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BACCARA EXTRA BAND 11

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Champagnerküsse um Mitternacht

1. KAPITEL

Lucy Sutton mochte keine ersten Tage.

Und als sie nun vor der angelehnten Tür stand, hinter der das Büro ihres neuen Chefs lag, musste sie sich eingestehen, dass sie erste Tage sogar hasste. In der Familie erzählte man sich immer noch die Geschichte, wie sie sich im hintersten Winkel ihres Schranks verkrochen hatte, als sie zum ersten Mal in den Kindergarten gehen sollte. Sie selbst konnte sich nicht mehr daran erinnern; dafür umso besser an ihren ersten Tag in der Highschool. Das Etikett ihres neuen T-Shirts hatte sie wahnsinnig irritiert, und sie hatte sich die ganze Zeit am Nacken kratzen müssen. Am schlimmsten war jedoch der erste Tag in einem neuen Job. Ohne Moms Hand und ohne eine Horde schnatternder Freundinnen, mit denen man die Stunden überstehen konnte, war der erste Tag an einem neuen Schreibtisch der blanke Horror.

Dieser Tortur hatte Lucy sich bereits mehrfach ausgesetzt, seitdem sie das College vor drei Jahren mit einem Diplom verlassen hatte.

Sie schluckte schwer. Obwohl ihre Chefs sie gemocht hatten und mit ihrer Arbeit zufrieden gewesen waren, hatte sie immer das Gefühl gehabt, diese drei Buchhalterjobs seien nicht das Richtige für sie gewesen. Sie sei überhaupt nicht fähig, einer geregelten Büroarbeit nachzugehen, musste sie sich daher von ihren Geschwistern, die allesamt Karriere in ihrem Beruf gemacht hatten, in einem fort sagen lassen. In ihre Augen war Lucy viel zu flatterhaft und unbekümmert, als dass sie jemals irgendetwas ernst nehmen würde – oder dass sie jemals jemand ernst nehmen würde. „Lucy Gänschen“ nannten sie sie deshalb. Diesen Namen hasste sie mindestens so sehr wie erste Tage.

„Diesmal werde ich es ihnen zeigen“, schwor Lucy sich, während sie den Rücken straffte und sich nervös die Handgelenke rieb. „Diesmal werde ich meiner Familie beweisen, dass ich genauso fähig bin wie sie.“ Mit dem neuen Job würde endlich alles anders werden.

Obwohl es nur eine befristete Stelle als Aushilfssekretärin war, hatte sie sich vorgenommen, alles zu geben. Nach Ablauf des Vertrags wollte sie sich etwas suchen, wo sie ihre Kenntnisse bestmöglich einbringen konnte. Irgendwo da draußen gab es den idealen Job für sie, und das hier war der erste Schritt auf dem Weg dorthin.

Ihr Blick fiel auf das Namensschild neben der Tür zum Chefbüro. Carlo Milano. Auch ihm musste sie etwas beweisen.

Vor allem, dass sie über ihn hinweg war.

Sie holte tief Luft und klopfte zaghaft an das gemaserte Holz.

„Herein“, ertönte eine Männerstimme.

Lucy zögerte. Ehe sie eintrat, überlegte sie, wann sie Carlo zum letzten Mal gesehen hatte. Es war vor einigen Jahren bei einer großen Feier im Haus ihrer Schwester Elise gewesen. Erstaunlicherweise war er der Einladung gefolgt – ganz gegen seine Gewohnheit. Ein Meter neunzig groß und schlank stand er in einer Küchenecke, lässig gekleidet in Jeans und T-Shirt. Doch seine Miene zeigte alles andere als Lässigkeit. Er war sehr ernst, und sein Gesicht erschien ihr hagerer als jemals zuvor. Sie hatte den Eindruck, dass er eine unsichtbare Mauer um sich herum hochgezogen hatte, durch die niemand zu ihm durchdringen konnte.

Sie kannte den Grund dafür. Er empfand tiefe Trauer; doch er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als mit irgendjemandem darüber zu sprechen.

Trotzdem hatte sie an jenem Abend versucht, ihn aufzumuntern. Eigentlich konnte sie das sehr gut. Ihrem gewinnenden Lächeln und ihrem herzhaften Lachen konnte keiner widerstehen. Er schon. Dabei gab sie sich alle Mühe und erzählte irrwitzige Anekdoten aus ihrer Collegezeit. Doch er hatte nicht einmal gelächelt, sondern nur den Kopf geschüttelt.

„Gänschen“, hatte er leise gesagt – ja, er hatte sie tatsächlich Gänschen genannt –, „verwende dein hübsches Lachen und deinen Charme lieber auf jemanden, der beides zu schätzen weiß.“

Dann hatte er ihre Wange gestreichelt, und ihr war ganz heiß geworden. Ohne darüber nachzudenken – auch diese Impulsivität war nach Meinung ihrer Familie eine ihrer Schwächen – hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt und einen letzten Versuch gestartet, Carlo aufzumuntern: Sie gab ihm einen Kuss.

Siebenhundertvierunddreißig Nächte waren seitdem vergangen, und ihre Lippen brannten noch immer, wenn sie sich an diesen Moment erinnerte.

Ebenso erinnerte sie sich deutlich an das Gefühl der Demütigung, denn Carlo hatte sie beiseitegestoßen und Hals über Kopf die Party verlassen. Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen.

Bis jetzt.

„Ich sagte: ‚Herein‘.“ Carlos ungeduldige Stimme drang in ihre Tagträumereien.

Dann wollen wir mal, machte sie sich Mut, während sie ein letztes Mal mit den Fingernägeln der rechten Hand die juckende Stelle auf ihrem linken Handgelenk bearbeitete, und betrat das Büro.

Prompt stockte ihr der Atem.

Vor ihr stand Carlos gewaltiger Schreibtisch und dahinter ein leerer Lederstuhl. Was sie aber wirklich beeindruckte, war die Glaswand, die einen Blick auf die grandiose Bucht von San Diego erlaubte. Man hätte meinen können, man stände vor einer überdimensionalen Postkarte, in der das leuchtende Blau des Himmels mit dem Graublau des Wassers verschwamm. In der Ferne glitten Segeljachten und Motorboote dahin. Die Boote zogen schäumende Spuren durch die Wellen des Pazifiks. Die weißen Linien waren der einzige Hinweis darauf, dass sie sich tatsächlich bewegten und Lucy keine Wandtapete betrachtete.

Diese Millionen-Dollar-Aussicht machte ihr unmissverständlich klar, dass Carlo Milano, der langjährige Freund der Familie und ehemalige Polizist, mit der Gründung seiner mittlerweile angesehenen Sicherheitsagentur auf eine Goldmine gestoßen war. Der Mann, der – wenn auch nur vorübergehend – ihr neuer Chef war, hatte es auf der Karriereleiter schon ziemlich weit nach oben geschafft.

Aber wo war er denn nun?

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung am anderen Ende des Raums, wo eine große Sitzlandschaft mit Couchtisch, zwei Stühlen und einer Bar zu sehen waren. Dort stand ein Mann mit dunklem Jackett. Er wandte Lucy den Rücken zu und unterhielt sich angeregt mit einer Frau in taubenblauem Hosenanzug und passenden Pumps. Ihr glänzendes kastanienbraunes Haar reichte ihr bis zur Taille.

Heiß lief es Lucy den Rücken hinunter, und unvermittelt spürte sie ein Kribbeln am ganzen Körper. Das passierte ihr immer, wenn sie sich unsicher fühlte. Mit der Hand fuhr sie sich durch die weizenblonden Locken. In ihrem khakifarbenen Rock, der weißen Bluse und den beigefarbenen Schuhen kam sie sich auf einmal recht unscheinbar vor.

Und wie das fünfte Rad am Wagen. Die blauen Schuhspitzen der Taubenblauen trennten nur wenige Zentimeter von Carlos Lederslippern. Und die brünette Schönheit machte außerdem den Eindruck, als stünde sie kurz davor, ihn auf den Mund zu küssen.

Wie sollte Lucy sich verhalten? Sich bemerkbar machen?

Ganz bestimmt nicht. Es wäre besser, sofort wieder zu verschwinden. Als Frau, die ihren Job behalten wollte, nein, musste, war es angebracht, an ihren Schreibtisch zurückzukehren. Als Frau, die sich beweisen wollte, dass sie über ihre unerwiderte Liebe zu diesem Mann hinweg war, sollte sie seinem Glück auf keinen Fall im Weg stehen. Ein würdevoller Rückzug – das wäre jetzt das Beste, und es würde ihrer Selbstachtung einen mächtigen Schub geben. Und ihr ein für alle Mal beweisen, dass sie eine erwachsene Frau war, die nicht länger ihren Jungmädchenschwärmereien nachhing.

So würdevoll und erwachsen wie nur möglich räusperte Lucy sich. Nicht zu laut. Lediglich laut genug, um auf sich aufmerksam zu machen.

Oje. Wieso musste sie bloß so indiskret sein? Carlo war bestimmt alles andere als erfreut darüber. Und sie kam sich kein bisschen erwachsen und würdevoll vor, an diesem ersten Tag in ihrem neuen Job. Trotzdem räusperte sie sich abermals.

Carlo wandte den Kopf und schaute zu ihr herüber. „Hallo.“

Lucys Herz machte einen Sprung, als sie das hübsche Gesicht mit den aufmerksamen dunklen Augen sah, die sie nie vergessen hatte. Was verriet ihr sein Blick? Unmut? Erleichterung?

Sie hob die Hand, um seinen Gruß zu erwidern. „Hallo.“ Hoffentlich wirkte sie gefasster, als sie sich fühlte. Würdevoll. Erwachsen. Wenn aber doch Carlo kurz davor stand, von einer anderen geküsst zu werden …! Sah man ihrem Gesicht an, wie sie darüber dachte? „Tut mir leid, du hast gesagt, ich soll hereinkommen, und da …“

„Kein Problem.“ Er ließ die Frau in Taubenblau stehen. Sie wirkte verstimmt, doch Carlo schien es ebenso wenig zu kümmern wie die Tatsache, dass Lucy sein Tête-à-tête gestört hatte. Sollte tatsächlich ein Kuss in der Luft gelegen haben, so machte ihm die verpasste Gelegenheit offenbar nichts aus.

Ihre Stimmung verbesserte sich ein wenig. Vielleicht war der erste Tag trotz ihrer Befürchtungen gar nicht so schlimm. Und Carlo sah tatsächlich irgendwie zufrieden aus, als er auf sie zukam. Es war also alles in Ordnung. Hoffentlich erinnerte er sich nicht mehr daran, dass sie einmal in ihn verknallt gewesen war. Und hoffentlich hatte er den impulsiven Kuss vergessen, den sie ihm gegeben hatte.

Es war schließlich schon lange her, siebenhundertvierunddreißig Nächte. Inzwischen war sie fünfundzwanzig Jahre alt und wirkte bestimmt sehr erwachsen. Sie sah seine Reaktion als gutes Omen für den Erfolg in ihrer neuen Stelle.

„Nicht zu glauben“, sagte er, als er vor ihr stehen blieb. Er streckte den Arm aus und streichelte ihr übers Haar, wie es ein Onkel mit seiner Lieblingsnichte machen würde. „Lange nicht gesehen, Gänschen.“

Offenbar hatte sie, wenn überhaupt, bloß einen nichtssagenden Abschiedskuss zwischen Carlo und der taubenblauen Frau verhindert. Das jedenfalls ließ er Lucy gegenüber durchblicken – „Bitte, Carlo, keiner nennt mich mehr Gänschen“, hatte sie mit fester Stimme gesagt –, nachdem er seine Besucherin mit den kastanienbraunen Haaren aus dem Büro geführt hatte.

Sein erster Auftrag für Lucy bestand dann allerdings darin, dieser zwei Dutzend Rosen zu schicken. Die Empfängerin war Miss Tamara Maxwell, und die Nachricht lautete: Nicht du warst es, sondern ich.

Während er ihr diesen aufschlussreichen Satz diktierte, wich er ihrem Blick aus, und zum Gehen gewandt murmelte er: „Wir sind nur ein paar Mal ausgegangen, aber sie hat es nicht kapiert. Ich habe eben kein Talent für Beziehungen.“

Lucy hatte es kapiert. Sie hatte es schon immer gewusst, aber das hatte ihre Gefühle für Carlo nicht beeinträchtigt. Und jetzt war es Zeit, das immer noch glimmende Feuer endlich auszulöschen. Es war, neben dem Geld, ein Grund gewesen, sich auf eine Stelle in dieser Firma zu bewerben.

Als sie nach San Diego zurückgekommen war, hatte ihr Vater, der mit Carlos Vater seit Langem befreundet war, vorgeschlagen, sie solle den befristeten Job bei McMillan & Milano annehmen, ehe sie sich um eine feste Stelle als Buchhalterin in der Stadt bewarb. Lucy fand Gefallen an der Idee. Bei ihrer Rückkehr von Arizona nach Kalifornien war sie ziemlich pleite gewesen. Die Arbeit als Carlos Sekretärin kam wie gerufen.

Und nach drei Wochen, davon war sie überzeugt, würden alle Gefühle, die sie jemals ihm gegenüber gehegt hatte, wie ausgelöscht sein.

Nachdem er verschwunden war, dachte sie darüber nach, wie leicht ihm ihr Spitzname über die Lippen gekommen war – ein Grund mehr, beschloss sie, keine weiteren Gedanken mehr an ihn zu verschwenden. Denn es war hoffnungslos. Carlo würde sie niemals mit dem begehrlichen Blick eines Mannes ansehen.

Umso besser! Die Vorstellung betrübte sie nicht im Geringsten.

Während sie ihre Aufgaben erledigte, stellte sie fest, dass dieses Büro sich kaum von anderen unterschied. Sogar der Wasserspender im Aufenthaltsraum war am späten Nachmittag vollkommen leer. Neben dem Behälter standen einige Mineralwasserflaschen auf dem Boden.

„Wasser, Wasser überall und nirgends ein Tropfen zu trinken“, zitierte sie eine Zeile aus einem Gedicht von Coleridge. In der Schule hatte sie sich eben doch nicht nur mit Zahlen beschäftigt. Kopfschüttelnd krempelte sie die Ärmel hoch. Obwohl sie den Behälter nicht geleert hatte, gab es ein ungeschriebenes Gesetz, das besagte, dass sie als Neue sich um den Wasserspender zu kümmern hatte.

Mit einer Größe von einem Meter fünfundsechzig und ihrem Fliegengewicht fiel es ihr allerdings nicht leicht, den Tank auszutauschen. Den leeren herunterzunehmen war ein Kinderspiel. Im Handumdrehen hatte sie auch die blaue Verschlusskappe von einer neuen Flasche entfernt. Dann betrachtete sie den Behälter, als habe sie es mit einem Ringkampfgegner zu tun, hockte sich hin und schlang die Arme um den kühlen runden Bauch der Flasche. Als sie sich aufrichtete, hätte sie beinahe das Gleichgewicht verloren.

Um Himmels willen, bloß nicht fallen lassen!

„Gänschen, was machst du da?“

Carlos Stimme. Unwillkürlich drehte sie sich zu ihm um, doch das ließ sie auf ihren beigefarbenen Absätzen nur noch mehr schwanken. Noch ehe sie durchatmen konnte, spürte sie Carlos Arme um ihren Oberkörper. Mit dem Rücken lehnte sie an seinem Brustkorb, und ihr Po drückte gegen …

„Lass mich das machen!“, wies er sie an, sein Mund ganz nahe an ihrem Ohr.

„Ich habe nicht gedacht …“

„Das sehe ich. Du bist viel zu klein dafür. Ich mach das schon.“

„Na gut.“ Sie ließ den Plastikbehälter los, hatte aber immer noch Carlos Arme um sich. Sie spürte seine Wärme an ihrem Rücken, sein angenehm duftendes Aftershave in ihrer Nase, seinen Atem an den Härchen an ihrer Schläfe.

Ihr wurde ganz anders zumute, und rasch tauchte sie unter seinen Armen weg. Ohne einen weiteren Blick auf Lucy trat er einen Schritt vor und wuchtete den Kanister auf den Wasserkühler.

Als er sich wieder zu ihr umwandte, fächelte sie sich Luft zu.

„Gäns… Lucy …“ Seine Stimme erstarb, als sein Blick tiefer wanderte. Seine Augen weiteten sich, und er schaute ihr rasch wieder ins Gesicht. „Ähm … ein paar Knöpfe sind aufgesprungen.“

Sie schaute an sich herunter und hielt den Atem an. Beim Kampf mit dem Wasserkanister waren offensichtlich einige Knöpfe ihrer Bluse aufgegangen und gaben den Blick auf ihren seidenen BH frei. Sie wurde knallrot und knöpfte die Bluse hastig zu.

„Entspann dich“, sagte Carlo. „Ich bin’s bloß.“

„Ja. Du bist’s bloß“, wiederholte Lucy.

Bloß der Mann, von dem sie träumte, seit sie fünfzehn war.

Während sie noch mit dem letzten Knopf kämpfte, trat ihr neuer Chef auf sie zu. „Lass mich das machen.“

Mit einem nachsichtigen Lächeln schob er ihre Hand beiseite und griff nach ihrem Kragen. Einen Moment lang berührten seine Fingerspitzen ihre Kehle, und ihr Puls begann zu rasen. Rasch zog er die Hand zurück und achtete darauf, nur noch Knopf und Stoff zu berühren.

Er sog tief ihr Parfüm ein, das sie wie eine Duftwolke umschwebte. Lucys Herz raste.

Er räusperte sich. „Gänschen“, sagte er, „du riechst wie ein Mädchen.“

Sie lachte nervös. „Carlo, ich bin ein Mädchen.“

„Ja, richtig.“ Hastig schloss er den obersten Knopf und ging zur Tür. Mit den Händen in den Hosentaschen blieb er stehen und betrachtete sie mit zur Seite gelegtem Kopf. „Eigentlich bist kein Mädchen mehr. Du bist eine Frau.“

„Ach, ist dir das aufgefallen?“ Wenn sie es nicht schon vorher gewusst hätte, dann wäre ihr spätestens bei dieser Bemerkung klar geworden, dass der Kuss in der Küche vor zwei Jahren überhaupt nicht in sein Bewusstsein gedrungen war.

Mit der Schulter lehnte er sich an den Türrahmen und lächelte kurz. „Jetzt werde ich’s mir merken …“

Der Klang seiner tiefen Stimme streichelte wie eine weiche Bürste über Lucys Rücken. Sie befeuchtete ihre trockenen Lippen mit der Zunge. Ihr entging nicht, dass er sie dabei beobachtete.

Unvermittelt begann ihr Herz wieder zu pochen, ihr Puls zu rasen, und noch immer spürte sie seine Berührung an ihrem Hals. Schaute Carlo sie etwa mit dem Interesse eines Mannes an?

Aufmerksam betrachtete sie seine tiefliegenden dunklen Augen, die markant geschnittene männliche Nase und seinen sinnlichen Mund. Er war ein schöner Mann, dem man seine italienischen Vorfahren ansah. Doch seine Miene war unergründlich.

Erneut fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen.

Unvermittelt richtete Carlo sich auf und wandte seinen Blick ab. „Also, Gäns…“

„Lucy.“

Beantwortete das nicht ihre Frage? Kein Mann würde die geringste Lust für eine Frau empfinden, die für ihn ein „Gänschen“ war. Enttäuschung stieg in ihr hoch. Dabei hatte sie doch genau aus diesem Grund die Stelle angenommen: um sich davon zu überzeugen, dass die Sache mit Carlo Vergangenheit war.

„Also, Lucy, ich muss wieder an meine Arbeit.“

Sie blickte ihm hinterher und unterdrückte einen Seufzer. Da ging er, den muskulösen Oberkörper in einem maßgeschneiderten hellblauen Hemd, der Stoff seiner eng anliegenden dunklen Hose spannte über seinem knackigen Hintern.

Drei Wochen, Lucy. Drei Wochen, in denen du dir alles anschauen, aber nichts anfassen darfst.

Kurz vor fünf – sie gratulierte sich gerade insgeheim dafür, wie gut sie ihren ersten Tag überstanden hatte – kam ein Paketbote mit einer Eilzustellung für Carlo. Nun gut, dann würde sie ihm den schmalen Umschlag bringen und sich bei der Gelegenheit gleich von ihm verabschieden. Dann hätte sie ihren ersten Arbeitstag und ihren ersten Tag mit Carlo endgültig überstanden.

Sie klopfte an seine Tür, und er bat sie herein. Dieses Mal saß er hinter seinem Schreibtisch, vor sich einige Akten; den Computerbildschirm hatte er in seine Richtung gedreht.

Bei ihrem Eintreten schaute er hoch. „Lucy. An dich habe ich den ganzen Nachmittag denken müssen“, sagte er, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte.

Ihre Finger umklammerten das Paket. „An mich?“ Die Aussicht hinter seinem Rücken war noch immer beeindruckend, doch sie konnte den Blick nicht von seinem Gesicht wenden. Er hatte an sie gedacht?

„Du hast mir noch gar nicht erzählt, warum du nach San Diego zurückgekommen bist.“

„Ach so.“ Was sollte sie darauf erwidern? Unzufriedenheit mit den Buchhalterjobs, die sie vier Jahre lang gemacht hatte? Wenn sie ihm davon erzählte, würde er sie für unbeständig und flatterhaft halten. Wie ein … ja, wie ein Gänschen. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass alle anderen Suttons nach dem College sofort damit begonnen hatten, die Karriereleiter zu erklimmen. „Du weißt ja, dass ich von hier bin …“

„Dein Vater hat meinem gegenüber mal erwähnt, dass du in Phoenix nicht zufrieden warst?“

Sie verlagerte ihr Gewicht von einem auf den anderen Fuß. „Na ja …“ Sie spürte, wie sie erneut rot wurde und suchte nach Worten. Sie wusste, dass der Job in Phoenix für sie nicht der richtige gewesen war, aber würde Carlo, genau wie ihre Familie, nicht denken, dass sie unfähig war, eine Sache durchzuziehen?

„Hattest du etwa Beziehungsprobleme?“

Lucy sah ihn verständnislos an. Beziehungsprobleme? Ihre Beziehungsprobleme hatten sich darauf beschränkt, Carlo aus ihrem Gedächtnis zu verbannen. „Das war es nicht …“

„Ich muss zugeben, dass ich bis vor ein paar Stunden immer nur das vierzehnjährige Mädchen vor mir gesehen habe, wenn ich an dich dachte. Aufgeschlagene Knie, Zahnspange und hellblonde Locken.“

Na prima. Während sie sich nachts im Bett herumgewälzt und sich vorgestellt hatte, wie es wäre, mit ihm zusammen zu sein, imaginierte er sie als Pippi Langstrumpf.

Carlo räusperte sich. „Aber jetzt sehe ich, dass du erwachsen geworden bist. Eine Frau.“

Hmm. Das klang schon interessanter. Und noch interessanter war, wie er ihren Mund anstarrte. War es möglich …?

Verunsichert hielt Lucy den Atem an, als die Spannung im Raum zunahm.

Sein Blick wanderte von ihrem Mund zu ihren Augen. „Und ich habe geglaubt, du seist wegen Liebeskummer zurückgekommen.“

„Ach nein, nicht wirklich …“ Doch tatsächlich hatte sie nie ganz akzeptiert, dass sie Carlo niemals würde haben können. Und jetzt, da es im ganzen Zimmer knisterte, schöpfte sie neue Hoffnung.

Nein, Lucy! Mach dir nichts vor!

Sie riss sich zusammen und legte den Eilbrief auf seinen Tisch. „Das hier ist gerade für dich gekommen. Scheint wichtig zu sein.“

Als er nach dem Umschlag griff, machte sie auf dem Absatz kehrt. „Bis morgen, Carlo.“

„Warte.“

Sie drehte sich nicht um. „Es ist fünf Uhr.“

„Aber wir sind doch alte Freunde, und ich habe mir gedacht, da du mir den Gefallen tust, bei mir einzuspringen …“ Die Stimme versagte ihm. „Ach herrje.“

Jetzt war sie doch neugierig geworden und drehte sich um. „Was hast du dir gedacht?“

Er blickte auf seine Finger, zwischen denen er etwas hielt, das wie Eintrittskarten aussah. „Ich habe mir gedacht … nein, ich weiß“, sagte er und schnitt eine Grimasse, „dass ich heute Abend eine Begleitung gebrauchen könnte.“

Lucy schluckte. „Soll ich jemanden für dich anrufen? Diese Tamara oder …“

„Dich, Lucy.“

„Mich?“ Warum musste sie bloß ständig wiederholen, was er sagte?

Ehe sie das Büro verlassen konnte, war Carlo aufgestanden und um den Schreibtisch herumgelaufen. Nicht, dass sie wirklich gehen wollte. Nicht, wenn er so nahe auf sie zutrat, dass er ihre Knöpfe erneut hätte schließen können, oder … öffnen.

Ein Knistern lag in der Luft. Anspannung. Und Hitze. Empfand nur sie das so? Nein. Nein. Carlo stand vor ihr, überragte sie um einen Kopf, und seine Nasenlöcher bebten, während er ihr Parfüm einsog. Außerdem sah er sie mit einem Blick an, den er Pippi sicher nicht gegönnt hätte.

Du riechst wie ein Mädchen.

Ich sehe, dass du erwachsen geworden bist.

Eine Frau.

„Würdest du heute Abend mit mir zu einer Party gehen?“, fragte er.

Sie presste die Fingernägel in ihre Handflächen. „Nun …“

„Ich kann dich vielen Leuten vorstellen. Vielleicht findest du ja …“

„Den Mann meines Lebens?“ Warum hatte sie das gesagt? Die Worte waren ihr herausgerutscht, einfach so. Sie klang ein bisschen heiser, ein bisschen kokett – und ein bisschen hörte es sich so an, als flirte sie mit ihm.

Sie war erschrocken und aufgeregt. Abgesehen von ein paar Witzchen und diesem einen demütigenden Kuss waren sie einander nie nähergekommen. Er schien kein Interesse daran gehabt zu haben.

Carlo hob die Augenbrauen, und um seine Mundwinkel zuckte es. Dann streckte er die Hand aus, wickelte eine ihrer Locken um seinen Finger und zog daran. „Ist es das, was du suchst?“

Mit der Zunge fuhr sie sich über die Unterlippe und sah ihn aus halb geschlossenen Lidern an. Auch das hätte man als Flirtversuch interpretieren können. „Kommt drauf an, wie weit ich gehen muss, um ihn zu finden.“

Amüsiert schüttelte Carlo den Kopf. „Meine Güte. Du bist wirklich erwachsen geworden.“

Jetzt war sie sich sicher. Carlo schaute sie mit neu erwachtem Interesse an. Er musterte sie mit einem Blick, den es zuvor nur in ihrer Fantasie gegeben hatte. Das Blut rauschte ihr in den Adern und ihre Haut prickelte.

Carlo sieht mich an, wie ein Mann eine Frau ansieht.

Seine Fingerknöchel streichelten ihre Wange, und sie spürte die Berührung bis in die Zehenspitzen. „Acht Uhr“, sagte er. „Abendgarderobe.“

„Ja.“ Ja. Ja. Ja.

„Wo soll ich dich abholen?“

Plötzlich schien das Blut in Lucys Adern zu gefrieren. Noch immer knisterte es zwischen ihnen, aber sie fragte sich, wie lange das wohl noch anhalten würde.

„Lucy?“

„Bei meiner Schwester. Bis ich was Eigenes gefunden habe, wohne ich bei Elise.“

Und schon hatte Lucy ihre Antwort. Das Knistern, die Hitze, die gespannte Atmosphäre zwischen ihnen – all das war schlagartig vorbei.

Carlo ließ seine Hand fallen und trat einen Schritt zurück. „Ich bin um acht Uhr da.“

Er hielt die Einladung aufrecht. Als ehemaliger Polizist und alter Freund der Familie würde er sie nicht kompromittieren. Selbst wenn er Lucy bei ihrer verheirateten Schwester abholen musste.

Ihrer Schwester. Carlo Milanos unerwiderter Liebe.

2. KAPITEL

Als Lucy gerade gedankenverloren vor dem offenen Schrank stand, klopfte es an die Tür des Gästezimmers. „Herein.“

Ihre Schwester steckte den Kopf ins Zimmer. „Dad hat angerufen, als du unter der Dusche warst. Er wollte wissen, wie dein erster Tag war.“

„Ich hoffe, du hast ihm erzählt, dass ich nicht gekündigt habe“, sagte Lucy. „Und ich bin auch nicht gefeuert worden“, fügte sie leise hinzu. Das schien ihre Familie nämlich grundsätzlich zu erwarten.

Stirnrunzelnd kam ihre Schwester ins Zimmer. „Geht’s dir gut?“

Lucy mied ihren Blick und wandte sich wieder zum Schrank. „Abendgarderobe. Für eine Party, bei der kräftig Werbung für das Street-Beat-Rock-Festival Ende des Monats gemacht werden soll. Ist da etwas weniger Konservatives nicht passender?“

„Keine Ahnung.“ Elise stellte sich neben sie. „Du kennst dich doch in der Musikszene aus. War eine kluge Idee von Carlo, dich einzuladen.“

„Ja. Wirklich klug.“ Lucy vermutete, dass sein Vorschlag eher aus der Not geboren war. Er brauchte eine Begleitung für diesen Geschäftstermin, und sie war die naheliegendste Lösung gewesen. Es wäre reine Selbsttäuschung, mehr darin zu sehen. Selbsttäuschung – genau das richtige Wort. „Da ich für ihn arbeite, dachte ich mir, ich sage besser Ja. Obwohl ich davon überzeugt bin, dass er genügend andere Frauen kennt, die er anrufen könnte.“

„Er ist immer wieder mit jemandem zusammen. Das weiß ich.“

Aus den Augenwinkeln sah Lucy ihre Schwester an. Wie viel wusste Elise wirklich? War sie sich über Carlos Gefühle für sie im Klaren? Lucy war sich nicht sicher. Doch sie und alle von Elises Freunden hatten mitbekommen, dass Carlo die Frau seiner Träume verloren hatte, als Elise vor sechs Jahren John geheiratet hatte.

Auch Lucy hatte seine Gefühle nachvollziehen können, weil Carlo der Mann ihrer Träume war. Es musste ihm das Herz gebrochen haben, der Brautführer von Elise zu sein. Nur seine Schwester hatte ihn darauf angesprochen, und zögernd hatte er es zugegeben. Die beiden hatten nicht bemerkt, dass Lucy in der Nähe war und jedes Wort ihrer Unterhaltung mithörte. Und sein Geständnis hatte auch ihr das Herz gebrochen.

Die Frau seiner Träume. War sie es etwa immer noch? Lucy war Carlos Reaktion nicht entgangen, als sie ihre Schwester erwähnt hatte. Sie schloss daraus, dass er noch immer Gefühle für Elise hegte.

Deshalb hatte Lucy zunächst mit sich gerungen. Sollte sie wirklich mit ihm ausgehen? Als behelfsmäßiger Ersatz für ihre Schwester? Noch war es Zeit, Kopfschmerzen vorzuschützen oder sich mit vorgeblichen Magenkrämpfen aus der Affäre zu ziehen.

Immer noch unsicher griff sie nach einem paillettenbestickten Schlauchkleid in den Farben des Sonnenuntergangs. „Was hältst du davon?“, fragte sie, während sie es prüfend vor ihren Morgenrock hielt.

Elise brach in schallendes Gelächter aus.

„Was ist?“

„Oh, ich denke, du wirst eine gute Figur neben unserem Carlo machen.“

Meinem Carlo, verbesserte sie Lucy im Stillen. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Sagen wir mal so. Dass er den Polizeijob an den Nagel gehängt und sein eigenes erfolgreiches Unternehmen gegründet hat, hat ihn nicht gerade heiterer gestimmt.“

„Vielleicht liegt es daran, dass sein Partner erschossen wurde“, gab Lucy zu bedenken. „Patrick McMillan war für ihn wie ein zweiter Vater!“

Elise seufzte. „Das sollte keine Kritik sein.“

Lucy warf das Kleid aufs Bett, griff nach einer Flasche mit Lotion, die auf der Kommode stand, und begann, ihre Beine einzucremen. „Sondern?“

„Du hast doch gesehen, wie sehr er sich in den letzten Jahren verändert hat“, sagte ihre Schwester. „Früher hat er oft gelächelt, ja, sogar gelacht. Doch jetzt nimmt er kaum noch Einladungen von seinen Freunden an, und wenn er mal kommt, brütet er in einer Ecke vor sich hin oder bringt eine Freundin mit, der er das Reden überlässt.“

Wie diese gut aussehende Tamara? Nun, die ist offenbar schon passé.

„Ich glaube, er weiß gar nicht mehr, wie es ist, Spaß zu haben.“ Mit einer Kopfbewegung deutete Elise auf das farbenfrohe Kleid, das auf der Bettdecke ausgebreitet war. „Vielleicht solltest du das als Teil deines Jobs betrachten.“

Lucy hielt inne. „Lieber nicht. Es ist wichtiger, dass ich diesen Job nicht vermassle – wie all die anderen seit dem College.“ Das dachten nämlich alle, obwohl sie ihre bisherigen Stellen bei einer Anwaltsfirma, in einem Schulsekretariat und bei einer Versicherungsgesellschaft immer selbst gekündigt hatte. Es war nicht so, dass sie keine gute Arbeit geleistet hätte. Die Jobs hatten ihr einfach keinen Spaß gemacht.

Elise verdrehte die Augen. „Du hast zu viel auf unsere Brüder gehört.“

„Und auf Dad. Und vergiss nicht Mom, die mich immer so besorgt ansieht.“ Selbst Elise war nicht ohne. Keiner von ihnen konnte verstehen, warum Lucy immer noch auf der Suche nach dem richtigen Job war.

„Du bist und bleibst eben das Baby unserer Familie“, meinte ihre Schwester.

„Meine Güte, ich bin kein Baby mehr!“

Elise nickte. Dann beugte sie sich nach vorn und nahm das knapp geschnittene Kleid vom Bett. „Ich weiß. Aber vielleicht solltest du das allmählich auch mal den anderen beweisen.“

Na prima, dachte Lucy. Noch ein Punkt auf der Liste. Vermassle dir den Aushilfsjob nicht, bring Carlo zum Lachen, zeig der Welt, dass du nicht länger Lucy mit Zöpfen und Zahnklammer bist.

Beim letzten Punkt musste sie erneut an Carlo denken.

Ich sehe, dass du erwachsen geworden bist.

Eine Frau.

Einen Moment lang redete sie sich ein, dass er das ernst meinte. Dass er sie wirklich sah. Doch kaum hatte sie Elises Namen erwähnt, war er kühl und abweisend geworden. Kein verführerisches Blitzen in seinen Augen, kein Lächeln um den Mund. Wie immer ging es für Carlo stets nur um Elise.

Sollte sie wirklich mit ihm ausgehen? Sollte sie nicht lieber zu Hause bleiben?

Nein. Energisch schraubte sie die Flasche mit Hautlotion zu. Elise hatte recht. Lucy musste beweisen, dass sie nicht länger das naive Nesthäkchen der Familie Sutton war. Ihr Date war rein geschäftlich; mit Carlo hatte es überhaupt nichts zu tun. Oder mit Carlo und Elise. Und am allerwenigsten mit Carlo und Lucy.

Höchste Zeit, dass sie Carlo hinter sich ließ. Diesen Abend wollte sie damit beginnen. Zu dieser Party würde sie als selbstbewusste junge Frau gehen und nicht wie ein liebeskranker Teenager.

Elise verschwand, und nachdem Lucy Make-up aufgelegt und ihr Haar mit dem Lockenstab zurechtgemacht hatte, schlängelte sie sich in das enge Kleid, unter dem sie keinen BH trug, brachte die Träger auf ihren Schultern und ihrem Rücken in Position und verknotete die Bänder an der Taille. Kritisch musterte sie sich im Spiegel.

Das war alles andere als ein Kleinmädchenkleid. Sie hatte es in einem Geschäft in Phoenix gekauft, und obwohl es ein Sonderangebot gewesen war, hatte es ihren gesamten Kleideretat verschlungen. Die Farben, von Blassgelb bis zu intensivem Pink, waren einem Sonnenuntergang im Südwesten nachempfunden und brachten ihr blondes Haar und ihre helle Haut gut zur Geltung. Dazu entschied sie sich für hochhackige Sandalen, ebenfalls in Pink, und einen himbeerfarbenen Lippenstift, den sie die ganze Nacht nicht auffrischen musste – wie die Werbung versprach. Selbst nach dem Küssen nicht.

Darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Doch warum eigentlich nicht? Vielleicht lernte sie ja auf der Party einen attraktiven Mann kennen, der sie küssen wollte. So etwas konnte durchaus passieren.

Die Türglocke läutete, und sie hörte undeutliches Gemurmel: ihren Schwager John und Carlos sonore Stimme.

Sie erschauerte. Das musste die Nachtluft sein.

Energisch verjagte sie alle Hintergedanken, griff nach einer hauchdünnen Stola und ihrer Abendtasche, verließ ihr Schlafzimmer und ging den Korridor hinunter. Eine alleinstehende, selbstbewusste Frau auf dem Weg zu einer Party.

Unvermittelt hielt sie inne, als ihr Blick ins Wohnzimmer fiel. Von ihrem Standort aus, verborgen im Schatten, betrachtete sie die Szenerie.

Ihre Schwester und ihr Schwager saßen auf der Couch; Lucys „Verabredung“ stand vor ihnen. Carlo trug eine graue Hose und ein ebenfalls graues, seidig schimmerndes T-Shirt, darüber ein schwarzes Leinenjackett. Er wirkte völlig entspannt und, nun ja, wohlhabend. Sein dunkles Haar schimmerte mit den glänzenden Slippern um die Wette. Er verzog den Mund zu einem höflichen Lächeln, als John eine Anekdote aus seinem Beruf zum Besten gab. Carlos Blick wanderte weiter und blieb auf Elises ebenmäßigem Gesicht hängen.

Lucy meinte zu sehen, dass sein Lächeln verschwand und sein Blick leer wurde.

Offenbar hatte sie sich durch irgendeine Bewegung verraten, denn abrupt fuhr Carlos Blick herum. Entschlossen betrat sie das Wohnzimmer, um nicht den Eindruck zu erwecken, gelauscht zu haben – die Schultern gestrafft, Schwung in den Hüften. Eine selbstbewusste, alleinstehende Frau auf dem Weg zu einer Party.

Im selben Moment wurde die alleinstehende, selbstbewusste Frau Zeugin, wie sich in Carlos nichtssagender Miene unverhohlene Enttäuschung breitmachte.

Mit voller Wucht schlug das Lampenfieber, das sie stets an einem ersten Arbeitstag empfand, wieder zu. Ihre Nerven vibrierten, als würden Tausende von Mücken über ihre Haut krabbeln. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre davongelaufen. Aber mit ihren hohen Absätzen – passend für eine selbstbewusste, alleinstehende Frau – war an Flucht nicht zu denken.

Carlo Milano verabscheute Partys. Und die, zu der er an diesem Abend musste, war ihm besonders zuwider. Außerdem befand er sich in gefährlicher Gesellschaft.

Als er die Beifahrertür schloss, fiel sein Blick auf Lucys nackte, schlanke Beine, und er seufzte leise. Hätte er doch bloß nicht mit Tamara Schluss gemacht. Dann würde sie ihn nun begleiten. Aber sie wollte mehr von ihm. Mehr, als er zu geben bereit war. Deshalb hatte er mit ihr Schluss gemacht, als sie angefangen hatte, von gemeinsamen Ferien und Besuchen bei ihren Eltern zu sprechen. Solche Szenen waren im Drehbuch von Carlo Milanos Leben nicht vorgesehen.

Dabei glaubte er durchaus an Happy Ends. Seine Schwester und viele seiner Freunde lebten in glücklichen Beziehungen. Und er zweifelte nicht im Geringsten an ihren aufrichtigen Gefühlen füreinander. Er war zu jeder Hochzeit gegangen und hatte dem Brautpaar seine Glückwünsche überbracht.

Eine Hochzeit hatte es allerdings gegeben, bei der er den Glauben daran verloren hatte, dass es auch für ihn ein Happy End geben könnte …

Und nachdem sein Freund und Partner Pat durch einen Mord mitten aus dem Leben gerissen worden war, hatte er sich vorgenommen, allein zu bleiben. Ein Singledasein war mit weniger Schmerzen verbunden. Und machte das Leben einfacher.

„La Jolla liegt doch gar nicht in dieser Richtung“, machte sich die junge Schönheit neben ihm bemerkbar. „Hast du nicht gesagt, dass die Party dort stattfindet?“

Er hielt den Blick starr auf die Straße gerichtet, anstatt die erwachsen gewordene und ziemlich scharf aussehende Lucy Sutton anzusehen. Verflucht! War es Neugier oder reine Nächstenliebe gewesen, weshalb er sie gebeten hatte, ihn zu begleiten?

Es musste Nächstenliebe gewesen sein.

Die Wahrheit lag allerdings anders. Der Vorfall am Wasserspender hatte eine Saite in ihm zum Klingen gebracht. Gerade hatte er sie noch als kaugummikauenden Teenager erlebt, und jetzt sah er in ihr die Frau. Begehrenswert. Verführerisch.

Natürlich war sie unerreichbar, jedenfalls für ihn. Dafür gab es mehrere Gründe: Seit Jahren kannte er die Familie, sie war fast so etwas wie eine kleine Schwester für ihn, und ihre Brüder gehörten zu seinen besten Freunden. Sie würden ihn ganz schön in die Zange nehmen, wenn er etwas mit Lucy anfangen und sie anschließend sitzen lassen würde. Und auch er selbst würde es sich nie verzeihen.

Trotzdem hatte er Lucy eingeladen.

Und jetzt saß sie neben ihm. Begehrenswert. Verführerisch.

Seine Jahre als Streifenpolizist, später als Detective und schließlich als Sicherheitsexperte hatten seinen Instinkt geschärft. Und dieser Instinkt sagte ihm nun, dass das nicht gut gehen konnte mit Lucy Sutton, die so blendend aussah in diesem Kleid, das sich eng um ihre Hüften schmiegte. Er musste sich wirklich zusammenreißen.

„Carlo?“

Er seufzte. „Wir müssen noch einen Zwischenstopp einlegen, bevor wir zur Party fahren.“ Je weniger Zeit er als Lucys Anstandswauwau verbringen musste, umso besser. „Du hast nicht zufällig etwas gegen laute Musik und Menschenmassen?

Aus den Augenwinkeln bemerkte er ihr spitzbübisches Grinsen. „Ich liebe laute Musik und Menschenmassen.“

„Das habe ich mir gedacht“, grummelte er.

Sie lachte. „Warum gehen wir denn überhaupt hin, wenn du Partys nicht ausstehen kannst?“

„Es ist dienstlich.“ Er konnte sich vor Aufträgen nicht retten. In einer Stadt, in der ständig Großveranstaltungen wie Golfturniere und Rockkonzerte ausgerichtet wurden, waren die Dienste von McMillan & Milano sehr gefragt. „Unsere Firma kümmert sich um die Sicherheit beim Street-Beat-Festival, das in drei Wochen stattfindet, und ich muss mich da jetzt schon mal blicken lassen. Wenigstens kurz vorbeischauen.“

Nach seinem Geschmack konnte es nicht kurz genug sein. Wenn Lucy Sutton ihn schon verwirrte, den langjährigen Freund der Familie, der nun wirklich nichts mit ihr vorhatte, wie würde sie dann erst auf Männer wirken, die auf Beutezug waren?

Dieses Mädchen versprach jede Menge Schwierigkeiten.

Er betätigte den Blinker, bog nach rechts ab und hielt in der Einfahrt eines gepflegten einstöckigen Hauses. Wohlwollend schweifte sein Blick über die sauber gestutzten Hecken und das satte Grün des Rasens. Er hatte sich um die Pflege des Grundstücks gekümmert. Die Lampe über der Haustür, an der ein Kranz aus getrocknetem Laub hing, tauchte den Eingangsbereich in ein freundliches Licht.

„Komm mit“, forderte er Lucy auf. „Du kennst doch Germaine McMillan, oder? Ich habe versprochen, ihr etwas zu reparieren.“

Wieder vermied er es, auf Lucys Beine zu blicken, als sie aus dem Wagen stieg. Doch vor dem Duft, den sie verströmte, als sie vor der Eingangstür neben ihm stand, konnte er seine Nase nicht verschließen. Das Parfüm hatte er schon im Büro bemerkt, und mit ihm kam die Erinnerung an die kleinen hübschen Brüste, die aus den Körbchen ihres weißen BHs hervorquollen.

Um sich abzulenken, strich er mit der Hand über das harte Holz der Eingangstür.

Hart wie …

Zum Glück öffnete Germaine in diesem Moment die Tür. Er küsste sie auf die Wange, trat zur Seite und schob seine Begleiterin nach vorn.

„Erinnerst du dich noch an Lucy Sutton?“, fragte er die Witwe seines Partners. „Ihr habt euch bestimmt schon gesehen. Du kennst ja auch die anderen Suttons.“

„Natürlich.“ Germaine schien sich über seinen Besuch sehr zu freuen. Nur aus dem Grund hatte er diesen Umweg gemacht. Ebenso wie die Gartenarbeiten hätte er auch die Reparatur in Auftrag geben können. Doch da Germaine weder Kinder noch Enkel hatte, freute sie sich jedes Mal, wenn sie Carlo sah. Er war für sie die Ersatzfamilie. Deshalb wäre es Carlo auch niemals in den Sinn gekommen, Patrick McMillans Name nach dessen Tod aus dem Firmenlogo zu entfernen. „Möchtet ihr beiden einen Kaffee und etwas Süßes?“, fragte sie.

Sie folgten ihr in das aufgeräumte Wohnzimmer, auf dessen cremefarbenem Teppich noch die Schleifspuren des Staubsaugers zu sehen waren. „Danke, für mich nicht“, sagte Lucy. „Wir sind auf dem Weg zu einer Party.“

Germaine setzte sich auf die blumengemusterte Couch. Lucy folgte ihrem Beispiel. „Dann will ich euch nicht lange aufhalten.“

Carlo winkte ab. „Nur keine Hektik. Wir haben alle Zeit der Welt. Die Party wird sowieso ziemlich langweilig.“

Außerdem war es viel leichter, in Germaines geordneter Welt ein Auge auf Lucy zu haben als auf einer Party, auf der es von Rockmusikern, Geschäftsleuten und Journalisten wimmelte.

„Ach komm“, sagte Germaine. „In deinem Alter sollte man sich doch mit Vergnügen ins Nachtleben stürzen.“

Lucy lehnte sich zu ihr hinüber. „Also wirklich … Wir sind noch nicht mal da, und er meckert jetzt schon, weil die Musik zu laut ist. Ich wusste gar nicht, dass er so ein Spießer ist.“

„Spießer?“ Stirnrunzelnd sah er sie an. „Glaubst du das wirklich? Aber von einer Frau in einem taschentuchgroßen Kleid nehme ich es als Kompliment.“

Lucys Rückgrat straffte sich. Sie wirkte ein wenig pikiert. „Taschentuchgroß? Dieses Kleid ist …“

„Sensationell?“ Spießer. Er konnte die Bemerkung nicht vergessen. „Der schnellste Weg zur Lungenentzündung?“

Verdattert sperrte sie den Mund auf, und ihre blauen Augen wurden schmale Schlitze. „Du bist …“

„Kinder, Kinder.“ Germaine konnte sich das Lachen kaum verkneifen. „Vielleicht sollten wir das Thema wechseln.“

„Du hast recht.“ Verärgert über sich selbst, weil er sich von Lucy hatte provozieren lassen, schob Carlo die Hände in die Taschen. „Ich schaue besser mal nach dem tropfenden Wasserhahn im Bad.“ Germaine wollte aufstehen, doch er schüttelte den Kopf. „Ich kenne mich aus, und ich weiß auch, wo Pat sein Werkzeug aufbewahrt.“

So schnell wie möglich verließ er das Wohnzimmer. Wenn er nicht bereits gewusst hätte, dass Lucys Anwesenheit an diesem Abend zum Problem werden konnte, wäre es ihm spätestens bei ihrer letzten Bemerkung klar geworden. Warum ging sie ihm so sehr unter die Haut?

Spießer. Meckernder Spießer. Einfach lächerlich.

Weshalb machte ihm die Bemerkung bloß so zu schaffen?

Während er sich mit dem Wasserhahn im Badezimmer beschäftigte, musste er an seinen Kumpel Pat denken, und ihm wurde schwer ums Herz. Alles, was er sich gewünscht hatte, war, mit seiner Frau gemeinsam alt zu werden. Und dieser Wunsch war nicht in Erfüllung gegangen. Ein paar Sekunden lang hielt er in seiner Tätigkeit inne und dachte darüber nach, wie ungerecht das Leben sein konnte.

„Kann ich sonst noch etwas für dich tun, Germaine?“, fragte er, als er ins Wohnzimmer zurückkam.

„Nein, vielen Dank“, erwiderte Germaine. „Wird es nicht allmählich Zeit für euch?“

Lucy stand auf und hakte sich bei ihm unter. „Und ob“, rief sie. „Sonst lohnt es sich gar nicht mehr hinzufahren. Oder der …“, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, „… der Spießer hier überlegt es sich womöglich noch anders.“

Halb amüsiert und halb verärgert ließ Carlo sich von ihr zur Tür und zu seinem Wagen ziehen. Selbst ohne Rockmusik tänzelte sie bereits neben ihm her und redete ununterbrochen von den Sternen, dem klaren Himmel und wie glücklich sie sei, wieder in San Diego zu sein, wo man überall den Ozean spüre.

Unentwegt plapperte sie weiter, während er den Wagen aus der Einfahrt fuhr. Und als sie endlich in ihrem Redefluss innehielt, um Luft zu holen, nutzte er die Gelegenheit und sagte: „Lucy, ich habe …“

„Mir verziehen?“

Abrupt drehte er den Kopf in ihre Richtung. Als er die großen Augen sah, mit denen sie ihn musterte, musste er lachen. „Jawohl, Gänschen“, sagte er.

Jetzt war es an ihr, zu schmollen, und amüsiert beobachtete er, wie sie angestrengt aus dem Fenster schaute. Doch als sein Blick auf ihre nackten Beine fiel, vergaß er für einen Augenblick alle Sticheleien. Meine Güte, sie ist die Tochter deiner ältesten Freunde, rief er sich zur Ordnung. Reiß dich zusammen! Doch das Kitzeln in seinen Lenden ließ sich nicht so einfach abstellen.

Verflixt noch mal … Aber warum eigentlich auch? Er war ein Mann mit den ganz normalen Reaktionen eines Mannes. Alte Freunde hin oder her – Lucy Sutton machte ihn scharf.

Sofort meldete sich sein Polizisteninstinkt. Die Botschaft war klar und deutlich. Sei vorsichtig, warnte ihn die innere Stimme. Sei sehr vorsichtig.

Sie war immer noch die kleine Schwester seiner besten Freunde – von Elise und ihren Brüdern Jason und Sam.

Die Suttons und die Milanos kannten sich seit Jahren und waren gute Freunde. Setz das bloß nicht aufs Spiel.

Eine weitere Duftwolke ihres Parfüms drang ihm in die Nase. Komm ihr bloß nicht zu nahe, Milano. Denn sonst, so schwante ihm, könnte er sich mit diesem Abend eine Menge Probleme einhandeln.

3. KAPITEL

Da hat Carlo Milano sich aber ganz schön geirrt, dachte Lucy triumphierend, als sie den Saal betraten, in dem die Street-Beat-Party stattfand. Erstens war die Musik nicht zu laut, und zweitens war ihr Kleid gar nicht so ungewöhnlich, wenn man die anderen Frauen betrachtete, die hier versammelt waren.

Doch auch sie hatte sich geirrt. Carlo Milano war kein langweiliger Spießer. Das wurde ihr spätestens klar, als sie bemerkte, mit welchen Blicken ihn die anderen Frauen musterten: seine funkelnden dunklen Augen, seine ungewöhnlich dunklen Wimpern und seine breiten Schultern, die sich unter dem hellen Leinenjackett deutlich abzeichneten.

Zu allem Überfluss schlängelte sich jetzt auch noch eine hochgewachsene Brünette durch die Menge auf sie zu. In ihrem aufreizend engen Kleid im Tigerfell-Look sah sie aus wie ein Raubtier, das Witterung aufgenommen hat. Die Katzenfrau war noch gut fünf Meter von ihnen entfernt, als sie bereits den Namen ihre Beute rief. „Carlo!“

Unwillkürlich trat Lucy näher an ihn heran. Ihre Hüfte streifte seine Lenden, und rasch rief sie sich in Erinnerung, was sie sich für diesen Abend vorgenommen hatte: Carlo nicht zu nahe zu kommen. Keinen Träumen nachzuhängen, die sich ohnehin nicht erfüllen würden.

Sie war eine alleinstehende, selbstbewusste Frau auf einer Party. Eine alleinstehende, selbstbewusste Frau, die sich nach alleinstehenden, selbstbewussten Männern umschauen sollte. Bewusst ignorierte sie die Frau, die unaufhaltsam näher kam, und machte einen Schritt beiseite, um weiteren Körperkontakt mit Carlo zu vermeiden. „Ich schau mich mal ein wenig …“

„Bleib“, sagte er in ihr Ohr. Es klang zärtlich, nicht wie eine Anweisung. Sie erstarrte, und wie beiläufig legte er seine Hand auf ihren Rücken. Sie spürte seine Finger auf ihrer nackten Haut.

„Carlo …“

„Du kriegst eine Gehaltserhöhung, wenn du mitspielst.“

Ihr blieb keine Zeit zu protestieren. Die Brünette schwebte in einer Wolke von Chanel No. 5 heran. „Mr. Milano“, sagte sie mit tadelnder Stimme. „Sie kommen spät.“

Sie setzte zum Sprung an … nein, streckte Carlo ihre Hand entgegen, und erneut versuchte Lucy, sich davonzustehlen. Doch Carlo verstärkte den Druck seiner Finger und zog sie noch näher zu sich.

Das zwang die andere Frau, sich mit einem Luftkuss irgendwo in der Nähe seines Kinns zu begnügen. Dann musterte sie Lucy mit einem flüchtigen Blick. „Ich bin Claudia Cox“, stellte sie sich vor und wandte sich wieder Carlo zu. „Und wer ist das Entzückendes?“

Lucy biss die Zähne zusammen und drückte der Frau widerwillig die Hand. „Das ist Lucy Sutton. Sie ist vor Kurzem aus Phoenix zurückgekommen.“

Claudia beachtete sie kaum. „Ach ja? Ich dachte, du wolltest mit Tamara kommen.“

Jetzt legte ihr Carlo seine Hand um die Taille und drückte Lucy besitzergreifend an sich. Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr die Knie weich wurden.

„Ich bin mit Lucy hier“, gab Carlo zurück und drückte Lucy so unvermutet einen Kuss auf die Stirn, dass ihre Kopfhaut zu prickeln begann und ihr ein Schauer über den Rücken lief.

„Was für ein Glückskind“, sagte Claudia mit einem schmalen Lächeln.

Lucy dachte, es sei an der Zeit, sich am Gespräch zu beteiligen und unter Beweis zu stellen, dass auch sie eine Stimme hatte. „Das sage ich mir auch jedes Mal, wenn ich diesen Mann meinen Namen aussprechen höre. Schön, Sie kennenzulernen, Claudia.“ Dann verschränkte sie ihre Finger mit Carlos und versuchte unauffällig, seine Hand von ihrer Hüfte zu lösen. Ihr war ohnehin schon heiß genug.

Carlo ließ die Hand sinken, ohne ihre loszulassen, und streichelte sie mit dem Daumen, als Claudias Blick auf ihre Finger fiel.

„Da werden wir uns wohl noch mal treffen müssen. Heute Abend siehst du mir nämlich nicht so aus, als ob du über Geschäftliches reden möchtest.“ Ihre Stimme war ein wenig schärfer geworden.

Carlo straffte die Schultern und unterbrach seine streichelnden Bewegungen. „Was gibt’s denn, Claudia?“

Claudia schaute Lucy vielsagend an. „Haben Sie etwas dagegen …?“

Lucy verstand den Wink. „Oh nein“, sagte sie rasch. „Ich gehe an die Bar und lasse euch beide allein …“

„Aber Darling, du weißt doch, dass ich dich immer im Auge behalten möchte.“ Carlo drückte ihre Finger. Ziemlich fest.

Fast wäre Lucy zusammengezuckt. „Ist er nicht ein Schatz?“, sagte sie zu Claudia, ehe sie sich zu ihrem Begleiter wandte. „Ich gehe nicht weit weg, Darling“, flötete sie.

„Geh nicht weg, Baby.“ Noch einmal drückte er warnend ihre Hand. „Bleib bei mir.“

Baby? Heute Abend wollte sie ihm beweisen, dass sie keines war. Außerdem war er erwachsen genug, um mit einer Leopardenfrau fertig zu werden – egal, was sie mit ihm unter vier Augen zu besprechen hatte.

Lucy warf Carlo ein zuckersüßes Lächeln zu. „Hör zu, Darling, Claudia möchte etwas Geschäftliches mit dir besprechen, und du weißt, wie sehr es mich langweilt, wenn sich eine Unterhaltung um Zahlen und so Zeugs dreht.“

Das kam der Wahrheit gefährlich nahe. Eine Buchhalterin sollte eine solche Bemerkung besser nicht riskieren.

Ungeduldig schüttelte Claudia den Kopf. „Es geht nicht um Zahlen. Ich wollte dir nur sagen, dass ich der Elternabordnung einer örtlichen Schule gestattet habe, uns bei den Sicherheitsvorkehrungen behilflich zu sein.“

„Bei den Sicherheitsvorkehrungen für das Street-Beat-Festival?“ Und mit einem Blick auf Lucy erklärte er: „Claudia ist die Organisatorin der Veranstaltung.“

„Seit fünf Jahren“, ergänzte die Angesprochene und wandte sich wieder an Carlo. „Mit dem Geld, das sie verdienen, möchten die Eltern den Abschlussball ihrer Kinder finanzieren. Eine ähnliche Initiative gab es beim Stadtfest im vergangenen Jahr auch schon. Für uns ist das gute Werbung.“

Carlo runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, Claudia. Ich würde gerne mal mit den Sicherheitsleuten vom Stadtfest reden. Dass die Eltern davon überzeugt sind, muss nichts heißen …“

„Du solltest es zumindest in Betracht ziehen“, warf Lucy ein. „Ich habe im letzten Jahr in Phoenix auch eine Gruppe von freiwilligen Helfern organisiert, die sich um den reibungslosen Ablauf eines Festivals gekümmert haben. Das hat wunderbar geklappt – in jeder Beziehung.“

„Wirklich?“ Carlo zog eine Augenbraue hoch.

Sogar Claudia sah Lucy jetzt mit größerem Interesse an. „Ja“, bekräftigte Lucy. „Wir hatten auch Jugendliche dabei. Denen liegt immer viel daran, in ihren Bewerbungen fürs College gemeinnützige Arbeit vorweisen zu können. Alle über Sechzehnjährigen in Begleitung eines Elternteils waren willkommen.“

„Das klingt wirklich gut.“ Claudia wirkte auf einmal gar nicht mehr raubtierhaft, sondern sehr nachdenklich. „Es könnte sogar den Kartenverkauf ankurbeln, wenn Teenager beim Festival mitarbeiten.“

„Ich verstehe, worauf du hinauswillst, aber …“

„Es bedeutet nicht, dass dein Sicherheitskonzept ersetzt werden soll“, versicherte Claudia ihm. „Es ist eine Ergänzung. Die Freiwilligen können sich um leichtere Aufgaben kümmern – Straßensperren aufstellen oder vor den Imbisswagen für Ordnung sorgen.“

Carlo schaute Lucy an. „Wie ist es denn in Phoenix gelaufen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Na ja, das war meine Idee. Ich habe die Freiwilligen zusammengetrommelt. Und es war so, wie Claudia gesagt hat: Wir haben das professionelle Sicherheitsteam so gut wie möglich unterstützt.“

„Klingt ja ganz so, als seist du erfolgreich gewesen.“

„Vielen Dank. Dazu braucht man nur einen Blick für das Notwendige und ein bisschen Organisationstalent. Ich kann dir die Telefonnummer von dem Mann in Phoenix geben, der …“

„Nicht nötig“, unterbrach er sie. „Du kannst ihn selbst anrufen, wenn es sein muss. Die Veranstaltung in San Diego wird nämlich auch dein Baby sein.“

Sie starrte ihn an. „Mein Baby?“

„Dein Projekt. Du arbeitest doch für McMillan & Milano.“

„Nun ja …“ Offenbar fühlte sich die raubtierhafte Claudia überrumpelt von seinem spontanen Entschluss, Privates und Geschäftliches zu vermischen.

„Ich beauftrage dich damit, Freiwillige von der Highschool für das Street-Beat-Festival zu suchen.“

„Meine Arbeit für McMillan & Milano besteht eigentlich darin, Anrufe entgegenzunehmen und die Post zu sortieren“, protestierte Lucy.

Carlo machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich bitte dich, macht dir das wirklich Spaß? Du hast doch gerade selbst gesagt, dass du ein Organisationstalent bist.“

„Na ja …“ Lucy zögerte.

„Und du bist nicht auf den Kopf gefallen. Schließlich hast du einen Collegeabschluss, auf den deine Eltern mächtig stolz sind.“

Klang das jetzt herablassend, oder meinte er es ernst? Ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, fuhr er fort: „Ich habe soeben beschlossen, dass das dein Projekt ist, Lucy.“

Es ist mein Projekt. Noch so eine Sache, die sie vermasseln konnte. Glücklicherweise fand das Festival erst in drei Wochen statt, wenn ihr Aushilfsjob bei Carlo endete. Sie öffnete den Mund, doch ehe sie etwas entgegnen konnte, schaltete Claudia sich ein. „Carlo …“, sagte sie mit gesenkter Stimme, als hielte sie Lucy für schwerhörig und dämlich. „Glaubst du wirklich, dass deine kleine Telefonistin die Richtige für den Job ist?“

Klein.

Kleine Telefonistin.

Lucy richtete sich empört auf. Aus diesen Worten hörte sie alle Bemerkungen heraus, die sie auf die Palme brachten.

Die kleine Lucy.

Lucy, das Gänschen.

Lucy wird es auch dieses Mal vermasseln.

Carlo zog seine dunklen Augenbrauen hoch. „Lucy?“

Sie schluckte. Nun durfte sie auf keinen Fall einen Rückzieher machen. Nicht vor dieser arroganten Claudia in ihrem Tigerfellkleid, nicht vor Carlo, der es vermutlich ihren Geschwistern brühwarm berichten würde, und nicht vor sich selbst, denn sie musste sich einiges beweisen. „Machen Sie sich keine Sorgen, Claudia“, sagte sie. „Die kleine Telefonistin wird das schon schaffen.“

In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass sie standhaft geblieben wäre und sich von Carlo ferngehalten hätte. Doch nun war es zu spät. Es blieb ihr nichts anderes übrig als zuzustimmen und diese Street-Beat-Veranstaltung erfolgreich hinter sich zu bringen. Sie verdrängte die Panik, die sie bei dem Gedanken daran zu überfallen drohte. Erfolg konnte man es wirklich nicht nennen, wenn man es gerade einmal geschafft hatte, einen Job zu finden, nachdem man im vorherigen versagt hatte.

Irgendwie hatte Lucy es geschafft, sich aus dem Staub zu machen. Carlo blickte sich um. Je länger er sie aus den Augen verloren hatte, umso stärker empfand er das Verlangen, seine Hände um ihre Hüften zu legen. Unsinn – auf sie achtzugeben. Hände weg, Milano. Da sprach wieder der Polizist in ihm. Und sein gesunder Menschenverstand. Hände weg.

Er vergrub seine Hände in den Taschen und schaute sich im Saal um. Viele Besucher standen in Gruppen zusammen, andere bewegten sich auf der kleinen Tanzfläche zu den Klängen der Rockmusik. Wo zum Teufel war sie nur?

Schließlich war es seine Aufgabe, auf sie aufzupassen. Denn er hatte sie eingeladen, er war ihr Chef, und vor allem kannte er sie und ihre Familie seit der Zeit, als Lucy noch Stützräder an ihrem Fahrrad hatte. Bevor sie erwachsen geworden war, weibliche Hüften und wohlgeformte Beine bekommen hatte – und jenes verführerische Lächeln, das ihm sagte, dass er ein Auge auf sie haben musste. Da war er wieder, sein Polizisteninstinkt!

Dann entdeckte er Lucy und war alarmiert. Kein Wunder, dass er sich Sorgen gemacht hatte. Wer war bloß dieser Mann, mit dem sie tanzte? Langes, zotteliges Haar, gepiercte Augenbraue, Motorradstiefel. Er beschleunigte seine Schritte.

Als Carlo in ihre Nähe kam, wirbelte sie gerade wild auf der Tanzfläche herum – und genau in seine Arme.

Sie schaute zu ihm auf und wurde rot. „Oh.“

Er ließ seine Hände von ihren Schultern bis zu ihren Hüften gleiten. Schon einmal hatten sie sich im Laufe dieses Abends dorthin verirrt. Kein Wunder, dass es ihm schwergefallen war, sich auf Claudia und das Geschäftliche zu konzentrieren.

Er verstärkte den Druck, spürte ihre weiche Haut und atmete ihren verführerisch weiblichen Duft ein. „Du hast dich einfach abgesetzt“, sagte er in vorwurfsvollem Ton.

„Abgesetzt? Carlo, ich konnte doch nicht ahnen, dass es dir etwas ausmacht“, neckte sie ihn. Ihre Wimpern flatterten auf und nieder, und einmal mehr warf sie ihm diesen koketten weiblichen Blick zu.

Unbewusst zog er sie näher an sich und ließ die Hände höher wandern. Der Polizist in ihm war stumm geworden. „Lucy …“

Lucy!

Er riss sich zusammen. Das war Lucy, die zu einer Familie gehörte, mit der er befreundet war; Lucy, die vorübergehend bei ihm arbeitete. Er sollte besser auf sie aufpassen, anstatt sie anzufassen.

Sie nutzte die Gelegenheit, um auf die Tanzfläche zurückzukehren. Und zu diesem grinsenden Typen, der sie sofort bei der Hand nahm. Entnervt wandte sich Carlo an einen Mann, der direkt neben ihm stand. „Entschuldigen Sie. Kennen Sie diesen Kerl da?“

„Was?“

„Den Typ da, der diesen roten Blitz auf seinem rechten Arm tätowiert hat.“ Und der eine knallenge Lederhose trug und ein Unterhemd, das an seiner Hühnerbrust klebte.

„Das ist Wrench.“

Was für ein Name. Hieß der Kerl tatsächlich wie ein Werkzeug? Schraubenschlüssel? „Und weiter?“

„Nur Wrench. Er ist der Leadsänger von Silver Bucket.“

Silver Bucket. Ehe er sie aus den Augen verloren hatte, hatte Lucy mit Claudia über das Line-up der Bands beim Street-Beat-Festival gesprochen. Nachdem sich die beiden Frauen eine Weile unterhalten hatten, bestand kein Zweifel mehr daran, dass Lucy Ahnung von Musik hatte. Claudia war beeindruckt, Carlo amüsiert.

Bis jetzt. Sie hatte erzählt, dass sie die Musik von Silver Bucket mochte. Und jetzt tanzte sie ausgerechnet mit dem Leadsänger der Band. Wrench.

Um Himmels willen!

Stirnrunzelnd trat er ein paar Schritte zurück und wartete, was weiter passieren würde. Gut, dass er als ihr Aufpasser auftreten konnte. Es würde ihn davon ablenken, Lucy als Frau zu sehen. Das war an diesem Abend schon viel zu oft passiert – und viel zu riskant.

Natürlich war sie nicht länger ein kleines Mädchen. Keiner, der sie in diesem Kleid sah – zwei zusammengenähte Taschentücher, egal, wie sehr sie es bestritt –, konnte bezweifeln, dass sie eine attraktive, begehrenswerte und erwachsene Frau war.

Dem Leadsänger war es zweifellos nicht entgangen.

„Wrench“, murmelte Carlo grimmig.

Immerhin laut genug, dass der Mann neben ihm ihn gehört hatte. Er zog eine Augenbraue hoch. „Sie kennen Silver Bucket?“

„Ähm …“ Na klasse. Was blieb ihm anderes übrig als zuzugeben, dass er keine Ahnung hatte?

Sein Gegenüber ersparte ihm eine Antwort. „Die sind bekannt für ihre fantastische Feuerwerksshow, wenn sie ihren Hit ‚Mosh Pit‘ singen. Die Leute rasten jedes Mal aus.“

Feuerwerk. „Mosh Pit.“

Ausrasten.

Plötzlich hatte Carlo es sehr eilig, mit Claudia zu reden. Es würde keine Feuerwerksshow geben. Kein Mosh Pit. Und die Leute würden auch nicht ausrasten. Nicht, wenn er für die Sicherheit verantwortlich war.

Er entdeckte Claudia in der Nähe der Bar. Er musste ihr solche Extravaganzen unbedingt ausreden; sonst käme es möglicherweise zu einer Katastrophe. Dann warf er einen letzten Blick auf Lucy. Sie würde schon nicht unter die Räder kommen.

Zehn Minuten später hatten Claudias Zusicherungen ihn einigermaßen beruhigt. Fünf Minuten später war das Gefühl wieder da. Und Lucy war nirgendwo zu sehen. Wrench auch nicht.

Im Geist hörte er ihre Stimme. „Ich liebe diese Band.“

Carlos gesunder Menschenverstand setzte aus. Er malte sich die schlimmsten Dinge aus. Wenn sie mit Wrench durchbrannte, würde ihre Familie ihm das nie verzeihen. Und er würde es sich selbst auch nie verzeihen.

Lucy war wie … wie … sie war fast wie eine Schwester für ihn.

Schwester. Genau.

Mit rasendem Puls eilte er zum Ausgang hinter dem Dessertbüfett. Auf einen Kerl wie Wrench wartete doch bestimmt eine Limousine. Vielleicht saß er schon mit Lucy darin und war unterwegs nach Las Vegas. Er hatte eine Flasche Champagner geöffnet und konnte den Blick nicht von Lucys langen Beinen nehmen, während sie sich auf den schwarzen Ledersitzen rekelte. Verflucht!

„Mit diesem Gesichtsausdruck jagst du den Leuten ja Angst ein.“

Beim Klang von Lucys Stimme wirbelte Carlo um die eigene Achse. Verflixt. Während er sich die schrecklichsten Ereignisse ausgemalt hatte, war er einfach an ihr vorbeigelaufen. Sie stand am anderen Ende des Dessertbüfetts, halb verdeckt von einem Springbrunnen, aus dessen Düsen weiße Schokolade sprudelte.

„Da steckst du also“, sagte er erleichtert.

Sie machte große Augen. „Hast du etwa nach mir gesucht?“

Er wurde langsam wieder ruhig. Während seiner vierunddreißig Jahre auf der Welt hatte er eine Menge dazugelernt. Wenn er Lucy sagte, dass er sich für sie verantwortlich fühlte, würde ihr das bestimmt nicht gefallen.

Statt ihre Frage zu beantworten, stellte er deshalb fest: „Es ist schon spät. Ich wollte mir gerade noch einen Nachtisch besorgen, dann hätte ich dich gesucht, damit wir aufbrechen können.“ Um seine Worte zu unterstreichen, griff er nach einem Teller und begann, ihn mit verschiedenen Desserts zu beladen.

Sie wartete, bis er damit fertig war. Anschließend traten sie zusammen hinaus auf eine kleine Terrasse. Unter einigen Heizpilzen waren kleine Stehtische aufgestellt, doch kaum jemand hielt sich noch draußen auf.

Tief sog er die frische Nachtluft in seine Lungen. Dann maß er sie mit einem kritischen Blick. „Na, amüsierst du dich?“

Sie führte eine mit weißer Schokolade überzogene Erdbeere an ihre halb geöffneten Lippen. „Mhm.“ Dann biss sie in die saftige Frucht.

Er sollte woanders hinschauen.

Er konnte nicht woanders hinschauen.

Verdammt. Sein gesunder Menschenverstand ließ ihn schon wieder im Stich. Ob es an den Heizstrahlern lag, dass ihm mit einem Mal so heiß und schwummerig war?

Sie leckte sich einen Tropfen pinkfarbener Flüssigkeit aus dem Mundwinkel. Carlo räusperte sich, sah sich im Garten um, sah wieder zu ihr.

„Da“, murmelte er und machte eine unbestimmte Bewegung mit seiner Gabel.

Sie runzelte die Stirn. „Da? Wo? Was?“ Verwirrt drehte sie sich um.

„Da, auf deinem Mund.“ Carlo musste einen Schritt näher treten. „Weiße Schokolade.“ Ein winziges Stück klebte an ihrer intensiv roten Unterlippe.

Erfolglos suchte sie mit der Zungenspitze nach dem Schokoladensplitter.

Er konnte es nicht länger mit ansehen. „Lass mich mal“, sagte er ungeduldig. Mit der Kuppe seines Daumens berührte er sie.

Er schaffte es nicht, sich von ihr zu lösen. Wie angeklebt blieb der Daumen an ihrer Lippe haften.

Sie schaute ihn an. Ihr Atem wehte heiß über seine Hand.

Der Augenblick schien endlos zu dauern.

Carlo erinnerte sich dunkel, dass er ein Freund der Familie war. Ein ehemaliger Polizist, der Gefahr zwei Kilometer gegen den Wind witterte. Ein Mann, der allen Situationen gewachsen war.

Doch jetzt pochte das Blut heftig in seinen Adern. Lucy sah ihn aus großen blauen Augen an, als spürte auch sie eine elektrisierende Spannung zwischen ihnen. Er hielt den Atem an. Es war genau wie vor zwei Jahren – in jenem Augenblick, von dem er geglaubt hatte, er habe ihn längst und für immer aus seinem Gedächtnis verbannt.

Denn ihrem Zauber durfte er auf keinen Fall erliegen. Sie war so jung, so unverdorben, sie hatte ein Recht auf ein glückliches Leben – das ein Mann wie er ihr unmöglich geben konnte. Das ein Mann wie er ihr auch gar nicht versprechen durfte, wollte er nicht riskieren, sie zu enttäuschen und zu verletzen.

Dennoch: Als er nun den Daumen von ihrer Lippe löste, dachte er einen Augenblick, Platz zu machen für etwas anderes.

Er beugte sich näher.

Lucy bewegte den Kopf nach links und sah ihn aus großen Augen an. „Vielen Dank.“ Mit der Serviette wischte sie über die Stelle, an der er sie berührt hatte. „Normalerweise bin ich nicht so ungeschickt …“

Wohl kaum ungeschickter als meine Reaktion, dachte Carlo bei sich. Sie verhielt sich vernünftig, er hingegen war vor einer Sekunde noch drauf und dran gewesen, alle Vorsicht außer Acht zu lassen. Er sollte aufhören, mit dem Feuer zu spielen. Einem Feuer, das sich insbesondere in den tieferen Regionen seines Körpers deutlich bemerkbar machte.

„Was ist denn nun zwischen dir und Claudia?“, fragte Lucy mit einem breiten Lächeln.

Er seufzte. „Überhaupt nichts. Und so soll es auch bleiben.“

Sie nickte. „Das habe ich mir schon gedacht. Warum hätte ich sonst deine neue Freundin spielen sollen?“

Rasch sah er sich um. „Behalt’s für dich, ja? Wenn Claudia Wind davon bekommt, bin ich geliefert.“

„Warum sagst du ihr nicht einfach, dass du kein Interesse hast?“

„Hältst du sie etwa für eine Frau, die sich mit so einer Antwort zufriedengibt? Das würde nur ihren Ehrgeiz herausfordern …“

Lucy lachte. „Nun ja, den Eindruck konnte man gewinnen. Aber ich muss sagen, seitdem ich mich mit ihr länger über das Festival unterhalten habe, finde ich sie doch ganz sympathisch.“

„Sie ist eine überaus fähige Geschäftsfrau, aber eben nicht die Frau, die ich in meinem Bett haben möchte.“

Bei seinen letzten Worten erstarb das Lächeln in ihrem Gesicht, und ihre Augen wurden wieder groß.

Ihm wurde heiß. Schlagartig war ihm klar, dass seine Bemerkung die Frage aufwarf, wer denn die Frau war, die er in seinem Bett haben wollte.

Lucy.

Obwohl die Worte nicht laut ausgesprochen wurden, schienen sie die Atmosphäre zwischen ihnen zum Knistern zu bringen.

Gleichgültig, wie absurd diese Vorstellung war, wie viele Gründe dagegen sprachen – der Gedanke war nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Lucy.

Diese vermaledeite sexuelle Anziehungskraft, die sich immer im falschen Moment meldete.

Trotzdem beugte er sich näher zu ihr und kam ihren vollen roten Lippen bedenklich nahe.

Irritiert blinzelte sie ein paar Mal, hob den Arm und hielt die Gabel fast wie eine Waffe vor die Brust. „Du …“, sie schluckte schwer und wurde rot, „… hast da etwas auf deinem Nachtischteller, das ich noch nicht probiert habe. Den … den Kuchen da.“

„Mhm.“ Er würdigte den Kuchen keines Blickes. Noch immer stellte er sich Lucy in seinem Bett vor – oder wenigstens ihren Kuss auf seinem Mund.

Nein!

Lucy war wie eine kleine Schwester für ihn. Nur dass sie es nicht wirklich war. Lucy war ein Kind – nur dass sie keines mehr war. Lucy wollte nicht, dass er sie küsste. Aber warum beugte sie sich dann immer weiter vor und wandte den Blick nicht von seinem Mund, als ob sie wollte, dass er sich dem ihren näherte?

Jetzt lehnte auch er sich zu ihr.

War er wirklich so schwach? Offensichtlich ja. Oder die Anziehungskraft war so stark.

Wie gebannt starrte er auf ihre kirschroten Lippen und die feuchte Zungenspitze, die hervorschnellte und über die trockene Oberlippe fuhr. Das war die letzte Gelegenheit, seinen Verstand siegen, seine Gehirnzellen aufmarschieren zu lassen und etwas anderes zu tun, als einfach nachzugeben.

Doch er sah sich außerstande, sich ihrem Bann zu entziehen. Wieder schluckte sie. „Was … was würde mich denn ein Bissen kosten?“

Er lachte leise. „Ich bin sicher, dass uns da was einfallen wird.“

Sie bewegte sich nicht und leistete keinen Widerstand, als er ihr die Gabel aus der Hand nahm und auf den Tisch legte. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, als er sie näher an sich zog. Sie gab keinen Laut von sich, als er der Versuchung nachgab und sich mit seinem Mund ihren Lippen näherte.

4. KAPITEL

Im letzten Moment zögerte Carlo. Ihrer beider Atem vermischte sich. Was zum Teufel tat er da? Er bildete sich so viel auf seine Loyalität ein, und jetzt hätte er nicht sagen können, von welchem Teufel er gerade geritten wurde. Ein anständiger und respektabler Mann wie er sollte niemals etwas tun, das unmöglich zu einem guten Ende führen konnte.

Aber es ist doch nur ein Kuss, wisperte der Verführer in seinem Kopf. Er verpflichtet dich zu gar nichts. Was soll schon passieren?

Eine Menge. Eine ganze Menge. Lucy war schon lange nicht mehr das kleine Mädchen, dem man bloß liebevoll über die Wange streichelte. Mittlerweile war sie eine Frau mit glänzenden kirschroten Lippen und einem Atem, der schwach nach Schokolade duftete.

Er wollte ja bloß eine Kostprobe. Einen Versuch war es bestimmt wert. Eine flüchtige Berührung ohne schwerwiegende Konsequenzen.

Regungslos stand sie vor ihm und schaute ihn erwartungsvoll an. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände, und als sie nicht protestierte, sondern hingebungsvoll die Augen schloss, berührte er mit den Lippen ihren Mund. Vorsichtig, ermahnte er sich selbst. Er streifte ihre Lippen erneut mit einem flüchtigen Kuss.

Sie zitterte. Um Himmels willen! Es durchfuhr ihn wie ein Blitz, und er bekämpfte den Wunsch, sie enger an sich zu ziehen, um die Wärme ihrer Haut zu spüren. Als er erneut ihren Mund liebkoste, durchfuhr sie ein weiterer Schauer, und ihre überwältigte Reaktion traf ihn bis ins Herz. Er hatte das Gefühl, einen Schmetterling in der Hand zu halten.

Ungeheure Energieströme flossen durch seinen Körper. Unwillkürlich verspannten sich seine Muskeln. Lucys Kuss schmeckte unwahrscheinlich verlockend. Lucy war süß, und er zwang sich, sie nicht mit seinem Begehren zu erschrecken.

Doch noch war er nicht bereit, den Versuch zu beenden. Noch immer hielt er ihr Gesicht zwischen seinen Händen, während er ihr einen weiteren sanften Kuss auf die Lippen drückte. Wieder erbebte sie, und wieder schoss eine Woge der Energie durch seinen Körper.

Ganz langsam verstärkte er den Druck seiner Lippen, und er spürte, wie sie ihren Mund unter seiner Liebkosung öffnete. Immer noch sehr behutsam, um sie nicht zu verstören, schob er die Spitze seiner Zunge in ihren Mund, um die ihre zu berühren.

Als sie seine Wärme und Feuchtigkeit spürte, stieß sie einen unterdrückten Laut aus, der tief aus ihrer Kehle kam, und …

Sie biss ihn.

Ein kleiner, kecker, herausfordernder Biss in seine Zunge, die im Zaum zu halten er sich so sehr bemüht hatte, um sie nicht zu überrumpeln.

Abrupt zog er den Kopf zurück. Sein Körper war wie elektrisiert.

Aus halb geschlossenen Lidern schaute sie ihn an. Ihre Wangen waren gerötet, und in ihrer Miene lag ein Ausdruck von – Wut?

„Ich … es …“, stammelte Carlo. Tut mir leid? Wollte sie ihm mit ihrem Blick zu verstehen geben, dass er sich in Acht nehmen solle? Doch sie war ihm nicht ausgewichen, und als er die Hände von ihrem Gesicht nehmen wollte, griff sie nach seinen Handgelenken, um ihn zurückzuhalten. Ihre Wangen in seinen gewölbten Handflächen waren heiß.

„Das nennst du einen Kuss?“, fragte sie herausfordernd.

Ihre Worte klangen in seinen Ohren nach. Das nennst du einen Kuss?

Wenn er aufrichtig sein sollte – und hatte er sich nicht soeben vorgenommen, genau das zu sein? –, war dieser Kuss in der Tat kein Kuss, wie man ihn von Carlo Milano gewohnt war. Carlo Milano stand nicht auf halbe Sachen. Er war ein heißblütiger Italiener, und die Küsse, mit denen er die Frauen beglückte, waren wild, leidenschaftlich und fordernd. Es waren Küsse für erwachsene Frauen. Erwachsene Frauen wie …

Lucy.

Lucy war erwachsen. Ihre kirschroten Lippen und das mehr als knappe Kleid sprachen eine deutliche Sprache. Und wie erwachsen sie war!

Offenbar hatte sie seine Gedanken gelesen. „Spießerküsse sind nicht meine Sache“, flüsterte sie.

Als er ihre koketten Worte hörte, zog er sie fester an sich und presste seine Lippen auf ihre. Oh ja, sie war ein kleiner Teufel, da gab es keinen Zweifel. Sie ließ seine Handgelenke los und legte die Arme um seinen Hals.

„So ist es gut“, seufzte sie. „Wenn schon, dann richtig.“

Mehr Aufforderung brauchte er nicht. Mit der Zunge teilte er ihre Lippen, die sie bereitwillig öffnete. Wieder stieß sie diesen Laut aus, der aus der Tiefe ihrer Kehle kam, aber dieses Mal klang er rauer, weiblicher, und er schob die Zunge in ihren Mund, um sie zu schmecken.

Süß. Heiß. Sexy.

Ihre Zungen spielten miteinander, und er ließ seine Hände tiefer gleiten, bis er ihre Hüften erreicht hatte. Er presste sie gegen seinen Unterleib, und nun war er es, der ein heiseres Stöhnen hören ließ. Weich und warm und geschmeidig lag sie in seinen Armen. Er spürte ihr Zittern, und sein Körper bebte im Gleichklang mit ihrem.

Sie streichelte seinen Nacken und spielte mit seinem Haar, und ein heißer Schauer lief ihm über den Rücken. Das Gefühl erfasste seinen ganzen Körper. Bestimmt spürte sie ihn an ihrem flachen Bauch, doch sie neigte nur den Kopf ein wenig zur Seite, um seinen Kuss mit noch mehr Leidenschaft zu beantworten.

Er hätte seine rechte Hand dafür gegeben, um ihr Begehren noch mehr zu entfachen. Nein, nicht die rechte Hand. Die brauchte er noch, wie er feststellte, als er sie zwischen ihre eng aneinandergeschmiegten Körper schob und mit den Fingern an ihren Rippen hochfuhr.

Höher und höher, bis er ihre Brust erreichte. Lucy bog sich ihm entgegen. Ihre Hüften drängten sich gegen seine, als er mit den Fingerkuppen die harte Spitze berührte.

Er nahm alles nur noch wie durch einen Nebel wahr, aber eines wusste er ganz klar: Er wollte mehr, mehr, mehr. Er konnte keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Er, der Polizist mit seinen messerscharfen Instinkten, der immer und überall einen kühlen Kopf bewahrte.

Doch im Augenblick gab es nur noch eines: Lucy lag in seinen Armen, und Carlo spürte zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder Leben in sich. Das Blut rauschte durch seine Adern – ein Gefühl, von dem er nicht wusste, wann er es zum letzten Mal empfunden hatte.

Vielleicht war er noch nie so glücklich gewesen.

Vielleicht war er noch nie so lebendig gewesen.

Er ließ seine Hand tiefer gleiten, streichelte die sanfte Rundung ihres Pos, während er mit der anderen weiter ihre Brust liebkoste.

Es war himmlisch.

„Wow!“ Ein unterdrücktes Lachen drang durch den Nebel in Carlos Kopf. Ohne den Kuss zu beenden, öffnete er die Augen. Gerade noch sah er, wie das Paar wieder im Ballsaal verschwand. Und mit einem Schlag war er in die Realität zurückgekehrt.

Was für ein Albtraum!

Hier knutschten sie in aller Öffentlichkeit auf der Terrasse, bei einer offiziellen Veranstaltung, und er hatte kurz davor gestanden, seiner Angestellten die Kleider vom Leib zu reißen.

Mit einer abrupten Bewegung trat er einen Schritt zurück.

Räusperte sich.

Knöpfte sein Jackett zu, um seine Erregung zu verbergen.

Griff nach dem lauwarmen Kaffee auf dem Beistelltisch und goss sich die bittere Flüssigkeit in die Kehle.

Und dann blieb ihm nichts anderes mehr zu tun, als Lucy ins Gesicht zu schauen.

Sie erwiderte seinen Blick.

„Nun …“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich … das war …“ Er holte tief Luft und überlegte, was er als Nächstes sagen sollte. Was war nur los mit ihm? Noch immer konnte er keinen klaren Gedanken fassen – jedenfalls nicht, solange er Lucys Parfüm an den Händen hatte und ihren köstlichen Geschmack auf der Zunge.

Der vernünftige Carlo Milano, der Expolizist Carlo Milano, der erfolgreiche Geschäftsmann Carlo Milano hatte sich von einem blauäugigen, blonden Mitglied der Familie, die seit Jahren zu seinen besten Freunden gehörte, vollkommen aus der Fassung bringen lassen.

Das also war los mit ihm. Jetzt erinnerte er sich wieder. Lucy Sutton war mehr als bloß Sekretärin auf Zeit. Sie war und blieb ein Teil seines Lebens – allein schon wegen seiner Freundschaft zu ihren Brüdern, der Schwester und den Eltern.

Er durfte nicht mit Lucy spielen, wie er es mit all den anderen Frauen tat, die er kennenlernte.

„Nun, ich … ähm, du …“ Er unterdrückte ein gequältes Stöhnen, weil er keinen vernünftigen Satz herausbrachte. Du hast diese Frau geküsst, Milano. Jetzt sieh gefälligst zu, wie du das wieder in Ordnung bringst.

Er räusperte sich, zupfte an seiner Jacke, schaute ihr ins Gesicht, schaute wieder weg. „Ich meine, ich wollte …“

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber dieses Kleid hilft nicht wirklich gegen die Kälte“, unterbrach Lucy ihn. Kaum hatte sie den Satz beendet, schaute sie verlegen beiseite. Natürlich wussten beide, warum die Temperatur plötzlich rapide gesunken schien.

Es kitzelte ihn in der Kuppe seines Daumens, als er sich daran erinnerte, wie sich ihre harte Spitze angefühlt hatte.

Carlo schob die Hand in die Tasche und holte tief Luft. „Dann gehen wir besser mal rein.“

„Und vielleicht gleich wieder raus zum Wagen?“, schlug sie vor. „Es ist schon spät, und ich bin sicher, dass mich mein unerbittlicher Chef morgen früh pünktlich zur Arbeit erwartet.“

„Klar.“ Carlo ging zur Tür, die in den Ballsaal führte, und öffnete sie. Als Lucy an ihm vorbeiging, hielt er den Atem an, um ihren verführerischen Duft nicht riechen zu müssen.

Auf dem Weg zum Wagen und auch auf der Heimfahrt zermarterte er sich das Gehirn, wie er diesen Kuss erklären konnte, der niemals hätte geschehen dürfen. Obwohl er sich heftige Vorwürfe machte, gelang es ihm nicht, die Erinnerung an die lusttrunkenen Sekunden aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Wie sollten sie in Zukunft miteinander umgehen, ohne dass er ständig daran denken musste? Wie sollte er ihr – und sich – erklären, dass dieser Moment so sehr aus dem Ruder gelaufen war?

„Ich war einfach nur neugierig“, murmelte er, um auszuprobieren, wie sich der Satz anhörte.

„Wie bitte?“

Verflucht. Da hatte er wohl lauter geredet, als er geglaubt hatte.

Doch es war die einzige halbwegs plausible Erklärung, die ihm in den Sinn kam. „Neugier, weißt du.“

„Kannst du mir das genauer erklären?“

Er tat so, als nähme das Autofahren seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. „Wir mussten das irgendwie hinter uns bringen, stimmt’s?“

„Den Kuss.“

„Genau.“ Er zuckte mit den Schultern. „Es lag irgendwie in der Luft, weißt du, und es war das Beste, die Sache abzuhaken. Wir sollten das Ganze vergessen.“

„Vergessen.“

Es irritierte ihn, wie sie das Wort wiederholte. Sie war irritierend, sagte er sich. Und wenn man ihn fragte, erklärte das den ganzen Vorfall ziemlich erschöpfend. Ihr Kleid war irritierend, das Licht der Straßenlaternen, das sich in ihrem blonden Haar verfing, die verdammte Situation, in die er hineingerutscht war, die Tatsache, dass ihn die Frau, die seine Telefonanrufe entgegennahm und ihm die Post auf den Schreibtisch legte, scharf machte – all das war mehr als irritierend.

Er bog in die Einfahrt des Hauses ein, in dem ihre Schwester und ihr Schwager wohnten.

„Erzähl Elise nichts davon“, hörte er sich sagen. Denn wenn Lucy das tat, würden es bald auch ihre Brüder erfahren, und die würden ihn gehörig in die Mangel nehmen … Wie sollte er sich dann verhalten?

„Wovon soll ich Elise nichts erzählen?“, fragte Lucy tonlos.

„Na, von …“

„Uns?“

Er seufzte. „Ja.“

„Warum sollte ich das tun? Es gibt doch nichts von uns zu erzählen, oder?“

Sie sagte das so kühl. So sachlich. Genauso, wie er es gewollt hatte. Wie er es erhofft hatte.

„Das stimmt“, bestätigte er. „Es gibt nichts zu erzählen. Alles schon vergessen. Es ist nichts zwischen uns.“

Als sie aus dem Wagen stieg, brabbelte er immer noch unsinniges Zeug. Er wartete, bis sie im Haus verschwunden war.

„Es ist überhaupt nichts zwischen uns“, wiederholte er, als die Tür ins Schloss fiel. Dann schlug er mit der Stirn gegen das Lenkrad. Bumm. Bumm. Bumm.

Mit jedem Rums gab er zu, dass er – der Mann, der sich so viel auf seine Aufrichtigkeit einbildete – log wie gedruckt.

Lucy beschloss, den Kuss, nun ja, die Küsse und all das, was sonst noch während der Street-Beat-Party auf dieser Terrasse passiert war, aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Das ging ganz gut. Solange sie nicht in Carlos Nähe war. Dummerweise war sie die ganze Zeit in Carlos Nähe. Immerhin war er ihr Chef. Jedenfalls vorübergehend.

Und auch in diesem Augenblick saß Carlo neben ihr am Steuer seines Wagens, mit dem sie nach Norden, in Richtung San Diego County, fuhren. Im Büro der Konzertveranstalterin Claudia Cox wollten sie die Organisation der freiwilligen Helfer besprechen, um die Lucy sich kümmern sollte. Verstohlen warf sie einen Blick in Carlos Richtung, ehe sie wieder aus dem Fenster sah. Manchmal ertappte sie sich dabei, wie sie sein Gesicht betrachtete und sich daran erinnerte, wie sich seine Zunge in ihrem Mund und seine Finger auf ihrer Brust angefühlt hatten.

Umwerfend. Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, und rutschte unbehaglich auf dem Ledersitz hin und her.

„Was ist los?“, wollte er wissen.

„Nichts.“ Sie würde den Teufel tun zuzugeben, dass sie das, was geschehen war, mehr beeindruckt hatte als Carlo Küss-mich-vergiss-mich-Milano. Trotzdem runzelte sie die Stirn. „Ich hätte das auch allein machen können.“

„Es macht mir nichts aus, dich zu begleiten.“

Aber ihr machte es etwas aus. Er hatte ihr den Job übertragen und hätte sie die Vorbereitungen besser allein erledigen lassen. Vielleicht bereute er seinen Entschluss bereits. Möglicherweise hielt er sie für unfähig, was sie nicht überraschen würde, da es ihre gesamte Familie ebenfalls tat.

Sie zupfte am Saum ihres Rocks und glättete imaginäre Falten mit der Handfläche. Vielleicht hatte er neulich nachts deshalb so schnell einen Rückzieher gemacht. Möglicherweise hielt er sie auch für eine Niete, wenn es ums Küssen ging.

Pah. Sie würde ihm schon beweisen, dass er sich irrte. Sie würde ihm zeigen, dass sie das Street-Beat-Projekt in den Griff bekam.

Und sie würde ihn nie mehr küssen.

Kurz nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, hielten sie, und Lucy betrat, ganz Geschäftsfrau, das Gebäude, in dem Claudia Cox’ Büro untergebracht war. Doch in der Lobby blieb sie unvermittelt stehen und sah sich um wie ein kleines Kind. In Carlos Büro hatte sie die phänomenale Aussicht auf die Bucht beeindruckt. In diesem Büro beeindruckten sie … Farben, Klänge.

Jede der geschwungenen Wände, die sich hinter der Rezeption erstreckten, war in einer anderen Farbe gestrichen: Ocker, Goldrot, Türkis. Ein smaragdgrüner Sisalteppich bedeckte den größten Teil des hellbraunen Parkettbodens. Die Polster der Stühle und die Sessel waren mit mexikanisch anmutenden Stoffen in leuchtenden Farben bezogen. An jeder Wand hing ein Flachbildschirm, über den Musikvideos flimmerten. Die unterschiedlichen Musikstücke verschmolzen zu einer Kakofonie, die Carlo schmerzhaft zusammenzucken ließ.

Lucy dachte an die drei Büros, in denen sie bisher gearbeitet hatte. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund waren die Wände in allen dreien in einem Seekrankgrün gestrichen gewesen. Die einzigen Farbtupfer waren die kostenlosen Wandkalender gewesen, die die Hauptgeschäftsstelle der Versicherungsgesellschaft immer um die Weihnachtszeit zu verschicken pflegte.

Und es gab noch mehr zu bewundern in dieser Lobby, durch die man zu den Büros der Konzertveranstalterin gelangte. Die Empfangsdame gehörte beispielsweise dazu. Sie trug giftgrüne Leggings unter einem weiten Rock und eine passenden Bluse, und als sie von den Telefonen auf der Acrylplatte des Schreibtischs aufblickte, bemerkte Lucy einen winzigen Saphirstein in ihrer Nase und zwei dazu passende Piercings in ihrer linken Augenbraue.

„Darf ich …“, begann sie. In diesem Moment bog Claudia um die Ecke.

Heute trug sie ein anderes bemerkenswertes Outfit. Kein Tigerfellkleid, sondern eine kanariengelbe Hose und ein Halstuch, dessen Muster an ein Bild von Picasso erinnerte.

Carlo legte die Hand auf Lucys Rücken und schob sie mit einer sanften Bewegung nach vorn. „Du erinnerst dich an Lucy?“

Während sie ihr kurz die Hand schüttelten, musterte Claudia ihr Gegenüber von oben bis unten. In ihrem grau gestreiften Rock und der dazu passenden Jacke kam sich Lucy ziemlich unscheinbar vor, obwohl ihre Mutter viel Geld ausgegeben hatte, um sie nach dem Examen für ihre Vorstellungsgespräche angemessen einzukleiden. Nervös rieb sie die feuchten Handflächen aneinander. Ihr Selbstvertrauen schmolz dahin wie Schnee in der Sonne.

Claudia führte die beiden durch einen Korridor, der ebenfalls in leuchtenden Farben gestrichen war. Dabei warf sie Lucy einen neuerlichen Blick zu. „Für wen haben Sie eigentlich zuletzt gearbeitet? Für einen Beerdigungsunternehmer?“

Das Lachen blieb Lucy im Halse stecken, und sie spürte, wie ihre Wangen rot wurden. „Mein älterer Bruder hat mir tatsächlich mal ein Vorstellungsgespräch bei einem Bestatter besorgt.“ Gott sei Dank hatte er Lucy für ungeeignet befunden. „Aber in den meisten Unternehmen kleidet man sich ja ein bisschen dezenter als hier.“

Oder sollte ihre Familie möglicherweise recht haben? Vielleicht war Lucy tatsächlich für keine Stelle geeignet.

Trübsinnig folgte sie Claudia, die den Duft von Chanel No. 5 verströmte, über den Gang und warf einen Blick in eines der Büros. Ein junger Mann mit Dreadlocks sprach in das Mikrofon seines Headsets. In einem anderen Raum wippte eine Frau in Jeans und knappem T-Shirt zu Musik aus gigantischen Kopfhörern, die sie sich über die Ohren gestülpt hatte.

Claudia wandte sich erneut an Lucy. „Mein Bruder wollte mich als Schreibkraft einstellen. Ich sollte seine medizinischen Protokolle abtippen“, erzählte sie. „Und mein erster Mann wollte mich zu einer Brustvergrößerung überreden.“

Während Lucy diese erstaunlichen Neuigkeiten auf sich wirken ließ, blieb Claudia an einer Nische mit einem kleinen Kühlschrank, einem Kaffeeautomaten und einer Espressomaschine stehen. „Glücklicherweise habe ich meinen Kopf durchgesetzt.“

Ohne eine Reaktion abzuwarten oder auch nur zu fragen, was sie trinken wollten, griff Claudia in den Kühlschrank und holte einige kleine Wasserflaschen heraus. Dann setzten sie ihren Weg durch den Korridor fort.

Lucy verlangsamte ihr Tempo, damit Carlo sie einholen konnte. „Was ist denn mit ihrem zweiten Mann?“, wisperte sie.

„Frag nicht“, flüsterte er zurück.

„Glaubt nicht, dass ich das nicht gehört habe“, sagte Claudia und blieb vor einer geschlossenen Tür stehen. „Es ist kein Geheimnis. Mein zweiter Mann hat mich festnehmen lassen, weil ich seine Sachen aus der Reinigung geholt und als Pfand behalten habe, nachdem ich den Mistkerl hinausgeworfen hatte.“

„Oh.“ Lucy riss die Augen auf. Sie hätte besser wirklich nicht gefragt. Bislang war das Gespräch nicht gerade glücklich gelaufen – angefangen bei Lucys grauem Hosenanzug bis zu Claudias Ehegeschichten. „Das tut mir leid.“

„Muss es nicht.“ Die Ringe an Claudias Fingern blitzten, als sie eine wegwerfende Geste machte. „Denn bei der Scheidung konnte ich erfolgreich eine Menge schmutziger Wäsche waschen. Und jetzt ist das hier alles meins.“

Mit diesen Worten stieß sie die Tür zu einem in pflaumenblauen Farben gehaltenen Konferenzzimmer auf, in dem ein langer Tisch stand, der von Polsterstühlen umgeben war. Auf ihnen saßen einige Leute mittleren Alters, die wie ganz normale Familienmenschen aussahen und in dieser farbenfrohen Umgebung ziemlich fehl am Platz wirkten. Die Versammelten erhoben sich, und die Art und Weise, wie sie Claudia betrachteten, ließ darauf schließen, dass sie ihre letzte Bemerkung mitbekommen hatten und offenbar überlegten, ob es nicht besser wäre, so schnell wie möglich zu verschwinden. Hilfe suchend schauten sie zu Carlo, doch dessen ernste Polizistenmiene schien sie eher einzuschüchtern. Erst als ihre Blicke auf Lucy fielen, entspannten sich ihre Züge.

Fast hätte Lucy laut gelacht. Lucy Gänschen hatte noch nie jemanden erschreckt. Mit einem strahlenden Lächeln trat sie einen Schritt näher. „Hallo“, sagte sie und reichte jedem von ihnen die Hand. „Ich bin Lucy Sutton und freue mich, Sie kennenzulernen. Ich koordiniere die freiwilligen Helfer beim Street-Beat-Festival.“

Die Anwesenden nahmen wieder am Konferenztisch Platz. Claudia übernahm den Tischvorsitz, und der Ausdruck von Nervosität kehrte in die Mienen der Eltern zurück. Offenbar spürte Claudia die angespannte Atmosphäre, denn sie erteilte rasch Carlo das Wort, der es sofort an seine „Assistentin“ weitergab.

Alle Augen waren auf Lucy gerichtet. Sie hatte einen Kloß im Magen, und ihre Hände zitterten ein wenig, als sie den Aktenordner öffnete, den sie mitgebracht hatte. Während sie die Blätter vor sich ausbreitete, versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen.

Was schlage ich vor?

Warum bin ich dafür zuständig?

Wenn ich nun versage …?

Ich möchte mich vor Carlo nicht zum Narren machen.

Meine Familie wird mir das niemals zutrauen.

Lucy Gänschen, das kleine Dummerchen.

Unvermittelt drang Carlos Stimme in ihre Gedanken. „Im vergangenen Jahr hat Lucy eine ähnliche Aktion beim Heißluftballon-Festival in Phoenix organisiert“, erklärte er. „Nach den Worten von Arthur McGrath, dem Veranstalter, war es ein großer Erfolg.“

Lucy hob den Kopf. Es war tatsächlich ein großer Erfolg gewesen. Aber wann hatte Carlo mit Art gesprochen? Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.

Er deutete mit dem Kinn in ihre Richtung. „Ein großer Erfolg“, wiederholte er.

Lucy räusperte sich und lächelte den Eltern zu. „Ich bin mir sicher, dass wir es auch beim Street Beat hinbekommen werden.“

Die Eltern erwiderten ihr Lächeln. Sie holten Stifte und Papier hervor und wirkten noch zufriedener, als Lucy ihnen Blätter vorlegte, auf denen sie das, was sie bereits mit Carlo besprochen hatte, notiert hatte: den Zeitplan, die Kleidung, die die freiwilligen Helfer tragen sollten, die Einverständniserklärung, die von den Eltern unterschrieben werden musste, damit ihre Kinder mitwirken durften. Am Ende vereinbarten sie ein abschließendes Treffen in den Büros von McMillan & Milano mit allen Freiwilligen, bei dem sie ihnen ihre genauen Aufgaben erklären wollte.

Dann war das Treffen vorbei, und alle erhoben sich von ihren ...

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