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BACCARA EXTRA BAND 12

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Verführt von einem Millionär

1. KAPITEL

Während ihres vierundzwanzigjährigen Lebens war Tess McDonald schon oft ins Fettnäpfchen getreten, aber diesmal hatte sie das Fass zum Überlaufen gebracht. Sie war fest entschlossen, nicht wie ihre Mutter zu werden, und doch beging sie die gleichen dummen Fehler wie sie.

Staunend stand sie vor dem imposanten Gebäude und starrte an den Mauern aus Marmor und Granit hinauf. Das eigentümliche Haus türmte sich wie ein Schloss aus einem Märchen über ihr auf, dunkel und grimmig unter dem bewölkten, finsteren Himmel – ein verwunschenes Schloss, in dem nichts war, wie es schien. Wo Ungeheuer auf der Lauer lagen, um nichts Böses ahnende Jungfrauen zu verschlingen. Und welches Märchen wäre vollständig ohne einen verbitterten, verschlossenen Prinzen, einen Einzelgänger, der durch einen bösen Fluch gequält wurde und nur durch die wahre, reine Liebe davon befreit werden konnte?

Tess hatte den Glauben an Märchen schon lange verloren. Sie hielt sich an die Realität. Es gab keine Prinzen, ob nun verflucht oder nicht, und keine verwunschenen Schlösser. Und das einzige Ungeheuer, das sie kannte, lebte bei ihrer Mutter in Utah.

Sie stieg die breiten Marmorstufen zur Eingangspforte hinauf, hob widerstrebend eine Hand – und zögerte.

Nun mach schon, Tess, sagte sie sich und zwang sich zu klingeln. Das hohle Läuten drang durch die massive, mit verschlungenen Schnitzereien geschmückte Flügeltür, und Tess zuckte erschrocken zusammen. Es vergingen nur Sekunden, in denen sie darauf wartete, dass ihr jemand öffnete, aber sie kamen ihr vor wie Stunden. Als sie schon fast davon überzeugt war, dass niemand zu Hause war, ging die Tür doch noch auf.

Tess hatte ein Hausmädchen erwartet oder einen Butler, selbstverständlich in passender Livree, der am besten noch aussah wie Lurch, der riesige, totenblasse Butler aus der TV-Serie „Die Addams Family“. Ironischerweise hieß auch der Hausherr Adams. Zu ihrer Überraschung öffnete ihr Ben Adams persönlich, und er sah fast genauso aus wie damals, als sie sich das erste Mal trafen. Geheimnisvoll und ein bisschen unheimlich.

Sein rabenschwarzes Haar reichte ihm bis zum Kragen, und er sah sie unter schweren Lidern mit seinen faszinierenden dunkelbraunen Augen an. Alles an ihm, vom teuren schwarzen Kaschmirpullover und der maßgeschneiderten Hose bis zum feinen Duft seines Rasierwassers, machte deutlich, dass dieser Mann reich und angesehen war und es genoss.

Tess spürte wieder denselben erregenden Schauer wie damals in der Bar, als sie Ben dabei ertappt hatte, wie er sie anstarrte. Nicht dass es ihm peinlich gewesen wäre, als er es bemerkte. Dazu war er ein viel zu selbstbewusster Mann. Ihre Blicke hatten sich getroffen, und die wilde Leidenschaft in seinen dunklen, unergründlichen Augen hatte ihr Herz vor atemloser Erwartung wild schlagen lassen.

Genauso wie jetzt.

Er hatte kein Wort gesagt, sondern nur in stummer Aufforderung die Hand ausgestreckt, und sie hatte sie genommen. Er führte sie auf die Tanzfläche, und als er sie in die Arme nahm und an seinen schlanken Körper presste, schmiegte sie sich instinktiv an ihn. Und dann hatte er sie geküsst.

„Es gibt solche und solche Küsse“, hatte ihre beste Freundin immer gesagt. Nun wusste Tess, dass sie recht hatte. Einige ließen einen kalt, andere nicht.

Als Ben sie küsste, hatte sie das Gefühl, als fänden sich zwei Puzzleteile, die perfekt zusammenpassten. Die Knie waren ihr weich geworden, und alles schien sich um sie zu drehen, als säße sie in einem wild kreisenden Karussell. Im gleichen Moment wusste sie, dass sie mit Ben schlafen würde. Es war keine bewusste Entscheidung, es war etwas, das sie einfach tun musste.

Sie wusste allerdings auch, dass Ben nicht mehr als eine gemeinsame Nacht im Sinn hatte. Zwischen heißen Küssen im Aufzug und auf dem Weg zu seinem Hotelzimmer machte er keinen Hehl daraus, dass er an keiner festen Beziehung interessiert war. Sie hatte nicht erwartet, ihn je wiederzusehen. Und nach dem Ausdruck auf seinem Gesicht zu urteilen, war es ihm nicht anders gegangen.

Tess wusste, dass sie etwas sagen sollte, aber sie brachte kein Wort hervor. Sie konnte Ben nur anstarren und fragte sich, ob er überhaupt wusste, wer sie war. Ob er überlegte, wie sie ihn gefunden hatte. Sie las nie die Boulevardpresse und sie hatte auch kein Kabelfernsehen. Es hatte Wochen gedauert, bis sie zufällig erfuhr, wo Ben sich aufhielt und dass er ein bekannter Filmproduzent war.

Ben lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen am Türrahmen und betrachtete Tess von oben bis unten.

„Ich hatte schon befürchtet, Aliens hätten dich entführt“, sagte er schließlich mit seiner samtweichen dunklen Stimme. Immerhin erinnerte er sich noch an sie.

Tess war gespannt, ob er beabsichtigte, ihr den Schwarzen Peter zuzuschieben und so tun würde, als hätte sie ihn in irgendeiner Weise ungerecht behandelt. Wenn sie in jener Nacht bis zum Morgen geblieben wäre, hätte sie das Unvermeidliche nur unnötig hinausgezögert. Sie hatte keine Lust darauf verspürt, sich von ihm wegschicken zu lassen. Männer wie er waren schließlich für ihre Einstellung berüchtigt. Kaum hatten sie ihren Spaß gehabt, suchten sie schon das Weite.

Tess hätte es nicht ertragen zu sehen, dass er sie so schnell wie möglich loswerden wollte. Sie hatte den größten Fehler von allen begangen, hatte den dicksten Fettnapf erwischt. Sie hatte sich in jener Nacht hoffnungslos in Ben Adams verliebt.

„Du wolltest doch keine feste Beziehung“, erinnerte sie ihn.

Er sah sie abschätzend an. „Das tue ich immer noch nicht“, sagte er kühl.

„Ich bin nur gekommen, um mit dir zu reden. Darf ich reinkommen?“

Obwohl er zu zögern schien, hielt er doch die Tür auf und trat zurück, damit sie in die dunkle Halle treten konnte.

Die Gummisohlen ihrer Arbeitsschuhe quietschten auf dem Marmorboden. Dunkelheit schien sie zu verschlucken wie ein hungriges Ungeheuer. Als ihre Augen sich schließlich an das schwache Licht gewöhnt hatten, hatte Tess den Eindruck, es schwebten seltsam geformte unheimliche Schatten um sie herum wie ruhelose Geister.

Reiß dich zusammen. Du glaubst nicht an Gespenster, sagte sie sich hastig.

Die Tür hinter ihr knallte mit einem dumpfen Schlag zu, der von den dicken Mauern widerhallte. Ben stand reglos da, hochgewachsen und fast bedrohlich, das Gesicht halb im Schatten. Gerade seine beeindruckende Größe und sein durchtrainierter Körper hatten Tess an jenem ersten Abend fasziniert. Dabei hätte sie aus den Fehlern ihrer Mutter lernen sollen. Finstere, innerlich gepeinigte Männer brachten einem nur Ärger ein, das war ihr doch bekannt.

Dennoch, für kurze Zeit, ein oder zwei Nächte, waren sie wundervoll. Tess hatte noch nie einen so aufmerksamen, aufregenden und fantasievollen Liebhaber gehabt wie Ben. Nur zu gut erinnerte sie sich daran, dass er ihr das Gefühl gegeben hatte, wunderschön und begehrenswert zu sein.

Genau aus diesen Gründen war sie mitten in der Nacht davongelaufen, als wäre der Teufel hinter ihr her.

Was er nicht wusste, war, dass er ihr ein Geschenk gemacht hatte, etwas, das ihr immer gefehlt hatte, auch wenn sie es vorher nicht gewusst hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie ein Ziel, gab es einen Sinn. Sie war nicht mehr allein, und dafür schuldete sie ihm viel.

Zum Beispiel eine Erklärung.

Der Zeitpunkt hätte zwar kaum schlechter sein können, und sie war sehr unsicher, aber das bedeutete nicht, dass sie nicht im Grunde genommen glücklich war. Die Folgen dessen, was geschehen war, würden ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen.

Tess hatte mit dem Gedanken gespielt, es Ben nicht zu sagen, denn nach allem, was er im vergangenen Jahr durchgemacht hatte, wie sie inzwischen wusste, wäre es vielleicht besser für ihn, es nicht zu wissen.

Leider brauchte sie seine Hilfe. Sosehr sie auch versucht hatte, allein mit allem fertig zu werden, sie schaffte es nicht. Und da es nun einmal keine sanfte Art gab, ihm die Wahrheit zu sagen, keinen Weg, ihm die bittere Pille zu versüßen, beschloss sie, es kurz und schmerzlos hinter sich zu bringen.

Sie holte tief Luft und hob instinktiv das Kinn. „Ich dachte nur, du solltest wissen, dass ich schwanger bin und dass du der Vater des Kindes bist.“

Ihre Worte trafen Ben wie ein Schlag in die Magengrube.

Vier Monate lang spielte er jetzt schon mit dem Gedanken, wieder die Bar aufzusuchen, in der er die kleine Tess kennengelernt hatte, in der Hoffnung, sie könnte dort sein.

In jener Nacht mit ihr hatte sich etwas in ihm verändert. Er hatte wieder begonnen zu leben.

Mit dieser Entwicklung der Dinge hatte er jedoch nicht gerechnet.

Tess hatte zwar so getan, als würde sie ihn nicht kennen, aber offensichtlich war er hereingelegt worden. Sie musste von Anfang an gewusst haben, dass er reich und berühmt war. Wie hatte er nur so dämlich sein können?

Ben wusste genau, warum er noch nach Monaten diese Sehnsucht nach Tess empfand. Sie war die erste Frau, mit der er seit dem Unfall zusammen gewesen war, und sie hatte ihn seinen Schmerz vergessen lassen.

Bis zu jenem Abend hatte er geglaubt, sein Herz sei zusammen mit seiner Frau und seinem ungeborenen Sohn gestorben. Aber zwischen ihm und Tess war etwas gewesen, das er noch bei keiner Frau vorher empfunden hatte.

Vielleicht lag es daran, dass sie so anders war als Jeanette. Tess war schlank und mädchenhaft hübsch, während seine Frau sinnlich und exotisch schön gewesen war. Tess hatte so zart ausgesehen wie eine Fee, so süß und unschuldig.

Was für eine Ironie!

Inzwischen wünschte er, er wäre in jener Nacht auf seinem Zimmer geblieben. Es hätte ihm klar sein müssen, was es bedeutete, als er am nächsten Morgen allein in seinem Bett aufgewacht war. Er hatte Tess zwar gesagt, dass er keine feste Beziehung wollte, aber er hatte sie nicht gebeten zu gehen. Er hatte tatsächlich geglaubt, dass sie sich in dieser wundervollen Nacht nicht nur körperlich nähergekommen waren.

Offenbar war das nur seine Meinung gewesen. Er fragte sich, wie viele Männer sie außer ihm in der Bar aufgegabelt und ausgenutzt hatte. Warum hatte sie ausgerechnet ihn für ihren Betrug ausgewählt? Weil er verletzlich war? Oder weil er reich war?

Er durfte gar nicht daran denken, dass er kurz davor gewesen war, sich in sie zu verlieben.

„Du hast vergessen zu erwähnen, dass du in dem Hotel arbeitest“, sagte er. Sie hatte ihm sowieso kaum etwas von sich erzählt. Er hatte allerdings auch nicht gefragt. Er hatte keine Konversation mit ihr machen wollen, sondern nur ihren süßen warmen Körper gebraucht. Als ihm klar wurde, dass er mehr als Sex von ihr wollte, war sie schon verschwunden gewesen.

Tess sah Ben direkt in die Augen. „Wir waren nicht lange genug zusammen, um uns besser kennenzulernen.“

„Ich finde, dass wir uns sogar sehr intim kennengelernt haben.“

Ben beobachtete, wie Tess sich auf die Unterlippe biss und rot wurde. Wirklich rührend, wenn er glauben könnte, dass es echt wäre.

„Vielleicht erinnerst du dich nicht, aber wir benutzten jedes Mal ein Kondom“, fuhr er fort. Sie hatten sich in dieser Nacht mehrmals geliebt, weil er einfach nicht genug von ihr bekommen konnte. Jetzt war er neugierig, wie sie erklären wollte, dass sie doch schwanger geworden war.

Tess machte sich nicht die Mühe, irgendetwas zu erklären. „Glaube mir, ich bin genauso überrascht wie du. Ich habe es schließlich auch nicht geplant.“

„Nehmen wir einmal an, es ist meins. Was willst du von mir?“ Als wüsste er das nicht schon längst. Sie hatte wahrscheinlich eine lange Liste von Forderungen. Würde sie von ihm verlangen, sie zu heiraten? Oder vielleicht wollte sie eine Chance beim Film. Sie wäre nicht die Erste, die ihn wegen seiner Beziehungen auszunutzen versuchte.

Tess stand mit gesenktem Blick vor ihm und wirkte tatsächlich demütig. Vielleicht verdiente sie sogar diese Chance, ihr Schauspieltalent war bewundernswert.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie leise. „Ich dachte, ich schaffe es allein, aber die Arztrechnungen und all die Dinge, die ich für das Baby brauche …“

Wie er es sich gedacht hatte.

„Ich bestehe auf einem Vaterschaftstest“, sagte Ben hart. „Bevor ich dir auch nur einen Penny gebe, muss ich wissen, ob es wirklich mein Baby ist.“

Tess nickte. Sie war dankbar, dass er sie nicht zwang zu betteln. Ihre Mutter hatte Jahre gebraucht, bevor ihr reicher Erzeuger seine Verantwortung anerkannt und für Tess Unterhalt gezahlt hatte. Sie hatte damit gerechnet, dass Ben sich mit Händen und Füßen wehren würde.

„Das habe ich mir schon gedacht, und ich habe mit meiner Ärztin gesprochen. Sie sagt, sie könnte den Test nächste Woche durchführen, wenn ich sowieso wegen einer Ultraschalluntersuchung in die Praxis muss.“

„Gut. Ich setze mich mit meinem Anwalt in Verbindung.“

„Wenn du willst, könntest du mitkommen.“ Es war das Mindeste, was sie ihm anbieten konnte.

„Wohin?“

„Zur Ultraschalluntersuchung. Um das Baby zu sehen.“

Bens Miene wurde düster. Er baute sich drohend vor Tess auf, und seine Augen blitzten vor Wut. „Lass uns hier etwas klarstellen. Wenn es wirklich mein Kind ist, sorge ich dafür, dass es ihm an nichts fehlt, aber ich will nichts mit ihm zu tun haben.“

Tess wich unwillkürlich einen Schritt zurück und stieß dabei gegen die Tür. Ben kam auf sie zu. Wenn er sie einschüchtern wollte, dann gelang ihm das mühelos.

„Warum so nervös?“, fragte Ben und stützte sich mit den Händen auf beiden Seiten ihres Kopfes an der Tür ab. Sein Blick war so kalt, dass Tess ein unangenehmer Schauer über den Rücken lief. „In jener Nacht in meinem Hotelzimmer hat es dir nichts ausgemacht, mir so nahe zu sein. Ich glaube, du hast es sogar ziemlich genossen.“

Tess weigerte sich, vor ihm zu kuschen, und sah mutig zu ihm auf. Und wie an jenem Abend in der Bar wurden ihr die Knie weich. Sie hatte fast vergessen, wie unglaublich attraktiv er war.

Du lieber Himmel, dachte sie, lasse ich mich wirklich von diesem Macho antörnen? Es musste an der Schwangerschaft liegen. Ihre Hormone spielten verrückt, und sie war nicht mehr sie selbst.

Nach der Nacht mit Ben hatte sie Männern wie ihm endgültig abgeschworen. Sie brachten nur Ärger ein. Falls sie sich überhaupt wieder mit einem Mann einlassen sollte, dann würde sie sich einen ruhigen, durchschnittlichen Typ aussuchen. Lieber sicher und unaufregend als prickelnd und sexy, dafür aber ungewiss.

Ben hatte kein Recht, sie so herablassend zu behandeln. Tess straffte ihre Schultern, hob eine Hand und stieß mit ihrem ausgestreckten Zeigefinger kräftig gegen Bens Brust. Sie freute sich fast diebisch über den erstaunten Ausdruck auf seinem Gesicht.

„Du musst sehr von dir eingenommen sein, wenn du glaubst, ich wäre an einer festen Beziehung mit dir interessiert. Genau wie dir ging es auch mir nur um diese eine Nacht. Schieb mir ruhig die Schuld zu, wenn du so dein schlechtes Gewissen beschwichtigen kannst, aber du bist genauso verantwortlich wie ich. Es gehören immer zwei dazu. Wenn ich mich recht erinnere, hast auch du es ziemlich genossen. Und offensichtlich muss ich dich ja nicht erst daran erinnern, dass du dich um die Kondome gekümmert hast. Woher soll ich wissen, dass nicht du diese Schwangerschaft geplant hast? Vielleicht bereitet es dir ja eine Art bösartige Freude, nichts ahnende Frauen zu schwängern. Wer weiß, vielleicht wimmelt es überall nur so von deinen illegitimen Kindern.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Er sah jetzt bestürzt aus. War es möglich, dass sie seine Gefühle verletzt hatte? Hatte er überhaupt welche?

Ben ließ die Arme sinken und wich zurück, das Gesicht starr. Er wirkte traurig, und Tess’ Anflug von Zufriedenheit verflüchtigte sich schlagartig.

„Zieh deine Jacke aus und mach es dir bequem“, sagte Ben. „Wir haben viel zu besprechen.“

Ben saß an seinem Schreibtisch und öffnete den Brief seines Anwalts. Ihm war bange vor dem Ergebnis des Vaterschaftstests, dem er sich in der vorangegangenen Woche unterzogen hatte.

Tess hatte die Wahrheit gesagt. Das Kind war von ihm.

Der Schmerz über den Tod seines Sohnes vor einem Jahr, der langsam nachgelassen hatte, überkam ihn erneut mit aller Macht. Wieder quälte ihn sein schlechtes Gewissen. Wenn er es geschafft hätte, Jeanette die Reise nach Tahoe auszureden, zumal er sie nicht begleiten konnte, weil er noch an einem Film gearbeitet hatte, dann wären sie und sein ungeborener Sohn noch am Leben. Er hätte darauf bestehen sollen, dass sie blieb, da auch ihr Arzt ihr geraten hatte, wegen ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft besser nicht zu fliegen. Aber wenn Jeanette etwas wollte, dann hatte sie es in der Regel auch durchgesetzt.

Er würde es sich nie verzeihen, dass er sie im Stich gelassen hatte, und er würde so etwas nie wieder zulassen. Dieses Kind war seins, ob er es wollte oder nicht. Schon aus Liebe zu seinem Sohn würde er nicht erlauben, dass Tess’ Baby etwas zustieß.

„Ich nehme an, es sind keine guten Nachrichten.“

Ben sah auf. Mildred Smith, seine Haushälterin, stand in der offenen Tür und beobachtete ihn. Jeder andere Angestellte seines Haushalts wäre für diese freche Neugier gefeuert worden, aber Mildred hatte schon für seine Familie gesorgt, als er noch nicht einmal geboren war. Es war nur natürlich gewesen, dass sie zu ihm kam, als seine Eltern vor drei Jahren nach Europa übersiedelten. Mildred war bei ihm gewesen in jenen fürchterlichen Monaten nach dem Unglück und hatte ihm geholfen, die schlimmste Zeit durchzustehen. Im Grunde war sie eher eine Familienangehörige für ihn als eine Angestellte und mehr eine Mutter, als seine leibliche Mutter es je gewesen war.

„Es ist von mir“, sagte er.

„Und was wirst du jetzt tun?“

Das einzig Richtige. „Ich werde dafür sorgen, dass es ihr und dem Baby an nichts fehlt. Sie wird bis zur Geburt hier bei uns wohnen.“

„Du weißt doch gar nichts über dieses Mädchen.“

Der Ton der Haushälterin war zwar streng, aber Ben wusste, dass sie große Zärtlichkeit für ihn empfand. Das letzte Jahr war auch für sie sehr schwer gewesen. Obwohl sie seine Frau nie besonders gemocht hatte, hatte sie der Verlust tief getroffen.

„Ich kenne sie nicht, aber genau aus dem Grund möchte ich sie in meiner Nähe haben. Immerhin erwartet sie ein Kind von mir.“

Ben dachte an Tess. Er konnte einfach nicht begreifen, warum sie so lange damit gewartet hatte, ihn über das Kind zu informieren. Seit der vergangenen Woche hatte er sich nur über seinen Anwalt mit ihr in Verbindung gesetzt, aber jetzt war es an der Zeit, ihr persönlich seine Absicht klarzumachen.

„Und wenn sie nicht hier wohnen will?“, fragte Mildred. „Was dann?“

Er sah sie ungläubig an. „Du glaubst wirklich, dass ein Mädchen wie sie, das anstrengende Arbeit in einem Hotel leisten muss und so gut wie gar nichts besitzt, sich die Gelegenheit entgehen lassen würde, im Luxus zu leben? Ich kenne solche Frauen. Sie wird mit Freuden alles nehmen, was ich ihr anbiete.“

2. KAPITEL

„Auf keinen Fall! Ich ziehe nicht zu dir.“ Der Hollywoodruhm musste Ben Adams zu Kopf gestiegen sein, wenn er glaubte, er könnte sie herumkommandieren. Tess schüttelte entrüstet den Kopf. Er hatte sie nicht einmal gefragt, sondern gleich befohlen.

Ben saß gelassen hinter seinem riesigen Schreibtisch wie ein König auf seinem Thron, der gnädig das Wort an seine Untertanen richtete. Tess drehte sich um, um zu sehen, ob die strenge Frau, die sie hereingelassen hatte, noch an der Tür stand und lauschte. Zum Glück nicht.

Mit Ben würde sie schon fertig werden. Bei seiner Haushälterin – der Zwillingsschwester des Furcht einflößenden Butlers aus der Serie „Die Addams Family“ – lief es ihr allerdings eiskalt den Rücken hinunter.

„Ich habe eine Wohnung“, sagte sie. „Ich brauche nicht hier zu leben, und ich will es auch nicht.“

„Ich brauche kein Kind und will es auch nicht, aber es wird mir trotzdem aufgezwungen.“

„Ich habe dieses Kind nicht allein gemacht. Und was hat das überhaupt damit zu tun, wo ich wohne?“

„Du lebst in einem sehr heruntergekommenen Viertel. Dort ist es nicht sicher für dich und das Baby.“

„Wenn das Thema dir so wichtig ist, können wir einen Kompromiss schließen. Wenn du mir finanziell hilfst, suche ich mir eine Wohnung in einem Teil der Stadt, den du für sicherer hältst. Dann sind wir beide glücklich.“

„Nein, das geht nicht. Ich will dich hier haben.“

„Wie ich schon sagte, ich möchte nicht hier wohnen.“

„Soll ich jemanden schicken, der dir beim Packen hilft?“, fragte Ben seelenruhig, als hätte Tess sich gerade nicht ausdrücklich geweigert, zu ihm zu ziehen.

Tess hatte normalerweise einen unendlichen Vorrat an Geduld, aber dieser Mann machte sie rasend. „Bist du schwerhörig? Ich sagte, ich ziehe nicht zu dir.“

„Ich glaube außerdem, dass du deinen Job aufgeben solltest“, fuhr er fort, als hätte sie nichts gesagt. „Als Zimmermädchen kommst du wahrscheinlich mit gefährlichen Reinigungsmitteln in Kontakt, vielleicht musst du ab und zu auch schwere Dinge heben. Das könnte alles dem Baby schaden.“

Tess war sekundenlang sprachlos. Jemand hier hat ein ernsthaftes Problem damit, seinen Kontrollzwang in den Griff zu bekommen, dachte sie. Glaubte er wirklich, sie würde zulassen, dass sie völlig von ihm abhängig wurde? Seit sie sechzehn war, verließ sie sich nur auf sich, und sie konnte auch allein auf sich und das Baby aufpassen. Sie brauchte nur ein wenig Hilfe – mit der Betonung auf „ein wenig“ –, nämlich etwa zweihundert Dollar im Monat, um die anfallenden Extrakosten zu decken.

Sie warf einen verstohlenen Blick auf das Kristallglas auf Bens Schreibtisch, das offenbar mit einer alkoholischen Flüssigkeit gefüllt war. Sie hatte von den Angestellten im Hotel Gerüchte darüber gehört, dass Ben zum einsamen Alkoholiker geworden war, seit er seine Frau verloren hatte. Das mit der Einsamkeit konnte sie sich gut vorstellen. Der Mann hatte sich schließlich in einem abgelegenen Schloss von aller Welt zurückgezogen. Was den Alkoholismus anging, hatte sie nur hoffen können, dass die Meldung eine Zeitungsente war. Offenbar hatte sie sich da gründlich geirrt.

„Ich gebe meinen Job nicht auf. Ich werde dir wöchentlich Bericht erstatten über meinen Zustand, wenn dich das glücklich macht. Aber mehr auch nicht.“

„Was mich daran erinnert“, sagte Ben, „dass ich einen Frauenarzt gefunden habe, den du dir bitte ansehen sollst. Er ist der Beste in der ganzen Gegend.“

Es wurde immer unheimlicher, sich mit diesem Mann zu unterhalten. Jetzt wollte er ihr auch noch einen anderen Arzt aufdrängen. Als Nächstes würde er ihr noch vorschreiben, was sie anziehen und was sie essen sollte. „Ich habe schon eine Ärztin, mit der ich zufrieden bin und die von meiner Krankenkasse bezahlt wird.“

„Geld ist kein Problem.“

„Für mich schon, da ich es bin, die für alles zahlt.“

Ben verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sein Gesicht lag halb im Schatten, aber Tess war sicher, dass seine Miene finster war. Wieder fiel ihr auf, wie dunkel es in seinem Haus war. Sie kam sich vor wie in einem Mausoleum.

„Was bist du eigentlich, ein Vampir?“, fragte sie impulsiv. „Könnten wir nicht die Vorhänge aufziehen oder ein wenig Licht machen?“

Ben beugte sich vor und knipste die Schreibtischlampe an. Oh ja, diese Miene konnte man wirklich finster nennen.

„Du bist entschlossen, es mir so schwer wie möglich zu machen, was?“, fragte er.

Machte er Witze? „Ich mache es dir schwer? Dein Leben ändert sich schließlich nicht drastisch. Dir wird nicht jeden Morgen übel, du wirst nicht dick und rund, und du kriegst auch keine Schwangerschaftsstreifen. Ganz zu schweigen von Sodbrennen und anderen netten kleinen Beschwerden. Wenn der Tag kommt, an dem du mir das alles abnehmen kannst, werde ich dich auch alles Übrige entscheiden lassen. Bis dahin ist das mein Körper und mein Baby, und ich gehe zu dem Arzt, der mir gefällt, und wohne, wo ich will. Ist das klar?“

„Wenn du nicht kooperierst, kann ich das Sorgerecht einklagen. Und ich habe unbegrenzte finanzielle Mittel. Ich habe mich erkundigt. Es gibt mindestens ein halbes Dutzend angesehener Anwälte, die meinen Fall liebend gern übernehmen würden, und zwar kostenlos.“

Tess hätte schwören können, dass sie einen Funken von Belustigung in seinem Blick sah. Wie unfair! Glaubte er allen Ernstes, dass er mit dieser Einschüchterungsmasche bei ihr Erfolg haben würde?

„Möchtest du dich wirklich all dem aussetzen? Stimme meinen Bedingungen zu, und ich garantiere dir das ausschließliche Sorgerecht und genügend finanzielle Unterstützung, damit du für den Rest deines Lebens in Luxus leben kannst.“

Tess holte tief Luft. „Offenbar willst du mir einfach nicht zuhören. Ich will kein Leben in Luxus. Ich will nur ein wenig Unterstützung. Wann wirst du das endlich begreifen?“

Ben sah sie nachdenklich an, ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen.

Tess stemmte die Hände auf die Hüften und sah ihn wütend an. „Ich verstehe nicht, was du an dieser Situation so komisch findest.“

Er lehnte sich zurück. „Ich musste gerade an jene Nacht im Hotel denken.“

Tess schloss einen Moment lang die Augen. „Ach ja?“

„Ich wusste, dass es einen Grund geben musste, weshalb du mir gefielst.“

Jetzt gefiel sie ihm plötzlich? Das ergab alles keinen Sinn.

„Du bist der dickköpfigste, egozentrischste, verwirrendste Mensch, den ich je kennengelernt habe“, erklärte Tess heftig und stellte irritiert fest, dass sein Lächeln sich vertiefte. Wie schaffte ein so finsterer Mann es nur, gleichzeitig so süß und aufregend auszusehen?

Süß? Sie musste verrückt geworden sein. Er war eine echte Nervensäge. Tess hob resigniert die Hände. „Na schön, dann hilf mir eben nicht. Dieses ganze Theater ist die Aufregung nicht wert. Das Baby und ich kommen auch ohne dich zurecht.“

„Tess, warte.“

Sie hatte schon den halben Weg zur Tür hinter sich gebracht, als seine Worte sie aufhielten. Doch sie wollte kein Wort mehr hören. Irgendwie würde sie es auch allein schaffen.

„Bitte, bleib noch.“

Ben klang so flehend, dass Tess sich widerwillig zu ihm umdrehte.

„Ich bin sicher, dass es einen Weg gibt, wie wir uns einigen können.“

„Wenn du nicht bereit bist, einen Kompromiss einzugehen, sehe ich keinen.“

„Doch, ich bin bereit.“ Er wies auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. „Bitte, setz dich.“

Tess folgte seiner Aufforderung, aber nur, weil er „bitte“ gesagt hatte.

„Sag mir, was du willst, und dann sehen wir weiter.“

„Meinst du das ernst?“

„Völlig ernst.“

„Zuerst muss ich wissen, wieso du so plötzlich deine Meinung geändert hast. Warum bist du jetzt zu einem Kompromiss bereit, wo du noch vor zwei Minuten das reinste Scheusal warst?“

Ben war nicht beleidigt, er musste sogar wieder lächeln. „Vor zwei Minuten glaubte ich noch zu wissen, wer du bist.“

„Und jetzt?“

„Jetzt wird mir klar, dass ich mich geirrt habe.“

Tess sandte ein Stoßgebet gen Himmel, wie sie es immer tat, wenn sie sich mit ihrem alten Wagen den Berg hinaufquälte, um den Personalparkplatz hinter dem Hotel zu erreichen. Der Motor war an diesem Morgen schon mehrmals ins Stottern geraten. Der Vergaser litt an einer unheilbaren Krankheit, aber es dauerte noch mindestens drei, vier Monate, bis sie genügend zusammengespart hatte, um sich einen neuen zu kaufen. Sie hatte ihre gesamten Ersparnisse für die Arztbesuche im vergangenen Monat und für die anfallenden Medikamente ausgeben müssen.

Der Nachteil, wenn man in einem beliebten Urlaubsort wohnte, war, dass die Lebenshaltungskosten ungewöhnlich hoch waren. Sie würde einiges einsparen können, wenn sie am Sonntag wieder den wöchentlichen Einkauf ausfallen ließe, aber ihre Ärztin hatte festgestellt, dass sie nicht genug zunahm. Eine gesunde Ernährung war das Wichtigste für das Baby.

Tess hatte die letzten Tage ständig an Bens Angebot denken müssen. Sie konnte immer noch nicht verstehen, weshalb es ihm so wichtig war, sie bei sich im Haus zu haben, aber wenn sie es sich recht überlegte, gab es eigentlich keinen Grund, weswegen sie nicht dort leben sollte. Sie würde ihre eigene Suite haben und kommen und gehen können, wann sie wollte.

Was er ihr zu bieten hatte, klang ganz und gar nicht schlecht, wenn man von einer Sache absah. Trotz aller anderen Zugeständnisse, die er gemacht hatte, bestand er immer noch darauf, dass sie ihren Job aufgab.

Tess konnte sich nicht erinnern, irgendwann ohne Arbeit gewesen zu sein. Schon als Jugendliche hatte sie Jobs als Babysitter angenommen oder Zeitungen ausgetragen. Sie hatte auch schon im Supermarkt Waren in die Regale geräumt. Alles war ihr recht gewesen, um ein wenig Geld zu verdienen. Und später war ihre Arbeit der einzige Ausweg aus der Hölle gewesen, die das Haus ihres Stiefvaters für sie geworden war.

Wenn sie aufhörte zu arbeiten, hätte sie kein eigenes Geld. Es war ihr jetzt schon unangenehm, sich von Ben welches geben zu lassen. Wie würde es ihr erst vorkommen, wenn sie völlig abhängig von ihm wäre?

Sie hatte Ben gebeten, ihr ein paar Tage Bedenkzeit zu lassen, aber sie war immer noch nicht sicher, was sie tun sollte. Sie parkte hinter dem Hotel, sah auf ihre Uhr und fluchte leise. Sie war schon zehn Minuten zu spät.

Hastig stieg sie aus und eilte zum Hintereingang. Olivia Montgomery, die Besitzerin des Hotels, regierte mit der Strenge eines Diktators und forderte hundertzehnprozentigen Einsatz von ihren Angestellten. Zuspätkommen wurde unter keinen Umständen gebilligt. Und dank ihres temperamentvollen Vergasers war das jetzt schon ihre dritte Verspätung innerhalb von zwei Wochen.

Tess hastete auf den Umkleideraum hinter der Küche zu. Als sie den Raum betrat, setzte ihr Herz einen Schlag lang aus. Der Vorarbeiter der Morgenschicht stand neben ihrem Spind und wartete auf sie.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme“, sagte sie. „Probleme mit meinem Wagen.“

Der Gesichtsausdruck des Mannes war sogar noch verkniffener als sonst. Tess war sicher, dass er zum Frühstück regelmäßig Zitronen lutschte.

„Mrs. Montgomery möchte mit Ihnen reden.“

Na, wunderbar. Sie zog es eigentlich vor, den Tag anders als mit einer Standpauke ihrer Chefin zu beginnen. Tess legte Jacke und Tasche in ihren Spind und machte sich auf den Weg zu Mrs. Montgomerys Büro, wo deren Sekretärin sie mit einem mitfühlenden Lächeln begrüßte.

„Gehen Sie hinein. Sie wartet schon auf Sie.“

Tess öffnete die Tür und betrat das luxuriöse Büro. Ihre Chefin telefonierte, machte ihr aber ein Zeichen, sich in den Sessel vor dem Schreibtisch zu setzen. Ihrem Gesichtsausdruck konnte Tess nichts entnehmen.

Erst nach einigen Minuten beendete Mrs. Montgomery das Gespräch, legte auf und wandte sich ihr zu. Tess hatte gelernt, dass man in solchen Situationen am besten seinen Stolz vergaß und die Verantwortung auf sich nahm. „Es tut mir sehr leid, dass ich zu spät komme. Ich weiß, es ist unverzeihlich, aber ich schwöre, es wird nicht wieder vorkommen.“

Ihre Chefin verschränkte sehr ruhig die Hände auf dem Tisch. „Heute ist das dritte Mal in zwei Wochen, Tess.“

„Ich weiß. Es tut mir wirklich sehr leid.“

„Nun, dann können Sie es ja wiedergutmachen, indem Sie diese Woche ein paar Extrastunden einlegen“, sagte sie in herablassendem Ton. „Mehrere Leute haben Grippe bekommen und fallen daher aus.“

Tess arbeitete jetzt schon fünfzig Stunden pro Woche. Sie litt unter chronischen Rückenschmerzen, und ihre Knie waren geschwollen, weil sie zu lange auf den Beinen war. Sie wachte jeden Morgen völlig erschöpft auf, egal wie lange sie in der Nacht davor geschlafen hatte. Außerdem schien eine alte Knöchelverletzung sich nun auch noch entzündet zu haben. Aber sie wusste, dass Mrs. Montgomery sie feuern würde, wenn sie sich weigerte, länger zu arbeiten. Wie es Vorschrift war, hatte sie ihre Chefin natürlich von ihrer Schwangerschaft unterrichtet, und Mrs. Montgomery würde ihr in wenigen Monaten den Mutterschaftsurlaub bezahlen müssen.

Offenbar suchte die Frau schon nach einem Grund, sie zu entlassen. Jetzt war die ideale Gelegenheit gekommen.

Tess dachte an Bens riesiges Haus und daran, wie es wohl sein mochte, dort zu leben. Wie es sein würde, sich nicht um fünf Uhr morgens aus dem Bett quälen zu müssen, sondern auszuschlafen und fernzusehen und dabei Popcorn zu naschen. Wie mochte es sein, bis mittags zu schlafen, sich endlich zu entspannen und die Schwangerschaft zu genießen?

Vielleicht würde sie nicht viel eigenes Geld haben, aber sie war es gewohnt, mit sehr wenig auszukommen. Der Nachteil war, dass sie Ben sozusagen fünf Monate lang ausgeliefert wäre. Andererseits, wenn sie schon jemandem ausgeliefert sein musste, dann könnte sie es viel schlimmer treffen.

„Nun?“, sagte Mrs. Montgomery ungeduldig.

„Nein“, entgegnete Tess möglichst fest. „Ich fürchte, das kann ich nicht.“

Ihre Chefin kniff die Augen zusammen. „Ich fürchte, Ihnen bleibt keine Wahl.“

Das stimmte nicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte Tess tatsächlich wählen. Das Wichtigste war, was für ihr Baby gut war. Sie war in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsen, und Ben hatte alles. Tess wünschte sich für ihr Kind einen gesunden Mittelweg.

Wenn sie Bens Angebot annähme, würde ihr Kind sich niemals um das tägliche Leben Sorgen machen müssen. Es würde gute Schulen besuchen, aufs College gehen und alle Chancen haben, die sich ihr niemals geboten hatten.

Ben würde ihnen all das geben können, wenn sie nur ein wenig Vertrauen in ihn setzte. Vielleicht war Mrs. Montgomerys Verhalten ja ein Wink des Himmels, es doch mit ihm zu versuchen.

Tess lächelte ihre Chefin an und hatte das Gefühl, zum ersten Mal seit Monaten das Richtige zu tun. „Doch, mir bleibt eine Wahl, Mrs. Montgomery. Und ich entscheide mich dafür, zu kündigen.“

3. KAPITEL

„Benjamin, ich störe dich nur ungern, aber da ist jemand, der dich sehen will.“

Ben sah vom Computerbildschirm auf. Mrs. Smith stand in der offenen Tür, und hinter ihr sah er Tess.

Tess’ Wangen waren rot von der Kälte, und ihre Augen glänzten. Sie trug einen Jeansrock und einen flauschigen olivgrünen Pullover, der gerade eng genug war, um die leichte Wölbung ihres Bauchs sichtbar werden zu lassen. Sie sah gut aus. Fast gegen seinen Willen musste er lächeln. Er gestand sich ein, dass er sich freute, sie zu sehen. Und das aus Gründen, die wahrscheinlich mehr als unvernünftig waren.

Ben erhob sich. „Du bist gekommen.“

Tess nickte und schenkte ihm ein unsicheres Lächeln.

Mrs. Smith bedachte Ben mit einem strengen Blick. Sie war der Meinung, dass er einen großen Fehler beging, das war ihr deutlich anzusehen. Dann ging sie und schloss die Tür hinter sich.

„Ich nehme an, du hast eine Entscheidung getroffen.“

„Ja“, sagte Tess. „Ich habe heute Morgen gekündigt und meine Koffer gepackt, und bin jetzt also da.“

Die Neuigkeit erleichterte ihn sehr. Jetzt war alles wieder unter seiner Kontrolle, und Tess und das Baby waren hier in Sicherheit.

„Ich muss dir allerdings sagen, dass mein Wagen auf deiner Auffahrt Selbstmord begangen hat.“

„Herzliches Beileid.“

Sie zuckte die Achseln. „Der Vergaser war unheilbar krank. Du könntest mir nicht zufällig etwas leihen, damit ich mir einen neuen besorgen kann? Ich werde es dir natürlich zurückzahlen.“

„Ich kümmere mich darum.“

Ben wusste inzwischen, dass er Tess glauben konnte, denn er hatte in den vergangenen Tagen Informationen über sie eingeholt. Nichts deutete darauf hin, dass sie ihn hereinlegen wollte. Tess war genau das, was sie vorgab zu sein: eine hart arbeitende Frau, die ihr Bestes tat, um über die Runden zu kommen. Und sie hatte nie mehr von ihm verlangt als eine kleine finanzielle Unterstützung. Jetzt, da er das wusste, fühlte er sich seltsam ruhig und zufrieden.

Er glaubte allerdings nicht, dass das Zusammenleben mit ihr einfach werden würde. Die Nacht mit ihr hatte seinen Körper wieder zum Leben erweckt und ihm die Hoffnung gegeben, dass er doch irgendwann wieder glücklich werden könnte. Ein Kind war jedoch das Letzte, was er erwartet hatte. Mit ansehen zu müssen, wie Tess’ Bauch von Monat zu Monat wuchs, würde ihn ständig daran erinnern, was er verloren hatte.

Er hatte Jeanette geliebt, aber sie war für immer fort. Das hatte er langsam akzeptiert. Nur der Verlust seines Sohnes quälte ihn immer noch wie eine frische Wunde.

„Und?“ Tess ließ sich in den Sessel ihm gegenüber sinken. „Wie genau soll es von jetzt an laufen?“

„So, wie wir es das letzte Mal besprochen haben. Du bleibst bei mir, bis das Kind geboren ist. Danach kaufe ich für dich und das Baby eine Wohnung und richte ihm ein großzügiges Konto ein.“

Sie betrachtete ihn eindringlich, als könnte sie so seine Gedanken lesen und sichergehen, dass er die Wahrheit sagte. Tess wirkte intelligent und vielleicht ein wenig traurig. Ihre Augen waren groß und voller Neugier, und Ben erinnerte sich, dass er an jenem Abend in der Bar gedacht hatte, wie ungewöhnlich sie doch waren.

Er hatte Tess damals eine ganze Weile beobachtet, bevor er sie ansprach. Er war fasziniert gewesen von ihrer zierlichen Figur, dem schönen Gesicht und dem warmen Lächeln, das sie dem Barkeeper schenkte, während sie mit ihm plauderte. Als Ben zum ersten Mal ihren Blick auffing, hatte es gleich ganz gewaltig zwischen ihnen gefunkt. Es traf ihn so unerwartet und so heftig, dass er sich am Tresen festhalten musste. Auch jetzt noch ging eine unerklärliche Anziehung von dieser Frau aus, die ihn verzauberte.

„Klingt fast zu gut, um wahr zu sein“, sagte Tess und holte ihn damit zurück in die Gegenwart.

„Und das heißt?“

„Hör mal, es ist ja nicht so, dass ich dir nicht vertraue, aber …“

„Aber du vertraust mir nicht“, unterbrach er sie und bemerkte, wie sie verlegen die Achseln zuckte. „Ich bin nicht beleidigt. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich mir wahrscheinlich auch nicht trauen.“

„Ehrlich, du scheinst ganz okay zu sein. Vielleicht ein wenig … herrisch. Es ist nur so: Ich gebe sehr viel auf und gehe für mich und mein Baby ein gewisses Risiko ein. Im Grunde weiß ich überhaupt nichts über dich.“

Natürlich konnte er sie verstehen. Er würde sich auch nie auf ein Geschäft einlassen, das nur auf einer mündlichen Vereinbarung basierte. „Ich habe meinen Anwalt schon angewiesen, einen Vertrag aufzusetzen.“

Tess sah ihn ziemlich skeptisch an. „Und diesem Anwalt muss ich vertrauen?“

„Es steht dir natürlich frei, den Vertrag von einem Anwalt deiner Wahl überprüfen zu lassen, bevor du irgendetwas unterschreibst – selbstverständlich auf meine Kosten.“

„Das klingt fair.“

„Ich muss dir aber sagen, dass mein Anwalt auf einer Verschwiegenheitsklausel bestanden hat.“

„Wieso das denn? Wem sollte ich denn was sagen wollen?“

„Es geht nicht nur um mich, sie soll auch dich und das Baby schützen. Es war abscheulich, wie die Presse den Tod meiner Frau ausgeschlachtet hat. Monatelang haben sie mir das Leben zur Hölle gemacht. Eine Biografie und ein Fernsehspielfilm sind über sie erschienen. Keins von beiden war besonders schmeichelhaft oder hatte auch nur das Geringste mit der Wahrheit zu tun. Glaub mir, es würde dir nicht gefallen, im Mittelpunkt eines solchen Rummels zu stehen.“

„Als ich von den Mädchen im Hotel erfuhr, wer du bist, habe ich über dich recherchiert.“

Das hörte er nicht gern, andererseits musste er zugeben, dass er genau dasselbe getan hatte. „Was für Recherchen?“

„Ich suchte in alten Zeitungen und Zeitschriften und im Internet.“

„Und was hast du gefunden?“

„Sehr viel. Also kann ich verstehen, warum du dir Sorgen machst.“

Er zuckte die Achseln. „Der Aufruhr hat sich schließlich gelegt, und das soll auch so bleiben. Je weniger Leute von uns erfahren, desto besser.“

„Ich verstehe. Ich will es auch nicht anders.“

„Ich will dich nicht bitten, deine Freunde zu meiden …“

„Ich habe keine Freunde.“ Tess lächelte und fügte hinzu: „Ich meine es nicht so, wie es sich vielleicht anhört. Es ist nur so, dass ich noch nicht lange genug hier bin und so viel gearbeitet habe, dass ich keine Zeit hatte, Freundschaften zu schließen. Jedenfalls keine engen.“

Und jetzt hatte er ihr im Grunde gesagt, dass sie auch keine neuen schließen sollte. „Keine Sorge“, versicherte sie ihm, „ich werde vorsichtig sein.“

„Gut. Das wäre es dann also.“

„Es gibt da noch ein paar Dinge, über die ich mit dir sprechen möchte.“

„Okay.“

„Ich weiß nicht, wie ich es umschreiben soll, also sage ich es einfach geradeheraus. Ich will nicht mit einem Alkoholiker zusammenleben, also wirst du das Trinken aufgeben müssen.“

Ben war sekundenlang sprachlos. Wie war sie auf den Gedanken gekommen, er sei ein Alkoholiker? Weil er ab und zu einen Drink nahm? Das tat doch jeder. Oder hatte sie das aus den Klatschspalten? Er unterdrückte ein Stöhnen und wollte schon ihren Vorwurf zurückweisen, hielt sich dann aber zurück. Genau das würde ein Alkoholiker tun. Was er auch tat, Tess würde seinen Beteuerungen nicht glauben.

Stattdessen fragte er sie: „Und wenn ich mich weigere?“

„Dann gilt unsere Abmachung nicht mehr.“

Da der Verzicht auf Alkohol für ihn sowieso kein Problem war, war es nur ein kleines Opfer. „In Ordnung.“

„Einfach so?“ Sie sah ihn misstrauisch an.

„Ja, einfach so.“ Ben trat an die Minibar, holte die einzige Flasche Scotch heraus, die er dort aufbewahrte, und schüttete den Inhalt in die Spüle.

Tess sah ihn an, als wüsste sie nicht, ob sie ihm vertrauen konnte. „Wirst du diesen Punkt in den Vertrag aufnehmen?“

„Wenn du willst. Sonst noch etwas?“

„Sobald das Baby auf der Welt ist, möchte ich mir Geld von dir leihen, um wieder zur Schule zu gehen. Letztes Jahr habe ich meinen Highschool-Abschluss gemacht, und ich möchte aufs College.“

„Ich werde einen Treuhandfonds einrichten, der dir erlauben wird, nie wieder zu arbeiten.“

„Den Frauen aus deinen Kreisen mag es ja genügen, Bonbons zu essen und sich Gesichtsmassagen geben zu lassen, aber ich möchte etwas aus meinem Leben machen. Ich möchte am Ende sagen können, dass ich etwas erreicht habe.“

„Ich habe nichts gegen berufstätige Mütter, aber ich glaube auch, dass Kinder von ihren Eltern großgezogen werden sollten, nicht von Kindermädchen oder Babysittern.“

Tess fragte sich, ob seine Frau, der Filmstar, bereit gewesen war, ihre Karriere aufzugeben. Sie bezweifelte es jedenfalls sehr. Wenn Ben sich finanziell um sein Kind kümmern wollte, war das eine Sache, aber sie war sehr gut in der Lage, auf sich selbst aufzupassen.

„Falls es dich glücklich macht“, sagte sie, „ich bin ganz deiner Meinung. Ich könnte sogar so lange warten, bis das Kind in die Schule kommt. Aber dann dauert es natürlich eine Weile, bis ich dir das Geld zurückzahlen kann.“

„Ich will es nicht zurückhaben.“

„Ich gebe es dir trotzdem.“

Einen Moment dachte Tess, Ben würde zu streiten anfangen. Dann schüttelte er den Kopf, als hielte er es für sinnlos.

„Sonst noch etwas?“

„Neulich sagtest du, ich könnte meine Ärztin behalten.“

„Wenn du darauf bestehst.“

„Gut. Dann war’s das.“

Er lächelte auf seine unnachahmliche Art, und Tess spürte, wie ihr die Knie weich wurden. Der Mann sah einfach zu gut aus. Er trug wieder Schwarz. Tess fragte sich, ob auch seine Unterwäsche schwarz war. Darauf hatte sie während ihrer Nacht im Hotel gar nicht geachtet.

Sie zwang sich, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Sie schien Ben in jedem Fall glücklich gemacht zu haben, und sie war sehr froh darüber. Einerseits, weil er im vergangenen Jahr sehr viel durchgemacht hatte, andererseits, weil er ihr nicht gleichgültig war. Sie hatte versucht, sich einzureden, er sei einfach irgendein Mann, der aus purem Zufall der Vater ihres Kindes war, doch es funktionierte nicht. Sobald sie in seiner Nähe war, geriet ihr Körper dermaßen in Aufruhr, dass mehr dahinterstecken musste als ihre unfreiwillige Verbindung durch das Kind. Sie war sich nicht ganz sicher, doch sie hoffte, dass sie Ben nicht ganz gleichgültig war.

„Dann rufe ich also meinen Anwalt an und lasse ihn den Vertrag aufsetzen. Mrs. Smith wird dir deine Suite zeigen.“

„Da ist noch etwas, was einfach keinen Sinn für mich ergibt.“

„Was wäre das?“

„Wenn du das Kind nicht haben willst, wieso hilfst du uns dann so viel?“

„Ich trage die Verantwortung für mein Handeln. Ich habe ein Kind gezeugt, also muss ich mich darum kümmern.“

Ben sah sie wieder mit dieser ergreifenden Traurigkeit an, und Tess schluckte. „Ich glaube nicht, dass das der Grund ist. Wenn dir das Baby egal wäre, wäre es so viel einfacher für dich, mich mit Geld abzuspeisen.“

„Ich habe nicht gesagt, dass mir das Kind egal ist.“

Tess verstand ihn nicht. Wenn er etwas für das Baby empfand, warum wollte er es dann nicht aufwachsen sehen?

Plötzlich ging ihr ein Licht auf. Auf einmal ergab es Sinn, dass er sie in seinem Haus haben wollte. Er gab sich die Schuld am Tod seines Sohns. Und er glaubte, wenn er sie in seiner Nähe hatte, dann wären sie und sein Kind in Sicherheit.

„Dem Baby und mir wird nichts geschehen“, sagte sie leise. „Ich bin es gewohnt, allein auf mich aufzupassen.“

Ben warf ihr einen Blick zu, der so voller Schmerz und Verzweiflung war, dass Tess das Herz schwer wurde. „Ich habe meinen Sohn nicht beschützt, und jetzt ist er tot. Diesen Fehler mache ich nie wieder.“

Die recht feindselig wirkende Mrs. Smith begleitete Tess die breite Marmortreppe zu ihrer Suite hinauf. Tess folgte ihr durch die kunstvoll geschnitzte Flügeltür – gab es denn in diesem Haus keine normalen Türen? – und betrat den Raum, der für die nächsten fünf Monate ihr Zuhause sein würde.

Das Zimmer war riesig, dunkel und deprimierend. Der Geruch nach frischer Farbe und neu ausgelegtem Teppichboden hing in der Luft. Tess sah sich nach einem Lichtschalter um. „Macht ihr denn hier nie das Licht an?“

Mrs. Smith warf ihr einen missbilligenden Blick zu, durchquerte den Raum und zog die schweren Vorhänge zurück, sodass der warme Sonnenschein hereinfluten konnte.

Bei der plötzlichen Veränderung schnappte Tess erstaunt nach Luft. Das Zimmer war in hellen Beige- und Grüntönen gehalten und kam ihr vor wie ein blühender Frühlingsgarten. Die Polstermöbel sahen behaglich und einladend aus. Es war die Art, in der man versinken und es zum Lesen gemütlich machen konnte. Tess zog die Schuhe aus und genoss das herrliche Gefühl, den dicken Teppich unter ihren Zehen zu spüren.

„Es ist wunderschön“, sagte sie begeistert. „Und alles sieht so neu aus.“

„Wir wollen hoffen, dass das so bleibt“, bemerkte Mrs. Smith in selbstgerechtem Ton. „Benjamin hat mich gebeten, Ihnen alles zur Verfügung zu stellen, was Sie brauchen.“

Wenn auch nicht gern, so würde Tess in der nächsten Zeit Befehle befolgen. Und sie hatte sich dazu entschlossen, wenigstens ein Minimum an Höflichkeit zu zeigen. Ihr war klar, dass sie dieser Frau in den nächsten fünf Monaten nur allzu oft über den Weg laufen würde. Die alte Dame könnte ihr das Leben zur Hölle machen, wenn sie wollte. „Danke.“

„Ich habe mir die Freiheit genommen, alle wertvollen Gegenstände zu entfernen.“ Mrs. Smith bedachte sie wieder mit ihrem herablassenden Blick, als wäre Tess kein Gast, sondern etwas Unappetitliches, das die Katze ins Haus geschleppt hatte.

Ben hatte seine Haushälterin offenbar nicht angewiesen, freundlich zu sein. Fest entschlossen, dem alten Mädchen nicht zu zeigen, wie gekränkt sie war, entgegnete Tess betont flapsig: „Oh Mann, mein Hehler wird aber echt enttäuscht sein.“

Mrs. Smith baute sich mit der Wildheit einer Bärin, die ihr Junges verteidigt, vor Tess auf. „Nach allem, was Benjamin durchgemacht hat, verdient er das nicht. Ich lasse nicht zu, dass Sie ihn verletzen.“

Tess hätte fast erwidert, dass immer noch zwei dazu gehörten, ein Kind zu zeugen, aber sie wusste, dass es keinen Zweck hatte. Diese Frau war nun mal fest davon überzeugt, dass Tess absichtlich schwanger geworden war, um sich Ben zu angeln.

„Das Abendessen gibt es um sieben im Esszimmer“, sagte Mrs. Smith bestimmt, wandte sich um und schloss die Tür hinter sich.

Tess stieß einen langen Seufzer aus und sah sich um. Je eher sie sich hier einrichtete, desto besser. Aber sie konnte nirgends ihr Gepäck entdecken. Am anderen Ende des Zimmers befand sich eine Tür, natürlich ebenso kunstvoll verziert wie die anderen, und als Tess sie öffnete, fand sie sich in einem riesigen Schlafzimmer wieder. Sie war nicht überrascht, dass es dunkel war, durchquerte den Raum und riss die Vorhänge auf, um das Licht einzulassen. Zu ihrer Begeisterung herrschten auch hier die gleichen zarten Farbtöne wie im Wohnzimmer vor. Sie öffnete die Balkontür, trat hinaus und atmete tief die saubere frische Luft ein. Der Blick auf den Garten unter ihr war atemberaubend. Der Rasen schien sich kilometerweit zu erstrecken, und überall blühten Blumen in allen Farben und Formen. In der Ferne sah man die weißen Gipfel der Scott Bar Mountains in den klaren blauen Himmel emporragen.

Hier konnte man es wirklich aushalten.

Tess ging zurück ins Schlafzimmer und entdeckte ihr Gepäck neben dem großen Bett. Sie trug die Reisetaschen zum großen begehbaren Schrank, wo sie sie absetzte. Dann inspizierte sie das ebenfalls große Badezimmer, das in Hellgelb gehalten war. Es wies eine Duschkabine auf und einen Whirlpool, in dem eine vierköpfige Familie Platz gehabt hätte.

Tess brauchte ein paar Sekunden, um sich zu fassen. Das alles war beeindruckender als die Präsidentensuite im Hotel, in dem sie gearbeitet hatte. Sie rieb sich den schmerzenden Nacken und sah sehnsüchtig zur Wanne hinüber und dann zu ihrem Gepäck. Zuerst auspacken und dann baden, beschloss sie. Aber als sie endlich alle Sachen ausgepackt und im Schrank verstaut hatte, war sie so müde, dass sie sich nur noch hinlegen und ausruhen wollte.

Nur ein kleines Nickerchen, sagte sie sich, dann gehe ich auf Erkundungstour.

Sie zog sich aus und legte sich unter das kühle weiße Laken und die weiche Decke mit dem hübschen grünen Rankenmuster. Sie spürte, wie sie förmlich in der Matratze versank. So musste es sich anfühlen, wenn man auf einer Wolke schlummerte. Minuten später war sie fest eingeschlafen.

Ben stand am Fenster in seinem Büro und sah hinaus auf die weiten Rasenflächen und den Garten, der in den lebhaftesten Tönen von kraftvollem Orange, sonnigem Gelb und lebhaftem Purpurrot erblühte.

Jeanette hätte es genossen. Es war genau, was sie sich erträumt hatte, als sie dieses Haus gekauft hatten. Wenn er die Augen schloss, konnte er sie sich vorstellen, wie sie mit ihrem Sohn im Garten spielte. Er wäre jetzt fast ein Jahr alt, vielleicht hätte er schon laufen und seine ersten Worte sprechen können. In Bens Vorstellung hatte sein kleiner Junge sein dunkles Haar und die hellblauen Augen und das strahlende Lächeln seiner Mutter.

Die Tür wurde langsam geöffnet, und er drehte sich um. Mrs. Smith unterbrach gerade noch rechtzeitig seine sehnsüchtigen Gedanken, die nur allzu bald in Enttäuschung und Schmerz umgeschlagen wären.

„Dein Gast hat sich eingerichtet“, erklärte sie.

„Danke.“

„Möchtest du sonst noch etwas?“

„Nein, nichts. Oh, warte, da ist doch noch etwas. Ich möchte, dass du durch das Haus gehst und alle Flaschen mit Alkohol entfernst.“

Sie runzelte die Stirn. „Aber warum denn nur?“

„Es ist eine ihrer Bedingungen. Ich soll aufhören zu trinken. Sie hält mich für einen Alkoholiker.“

„Und du hast sie glauben lassen …“

„Es ist nicht wichtig, was sie glaubt. Ich möchte, dass sie sich hier wohlfühlt. Bitte tu es einfach.“

Mrs. Smith sah nicht sehr glücklich aus. „Ich möchte noch einmal sagen, dass mir dieses Arrangement gar nicht gefällt.“

„Ich weiß.“ Seine Haushälterin hatte auch Jeanette nicht gemocht, aber sie hatten gelernt, miteinander auszukommen. Mrs. Smith würde wahrscheinlich nie zugeben, dass es eine Frau gab, die gut genug war für ihn.

„Ich weiß, dass du dich immer noch schuldig fühlst, Ben, aber es war nicht dein Fehler.“

Sie brauchte es nicht auszusprechen. Ben wusste, dass sie Jeanette an allem die Schuld gab. Allerdings war Jeanette gerade am Anfang einer vielversprechenden Karriere gewesen, als sie schwanger wurde. Sie war eher verärgert als froh gewesen über den Gedanken, Mutter zu werden. Sie hatte Angst gehabt, die Schwangerschaft könnte ihre Schönheit und somit ihren Erfolg beeinträchtigen, und hatte sogar kurz davon gesprochen, sie abzubrechen. Glücklicherweise hatte er es ihr ausreden können. Er war sicher, dass sie die Mutterschaft genossen hätte, wenn sie die Chance dazu gehabt hätte.

Am Ende hatte alles keine Rolle mehr gespielt.

„Hast du deine Eltern angerufen?“, fragte Mrs. Smith.

Ach, herrje. Das Problem, es seinen Eltern beibringen zu müssen, hatte er völlig verdrängt, was vielleicht nicht so überraschend war, da er sie seit dem letzten Thanksgiving nicht mehr gesehen hatte. Das bedeutete allerdings nicht, dass es nicht schwierig für sie sein würde, die neue Situation zu verstehen. Im Grunde kannten sie ihren eigenen Sohn kaum. „Noch nicht.“

„Meinst du nicht, du solltest es tun?“

„Warum denn? Es hat doch keinen Sinn, sie wegen eines Enkelkinds in Aufregung zu versetzen, das sie nie kennenlernen werden.“

4. KAPITEL

Ben klopfte an die Tür von Tess’ Suite. Er wollte wissen, wieso Tess nicht zum Abendessen gekommen war. In den dreieinhalb Stunden seit ihrer Ankunft hatte sie sich kein einziges Mal aus ihrer Suite gewagt.

Aber er war nicht nur neugierig, er machte sich auch Sorgen. Mrs. Smith zufolge bestand Tess’ Gepäck nur aus zwei Reisetaschen und ein paar kleinen Kartons. Also konnte sie unmöglich so viel Zeit zum Auspacken brauchen. Wenn nun etwas passiert war? Wenn es ihr nicht gut ging?

Er klopfte wieder, dieses Mal lauter. „Tess, bist du da?“

Obwohl er ein ungutes Gefühl dabei hatte, öffnete er langsam die Tür. Das Wohnzimmer wurde von der untergehenden Sonne in rötliches Licht getaucht. Er hatte diese Suite immer besonders gemocht, und dass Tess jetzt hier wohnte, kam ihm sehr passend vor. So wie sie war auch die Suite erfrischend und fröhlich und wunderbar schlicht und einfach. Und man fühlte sich dort instinktiv wohl. Genau dieses Gefühl bekam er, wenn er mit Tess zusammen war – als würde er nach Hause kommen.

Er trat über die Schwelle und lauschte. Aber in der Suite herrschte Totenstille.

„Tess!“, rief er und erwartete schon eine gereizte Antwort von ihr. Ein wenig Sarkasmus hätte ihm nicht einmal etwas ausgemacht, denn es würde nur bedeuten, dass es Tess gut ging, aber es kam keine Reaktion.

Angst schnürte ihm die Kehle zu, als würde eine Schlinge sich langsam um seinen Hals zuziehen. Er konnte nur mühsam atmen. Wenn sie gestolpert und hingefallen war? Wenn sie verletzt war?

Ohne weiter zu überlegen, lief er voller Panik in das Schlafzimmer. Sein Herz schlug heftig. Aber auch hier war alles still und in das schwache Licht der untergehenden Sonne getaucht. Nirgendwo eine Spur von Tess. Hastig ging er durch den begehbaren Kleiderschrank ins Badezimmer.

Es war leer.

Wo konnte Tess nur sein? Hatte sie sich aus dem Haus geschlichen? Hatte sie sich nur einen grausamen Scherz mit ihm erlaubt, als sie zustimmte, hier zu wohnen? Er ging langsam ins Schlafzimmer zurück, hin- und hergerissen zwischen Wut und Panik. Da hörte er leises Schnarchen. Erst jetzt bemerkte er die kleine Wölbung unter einem Berg von Laken und Decken auf dem Bett.

Die Erleichterung überkam ihn mit solcher Wucht, dass seine Knie fast nachgaben. Er hatte sich schon vorgestellt, dass sie irgendwo verblutend auf dem Boden lag, dabei hatte sie sich nur ein Nickerchen genehmigt.

Ben fuhr sich mit der Hand durch das Haar und schüttelte den Kopf. Er musste sich zusammenreißen, sonst würden das die längsten fünf Monate seines Lebens werden. Er durfte nicht ständig das Schlimmste erwarten. Tess war hier in Sicherheit. Das Baby war in Sicherheit. Wenn er nicht aufpasste, würde er sie mit seiner übertriebenen Sorge noch vertreiben. Sie war schließlich nicht seine Gefangene, sondern sein Gast.

Ben überlegte, ob er sie wecken sollte, für den Fall, dass sie etwas essen wollte, entschied sich aber anders. Offenbar brauchte sie ihren Schlaf nötiger. Er ging zum Fenster und zog die Vorhänge zu, damit das Licht sie nicht störte. Obwohl sein Verstand ihm riet, die Suite zu verlassen, bevor Tess aufwachte und ihn hier sah, fühlte er sich wie magisch vom Bett – von ihr – angezogen.

Nur einen kurzen Blick, redete er sich ein, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Andererseits sollte der ruhige Rhythmus ihrer Atemzüge ihm eigentlich genügen.

Einen Moment kämpfte er noch mit sich, doch er konnte nicht stehen bleiben. Nur ein kurzer Blick, dann würde er gehen.

Tess lag zusammengerollt auf der Seite. Sie sah so klein aus in dem riesigen Bett und den vielen Decken über sich, so verletzlich wie eine zarte Waldnymphe. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn und der Oberlippe, und eine Strähne ihres blonden Haars klebte an ihrer Wange.

War ihr zu heiß, oder würde sie womöglich krank werden? Selbst ihm kam es ein wenig zu warm im Zimmer vor.

Sanft schob er die schwere Decke zurück. Tess murmelte etwas im Schlaf und drehte sich auf den Rücken. Erst jetzt, da er das Laken aus feinster ägyptischer Baumwolle sah, das an ihrer feuchten Haut klebte und unter dem sich jede Rundung ihres Körpers deutlich abzeichnete, merkte er, dass sie nackt war. Sofort durchzuckte ihn heißes Verlangen.

Verschwinde jetzt sofort von hier. Und fass sie um Himmel willen nicht an.

Aber Tess war so blass, dass ihm der Gedanke kam, sie könnte Fieber haben.

„Tess“, sagte er leise, um sie nicht zu erschrecken. Sie murmelte etwas, das er nicht verstand, und drehte den Kopf zur Seite. „Tess, wach auf.“

Reiß dich zusammen, ermahnte er sich streng. Wag es ja nicht, sie anzufassen. Aber der Teil seines Hirns, der seinen rechten Arm kontrollierte, schien seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ben legte eine Hand auf ihre Stirn, obwohl er nicht sicher sein konnte, wohin ihn das bringen würde.

Ihre Haut war kühl, was er als günstig auslegte. Jetzt hätte er also beruhigt die Hand fortnehmen können, aber entgegen seiner Absicht rutschte sie tiefer, und er streichelte ihre Wange. Tess sah so süß aus und wirkte so verletzlich. Ihr weicher Mund war wie zum Küssen geschaffen. In jener Nacht im Hotel war er verrückt nach ihren Küssen gewesen. Und als er am nächsten Morgen aufwachte und Tess fort war, hatte er das Gefühl gehabt, man hätte ihm etwas sehr Wichtiges gestohlen.

Selbst jetzt war etwas an dieser Frau, das er unwiderstehlich fand.

Wegen seiner Karriere in Hollywood und weil er aus einer sehr wohlhabenden Familie stammte, waren ihm meistens Frauen über den Weg gelaufen, deren Absichten man selten als selbstlos bezeichnen konnte. Mit Tess war das anders. Sie war ehrlich, geradeheraus und legte es offenbar nicht darauf an, sich einen reichen Mann zu angeln.

Er strich ihr erneut über die Wange. Mit dem Daumen zeichnete er ihre sinnliche Unterlippe nach. Tess öffnete leicht den Mund und seufzte, und Ben wurde es abwechselnd heiß und kalt. Sein Puls beschleunigte sich. Keine Frau war ihm je so unter die Haut gegangen. Schon die kleinste Berührung genügte, um ihn zu erregen. Die Vorstellung, sich zu ihr hinabzubeugen und sie auf den Mund zu küssen, war fast unwiderstehlich.

Tess öffnete die Augen, und Ben zog sofort die Hand fort. Tess sah ihn unverwandt an, die Lippen zu einem kleinen verwirrten Lächeln verzogen.

„Hi.“

Himmel, wie hübsch sie war!

„Hi.“

Tess sah sich erstaunt um, als wüsste sie nicht mehr, wo sie war. „Du bist in meinem Zimmer?“

Es klang nicht böse, obwohl sie jedes Recht dazu gehabt hätte. Ben konnte nicht widerstehen, ihr das feuchte Haar aus der Stirn zu streichen. Was war nur an ihr, dass er es so schwierig fand, die Hände von ihr zu lassen? „Du bist nicht zum Essen heruntergekommen, und ich habe mir Sorgen gemacht. Als ich klopfte und du nicht geantwortet hast, dachte ich, es könnte dir etwas passiert sein.“

„Was denn zum Beispiel?“ Sie sah ihn an, immer noch ein wenig verschlafen.

Gute Frage. Es war jetzt selbst ihm nur allzu klar, dass er übertrieben reagiert hatte. „Ich weiß nicht. Ich wollte mich wohl einfach nur vergewissern, dass du okay bist. Ich hätte niemals uneingeladen hereinkommen dürfen. Tut mir leid.“

Tess konnte Ben nicht böse sein. Sie musste immer an den verzweifelten Ausdruck in seinen Augen denken, als er über den Verlust seines Sohnes gesprochen hatte. Warum sagte er ihr nicht ganz einfach, was er fühlte? Warum sagte er ihr nicht, dass er Angst hatte?

Weil er ein Mann ist, dachte sie. Männer sprachen nicht über ihre Gefühle, und sie gaben niemals zu, Angst zu haben, weil sie glaubten, das würde sie schwach erscheinen lassen. Aber nichts an Ben Adams konnte als schwach missverstanden werden. Er war eine starke, kraftvolle Persönlichkeit und kam ihr in jeder Hinsicht vollkommen vor.

„Es geht mir gut. Ich bin nur müde. Die letzten Tage waren sehr anstrengend.“

Ben strich ihr eine Strähne hinter das Ohr. Obwohl es völlig unangemessen war, so bei ihr zu sitzen, sagte Tess nicht, er solle gehen. Das Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, tat ihm gut. Statt ihn aus dem Zimmer zu schicken, schloss sie die Augen und seufzte wohlig.

Allerdings war es ja nicht das erste Mal, dass er sie im Bett sah. Und nackt.

„Das fühlt sich nett an“, sagte sie. „Damals in der Nacht im Hotel hast du das auch getan.“

„Ja?“

Er streichelte sie weiter – ihr Haar, das Ohr, ihren Hals. Bis es anfing, sich etwas mehr als nur „nett“ anzufühlen. Genau wie in jener Nacht. Und aus dem gleichen Grund wie damals streckte Tess nicht die Arme aus und legte sie ihm nicht um den Nacken, um ihn zu küssen, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschte.

„Du hast geglaubt, dass ich schlafe. Aber ich habe nur so getan.“

„Warum?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hatte ich Angst, du würdest mich bitten zu gehen, wenn ich die Augen öffne. Und vielleicht war ich noch nicht bereit dazu.“

„Warum bist du dann doch gegangen?“

Er hörte auf, sie zu streicheln, und sah sie fast traurig an, wie Tess fand.

„Welchen Grund hatte ich denn zu bleiben?“

„Das möchte ich ja gerade von dir hören.“

Es war fast, als wollte er sie sagen hören, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Aber was spielte das jetzt noch für eine Rolle? Es änderte nichts an ihrer Situation.

„Du kannst nicht leugnen, dass es für uns beide besser so war. Wenn ich geblieben wäre und wir hätten uns ineinander verliebt und ich hätte dich einen Monat später mit der Nachricht überrascht, dass ich schwanger bin, wärst du dann glücklich gewesen? Hättest du das Baby dann gewollt?“

Sie sah die Antwort in seinen Augen. Es hätte keinen Unterschied gemacht.

„Es ist nicht so, dass ich es nicht will. Ich … ich kann einfach nicht“, brachte er zögernd hervor.

Es lag so viel Schmerz in seiner Stimme, so viel Wut. Wenn er jemals wieder ein normales Leben führen wollte, musste er einen Weg finden, sich zu vergeben, das war Tess klar. Sie drehte sich auf die Seite, zog das Laken hoch und stützte sich mit dem Ellbogen auf. „Es geschehen fürchterliche Dinge, Ben. Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Sie sind niemandes Schuld.“

„Und was ist mit den Dingen, die wir kontrollieren können? Wen trifft die Schuld daran?“

Sie hasste es, ihn so leiden zu sehen, aber sie konnte nichts tun oder sagen, um seinen Schmerz zu lindern. Nur die Zeit würde seine Wunden heilen. Die Frage war nur, wie viel Zeit würde bis dahin vergehen?

Ben räusperte sich. „Hast du Hunger? Ich kann dir etwas aufwärmen lassen.“

Offenbar war ihr vertrauliches Gespräch beendet. Würde es immer so sein? Würde er sie immer abwehren, wenn sie ihm zu nah kam? Tess legte den Kopf aufs Kissen. „Ich glaube, ich möchte lieber weiterschlafen.“

Er nickte und stand auf. „Ich lasse dir einen Teller in den Kühlschrank stellen, falls du deine Meinung änderst.“

„Danke.“

„Morgen zeige ich dir das Haus. Du wirst mich wahrscheinlich in meinem Büro finden.“

„Okay.“

„Gute Nacht, Tess. Schlaf gut.“

„Gute Nacht.“

Sekunden später schloss er die Tür hinter sich. Tess lag noch lange Zeit wach und zählte sich alle Gründe auf, die dafür sprachen, dass sie blieb. So konnte sie die Gründe vergessen, die dagegen sprachen. Eins war allerdings sicher: Sie musste sehr vorsichtig sein. Wenn Ben sie so zärtlich berührte, bestand die Gefahr, dass sie etwas Dummes tat – wie zum Beispiel mit ihm zu schlafen.

Und danach würde sie womöglich etwas noch Dümmeres tun und sich in ihn verlieben.

Als Tess am nächsten Morgen aufwachte, konnte sie sich nicht dazu durchringen, aus dem Bett zu steigen. Sie hatte über fünfzehn Stunden geschlafen, und es waren die erholsamsten fünfzehn Stunden seit Ewigkeiten gewesen.

Sie fühlte sich in Bens Haus wohl, und obwohl sie anfangs nicht hundertprozentig sicher gewesen war, wusste sie jetzt, dass sie sich richtig entschieden hatte. Sie brauchte sich nicht mehr täglich bei der Arbeit abzuquälen, um Rechnungen zu bezahlen, die ihr Einkommen überstiegen. Eine riesige Last war ihr von den Schultern genommen worden, und ein Gefühl des Friedens erfüllte sie.

Die Zukunft war noch ungewiss, aber Tess hatte das Gefühl, sich wenigstens in die richtige Richtung zu bewegen.

Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und konnte es kaum erwarten, das Kind zu spüren. Sie freute sich sogar darauf, einen dicken Bauch zu bekommen, selbst wenn Schwangerschaftsstreifen bleiben sollten. Da diese Schwangerschaft sehr gut ihre einzige sein könnte, wollte sie nicht das geringste Risiko eingehen. Sie wünschte sich nur, sie könnte ihre Freude mit jemandem teilen.

Bald würde sie sich nach passender Kleidung umsehen müssen, doch sie wusste nicht, wie sie sie bezahlen sollte. Ihr letztes Gehalt war nicht besonders großzügig ausgefallen, und ihre Ersparnisse waren fast aufgebraucht.

Vielleicht würde sie etwas in einem Laden der Heilsarmee finden. Früher hatte sie dort oft unglaubliche Schnäppchen entdeckt – Designerkleidung zu Spottpreisen. Sie musste schließlich sehen, wie sie über die Runden kam.

Natürlich könnte sie Ben um Geld bitten. Sie zweifelte keinen Moment daran, dass er sich ein Bein ausreißen würde, um ihr zu helfen, weil er ein schlechtes Gewissen hatte. Es gab sicher genug Frauen, die das ausnutzen würden. Zu seinem Glück hatte sie ein Gewissen. Außerdem hatte er schon so viel für sie getan. Der Himmel wusste, wie sie ihm je alles zurückzahlen sollte.

Ein Geräusch aus dem Wohnzimmer riss sie aus ihren Gedanken. Wer konnte das sein? War es Ben, der sie für den Rundgang durchs Haus abholen wollte? Aber vielleicht wollte er auch nur überprüfen, dass mit ihr alles in Ordnung war.

Tess setzte sich auf und zog das Laken und die Decke bis zum Hals hoch. Etwa eine Minute später hörte sie dasselbe Geräusch wieder. Jemand hatte die Wohnzimmertür geschlossen. Wer immer es gewesen war, er war nicht lange geblieben. Dann drang der Duft von gebratenem Speck zu ihr. Ihr knurrte der Magen, und das Wasser lief ihr im Mund zusammen.

Sie stieg aus dem Bett, schlüpfte in ihren Morgenmantel und folgte dem Duft bis zum Wohnzimmertisch. Jemand hatte entweder geahnt, wie hungrig sie sein musste, oder dieser Jemand wusste nicht, was sie gern aß.

Ein großer Teller war gefüllt mit drei verschiedenen Sorten Ei – Omelett, Rührei mit Speck und pochiertes Ei – und auf einem weiteren Teller stapelten sich Pfannkuchen, köstlich aussehende Croissants und zwei Scheiben Toast. Dann gab es noch einen Teller mit Würstchen. Zu trinken gab es Orangen- und Grapefruitsaft und eine Kanne heißen Tee.

Du liebe Güte! Da hatte sich aber jemand Mühe gemacht. Und da sie ungern gutes Essen verderben ließ, würde sie viel mehr essen, als sie sollte. Sie würde Ben oder die Köchin oder wen auch immer bitten müssen, nicht so zu übertreiben, sonst bestand die Gefahr, dass sie viel zu viel zunahm.

Auf dem Tisch neben dem Tablett lag ein weißer Umschlag mit ihrem Namen auf der Vorderseite. Tess nahm ihn in die Hand, strich gedankenverloren über die energisch wirkenden Schriftzeichen und fragte sich, ob Ben es geschrieben hatte. Sie hatte seine Schrift noch nie gesehen. Es war seltsam, ein Baby von einem Mann zu erwarten, den man kaum kannte, und dann auch noch in seinem Haus zu leben.

Sie aß ein wenig Rührei und Speck und öffnete den Umschlag. Darin fand sie einen Autoschlüssel, der nicht ihr gehörte, und eine glänzende neue Kreditkarte mit ihrem Namen darauf. Auf dem beiliegenden Blatt Papier stand: Für alles, was du für dich und das Baby brauchst. Unterschrieben hatte er schlicht mit einem B.

Sie hätte sich eigentlich denken können, dass er so etwas tun würde, und doch schockierte sie jede seiner großzügigen Gesten aufs Neue. Es war unheimlich, wie er ihre Wünsche vorauszuahnen schien. Natürlich konnte sie dieses großzügige Geschenk nicht annehmen, aber sie würde ihm wenigstens danken. Wenn sie von ihrer Mutter auch kaum etwas gelernt hatte, eins hatte sie ihr immerhin beigebracht: gute Manieren.

Tess frühstückte schnell, duschte und zog sich an. Dann ging sie die Treppe hinunter und zu Bens Büro. Sie klopfte mehrmals, aber er meldete sich nicht. Sie überlegte, ob sie einfach hineingehen sollte, und griff nach der Türklinke.

„Was machen Sie denn da?“

Tess zuckte erschrocken zusammen. Sie wirbelte herum und sah sich Mrs. Smith gegenüber. „Sie haben mich zu Tode erschreckt!“, stieß sie hervor, und ihr Herz klopfte wie verrückt.

Mrs. Smith rümpfte nun verächtlich ihre aristokratische Hakennase. „Was haben Sie in Benjamins Büro herumzuschnüffeln?“

„Ich habe doch nicht geschnüffelt. Ich habe nach ihm gesucht.“

„Er ist nicht im Büro.“

Tess unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer. „Wo kann ich ihn dann finden?“

„Er hat gebeten, nicht gestört zu werden.“

Tess ließ sich nicht so leicht abwimmeln. Ben hatte sie gebeten, ihn gleich nach dem Aufstehen aufzusuchen, und das würde sie auch tun. Die einzige Person, die nicht wollte, dass Ben gestört wurde, war Mrs. Smith.

„So ein Pech“, sagte sie zu der alten Dame. „Er hat mir etwas dagelassen, und ich muss mit ihm darüber reden.“

„Wenn es um den Wagen geht, der steht in der Garage. Der dunkelblaue Mercedes.“

Ein Mercedes? „Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dass ich seinen Wagen benutze.“

„Es ist nicht seiner. Ben hat ihn für Sie bestellt, und der Wagen ist heute Morgen geliefert worden.“

„Geliefert?“

„Vom Händler.“

„Händler?“

Mrs. Smith warf Tess einen gereizten Blick zu, als würde sie mit einem begriffsstutzigen Kind reden. „Ist Englisch nicht Ihre Muttersprache? Ja, vom Händler. Wo man Wagen verkauft. Sie wissen doch, was ein Wagen ist, oder?“

Ben hatte ihr einen Wagen gekauft? „Und was bedeutet das genau? Hat Ben einen Wagen für mich gemietet, bis meiner repariert ist?“

„Nein, er hat ihn geleast.“

„Was? Einen Mercedes?“ Was war mit ihrem Wagen? Ben hatte doch gesagt, dass er für einen neuen Vergaser sorgen würde.

„Benjamin ist ein wirklich großzügiger Mann“, sagte Mrs. Smith und betrachtete Tess mit kaum verhüllter Verachtung. „Zu großzügig, wie ich finde.“

Tess war ganz ihrer Meinung. „Wissen Sie, ich habe um nichts von alldem gebeten.“

„Worum Sie gebeten haben oder nicht, interessiert mich nicht, Miss.“

Aus dem Büro hörte man nun das Klingeln eines Telefons. Es klingelte nur ein einziges Mal, weil sofort jemand an den Apparat ging. Mrs. Smith errötete leicht. Sie hatte Tess belogen. Ben war doch in seinem Büro. Als Tess entschlossen nach der Klinke greifen wollte, stellte Mrs. Smith sich ihr in den Weg. „Sie gehen da nicht hinein.“

5. KAPITEL

„Aber Benji, ich habe dich so lange nicht gesehen!“

Ben seufzte und schüttelte den Kopf. Wie sehr er diesen Spitznamen hasste. „Es tut mir leid, Mom, aber im Augenblick ist nun mal keine günstige Zeit für einen Besuch.“

Und das würde erst einmal so bleiben. Wie kam es, dass er seit Monaten nichts von seinen Eltern gehört hatte, und plötzlich rief seine Mutter an und wollte partout den Atlantik überqueren, um ihn zu sehen? Da schrillten bei ihm sämtliche Alarmglocken.

Ihr Timing war schon immer schlecht gewesen. Sie hatte Filme drehen müssen, so ziemlich jedes Mal, wenn etwas Wichtiges in seinem Leben geschah. Wenn jemand anders ihr Kind für sie hätte zur Welt bringen können, hätte sie es arrangiert, da war er sicher.

„Ich verspreche dir, ich werde nicht stören. Du wirst kaum merken, dass ich da bin.“

„Ich habe so viel zu tun, dass ich keine Zeit mit dir verbringen könnte. Wahrscheinlich werde ich außerdem eine Weile nach L. A. fahren müssen.“ Was eine dicke Lüge war. Er hatte nicht die geringste Absicht, die Stadt zu verlassen oder auch nur das Haus. „Und du weißt, wie sehr du es da hasst.“

Er hörte seine Mutter enttäuscht seufzen und versuchte, sich nicht davon beeinflussen zu lassen. Sie hatte sich keine Sorgen um seine Gefühle gemacht, wenn sie abreiste, um wochenlang einen Film zu drehen, also hatte sie kein Recht, irgendetwas von ihm zu verlangen. Und trotzdem fühlte er sich schuldig.

Vor seiner Tür hörte er laute Stimmen. Waren Mrs. Smith und die Köchin sich schon wieder in die Haare geraten?

„Mom, ich muss auflegen.“

„Aber Benji …“

„Ich muss mich sofort um etwas kümmern. Ich rufe dich später an.“ Sehr viel später – ungefähr in fünf Monaten.

Er stand auf und ging zur Tür. Als er sie aufriss, sah er zu seinem Erstaunen Mrs. Smith mit dem Rücken zu ihm dastehen, die Arme ausgebreitet, als müsste sie seine Tür bewachen.

Tess stand vor ihr, die Wangen rot vor Wut, die Hände zu Fäusten geballt und offenbar nur allzu bereit zum Kampf. Sie mochte ja zierlich sein, aber er würde trotzdem seinen letzten Penny auf sie setzen.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass er nicht gestört werden möchte“, fuhr Mrs. Smith Tess im selben Ton an, an den sich Ben noch aus seiner Kindheit erinnerte. Der Ton, der besagte, dass sie keine Faxen dulden werde.

„Das ist mir egal“, antwortete Tess genauso energisch. „Ich muss mit ihm reden.“

Keine von beiden schien ihn zu bemerken.

„Können Sie Benjamin nicht einfach in Frieden lassen?“, zischte Mrs. Smith. „Warum bestehen Sie darauf, ihm alles noch schwerer zu machen? Er schenkt dem kleinen Bastard ein angenehmes Leben. Ist das nicht genug?“

Tess öffnete den Mund, um zu antworten, und in diesem Moment sah sie Ben.

„Was geht hier vor?“, fragte er.

Mrs. Smith keuchte erstaunt auf und wirbelte herum. Ihre Wangen waren hochrot angelaufen. „Ich … ich sagte ihr, dass du während der Arbeit nicht gestört werden willst, und erwische sie dann beim Schnüffeln.“

„Ich habe nicht geschnüffelt“, sagte Tess mit einem finsteren Blick auf Mrs. Smith.

Und er hatte geglaubt, dass Tess Angst hatte vor seiner Haushälterin. Die meisten Menschen fürchteten sich vor ihr. Selbst ihm war sie ab und zu unheimlich.

„Ich habe Tess gebeten, zu mir zu kommen, Mrs. Smith. Ich habe ihr versprochen, ihr das Haus zu zeigen.“

Mrs. Smith zwang sich zu einem säuerlichen Lächeln. „Du hättest es nur zu sagen brauchen, und ich wäre sehr glücklich gewesen, das für dich zu übernehmen.“

Ben war im Gegenteil sicher, dass es sie glücklicher machen würde, sich mit einer Gabel das Auge auszustechen. Er lehnte sich an den Türrahmen und seufzte. Das kommende Gespräch würde nicht angenehm werden. „Tess, entschuldigst du uns bitte? Mrs. Smith und ich müssen uns unterhalten.“

Die Haushälterin ging mit steifer Haltung an ihm vorbei ins Büro.

„Nur fünf Minuten, Tess“, sagte er, und als er die Tür schloss, lächelte sie ihn an.

Mrs. Smiths Haltung zeigte Ben, dass seine Haushälterin es ihm schwermachen würde.

„Setz dich.“

Sie sah ihn hochnäsig an, was keine geringe Leistung war, da sie um einiges kleiner war als er. „Ich stehe lieber.“

„Bitte, Mildred.“

Mildred Smith setzte sich steif auf den Rand des Sessels vor seinem Schreibtisch.

„Ich weiß, dass es dir nicht gefallen wird, aber ich möchte, dass du aufhörst, dich einzumischen.“

„Ich will nur dein Bestes“, sagte sie beleidigt.

„Ich möchte trotzdem, dass du damit aufhörst. Du kennst Tess doch gar nicht.“

„Du auch nicht.“

Und wie es aussah, zog Mrs. Smith es vor, dass das so blieb. „Aber ich möchte sie kennenlernen. Vielleicht werde ich dem Bastard, wie du das Baby nennst, das sie erwartet, kein guter Vater sein, aber es ist dennoch mein Kind.“

Sie senkte den Blick.

„Hast du vergessen, dass meine Eltern auch nicht verheiratet waren, als ich zur Welt kam?“

„Ich habe das nur in meiner Wut gesagt und entschuldige mich für meine Gedankenlosigkeit. Du weißt, dass ich nicht so engstirnig bin.“

„Würdest du bitte aufhören, die aufopferungsvolle treue Angestellte zu spielen, Mildred?“ Ben setzte sich auf die Schreibtischkante. „Du gehörst zur Familie, und ich habe dich sehr gern. Es ist mir schon klar, dass du nur versuchst, mich zu beschützen, aber ich möchte, dass du damit aufhörst, verstehst du?“

Sie nickte.

„Ich weiß, dass du immer noch Jeanette die Schuld an dem gibst, was geschehen ist.“

Sie sah auf. „Und du gibst immer noch dir die Schuld.“

„Beides hat uns nicht viel geholfen, oder?“

Mildred Smith schüttelte den Kopf.

„Jeanette hatte viele Fehler, aber sie war meine Frau, und ich habe sie geliebt.“

„Und Tess?“

„Was hat sie getan, dass du sie so ablehnst? Ich finde, sie hat deutlich gezeigt, dass sie nichts von mir will.“

„Das sagt sie vielleicht jetzt.“

„Vergiss nicht, dass sie das Baby nicht allein gezeugt hat, Mildred. Ich bin genauso verantwortlich.“

„Trotzdem traue ich ihr nicht.“

„Sie tut zwar so, als wäre sie zäh und hart, aber ich zweifle keinen Augenblick daran, dass es für sie mindestens genauso schwer ist wie für mich. Wenn du dir die Zeit nimmst, sie besser kennenzulernen, denke ich, wirst du sie gernhaben.“

„Und du?“, fragte sie. „Hast du sie gern?“

„Ja.“ Wahrscheinlich mehr als gut für ihn war. „Haben wir uns jetzt verstanden?“

„Natürlich.“

„Du versprichst mir also, dich nicht wieder einzumischen?“

Sie nickte.

„Ich möchte es dich sagen hören, Mildred.“ Und als sie ihn ungeduldig ansah: „Komm schon. Sag: Ben, ich verspreche hoch und heilig, mich nicht einzumischen.“

Mildred verdrehte die Augen. „Ich verspreche, mich nicht einzumischen.“

„Siehst du, wie einfach das ist?“

„Kann ich jetzt gehen?“

„Sicher. Und schick Tess bitte herein.“

Als Mrs. Smith die Tür öffnete, fiel Tess regelrecht ins Zimmer, als hätte sie sich an die Tür gelehnt. Hatte sie etwa gelauscht?

„Hoppla!“, sagte sie und sah von Ben zu Mrs. Smith. „Ich muss gestolpert sein.“

Mrs. Smith warf Ben einen vielsagenden Blick zu, bevor sie hoch erhobenen Hauptes an Tess vorbeiging und die Tür hinter sich schloss. Ben verschränkte die Arme vor der Brust und sah Tess lächelnd an.

Sie erwiderte seinen Blick mit unschuldigem Augenaufschlag. „Ich habe nicht gelauscht, Ehrenwort. Ich hatte mich nur angelehnt.“ Und als sein Lächeln nur breiter wurde: „Ach, komm, kannst du es mir denn übel nehmen? Sie war nicht gerade sehr nett zu mir.“

„Das wird von jetzt an kein Problem mehr sein.“

„Ja, klar doch.“ Tess schnaubte spöttisch. „Das glaube ich erst, wenn ich’s gesehen habe.“

Ben wurde plötzlich klar, dass er Tess wirklich sehr gern hatte. Ihre Anwesenheit würde sein Leben sehr viel interessanter machen. „Wie war deine erste Nacht? Ich nehme an, du hast gut geschlafen.“

„Wie ein Baby.“

„Hat dein Frühstück geschmeckt?“

„Sehr. Aber es war viel zu viel.“

„Ja, tut mir leid. Ich war nicht sicher, was du am liebsten hast.“

„Dachte ich mir schon. Aber ich bin nicht so wählerisch. Ich esse so ziemlich alles. Und das nächste Mal bitte in etwas kleineren Mengen.“

„Ich werde es der Köchin sagen.“ Ben stieß sich vom Schreibtisch ab. „Willst du dir jetzt das Haus ansehen?“

„Zuerst muss ich etwas mit dir besprechen.“ Sie kam näher. „Das kann ich nicht annehmen.“ Sie reichte ihm die Kreditkarte. „Ich weiß die Geste zu schätzen, wirklich, aber das ist zu viel.“

„Du kannst mir nicht einreden, dass du nichts mehr brauchst. Nimm sie einfach, ja?“

„Ich habe selbst Geld“, sagte sie hartnäckig.

„Tess, ich bin jetzt für dich und das Baby verantwortlich.“

„Für mich bin ich ganz allein verantwortlich. Und hier“, sagte sie und reichte ihm den Autoschlüssel. „Es ist mir viel lieber, meinen eigenen Wagen zu fahren.“

„Das könnte schwierig werden.“

Sie sah ihn misstrauisch an. „Wieso?“

„Er ist nicht mehr da.“

„Nicht mehr … Und wo ist er, bitte sehr?“

„Im Autohimmel.“

„Im Autohimmel?“ Sie starrte ihn entsetzt an.

Sie war kurz davor, die Geduld zu verlieren, das konnte Ben sehen. „Ein Mechaniker hat ihn sich angesehen und gesagt, dass er weniger wert ist als die Kosten einer Reparatur. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten modernen Sicherheitsvorkehrungen fehlen. Der Wagen war einfach nicht sicher.“

„Ben, du hast gesagt, du würdest mir einen neuen Vergaser kaufen.“

„Das habe ich auch. Er ist in der Garage, im Mercedes.“

Tess schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Unglaublich.“

„Es war eine kluge Investition, und es ist ein sicherer Wagen mit allem, was nötig ist.“

„Bist du sicher, dass du es überhaupt ertragen kannst, wenn ich mit dem Wagen durch die Gegend fahre? Wenn ich nun zu spät komme? Nehmen wir mal an, ich bin irgendwo unterwegs und achte nicht auf die Zeit. Du könntest eine Panikattacke bekommen.“

„Nein, nein, das Problem habe ich schon gelöst.“ Er öffnete eine Schublade und holte das Handy heraus, das er für Tess bestellt hatte. „Ich rufe dich einfach an.“

„Du meine Güte, du hast mir auch noch ein Handy gekauft? Sonst noch etwas? Ein Pony vielleicht?“

„Hättest du gern eins?“

Tess warf ihm einen strengen Blick zu. „Du würdest es fertigbringen, was?“

Er lächelte. Sie hatte ihn ziemlich schnell durchschaut. „Komm schon, Tess. Du brauchst doch ein Auto, und ich habe eins übrig. Wenn du es nicht benutzt, wird es niemand tun.“

„Und was ist mit Mrs. Smith?“

„Die hat einen Rolls.“

„Du hast deiner Haushälterin einen Rolls-Royce gekauft?“

Ben lachte über ihr Erstaunen. „Eine der Sondervergünstigungen dieses Jobs. Wirst du den Mercedes also fahren, oder muss ich ein Pony besorgen?“

Tess hob resigniert die Hände. „In Ordnung, ich werde ihn fahren.“

Er ließ den Schlüssel in ihre Hand fallen und reichte ihr das Handy. Tess steckte beides in die Tasche ihrer Jeans, die ein wenig zu eng um den Bauch herum saß.

Sie brauchte offensichtlich neue Sachen und schließlich auch welche für das Baby, aber Ben beschloss, nicht darauf zu bestehen, dass sie die Kreditkarte annahm.

Jedenfalls noch nicht.

„Wollen wir uns jetzt das Haus ansehen?“, fragte er.

„Ja.“

Während ihres Rundgangs kam Tess zu der Schlussfolgerung, dass Ben viel zu viel Geld besaß.

Bevor sie alle Zimmer gesehen hatte, war ihr gar nicht so richtig bewusst gewesen, wie viele es davon gab. Das Haus war unvorstellbar groß. Es gab vier Stockwerke und ein Kellergeschoss. Insgesamt waren es acht Schlafzimmer, sechs Badezimmer und zwei Toiletten, zwei große Suiten und zusätzlich Räume für die Dienstboten. Dann waren da noch zwei Küchen und die dazugehörige begehbare Speisekammer, die bis zur Decke mit Vorräten gefüllt war.

Ben besaß außerdem eine Bibliothek mit unzähligen, bis zur Decke reichenden Regalen, die mit Büchern vollgepackt waren. Tess stellte erfreut fest, dass es sogar eine ansehnliche Sammlung von Liebesromanen gab, die er allerdings nur deswegen besaß, weil irgendwelche Agenten gehofft hatten, die Filmrechte daran an ihn zu verkaufen.

Im unteren Stockwerk des Hauses schien er sein „Spielzeug“ aufzubewahren. Da war ein kleiner Kinosaal mit angrenzendem Projektionsraum, in dem es alle nur vorstellbaren elektronischen Geräte gab. Von dort führte Ben sie in einen vollständig ausgerüsteten Fitnessraum, der die meisten Fitnesscenter, die Tess bisher von innen gesehen hatte, locker in den Schatten stellte. Die Tour endete in einer Art Spielzimmer, komplett ausgestattet mit Dartboard, Tischfußball und Billardtisch. Außerdem gab es vier Bildschirme, an die Videospielkonsolen angeschlossen waren. Nebenan befand sich eine kleine Küche mit einer Bar, an der vor allem auffiel, dass es keinen Alkohol darin gab.

Jeder Raum, in den Ben sie führte, hatte dunkel, grau und deprimierend gewirkt, bis Tess das Licht einschaltete oder die Vorhänge öffnete und all die lebhaften Farben und die gemütliche Wärme enthüllte, die ein Haus erst zu einem Heim machten.

Noch interessanter als das Haus fand Tess allerdings Ben selbst. Sie war fasziniert von der lässigen und doch so selbstbewussten Art, mit der er sich bewegte. Sie hatte noch nie einen Mann kennengelernt, der sich offensichtlich so wohl in seiner Haut fühlte wie er. Dabei war sie sicher, dass er überhaupt nicht ahnte, wie wundervoll er war, und wenn doch, dann war es ihm gleichgültig. Das war wahrscheinlich einer der Gründe, weswegen er so attraktiv war. Tess fühlte sich von seiner tiefen Stimme und der Energie, die alles auszeichnete, was er sagte und tat, regelrecht hypnotisiert und angezogen. Sie wusste instinktiv, dass seine Persönlichkeit sie genauso faszinierte wie sein aufregender Körper. Soweit sie sehen konnte, war er großzügig, freundlich und insgesamt ein richtig netter Kerl – wenn er nicht gerade alles daransetzte, Dinge zu tun, die sie auf die Palme brachten.

Sie zweifelte nicht daran, dass es ihr überhaupt nicht schwerfallen würde, sich in ihn zu verlieben. Ein Grund mehr, sich die größte Mühe zu geben, damit das nicht geschah.

„Was hältst du also von meinem Haus?“, fragte er.

„Sehr nett. Aber irgendwie hätte ich dich mir nicht in einem so großen Haus vorgestellt. Ich will damit nicht sagen, dass es protzig ist. Es ist wirklich wunderschön. Aber es passt nicht zu dir, finde ich.“

„Das große Haus war Jeanettes Idee. Sie war ein Kleinstadtmädchen mit etwas großspurigen Träumen. Mit diesem Haus wollte sie wohl allen Leuten zu Hause zeigen, dass sie es geschafft hatte. Ironischerweise hat sie kein einziges Mal hier übernachtet. Die Renovierungsarbeiten waren noch nicht beendet, als sie starb.“

„Sie muss dir sehr fehlen“, sagte Tess leise.

„Einiges an ihr ja, einiges nicht.“

Als Tess ihn fragend ansah, sagte er nur: „Keine Ehe ist vollkommen.“

War es möglich, dass er und Jeanette keine gute Ehe geführt hatten? Tess musste zugeben, dass sie sehr neugierig war, aber wenn er ihr intime Einzelheiten seiner Beziehung zu Jeanette erzählen wollte, würde er das schon tun. Sie hatte nicht das Recht, ihn von sich aus danach zu fragen.

„Der hier ist aber nicht neu.“ Sie strich über den Rand des Billardtischs.

„Den habe ich schon seit meiner Kindheit.“

Ben ließ sie keinen Moment aus den Augen, sodass Tess sich jeder ihrer Bewegungen viel intensiver bewusst wurde. Über den Filz zu streichen und den weichen Stoff unter ihren Fingerspitzen zu fühlen kam ihr plötzlich sehr sinnlich vor.

„Du musst sehr oft Billard spielen.“

„Ich tue das, wenn ich nicht schlafen kann. Oder um meine Gedanken zu ordnen. Im vergangenen Jahr habe ich es sehr oft getan. Spielst du?“

„Ich bin eher für Tischtennis. Allerdings habe ich sehr schöne Erinnerungen an einen ganz bestimmten Billardtisch.“

„Ach, ja?“

Er schenkte ihr ein spöttisches Lächeln, und sie wusste genau, was er dachte. Es war das, was jeder Mann denken würde. Sie musste lachen. „Es ist nichts Unanständiges gewesen. Ich bekam nur meinen ersten Kuss neben einem Billardtisch.“

„Klingt romantisch“, neckte Ben sie.

„Das war es auch.“ Sie lächelte wehmütig. Kein Mädchen vergaß den Zauber des ersten Kusses. „Es war der ältere Bruder einer Freundin. Ich war fünfzehn und er achtzehn.“

„Ah, ein älterer Mann.“ Ben setzte sich auf den Rand des Billardtischs, verschränkte die Arme vor der Brust und sah Tess ehrlich interessiert an. „Und wie kam es dazu?“

Sie setzte sich neben ihn. Es war Ewigkeiten her, seit sie daran gedacht hatte, aber sie erinnerte sich an jede Einzelheit. „Na ja, meine Freundin war mit ihrer Mutter oben und half ihr, das Essen vorzubereiten, und ich war mit ihrem Bruder Noah im Keller und sah ihm beim Billardspielen zu. Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, und irgendwie kamen wir dann auf das Thema, ob ich denn einen Freund habe oder nicht. Als ich ihm sagte, dass ich keinen hätte, meinte er, er könnte nicht fassen, dass ein hübsches Mädchen wie ich nicht gleich zehn hätte. Dann fragte er mich, ob ich je von einem Jungen geküsst worden sei. Natürlich wurde ich knallrot.“

„Und was hast du gesagt?“

„Die Wahrheit. Dass mich noch keiner geküsst hatte, jedenfalls nicht richtig.“

„Und dann? Er warf dich auf den Tisch und gab dir einen Kuss, oder was?“

Sie gab Ben einen verspielten Stoß gegen die Schulter. „Nein. Es war sehr süß. Er saß am Rand des Tisches so wie du jetzt, und ich stand vor ihm.“ Sie stellte sich einen Schritt von Ben entfernt vor ihn hin. „So.“

Ben legte die Hände auf den Tisch neben sich, und einen Moment lang sah er tatsächlich fast so aus wie Noah an jenem Tag. Beide waren sie dunkelhaarig und machten einen etwas finsteren, rebellischen Eindruck. Und auch vom Charakter her ähnelten sie sich. Beide konnten sehr liebenswürdig sein, wenn sie wollten, aber auch sehr dickköpfig. Vielleicht fühlte sie sich deswegen so sehr zu Ben hingezogen, weil er sie an ihre erste Liebe erinnerte.

„Und was passierte dann?“, fragte Ben.

„Noah nahm meine Hand und zog mich sanft näher zu sich heran, sodass ich zwischen seinen Beinen stand.“

„Du meinst so?“ Ben nahm ihre rechte Hand und zog Tess an sich.

Als ihre Beine die Innenfläche seiner Schenkel berührten, machte ihr Herz einen wilden Sprung. „Ja …“ Die Erinnerung an die Erregung, die sie in jenem Augenblick empfunden hatte, überwältigte sie. Tess wusste noch, wie es gewesen war, als ihr klar wurde, dass sie gleich ihren ersten richtigen Kuss bekommen würde. Und sie erinnerte sich daran, wie sich Noahs Lippen angefühlt hatten, wie sanft er gewesen war und dass er sich ganz viel Zeit gelassen hatte. Es war wunderschön gewesen, und sie hatte instinktiv gespürte, dass er sie haben wollte.

Damals hatte sie noch nicht genau gewusst, was Verlangen bedeutete, sie wusste nur, dass es ein Gefühl war, das ihr sehr gefiel. Es gefiel ihr immer noch. Leider viel zu sehr.

Ben betrachtete sie aufmerksam. Er war ihr so nah, dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte, als er fragte: „Und was machte er dann?“

Sie wusste, wenn sie es ihm erzählte, dann würde er sie küssen, und wer konnte sagen, was dann geschehen würde? Sosehr sie sich auch danach sehnte, von ihm geküsst zu werden, sie durfte es ihm nicht erlauben.

„Nach ein paar intensiven Knutschorgien in den folgenden paar Wochen schwängerte er Tracy Fay Bejarski, heiratete sie notgedrungen und zog mit ihr ans andere Ende der Stadt.“

Ben verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und gab ihre Hand sofort frei. Man sah ihm die Enttäuschung eine Sekunde lang an, und Tess teilte seine Gefühle nur allzu sehr. Schnell trat sie einen Schritt zurück, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

„Nicht gerade ein Happy End“, bemerkte Ben trocken.

„Ich war am Boden zerstört. Ein, zwei Küsse, und ich glaubte schon, es sei die wahre Liebe. Zu Hause standen die Dinge auch nicht zum Besten, und ich stellte mir in meiner Fantasie oft vor, dass wir beide uns verlieben und zusammen durchbrennen würden. Na ja, ich sollte dankbar sein. Er hat nicht sehr viel aus seinem Leben gemacht. Er und Tracy Fay ließen sich nach dem vierten Baby scheiden, und zuletzt habe ich gehört, dass er die Nachtschicht bei einer Tankstelle übernommen hat und seine Freizeit meistens in einer Bar verbringt.“

„Benjamin?“

Sie drehten sich beide gleichzeitig um. Mrs. Smith stand in der Tür, und Tess fragte sich, wie lange sie wohl schon da war und sie beobachtet hatte.

„Das Essen ist fertig“, sagte sie.

„Wir kommen gleich“, antwortete Ben.

Mrs. Smith warf ihnen noch einen letzten missbilligenden Blick zu, drehte sich um und ging.

„Ich denke, ich lasse das Essen besser ausfallen“, wandte Tess ein. „Ich bin immer noch ziemlich satt vom Frühstück. Stattdessen würde ich lieber ein wenig im Garten spazieren gehen.“

„Bist du sicher?“

„Ja. Die frische Luft wird mir guttun.“ Sie wollte ein wenig allein sein, um ihre Gedanken zu ordnen.

„Ich bitte die Köchin, dir etwas aufzuheben, falls du deine Meinung noch änderst.“

„Danke.“

Er stand auf und drehte sich an der Tür noch einmal um. „Weißt du, du hast recht. Es war gut, dass es nicht geklappt hat zwischen dir und dem Bruder deiner Freundin. Du hast Besseres verdient.“

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