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BACCARA EXTRA BAND 15

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Ein Flirt, eine Affäre – ein Heiratsantrag?

1. KAPITEL

„Miss Fletcher?“, fragte der runzlige alte Portier, der eine schimmernde cremefarbene Tunika mit passendem Turban trug.

Mia nickte nur stumm und betrachtete das verfallene Hotel. Die majestätischen Säulen links und rechts vom Eingang sowie die geschwungene Marmortreppe und die bröckelnde Putzfassade waren äußerst renovierungsbedürftig. Und der überwucherte Garten …

„Willkommen in Penang, der Perle des Orients“, begrüßte der Portier sie unangebracht hochtrabend, „und im Cornwallis-Hotel, dem strahlenden Herzen von Georgetown.“

Das Hotel lag tatsächlich im Zentrum des alten Kolonialviertels und hatte einen gewissen altmodischen Charme – aber strahlend? Mia warf dem Portier einen amüsierten Blick zu.

„Ich weiß, was Sie denken“, sagte er. „Dass das Hotel alt ist und dringend renoviert werden müsste. Aber vor sechzig Jahren, als ich anfing, hier zu arbeiten, war es eine wahre Augenweide!“

„Das glaube ich Ihnen.“

Rajah, wie der Mann seinem Namensschild nach hieß, strahlte. „So könnte es wieder sein“, erklärte er voller Inbrunst. „Man muss es nur genug lieben.“

Genug lieben und genug Geld haben – Berge von Geld, um genau zu sein.

„Jedenfalls, sobald der Fluch gebrochen ist.“

„Es liegt ein Fluch auf dem Hotel?“, fragte sie ungläubig.

„Aber natürlich! Wie sonst könnte es in einen solch beklagenswerten Zustand kommen?“

„Infolge jahrelanger Vernachlässigung?“

„Die auch“, gab er zu. „Ich werde Mr. Ethan sagen, dass Sie eingetroffen sind. Er wartet bereits auf Sie. Wir alle haben Sie erwartet.“ Rajah hielt ihr die Tür auf. „Miss Fletcher.“

„Mia“, korrigierte sie und fragte sich erst jetzt, woher er wusste, wer sie war.

„Miss Mia“, sagte er. Seine betagten Augen leuchteten. „Willkommen zu Hause.“

Hier war nicht ihr Zuhause.

Egal, was der alte Portier anzudeuten beabsichtigte, dieses Hotel war nie Mias Zuhause gewesen. Sie war in Sydney aufgewachsen, dort zur Schule gegangen und lebte dort, und zwar in einem recht noblen Apartment mit Ausblick auf die Harbour Bridge. Wegen der Aussicht hatte sie das Apartment gewählt und natürlich wegen seiner Nähe zu den Büros der Fletcher Corporation, in denen sie einen Großteil ihrer Zeit verbrachte. Das war ihr Zuhause, nicht irgendein abgetakeltes Kolonialhotel in einer Stadt auf der anderen Hälfte des Globusses.

Und es wurde auch nicht dazu, nur weil sie dieses Hotel gerade von einer Mutter geerbt hatte, die sie gar nicht kannte.

Doch nun wartete der alte Portier darauf, dass sie eintrat, und beäugte sie freundlich. Zuhause oder nicht, es gehörte ihr neuerdings, und deshalb empfand Mia es als ihre Pflicht, herzukommen und sich darum zu kümmern.

Sie war Richard Fletchers Tochter – sein einziges Kind – und die Erbin eines beträchtlichen Firmenvermögens. Folglich kannte sie sich mit Pflichten aus.

Und sie würde auch diese erfüllen. Wie schwer konnte es schon sein, in ein Leben zu treten, das ihr vollkommen fremd war?

Wahrscheinlich sehr schwer.

Aber daran war sie gewöhnt. Sie lächelte Rajah zu, holte tief Luft, streckte die Schultern durch und ging hinein.

Sie sah ihrer Mutter verblüffend ähnlich: dieselbe zarte Gestalt, dasselbe Elfengesicht wie Lily.

Ethan Hamilton stand oben an der Marmortreppe und blickte hinunter zu der Frau, die Rajah in die Eingangshalle führte. Sein Standort hatte den Vorteil, dass sie ihn nicht gleich bemerkte, und so beobachtete er in aller Ruhe, wie sie sich in der Halle umschaute und dann nach oben sah – wie jeder – zu dem antiken Kronleuchter an der Decke. Sechstausend handgefertigte Kristallelemente. Was machte es da schon, dass er seit Jahren nicht mehr leuchtete? Ihr Mund formte sich zu einem Lächeln, das eher zu einem staunenden Kind als zu einer berechnenden Erbin passte. Prompt fühlte Ethan, wie sein Herzschlag zu stottern begann.

Er sah, wie Ayah, die ältliche Empfangschefin, auf sie zueilte. Lilys Tochter streckte ihr zur Begrüßung die Hand entgegen, die Ayah sogleich an ihre faltige Wange presste. Das hatte Mia Fletcher wohl nicht erwartet, und offensichtlich gefiel es ihr auch nicht, obwohl sie ihr Unbehagen geschickt verbarg.

Ayah sagte etwas, worauf Mia den Kopf schüttelte und etwas wehmütig dreinblickte. Was immer die Frage gewesen sein mochte, Mias Antwort war eindeutig Nein gewesen. Gleich darauf zog sie ihre Hand zurück, strich sich eine Strähne ihres schimmernden schwarzen Haares hinters Ohr und blickte sich wieder um.

Würde sie die unglaublichen Schnitzereien an der Rosenholzbalustrade des großen Treppenaufgangs bemerken? Konnte sie über die fadenscheinigen persischen Teppiche hinwegblicken und den erstklassigen Marmor darunter würdigen? Erkannte sie die Magie dieses Hotels, oder würde sie nur Verfall und Materialermüdung sehen? All das fragte er sich.

In dem Moment sah sie ihn an.

Es verging eine unendlich lange Zeit, bevor sie die Treppe hinaufstieg. Er hätte heruntergehen sollen, um sie zu begrüßen, sich wie ein Gentleman benehmen statt wie eine Statue, aber ein Blick auf sie genügte, dass er all das vergaß. Sie bedachte ihn mit einem betont unvoreingenommenen Lächeln, als sie bei ihm war, und reichte ihm die Hand.

„Mr. Hamilton“, sagte sie. „Ich bin Mia Fletcher.“

„Ich weiß.“ Er nahm ihre kleine warme Hand und hatte Mühe, das befremdliche Verlangen zu unterdrücken, das ihn bei der Berührung überkam. Natürlich war ihm körperliches Verlangen nicht fremd, doch konnte er es bisher sehr gut im Zaum halten. Jetzt jedoch musste er abrupt ihre Hand loslassen – zum Teufel mit der Höflichkeit – und dennoch blieb die Wirkung.

„Woher wussten Sie, wer ich bin?“, fragte sie. „Woher wusste Rajah es?“

„Sie sehen aus wie Ihre Mutter.“ Bis auf die Augen. Lilys Augen waren von einem warmen Braun gewesen, wohingegen die ihrer Tochter grau wie ein Winterhimmel schienen. Kühl und aufmerksam, was ihm grundsätzlich nicht widerstrebte, würden sie nicht ausgerechnet ihn so betrachten. Die Augen ihres Vaters, dachte er, auch wenn er sich nur vage an den strengen dunkelhaarigen Mann mit den viel zu kalten Augen erinnerte.

„Sie haben nie ein Foto von ihr gesehen, oder?“

„Nein.“ Ihr Blick verdunkelte sich. „Ich weiß sehr wenig über meine Mutter, Mr. Hamilton. Bis ihre Anwälte mich vor drei Tagen kontaktierten, hätte ich behauptet, dass sie eine Waise war, die meinen Vater heiratete, mich zur Welt brachte und kurz darauf starb.“

„Sie dachten die ganze Zeit, sie wäre tot?“, fragte Ethan entsetzt.

„Mein Vater erzählte mir nun, dass sie uns kurz nach meiner Geburt verließ. Offensichtlich hatte sie sich in einen anderen Mann verliebt, in einen Witwer mit einem kleinen Sohn.“

Er nickte.

„Sie sind der Sohn, richtig?“

„Ja.“

Sie machte die Schultern gerade, als wappnete sie sich für eine Attacke. „Ich würde gern wissen, ob sie … blieb sie bei Ihnen und Ihrem Vater?“

„Sie blieb“, antwortete er ruhig. „Sie starb vor sechs Tagen in seinen Armen.“

Mia nickte und wandte den Kopf ab. „Mein Beileid zu Ihrem Verlust.“

Sein Verlust also, nicht ihrer. „Ist das alles?“

Ihr kaum merkliches Achselzucken signalisierte eher Verwirrung als Gleichgültigkeit. „Ich kenne Sie nicht, ich kannte meine Mutter nicht. Ich weiß nicht, warum sie nie versuchte, Kontakt zu mir aufzunehmen, und ich habe keine Ahnung, wieso sie mir dieses Hotel vererbt hat.“ Sie blickte zu dem Kronleuchter auf. „Was soll ich damit anfangen?“

„Das ist Ihnen überlassen“, sagte er. Falls sie es renovieren wollte, würde er ihr helfen. Und wenn sie es niederbrennen oder verkaufen wollte, würde er ihr auch dabei helfen. Das hatte er Lily versprochen. „Ich habe Ihnen die Zahlen der letzten drei Jahre zusammengestellt.“ Er zeigte auf einen dicken Aktenordner, der auf einem Seitentisch lag. „Das Hotel macht seit Jahren Verluste. Die Grund- und Gebäudebewertungen finden Sie ganz hinten.“

„Kostenvoranschläge für die Restaurierung haben Sie wahrscheinlich nicht, oder?“, fragte sie nach einem kurzen Moment.

„Doch, die sind alle in der Akte. Aber Sie sollten sich setzen, ehe Sie sich die Zahlen ansehen – möglichst mit einem Glas kaltem Wasser und einem Ventilator.“

„So viel, ja?“ Sie lächelte matt.

„Noch mehr. Natürlich sollten Sie sich die Zahlen unvoreingenommen ansehen, aber sie stimmen. Ich habe für morgen Mittag ein Treffen mit dem Notar vereinbart, bei dem der Letzte Wille Ihrer Mutter verlesen wird. Ich bin der Testamentsvollstrecker. Aber mit Überraschungen ist nicht zu rechnen. Das Hotel gehört Ihnen, und abgesehen von ein paar unerheblichen Lohnforderungen ist es schuldenfrei.“

Mia atmete tief durch.

„Möchten Sie den Notartermin lieber verschieben?“

„Nein“, erwiderte sie leise. „Morgen Mittag passt mir gut.“

„Das Hotelpersonal hat eine Suite für Sie vorbereitet. Es gibt auch noch den Nordflügel im obersten Stock, der als Inhaberwohnung vorgesehen ist. Die Räumlichkeiten wurden seit Jahren nicht genutzt, aber wenn Sie hierbleiben wollen, möchten Sie sie sich vielleicht wieder herrichten.“ Er wusste nicht, wie er ihr schonend beibringen sollte, was sie wissen müsste. „Ihre Eltern wohnten früher dort.“

„Die Suite ist mir recht. Danke, dass Sie alles arrangiert haben.“

Nun musste er ihr allerdings noch eine Einladung überbringen, die ihm etwas wunderlich vorkam, wenn man bedachte, dass Mia bis vor drei Tagen nichts von ihnen gewusst hatte. „Mein Vater bietet Ihnen an, dass Sie auch bei ihm wohnen können. Er hat ein Haus auf der anderen Seite der Insel.“

Sie sah ihn schweigend an.

„Sie können auch jederzeit über die Einrichtungen der Hamilton Group verfügen, falls nötig. Unser Flaggschiffhotel befindet sich hier in Georgetown – dort habe ich mein Büro –, aber wir haben außerdem noch Objekte in Kuala Lumpur, Singapur, Hongkong und China.“ Sie sah verwirrt aus, als verstünde sie nicht ganz, was er ihr anbot. „Mein Vater und ich möchten gern, dass Sie uns als Ihre Familie betrachten.“

Zu voreilig, dachte er, noch während er die Worte aussprach.

„Das ist ausgesprochen großzügig von Ihnen“, sagte sie kühl. „Aber nein.“

„Nein, wozu?“

„Zu allem. Ich habe eine Familie, Mr. Hamilton, und ich besitze auch Geld. Und beides reicht mir vollkommen aus.“

„Warum sind Sie dann hergekommen?“

„Weil ich musste“, antwortete sie knapp. „Ich hatte eine Mutter, die ich nie kennengelernt habe, habe einen Vater, der sich weigert, über sie zu sprechen, und neuerdings besitze ich ein heruntergekommenes Hotel, um das ich mich kümmern muss. Insofern stellen sich mir eine Menge Fragen. Was hätten Sie denn an meiner Stelle getan, Mr. Hamilton?“

Selbstbewusst und schlagfertig. Lily hätte sie geliebt, dachte er und lächelte. „Reden Sie mit meinem Vater. Er kann Ihnen ein paar Antworten geben.“

„Nein!“, konterte sie etwas zu harsch. „Zurzeit habe ich einige Vorurteile gegen Ihren Vater, seien sie berechtigt oder nicht. Und sosehr ich seine Gastfreundschaft zu schätzen weiß, ich möchte sie nicht. Übrigens ist es ein Jammer, dass er mir dieses Angebot nicht vor vierundzwanzig Jahren gemacht hat. Wie dem auch sei, ich werde meine Antworten selbst finden.“

„Möglicherweise gefallen sie Ihnen nicht“, warnte er sie.

„Das ist mir klar“, entgegnete sie mit einem säuerlichen Lächeln.

Meine erste Begegnung mit Ethan Hamilton hätte angenehmer verlaufen können, dachte Mia, als sie mit ihrem Koffer in dem Hotelzimmer stand. Sie hatte sich vorgenommen, gefasst und geschäftsmäßig aufzutreten, zumindest aber höflich zu sein. Doch dann hatte sie festgestellt, dass er ein faszinierend gut aussehender Mann war, dessen Nähe sie nervös machte, und auf einmal war sie vollkommen durcheinander gewesen.

Als er erwähnte, wie sehr sie ihrer Mutter ähnelte, war es endgültig um ihre Fassung geschehen gewesen. Und auf sein Angebot, sie zu beherbergen und sie als Familienangehörige zu betrachten, hatte sie sogar schnippisch und emotional reagiert.

Seit drei Tagen versuchte sie zu begreifen, dass ihre Mutter nicht schon seit Jahren tot war. Nein, ihre Mutter hatte die letzten vierundzwanzig Jahre gelebt und nicht ein einziges Mal versucht, Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen. War sie da nicht mit recht verletzt?

Sie wusste nichts über ihre Mutter, verstand nichts vom Hotelgeschäft, und über Penang war sie nur dürftig informiert. Daher fühlte sie sich müde, verwirrt und reichlich überfordert.

Vielleicht konnte sie deshalb Ethan Hamiltons Händedruck nicht vergessen.

Seufzend blickte sie sich um. Die hohe Stuckdecke war rissig und vergilbt, und an zwei Wänden verliefen rostige Wasserleitungen gleich neben einer außergewöhnlich kreativen Kabelverlegung. Offensichtlich hatte hier jemand mehrere Wandleuchten vorgesehen, sie dann aber doch nie angebracht – aus Zeitmangel, oder weil er bei dem Versuch gestorben war. Die offenen Anschlüsse, die aus den Wänden ragten, ließen beiderlei Schluss zu.

Die blütenweißen Laken auf dem extrabreiten Bett waren fadenscheinig und der mit Kirschblütenmotiven bestickte Überwurf stark ausgeblichen. Die kleine Lampe auf dem halbrunden Nachttisch allerdings war eine echte Antiquität aus Bronze, und der Spiegelrahmen hätte jedem Renaissance-Meisterwerk zur Ehre gereicht.

Als Mia ins Bad sah, erschauderte sie. Die Handtücher waren altersgrau, und die Wanne hatte einen ungesund aussehenden Braunschimmer. Unter keinen Umständen würde sie hier ein Bad nehmen.

Ihr Blick fiel auf die einzelne weiße Orchidee, die in einer dicken Kristallvase am Waschbeckenrand stand, und Mia musste unweigerlich lachen. Zweifellos könnte das Hotel unglaublich schön werden, auch wenn die Renovierung ein Vermögen verschlingen würde. Und jemand, der sich mit Finanzierungen auskannte, dürfte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. So viel konnte Mia schon sagen, ohne Ethan Hamiltons dicken schwarzen Aktenordner aufzuschlagen. Trotzdem schloss sie die Augen und malte sich aus, was sein könnte.

Das hier wäre ihr Projekt, nicht einer von Vaters nüchtern kalkulierten Zukäufen. Ganz allein ihres.

Ihr Tagtraum wurde durch ein Klopfen jäh beendet. Zum Glück waren es nicht die Wasserrohre, sondern jemand an der Tür. Mia ging aus dem Bad und quer durch den lächerlich großen Raum. Dabei fiel ihr unwillkürlich ein, was sie in Kunststunden über ideale Proportionen, Perspektiven und Raumillusionen gelernt hatte.

Hier war von Illusionen gar keine Rede, dafür aber von Raum ohne Ende. Kopfschüttelnd öffnete sie die Tür.

„Mr. Ethan sagte, Sie sollten sich ausruhen“, begann Rajah, „aber Ayah möchte wissen, ob alles zu Ihrer Zufriedenheit ist. Die Entscheidung zwischen zwei gegensätzlichen Anweisungen war sehr schwierig.“

Mia unterdrückte ein Lächeln. „Und wonach haben Sie entschieden?“

„Ich bin nicht mit Mr. Ethan verheiratet.“

„Aha.“ Sie konnte ihre Neugier nicht zügeln und fragte: „Ist irgendjemand mit Mr. Ethan verheiratet?“

„Nein, Miss Mia. Seine treulose Frau ist tot, ertränkt von ihrem bösen Liebhaber, keine zweihundert Meter von hier.“

Das klang reichlich bizarr.

„Leider verfolgt sie ihn bis heute.“

„Kann ich mir vorstellen. Das heißt, Sie meinen doch, dass es die Erinnerung an sie ist, die ihn verfolgt, oder?“

„Im Hotel hat man ihren Geist nie gesehen, Miss Mia. Sie bleibt am Meer.“

Sehr schön, schließlich war Alice’ Wunderland nichts gegen diesen Ort. „Hat das Hotel denn einen direkten Strandzugang?“

„Aber selbstverständlich! Wir haben unseren eigenen Strand. Haben Sie ihn nicht vom Balkon gesehen?“

„Die Suite hat einen Balkon?“ Mia schaute sich um.

Von den drei Doppelfenstern an der einen Wand sah man auf die Stadt, die andere Wand grenzte an den Flur, wo Rajah stand, und hinter der dritten Wand lag das Bad. Die vierte war holzvertäfelt. Wo also sollte der Balkon sein?

„Er geht vom Salon ab“, sagte Rajah, durchquerte den Raum und ließ eine Schiebetür nach der anderen in der Holzvertäfelung beiseite gleiten, bis praktisch gar keine Wand mehr da war. Dahinter tat sich ein sonnendurchfluteter Salon auf, der noch größer als das Schlafzimmer war. Ja, tatsächlich, da war ein Balkon, von dem aus man auf einen schmalen Strandstreifen und den Kanal nach Butterworth sah.

„Unglaublich!“

„Oh ja“, bestätigte Rajah. „Die Lage des Cornwallis-Hotels ist ganz außergewöhnlich schön, und alle Zimmer bieten den Gästen eine atemberaubende Aussicht.“

Falls sie blieb, musste sie dringend ihren Wortschatz in Sachen Lobpreisung erweitern. Sie ging durch den Salon auf die Balkontüren zu. „Sagen Sie, Rajah, wie lange arbeiten Sie schon hier?“

„Seit dreiundsechzig ruhmreichen Jahren, Miss Mia.“

„Und Ayah?“

„Einundsechzig Jahre.“

„Wie viele Mitarbeiter hat das Hotel insgesamt?“

„In letzter Zeit zehn.“

Also nur eine Notbesetzung. „Wie viele waren es in besseren Zeiten?“

„Siebzig, einschließlich der Elefantenpfleger.“

„Wir … haben zurzeit keine Elefanten mehr, oder?“

„Nein, Miss Mia. Ihr verstorbener Großvater, Mr. Fletcher senior, übergab 1959 die letzten an den Zoo.“

Wie beruhigend. „Ich weiß nicht, ob Sie mir helfen können, Rajah, aber ich würde gern alte Fotos des Hotels sehen. Außerdem möchte ich, dass Ayah und Sie in einer halben Stunde zu mir kommen, damit wir einige Dinge besprechen können. Ich sollte über die Abläufe im Hotel informiert sein, wer welche Aufgabenbereiche hat, welche Gäste es zurzeit gibt und welche wir früher hatten.“ Mia lächelte, da der alte Mann vor Stolz sichtlich anschwoll und sehr hoffnungsfroh schien. „Sie sähen es am liebsten, wenn das Hotel wieder in seinem alten Glanz erstrahlt, stimmt’s?“

„Sie denn nicht?“, fragte Rajah strahlend.

Bis zum folgenden Vormittag war Mia weitestgehend im Bilde. Das Hotel hatte über hundert Jahre der Familie ihres Vaters gehört. Seit fünfzig Jahren jedoch war es zusehends verfallen. Ihr Vater hatte vor fünfundzwanzig Jahren angefangen, einiges wieder instand zu setzen.

Nach Mias Geburt hatte ihr Vater Lily das Hotel geschenkt und war mit Mia nach Australien gegangen. Indem Lily es ihrer Tochter vermachte, gab sie es in gewisser Weise ihrem Vater zurück. Eine bezahlte Schuld, sonst nichts. Für Mia gab es hier nichts als Echos eines Lebens, das sie nie gekannt hatte. Und dennoch träumte sie … Wie wäre es, etwas vollkommen anderes zu machen? Bisher war sie damit zufrieden gewesen, sich im Unternehmen ihres Vaters nach oben zu arbeiten. Bei aller Leidenschaft für Musik und Kunst war ihr nie der Gedanke gekommen, von dem Weg abzuweichen, den ihr Vater ihr vorgezeichnet hatte. Im Grunde gefiel ihr die Welt der Großunternehmen.

Dieses alte Hotel allerdings und die sich damit auftuende Chance, mehr über ihre Mutter zu erfahren, verlockten sie erstmals, vom abgesteckten Pfad abzuweichen.

Ihr Vater würde einen Anfall bekommen. Das bedeutete, seine Anfälle äußerten sich so, dass er sehr ruhig und sehr scharf wurde. Er besaß das Talent, sein Gegenüber mit wenigen, gelassen ausgesprochenen Worten bis ins Mark zu treffen. Das geschah selten, legte es doch niemand darauf an, ihn zu provozieren. Falls Mia ihm jedoch sagte, sie würde bleiben, nun, dann war ein Anfall unausweichlich.

Zunächst einmal wartete sie aber die Testamentseröffnung ab. Vielleicht sah sie danach klarer.

Mia war bereit, als Ethan und der Notar mittags kamen. Sie trug ein blassblaues T-Shirt, eine beige Hose und Sandalen, weil sie weder wie die verwöhnte Tochter eines wohlhabenden Mannes aussehen wollte noch wie eine Geschäftsfrau, die sich bloß für Gewinn-und-Verlust-Rechnungen interessierte.

„Mr. Hamilton.“

Ethans Mundwinkel zuckten. „Miss Fletcher.“ Er machte sie mit dem Notar Bruce Tan bekannt, der höflich nickte und ihr die Hand reichte.

Mia schüttelte sie. Seine Hände waren klein, wie ihre, sein Händedruck freundlich. Er betrachtete sie mit unverhohlener Neugier, was ihr sehr sympathisch war. „Ni hao“, sagte sie. Wenn sie es richtig nachgeschlagen hatte, bedeutete es „Guten Tag.“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie Mandarin sprechen“, wunderte sich Ethan.

„Meine ersten Worte“, klärte Mia ihn und Bruce Tan lächelnd auf. „Kommen Sie morgen wieder, dann kann ich noch ein paar mehr.“

„Warum so lange warten“, sagte Bruce Tan mit einem verschwörerischen Lächeln. „Xie xie, Miss Fletcher. Das heißt danke. Sehr viele Besucher unseres Landes lernen kein einziges Wort der Sprache. Planen Sie, länger in Penang zu bleiben?“

Gute Frage. „Ehrlich gesagt weiß ich es noch nicht. Momentan ändern sich meine Pläne von Minute zu Minute, was recht verwirrend ist, denn normalerweise bin ich nicht so …“

„Sprunghaft?“, half Ethan ihr aus.

„Unentschieden“, korrigierte sie. Sie trat einen Schritt zurück und bedeutete ihnen, hereinzukommen. „Gehen Sie doch bitte durch in den Salon.“

Bruce Tan schritt sofort voraus, während Ethan sie erst seltsam fragend ansah, bevor er ihm folgte.

Sie bot Bruce einen Stuhl am Tisch an und setzte sich ihm gegenüber neben Ethan, sodass der Notar sie beide zugleich ansprechen konnte. Die Akte, die Ethan ihr gegeben hatte, lag auf dem Tisch. Außerdem standen eine Wasserkaraffe und verschiedene alkoholische Getränke sowie Gläser bereit.

„Wie viele Leute unterschätzen Sie eigentlich?“, murmelte Ethan, als er sich setzte.

„Alle. Wenigstens bei der ersten Begegnung.“ Mia zuckte mit den Schultern. Menschen an einem Tisch zu platzieren war im Grunde eine Kleinigkeit, und doch verliefen Besprechungen um einiges angenehmer, wenn man auf bestimmte Details achtete.

Schweigend hörte sie sich an, wie der Notar den Letzten Willen ihrer Mutter verlas. Alles war klar geregelt, wie Ethan bereits gesagt hatte. Und während der ganzen Zeit sagte ihr eine innere Stimme, dass dieses Hotel weit mehr als ein reines Geschäft sein konnte, wenn sie es nur zuließ.

Als der Notar endete, wurde es sehr still.

Nun war Mia an der Reihe.

„Ethan gab mir die Gewinn-und-Verlust-Rechnungen der letzten drei Jahre“, sagte sie und zog den Ordner zu sich. „Das Hotel hat in jedem Jahr beträchtliche Verluste gemacht, trotzdem sind weder Kredite noch sonstige Schulden da.“ Sie blickte erst den Notar, dann Ethan an. „Wer trat hier als Geldgeber auf?“

„Lily ging es zunehmend schlechter“, antwortete Ethan ruhig. „Sie sollte sich nicht auch noch Sorgen machen, weil das Hotel nicht kostendeckend arbeitete, und sie wollte keine finanzielle Hilfe von meinem Vater.“

„Sie haben die Schulden beglichen?“

Er nickte.

„Dann haben Sie einen Anspruch auf das Hotel.“

„Nein.“ Er wurde sehr ernst. „Sie verstehen das nicht. Auch wenn Sie erst seit wenigen Tagen von meinem Vater, Ihrer Mutter und mir wissen, weiß ich von Ihnen, seit ich sechs Jahre alt war. Das Hotel gehört Ihnen, tat es immer. Lily wollte es so.“

Mia saß kerzengerade da und versuchte, das Gesagte zu begreifen. „Danke, Mr. Tan“, sagte sie schließlich. „Ich denke, den Rest klären Ethan und ich allein.“

„Es war mir ein Vergnügen, Miss Fletcher. Genießen Sie Ihren Aufenthalt in Penang. Ich schicke Ihnen einen Kurier mit den Papieren, die noch zu unterzeichnen sind.“ Mit diesen Worten stand er auf, nickte Ethan zu und ging.

Nun war der offizielle Teil vorbei, und prompt überkam Mia eine wahre Flut widersprüchlicher Gefühle – Wut, Trauer, Verwirrung … Hoffnung.

„Mir ist bewusst, dass Sie kaum Zeit hatten, über alles nachzudenken, aber haben Sie sich schon überlegt, was Sie mit dem Hotel anfangen wollen?“, fragte Ethan.

Auch wenn es verrückt war, ging ihr der Gedanke einfach nicht aus dem Kopf. „Ich denke darüber nach, es zu restaurieren.“

Er sah sie an. „Haben Sie die Zahlen gesehen?“

„Ja.“

„Mutig.“

„Idiotisch“, verbesserte sie ihn. „Nur zu, sprechen Sie es aus. Aus rein geschäftlicher Sicht sollte ich retten, was ich kann, und den Rest zum Grundstückswert verkaufen. Das Problem ist bloß, dass ich es sehe“, erklärte sie leise. „Wo ich auch hinschaue, erkenne ich, was aus diesem Hotel werden könnte. Was es sein sollte.“

„Wie wird Ihr Vater reagieren, wenn Sie sich für die Renovierung entscheiden?“

„Ich weiß es nicht.“ Sie stand auf, ging zum Balkon und blickte hinaus auf den Kanal. Ihr Vater war dagegen gewesen, dass sie herreiste. Er hatte sie mehr oder minder angewiesen, den Verkauf des Hotels durch ihre Anwälte regeln zu lassen. Ausnahmsweise widersprach sie ihm. Sie brauchte dringend Antworten, und die würde sie finden. „Aber ich werde es sicher bald erfahren.“

So bezaubernd die Aussicht auch war, galt Mias Aufmerksamkeit ausschließlich Ethan. Schweigend beobachtete sie, wie er an der Bar zwei Gläser Whisky einschenkte und damit zu ihr kam.

„Hier, das hilft.“

Mia nahm das Glas und erschrak, als sie bei der Berührung seiner Finger von einer Hitzewelle erfasst wurde. Dasselbe hatte sie auch gestern beim Händeschütteln empfunden. Da redete sie sich noch ein, sie wäre eben erschöpft, bräuchte Ruhe und wäre weniger unsicher, wenn sie erst einmal eine Nacht richtig geschlafen hatte.

Das war ein Irrtum.

Mia wartete seit Jahren darauf, einmal ein solches Verlangen zu erleben. Und nun hatte sie es – ausgerechnet bei dem Sohn des Mannes, mit dem ihre Mutter durchgebrannt war!

Lieber Gott, bitte, nicht er!

Zugegeben, er war groß, dunkel und athletisch, aber sie war keine Frau, die sich von einem attraktiven Äußeren hinreißen ließ. Außerdem kannte sie Dutzende großer, dunkelhaariger, gut aussehender Männer!

Na gut, vielleicht nicht Dutzende, eher zwei, aber keiner von ihnen hatte jenes Feuer in ihr entzündet, das Ethan Hamilton mit einem bloßen Blick entfachte.

Sie nippte nicht an dem Scotch, sondern stürzte ihn herunter, worauf sie das Gesicht verzog und heftig schluckte.

„Mehr?“, fragte er, nachdem er seinen Drink geleert hatte.

„Ich glaube schon.“ Statt nach ihrem Glas zu greifen, holte er die Flasche und schenkte nach.

Mia starrte in die bernsteinfarbene Flüssigkeit und versuchte, sich aufs Geschäftliche zu konzentrieren, auf ihre Mutter, auf irgendetwas und irgendwen, nur nicht auf ihn. „Sie wissen von mir, seit Sie sechs waren?“, fragte sie.

„Ja.“ Als sie schon glaubte, das war es, begegneten sich ihre Blicke, und in seinen Augen sah sie eine Mischung aus Resignation und Mitgefühl. „Sie sind die Schwester, die in Übersee lebte“, fuhr er leise fort. „Die nie zu Besuch kam. Aber jetzt sind Sie hier, und ich biete Ihnen meine Hilfe an, sofern Sie sie wollen. Schutz, Rat, Finanzen, was auch immer … Ich bin der große Bruder, den du nie hattest.“

Der was? Sie starrte ihn ungläubig an. Dachte er allen Ernstes, sie könnte ihn wie einen Bruder behandeln, wenn sie zugleich das absurde Verlangen hatte, ihn zu verführen? Wie sollte das gehen?

Er zog eine Braue hoch, als wartete er auf eine Antwort.

„Ah, schön“, sagte sie matt und stürzte ihren Scotch hinunter.

2. KAPITEL

Für einen Bruder, den sie nicht wollte, war er gar nicht schlecht. Sie saßen wieder am Tisch und arbeiteten sich durch die Kostenvoranschläge für die Renovierungsmaßnahmen. Mia war ganz bei der Sache, und Ethan erwies sich als ein überaus guter Zuhörer und kluger Berater.

„Zuerst zu den Bauarbeiten, die fällig wären, einschließlich der Elektro- und Wasseranschlüsse“, sagte Mia. „Sind das tragende Wände, oder warum wurden alle Leitungen über Putz verlegt?“

„Unterschiedlich. Die meisten Wasserleitungen sind einigermaßen in Ordnung, aber wenn du die alle unter Putz haben willst, müssen die Wände aufgestemmt werden.“

„Sie müssen ohnehin alle neu verputzt werden“, erwiderte sie. „Sieh dich doch um. Vielleicht ist es sogar günstiger so, weil alles in einem Aufwasch gemacht wird.“

„Das kostet dich ein Vermögen, Mia, was dir hoffentlich klar ist.“

„Optimismus zählt wohl nicht zu deinen Stärken, was? Aber das macht nichts. Ich besitze genug für uns beide.“

„Aha.“

„Ich kann es gar nicht erwarten, den ganzen Marmor wieder glänzen zu sehen.“

Ethan grinste, und so entspannt und lässig, wie er in diesem Moment wirkte, war jeder Gedanke an Verwandtschaft schlagartig verflogen. Sein Lächeln ließ Mias Herz höher schlagen.

„Willst du das Hotel während der Renovierungsarbeiten schließen?“

Sie nickte. Bleib beim Geschäftlichen Mia, und achte nicht auf das Lächeln! „Wie ich es sehe, geht es entweder schleppend langsam voran, oder alles wird auf einmal erledigt. Und ich wäre eher für die zweite Lösung.“

„Dann brauchst du einen Projektmanager.“

„Ich weiß. Einen Architekten oder einen Bauunternehmer. Oder beides?“

„Welche baulichen Veränderungen schweben dir vor?“

„Schwer zu sagen. Dafür müsste ich mich erst mal gründlicher umsehen. Was ich bisher gesehen habe, würde ich gern erhalten. Die Räume sind fantastisch.“

„Bauunternehmer“, folgerte er. „Jemanden, der auf Renovierungen spezialisiert ist. Ich stelle dir bis morgen eine Liste von Leuten zusammen, mit denen wir schon gearbeitet haben. Was hast du eigentlich für Qualifikationen, Mia?“, fragte er. „Wie kommst du darauf, das Cornwallis-Hotel übernehmen und Gewinn machen zu können?“

„Nun, ich habe einen Abschluss in Betriebswirtschaft und Marketing. Das wird mir sicher nützen.“

„Theoretisch.“

„Außerdem arbeite ich seit drei Jahren als persönliche Assistentin meines Vaters.“

„Das dürfte noch mehr helfen.“

„Mehr als du ahnst“, murmelte sie.

„Und mit welchen Unternehmensbereichen hast du bisher zu tun gehabt?“

„Mit allen.“

„Dann wirst du gerade zur Nachfolgerin deines Vaters getrimmt?“

„Vielleicht, aber nicht zwingend. In absehbarer Zukunft jedenfalls nicht“, gestand sie seufzend. „Leider bin ich nicht skrupellos genug. Das kommt wohl mit dem Alter, nachdem man einmal zu oft reingelegt wurde.“

„Ist das erstrebenswert?“

„Ja“, sagte sie finster.

„Was willst du mit dem Personal machen, solange wegen Renovierung geschlossen ist?“

„Ich plane, Rajah und Ayah in den ganzen Prozess mit einzubeziehen. Sie müssen mir sowieso helfen, weil sich die beiden am besten erinnern, wie früher alles ausgesehen hat. Und die übrigen können genauso viele Stunden arbeiten wie bisher, wenn sie wollen, sogar noch mehr.“

„Stimmt.“ Wieder lächelte er. „Du bist wirklich nicht skrupellos.“

„Ja, vielen Dank für dein Vertrauen. Die Mitarbeiter sollen die Sachen sortieren und reinigen, die ich behalten will – die Bilderrahmen, die Messingbeschläge, den Kronleuchter …“

„Die Kronleuchter“, korrigierte er. „Da hängt noch einer im Ballsaal – ein größerer. Und Dutzende von kleineren.“

„Ich habe einen Ballsaal?“ Sie sprang auf. „Ich habe einen Kronleuchter von der Größe eines Hubschraubers?“

„Du brauchst jetzt hoffentlich nicht noch einen Scotch, oder?“

„Oh nein, ganz sicher nicht.“ Sie liebte dieses Hotel. „Ich will in den Ballsaal.“

Mia stand staunend und begeistert in der Eingangstür des Ballsaals. An den Seiten hingen die kleineren Kronleuchter, von denen Ethan gesprochen hatte, und die Decke wölbte sich in Stuckstufen nach oben, die wie Rahmen ein wahres Meisterwerk aus blitzendem Kristall umgaben. Unter dem Staub auf dem Boden lag Holzparkett, ein ganzes Fußballfeld Parkettboden in unterschiedlichen Brauntönen. Mia bückte sich und sah es sich genauer an. „Sind das unterschiedliche Holzarten?“

„Ja, Rosenholz, rote Eiche, Ebenholz und Buche.“

„Wow.“ Der Fußboden war göttlich. „Was ist hinter den Türen am anderen Ende?“

„Der Elefantenpfad.“

Mia sah ihn ungläubig an.

„Das ist kein Scherz“, sagte er.

„Und dahinter?“

„Das Meer.“

Na gut, sie glaubte ihm, wollte sich aber doch noch selbst überzeugen. Die Türen führten auf eine kleine, betonierte Plattform, vor der ein Graben von einem Gebäudeende zum anderen verlief, ehe er um die Ecke verschwand. „Die Leute kamen früher auf Elefanten zum Ball?“

„Das nicht, obwohl sie es gekonnt hätten. Meist benutzten die Elefantenpfleger den Pfad, um die Tiere an den Strand zu führen. Sie duschten sie dann hier mit Frischwasser ab, nachdem sie gebadet hatten. Rajah kann dir alte Bilder raussuchen, auf denen sie die Elefanten mit Schrubbern abbürsten.“

Mia lächelte verträumt vor sich hin und stellte sich Fotos an den Wänden vor, auf denen die Gäste sehen konnten, wie es hier früher gewesen war. Sie könnte den Pfad auch mit kleinen Stegen überbrücken lassen, damit Besucher von oben hineinschauen konnten. Und ein tropischer Garten von hier bis hinunter zum Strand wäre schön, mit einem kleinen Pfad, der auf die Vorderseite des Hotels führte. Ja, sie sah alles genau vor sich. „Ich brauche einen Landschaftsarchitekten.“

„Ich stelle dir eine Liste zusammen.“

„Habe ich einen Gärtner?“

„Du hast Rajah, der die Pflanzkästen vorn wässert.“

Sie brauchte auch noch einen Gärtner. Später. Als sie Ethan gerade fragen wollte, war da wieder dieses Lächeln, das ihr die Sprache verschlug. Wieso hatte sie ein so überwältigendes Verlangen, ihn zu berühren?

„Wir können eine Gärtnerstelle ausschreiben“, schlug er vor.

„Ja“, brachte sie mühsam heraus. Sie versuchte, sich zu konzentrieren, aber ihr Körper spielte verrückt, schwankte sogar leicht nach vorn.

Ethan streckte die Hand aus, hielt jedoch in letzter Sekunde inne. „Hast du zu Mittag gegessen?“, fragte er.

„Noch nicht.“

„Dann solltest du es dringend. Nächstes Mal biete ich dir keinen Scotch vor dem Essen an.“

Auf dem Rückweg durch den Ballsaal hallten ihre Schritte in dem riesigen Raum. Die Türen am anderen Ende waren massiv mit langen Messinggriffen, nach denen sie beide gleichzeitig griffen. Und obwohl die Griffe leicht genug Platz für zwei, ja, für vier Hände boten, kollidierten ihre.

Diesmal war es beinahe wie ein Stromschlag, und Mia fluchte leise vor sich hin, als sie die Hand zurückzog.

„Du erlaubst?“, fragte Ethan angespannt.

„Danke.“ Verdammt.

Es war höchste Zeit, dass sie aus diesem Ballsaal kamen.

Ethan führte sie zum Mittagessen in einen belebten Pavillon am Strand aus, nicht weit vom Hotel. Er muss häufiger herkommen, dachte Mia, denn die Kellner begrüßten ihn mit Namen, und den Blicken sowie dem Getuschel der anderen Gäste nach zu urteilen war ihre Mutter hier ebenfalls Stammgast gewesen. Ein älterer Mann eilte aus der Küche herbei, um sie zu begrüßen. Es musste entweder der Koch oder der Besitzer sein. Er umarmte Ethan und redete sogleich lebhaft auf ihn ein. Das war weder Englisch noch Malaiisch oder Mandarin, wie Mia feststellte. Vielleicht handelte es sich um Tamilisch.

„Joh, darf ich dir Mia vorstellen?“, sagte Ethan, der mühelos wieder ins Englische wechselte. „Lilys Tochter.“

„Was denn? Habe ich etwa keine Augen im Kopf?“, entgegnete der Ältere. „Wieso hast du mir nicht rechtzeitig Bescheid gesagt? Wie soll ich denn in fünf Minuten ein Festmahl zusammenzaubern? Kommt in zwei Stunden wieder, dann serviere ich euch ein Mahl, das eurer Mutter würdig ist.“

„Nun, das könnten wir“, sagte Ethan nachdenklich. „Aber wir haben gerade das Testament verlesen bekommen, und ich fürchte, wir brauchen jetzt etwas zu essen. Mia kämpft noch mit der Zeitumstellung. Und dann ist da die Hitze … die …“

„Gefühle“, warf sie hilfreich ein.

„Genau. Ich habe ihr Scotch auf leeren Magen gegeben.“ Er sah sie vorwurfsvoll an. „Sie schwankt.“

Mehr brauchte es zum Glück nicht, um den Mann zu überzeugen. Er führte sie an den schattigsten Tisch im Pavillon, ließ ihnen Eiswasser und eine Schale gewürzter Nüsse bringen und bestand darauf, dass sie sofort bestellten. Das Problem war nur, dass Mia keine Ahnung hatte, was sie nehmen sollte.

„Vielleicht unseren Nonya-Fisch mit gedünstetem Gemüse?“, fragte er.

„Ja, sehr schön.“ Mia klappte ihre Speisekarte zu und gab sie ihm. Ethan bestellte einen Meeresfrüchteteller, und Joh zog sich in die Küche zurück.

„Was habe ich gerade bestellt?“

„Einen ganzen Fisch mit portugiesischer Kräuter-Gewürzmischung eingerieben und im Steinofen gebacken. Sehr gehaltvoll und sehr köstlich. Er wird dir schmecken. Deine Mutter mochte ihn sehr.“

Deine Mutter.

„Können wir bitte aufhören, sie so zu nennen? Das ist so …“ Mia zuckte mit den Schultern. „Sagen wir einfach Lily, okay?“

„Wie du willst.“

Das war das Problem. Sie wusste nicht, was sie wollte.

„Falls du möchtest, kannst du mich nach ihr ausfragen“, bot er ihr einen Moment später an.

„Nein.“ Immerhin war sie sich dieser einen Sache sicher: Von Ethan bekäme sie nicht die Antworten, die sie brauchte. „Du würdest mir vermutlich sagen, dass sie freundlich, liebenswert und wunderbar war, und dafür würde ich dich hassen. Mein Vater hat nie wieder geheiratet, Ethan. Und ich hätte gut eine Mutter brauchen können, selbst eine, die auf der anderen Seite der Erde lebt. Aber du hattest sie, ich nicht.“ Sie betrachtete ihn finster. „Schwein.“

Ethan blinzelte. „Bist du eifersüchtig auf mich?“

„Na klar bin ich das! Schon mal von Geschwisterrivalität gehört?“

„Tja, na ja, allerdings musste ich bisher nicht damit umgehen können.“

„Du bist derjenige, der eine Schwester wollte. Darf ich dir eine persönliche Frage stellen?“

„Komme ich mit einem Nein um die Antwort herum?“

„Trägst du manchmal auch etwas anderes als Anzüge?“ Sie lehnte sich zurück. „Du siehst umwerfend aus, aber was ziehst du an deinen freien Tagen an?“

„Morgens oder abends?“

Mia verdrehte die Augen. „Sowohl als auch.“

„Nun ja, zunächst einmal gar nichts, dann ein Handtuch, dann Boxershorts, dann eine Hose …“

Mias Fantasie begab sich bei dieser Aufzählung sogleich auf Abwege. „Perfekt gebügelt oder ein bisschen knautschig?“

„Hast du etwas gegen gebügelte Kleidung?“

„Nicht, wenn du sie selbst bügelst.“

„Das macht die Haushälterin“, sagte er. „Bist du jetzt fertig mit den Unterbrechungen?“

Mia nickte.

„Als Letztes kommt das Hemd. Ein bequemes, schlichtes, nicht-knautschiges Hemd.“

„Mit Kragen?“

„Ja, aber ohne Krawatte. Ab und zu lasse ich sogar den obersten Knopf offen. Manchmal sogar zwei Knöpfe, aber das nur nach recht bewegten Abenden.“

„Siehst du jemals zerzaust aus?“

Seine Augen funkelten. „Gelegentlich. Soll ich dir beschreiben, was ich dann trage? Das dauert nicht lange.“

„Nein“, sagte sie hastig, waren die Bilder in ihrem Kopf doch bereits lebendig genug. Trotzdem konnte sie nicht umhin zu fragen: „Ist dein Haar dann wirr und steht in alle Richtungen ab?“

„Nur, wenn vorher jemand mit beiden Händen drin gewühlt hat.“

Mia atmete angestrengt aus. „Puh, ganz schön heiß hier.“

„Jetzt schon.“ Er lächelte. „Was willst du wissen, Mia? Wie es um meine Garderobe bestellt ist, oder ob es jemanden gibt, den ich regelmäßig ausziehe?“

„Hm, als deine Schwester sollte ich wahrscheinlich beides wissen.“

„Ja“, sagte er. „Und nein.“

„Du meinst, ja, du bist vielseitig und interessant, und nein, du bist mit niemandem zusammen? Oder kannst du dich im Moment nur nicht entscheiden?“ Jetzt war er ganz offensichtlich amüsiert. „Ich hätte nicht übel Lust, dich zu knuffen“, murmelte sie. „Muss ein Schwesternreflex sein.“

„Den solltest du nicht unterdrücken.“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet, Ethan.“

Und sie rechnete auch nicht damit. Sein Lächeln schwand. „Ich war einmal verheiratet. Derzeit ziehe ich weniger dauerhafte Lösungen vor. Es gibt keine feste Beziehung. Wie steht es bei dir? Wartet jemand in Australien auf dich?“

„Nein, ich war …“ Was? Auf der Suche nach einem Mann, bei dem ich mich so fühle wie in deiner Nähe? „Mit anderen Dingen beschäftigt. Versteh mich nicht falsch, ich hätte sehr gern eine Familie, Mann und Kinder. Aber zuerst würde ich mich gern verlieben.“

„Du warst noch nie verliebt?“

„Noch nicht. Obwohl ich hin und wieder kurze Affären hatte.“

Ethan sah sie prüfend an. „Was heißt hin und wieder?“

„Na, eben dann und wann“, sagte sie. „Jetzt spiel nicht den großen Bruder. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, Ethan, keine …“

„Schon gut!“, unterbrach er sie eilig. „Kein Wort mehr davon. Wo bleibt bloß unser Essen?“

Mia grinste. „Was möchtest du sonst noch wissen?“

„Nichts. Überhaupt nichts! Meine Bewunderung für Männer mit Schwestern ist gerade ins Unermessliche gestiegen. Da tut sich ja eine ganz neue Welt auf.“

Zufrieden blickte Mia sich im Lokal um, fasziniert von der farbenfrohen Kleidung der anderen Gäste, den fremdartigen Gesichtern, den unbekannten Düften und den Stimmen, die in ihr vollkommen fremden Lauten und Melodien sprachen. Alles war so anders als die Welt, die sie hinter sich gelassen hatte. „Ja, das tut es.“

Verstehen setzt Wissen voraus, entschied Mia, als sie später am Nachmittag an der Tür zur früheren Wohnung ihrer Eltern im dritten Stock des Nordflügels stand. Hier hatten sie gewohnt, bevor sie geboren wurde. Wie Rajah erzählte, hatte ihre Mutter danach noch jahrelang tagsüber immer wieder diese Wohnung aufgesucht. Sie hatte eine Verbindung zu dem Ort, sagte er.

Mias mulmiges Gefühl war sicher normal, als sie allein durch die Tür trat. Rajah und Ayah hatten darauf bestanden, dass jemand mit ihr ging, aber sie lehnte dankend ab. Sie war es gewöhnt, allein zu sein, und jetzt wollte sie es erst recht.

Ihr erster Eindruck war, dass es viel zu dunkel war, aber das lag eher an den geschlossenen Läden als an der Einrichtung. Mia ging von Fenster zu Fenster und öffnete die Läden, bis die Räume von Sonnenlicht durchflutet waren. Dann blickte sie sich noch einmal um und lächelte.

Anscheinend hatte ihre Mutter Farben und Stoffe geliebt. Seidenkissen in leuchtenden Farben konkurrierten mit dem purpur- und cremegestreiften Samtbezug der Polstermöbel. Smaragdgrüne und mitternachtsblaue Teppiche bedeckten den Boden. Wohin sie auch sah, waren Farben kombiniert, die sich eigentlich beißen müssten, es aber nicht taten. Und ebenso wie in den Hotelzimmern unten, waren auch hier die Räume sehr großzügig und von einer verfallenen Eleganz.

Lily musste eine leidenschaftliche Schachspielerin gewesen sein, denn es stand ein eleganter Schachtisch mit hübschen Figuren zwischen zwei sehr bequem aussehenden Stühlen. Und Fotografie hatte sie offensichtlich auch interessiert, den zahlreichen Fotos an der Wand nach zu schließen. Es waren asiatische Straßenszenen und dazwischen immer wieder Nahaufnahmen von den unterschiedlichsten Gesichtern – die wahrscheinlich alle in Penang aufgenommen wurden.

Eine lange Zeit stand Mia vor einem Foto von ihrem Vater. Auf dem Bild war sein Gesicht schmutzverkrustet, und er lachte. Ja, tatsächlich lachte er, hielt eine Schaufel in den Händen und war damit beschäftigt, eine schlammige Kante zu sichern, die aussah, als wäre sie kurz vor dem Abrutschen in einen ähnlichen Schacht wie dem Elefantenpfad. Hatte ihre Mutter das Foto gemacht? Hatten sie vielleicht beide gelacht?

Es waren auch Bilder von Ethan als Kind da, zumindest dachte Mia, dass er es sein musste. Ethan mit einem großen gut aussehenden Mann, der ein warmes Lächeln und etwas traurige Augen hatte. Wahrscheinlich Ethans Vater. Eine der beeindruckendsten Aufnahmen aber war die von zwei Männern und einem Jungen, die am Strand angelten, aus einiger Entfernung aufgenommen. Mias Vater war einer der Männer und Ethan der Junge. Der andere Mann war Ethans Vater. Sie hatten sich damals gekannt, und die beiden Männer waren sogar befreundet gewesen.

Hatte ihre Mutter auch dieses Bild aufgenommen? Hatte sie alle diese Fotos gemacht und war deshalb auf keinem zu sehen?

Mia war hergekommen, um nach Antworten zu suchen. Sie wollte erfahren, was für ein Mensch ihre Mutter gewesen war, was für eine Frau es fertigbrachte, ihren Mann und ihr Baby zu verlassen. Aber diese Fotos gaben ihr keine Antworten. Es waren nur Momente, auf immer eingefroren. Momente, die ihrer Mutter etwas bedeuteten und die für Mia nur noch mehr Fragen aufwarfen.

Warum hatte ihre Mutter aufgehört, ihren Vater zu lieben? Warum hatte Ethans Vater sich in die Frau eines anderen verliebt? Wie kamen Menschen dazu, solche Dinge zu tun?

War ihnen gleich, wen sie verletzten?

Mia kehrte den Bildern den Rücken zu und lief zur Tür, weil sie es nicht mehr aushielt. Die Zimmer und Sachen ihrer Mutter würde sie ein andermal durchsehen.

3. KAPITEL

Ethan kam zum Haus seines Vaters, der gerade die Orchideen auf seinem Küchenbalkon wässerte. Schweigend sah er sich um. Seit Lilys Tod hatte sich manches hier verändert. Zum ersten Mal lagen keine halb gelesenen Bücher herum, standen keine Vasen mit frischen Blumen auf dem Küchentisch. Er vermisste die Spuren von Leben, den Blumenduft, die Farben und die Wärme. Ohne Lily fühlte sich das Haus kalt und leer an.

„Ich weiß nicht, wie viel Wasser sie brauchen“, sagte Nathaniel Hamilton, nachdem er den Gartenschlauch abgestellt hatte. „Aber das wird wohl genug sein.“

Wasser troff aus den hängenden Blumenkästen und lief in Rinnsalen über die Bodenfliesen. „Ja, wird es allemal“, pflichtete Ethan ihm bei und war erleichtert, als er den Anflug eines Lächelns bei seinem Vater bemerkte.

„Du warst heute bei der Testamentseröffnung?“, fragte sein Vater zögernd. „Hast du Mia gesehen?“

„Ja.“ Seinem Vater beizubringen, dass er es vergeigt hatte, Mia in der Familie willkommen zu heißen, dürfte schwierig werden. Ihm zu erzählen, dass er ihr am liebsten die Kleidung herunterreißen und über sie herfallen wollte, war vollkommen ausgeschlossen.

„Und?“

Ethan fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Sie ist unabhängig, scharfsinnig und durchaus imstande, das Hotel ohne unsere Hilfe zu verkaufen, zu führen oder zu renovieren. Mit Geschäftlichem kennt sie sich aus. Sie hat es bei Richard gelernt.“

Sein Vater sah ihn prüfend an. „Hast du ihr meine Einladung überbracht?“

„Ja. Aber im Moment will sie nichts mit uns zu tun haben. Bis vor ein paar Tagen dachte sie, ihre Mutter wäre vor vierundzwanzig Jahren gestorben. Wessen glorreiche Idee war das eigentlich?“

„Meine nicht“, antwortete sein Vater. „Darauf einigten Richard und Lily sich.“

„Sie ist verletzt, und ihr gehen eine ganze Reihe von Fragen durch den Kopf.“

Nathaniel wandte sich ab. Auf einmal erschien er Ethan älter und müder denn je. „Richard liebte Lily von ganzem Herzen“, erklärte sein Vater leise. „Genau wie ich. Und Lily liebte auf ihre Weise uns beide. Sie entschied sich für dich und mich. Richard aber hatte niemanden außer ihr. Und so beschloss er, sie freizugeben, wenn sie ihm Mia allein ließ. Für ihn war es wohl eine Art Ausgleich.“

Bei dem Gedanken an den Blick in Mias grauen Augen überkam Ethan eine unbändige Wut auf Richard, Lily und seinen Vater. „Und hat irgendeiner von euch dabei auch nur eine Sekunde an Mia gedacht?“

„Menschen machen Fehler, Ethan“, sagte sein Vater müde. „Fehler, die sie bereuen. Wer wüsste das besser als du? Wenn wir Glück haben, bietet sich uns vor dem Tod eine Chance, Abbitte zu leisten.“

Darauf erwiderte Ethan nichts, wusste er doch, dass sein Vater recht hatte.

„Sie sollte wissen, wie sehr ihre Mutter sie liebte. Das würde ich ihr gern sagen, auch wenn wir ihr sonst nichts geben können. Versuch bitte unbedingt zu erreichen, dass sie mich anhört. Bitte.“

Ungern. Wie konnte er, wenn ihm Mia unentwegt durch den Kopf ging und ein Verlangen in ihm weckte, das er nur mit größter Mühe zu beherrschen vermochte? „Na gut“, murmelte er. „Schon gut, ich versuch’s.“

Sein Vater rang nach Worten. „Ethan …? Wie ist sie so?“

Nun war es an Ethan, zu zögern. Hilflos überblickte er den Garten, dessen Anlage seinen Vater ein Vermögen gekostet hatte – ein friedlicher Rückzugsort für gequälte Seelen. Er aber würde heute selbst in diesem Garten keine Ruhe finden.

„Atemberaubend.“

„Mr. Ethan für Sie, Miss Mia“, verkündete Rajah.

Mia blickte von ihren Kostenvoranschlägen für die Renovierungen auf. Sie saß in der einstigen Gästebibliothek, die sie zu ihrem Büro umfunktioniert hatte. „Danke, Rajah.“

Der Portier verschwand, Ethan blieb, und Mias Herz setzte kurz aus. Seit ihrem gemeinsamen Mittagessen war eine Woche vergangen. Eine Woche, während der es ihr beinahe gelungen war, sich einzureden, dass ihr abwegiger Wunsch, sich nackt mit ihm im Bett zu wälzen, ausschließlich ihrem merkwürdigen Gefühlszustand bei ihrer Ankunft geschuldet war. Nun musste sie leider feststellen, dass sie sich irrte.

Ein Blick zu ihm, wie er ruhig im Türrahmen stand, reichte aus, um ihr sorgsam errichtetes Gedankengerüst zum Einsturz zu bringen. Sie wollte ihn jetzt noch genauso sehr wie vor einer Woche. Oder noch mehr?

„Hübscher Anzug“, sagte sie, und er fing fast an zu lächeln, auch wenn er sich im letzten Moment fing und wieder diesen übertrieben förmlichen Ausdruck annahm.

„Wie geht es dir, Mia?“

„Viel zu tun.“ Sie konnte ihm unmöglich die Hand schütteln, und eine Begrüßung von Schwester zu Bruder war komplett undenkbar. Fünf Minuten. Mehr blieb ihnen wahrscheinlich nicht, bevor ihr Wunsch, ihn zu berühren, unbeherrschbar wurde. „Ein Höflichkeitsbesuch?“

„Geschäftlich. Jemand kam irrtümlich mit einem Ausschreibungsangebot für dich zu meinem Hotel.“

„Warum hast du nicht angerufen? Dann hätte ich einen Boten geschickt, der das Angebot abholt.“

„Ja, aber dann hätte ich keine Chance mehr gehabt, einen Blick draufzuwerfen.“

„Und die rechnest du dir jetzt aus?“

„Ich hoffe es zumindest.“ Er hielt einen großen Umschlag hoch, bevor er ihn ihr auf den Schreibtisch legte. „Sind noch andere da?“

„Alle bis auf eines.“ Sie hatte die Papiere vor seiner Ankunft durchgesehen und konnte tatsächlich gut jemanden gebrauchen, der sie mit ihr zusammen noch einmal durchging. Vor allem jemanden, der wusste, wie chinesische Bauunternehmer mit indischen Klempnern und indonesischen Verputzern auskamen. Und sie brauchte jemanden, der ihr vorweg sagte, ob irgendeiner von ihnen Anweisungen von ihr befolgen würde. „Ist das das Kwong-Angebot?“

Er nickte. „Muss ich betteln?“

Für einen sehr, sehr kurzen Moment sah sie Ethan auf Knien vor sich, das Haar zerzaust, weil sie es mit ihren Händen zerwühlt hatte, und bettelnd.

„Wie es aussieht, brauche ich eine zweite Meinung“, sagte sie seufzend. „Und das kann genauso gut deine sein.“ Gute Geschäfte erforderten eben manchmal große persönliche Opfer. „Betteln ist nicht nötig.“

„Schön“, sagte er grinsend und zog sich einen Stuhl an ihren Schreibtisch. „Das erleichtert mich doch ungemein.“

Die Angebote von gut fünfzig Unternehmern durchzugehen und nachzurechnen war nicht einmal mit Ethans Hilfe leicht. Jedes Angebot enthielt irgendwelche Arbeiten, die noch extra zu vergeben waren, weshalb sie gründlich nachrechnen mussten. Letztlich kamen sie überein, dass das Kwong-Angebot gut war, weil es die Elektriker, Klempner und Stuckateure mit einbezog, das Samsul-Angebot, weil es die Handwerker stellte.

Eigentlich sollten sie beiden den Zuschlag erteilen.

„Womit ich immer noch einen Bauleiter brauchen würde“, folgerte sie. Die Leute, die Ethan ihr auf einer Liste zusammengestellt hatte, waren auf Monate ausgebucht. „Könnte ich das übernehmen?“

„Nein. Dein Geschlecht und dein Alter stellen hier ein Problem dar.“

Das hatte sie sich beinahe schon gedacht. „Und wer dann? Ich vermute, du kennst keine pensionierten Bauexperten, die nach einem Projekt lechzen. Jemanden mit jeder Menge Erfahrung, der bereit ist, sich diesem Hotel mit Leib und Seele zu widmen.“

Ethan lehnte sich zurück und sah sie an. „Willst du meine Antwort wirklich hören?“

„Warum sollte ich nicht?“

„Du kannst meinen Vater fragen.“

Ah, deshalb.

„Er ist im Ruhestand, erfahren und wird garantiert in deinem Interesse handeln.“

„Nein.“

„Ihm täte die Abwechslung gut, Mia. Lilys Tod hat ihn schwer getroffen. Er trauert.“

„Nein!“

„Du hast gesagt, du willst Antworten.“

„Kapierst du nicht, wann es genug ist?“, fragte sie aufgebracht.

„Ihn trifft keine Schuld“, erwiderte Ethan knapp.

„Er hat einem anderen Mann die Frau weggenommen und mir die Mutter! Wieso trifft ihn keine Schuld? Verrat mir eines, Ethan, bist du dem Liebhaber deiner verstorbenen Frau gegenüber auch so gnädig?“

„Nein.“ Ein einziges Wort, bis zum Bersten angefüllt mit Widerwillen, Zorn und Bereuen.

Er hat ihr nicht vergeben, dachte Mia erschaudernd und begriff, dass sie an dieser Wunde nicht hätte rühren dürfen. „Dann verlange es auch nicht von mir“, flüsterte sie.

„So wie es mir erzählt wurde, bat Lily um die Scheidung. Dein Vater stimmte zu, aber sein Preis war hoch. Er sagte, wenn er Lily nicht haben konnte, wollte er dich, allein.“

„Nein!“, rief Mia beinahe aus und schüttelte energisch den Kopf. Sie wollte ihm nicht glauben.

„Auge um Auge, Mia.“

Nein. „Das würde mein Vater niemals machen! So ein Mensch ist er nicht. Es war dein Vater, der mich nicht wollte.“

„Mein Vater hätte dich sofort aufgenommen. Er wäre schon überglücklich gewesen, wenn du uns wenigstens manchmal besucht hättest. Jeder Kontakt wäre ihm recht gewesen, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

„Du lügst!“

„Auch wenn es dir lieber wäre, nein.“ Ethans Blick ging ihr durch und durch. Mia ahnte, dass er die Wahrheit sagte, auch wenn sie alles gäbe, sie nicht zu hören. „Mia …“

„Ich will es nicht hören! Was für ein Vater verweigert seinem Kind die Mutter? Was für eine Mutter lässt das zu?“

„Mia …“

„Nein!“, schrie sie. „Lass mich in Ruhe!“

Lilys Wohnung im Hotel war zwar kein idealer Rückzugsort, aber Mia wollte dort ja auch keine Ruhe finden, sondern ging dorthin, um ihre Wut herauszulassen.

„Wer warst du?“, fragte sie ihre unsichtbare Mutter voller Zorn. „Wie konntest du das tun?“ Sie blieb vor dem Foto von ihrem Vater stehen, und schlagartig verließen sie ihre Kräfte. „Wie konntest du das tun?“

Trotz all seiner Fehler, seiner strengen und distanzierten Art, liebte sie ihn – immer noch. „Wie konntest du die Liebe so falsch verstehen?“

Sie kehrte dem Bild den Rücken zu und sackte vor der Wand auf den Boden, die Knie an der Brust. Wenn der Schmerz doch nur wegginge! Wenn sie doch nur so unberührbar wäre wie die Porzellanpuppen in der Vitrine neben ihr – weggesperrt vor der Welt und sicher vor Verletzungen.

Viel zu wütend und traurig, um sich weiter mit ihrer Situation zu befassen, konzentrierte sie sich stattdessen auf die Puppen. Da waren eine schlafende Babypuppe, die kleine Faust geballt, ein Porzellankrabbelkind, das den Windelpo in die Höhe streckte und grinsend zwischen seinen Beinen hindurchsah. Der Puppenmacher hatte es wirklich verstanden, die Gesichter und die pummeligen Körper perfekt in Porzellan nachzubilden.

Zögernd griff Mia nach der Vitrinentür. Sie war gar nicht abgeschlossen. Außer den ersten beiden waren noch mehr Puppen in dem Glasschrank: verspielte kleine Wonneproppen, zarte kleine Mädchen und sehr hübsche junge Frauen, die so zerbrechlich und wunderschön aussahen, dass man sich kaum traute, sie zu berühren.

Behutsam strich sie über die Wange der Babypuppe, die bezaubernd echt wirkte. Dann nahm sie die Puppe vorsichtig auf den Schoß. Das Porzellan fühlte sich sanft und kühl an, das winzige Leinenhemd ganz weich. Sie sah, dass unten am Hemdrand etwas stand und vermutete, es war der Name des Puppenmachers. Aber die Schrift war ausgeblichen, und alles, was Mia erkennen konnte, war, dass es sich um zwei Worte handelte.

„Da steht ‚Happy Birthday‘“, sagte Ethans Stimme über ihr. Mia sah erschrocken auf. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er hereingekommen war. „Ich mag die Puppe am liebsten.“ Er zeigte auf das Puppenkrabbelkind. „Die habe ich mit ausgesucht. Aber vergiss nicht, dass ich da erst sieben war. Wahrscheinlich fand ich sie witzig.“

„Ist sie auch.“ Sie seufzte. „Es tut mir leid, Ethan. Ich sollte nicht wütend auf dich sein. Was damals passierte, war schließlich nicht deine Schuld.“

„Sie ließ sich die Kataloge aus England schicken“, erzählte er, als hätte er sie gar nicht gehört. „Wochenlang blätterte sie darin, ehe sie sich für eine Puppe entschied. Die Puppen kamen immer in der letzten Juniwoche und wurden am zweiten Juli in die Vitrine gestellt.“

Mia starrte ihn an.

„Es sind vierundzwanzig“, sagte er ruhig. „Happy Birthday, Mia.“

Ethan wusste, dass Mia clever war, wenn es ums Geschäft ging. Das hatte sie ihm unten bewiesen, als sie die Kostenvoranschläge durchgingen. Von Rajah hatte er erfahren, dass sie dem Personal gegenüber ausgesprochen großzügig und offen für ihre Ideen und Anregungen war, statt sie einfach zu überfahren. Nun aber kniete sie vor der Vitrine voller Puppen und brach in Tränen aus.

Wie zerbrechlich sie war. Vornübergebeugt hockte sie da, das Gesicht hinter ihren Haaren verborgen und die Schultern bebend unter ihren Schluchzern. Er ging neben ihr in die Knie und strich ihr sanft das Haar nach hinten. Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Oh verflucht“, murmelte er. „Ich verstehe genauso wenig wie du, was damals passierte, aber sie hat dich geliebt, Mia. Und es verging kein Tag, ohne dass sie an dich dachte.“

Nun weinte sie noch heftiger, womit Ethan schlecht umgehen konnte. „Nicht“, sagte er, nahm ihr die Puppe ab und legte sie behutsam beiseite, bevor er Mia hochzog und in die Arme nahm.

Er wollte sie trösten, weil sie so gebrochen und allein war, sonst nichts. Dann aber war er plötzlich von ihrem Duft umgeben, der vertraute Erinnerungen in ihm weckte. Die Art, wie sie die Hände an seiner Brust ballte, ihr unglaublich weiches Haar und die zarte Wölbung ihrer Wangen, all das war so unvorstellbar, befremdlich vertraut.

„Schhh“, flüsterte er, als das Schlimmste überstanden war. Er fühlte, wie eine Faust an seine Brust schlug – nicht fest, sondern gerade fest genug, dass er es merkte.

„Sag mir nicht, dass ich leise sein soll, Ethan!“, schimpfte sie mit zittriger Stimme.

„Entschuldige.“ Frauen! „Lass es einfach alles raus.“

Wieder knuffte sie ihn mit der Faust. Gleich darauf lachte sie erstickt, als er mit einer Hand über ihren Rücken strich. Wie konnte es sein, dass ein so unbedeutendes Geräusch seine Selbstbeherrschung vollkommen zunichte machte?

„Genug getröstet!“ Sie öffnete die Fäuste und krallte ihre Finger in den Stoff seines Hemdes. Seine Hände waren beide auf ihrem Rücken, an ihrer Taille und überall dort, wo Hände eben hinwanderten, wenn der Körper nach mehr verlangte. Wie in aller Welt kam sie eigentlich in seine Arme? Er wusste es nicht mehr.

Ach ja! Ein Beben durchfuhr ihn, als er über ihre Brüste strich. Trost.

Er würde ja um Gnade flehen, wenn er glaubte, dass es irgendetwas nützte. Oder wenn er sich einbildete, sie zu verdienen.

Aber in seiner gegenwärtigen Situation betete er einzig um die Kraft, sie wieder loszulassen. „Also … war’s das?“, fragte er und bemühte sich, seine Stimme weniger heiser und mehr geschäftlich klingen zu lassen. „Ich meine, mit den Tränen?“

„Ja, das war’s“, bestätigte sie. „Du … fragst dich wahrscheinlich, ob du mich jetzt wieder loslassen kannst. Du kannst.“

Er konnte nicht. „Vielleicht ist es besser, wenn du dich einfach aus der Umarmung löst …“ Während er die Worte sprach, umklammerte er sie noch fester. Ihre Hände, die kleine Knautschfalten in sein Hemd kneteten, versetzten seine Haut darunter in Ekstase.

Aber sie tat es nicht.

Und er erst recht nicht. Es gab eine Million Gründe, weshalb sie nicht in seinen Armen liegen sollte. Einer war, dass er Lily geschworen hatte, sie zu beschützen und wie eine Schwester zu behandeln. Einen ähnlichen Eid hatte er auch seinem Vater geleistet. Er wollte sie nicht verletzen. Und ganz sicher wollte er sich nicht zu ihr hingezogen fühlen.

Dennoch musste er ihr unentwegt auf den Mund starren.

„Ethan …“ Sie klang atemlos, und er liebte es, wie sie seinen Namen aussprach. „Ethan, das sollten wir nicht tun.“

„Ich weiß“, sagte er und küsste sie.

Eine Berührung seiner Lippen, mehr brauchte es nicht, und Mia war verloren. Er schmeckte dunkel und kühl, gefährlich erregend, unglaublich vollkommen, attackierte ihre Sinne und beschwor Sehnsüchte in ihr herauf, die sie niemals zuvor empfunden hatte. Er war die Erfüllung all ihrer geheimen Wünsche. Und er erhörte sie, indem er sie an die Wand drückte, die Hände in ihrem Haar vergrub und sie küsste.

Mias Herz drohte auszusetzen, und ihr Atem stockte, als Ethan ein überwältigendes Verlangen in ihr weckte. Sie öffnete den Mund und erwiderte seinen Kuss mit ungekannter Leidenschaft.

Ethan konnte gar nicht genug von ihr bekommen und würde es wohl auch nie. Der Gedanke machte ihm eine solche Angst, dass er es schließlich schaffte, sie loszulassen und einen Schritt zurückzutreten. Er musste, denn wenn sie es nicht auf der Stelle beendeten, könnte er es nicht mehr.

Schwer atmend stand er da, während Mia ihn mit ihren leuchtend grauen Augen ansah.

„Nun“, sagte sie. „Das schien eindeutig zu … funktionieren.“ Sie legte die Porzellanpuppe vorsichtig in die Vitrine zurück. Dann schloss sie die Glastür.

„Wir sollten es nicht wieder tun“, murmelte er.

„Stimmt.“

„Ich habe deiner Mutter versprochen, auf dich aufzupassen. Und ich habe mir selbst geschworen, dich wie eine Schwester zu behandeln.“

„Dann viel Glück dabei.“ Ihre Stimme klang fester, als sie sich wieder zu ihm umdrehte. „Die Vorstellung, wie mein Vater reagieren würde, sollte ich je … sollten wir je …“ Sie strich sich nervös das Haar hinter die Ohren. „Nun, sie ist eine wirksame Abschreckung.“

„Gut.“

„Du darfst sie dir gern ausleihen“, bemerkte sie trocken.

„Nein, behalt sie nur. Ich habe genügend eigene abschreckende Vorstellungen.“

Ethan schaffte es zurück zu seinem Hotel und in sein Büro, ohne an Mia zu denken. Jetzt überlegte er, dass sie einen Projektmanager brauchte und ihn als Beschützer, so wie er es Lily versprochen hatte. An ihrem Geschäftssinn zweifelte er nicht, nur hatte sie noch niemals in Penang Geschäfte gemacht, und das war etwas vollkommen anderes als Australien. Sie brauchte jemanden mit Erfahrungen vor Ort, der die Leitung übernahm. Jemanden, dem an dem alten Hotel lag und der sein Bestes gab, um Mias Interessen zu vertreten.

Jemanden wie ihn.

Er könnte es machen. Während er seine Termine für die nächsten Monate durchsah, rieb er sich den Nacken. Okay, wahrscheinlich müsste er sich Hilfe besorgen. Am besten bat er seinen Vater, ihm ein paar der Aufgaben bei der Hamilton Group abzunehmen. Was nicht schlecht sein musste, denn Nathaniel tat es garantiert gern, nicht nur für Ethan und Mia. Auf diese Weise wäre er beschäftigt und könnte sich leichter an ein Leben ohne Lily gewöhnen.

Ja, die Idee war glänzend. Hochzufrieden griff Ethan nach dem Telefon und rief als Erstes seinen Vater an, der von seinem Vorschlag ganz begeistert war.

Als Nächstes wählte er Mias Nummer.

„Ich habe eine Lösung“, sagte er, sobald sie sich meldete.

„Freut mich zu hören.“ Sie klang amüsiert. Das war ein gutes Zeichen. „Für was?“

„Ich werde das Projektmanagement übernehmen, bis du jemand anderen findest.“

„Ethan …“

Mit ihrem Zögern hatte er gerechnet. „Du brauchst jemanden, der vor Ort Erfahrung hat, als Hotelier und Projektentwickler, und ich habe zugesagt, dich zu unterstützen. Wir gewinnen also beide etwas dabei.“

„Und was ist mit deiner Arbeit?“

„Die habe ich delegiert.“

„Glaubst du, wir können zusammenarbeiten?“, fragte sie nach einer längeren Pause.

„Was heute Morgen passiert ist, wird nicht wieder vorkommen“, antwortete er bestimmt. „Zwischen uns lief alles bestens, solange wir über Geschäftliches gesprochen haben. Wir können gut zusammenarbeiten, das weißt du.“

„Dann … sind alle Gespräche über die Familie tabu?“, fragte sie skeptisch.

„Genau. Nichts als Geschäft. Und keine Tränen mehr. Tränen sind schlecht.“

„Ist Frust erlaubt?“

„Klar. Sarkasmus übrigens auch.“

„Was ist mit Wut?“

„Wessen?“ Er konnte ihr Lächeln zwar nicht sehen, glaubte es aber zu hören – und zu fühlen.

„Ethan“, sagte sie nachdenklich. „Ich weiß, dass du dich mir verpflichtet fühlst, aber du bist nicht für mich verantwortlich.“

„Jetzt redest du schon wieder über Familie“, warnte er sie.

„Es ist nicht dein Problem, dass ich keinen Projektmanager habe.“

„Schon besser.“

„Ich hatte über eine andere Lösung nachgedacht“, sagte sie unsicher. „Über einen anderen möglichen Projektmanager. Er ist fast so qualifiziert wie du, wenn man davon absieht, dass seine Ortskenntnisse nicht auf dem neuesten Stand sind.“

Er ahnte, wen sie meinte.

„Ich überlege, meinen Vater zu fragen.“

„Wann kommst du nach Hause?“ Richard Fletcher war ungeduldig, was Mia nervös machte. Sie brauchte einen Projektmanager, das war nicht gelogen, aber vor allem brauchte sie den Segen ihres Vaters.

„Das kommt drauf an“, wich sie ihm aus. „Rufe ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt an?“

„In fünfzehn Minuten habe ich eine Verabredung mit einem Kunden“, sagte er. „Ich gebe dir fünf.“

Sie schloss die Augen und stellte sich vor, wie er sich wieder einmal zu einem abendlichen Geschäftstermin bereit machte. Auch wenn sie ihn und die Gespräche mit ihm vermisste, war sie doch beinahe erschrocken, wie wenig ihr das Geschäft fehlte.

„Ich überlege, das Hotel zu restaurieren“, sagte sie ohne Umschweife.

„Du meinst, die Renovierungsarbeiten haben bereits begonnen, und du willst sie abschließen, bevor du verkaufst?“

„Nein, Daddy. Das Cornwallis ist noch genauso, wie du es verlassen hast, nur vierundzwanzig Jahre älter. Ich möchte es restaurieren und betreiben. Ich will es behalten.“

„Darüber solltest du noch einmal nachdenken“, sagte er. „Das Geld, das du reinstecken müsstest, kriegst du nie wieder raus.“

„Hier geht es nicht ums Geld.“

„Es geht immer ums Geld“, korrigierte er sie. „Und wo wir gerade beim Thema sind, wie willst du diese Renovierung finanzieren?“

„Mit meinem Trust-Fonds und meinen Anlagen.“

„Das ist Wahnsinn. Selbst wenn du alles verkaufst, was du besitzt, reicht es nicht, Mia. Vertrau mir.“

„Ich vertraue dir ja, Daddy. Vierundzwanzig Jahre lang habe ich dir vertraut, dir geglaubt, dass meine Mutter tot ist, obwohl sie es nicht war, und ich vertraue dir immer noch.“

Schweigen. „Was willst du von mir?“

„Deinen Segen“, sagte sie ruhig. „Deine Hilfe.“

„Ich helfe dir sehr gern dabei, das Hotel zu verkaufen.“

„Rate mal, wo ich gerade bin.“

„Ich habe keine Zeit für Spielchen, Mia.“

Die hatte er nie. „Ich bin im Ballsaal, wo ein Kronleuchter aus sechstausend handgeschliffenen österreichischen Kristallen hängt. Die Nachmittagssonne fällt durch die Bogenfenster herein und malt Muster auf das Parkett aus Rosenholz, Buche, Ebenholz und Eiche.“

Stille.

„Alle Firmen stehen bereit – Bauunternehmer, Handwerker, Arbeiter. Ethan hat mir geholfen. Erinnerst du dich an Ethan?“

„Komm nach Hause.“ Ihr Vater klang anders als sonst, älter, resigniert.

„Ich brauche einen Projektmanager, jemanden, der an das glaubt, was dieses Hotel wieder sein könnte. Du hast einmal daran geglaubt. Ich habe Bilder von dir gesehen.“

„Verlang das nicht von mir, Mia.“

„Ich gebe mir große Mühe, ihr zu vergeben, Daddy, und dir.“

„Du erwartest Unmögliches. Dort gibt es nichts mehr für mich, und für dich auch nicht.“

Mia blickte sich um. „Da irrst du dich.“

4. KAPITEL

Um drei Minuten nach neun am folgenden Morgen betrat Mia die Eingangshalle des Hamilton-Hotels. Ihr war nicht klar gewesen, dass es keine drei Blocks vom Cornwallis-Hotel entfernt war – und eines der besten und größten Luxushotels auf der Insel. Allerdings gab es hier keinen Kronleuchter, wie sie zufrieden feststellte, nur jede Menge orientalische Farben, sehr ausgefeilte Beleuchtung und höchst ungewöhnliche, kunstvolle Dekoration.

Mia betrachtete sich in einem der langen Wandspiegel, zupfte den Kragen ihrer rosa Leinenbluse zurecht und ging auf den Empfangstresen zu.

Sie war nicht einmal sicher, ob Ethan da war.

Eigentlich hätte sie anrufen und einen Termin machen müssen, oder, noch besser, alles telefonisch besprechen. Aber sie wollte unbedingt herausfinden, ob sie mit ihm im selben Raum sein und sich trotzdem auf Geschäftliches konzentrieren konnte. Falls nicht, würde sie ihm höflich für alles danken, ihm sagen, dass sie hier in Malaysia und in Australien nach einem Projektmanager suchen wollte, und verschwinden.

Die Frau am Empfangstresen lächelte und griff nach dem Telefon. „Ich sage ihm Bescheid, Miss …?“

„Fletcher“, sagte Mia.

„Miss Fletcher ist hier für Sie, Sir.“ Schöne Telefonstimme, erstklassige Manieren, sehr guter Augenkontakt.

„Mr. Hamilton fragt, ob Sie ihn lieber hier unten treffen wollen oder oben.“

„Ich … wo oben?“

Die Frau lächelte wieder und überreichte Mia den Hörer. Dann begab sie sich dezent außer Hörweite.

„Deine Empfangsdame ist sehr, sehr gut“, sagte Mia ins Telefon. „So eine brauche ich auch, später. Wie viel zahlst du ihr?“

„Mehr als du“, antwortete Ethan amüsiert. „Ich bin in meiner Wohnung im obersten Stock. Hier oben habe ich ein Büro, eine Küche, ein Esszimmer, einen Salon und ein Bett.“

„Kann man das Bett vom Büro aus sehen?“

„Nein.“

„Ich komme rauf.“

„Schön. Die Aussicht wird dir gefallen.“

„Du … bist doch angezogen, oder?“ Auf keinen Fall wollte sie ihn sehen, wenn er eben aus dem Bett gestiegen war.

„Im anthrazitfarbenen, einreihigen Nadelstreifenanzug. Der wird dir auch gefallen.“

Sie hörte, dass er lächelte, und musste unweigerlich auch lächeln. „Okay“, sagte sie und legte auf.

Ethans Penthouse war ebenso edel und rätselhaft wie er selbst. Alles war sehr luxuriös. Im Büro hing ein riesiger Wandteppich, der eine chinesische Schlachtenszene darstellte, und an einer anderen Wand hingen Fotos von verschiedenen Hamilton-Hotels. Das Mobiliar war vornehmlich in Dunkelblau gehalten und zweifellos äußerst bequem. Mia musste lächeln, als sie eine abgegriffene alte Seemannstruhe sah, in die Ethans Name mit kindlicher Schrift eingeritzt war. Er transportierte seine Vergangenheit in die Gegenwart. Das mochte sie an ihm.

Mit der Aussicht hatte er recht gehabt. Der Panoramablick von den drei verglasten Wänden des Wohnzimmers aus war überwältigend.

„Das ist der Padang“, sagte er und zeigte auf einen Platz weit unter ihnen. „Westlich vom Spielfeld ist das Rathaus, im Süden der Victoria-Memorial-Glockenturm. Durchs linke Fenster sieht man auf Chinatown, und hinter dir ist Little India.“

Wie vieles wusste und kannte sie hier noch nicht! „Danke, dass du mich so kurzfristig empfangen kannst.“

„Hast du deinen Vater angerufen?“, fragte er ruhig.

„Ja.“ Dann ahnte er also schon, warum sie hier war. „Er hat Nein gesagt.“

Ethan schwieg.

„Ich habe mich gefragt“, begann sie zaghaft, „was du für deine Dienste als Projektmanager verlangst.“

„Gar nichts.“

„Weil du ein Philanthrop bist?“

„Nein.“

Seine Mundwinkel zuckten. Hastig wandte Mia sich ab und versuchte, ans Geschäft zu denken.

„Ich werde so viel wie möglich selbst machen. Wenn du nur anfangs alles überwachen könntest …“, sagte sie und blickte hinunter auf das Wasser hinter dem Spielfeld. „Und falls irgendwelche unvorhergesehenen Schwierigkeiten auftreten …“ Was angesichts des Alters des Hotels und der fälligen Arbeiten schon in der nächsten Minute sein könnte. „Oh, verdammt, ich verlange zu viel von dir!“ Sie drehte sich wieder zu ihm um. „Was ist mit deiner Arbeit?“

„Für die habe ich jemanden.“

„Das ist mir unangenehm.“

„Ich bin Architekt, Mia. Einer der Gründe, weshalb wir so viele Hotels besitzen, ist der, dass ich sie entwerfe und baue. Wir brauchen keine mehr, jedenfalls nicht in den nächsten paar Jahrzehnten. Darum biete ich mich an, nicht aus reiner Selbstlosigkeit. Du bist nicht die Einzige, die sieht, was das Cornwallis sein könnte.“

„Dann machst du es also?“, fragte sie.

Er nickte.

„Und unsere Beziehung bleibt strikt auf das Geschäftliche beschränkt?“

„Nur auf das Geschäftliche und sonst nichts.“

„Normalerweise bin ich vorsichtiger“, murmelte sie. „Ich war immer ein sehr rational denkender Mensch.“ Ihr Vater hatte ihr beigebracht, dass Gefühle im Geschäft nichts verloren hatten, aber ihre Gefühle steckten in dem alten Hotel. Sie wollte es nicht bloß restaurieren, sie musste es tun. Als könnte sie dadurch eine Verbindung zu Lily herstellen oder auch einfach nur ein anderes Leben führen als jenes, das ihr bei der Fletcher Corporation vorbestimmt war. Was auch immer, sie wusste, dass das Hotel der Schlüssel war. „Bis ich hierherkam.“

Und sie eine vollkommen neue Seite an sich entdeckte.

„Abgemacht?“, fragte er mit der Andeutung eines Lächelns.

„Ja. Meine Vorsicht scheint gerade auf Urlaub zu sein. Wenn du dabei sein willst, bist du dabei. Ich brauche ein paar Tage, um Geld zu beschaffen. Danach können wir direkt den Termin mit den Baufirmen machen.“

„Willst du dich hier mit ihnen treffen oder im Cornwallis?“

„Im Cornwallis, wo ich ihnen gleich alles zeigen kann.“

Ethan nickte. „Weißt du bis dahin, was du willst?“

„Ja, ich habe alles im Kopf.“

„Das ist gut“, sagte er. „Aber wird es auch machbar sein?“

„Aha, die Stimme der Vernunft meldet sich.“ Sie grinste. „Wie praktisch.“

„Jetzt machst du mir Angst.“

„Freitag um neun?“

„Ich werde da sein.“

Mia zögerte, wenn auch nur für einen Moment. „Ich könnte mir vorstellen, dass ein Junge, der früher im Cornwallis herumstreifte und später Architekt wurde, einige Zeichnungen versteckt hat. Bilder davon, wie er es sich ausmalte. Ich verspreche dir nichts, bin aber offen für Vorschläge.“

Ethan lachte kurz. „Ich bringe sie mit. Und, Mia … bevor du gehst …“ Er ging zur Küche, nahm einen dicken Umschlag vom Tresen auf und reichte ihn ihr. „An die ist schwer ranzukommen.“

„Hmm … danke.“ An was war schwer ranzukommen? Sie wollte den Umschlag aufreißen.

„Mach ihn nicht jetzt auf“, unterbrach er sie erschrocken.

Mia sah ihn verwundert an.

„Und auch nicht auf dem Nachhauseweg. Warte damit, bis du im Hotel bist.“

„Na gut. Tja, dann gehe ich mal. Ich und mein versiegelter Umschlag voller Dinge, an die schwer heranzukommen ist.“

Ethans Lächeln bezauberte sie. „Möchtest du lieber zum Frühstück bleiben?“

„Nein.“ Ganz sicher nicht. Denn dann würde sie sich ausmalen, wie es wäre, ihn beim Frühstück zu necken, nachdem sie die Nacht gemeinsam verbracht hatten. „Wir sehen uns am Freitag.“

Mia eilte ins Hotel und auf ihre Suite zurück, ehe sie den Umschlag öffnete. Noch ein Angebot, dachte sie auf dem Heimweg. Eines, bei dem sie lieber sitzen sollte – mit einem Ventilator und Eiswasser vor sich.

Nein, es war kein Angebot. Der Umschlag enthielt ungefähr ein Dutzend Fotos. Auf allen war eine zarte, wunderschöne Frau mit schwarzem Haar, Mandelaugen und einem Gesicht zu sehen, das Mia aus dem Spiegel kannte.

Eines zeigte Lily in einem trägerlosen schwarzen Kleid mit ellbogenlangen Handschuhen, die Augen leuchtend vor Lachen, als sie sich demjenigen zuwandte, der das Foto gemacht hatte. Auf zwei anderen sah man eine strahlend schöne Lily und einen jungen Ethan spielend am Strand. Glückliche Zeiten.

Die restlichen waren von Lily allein, und die Traurigkeit in ihren wundervollen braunen Augen versetzte Mia einen Stich. Mit zitternden Händen breitete sie die Aufnahmen vor sich auf dem Tisch aus und betrachtete sie eingehend.

Als ihr die Tränen kamen, ging sie zur Anrichte und schenkte sich ein Glas Wasser ein. Sobald sie sich wieder gefangen hatte, kehrte sie zu den Bildern zurück.

Später – sehr viel später – nahm sie das Telefon und wählte Ethans Nummer. „Hier ist Mia“, meldete sie sich. „Ich …“ Sie konnte nicht beschreiben, was es ihr bedeutete, zu wissen, wie ihre Mutter ausgesehen hatte. Endlich, endlich war ihre Mutter real geworden. „Ich habe den Umschlag aufgemacht.“

„Geht es dir gut?“, fragte er.

„Danke, Ethan“, sagte sie leise und legte auf.

Keine Woche darauf begannen die Arbeiten im Hotel.

„Ich fände es besser, wenn du so lange im Hamilton wohnst“, sagte Ethan, aber Mia schüttelte den Kopf.

Sie wollte alles aus nächster Nähe miterleben. Im Moment standen sie in der Eingangshalle und beobachteten, wie der Kronleuchter heruntergelassen wurde. Ihn aus dem Hotel zu schaffen war ausgeschlossen, also hatten sie entschieden, ihn herunterzulassen und mit einem Sperrholzgehäuse in Zimmergröße zu schützen. Das hatte sich anfangs richtig gut angehört, und Mia war überzeugt, dass es so ging.

„Mir gefällt es hier“, sagte sie und blickte sich um. Aus allen Richtungen ertönten Gehämmer und Bohrergeheul.

„Aha.“

Mia sah wieder zu dem Kronleuchter. Zwei Männer bedienten die Winde oben im Dach, drei weitere standen auf hohen Leitern, um das Absenken von dort zu überwachen. Alle unterhielten sich laut und aufgeregt. „Ob es ihnen etwas ausmacht, wenn ich ein paar Fotos schieße?“

Ethan rief ihnen zu, worauf einer grinsend etwas zurückrief, das die vier anderen zum Lachen brachte. „Der in der Mitte will, dass du seine Schokoladenseite nimmst, und die anderen geben Tipps ab, welche das wohl wäre. Eine genaue Übersetzung möchtest du wahrscheinlich nicht.“

Mia machte Fotos. „Sag ihnen, ich hänge sie an das Brett vorm Büro, falls sie sie sich ansehen wollen.“

„Schon bei der Teamentwicklung, Mia?“

„Wer? Ich?“ Er sah so amüsiert aus, dass sie ihn gleich auch knipste. „Ich mache bloß Fotos. Sobald der Leuchter in der Kiste ist“, sie machte noch ein Bild vom Kronleuchter, „fahre ich nach Little India, um mir Möbelstoffe anzusehen.“

„Willst du keinen Innenarchitekten einstellen?“

„Doch. Aber der muss mit dem arbeiten, was ich ihm gebe. Sieh dich um, Ethan. Ich denke an leuchtende, lebendige Farben und kontrastierende Materialien. Samt, Seide, Wildleder, schwere Baumwolle …“

„Ich wage gar nicht zu fragen, welche Wandfarben du planst.“

„Ein kühles Weiß mit einem Hauch von Blassgrün. Das habe ich in einem der Erdgeschosszimmer gesehen.“

„Die alten Farben“, sagte er zufrieden.

„Was hast du danach vor?“, fragte sie. „Du könntest mit mir kommen.“

„Oh nein“, erwiderte er. „Auf keinen Fall. In einigen der Geschäfte gibt es Tausende Stoffballen, und die wirst du dir alle ansehen müssen. Von den Ladenbesitzern ganz zu schweigen. Sie wissen ja, dass sie den ganzen Tag da sind, also bringen sie dir zuerst Tee, dann bestellen sie ein Mittagessen, und plötzlich gibt es nichts mehr, was sie nicht über dich wissen.“

„Also nicht? Und wahrscheinlich soll ich nicht erwähnen, dass ich nach Stoffen für das Hotel suche, stimmt’s?“

„Mit keinem Wort“, riet er ihr streng. „Dann lassen sie dich überhaupt nicht mehr raus. Und geh nicht zu Madame Sari. Sie wird sofort erkennen, dass du Lilys Tochter bist, und weiß binnen einer Sekunde, wofür du Stoffe suchst. Die beiden Läden zwei Türen weiter nach links und rechts solltest du ebenfalls meiden. Für die gilt dasselbe.“

„Wie heißen die?“

„Ich erinnere mich nicht.“

„Und wenn ich zufällig in einem davon lande?“

„Dann verschwindest du schnellstmöglich wieder. Und bestell kein Chapatti.“

„Ich werde stark sein“, versprach sie. „Und skrupellos.“

Ethan stöhnte. „Das ist, als würde man eine Unschuldige aufs Schafott schicken.“

„Ich glaube, du willst mit mir Stoffe aussuchen gehen“, sagte sie weise. „Frauen spüren solche Dinge.“

„Nein! Nein, will ich nicht“, erwiderte er energisch. „Ich weiß nur nicht, ob ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann, dich allein hinfahren zu lassen.“

Mia verdrehte die Augen. „Also wirklich, Ethan. Fürs Erste werde ich noch gar nichts kaufen. Ich will mich nur umsehen.“

„Ja, das sagen sie alle“, entgegnete er finster. „Und dann sehen sie ihn, den einen Stoff, und schon ist jede Vernunft flöten.“

„Okay, ich werde dieses Gebäude in einer Viertelstunde durch den Seiteneingang verlassen“, informierte sie ihn lächelnd. Im selben Moment stoppte die Winde, ehe das unterste Kristall des Kronleuchters die Decken berührte, die sie zum Schutz unten ausgebreitet hatten.

Ethan seufzte. „Ich erwarte dich dort in zehn Minuten.“

Stoffe ansehen mit Mia war fast so, wie Ethan befürchtet hatte, nur schlimmer. In Little India herrschte ein Gewimmel wie in einem Ameisenhaufen, und überall blieb Mia stehen und seufzte verzückt. Aber Ethan ertrug es wacker.

Endlich hatten sie auch das letzte Stoffgeschäft erfolgreich hinter sich gebracht, und Ethan war in Gedanken schon bei einem wohlverdienten Gin Tonic im Gentlemen’s Club, als er feststellen musste, dass es für Mia noch nicht vorbei war.

„Was verkaufen sie hier drinnen?“, wollte sie wissen und blieb vor einer schmalen roten Ladenfront mit chinesischem Schild stehen.

„Siegel.“

„Wie die Dinger, die man in heißes Wachs drückt, um Briefe zuzukleben?“

„Wie die Dinger, die heute als Stempel gefertigt werden.“

„Ich brauche eines“, sagte sie.

Wieso brauchte sie ein Siegel? Bis vor zwei Sekunden hatte sie nicht einmal gewusst, dass es heute Siegel in Stempelform gab. „Klar brauchst du das“, seufzte er und folgte ihr in den Laden.

Die Wände innen waren mit Mustern tapeziert – in Tamilisch, Malaiisch, Mandarin und Englisch. Es waren auch welche da, die sowohl in Englisch als auch in Mandarin beschriftet waren. „Diese sind praktisch für Schecks“, sagte er und zeigte darauf. „Einfach stempeln und unterschreiben.“

Mia blickte sich fasziniert um. „Das ist ja wie in einem Tattoo-Laden.“

„Hm … ja.“ Der Gedanke, dass Mia irgendwo ein Tattoo haben könnte, brachte ihn vollkommen durcheinander. „Du … hast ein Tattoo?“

„Nein.“

Ethan kämpfte mit Erleichterung und Enttäuschung zugleich.

„Aber ich mag Tattoo-Läden.“

„Mia, du magst alle Läden.“ Wer könnte das besser beurteilen als er?

„Ich kann mir ein Siegel für das Hotel machen lassen“, sagte sie.

„Das gibt es schon. Es ist sehr alt und sehr schön. Ayah weiß sicher, wo es ist. Vielleicht siehst du es dir erst mal an und überlegst in Ruhe, ob du es ganz oder teilweise übernehmen willst, bevor du ein neues bestellst.“

„Wahrscheinlich hast du recht.“ Trotzdem schien sie geradezu komisch enttäuscht.

„Was dich allerdings nicht davon abhält, dir ein persönliches Siegel machen zu lassen.“

„Wir haben auch welche mit zwei Namen für das moderne Paar“, sagte der Ladenbesitzer. „Die sind sehr beliebt. Ihr Name und sein Name und darunter die Adresse.“

„Oh nein!“, rief Mia eilig. „Das brauche ich nicht.“

„Hast du etwas gegen meinen Namen? Hamilton und Fletcher klingt doch gut“, meinte Ethan lächelnd.

„Du meinst Fletcher und Hamilton“, verbesserte sie ihn. „F steht vor H im Alphabet.“

„Ich biete Ihnen einen Sonderpreis für zwei“, erklärte der Ladenbesitzer. „Bei vier wird es sogar noch billiger. Ihr Name, sein Name und beide in unterschiedlicher Reihenfolge. Eine hervorragende Wahl! Sie können morgen fertig sein.“

Mia sah Ethan hilflos an. „Du wolltest hier reingehen“, murmelte er. „Also erklär du es ihm.“

Sie versuchte es gar nicht erst. „Ich möchte ein Siegel“, sagte sie dem Mann. „Mit einem Namen. Meinem.“

Der Ladenbesitzer reichte ihr einen Stift und ein Blatt Papier. „Namen und Adresse bitte.“

Ethan sah, wie sie ihren Namen schrieb und dann innehielt. „Schwierigkeiten?“

„Ja. Ich weiß nicht, welche Adresse ich angeben soll, ob Sydney oder hier.“

Dabei konnte er ihr nicht helfen.

„Darf ich zwei Siegel vorschlagen?“, fragte der Ladenbesitzer. „Eines für jede Adresse. Oder mehr, falls Sie noch andere haben.“

„Ja, Sie haben recht“, sagte Mia. „Ich lasse mir für jede Anschrift eines machen. Dann muss ich noch nicht entscheiden, welches die Heimatadresse ist.“

„Gute Idee“, murmelte Ethan.

„Wir sollten häufiger zusammen einkaufen gehen“, bemerkte Mia, als sie den Laden verließen. „Wir haben uns drei Stunden lang weder gestritten noch über die Familie geredet. Das war doch richtig schön harmlos.“

Harmlos? Dann sagte er ihr wohl besser nicht, wie sein Atem stockte, als sie den bernsteinfarbenen Samt über ihrem Körper drapierte oder als ihr die Sonne aufs Haar schien und es silbrig schimmern ließ. Außerdem wollte er diese Momente am liebsten selbst ganz schnell wieder vergessen.

„Wohin jetzt?“, fragte er.

„Ich glaube, ich habe für heute genug eingekauft. Lass uns eine Rikscha nach Hause nehmen.“

„Touristin.“

„Feigling.“

„Ich werde mich nicht in einen Fahrradanhänger setzen, der mit bunten Lichtern, kleinen Halbgötterfiguren und Plastikblumen beklebt ist“, erklärte er energisch.

„Aber selbstverständlich nicht“, beruhigte sie ihn.

Sie nahmen eine schwarze Rikscha.

5. KAPITEL

Zurück im Hotel, erwartete sie das reinste Chaos.

„Der Strom ist weg!“, rief ihnen der Vorarbeiter entgegen. „Tot! Zwei Wochen lang!“ Anschließend diskutierte er laut und lebhaft mit Ethan.

„Sie haben überall Kabel mit fehlerhaften Isolierungen gefunden“, übersetzte Ethan für sie. „Er will alle ziehen und neue verlegen, ehe er die Hauptstromleitung wieder anschließt. Bis dahin bringt er einen Generator für die Maschinen mit. Ich habe ihm gesagt, er soll alle Arbeiter anhalten, sehr vorsichtig zu sein.“

Mia nickte.

„Womit wir wieder bei dem Thema wären, das ich heute Vormittag ansprach. Du hast jetzt weder Strom noch warmes Wasser, dafür überall Putzstaub. Es wäre wirklich besser, wenn du vorerst woanders wohnst – zumindest die nächsten zwei Wochen.“

„Hast du denn im Hamilton noch ein Zimmer für mich?“

„Mia“, antwortete er erschöpft, „ich habe zweihundertzwölf Zimmer.“

Ethan ließ sie in Ruhe packen und sagte ihr, sie solle ihn anrufen, sobald sie fertig wäre. Dann würde er ihr einen Fahrer schicken.

Es ist ja nicht so, als würden wir zusammenziehen, redete sich Mia zum zigsten Mal ein. Immerhin bestand ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Schlafen im Hotel eines Mannes und dem in seinem Haus. Wahrscheinlich bekam sie ihn dort kaum zu Gesicht. Er war oben in seinem Penthouse und sie in einem Zimmer auf einem der unteren Stockwerke. Er benutzte seinen Penthouse-Lift, sie die normalen Aufzüge. Er aß bei sich, sie in einem Restaurant in der Nähe. Nein, sie würden sich nicht öfter über den Weg laufen als bisher. Alles war bestens.

Außer in dem Moment, in dem er ihr aus der Rikscha geholfen hatte, wobei sie eine Hitzewelle von der Stärke eines mittleren Flächenbrandes erfasste. Oder als er sich neben sie setzte und seinen Arm hinter ihr auf der Rückenlehne ausstreckte, was die Fahrt zum Hotel zur reinsten Folter machte.

Er wusste genau, welche Wirkung er auf sie hatte, das sah sie am Funkeln seiner blauen Augen.

Nachdem die Arbeiter Feierabend gemacht hatten, hievte Mia ihr Gepäck hinunter und stellte es in der Eingangshalle ab. Dann schritt sie von Raum zu Raum, um die Fortschritte zu begutachten. Außerdem überprüfte sie, ob alle Fenster und Türen verriegelt waren, weil das Hotel heute zum ersten Mal nachts leer stand. Gleichzeitig nahm sie sich vor, Ethan zu fragen, ob sie Sicherheitsleute brauchten.

Schließlich nahm sie ihre Taschen und Koffer, ging hinaus und schloss die Tür hinter sich ab. Draußen standen Container mit Bauschutt, dem früheren Innenleben des Hotels, das nun zur Abholung bereitstand. Sentimental wie sie war, holte Mia ihre Kamera hervor und machte Fotos. Sie hatte sich ein Taxi bestellt, statt Ethan anzurufen, doch es war noch nicht da. Also schritt sie die Front des Gebäudes ab und nahm ein paar mehr Bilder auf – von dem Lift der Dachdecker, dem Gerüst der Maler und sonstigem Baugerät. Die Verwandlung begann.

Ein Mann kam den Gehweg entlang, blieb stehen und betrachtete das Hotel. Er war älter, hatte graues Haar, trug eine schlichte Baumwollhose und ein weißes Hemd, dessen Ärmel bis zum Ellbogen aufgekrempelt waren. Ein Tourist, dachte sie, und wollte schon auf ihn zugehen, doch dann sah er zu ihr und wurde auffallend blass.

Er war weder ein Tourist noch ein gewöhnlicher Passant, sondern Nathaniel Hamilton.

Sie erkannte ihn, weil sie ihn auf den Fotos gesehen hatte. Das war der Mann, in den ihre Mutter sich so unsterblich verliebt hatte. Ethans Vater.

Nun schritt er langsam auf sie zu. Mia drehte sich eilig weg und ging zu ihrem Gepäck zurück. Falls ihr Taxi nicht innerhalb der nächsten Minute eintraf, musste er an ihr vorbei – es sei denn, er wechselte die Straßenseite.

Tat er nicht. Als er auf ihrer Höhe war, nickte er kurz, ehe er den Blick wieder abwandte und weiterging.

„Warten Sie!“

Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. Was war nur in sie gefahren? Sie wusste gar nicht, was sie von diesem Mann wollte.

„Kommen Sie häufiger hier vorbei?“, fragte sie verlegen.

„Dann und wann. Es ist schön, dass hier wieder etwas getan wird. Die letzte Renovierung ist schon viel zu lange her.“ Er blickte zu ihrem Gepäck. „Ich würde Ihnen ja anbieten, Ihre Taschen zu tragen, wenn ich wüsste, wo Sie hinwollen“, sagte er mit einem Lächeln.

In Ihr Hotel, dachte sie verwirrt. Um Ihre Gastfreundschaft und die Ihres Sohnes auszunutzen. „Ich … warte auf ein Taxi.“

„Ah.“ Er wandte sich wieder zum Gehen.

„Ich nehme mir ein Zimmer im Hamilton Hotel“, fügte sie eilig hinzu. „In dem hier in Georgetown. Vorübergehend.“ Sie hatte gedacht, er würde sich jetzt vorstellen, aber das tat er nicht.

„Ich hoffe, Sie genießen Ihren Aufenthalt dort“, sagte er nach kurzem Zögern.

„Ja. Ja, das werde ich sicher.“

Als er sich erneut umwandte, rief sie ihn nicht zurück.

„Nein“, sagte Mia energisch. „Auf keinen Fall!“ Sie stand mit Ethan auf dem Flur im obersten Stock des Hotels, auf der einen Seite die Tür zu seinem Penthouse, auf der anderen Seite eine, die er eben mit einer elektronischen Schlüsselkarte geöffnet hatte. „Ich will das Penthouse dir gegenüber nicht, sondern ein ganz gewöhnliches Zimmer.“

„Vielleicht möchtest du dir etwas kochen“, entgegnete er. „Dich ein bisschen wohnlicher einrichten. Es könnte eine Weile dauern, bis du wieder zurück kannst.“

„Ich komme schon klar, und das vorzugsweise mehrere Stockwerke tiefer.“

„Hast du Höhenangst?“

„Nein.“ Sie hatte Angst vor seiner Nähe. „Ich kann es mir nicht leisten.“

Ethan stöhnte. „Du kannst es dir leisten, Mia, aber darum geht’s nicht. Du zahlst nichts dafür. Hier bringen wir dauernd Gäste gratis unter.“

„Schön. Bring mich woanders unter.“

Zwei Minuten später waren sie zwei Etagen tiefer, wo Ethan ihr eine normale Luxussuite zeigte. Sie hatte zwei Schlafzimmer, ein geräumiges Wohnzimmer mit Essbereich und ein Bad mit Whirlpool. „Etwas Gewöhnlicheres kann ich dir nicht bieten, Mia, und es ist immer noch eine Gratissuite. Nimm sie oder lass es bleiben.“

„Ich würde lieber dafür bezahlen.“

„Du darfst mich zum Ausgleich später mal ins Cornwallis einladen“, sagte er lächelnd. „Ich sehe mir gelegentlich gern die Konkurrenzhäuser an.“

„Abgemacht.“ Sie fühlte sich besser, wenn sie sich für die Gastfreundschaft revanchieren konnte. „Ich habe deinen Vater vorhin getroffen“, sagte sie verlegen. „Zumindest glaube ich, dass er es war.“

„Wo?“, fragte Ethan und sah sie prüfend an.

„Er ging am Cornwallis-Hotel vorbei, hat sich aber nicht vorgestellt“, antwortete sie achselzuckend und machte sich daran, die Fernbedienung auf dem Tisch zu entziffern. Als sie einen der Knöpfe drückte, gingen die Vorhänge im Wohnbereich auf. „Ich mich auch nicht.“

„Warum nicht?“

„Es war einfacher so. Darf ich dir eine Frage stellen, Ethan? Eine Familienfrage?“

„Ich dachte, wir wollten nicht über die Familie reden.“

„Wollten wir auch nicht. Aber da ich die Regel bereits gebrochen habe, als ich dir erzählte, dass ich deinen Vater gesehen habe, kann ich genauso gut gleich ein paar Fragen loswerden.“

„Was willst du wissen?“

„Warum Lily und dein Vater nie geheiratet haben. Sie blieb vierundzwanzig Jahre bei ihm, zog dich groß und liebte euch beide. Warum hat sie ihn nicht geheiratet? Oder wollte er nicht?“

„Er hat sie gefragt. Mehrmals sogar. Aber Lily lehnte ab.“

„Wollten sie nicht mehr Kinder?“

„Das weiß ich nicht. Ich kann nicht mal sagen, ob sie sich dagegen entschieden oder es einfach nicht klappte. Alle Fragen kann ich dir nicht beantworten, Mia, und ich bezweifle, dass mein Vater es kann.“

„Er ist hier, oder? Ist er derjenige, der deine Arbeit übernimmt, solange du mir hilfst?“ Und half damit indirekt ihr, ihren Traum zu verwirklichen.

„Er springt hier und da für ein paar Stunden ein. Und da wird ihn wohl die Neugier gepackt haben, dass er zum alten Hotel ging. Sicher hat er nicht erwartet, dich zu treffen. Er weiß, was du über ihn denkst, Mia.“

Sie seufzte. „Ich bin noch nicht so weit, mich mit ihm zu treffen. Erst muss ich mir über meine Gefühle für Lily klar werden … verstehen, was sie getan hat und warum … Wenn ich ihr vergeben, ihnen allen vergeben habe, dann werde ich mit ihm reden. Im Augenblick bin ich noch viel zu wütend, Ethan, und so will ich ihm nicht gegenübertreten.“

„Schon gut, ich bin ja ganz deiner Meinung. Die Geister der Vergangenheit sind schwer zu besiegen, und ihnen zu vergeben, kann noch viel schwieriger sein. Ich habe es vor Jahren aufgegeben.“

Sie öffnete den Mund, um ihn zu fragen, welche Geister ihm zusetzten, aber Ethan legte einen Finger auf ihre Lippen, und schlagartig waren alle Gedanken ausgelöscht. „Wir haben genug darüber geredet“, sagte er.

Nein, dachte sie, schwieg aber.

Ethan floh in sein Penthouse, wo er aufs Meer hinausstarrte und über das nachdachte, was Mia gesagt hatte. Vergeben. Er hat Arianne nie ihre Untreue vergeben können. Und erst recht nicht hatte er ihr vergeben, wie sie gestorben war. Wunderschöne, unbesonnene, egoistische Ari. Ja, all das war sie gewesen und mehr. Klug, witzig, gewandt und sein. Auch das war sie gewesen. Früher.

Hatte er sie geliebt? Hatte er sie jemals geliebt? Er wusste es nicht.

Aber er war sich verdammt sicher, dass sie ihn nie geliebt hatte.

Nein, er konnte und wollte ihr nicht vergeben. Er war nicht wie Mia, auf der Suche nach etwas, das ihm helfen könnte, alles zu verstehen. Er hatte seine Antworten – und hasste sie.

Eine Woche verging, dann noch eine. Die Arbeiten im Hotel schritten voran, und Ethan arbeitete hart, damit es so blieb. Noch härter arbeitete er daran, seinen Umgang mit Mia aufs Geschäftliche zu beschränken und vor allem ihre Begegnungen so kurz wie möglich zu halten. Dennoch wuchs seine Achtung und Bewunderung für sie zusehends. Sie war mit Feuereifer bei der Sache und hatte in Rajah, Ayah und dem übrigen Hotelpersonal echte Verbündete gefunden.

Voller Begeisterung machte sie beim Sortieren und Reinigen der Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenständen mit und hatte sogar ihr Büro aus der Bibliothek ins Kellergeschoss verlegt, wo alles durchgesehen wurde.

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