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BACCARA EXTRA BAND 6

ANNE OLIVER

Der süße Duft der Leidenschaft

Wie vom Glück umarmt fühlt sich Abigail in ihrem neuen Domizil. Romantisches Holzhaus, Meerblick – dazu ein heißer Handwerker! Noch ahnt die Aromatherapeutin ja auch nicht, dass er der wahre Hausbesitzer ist …

LAURA WRIGHT

Männlich, ledig - unwiderstehlich

Maggie will eine Traumfrau für ihn finden, obwohl er keine sucht? Und spielt er mit, vermietet sie ihm ein Zimmer? Ungern geht Nick auf den Handel ein – bis er jene findet, die er nicht gesucht hat …

KATHRYN JENSEN

Nur eine Nacht der Liebe

Charmant lädt Jacob von Danubia sie nach ihrem Wiedersehen auf seine Jacht ein. Ein Spiel mit dem Feuer für Allison: Denn der sexy Kronprinz soll standesgemäß heiraten – und keine Bürgerliche lieben!

BARBARA MCCAULEY

Heiße Flammen der Versuchung

„Na, wie geht‘s, Aschenputtel?“ Die tiefe, raue Stimme geht Emily unter die Haut. Was sie aber noch mehr verwirrt: Wenn sie Aschenputtel ist, wieso sieht dann ihr edler Held wie ein Feuerwehrmann aus?

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Der süße Duft der Leidenschaft

1. KAPITEL

Laut Horoskop sollte dies Abigail Seymours Glückstag sein. Und mit einem Haus, das „Capricorn“, also „Einhorn“, hieß, konnte ja wohl nichts schiefgehen.

Falsch gedacht.

Denn wenn sie das baufällige Etwas mit dem Foto verglich, das sie in Händen hielt, dann schnitt es denkbar schlecht ab. Leider besagte das quietschend im Wind baumelnde Schild, dass Abby sich nicht in der Adresse geirrt hatte.

Dem Foto nach stand der Altbau auf Stelzen, die für eine bessere Durchlüftung sorgen sollten. Eine Holztreppe führte auf eine umlaufende Veranda, von der aus man „Seeluft schnuppern und eine einzigartige Aussicht aufs Meer genießen“ konnte. Und natürlich fehlten auf dem Foto auch die tropischen Pflanzen nicht.

Nun, mit mehreren Schichten Farbe und ein bisschen Arbeit – nein, mit einer Menge Arbeit – könnte daraus tatsächlich etwas werden. Auf jeden Fall würde sie ein paar Worte mit dem Makler wechseln müssen.

Wo steckte er eigentlich? Sie wollten sich heute Morgen hier treffen. Abby sah auf die E-Mails, die sie ausgedruckt in der Hand hielt, dann auf ihre Uhr. Danach wurde ihr mulmig. Sehr mulmig. Dieses Haus sollte ihr neues Unternehmen „Good Vibrations“ beherbergen.

Momentan kamen die einzigen Schwingungen aus ihrem Innern, und die waren gar nicht gut. Denk positiv, Abby, und beruhige dich.

Das half nicht.

„Was zum Teufel ist hier los?“, murmelte sie und stieg die Treppe hinauf. Zu ihrem Erstaunen war die Haustür nicht verschlossen. Daher ging sie einfach hinein – und blieb wie versteinert stehen. Drinnen erwartete sie eine Baustelle, oder … nein … vielmehr sah es aus, als würde das Haus gerade abgerissen. Und das, obwohl sie einen Vertrag in Händen hielt, der besagte, dass es ab morgen ihr gehörte!

Überall auf dem Boden lagen Sägespäne und Kabel. Die Tapeten blätterten in Fetzen von einer Wand, an der einst ein riesiger Bilderrahmen oder Spiegel gehangen haben musste. Staub tanzte im schmalen Sonnenlichtstreifen über einem breiten Brett, das auf zwei Sägeböcken lag und von Werkzeugen bedeckt war.

Vor allem aber roch alles nach frischem Holz und altem Moder, was nicht unbedingt der ideale Geruch für eine Massage- und Aromatherapiepraxis war. Und alles war braun, beige und grau.

Auf den kahlen Bodendielen klang das leise Klimpern ihres Fußkettchens und der Perlensandalen fehl am Platze. „Hallo?“, rief sie vorsichtig.

Anstelle einer Antwort vernahm sie das schrille Heulen einer Bohrmaschine.

Sie stakste durch den Müll um das aufgebockte Brett herum zu einer Tür auf der anderen Seite. Im Zimmer dahinter stand eine Leiter neben einem weiteren aufgebockten Behelfstisch. Aus einer Luke in der Decke schepperte Radiomusik.

Wie es aussah, durfte sie sich also mit einem Handwerker herumschlagen. Sie donnerte gegen die Wand. „Entschuldigen Sie …?“

Wieder heulte der Bohrer auf und verschluckte ihre Stimme. Okay, Höhenangst hin oder her, hier war professionelles Auftreten gefragt. Sie würde die Leiter zur Bodenluke hinaufsteigen müssen. Sie legte ihre Tasche und die Papiere auf dem Fußboden ab, zog die Sandalen aus und klemmte sich einen Rockzipfel hinten in den Bund ihres Slips.

Auf einen lauten Fluch von oben folgten schwere Schritte, bevor eine nackte, muskulöse, maskuline Wade auf der obersten Leitersprosse erschien. Dann noch eine. Beide waren braun gebrannt und dunkel behaart. Den Waden folgten Oberschenkel, die weiter und weiter hinaufreichten … bis sie in kurzen und lose sitzenden Jeansshorts verschwanden.

Wow! Abby schluckte, während langsam ein sehr knackiger Po zum Vorschein kam. Sie sah eine lange Narbe auf einem der Schenkel bis unter die Shorts, noch mehr nackte Haut, kräftige Bauchmuskeln, eine breite nackte Brust und schließlich zwei athletische, mit Putz übersäte Schultern.

Unweigerlich trat sie einen Schritt zurück und auf eine ihrer Sandalen. Erst jetzt schien der Mann sie zu bemerken, denn er drehte den Kopf und sah zu ihr hinunter. Mit leuchtend blauen Augen.

Er hatte diesen Röntgenblick, bei dem eine Frau sofort das Gefühl bekam, sie hätte nichts an. Zum Glück sah er ihr bloß ins Gesicht.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Seine rauchig-tiefe Stimme jagte Abby wohlige Schauer über den Rücken.

Eilig schlüpfte sie wieder in ihre Sandalen und zupfte ihren Rock frei. Gerade weil der Mann mit seinem schweißglänzenden freien Oberkörper und den beeindruckenden Muskeln geradezu animalisch attraktiv wirkte, musste sie einen möglichst geschäftsmäßigen Eindruck machen.

Leider spielte ihr Puls nicht mit – von ihrem Verstand ganz zu schweigen. „Nun, ich … Ich suche nach dem Besitzer dieses …“ Sie fuhr einmal unsicher mit der Hand durch die Luft.

Seine verführerischen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Den haben Sie gefunden“, sagte er und sprang die letzten beiden Leitersprossen herunter.

„Sie?“ Dieses Bild von einem Mann? Zu spät räusperte sie das Krächzen in ihrer Stimme weg, während er näherkam. Seltsam. Trotz ihrer Größe von immerhin eins achtzig musste sie noch zu ihm aufblicken. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Dunkles Haar, Wangenknochen wie gemeißelt.

Aber sie war nicht hier, um sich von seinem Charme betören zu lassen!

Sie hob ihre Papiere wieder auf und streckte die Schultern durch. „Mr …“

„Zachary Forrester.“ Lächelnd streckte er ihr die Hand hin.

Sein Händedruck war fest … und kurz, allerdings nicht kurz genug, als dass Abby die harte, rissige Haut entgangen wäre. Ein angenehmes Kribbeln lief ihr den Arm hinauf.

„Abigail Seymour. Abby. Mr Forrester, ich bin …“ Sie verstummte mitten im Satz und sah auf den Vertrag. Zachary Forrester war dort nicht erwähnt. Ihr wurde plötzlich schlecht, während er sich gelassen ein Handtuch nahm, das unten an der Leiter hing, und sich damit über die Stirn und das Haar rieb.

„Falls Sie von der Versicherung sind …“, begann er und musterte sie kurz.

„Sehe ich aus wie eine Versicherungsvertreterin?“ Sie seufzte und schlug sich mit dem Vertrag gegen den Schenkel. „Ich bin Ihre neue Mieterin. Was ist hier los, Mr Forrester? Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen verwirrt bin.“

Sein Lächeln schwand, und er sah sie stirnrunzelnd an. „Womit wir schon zwei wären. Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht in der Adresse geirrt haben?“

„Auf dem Rosthaufen von einem Briefkasten da draußen steht ‚Capricorn‘“, erwiderte sie und knallte ihm das Dokument vor die Brust – die breite, behaarte Brust –, wobei ihr der Geruch von Männerschweiß und Staub entgegenwehte. „Ich habe einen Gewerbemietvertrag für dieses Haus, mit Mietbeginn morgen.“

Er warf das Handtuch beiseite und griff in Tasche seiner Shorts, sodass Abbys Blick unwillkürlich darauf fiel. Halt die Augen oberhalb des Gürtels, Abby! Nur trug er keinen Gürtel, und alles oberhalb war nicht weniger gefährlich. Ein kleiner Nabel, verlockend braune Haut, ein Waschbrettbauch … Hastig sah sie wieder auf und beobachtete, wie er sich eine Lesebrille aufsetzte.

Als er die Papiere überflog, zog er eine Braue hoch und grinste. „Good Vibrations.“

Typisch Mann, dass er es falsch verstand. „Finden Sie das witzig, Mr Forrester? Glauben Sie mir, ich nicht!“

Er sah sie über den Brillenrand hinweg ernst an. „Nein, ich auch nicht. Das ist ein privates Wohnhaus. Was für ein Geschäft wollten Sie hier genau betreiben … Miss Seymour?“

Der Fluch der Rothaarigen wollte es, dass Abby errötete. „Ich weiß nicht, was Sie mit genau andeuten wollen, Mr Forrester, jedenfalls bin ich die eingetragene Mieterin, wie Sie sehen. Der Vertrag wurde rechtsgültig unterschrieben.“

„Nicht von mir.“

Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Stand sie tatsächlich hier und führte einem verführerischen Fremden vor, wie wenig Erfahrung sie in solchen Dingen besaß?

Ja, das tat sie. Leider. Und er beobachtete sie immer noch, nun jedoch mit einer Mischung aus Mitgefühl und Neugier.

„Tut mir leid, Miss Seymour, aber Sie wurden übers Ohr gehauen.“ Er tippte auf den Schriftzug. „Das ist nicht meine Unterschrift, und der Vertrag ist nicht rechtsgültig, also nichts wert.“

Die Worte hätten sie nicht schlimmer treffen können, wenn er einen Hammer benutzt hätte, um sie ihr einzubläuen. Nicht rechtsgültig. Und wo waren dann das Geld für die Kaution und die ersten drei Monatsmieten geblieben? „Ich habe ihn unterschrieben, weil ich dachte, er wäre in Ordnung. Und ich brauche das Haus, und zwar jetzt.“

„Wie haben Sie es überhaupt gefunden?“, fragte er und sah wieder auf die Papiere in seiner Hand.

„Im Internet. Die Vertragsdetails wurden per E-Mail verhandelt. Ich hatte ja keine Ahnung …“

„Offensichtlich nicht.“

Sie ignorierte seinen überheblichen Tonfall. Zachary Forrester war offensichtlich nicht nur Heimwerker, sondern auch noch Anwalt. Was sie unwillkürlich auf die Frage brachte, wie viel wohl ein Anwalt kosten würde.

Zunächst aber wünschte sie sich bloß, dass er ihr den ungültigen Vertrag zurückgab und sie gehen ließ. Aber nein, er las auch noch das Kleingedruckte! Im Gegensatz zu ihr bei der Vertragsunterzeichnung. Was sollte überhaupt Kleingedrucktes in einem illegalen Vertrag?

Sie hatte alles allein ausgehandelt, ohne sich bei jemandem Rat zu holen, der sich mit Verträgen auskannte. Schön blöd. Aurora hätte ihr sicher gesagt, sie sollte alles prüfen lassen, bevor sie ihr hart verdientes Geld rausrückte. Doch Abby wollte die Frau überraschen, die seit zehn Jahren für sie Mutter, Mentorin und Freundin war.

Seit ihrem Schlaganfall war Aurora gebrechlich. Deshalb hatte Abby nach einem Haus weit weg vom feuchtkalten Klima Victorias gesucht, wo sie beide in Frieden leben konnten. Und sie hatte sich auf Anhieb in das Bild dieses kleinen Hauses verliebt.

Jetzt war sie im tropischen Surferparadies mit einem ungültigen Mietvertrag, einem gebrauchten Van voller Kram und kaum genug Geld zum Überleben gelandet. So viel zum verlorenen Paradies. Sie war nicht nur pleite, sondern auch offiziell obdachlos.

„Sie haben hoffentlich noch nichts bezahlt“, sagte Zachary Forrester und legte seine Brille auf den aufgebockten Tisch.

Als sie unglücklich an ihrer Unterlippe nagte, seufzte er, was nicht unbedingt dazu beitrug, dass sie sich weniger dumm vorkam.

Sie versuchte, ihm den Vertrag abzunehmen, doch er hielt ihn fest, während er ihr direkt ins Gesicht sah. „Wie viel haben Sie bezahlt? Vielleicht können Sie den Scheck sperren lassen.“

„Nun, ich habe bar bezahlt. In Melbourne. Er gab mir einen Rabatt bei Barzahlung und sagte, er wäre ein Makler …“

„Können Sie den Mann beschreiben? Sie sollten die Sache der Polizei melden.“

„Ich glaube schon.“ Bärtig. Blond? Total durchschnittlich. „Tut mir leid, dass ich Sie belästigt habe, Mr Forrester.“

„Warten Sie mal. Wollen Sie etwa einfach verschwinden und das Ganze auf sich beruhen lassen?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf.

„Selbstverständlich nicht.“ Sie zog an dem Vertrag, bis Zachary ihn endlich losließ, und hob hastig ihre Tasche vom Boden auf. „Ich habe ja Ihren Namen und die Adresse. Verlassen Sie sich darauf, ich melde mich.“

„Was wollen Sie jetzt machen?“

„Zunächst erstatte ich Anzeige. Danach überlege ich in Ruhe, was mir an Möglichkeiten bleibt.“ Ohne dass du mich dabei beobachtest, dachte sie und stopfte das nutzlose Dokument in ihre Tasche.

Die Welt draußen war nach wie vor da. Abby musste lediglich einen Platz darin finden. Und dieser Flecken blieb die Goldküste von Queensland, egal wie tief der Schlamassel war, in den Abby sich geritten hatte.

„Was für Möglichkeiten?“ Sein Handy am Bund seiner Shorts surrte, und er nahm es ab. „Forrester. Hi, Tina, Süße“, begrüßte er die Anruferin liebevoll. „Ja, es ist etwas dazwischengekommen.“ Ein Lächeln huschte über seine Lippen, als Tina, Süße etwas sagte. „Nein, nichts in der Art.“ Wieder Pause. „Jede Menge Zeit. Ja. Bald.“

Er steckte das Handy an den Bund zurück und sagte: „Dann sind Sie nicht aus der Gegend?“

„Nein, ich komme aus Victoria.“ Als sie sein Stirnrunzeln sah, winkte sie ab. „Schon gut. Mein Fehler, mein Problem.“

„Sieht so aus, als könnten Sie einen Drink gebrauchen“, sagte er. „Ich kann Ihnen Wasser oder Eiskaffee anbieten.“

Das Angebot war verlockend, denn seit dem Müsliriegel zum Frühstück hatte Abby weder etwas gegessen noch getrunken. Leider hatte sie dringlichere Probleme zu lösen, als ihren Durst mit einem außergewöhnlich attraktiven Mann zu stillen. Außerdem wollte ihn nicht weiter in die Sache mit hineinziehen als nötig. Daher hängte sie sich die Tasche über die Schulter und erklärte: „Danke, sehr freundlich, doch ich gehe lieber. Und Tina, Süße erwartet Sie.“

Sein Mundwinkel zuckte. „Sie hält schon noch durch. Ihr Sohn wird in ein paar Stunden getauft, und ich bin der Pate.“

„Gratuliere. Dann lasse ich Sie jetzt in Ruhe.“

„Miss Seymour … Abby, wir sollten darüber reden …“

Während er sprach, drehte sie sich um, wobei sie mit einem Schuh auf etwas ausrutschte und sich den Knöchel verdrehte. Ein heftiger Schmerz schoss ihr durch den Fuß, und sie mühte sich, das Gleichgewicht wiederzufinden.

„Hoppla!“

Auf einmal stützten zwei starke Hände von hinten ihre Ellbogen. Ihre Scham war größer als der Schmerz, und wütend sah sie auf den Bohreraufsatz am Boden, der ihr diesen unschönen Abgang beschert hatte. „Hier ist es ja lebensgefährlich“, murmelte sie.

„Entschuldigung. Ich renoviere gerade. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“

Sein Atem strich ihr über den Nacken, und sie fühlte deutlich die Hitze, die von seinem Körper ausging. Sein Duft forderte ihre Hormone heraus. „Ja, ja, nichts passiert. Alles bestens.“ Zumindest wäre es das, sobald sie genug Abstand hatte, um wieder atmen zu können.

„Lassen Sie mich Ihren Fuß ansehen.“

„Nein.“

„Nur um sicherzugehen“, fiel er ihr ins Wort und hob sie kurzerhand auf den Tisch.

Ihre Füße baumelten über dem Boden, und sie fühlte sich gar nicht gut dabei. Dann hockte er sich auch noch vor sie. „Welcher Fuß?“, fragte er leise.

„Der ist bloß verknackst. Das gibt sich gleich wieder.“

„Welcher Fuß?“, beharrte er.

„Der rechte.“

Nachdem er ihr die Sandale ausgezogen hatte, umfasste er ihren nackten Fuß, sodass eine Hitzewelle aus Abbys Fußsohle ihr Bein hinaufschoss. Dann tastete er mit der anderen Hand behutsam ihren Knöchel und ihre Wade ab. Der Mann konnte wahre Wunder mit den Fingern wirken!

Abby beugte sich etwas vor und sah, dass in seinem dunkelbraunen Schopf ein paar erste graue Haare waren.

Natürlich blickte er ausgerechnet in dem Moment zu ihr auf. Seine Augen leuchteten fast silbern, nahmen allerdings einen etwas dunkleren Ton an, kaum dass sich ihre Blicke begegneten.

Schnell sah Abby weg, was jedoch nichts half.

In der plötzlichen Stille konnte sie ihr Herzklopfen, das Transistorradio und die Wellen am Strand hören. Sie kam sich zum ersten Mal in ihrem Leben wie Aschenputtel vor, das dem Märchenprinz begegnete.

„Sie brauchen einen kalten Umschlag“, sagte er abrupt. „Ich habe einen Gelumschlag im Kühlschrank.“

Seine Stimme katapultierte sie jäh in die Wirklichkeit zurück. Sie konnte es sich nicht leisten, ihre Zeit mit halb nackten, unverschämt attraktiven Männern zu vergeuden, die Prinzen spielten. „Nein, ehrlich …“

„Doch.“

Er stand so schnell auf, dass ihr Blick unwillkürlich auf seinen Schritt fiel. Verlegen starrte sie an die gegenüberliegende Wand, während Zachary zum Kühlschrank in der Ecke ging.

Als gelernte Heilmasseurin sollte sie an menschliche Körper gewöhnt sein. Das traf bloß nicht auf diesen zu, der eine höchst unpassende Wirkung auf sie ausübte. Sie fühlte sich schwindlig, kurzatmig.

„Hier.“ Er wickelte die kühle Gelpackung um ihren Knöchel und hielt sie dort fest. Zum Glück berührte er nichts außer dem Kühlverband.

„Danke.“ Sie konzentrierte sich ganz auf einen pfirsichfarbenen Nebel um den Schmerzpunkt herum und malte sich die Heilenergie aus, die durch ihre Haut und die Muskeln floss. Bedauerlicherweise war es mit ihrer Konzentrationsfähigkeit nicht zum Besten bestellt. Seine starke Hand war einfach … interessanter.

Zachary kam sich wie ein verdammter Märchenprinz vor. Nur dass in diesem Fall der Prinz nach einem vorsichtigen Abtasten des Knöchels beschloss, lieber auf Abstand zur Prinzessin zu bleiben.

Ach was, Abigail Seymour war überhaupt nicht seine Märchenprinzessin!

Sie hatte ihn auf den ersten Blick umgehauen, weil er nicht darauf vorbereitet gewesen war, dass eine atemberaubende, große Rothaarige seinen Po anstarren würde, als er die Leiter hinabstieg.

Er sah ihr ins Gesicht und wunderte sich. Mit geschlossenen Augen hockte sie vor ihm. War sie in einer Art Trance? Er wusste ja bereits, dass hinter den Lidern ein schimmerndes Grau war, wie es der Ozean unmittelbar vor einem Sturm annahm.

Und er fragte sich, welche Farbe ihre Augen wohl im Taumel der Leidenschaft annahmen.

Wie kam er denn darauf? Wahrscheinlich, weil er schon eine ganze Weile keine Leidenschaft mehr erlebt hatte.

Kopfschüttelnd wippte er auf die Fersen zurück, ohne den Druck seiner Finger zu verändern, damit sie nicht aus ihrer Trance erwachte, und sah sie an.

Sie war im Siebzigerjahrelook gekleidet: rotvioletter Rock zu knallrotem Top. Das wilde rote Haar hatte sie zu einem Knoten aufgesteckt, aus dem sich bereits einige Locken befreit hatten.

Sommersprossen verteilten sich über Nasenrücken und Wangen, und sie trug nur sehr wenig Make-up. Ein schwacher Seifengeruch wurde von einem etwas intensiveren exotischen Duft überlagert. An ihrer rechten Hand steckten drei Silberringe, und an ihrer dünnen Halskette hing ein Aquamarin.

Als hätte sie bemerkt, dass er sie anstarrte, öffnete sie die Augen. „Das reicht schon.“

Sie wollte ihren Fuß wegziehen, doch er hielt ihn fest. „Noch ein paar Minuten, nur zur Sicherheit“, erwiderte er. „Wieso der weite Weg von Victoria, um hier ein Geschäft aufzumachen?“

„Wenn man etwas will, ist kein Weg zu weit. Na ja, oft ist es allerdings auch nicht so leicht, wie man denkt.“ Sie zuckte mit den Schultern. Dabei blitzte ein roter BH-Träger unter dem Top hervor.

Sofort begann sein Puls zu rasen. Fast hätte er laut gelacht. Ja, er musste wahrlich furchtbare Entzugserscheinungen durchmachen, wenn ihn ein BH-Träger schon scharfmachte.

Ging es ihr hier wirklich nur um ein Geschäft? Das könnte sie doch auch in Melbourne aufmachen. Oder wollte sie vor allem in den Tropen leben? Am Meer? Suchte sie vielleicht nach einer stürmischen Affäre?

Er räusperte sich. „Hatten Sie in Melbourne auch schon ein Geschäft?“

„Nein, nicht ganz.“ Sie rutschte ungeduldig auf dem Brett hin und her. „Mr Forrester …“

„Zachary. Was soll das heißen, ‚nicht ganz‘?“

„Ich war angestellt. Aber keine Angst, ich weiß, was ich tue.“

Was er bezweifelte. Auf jeden Fall schien sie es eilig zu haben, wegzukommen.

„Du verspätest dich noch bei Tina, und ich muss los.“ In ihrer Aufregung duzte sie ihn.

„Wir sind noch nicht fertig … aber das muss warten.“ Er sah auf seine Uhr, nahm ihr die Gelpackung ab und zog ihr die Sandale wieder an.

Als er ihr vom Tisch helfen wollte, hob sie abwehrend beide Hände. „Das geht schon, danke.“

Obwohl sie sich stocksteif hielt, fasste sie seine Schultern, und Zachary wollte schwören, jeden einzelnen Finger zu fühlen. Trotzdem weigerte er sich, es als Wohlgefühl zu empfinden, denn das war etwas, was er nicht haben durfte. Nie wieder.

Sobald sie mit beiden Beinen auf dem Boden gelandet war, wich er zurück. „Wo willst du jetzt wohnen?“, fragte er sie. „Ich muss dich irgendwo erreichen können, falls ich etwas in Erfahrung bringe.“

Was er nicht schaffen würde. Dieser Betrüger hatte sich ihr Geld geschnappt und war längst verschwunden. Das machte Zachary wütend, da er tatsächlich einen Hoffnungsschimmer in ihrem Blick erkannte.

„Meinst du denn, du kannst etwas rausfinden?“

„Nein“, sagte er, auch wenn es ihm leidtat. „Auf jeden Fall brauche ich eine Kopie des Vertrags.“

„Wozu?“

„Findest du nicht, dass ich eine haben sollte, wo es doch um meinen Besitz geht?“

Sie blinzelte. „Ja, klar.“ Nachdem sie einen kleinen Block und einen Schreiber aus ihrer Tasche gekramt hatte, kritzelte sie etwas und riss ihm das oberste Blatt ab. „Das ist meine Handynummer.“

Er riss die untere, leere Hälfte des Zettels ab. „Willst du meine nicht auch haben?“, fragte er, nahm ihr den Stift ab und schrieb sie auf. Dann reichte er ihr den Zettel und holte seine Brieftasche hervor, aus der er eine Visitenkarte zog. „Für den Fall, dass du irgendwelche Probleme bekommst.“ Was natürlich abzusehen war.

Sie blickte auf die Karte. „‚Forrester Building Restorations‘ und ‚Capricorn Center‘.” Zum ersten Mal lächelte sie. „Du scheinst ein vielbeschäftigter Mann zu sein. Bleibt da noch Zeit für Entspannung und Vergnügen?“

Ihm wäre wesentlich lieber, sie würde nicht lächeln. Der Gedanke an Entspannung und Vergnügen mit Abigail Seymour bescherte ihm schon recht angenehme Bilder. „Falls mein Handy aus ist, erreichst du mich übers Büro.“

„Okay.“ Sie steckte seine Karte ein, er ihren Zettel.

Ihm entging nicht, dass sie beim ersten Schritt schmerzvoll das Gesicht verzog, als er sie durchs Vorderzimmer hinaus begleitete. Vor dem Zaun stand ein alter Van mit einem Kennzeichen aus Victoria. „Bist du in dem Ding tatsächlich den ganzen Weg hergefahren?“

Sie kramte ein Schlüsselbund hervor, an dem diverse Kristalle und Glücksbringer baumelten. „Das hättest du wohl nicht gemacht, was?“

„Nie im Leben.“

„Manche Menschen haben eben keine andere Wahl. Und meine Rostlaube schafft durchaus noch ein paar Tausend Kilometer.“

Kopfschüttelnd stand er da, während sie die Kühlerhaube tätschelte und einstieg.

Er ignorierte sein Verlangen, als er ihren exotischen Duft einatmete und das Klimpern ihres Fußkettchens hörte. Dann sahen sie sich durchs offene Seitenfenster an.

„Ich rufe dich an“, hörte Zachary sich sagen. „Später“, fügte er hastig hinzu. „Sag mir Bescheid, falls du irgendetwas brauchst.“

Gedankenverloren sah er ihr nach, wie sie in einer Qualmwolke davonfuhr. Manche Menschen haben eben keine andere Wahl. Sie verdiente den Tiefschlag nicht, den ihr dieser Betrüger versetzt hatte. Andererseits hätte sie vorsichtiger sein müssen. Zachary verdrehte die Augen. Wie naiv war die Frau eigentlich, ihr ganzes Geld in bar hinzublättern, bevor sie alles überprüft hatte? Beim nächsten Mal war sie sicher weniger leichtsinnig.

Er ging wieder ins Haus, nahm sich die Wasserflasche aus dem Kühlschrank und trank einen großen Schluck. Dann sah er sich um. Er wusste nicht einmal, was für ein Geschäft sie hier eröffnen wollte.

So oder so, er hatte mit der ganzen Sache nichts zu tun und sollte es dabei belassen.

Falsch! Er hatte damit zu tun. Schließlich ging es um seinen Grund und Boden. Und das bedeutete, dass er sie später anrufen musste. Eventuell konnte er ihr sogar helfen. Zumindest aber wollte er eine Kopie ihres Vertrags.

Er angelte den Zettel aus seiner Hosentasche, den sie ihm gegeben hatte. Ihren Namen hatte sie mit einem großen geschwungenen A geschrieben und unten einen Smiley mit einem X daneben gemalt. Zachary runzelte die Stirn. Vermutlich beendete sie sämtliche Mitteilungen so überschwänglich.

Ob sie im Bett genauso war? Stöhnend verdrängte er den Gedanken und die Bilder, die ihm dazu durch den Kopf gingen. Sie war gar nicht sein Typ, ganz anders als Diane. Folglich brauchte er sich keine Sorgen zu machen.

2. KAPITEL

„Wo warst du?“, fragte Tina Hammond an der Kirchentür. „Und wie riechst du denn?“ Sie rümpfte die Nase, dann zog sie die Brauen hoch. „Exotisch. Was ist das für ein Duft?“

Zachary ignorierte ihre Fragen, beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Stirn. „Vorsicht, du hörst dich langsam wie eine Ehefrau an.“

Grinsend tätschelte sie ihm die Wange. „Ich übe schon mal. Dauert ja nicht mehr lange.“

„Euch ist schon klar, dass ihr das mit den Zeremonien irgendwie in der falschen Reihenfolge abwickelt, oder?“

„Tja, es hat sich eben so ergeben.“ Tinas blaues Seidenkleid raschelte, als sie nach oben griff, um seine Krawatte zu richten. „Wir wollten eben unbedingt auf der Insel getraut werden, und dafür haben wir auch das Jahr Wartezeit in Kauf genommen, bis wir einen freien Termin erwischen konnten.“ Sie sah ihn ein bisschen zu direkt an. „Bringst du die Frau, die zu dem Parfum gehört, mit zur Hochzeit?“

„Großer Gott, nein!“

„Du hast noch keine Begleitung, stimmt’s? Ich habe dir doch gesagt, ich kann dir …“

„Nicht nötig.“ Zachary drückte kurz ihre Hände und knöpfte sich das Jackett zu. Es bereitete ihm nach wie vor Mühe, von so vielen wohlmeinenden Freunden umringt zu sein, wenn er viel lieber allein wäre. „Also, wo ist mein Patensohn?“

„Nick hat ihn.“ Tina zog Zachary mit sich in die Kirche und den Mittelgang hinunter zum Taufbecken, wo ihr künftiger Ehemann mit Daniel auf dem Arm stand.

Zachary begrüßte ihn, unterhielt sich kurz mit den Großeltern und strich mit einer Hand über den Kopf des acht Monate alten Babys, bevor er sich neben die Familie stellte.

Während der Priester sprach, dachte Zachary daran, wie er vor acht Jahren hier im Licht der bunten Kirchenfenster gestanden und seinen Treueschwur abgelegt hatte.

Tina war Diane so ähnlich: zierlich, blond, gebildet und modebewusst. Während der Schulzeit waren sie drei unzertrennlich gewesen, doch Diane hatte letztlich sein Herz erobert.

Heute arbeitete Tina vier Tage pro Woche in Zacharys neuem Büro, auch wenn sie neuerdings mit Leib und Seele Mutter war, was zur Folge hatte, dass sie nicht bloß Daniel, sondern auch Zachary bemutterte.

Ungeduldig hörte er mit halbem Ohr hin, wie der Priester über den Wert der Familie redete. Er hasste solche Veranstaltungen, die unangenehmen Gesprächspausen, die tröstlichen Händedrücke, die Einladungen zum Dinner. Fast alle Menschen hier kannten ihn und hatten seine Frau gekannt. Und sie wussten, dass er beinahe mit ihr zusammen ums Leben gekommen war.

Wovon sie nichts wussten, waren seine Albträume und die Schuldgefühle, die ihn Tag und Nacht quälten.

Denn die ganze Geschichte kannte keiner von ihnen …

„Du warst nicht allein im Hotelzimmer in Singapur“, hatte er Diane in dem Moment vorgeworfen, als er sie sah. Sie kehrte gerade von einer Einkaufsreise in Asien zurück. Und statt abzuwarten, bis sie allein waren, musste er es ihr auf der Geburtstagsfeier ihrer Freundin auf den Kopf zusagen. Fehler Nummer eins.

Sie war eben erst angekommen und stand mit ihm am Gartentor. Es war ein kühler, von schwerem Blumenduft erfüllter Abend.

„Und deine Flugnummer hast du mir auch nicht genannt“, fuhr er fort. „Bist du mit ihm zusammen zurückgeflogen? Ist er von hier? Kenne ich ihn?“

„Du bist ja paranoid“, hatte sie erwidert, aber dabei hatte sie die Augen abgewandt und sich an ihm vorbeigedrängt. Sie roch nach Alkohol.

„Nein, bin ich nicht.“ Er packte ihren Arm. „Ich bringe dich nach Hause. Wir müssen miteinander reden.“

„Lass mich los!“

„Okay, wenn du darauf bestehst.“ Trotzdem hatte er gezögert. „Wenn du nicht ehrlich sein willst, ist unsere Ehe vorbei.“ Die Stille, die nach diesem Satz eintrat, war wie die nach einem Pistolenschuss. „Auf jeden Fall bringe ich dich jetzt nach Hause.“

„Ich habe dir die Flugnummer nicht gesagt, weil ich nicht wollte, dass du die Party verpasst.“

„Ach ja?“ In dem Moment hörte er vor allem seinen eigenen Herzschlag, der vor Angst zu schnell ging. „Ich bin doch kein Idiot.“

Fehler Nummer zwei war gewesen, sie in seine Tasche greifen zu lassen, aus der sie seine Autoschlüssel hervorholte und sie ins Gebüsch neben dem Rasen fallen ließ.

Bis er wieder an der Straße war, bog sie mit ihrem Wagen bereits schlingernd auf die Hauptstraße ein.

Einen Kilometer weiter hatte er sie eingeholt und fuhr ihr zwanzig Minuten lang hinterher, während sie westlich aus der Stadt herausraste. Dabei verfluchte er sie unzählige Male. Schließlich erreichten sie die Brücke …

Ihre Version hatte er nicht erfahren, und er würde niemals wissen, ob er sich irrte oder nicht.

„Zachary?“, flüsterte Tina, worauf er in die Gegenwart zurückkehrte. „Du bist jetzt dran.“

Er nickte kurz. „Entschuldige.“ Hoffentlich war er als Pate nicht so ein Versager wie als Ehemann.

„Und, wie geht es mit der Renovierung voran?“, fragte Nick Langotti, der seinen Sohn auf einer Hüfte balancierte. Nach der Taufe hatten die stolzen Eltern zum Nachmittagstee unter Palmen auf Tinas Terrasse geladen.

Zachary öffnete sich eine Bierdose. „Die Küche sieht gut aus, und ich habe die beiden Schlafzimmer und das Bad fertig. Der Rest ist allerdings noch ein Trümmerfeld.“ Er legte sich ein paar Scheiben Salami und Käse auf den Teller. „Bis das Capricorn Center sich als Touristik- und Konferenzzentrum richtig etabliert hat, stehen die Arbeiten an zweiter Stelle. Und ich habe außerdem die leere Ladenzeile, die ich vermieten muss.“

„Willst du noch die Werbekampagne starten, die dir die Agentur vorgeschlagen hat?“

„Sobald ich ein passendes Model gefunden habe, ja.“ Das Gesicht von Capricorn. Es sollte eines sein, das die Geschäftskunden ansprach, zugleich aber auch vermittelte, wie man sich amüsierte, nachdem die Vorträge zu Ende waren. „Morgen habe ich einen Termin bei einer Model-Agentur, bei der ich mir deren Fotos ansehe.“

Nick grinste. „Soll ich vielleicht mitkommen? Ich könnte dir sagen, ob deine Wahl die richtige ist.“

„Die richtige Wahl? Wer?“ Mit dem untrüglichen Gespür einer Ehefrau – auch wenn sie offiziell noch gar keine war – tauchte Tina in diesem Augenblick neben Nick auf.

„Kenne ich sie?“

Zeit zu gehen, beschloss Zachary. Nach dem halbstündigen Fußweg nach Hause hatte er hoffentlich wieder einen klareren Kopf. Und er ersparte sich, eine von Tinas Freundinnen nach Haus zu fahren, die „zufällig“ eine Mitfahrgelegenheit suchte.

„Ich hatte ein paar Gläser zu viel, Tina. Ich lass den Wagen stehen“, erklärte er und versprach, seinen Wagen später abzuholen.

Er ging zur Strandpromenade, weil er dringend frische Luft brauchte – und allein sein musste. Im Gehen band er sich die Krawatte ab, stopfte sie in seine Jackentasche und öffnete die beiden obersten Hemdknöpfe.

Familienfeiern wie die heutige erinnerten ihn an das, was er nicht hatte. Bei ihm zu Hause lagen keine Kosmetika im Bad verstreut, standen keine Dosen mit selbst gebackenen Keksen und trockneten keine Windeln unter der Veranda. Im Moment häuften sich auf seinem Küchentisch vor allem Werkzeuge. Nirgends stand eine Blumenvase, und die einzigen Kekse, die er besaß, stammten aus dem Supermarkt.

Als er den Strand erreichte, blickte er hinauf in den Himmel, der im beginnenden Zwielicht lavendelfarben leuchtete, und lauschte den Wellen.

Plötzlich war er wie gelähmt von dem, was er weiter vorn sah. Nicht etwa der weiße Sand oder das türkisfarbene Wasser bannten seinen Blick, sondern die Frau.

Sie benahm sich, als wäre ihr vollkommen gleich, wer sie beobachtete. Wie ein Kind lief sie wieder und wieder ein Stück zur Wasserkante, um mit den rollenden Wellen zurück auf den Sand zu hüpfen. Ein violetter Rock mit silberner Stickerei flatterte um ihre Beine. Ihr Top war perlenbestickt und türkisfarben, und sie trug einen langen Schal in Regenbogenfarben um die schmale Taille.

Als sie sich über ihre Schulter umsah, stockte Zachary der Atem.

Abigail Seymour.

Ihr Haar war nicht mehr zum Knoten gebunden, sondern wehte in langen Locken im Meereswind. Sie hob eine Hand und strich es sich aus der Stirn.

Zachary atmete langsam aus, um seinen Puls zu beruhigen. Er biss die Zähne zusammen. Sein erster Gedanke war, dass er sie unbedingt meiden sollte. Er könnte sich einfach umdrehen und weggehen. Nach Hause gehen, kalt duschen. Auf keinen Fall wollte er, dass ihn dieses Bild heute Nacht um den Schlaf brachte.

Am meisten irritierte ihn, dass Abigail Seymours Anblick etwas in ihm regte, was er bei Diane nie empfunden hatte.

Wie benommen ging er einfach weiter auf sie zu. Ihr Rock war bereits bis zu den Knien durchnässt. Machte es ihr denn gar nichts aus, dass die anderen Strandspaziergänger sich über eine erwachsene Rothaarige wunderten, die in die Wellen hi­nein- und wieder hinauslief, als würde sie einen merkwürdigen Tanz aufführen?

In dem Moment kam Zachary die Erkenntnis: Capricorn hatte ein Gesicht, einen Körper. Kein Model, das ihm die Agentur vorschlug, konnte dem nahekommen. Und er würde alles tun, um sie für die Kampagne zu gewinnen …

Abby fühlte den Sand zwischen ihren Zehen, als sie am Wasser entlangging. Ihre Zeit im Internet-Café war verschwendet gewesen, denn sie hatte keine Spur zu dem falschen Namen und ihrem Geld gefunden. Nebenher hatte sie auch Forrester Building Restorations und Capricorn Center nachgeschlagen und festgestellt, dass Zachary war, wer er zu sein behauptete.

Dem überschwänglichen Lob seiner zufriedenen Kunden und den Fotos nach musste er sehr erfolgreich sein.

Außerdem hatte sie eine billige Bleibe gefunden, die ihr schmales Budget nicht allzu arg strapazierte. Insofern war der Tag also nicht ganz umsonst gewesen.

Interessanterweise hatte auf der Internetseite gestanden, dass das Capricorn Center Gewerbeflächen vermietete. Darauf sollte sie Zachary Forrester unbedingt ansprechen, wenn sie ihn wiedersah.

„Abby, warte!“

Beim Klang der tiefen Stimme blieb ihr fast das Herz stehen. Sie drehte sich um und sah, wie Zachary Forrester durch den Sand auf sie zukam. In seinem anthrazitfarbenen Anzug und den glänzenden schwarzen Schuhen sah er genau wie der erfolgreiche Unternehmer aus, der er ihrer Internet-Recherche zufolge war.

„Abby.“ Er blieb ein paar Schritte vor ihr stehen. „Bist du bei der Polizei gewesen?“

„Ja, ich habe Anzeige gegen unbekannt erstattet.“ Obwohl es zwecklos sein dürfte.

Er nickte. „Ich wollte dir einen Vorschlag machen. Was hältst du davon, wenn du das Geld wieder reinholst, das du gerade verloren hast? Du würdest sogar genug verdienen, um dir in Ruhe etwas passendes Neues zu suchen.“

Sie sollte sich darüber Gedanken machen, dass auch ein umwerfender Mann ein Schwindler sein könnte. Aber seine Augen wirkten nicht wie die eines Betrügers – nur dass sie Abby jedes Mal wie ein Blitzschlag trafen. Unwillkürlich machte sie einen Schritt zurück. „Und das würde was bedeuten?“

„Du tust mir einen Gefallen.“

Sie musste lachen. „Eben war es noch ein Vorschlag, jetzt ist es ein Gefallen?“

„Wie man’s nimmt. Das kannst du selbst entscheiden. Auf jeden Fall würden wir beide davon profitieren.“ Er musterte sie von oben bis unten, was gar nicht gut war. „Reden wir bei einem Kaffee oder einem Snack weiter. Hast du schon gegessen?“

Prompt meldete sich ihr Magen. „Nein.“

„Okay. Dann weiß ich den richtigen Ort.“

Unsicher fragte sie: „Ist das ein Geschäftsessen oder persönlicher?“

Er zögerte kurz mit der Antwort. „Nennen wir es ein Bewerbungsgespräch im ungezwungenen Rahmen. Ich erkläre dir meinen Plan, und du berichtest mir von deiner großen Idee. Du hast doch eine, oder?“

War da ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen? „Hat die nicht jeder?“ Sie ging an ihm vorbei über den Sand und sammelte ihre Tasche und ihr Handtuch ein. Als sie ihr Haargummi herausholte, um sich wieder einen Zopf zu binden, legte er eine Hand auf ihre. Hitze floss ihr den Arm hinauf und durch den ganzen Körper.

„Lass es offen.“ Genauso plötzlich, wie er sie berührt hatte, war seine Hand wieder fort, als hätte er es bereut.

„Na gut, wenn du dich gern mit Miss Wuschelkopf im Restaurant sehen lassen willst.“ Sie rieb sich unwillkürlich die Hand, die noch zu brennen schien. Hatte sie sich die Funken bloß eingebildet? Sie steckte das Haargummi wieder in die Tasche.

„Unbedingt“, bekräftigte Zachary. „‚Simon Says‘ hat die besten Steaks in der Stadt.“

„Ach, einen Moment noch.“ Sie drehte sich zu ihm, sodass er mit ihr kollidierte und ihr Unterarm über seine Brust strich. „Damit es nicht zu Missverständnissen kommt: Gibt es eine Mrs Forrester oder jemanden, den du anrufen musst, weil es später wird?“

Sie bemerkte ein seltsames Flackern in seinen Augen. „Nein.“

Auf einmal war er so verschlossen, dass sie nicht weiter nachfragte. Sie hatte seit dem Frühstück nichts gegessen, und die Aussicht auf ein Abendessen war zu verlockend. Daher nickte sie und ging zum Parkstreifen, wo ihr Van stand.

„Da gibt es nur ein kleines Problem“, sagte er, als sie die Promenade erreichten. „Ich bin zu Fuß hier. Kannst du mich mitnehmen?“

„In meinem heruntergekommenen Van etwa, der mich den ganzen Weg hergebracht hat?“, fragte sie, weil sie es sich einfach nicht verkneifen konnte.

Er lächelte. „Tja, das meinte ich.“

Wieso musste er zu allem Überfluss auch noch Grübchen haben, wo sie doch eine absolute Schwäche für Grübchen hatte? Dabei kannte sie den Mann doch gar nicht … diesen sexy Single – Mann.

Aber manchmal musste man seinem Bauchgefühl vertrauen, und ihres sagte ihr, dass sie sich bei Zachary Forrester sicher fühlen konnte. Abgesehen von dem gefährlichen Kribbeln, das sie jedes Mal durchlief, wenn sie ihn ansah. Aber sie saß am Steuer und musste nirgends hinfahren, wo sie nicht hinwollte.

„Kein Restaurant auf dem Land, weitab von allem“, warnte sie ihn, schloss den Wagen auf und warf ihre Sachen vom Beifahrersitz auf die Rückbank. Dann kurbelte sie das Fenster runter, denn es roch immer noch nach dem Hähnchen-Burger und den Fritten, die sie sich gestern Abend geleistet hatte.

Als er einstieg, beäugte er fragend all ihre Besitztümer auf der Rückbank und hinten im Laderaum. Dort stapelten sich Kartons und Berge von vollgestopften Müllsäcken.

Sie ignorierte seinen Blick, schnallte sich an und startete. Während sie den nackten Fuß aufs Gaspedal stellte, sagte sie: „Alles zu seiner Zeit, Mr Forrester.“

Zachary dirigierte Abby zu seinem Lieblingsrestaurant mit Blick auf die Promenade. Hier bekam man schnell ein gutes, günstiges Essen.

Heute Abend achtete er allerdings nicht auf den Strand, sondern ausschließlich auf Abby. Ihr nasser Rocksaum und die nackten Füße passten zur lockeren Atmosphäre des Lokals. Seine Frau wäre damals entsetzt gewesen, weshalb er früher nur allein hergekommen war. Diane machte ohne High Heels und Make-up keinen Schritt vor die Tür, während Abby ungeschminkt und barfuß vollkommen richtig aussah.

Die anderen Gäste saßen in Shorts oder Pareos vor Eiscreme-Shakes oder Mango-Sorbets. Eigentlich war er in seinem blütenweißen Hemd und seiner Anzughose derjenige, der hier aus dem Rahmen fiel.

„Na, worauf hast du Appetit?“, fragte er, als Paul an ihren Tisch kam. Worauf er Appetit hatte, wusste er ziemlich genau, nur hatte es nichts mit Essen zu tun. Es war ein Fehler gewesen, mit Abby hierher zu fahren. Ein Kaffee in seinem Büro wäre angebrachter gewesen.

Sie blickte mit strahlend grauen Augen zu ihm auf.

Stimmt, ein Riesenfehler!

„Ich hätte gern die Meeresfrüchte-Linguini, bitte“, sagte sie.

„Und einen Wein dazu?“

„Nein, nur ein Glas heißes Wasser mit einem Teelöffel Apfelessig und einem Teelöffel Honig, wenn das geht.“ Sie sah fragend zu Paul auf.

„Kein Problem“, sagte der, ohne mit der Wimper zu zucken.

Zachary hingegen merkte, wie seine Brauen in die Höhe schossen. „Ich nehme das Filet-Steak, blutig, mit Gemüse und ein Bier, bitte.“ Er legte seine Speisekarte ab. „Eine interessante Getränkewahl.“

„Ein natürliches Wohlfühltonikum. Nach dem Tag heute brauche ich eine Extradosis. Ich nehme es zweimal täglich, wegen der Ausgewogenheit.“

Auf ihn wirkte Abby vollkommen ausgewogen: zwei vollkommene Augen, vollkommen gerade Schultern, vollkommene Brüste …

Natürlich ertappte sie ihn dabei, wie er sie musterte! „Du hingegen …“ Sie sah ihn an, das heißt, eigentlich blickte sie um ihn herum, sodass er sich beherrschen musste, sich nicht umzudrehen. „Du musst die Farbe deiner Schlafzimmerwände ändern“, sagte sie ernst. „Du schläfst schlecht und hast immer wieder Schmerzen im Lendenwirbelbereich.“

Ihm lief es eiskalt über den Rücken. Niemand anders als sein Arzt wusste von dem Schmerz und den Albträumen, die ihn seit dem Unfall plagten. Er würde Abbys Theorie gern überprüfen, indem er sie in sein Schlafzimmer mitnahm und sich von ihr beraten ließ. Vielleicht konnte sie ihm ja auch bei der Schlaflosigkeit und den Beschwerden im Lendenbereich helfen.

Schluss jetzt! Er rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Was war nur mit ihm los? „Das hat nichts mit meiner Inneneinrichtung zu tun, sondern kommt vom Stress, weil ich mein Zuhause renoviere, während ich gleichzeitig zwei Unternehmen leite. Und es ist mein Beruf, schwer zu heben.“

Ihr Blick fiel auf seinen Hemdkragen. „Erzähl mir von deinem Beruf.“

Sein Adrenalinpegel stieg gefährlich.

„Konferenzen und Tourismus, richtig?“, fragte sie. „Und wie passe ich da rein?“

Ihre Getränke wurden zusammen mit einem Korb warmer Brötchen serviert. Zachary trank einen Schluck Bier, um sich den trockenen Mund zu befeuchten. „Okay, ich mache dir folgendes Angebot: Wir brauchen eine Werbekampagne, um das Capricorn Center zum Laufen zu bringen. Und dafür will ich dich.“

Sie trank von ihrem Glas. „Mich?“

„Wir würden einen Profi-Fotografen engagieren, der ein paar Aufnahmen mit dir am Strand macht, ungefähr so, wie du jetzt angezogen bist. Und vielleicht auch in einem Badeanzug. Und im Kostüm, wie für eine Konferenz.“

Anders als er erhofft hatte, lächelte sie nicht. „Ich besitze kein Kostüm.“

„Macht nichts, wir besorgen dir eines. Ich komme für die Kleidung auf. Denk darüber nach, Abby. Ich biete dir eine Entschädigung für deine Verluste, und du brauchst bloß ein paar Stunden dafür zu arbeiten.“

Er glaubte, fast zu hören, wie sie seinen Vorschlag überdachte.

„Du kannst auch vorher zum Friseur, zur Kosmetikerin, dich neu einkleiden, wenn du willst …“

„Ich fühle mich ganz wohl mit meinem Aussehen, danke“, fiel sie ihm spitz ins Wort.

„Ja, natürlich! Du siehst klasse aus, so wie du bist. Deshalb will ich dich ja. Für die Werbung.“ Oh Mann, was lieferte er hier bloß für eine erbärmliche Vorstellung!

Sie hob ihr Glas. „Ich will kein Honorar. Stattdessen verlange ich das Vorrecht auf eine der freien Gewerbeflächen, die du bewirbst.“ Sie prostete ihm zu. „Ich habe im Internet recherchiert.“

„Ja, ich suche tatsächlich einen Mieter“, log er. „Aber da du noch nicht erwähnt hast, in welchem Gewerbe du …“

„Ich bin Heilmasseurin, also genau das, was dein Center braucht. Ich freue mich schon darauf, es mir anzusehen.“ Sie lehnte sich entspannt zurück. „Hast du dir schon mal dein Horoskop legen lassen?“, fragte sie plötzlich und lenkte seine Aufmerksamkeit in eine gänzlich andere Richtung. „Übrigens ist dein Sternzeichen Stier.“ Sie schnitt sich ein Brötchen auf und bestrich es mit Butter.

Zachary schluckte. „Glaubst du an solchen Kram?“ Die Tatsache, dass sie richtig geraten hatte, war irgendwie beängstigend, aber natürlich purer Zufall.

Sie lächelte auf eine Weise, die ihm die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. „Du bist geerdet, Zachary, und du magst keine Veränderungen. Du magst sinnliche Dinge in deinem Leben. Diese Massage-Sache spricht dich an, das habe ich an deinem Blick erkannt. Außerdem bist du praktisch veranlagt, weshalb du dich fragst, ob du es nicht mal mit einer Unbekannten versuchen solltest, die für deinen Geschmack ein bisschen zu alternativ ist.“ Sie legte eine Pause ein. „Na, wie halte ich mich bisher?“

Du besitzt eine gute Menschenkenntnis, das ist alles. „Das heißt nicht, dass ich in die Gussform passe, die aus der Stellung von ein paar Sternen abgeleitet wird.“

„Du hast ein Haus und ein Center, das nach einem Sternzeichen benannt ist. Übrigens solltest du versuchen, dich mehr zu öffnen.“ Sie leckte sich etwas Butter vom Daumen. „Aber ich vergebe dir, weil du ein Stier bist, und als solcher bist du natürlich auch sehr festgefahren und sturköpfig.“

„Da könntest du recht haben. Denn ich sage dir, dass der sturköpfige Stier nicht schnell aufgibt.“

„Gut für dich.“ Sie sah ihn genauso direkt an wie er sie. „Aber selbst wenn du meinen Vorschlag nicht annimmst, ist das nur ein unbedeutendes Aufbegehren.“

Ihr Essen kam, und für die nächste Zeit sprachen sie nicht, denn Abby schien sich mehr für ihre Linguini zu interessieren. Er fragte sich, wann sie zuletzt richtig gegessen hatte.

Er wartete, bis sie den letzten Krümel von ihrem Teller aufgekratzt hatte, ehe er sagte: „Erzähl mir mehr von deinem Geschäft.“

Sie überlegte. „‚Good Vibrations‘ ist ein ganzheitlicher Ansatz, der sich an Körper, Geist und Seele wendet. Bei meinen Behandlungen sind Aromatherapie und Musik ein wesentlicher Bestandteil, weil ich überzeugt bin, dass die Erfahrung vor allem aus der Stimmung erwächst, die von der Umgebung geschaffen wird. Deshalb muss ich auch die Farbgestaltung bestimmen.“

Was? „Warte mal …“

„Lass mich ausreden. Farben bestimmen unsere Umwelt und unsere Stimmungen.“ Sie blickte sich um. „Sieh dir dieses Café an. Die roten Stoffe und warmen Honigtöne sorgen dafür, dass man sich willkommen fühlt. Die Fenster, hinter denen grüne Palmen und blaues Meer zu sehen sind, laden zum Entspannen ein. Stimmst du mir zu?“

Er lehnte sich zurück, denn er wollte ihr zumindest zuhören. „Sprich weiter.“

„Die unsichtbaren Schwingungen von Farben haben großen Einfluss auf unser Leben. ‚Good Vibrations‘ will Menschen helfen, sich zu entspannen, und zugleich ihre Sinne wecken und beruhigen. Dafür sind Aromatherapie und Musik da.“ Sie lächelte. „Mir wurde schon gesagt, dass meine Massagetechnik Wunder wirkt. Überleg doch mal! Ich könnte Touristen oder Tagungsteilnehmer nach einem langen harten Tag zur Entspannung verhelfen.“

Oh ja, er ließ sich ihren Vorschlag tatsächlich durch den Kopf gehen, auch wenn er im Moment mehr von ihren leuchtenden Augen gefangen war und von der Vorstellung ihrer geölten Hände, die über seinen Rücken glitten …

Aber nicht er, sondern die Gäste sollten in den Genuss ihrer Massage oder Aromatherapie kommen. „Ja, das könnte funktionieren. Aber die Miete von einem Laden in solcher Lage ist nicht billig.“

„Das sind meine Massagen auch nicht“, erwiderte sie mit einem verwegenen Lächeln, während sie sich zu ihrer Tasche bückte. „Gehen wir.“

Ihm wurde entsetzlich heiß, und hilflos ballte er die Fäuste, um seinen Körper zur Raison zu rufen. Doch die schmerzliche Leere seit Dianes Tod und über ein Jahr ohne die Berührung einer Frau ließen sich nicht einfach leugnen.

Bis er sich wieder halbwegs gefangen hatte, war Abby schon aufgestanden und zur Tür gegangen.

Er blickte ihr nach und zückte seine Brieftasche. Dieses Abendessen war rein geschäftlich gewesen, ermahnte er sich im Stillen. Wie überhaupt seine Beziehung zu Miss Abigail Seymour eine rein geschäftliche bleiben würde.

Und warum starrte er dann wie gebannt auf ihren Po und überlegte, welche Art Negligé ihr am besten stünde?

Verdammt! Er zwang sich, den Blick abzuwenden und zückte seine Kreditkarte. Von jetzt an würde er nur noch an die Fotos denken. Er musste entscheiden, wie er Abby anziehen sollte – nicht ausziehen.

Trotzdem war er von Kopf bis Fuß erregt. Worauf hatte er sich bloß eingelassen?

3. KAPITEL

Knapp und betont sachlich erklärte Zachary, wie Abby zum Capricorn Center fahren musste.

Um die plötzliche Spannung zwischen ihnen zu lockern, stellte Abby das Autoradio an und konzentrierte sich auf die Straße. Inzwischen war es dunkel geworden. Der volle Mond ging über dem Pazifik auf und beleuchtete eine Wolkenkratzersilhouette, wie Abby sie in ihrem Zipfel der Welt nie zu sehen bekommen hatte: ein Märchenland aus funkelnden Lichtern.

Nur war sie keineswegs in einem Märchen, Zachary war kein Prinz, und sie brauchte ein Geschäft, das sie mieten konnte.

„Hier ist es.“ Zachary zeigte auf ein weißes Gebäude mit ausladenden Balkonen in den oberen Stockwerken. Einige Fenster waren erleuchtet.

„Wow.“ Sie hielt in der Einfahrt, um es sich genauer anzusehen.

„Es ist schon eröffnet, aber wir stehen noch ganz am Anfang“, erklärte er.

Abby fuhr weiter die geschwungene Einfahrt hinauf und parkte auf Zacharys Anweisung hin in einem überdachten Säulengang. Vor ihr hing ein glänzendes Messingschild: „Capricorn Center“. Die einzigartigen Winkel und architektonischen Feinheiten waren gekonnt ausgeleuchtet, damit der Charme der Anlage auch bei Nacht wirkte.

Eine Reihe alter Pinien trennte das Center von einem weiten Sandstrand und dem im Mondschein glitzernden Meer.

Gemeinsam stiegen sie aus und betraten die Eingangshalle, die von einem gigantischen Kronleuchter erhellt wurde. Die Farbgestaltung gefiel Abby auf Anhieb. Warme Cremetöne wurden hier und da von smaragdgrünen und blassroten Farbtupfern durchbrochen, und Böden wie Treppe waren in poliertem Holz gehalten. Überall reflektierten Spiegel das Licht und verliehen dem Raum mehr Weite.

Abby nahm einen Hauch von Zacharys Rasierwasser wahr. Von diesem Duft würde sie träumen – vorausgesetzt, sie könnte überhaupt Schlaf bekommen.

„Im Erdgeschoss befinden sich die Verwaltung, die Läden, die Konferenzräume und die Speisesäle. In den beiden oberen Etagen sind die Zimmer. Es ist nicht besonders groß, ich setze eher auf Exklusivität.“

„Und wo ist der Raum, der für mich infrage kommt?“

„Da drüben.“ Er führte sie einen breiten Gang hinunter zu einer Doppelglastür. Durch die gegenüberliegende Glaswand sah man die Pinien und den Strand. Dann schaltete Zachary die dezente Beleuchtung ein.

Fasziniert betrachtete Abby die pastellblauen Wände und den etwas dunkleren, pflaumenblau gemusterten Teppich. „Dein Innenarchitekt wusste jedenfalls, was er tat“, stellte sie fest. „Ich bräuchte einen Sichtschutz und vielleicht einen kleinen Tischspringbrunnen hier …“ Sie sollte dringend ihre Begeisterung zügeln. Schließlich mussten sie sich erst mal handelseinig werden.

Wortlos ging er ans Fenster und stemmte die Hände in die Hüften. Offensichtlich rang er gerade mit sich. „Kannst du irgendwelche Referenzen vorweisen?“, fragte er schließlich. „Falls ich zusage, muss ich unseren Gästen deinen Service empfehlen können.“

„Habe ich. Außerdem können du und deine Mitarbeiter eine Gratis-Behandlung bekommen. Meinetwegen kannst du den Anfang machen, sobald ich mich eingerichtet habe.“

„Das wird nicht nötig sein.“

„Ich finde, du kannst wirklich eine Behandlung vertragen.“ Sie sah, wie sich seine Schultern noch mehr verspannten.

„Na schön. Ich biete dir drei Monate mietfrei zur Probe, wenn du im Gegenzug die Fotoserie für meine Werbekampagne machst. Alle Auslagen, also die Sachen, die du für die Fotos anziehst, zahle ich.“

Ja! Da er mit dem Rücken zu ihr stand, ließ sie ihrer Begeisterung freien Lauf und boxte in die Luft. „Es wird dir nicht leidtun.“

„Was ist mit einer Massageliege?“, fragte er, wobei er sich mit der Hand durch den Kragen fuhr, als wäre ihm heiß.

„Brauche ich nicht. Ich arbeite lieber auf dem Boden.“ Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, die Angelegenheit rein professionell anzugehen, sah sie plötzlich Zachary Forrester vor sich, der nackt vor ihr lag, während sie ihn mit öligen Händen massierte. Das war ganz und gar nicht professionell!

Endlich drehte er sich wieder zu ihr um. „Ich komme für Regale und Schränke auf, den Rest musst du selbst besorgen.“

„Prima. Ach ja, und ich hätte es gern schriftlich.“

Er trat ein paar Schritte vom Fenster weg und nickte. „Schön, dass du vorsichtig bist. Ich lasse den Vertrag gleich morgen früh aufsetzen und bringe ihn zu dir … Du hast mir gar nicht gesagt, wo du wohnst.“

„Nein.“ Und das hatte sie auch nicht vor. „Ich komme morgen her. Du kannst dich auf mich verlassen, Zachary, ich werde hier sein. Dieser Tag fing so furchtbar an, und jetzt …“ Sie ging ein Stück auf ihn zu. „Ich danke dir.“ Dann legte sie die Arme um ihn und gab ihm einen harmlosen Kuss.

Leider war nichts Harmloses daran, wie ihr Körper reagierte. Ihre Lippen schienen zu brennen. Verwirrt wich sie zurück und starrte Zachary an. Nein, nicht Zachary, nur seinen Mund.

Seine Hände waren an ihrer Taille, und er beugte sich vor, als wollte er … sie wieder küssen?

Nein, er hielt sie fest, weil sie bedenklich schwankte.

Und er wirkte alles andere als begeistert. „Bist du immer so überschwänglich?“, fragte er vorwurfsvoll und nahm seine Hände herunter.

Ihr entging jedoch nicht, dass seine Augen dabei gefährlich funkelten. „Leider ja. Entschuldige.“ Verlegen trat sie einen Schritt zurück. „Wir sollten … darüber schlafen.“

Er musterte sie schweigend, als sie sich abwandte, und sie fühlte, dass er ihr nachblickte.

„Versuch’s mal mit Kamillentee“, schlug sie vor, als sie sich an der Tür noch einmal zu ihm umwandte. „Obwohl … bei den Lendenbeschwerden … nimm lieber Baldrian.“

Abby bog auf den Campingplatz ein, auf dem sie sich nachmittags eine Parzelle ohne Stromanschluss gebucht hatte, und stellte den Motor ab. „Willkommen in deinem neuen Zuhause, Abby“, murmelte sie, sah zu den nahe gelegenen Ferienapartmenthäusern und wünschte, sie könnte irgendwo dort in einem gemütlichen Bett liegen.

Stattdessen hockte sie ohne Bett inmitten von Surfern. Aber sobald der Vertrag mit Zachary unterzeichnet war, könnte sie wenigstens ihre Sachen ausladen und hinten auf der Ladefläche schlafen. Das war immer noch nicht ideal, doch wenigstens einigermaßen erträglich.

Nun drückte sie die Kurzwahl für Aurora auf ihrem Handy. Den ganzen Tag hatte sie den Anruf aufgeschoben, weil sie hoffte, bessere Neuigkeiten zu haben.

Als die vertraute Stimme erklang, hatte Abby sofort einen Kloß im Hals. Aurora bedeutete ihr mehr als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Als Aurora und ihr Ehemann Bill die rebellische sechzehnjährige Abby aufnahmen, hatte Abby keine Ahnung gehabt, wie sehr sich ihr Leben verändern sollte.

Sie drückte das Handy fest an ihr Ohr. „Hi, Rory, ich bin’s.“

„Abby, Gott sei Dank! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, weil ich nichts von dir gehört habe.“

„Ich war sehr beschäftigt. Aber wie geht’s dir? Was macht die Arbeit?“

„Beides bestens, danke. Und wie sieht es bei dir aus? Hast du den Job bekommen, auf den du gehofft hattest?“

„Ja, das habe ich“, antwortete Abby, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach. „Meine Räume liegen in einem neuen Konferenzzentrum. Stell dir vor, Rory, es heißt Capricorn Center, Einhorn. Und da könnte ich jede Menge Kunden kriegen.“

Abby hatte Aurora nicht verraten, dass sie sich selbstständig machen wollte und hoffte, sie baldmöglichst herzuholen.

„Capricorn? Na, wenn das kein gutes Omen ist.“ Aurora zögerte kurz, ehe sie fortfuhr: „Ich weiß ja, dass du jetzt dein eigenes Leben führst, aber vielleicht kann ich mal vorbeikommen, wenn es mir besser geht, und eine Weile bei dir bleiben.“

Natürlich wollte Abby sie nicht glauben lassen, sie hätte sich so kurz nach Auroras Schlaganfall einfach allein nach Queensland verdrückt, weil dort das Wetter besser war. Aber wenn sie ihr die Wahrheit sagte, würde Aurora darauf bestehen, ihr finanziell auszuhelfen, und das durfte Abby nicht zulassen. Sie hatte ihrer Pflegemutter schon genug zu verdanken und wollte nicht noch tiefer in ihrer Schuld stehen. „Ja, sicher, Rory. Sobald ich mich hier eingerichtet und Fuß gefasst habe, hole ich dich her.“

„Ich freue mich darauf. Wie ist dein neuer Boss? Welches Sternzeichen ist er?“

Boss? Der Einzige, der einem Boss ähnelte, war … Zachary. Abbys Herzschlag setzte kurz aus. Sie konnte sein Rasierwasser immer noch riechen und fühlte noch seine Lippen auf ihren. „Er heißt Zachary Forrester und ist Stier.“

„Aha …“

Der Ton behagte Abby nicht. „Was willst du damit sagen?“

„Nichts, Kleines. Er ist fleißig, praktisch und natürlich dickköpfig.“

Vergiss nicht groß, umwerfend, verführerisch. „Dickköpfig kann man wohl sagen“, pflichtete Abby ihr bei, „vor allem, was alternative Überzeugungen und Praktiken angeht.“

„Lass dich nicht von ihm einschüchtern.“

Beinahe hätte sie gelacht. Wohl eher dürfte sie diejenige gewesen sein, die ihn einschüchterte. „Keine Sorge. Pass auf dich auf. Ich melde mich morgen wieder.“

Den Sonnenaufgang über dem Wasser sah Abby nicht, spürte aber die wärmenden Strahlen, die durch die Windschutzscheibe ins Auto fielen. Sie hatte unglaublich schlecht geschlafen, und nun tat ihr alles weh.

Gähnend strich sie sich übers Haar und streckte sich, so gut es ging, um die Verspannungen zu lösen. Dann blickte sie sich um.

Palmen bogen sich träge in der Meeresbrise, Kinder planschten im Pool des Campingplatzes, und irgendein Sadist briet Schinken. Sehnsüchtig atmete sie den leckeren Duft ein, während sie eine überreife Banane, einen Müsliriegel und eine Flasche Wasser hervorkramte.

Anschließend wühlte sie in ihrem Koffer nach einem Kleidungsstück, das nicht gebügelt werden musste, und entschied sich für Jeansshorts und ein ärmelloses orangenes Top. Eine belebende Dusche und …

Ihr Handy klingelte. Sie beugte sich zum Fahrersitz und nahm es auf. „Hallo?“, meldete sie sich mit dem Mund voller trockenem Müsli.

„Guten Morgen.“

Prompt verschluckte sie sich an den Körnern, hustete und schluckte angestrengt. „Guten Morgen.“

„Störe ich dich gerade beim Frühstück?“

„Ja. Nein. Ich bin fast fertig.“

„Hast du es dir anders überlegt?“

„Nein. Du?“

„Nein. Der Vertrag ist aufgesetzt. Sobald wir ihn beide unterschrieben haben, gehen wir einkaufen.“

Wir? „Nun …“ Natürlich wollte er mitkommen. Das hatte er ihr bereits deutlich zu verstehen gegeben. Immerhin war es sein Geld – und seine Werbekampagne. Er hatte also das Sagen. Aber sich auszumalen, wie sie ihren Körper in nichts als einem Badeanzug vor Zachary Forrester zur Schau stellte, jagte ihr heiße und kalte Schauer über den Rücken.

„Ich hatte dir gesagt, dass ich für alles aufkomme“, sagte er, als sie zögerte.

„Du überlässt mir schon die Räumlichkeiten mietfrei.“

„Das gehört zu unserem Deal“, erwiderte er. „Wo soll ich dich abholen?“

Beinahe hätte sie laut aufgelacht. Er versuchte wirklich alles, um herauszufinden, wo sie wohnte. „Ich treffe dich im Capricorn Center. Ich muss sowieso meine Sachen ausladen.“

„Da ist abgeschlossen. Wahrscheinlich ist es einfacher, wenn wir uns bei mir treffen. Hier liegt auch der Vertrag.“ Er machte eine kurze Pause. „Sagen wir in einer Stunde. Ich muss meinen Wagen noch bei Freunden abholen. Dann erledigen wir den Papierkram und stürzen uns anschließend ins Gewimmel.“

Er war nicht da. Abby klopfte noch einmal. Nichts. Wahrscheinlich war er noch unterwegs. Sie nutzte die Gelegenheit, um hinters Haus zu gehen, die frische Meeresluft einzuatmen und die Sonne auf ihren nackten Beinen zu spüren.

Auf einer Seite waren die Panoramafenster mit vergilbtem Zeitungspapier verklebt. Eine Veranda führte um das ganze Haus herum, auf der hinten eine alte Couch und ein Korbschaukelstuhl standen. Vor einem großen Fenster waren ein kleiner Tisch und zwei Stühle aufgebaut. Es musste das Küchenfenster sein, denn durch die Scheibe sah Abby ein schon gelbliches Bund Petersilie.

Kochte Zachary etwa? Neugierig näherte sie sich dem Fenster, spähte hinein und entdeckte eine sehr moderne Küche. Die Wände waren butterblumengelb gestrichen, und hier und da waren grüne und terrakottafarbene Akzente gesetzt. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr, und der Küchentisch sah eher wie eine Werkbank aus …

Jemand war hinter ihr.

Sie spürte ein aufsteigendes Kribbeln und drehte sich um. „Hi … Zachary“, begrüßte sie ihn verlegen und wurde rot.

Er stand unten an der Verandatreppe, die Hände in den Taschen einer hellen Baumwollhose vergraben, die Augen von einer Sonnenbrille abgeschirmt. Sein strenger Mund allerdings ließ keinen Zweifel daran, dass es ihm nicht gefiel, sie zu ertappen, wie sie in seine Fenster sah.

„Tut mir leid, dass du warten musstest“, sagte er und fügte sarkastisch hinzu: „Von drinnen hast du einen besseren Blick.“ Dann drehte er sich um und ging zur Vorderseite des Hauses.

Abby holte ihn erst ein, als er bereits aufschloss. Der Mann wechselte seine Stimmungen offenbar im selben Tempo wie das Meer seine Farbe. Er sollte dringend etwas lockerer werden. „Entschuldige …“, begann sie und legte eine Hand auf seinen Arm, worauf er zusammenzuckte.

Sie war schon immer jemand gewesen, der andere Menschen gern berührte, und sie sah auch keinen Grund, ihre Angewohnheit jetzt zu ändern. Trotzdem sollte sie bei ihm zurückhaltender sein. „Ich hätte nicht reingucken sollen. Es war nur … Bist du sicher, dass du es dir nicht anders überlegt hast?“

„Ganz sicher. Und du darfst dich gern näher umsehen.“ Er schien sich wirklich Mühe zu geben, weniger verkrampft zu sein. Nun nahm er die Sonnenbrille ab und sah ihr in die Augen.

Wow. Heute waren sie meerblau und so tief, dass Abby in ihnen versinken und sich in ihrem Mysterium verlieren wollte. Denn genau das waren sie: rätselhaft. Mal waren sie sinnlich verführerisch, dann wieder eiskalt. Und Abby wollte ergründen, warum. „Dann wäre alles geklärt?“

„Ja. Nach dir.“

Erst jetzt bemerkte sie, dass er ihr die Tür aufhielt. „Danke.“ Ihre Schulter streifte flüchtig seine Brust, gerade genug, dass sie seine Hitze spüren konnte, bevor sie wieder in das Chaos von gestern trat.

„Das hier soll der Wohn-Ess-Bereich werden“, sagte er, hob ein paar lose Nägel vom Boden auf und warf sie in einen kleinen Kasten. „Hinten gibt es noch einen Raum, der früher ein Atelier mit angeschlossener Küche und eigenem Bad war, aber mit der Renovierung dort habe ich noch nicht mal angefangen.“

Aha. Dazu gehörten sicher die verklebten Fensterscheiben. „Was willst du später mal mit dem Haus machen?“

„Das habe ich noch nicht entschieden. Hier lang geht’s zur Küche.“ Er öffnete eine Seitentür zu einem Flur, dessen Dielen frisch geschliffen und versiegelt waren, und eilte so schnell an zwei Schlafzimmern vorbei, dass Abby kaum etwas davon sah. „Ich warte noch auf den Tiefkühlschrank. Ansonsten ist alles da.“

Sie nickte. Von der Küche aus führte eine Glasschiebetür hinaus auf die Veranda mit dem Tisch und den Stühlen. „Ein Raum zum Essen und Entspannen.“

Er lächelte schwach. „Viel Zeit zum Entspannen hatte ich bisher allerdings noch nicht. Kaffee?“, fragte er und griff nach dem Heißwasserkocher.

„Ja, gern, danke.“

Während er nach einem sauberen Becher suchte, schaute Abby sich um, bewunderte die Terrakottabehälter, die ordentlich vor dem Fliesenspiegel aufgereiht waren, und atmete genüsslich den Kaffeeduft ein.

Ihr fiel eine Hochzeitseinladung ins Auge. „Nick und Tina würden sich freuen, Zachary Forrester und Begleitung zur Vermählung …“ Die Eltern seines Patenkindes.

Hm. Wer mochte die glückliche Begleitung sein? Abby schüttelte den Kopf. Das ging sie nichts an.

Dann entdeckte sie einen Stapel Kochbücher auf einem Schrank in der Ecke. „Kochst du gern?“ Sie blätterte den Stapel durch und angelte ein Buch weiter unten hervor. Sinnliches Essen für Verliebte.

Es war ein Geschenk von einer Frau namens Diane, wie Abby der Widmung entnahm, und das Datum lag ein paar Jahre zurück. Was für eine Überraschung! Ein Kochbuch mit sinnlich-erotischen Bildern. Zachary Forrester konnte also auch verspielt sein. Sie schlug willkürlich eine Seite auf. Oh … sehr verspielt. Ob er häufiger kochte? Und was tat er gewöhnlich nach solchen Essen für zwei …

„Ich komme selten dazu“, sagte er, bevor sein Blick auf das Buch in ihren Händen fiel, und er erstarrte.

Dann sah er in ihre Augen, und auf einmal war die Atmosphäre aufgeladen von sexueller Spannung, bei der Abby wohlig schwach wurde.

„Offensichtlich genießt du es aber sehr, wenn du die Zeit hast.“ Sie strich über das erotische Bild und lächelte, als sie sah, wie Zacharys Augen von ihr zum Fenster und wieder zum Buch wanderten.

Er räusperte sich, als wollte er gewaltsam das Thema wechseln. „Sieh dich ruhig weiter um, solange der Kaffee kocht. Ich hole gleich die Verträge.“

„Okay.“ Sie stellte das Buch aufrecht gegen den Stapel, damit Zachary direkt auf das Bild blickte, aber er widmete sich ganz dem Wasserkocher. „Ich freue mich schon darauf, deine Kochkünste mal vorgeführt zu bekommen.“

Zachary drehte ihr den Rücken zu. Wie schaffte Abby es, seine Gefühle von einem unkontrollierbaren Extrem ins andere zu treiben? Bleib cool! Das hier durfte nicht passieren. Es würde nicht passieren.

Es war bereits geschehen.

Er war so hart wie die Granitarbeitsplatte. Zum Glück hatte Abby es nicht gesehen. Er hatte gedacht, dass er das verdammte Kochbuch längst weggeschmissen hatte. „Das wird unserem Liebesleben etwas mehr Würze verleihen“, hatte Diane gesagt, als sie es ihm zum dritten Hochzeitstag schenkte.

Allein Abby mit dem aufgeschlagenen Buch in der Hand zu sehen, hatte seinem Morgen schon reichlich Würze verliehen. Ganz zu schweigen von ihrer herausfordernden Bemerkung.

Er nahm das Buch und wollte es in den Müll werfen, aber damit gab er zu, dass Abby ihn nicht kalt ließ. Stattdessen schob er es unter ein Buch über Holzarbeiten.

Diane war tot. Und seine Schuldgefühle waren der Preis, den er zahlte – einschließlich der Entscheidung, den Rest seines Leben allein zu bleiben.

Deshalb musste diese seltsame Anziehung, die Abby auf ihn ausübte, rasch und endgültig eingedämmt werden. Selbst wenn er nach einer Frau suchte, wäre Abigail Seymour eindeutig die falsche für ihn. Er wusste nicht, ob er ihr traute; er konnte nicht einmal sagen, ob er sie überhaupt mochte.

Trotzdem musste er heute mit ihr einkaufen fahren. Die Fotoserie konnte nicht warten, bis er seine verrückte Libido im Griff hatte.

„Da bin ich wieder, und sehr beeindruckt, Zachary Forrester.“

Zachary schloss die Augen. Wenn sie seinen Namen sagte, passierte etwas mit ihm. Dabei ahnte sie nicht einmal, welche Wirkung sie auf ihn hatte. „Der Kaffee ist fertig“, sagte er. „Wie trinkst du ihn?“

„Mit Milch, ohne Zucker, bitte.“

„Ich auch.“ Erst jetzt sah er sie an. „Und nun sollten wir uns überlegen, welche Sachen wir dir heute kaufen.“

„Dein Geld, deine Fotos, deine Entscheidung.“

Er rührte Milch in die Becher und entspannte sich ein bisschen. Wenigstens das Einkaufen würde leicht werden.

Es war ganz und gar nicht leicht. Er sollte doch wissen, dass keine Frau immun war, wenn es ums Einkaufen ging.

Am Ende hatten sie genug Sachen, um ein ganzes Hochhaus zu füllen. Seinen Vorschlag, alles in ihr Hotel zu bringen, wo sie einzelne Kombinationen für die Fotos zusammenstellen konnten, lehnte sie ab. Schließlich einigten sie sich darauf, mit den Sachen ins Capricorn Center zu fahren, wo sie gleich Abbys Van ausladen konnten.

Danach begleitete er Abby mit den neuen Outfits in eine der Suiten nach oben, bevor er ins Büro ging.

Dort fand er Tina auf dem Boden kniend vor, wie sie Büromaterial auspackte. „Hi, Tina. Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst dir heute freinehmen?“

„Zachary, hi!“ Sie lächelte ihm kurz zu, bevor sie einen Karton mit einem Teppichmesser aufschlitzte. „Du kennst doch meine Mutter. Sie bestand darauf, Danny zu nehmen, und so abgöttisch ich den Kleinen auch liebe, ich konnte gut eine kleine Pause gebrauchen.“

„Es war sehr schön gestern, Tina, und ich fühle mich geehrt, dass ihr mich als Paten gewählt habt.“

„Tja, hoffentlich fühlst du dich auch noch geehrt, wenn er siebzehn ist.“

„Jede Wette.“ Zachary überlegte, wie sein Leben wohl aussehen würde, wenn Daniel in die rebellischen Jahre kam. „Ich wollte es eigentlich selbst machen, aber wo du schon mal hier bist, kannst du bitte den Fotografen anrufen und für morgen einen Termin vereinbaren? Ach ja, und wir brauchen einen Friseur und einen Visagisten vor Ort. Ich will die Aufnahmen möglichst schnell fertig haben, damit wir die Website freischalten können. Und sorg doch bitte auch dafür, dass die Broschüren in den Druck gehen, sobald die Fotos da sind.“

„Dann hast du ein Model gefunden?“ Tina blickte zu ihm auf.

„Na ja, sie ist eigentlich kein Model, eher eine … Massagetherapeutin.“ Was wusste er überhaupt von ihr? „Sie mietet den freien Raum im Erdgeschoss, erst mal nur zur Probe. Warten wir ab, wie gut es ankommt.“

„Du siehst nicht sonderlich begeistert aus. Macht sie dir jetzt schon Stress?“

Und ob! „Wir sind noch mitten in den Verhandlungen – jedenfalls was die Outfits betrifft.“

„Und wie ist sie so?“ Tina stand auf und begann, alles in die Schränke einzusortieren.

„Groß, schlank, rothaarig …“ Er sah das Bild von ihr gestern am Strand vor sich, als die langen Beine durch den hauchdünnen Rock schimmerten. Mit Absätzen wäre ihrer Mund genau auf einer Höhe mit seinem und …

„Zachary? Du siehst … genervt aus.“

Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Nein, ich war nur Shoppen, und wir dürften sämtliche Boutiquen in der Stadt leer gefegt haben. Wie soll ich da nicht genervt aussehen?“

„Okay. Also, du hast mir immer noch nicht verraten, wie sie ist.“

„Alternativ. Hippieklamotten.“ Obwohl die Shorts heute sehr modern und lässig waren. „Klimpernder Schmuck. Und sie hat’s mit Astrologie und so.“

„Ach, die Sorte Frau, die sich mit Mondessenz besprenkelt?“

„Ja, die Sorte.“

„Also gar nicht dein Typ.“

„Nein“, antwortete er zu hastig, wie er an Tinas Blick ablas.

„Kennst du sie schon länger?“

„Erst seit gestern.“

„Aha.“ Tina lächelte. „Das erklärt das Parfum, das ich bei der Taufe an dir gerochen habe.“

„Sie war ausgerutscht …“

„Und du hast sie gerettet. Okay, und jetzt erzähl der lieben Tina den Rest.“

Als er Tina berichtete, unter welchen Umständen Abby und er sich kennengelernt hatten, wurde sie ernst.

„Das klingt alles ziemlich merkwürdig, Zachy. Sei vorsichtig.“ Sie tätschelte ihm die Hand. „Unschuldige Augen können gefährlich sein.“

Ein unschöner Gedanke ging ihm durch den Kopf. Während er hier stand, könnte sie sich mit Einkäufen im Wert von mehreren Tausend Dollar auf und davongemacht haben.

Nein. Für gewöhnlich täuschte ihn seine Menschenkenntnis nicht.

Andererseits schien er seit gestern Morgen den Verstand verloren zu haben. „Ich bin vorsichtig“, versprach er Tina. „Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss mich noch um ein paar Sachen kümmern.“

4. KAPITEL

Wer war die Frau, die sie da vor sich sah? Ungläubig betrachtete Abby ihr Spiegelbild. Mit einem dunkelblauen Kostüm, weißer Bluse und flachen Schuhen konnte man eigentlich nichts verkehrt machen. Und was probierte sie als Nächstes? Badeanzug, Abendkleid oder Negligé?

Zachary hatte ihr gesagt, sie solle sich von allem das aussuchen, was ihr am besten gefiel. Aber bei der Riesenauswahl? Und in einer Luxussuite, in der sie sich wie ein Filmstar vorkam?

Sie zog sich vollständig aus und wählte ein weißes Nachthemd, dessen Seide wie sanfter Regen über ihre Haut glitt. „Was meinst du, Zachary?“, fragte sie in Richtung Bett, während sie sich ausmalte, er läge dort nackt ausgestreckt, den Kopf aufgestützt, und würde sie lüstern ansehen.

„Wie ziehst du eine Frau aus? Sanft und langsam oder lieber schnell und ungeduldig?“ Nun, er könnte es sich auch ohne Weiteres leisten, ihr die Kleidung einfach vom Körper zu reißen.

Es war schon eine ganze Weile her, seit sie das letzte Mal mit einem Mann geschlafen hatte. Ihre bisherigen Beziehungen waren kurz und ausnahmslos enttäuschend gewesen. Kein Mann war ihrem Ideal gerecht geworden. Und dabei sehnte sie sich so sehr danach, geliebt zu werden, dass sie den Erstbesten, der ihr Aufmerksamkeit schenkte, in ihr Herz und in ihr Bett ließ.

Leider interessierten die sich dann meist weder für das, was sie dachte, noch für ihre Familiengeschichte. Sie wollten bloß so viel Sex wie möglich, was Abby in ihrer Naivität für Leidenschaft gehalten hatte.

Zum Glück war sie heute nicht mehr naiv – was sie leider allzu schnell vergaß, sobald sie in Zachary Forresters meerblaue Augen sah.

Wer weiß, wenn ihr Geschäft erst einmal lief und sie sich eine Wohnung gesucht hatte, würde sie ihn vielleicht nicht mehr so oft sehen. Dann war sie weniger versucht, an ihn zu denken.

Ja, natürlich. Er hatte sein eigenes Leben, und sie würde arbeiten und sich ansonsten um Aurora kümmern, die sie brauchte. Es tat gut, gebraucht zu werden – und erwünscht zu sein. Aus leidvoller Erfahrung wusste Abby, was es hieß, in Pflegefamilien zu leben, denen es einzig ums Geld ging.

Als es an der Tür klopfte, sprang sie aus dem Bett und sah sich nach etwas um, womit sie sich bedecken konnte. Doch das Klopfen wurde immer heftiger.

„Moment. Ich komme!“ Sie hielt sich eine Hand vor die Brust des durchsichtigen Nachthemds und öffnete die Tür. „Zachary? Was ist denn?“

Er stand mit erhobener Faust da, bereit, ein weiteres Mal gegen die Tür zu hämmern. Kaum sah er sie, nahm er die Hand herunter. Dann musterte er sie mit einem Blick, bei dem ihr unerträglich heiß wurde.

„Warum donnerst du denn so gegen die Tür?“, fragte sie, als er ihr nicht antwortete.

„Entschuldige, ich habe überreagiert“, murmelte er und ging an ihr vorbei direkt zum Fenster der Suite.

„Überreagiert worauf?“

Auch diese Frage beantwortete er nicht. „Du solltest in diesem Aufzug nicht einfach die Tür öffnen.“

„Na, hör mal, so dringend, wie das klang! Niemand außer dir weiß, dass ich überhaupt hier bin. Und außerdem hast du gesagt, du willst die Sachen am Model sehen. Bitte, da hast du’s.“ Sie breitete die Arme aus. „Was hältst du davon?“

Er drehte sich immer noch nicht zu ihr. „Ich denke, du solltest bei den Aufnahmen etwas darunter tragen.“

Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr eine zerzauste Rothaarige, deren Brustspitzen sich deutlich durch die weiße Seide abzeichneten. „Oh, ich verstehe, was du meinst, aber du hast das Negligé ausgesucht. Ich bin bloß das Model. Und wenn du mich fragst, sieht es mit Tanga und Spitzen-BH darunter nur nuttig aus. Wir müssen ein dunkleres Negligé nehmen.“ Sie nahm sich ein paar andere Sachen. „Ich probiere mal das rote an“, sagte sie und wollte ins Bad gehen.

Als sie ihn im Profil sah, bemerkte sie, dass er die Augen geschlossen hatte und sich die Nasenwurzel rieb. „Schon gut“, murmelte er hörbar angestrengt. „Ich vertraue deinem Urteil. Sei morgen um acht hier. Der Fotograf kommt um halb neun.“

„Klar, wie du willst. Dann gehe ich mich umziehen und verschwinde.“

Aber er wartete nicht, bis sie so weit war. „Nimm alles mit, was du anprobieren willst, und lass den Rest hier. Wir machen die ersten Aufnahmen morgen in dieser Suite.“

Sie blickte ihm nach, als er die Tür aufriss. „Bis morgen“, flüsterte sie, doch er war schon weg.

Kurze Zeit später kam Abby wieder auf dem Campingplatz an. Sie fühlte sich verschwitzt und hatte schlechte Laune. Über dem Ozean braute sich ein Gewitter zusammen.

Die Aussicht, den Abend im Wagen zu hocken, während es draußen regnete, baute sie nicht gerade auf. Wenigstens hatte sie jetzt hinten mehr Platz, um richtig zu schlafen.

Als Erstes rief sie Aurora an, fasste sich jedoch kurz, weil der Akku fast leer war. Dann nahm sie sich ihre Tüte aus dem Supermarkt und stieg aus dem Van. Sie hatte sich eine Packung einfache Cracker gekauft, etwas Salatgemüse, was sie in der Gemeinschaftsküche vorn schneiden konnte, und eine Dose Thunfisch.

„Jetzt weiß ich, warum du dich nicht von mir abholen lassen wolltest.“

Erschrocken drehte sie sich um. Zachary stand hinter ihrem Van, das Gesicht im Schatten und eine Hand an der Heckscheibe aufgestützt.

„Was machst du hier?“

„Ich wollte mich entschuldigen, weil ich so schroff zu dir war.“

„Ja, das stimmt, aber du bist nicht hier, um dich zu entschuldigen, Zachary, du bist mir gefolgt.“ Sie stellte ihre Tüte zurück auf den Beifahrersitz. „Du traust mir nicht und denkst, ich will dich übers Ohr hauen.“ Ihr entging nicht, dass sein Wangenmuskel zuckte. „Ich weiß zwar nicht, was du dir vorstellst, aber ich kann noch nicht mal sagen, dass ich es dir übel nehme.“

„Ich habe nicht …“

„Gib’s doch zu, Zachary. Ich lege großen Wert auf Ehrlichkeit.“

Da war ein Flackern in seinen Augen, als wäre er schon einmal betrogen worden. „In dem Punkt sind wir uns vollkommen einig.“ Er trat vom Van weg. „Ich hatte mir Sorgen gemacht, und jetzt bin froh, dass ich es getan habe. Wie lange hattest du vor, hierzubleiben? Du hast noch nicht einmal Strom!“

„Ich wollte mir vielleicht ein Zelt kaufen.“

„Du willst in einem Zelt wohnen? Wie lange?“ Er schüttelte den Kopf. „Vergiss es. Zurück in den Wagen.“

„Wie bitte?“

„Steig endlich ein. Du kommst mit zu mir.“

„In dein Haus?“ Nun schüttelte sie den Kopf. „Danke für das Angebot, aber es ist offensichtlich, dass du mich da nicht haben willst.“

Einen Herzschlag lang glaubte sie zu bemerken, wie sich sein Blick verfinsterte. Doch dann zuckte er mit den Schultern. „Ich habe ein Gästezimmer. Und du kannst dir wenigstens heißes Wasser machen, anständig duschen und dir etwas kochen.“

„Nein. Ich habe mich selbst in diese Lage gebracht, und …“

„Du kommst mit mir, oder unser Deal ist geplatzt“, fiel er ihr streng ins Wort.

„Ha! Du brauchst mich für deine Fotos.“ Und ich brauche den Praxisraum.

Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Komm jetzt einfach.“

„Ich nehme keine Almosen. Falls ich in deinem Haus wohne, erarbeite ich es mir. Ich könnte putzen, kochen oder deine Wände streichen, wenigstens so lange, bis ich Geld verdiene. Dann suche ich mir eine eigene Wohnung.“ Sie verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Also, haben wir einen Deal?“

Zachary wollte Abby nicht bei sich zu Hause haben, nicht an seinem Küchentisch, nicht in seinem Bad. Aber was blieb ihm anderes übrig? Er bog in die Einfahrt und sah im Rückspiegel, wie sie hinter ihm parkte.

Er sah auch, wie sie ausstieg, sah die langen Beine und das rote Haar. War er denn wahnsinnig, sie sich ins Haus zu holen?

Das musste er wohl sein.

Er besaß ein einziges Badezimmer, das nur über sein Schlafzimmer zugänglich war. Seufzend lehnte er sich zurück. Seine Entscheidung war voreilig gewesen. Andererseits hätte er unmöglich einfach wegfahren können, als er begriff, dass sie in ihrem Wagen schlief. Nein, es gab keine andere Möglichkeit, dachte er und stieg aus dem Auto.

Abby zog bereits zwei Rollenkoffer zur Haustür. Dass sie in ihrem Wagen waren, hatte nachmittags noch sein Misstrauen geschürt. Jetzt wusste er, dass sie vorgehabt hatte, auf unbestimmte Zeit aus den Koffern zu leben – und in ihrem Wagen zu schlafen.

Nein, er hatte das einzig Richtige getan, auch wenn es sich alles andere als klug anfühlte. Aber zumindest war es anständig.

Er schloss die Tür auf. „Du weißt ja, wo das Zimmer ist. Richte dich in Ruhe ein. Bettwäsche und Handtücher sind im ersten Schrank. Im Atelier gibt es eine zweite Toilette, aber das Bad müssen wir uns vorerst teilen.“

„Oh“, machte sie unsicher.

Ja, mir gefällt das genauso wenig.

Dann lächelte sie. „Das wird schon. Ich dusche sehr schnell.“

„Wenn du willst, ziehe ich ins Gästezimmer und überlasse dir meines.“

„Auf keinen Fall“, entgegnete sie hastig. „Aber vielen Dank.“ Wieder lächelte sie. „Zum Glück hast du überhaupt ein Gästezimmer, sonst hätten wir ein echtes Problem.“

Das hatte er so auch. „Du hast noch nichts gegessen“, sagte er.

„Nein, aber ich habe alles für einen Salat da. Ich muss nur …“

„Okay. Du machst den Salat, und ich werfe uns ein paar Steaks auf den Grill.“

Sie aßen an dem kleinen Tisch auf der Veranda, während der Regen die Schwüle fortwusch. Jetzt war die Luft herrlich frisch. Als es dunkel wurde, zündete Zachary Zitronellakerzen an, die er auf das Verandageländer und den Tisch stellte. Reine Mückenabwehr, sonst nichts. „Noch Wein?“

„Gern, danke.“

Er schenkte ihr nach, lehnte sich zurück und beobachtete Abby, wie sie hinaus in den dunklen Garten schaute. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich sofort nach dem Essen zu entschuldigen und weiter die Tapeten im Wohnzimmer abzureißen. Es musste am Wein liegen, dass er den Moment nun doch aufschob.

Er hatte ganz vergessen, wie sehr er es genoss, zu Hause bei einer Flasche Rotwein zu entspannen, wenn jemand da war, mit dem er reden konnte. Sogar wenn dieser Jemand ihn heute Nacht um den Schlaf bringen würde.

„Hier ist es wunderschön“, flüsterte Abby. „Zu Hause in Victoria sitzen sie jetzt drinnen vor den Öfen.“

„Ich habe mein ganzes Leben in Queensland verbracht, aber ich stelle mir ein Kaminfeuer ganz lauschig vor. Hattet ihr einen Kamin zu Hause?“

„Ja, das ist allerdings eine Ewigkeit her.“ Eine ganze Weile blickte sie in die Kerze. „Ich muss ungefähr vier Jahre alt gewesen sein, da hat meine Mutter eines Abends für meine kleine Schwester und mich ein Picknick vor dem Kamin gemacht. Wir haben Brot an einer langen Gabel über dem Feuer geröstet. Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass sie uns damals den Strom abgeschaltet hatten.“

Interessiert beugte er sich vor. Es war das erste Mal, dass sie ihm etwas über sich erzählte. „Hast du bisher bei deiner Familie gewohnt?“

„Bei meiner Pflegemutter.“ Sie lächelte verträumt. „Ich hatte gehofft, sie herzuholen. Vor einiger Zeit hatte sie einen Schlaganfall, und die Kälte setzt ihr zu. Ich dachte, ein wärmeres Klima wäre gut für sie. Als ich die Anzeige für das Haus sah, war ich überzeugt, dass es unsere Chance wäre. Ich könnte zu Hause arbeiten und mich gleichzeitig um sie kümmern. Jetzt hoffe ich nur, dass ich bald genug verdiene, um sie herzubringen.“

„Wer kümmert sich um sie, solange du weg bist?“

„Sie hat eine Pflegerin, die bei ihr wohnt.“ Nachdenklich legte Abby die Arme auf den Tisch. „Sie kann es sich leisten, aber ich würde sie lieber selbst pflegen.“

Ihre Entschlossenheit und die Liebe und Sorge um ihre Pflegemutter imponierten ihm. „Du sagtest, sie ist deine Pflegemutter?“

„Meine Mutter starb, als ich vier war, und meinen Vater kenne ich nicht.“

„Aber du hast eine Schwester.“

„Die habe ich seit der Nacht, in der meine Mutter starb, nicht mehr gesehen. Wir kamen bei unterschiedlichen Pflegefamilien unter.“ Plötzlich schüttelte sie den Kopf. „Nicht zu fassen! Jetzt erzähle ich dir schon meine ganze Lebensgeschichte. Entschuldige.“ Sie stand auf. „Ich gehe abwaschen.“

„Das mache ich …“

Beide griffen gleichzeitig nach der Salatschüssel, und vor Schreck starrten sie einander an.

Dann löste Abby die Spannung, indem sie in die Schale langte. „Aufessen“, sagte sie und drückte ihm etwas Weiches an die Lippen. „Man verschwendet doch keine leckere Cherry-Tomate.“

Seine Lippen öffneten sich ganz von selbst, und als Abby lachte, funkelten ihre grauen Augen im Kerzenlicht. „Du siehst aus, als hätte dich der Schlag getroffen. Dachtest du, ich wollte …?“ Der amüsierte Ausdruck blieb, doch sie verstummte und leckte sich die Unterlippe, während sie sich näher zu ihm beugte.

Zachary war sich gar nicht bewusst, dass er ihr entgegenkam und eine Hand hob, um ihre Wange zu streicheln. Das merkte er erst, als sie ihn küsste.

Und als er ihren Kuss erwiderte.

Er rieb seine Lippen an ihren, ließ seine Zunge mit ihrer spielen und genoss die wundervolle Wärme. Ohne nachzudenken, legte er eine Hand in ihren Nacken und zog Abby näher.

Ihre Hände strichen über seine Schultern, und ihre Daumen malten kleine Kreise unterhalb seines Schlüsselbeins.

Sein eigener Daumen bewegte sich von ihrem Nacken zu ihrem Hals, wo er ihren Pulsschlag spürte. Glatt und zart, so unglaublich zart.

Dumm, so unglaublich dumm!

Er wich zurück, weg von der Versuchung. Der Regen trommelte aufs Dach, oder war es sein Herz, was er da hörte? Entschlossen nahm er Abbys Hände und schob sie weg.

Wieder starrten sie sich an.

„Hey, das war bloß ein Kuss.“ Sie blinzelte, und der verträumte Glanz in ihren Augen verschwand.

Zachary kam sich wie ein kompletter Idiot vor.

„Und ich dachte, du hättest ihn genossen“, fuhr sie fort. „Ich bin ein sehr körperbetonter Mensch – das gehört zu meinem Job. Nimm’s nicht zu persönlich.“

„Kein Problem.“ Es fiel ihm jedoch schwer, nicht persönlich zu nehmen, dass seine Lippen – und mehr – vor Erregung pochten. Er begann, die Teller zusammen zu räumen. „Ich mach hier Ordnung.

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