„Sir?“ Henri war sichtlich überrascht.

„Ich möchte gern den Rest meines Geburtstags mit meiner Familie verbringen.“

„Selbstverständlich.“ Henri verbeugte sich und lief den Flur hinunter.

Rowan ging weiter in das Büro hinein und musterte den Kuchen. „Wie viele Kerzen sind denn da drauf?“

„Fünfunddreißig“, verkündete Damon stolz. „So viele Kerzen sind das. Du bist schon ganz schön alt, Onkel Rowan.“

„Fünfunddreißig Jahre müssen einem Vierjährigen ziemlich alt vorkommen muss.“

„Und einer Achtjährigen auch“, schaltete sich Alexandria ein.

Rowan sah sie lächelnd an. „Du weißt doch: Wenn man die Fürstenfamilie beleidigt, kann man in den Kerker gesperrt werden.“

„Was ist ein Kerker?“, wollte Damon wissen.

Rowan hockte sich vor den Jungen und sprach mit ernster Stimme. „Das ist ein kalter dunkler Raum unter dem Palast, wo böse kleine Jungen und Mädchen eingesperrt werden und nur Brot und Wasser bekommen.“

Damons Augen wurden groß.

„Da wird aber niemand mehr eingesperrt“, beruhigte Alexandria ihren Bruder.

Rowan wandte sich an Alexandria. „Weißt du denn auch, wer den Kerker verschlossen hat?“

Alexandria schüttelte den Kopf.

„Das war mein Großvater, Fürst Emmanuel von Tesoro del Mar. Nur der regierende Fürst hat die Macht, so eine Entscheidung zu treffen. Und wenn er den Kerker abschließen konnte, dann kann ich ihn für euch wieder öffnen.“

Das kleine Mädchen hob den Kopf. „Das wirst du aber nicht tun, weil du ein guter Fürst und ein guter Onkel bist.“

Rowans Miene erhellte sich. „Ich weiß, dass ich nicht immer ein guter Onkel war. Aber ich möchte mein Bestes versuchen.“

Alexandria lächelte ihm zu. „Du machst das schon gut.“

„Heißt das, dass ich ein Stück von dem Kuchen bekomme?“

„Erst, wenn du die Geschenke ausgepackt hast.“

Damon reichte Rowan als Erster sein Geschenk. Es war in unglaublich viel Geschenkpapier eingewickelt und schien recht schwer zu sein.

„Es ist ein Haustier“, sagte Damon stolz. „Lara hat gesagt, dass du es als Briefbeschwerer benutzen kannst.“

„Ein Haustier?“ Rowan musterte den bemalten Stein in seinen Händen. „Frisst es denn sehr viel?“

Damon kicherte. „Es frisst gar nichts.“

„Bist du dir da sicher? Ich will nämlich nicht meinen Kuchen mit ihm teilen müssen.“

„Ja“, versicherte Damon ihm.

„Mach das als Nächstes auf.“ Alexandria hielt ihm ein sorgfältiger eingepacktes Geschenk entgegen. „Es ist von Christian.“

Christian hatte Lara das Geschenk gezeigt, bevor er es eingepackt hatte, da er wissen wollte, ob sie es für geeignet hielt. Sie war sich sicher gewesen, dass es Rowan sehr gut gefallen würde. Und während Rowan sein Geschenk nun auspackte, konnte sie an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass sie recht behalten hatte.

Es handelte sich um ein eingerahmtes Bild von Rowan, seinen Brüdern und ihrem Vater. Sie saßen alle auf einem Pferd und bestaunten den Sonnenuntergang.

„Dieses Foto habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen“, murmelte Rowan.

„Ich habe ein paar Fotoalben durchstöbert, um ein Foto von meinem Dad zu suchen. Da habe ich es gefunden.“ Christian blickte zu Rowan. „Ich dachte, es würde dir vielleicht gefallen.“

Rowan schluckte. „Es gefällt mir sogar sehr.“

„Ich habe auch etwas für dich.“

Alexandria hatte ein Bild gemalt und dabei großes Talent bewiesen. „Es ist ein Bild von dir, Damon, Christian und mir. Ich habe es gemalt, weil wir doch jetzt wie eine Familie sind.“

„Wir sind eine Familie“, stimmte Rowan zu und küsste das Mädchen auf die Stirn. „Es ist wirklich sehr schön. Ich danke dir.“

„Können wir jetzt Kuchen essen?“, fragte Damon ungeduldig.

Lara holte eine Packung Streichhölzer aus der Hosentasche und zündete eins an.

„Warte noch!“, rief Christian und lief aus dem Büro. Kurze Zeit später kam er lachend mit einem Feuerlöscher zurück. „Jetzt können wir loslegen.“

Während Lara die Kerzen anzündete, wurde ihr klar, dass Christian zum ersten Mal seit Wochen richtig gelacht hatte. Sie hoffte, dass der Kummer der Kinder sich nun langsam legte. Dann stellte sie den Kuchen vor Rowan und hoffte, dass dies auch bei ihm der Fall wäre.

Rowan war eigentlich nie nachts in der Küche, da er jederzeit einen der Bediensteten damit beauftragen konnte, ihm etwas zu holen. Das war einer der Vorteile, die er als Fürst genoss. Aber er wollte dieses Privileg nicht in Anspruch nehmen, weil ihm das irgendwie unangenehm war.

Nun war es nach Mitternacht, und er schlich zur Küche, um etwas von dem übrig gebliebenen Schokoladenkuchen zu stibitzen.

Während er durch die dunklen Korridore lief, gingen ihm die Ereignisse des Tages durch den Kopf. Er war froh, dass sich sein Verhältnis zu den Kindern langsam verbesserte. Sie hatten sich wirklich viel Mühe mit der Geburtstagsparty gegeben.

Rowan war Lara dankbar, dass sie ihm mit den Kindern half. Aber er empfand ihr gegenüber nicht nur Dankbarkeit. Da war noch mehr.

Er schüttelte den Kopf und versuchte, nicht mehr an Lara zu denken. Er musste noch Vivian Winters anrufen, die er heute Abend eigentlich treffen wollte, um ganz privat seinen Geburtstag mit ihr zu feiern.

Vivian kannte er schon seit Jahren. Er traf sich von Zeit zu Zeit mit ihr, um ein paar schöne Stunden mit ihr zu verbringen. Und obwohl er ihr keine Erklärung schuldete, wollte er sie trotzdem anrufen. Deshalb beschloss er, ein Stück Kuchen zu holen und dann gleich wieder in sein Zimmer zurückzukehren.

Vielleicht würde Vivian ja sogar zum Dessert vorbeikommen. Aber diesen Gedanken verdrängte er gleich wieder. Da er nun seinen fünfunddreißigsten Geburtstag gefeiert hatte, blieben ihm noch genau sechs Monate, um zu heiraten. Er musste endlich eine Frau fürs Leben und zum Repräsentieren finden. Und Vivian schied da aus.

Als Rowan die Küche betrat, konnte er nur noch an die Frau denken, die am Küchentisch saß.

Lara hatte sich eine bequeme Hose und ein knappes T-Shirt angezogen, das ihre Brüste betonte. Sie sah unglaublich sexy aus, als sie sich zu ihm drehte.

„Stehlen Sie etwa den fürstlichen Geburtstagskuchen?“, fragte er herausfordernd.

„Nur ein kleines Stück davon. Es ist ja noch fast alles da.“

„Dann schneiden Sie uns doch zwei große Stücke ab.“

„Wird gemacht.“ Lara stand auf und griff nach einem zweiten Teller.

„Warum sind Sie denn noch so spät auf?“, fragte Rowan. „Hat Damon wieder einen Albtraum gehabt?“

„Nein, glücklicherweise nicht. Er hat jetzt schon mehrere Nächte durchgeschlafen.“

„Möchten Sie auch Milch?“ Rowan öffnete einen Schrank, um Gläser herauszuholen. Er kam ihr dabei so nahe, dass er ihren atemberaubenden Duft einatmen konnte. Plötzlich bewegte sie sich ruckartig, sodass sie zusammenstießen.

„Verzeihen Sie, Eure Hoheit.“

„Nichts passiert“, sagte Rowan, auch wenn er sich da nicht ganz sicher war.

Während der letzten Wochen hatte er sich bemüht, eine gewisse Distanz zu ihr zu wahren. Doch bei der kurzen Berührung war die Lust wieder da. Laras Anwesenheit machte ihn einfach verrückt.

Rowan schenkte Milch in die Gläser ein und reichte ihr eins. „Sie haben immer noch nicht gesagt, weshalb Sie so spät auf sind.“

Lara stellte die Teller und ihr Glas Milch auf den Tisch und setzte sich. „Ich habe noch ein Lehrbuch über spielerisches Lernen gelesen.“

„Ein Lehrbuch?“ Rowan setzte sich an den Tisch.

„Ich lerne für meinen Abschluss als Lehrerin.“

„Mir ist gar nicht aufgefallen, dass Sie die Universität besuchen.“

„Es ist nur ein Fernstudium. Die Kinder haben natürlich Priorität.“

„Das sollte keine Kritik sein.“

„Entschuldigen Sie, Eure Hoheit. Ich neige dazu, mich für alles rechtfertigen zu müssen.“

„Und wir neigen immer dazu, über die Kinder zu reden. Dabei weiß ich gar nichts über Sie. Außer, dass Sie Lehrerin werden wollen.“

„Ich liebe meinen Job hier. Die Kinder werden mich aber irgendwann nicht mehr brauchen. Deshalb habe ich mir überlegt, was ich in der Zukunft machen möchte.“

„Das erscheint mir sehr vernünftig. Es ist ja unübersehbar, wie gut Sie mit Kindern umgehen können.“

„Danke“, sagte sie leise und errötete.

Rowan aß seinen Kuchen und versuchte, nicht darüber nachzudenken, ob sie einen BH unter ihrem T-Shirt trug.

„Der Kuchen schmeckt fantastisch“, sagte er schließlich, nur damit sie ein Gesprächsthema hatten und Lara nicht ging.

„Alexandria hat den Kuchen fast allein gemacht. Ich war nur ihre Assistentin.“

Lara lächelte und leckte Zuckerguss von ihrem Finger, was die wildesten erotischen Fantasien in ihm hervorrief.

„Ich danke Ihnen auch, weil Sie positiv auf die Überraschungsparty reagiert und den Kindern damit einen Riesenspaß bereitet haben. Ich war mir nämlich nicht sicher, was Sie davon halten würden. Sie kennen ja Alexandria. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist es unmöglich, es ihr auszureden.“

„So langsam lerne ich meine Nichte kennen. In diesem Moment interessiere ich mich aber mehr für Sie.“

„Was interessiert Sie denn genau?“

„Zum Beispiel, wo Sie aufgewachsen sind. Ich weiß ja, dass Julian und Catherine Sie in Irland kennengelernt haben. Aber ich vermisse bei Ihnen den irischen Akzent.“

„Meine Mutter war Irin. Geboren bin ich aber in den Vereinigten Staaten, genauer gesagt in Colorado.“

„Wie sind Sie dann in Irland gelandet?“

„Als meine Mutter starb, ging ich nach Irland, weil ich keine anderen Verwandten in den USA hatte.“

„Und was ist mit Ihrem Vater?“

Lara blickte zu Boden. „Ich habe ihn nie kennengelernt.“

„Wie alt waren Sie, als Sie Ihre Mutter verloren haben?“

„Fünfzehn.“

„Also nicht viel älter als Christian.“

Sie nickte. „Ich glaubte, dass ich seinen Kummer besser nachvollziehen könnte, weil mir etwas Ähnliches zugestoßen ist. Aber bis jetzt konnte ich noch nicht zu ihm durchdringen. Er ist ja die ganze Zeit nur mit Lernen beschäftigt. Ich weiß noch nicht einmal, ob er überhaupt zum Trauern kommt.“

Rowan merkte, wie unangenehm es Lara war, über sich selbst zu sprechen. Deshalb lenkte sie immer wieder von sich ab.

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