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BACCARA EXTRA, BAND 2

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Ein Wüstenprinz zum Küssen

1. KAPITEL

Warum regnete es nicht endlich? Dicke Wolken, dunkel und bedrohlich, verdeckten die heiße Julisonne. Donner grollte in der Ferne. Kein Blatt bewegte sich in der feuchten, drückenden Luft. Linnea Swanson stand auf ihrer Terrasse. Die wenigen Blumen, die sie gepflanzt hatte, waren von den Rehen abgeknabbert worden. Sie nahm es den Tieren nicht übel. Schließlich waren sie zuerst hier gewesen. Die Wohnanlage war in einem Waldgebiet hochgezogen worden.

Linnea hatte New York vor mehr als zwei Jahren verlassen und sich diese Zuflucht im Grünen gesucht, um hier Kraft zu sammeln. Das Leben war seit damals die Hölle für sie. Wann würde die Ungewissheit ein Ende haben?

Seufzend sah sie auf ihre Uhr. Es war bereits nach fünf. Noch vor dem Abendessen sollte sie die letzte Illustration für das Buch über die Medizin der griechischen Antike fertig machen. Es war ein sehr lukrativer Auftrag, und sie konnte das Honorar gebrauchen. Glücklicherweise hatte sie eine Möglichkeit gefunden, ihr künstlerisches Talent zu vermarkten, denn das Geld, das sie bei der Manhattan Bank angelegt hatte, war für einen anderen Zweck bestimmt, nicht für ihren Lebensunterhalt.

Doch egal, wie viel sie von diesem besonderen Konto eingesetzt hatte, ihre Suche war bislang erfolglos geblieben.

Ein Blitz. Sekunden später donnerte es. Linnea streckte die Hand aus. Immer noch keine Regentropfen. Nichts. Kopfschüttelnd ging sie zurück ins Haus. Sie war es so leid zu warten.

Talal Zohir fuhr mit seinem roten Cabrio vom Highway herunter. Misstrauisch musterte er den Himmel.

Auf Arabisch sagte er: „Ich muss das Dach schließen, sonst werden wir gleich nass.“

Das kleine Mädchen in dem Kindersitz neben ihm sah ihn verwirrt an, als er den Mechanismus in Gang setzte. Dann duckte es sich und beobachtete mit ängstlicher Faszination, wie das Verdeck sich schloss.

Talal nahm ihre Hand, und sie umklammerte seinen Zeigefinger. „Es ist alles in Ordnung“, versicherte er und lächelte die Kleine beruhigend an. „Ich bin bei dir.“ Sie erwiderte sein Lächeln nicht – er hatte sie noch nie lächeln sehen –, doch sie lockerte ihren Griff.

„Mama?“, fragte sie nach einer Weile.

„Gleich sind wir da“, versprach er ihr.

Sie steckte den Daumen in den Mund.

„Hab keine Angst“, sagte er. Arme Kleine. Yasmins Welt hatte sich im vergangenen Monat dramatisch verändert, und es war erstaunlich, wie sie das wegsteckte. Trotz der fremden Menschen und der ständig wechselnden fremden Umgebung hatte sie nicht ein einziges Mal geweint. In der kurzen Zeit, seit sie jetzt zusammen waren, hatte er Yasmin in sein Herz geschlossen.

Nicht, dass er von der Aufgabe begeistert gewesen war, die sein Großonkel ihm übertragen hatte. Ein altes Sprichwort in Kholi sagte: Ein kleines Haus kann hundert Freunde, aber ein großer Palast nicht zwei Feinde beherbergen. Es brachte nichts ein, den König zu verärgern, besonders dann, wenn man auch noch mit ihm verwandt war. Der König befahl, und man hatte zu gehorchen.

Als Gegenleistung wartete in Amerika ein ganz besonderes Geschenk auf ihn – in Nevada. Er beabsichtigte, seinen Auftrag hier in New York so schnell wie möglich zu erledigen, um dann sofort in den Westen zu fliegen.

Er bog nach links ab. Kurz darauf befand er sich in der Straße, die er suchte. Auf dem Stellplatz, der zu ihrer Wohnung gehörte, stand ein Wagen. Glück gehabt, dachte er. Sie ist zu Hause. Er hob das sich sträubende Mädchen aus dem Kindersitz. „Ich weiß, du bist müde. Komm, ich trage dich.“ Noch immer sprach er Arabisch.

Yasmin legte die Arme um seinen Nacken und schmiegte sich vertrauensvoll an ihn. In dem Moment wurde ihm klar, wie sehr er sie vermissen würde. Die dreijährige Yasmin erinnerte ihn an den kleinen Vogel, den er als Kind gerettet und nach Haus gebracht hatte. Trotz der Einwände seiner Großmutter hatte er ihn aufgezogen und tapfer die Tränen unterdrückt, als der Vogel schließlich davongeflogen war.

Er betätigte den Klingelknopf. Schritte näherten sich der Tür. Yasmin wand sich in seinen Armen. Er stellte sie auf den Boden, und sofort versteckte sie sich hinter ihm.

Linnea schaltete die Außenbeleuchtung ein und blickte erst durch ein kleines Fenster, bevor sie die Tür aufschloss. Als sie den gut aussehenden dunkelhaarigen Mann sah, schnappte sie nach Luft. Obwohl er ein sportliches Hemd mit offenem Kragen und eine Freizeithose trug und nicht das typische Gewand und die Kopfbedeckung der Moslems, wusste sie sofort, dass er Araber war. Gut aussehend – wie Malik. Hatte Malik ihn geschickt?

Misstrauisch legte sie die Kette vor und öffnete die Tür einen Spaltbreit. „Was wollen Sie?“, fragte sie.

„Sind Sie Linnea Khaldun?“

„Ich heiße nicht mehr Khaldun“, erwiderte sie kühl. „Mein Name ist Linnea Swanson. Und wer sind Sie?“

„Talal Zohir. Ich glaube, Sie erwarten mich.“

Linneas Herz schlug schneller. War es möglich … Sie hatte geglaubt, er sei allein, aber jetzt bemerkte sie, dass sich jemand hinter ihm versteckte. Ein Kind! Hastig löste sie die Kette und riss lachend und weinend zugleich die Tür auf. „Haben Sie sie mir zurückgebracht?“

„Ja“, antwortete er. „Ihre Tochter.“

Ein kleines, herzförmiges Gesicht wurde hinter den Beinen des Mannes sichtbar. „Yasmin?“, flüsterte Linnea. Sie ging in die Hocke und streckte die Arme aus. „Yasmin!“

Linnea schloss sie in die Arme. Tränen stiegen ihr in die Augen. Als sie spürte, wie die Kleine sich gegen die Umarmung sträubte, murmelte sie betroffen: „Ich bin deine Mom, Liebes.“

„Mom?“ Yasmin sprach so leise, dass Linnea sie kaum hörte.

„Sie versteht kein Englisch“, erklärte der Mann. „Nur Arabisch.“

Ein fast vergessenes arabisches Wort kam Linnea in den Sinn. „Aiwa. Ja. Aiwa, Mom.“

Yasmin schmiegte sich an sie. Linnea trug das kleine Mädchen hinein. Sie merkte kaum, dass der Mann ihr folgte und die Tür hinter sich schloss.

Linnea setzte sich mit Yasmin auf die Couch und drückte ihre Tochter liebevoll an sich. Die lange Suche war beendet. Das Wunder, um das sie immer wieder gebetet hatte, war geschehen. Endlich hielt sie ihre Tochter wieder in den Armen.

Ein Blitz durchzuckte die Dunkelheit, die Lampen flackerten und gingen aus. Yasmin schrie erschrocken auf. Beruhigend strich Linnea ihr über den Kopf.

Der Mann sprach tröstend auf das Mädchen ein. Das Einzige, was Linnea verstand, war in Sicherheit. Yasmin entspannte sich ein wenig. Anscheinend vertraute sie ihm. Wie hieß er noch? Talal Soundso.

„Haben Sie Kerzen?“, fragte er.

„Auf dem Kaminsims. Die Streichhölzer liegen gleich daneben.“

Talal zündete die Kerzen an und stellte eine auf den Couchtisch. In dem weichen Licht wirkte das Gesicht der Frau sanft und leuchtend, in ihren bernsteinfarbenen Augen spiegelte sich die Flamme wider. Die gleichen Augen wie die von Yasmin.

Er zog einen winzigen Ring aus seiner Tasche und gab ihn Linnea. „Yasmins Babyring. Ich habe ihn in Verwahrung genommen.“

Linnea sah den Ring lange an. „Er ist ein Erbstück meiner Familie. Yasmin hat ihn getragen, als sie … entführt wurde. Danke, dass Sie mir meine Tochter zurückgebracht haben.“

Talal verbeugte sich leicht. „Es war mir ein Vergnügen und meine Pflicht, das Kind seiner Mutter zuzuführen. Yasmin ist ein wunderschönes Mädchen, eine Tochter, auf die man stolz sein kann. Ich bedaure …“ Er machte eine hilflose Geste, als er sich an die unverblümten Worte seines Großonkels erinnerte. Vertraue nie einem Khaldun. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass unsere Beziehung zu Amerika gefährdet ist. Wenn dieser Unruhestifter Malik nicht umgekommen wäre, würde ich ihn köpfen lassen. Wir können Allah danken, dass wir das Kind gefunden haben. Mit der Rückgabe des Mädchens an die Mutter beweisen wir unseren guten Willen.

Talal holte Yasmins amerikanische Geburtsurkunde aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Yasmin, die den Ring angesteckt hatte – er passte nur noch auf ihren kleinen Finger –, sagte etwas zu ihm und klopfte einladend auf den Platz neben sich.

Er zögerte.

„Bitte, setzen Sie sich“, forderte Linnea ihn auf. „Yasmin fühlt sich sicherer, wenn Sie in ihrer Nähe sind.“

Er setzte sich, wobei er sorgsam auf Abstand achtete, als könnte er sich sonst verbrennen.

Linnea hielt Yasmin ein Stück von sich ab und betrachtete sie. Aus ihrem Blick sprach so viel Liebe, dass es Talal warm ums Herz wurde. Er dachte an seine eigene Kindheit und fragte sich, ob seine eigene Mutter ihn jemals so angesehen hatte. „Ich habe sie schrecklich vermisst.“ Tränen schimmerten in Linneas Augen.

Talal war mit seinen Gedanken noch in der Vergangenheit, als das Licht wieder anging. Es dauerte einen Moment, bis sich seine Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten und er merkte, dass Linnea Yasmin fassungslos ansah. „Nein“, flüsterte Linnea. „Oh, bitte, nein. Sie kann nicht … sie ist nicht meine Yasmin“, stammelte sie. „Sie ist nicht meine Tochter.“

Als habe sie jedes Wort verstanden, schaute Yasmin ängstlich von einem zum anderen. Dann begann sie zu schluchzen. Linnea drückte sie an ihre Brust.

„Ganz ruhig, mein Liebes. Es ist nicht deine Schuld. Ich werde dafür sorgen, dass dir nichts passiert. Bei mir bist du sicher. Für immer. Egal, was geschieht.“

Ist diese Frau verrückt? fragte Talal sich. Er hatte ihr Yasmins Ring und die Geburtsurkunde übergeben, die in New York ausgestellt worden war und besagte, dass Malik Khaldun der Vater und Linnea Swanson die Mutter des Kindes waren. Das Mädchen hatte das richtige Alter, und sein Großonkel hatte ihm versichert, dass es sich um Yasmin Khaldun handelte. War der König von dem Mann getäuscht worden, der das Kind gebracht hatte? Talal schüttelte den Kopf – es würde einem Selbstmord gleichkommen, den König von Kholi zu betrügen.

Außerdem hatte er sich selbst davon überzeugen können, dass Mutter und Tochter dieselbe ungewöhnliche Augenfarbe hatten. Linneas Haare waren zwar heller als Yasmins, doch beide hatten eine leichte Naturkrause. Wieso wies Linnea plötzlich das Kind zurück, das sie so liebevoll angenommen hatte? Ein Kind, das sie zuletzt gesehen hatte, als es drei Monate alt war.

„Babys verändern sich“, sagte er und dachte an den fast zweijährigen Danny. „Mein Sohn …“

Linnea legte den Kopf an Yasmins und sagte: „Wir reden später darüber. Ich möchte nicht, dass sie noch mehr beunruhigt wird.“

Welches Komplott diese verdammten Kholis auch immer schmiedeten, das arme Kind konnte nichts dafür. Es war süß und unschuldig. Und es war schön, die Kleine in den Armen zu halten. Auch wenn sie nicht ihre Tochter war, würde Linnea es nicht zulassen, dass man diesem unschuldigen Kind wehtat.

Linnea merkte Talals Verärgerung und Ungeduld. Zumindest hielt er den Mund. Sonst sprach aber auch nichts für ihn. Die Männer von Kholi waren in Linneas Augen alle gleich – dominierend, egoistisch, und man konnte ihnen nicht vertrauen.

Yasmin entspannte sich in ihren Armen und schlief schließlich ein. Vorsichtig brachte Linnea sie in ihr Schlafzimmer. legte sie behutsam aufs Bett und deckte sie liebevoll zu.

Lange schaute sie hinab auf das schlafende Kind. Draußen regnete es. Ich werde niemals die Suche nach meiner Tochter aufgeben, schwor Linnea sich, aber dieses Mädchen gehört mir auch – eine geschenkte Tochter.

Sie ließ die Tür einen Spaltbreit offen, damit Yasmin sie hören konnte, falls sie erwachte.

„Schläft sie?“, fragte Talal leise, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte.

Linnea nickte. „Warum haben Sie mir das falsche Kind gebracht?“, fragte sie geradeheraus.

„Wie kommen Sie darauf? Sie haben die Geburtsurkunde und den Ring. Und Ihre Beschreibung passt genau auf dieses Mädchen.“

Linnea lief es kalt über den Rücken. Woher hatte der Mann den Ring und die Urkunde?

Als hätte er ihre Frage erraten, erklärte Talal: „Der König von Kholi, mein Großonkel, hat mir beides ausgehändigt. Die Sachen und das Kind wurden ihm von jemandem überbracht, der schwor, dass es sich um Yasmin Khaldun handelte, ein Waisenkind.“

Waisenkind. „Malik ist tot?“, fragte Linnea überrascht.

„Malik Khaldun wurde vor über einem Jahr erschossen“, teilte Talal ihr mit. Irgendetwas in seiner Stimme verriet ihr, dass der tödliche Schuss kein Unfall gewesen war. Doch sie empfand nichts als Erleichterung. Jetzt stellte ihr Exmann keine Bedrohung mehr für sie dar.

Was hatte Talal noch gesagt – der König sei sein Großonkel? Also gehörte Talal zur königlichen Familie. Er war einer der Zohirs, die Malik gehasst hatte. „Sie sind ein Zohir?“, fragte sie nach.

Er nickte.

Ein Prinz. Was jedoch die Situation nicht im Geringsten änderte. Maliks Familie war noch da. Und Linnea war sicher, dass die Khalduns niemals freiwillig ein Kind aufgeben würden, das mit ihnen blutsverwandt war. Hatte man ihr deshalb dieses kleine Waisenkind geschickt?

„Irgendjemand in Kholi sagt nicht die Wahrheit“, stellte sie fest.

Er lächelte gezwungen. „Eine böse Anschuldigung. Sie haben Yasmin im ersten Augenblick als Ihre Tochter akzeptiert. Warum plötzlich dieser Sinneswandel?“

„Sie ist nicht mein Kind – sie hat nicht Yasmins Augen. Ich sah es, als das Licht wieder anging.“

Ungläubig musterte er sie. „Und jetzt erwarten Sie von mir, dass ich sie in mein Land zurückbringe und eine andere Yasmin hervorzaubere?“

„Nein!“, rief sie laut. „Nein“, wiederholte sie noch einmal leiser. „Yasmin wird nicht nach Kholi zurückkehren. Ich werde sie wie eine Tochter aufziehen. Aber Sie können dem König ausrichten, dass ich die Suche nach meiner eigenen Tochter deshalb nicht aufgeben werde.“

Talal schüttelte den Kopf und fluchte auf Arabisch.

„Besitzen Sie zumindest die Höflichkeit, Englisch zu sprechen“, bemerkte sie spitz.

Er senkte entschuldigend den Kopf. Als sich ihre Blicke wieder trafen, sah sie, dass seine Augen vor Zorn funkelten. Bei Malik war dies immer der Auftakt zur Gewalttätigkeit gewesen. Und sie hatte keinen Grund anzunehmen, dass es bei Talal anders war. Schließlich war auch er ein Kholi.

„Sie akzeptieren Yasmin nicht als Ihr Kind, und trotzdem wollen Sie sie nicht zurückgeben. Habe ich das richtig verstanden?“

„Ich würde es etwas anders ausdrücken“, entgegnete sie kühl. „Sie ist nicht das Kind, das ich geboren habe, aber ich akzeptiere sie als mein Kind. Allerdings nicht statt meiner leiblichen Tochter, sondern zusätzlich. Yasmin braucht eine Mutter. Sie braucht mich.

Er lächelte charmant. Seine weißen Zähne standen im Kontrast zu seiner dunklen Haut. „Ich denke, es hat keinen Sinn, heute Abend noch länger zu diskutieren“, beendete er das Gespräch. „Ich hole jetzt Yasmins Sachen, lasse das Kind bei Ihnen und komme morgen wieder.“

In dem Augenblick kam ein leises Schluchzen aus Richtung Schlafzimmer. Linnea eilte hinüber und hob das weinende Mädchen aus dem Bett. Talal war ihr gefolgt.

Yasmin ergriff die Hand, die er ihr reichte. Doch als er sie auf den Arm nehmen wollte, schüttelte sie den Kopf. „Mom“, stieß sie hervor und klammerte sich an Linnea. „Talal“, fügte sie hinzu und hielt seine Hand ganz fest. Es folgte ein Wortschwall auf Arabisch.

„Sie hat Angst, dass ich sie verlasse“, übersetzte Talal. „Andererseits will sie auch bei Ihnen bleiben.“

„Haben wir das nicht schon besprochen?“

Er lächelte. „Es ist etwas komplizierter. Yasmin besteht darauf, dass ich hierbleibe.“

2. KAPITEL

Unglücklich sah Linnea Talal an. Unter keinen Umständen wollte sie, dass er bei ihr übernachtete. Und wenn sie seine Miene richtig deutete, war ihm auch nicht gerade daran gelegen. Aber Yasmin würde enttäuscht sein. Für sie war er der einzige vertraute Mensch in einer Welt von Fremden, deren Sprache sie nicht verstand.

„Sie können im Gästezimmer schlafen“, bot Linnea zögernd an.

Er zuckte mit den Schultern. „Es bleibt mir nichts anderes übrig.“

„Sagen Sie Yasmin bitte, dass Sie bleiben werden.“

Er sprach mit dem Kind, und Yasmin antwortete mit einem Wortschwall.

„Sie möchte Milch“, übersetzte er. „Kakao, wenn Sie haben. Ich habe ihr auf der Reise immer Kakao zu trinken gegeben.“

„Tut mir leid – ich habe gar nicht gefragt, ob Sie hungrig sind. Kommen Sie mit in die Küche.“ Linnea ging mit Yasmin auf dem Arm voran, Talal folgte.

„Wir haben unterwegs in einigen Fast-Food-Restaurants gegessen“, sagte Talal. „Yasmin war von den Spielecken fasziniert. So etwas hatte sie noch nie gesehen.“ Er nahm die Kleine auf den Schoß, während Linnea den Kakao machte.

Yasmin zeigte auf die Bananen im Obstkorb. „Mooz“, sagte sie.

„Bananen“, sprach Talal ihr vor. „Mooz – Bananen.“

„Geben Sie ihr doch eine.“

Yasmin bemühte sich, die fremden Silben nachzusprechen, und Linnea merkte, dass Talal wohl nicht zum ersten Mal versuchte, dem Kind englische Wörter beizubringen. Gegen ihren Willen war sie beeindruckt.

„Ich glaube, alle Kinder lieben Bananen“, stellte er fest. „Mein Sohn, Danny der Tiger, kann nicht genug davon bekommen.“

Danny. Linnea fiel auf, dass der Junge keinen arabischen Namen hatte. „Wie alt ist Ihr Sohn?“, fragte sie.

Er lächelte. „Fast zwei. Ich kann kaum erwarten, ihn zu sehen.“

Linnea war verwirrt. War Talal nicht gerade aus Kholi gekommen? Von zu Hause? Es konnte doch höchstens eine Woche vergangen sein, seit er Danny gesehen hatte.

Yasmin hatte einige Male von der Banane abgebissen und hielt sie jetzt Talal vor den Mund. Gehorsam biss er ein Stück ab. Dann bot sie Linnea die Frucht an. Linnea zögerte, und Talal sah sie herausfordernd an.

Widerstrebend biss sie in die Banane, bedankte sich leise bei Yasmin und wurde mit einem Lächeln belohnt.

„Das ist das erste Mal, dass ich sie lächeln sehe“, bemerkte Talal.

Nachdem Yasmin die Banane aufgegessen und ihren Kakao getrunken hatte, holte er das Gepäck aus dem Wagen. Dann ließ er sich das Gästezimmer zeigen. Yasmin folgte ihnen.

Sie schaute von dem Bett zu Talal, nahm seine Hand und zog ihn mit sich in Linneas Schlafzimmer, zeigte auf das Bett, dann auf ihn, sich selbst und schließlich auf Linnea. Obwohl Linnea ihre Worte nicht verstand, war ihr die Bedeutung klar. Yasmin wollte, dass sie alle drei in einem Zimmer schliefen.

Talal warf Linnea einen amüsierten Blick zu.

„Auf keinen Fall“, murmelte sie. „Wir werden Yasmin in mein Bett legen und bei ihr bleiben, bis sie eingeschlafen ist. Danach können Sie sich ins Gästezimmer zurückziehen.“

Talal hatte keine andere Reaktion erwartet, trotzdem fing seine Fantasie an, verrückt zu spielen. Was trug Linnea nachts? Ein Big Shirt? Oder ein hauchdünnes, seidiges Etwas? Oder gar nichts?

Genug! Dies war weder der richtige Zeitpunkt für solche Gedanken, noch war sie die richtige Frau. Für die Kholis waren amerikanische Frauen nichts weiter als ein hübsches Spielzeug. Linnea war mehr als nur hübsch, sie war verdammt sexy, aber ihm war sofort klar, dass sie kein Spielzeug war. Selbst Malik, der große Verführer, hatte sie offensichtlich erst heiraten müssen, bevor er sie in sein Bett bekam. Und Talal hatte nicht vor, noch einmal zu heiraten. Nie wieder.

Nein, sie würden Yasmin Gesellschaft leisten, bis sie eingeschlafen war, und anschließend die unsinnige Behauptung klären, warum sie nicht Linneas Tochter sein sollte.

Talal hatte die Gutenachtgeschichte noch nicht zu Ende erzählt, da war Yasmin schon eingeschlummert. Leise verließen sie das Schlafzimmer.

„Möchten Sie einen Kaffee?“, fragte Linnea, als sie in die Küche kamen. „Es ist auch noch etwas Blaubeerauflauf da.“

„Sie führen mich in Versuchung“, meinte Talal lächelnd. „Und ich kann Ihnen nicht widerstehen.“ Amüsiert stellte er fest, dass sie rot geworden war.

Der Auflauf schmeckte ausgezeichnet. Und auch der Kaffee. Stark und aromatisch. Er beschloss, ganz offen mit ihr zu reden. „Es gefällt Ihnen nicht, dass ich in Ihrem Haus bin“, stellte er fest.

Linnea biss sich auf die Lippe. „Das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun.“

„Sondern damit, dass ich Araber bin.“

„Bitte glauben Sie nicht, ich hätte Vorurteile, aber …“

„Aber Sie waren mit Malik Khaldun verheiratet“, beendete er für sie den Satz. „Und das war keine positive Erfahrung. Nicht alle arabischen Männer sind wie er. Wir waren nicht gerade Freunde.“

„Dann verstehen Sie also, warum ich mich von ihm getrennt habe.“

„Ja. Malik war – schwierig.“

„Als ich die Scheidung einreichte, ist er durchgedreht. Er … er hat mein Baby gekidnappt, als es kaum drei Monate alt war.“ Linneas Stimme bebte. „Er hat es mit nach Kholi genommen, aber nicht, weil er sein Kind so liebte, sondern nur, um mir wehzutun.“

Wahrscheinlich hatte sie recht. Malik war immer rachsüchtig gewesen. „Ich bin nicht Malik.“

Linnea seufzte. „Das weiß ich. Es ist ganz offensichtlich, dass Sie sich gut um Yasmin gekümmert haben. Sie betet Sie an.“

„Während Sie weiterhin Ihre Vorbehalte haben. Mir gegenüber und auch Yasmin gegenüber.“

„Sie ist nicht meine Tochter. Sie ist nicht das kleine Mädchen, das Malik gekidnappt hat.“

„Und trotzdem wollen Sie es aufziehen? Habe ich das richtig verstanden?“

„Ja.“ Linnea sah ihm fest in die Augen. „Und ich werde nicht zulassen, dass Sie Yasmin wieder mit nach Kholi nehmen.“

„Ich habe nicht die Absicht, es zu tun. Aber woher nehmen Sie die Gewissheit, dass es sich nicht um Ihre Tochter handelt?“

Sie zuckte nur mit den Schultern. „Ich habe keine Lust, weiter darüber zu diskutieren. Bitte richten Sie Ihrem Großonkel, dem König, aus, dass er das Baby finden muss, das Malik Khaldun gekidnappt hat. Ich werde erst Ruhe geben, wenn meine Tochter wieder bei mir ist.“

Talal spürte, dass es keinen Sinn hatte, die Unterhaltung fortzusetzen. „Wenn Sie darauf bestehen … Ich werde aber nicht sofort nach Kholi zurückkehren.“

„Das ist gut so. Yasmin braucht Sie im Moment noch, bis sie sich an ihr neues Zuhause gewöhnt hat. Und mir gibt das Gelegenheit, meine Arabischkenntnisse aufzufrischen, damit ich mich mit Yasmin verständigen kann.“

Eigentlich hatte Talal nicht geplant, länger in New York zu bleiben, doch er widersprach nicht.

Anscheinend nahm Linnea sein Schweigen als Zustimmung, denn sie sagte: „Da nun alles geklärt ist, können wir ins Bett gehen.“

„Zusammen oder getrennt?“

„Das wissen Sie genau!“ Sie wollte hinausgehen, doch er hielt sie am Handgelenk fest.

„Bei uns in Kholi ist es üblich, seinen Gastgebern eine gute Nacht zu wünschen, bevor man schlafen geht.“ Er führte ihre Hand an seine Lippen. „Maddamti“, hauchte er.

Anstatt ihren Handrücken zu berühren, drehte er ihre Hand um und küsste die Innenfläche. Ohne ihre Reaktion abzuwarten, verließ er die Küche und verschwand im Gästezimmer.

Linnea blieb wie erstarrt stehen. Ihre Hand prickelte, wo seine weichen Lippen sie berührt hatten. „Das darf nicht sein“, murmelte sie. „Auf keinen Fall.“ Sonst würde ihr dieser Mann sehr gefährlich werden.

Sie gab sich einen Ruck und räumte noch schnell die Spülmaschine ein, dann schlüpfte sie zu Yasmin ins Bett, nicht ohne vorher die Schlafzimmertür abgeschlossen zu haben.

Im Schlaf drehte sich das Kind um und schmiegte sich an Linnea. Sanft strich sie dem Mädchen über den Kopf und verspürte plötzlich einen tiefen inneren Frieden. Sie würde niemals die Suche nach dem Kind, das sie geboren hatte, aufgeben. Aber dieses Mädchen, das Talal ihr gebracht hatte, linderte ihren Schmerz und gab ihr Trost.

Linnea wusste nicht, wie lange sie schon geschlafen hatte, als Yasmins Stimme sie weckte. Draußen war es noch dunkel.

„Mom!“

„Musst du auf die Toilette?“, fragte Linnea. „Oder hast du Durst?“

Eine Flut von arabischen Wörtern war die Antwort. Ratlos nahm Linnea das Kind und ging mit ihr zum Gästezimmer. Dort brannte noch Licht. Talal saß im Bett und las. Linnea setzte sich mit Yasmin auf die Bettkante und sagte: „Sie will irgendetwas, aber ich verstehe nicht, was.“

Yasmin krabbelte von ihrem Schoß und schmiegte sich an Talal. Er lächelte, als sie ihre Bitte wiederholte, drehte sie auf den Bauch und begann, ihren Rücken zu streicheln.

„Als wir unterwegs waren“, erklärte er, „habe ich sie immer gekrault, wenn sie nicht schlafen konnte. Sie möchte, dass Sie es jetzt tun.“

Wenn es weiter nichts war … Erleichtert streichelte Linnea Yasmins Rücken. Um es etwas bequemer zu haben, streckte sie sich neben ihr aus. Leise summte sie dazu ein Schlaflied.

Kurz darauf schaltete Talal die Nachttischlampe aus, und Linnea wollte Yasmin in ihr Bett bringen. Doch sie schlug die Augen auf und protestierte auf Arabisch.

„Sie möchte, dass Sie weitersingen.“ Talals Stimme klang rau.

Obwohl Yasmin zwischen ihnen lag und sie sich nicht berührten, spürte Linnea seine Nähe erschreckend intensiv. Der Duft seines Rasierwassers war verführerisch, und sie musste unwillkürlich daran denken, wie seine Lippen sich auf ihrer Haut angefühlt hatten.

Ein arabisches Sprichwort kam ihr in den Sinn. „Nur ein Dummkopf lässt sich zweimal von derselben Schlange beißen.“

Yasmin kuschelte sich dichter an sie. „Mom“, murmelte sie. „Talal.“

Liebevoll sprach er auf sie ein. Er schien Yasmin genauso zu lieben wie sie ihn.

„Sie kann nicht schlafen“, erklärte Talal. „Vielleicht hilft eine Geschichte. Was halten Sie davon, wenn Sie eine erzählen und ich sie übersetze?“

Linnea überlegte nicht lange, obwohl die Situation verrückt war. Wenn ihr gestern jemand gesagt hätte, dass sie heute Nacht mit einem Mann aus Kholi im Bett liegen würde – noch dazu einem sehr attraktiven Mann – und Gutenachtgeschichten erzählen würde, hätte sie laut gelacht.

„Es war einmal vor langer Zeit …“

Er übersetzte. Seine Stimme klang leise und sanft. Wie die eines Liebhabers. Linnea entspannte sich, während sie seinen Worten lauschte, und schloss die Augen.

Als Talal zu Ende übersetzt hatte, schlief Yasmin tief und fest. Zufrieden lächelte er. Endlich. Dann warf er einen Blick auf Linnea, die keine Anstalten machte, Yasmin ins andere Zimmer zu tragen. Sie war ebenfalls eingeschlafen.

Er grinste, als er sich ausmalte, wie sie am nächsten Morgen feststellte, dass sie im Bett eines Mannes aus Kholi geschlafen hatte!

Eine Stunde später war er immer noch nicht eingeschlafen. Seine Gedanken kreisten um die Frau, die in seinem Bett lag und deren blumiges Parfüm seine Sinne betörte.

Ihre Behauptung, Yasmin sei nicht ihr Kind, konnte zu einem internationalen Zwischenfall führen, falls Linnea beschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen.

„Ich verlasse mich auf dich“, hatte sein Großonkel gesagt. „Bring der Frau das Kind, gib ihr etwas Zeit, sich zu fangen, und dann informierst du die Presse. Schließlich ist es ein Zeichen von Humanität, Mutter und Kind zusammenzuführen, und das wird unsere Position bei den Amerikanern stärken. Ein bisschen Publicity kann nicht schaden.“

Die Medien würden sich um diese Story reißen. Aber solange er Linnea nicht überreden konnte, ihre Zweifel an Yasmins Identität für sich zu behalten, musste jede Publicity unbedingt vermieden werden. Ebenso wie Intimitäten zwischen ihm und Linnea.

Hatte er sie vorhin in der Küche wirklich maddamti genannt? Meine Geliebte? Er musste den Verstand verloren haben.

Komisch, sie war so ganz anders als diese sorglosen, sexy Amerikanerinnen, zu denen er sich normalerweise hingezogen fühlte. Sie erinnerte ihn an Karen, die Frau seines Bruders. Nicht äußerlich, sondern im Wesen. Liebevoll, zärtlich, fürsorglich und treu. Der Typ von Frau, den Männer heirateten.

Verdammt. So weit war er doch schon mal gewesen. Diese Frau war für ihn tabu. Er musste die Finger von ihr lassen.

Sie drehte sich im Schlaf, wobei ihr Nachthemd hochrutschte und ihre schlanken Schenkel entblößte. Ihre Zehen berührten seinen Fuß.

Er stöhnte und zog seinen Fuß fort. Wie hatte er sich nur in diese missliche Lage bringen können? Wahrscheinlich würde er die ganze Nacht kein Auge zutun. Nie wieder würde er das Bett mit einer Frau teilen, die er nicht anrühren durfte.

3. KAPITEL

Linnea wusste nicht, ob sie wach war oder träumte, als sie an ihrer Wange eine leichte Berührung spürte. Zärtlich. Ein liebevolles Streicheln.

Ya, Mom“, flüsterte eine Kinderstimme in ihr Ohr.

Linnea schlug die Augen auf und sah in Yasmins Gesicht. Das kleine Mädchen legte den Finger auf die Lippen deutete neben sich. Linnea sah nach rechts und schnappte nach Luft.

Dort lag ein Mann. Sie lag mit Talal im Bett! Fassungslos starrte sie ihn an. In dem Moment öffnete er die Augen und grinste vielsagend, bevor er etwas auf Arabisch murmelte.

Die Worte kamen ihr bekannt vor. Etwas wie „Guten Morgen“.

Linnea sprang aus dem Bett. „Ein Tag, der so beginnt, kann eigentlich nicht gut enden“, murmelte sie finster. „Komm, Yasmin, wir ziehen uns an.“

Nachdem sie sich fertig gemacht hatten, gingen sie in die Küche. Yasmin kletterte sofort auf einen der Stühle, zeigte auf die Obstschale und sagte: „Ba-na-ne.“

Linnea gab ihr eine. Merkwürdig, sie hatte sich die Begegnung mit ihrer Tochter so oft ausgemalt, aber nie hatte sie daran gedacht, dass die Sprache eine Barriere darstellen könnte.

Sie musste ihre alten Arabischbücher herauskramen. Oder vielleicht sollte sie lieber eine Liste mit den wichtigsten Wörtern erstellen und sie Talal übersetzen lassen.

Wie lange wollte er bleiben?

Ya, Mom“, sagte Yasmin. Die nächsten Worte waren nicht zu verstehen. Nicht nur, weil Yasmin Arabisch sprach, sondern weil sie den Mund voll hatte.

„Talal“, antwortete Linnea. „Wir werden Talal fragen.“

„Stets zu Ihren Diensten, maddamti.“ Er stand in der Küchentür.

Linnea drehte sich zu ihm. „Ich weiß nicht, was Yasmin gern zum Frühstück isst. Außerdem verstehe ich nicht, was sie mir sagen will. Sie sollte nicht mit vollem Mund sprechen – sie könnte sich verschlucken.“

„Außerdem ist es unhöflich. Wie jedes andere Kind auch muss Yasmin lernen, sich zu benehmen.“ Er wandte sich auf Arabisch an Yasmin, und sie senkte beschämt den Kopf und sah von unten zu ihm hoch.

„Ganz schön kokett“, meinte er und sprach weiter auf Yasmin ein.

Sie schluckte, strahlte und erzählte ihm, was sie gern essen wollte. „Brot, Marmelade und dazu einen heißen Kakao“, übersetzte Talal für Linnea.

„Und was möchten Sie?“

„Es duftet herrlich nach Kaffee. Hoffentlich ist es kein koffeinfreier.“

Sie lachte. „Nein, morgens brauche ich einen richtigen Kaffee.“ Sie schenkte ihm eine Tasse ein. „Übrigens, warum sagt Yasmin immer ya, Mom? Was bedeutet das?“

„In Kholi ist es ein Ausdruck der Ehrerbietung, wenn man vor den Namen ya setzt. Als ich heute Morgen aufwachte und Sie neben mir im Bett sah, hätte ich auch sagen können: ‚Ya, Linnea!‘“ Bei ihm schien das Wort eine andere Bedeutung zu haben als bei Yasmin. „Oder auch Allah kareem, um Gottes schöne Schöpfung zu preisen.“

Sie knallte die Tasse vor ihm auf den Tisch, sodass sie überschwappte. Dann bereitete sie das Frühstück zu, ohne ihn weiter zu beachten.

Später saß sie mit Yasmin im Wohnzimmer auf der Couch, während Talal unruhig im Raum auf und ab ging. Yasmin beobachtete ihn eine Zeit lang, dann lief sie ins Schlafzimmer und kehrte mit einer Tasche zurück. Sie schüttete den Inhalt auf den Fußboden. Zufrieden betrachtete sie die vielen bunten Klötze und begann, damit zu spielen.

Talal setzte sich zu Linnea auf die Couch. Der dezente Duft seines Aftershaves irritierte sie. Ihr Exmann hatte wie viele Araber immer ein aufdringliches Eau de Toilette benutzt.

Um sich abzulenken, erzählte sie ihm von der Liste der Wörter, die sie benötigte.

„Ich hatte bereits an so etwas gedacht. Es gibt aber ein schwierigeres Problem.“ Er deutete auf Yasmin. „Ihre Tochter.“

Linnea richtete sich auf. „Warum ist sie ein Problem?“

„Früher oder später wird die Presse hier auftauchen. Was wollen Sie dann sagen? Dass sie nicht das gekidnappte Baby ist?“

„Presse!“

„Ist Ihnen noch nicht der Gedanke gekommen, dass es ein Medienereignis ist, wenn der König von Kholi einer Amerikanerin ihr verlorenes Kind zurückbringen lässt?“

„An die Möglichkeit, dass die Presse hier auftaucht, habe ich bisher überhaupt nicht gedacht.“

„Dann tun Sie es jetzt.“

Linnea starrte ihn an. „Erwarten Sie von mir, dass ich lüge?“

„Ich weiß nicht, was ich von Ihnen erwarte. Aber wenn Sie weiterhin darauf beharren, dass dies nicht das Kind ist, das Ihr Ehemann gekidnappt hat, riskieren Sie, Yasmin zu verlieren.“

„Nein!“

Yasmin sah erschrocken auf. Beruhigend sprach Talal auf sie ein, bis sie weiterspielte.

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich sie nicht wieder hergeben werde.“

„Sie werden es tun müssen. Der König wird darauf bestehen. Die Geburtsurkunde gilt für das Kind, das Ihr Mann gekidnappt hat. Und wenn Sie behaupten, dies sei nicht das Kind, dann ist es ein arabisches.“

Linnea rieb sich die Stirn. So weit hatte sie noch gar nicht gedacht. „Sie haben mir erzählt, sie sei ein Waisenkind. Wenn sie keine Angehörigen in Kholi hat, warum sollte der König dann etwas dagegen haben, dass sie hier aufwächst?“

„Er würde niemals zulassen, dass eine amerikanische Frau ein arabisches Kind aufzieht, das nicht ihr eigenes ist.“

„Wie grausam!“

Talal zuckte mit den Schultern. „Wir schützen uns selbst.“

Schützen ist nicht das Wort, das ich in diesem Fall benutzen würde. Ihr Kholianer seid alle gleich: egoistisch und rücksichtslos wie Malik.“ In ihrem Zorn war sie laut geworden. Yasmin sprang auf und legte den Kopf auf ihren Schoß. Zärtlich strich Linnea über ihre Haare und murmelte beruhigende Worte.

„Auf jeden Fall bin ich die Verliererin. Wenn ich nicht lüge, verliere ich Yasmin. Wenn ich lüge, habe ich keine Chance mehr, mein leibliches Kind zu finden. Sie können doch nicht so grausam sein, uns die Presse auf den Hals zu schicken!“

„Ich habe nicht die Absicht. Das bedeutet aber nicht, dass die Reporter nicht Wind von der Geschichte bekommen könnten.“

Linnea bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. „Was soll ich nur tun? Ich werde um Yasmin kämpfen müssen. Schlimmstenfalls vor Gericht.“

„Und wahrscheinlich werden Sie verlieren.“ Talal beugte sich zu ihr, nahm die Hände von ihrem Gesicht und hielt sie fest. „Aber das wünsche ich weder Ihnen, Linnea, noch Yasmin.“

Als sie in seine dunklen Augen blickte, entdeckte sie ehrliche Sorge. „Ist Ihnen klar, dass mein Onkel Ihnen nicht absichtlich das falsche Kind unterschieben würde?“, fragte er. „Wenn das wirklich der Fall ist, dann hat jemand den König von Kholi betrogen, jemand, der weiß, dass die Todesstrafe darauf steht.“

Sie holte tief Luft und entzog ihm ihre Hände. „Trotzdem bleibe ich dabei: Yasmin ist nicht meine Tochter.“

Talal betrachtete die beiden und verfluchte Linneas Sturheit. Plötzlich kam ihm eine Idee, wie er das Problem vorübergehend lösen konnte. „Wir werden nach Nevada fliegen“, verkündete er. „Ich wollte sowieso dorthin. Sie kommen mit.“

„Nach Nevada? Was soll das?“

„Wir haben jetzt keine Zeit für lange Erklärungen. Mein Bruder Zeid hat eine Ranch in Carson Valley. Dort können wir untertauchen.“

„Zeid“, wiederholte Yasmin.

„Zeid und Karen und Danny“, erzählte er dem Kind.

Danny? War das nicht der Name seines Sohnes? Und wer war Karen?

„Welches ist der nächstgelegene Flughafen? Newark?“

Linnea schüttelte den Kopf. „Stewart in Newburgh. Etwa dreißig Meilen von hier entfernt. Meine Großmutter …“ Sie brach ab. Jetzt war nicht die Zeit, über ihre Familie zu sprechen. Aber sie hatte einen Moment lang daran denken müssen, wie sie vor drei Jahre nach Newburgh gefahren war, um ihrer Großmutter ihr Baby zu zeigen. Sechs Monate später war ihre Großmutter gestorben, und das Baby Yasmin …

Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie kaum merkte, wie Talal telefonierte.

„Vor Morgen ist kein Flug zu bekommen“, berichtete er, nachdem er aufgelegt hatte. „Wir werden in einem Hotel in der Nähe des Flughafens übernachten.“

Linnea starrte ihn an. „Was das Hotel betrifft – ich habe nicht die Absicht, ein Zimmer mit Ihnen zu teilen.“

„Wir nehmen zwei nebeneinanderliegende Zimmer. Offiziell ist das zweite für unser Kind, denn wir werden als Ehepaar reisen. Unter falschem Namen natürlich, um keine Spur zu hinterlassen.“

Nachdem weitere Einzelheiten geklärt waren, nahm er Yasmin auf den Schoß und sprach mit ihr. Schließlich sagte er auf Englisch: „Wir verreisen.“

Yasmin sah zu ihm auf. „Yasmin verreisen?“ Als er nickte, fragte sie weiter: „Talal verreisen? Mom verreisen?“ Wieder nickte er und schob sie von seinem Schoß. Sichtlich zufrieden warf sie ihre Bauklötze in die Tasche.

Yasmin ist schon beim Packen.“ Talal lächelte. „Wie sieht es mit Ihnen aus?“

Mit einem unguten Gefühl im Bauch ging Linnea ins Schlafzimmer. Yasmin folgte ihr.

Ya, Mom verreisen?“, fragte das Mädchen.

Linnea ging in die Hocke und umarmte das Kind. „Wir verreisen zusammen. Wir werden immer zusammenbleiben“, versprach sie.

Sie war nur halb mit ihren Gedanken beim Packen. Immer wieder fragte sie sich, ob sie das Richtige tat. Doch ihr fiel keine Alternative ein. Wenn sie Yasmin nicht verlieren wollte, mussten sie von hier verschwinden.

Eine Stunde später saßen sie in Talals rotem Sportwagen und fuhren über den Highway.

„Eigentlich ist es gar nicht meine Art, vor irgendetwas davonzulaufen“, begann Linnea schließlich.

„Wir laufen nicht davon. Wir sind eine glückliche dreiköpfige Familie, die sich auf dem Weg nach Nevada befindet.“

„Mom“, ließ Yasmin sich von hinten vernehmen. „Talal.“ Linnea musste zugeben, dass das Mädchen einen sehr zufriedenen Eindruck machte. „Nevada“, fügte es hinzu.

„Wenn ich Nevada höre, denke ich an Las Vegas und Reno, Glitzer, Glamour und Kasinos und ansonsten Wüste und Berge“, stöhnte Linnea.

„Sie werden sehen, dass es ein wunderschönes Land ist. Ein Teil des Lake Tahoe gehört zu Nevada. Dort wohnt meine Schwester Jaida.“

Dieser arabische Prinz hatte eine Schwester und einen Bruder in Nevada? „Ihre Geschwister leben dort?“

„Ja, sie sind Amerikaner.“

„Was ist mit Ihren Eltern?“

„Sie sind tot.“ Sein Tonfall hielt sie davon ab, weiter nachzufragen.

„Meine auch“, erwiderte sie nur, obwohl sie gern mehr über ihn gewusst hätte. Talal sprach ein ausgezeichnetes Englisch, weit besser als Malik, aber mit dem leichten Akzent der Kholianer.

Sie beschloss, noch eine Bemerkung zu riskieren. „Und Sie selbst leben in Kholi?“

Er nickte.

„Eis“, bat Yasmin.

„Ich wusste, dass ich es irgendwann bedauern würde, ihr das Wort beigebracht zu haben“, murmelte Talal. „Badayn“, sagte er laut. „Später.“

Um Yasmin zu beschäftigen, holte Linnea ein weiches pinkfarbenes Plüschkätzchen aus ihrer Tasche und gab es ihr. „Katze“, sprach sie ihr vor.

Yasmin nahm es und betrachtete es entzückt. „Aziz!“, rief sie schließlich und drückte das Tier an sich.

„Bedeutet das Katze?“, fragte Linnea.

Talal schüttelte den Kopf. „Das Wort hat viele Bedeutungen. Eine ist zum Beispiel lieb. Es ist aber auch ein Name. Ich glaube, Yasmin hat beschlossen, ihren neuen Freund Aziz zu nennen.“ Er sagte etwas zu Yasmin, die auf Arabisch antwortete.

„Sie bedankt sich und sagt, dass sie die Katze liebt – und Sie auch“, übersetzte er.

Gerührt lächelte Linnea das Kind an. Das Spielzeug hatte sie vor fast drei Jahren für eine andere Yasmin gekauft und seitdem aufbewahrt. „Ich liebe dich auch, Yasmin“, flüsterte sie.

Talal warf ihr einen Seitenblick zu und sprach dann wieder mit Yasmin, die Linnea schüchtern anlächelte. „Ich habe Ihre Worte übersetzt“, erklärte er.

Schweigend fuhren sie weiter, bis sie auf ein Hinweisschild zum Flughafen stießen.

„Nur noch fünf Meilen“, stellte Talal fest. „Das reicht für heute.“

Linnea und Yasmin warteten im Auto, während Talal zwei Zimmer in einem Hotel buchte. „Ya, Mom. Eis“, bettelte das Mädchen.

Linnea hatte noch das Wort in Erinnerung, das Talal benutzt hatte. „Badayn. Später.“

„Spä-ter“, wiederholte Yasmin.

Das Hotel wirkte freundlich und sauber. Linnea und Yasmin teilten sich ein Zimmer, das benachbarte belegte Talal.

„Yasmin möchte gern ein Eis. Lassen Sie uns irgendwo hingehen und eins essen“, schlug Linnea vor.

„Je weniger man uns drei zusammen sieht, desto besser. Ich werde Eis besorgen, und wir essen es hier.“

Es dauerte nicht lange, und er kehrte damit zurück. Begeistert fiel Yasmin darüber her, doch nachdem sie ein paar Löffel davon gegessen hatte, wurde sie kreidebleich und musste sich übergeben.

Linnea brachte sie ins Badezimmer und fühlte ihre Stirn. Heiß. „Ich glaube, wir fahren vorsichtshalber mit ihr zum Arzt. Wir sollten kein Risiko eingehen.“

„Kennen Sie einen Kinderarzt in dieser Gegend?“

„Ja. Sehen Sie doch einmal im Telefonbuch nach, ob ein Dr. Collinsworth aufgeführt ist. Ich bin mit meinem Baby einmal bei ihm gewesen, als ich meine Großmutter besuchte.“

Talal fand die Nummer und rief ihn an. Linnea hörte, wie er der Sprechstundenhilfe erklärte, dass sie auf der Durchreise seien und ihr Kind erkrankt sei. Der Doktor habe das Mädchen, Yasmin Khaldun, schon einmal als Säugling behandelt.

In der Praxis wurden sie sofort ins Sprechzimmer geführt und von dem Arzt begrüßt. Er untersuchte Yasmin gründlich und hörte schließlich ihr Herz ab. Dann sah er Linnea fragend an, schüttelte den Kopf und betrachtete noch genau Yasmins Augen.

Linnea wurde zunehmend nervös.

„Ist es etwas Ernstes?“, fragte Talal beunruhigt.

Der Doktor richtete sich auf und schaute von Talal zu Linnea. „Ihre kleine Tochter hat eine Grippe. Es ist ein Virus, der gerade umgeht, aber keiner meiner Patienten war länger als zwei oder drei Tage krank. Sie müssen sich also keine Sorgen machen.“ Er betrachtete Yasmin. „Was mich stutzig macht, ist etwas anderes. Aber vielleicht sollten wir nicht vor dem Kind darüber sprechen.“

„Sie spricht kein Englisch. Nur Arabisch.“

Dr. Collinsworth nickte. „Dann darf ich also fragen, warum Sie versuchen, diese Yasmin als das Kind auszugeben, das ich vor drei Jahren untersucht habe?“

„Würden Sie bitte erklären, wie Sie dazu kommen zu behaupten, es sei nicht dasselbe Kind?“, forderte Talal ihn auf.

„Natürlich. Das Baby, das ich damals untersucht habe, hatte einen schweren Herzfehler, der nur operativ behoben werden konnte.“ Er sah Linnea forschend an. „Als ich das der Mutter … Ihnen?“ Linnea nickte. „Also, als ich es erwähnte, sagten Sie, dass Sie davon wüssten und das Kind operiert würde, sobald es sechs Monate alt werde. Das Herz dieses Kindes, das ich gerade untersucht habe, arbeitet völlig normal, und zwar ohne Operation. Es sind keine Narben vorhanden. Außerdem hatte die andere Yasmin in der Iris auffallende dunkle Flecken. Diese Yasmin nicht.“

„Ihre Augen“, murmelte Talal.

„Richtig. Ich bin absolut sicher, dass dieses Kind nicht das ist, das ich vor drei Jahren untersucht habe.“

Bevor Linnea wusste, was sie sagen sollte, nahm Talal ihr das ab. „Sie haben recht. Als Yasmin krank wurde, erinnerte sich meine Frau daran, dass sie mit ihrer Tochter einmal bei Ihnen gewesen ist. Ich habe mir Sorgen um Yasmin gemacht, denn Sie wissen sicherlich, wie schwierig es ist, einen Termin bei einem Arzt zu bekommen, wenn man nicht Patient ist. Deshalb habe ich zu der kleinen Notlüge gegriffen. Tatsache ist, dass dies meine Tochter ist und nicht die meiner Frau. Zufällig heißen beide Mädchen Yasmin und sind fast gleich alt.“

Er spielte die Rolle des besorgten Vaters überzeugend. „Tut mir leid, dass ich Sie angelogen habe.“ Er reichte dem Arzt die Hand. „Und vielen Dank, dass Sie meine Yasmin untersucht haben. Es ist eine Erleichterung zu wissen, dass sie nicht ernsthaft krank ist.“

Da der Arzt es anscheinend eilig hatte, zur Mittagspause zu kommen, stellte er glücklicherweise keine weiteren Fragen, sondern verabschiedete sich schnell.

Schweigend fuhren Talal und Linnea zurück zum Hotel und legten Yasmin ins Bett. Das Mädchen schlief sofort ein.

„Warum haben Sie mir nicht erklärt, was genau Sie meinten, als sie sagten, Ihre Yasmin habe andere Augen?“, fragte Talal.

„Sie hätten mir sowieso nicht geglaubt.“

„Ich wollte Ihnen nicht glauben, das stimmt. Aber jetzt ist es natürlich noch wichtiger, dass wir der Presse entkommen. Ich fahre zum Flughafen und rufe von dort meinen Großonkel an“, kündigte Talal an. „Er muss wissen …“

Linnea hielt ihn am Arm fest. „Nein, bitte nicht. Er wird mir Yasmin wegnehmen.“

Talal legte seine Hand auf ihre. „Ich muss ihm sagen, dass keine Informationen über Yasmin an die Öffentlichkeit gelangen dürfen. Wir können es so begründen, dass sie krank ist und wir warten müssen, bis es ihr besser geht. Immerhin ist das wahr. Ich hasse Lügen.“

„Die Geschichte, die Sie dem Arzt erzählt haben, klang aber recht überzeugend.“

„Not macht erfinderisch.“

„Bringen Sie dann bitte auch die Medikamente für Yasmin mit?“

Er nickte. „Und etwas zu essen. Irgendwelche Wünsche?“

„Am Flughafen gibt es ein gutes mexikanisches Restaurant, ‚Los Amigos‘.“

Sie sah ihm nach, bis er außer Sicht war, und fühlte sich plötzlich merkwürdig einsam.

Yasmin schlief immer noch, als Talal zurückkehrte. „Unser Flug geht kurz vor Mittag“, berichtete er. „Zuerst fliegen wir bis Chicago und von dort weiter nach Nevada. Sollte es Yasmin nicht besser gehen, können wir in Chicago noch einmal übernachten.“

Linnea nickte. Sie hoffte, dass Yasmin überhaupt in der Lage sein würde zu reisen. „Was hat Ihr Großonkel gesagt?“

„Er ist nicht erfreut über die Situation, stimmt aber mit mir überein, dass wir abwarten sollten. Es wird also keine offizielle Erklärung an die Presse geben.“

„Was machen wir, wenn wir in Nevada sind?“

„Lassen Sie uns erst einmal dort sein, dann sehen wir weiter.“ Er öffnete die Tüten, die er mitgebracht hatte. „Mexikanische Delikatessen. Wie Sie es gewünscht haben, maddamti.

„Was bedeutet maddamti?“, wollte Linnea wissen.

Er verbeugte sich leicht vor ihr. „Es hat viele Bedeutungen. Unter anderem drückt es Verehrung aus.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht geglaubt habe.“

Seine Worte erstaunten sie. Malik war so überzeugt davon gewesen, nie etwas falsch zu machen, dass es ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, sich zu entschuldigen. Doch es waren nicht Talals Worte, die sie faszinierten, sondern das Feuer in seinem Blick. Drückte maddamti wirklich nur höfliche Verehrung aus? Oder steckte mehr dahinter?

Er kam einen Schritt näher. Linnea hielt den Atem an. Er legte seine Hand an ihre Wange und sah ihr in die Augen. Sie empfand gleichzeitig Angst und kribbelnde Erwartung.

Zärtlich strich er über ihre Wange. Dann legte er den Zeigefinger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht. Langsam beugte er sich hinab, so langsam, dass sie Zeit hatte, sich zurückzuziehen. Doch sie tat es nicht. Sie sehnte sie sich nach seiner Berührung. Unwillkürlich öffnete sie die Lippen.

Sein Kuss, leicht und zart wie die schwebenden Härchen einer Pusteblume, weckte in ihr den Wunsch nach mehr. Unbewusst kam sie näher zu ihm. Er schlang die Arme um ihre Taille und zog sie an sich. Sein Kuss wurde intensiver. Es war nicht mehr ein flüchtiges Berühren der Lippen, sondern ein leidenschaftliches Verschmelzen.

Linnea verspürte plötzlich ein unsägliches Verlangen und schmiegte sich enger an ihn. Er drückte sie an sich, damit sie seine Erregung spüren konnte. Obwohl sie wusste, dass sie einen großen Fehler beging, wollte sie diesen beglückenden Moment nicht beenden.

Und doch musste sie es tun. Es war alles zu schnell. Zu intensiv. Sie spürte, dass sie bei diesem Mann schwach werden konnte, und das durfte nicht geschehen. Niemals.

Mit letzter Willenskraft löste sie sich von ihm. „Nein“, flüsterte sie. „Das dürfen wir nicht.“

„Ich habe versucht, mich zurückzuhalten“, erwiderte er mit rauer Stimme.

Nie wieder wollte sie sich mit einem Mann aus Kholi einlassen. Sicher, Talal war nicht wie Malik, aber sein kultureller Hintergrund war derselbe. Er kam aus einem Land, in dem Frauen anders behandelt wurden, als Linnea es gewohnt war und von einem Mann erwartete.

Er lächelte gezwungen. „Zumindest können wir einen andersartigen Hunger stillen und das mexikanische Essen genießen.“

Als sie am Tisch saßen, schüttelte Linnea den Kopf. Sie hatte nicht einen Moment lang an Yasmin gedacht, die hier im Zimmer schlief, sondern sich zu leidenschaftlichen Gefühlen hinreißen lassen. Was war nur mit ihr los?

Sie kannte die Antwort. Talal. Nach ihrer Scheidung war sie mit einigen Männern ausgegangen, doch keiner hatte sie wirklich interessiert. Bei Talal war es anders. Sie musste auf der Hut sein.

Als sie in ihr tostada biss, merkte sie, wie hungrig sie war. „Hmm, lecker“, schwärmte sie.

„Muy bueno“, stimmte er zu. „Sehr gut. Allerdings wird mein Hunger damit nicht gestillt.“

Sie ignorierte die Bemerkung und klammerte sich an die spanischen Wörter, die er gesprochen hatte. „Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?“, fragte sie.

„Fünf. Aber nur Arabisch, Französisch und Englisch fließend.“

„Ich bin beeindruckt.“

Er zuckte mit den Schultern. „Mein Großonkel hat schon sehr früh meine Ausbildung in die Hand genommen. Von Anfang an war es seine Absicht, mich zum Länderreferenten für Amerika zu ernennen.“

„Hat er Sie großgezogen?“

„Nein, meine Großeltern.“

Sein Tonfall machte deutlich, dass er nicht weiter über seine Kindheit sprechen wollte. Deshalb wechselte Linnea das Thema.

„Wenn ich mich recht erinnere, ist die kholianische Königsfamilie sehr groß.“

Dieser Gesprächsstoff schien nicht tabu zu sein, denn er lachte. „Viel zu groß. Ich weiß nicht einmal, wie viele Cousins und Cousinen ich habe. Wahrscheinlich gibt es einige, die ich bis heute nicht kennengelernt habe.“

Linnea beneidete ihn um die große Familie. Ihre eigene bestand aus einer Tante mütterlicherseits und einem Onkel väterlicherseits. Die Tante lebte in New Mexico und der Onkel in Alaska. Sie hatte sie seit Jahren nicht gesehen, und sie schrieben sich nur zu Weihnachten.

Unwillkürlich glitt ihr Blick zu dem schlafenden Kind. Jetzt war sie nicht mehr allein. Sie hatte Yasmin, um die sie sich kümmern und die sie lieben konnte. Und irgendwann würde auch ihre leibliche Tochter wieder bei ihr sein.

Sie sah Talal fest an. „Wo ist meine richtige Tochter? Malik hat sie nach Kholi verschleppt, das ist das Einzige, was ich weiß.“

„Geben Sie mir etwas Zeit. Schließlich habe ich erst vor ein paar Stunden erfahren, dass Yasmin nicht Ihre Tochter ist.“

Linnea presste die Lippen aufeinander. Da war sie wieder, die Arroganz der Männer von Kholi. Weil sie eine Frau war, wurde sie ausgeschlossen.

Talal stand auf. „Ich gehe jetzt in mein Zimmer und lasse Sie in Frieden.“

„Gute Idee“, murmelte sie.

Sie räumte den Tisch ab und sah nach Yasmin, die immer noch schlief. Sanft legte sie ihr die Hand auf die Stirn, um die Temperatur zu prüfen. Erleichtert stellte sie fest, dass Yasmin kein Fieber mehr zu haben schien. Da es zu früh war, selbst ins Bett zu gehen, sie aber auch nicht den Fernseher einschalten wollte, nahm sie ein Buch aus dem Koffer und versuchte, es sich in dem Sessel bequem zu machen. Unmöglich. Sie hatte keine Ruhe zum Lesen.

Was Talal wohl machte? Leise ging sie zu der Verbindungstür, die nur angelehnt war. Er saß in einem der Sessel, die Füße auf dem Tisch, mit dem Rücken zu ihr. Las er? Brütete er vor sich hin? Schlief er? Auf jeden Fall wirkte er völlig entspannt, was sie aus irgendeinem Grund ärgerte.

Talal betrachtete seine Schuhe. Teure Markenturnschuhe. Weiß mit schwarzen Streifen. Er hatte ähnliche für Yasmin gefunden, doch als er sie ihr zeigte, hatte sie nur den Kopf geschüttelt. Sie wollte lieber ein Paar mit kleinen Tieren darauf.

Mädchen waren nicht leicht zufriedenzustellen. Frauen auch nicht. Es gab flatterhafte Typen wie Dannys Mutter, ideal für ein kurzes, aber intensives Abenteuer. Dann gab es Typen wie seine Frau, die nach außen hin einen unterwürfigen Eindruck machten, insgeheim aber rebellierten.

Schließlich waren da noch Frauen wie Linnea. Von diesen Frauen hielt man sich am besten fern, es sei denn, man hatte die Absicht, sich zu binden. Und selbst wenn er die hätte, würde er zweimal überlegen, bevor er sich mit so einer sturen Frau einließ – sie bedeutete nichts als Ärger.

Trotzdem begehrte er sie heftig, und ihre Reaktion auf seinen Kuss hatte sein Verlangen noch verstärkt …

Sobald sie bei seinem Bruder in Sicherheit war, würde er nach Kholi fliegen, um seinen Onkel mit der unerfreulichen Wahrheit zu konfrontieren. Anschließend musste er sich auf die Suche nach der „richtigen“ Yasmin machen.

Was aber sollte mit der kleinen Yasmin geschehen, die im Nebenraum schlief? Wenn er sie nicht zurück nach Kholi brachte, würde er Ärger mit seinem Onkel bekommen. Fürs Erste konnte er Yasmins Krankheit vorschieben, doch die zögerte das Unvermeidliche nur hinaus. Und je länger Linnea mit Yasmin zusammen war, desto schwerer würde ihr die Trennung fallen.

Seufzend streckte er sich und stand auf. Als er sich umdrehte, entdeckte er Linnea in der Tür. „Ist Ihnen langweilig?“

„Ja. Ich wollte nur sagen, dass Yasmin kein Fieber mehr hat.“

„Gut. Das bedeutet, dass wir morgen Abend in Nevada sein können.“ Je früher, desto besser, dachte er.

Wieder entstand ein längeres Schweigen.

„Sie begreifen nicht, warum ich Yasmin behalten will“, begann sie schließlich.

„Vielleicht liegt es daran, dass Sie zuerst dachten, sie sei Ihre leibliche Tochter.“

„Es ist mehr als das. Ich kann es nicht erklären, aber ich fühle es, und ich glaube, Yasmin empfindet es ebenso.“ Sie griff nach seinem Arm. „Verstehen Sie, was ich meine, Talal?“

Merkte sie nicht, wie gefährlich es war, wenn sie sich berührten? Es kostete ihn seine ganze Willenskraft, sie nicht in die Arme zu schließen und an sich zu drücken.

Er nahm ihre Hand von seinem Arm, hielt sie kurz zwischen seinen Händen und ließ sie dann los. Jedes weitere Wort erschien ihm wie eine Lüge. So sagte er nur den Satz, den seine Großmutter immer gebraucht hatte. „In Kholi sagen wir, Geduld ist der Schlüssel zur Lösung.“

Entgeistert sah sie ihn an. „Geduld? Nach so langer Zeit bin ich mit meiner Geduld am Ende. Yasmin ist mir geschenkt worden. Ich liebe sie, und ich werde alles tun, um sie zu behalten. Aber ich will auch meine leibliche Tochter zurück. Mein armes, krankes Baby. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, dass Malik vielleicht nicht die notwendige Operation durchführen lassen würde. Aber er hat es getan, glauben Sie nicht auch?“ Tränen schimmerten in ihren Augen.

In dem Moment war es um seine Beherrschung geschehen. Er zog sie in seine Arme und sprach leise auf Arabisch auf sie ein.

Linnea schmiegte sich an ihn. Seine Wärme und Stärke spendeten ihr den Trost, den sie dringend benötigte, und gaben ihr das Gefühl, nicht allein zu sein.

Viel zu schnell löste er sich von ihr. „Ich glaube, ich habe Yasmin gehört“, sagte er.

Sie drehte sich um und trat an Yasmins Bett. Talal folgte ihr. Yasmin hatte die Augen geöffnet. „Eis?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Linnea und Talal sahen sich an und lachten. Wenn Yasmin schon wieder Appetit auf Eis hatte, ging es ihr wirklich besser.

Am frühen Abend des nächsten Tages landeten sie in Reno. Fasziniert betrachtete Linnea die vielen Spielautomaten. Hier und da hörte sie das Klappern von Münzen, wenn der Automat Gewinne ausspuckte. Dennoch erschien es ihr, als steckten die Menschen mehr Geld hinein, als sie herausbekamen.

„Mieten wir einen Wagen?“, fragte sie Talal.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nicht nötig.“ Suchend sah er sich um.

Auch Yasmin ließ ihren Blick über die vielen Menschen gleiten. Plötzlich streckte sie die Hand aus. „Ya, Talal.“

Er sah in die Richtung, in die sie deutete, und lächelte.

Linnea drehte sich um und entdeckte einen großen dunkelhaarigen Mann. Als er näher kam, schnappte sie überrascht nach Luft.

Sie bemerkte, dass auch Yasmins Blicke zwischen dem Mann und Talal hin- und hergingen. Er war jetzt fast bei ihnen. Ein Mann in Jeans und Cowboystiefeln, Talal wie aus dem Gesicht geschnitten.

„Zeid!“, rief Yasmin. „Zeid, Zeid!“

„Stimmt, das ist Zeid“, bestätigte Talal. „Mein Bruder.“

Warum hat er mir nicht erzählt, dass er einen Zwillingsbruder hat? dachte Linnea wütend. Yasmin wusste anscheinend Bescheid.

Zeid gehörte also zu der königlichen Familie. Warum aber lebte ein Prinz auf einer Ranch in Carson Valley, Nevada?

Talal umarmte seinen Bruder und stellte ihm Linnea vor.

„Hallo, Zeid“, sagte sie. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Männern war unglaublich.

„Zeid ist die arabische Version meines Namens, Linnea“, sagte er. Überrascht stellte sie fest, dass er völlig akzentfrei sprach. „Eigentlich heiße ich Zed.“

4. KAPITEL

Yasmin war offensichtlich fasziniert von dem Mann, den sie Onkel Zeid nennen sollte. Auf der Fahrt zur Carson Valley Ranch beobachtete sie vom Kindersitz aus jede seiner Bewegungen.

Auch Linnea ließ ihn nicht aus den Augen. Seine ganze Art, seine Sprache, seine Gestik waren so typisch amerikanisch, dass es sie in Erstaunen versetzte.

Ya, Onkel Zeid“, sagte Yasmin schließlich. Ein Wortschwall auf Arabisch folgte.

„Tut mir Leid, Liebes, aber ich verstehe dich nicht. Ich spreche kein Arabisch“, sagte Zeid bedauernd.

„Sie möchte wissen, ob du ein kleines Pferd hast“, übersetzte Talal. „Ich habe ihr von Windy erzählt.“

„Oh, unser Pony. Ja, Yasmin, Windy wartet schon auf dich.“

Während Talal übersetzte, versuchte Linnea sich einen Reim darauf zu machen, warum dieser Zwillingsbruder kein Arabisch sprach.

Ihre Verwirrung wuchs, als sie zu der Ranch kamen. Sie kletterte gerade aus dem Wagen, als ein Kleinkind aus dem Haus gestürmt kam, gefolgt von einer blonden Frau. Der kleine Junge warf sich Talal in die Arme und rief freudestrahlend: „Daddy!“

Talal wirbelte den Jungen durch die Luft, bevor er ihn fest an sich drückte. „Yo, Nimr. Wie geht es dir, Tiger?“, fragte er.

Yasmin klammerte sich an Linnea. „Nimr?“

Anscheinend war nimr das arabische Wort für Tiger, und Yasmin hatte Angst. „Danny“, beruhigte Linnea sie. „Das ist Danny.“ Der Junge musste Talals Sohn sein.

„Danny?“, wiederholte Yasmin und richtete ihren Blick auf Talal und den Jungen.

Die blonde Frau kam auf sie zu. „Ich bin Karen“, stellte sie sich lächelnd vor. „Sie müssen Linnea sein, und du Yasmin. Willkommen in Nevada.“

„Hallo, Karen“, antwortete Linnea. Verzweifelt versuchte sie, die Verwandtschaftsverhältnisse zu begreifen.

„Karen“, murmelte Yasmin schüchtern und musterte die blonde Frau.

„Sie spricht meinen Namen genauso aus wie Talal“, stellte Karen fest. „Aber jetzt kommt erst einmal rein. Im Haus ist es kühl.“

Im Wohnzimmer stand eine wunderschöne, mit Schnitzereien verzierte Holzwiege. Yasmin ließ Linneas Hand los, trat an die Wiege und schaute auf das Baby, das fröhlich mit den Armen und Beinen strampelte.

„Baby“, sagte Linnea und stellte sich neben Yasmin.

„Das ist Erin.“

„Dannys Schwester?“, fragte Linnea vorsichtig.

Karen zögerte. „Anscheinend hat Talal Sie nicht darüber informiert, wie die Familienverhältnisse sind. Wir sagen, sie ist Dannys Schwester, aber eigentlich ist sie seine Cousine. Sie ist nach Dannys Mutter benannt worden.“

Linneas Verwirrung wurde immer größer, was man ihr anscheinend ansah, denn Karen lächelte schief. „Es ist kompliziert. Wir ziehen Danny auf, obwohl er Talals Sohn ist. Danny ist fast zwei. Erin ist unsere Tochter. Sie ist drei Monate alt. Später erkläre ich Ihnen alles noch genauer.“

Danny kam ins Wohnzimmer gestürmt und blieb kurz stehen, als er Yasmin an der Wiege sah. „Mein Baby“, verkündete er.

Yasmin starrte ihn nur an. „Danny“, sagte sie nur.

Er lächelte und nahm ihre Hand. „Spielen. Eisenbahn“, schlug er vor und zog sie auf die andere Seite des Raumes, wo sein Spielzeug verstreut lag. Danny war etwas größer als Yasmin.

Überrascht beobachtete Linnea, dass Yasmin ihm folgte, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

„Talal hat erzählt, dass sie drei ist. Ein süßes Mädchen. Und so zierlich.“ Karen deutete auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich doch.“

Karen strahlte eine solche Herzlichkeit aus, dass Linnea sich entspannte.

„Ich weiß nicht, wie die beiden miteinander klarkommen wollen“, sagte sie zu Karen. „Yasmin spricht kein Englisch.“

„Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Kinder schaffen es, sich zu verständigen, auch wenn sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Wo bleiben nur die Männer? Wahrscheinlich sind sie im Stall, um Najlas Fohlen zu bewundern. Talal hat uns die Stute zur Hochzeit geschenkt – ein fantastisches Tier.“

Linnea konnte mit ihrer Neugier nicht länger hinterm Berg halten. „Dannys Mutter …“, begann sie.

„Erin war meine Cousine. Sie starb bei Dannys Geburt, und ich bekam das Sorgerecht.“

Linnea spürte, dass Karen Wichtiges ausließ, doch sie fragte nicht weiter nach.

„Ist jemand zu Hause?“, vernahmen sie eine weibliche Stimme.

„Im Wohnzimmer, Jade“, antwortete Karen.

Eine schlanke Frau mit haselnussbraunen Haaren und grünen Augen betrat den Raum. „Hallo“, sagte sie zu Linnea. „Ich bin Jade, die Schwester der Zwillinge.“ Den Kopf zur Seite gelegt, musterte sie Linnea. „Jetzt ist mir klar, warum Talal so von Ihnen angetan ist. Dir auch, Karen?“

„Bring Linnea nicht in Verlegenheit“, schalt Karen.

„Aber es stimmt doch.“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Linnea. „Nehmen Sie es mir nicht übel. Ich bin zwar direkt, aber harmlos.“

Karen verdrehte die Augen, doch sie sagte nur: „Die Männer sind im Stall, falls du sie begrüßen möchtest.“

„Das kann warten.“ Sie ging zur Wiege und berührte Erins winzige Finger. Einen Moment später war Danny bei ihr.

„Meins.“

„Ja, ich weiß, dass es deine Schwester ist, aber kann ich für sie nicht auch Tante Jade sein, so wie für dich?“

Während Danny darüber nachdachte, schlich Yasmin an der Wiege vorbei zu Linnea. Jade streckte den Arm aus und hielt sie fest. „Hallo, Yasmin“, sagte sie. „Ich bin Jade.“

Yasmin sah sie an. „Jaida?“, fragte sie unsicher.

„Hat Talal dir das gesagt?“ Sie lächelte Yasmin an und strich über ihre Haare. „Jade, Liebes“, murmelte sie. „Ganz einfach Jade.“

Danny nahm Yasmins Hand. „Meine“, sagte er und blickte seine Tante finster an.

Jade streckte die Hand aus und fuhr durch Dannys Haare. „Kind, früher oder später wirst du lernen müssen zu teilen.“

„Was haltet ihr davon, wenn wir jetzt die Kinder füttern?“, schlug Karen vor. „Danach können wir in Ruhe essen.“ Sie stand auf, und in dem Moment fing das Baby schon an zu schreien.

„Kümmere du dich um Erin“, sagte Jade. „Linnea und ich schnappen uns die anderen beiden.“

Linnea folgte ihr und den Kindern in die Küche. In Gedanken war sie bei Jades Bemerkung. Wie kam sie darauf, das Talal von ihr „angetan“ sein könnte?

„Eis?“, fragte Yasmin.

„Oh, sie spricht Englisch“, stellte Jade begeistert fest.

„Nur ein paar Wörter.“

„Eis“, wiederholte Danny.

„Später“, versprach Jade. „Zuerst esst ihr mein wunderbares Omelette.“

„Später“, wiederholte Yasmin. „Badayn.“

Danny schien der Klang des Wortes zu gefallen, denn er sagte immer wieder: „Badayn. Badayn.“

Yasmin kicherte.

„Du meine Güte, bringt sie ihm jetzt schon Arabisch bei?“

„Scheint so“, meinte Linnea. „Außerdem ist es das erste Mal, dass sie richtig lacht. Zuerst hat sie Talal und mich überhaupt nicht aus den Augen gelassen. Das führte zu einigen unangenehmen Situationen.“

Jade grinste. „Kann ich mir vorstellen.“

Nachdem die Kinder satt waren und wieder spielten, setzten sich die Erwachsenen an den Tisch. Die Unterhaltung war lebhaft, aber niemand fragte, warum Talal Linnea und Yasmin nach Carson Valley gebracht hatte.

Schließlich gähnte Jade und verabschiedete sich. „Es liegt nicht an eurer Gesellschaft. Aber ich bin schon seit fünf Uhr auf den Beinen.“

„Ich freue mich, Sie kennengelernt zu haben“, sagte Linnea.

„Sie sind ganz anders, als ich erwartet hatte“, erwiderte Jade. „Aber ich habe positive Überraschungen schon immer geliebt.“ Sie warf einen Blick auf Talal. „Hüten Sie sich vor meinem arabischen Bruder.“ Sie umarmte ihn. „Diese ausländischen Machotypen sind sehr gefährlich.“

„Nehmen Sie es Jaida nicht übel“, meinte Talal, als sie fort war. „Meine kleine Schwester ist manchmal etwas direkt, aber ansonsten nicht übel.“

Im Nebenraum lärmten Yasmin und Danny. „Ich glaube, wir sollten besser nach dem Rechten sehen, Zed.“ Karen stieß ihn an. „Ihr entschuldigt uns doch?“

„Meine taktvolle Schwägerin lässt uns allein“, bemerkte Talal grinsend.

Da Linnea nicht wusste, wie lange sie ungestört reden konnten, stellte sie sofort die Frage, die sie schon den ganzen Abend beschäftigte. „Wie viel weiß Ihre Familie?“

„Ich habe meinen Bruder informiert, als wir im Stall waren. Er wird Karen alles erzählen. Fühlen Sie sich hier wohl?“

„Wie zu Hause. Mir gefällt Ihre Familie. Trotzdem können wir hier nicht für immer bleiben. Wir müssen darüber reden …“

Talal hob die Hand. „Ja, aber nicht heute Abend. Und nicht, bevor wir nicht Karen und Zeid zurate gezogen haben. Gehen wir schlafen.“ Er erhob sich lächelnd und streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen. „Wieder unter einem Dach. Es wird langsam zur Gewohnheit.“

Er führte ihre Hand an die Lippen und hauchte einen Kuss darauf. Es war jedoch weit mehr als ein Höflichkeitskuss. Eher ein Zeichen des Besitztums. Wie Dannys „meine“.

Yasmin schlief auf einem Gästebett neben Linnea. Entweder war das kleine Mädchen zu müde, um sich Gedanken darüber zu machen, wo Talal untergebracht war, oder es begann sich daran zu gewöhnen, dass er nicht immer in Sichtweite war.

Als Linnea am nächsten Morgen aufwachte, stellte sie überrascht fest, dass Yasmin nicht mehr im Bett lag. Sie öffnete die Tür und hörte Karens Stimme, dann Kinderlachen. Beruhigt atmete sie auf.

Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie in die Küche. Karen saß dort mit Erin auf dem Schoß am Tisch und trank Kaffee. Wo waren Danny und Yasmin?

Karen schien ihren suchenden Blick bemerkt zu haben, denn sie sagte: „Zed und Talal sind mit den Kindern auf der Weide bei Windy.“ Sie erhob sich.

„Bleiben Sie sitzen“, bat Linnea. „Sagen Sie mir einfach, wo alles steht, und ich bediene mich.“

„Koffeinfreier Kaffee ist auf dem Herd, normaler in der Kanne.“

Linnea schenkte sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich dann zu Karen an den Tisch.

„Zed hat erzählt, dass Ihr kleines Mädchen so alt war wie Erin, als es Ihnen weggenommen wurde.“ Karen Stimme klang sachlich, doch in ihren Augen lag Mitgefühl.

„Meine Yasmin. Ja, sie war drei Monate alt.“

„Und jetzt hat Talal Ihnen unwissentlich eine andere Yasmin gebracht.“

„Ja, aber ich liebe die Kleine“, antwortete Linnea. „Ich werde sie nicht wieder hergeben. Trotzdem möchte ich meine …“ Sie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an.

„Natürlich! Welche Mutter würde das nicht wollen! Ich weiß, dass Talal sie für Sie finden wird.“

„Meinen Sie?“

„Selbst wenn er sich nichts aus Ihnen machen würde, würde er sich moralisch verpflichtet fühlen, wiedergutzumachen, was ein anderer Mann aus seinem Land ihnen angetan hat.“ Karen lächelte. „Außerdem … ich habe meinen Schwager schon mit vielen attraktiven Frauen gesehen, aber er hat sich nie so verhalten wie bei Ihnen.“

Karens Worte bereiteten ihr Unbehagen, gleichzeitig aber wollte sie gern mehr über Talal hören. „War Ihre Cousine … ich meine … hat Talal …“

„Sie waren nicht verheiratet. Sie hatten nur eine kurze Affäre, und meine Cousine hat ihm nie von der Schwangerschaft erzählt. Sie starb bei Dannys Geburt. Niemand wusste, wer der Vater ist. Doch ich fand einen Schnappschuss von ihr und einem Mann auf einem Boot. Ich dachte, Zed sei der Mann, und beschuldigte ihn, mit meiner Cousine ein Verhältnis gehabt zu haben. Es war ein ganz schönes Durcheinander, denn er wusste nicht einmal, dass er einen Zwillingsbruder hat.“

Linnea zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Zed wusste nichts von Talal?“

„Nein. Es war eine merkwürdige Geschichte. Talal kann sie Ihnen besser erzählen als ich. Sprechen Sie ihn darauf an, bevor er nach Kholi fliegt.“

„Nach Kholi? Wann?“

„Morgen.“

Fluchend stellte Linnea ihre Tasse ab. „Das sieht ihm ähnlich, mich nicht in seine Pläne einzuweihen. Diese verdammten, arroganten Kholianer.“ Sie stand auf. „Wie komme ich zur Weide?“

Yasmin saß auf dem Pony und wurde von Talal über die Weide geführt, während Zed und Danny vom Zaun aus zusahen.

„Um wie viel Uhr geht Talals Flug morgen?“, fragte Linnea Zed.

„Um sieben Uhr morgens.“

„Fliegt er ab Reno?“

Zed nickte. „Machen Sie sich keine Sorgen. Sie und Yasmin sind bei uns sicher. Ich garantiere es.“ Er deutete auf das Pony. „Sehen Sie mal, wie viel Spaß ihr das macht.“

„Ich will auch reiten!“, rief Danny.

„Du warst schon an der Reihe“, erwiderte Talal und hob Yasmin herunter. Sie rannte zum Zaun, Linnea in die Arme.

Ya, Mom!“, rief sie aufgeregt. „Pony. Reiten. Pony.“

„Komm, Danny“, sagte Zed. „Wir zeigen Yasmin jetzt die kleinen Kätzchen.“ Er führte die Kinder zur Scheune. Yasmin ging ohne zu zögern mit.

„Sie gewöhnt sich schneller ein, als ich zu hoffen gewagt hatte“, stellte Talal fest, als er sich zu Linnea gesellte.

„Stimmt.“ Irgendetwas in ihrer Stimme schien ihn zu warnen, denn sein charmantes Lächeln verblasste.

„Freuen Sie sich nicht darüber?“.

„Doch, sogar sehr. Es ist einfacher für mich, sie hierzulassen, wenn ich weiß, dass sie glücklich ist.“

Er drehte sie zu sich um und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Sie fliegen nicht mit mir nach Kholi, wenn Sie das meinen.“

Sie machte sich von ihm los. „Wir sind hier nicht in Ihrem Land, sondern immer noch in meinem. Und hier werden Frauen wie denkende, menschliche Wesen behandelt. Ich habe ein Recht darauf zu erfahren, was Sie vorhaben. Schließlich geht es um meine Tochter. Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie morgen nach Kholi fliegen?“

„Das hätte ich noch getan.“

„Wann? Wollten Sie mich vom Flughafen aus anrufen? Oder hatten Sie vor, mir eine Nachricht auf mein Kopfkissen zu legen?“

Er schüttelte den Kopf. „Einen Zettel auf Ihr Kopfkissen? Linnea, jetzt spinnen Sie.“

„Nein! Ich will nur nicht wie ein unmündiges Wesen behandelt werden. Aber genau das scheinen die Frauen für euch Kholianer zu sein.“

„Ich bin nicht wie Malik. Ich halte Sie für eine sehr intelligente Frau, wenn auch etwas starrsinnig.“

„Dann werden Sie einsehen, dass die Chance, meine Tochter zu finden, größer ist, wenn ich bei Ihnen bin. Ich bin die Einzige, die das Kind, das Sie vielleicht finden werden, identifizieren kann.“

Er ging zu einem Heuwagen. Linnea folgte ihm und stellte sich herausfordernd vor ihn. „Nun?“, fragte sie.

„Sie bleiben hier“, entschied er. „Bei Ihren Vorurteilen gegen mein Land hätte ich nur Probleme mit Ihnen. Und ich habe keine Lust, Sie aus irgendwelchen unangenehmen Situationen zu retten.“

„Woher wollen Sie wissen, was ich kann und was ich nicht kann?“, fuhr sie ihn an. „Ich würde alles tun, um mein Kind zu bekommen.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Soviel ich weiß, sind Sie nie in Kholi gewesen.“

Er hatte recht. Malik hatte sie gedrängt, ihn dorthin zu begleiten, doch sie hatte fast vom ersten Tag an gewusst, dass die Heirat ein Fehler war. Und als sie schwanger war, fürchtete sie, dass er sie daran hindern würde, das Land wieder zu verlassen.

„Nein, ich bin nie dort gewesen“, bestätigte sie verbittert. „Nachdem Yasmin gekidnappt worden war, habe ich versucht, ein Visum zu bekommen, damit ich mein Baby suchen kann, doch es wurde mir verwehrt. Ihr Land wollte mich nicht.“

„Und wieso glauben Sie, Sie würden jetzt ein Visum bekommen?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Sie gehören zur königlichen Familie. Ich bin sicher, Prinz Talal kann alles arrangieren, wenn er möchte.“

Talal holte tief Luft. Er wollte gerade etwas sagen, als er Kinderstimmen hörte. Deshalb zog er sie von dem Heuwagen weg um die Ecke des Hauses. Dort stand ein roter Sportwagen, der dem ähnelte, mit dem er bei ihr aufgetaucht war. Er öffnete die Beifahrertür.

„Steigen Sie ein.“

„Warum sollte ich?“

„Weil wir vor Yasmin nicht streiten werden.“

Das überzeugte sie. Einen Moment später ließ er den Motor an und raste die Einfahrt entlang. Mit quietschenden Reifen fuhr er um die Kurve.

„Wohin fahren Sie? Falls wir überhaupt irgendwo heil ankommen“, bemerkte Linnea spitz.

Talal warf ihr einen Blick zu und drosselte die Geschwindigkeit. „J.J.’s“, sagte er.

J.J.’s erwies sich als kleines Kasino, nicht weit von der Stadt entfernt. Talal schob sie in das dunkle und verrauchte Gebäude, vorbei an lärmenden Spielautomaten, zu einem kleinen Nebenraum mit Tischen.

Linnea setzte sich an einen Tisch, während Talal zwei Bier holte.

„Hier stört uns niemand, und wir werden zu einer Einigung kommen.“

Linnea nippte an ihrem Bier. Als sie das Glas absetzte, streckte Talal die Hand aus und fuhr mit dem Zeigefinger über ihre Oberlippe. „Schaum“, sagte er und leckte seinen Finger ab. „Schmeckt himmlisch.“

Ihr war, als habe er den Schaum von ihrer Lippe geleckt. Sie schüttelte den Kopf, um diesen erregenden Gedanken zu verdrängen.

„In einem Punkt haben Sie recht“, räumte er ein. „Nur Sie können Ihre Tochter identifizieren. Ich weiß aber trotzdem nicht, ob ich riskieren will, Sie mitzunehmen.“

5. KAPITEL

Talal konnte nicht schlafen. Schließlich stand er auf. Lediglich mit Shorts bekleidet, verließ er sein Zimmer durch eine Schiebetür, die zu dem Rosengarten am Weiher führte.

Warum hatte er sich gegen alle Vernunft einverstanden erklärt, den Abflug hinauszuschieben, bis alles so weit arrangiert war, dass Linnea ihn begleiten konnte?

Am Weiher zeichnete sich die Silhouette des kleinen Sommerpavillons gegen den dunklen Himmel ab. Wie still und friedlich es hier war. Wie in seinem Haus am Wüstenrand von Kholi. Doch er würde Linnea nicht dorthin bringen. Sie blieb besser in der Stadt bei seiner Großmutter, die ein Auge auf sie werfen konnte, während er fort war.

Linnea mochte ehrlich sein, aber amerikanische Frauen waren es gewohnt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, statt sich von ihrem Mann leiten zu lassen.

Ja, Linnea würde Probleme bereiten. Das tat sie jetzt schon. Egal, wie häufig er versuchte, sie aus seinen Gedanken zu verdrängen, sie kehrte immer zurück. Vielleicht würde sein Verlangen nach ihr nachlassen, wenn er einmal mit ihr geschlafen hatte. Bisher war sein Interesse an einer Frau immer abgeflaut, wenn er sie im Bett gehabt hatte. Warum sollte es bei Linnea anders sein?

Talal blieb vor dem Pavillon stehen, als er eine Bewegung darin wahrnahm.

„Talal?“, hörte er eine leise Frauenstimme.

Linnea. „Also bin ich nicht der Einzige, der nicht schlafen kann“, stellte er fest und trat zu ihr.

„Das liegt an der Zeitverschiebung.“ Sie setzte sich auf eine der Bänke.

„Vielleicht.“ Er blieb stehen, unsicher, ob er sich zu ihr setzen oder gehen sollte.

„Duften die Rosen nicht himmlisch?“, schwärmte sie.

Er nahm neben ihr Platz und streckte sein linkes Bein aus. „Woher wussten Sie, dass ich es bin?“, fragte er.

„Ich habe Ihren Schritt erkannt.“ Schon einige Male war ihr aufgefallen, dass er ein Bein kaum merklich nachzog.

„Ein Unfall mit dem Boot“, murmelte er.

„Segelboot?“

„Ja. Es war ein wunderschönes Schiff.“

„Ich bin seit Jahren nicht gesegelt. Als ich noch ein Kind war, haben wir die Sommerferien immer am Cape Cod verbracht und praktisch auf einem Segelboot gelebt. Es waren wunderschöne Tage.“

Talal stellte sich Linnea auf seinem Boot vor. Dem neuen, das er zu kaufen beabsichtigte. Sie würde einen einteiligen Badeanzug tragen, der die Fantasie anregte. Oder – wenn es warm war und sie in einer einsamen Bucht vor Anker lagen – nichts.

„Mein Bruder hat ein Segelboot am Lake Tahoe“, erzählte er. „Nur ein paar Meilen von hier entfernt. Während wir auf Ihr Visum warten, könnten wir zur Emerald Bay segeln. Zeid behauptet, es sei das schönste Fleckchen Erde auf der ganzen Welt.“

„Yasmin hätte sicherlich viel Spaß an einem Segeltörn“, stimmte Linnea zu.

Talal hatte nicht die Absicht, das Kind mitzunehmen. „Ich denke, sie bleibt lieber bei Danny und Erin. Je besser sie sich mit Danny versteht, desto leichter wird es für sie, wenn wir abreisen.“

Er hatte den Arm auf die Rückenlehne der Bank gelegt. Seine Finger waren nur wenige Zentimeter von Linneas Nacken entfernt. Wenn er sie bewegte, konnte er die Wärme ihrer Haut spüren. Er könnte ihr Gesicht zu sich drehen und ihre verlockenden Lippen mit seinen berühren …

Nein. Talal wehrte sich heftig gegen die verführerischen Bilder. Nicht heute Abend. Hier, allein in dem romantischen Pavillon, in der Dunkelheit, eingehüllt von dem schweren Duft der Rosen, erwartete sie vielleicht, dass er versuchen würde, sie zu küssen, und würde auf Abwehr schalten. Tue nichts Voreiliges, ermahnte er sich. Du musst sie überraschen.

„Wo haben Sie Malik kennengelernt?“, fragte er unvermittelt.

„Auf einer Party in Manhattan.“ Sie seufzte. „Damals war ich noch zu naiv, um zu erkennen, was sich hinter seinem Charme verbarg.“

„Und jetzt?“

„Ich habe gelernt. Sie …“ Sie hielt inne.

Er nahm ihre Hand und spielte mit ihren Fingern. „Ich bin nicht Malik.“

„Aber Sie sind auch Araber.“

„Meine Ehe ist ebenfalls gescheitert.“

„Ich dachte, Sie seien nicht mit Karens Cousine verheiratet gewesen?“

„War ich auch nicht. Meine Frau stammte aus Kholi. Die Heirat war zwischen unseren Familien arrangiert worden – nichts Ungewöhnliches in unserem Land.“ Das hübsche, dunkelhaarige Mädchen, seine Braut, war mittlerweile für ihn nichts weiter als eine blasse Erinnerung. Er wusste nicht einmal mehr, wie es gewesen war, mit ihr Sex zu haben.

„Sie haben sich von ihr scheiden lassen?“, fragte Linnea.

„Sie ist ums Leben gekommen. Sie wurde ein Opfer ihres Misstrauens.“ Bitterkeit schwang in seiner Stimme mit.

Linnea drückte seine Hand.

„Aber Allah hat mir einen Sohn geschenkt. Danny“, fuhr Talal fort. „Es gibt also keinen Grund mehr, noch einmal zu heiraten.“

Linnea zog ihre Hand abrupt zurück. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie in erster Linie geheiratet haben, um einen Sohn zu haben?“

„In Kholi ist es die Pflicht eines jeden Mannes, Söhne zu zeugen.“

Er spürte ihren Ärger, bevor sie sprach. „Was macht ihr mit euren Töchtern? Ertränken?“

„Sie reden Unsinn. Wir vergöttern unsere Töchter.“

„Um ihrer selbst willen, oder weil sie eines Tages Söhne gebären werden?“

„Das ist doch lachhaft, Linnea.“

Sie sprang auf. Er erhob sich ebenfalls. „Finde ich nicht. Malik war sehr wütend auf mich, weil ich ihm keinen Sohn geboren habe. Deshalb bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass mein Baby in Gefahr sein könnte. Er wollte keine Tochter, er hat sie mir aus reiner Bosheit genommen.“ Sie begann zu weinen. „Aus Rachsucht.“

Talal zog sie an sich und strich sanft über ihren Rücken, während er tröstend auf sie einsprach. Dieser verdammte Hund Malik. Und wie ein Hund war er auch gestorben, erschossen von einem unbekannten Attentäter.

Nun, nicht ganz so unbekannt, wie der König behauptet hatte. Talal vermutete, dass einer seiner Cousins die Hand im Spiel gehabt hatte, weil Malik sein Spiel mit einer Tochter der Zohirs trieb. Einem Mädchen, das zu jung war, um den Mann zu durchschauen, und auf ihn hereinfiel.

„Ich werde Ihre Yasmin finden. Ich schwöre es.“ Falls sie noch lebt.

Sie löste sich von ihm. „Danke“, sagte sie. „Ich weiß, dass Sie mich nicht enttäuschen werden.“

„Und wenn ich sie gefunden habe, haben wir zwei Yasmins.“ Zu spät merkte er, dass er wir statt Sie gesagt hatte. Doch Linnea seufzte nur. Anscheinend war es ihr nicht aufgefallen.

Bevor er reagieren konnte, hatte Linnea sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihn geküsst. Obwohl ihm bewusst war, dass es lediglich aus Dankbarkeit geschah, schloss er sie in seine Arme. Linnea schmiegte sich an ihn. Ihre Reaktion weckte ein heftiges Verlangen in ihm.

Er legte die Hände auf ihren Po und presste sie an sich. Der schwache Duft ihres Parfums, vermischt mit dem Duft der Rosen, betörte ihn. Sie war so sanft, so verführerisch und schien für ihn allein geschaffen zu sein. Er wollte, er brauchte …

„Talal“, flüsterte sie.

Er musste sie haben, er konnte sich kaum beherrschen. Aber hier? Wie zwei Teenager, die von ihren Gefühlen übermannt werden? Nein.

Unter Aufbietung all seiner Willenskraft löste er sich von ihr und trat einen Schritt zurück. Ihre Hände hielt er fest. Er beugte sich hinab und küsste die Innenflächen, bevor er sie losließ. Dabei murmelte er zärtliche Worte. Dann drehte er sich um und ging zurück zum Haus.

Fassungslos sah Linnea ihm nach. Sie war wütend auf sich selbst. Es hatte nicht viel gefehlt, und sie hätte sich ihm leidenschaftlich hingegeben. Womit sie eine weitere Nummer auf der Liste seiner Eroberungen gewesen wäre.

Entschieden schüttelte sie den Kopf. Verdammte Männer. Nie wieder, schwor sie sich.

Am nächsten Morgen erzählte Karen Linnea, dass sie vorhatten, am folgenden Tag ein Barbecue zu veranstalten.

„Nur die Familie“, beschwichtigte sie, als sie Linneas besorgten Gesichtsausdruck sah. „Keine Angst, kein Außenstehender erfährt, dass ihr hier seid. Jade wird kommen und – Überraschung – mein Bruder Steve. Er möchte euch gern kennenlernen. Zed hat ihn gestern angerufen, weil er glaubt, dass Steve dabei helfen kann, eure Geschichte noch eine Weile geheim zu halten.“

„Wieso?“, fragte Linnea.

Karen zuckte mit den Schultern. „Er ist für die Regierung tätig – irgendetwas Geheimes. Aber wenn jemand eine undichte Stelle stopfen kann, dann ist es Steve. Zed hat vorher mit Talal gesprochen, der ist einverstanden.“

„Es tut mir leid, dass Yasmin und ich euer Leben so durcheinanderbringen.“

„Unsinn. Danny ist froh, in Yasmin eine Spielgefährtin gefunden zu haben, und du …“ Sie hielt inne und lächelte. „Ich darf doch du zu dir sagen? Jedenfalls, wir freuen uns über deine Gesellschaft. Und was Talal angeht … es ist nicht zu übersehen, dass du ihm den Kopf verdreht hast.“ Sie senkte die Stimme. „Er erzählt Zed, dass er dich unter keinen Umständen mit nach Kholi nehmen wird, und kaum zwei Stunden später telefoniert er, um ein Visum für dich zu bekommen. Und das bei einem Mann, der sich normalerweise nichts sagen lässt – vor allem nicht von einer Frau. Jade und ich amüsieren uns königlich darüber.“

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