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Verrückt vor Liebe und Leidenschaft / Das heiße Herz des Millionärs / Süße Rache auf Hawaii / Ein Mann, ein Wort – ein Heiratsantrag

Jill Shalvis

Verrückt vor Liebe und Leidenschaft

1. KAPITEL

Ziemlich ratlos fuhr Holly an den Straßenrand, öffnete eine Flasche Mineralwasser und überlegte, was sie nun tun sollte. Sie könnte natürlich die ausgebreitete Straßenkarte auf dem Beifahrersitz studieren. Aber dann müsste sie sich selbst eingestehen, dass sie sich hoffnungslos verfahren hatte. Das brachte sie nicht über sich. Jedenfalls noch nicht. Sie trank einen großen Schluck Wasser und atmete tief durch.

Holly Stone wusste immer ganz genau, wo sie sich befand, woher sie kam und wohin sie wollte. Zwar hatte ihr diese Überzeugung den Ruf eingebracht, ziemlich stur zu sein. Aber sie konnte nichts daran ändern.

Im Moment jedoch hatte sie nicht die geringste Ahnung, wie sie nach Little Paradise gelangen sollte. Es war vielleicht eine gute Idee, das Handy einzuschalten. Aber wen sollte sie anrufen? Jemanden aus ihrer Familie? Ganz bestimmt nicht. Ihr Anruf wäre ein gefundenes Fressen für jeden Einzelnen von ihnen. Holly, das hübsche blonde Dummerchen, hat sich verfahren.

Ihre Eltern trauten ihr sowieso nichts zu und würden nur einmal mehr resigniert den Kopf schütteln. Und ihre geliebten Geschwister würden triumphierend fragen, ob sie es nicht für nötig gehalten hätte, vor der Fahrt auf die Karte zu sehen. Holly, die immer planlos loslegte und eine Sache ruinierte, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Nein. Sie konnte jetzt niemanden aus ihrer Familie gebrauchen. Und auch keine guten Ratschläge und kritischen Kommentare.

Und enge Freunde? Holly musste sich eingestehen, dass sie keine hatte. Sie öffnete sich ihren Mitmenschen gegenüber nur zögerlich. Der Umgang mit anderen Menschen fiel ihr schwer. Das war schon im Kindergarten so gewesen. Ihre Schwierigkeiten, einvernehmlich mit den anderen Kindern zu spielen, hatten sich in der Schule fortgesetzt. Und später, im Berufsleben, hatte sich das Problem eher verstärkt. In keinem ihrer Jobs – und sie hatte bisher einige davon gehabt – war sie mit ihren Kollegen wirklich gut zurechtgekommen. Sie hatte in ihrem jungen Leben in einer Bank gearbeitet, in einer Fotoagentur, in einem Buchverlag und zuletzt als Bürokraft in einer kleinen privaten Fluggesellschaft.

Nirgendwo war sie bei ihren Vorgesetzten oder Kollegen wirklich beliebt gewesen. Vielleicht lag es daran, dass sie immer versuchte, ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Besonders Männer schienen das nicht besonders zu mögen.

Aber sie war eben, wie sie war. Mit einem Schulterzucken stieg Holly aus dem Wagen, um sich ein wenig die Füße zu vertreten. Es war ein langer Weg von Südkalifornien bis zu dieser gottverlassenen Gegend hier in Arizona. Nach acht Stunden Fahrt mit nur kurzen Unterbrechungen taten ihr allmählich Beine und Rücken weh.

Die Sonne blendete sie, und die Hitze machte ihr sofort zu schaffen, als sie den Wagen verlassen hatte. Unschlüssig blickte sie sich um und ging ihre Möglichkeiten durch. Die schienen leider sehr eingeschränkt zu sein. Sie befand sich ganz allein inmitten der Wüste von Arizona, umgeben von nichts als Eidechsen, Kakteen und Präriegras. Sie tat bestimmt gut daran, einen kühlen Kopf zu bewahren. Zumindest ein Versuch konnte nicht schaden.

Sie würde sich wie immer einfach darauf konzentrieren, gut auf sich achtzugeben. Darin hatte sie Übung. Sie würde die Straßenkarte zu Hilfe nehmen und den Weg nach Little Paradise finden. Es konnte schließlich nicht mehr weit sein.

Sie setzte sich wieder ins Auto und schaltete die Klimaanlage an. Dann tupfte sie sich den Schweiß von Schläfen und Nacken. Fast augenblicklich fühlte sie sich besser.

Sie hatte immer gehört, dass es in Arizona sehr heiß sein sollte. Eigentlich war sie von Südkalifornien an hohe Temperaturen gewöhnt. Aber diese Hitze hier war etwas anderes. Trocken und schwer lastete sie über der Landschaft und machte jede Bewegung zur Qual. Holly war sich sicher, dass ihr Teint innerhalb einer Woche ruiniert sein würde.

Aber sie hatte ein Versprechen gegeben. Und sie gehörte nicht zu den Menschen, die ein Versprechen brachen. Holly hatte ihren Eltern fest zugesagt, dass sie diese Aufgabe übernehmen würde. Sie wusste sehr genau, ihre Eltern rechneten nicht ernsthaft damit, dass sie Wort hielt. Das war ein weiterer Grund für sie, die Zähne zusammenzubeißen und nicht aufzugeben. Sie würde es schon schaffen. Dies konnte ein Wendepunkt in ihrem Leben sein. Bisher war sie immer nur schön und blond und total unterschätzt gewesen. Es war an der Zeit, zu beweisen, dass sie hart arbeiten, Verantwortung übernehmen und durchhalten konnte. Sie wollte sich endlich einmal Vertrauen und Respekt verdienen.

Nach einem längeren Blick auf die Straßenkarte war sie sich ziemlich sicher, dass Little Paradise nur ein paar Kilometer weiter in Fahrtrichtung liegen musste.

Dennoch war sie sehr erleichtert, als nach einer halbstündigen Fahrt auf der einsamen Wüstenstraße ein grünes Ortsschild in Sicht kam. „Little Paradise, 856 Einwohner“ stand darauf.

Holly ließ die Schultern sinken und entspannte sich. Es sah ganz so aus, als hätte sie sich doch nicht verirrt. Sie war zweifellos auf der richtigen Straße in die richtige Richtung gefahren.

„Little Paradise“, flüsterte sie vor sich in.

Bestimmt hatte sich jemand mit diesem Namen einen schlechten Scherz erlaubt.

Denn Little Paradise sah auf den ersten Blick eher so aus, wie sie sich die Hölle vorstellte.

Sheriff Riley McMann warf einen Blick auf die Uhr. Sein Magen hatte bereits zum dritten Mal innerhalb einer Viertelstunde vernehmlich geknurrt. Kein Wunder, es war schon zwei Uhr. Seit dem hastigen Frühstück im Morgengrauen hatte er nichts mehr zu sich genommen.

Das Telefon hatte ihn an diesem Morgen ganz früh aus dem Schlaf gerissen. Eine Kuh war in eine Felsenschlucht geraten. Und er hatte bei ihrer Rettung helfen müssen. Pflichten wie diese verrichtete er den ganzen Tag.

Tatsächlich machte es ihm jedoch nichts aus, einen schroffen Felsen hinunterzuklettern, Staub zu schlucken und sich vor den Tritten einer in Panik geratenen Kuh in Acht zu nehmen. Das gefiel ihm viel besser, als Büroarbeit zu erledigen. Er warf einen unwilligen Blick auf den Aktenstapel, der sich auf seinem Schreibtisch türmte. Sheriff in einer ländlichen Gemeinde wie Little Paradise zu sein, stellte keine großen Herausforderungen an seine kriminalistischen Fähigkeiten. Aber er konnte einen Großteil des Tages draußen an der frischen Luft verbringen.

Außerdem ermöglichte ihm das ruhige, friedliche Landleben die Bewirtschaftung seiner eigenen kleinen Ranch. Auch das gefiel ihm sehr.

Sein Magen knurrte ein weiteres Mal hörbar. Nun gut, er war hungrig, sehr hungrig sogar. Mit einem sehnsüchtigen Blick schaute er aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Restaurant. Es hieß Café Nirvana und war das einzige Restaurant der Stadt.

Es schien schon immer da gewesen zu sein. Es gehörte zu Little Paradise wie der heiße Wüstenwind und die staubigen Straßen. Aber nachdem Marge und Edward Mendoza mehr als fünfzig Jahre lang für die Einwohner des Städtchens gekocht hatten, wollten sie nun ihren wohlverdienten Ruhestand antreten. Sie hatten die Absicht, das Restaurant zu verkaufen und nach Montana umzuziehen. Dort lebten Familienangehörige.

Man erzählte sich in der Stadt, dass ihre Tochter jemanden gefunden hatte, der das Restaurant bis zum endgültigen Verkauf weiterführen würde. Marges und Edwards Tochter putzte das Haus eines wohlhabenden Doktorenehepaars in Kalifornien und hatte weitreichende Beziehungen. Bis jetzt war allerdings noch niemand aufgekreuzt, der das Restaurant übernehmen wollte. Riley gefiel der Gedanke an eine Veränderung überhaupt nicht. Das Café Nirvana war das Herz und die Seele von Little Paradise.

„Jetzt hör schon auf, die ganze Zeit hinüberzusehen, und geh endlich hin“, sagte Jud, der gerade das Büro betrat. Der fünfundsechzig Jahre alte Deputy lächelte Riley auffordernd zu und zog sich die ewig rutschenden Hosen hoch. „Man kann dein Magenknurren bis zur anderen Straßenseite hören.“

„Ich habe keine Zeit, zu Mittag zu essen.“

Juds Grinsen wurde eine Spur breiter. „Ja, man weiß nie genau, wann sich die nächste Kuh in eine Schlucht verirrt.“

„Ich muss jede Menge Papierkram erledigen“, sagte Riley geduldig.

„Der läuft dir bestimmt nicht weg“, erwiderte Jud mit unbestreitbarer Logik.

Das stimmte allerdings, musste Riley sich eingestehen. Er legte die Hand auf seinen knurrenden Magen. Ein Schweinekotelett wäre jetzt nicht schlecht. Oder Hackbraten. Oder irgendetwas. „Was steht denn heute auf der Tageskarte?“

Jud spähte aus dem Fenster und stieß einen leisen Pfiff aus. „Das nenne ich eine langbeinige Blondine. Mit Kurven an den richtigen Stellen.“

„Wie?“ Riley stand auf und stellte sich neben seinen Deputy. Jetzt verstand er, was Jud gemeint hatte. Eine wirklich sehr langbeinige Blondine stieg gerade aus einem roten Jeep und strich sich das sorgfältig frisierte Haar zurück. Dann glättete sie ihren roten Seidenrock und griff nach einer Handtasche, die perfekt zu den hochhackigen Pumps passte.

Sie sah aus, als sei sie gerade eben einem Modemagazin entstiegen. Riley hatte eigentlich kein Problem damit, schöne Frauen anzusehen. Schließlich war er ein gesunder amerikanischer Mann von zweiunddreißig Jahren. Aber die Frau vor dem Café Nirvana wirkte dort so fehl am Platz wie ein Schneemann mitten in der Wüste von Arizona.

Er hegte auf Anhieb nicht sehr viel Sympathie für sie. Sie stolzierte einher auf ihren langen Beinen und mit wiegenden Hüften, als gehörte ihr die Welt. Ihr Verhalten und ihre Garderobe waren eindeutige Hinweise darauf, dass sie aus der Großstadt kam. Riley wusste aus eigener schmerzlicher Erfahrung, dass eine Großstadtpflanze wie diese Frau nicht nach Little Paradise passte. Das beste Beispiel dafür war seine Mutter. Sie hatte es hier nicht lange ausgehalten. Riley war gerade eine Woche alt gewesen, als seine Mutter ihn und seinen Vater verließ.

„Was kann sie nur hier wollen?“, fragte Jud und kratzte sich am Kinn.

„Ich habe keine Ahnung. Vielleicht hat sie von dem guten Essen im Café Nirvana gehört“, witzelte Riley.

Jud lachte. „Sie sieht nicht so aus, als ob sie viel essen würde. Aber es muss irgendeinen Grund für ihre Anwesenheit geben. Sie ist bestimmt nicht aus Versehen hier gelandet.“

Dieser Ansicht war Riley auch. Aber er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, warum diese Frau nach Little Paradise gekommen sein mochte.

„Ich gehe mal rüber und finde heraus, wer sie ist“, sagte er und nahm seinen Hut.

„Tu das. Aber sei vorsichtig. Sie könnte bewaffnet und gefährlich sein“, sagte Jud mit einem breiten Grinsen.

Riley schüttelte nur den Kopf und ging zur Tür.

„Am besten durchsuchst du sie gründlich. Für alle Fälle.“ Jud lachte lauthals und zog sich die rutschenden Hosen hoch.

Als Riley nach draußen trat, war die Blondine um ihren Jeep herumgegangen und stand vor dem Café. Sie war größer, als er zunächst vermutet hatte. Und sie hatte tatsächlich sehr lange Beine. Und eine atemberaubende Figur. Ihr enger roter Rock und die gleichfarbige Bluse ließen in dieser Hinsicht keine Fragen offen.

Zu ihren Füßen saß Harry. Harry war ein übergewichtiger, hässlicher roter Kater, an dem alle Einwohner des Städtchens mit abgöttischer Liebe hingen. Er gehörte gleichsam zum Inventar des Cafés. Nicht zuletzt darauf waren Harrys massive Gewichtsprobleme zurückzuführen. Aber der Kater verstand es durchaus, auch anderswo Leckerbissen zu erbetteln.

„Geh weg“, sagte die Frau in Rot und versuchte, Harry mit heftigen Handbewegungen fortzuscheuchen.

Harry blinzelte indessen ungerührt in die Sonne und legte sich auf den Boden. Mit einem geräuschvollen Grunzen drehte er sich auf den Rücken und präsentierte seinen voluminösen Bauch. Das hieß üblicherweise, dass er gestreichelt werden wollte. Aber die Blondine tat nichts dergleichen.

„Verschwinde“, zischte sie ihm zu und wedelte mit ihren manikürten Händen.

Harry schnurrte nur wie ein defekter Motor, und Riley grinste breit.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, bot er höflich an und trat einen Schritt näher. „Mein Name ist Riley McMann. Ich bin hier der Sheriff.“

Sie wandte ihm das Gesicht zu. Riley hielt kurz den Atem an. Sie war eine wirkliche Schönheit. Ihr hellblondes, kinnlanges Haar umspielte ein fein geschnittenes ovales Gesicht. Ihre großen Augen waren von einem strahlenden Blau, und ihre sinnlichen roten Lippen wirkten wie ein Versprechen.

Sie unterzog Riley einer eingehenden Musterung und blickte schließlich skeptisch auf sein Dienstabzeichen. „Ist dieser Ort groß genug für einen eigenen Sheriff?“

Ihre Stimme war sanft und verführerisch. Die Art, wie sie sprach, bestätigte Rileys Verdacht. Sie kam eindeutig aus der Großstadt. Riley fand ihre Frage ziemlich herablassend. Eigentlich war er immer freundlich und zuvorkommend zu seinen Mitmenschen. Unhöflichkeit entsprach nicht seiner Art. Aber diese Frau hatte etwas an sich, das ihn ärgerte. Er kannte diese Art von Frauen. Und er hatte nicht sehr viel für sie übrig.

„Oh, ja. Wir sind groß genug für Ärger aller Art“, antwortete er betont höflich. „Kann ich Ihnen vielleicht mit einer Wegbeschreibung helfen?“

Am liebsten mit der Wegbeschreibung zur Autobahn, setzte er in Gedanken hinzu.

Sie deutete auf das Café Nirvana. „Das ist das einzige Restaurant im Ort?“

Riley folgte ihrem Blick und betrachtete die bunt bemalte Fensterscheibe. Das Café war der soziale Mittelpunkt von Little Paradise. Hier trafen sich die Leute, tauschten Neuigkeiten aus, schlossen Geschäfte ab und verbreiteten die neusten Gerüchte. Die neugierigen Gesichter der Gäste drinnen waren ausnahmslos der Blondine und ihm zugewandt. Riley entdeckte die Bibliothekarin Mindy, Dan, den einzigen Automechaniker im Umkreis von dreihundert Kilometern, den Postbeamten Lou und Mike, den örtlichen Bauunternehmer und Hobbymaler. Alle verfolgten seine Unterhaltung mit der Blonden sichtlich interessiert.

„Bitte sagen Sie mir, dass es noch ein Restaurant gibt“, sagte die Frau in seine Gedanken hinein.

„Nein, tut mir leid. Nicht im Umkreis von hundert Kilometern. Sie müssen schon mit dem Café Nirvana vorliebnehmen.“

Sie gab ein seltsames Geräusch von sich. Es klang wie eine Mischung aus entsetztem Stöhnen und spöttischem Lachen. „Café Nirvana?“

Er konnte ein amüsiertes Grinsen nicht unterdrücken. „Genau.“

„Das Café Nirvana in einem Ort namens Little Paradise?“, fragte sie fassungslos.

Riley bemühte sich um Gelassenheit. „So ist es.“

Sie legte den Kopf zurück und warf einen Hilfe suchenden Blick in den strahlend blauen Himmel. „Das muss ein Scherz sein. Ein sehr merkwürdiger Scherz.“ Sie sah ihn hoffnungsvoll an. Als er bedächtig den Kopf schüttelte, verfinsterte sich ihre Miene.

Nein, dachte Riley. Kein Scherz.

„Kosmische Gerechtigkeit“, sagte sie leise und schloss kurz die Augen. „Schicksal. Karma. Wie auch immer man es nennen mag, ich scheine es magisch anzuziehen.“ Sie nickte ihm lässig zu und ging davon. Aber wie es schien, hatte sie nicht die Absicht, aus seinem Leben zu verschwinden. Denn sie begab sich geradewegs ins Café Nirvana.

Die fette rote Katze folgte ihr auf dem Fuß.

„Verschwinde“, zischte Holly erneut.

Aber das Tier machte keine Anstalten. Stattdessen schlüpfte es zwischen ihren Beinen hindurch ins Innere des Restaurants. Holly konnte sich glücklich schätzen, dass sie nicht über das Ungetüm stolperte.

Die Gerüche, die ihr entgegendrangen, nahmen ihr den Atem und ließen sie ihren Ärger über die aufdringliche Katze augenblicklich vergessen. Gebratener Speck, Steaks, Spiegeleier, Zwiebel, Knoblauch, Chili. Holly rümpfte die Nase. Das waren fast ausnahmslos Nahrungsmittel, die sie niemals zu sich nahm.

Das lag nicht daran, dass sie eine Kostverächterin oder besonders wählerisch war. Verschiedentlich war ihr das schon zum Vorwurf gemacht worden. Aber es entsprach nicht der Wahrheit. Nein, es lag ganz einfach daran, dass sie sehr auf ihre Figur achten musste. Wenn sie sich nicht in Acht nahm, lief sie Gefahr, innerhalb kürzester Zeit Miss Piggy Konkurrenz zu machen. Trotzdem lief ihr bei den sie umgebenden Düften unwillkürlich das Wasser im Mund zusammen. Und wieder einmal dachte sie, dass sie einen sehr hohen Preis für ihre gute Figur bezahlte.

Die Gäste des Restaurants, die noch vor wenigen Sekunden neugierig auf die Straße gestarrt hatten, senkten bei ihrem Eintreten hastig die Köpfe und gaben vor, sehr mit ihrem Essen, Getränk oder einer Zeitschrift beschäftigt zu sein.

Kleinstädte, dachte Holly bei sich. Nicht, dass sie viel über Kleinstädte und das Leben darin wusste. Aber so ähnlich hatte sie es sich vorgestellt.

Die Inneneinrichtung des Restaurants entsprach den Befürchtungen, die Holly hegte, seit sie die Außenfassade erblickt hatte. Alles wirkte billig und ein wenig abgenutzt. Das Café Nirvana trennten Welten von den eleganten und exklusiven Restaurants, die sie sonst bevorzugte.

Die ehemals weiß getünchten Wände hatten sich im Laufe der Jahre durch die Essensdünste gelblich verfärbt. Die Sitznischen zierte ein Bezug aus abgeschabtem blassrotem Vinyl. Die Sitzflächen wirkten, als ob man sich besser nicht mit Nylonstrümpfen daraufsetzte. Es sei denn, man legte gesteigerten Wert auf Laufmaschen. Die Tische waren aus schlechtem Holz und stark zerkratzt. Die sie umgebenden wackeligen Stühle passten weder zu den Tischen noch zueinander. Außer ein paar verblichenen Landschaftsaufnahmen in einfachen Rahmen gab es keinerlei Dekoration.

Entzückend, dachte Holly. Das hier schlug ihren schlimmsten Albtraum um Längen. Ihre Absätze verursachten auf dem billigen, aber dankenswerterweise sauberen Linoleum ein vernehmliches Klicken. Holly ging auf den Tresen zu, von dem aus sie eine Kellnerin in einer geschmacklosen pinkfarbenen Uniform kritisch beäugte.

„Ich bin auf der Suche nach Mr. und Mrs. Mendoza. Können Sie mir sagen, ob ich sie hier antreffe?“, fragte sie und versuchte, die neugierigen Blicke der anwesenden Gäste zu ignorieren. Das gelang ihr nicht ganz, sie spürte sie wie Nadelstiche auf dem Rücken.

Was war nur mit diesen Leuten los? Sah sie etwa aus, als käme sie vom Mars? Zumindest, das musste sie zugeben, fühlte sie sich so. Wie auf einem fremden Planeten, mit all dem Staub und der Hitze. Sie war an Los Angeles gewöhnt. Dort wuchsen Palmen, und die Menschen hatten freundliche Gesichter.

Die Kellnerin war eine mollige Frau in mittleren Jahren, die das graue Haar zu einem Knoten gesteckt am Hinterkopf trug. Sie stemmte die Hände in die beachtlichen Hüften und runzelte die Stirn.

„Wer möchte das wissen?“, gab die Kellnerin ungehalten zurück. „Falls Sie vom Ordnungsamt sind …“

„Nein, nein“, unterbrach Holly den wütenden Wortschwall. „Mein Name ist Holly Stone.“

„Und weiter? Dieser Name sagt mir nichts.“

Holly unterdrückte ein Seufzen. „Ich bin hier, weil Mr. und Mrs. Stone, meine Eltern, mich geschickt haben. Ich soll das Restaurant führen, bis es verkauft wird. Die Tochter von Mr. und Mrs. Mendoza ist Reinigungskraft bei meinen Eltern. Sie wollten ihr damit einen Gefallen tun.“

„Sie sind Mr. und Mrs. Stones Tochter?“, fragte die Kellnerin fassungslos.

Holly nickte tapfer. „Ja.“

Die Kellnerin brach in Gelächter aus. Holly verdrehte kurz die Augen und schluckte trocken. Sie war an solche Reaktionen gewöhnt. Schon ihr ganzes Leben lang zeigten sich die Leute amüsiert darüber, wie wenig sie mit ihren Eltern gemeinsam hatte.

Mr. und Mrs. Stone waren beide Ärzte und verbrachten ihre Zeit damit, anderen Menschen zu helfen. Ihre letzte gute Tat hatte darin bestanden, die Eltern ihrer Putzfrau dazu zu nötigen, noch vor dem Verkauf ihres Restaurants in den Ruhestand zu gehen. Die Mendozas hatten das, so fanden sie, nach einem über fünfzigjährigen Arbeitsleben ohne nennenswerten Urlaub redlich verdient.

Hollys zwei ältere Schwestern waren in die Fußstapfen der Eltern getreten und ebenfalls Ärztinnen geworden. Die beiden hielten sich gerade in einer unterentwickelten afrikanischen Region auf, wo sie sich an einer Impfaktion für die bedürftige Landbevölkerung beteiligten. Sonst wäre bestimmt eine von ihnen in die Bresche gesprungen, um den gestressten Mendozas den Rückzug ins Privatleben zu ermöglichen. Sie waren beide geradezu besessen davon, anderen zu helfen.

Und dann war da noch Hollys Bruder. Auch er hatte in seinem Leben kaum etwas Eigennütziges getan. Nein, als Gehirnchirurg war er der Stolz der ganzen Familie. Von ihm konnte niemand erwarten, dass er in einem gottverlassenen Nest mitten in der Wüste Spiegeleier servierte.

Und was war aus ihr selbst geworden? Ohne Frage das schwarze Schaf der Familie.

Zweifellos um ihr diesen ohnehin schon wundervollen Tag noch zu versüßen, betrat in diesem Moment der Sheriff das Restaurant. Er entsprach dem Bild des amerikanischen Cowboys in perfekter Weise. Seine Jeans waren durch permanentes Tragen verblichen und fadenscheinig. Er hatte abgetragene Cowboystiefel an und den breitkrempigen Hut weit nach hinten geschoben. Sein markantes Gesicht war vom ständigen Aufenthalt in der Sonne gebräunt, und um seine Augen stand ein Kranz von Lachfältchen. Holly wagte zu bezweifeln, dass er sich an diesem Morgen rasiert hatte. Darüber, wann sein dichtes, hellbraunes Haar zuletzt einen Kamm gesehen hatte, konnte sie nur Vermutungen anstellen.

Er wirkte sehr ruhig und gelassen und unterschied sich in jeder Beziehung von den Männern, die Holly sonst kannte. Sie war an Männer gewöhnt, die sich gern reden hörten. Männer, denen es wichtig war, wie sie wirkten und aussahen. Diesen Mann hier schienen solche Fragen nicht im Geringsten zu interessieren.

Trotz seiner lässigen Ausstrahlung umgab ihn etwas Wildes und Ungezähmtes. Holly ahnte, dass er sehr hart sein konnte, wenn es darauf ankam. Hart und zupackend.

Außerdem sah er unverschämt gut aus mit seinem zerzausten, von der Sonne gebleichten Haar und seinen dunklen, tiefgründigen Augen. Es gab bestimmt Frauen, denen bei seinem Lächeln die Knie weich wurden. Sie selbst gehörte nicht dazu.

Es war nicht so, dass Holly Männer nicht mochte. Dem war ganz und gar nicht so. Aber sie misstraute ihnen auch. Und ihre bisherigen Erfahrungen hatten ihr gezeigt, dass sie gut daran tat. Der wiegende Gang dieses Sheriffs war unerhört sexy. Und wenn er lächelte, strahlte er einen entwaffnenden Charme aus. Er war, ehrlich gesagt, der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Aber sie war immun gegen sein gutes Aussehen und seinen Charme.

Jedenfalls fast.

Bei ihrer ersten Begegnung hatte er bei ihrem Anblick keine Reaktion gezeigt. Das versetzte Hollys Ego doch einen Stich. Seit ihrer Pubertät spürte Holly, dass Männer sie als attraktive Frau wahrnahmen, und zwar ausnahmslos. Nicht so dieser Sheriff. Dennoch hatte sie den Eindruck, dass er nur ihretwegen hereingekommen war. Als sie sich ihm zuwandte, grinste er und winkte ihr zu.

Sie führte ihren beschleunigten Pulsschlag auf ihren Ärger zurück. Keineswegs hatte er etwas mit der Anwesenheit dieses Cowboys zu tun. Mochte er noch so sexy sein.

„Sind die Mendozas nun hier oder nicht?“, wiederholte sie ihre Frage, wandte sich wieder an die Kellnerin und ignorierte den Sheriff.

Die pinkfarben gewandete Frau begrüßte ihn wie einen alten Bekannten.

Schließlich wandte die Kellnerin sich wieder Holly zu. Das war auch Zeit, denn Holly war nahe daran, die Geduld zu verlieren.

„Meine Tochter hat mir erzählt, dass ihre wunderbaren Arbeitgeber uns eine Aushilfe schicken würden, damit wir nach Montana ziehen können. Dort lebt nämlich meine Schwester. Und diese Aushilfe sind dann wohl Sie, oder?“

In diesem Moment hörten die Gäste im Raum auf, vorzugeben, sie würden nicht lauschen. Mit unverhohlener Neugier wandten sich alle Gesichter zu Holly und der Kellnerin.

Der Sheriff lehnte am Tresen und nippte an einem Becher, den die Kellnerin ihm gereicht hatte. Er schien ebenfalls auf Hollys Antwort zu warten.

Hollys Gedanken überschlugen sich. Eine Aushilfe? Das hatten ihre Eltern also den Mendozas erzählt? Sie hatte ihr Leben und ihren Job in Kalifornien aufgegeben, um sich ein für alle Mal die Anerkennung ihrer Eltern zu verdienen – nur, um in einem gottverlassenen Wüstennest als Aushilfe bezeichnet zu werden? Einem Nest, in dem es wohlgemerkt nicht einmal ein chinesisches Restaurant, eine Reinigung oder auch nur eine vernünftig sortierte Drogerie gab.

„Sie haben Ihnen übrigens eine Nachricht hinterlassen“, bemerkte die Kellnerin.

Gut, dachte Holly. Eine Nachricht war gut. Immerhin etwas. Holly hatte ihre Eltern im vergangenen Jahr kaum gesehen. Das lag zum einen daran, dass sie pausenlos damit beschäftigt waren, Leben zu retten. Zum anderen war es jedoch einfach so, dass Holly ein Zusammentreffen mit ihnen wohlweislich vermied. Diese Tatsache verursachte ihr einiges Unbehagen. Zwar tat sie immer so, als würde es sie nicht weiter interessieren, dass ihre Eltern sie nicht für voll nahmen. Aber es machte ihr etwas aus, sogar sehr viel. Und deshalb war sie nicht gern mit ihren Eltern zusammen.

Nun hegte Holly die Hoffnung, dass sich die Einstellung ihrer Eltern ändern würde. Und sie hoffte auch, dass sich andere Dinge ändern würden. Sie wünschte sich so sehr, ihre Nische zu finden, ein Heim und ihren Platz im Leben. Auch wenn sie es zu leugnen versuchte, sehnte sie sich doch nach Liebe, einem Lebenspartner und vielleicht sogar nach einer eigenen Familie. Sie wünschte sich jemanden, der sie verstand und der sie nahm, wie sie war.

Doch bis jetzt hatte es in ihrem Leben keinen solchen Menschen gegeben. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich daran etwas ändern würde, war äußerst gering. Wenn Holly ganz ehrlich mit sich war, musste sie sich das eingestehen.

Erwartungsvoll blickte sie die Kellnerin an und wartete auf die Nachricht ihrer Eltern. Die Frau machte jedoch keine Anstalten, Holly diese Nachricht zu übermitteln. Zum Glück war Holly ein äußerst starrsinniger, entschlossener Mensch. Die Dame in Pink hatte nicht die geringste Chance.

Wortlos schaute Holly ihrer Kontrahentin direkt in die Augen, bis die Kellnerin schließlich den Blick senkte. Dann legte sie umständlich ihre pinkfarbene Schürze ab und hängte sie mit großen Gehabe an einen Haken hinter dem Tresen. Als das getan war, wandte sie sich endlich mit wichtiger Miene Holly zu.

„Sie haben mir gesagt“, begann sie, „und ich zitiere: ‚Richten Sie ihr, wenn sie auftaucht, unseren Dank aus. Wir wissen es zu schätzen, dass sie sich um alles kümmert. Es kann sich ja höchstens um einen Monat oder so handeln.‘ Sie können übrigens oben wohnen, bis das Haus verkauft ist.“

Ratlos blickte Holly die Kellnerin an. Ihre Gedanken rasten. „Sie wissen es zu schätzen, dass ich mich um alles kümmere? Was soll das heißen? Um alles?“

„Nun, ich schätze, es bedeutet … eben um alles“, lautete der lakonische Kommentar der Kellnerin.

Holly kämpft gegen eine Panikattacke an. „Heißt das etwa, es gibt niemanden außer mir?“

„Genau.“

„Für einen ganzen Monat?“ Das war sehr, sehr schlecht.

„Oder so.“

Und dann drehte die Kellnerin sich einfach um und ging davon. Sie öffnete eine Tür, die vermutlich zur Küche führte, und rief: „Eddie! Wir können Schluss machen! Lass uns zu Ende packen und nach Montana fahren.“

Ein Mann trat aus der Küche und nahm seine Kochmütze ab. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein breites Grinsen ab. Zusammen mit der Kellnerin ging er zum Ausgang. Dabei verabschiedeten sie sich von jedem Gast mit einer Umarmung und einem Kuss auf die Wange.

„Halt!“, rief Holly, als die beiden das Restaurant verließen. Ihr brannten ungezählte Fragen unter den Nägeln. Sie deutete auf die dicke rote Katze, die zusammengerollt mitten auf dem Gang schlief. „Was ist mit Ihrer Katze? Wollen Sie die nicht mitnehmen?“

„Harry gehört zum Café“, sagte der Mann, beugte sich hinab und streichelte das Tier.

„Aber er kann nicht hierbleiben. Seine Haare werden überall herumfliegen“, wandte Holly hilflos ein.

„Stellen Sie sich nicht so an“, erwiderte Eddie, während er den Kater unbeeindruckt weiter streichelte. „Alle lieben Harry. Er wird niemanden stören.“

Na, großartig, dachte Holly. Alle lieben Harry? Ich ganz bestimmt nicht.

Sie hatte noch nie in ihrem Leben ein Tier besessen. Und daran gedachte sie auch nichts zu ändern.

„Aber ich kenne mich mit Katzen überhaupt nicht aus“, protestierte sie.

Als ob es darauf ankäme, fügte sie im Stillen hinzu. Ich kenne mich auch nicht damit aus, ein Restaurant zu führen.

„Wir können ihn nicht mitnehmen“, sagte Eddie traurig. „Er gehört jetzt Ihnen.“

„Nein! Warten Sie!“, rief Holly verzweifelt.

Aber die Tür war bereits hinter Eddie und der Kellnerin zugefallen.

Das waren also die Mendozas, dachte Holly. Wie schön, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben!

Reglos schaute sie auf die Tür und überlegte, was sie nun anfangen sollte. Sie warf einen Blick auf den dicken Kater zu ihren Füßen und hätte schwören können, dass er sie frech angrinste. Dann gähnte er lange und ausgiebig, wälzte sich auf die Seite und schlief wieder ein. Sein Schnurren war das einzige Geräusch, das zu hören war.

„Entschuldigen Sie, Miss“, ließ sich schließlich einer der Gäste vernehmen und hob Holly eine leere Tasse entgegen. „Ich möchte gern noch etwas Kaffee.“

„Und ich hätte gern endlich mein Roastbeef“, sagte ein anderer.

Holly schaute sie ebenso schweigend wie reglos an.

„Ich habe den Eindruck, dass die Gäste mit Ihnen reden“, sagte der Sheriff überflüssigerweise. „Und falls es Ihnen nichts ausmacht, ich könnte etwas Kaffeesahne gebrauchen.“

Holly warf einen Blick auf die pinkfarbene Schürze am Haken und stellte sich vor, wie sie sich wohl über ihrem roten Rock machen würde. Garantiert ein spektakulärer Anblick. Aber das war jetzt ihre geringste Sorge. Erstmal musste sie Ordnung in das Chaos bringen, das ihr Leben plötzlich geworden war. Vergeblich versuchte sie, das zunehmend ungehaltene Gemurre der Gäste zu ignorieren.

„Sie sollten sich besser beeilen“, meinte der Sheriff. „Diese Menschen haben viele Qualitäten. Aber Geduld zählt nicht dazu.“

Lieber Himmel, dachte Holly und schloss kurz die Augen. Was soll ich nur tun?

2. KAPITEL

Obwohl er eigentlich noch jede Menge Papierkram zu erledigen hatte, ließ Riley sich auf einem Barhocker am Tresen nieder. Dieses Spektakel hier wollte er um keinen Preis verpassen.

Die schöne Blondine namens Holly Stone hatte ungefähr zehn Sekunden darauf verwendet, den Mendozas ziemlich perplex nachzublicken. Dann hob sie das Kinn und schaute sich entschlossen um. Und mit einem Mal wirkte sie, als hätte sie alles unter Kontrolle.

Das war faszinierend zu beobachten. Die ganze Frau war faszinierend.

Riley hatte noch immer nicht die geringste Ahnung, warum sie wirklich hier war. Sie kam ihm vor wie eine gelangweilte, verwöhnte Tochter aus gutem Haus, die einmal das Leben der weniger Privilegierten studieren wollte. Vielleicht hatte sie deshalb zugestimmt, für eine Weile als Kellnerin zu arbeiten.

Oder sie war auf der Flucht vor irgendetwas. Aber eigentlich wirkte sie nicht wie jemand, der sich leicht in die Flucht schlagen ließ.

Während er noch hin und her überlegte, nahm Holly mit spitzen Fingern die pinkfarbene Schürze vom Haken und betrachtete sie mit leicht angewiderter Miene. Dann blickte sie an ihrer zweifellos teuren Designergarderobe herunter. Wahrscheinlich dachte sie darüber nach, was wohl das kleinere Übel war: die Schürze umzubinden und pink auf rot zu tragen, oder ihr Outfit mit Flecken zu ruinieren.

„Was haben Sie denn nun vor?“, erkundigte er sich.

„Wenn ich das wüsste“, erwiderte sie und hielt ihm die Schürze vor die Nase. „Ist sie nicht zu schön, um wahr zu sein?“

„Ich würde sie mir umbinden“, schlug er vor. „Kochen ist ein schmutziges Geschäft.“

Entsetzt blickte sie ihn an.

Er musste lachen. „Sie können doch kochen, oder?“

„Nun ja …“

„Entschuldigen Sie, Miss“, unterbrach sie Dan, der Mechaniker, und hielt ihr hoffnungsvoll seine Tasse entgegen. „Ist es vielleicht möglich, heute noch etwas Kaffee zu bekommen?“

Bevor Holly antworten konnte, wedelte Lou, der Postbeamte, mit der Hand. „Und ich hätte gern meine Bestellung. Wenn es geht, bevor meine nächste Schicht zu Ende ist.“

Holly stand nur reglos da und blickte ihre Gäste so lang böse an, bis Lou, der Postbeamte, resigniert den Blick senkte.

Riley hätte fast seinen Hut vor ihr gezogen. Für jemanden, der offenbar weder vom Service noch vom Kochen die geringste Ahnung hatte, blieb sie erstaunlich gelassen. Sie war schwer einzuschätzen. In einem Moment wirkte sie unsicher und hilfsbedürftig, im nächsten schon wieder selbstbewusst, unnahbar und äußerst kühl.

Er lachte still in sich hinein. Es gehörte zu seiner Natur, jedem beizustehen, der Hilfe nötig hatte. Sogar Menschen, die ihm eigentlich auf die Nerven gingen. Aber diese Frau brauchte seine Hilfe ganz gewiss nicht. Und wenn doch, hätte sie das vermutlich niemals zugegeben.

„Es sieht ganz so aus, als müssten Sie heute noch mit der Arbeit anfangen. Und zwar besser früher als später, Prinzessin“, sagte er mit einem breiten Grinsen.

Fassungslos erwiderte sie seinen Blick. „Prinzessin? Haben Sie mich gerade wirklich ‚Prinzessin‘ genannt?“

Er zuckte mit den Schultern. „Das scheint mir eigentlich ganz gut zu passen.“

„Nun ist es endgültig bewiesen. Ich bin in einem Paralleluniversum gelandet“, erwiderte sie kopfschüttelnd.

„Miss?“ Diesmal war es Mindy, die Bibliothekarin. Ihre Brille war ihr fast bis auf die Nasenspitze gerutscht. Sie hielt die Hand hoch und lächelte schüchtern. „Kann ich vielleicht …“

„Jetzt nicht!“, unterbrach Holly sie barsch und band sich endlich die Schürze um. Dann wandte sie den Blick zu Riley. „Was gibt es da zu grinsen?“

„Oh, ich bewundere nur Ihre vollendeten Manieren“, antwortete er.

Sie ignorierte seine Bemerkung, ging hinter den Tresen und nahm eine Speisekarte zur Hand.

Es kam nicht oft vor, dass Riley vom anderen Geschlecht ignoriert wurde. Dass diese Frau es tat, kümmerte ihn nicht weiter. Sie war definitiv nicht sein Typ. Er kannte diese Art von Frauen zu genau, um sich von ihrem attraktiven Äußeren blenden zu lassen.

Riley war von seinem Vater, der ebenfalls Sheriff gewesen war, erzogen worden. Ted McMann war eigentlich ein warmherziger, liebevoller Mensch gewesen. Aber als seine Frau ihn für ein aufregenderes Leben in der Stadt verlassen hatte, war er sehr bitter geworden. Es war vor allem seine harte, sture und verhärmte Seite gewesen, die Riley kennengelernt hatte.

Als junger Mann hatte Riley gegen die unbarmherzige Autorität seines Vaters rebelliert. Er hatte mit einer Gruppe gleich gesinnter Jugendlicher die Stadt unsicher gemacht und alles darangesetzt, seinem Vater das Leben schwer zu machen. Es dauerte einige Zeit, bis Riley sich entschieden hatte, auf welcher Seite des Gesetzes er stehen wollte. Dass er sich später doch zu einer Laufbahn als Sheriff entschlossen hatte, erfüllte seinen Vater noch immer mit Dankbarkeit.

Mittlerweile gefiel Riley das geruhsame, beschauliche Leben auf dem Land sehr. Er mochte seinen Job, seine Ranch und die weite, offene Wüstenlandschaft, die ihm von Kindheit an vertraut war. Aber er machte sich nichts vor. Es war sehr schwierig, eine Frau zu finden, die seine Vorlieben teilte. Nach den Erfahrungen mit seiner Mutter und einigen Frauen, für die er sich ernsthaft interessiert hatte, war er zu dem Schluss gekommen, dass die meisten Frauen ein abwechslungsreicheres Leben in der Großstadt vorzogen.

Nicht so Riley. Während der Zeit auf dem College war er für vier Jahre aus Little Paradise fort gewesen. Aber noch vor Ende des Studiums hatte er das Städtchen und die ursprüngliche Landschaft von ganzem Herzen vermisst. Ihm hatten die Weite, die Freiheit und die Stille gefehlt. Er fühlte sich an überfüllten, hektischen Orten einfach nicht wohl. Also war er sehr gern in seine Heimat zurückgekehrt.

Der Prinzessin hinter dem Tresen schien es hier allerdings nicht besonders zu gefallen. Gerade funkelte sie die Gäste zornig an, als wären sie schuld an ihrer misslichen Lage.

„Es liegt mir wirklich fern, mich in Ihre Angelegenheiten zu mischen“, sagte er freundlich. „Denn es ist mir eine wahre Freude, zu beobachten, wie sie mit dieser Situation allein fertigwerden. Aber ich habe den Eindruck, dass Sie einen guten Ratschlag gebrauchen könnten. Diesen Job hier sollte nur jemand machen, der gut mit Menschen umgehen kann.“

„Sehe ich nicht so aus, als könnte ich gut mit Menschen umgehen?“, erwiderte sie und betrachtete mit missbilligender Miene die Unordnung hinter dem Tresen.

Marge Mendoza war eine exzellente Köchin und eine außerordentlich freundliche und tüchtige Kellnerin gewesen. Aber hinter sich aufzuräumen hatte noch nie zu ihren Stärken gehört. Das gesamte Restaurant war ein schlagender Beweis dafür.

Im Hintergrund wurden die Gäste allmählich unruhig. Holly biss sich auf die Unterlippe und spähte durch das Servicefenster in die Küche. Augenscheinlich überlegte sie, wie sie beides schaffen sollte. Kochen und servieren.

„Wie soll es denn jetzt weitergehen?“, erkundigte sich Riley.

Als sie nicht antwortete, stand er auf und gesellte sich zu ihr hinter den Tresen. Es war eng dort, und er kam ihr sehr nahe. Dabei entdeckte er, dass sich in ihren blauen Augen dunkle Sprenkel befanden. Obwohl er sehr groß war, reichte sie ihm bis zum Kinn. Er konnte also in ihre unglaublichen Augen sehen, ohne den Kopf zu senken.

Sie trat einen Schritt zurück und hob gebieterisch das Kinn. „Was tun Sie da?“

Er lächelte. „Ich sehe Sie an.“

„Hören Sie gefälligst auf damit. Und was haben Sie eigentlich hinter dem Tresen zu suchen?“

Wenn er das nur wüsste! Sie ärgerte ihn mehr als jede andere Frau, die er bisher getroffen hatte. Und dennoch suchte er ihre Nähe. „Sie sehen aus, als könnten Sie Hilfe gebrauchen.“

„Etwa von Ihnen?“, fragte sie ungläubig.

Er blickte sie nur wortlos an. Oh ja, dachte er. Sie geht mir wirklich auf die Nerven.

„Was weiß denn ein Sheriff davon, wie man ein Restaurant führt?“, fragte sie provozierend.

„Und was wissen Sie davon?“, gab er zurück.

Das hat gesessen, dachte er. Sie schaute ihn böse an. Das war offenbar ihre übliche Reaktion, wenn sie nicht weiterwusste. Vielleicht gab es Menschen, die sich davon abschrecken ließen. Er gehörte allerdings nicht dazu. Im Gegenteil, es amüsierte ihn eher.

„Was haben Sie denn jetzt vor?“, erkundigte er sich erneut und nahm Eddies alte Schürze von Haken. Sie war zum Glück nicht pink, sondern weiß.

„Was geht Sie das an?“, fragte sie schnippisch.

Er bedachte sie mit seinem schönsten Lächeln. „Eigentlich gar nichts. Aber falls Sie es noch nicht gemerkt haben, Sie sind hier ganz allein. Ich an Ihrer Stelle wäre ganz besonders nett zu mir.“

„Ich bin aber nicht nett“, sagte sie eisig.

Er lachte und sah ihr nach, während sie in der Küche verschwand. „Das ist mir nicht verborgen geblieben.“

Holly stand vor dem riesigen Herd und schaute ratlos auf die Burger, die der gute alte Eddie für einen der Gäste da draußen gebraten hatte. Wenn sie nur wüsste, für wen.

Vermutlich wäre es am einfachsten, hinauszugehen und zu fragen. Aber dann musste sie eingestehen, dass sie von der ganzen Sache nicht die geringste Ahnung hatte. Und damit nicht genug. Sie müsste es vor diesem Sheriff eingestehen. Er war der erste Mann, der sie wirklich aus der Ruhe brachte.

Das war ihr bisher noch nie passiert. Im Gegenteil, es war an ihr gewesen, die Männer aus der Ruhe zu bringen. Aber in diesem Fall? Verdammt, dachte Holly, allmählich geraten die Dinge außer Kontrolle.

Sie unterdrückte ein Seufzen. Warum war nur so schwer zu bekommen, was man wollte? In dieser Situation hatte sie das Gefühl, als sei ihr Ziel noch unerreichbarer als sonst.

Dabei wollte sie doch nur sehr einfache Dinge. Schon ihr ganzes Leben lang.

Sie wollte akzeptiert werden.

Sie wollte dazugehören.

Und sie wollte geliebt werden.

War das wirklich zu viel verlangt? Verdiente sie das nicht? Sie hatte den Ruf, anderen ziemlich viel Ärger zu machen. Aber das lag nur daran, dass sie genau wusste, was sie wollte. Und sie setzte all ihre Kraft daran, es zu bekommen, weil niemand es ihr freiwillig gab.

Überhaupt hatte ihr niemand jemals etwas geschenkt. Stattdessen warfen die Leute einen kurzen Blick auf sie und beurteilten sie nach ihrem Aussehen. Ja, sie hatte gute Gene, na und? Blond und hübsch zu sein war nicht automatisch gleichbedeutend mit einem glücklichen Leben.

Von draußen drang der Ruf eines der Gäste zu ihr. Sollten sie ruhig rufen. Sie konnte weder kochen noch servieren.

Aber wenn sie wollte, dass dies hier funktionierte und ihre Familie stolz auf sie war, dann musste sie es lernen. Und zwar möglichst schnell.

Also, wie sollte sie anfangen? Was war zuerst zu tun?

„Am besten schalten Sie als Erstes den Herd ein.“

Verdammt, sie kannte diese tiefe, etwas heisere Stimme schon viel zu genau. Sie drehte sich um – und richtig, da stand Riley. Er schob seinen Hut zurück, sodass sie sein markantes, wettergegerbtes Gesicht gut erkennen konnte. Auch das breite Grinsen darauf.

„Lassen Sie mich raten“, sagte sie so kühl wie möglich. „Ihre Kaffeepause ist noch nicht vorbei.“

Er lachte leise. „Doch, eigentlich schon. Aber ich bin von Natur aus neugierig.“

„Gibt es nicht irgendwelche Schurken, die Sie fangen müssen?“

Immer noch lächelnd trat er zu ihr. Eine Strähne seines dichten Haars fiel ihm in die Stirn, und seine Augen funkelten vor Ausgelassenheit.

Wieder kam er ihr viel zu nah.

Sie straffte die Schultern, hob das Kinn und bedachte ihn mit einem warnenden Blick.

Dennoch kam er immer näher und baute sich mit seinen breiten Schultern direkt vor ihr auf. Sie konnte die feinen Lachfältchen um seine Augenwinkel deutlich erkennen. Mit gesenktem Blick trat sie einen Schritt zurück.

Sein Lächeln wurde breiter. Er streckte die Hand aus und fuhr ihr mit seinen schlanken Fingern über die Hüfte. Holly zwang sich, still stehen zu bleiben. Es kostete sie einiges an Überwindung. Sie verstand nicht, warum. Er war doch nur ein Mann. Und sie hatte schließlich keine Angst vor ihm.

„Was soll das?“, fragte sie mit ihrer eisigsten Stimme. Sie war ziemlich stolz auf ihre Gelassenheit. Denn er brauchte nicht zu wissen, dass ihr das Herz bis zum Hals schlug.

Nur wegen einer flüchtigen Berührung.

Er schaltete den Herd ein. Dann sah er Holly an. In seinem Blick stand der pure Übermut. Überhaupt drückte sein ganzer muskulöser Körper puren Übermut aus. Sie fand ihn in diesem Moment unerhört sexy und gefährlich.

Gefährlich deshalb, weil sie muskulöse und attraktive Männer eigentlich sehr mochte.

Schade nur, dass sie Riley McMann nicht leiden konnte.

„Ich will Ihnen nur helfen“, sagte er. „Aller Anfang ist schwer.“

Sie räusperte sich. „Wie tröstlich!“ Er stand immer noch viel zu nah.

„Was dachten Sie denn, dass ich vorhabe?“, wollte er wissen.

Das Läuten des Telefons entband Holly von einer Antwort. Dafür war sie außerordentlich dankbar. Rasch griff sie zum Hörer.

„Hallo?“, meldete sie sich.

„Ist dort das Café Nirvana? Ich möchte gern mit meiner Tochter sprechen“, erklang die Stimme ihrer Mutter.

„Mum!“, rief Holly und verstärkte den Griff um den Hörer. Noch nie in ihrem Leben war sie so froh gewesen, die Stimme ihrer Mutter zu hören. „Wo bist du?“

Hoffentlich nicht weit entfernt, setzte sie in Gedanken hinzu.

„Dein Vater und ich haben uns entschlossen, Urlaub zu machen. Wir werden eine Kreuzfahrt machen.“

Nein, dachte Holly. Doch nicht ausgerechnet jetzt. „Eine Kreuzfahrt?“, wiederholte sie verzagt.

„Jawohl. Einen Monat lang von einer griechischen Insel zur anderen. Ist das nicht aufregend?“

Holly spürte, wie sich ihr Magen senkte. „Das ist eine ziemlich lange Zeit. Was ist mit dem Café?“

„Oh, das Nirvana? Du hast doch gesagt, dass du dich darum kümmerst. Früher oder später wird es schon verkauft werden.“

„Aber du hast doch gesagt, es geht nur um einen Monat.“

„Nun ja, ein bisschen mehr oder weniger. Du sagst doch immer, wir sollen dich und deine Absichten ernster nehmen.“

„Ja, schon. Aber …“

„Außerdem sage ich dir schon seit Jahren, dass es darum geht, den Augenblick zu nutzen. Mach etwas daraus.“

Holly konnte durch den Hörer das Horn eines Schiffes hören. Eines sehr großen Schiffes.

„Ich muss jetzt auflegen, Liebes“, sagte ihre Mutter.

„Ja, aber …“

Klick.

Ihre Mutter hatte also tatsächlich aufgelegt. Holly blickte auf den Hörer in ihrer Hand und hatte das Gefühl, von einem Zug überfahren worden zu sein. „Einen schönen Urlaub wünsche ich dir. Und grüße Dad von mir“, flüsterte sie.

Sie war tatsächlich völlig auf sich allein gestellt.

Ein Teil von ihr wollte auf der Stelle weglaufen. Dieses Gefühl war ihr nicht unbekannt. Sie war ihr ganzes Leben lang vor Schwierigkeiten geflohen, hatte sich ihren Problemen nie gestellt. Und auch nicht ihren Ängsten.

Doch das musste nun ein Ende haben. Besonders deshalb, weil ihre Eltern zweifellos damit rechneten, dass sie wieder davonrennen würde. Holly würde die beiden eines Besseren belehren. Sie würde ihnen zeigen, was in ihrer Tochter steckte.

Auch, wenn das bedeutete, dass sie jetzt hinausgehen und die Situation in den Griff bekommen musste. Sie unterdrückte ihren Fluchtinstinkt und straffte die Schultern.

„Alles in Ordnung, Prinzessin?“, wollte Riley wissen.

Er war ja immer noch hier! Bestimmt, um zuzusehen, wie sie sich zum Narren machte und scheiterte. Sie konnte wohl davon ausgehen, dass er die gleiche Erwartungshaltung hatte wie ihre Eltern. Er hielt sie wahrscheinlich für ein oberflächliches, verwöhntes und egoistisches Stadtmädchen.

Schließlich war sie das auch. Aber nun war sie hier und wollte das Beste aus der Sache machen. Denen würde sie es schon zeigen.

Natürlich sollte ihr niemand anmerken, wie viel Überwindung sie ihr Vorhaben kostete. Also zwang sie sich zu einem kühlen Lächeln, drehte sich um und blickte Riley McMann in die Augen.

Er stand lächelnd vor ihr und sah aus, als wäre er in Eddies schmuddeliger Kochschürze geboren worden.

„Wieso haben Sie immer noch diese Schürze an?“, fragte sie feindselig.

„Nun, jemand muss ja das ganze Essen, das Sie hier kochen werden, nach draußen tragen und servieren.“

Ach ja, richtig, sie musste sich ja um das Essen kümmern. Dabei konnte sie noch nicht einmal einen Topf Wasser zum Kochen bringen. Angestrengt dachte sie über einen Ausweg aus der vertrackten Situation nach.

„Ich muss so schnell wie möglich einen Koch einstellen“, überlegte sie laut. „Ich könnte heute noch eine Anzeige aufgeben und …“

„Das wird nicht funktionieren“, erklärte Riley. „Das Lokalblatt erscheint nur einmal in der Woche.“

„Lassen Sie mich raten“, erwiderte sie resigniert. „Das ist heute.“

„Genau“, meinte er mit einem unschuldigen Lächeln.

Dieser Mann begann, ihr gewaltig auf die Nerven zu gehen. Genauso wie sein unschuldiges Lächeln. Wenn man sein gutes Aussehen und seinen Charme in Betracht zog, war er garantiert alles andere als unschuldig. Die Frauen in diesem erbärmlichen Nest umschwirrten ihn bestimmt wie Fliegen einen Honigtopf. Und er sah nicht aus, als würde er etwas anbrennen lassen.

Doch sie hatte nicht die Absicht, zu seinen zweifellos zahlreichen weiblichen Fans zu gehören. Das konnte sie sich nicht leisten. Dafür war sie in der Vergangenheit schon zu oft von Männern verletzt worden.

Der nächste Mann in ihrem Leben würde einer sein, der sie bedingungslos liebte. Ein Mann, dem sie vertrauen konnte und der sie nicht bei der nächstbesten Gelegenheit im Regen stehen ließ.

„Sie können in der kommenden Ausgabe eine Annonce aufgeben“, bemerkte er wenig hilfreich.

Na, prima! dachte sie. Das waren ja herrliche Aussichten. Mindestens eine ganze Woche lang ohne Hilfe.

„Schön“, sagte sie nur. „Vielen Dank. Dann werde ich jetzt mal mit dem Kochen anfangen.“

„Ich kann den Gästen Kaffee bringen. Und alles, was Sie hier zusammenbrauen.“

Keiner von ihnen bewegte sich. Die Luft um sie herum schien zu flirren. Holly war verwirrt. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Er war nur ein raubeiniger Cowboy, viel zu gewöhnlich für ihren Geschmack. Und doch ging ihr diese Begegnung bereits jetzt viel zu nah.

Schließlich blickte er auf seine Uhr. „Danach sind Sie allerdings auf sich selbst gestellt. Um drei Uhr muss ich wegen eines dringenden Telefonats wieder in meinem Büro sein.“

„Ich ziehe es vor, schon jetzt auf mich allein gestellt zu sein“, erwiderte sie kühl. „Gehen Sie ruhig in Ihr Büro.“ Sie würde keine Hilfe annehmen. Schon gar nicht seine.

„Meinen Sie das ernst?“, fragte er erstaunt.

Sie nickte und streckte die Hand aus, um das Schürzenband um seine Hüften zu lösen. Das bedeutete zwar, dass sie ihn anfassen musste. Aber das würde ihr nichts ausmachen. Sie war schließlich kein Teenager mehr.

Sie hatte sich geirrt.

In dem Moment, als ihre Finger ihn berührten, lief ein Schauer durch ihren Körper. Während sie hastig das Schürzenband aufknotete, mied sie Rileys Blick.

„Sie wollen also wirklich auf meine Hilfe verzichten?“, fragte er fassungslos.

Es klang ganz so, als hätte das noch niemand vor ihr getan.

„Ja“, sagte sie in festem Ton, während sie die Kochschürze an einen Haken hängte.

„Nun, dagegen kann ich wohl nichts tun, Prinzessin. Oder sollten ich besser sagen, Miss Sturkopf?“

„Es wäre mir sehr recht, wenn Sie jetzt gehen würden“, erklärte sie eisig.

Er blieb noch einen Moment unschlüssig stehen. „Dann hoffe ich nur, dass Sie zurechtkommen.“

„Das tue ich immer.“

„Okay. Ich schätze, Sie machen sich dann am besten an die Arbeit“, meinte er mit nachdenklicher Miene.

Er wirkte so gelassen und ruhig. Aber das konnte er schließlich auch sein. Denn er musste ja nicht für einen Raum voller fremder Menschen kochen.

„Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie Ihre Meinung ändern“, bemerkte er.

Um einzugestehen, dass sie sich geirrt hatte? Niemals.

Dann ging er endlich.

Und ließ sie allein.

Allein mit einem Herd.

Holly atmete tief durch, krempelte die Ärmel hoch und machte sich ans Werk. So schwer konnte es schließlich nicht sein.

Aber das war es doch. Zu diesem Schluss kam sie, während sie Pfanne um Pfanne ruinierte. Zum Kochen brauchte es doch mehr als Willenskraft.

3. KAPITEL

Das war wirklich Ironie des Schicksals. Holly hatte die meiste Zeit ihres Erwachsenenlebens damit verbracht, von Job zu Job zu wechseln. Dabei hatte sie eine Vielzahl von Fähigkeiten erworben und die unterschiedlichsten Erfahrungen gemacht. Aber ausgerechnet die beiden Dinge, die sie jetzt dringend brauchte, waren nicht dabei gewesen.

Kochen und mit Menschen umgehen.

Jede andere Herausforderung hätte sie bewältigen können. Aber hier versagten ihre Talente. Dabei war Kochen immerhin etwas, das man lernen konnte. Bestimmt ließ sich in diesem Restaurant irgendwo ein Kochbuch finden.

Jedenfalls war sie entschlossen, nicht aufzugeben. Auch wenn sie die Zähne zusammenbeißen und sich zum Lächeln zwingen musste, bis ihr die Gesichtsmuskeln schmerzten. Was immer auch die Gäste des Café Nirvana verlangen mochten, sie würde es ihnen bringen. Und zwar mit einem herzlichen Lächeln. Das Geschäft würde florieren, die Mendozas hätten keine Schwierigkeiten mit dem Verkauf, und ihre Eltern wären endlich einmal stolz auf ihre Tochter.

Und schließlich könnte Holly zufrieden nach Hause zurückkehren.

Nach Hause.

Die Tatsache, dass sie kein wirkliches Zuhause hatte, verdüsterte ihre Tagträume für einen Moment. Aber damit würde sie sich später beschäftigen. Sobald sie diese Angelegenheit mit dem zuvorkommenden Service erledigt hatte.

Da ihr bis jetzt alles angebrannt war, was sie zubereitet hatte, beschloss sie, das Kochen vorerst aufzugeben. Immerhin war es bereits später Nachmittag. Um diese Tageszeit nahmen die meisten Leute keine Mahlzeit mehr zu sich. Wenn sie Glück hatte, gab es keine neuen Bestellungen.

Aber was sollte sie tun, wenn es Zeit für das Abendessen wurde? Nun, darum würde sie sich kümmern, wenn es so weit war. Jetzt stand es erst einmal an, sich im Gastraum blicken zu lassen. Sie hatte sich lange genug in der Küche versteckt.

Entschlossen nahm sie eine Karaffe mit eisgekühltem Wasser aus dem Kühlschrank und machte sich auf den Weg in die Höhle des Löwen.

Zuerst warf sie einen Blick zum Tresen. Der raubeinige und beunruhigend attraktive Sheriff war nicht mehr da. Holly war hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und Enttäuschung. Aber am Ende siegte die Erleichterung. Es war gut, dass er nicht mehr da war. Er hätte sie nur nervös gemacht.

Und niemand hatte das Recht, sie nervös zu machen.

Sie war sehr froh darüber, dass sie ihm nicht erlaubt hatte, ihr zu helfen, schließlich war sie nicht gern von anderen abhängig. Holly Stone ging ihren Weg allein. Daran würde auch kein gut aussehender Sheriff etwas ändern.

Der Gastraum hatte sich merklich geleert. Das war kein gutes Zeichen. Mit ihrem schönsten Lächeln ging Holly zum nächstgelegenen Tisch und nickte dem Mann zu, der dort saß und sie skeptisch anblickte.

Er brachte bestimmt an die 150 Kilo auf die Waage und sah aus, als würde er seinen Lebensunterhalt mit dem Hochstemmen von Autos verdienen. Sein dunkelblauer Overall war mit Motoröl verschmiert. Einem Namensschild auf der rechten Brusttasche zufolge hieß er Dan.

„Hallo, Dan“, begrüßte sie ihn mit sanfter Stimme. Sie hatte irgendwo gelesen, dass es Menschen in der Regel gefiel, mit ihrem Namen angesprochen zu werden. Sie begann, Dans leeres Glas mit Wasser zu füllen.

„Ich habe Roastbeef bestellt“, sagte er. „Vor einer Stunde.“

„Ich weiß“, gurrte sie zuckersüß. „Aber damit gibt es ein kleines Problem. Ich fürchte, dass bis heute Abend keine warmen Speisen mehr serviert werden können.“

„Was?“, blaffte er ärgerlich. „Das soll wohl ein Scherz sein. Ist das hier ein Restaurant, oder was?“

Vermutlich gibt er mir kein Trinkgeld, dachte Holly.

Sie bemühte sich weiter um Freundlichkeit. „Sehen Sie, ich glaube …“

Erschrocken hielt sie inne. Dan schrie auf, sprang vom Stuhl und hüpfte fluchend von einem Bein auf das andere. Dabei fuchtelte er mit beiden Händen wie wild in der Luft herum.

Holly warf einen Blick auf den Tisch. Sie hatte das Glas zu voll geschenkt. Das eiskalte Wasser war übergelaufen und in Dans Schoß gelandet.

Verdammt, fluchte sie im Stillen. Aber es war nicht ihre Schuld gewesen, Dan hatte sie abgelenkt. Als sie sich umdrehte, um ein Handtuch vom Tresen zu holen, fiel ihr Blick auf Riley. Er saß seelenruhig auf einem Barhocker und lächelte ihr entgegen. Hollys Herz sank. Dies war ein denkbar ungünstiger Moment für sein Erscheinen.

„Gibt es Probleme?“, fragte er hilfsbereit.

Holly ignorierte ihn, nahm ein halbwegs sauberes Handtuch vom Haken und ging wieder zu ihrem durchnässten Gast. Dan hatte einen deutlichen dunklen Fleck vorn auf seinem Overall.

„Hier“, sagte sie und warf Dan das Handtuch zu. Sie hatte keineswegs die Absicht, seinen Schoß selbst abzutupfen.

Das Handtuch traf Dan mitten ins Gesicht.

Für einen Moment verharrte er völlig regungslos. Dann nahm er das Handtuch vom Gesicht und starrte Holly böse an. „Sie!“, knurrte er und ging drohend auf sie zu.

„Immer mit der Ruhe, Dan“, sagte Riley freundlich und stand wie zufällig von seinem Barhocker auf. „Das war nur ein Versehen.“

Dan reagierte nicht auf ihn. Er war offenbar zu sehr mit seiner aufschäumenden Wut beschäftigt. Es war ja auch ein bisschen viel auf einmal, musste Holly sich im Stillen eingestehen. Erst schüttete ihm eine wildfremde Frau eiskaltes Wasser in den Intimbereich, und dann warf ihm ebendiese Frau auch noch ein schmuddeliges Handtuch ins Gesicht. Wenn sie nicht angesichts Dans drohender Miene wirklich Angst um ihre eigene Sicherheit gehabt hätte, wäre sie bestimmt in Gelächter ausgebrochen.

„Und außerdem ist es heute sehr heiß. Ich kann mir vorstellen, dass das kalte Wasser sehr erfrischend war. Wie ein Bad in einem klaren Gebirgssee, nicht wahr?“, setzte Riley seine Bemühungen fort, Dan zu beruhigen.

Dan zog eine Grimasse und blickte Riley skeptisch an. „Ja“, wiederholte er langsam. „Wie ein Bad in einem See.“

„Genau“, erklärte Riley zufrieden. „Warum setzen Sie sich nicht wieder hin und entspannen sich?“

„Nur keine Sorge, Sheriff“, sagte Dan und schüttelte den Kopf. „Ich mag Sie viel zu sehr, um Ihnen hier Probleme zu machen. Sie können sich auch wieder setzen.“

Riley lächelte ihn freundlich an. „Guter Mann.“

„Aber ich werde dieses Restaurant nie mehr betreten. Nicht, wenn nicht Marge Mendoza mich bedient. Sie hat mich nie mit Wasser begossen. Oder mir etwas ins Gesicht geworfen. Sie fehlt mir jetzt schon“, seufzte Dan und tupfte unglücklich ein wenig an seinem Wasserfleck herum.

Dann legte er das Handtuch auf einen Tisch und ging. Und natürlich gab er Holly kein Trinkgeld.

Sie fand das nicht weiter tragisch, sondern war nur erleichtert, dass Dan seinen Zorn nicht an ihr ausgelassen hatte.

Als die Tür hinter ihm zugefallen war, herrschte absolute Stille. Ihre verbliebenen drei Gäste saßen peinlich berührt an ihren Tischen. Und der Sheriff lächelte amüsiert vor sich hin.

Ohne ein Wort ging Holly wieder in die Küche. Wie idiotisch, dachte sie. Da verschütte ich Wasser wie ein nervöser Schussel. Dabei war sie doch gar nicht nervös.

Und sie war auch kein Schussel. Sie war Holly Stone und hatte Nerven aus Stahl.

Energisch öffnete sie den Kühlschrank und fand einen appetitlich aussehenden Apfelkuchen. Das war ein echter Glücksfall. Sie stellte den Kuchen auf die Arbeitsplatte und schnitt ihn in großzügige Stücke. Dann ging sie wieder hinaus, um ihrer schwindenden Gästeschar ein Stück Kuchen anzubieten.

„Oh, der sieht aber lecker aus“, sagte Riley, als sie mit der Kuchenplatte an ihm vorbeieilte.

Sie würdigte ihn keines Blickes und strebte eifrig auf ihre Gäste zu.

„Äh, Holly“, rief Riley ihr nach. „Vorsicht, da ist …“

Aber es war zu spät. Wegen der Kuchenplatte hatte sie den Boden vor ihren Füßen nicht gesehen und war über ein kleines weiches Bündel gestolpert. Ein Bündel, das sich beim Zusammenstoß aufrappelte, ein deutliches Miau als Protest gegen die rüde Behandlung von sich gab und die Flucht ergriff. Es war Kater Harry, der friedlich auf dem Gang geschlafen hatte.

Holly versuchte, sich abzufangen, doch die Platte glitt ihr aus den Händen. Der Apfelkuchen landete auf der Frau mit der rutschenden Brille. Mindy, die Bibliothekarin, nahm die Brille von der Nase und putzte in schweigender Missbilligung Apfelstückchen von den Gläsern.

Als sie kurz darauf ging, gab auch sie kein Trinkgeld. Hollys wortreiche Entschuldigungen hatten Mindy nicht beschwichtigt.

Holly holte Eimer und Wischtuch, ließ sich auf die Knie nieder und schrubbte den Kuchen vom Boden. Nur einige Meter von ihr entfernt saß der Sheriff noch immer am Tresen und schien sich prächtig zu amüsieren. Holly schluckte das aufkommende Selbstmitleid herunter und wünschte sich von Herzen, der Kuchen hätte Riley getroffen.

Harry hatte sich inzwischen von dem Schrecken erholt und sprang auf den Tresen. Unmittelbar neben Rileys Kaffeetasse begann er mit einer gründlichen Körperreinigung.

Das fehlte noch. Ihre Gäste verließen einer nach dem anderen das Restaurant. Und ein dicker, hässlicher Kater saß auf dem Tresen und putzte sich hingebungsvoll zwischen den Hinterbeinen.

Holly stand auf und scheuchte Harry ärgerlich weg. Der Kater reagierte sichtlich beleidigt und sprang auf den nächsten Tisch. Dass dort Hollys vorletzter Gast saß, störte ihn nicht im Geringsten. Der Mann nahm allerdings auch keinen Anstoß an Harrys Anwesenheit. Ganz im Gegenteil. Er begann, das Tier liebevoll zu kraulen.

„Hat die böse Frau dich erschreckt, mein Kleiner“, gurrte er mit sanfter Stimme und warf Holly einen bösen Blick zu. „Sie kann Katzen nicht leiden. Aber bei mir bist du sicher.“

Hinter sich hörte Holly etwas, das wie ein unterdrücktes Lachen klang. Sie drehte sich um. Riley saß auf seinem Barhocker und schaute sie mit Unschuldsmiene an.

Sie erwiderte seinen Blick lange und herausfordernd. Aber er lehnte sich nur entspannt zurück und winkte ihr mit einem freundlichen Lächeln zu.

Der Gast, auf dessen Tisch Harry gesprungen war, eilte in Richtung Ausgang.

„Es tut mir leid“, rief Holly ihm hinterher.

Aber der Mann machte nur eine wegwerfende Handbewegung und verließ das Café. Auch er hatte kein Trinkgeld hinterlassen.

Holly schloss kurz die Augen und zog Bilanz. Sie hatte es vermutlich geschafft, das Restaurant um seine gesamten Tageseinnahmen zu bringen. Und dafür hatte sie nicht einmal eine Stunde gebraucht. Das war ein Rekord in ihrem persönlichen Verzeichnis des Versagens. Bei diesem Gedanken wurde sie plötzlich sehr müde. Mit einem Seufzer der Erschöpfung ließ sie sich auf dem nächsten Stuhl nieder.

Dass sie auf Harry landete, der zwischenzeitlich dort Platz genommen hatte, wunderte Holly nicht einmal.

Es gab Tage, an denen ging einfach alles schief.

Als Riley aufwachte, war er hungrig. Sehr hungrig sogar.

Gestern Abend hatte er kein Glück gehabt. Holly hatte das Café Nirvana schon am späten Nachmittag geschlossen. Da Riley normalerweise dort zu Abend aß, hätte er sich etwas kochen müssen. Aber er hasste es zu kochen. Er bewirtschaftete seine Farm praktisch allein. Er war als Sheriff verantwortlich für ein riesiges Gebiet. Er konnte mit einem Lächeln und ein paar versöhnlichen Worten einen Raum voller wütender Männer befrieden. Und all das machte ihm Spaß.

Wenn es jedoch darum ging, auch nur einen Kessel mit Wasser für einen Tee zu erhitzen, fand er immer etwas anderes zu tun. Kochen war nicht seine Sache, auch wenn sein Magen vor Hunger knurrte.

Offensichtlich war Holly auch nicht gerade eine begeisterte Köchin. Das war immerhin etwas, das sie gemeinsam hatten. Diese Vorstellung löste unbehagliche Gefühle in ihm aus. Es wäre viel einfacher für ihn, wenn es bei der anfänglichen Antipathie geblieben wäre. Aber er musste feststellen, dass er diese Frau mochte. Dabei war sie sozusagen auf der Durchreise und würde ganz bestimmt nicht bleiben.

Es wäre also viel besser für seinen Seelenfrieden, wenn er nicht andauernd an sie denken würde.

Vielleicht war sie ja schon weg und in die nächste größere Stadt geflohen. In Anbetracht ihres Scheiterns gestern war das kein abwegiger Gedanke. Bestimmt wäre das gesamte Städtchen dankbar für ihre Abreise.

Und er auch.

Nachdem er einige seiner morgendlichen Pflichten auf der Farm erledigt hatte, kehrte er in sein Haus zurück. An der Tür zur Küche hielt er überrascht inne. Maria, seine Haushälterin, stand am Küchentisch und legte letzte Hand an etwas, das aussah wie ein opulentes Frühstück. Außerdem lagen auf der Arbeitsplatte säuberlich in Folie eingewickelte Sandwiches. War das möglicherweise ein Mittagsimbiss für ihn?

Schon bei dem Gedanken spürte er, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Aber das war viel zu schön, um wahr zu sein. Maria hatte sich immer strikt geweigert, für ihn zu kochen. Außerdem kam sie zum Saubermachen nur dann, wenn sie Lust dazu hatte. Und jetzt gleich zwei Mahlzeiten auf einmal?

„Was tun Sie denn hier?“, fragte er irritiert und trat an den Tisch.

Sie war doch gestern erst da gewesen. Er hatte es an der sauberen Bettwäsche und den frischen Handtüchern gemerkt. Außerdem hatte sie offenbar die Fenster geputzt.

Maria ignorierte seine Frage und drückte ihn auf einen Stuhl. Das war keine leichte Aufgabe, denn Maria war eine sehr kleine Frau. Allerdings glich sie ihre mangelnde Körpergröße durch einen beträchtlichen Umfang aus.

Ohne ein Wort der Begrüßung oder ein Lächeln schob sie einen Teller mit Rührei, gebuttertem Toast und gebratenem Speck vor ihn hin. „Essen Sie“, befahl sie. „Ich habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit, um das schmutzige Geschirr abzuwaschen.“

Das ließ Riley sich nicht zweimal sagen. Er schob sich eine Gabel des köstlichen Essens in den Mund und seufzte glücklich.

„Das ist himmlisch“, sagte er und nahm noch einen Bissen. „So etwas Gutes habe ich noch nie gegessen.“

„Sie sind ausgehungert. Und wenn man hungrig ist, schmeckt jedes Essen“, meinte Maria nur.

„Ich kann beurteilen, ob jemand kochen kann. Und Sie können es“, erwiderte er mit einem Lächeln.

„Ein Mann, der hart arbeitet, muss auch gut essen. Diese Holly Sowieso ist noch Ihr Tod, wenn ich nicht aufpasse.“

„Holly Stone heißt sie“, korrigierte Riley. „Aber warum machen Sie sich auf einmal Sorgen um mich?“

„Bis gestern hatten Sie das Café“, antwortete Maria und tauchte geräuschvoll eine Pfanne in das mit Wasser gefüllte Spülbecken. „Was haben sich die Mendozas nur dabei gedacht, einer Frau wie dieser Holly das Restaurant zu übergeben?“

„Wie kommt es eigentlich, dass Sie hier sind?“, fragte er mit vollem Mund. „Nicht, dass ich mich beklagen will. Ich bin Ihnen so dankbar für das wunderbare Frühstück, dass mir glatt die Worte fehlen. Aber …“

„Ich habe gehört, das Nirvana ist geschlossen.“

„Ja, aber nur für kurze Zeit. Ich glaube …“

„Wenn es jemals wieder geöffnet wird, serviert diese Frau bestimmt Essen, das man keinem Hund vorsetzen kann“, unterbrach ihn Maria.

„Nun ja, ich denke, es sind nur Anfangsschwierigkeiten. Das wird sich bestimmt alles regeln“, widersprach er.

„Sie kann überhaupt nicht kochen“, erklärte Maria beharrlich.

„Nicht jeder kann in dieser Hinsicht so talentiert sein wie Sie“, sagte er und grinste.

Sie schnaubte abfällig. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen, war es eine der größten Sünden für eine Frau, nicht kochen zu können. „Ich weiß, wie sehr Sie vom Nirvana abhängig waren. Aber ich werde Sie schon nicht verhungern lassen. Die ganze Stadt spricht über diese Holly. Es wird hier in Zukunft sehr viele unglückliche, hungrige Leute geben“, prophezeite Maria düster.

„Mag sein“, musste Riley zugeben.

„Sie kommt aus der Großstadt. Sie gehört nicht hierher“, setzte Maria nach.

Das war nicht schönzureden, musste Riley sich eingestehen. Er hegte schließlich dieselbe Befürchtung.

„Außerdem ist sie viel zu hübsch“, fügte die Haushälterin hinzu.

Das fand er allerdings nicht weiter problematisch. Er mochte hübsche Frauen. Eigentlich mochte er alle Frauen. Wenn Schönheit jedoch mit Launenhaftigkeit und Großstadtallüren einherging, wahrte ein vernünftiger Mann besser Abstand. Und er war ein sehr vernünftiger Mann.

„Waschen Sie Ihren Teller selbst ab, Sheriff“, wies Maria ihn an. „Lassen Sie ihn nicht stehen, bis ich wiederkomme. Dann ist nämlich alles eingetrocknet.“

Mit diesen Worten verließ sie das Haus.

Das war wirklich interessant. Anscheinend konnte Maria ihn doch leiden. Bisher war Riley immer davon ausgegangen, dass sie keine besondere Sympathie für ihn hegte.

Nachdem er gehorsam seinen Teller abgespült hatte, fand er an der Eingangstür einen Zettel, den Maria ihm dort hinterlassen hatte. Darauf stand: Putzen Sie Ihre Schuhe. Der Sheriff von Little Paradise sollte nicht wie ein Schwein herumlaufen.

Riley musste lachen. So viel mütterliche Fürsorge war er von Maria wirklich nicht gewöhnt.

Riley kam etwas zu spät zur Arbeit. Aber dafür hatte er einen vollen Magen, und Marias gehaltvolles Frühstück würde eine Weile vorhalten. Er fühlte sich gestärkt und war bereit, den Tag in Angriff zu nehmen. Was auch immer anliegen mochte. Verirrte Kühe retten, den örtlichen Trunkenbold nach Hause bringen oder einen zu schnell fahrenden Rancher verwarnen.

Hollys Jeep stand immer noch vor dem Café Nirvana. Sie hatte also noch nicht die Flucht ergriffen. Aber vermutlich würde es nicht mehr lange dauern. Riley gab ihr höchstens noch bis zum Ende der Woche.

Als er sein Büro betrat, stand zu seiner Überraschung auf einmal Holly am Empfangstresen. Vor sich hielt sie einen Behälter, der aus dem Café stammte und zweifellos etwas zu essen enthielt.

„Sind Sie hungrig, Sheriff?“, fragte sie mit einem freundlichen Lächeln.

Sie erwartete, dass er ihre Frage bejahte. Das konnte er an ihrem Gesichtsausdruck ablesen.

„Im Moment nicht“, antwortete er mit einer Geste des Bedauerns. „Aber bestimmt später.“

Sie trug eine türkisfarbene kurzärmelige Bluse und einen weiten schwarzen Rock, der ihr knapp bis zur Hälfte der schmalen Oberschenkel reichte. Riley kam nicht umhin, festzustellen, dass ihre Beine wirklich sehr lang und sehr schön waren. Er hatte nicht viel Erfahrung in Sachen Mode. Aber er war sich ziemlich sicher, dass Hollys heutiges Outfit von einem namhaften Designer stammte.

„Oh“, meinte sie bedauernd. „Das ist schade. Ich habe Ihnen Frühstück gebracht.“

Sie klappte die Box auf und präsentierte ihm den Inhalt. Riley zwang sich, seine Aufmerksamkeit von ihren wundervollen blauen Augen auf das mitgebrachte Essen zu lenken. Omelett, gebratene Würstchen, Roggentoast und Zimtbrötchen. Nicht schlecht.

Er wusste nicht recht, was ihn mehr erstaunte. Ihr offenes Lächeln, das sie jung und verletzlich wirken ließ, oder die Tatsache, dass sie ihm etwas zu essen gebracht hatte.

„Das sieht gut aus“, sagte er anerkennend. „Haben Sie das gekocht?“

„Tun Sie nicht so überrascht. Probieren Sie lieber. Mir liegt sehr viel an Ihrem Urteil.“

„Warum?“, wollte er wissen.

„Weil Sie in dieser Stadt Einfluss haben. Die Leute hören auf Sie.“

Er musterte sie skeptisch. „Gestern hatte ich den Eindruck, als ob Sie mich nicht besonders gut leiden könnten. Warum interessiert es Sie plötzlich, was ich von Ihrem Essen halte?“

„Eigentlich interessiert es mich nicht. Ich habe Ihnen den Grund schon genannt. Die Leute in dieser Stadt geben etwas auf Ihre Meinung. Und da ich gestern keinen besonders guten Eindruck auf sie gemacht habe …“

„Sie haben sie mit Wasser übergossen, mit Tüchern und Kuchen beworfen und alles in allem ziemlich schlecht behandelt“, stellte Riley klar.

Verlegen schlug Holly kurz die Augen nieder. „Na ja, ich muss vielleicht wirklich ein wenig an meinen Umgangsformen arbeiten. Also, werden Sie jetzt das verdammte Frühstück probieren und allen erzählen, dass es gut ist, oder nicht?“

Sie hatte ziemlich schnell zu ihrer üblichen Unverfrorenheit zurückgefunden, fand Riley. Ihm imponierte ihre Zielstrebigkeit. Sie wollte offenbar einen neuen Versuch starten und forderte seine Hilfe dafür ein.

In diesem Moment kam Jud herein. Sein Blick fiel auf Holly, und er hielt kurz inne. Wie üblich zog er sich die rutschende Hose hoch und schnupperte. „Was ist denn hier los?“, fragte er neugierig.

Holly wandte den Kopf zur Seite und schaute Riley bittend an. Für einen Moment verharrte er unschlüssig. Wenn er ihr seine Hilfe verweigerte, würde sie vermutlich schon sehr bald die Stadt verlassen. Die Vorstellung hatte durchaus ihren Reiz.

Aber wenn er ihr half, würde sie ihm vielleicht voller Dankbarkeit tief in die Augen sehen und ihn anlächeln. Dieser Gedanke war unwiderstehlich.

Riley holte tief Luft, schalt sich selbst einen Idioten und reichte Jud einen von Hollys mitgebrachten Tellern. „Bitte, bedien dich. Das ist ein Frühstück aus dem Café Nirvana.“

Jud warf Holly einen skeptischen Blick zu. Aber der Duft, der dem Behälter entstieg, war zu verführerisch. Er nahm den Teller und füllte ihn. Dann schob er sich eine Gabel voll Omelett und Würstchen in den Mund und kaute.

„Bäh“, machte er und verzog angewidert das Gesicht.

„Bäh?“, wiederholte Riley und sah zu Holly. „Haben Sie nicht gesagt, dass es gut ist?“

„Aber es ist doch gut“, sagte Holly und verschränkte unsicher die Hände.

Riley wandte sich wieder zu seinem Deputy, der seinen Teller auf den Tisch gestellt und die Gabel danebengelegt hatte.

„Das Omelett schmeckt nach gar nichts“, beklagte Jud sich lautstark.

„Es ist ein Eiweißomelett und enthält fast kein Fett“, erklärte Holly.

„Und dieses Würstchen“, fuhr Jud ungerührt fort. „Das ist überhaupt kein richtiges Würstchen. Wabbelig und fade.“

„Das ist Putenfleisch“, flüsterte Holly. „Fettarm und gesund.“

„Es ist ekelhaft“, erwiderte Jud. „Sagen Sie bloß nicht, dass Ihr Essen immer so schmeckt.“

„Ich hatte vor, noch andere kalorienarme Gerichte in die Speisekarte aufzunehmen. Zum Beispiel Hackbraten aus Putenfleisch“, erklärte Holly tapfer.

Riley konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.

„Was soll das heißen?“, fragte Holly ihn scharf.

„Nun, das hört sich sehr … gesund an“, antwortete er vorsichtig.

„Genau!“, fauchte sie.

Fassungslos schüttelte Riley den Kopf. Er war froh, dass er schon gegessen hatte. „Wollen Sie uns etwa nur kalorienarmes Diätessen vorsetzen?“

„Ihr Cholesterinspiegel wird es Ihnen danken. Es wird auch eine große Auswahl an Salaten geben.“

„Ach“, murmelte Riley sarkastisch. „Das hört sich appetitanregend an.“

„Das ist es auch“, erwiderte Holly beharrlich.

Jud zog sich wieder einmal die Hose nach oben. „Was mich angeht, ich will richtiges Essen. Mit Fett.“

Er warf noch einen Blick zu Riley, als wäre alles dessen Schuld, und verließ den Raum.

Holly straffte die Schultern und hob das Kinn.

Seufzend rieb Riley sich die Stirn und sah Holly an. „Nun, das ist doch ganz gut gelaufen. Immerhin haben Sie Jud nicht angeschrien.“

Sie kreuzte die Arme vor der Brust. „Es ist mir nicht leichtgefallen. Das können Sie mir glauben.“ Sie sah aus dem Fenster auf den verlassenen Parkplatz des Cafés und biss sich auf die Unterlippe.

Riley fiel auf einmal auf, wie schön ihr Mund war. Und er ertappte sich bei dem Wunsch, Holly zu küssen.

Er warf einen flehentlichen Blick zum Telefon. Warum klingelte es nicht? Gerade jetzt hätte er eine verirrte Kuh wirklich gebrauchen können.

4. KAPITEL

In dieser Nacht konnte Holly nicht einschlafen. Aber das war ja auch kein Wunder. Selbst für ihre Verhältnisse war ihr Scheitern beispiellos. Sie hatte es fertiggebracht, innerhalb von weniger als achtundvierzig Stunden eine ganze Stadt gegen sich aufzubringen.

Hellwach lag sie in dem kleinen Schlafzimmer des Apartments über dem Café. Die Mendozas hatten nicht lange gebraucht, um ihre Sachen für den Umzug nach Montana zu packen. Sie hatten ihr die kleine Wohnung möbliert hinterlassen.

Der Fußboden bestand aus Holzdielen, die Wände waren weiß getüncht. Die Räume waren sehr hell, weil es viele Fenster gab. Die sorgten jedoch nicht nur für Licht, sondern auch dafür, dass die Hitze von draußen fast ungehindert eindringen konnte.

Alles in allem war die Unterkunft aber gar nicht mal so übel. Ausgenommen die Tatsache, dass der dicke, hässliche Kater namens Harry darauf bestanden hatte, mit ihr zu kommen.

Nun lag er laut schnurrend in der Küchenspüle und tatzelte nach den Tropfen, die aus dem Wasserhahn kamen.

Abgesehen von Harry war die Wohnung jedoch peinlich sauber. Und für die nächste Zeit gehörte sie ganz allein ihr. Holly konnte nicht umhin, sich hier einigermaßen zu Hause zu fühlen. Wobei sie, wenn sie es genau bedachte, nirgendwo richtig zu Hause war. Auch nicht in Los Angeles, wo sie wohnte.

Verdammt, jetzt war sie schon wieder dabei, in Selbstmitleid zu zerfließen!

Aber es gab wenig, das sie dagegen tun konnte. Alles ging schief. Ihre Eltern hatten ihr gesagt, dass dies nur ein kurzes Zwischenspiel sein würde. Dass das Restaurant schnell verkauft werden würde. Und dass es genug Personal geben würde und sie den Laden lediglich zu managen hätte.

Nichts von all dem traf zu. Eigentlich wäre das ein guter Grund, die Sache einfach aufzugeben. Ihre Eltern hatten ihren Teil der Aufgabe nicht erfüllt. Warum also sollte sie das tun?

Aber etwas in ihr wollte dieses eine Mal eine Last schultern. Sie wollte es schaffen. Sie hatte das Bedürfnis, etwas zu leisten und dafür anerkannt zu werden.

Also musste sie bleiben und weitermachen. Um jeden Preis.

Das hieß, ihre Bemühungen unbeirrt fortzusetzen. Sie würde weiter kochen, putzen und servieren. Und zwar so lange, bis sie alles richtig machte. Wenn es sein musste, würde sie die unwilligen Einwohner dieses Städtchen in das Café zerren und dazu zwingen, ihre Gerichte zu essen. Sie würde nicht eher ruhen, bis dieses Restaurant wieder ein Ort war, der einen möglichen Interessenten zum Kauf verlockte.

Als Holly diese Entscheidung getroffen hatte, konnte sie endlich einschlafen.

Sie träumte vom Kochen. Im Traum machte es ihr sogar fast Spaß, ein mehrgängiges Menü nach dem Kochbuch zuzubereiten. Sie träumte, dass Jud ihr Essen lobte. Auch Harry tauchte hin und wieder auf und verlor Haare, wo er ging und stand.

Und schließlich träumte sie von einem unerhört attraktiven Sheriff mit einem verführerischen Lächeln.

Als Holly am nächsten Morgen erwachte, war sie zu allem bereit. Entschlossen stieg sie in ihren Jeep und fuhr zu dem einzigen Supermarkt des Ortes, um dort etwas zu kaufen, das sie ihren Gästen zum Frühstück servieren konnte.

Im Laden angekommen packte sie fünf große Kartons verschiedener Cornflakes und etliche Liter Milch in ihren Einkaufswagen und fügte noch einige Schalen Blaubeeren dazu. Sie waren im Sonderangebot und würden den Cornflakes ein wenig Farbe verleihen. Ziemlich zufrieden mit sich schob sie den Wagen zur Kasse.

Dort wurde sie von der ungefähr fünfundzwanzigjährigen Kassiererin mit unglaublich hochtoupiertem rotem Haar misstrauisch beäugt. Obwohl es noch nicht einmal sieben Uhr am Morgen war, kaute die Frau bereits auf einem beachtlichen grünen Kaugummi herum. Sie warf einen skeptischen Blick auf Hollys cremefarbenes Leinenkostüm und rümpfte verächtlich die Nase.

„Es soll heute ziemlich heiß werden“, bemerkte sie kauend. „Sie werden ganz schön ins Schwitzen kommen in Ihrem schicken Outfit.“

Das Kostüm war aus leichtem Leinenstoff und stand Holly hervorragend. Sie wusste, dass sie darin sehr gut aussah. Das war ihr wichtig, denn es gab ihr Selbstsicherheit. Sie lächelte die Kassiererin freundlich an. „Es wird schon gehen, vielen Dank.“

Die Rothaarige nahm das erste Paket Cornflakes in die Hand und musterte es missbilligend. „So, das werden Sie also Ihren Gästen zum Frühstück anbieten. Cornflakes? Ist das Ihr Ernst?“

„Sehen Sie …“, begann Holly und warf einen Blick auf das Namensschild der Kassiererin. „Isadora …“

„Nur Dora.“

„Schön, Dora. Könnten Sie einfach meine Waren über den Scanner ziehen? Ich habe es nämlich sehr eilig.“

„Warum?“, fragte Dora, ohne sich zu rühren. „Sie haben doch keine Gäste, die auf Sie warten.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, erwiderte Holly zunehmend verärgert.

„Die Cousine des Freundes meiner Tante arbeitet als Empfangsdame beim Sheriff. Sie kann durch das Fenster ins Café Nirvana sehen. Von ihr weiß ich, dass Sie keine Gäste haben. Ihre Ankunft und die Übernahme des Cafés waren das aufregendste Ereignis in der Stadt, seit Jimmy Dalton auf der Bowlingbahn dabei erwischt wurde, wie er Lester Arnold betrügen wollte.“

„Na, wunderbar“, murmelte Holly.

„Und dann stolzieren Sie auf Ihren hohen Absätzen einher, und unserem Sheriff fallen beinah die Augen aus dem Kopf. Das geht mir wirklich, wirklich auf die Nerven“, erklärte Dora und deutete mit ihrem metallicblau lackierten Zeigefinger auf Holly. „Seit er vom College zurückgekehrt ist, versuche ich, ihn auf mich aufmerksam zu machen. Er ist der tollste Mann, den ich je kennengelernt habe. Und im Moment hat er nur Augen für Sie! Und dabei machen Sie ihm nichts als Ärger.“

„Sie kommen hier nicht viel raus, was?“, fragte Holly mit demonstrativer Gelassenheit.

„Wollen Sie etwa andeuten, dass Sie ihn nicht für einen tollen Mann halten?“, gab Dora zurück und machte mit ihrem Kaugummi eine große Blase.

„Einen tollen Mann? Nein, wirklich nicht. Nervtötend, ja. Ein elender Besserwisser, auch. Und unsensibel, auf jeden Fall. Aber toll? Das kann nicht Ihr Ernst sein“, erwiderte Holly und wunderte sich darüber, wie glatt ihr diese Lüge über die Lippen kam.

„Dann stimmt mit Ihrem Sehvermögen etwas nicht, Mädchen“, sagte Dora und blickte sie ungläubig an. „Sind Sie am Ende blind? Der Mann ist der wahr gewordenen Traum aller Frauen.“

Holly musste Dora insgeheim zustimmen. Aber um keinen Preis würde sie das laut zugeben. Es spielte ja auch keine Rolle, wie sehr sie sich von Riley angezogen fühlte. Denn sie würde dem nicht nachgeben. Sie hatte ihre Hormone im Griff. Und sie hatte sich selbst im Griff. Daran würde auch ein Riley McMann nichts ändern. Das war eine ihrer leichtesten Übungen.

Sonst jedoch hatte sie leider gar nichts im Griff.

„Ich vermute“, setzte Dora die Unterhaltung fort, „dass Sie diese geschniegelten Großstadttypen bevorzugen. Sie wissen schon, diese Klugschwätzer im Anzug, die ein Pferd nicht einmal erkennen, wenn es sie tritt. Na ja, wie auch immer. Der Sheriff hält nicht viel von Frauen, wie Sie eine sind. Er sieht sie nur an, und das war es auch schon. Ich muss also die Hoffnung nicht aufgeben. Oder was meinen Sie?“

„Ich meine, dass Sie mein latentes Misstrauen gegenüber der Bevölkerung von Little Paradise in jeder Hinsicht bestätigen“, antwortete Holly so ruhig, wie sie es vermochte.

Dora lachte und zupfte an ihrem hochtoupierten Haar. „Es steht Ihnen frei, jederzeit abzureisen. Tun Sie sich nur keinen Zwang an.“

„Ein Abschied würde mir sehr schwerfallen“, meinte Holly sarkastisch. „Dies ist ein so nettes kleines Städtchen. Man wird mit offenen Armen empfangen und mit Freundlichkeit geradezu überschüttet.“

Dora senkte verlegen den Blick. „Tut mir leid. Ich bin normalerweise nicht so unhöflich zu Kunden.“

„So? Warum dann zu mir?“, fragte Holly schnippisch.

Dora begann nun endlich damit, Hollys Einkäufe über den Scanner zu ziehen. „Sehen Sie, das Café Nirvana ist so etwas wie eine feste Institution im Ort. Und Sie haben es in nur einem Tag völlig ruiniert. Oder etwa nicht?“

Angesichts dieser Ungerechtigkeit verschlug es Holly fast die Sprache. Sie musste sich sehr viel Mühe geben, um bei ihrem weitgehend freundlichen Tonfall zu bleiben. „Das war nicht allein meine Schuld. Ihr Leute aus Little Paradise habt tüchtig dabei mitgeholfen, indem ihr so wenig einladend und verständnisvoll wie nur möglich wart. Ich hätte nämlich ein wenig Unterstützung gebrauchen können.“

Holly konnte es kaum glauben, dass diese letzten Worte tatsächlich aus ihrem Mund gekommen waren. Sie hatte noch niemals jemanden um Hilfe gebeten. Und eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, jetzt damit anzufangen.

„Wirklich?“, fragte Dora ungläubig. „Sie sehen nicht aus wie jemand, der Hilfe nötig hat. Auf mich wirken Sie sehr eigenständig.“

Möglicherweise war dies das größte Kompliment, das Holly jemals bekommen hatte. Aber natürlich würde sie das nicht zugeben. „Ich komme zurecht, vielen Dank. Aber wo wir gerade beim Thema sind, wissen Sie nicht zufällig jemanden, der einen Job als Koch oder Kellnerin sucht?“

Dora blickte sie überrascht an. „Um für Sie zu arbeiten?“

„Äh, ja.“

Dora schüttelte stumm den Kopf, nahm Hollys Geld und gab ihr das Wechselgeld zurück.

Holly dachte, die Unterhaltung wäre damit beendet, aber Dora hielt sie mit einer Geste vom Gehen ab.

„Wie viel zahlen Sie denn?“, fragte sie.

„Können Sie kochen?“, gab Holly zurück.

„Besser als Sie.“

„Kommen Sie ins Café und beweisen Sie es. Überzeugen Sie mich. Dann reden wir über die Bezahlung.“ Holly wusste genau, dass sie sich nicht gerade anhörte wie eine wohlmeinende, fürsorgliche Chefin. Aber sie traute den Leuten in dieser Stadt nicht weiter, als sie sehen konnte.

Dora schaute sie für einen Moment nachdenklich an. „Sie sprühen nicht gerade vor Freundlichkeit. Sind Sie gemein zu Ihren Angestellten?“

„Gemein nicht. Aber ich erwarte etwas von ihnen“, antwortete Holly.

„Damit kann ich leben. Wenn Sie fair sind“, erklärte Dora.

„Das bin ich“, versicherte Holly. Jedenfalls hoffte sie es. Sie hatte sich noch keinen Überblick über die Finanzen des Cafés verschaffen können.

Auf einmal wünschte sie sich dringend, Dora würde den Job annehmen. Aber sie würde den Teufel tun und es sich anmerken lassen.

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