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BACCARA EXTRA BAND 13

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Gefährlich sexy - verboten reich

PROLOG

„Wir haben jetzt August. Wie ihr wisst, läuft im Mai die Frist für unsere Wette ab“, erinnerte Chase Bennett seine beiden Lieblingscousins, mit denen er sich gerade in der VIP-Lounge des Chicagoer Flughafens befand. „Wart ihr denn auch schön fleißig?“

„Mach dir unseretwegen mal keine Sorgen“, antwortete Matt Rome grinsend. „Kümmere dich lieber um deine eigenen Angelegenheiten.“

„Unser Frischvermählter hier war bisher bestimmt nicht sehr erfolgreich. Er ist viel zu verliebt, um noch klar denken, geschweige denn Geld machen zu können“, neckte Chase seinen Cousin Jared.

„Bestimmt hat er Megan nur geheiratet, um an ihr Vermögen zu kommen“, witzelte Matt und warf einen Blick auf die Uhr.

„So weit würde ja wohl keiner von uns gehen, nur um eine Wette zu gewinnen!“, protestierte Jared. „Ich hätte selbst nie damit gerechnet zu heiraten, aber das Leben steckt eben voller Überraschungen. Und ob ihr es glaubt oder nicht, aber ich habe Megan keineswegs wegen ihres Geldes geheiratet, obwohl es natürlich ein hübscher Nebengewinn ist. Und ich werde gewinnen, Hochzeit hin oder her.“

Chase trank seinen Kaffee aus. „Ich bin froh, dass wir zufällig alle zur gleichen Zeit in Chicago sind. Ihr zwei macht euch nämlich ganz schön rar. Wenn du Wyoming öfter mal verlassen würdest, Cowboy, könnten wir uns viel häufiger sehen“, sagte er zu Matt.

„Kann ich jederzeit einrichten. Sagt nur, wann und wo“, antwortete Matt, trank ebenfalls aus und stand auf. „Mein Flugzeug wartet schon, ich muss los. Es war schön, euch wiederzusehen.“

Jared erhob sich und warf ein paar Geldscheine auf den Tisch. „Das ist für die Drinks. Dann bis Weihnachten. Mal sehen, wer von euch bis dahin das Handtuch geschmissen hat. Wie schon gesagt, ich werde im Mai der Sieger sein.“

„Wenn du dich da mal nicht täuschst“, antwortete Chase grinsend.

„Freue dich nicht zu früh. Dass du in Montana Öl entdeckt hast, hat gar nichts zu sagen. Solange du noch nicht gebohrt hast, weißt du schließlich nicht, um wie viel Öl es sich überhaupt handelt.“

„Träum ruhig weiter“, antwortete Chase gut gelaunt. Wortwechsel dieser Art waren typisch für die drei Cousins, die schon seit ihrer frühen Kindheit oft miteinander in Wettstreit traten. Zum Abschied schüttelten sie einander die Hände. „Es war toll, euch wiederzusehen“, sagte Chase. „Dieses Jahr haben wir uns erstaunlich oft getroffen, aber Jareds Hochzeit hat natürlich auch dazu beigetragen.“

„Mit so etwas braucht ihr bei mir allerdings nicht rechnen“, verkündete Matt. „Ich bin eingefleischter Junggeselle.“

„Da kann ich mich nur anschließen“, sagte Chase. „Jared, dir gilt unser all unser Mitleid.“

„Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr verpasst“, antwortete Jared genießerisch. Chase und Matt verdrehten nur die Augen.

„Geh du nur zurück zu deiner Frau“, sagte Chase. „Matt und ich werden derweil unser Junggesellenleben genießen.“ In der Halle blieben die drei noch kurz stehen. „Ich habe gleich eine Verabredung und muss daher weiter“, erklärte Chase. „Aber ich bleibe noch zwei Tage in der Stadt, bevor ich nach Montana zurückkehre.“

„Dann sehen wir uns noch, Chase“, antwortete Matt. „Pass auf dich auf.“

Nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, ging Chase zu seiner schon bereitstehenden Limousine; in Gedanken war er noch bei dem Gespräch mit seinen Cousins. Er war fest entschlossen, die Wette zu gewinnen. Seine Chancen standen gut, aber es würde ein harter Kampf werden, und Jareds unerwartete Hochzeit hatte der Sache eine überraschende Wendung verliehen. Chase konnte noch immer kaum glauben, dass Jared wirklich verheiratet war. Für Chase war die Ehe definitiv nichts. Nie würde er in diese Falle tappen.

1. KAPITEL

„Sei nett zu dem Mann“, äffte Laurel Tolson im Auto die Worte ihres Hotelmanagers Brice Neilson nach. „Der Mann hat gut reden!“ Sie warf einen Blick auf ihren nackten Ringfinger, an dem vor Kurzem noch Edward Varnums Verlobungsring gesteckt hatte. Wütend presste sie die Lippen zusammen.

Und jetzt bekam sie es schon wieder mit einem reichen Playboy zu tun! Diesmal handelte es sich um den Ölmagnaten Chase Bennett, der aus beruflichen Gründen ihre Geburtsstadt Athens in Montana aufsuchte. Laurel wollte absolut nichts mit ihm zu tun haben, aber leider musste sie ihn und seine Angestellten in den nächsten Wochen verköstigen und unterhalten. Und sie musste freundlich zu ihm sein, so freundlich, wie Brice von ihr verlangt hatte.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. In weniger als zwei Stunden musste sie zurück ins Hotel, um Chase Bennett zu empfangen. Wahrscheinlich würde er genauso protzig anreisen wie ihr einstiger Verlobter, nämlich in einer Limousine und mit jeder Menge Personal.

Bei der Fahrt durch die kleine Stadt wurde Laurel wieder bewusst, in was für einer schönen Umgebung sie aufgewachsen war. Athens war lange nicht so laut und unruhig wie Dallas, wo sie inzwischen lebte. Alte Walnussbäume und Pinien säumten die Straßen, und große Rasenflächen umgaben zweistöckige Holzhäuser, bei deren Anblick ihr immer ganz warm ums Herz wurde.

Laurel bog auf den Parkplatz des Krankenhauses ein. Hoffentlich war ihr Vater inzwischen endlich aus dem Koma erwacht. Wie immer, wenn sie an ihn dachte, krampfte sich ihr der Magen zusammen. Es war schwer zu ertragen, diesen so vitalen und starken Mann hilflos in einem Krankenhausbett liegen zu sehen.

Laurel holte tief Luft und straffte die Schultern. Sie liebte ihren Vater – wie alle, die ihn kannten. Er war eine elegante Erscheinung, sehr humorvoll, und sprühte geradezu vor Energie und Charme – so war es jedenfalls bis zu seinem Schlaganfall vor einem Monat gewesen.

Beim Einparken hörte Laurel plötzlich das laute Knattern eines Motorrads. Sie warf einen Blick über die Schulter und sah einen tief gebräunten Mann auf einer Harley an sich vorbeirasen. Sein dunkles Haar war vom Wind zerzaust, er hatte ein rotes Tuch um die Stirn gebunden und trug enge Jeans und ein T-Shirt. Irritiert runzelte sie die Stirn, hatte den Mann jedoch bereits vergessen, als sie aus dem Auto stieg.

Im Krankenhaus nickte sie dem Empfangspersonal kurz zur Begrüßung zu und eilte durch den leeren Flur zum Fahrstuhl. Sie stieg ein und drückte auf den Knopf für den fünften Stock. Die Türen schlossen sich, doch kurz bevor sie einander berührten, schob plötzlich jemand einen Fuß dazwischen.

Die Türen öffneten sich automatisch, und ein Mann in Stiefeln stieg ein. Laurel erkannte in ihm sofort den Biker von vorhin. Der Mann sah wirklich unglaublich attraktiv aus. Sie konnte den Blick gar nicht wieder von ihm losreißen. Er war groß und breitschultrig, das enge T-Shirt schmiegte sich um seinen muskulösen Oberkörper, und die Jeans betonten seine schmalen Hüften. Das windzerzauste dunkle Haar machte ihn noch anziehender. Langsam schob er seine Sonnenbrille nach oben und sah sie aus grünen Augen an. Sein Blick war einfach atemberaubend. Bestimmt erlagen die Frauen diesem Kerl gleich scharenweise. Laurel stand wie gebannt da. Die Luft knisterte förmlich zwischen ihnen. Ob sich der Kerl seiner Ausstrahlung auf Frauen eigentlich bewusst war? Was für eine Frage, natürlich war er das!

Der Mann lächelte, wobei sich die Linien um seine Mundwinkel vertieften und sein Gesicht weicher wurde. Auch sein Lächeln war einfach umwerfend. Wahrscheinlich brachte er die Frauenherzen damit genauso mühelos zum Schmelzen wie mit seinen Schlafzimmeraugen.

„Hi“, sagte er mit tiefer Stimme.

„Guten Morgen“, antwortete Laurel steif und versuchte sich zu erinnern, ob sie ihn schon einmal irgendwo gesehen hatte. Aber das konnte nicht sein. Jemanden wie ihn hätte sie bestimmt nicht vergessen.

„Können Sie mir zufällig sagen, wo das Tolson Hotel liegt?“

Laurel nickte verblüfft, da sie direkt von dort kam. „Ja, Sie sind gar nicht weit davon entfernt. Es liegt nur zwei Blocks westlich von hier.“ Außerstande, ihre Neugier noch länger zu zügeln, fragte sie: „Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Besuchen Sie jemanden?“

„Einer meiner Freunde hatte eine Notoperation an der Gallenblase. Sie können mich ja gern zu ihm begleiten, wenn Sie mir nicht glauben“, antwortete er mit einem belustigten Funkeln in den Augen. Laurel wurde rot.

„Tut mir leid, aber man sieht in diesem Krankenhaus nicht oft Fremde. Normalerweise kennt hier jeder jeden.“ Der Fahrstuhl blieb im zweiten Stock stehen. Die Türen öffneten sich, doch der Fremde machte keinerlei Anstalten zu gehen. Laurel sah ihn verwirrt an. Er lächelte nur.

„Müssen Sie nicht aussteigen?“, fragte sie.

„Ich habe gerade beschlossen, mit Ihnen weiterzufahren, damit wir uns noch etwas unterhalten können. Ich hätte nicht damit gerechnet, ausgerechnet hier einer so schönen Frau zu begegnen, und habe noch ein paar Minuten Zeit. Und mir ist aufgefallen, dass Sie keinen Ring am Finger tragen.“

„Sie sind ein guter Beobachter.“

„Würden Sie mich vielleicht ein wenig durch die Innenstadt führen, wenn Sie hier fertig sind? Ich bin nämlich neu hier. Außer besagtem Freund kenne ich niemanden. Ich lade Sie auch hinterher zum Essen ein.“

Laurel lächelte höflich. „Zwei Blocks hinter dem Hotel liegt die Touristeninformation. Dort können Sie eine Stadtführung buchen und sich sämtliche Fragen zur Stadt beantworten lassen.“

„Das ist aber nicht das, was ich will“, antwortete er belustigt. „Wenn Sie nur deshalb Bedenken haben, weil Sie mich nicht kennen, erzähle ich Ihnen gern etwas von mir. Und in der Öffentlichkeit besteht außerdem keine Gefahr für Sie.“

„Danke, aber ich habe noch anderweitige Verpflichtungen. Versuchen Sie es bitte bei der Touristeninformation.“

„Heißt das etwa, dass wir uns nie wiedersehen, wenn Sie im fünften Stock ausgestiegen sind?“

„Ich fürchte, ja“, antwortete Laurel lächelnd und ging einen Schritt zur Tür. „Sie werden darüber hinwegkommen“, fügte sie hinzu. Der Mann kam ein Stück näher, und sie atmete den Duft seines verführerischen Aftershaves ein.

„Sie brechen mir das Herz“, sagte er mit gesenkter Stimme. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Ich halte es für das Beste, wenn wir Fremde bleiben. Sie finden unter Garantie eine andere Fremdenführerin.“

„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte er mit gespielter Unschuld.

Laurel musste lachen. „Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit, und Sie sind nicht gerade schüchtern“, antwortete sie. Sie verspürte keinerlei Lust, ihn in seiner Eitelkeit noch zu bestärken.

Er lächelte. „Nun ja, Sie leben offensichtlich hier. Bestimmt sehen wir uns schon bald wieder.“

„Kann schon sein.“ Beim Anblick seiner grünen Augen erlag Laurel beinahe doch der Versuchung, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Vielleicht konnte der Fremde ihr ja dabei helfen, über die Trennung von Edward hinwegzukommen.

Doch bevor sie eine Entscheidung treffen konnte, war der Fahrstuhl bereits im fünften Stock angekommen. Laurel stieg aus.

„Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal!“, rief der Mann ihr hinterher.

Sie winkte ihm zum Abschied zu und machte sich auf den Weg zu ihrem Vater.

Die nächste Stunde verbrachte sie mit einem Gefühl der Hilflosigkeit an seinem Bett. Immer wieder warf sie einen Blick auf die Monitore, die seinen unveränderten Zustand aufzeichneten.

„Dad“, flüsterte sie und berührte seine Hand. „Ich bin es, Laurel. Bitte komm zu uns zurück.“ Tränen schossen ihr in die Augen. „Ich werde übrigens das Hotel verkaufen. Wir haben sogar schon einen potenziellen Käufer gefunden.“

Da sie wusste, dass ihr Vater sie nicht hören konnte, schwieg sie wieder. Er war ein toller Mann, hatte aber eine große Schwäche, wie sich zwei Jahre nach dem Tod ihrer Mutter herausgestellt hatte: Er war ein Spieler. In welchem Ausmaß, hatte Laurel leider erst nach seinem Schlaganfall erfahren.

Die Entdeckung war ein echter Schock gewesen. Sie hatte feststellen müssen, dass das Tolson Hotel mit horrenden Hypotheken belastet war und ihr Vater zusätzlich noch einen Kredit auf die Familienranch aufgenommen hatte.

Bevor er ins Koma gefallen war, hatte Laurel ihm versprochen, sich um alles zu kümmern. Danach war nichts mehr wie vorher.

Von Laurels Familie abgesehen, wussten nur Brice und die Bank über die Hypotheken und Kredite Bescheid, und dass sie zur Tilgung von Spielschulden aufgenommen worden waren, war nur dem Bankdirektor, einem langjährigen Freund der Tolson-Familie, bekannt.

Laurel hatte jetzt keine andere Wahl, als das Tolson Hotel und die Tall T Ranch zu verkaufen, wenn sie die Hypotheken und den Kredit tilgen wollte. Sie konnte nur hoffen, danach noch genug Geld für ein gemeinsames Haus in Dallas und die Collegekosten für ihre Schwestern übrig zu haben. Daher musste sie so viel wie möglich bei dem Verkauf herausschlagen.

Sie betete insgeheim, dass die Bank Stillschweigen über die Gründe des Verkaufs bewahrte, bis alles unter Dach und Fach war.

Laurel warf einen Blick auf die Uhr, nahm ihre Handtasche und stand auf. „Ich fahre jetzt ins Hotel zurück. Ich liebe dich.“ Sie bückte sich und küsste ihren Vater auf die Wange.

Sich die Tränen aus den Augen wischend, verließ sie das Zimmer und eilte zum Auto. Nachdem sie ein paar Besorgungen gemacht hatte, rief sie ihre Großmutter und ihre jüngeren Schwestern auf der Ranch an, besprach ein paar wichtige Dinge mit dem Vorarbeiter und fuhr schließlich zum Tolson Hotel zurück. Das opulente sechsstöckige Gebäude war mehr als hundert Jahre zuvor von ihrem Urgroßvater erbaut worden. Liebevoll betrachtete Laurel auf dem Weg durch die Lobby die alten Orientteppiche auf den polierten Kastaniendielen, die Topfpalmen und die dunkelroten Ledermöbel. Sie entdeckte Brice und winkte ihn zu sich ins Büro.

Kurz darauf trat er ein und setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl. Als Laurel ihre Handtasche in dem handgeschnitzten Mahagonischreibtisch verstaute, stellte sie fest, dass Brice sich eigens für die Ankunft Chase Bennetts in Schale geworfen hatte.

„Ihre Hoheit sind also noch nicht erschienen?“, fragte Laurel.

„Ich weiß, dass du gerade viel Stress hast, Laurel, aber bitte reiß dich ihm gegenüber zusammen.“ Brice glättete sein rotes, akkurat gescheiteltes Haar und schüttelte den Kopf. „Möglicherweise wird Chase Bennetts Auftauchen hier sich nach allem, was passiert ist, als Segen herausstellen. Der Verkauf des Hotels könnte deine ganzen Probleme mit einem Schlag lösen.“

„Ich weiß.“ Laurel seufzte und setzte sich. „Aber irgendwie rechne ich bei ihm mit einer Zweitausgabe von Edward.“

„Selbst wenn du damit recht hättest, bleibt dir keine andere Wahl, als ihn bei Laune zu halten. Chase Bennett hat Milliarden, und er will hier unbedingt Immobilien kaufen. Also beiß die Zähne zusammen und lächle. Das dürfte dir eigentlich nicht so schwerfallen. Immerhin ist er ein gutaussehender Junggeselle.“

„Danke, Brice, aber das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist ein weiterer Playboy.“ Laurel schüttelte sich.

Bittend hob Brice die gefalteten Hände.

„Ist das denn so schwer zu verstehen?“, fragte sie aufgebracht.

„Reiß mir doch nicht gleich den Kopf ab! Ich meine ja nur. In deiner jetzigen Situation solltest du dir die Option auf einen reichen Freund oder Ehemann vielleicht offen lassen.“

Laurel schüttelte vehement den Kopf. „Tut mir leid, dass ich dich angefahren habe, aber noch so ein Typ wie Edward ist das Geld nicht wert. Ich schaffe es auch allein.“

„Wie geht es deinem Vater übrigens?“

„Unverändert. Danke der Nachfrage.“

„Er wird es bestimmt schaffen.“

Brice war wie immer ein unverbesserlicher Optimist. „Ist im Hotel so weit alles für Chase Bennetts Ankunft vorbereitet?“, fragte Laurel.

„Alles bestens. Das Hotel ist auf Hochglanz poliert, und wir sind so gut wie ausgebucht, auch wenn Bennett das vermutlich gleichgültig ist. Schließlich will er nur seine Angestellten hier unterbringen.“ Mit einem Blick auf die Uhr stand Brice auf. „Ich gehe mal in die Küche, um die Lieferungen zu kontrollieren.“

„Danke für deine Hilfe“, sagte Laurel und erhob sich ebenfalls.

„Keine Ursache, das ist schließlich mein Job. Und bitte denk daran …“

„… nett zu Bennett zu sein, ich weiß“, antwortete Laurel. „Ich versuche mein Bestes. Schließlich bin ich auf den Verkauf des Hotels angewiesen.“

Kurz darauf fuhr sie mit dem Fahrstuhl ins oberste Stockwerk des Hotels zu ihrer Suite. Es befanden sich noch zwei weitere Suiten dort. Beide hatte Chase Bennett gebucht.

Als Laurel ausstieg, warf sie einen Blick zur Seite und sah zu ihrer Überraschung plötzlich den Biker von vorhin aus dem zweiten Fahrstuhl treten. Die Sonnenbrille verbarg seine Augen, und er hatte kein Gepäck bei sich.

„Wie ich sehe, haben Sie das Hotel bereits gefunden“, sagte sie und fragte sich, was zum Teufel er eigentlich hier machte. War er ihr etwa gefolgt?

Der Mann nahm die Brille ab und drehte sich zu ihr um. Als ihre Blicke sich trafen, flackerte wieder die gleiche erotische Spannung zwischen ihnen auf wie vorhin, diesmal war sie sogar noch intensiver.

„Ja, danke“, antwortete er lässig und schlenderte auf Laurel zu, bis er fast genau vor ihr stand.

„Tut mir leid, aber dieses Stockwerk ist schon besetzt“, erklärte sie. „Sämtliche Suiten hier sind reserviert.“

Der Fremde zog einen Mundwinkel hoch. „Seltsam, an der Rezeption hat man mich in den sechsten Stock geschickt.“

Laurel lächelte höflich. „Wie lautet denn Ihre Zimmernummer?“, fragte sie. „Vielleicht sind Sie ja nur ein Stockwerk zu weit gefahren.“

Der Biker wühlte in seiner Hosentasche herum. „Ob Sie es glauben oder nicht, aber ich habe eine Suite im sechsten Stock.“

„Ich glaube Ihnen ja“, antwortete sie und musterte ihn verstohlen. Rote Warnlichter tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Dieser gutaussehende sexy Fremde war einfach zu anziehend für ihren Geschmack. Sie musste dringend einen Bogen um ihn machen, auch wenn die meisten Frauen diese Meinung wahrscheinlich nicht teilten.

„Arbeiten Sie vielleicht für Chase Bennett?“, fragte sie.

„Irgendwie schon. Vielleicht sollte ich mich langsam mal vorstellen“, antwortete er und streckte die Hand aus. Seine grünen Augen funkelten boshaft, vielleicht weil er ihr die Abfuhr von vorhin verübelte.

„Mein Name ist Chase Bennett“, sagte er und nahm ihre Hand in seine.

2. KAPITEL

Geschockt starrte Laurel ihn an. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass er noch immer ihre Hand hielt. Ein Schauer lief ihr über den Rücken.

„Großer Gott! Sie sehen gar nicht so aus wie auf den Fotos! Ich habe heute Morgen anscheinend einen furchtbaren Fehler gemacht“, platzte es aus ihr heraus. Zu allem Überfluss spürte sie auch noch, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.

„Das können Sie ganz leicht wiedergutmachen“, antwortete er mit gesenkter Stimme. Sein zweideutiger Tonfall brachte ihren Körper erneut zum Kribbeln. Plötzlich verspürte sie den Drang, ebenfalls mit ihm zu flirten.

„Und womit?“, fragte sie lasziv und schlug die Augen auf. Er zog eine Augenbraue hoch und sah sie mit unverhohlenem Verlangen an.

„Indem Sie heute mit mir essen gehen.“

„Mit Vergnügen. Und obendrein werde ich Ihnen die Stadt zeigen“, antwortete Laurel. Sanft strich er mit dem Daumen über ihren Handrücken. Plötzlich stieg ein Gefühl der Abneigung in Laurel auf. Noch so ein reicher Frauenheld! Instinktiv wollte sie zurückweichen, aber schließlich durfte sie es sich nicht mit ihm verscherzen, wenn er das Hotel kaufen sollte.

„Also abgemacht“, sagte er. „Und wie heißen Sie?“

Errötend wurde Laurel bewusst, dass sie ganz vergessen hatte, sich vorzustellen. „Entschuldigen Sie, anscheinend mache ich bei Ihnen heute alles falsch.“

„Aber nicht doch“, antwortete er freundlich. „Ich kann schließlich nicht erwarten, dass Sie mich aufgrund irgendwelcher Zeitungsfotos wiedererkennen.“ Er strich sich das Haar aus der Stirn. Jetzt nahm Laurel die Ähnlichkeit sogar wahr, aber sie hätte den Biker beim besten Willen nicht mit Chase Bennett in Verbindung gebracht.

„Ich bin Laurel Tolson“, antwortete sie.

„Gehören Sie etwa zu der Familie, der das Hotel gehört?“, fragte er.

„Ja. Sie haben zwei Suiten in diesem Stockwerk reserviert.“

„Ich dachte, ich hätte den ganzen Stock für mich allein“, antwortete er überrascht.

Laurel schüttelte den Kopf. „Es gibt hier drei Suiten, eine große und zwei kleinere, von denen ich eine bewohne. Aber wenn Sie das ganze Stockwerk wollen…“

„Nein, so ist es viel besser“, unterbrach er sie und senkte verschwörerisch die Stimme. „Dann sind wir ganz unter uns.“

„Sie haben beide Suiten für sich allein gebucht?“, fragte Laurel erstaunt.

„Ja, ich bin gern für mich und habe gerne viel Platz. Hören Sie, ich würde mich jetzt gern umziehen. Hätten Sie in etwa einer halben Stunde Zeit, mir das Hotel zu zeigen?“

„Natürlich“, antwortete sie und entzog ihm ihre Hand. „Wir werden im Hotelrestaurant essen, selbstverständlich aufs Haus.“

„Eigentlich hatte ich Sie zum Essen eingeladen und nicht umgekehrt“, antwortete er belustigt.

„Ein andermal vielleicht. Heute möchte ich Ihnen mein Hotel schmackhaft machen“, entgegnete Laurel lächelnd. Bennett lächelte so verführerisch zurück, dass ihre Knie plötzlich butterweich wurden.

„Das wäre also auch abgemacht“, sagte er und warf einen Blick auf die Uhr. „Sagen wir um drei? Welche Tür ist Ihre?“

„Wenn Sie mir Ihre Schlüsselkarte geben, zeige ich Ihnen erst einmal Ihre Suiten“, sagte Laurel und hielt die Hand auf.

Chase Bennett legte zwei Plastikkarten auf ihre Handfläche. Laurel lief den Flur entlang und öffnete die erste Tür. Chase Bennett hielt sie ihr auf, und sie ging an ihm vorbei in die Suite. „Und? Was sagen Sie?“, fragte sie und drehte sich zu ihm um.

„Sie übertreffen meine kühnsten Erwartungen“, antwortete er, den Blick auf sie gerichtet.

Laurel mahnte sich zur Geduld und lächelte höflich. „Ich meinte eigentlich die Suite.“

„Ach so, die Suite“, antwortete er, als habe er außer ihr alles andere um sich herum vergessen. Dann sah er sich um. Auch Laurel warf einen prüfenden Blick auf das Zimmer. Zufrieden stellte sie fest, dass man eine Flasche Champagner kaltgestellt und einen Teller mit Hors d’Oeuvres bereitgestellt hatte.

Zwei Vasen mit frischen Schnittblumen sorgten für eine wohnliche Atmosphäre. Sie und das Hotelpersonal hatten wirklich ihr Bestes gegeben. Chase musterte die Marmor- und Mahagonitische, die Gemälde in vergoldeten Rahmen, den steinernen Kamin und richtete den Blick dann wieder auf sie.

„Sehr hübsch“, antwortete er.

„Danke. Auch wenn das Hotel sehr alt ist, haben wir den Anspruch, erstklassig zu sein. Außerdem ist es uns gelungen, das historische Ambiente zu wahren.“

„Das Hotel gefällt mir wirklich ausgezeichnet. Ich habe gehört, dass Sie unten sogar Sitzungszimmer haben. Gibt es hier in der Suite auch einen Schreibtisch?“, fragte er und streifte durch das Zimmer wie eine Katze, die ihr neues Zuhause erkundete.

„Ja, im Schlafzimmer“, antwortete Laurel und bedeutete ihm, ihr zu folgen. „Wir können ihn natürlich jederzeit umstellen.“ In der Mitte des Schlafzimmers blieb sie stehen und zeigte auf einen antiken Rosenholzschreibtisch. Ihr Blick wurde plötzlich wie magisch von dem Kingsize-Bett aus Kirschholz angezogen.

Die Hände in die Hüften gestemmt, sah Chase sich um. Er wirkte in dem großen Zimmer ebenso präsent wie in dem kleinen Krankenhausfahrstuhl vorhin.

„Das ist nicht nötig“, sagte er.

„Gut. Wenn Sie mir bitte folgen würden, zeige ich Ihnen jetzt die andere Suite.“

Mit ausgestreckter Hand kam Chase Bennett auf sie zu. „Keine Umstände bitte. Geben Sie mir einfach die Karte. Gibt es eine Verbindungstür zwischen den beiden Suiten?“

„Leider nein. Ich würde Ihnen gern die Tür Ihrer anderen Suite zeigen, damit Sie nicht aus Versehen vor meiner landen.“

„Wäre das denn so schlimm?“, fragte er.

„Ich habe keine Angst vor Ihnen, falls Sie das meinen, Mr. Bennett“, antwortete sie scharf.

Bennett kam näher und ließ einen Finger über ihre Schulter gleiten. Wieder nahm sie sein Aftershave wahr. Laurel musste sich eingestehen, dass seine körperliche Nähe sie alles andere als kaltließ. Seine Berührung weckte überraschend ihre Begierde.

„Lassen Sie das ‚Mr. Bennett‘“, sagte er. „Bitte nennen Sie mich Chase. Wir werden in Zukunft viel miteinander zu tun haben, und das nicht nur geschäftlich.“

„Ich ziehe ein rein geschäftliches Verhältnis vor“, erklärte Laurel energisch.

„Warum?“, fragte er und spielte mit einer der Haarsträhnen, die sich aus ihrer Haarspange gelöst hatten. „Sie sind eine schöne Frau und ich ein Mann. Ich möchte Sie besser kennenlernen.“

Laurel lachte. „Das geht mir ein bisschen zu weit. Trotzdem freue ich mich auf unser Abendessen.“

Spielerisch berührte Chase ihren Mundwinkel. „Ich werde Sie öfter zum Lachen bringen. Sie haben ein tolles Lächeln.“

„Danke“, antwortete sie und ging zur Tür.

„Zeigen Sie mir noch, welche Suite Ihre ist?“

Laurel ging in den Flur und zog ihre Schlüsselkarte aus der Tasche. „Gleich da drüben“, antwortete sie. „Wie geht es eigentlich Ihrem Freund im Krankenhaus?“

„Gut. Würde er hier in der Nähe wohnen, hätte man ihn heute schon entlassen, aber so habe ich dafür gesorgt, dass er noch mindestens zwei Tage im Krankenhaus bleiben kann. Nach seiner Entlassung wird er mit dem Firmenflugzeug nach Hause gebracht.“

„Freut mich, dass es ihm besser geht.“

„Darf ich mal sehen, wie Sie wohnen?“, fragte Chase.

„Natürlich“, antwortete Laurel, erleichtert, dass sie vorhin noch rasch aufgeräumt hatte. Sie öffnete die Tür zu ihrer Suite und betrat mit ihm ein kleines Wohnzimmer mit blau gepolsterten Mahagonimöbeln.

Chase kam auf sie zu. „Ich freue mich auf unser Essen heute. Vorhin im Krankenhaus hatte ich nämlich schon befürchtet, tagelang nach Ihnen suchen zu müssen, bis ich Sie wiederfinde.“

Laurel lächelte. „Sie hätten tatsächlich nach mir gesucht? Wie schmeichelhaft.“

„Sie sind eine wunderschöne Frau, und zwischen uns hat es ganz schön gefunkt, wie Sie bestimmt schon bemerkt haben“, antwortete er. „Außerdem haben Sie mich mit ihrer Ablehnung herausgefordert. Wie hätte ich da widerstehen können?“

„Habe ich nicht, Chase“, antwortete sie. Jetzt nannte sie ihn plötzlich doch bei seinem Vornamen. Sie musste wirklich auf der Hut vor ihm sein.

„Sie sind Zurückweisungen wohl nicht gewohnt, was?“

Chase zuckte mit den Achseln. „Wenn ich ein Ziel habe, verfolge ich es eben hartnäckig, es sei denn, es handelt sich um eine Frau, die nichts von mir wissen will. Aber zwischen uns knistert es gewaltig. Da ist natürlich mein Jagdinstinkt geweckt.“

„Nun, jetzt bekommen Sie ja Ihren Willen. Ich war vorhin im Krankenhaus nur deshalb so abweisend, weil ich grundsätzlich nicht mit Fremden ausgehe. Und jetzt will ich mich umziehen.“

Chase lächelte. „Okay, dann lasse ich Sie jetzt allein und hole Sie um drei ab.“

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, atmete Laurel erleichtert auf. Gott sei Dank schien er ihr die Abfuhr vorhin im Krankenhaus nicht übel zu nehmen.

Sie ging unter die Dusche und dachte nach. Eigentlich hatte sie nicht die geringste Lust, den Rest des Tages mit ihm zu verbringen, aber sie durfte ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren – das Hotel zu verkaufen. Plötzlich musste sie an Edwards arrogante Mir-Gehört-Die-Welt-Attitüde denken. Chase war bestimmt nicht anders. Zumindest war er genauso unverfroren, selbstsicher und gewohnt, seinen Willen zu bekommen. Er liebte Motorräder und Edward Limousinen. Beide konnten sich alles leisten, was sie wollten, und ganz bestimmt hatten sie die gleiche Einstellung gegenüber Frauen.

Mit Sicherheit war Chase sogar ein noch größerer Frauenheld als Edward, der nicht Chases verführerischen Charme besaß. Sie hatte sämtliche Zeitungs- und Zeitschriftenartikel über ihn gelesen, und immer hatte er auf den Fotos eine schöne Frau an seiner Seite – allerdings nie zweimal dieselbe.

Laurel durchwühlte ihren Kleiderschrank und wählte ein knielanges ärmelloses Leinenkleid und hochhackige Sandalen. Dann löste sie ihr Haar, schüttelte es und steckte es auf beiden Seiten hoch. Dabei musste sie wieder an Chase Bennett und sein umwerfendes Lächeln denken. Was hatte er mit ihr vor?

Mit geschlossenen Augen ließ Chase Bennett sich das warme Wasser auf den Körper prasseln, in Gedanken bei Laurel Tolson. Es hatte ihn überrascht zu erfahren, wer sie war. Seine Angestellten hatten jede Menge Informationen über die Stadt, die dort zum Verkauf stehenden Immobilien und das Hotel eingeholt, doch über die Besitzer hatten sie nicht mehr herausgefunden, als dass Radley Tolson einen Schlaganfall erlitten hatte, im Krankenhaus lag und seine Tochter sich in der Zwischenzeit um das Hotel kümmerte.

Mit einer so umwerfenden blonden Schönheit hätte er hier nie gerechnet. Einmal hatte sie sogar mit ihm geflirtet, wenn auch erst, nachdem sie erfahren hatte, wer er war. So etwas machte Chase grundsätzlich misstrauisch. Offensichtlich war die Frau mehr an seinem Vermögen als an ihm interessiert, aber schließlich wollte sie ihm ja auch ihr Hotel verkaufen. Und nach dem zu urteilen, was seine Angestellten herausgefunden hatten, war es mit einer großen Hypothek belastet. Die Ranch hingegen war zu drei Vierteln schuldenfrei. Laurel war daher nicht ganz unvermögend, konnte sich jedoch bei Weitem nicht an ihm messen.

Sie war ihm auf dem Weg ins Krankenhaus sofort aufgefallen, und er hatte die Augen nicht von ihrem leuchtend blonden Haar, ihren schönen langen Beinen und ihrem verführerischen Hüftschwung lösen können.

Um ein Haar hätte er sie aus den Augen verloren. Erst in letzter Sekunde war es ihm gelungen, den Fuß in die Fahrstuhltür zu schieben. Als sie sich zu ihm umgedreht hatte, war er sofort wie hypnotisiert von ihren schönen blauen Augen gewesen, und die plötzlich zwischen ihnen aufflackernde erotische Spannung hatte seinen Jagdinstinkt geweckt.

Trotz ihrer kühlen Fassade war ihm nicht entgangen, dass ihr Atem sich bei seinem Anblick beschleunigt hatte.

Er musste daran denken, dass sie ihn im Hotel zunächst nicht erkannt hatte, weil sie nicht mit einem Biker gerechnet hatte. Er lächelte unwillkürlich. Es war ihr total peinlich gewesen, aber das hatte ihn nur amüsiert.

Er musste unbedingt mit ihr schlafen, und zwar so bald wie möglich. Und die Tatsache, dass sie ihm ihr Hotel verkaufen wollte, verschaffte ihm ein willkommenes Druckmittel.

Wieder erinnerte er sich an ihre Begegnung im Fahrstuhl. Wegen seiner Sonnenbrille hatte er ihre fraulichen Kurven unter der engen weißen Bluse und die hübschen Knie unter dem beigefarbenen Rocksaum ungestört betrachten können und sich ausgemalt, wie sie die langen Beine um ihn schlang. Als er schließlich die Brille abgenommen und ihr in die Augen gesehen hatte, hatte ihr Blick ihn wie ein Blitzschlag getroffen.

Schon allein die bloße Erinnerung daran erregte ihn. Er würde alles daransetzen, sie zu verführen.

Seine letzte Affäre lag schon eine Weile zurück. Seine letzte Geliebte war am Anfang sexy und faszinierend gewesen, hatte aber irgendwann zu sehr geklammert. Chase hatte daher mit ihr Schluss gemacht und es bis jetzt nicht bereut. Und danach war er beruflich so eingespannt gewesen, dass er einfach keine Zeit mehr für Frauen gehabt hatte. Vielleicht war Laurels Wirkung deshalb so stark auf ihn, weil er schon länger keinen Sex mehr gehabt hatte.

Bei dem Gedanken an die bevorstehende Verabredung wurde er ganz aufgeregt. Er drehte das Wasser ab, stieg aus der Dusche und wickelte sich ein Handtuch um die Hüften. Dann nahm er sein Handy und rief Luke Perkins, seinen Senior-Vizepräsidenten, an. Er bat ihn raufzukommen.

Anschließend ging er zum Kleiderschrank und zog einen marineblauen Anzug und ein weißes Hemd an.

Es klopfte an die Tür. „Herein!“, rief Chase, und Luke Perkins trat ein. Der großgewachsene schwarzhaarige Vizepräsident war einer seiner ältesten Mitarbeiter; Chase verließ sich fast blind auf sein Urteil.

„Hast du dich im Hotel schon etwas umgesehen?“, fragte er, zog seine Schuhe an, kämmte sich das Haar und band seine Armbanduhr um. Er warf einen Blick darauf und stellte fest, dass ihm noch zwanzig Minuten bis zu seiner Verabredung mit Laurel blieben.

„Habe ich. Der Preis ist eindeutig zu hoch, wenn man das Alter des Hotels bedenkt, aber wahrscheinlich können wir ihn herunterhandeln. Laurel Tolson hat die uneingeschränkte Vollmacht und kann daher tun und lassen, was sie will. Ihre Großmutter und zwei jüngere Schwestern leben auf der Ranch, die übrigens ebenfalls zum Verkauf steht.“

„Hast du eine Ahnung, warum sie die Ranch verkaufen will?“, fragte Chase.

„Wahrscheinlich wegen des schlechten Gesundheitszustands ihres Vaters“, antwortete Luke und streckte sich in einem Lehnstuhl aus. „Selbst wenn er den Schlaganfall überlebt, wird er nie wieder der Alte sein. Früher hat er alles gemanagt, während Laurel in Dallas lebte. Jetzt muss sie sich nicht nur um ihn, sondern auch ihre Großmutter und ihre beiden Schwestern kümmern. Aber soweit ich weiß, steht sich die Familie sehr nahe.“

„Dann ist sie ja ein echter Familienmensch“, sagte Chase sarkastisch. Eigentlich machte er einen weiten Bogen um solche Frauen. Sie waren ihm für seinen Geschmack viel zu vereinnahmend. Er schätzte sein Junggesellendasein zu sehr, um eine Ehe einzugehen. Der Gedanke, lebenslang an einen anderen Menschen gefesselt zu sein, war ihm zutiefst zuwider. Das abschreckendste Beispiel waren für ihn seine Eltern, die nie etwas anderes getan hatten, als die Ranch zu bewirtschaften und ihre Kinder großzuziehen.

„Stimmt, sie scheint ein Familienmensch zu sein. Übrigens ist sie Landschaftsarchitektin mit eigener Firma. Bis vor Kurzem war sie mit Edward Varnum verlobt.“

Überrascht drehte Chase sich zu Luke um. „Edward Varnum? Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber ich weiß, dass er Erbe eines Vermögens ist, das sein Großvater geschaffen und sein Vater vermehrt hat. Der alte Varnum hat irgendeine Erfindung gemacht, die für Flugzeuge unentbehrlich ist, aber das war nur der Anfang. Inzwischen besitzt die Familie einen Haufen Unternehmen. Sie sind also nicht mehr verlobt?“

„Nein, sie haben sich getrennt. Soweit ich weiß, haben sie nichts mehr miteinander zu tun.“

„Also hat sie gerade eine gescheiterte Beziehung hinter sich. Hast du eine Ahnung, wer von den beiden die Verlobung gelöst hat?“

„Bis jetzt noch nicht, aber das finde ich bestimmt noch heraus.“

„Ich treffe mich um drei mit ihr, damit sie mir das Hotel zeigt.“ Luke ging wieder zur Tür.

„Wir sind erst morgen früh mit ihr verabredet. Ich bin etwas überrascht, dass sie dir das Hotel heute schon zeigt, aber vielleicht will sie erst einmal unter vier Augen mit dir sprechen.“

„Bist du ihr schon begegnet?“

„Allerdings!“, antwortete Luke grinsend. „Sie ist ein echter Hingucker. Aber vergiss nicht, hier geht es ums Geschäft!“

„Keine Sorge. Hast du den Aktenordner mit den Zahlen des Hotels für mich dabei?“

„Ja, da liegt er.“ Luke zeigte zum Schreibtisch.

„Am Mittwoch fahren wir zum Ölfeld“, sagte Chase.

„Machen wir. Bis später dann, Chase.“ Nachdem Luke die Tür hinter sich geschlossen hatte, ging Chase zum Schreibtisch und blätterte den Ordner durch. Dann sah er aus dem Fenster und dachte über das Öl nach, das sein Vermögen aller Voraussicht nach vermehren würde. Er und seine beiden Cousins hatten jeder fünf Millionen Dollar darauf gewettet, bis Ende Mai mehr Geld als die anderen zwei zu machen. Der Sieger würde dann die gesamten fünfzehn Millionen Dollar gewinnen. Mit diesem Ölfeld konnte er es schaffen. Plötzlich musste Chase wieder an Laurels blaue Augen und ihr Lächeln denken. Er klappte den Ordner zu und verließ die Suite, um an ihre Tür zu klopfen.

Als die Tür aufging, beschleunigte sich sein Puls. Laurels an den Seiten hochgestecktes Haar fiel ihr über den Rücken, und das schlichte weinrote Kleid unterstrich noch ihre Schönheit.

„Sie sehen fantastisch aus“, sagte Chase heiser.

„Danke“, antwortete sie mit einem höflichen Lächeln. „Kommen Sie rein. Ich muss erst noch meinen Computer ausschalten.“

Er trat ein und beobachtete dabei ihren Hüftschwung.

Das dunkelrote Kleid schmiegte sich eng um ihre Hüften. Unwillkürlich malte Chase sich aus, wie sie wohl darunter aussah. Am liebsten hätte er den langen Reißverschluss auf der Rückseite geöffnet und sie in die Arme genommen.

Laurel kehrte zurück. „Lassen Sie uns erst nach unten in die Bar gehen und einen Drink nehmen. Er geht natürlich aufs Haus.“

„Erzählen Sie mir etwas über das Hotel“, forderte er sie im Fahrstuhl auf.

„Mein Urgroßvater hat das erste Hotel 1890 erbaut“, antwortete sie. „Dann ist das alte Hotel abgebrannt und das jetzige 1902 an gleicher Stelle errichtet worden. Vor zwei Jahren hat mein Vater es renovieren lassen. Das war’s.“

„So weit zur Geschichte des Hotels. Und was ist mit ihrer? Darüber wüsste ich auch gern mehr.“

„Da gibt es nichts Spannendes zu berichten. Ich bin in Montana aufgewachsen.“

„Dann haben wir etwas gemeinsam. Ich nämlich auch.“

„Wirklich?“, fragte sie überrascht. „Ich dachte, Sie seien Texaner.“

„Ich lebe inzwischen in Houston, aber meine Familie wohnt auf einer Ranch in der Nähe von Dillon.“

„Eine sehr schöne Gegend. Ich bin sowohl hier in der Stadt als auch auf unserer Ranch aufgewachsen. Mein Urgroßvater hat das Land seinerzeit zusammen mit dem Grundstück für das Hotel erworben. Es ist ihm gelungen, das Hotel und die Ranch gleichzeitig zu verwalten, genau wie seinen Nachkommen auch.“

„Wohnen Sie hier im Hotel oder auf der Ranch?“

„Eigentlich lebe ich wie Sie in Texas. Ich bin Landschaftsarchitektin. Ich habe zum Beispiel den Garten des Hotels gestaltet.“

„Das würde ich mir bei unserem Rundgang gern mal ansehen.“

Laurel führte Chase in eine verspiegelte und holzvertäfelte Bar. Vor der Wand gegenüber der geschnitzten Theke entdeckte Chase eine kleine Tanzfläche. Er musste zugeben, dass seine Erwartungen bezüglich des Hotels bisher in allem übertroffen worden waren. Mit so etwas Stilvollem hätte er in einer Kleinstadt nicht gerechnet.

Chase setzte sich Laurel gegenüber an einen Tisch und betrachtete sie. Er hatte sich schon nach dem Ölfund für einen Glückspilz gehalten, aber nachdem er sie kennengelernt hatte, empfand er das doppelt so stark. Sie hatte ihn vom ersten Augenblick an fasziniert.

Die kleine Tischlampe tauchte ihr Gesicht in warmes Licht und spiegelte sich in ihren klaren blauen Augen. Chase ließ den Blick zu ihrem Mund wandern. Wie es wohl sein würde, sie zu küssen? Er nahm sich vor, es auszuprobieren, bevor die Nacht vorbei war.

„Ich habe beim Reinkommen eine Tanzfläche gesehen. Ab wann spielt man Musik?“, fragte er.

„Jeden Abend ab acht. Wir haben eine kleine Live-Band, die meistens die alten Standards und gelegentlich Rock und Westernmusik spielt.“

„Dann werde ich Sie nach dem Essen zum Tanzen auffordern. Erzählen Sie mir mehr über das Hotel und die Stadt.“ Chase lehnte sich zurück und öffnete sein Jackett.

In diesem Augenblick trat ein Kellner an ihren Tisch. „Chase, ich möchte Ihnen Trey vorstellen“, sagte Laurel. „Er ist schon eine Ewigkeit bei uns. Er wird dafür sorgen, dass Sie und Ihre Angestellten hier immer gut versorgt sind, Sie brauchen ihm nur zu sagen, was Sie wollen.“ Sie drehte sich zu Trey um. „Trey, das ist Mr. Bennett, unser Gast.“

„Willkommen in der Sundown Bar“, sagte Trey. „Hier ist die Getränkekarte. Lassen Sie sich ruhig Zeit bei der Auswahl.“

„Wo kommen Ihre Gäste eigentlich her?“, fragte Chase. „Sind das vor allem Durchreisende oder Urlauber? Was lockt die Menschen in diese Stadt?“ Er betrachtete den V-Ausschnitt von Laurels Kleid und hätte am liebsten die Hand ausgestreckt, um ihr Dekolletee zu berühren.

„Man kann hier in der Gegend ausgezeichnet jagen und angeln, und es gibt ein berühmtes Rodeo in der Nähe.“

„Wie Sie wissen, suche ich gerade nach einer komfortablen Unterkunft für meine Angestellten, nach einem Ort, wo sie gut versorgt werden“, sagte Chase.

„Dann ist das Tolson für Sie perfekt. Sie werden sich bald davon überzeugen können, dass es ausgezeichnet geführt wird. Das Essen ist übrigens ebenfalls hervorragend. Mein Vater hat immer großen Wert darauf gelegt, nur Spitzenköche zu beschäftigen.“

„Sie sind eine wirklich überzeugende Verhandlungspartnerin“, sagte Chase und beugte sich vor. „Aber jetzt erzählen Sie mir endlich etwas über sich.“

„Das habe ich doch schon“, antwortete Laurel. „Was soll ich denn noch erzählen? Mein Vater liegt im Krankenhaus, und meine Großmutter und meine beiden jüngeren Schwestern leben auf der Ranch.“

„Darf ich fragen, warum Sie das Hotel überhaupt verkaufen wollen?“

Laurel wandte den Blick ab. Chase beugte sich vor und nahm ihre Hand. Bei der Berührung machte sein Herz einen Satz. „Anscheinend hat meine Frage Sie verletzt, also ignorieren Sie sie bitte.“

Laurel reagierte mit einem Lächeln. Chase wurde bewusst, dass er geradezu süchtig nach ihrem Lächeln war. Ihm wurde jedes Mal ganz warm ums Herz.

„Ist schon okay. Es ist schließlich Ihr gutes Recht, das zu fragen. Immerhin könnte es ja sein, dass es hier spukt.“

„Ach wirklich?“

Lachend schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich verkaufe wegen meines Vaters. Er liegt nach einem Schlaganfall im Koma. Sollte er wieder aufwachen, wird er die Ranch und das Hotel keinesfalls mehr so wie früher managen können. Außerdem muss ich an meine beiden Schwestern denken. Meine Großmutter kümmert sich zwar gerade um sie, aber sie wird auch nicht jünger.“

„Großer Gott, Sie sind ja ein richtiger Familienmensch! Dann vernachlässigen Sie also Ihre Arbeit, nur um sich um Ihre Angehörigen kümmern zu können?“

„Ja, das tue ich!“, entgegnete Laurel scharf. Ihre Augen funkelten wütend. „Ich habe an Stelle meines Vaters die Rolle des Familienoberhaupts übernommen und werde meine Familie finanziell und auch sonst in jeder Hinsicht unterstützen.“

Offensichtlich hatte er sie verstimmt. Chase fragte sich, warum ihre Verlobung eigentlich geplatzt war. Hatte Ed Varnum vielleicht angeboten, ihr finanziell zu helfen, und ihre Ablehnung hatte einen Keil zwischen sie und ihn getrieben? Sie machte einen ziemlich unabhängigen Eindruck.

„Das finde ich sehr nobel von Ihnen“, antwortete Chase und betrachtete Laurels volle Lippen. Seltsamerweise hatten Ihre Worte ihn nicht abgeschreckt. Er interessierte sich noch immer für sie.

„Meine Zukunft hängt natürlich vom Zustand meines Vaters ab, aber ich würde meine Großmutter und meine Schwestern gern mit nach Dallas nehmen. Meine Firma dort läuft nämlich sehr gut, und ich habe nicht die Absicht, sie aufzugeben. Ich habe dort viel mehr Möglichkeiten als hier.“

„Stimmt natürlich.“ Chase schwieg einen Moment, während Trey ihre Bestellung aufnahm.

Als sie wieder allein waren, nahm er wieder Laurels Hand. Er musste sie einfach berühren. „Wann wurde eigentlich Ihre Verlobung gelöst?“, fragte er mit einem Blick auf ihren Ringfinger, an dem kein Ring funkelte.

Laurel sah ihn überrascht an. „Vor einem Monat etwa. Haben Sie etwa Nachforschungen über mich angestellt?“

„Ein paar“, gestand er. „Ich hoffe doch, Sie haben jetzt nicht endgültig die Nase voll von Männern.“

„Wohl kaum“, antwortete Laurel lächelnd.

„Schön zu hören. Gibt es schon einen neuen Mann in Ihrem Leben?“

„Um Himmels willen, nein! Ich hatte nur zu viel um die Ohren, um jemanden Neues kennenzulernen. Ich fahre täglich ins Krankenhaus, kümmere mich unter der Woche um das Hotel und an den Wochenenden um die Ranch. Jetzt, wo Sie hier sind, habe ich mich allerdings entschieden, die ganze Woche über hierzubleiben.“

„Das freut mich natürlich, aber es wäre mir doch sehr unangenehm, Sie von Ihrer Familie fernzuhalten“, antwortete Chase. „Die Stadt gefällt mir übrigens auf den ersten Blick sehr gut. Damit hätte ich gar nicht gerechnet.“

„Ich werde Sie mit einigen Einwohnern bekannt machen. Wenn Sie möchten, kann ich hier im Hotel einen Empfang für Sie organisieren.“

„Das wäre vielleicht ratsam. Wer kümmert sich eigentlich in der Zwischenzeit um Ihre Firma in Dallas?“, fragte Chase und betrachtete wieder ihre Lippen. Er konnte es kaum erwarten, mit ihr zu tanzen.

Trey kehrte mit einer Flasche gekühltem Weißwein zurück. Rasch entzog Laurel Chase ihre Hand. Chase probierte, nickte Trey zu und wartete mit dem Toast, bis ihre Gläser gefüllt und er und Laurel wieder ungestört waren.

„Auf Montanas schöne Frauen, vor allem auf die Frau, die mir gerade gegenübersitzt.“

„Ich trink nicht gern auf mein eigenes Wohl“, antwortete Laurel. „Ich habe eine bessere Idee: auf Montanas Wirtschaft, die dank ihrem Ölfeld blüht!“ Laurel hob ihr Glas.

„Fällt es Ihnen nicht verdammt schwer, Ihr Familienerbe zu verkaufen?“, fragte Chase.

„Ich bin niemand, der an der Vergangenheit festhält. Sie doch bestimmt auch nicht, oder? In Ihrem Leben gab es sicherlich auch ein paar einschneidende Veränderungen.“

„Nicht so extreme. Als ich die Ranch meiner Eltern verließ, war ich heilfroh, endlich dort wegzukommen und in die Finanzwelt eintauchen zu können.“ Chase bewunderte Laurel insgeheim für ihre Tapferkeit. Auch wenn sie es nicht zugab, aber der Verlust des Hotels musste für sie sehr schmerzhaft sein.

„Was ist eigentlich, wenn Sie mal heiraten? Werden Sie Ihre Firma dann aufgeben?“, fragte er.

„Nein, sie läuft auch ohne meine ständige Anwesenheit gut.“

Während sie sich unterhielten, fiel Chase immer wieder auf, dass Laurel das Gespräch häufig auf ein neutrales Thema oder auf ihn lenkte. Anscheinend sprach sie nur sehr ungern über sich selbst, doch nach und nach kitzelte er doch einiges aus ihr heraus.

Nachdem sie ausgetrunken hatten, stand Laurel auf, um ihn herumzuführen. Als er neben ihr herging, atmete er genüsslich den Duft ihres exotischen Parfums ein. Chase verspürte den Wunsch, ihren Arm zu nehmen oder ihr sogar seinen Arm um die Schultern zu legen, wollte jedoch nichts überstürzen. Sie wirkte noch immer etwas angespannt in seiner Gegenwart.

Zuerst führte sie ihn in den Garten, dessen Gestaltung ihn schwer beeindruckte. Es gab sogar einen beheizten Swimmingpool.

Schließlich betraten sie den Speisesaal.

„Sie wissen doch bestimmt schon, was Sie essen wollen“, sagte Chase. „Können Sie mir etwas empfehlen?“

„Die Steaks sind köstlich, ebenso der gebratene Fasan oder der Fisch. Der Wildlachs wird besonders häufig bestellt.“

Schweigend studierten sie die Speisekarten. Ein Kellner kam, und Laurel gab ihre Bestellung auf. Chase musterte sie dabei verstohlen und zog ihr im Geiste das Kleid aus. Er konnte es kaum erwarten, sie endlich in den Armen zu halten und zu küssen. Er begehrte sie von Minute zu Minute mehr.

Als sie wieder unter sich waren, nahm Chase ihre Hand. „Das hier ist keine Großstadt“, ermahnte Laurel ihn. „Jeder kennt hier jeden. Sie werden nur die Gerüchteküche anheizen, wenn Sie ständig meine Hand halten.“

„Würde Ihnen das denn etwas ausmachen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich. Es ist schließlich völlig bedeutungslos, und das Gerede der Leute interessiert mich ohnehin nicht.“

„Und wenn es nicht bedeutungslos wäre?“, fragte er leise. Laurel zog eine Augenbraue hoch.

„Ausgeschlossen! Zwischen uns wird sich nichts abspielen“, sagte sie energisch. Also hat sie doch die Nase voll von Männern, dachte Chase. Einen Vorteil hatte das immerhin. Sie war nicht auf eine feste Beziehung aus.

„Was ist eigentlich mit Ihnen?“, fragte sie. „Gibt es keine Frau in Ihrem Leben?“

„Keine einzige. Wie Sie sehen, sind wir beide frei und können tun und lassen, was wir wollen.“

Kurz darauf wurde das Essen serviert. Chases saftiges Steak war exakt wie bestellt, und auch Laurels Fasan sah äußerst verlockend aus. „Mein Kompliment an den Koch.“

„Er ist der beste, den wir kriegen konnten. Wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, ist der Speisesaal voll, und draußen stehen die Leute Schlange. Hier essen viele Leute von außerhalb, nicht nur Hotelgäste. Das Beste kommt aber noch: Das ‚sündige Schokoladendessert‘ wird Sie endgültig umhauen.“

„Es gibt ein ‚sündiges‘ Dessert in Ihrem Hotel? Faszinierend! Das lässt auf weitere sündige Dinge hoffen“, sagte Chase mit gesenkter Stimme.

„Ich hoffe, Sie spielen nicht gerade auf mich an. Als sündig hat mich nämlich noch niemand bezeichnet.“

„Das kann sich noch heute Nacht ändern.“

Laurel atmete scharf ein. In den Tiefen ihrer Augen flackerte plötzlich etwas auf. „Ach wirklich?“, fragte sie betont lasziv. „Vielleicht haben Sie recht und ich sollte meinen Lebenswandel ändern und mein Leben etwas aufregender gestalten.“ Verführerisch fuhr sie sich mit der Zunge über die Unterlippe.

Chase wurde plötzlich unerträglich heiß. Obwohl er wusste, dass sie nur mit ihm flirtete und sich insgeheim über ihn lustig machte, verspürte er den Drang, sie irgendwohin zu entführen, wo sie ungestört waren.

Laurel zwinkerte ihm verschmitzt zu. „Beruhigen Sie sich, Chase, das war nur ein Witz!“

Zwanzig Minuten später brachte der Kellner ihr Dessert, Vanilleeis mit dunkler Schokolade, Schokoladensoße, einem Brownie, gehackten Walmüssen und Schlagsahne. „Wirklich verführerisch“, sagte Chase und sah Laurel tief in die Augen. „Und gleich wird sich auch herausstellen, wie sündig“, fügte er heiser hinzu.

„Essen Sie Ihr Dessert, Chase“, entgegnete Laurel scharf. „Sündigeres werden Sie heute nicht mehr erleben.“

Auf dem Rückweg zur Bar nahm Chase Laurels Arm.

Trey hatte ihnen ihren Tisch frei gehalten. Chase sah sich in dem vollen Raum um. „Hier sind auch nicht alles nur Hotelgäste, oder?“

„Stimmt.“

„Gute Musik, ein schönes Ambiente – Sie haben wirklich ein Klassehotel. Ich bin sehr beeindruckt.“

„Das sagen Sie doch bestimmt nur, weil Sie höflich sein wollen“, entgegnete Laurel. „Man braucht sicher mehr als ein hundert Jahre altes Hotel, um Sie zu beeindrucken.“

„Nicht, wenn die Eigentümerin eine bildschöne junge Frau ist“, antwortete er und nahm ihre Hand. „Und jetzt lassen Sie uns tanzen, Laurel.“

3. KAPITEL

Mit gemischten Gefühlen folgte Laurel Chase auf die Tanzfläche. Sie musterte ihn verstohlen. Er sah so gut aus, war so leidenschaftlich und so charmant, dass ihre Reserve allmählich zu bröckeln begann, obwohl sie genau wusste, dass er sie verführen wollte.

Aber sie musste sich ihm widersetzen. Er meinte es bestimmt nicht ernst mit ihr, sondern sah in ihr nur eine flüchtige Affäre.

Genau wie Edward war auch Chase Bennett ein selbstsüchtiger Jetsetter. Auf keinen Fall würde sie ein zweites Mal den gleichen Fehler machen.

Das Problem war nur, dass er wirklich sämtliche Register zog, um sie ins Bett zu kriegen. Und er hatte ein geeignetes Druckmittel: das Hotel.

Hoffentlich machte er ihr bald ein Angebot, dachte Laurel nervös, verdrängte diesen Gedanken jedoch sofort wieder. Sie hatte einfach zu große Angst, enttäuscht zu werden. Was, wenn er das Hotel doch nicht kaufen wollte?

Es fiel ihr jedoch schwer, diese Gedanken zu verdrängen, genauso schwer, wie Chases Charme zu widerstehen.

Seine Anziehungskraft war geradezu magnetisch. So etwas hatte sie bisher noch bei keinem Mann erlebt. Es verwirrte sie, denn sie wollte es nicht, schon gar nicht bei ihm! Warum empfand sie nicht genauso für Frank Durbin oder Kirk Malloy, beides zuverlässige Männer, die ihr so vertraut wie Brüder waren? Aber genau das war wahrscheinlich das Problem.

Auf der Tanzfläche nahm Chase sie in die Arme. Sein Aftershave duftete wie immer verführerisch, und sie war sich seiner körperlichen Nähe nur allzu intensiv bewusst. Jeder Körperkontakt ließ sie erschauern.

Der Sex mit Edward war nicht besonders gut gewesen. Er hatte sie umworben, mit Aufmerksamkeit und Geschenken überschüttet und derart geblendet, dass sie irgendwann geglaubt hatte, ihre Beziehung habe eine solide Basis.

Wie hatte sie sich nur so irren können? Mit Chase würde ihr das jedenfalls nicht passieren. Natürlich würde er nicht im Traum daran denken, ihr einen Antrag zu machen. Bisher war es ihr gelungen, emotional von ihm Distanz zu halten, aber gegen ihre körperliche Reaktion auf ihn war sie machtlos.

Die Band spielte eine langsame Nummer. Laurel war nur zu bewusst, wie Chases Beine ihre streiften und sein Oberkörper sich leicht an sie presste.

Danach folgte ein schnelleres Stück. Chase löste seine Krawatte, bewegte sich mit kreisenden Hüften im Rhythmus und ließ seinen Blick begehrlich über ihren Körper wandern. Laurel war wie elektrisiert.

Wie konnte sie ihn nur dazu bewegen, das Hotel zu kaufen, ohne mit ihm zu schlafen? Bei seinem Anblick wurde ihr immer stärker bewusst, dass sie mit dem Feuer spielte. Unwillkürlich stellte sie sich ihn beim Sex vor und spürte, dass ihr Widerstand allmählich schmolz. Jede Bewegung dieses Mannes war erotisch. Wie sollte sie ihn auf Abstand halten, wenn sie gleichzeitig mit ihm tanzen, flirten … und ihn womöglich küssen musste?

Letzteres würde sie bestimmt nicht verhindern können. Bei dieser Erkenntnis begann ihr Herz sofort schneller zu schlagen. Verstohlen betrachtete sie Chases sinnliche Lippen. Das dunkle Haar fiel ihm in die Stirn und erinnerte sie an sein etwas wildes Aussehen bei ihrer ersten Begegnung. Wie er wohl küsste? Bei dem Gedanken wurde ihr sofort heiß.

Gegen Mitternacht schmiegte sie sich an ihn und hatte sich bereits dazu überreden lassen, am nächsten Abend mit ihm auszugehen.

„Um wie viel Uhr schließt die Bar eigentlich?“, fragte er.

„Erst um zwei, aber so lange kann ich nicht mehr bleiben. Ich muss morgen früh aufstehen.“

„Dann hören wir jetzt zu tanzen auf und nehmen oben noch einen Schlummertrunk. Was halten Sie davon?“

„Okay“, antwortete Laurel zögernd.

Diesmal legte er den Arm um ihre Schultern, als sie die Bar verließen. Im Fahrstuhl sah er sie wieder voller Begehren an. Warum soll ich ihn nicht einfach küssen, wenn es ohnehin sein muss, fragte sich Laurel. Ein paar Küsse konnten schließlich nichts schaden und würden ihr vielleicht helfen, über Edward hinwegzukommen.

Chase betrachtete ihren Mund, und sie hielt erwartungsvoll den Atem an. Doch plötzlich hielt der Fahrstuhl an, die Türen öffneten sich, Chase ergriff ihre Hand und zog sie mit sich aus dem Fahrstuhl.

„Wollen wir zu mir gehen?“, fragte sie. Chase nickte, nahm ihre Schlüsselkarte und öffnete die Tür.

In Laurels Suite brannte nur eine kleine Lampe. Chase legte die Karte auf einem Tisch im Flur ab und drehte sich zu ihr um. In seinen Augen stand die nackte Begierde. Er streckte die Arme nach ihr aus und zog sie an sich.

Mit klopfendem Herzen schlang Laurel die Arme um seinen Hals und hob das Gesicht zu ihm. Chase senkte den Kopf und presste seine Lippen auf ihre. Sein leidenschaftlicher fordernder Kuss setzte sie förmlich in Flammen, und sie presste sich an ihn und vergrub die Finger in seinem Haar. Er küsste sogar noch besser, als sie erwartet hatte; es übertraf alles, was sie je erlebt hatte.

Sie drängte sich noch enger an ihn und erwiderte seinen Kuss mit der gleichen Leidenschaft. Das Verlangen nach ihm wurde so übermächtig, dass ihre Selbstbeherrschung sich plötzlich in Luft auflöste.

Chase hob sie hoch, trug sie zu einem Sofa und setzte sie sich auf den Schoß. Als sie seine Erregung an ihrer Hüfte spürte, reagierte ihr Körper sofort. Sie wollte ihn.

Doch als Chase ihr den Reißverschluss öffnete und ihr das Kleid über die Schultern streifte, brachte die kühle Luft auf ihrer nackten Haut sie plötzlich wieder zu Verstand.

„Chase, warte … das geht mir alles zu schnell“, sagte sie keuchend. Sein Blick verweilte begehrlich auf ihren Brüsten, die von einem rosa Spitzen-BH bedeckt waren. Laurel zog ihr Oberteil wieder zurecht und fasste nach hinten an den Reißverschluss.

„Bitte mach ihn zu“, flüsterte sie. „Wir kennen uns doch noch gar nicht so lange.“

Anstatt ihrer Bitte nachzukommen, liebkoste Chase ihren Hals mit seinen Lippen und ließ den Mund zu ihrem Ohr wandern. Sein warmer Atem und seine Lippen erstickten ihren Protest im Keim. Laurel neigte den Kopf nach hinten und genoss das Gefühl, bis sie erkannte, dass sie ihm schon wieder erlegen war.

Sie packte ihn an den Oberarmen und schob ihn zurück. „Warte“, forderte sie ihn auf. „Lass uns wenigstens zwischendurch Luft holen.“

Chase hob den Kopf und sah sie an. Laurel fing angesichts des Verlangens in seinen Augen an zu zittern. „Du bist wundervoll, Laurel“, sagte er, ließ den Zeigefinger über ihre Lippen gleiten und entfachte ihre Begierde von Neuem.

„Lass uns etwas trinken. Vielleicht bekommen wir dann wieder einen klaren Kopf“, erwiderte sie.

Chase war so in ihren Anblick versunken, dass er sie gar nicht zu hören schien.

„Komm her, Laurel“, sagte er, umfasste ihren Hinterkopf, zog sie an sich und küsste sie wieder. Laurel kapitulierte. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie einander küssten, aber als er schließlich die Hand über ihren Oberschenkel und unter ihr Kleid gleiten ließ, schob sie sie energisch weg und stand auf.

„Du bist so stürmisch, dass es mir den Atem verschlägt!“

„Mir verschlagen deine Küsse den Atem“, antwortete er, erhob sich und schlang die Arme um Laurels Taille. Abwehrend legte Laurel ihm eine Hand auf die Brust und einen Finger auf die Lippen. „Sag so etwas nicht. Lass uns jetzt endlich etwas trinken. Komm mit in die Küche.“

Chase folgte ihr.

„Lass mich dir helfen“, sagte er und nahm zwei Gläser aus dem Schrank, während sie einen Krug Tee aus dem Kühlschrank holte. Dabei streifte er sie wie zufällig. Er füllte die Gläser mit Eis, und Laurel schenkte ihnen ein. Sie war noch immer nicht in der Lage, normal zu atmen. „Zitrone oder Zucker?“, fragte sie.

„Weder noch“, antwortete er. „Im Grunde will ich noch nicht einmal Tee.“ Laurel warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich will dich, Laurel!“ Er stellte die beiden Gläser auf den Tisch, drehte sich zu ihr um und nahm sie erneut in die Arme. Laurel schaffte es nicht, dagegen zu protestieren.

„Warum treffen wir uns morgen eigentlich nicht schon am Nachmittag?“, fragte er. „Wie wär’s mit vier Uhr? Dann kannst du mir noch die Stadt zeigen, bevor wir essen gehen.“

„Chase …“

„Es sind doch nur zwei Stunden mehr. Dann können wir uns besser kennenlernen.“

Laurel konnte gerade an nichts anderes mehr denken, als dass sie ihn küssen wollte. Das morgige Abendessen erschien ihr noch so weit weg, dass sie keinen Gedanken daran verschwendete. „Einverstanden“, flüsterte sie und legte die Hand in seinen Nacken.

Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen und sich von seinen Küssen mitreißen zu lassen.

Irgendwann machte sie sich von ihm los und schnappte nach Luft. „Entweder du gehst jetzt, oder wir trinken endlich unseren Tee.“

„Na schön. Dann lass uns noch etwas reden“, antwortete Chase, nahm seinen Eistee und ging ins Wohnzimmer.

Sie plauderten, bis Chase sich um zwei Uhr morgens erhob. „Ich lasse dich jetzt noch etwas schlafen.“

Sicherheitshalber folgte Laurel ihm bis zur Tür. „Ich bin mit deinen Angestellten um zehn Uhr verabredet, um ihnen das Hotel zu zeigen. Schließt du dich uns an?“

„Auf jeden Fall“, antwortete Chase. Er schlang ihr einen Arm um die Taille und zog sie an sich. „Deine Küsse sind einfach sensationell. Ich werde jetzt unmöglich schlafen können, es sei denn …“

„Vergiss es“, sagte Laurel. „Du gehst jetzt bitte.“

„Frühstücken wir morgen zusammen?“, fragte er.

Laurel zögerte einen Moment und nickte dann. Beim Frühstück konnte schließlich nichts passieren, und sie konnte die Gelegenheit nutzen, ihm das Hotel weiter schmackhaft zu machen.

„Der Abend war wunderschön“, sagte er.

„Finde ich auch, Chase“, antwortete sie leise. „Bis morgen dann.“

„Ich hole dich um sieben ab, okay?“

„Ja.“

Lächelnd streichelte er ihr die Wange und ging.

Nachdem Laurel die Tür hinter ihm geschlossen hatte, atmete sie erst einmal tief durch, brachte die leeren Gläser in die Küche und löschte dann fast alle Lichter.

„Chase ist genau wie Edward. Das darfst du keine Sekunde vergessen“, ermahnte sie sich selbst laut. Doch es war zwecklos. Sie war Chases Küssen schon jetzt erlegen.

Nachdem sie sich bettfertig gemacht hatte, zog sie sich einen Morgenmantel über, nahm eine Decke und trat hinaus auf den Balkon, wo sie sich in einen Liegestuhl setzte und ihren Blick über die Lichter und Dächer der Stadt schweifen ließ.

Chase war wirklich verdammt attraktiv. Sie musste es jetzt schaffen, dass sie ihm einerseits widerstand. Andererseits jedoch sein Interesse am Hotel wachhielt. Da er mit Abstand der interessierteste Käufer war, durfte sie ihn keinesfalls verprellen.

Beim Gedanken an seine leidenschaftlichen Küsse schloss sie die Augen und gab sich ihren erotischen Fantasien hin. Wenn sie ihn nicht schleunigst aus ihren Gedanken verbannte, würde an Schlaf nicht zu denken sein.

Ungeduldig warf sie die Decke beiseite und ging ins Bett. Im Geiste ging sie die Aufgaben durch, die sie morgen noch zu erledigen hatte, und schlief dann schließlich ein. Dabei träumte sie von Chase.

Um einen möglichst professionellen Eindruck zu machen, zog Laurel am nächsten Morgen einen Nadelstreifenanzug und eine weiße Bluse an und steckte sich das Haar hoch.

Pünktlich um sieben klopfte es an ihrer Tür.

Mit einem grauen Pullover, Jeans und Schlangenlederstiefeln bekleidet, betrat Chase ihre Suite. Er musterte sie eingehend. Laurel wurde sofort rot, und ihr Herz begann schneller zu schlagen.

„Du siehst zum Anbeißen aus“, sagte er mit rauer Stimme und legte ihr die Hände auf die Schultern.

„Danke, du siehst auch nicht schlecht aus.“ Chase wirkte erstaunlich ausgeruht und steckte anscheinend voller Tatendrang.

Entwaffnend lächelte er sie an. „Ich habe mich schon die ganze Zeit nach einem Morgenkuss gesehnt“, sagte er und schlang ihr den Arm um die Taille. Ihr Herz machte einen Satz.

„Chase, du kannst doch nicht …“

„Oh doch, ich kann“, flüsterte er, senkte den Kopf und erstickte ihren Protest mit einem Kuss.

Schlagartig vergaß Laurel ihre Verabredung und sogar den Grund seines Kommens. Automatisch schlang sie ihm die Arme um die Taille und küsste ihn ebenfalls. Mit einem Schlag waren all ihre guten Vorsätze, die sie vergangene Nacht gefasst hatte, vergessen.

Schließlich machte sie sich von ihm los. „Chase, wir müssen damit aufhören.“

„Warum?“, fragte er, streichelte ihr den Nacken und rückte ein Stück näher.

Kopfschüttelnd legte sie ihm die Hände auf die Brust. „Lass uns frühstücken und uns wie zwei vernünftige Menschen verhalten. Wir haben nachher noch einen Termin.“

„Stimmt“, antwortete er nur und küsste sie erneut. Diesmal dauerte es sogar noch länger, bis sie ihm Einhalt gebot.

„Wir müssen allmählich los“, drängte sie.

Im von Sonnenlicht erfüllten Speisesaal reihte Laurel sich mit Chase in die Schlange vor dem Buffet ein. Sie nahmen sich Omelettes, Würstchen, Erdbeeren, heißen Kaffee und Orangensaft und gingen auf die noch leere Terrasse.

Als Laurel ihr Tablett auf einen Tisch stellte, musste sie daran denken, als sie dort das letzte Mal mit einem Mann gefrühstückt hatte – es war mit Edward. Und Chase hatte einen ähnlichen Charakter.

„Es ist wirklich schön hier draußen“, sagte Chase, zog für sie den Stuhl zurück und strich ihr sanft über den Nacken, als sie sich setzte.

„Ich liebe die Terrasse, wenn noch niemand hier ist“, sagte Laurel. „Später ist es leider ziemlich überfüllt.“

„Ich schätze die Einsamkeit ebenfalls.“

„Bist du etwa ein Einzelkind?“, fragte sie und sah zu ihm auf.

„Nein. Ich habe fünf Geschwister, drei Brüder und zwei Schwestern.“

„Und du bist der Älteste, oder?“

„Woher weißt du das?“, fragte Chase grinsend. Sie mussten beide lachen.

„Fährst du oft zu deinen Eltern?“, fragte sie.

„In den letzten Jahren war ich eher selten da. Sie leben noch immer auf der Ranch. Meine Mutter würde sie gern verkaufen und nach Florida ziehen, aber mein Vater kann ohne Arbeit einfach nicht existieren. In meiner Kindheit haben wir daher kaum Urlaub gemacht.“

„Da ist meine Familie aus ganz anderem Holz geschnitzt“, antwortete Laurel. „Mein Vater genießt das Leben aus vollen Zügen. Er ist gern unter Menschen, und hier im Umkreis kennt ihn so gut wie jeder. Das macht es doppelt schwer, seinen Schlaganfall zu akzeptieren.“

„Das tut mir sehr leid. Es muss sehr hart für dich sein“, erwiderte Chase. Seine Worte wirkten aufrichtig, aber vermutlich fiel es ihm nicht schwer, seinen Mitmenschen zu schmeicheln und Einfühlungsvermögen zu heucheln, wenn er etwas von ihnen wollte. „Habe ich das gestern richtig verstanden? Du willst so schnell nicht nach Dallas zurückkehren?“, fragte er sie.

„Stimmt. Dank meines kompetenten Managers läuft meine Firma auch ganz gut ohne mich. Hier braucht man mich jetzt mehr. Ich möchte daher in der Nähe meiner Familie sein.“

„Wo willst du eigentlich unterkommen, wenn das Hotel verkauft ist?“

„Ich hoffe ehrlich gesagt, dass der neue Eigentümer mich hier wohnen lässt, solange mein Vater noch im Krankenhaus liegt. Falls nicht, werde ich mir eine Wohnung in der Stadt mieten.“

„Was machst du eigentlich so in deiner Freizeit?“, fragte Chase neugierig.

„Ich schwimme gern, aber normalerweise nimmt die Firma meine ganze Zeit in Anspruch.“

„Wirklich?“, fragte er. „Immerhin hattest du genug Zeit für eine feste Beziehung. Es klingt bestimmt egoistisch, aber ich muss gestehen, dass ich insgeheim froh über deine gelöste Verlobung bin.“

Er legte schon nach ein paar Bissen sein Besteck hin. Anscheinend hatte er genauso wenig Appetit wie sie.

„Hätte ich geahnt, was für eine tolle Frau dieses Hotel leitet, wäre ich viel öfter nach Montana gekommen“, sagte er.

Laurel lächelte. „Das kann ich mir kaum vorstellen. Was ist mit den vielen Frauen, mit denen du abgelichtet worden bist?“

„Sie sind alle schon lange aus meinem Leben verschwunden.“

„Ich könnte wetten, dass du immer derjenige bist, der die Beziehungen beendet, oder?“

„Ich brauche eben meine Freiheit. Ich bin kein Typ zum Heiraten.“

„Mit anderen Worten, du bist noch nie einer Frau begegnet, ohne die du nicht leben könntest.“ Laurel empfand Chases Antwort als kaltschnäuzig. „Du hast Angst, dich zu binden.“

„Panik trifft es eher“, antwortete Chase lässig. „Ich will nicht wie meine Eltern enden. Keine Beziehung der Welt ist ein Leben wie ihres wert. Findest du das falsch?“

„Ja, aber jetzt bin ich zumindest gewarnt. Ich werde mich hüten, mein Herz an dich zu verlieren.“

„Hoffentlich habe ich dich jetzt nicht verschreckt“, sagte er mit funkelnden Augen. „Gibst du mir noch eine Chance?“

„Ich bin doch schon dabei“, antwortete Laurel leichthin. Sie hatte ihn schon verstanden. Seine Worte waren als Warnung an sie gedacht gewesen, sich emotional nicht auf ihn einzulassen. Ihrem Verstand war das glasklar. Aber was war mit ihrem Herz?

Im Verlauf ihres Gesprächs brachte Chase sie mit Anekdoten aus der Zeit, als er sich selbstständig gemacht hatte, zum Lachen, und sie berichtete ihm von ihren eigenen Erfahrungen, bis ihr irgendwann die Verabredung wieder einfiel. Sie warf einen Blick auf die Uhr.

„Chase, wir kommen zu spät! Es wird höchste Zeit für das Treffen.“

In der Hotellobby hatten Brice und Chases Angestellte sich bereits versammelt.

„Laurel, ich möchte dir Luke Perkins vorstellen, meinen Senior-Vizepräsidenten“, sagte Chase. „Und das ist Dal Wade, Marketingleiter für den Norden des Landes.“ Sie schüttelte die Hand der beiden Männer und nickte Brice zur Begrüßung zu.

Nachdem sie dem Rest von Chases Leuten vorgestellt worden war, führte sie alle zu einem der kleineren Sitzungssäle, um eine Präsentation des Hotels zu halten. Während der Präsentation wechselte sie sich mit Brice ab. Gelegentlich beantwortete sie Fragen, wobei sie wusste, dass Chase sie die ganze Zeit beobachtete.

Irgendwann warf sie einen Blick auf die Uhr. „Wir machen jetzt zehn Minuten Pause und treffen uns dann wieder in der Lobby. Danach werden Brice und ich Sie durch das Hotel führen. Haben Sie noch Fragen?“

Da das nicht der Fall war, standen alle auf und verließen den Saal. Nur Chase blieb noch und schlenderte auf Laurel zu. „Das war eine ausgezeichnete Präsentation. Vielleicht sollte ich dich einstellen.“

„Danke, aber nur wenn du an einer Landschaftsarchitektin interessiert bist. Etwas anderes kommt für mich nicht infrage“, antwortete sie. Sie sammelte ihre Unterlagen zusammen und legte sie auf einen Stapel, den sie später mitnehmen wollte.

Er streichelte ihren Nacken. „Du müsstest dann allerdings in Houston arbeiten.“

„Na ja, eigentlich können meine Angestellten mich vertreten. Sie sind sehr kompetent.“

Chase sah sie durchdringend an. „Glaub mir, wenn ich dich engagiere, will ich dich und nicht deine kompetenten Angestellten. So gut müsstest du mich inzwischen doch kennen.“

Laurel sah zu ihm auf. „Ich kenne dich und deinesgleichen vielleicht besser, als du denkst!“, antwortete sie scharf. Typisch Milliardäre. Es musste immer nach ihrem Willen gehen.

Fragend zog Chase eine Augenbraue hoch. „Habe ich dich etwa verärgert?“, fragte er. „Du verwechselst mich doch hoffentlich nicht mit Edward, oder?“

„Du bist garantiert in vielerlei Hinsicht anders als er“, antwortete Laurel ausweichend. „Die Pause ist gleich vorbei, und ich will mich noch frisch machen, bevor wir weitermachen.“

„Natürlich“, antwortete Chase. Laurel eilte davon, wobei sie seinen Blick in ihrem Rücken spüren konnte. Wahrscheinlich fragte er sich gerade, wo eigentlich ihr Problem lag.

Um vier Uhr würde sie wieder allein mit ihm sein und den Rest des Tages mit ihm verbringen müssen. Diese Woche war wirklich wahnsinnig anstrengend, und sie hatte noch mindestens einen weiteren Monat mit Chase vor sich. Dabei war sie schon jetzt mit den Nerven am Ende.

Nachdem Laurel sich frisch gemacht hatte, ging sie in die Lobby, wo Brice schon mit den anderen ins Gespräch vertieft war. Als Chase sich zu ihr umdrehte und sie anschaute, begann ihr Körper von Kopf bis Fuß zu kribbeln.

„Wie ich sehe, sind wir schon vollzählig“, sagte sie. „Dann lassen Sie uns gleich mit der Führung beginnen. Wir fangen in der Küche an.“

Nach einem einstündigen Rundgang aßen sie in einem Privatraum zu Mittag und trafen sich nach einer weiteren Pause wieder im Sitzungssaal, um noch letzte Fragen zu klären. Um zwei Uhr waren sie fertig.

Chase stand auf und kam auf sie zu. „Ich hole dich dann um vier ab“, sagte er.

„In Ordnung“, antwortete Laurel kurz angebunden. Sobald er gegangenn war, zog sie sich die Schuhe aus und drehte sich zu Brice um. „Und? Welchen Eindruck hast du?“

„Vor allem den, dass Chase Bennett sich für dich interessiert.“

Laurel verdrehte die Augen. „Lass uns bitte beim Geschäftlichen bleiben. Haben wir sie überzeugt?“

„Sie schienen ziemlich beeindruckt von unserer Präsentation und dem Hotel zu sein, aber ich kann dir nicht sagen, ob sie es kaufen werden oder nicht. Ich vermute, dass sie erst abwarten, was ihr Chef dazu meint. Letztlich ist er derjenige, der die Entscheidung trifft.“

„Das Geld wäre wirklich eine Riesenhilfe für mich“, erwiderte Laurel. Gedankenverloren trommelte sie mit den Fingern auf die Stuhllehne. „Ich mache drei Kreuze, wenn ich endlich den unterzeichneten Vertrag in den Händen habe.“

„Ich drücke dir jedenfalls die Daumen“, sagte Brice.

„Glaubst du, Chase Bennett wird das Hotelpersonal entlassen?“

„Schön möglich.“

„Es wäre aber einfacher für ihn, alles beim Alten zu lassen. Ob er das Hotel womöglich abreißen lassen wird?“

„Keine Ahnung. Ich kann ihn nur schwer einschätzen. Er gibt sich zwar aufgeschlossen und freundlich, aber das ist nur Fassade. Wer weiß, was für Pläne er wirklich hat.“

„Mir widerstrebt der Gedanke, dass ihr in Zukunft von ihm abhängig seid.“

Brice lächelte. „Man hat mir schon vier andere Jobs angeboten, und nicht nur mir. Wir kommen schon klar.“

„Ich weiß.“ Laurel seufzte. „Heute Abend gehe ich übrigens mit Chase aus.“

„Irgendwie habe ich den Eindruck, dass du darüber nicht gerade begeistert bist. Dabei würden dich die meisten Frauen glühend darum beneiden.“

„Es fällt mir manchmal verdammt schwer, nett zu ihm zu sein. Natürlich ist er sehr charmant, aber das macht die Sache nur noch komplizierter. Ich will nicht schon wieder enttäuscht werden.“

„Mach dir da mal keine Sorgen. Ich kannte dich schon, als du noch ein Kind warst. Du bist stärker, als du denkst. Genieß einfach den Abend und bearbeite Chase hübsch weiter.“

„Danke, das ist lieb von dir, Brice“, erwiderte Laurel.

Nachdem er gegangen war, saß sie einige Minuten lang da und starrte auf die Tür. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass sie Brice hatte. Er arbeitete bereits seit vierundzwanzig Jahren im Hotel und blieb in jeder Situation gelassen. Er war mit den Abläufen im Hotel so gut vertraut, das die Verwaltung problemlos klappte. Seufzend stand Laurel auf, nahm ihre Sachen und ging in ihre Suite, um sich zehn Minuten lang auszuruhen, dann zu duschen und sich umzuziehen.

Sie wählte ein schwarzes Kleid mit einem dramatischen Ausschnitt und einem geraden knielangen Rock und schlüpfte in dazu passende hochhackige Sandalen. Wohin würde Chase sie wohl ausführen?

Als er um vier Uhr erschien, trug er ein graues Sportjackett, dunkle Hosen, ein weißes Hemd und sah wie immer umwerfend aus. Er gefiel ihr wirklich von Mal zu Mal besser.

Anerkennend ließ Chase den Blick über ihr Kleid schweifen. „Du siehst fantastisch aus.“

„Danke“, antwortete sie. Sein Kompliment freute sie mehr, als sie sich eingestehen wollte.

„Lass uns vorher noch in meine Suite gehen und etwas trinken“, sagte Chase. „Ich möchte mit dir reden.“

„Okay.“ Laurels Herz machte einen Satz, und sie wurde nervös. Ob er ihr gleich ein Angebot für das Hotel machen würde? Rasch verdrängte sie den Gedanken. Sie durfte sich nicht vorschnell Hoffnungen machen.

Im Flur legte Chase den Arm um sie. Die bloße Berührung reichte aus, um sie körperlich zu erregen. In seiner Suite angekommen, legte sie ihre Handtasche auf einem Tisch ab und blickte sich um. Sie stellte fest, dass er eine Flasche Champagner hatte kaltstellen lassen.

„Champagner?“, fragte sie überrascht.

„Ja, ich finde, wir haben allen Grund zum Feiern“, antwortete Chase, zog sein Jackett aus und hängte es sorgfältig über eine Stuhllehne.

„Was feiern wir denn? Etwa unsere Bekanntschaft?“, fragte sie, und ihr klopfte dabei das Herz laut.

„Das und deine gelungene Präsentation.“

„Danke“, antwortete sie lächelnd. Er entfernte die Folie, die sich um den Flaschenhals befand, öffnete die Flasche und goss Laurel ein Glas ein.

Als er es ihr reichte, streifte er wie unbeabsichtigt ihre Hand. Danach schenkte er sich selbst ein. „Zunächst zum Hotel: Was willst du dafür haben?“

„Das solltest du eigentlich wissen“, antwortete Laurel. „Ich habe das doch schon längst mit euch besprochen.“

„Da hast du natürlich recht“, antwortete er und ging zum Kamin. Dort drehte er sich zu ihr um und hob sein Glas. „Auf einen Deal, der uns beide befriedigt!“

„Prost“, erwiderte sie und ging auf ihn zu, um mit ihm anzustoßen. Ihre Blicke trafen sich. Sofort schien die Luft zwischen ihnen vor erotischer Spannung zu vibrieren. Chases Augen verdunkelten sich begehrlich. Laurel musste schlucken, und ihr Atem beschleunigte sich.

Nur verschwommen bekam sie mit, wie Chase sein Glas auf dem Kaminsims abstellte und ihr ihres aus der Hand nahm, um es neben seins zu stellen. Dann drehte er sich zu ihr um und nahm sie in die Arme. Sie öffnete den Mund, um zu protestieren, aber es kam kein einziges Wort heraus. Stattdessen war sie von seinem Blick wie gebannt. Chase zog sie an sich und küsste sie.

Laurel schlang die Arme um seinen Hals und presste sich an ihn. Sein Kuss steigerte noch ihre Erregung. Noch nie hatte sie jemanden so begehrt, schon gar nicht gegen ihren Willen.

Doch schließlich gewann ihre Vernunft wieder die Oberhand, und sie schob ihn von sich. Schwer atmend sahen sie einander an.

„Ich möchte dir ein Angebot machen“, sagte Chase.

Laurels Herzschlag setzte für einen Moment aus. Sie holte tief Luft, riss sich zusammen, löste sich aus seiner Umarmung und nahm ihr Champagnerglas. Um etwas Zeit zu gewinnen, trank sie einen Schluck. „Sprich weiter“, forderte sie ihn auf.

„Wir wissen beide, dass du das Hotel verkaufen willst“, begann er.

„Genau deshalb sind wir hier.“

„Nur zum Teil“, antwortete er. „Kannst du die Entscheidung allein treffen, oder hat deine Familie da noch ein Wörtchen mitzureden?“

„Nein, die Entscheidung liegt ausschließlich bei mir“, erwiderte Laurel. „Vor zwei Jahren hat meine Großmutter ihre Anteile an der Ranch und dem Hotel meinem Vater übertragen, und nach seinem Schlaganfall hat Dad mir die uneingeschränkte Vollmacht für alles erteilt. Willst du das Hotel nun kaufen oder nicht?“, fragte sie ungeduldig.

Chase sah sie mit undurchdringlicher Miene an. Allmählich wurde Laurel nervös. Was hatte er vor? Wollte er den Preis etwa noch herunterhandeln? „Okay, Chase“, sagte sie schließlich ruhig. „Was für ein Angebot meinst du?“

„Ich biete dir eine halbe Million mehr, als du verlangst“, antwortete er.

Fassungslos starrte sie ihn an, und wurde schlagartig misstrauisch.

„Ich verstehe nicht. Warum? Was willst du wirklich von mir?“

Chase nahm ihr wieder das Glas aus der Hand und ergriff ihre Hand. „Wie du dich vielleicht erinnerst, bin ich kein Typ für feste Beziehungen. Ich befürchte jedoch, dass du an einer flüchtigen Affäre mit mir nicht interessiert bist.“

„Du hast es erfasst“, erwiderte Laurel. Ihr wurde plötzlich eiskalt.

„Ich will dir daher ein Angebot machen, mit dem wir beide leben können. Ich kaufe dein Hotel für eine halbe Million mehr, als du verlangst, wenn du einen Monat lang meine Geliebte wirst.“

4. KAPITEL

Mit bis zum Hals klopfendem Herzen starrte Laurel Chase an. Plötzlich stieg eine unbändige Wut in ihr auf.

Aufgebracht entriss sie ihm ihre Hand, doch noch bevor sie Nein sagen konnte, hatte er ihr schon einen Zeigefinger auf den Mund gelegt.

„Bitte lass dir Zeit mit deiner Antwort“, beschwor er sie eindringlich. „Denk erst einmal in Ruhe darüber nach. Ich knüpfe keine weiteren Bedingungen an mein Angebot. Du bist für einen Monat meine Geliebte, und das war’s. Jetzt lass uns den Abend miteinander verbringen wie geplant, und dann schlaf eine Nacht darüber. Ich bin nicht an einer festen Beziehung interessiert, weder jetzt noch in Zukunft, aber ich nehme an, du zurzeit auch nicht. Unser Arrangement wäre also perfekt. Wir bekämen beide, was wir wollen.“

„Du vielleicht!“, rief Laurel wütend. „Ich kann dir die Antwort genauso gut jetzt schon geben, Chase …“

„Nein“, unterbrach er sie ruhig. „Halte dir lieber erst einmal alle Optionen offen. Denk doch nur an deine Familie. Ich biete dir mehr Geld, als du sonst je für das Hotel bekommen würdest.“

„Glaubst du im Ernst, ich verkaufe dir meinen Körper, nur damit du das Hotel nimmst?“, schleuderte sie ihm wutentbrannt entgegen.

„So würde ich es nicht ausdrücken“, antwortete er kühl. Für einen Augenblick wurde sein unbeugsamer Willen hinter der charmanten Fassade sichtbar.

„Es wäre doch nur für einen Monat“, fügte er hinzu. „Was ist denn so schlimm an meinem Angebot? Schließlich könnte ich bei dir auch ohne den Kauf des Hotels zum Ziel kommen.“

„Ach ja? Warum hast du es dann nicht versucht? Damit würdest du immerhin eine halbe Million Dollar sparen. Mit diesem Angebot beförderst du dich doch selbst ins Abseits!“

„Ich wollte einfach nicht mehr länger warten“, erwiderte Chase. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Laurels Wut flammte erneut auf, doch diesmal ärgerte sie sich über ihre starke körperliche Reaktion auf ihn.

„Dann willst du deine kostbare Zeit also nicht mit einer echten Beziehung verschwenden?“, fragte sie wütend.

„Nein, ich will nur endlich mit dir schlafen.“

Es war also so weit. Endlich hatte Chase sich als der reiche arrogante Playboy entpuppt, den sie von Anfang an in ihm vermutet hatte. Es ging ihm nur um die Befriedigung seiner Bedürfnisse.

„So absurd ist die Idee doch gar nicht – denk doch nur mal an die Vorteile. Ich habe den Eindruck, dass sie dir noch gar nicht recht bewusst sind. Ist dir eigentlich klar, dass ich das Hotel bar bezahlen kann?“

„Es fällt mir schwer, an das Hotel zu denken, wenn du gerade meinen Körper kaufen willst.“

Beruhigend legte er ihr die Hände auf die Schultern. „Vergiss diesen Aspekt doch endlich, und konzentrier dich auf das Wesentliche.“

„Auf keinen Fall! Ich …“ Chase zog sie eng an sich, senkte den Kopf und erstickte ihren Protest mit seinen Lippen. Laurel wollte ihn von sich wegschieben, aber als seine Zunge ihren Mund erforschte, schmolz ihr Widerstand dahin. Mit neu aufflammender Begierde schlang sie die Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Kuss. Warum küsste er nur so fantastisch?

Schlagartig vergaß sie alles andere um sich herum. Laurel mit einem Arm eng an sich pressend, streichelte Chase mit der anderen Hand ihren Hals. Dann ließ er seine Finger abwärts bis zu ihrer Brust gleiten und umkreiste die bereits harte Brustwarze. Die Berührung versetzte Laurel trotz des hinderlichen Stoffs in Flammen. Aufstöhnend ließ sie die Hände über seinen Rücken gleiten und packte seine Hüften. Seine Erregung war deutlich zu spüren.

Abrupt hob er den Kopf. „Du willst mich doch genauso wie ich dich“, stieß er heiser hervor. „Bitte sag Ja, Laurel.“

Um sie herum begann sich alles zu drehen. Laurel konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Allmählich dämmerte ihr jedoch, dass sie sich auf jeden Fall von ihm verführen lassen würde.

Zitternd machte sie sich von ihm los.

„Was ich für dich empfinde, ist nichts als Lust!“, verkündete sie.

„Denk in Ruhe über alles nach“, antwortete er. „Und jetzt gehen wir essen.“

Laurel hatte das ungute Gefühl, die erste Runde eines entscheidenden Kampfes verloren zu haben. Aufgewühlt nahm sie ihre Handtasche und folgte Chase. Beim Anblick von seiner schwarzen Limousine vor dem Hotel musste sie wieder an Edward denken, doch Chase war nicht wie Edward. Er war anziehender, charmanter und völlig skrupellos. Er wusste genau, was er wollte, ging direkt auf sein Ziel los und zweifelte nicht im Geringsten daran, dass er seinen Willen auch durchsetzen würde.

Sie steckte in einem echten Dilemma.

Eine halbe Million mehr! Dieser Betrag ließ Laurel ganz schwindlig werden. Nicht auszudenken, was sie mit dem Geld alles anfangen konnte! Sie musste nur Chases Geliebte werden.

Chases Hände ruhten auf dem Lenkrad, und seine Augen waren auf die Straße gerichtet. Beim Anblick seines attraktiven Profils begann Laurels Herz wieder schneller zu klopfen. Ganz egal, wie wütend sie auf ihn war, sie fand ihn trotzdem unglaublich sexy. Schon allein der bloße Gedanken an einen Monat mit ihm verschlug ihr den Atem.

Doch dass er unwiderstehlich war, änderte nichts an der Tatsache, dass sie ihm für seine Arroganz am liebsten einen Strich durch die Rechnung machen würde. Sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Wenn sie sein Angebot nicht akzeptierte, würde sie sich später wahrscheinlich für immer Vorwürfe machen, ganz egal, wie sehr ihr das Ganze im Moment widerstrebte.

Leider gab es noch ein Problem: Würde es ihr gelingen, sich in diesem Monat nicht in Chase zu verlieben? Falls nicht, würde sie bestimmt noch stärker leiden als nach der Trennung von Edward.

Laurel war so durcheinander, dass sie keine Augen für ihre Umgebung hatte.

Mit einem beruhigenden Lächeln nahm Chase im Restaurant ihre Hand. „Du machst dir zu viel Sorgen. Entspann dich einfach und genieß den Abend, dann fällt dir die Entscheidung gleich viel leichter.“

Laurel legte ihre Gabel nach nur wenigen Bissen hin. „Ich kann nichts mehr zu mir nehmen. Wie zum Teufel soll ich mich jetzt entspannen?“

„Lass uns tanzen. Vielleicht lenkt dich das ja ab.“ Chase führte ihre Hand an seinen Mund und küsste ihre Finger. Sein warmer Atem ließ sie vor Erregung erschauern. „Du bist wunderschön“, flüsterte er.

Kurz darauf fand Laurel sich auf der Tanzfläche in seinen Armen wieder. „Erzähl mir von deiner Kindheit in Montana“, bat er sie. „Wo bist du zum Beispiel zur Schule gegangen?“

Laurel versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, um sich wenigstens vorübergehend von dem Gefühlschaos, das in ihr herrschte, abzulenken. „Wir haben fast immer in der Stadt gelebt und gingen daher hier zur Schule“, antwortete sie und erzählte weiter. Chase hörte aufmerksam zu, streute ab und zu Anekdoten aus seiner Kindheit ein, und schon bald hatte Laurel ihre Probleme vergessen und lachte mit ihm über ihre Kindheit.

„Mein Vater hat ständig Partys gegeben und Leute zu uns eingeladen. Er hat Banjo gespielt, gesungen und dafür gesorgt, dass wir ebenfalls Musik machen“, erzählte sie.

„Spielst du etwa auch Banjo?“

„Großer Gott, nein!“, antwortete sie lachend. „Aber ich spiele Klavier und habe singen und tanzen gelernt.“

„Ich kann mir meinen Vater beim besten Willen nicht so entspannt wie deinen vorstellen“, erwiderte Chase. „Er hat jeden Tag von morgens bis abends bis zur Erschöpfung gearbeitet. Wir mussten ebenfalls mit anpacken. Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich je mal Zeit zum Spielen gehabt hätte. Vielleicht habe ich mich deshalb beruflich zu einer Art Spieler entwickelt“, sagte er nachdenklich.

„Willst du eigentlich nie eine eigene Familie gründen, wenn du mal älter bist?“, fragte sie. „Dein Leben klingt ganz schön trostlos.“

„Trostlos? Aber ganz im Gegenteil! Ich will es nicht anders.“

„Sind deine Eltern denn so unglücklich verheiratet?“

„Das kann man eigentlich nicht behaupten, aber ich möchte trotzdem nicht mit ihnen tauschen. So eine Beziehung will ich nicht. In meinen Augen ist die Ehe das reinste Gefängnis.“

„Das sehe ich anders. Ich hatte als Kind übrigens genug Zeit zum Spielen, aber meine Mutter hat mich auch zur Mithilfe im Haushalt angehalten.“

„Dann überrascht es mich nicht, dass du nicht zu den typischen Partymädels gehörst. Du verfügst für dein Alter über eine Menge Verantwortungsbewusstsein“, sagte Chase und sah sie liebevoll an.

Laurel erwiderte seinen Blick. In seinen Augen glaubte sie, Begierde erkennen zu können. Sofort vergaß Laurel, worüber sie gerade gesprochen hatten. Sie war sich nur noch der Berührung ihrer beider Körper bewusst und sehnte sich nach Chases Küssen.

„Lass uns ins Hotel zurückfahren“, schlug Chase vor, und sie nickte.

Kaum saßen sie in der Limousine, nahm er sie in die Arme und küsste sie.

Im Hotel angekommen, überreichte der Rezeptionist Laurel eine Nachricht. Wenn jemand sie so spät noch anrief, konnte es sich nur um ihren Vater handeln. „Chase, warte einen Augenblick“, sagte Laurel nervös und überflog die Nachricht hastig. Erleichtert stellte sie fest, dass sie nur von einem Freund ihres Vaters stammte, der zugleich der Vater ihrer besten Freundin Becca war. Sie faltete den Zettel zusammen und steckte ihn ein. „Nichts Ernstes. Tut mir leid, aber ich habe befürchtet, es sei etwas mit meinem Vater.“

„Kein Problem“, antwortete Chase, nahm ihren Arm und fuhr mit Laurel im Fahrstuhl nach oben.

„Möchtest du noch einen Moment reinkommen?“, fragte sie.

„Gern.“

In der Suite drehte Laurel sich zu Chase um und schlang ihm die Arme um den Hals. Er zog sie an sich und küsste sie lange und intensiv. Als er den Kopf hob, öffnete sie langsam die Augen und sah, dass er sie mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck betrachtete.

„Denk bitte über mein Angebot nach, Laurel. Ich habe den heutigen Abend mit dir sehr genossen“, sagte er.

„Ich auch“, gestand sie widerwillig. „Ich gebe dir morgen eine Antwort“, fügte sie leise hinzu, voller Verlangen, ihn wieder an sich zu ziehen.

„Ich hole dich zum Frühstück ab“, erwiderte Chase. Er schaute ihr in die Augen und streichelte ihr den Hals. „Du bist wundervoll“, stieß er heiser hervor und küsste sie erneut.

Dann drehte er sich um und ging hinaus. Bewegungslos und voller Sehnsucht stand Laurel da und starrte auf die Tür. Benommen fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn und ging ins Schlafzimmer. Es gab nur eine Antwort.

Sie hatte jetzt die einmalige Chance, das Hotel für eine halbe Million mehr als erwartet zu verkaufen. Zum ersten Mal an diesem Abend wurde Laurel bewusst, was das für sie und ihre Familie bedeutete, und ihr wurde ganz schwindlig.

Als sie an ihrem Schreibtisch vorbeilief, sah sie, dass der Anrufbeantworter blinkte. Plötzlich fiel ihr wieder die Nachricht von vorhin ein. Sie zog sie aus der Tasche und las sie erneut. Ich muss dringend mit dir reden. Ty Carson. Der Rancher war der beste Freund ihres Vaters. Wie Laurel kurz darauf feststellte, stammte auch die Nachricht auf dem Anrufbeantworter von ihm. Er bat sie mit drängender Stimme darum, ihn zurückzurufen, ganz egal, wann sie die Nachricht abhörte.

Was war nur so wichtig, dass es nicht noch warten konnte? Laurel nahm ihr Telefon und wählte die von Ty hinterlassene Nummer. Er war sehr schnell am Apparat und teilte ihr mit, dass er in der Hotelbar auf sie warten würde.

Mit wachsender Neugier fuhr sie mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock und entdeckte Ty in der Nähe der Tür.

Der sonnengegerbte Rancher trug Jeans, ein weißes Hemd und einen Cowboyhut. Als er Laurel sah, kam er auf sie zu und umarmte sie zur Begrüßung.

„Danke, dass du gekommen bist. Ich weiß, dass es schon spät ist, aber ich muss dringend mit dir reden. Wo können wir uns ungestört unterhalten?“

„Am besten in meinem Büro“, antwortete sie und ging ihm voran. Dort angekommen, nahm sie ihm gegenüber auf einem Stuhl Platz. Ty warf seinen Hut auf das Sofa, fuhr sich mit besorgtem Gesichtsausdruck durch das graumelierte Haar und sah sie dann ernst an.

Dann stützte er die Ellenbogen auf die Knie und beugte sich vor. „Ich wollte mit dir über Chase Bennett reden. Da dein Vater zurzeit im Krankenhaus und nicht ansprechbar ist, fühle ich mich irgendwie für dich verantwortlich.“

Laurel war verwirrt. Sie lächelte unsicher. „Mr. Carson, Sie brauchen sich um mich keine Sorgen zu machen.“

„Nenn mich einfach Ty. Ich mache mir um dich Sorgen, und ich bin bei Weitem nicht der Einzige. Würde ich in der Lage deines Vaters sein und er in meiner Haut stecken, wäre ich dankbar, wenn er mit Becca so reden würde wie ich jetzt mit dir. Sie weiß übrigens nicht, dass ich hier bin.“

„Was ist denn eigentlich los?“, fragte sie.

„Dieser Chase Bennett ist wie ein Wirbelwind, der hier alles durcheinanderbringt. Einige von uns Ranchern haben sich zusammengeschlossen, um zu besprechen, wie wir uns vor ihm schützen können.“

„Mr. Car…Ty, ich bin ehrlich gesagt etwas überrascht“, antwortete Laurel stirnrunzelnd. „Ich dachte, Chases Ankunft sei wirtschaftlich positiv für Athens.“

„Es geht Bennett nur um sich selbst, nicht um die Stadt. Ich habe gehört, dass er mit dir ausgeht, und soweit ich weiß, hast du gerade erst eine gescheiterte Verlobung hinter dir. Außerdem habe ich erfahren, dass du das Hotel verkaufen willst. Was auch immer für Probleme du hast, Laurel, wir müssen zusammenhalten. Dieser Mann ist skrupellos. Er will die halbe Region aufkaufen.“

„Lieb von Ihnen, dass Sie sich Sorgen um mich machen, aber ich komme schon allein mit ihm zurecht“, entgegnete Laurel. Ihr war bislang gar nicht bewusst gewesen, dass die Einheimischen Chase als Gegner betrachteten. Das machte ihre Entscheidung plötzlich noch komplizierter.

„Laurel, du darfst den Mann nicht unterschätzen. Er hat unglaubliche Macht. Er will zum Beispiel mit allen Mitteln an meine Ranch kommen.“

„Sie wollen demnach nicht verkaufen?“, fragte sie, überrascht über die Neuigkeit.

„Den Teufel werde ich tun! Mein Ururgroßvater hat die Ranch aufgebaut. Wo sollte ich hingehen? Ich sehe keinerlei Veranlassung zu verkaufen. Natürlich hat Bennett mir einen guten Preis geboten, mehr als ich auf dem freien Markt bekommen würde, aber sein Angebot reizt mich trotzdem nicht.

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