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BACCARA EXKLUSIV, BAND 98

YVONNE LINDSAY

DIE GLUT, DIE DU IN MIR WECKST

Lanas Leben liegt in Scherben. Ihr Mann ist tödlich verunglückt – an der Seite seiner Geliebten Maria. Hinterlassen hat er nur einen Schuldenberg. Ausgerechnet Marias Bruder Raffaele erweist sich als Retter in der Not. Er bietet Lana Geld, Unterkunft – und seine Liebe. Ein unwiderstehliches Angebot von einem unwiderstehlichen Mann. Zu schön, um wahr zu sein?

KATE LITTLE

DA HILFT NUR GANZ VIEL LIEBE

Darf eine Physiotherapeutin sich zu ihrem Patienten ins Bett legen und ihn in die Arme nehmen, wenn er Albträume hat? Rebeccas Behandlungsmethoden mögen eigenwillig sein, aber bei Grant zeigen sie Erfolg. Doch nur, wenn es ihm gelingt, sich an den Unfall zu erinnern, bei dem er seine Verlobte verlor, ist sein Herz für die schöne Rebecca wirklich frei …

CHRISTY LOCKHART

SÜSSE STUNDEN DER ERFÜLLUNG

Lag es an der romantischen Stimmung einer Hochzeitsfeier, dass er schon nach wenigen Stunden mit der hinreißenden Lilly im Bett gelandet ist – und mit ihr die aufregendste Nacht seines Lebens verbracht hat? Nick weiß es nicht. Er weiß nur, dass er sie unbedingt wiedersehen will. Dabei hat auch er nach seiner Scheidung die Nase voll – von den Frauen …

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DIE GLUT, DIE DU IN MIR WECKST

1. KAPITEL

Er verachtete und hasste sie mit jedem Atemzug, den er tat, mehr.

Da stand sie, abseits. Eine einsame Frau. Verwitwet.

Verwitwet, nicht geschieden.

Groß, elegant, unnatürlich gefasst. Hatte sie ihren verstorbenen Mann überhaupt geliebt? Er bezweifelte es. Wenn sie ihn geliebt hätte, hätte sie ihn gehen lassen. Hätte ihn Maria überlassen, anstatt an einer Ehe festzuhalten, die längst keine mehr war.

Ohne auf den kalten Wind zu achten, der ihm unablässig Regen ins Gesicht blies, verharrte Raffaele Rossellini in einiger Entfernung von den am Grab stehenden Trauernden.

Er ließ sich von seiner Wut mitreißen. Würde seine geliebte Schwester jetzt im Krankenhaus liegen, nur noch durch Apparate am Leben gehalten, wenn die kühle Blondine in Schwarz den wiederholten Bitten ihres Mannes, ihn freizugeben, nachgegeben hätte? Wenn sie ihn vor der Geburt eines Kindes, das nun weder Vater noch Mutter haben würde, hätte gehen lassen?

Erneut von tiefem Schmerz überwältigt, seufzte er auf.

Er war hergekommen, um dem Mann, den seine Schwester geliebt hatte, die letzte Ehre zu erweisen. Einem Mann, mit dem er geschäftlich zu tun gehabt hatte und den er als Freund betrachtete. Bald würde er, Raffaele, wieder am Bett seiner Schwester sitzen. Obwohl sie vermutlich nicht merkte, dass er bei ihr war.

Die lebenserhaltenden Maßnahmen würden nach der Geburt des Kindes eingestellt werden. Die Ärzte hofften, diese Geburt so lange wie möglich hinauszögern zu können, damit das Kind weiter wuchs. Raffaele fand die Argumentation, dass ein ungeborenes Leben nicht unnötig aufgegeben werden sollte, schrecklich. Seine jüngere Schwester war ein so lebensfroher Mensch gewesen. Und dass sie nicht in Würde sterben durfte, ehe ihr Kind geboren war, war eine grausame Vorstellung für ihn.

Er versuchte sich einzureden, dass sie es genau so gewollt hätte – sie hatte sich so sehr auf ihr Baby gefreut –, doch dieser Gedanke milderte nicht seine Verzweiflung darüber, dass sie bereits gegangen war. Anwesend und doch nicht da. Am Leben und doch nicht mehr lebendig.

Raffaele sah zu der blonden Frau hinüber, die er nur vom Hörensagen kannte. Die Witwe des Mannes, der eben zur letzten Ruhe gebettet worden war. Wie versteinert stand sie am Grab, ohne dass eine einzige Träne über ihr blasses Gesicht gelaufen wäre. Selbst jetzt, nachdem die anderen Trauergäste gegangen waren, zeigte sie keinerlei Trauer.

Seine Wut wurde von Bitterkeit verdrängt. Er hatte das Versprechen, das er vor Jahren seiner sterbenden Mutter gegeben hatte, gebrochen. Er hatte seine kleine Schwester nicht beschützt. Nun war es zu spät, den Schaden zu beheben, der durch seine Nachsichtigkeit Marias Launen gegenüber entstanden war.

Als er ihre Affäre mit einem verheirateten Mann entdeckt hatte, hätte er gleich einschreiten sollen, auch wenn es vermutlich unmöglich gewesen wäre, seine dickköpfige Schwester zu bremsen. Doch er hätte etwas unternehmen sollen, damit sich ihr Traum, den Vater ihres Kindes zu heiraten, erfüllte. Er hätte mit Lana Whittaker sprechen und sie mittels seiner Autorität irgendwie dazu bringen sollen, dem Wunsch ihres Mannes nach einer Trennung zuzustimmen.

Zu spät. Es war zu spät.

Der Anblick des leblosen Körpers seiner Schwester, in dem ein neues Leben heranwuchs, war unauslöschlich in seinem Gedächtnis eingebrannt. Ja, er hatte versagt, Maria zu beschützen, aber bei ihrem ungeborenen Kind würde er nicht versagen.

Raffaele Rossellini machte den gleichen Fehler nie zweimal.

Das Kind würde wie sein eigenes aufwachsen. Das hatte er Maria versprochen. Ihr Sohn oder ihre Tochter würde innig geliebt werden und rechtzeitig alles über seine oder ihre Mutter erfahren, damit die Erinnerung an sie nicht verblasste.

Ungeweinte Tränen brannten Raffaele in den Augen, als er den Rücken der Frau am Grab fixierte.

Noch einmal würde er nicht versagen.

Er kämpfte gegen seinen tiefen Schmerz an. Auf die eine oder andere Art und Weise, so schwor er sich, würde Lana Whittaker seinen Zorn zu spüren bekommen. Er würde sie büßen lassen – für Marias Leid, die verzweifelten Anrufe, die er zu Hause in Italien erhalten hatte, als feststand, dass sie schwanger war, und sie erkannte, dass Kyle sie nicht vor der Geburt ihres Kindes würde heiraten können.

Lana Whittaker würde am eigenen Leib erfahren, was Bedauern hieß. Sie würde selbst erleben, was Verlust bedeutete.

Lana fröstelte in ihrem durchnässten schwarzen Wollmantel und war sich einmal mehr des hochgewachsenen dunkelhaarigen Fremden bewusst, der während des kurzen Begräbnisses etwas abseits von den Trauergästen gestanden hatte und sie jetzt, da die Trauerfeier beendet war, noch immer fixierte.

Wer war er?

Sie wagte nicht, sich zu ihm umzudrehen. Hoffentlich war er kein Paparazzo, denn es hätte ihr gerade noch gefehlt, ihr Foto in der Boulevardpresse zu entdecken. Die Umstände des Todes ihres Mannes würden früh genug bekannt werden.

Wie hatte Kyle ihnen das nur antun können? Wie hatte er ihr das antun können? Wieso hatte sie nicht geahnt – nicht gewusst –, dass er eine Affäre hatte? Sie versuchte verzweifelt, sich zu erinnern, ob es irgendein Anzeichen dafür gegeben hatte, dass er nicht glücklich war. Aber es gab keins. Er war liebevoll und nett gewesen, selbst als sie ihn für seine Geschäftsreise nach Wellington, der Hauptstadt Neuseelands, zum Flughafen gefahren hatte. Eine einwöchige Reise, die er seit drei Jahren alle vierzehn Tage unternahm.

Eine Reise, die er immer wieder antrat, um bei seiner Geliebten zu sein!

Einen Moment lang war Lana drauf und dran, ihrem Bedürfnis, laut zu schreien, nachzugeben, ihrem maßlosen Zorn und ihrer Angst, die sie aus dem Gleichgewicht zu bringen drohten, freien Lauf zu lassen. Ihre Situation war unfassbar. Sie waren das perfekte Ehepaar gewesen – einander treu ergeben. Alle hatten das gesagt.

Kleine schwarze Punkte begannen vor ihren Augen zu tanzen. Atme tief durch, befahl sie sich. Gib nicht nach. Lass dich nicht hängen.

Die frische feuchte Luft tat ihr gut, doch nichts half gegen das gähnende schwarze Loch in ihrem Herzen.

„Mrs Whittaker? Wir sollten jetzt gehen. Der Partyservice hat Bescheid gegeben, dass die ersten Trauergäste im Apartment angekommen sind.“ Die sanfte Stimme des Beerdigungsunternehmers riss Lana aus ihren Gedanken.

Sie holte noch einmal tief Luft und schloss kurz die Augen, bevor sie antwortete.

„Ja, ich bin bereit.“ Bereit wofür? Welche Zukunft hatte sie jetzt? Ihr Leben – ihre Träume, ihre große Liebe – war mit ihrem Mann begraben worden.

Die kurze Autofahrt zu ihrer Wohnung im Zentrum von Auckland bekam sie kaum mit. Dort würden die Trauergäste sie erwarten und ihr ihr Mitgefühl aussprechen. Ihretwegen musste sie durchhalten. Sie noch ein wenig länger in dem Glauben lassen, dass Kyle der Mann gewesen war, den sie mit Respekt betrauern und erinnern konnten, nicht der Mann, der er in Wirklichkeit gewesen war.

Er hatte sie alle belogen.

Die Stimmung in der Wohnung war gedrückt. Ihr Mann war ein Finanzgenie gewesen, dessen Meinung in Geschäftskreisen geschätzt wurde.

Nach ein paar Stunden hatte der Partyservice aufgeräumt, und die letzten Gäste waren gegangen. Lana fragte sich, ob sie sie je wiedersehen würde, sobald die Wahrheit in den Zeitungen erschien. Ob ihr Mitgefühl in Mitleid umschlagen würde oder, schlimmer noch, in Verachtung.

Ihr Anwalt hatte eine gerichtliche Verfügung erwirkt, dass keine Details zu Kyles Tod an die Medien weitergegeben werden durften, doch diese Verfügung würde um Mitternacht aufgehoben werden.

Dann würde der Wirbel losgehen.

Unwillkürlich fiel Lana der Fremde am Grab ein. Wer war er? Wenn er kein Reporter war, dann vielleicht einer von Kyles früheren Kunden? Sie war ihm nie zuvor begegnet, das stand fest. Denn obwohl sie sein Gesicht nur kurz gesehen hatte, würde sie seine sanft gewölbte Stirn nie vergessen, die leicht gebogene Nase zwischen dunklen Augen und das kräftige, energische Kinn. Ein solches Gesicht vergaß eine Frau nicht. Alles an ihm, selbst der Schnitt und die Länge seines Mantels, verriet ohne Zweifel europäische Eleganz.

Angewidert schüttelte Lana den Kopf. Da war ihr Mann gerade einmal zwei Tage tot, und schon interessierte sie sich für einen anderen. Auch wenn Kyle untreu war, gab ihr das nicht das Recht, Ausschau nach einem anderen zu halten. Nicht nach ihrer Auffassung von Moral.

Langsam ging sie durch das geräumige Wohnzimmer und ließ dabei die Hand über die große weiße Ledercouch gleiten. Dort hatten sie und Kyle oft aneinandergekuschelt beobachtet, wie die Sonne hinter den Waitakere Ranges im Westen Aucklands verschwand, ehe sie in ihr Schlafzimmer gegangen waren, um sich zu lieben. Manchmal hatten sie es nicht einmal bis dorthin geschafft.

Sie ballte die Hand zur Faust, als der Schmerz über sein Doppelleben ihre eiserne Selbstbeherrschung durchdrang, hinter der sie sich den ganzen Tag verschanzt hatte. Wie kamen Frauen mit der Entdeckung zurecht, dass ihre Männer eine Geliebte hatten? Wie gingen sie mit der Last der Lügen um, die sie unwissentlich gelebt hatten, und wie schafften sie es, darüber hinwegzukommen?

Sie war wütend, fühlte sich betrogen. Wie hatte er einfach sterben und so viele Fragen unbeantwortet lassen können? Sie wollte nicht einmal daran denken, was sie am Vorabend auf seinem Laptop entdeckt hatte, nachdem die Polizei ihr seine Sachen aus dem Unfallwagen gebracht hatte. Wie durch ein Wunder hatte er den Frontalzusammenstoß überstanden. Doch sie fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, nichts von der Datei zu wissen.

Nicht zu erfahren, dass er das Vertrauen so vieler seiner Kunden missbraucht hatte, indem er ihre Investmentfonds abschöpfte, um die Wohnung seiner Geliebten an der Uferpromenade Oriental Parade in Wellington zu finanzieren. Nicht zu wissen, dass er Geld von ihrem gemeinsamen Sparkonto für den gleichen Zweck verwendet hatte.

Vermutlich liefen bereits Ermittlungen wegen Betrugs gegen ihn. Sie würde der Polizei den Computer zurückgeben müssen. Die Dateien dürften sie sehr interessieren.

Überwältigt von ihrem Schmerz, sank sie auf dem flauschigen cremefarbenen Teppichboden auf die Knie. Sie stützte sich mit beiden Armen auf und atmete mehrmals tief durch. Es war mehr, als sie ertragen konnte.

Ihr Blick fiel auf ein Bild auf dem Couchtisch. Es zeigte sie und Kyle auf der Jacht eines Freundes. Sie lachten, und ihre Liebe und tiefe Verbundenheit spiegelten sich in ihren Augen wider.

Eine Lüge.

Ihre Ehe, um die sie von all ihren Freunden beneidet wurden und die an ihrem Hochzeitstag letztes Jahr auf den Gesellschaftsseiten der Zeitungen als Paradebeispiel einer glücklichen Verbindung gepriesen worden war, hatte seit drei Jahren nicht mehr existiert, und sie hatte es nicht einmal bemerkt.

In einem plötzlichen Wutanfall warf Lana das Foto an die Wand. Ohne auf die Glasscherben zu achten, sprang sie auf und machte sich wie von Sinnen daran, alle Fotos des „perfekten Paares“ aus der Wohnung zu entfernen.

Sie riss sie aus den Rahmen und ließ diese achtlos auf den Tisch fallen. Die Bilder zerriss sie, bis sie in kleinen Schnipseln auf dem Fußboden lagen.

Lügen, alles Lügen.

Erst danach ergab sie sich ihrem tiefen Schmerz. Tränen strömten ihr über die Wangen, und sie schluchzte auf. Sie sank auf die Couch und nahm nichts mehr um sich herum wahr, nur noch die unendliche Leere in ihrer Brust, wo eigentlich ihr Herz hätte sein sollen.

Unvermittelt riss ein Summen sie aus ihrer trostlosen Benommenheit. Ihr Herz begann zu rasen, doch schließlich wurde ihr bewusst, dass es die Wechselsprechanlage des Sicherheitsdienstes aus dem Foyer war. Oh nein. Sie fröstelte. Das würde doch wohl nicht schon die Presse sein?

Es summte erneut. Wer hatte heute Dienst? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Aber sie sollte sich erinnern. Auf solche Details hatte sie immer Wert gelegt. Wieder stiegen ihr heiße Tränen in die Augen, und sie blinzelte sie schnell weg. Sie würde nicht mehr weinen. Sie musste sich zusammennehmen. Als Diplomatentochter hatte sie das ihr ganzes Leben lang trainiert und es in ihrem Job als Spendensammlerin des Wohltätigkeitsvereins für benachteiligte Kinder weiter verinnerlicht.

Plötzlich fiel ihr der Name des Mannes vom Sicherheitsdienst wieder ein. Mit zitternden Fingern drückte sie auf die Sprechtaste. „Ja, James?“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, Mrs Whittaker, aber hier ist ein Gentleman, der Sie sehen möchte. Ich weiß, es ist spät, aber er besteht darauf.“

„Ich empfange keine Reporter, James.“

„Er ist kein Reporter, Madam. Er sagt, es gehe um eine persönliche Angelegenheit. Sein Name ist Raffaele Rossellini.“

„Ich kenne keinen Mr Rossellini. Bitte fordern Sie ihn auf zu gehen.“

„Mrs Whittaker?“ Eine tiefe Männerstimme mit Akzent meldete sich. Selbst über die Sprechanlage klang sie willensstark und ausgesprochen maskulin. „Wir sind uns noch nicht begegnet, aber ich muss Sie sehen. Ich war ein Freund Ihres Mannes.“

„Ich kenne alle Freunde von Kyle, Mr Rossellini. Sie kenne ich allerdings nicht.“

„Wirklich alle, Mrs Whittaker?“

Seine Frage traf sie wie ein Schlag. Sie hatte ja nicht einmal etwas von Kyles Geliebter gewusst.

„Kommen Sie herauf. Ich gebe Ihnen genau zehn Minuten für Ihr Anliegen.“

„Was ich zu sagen habe, wird nicht lange dauern.“

Schnell schaltete Lana einige Lampen ein, die das Wohnzimmer in warmes Licht tauchten und einen starken Gegensatz zu dem Eisklumpen bildeten, der sich in ihrem Magen festgesetzt zu haben schien.

Als es an der Wohnungstür klopfte, strich sie automatisch ihr Kleid glatt und fuhr sich hastig mit den Fingern durchs Haar.

Raffaele versteifte sich, als seine erklärte Feindin ihm die Tür öffnete. Dio! Wie hübsch sie war. Ausgeschlossen, dass das die gleiche Frau war, deren Haltung beim Begräbnis ihn so aufgebracht hatte. Verklebte dunkle Wimpern umrahmten ihre sanften blaugrünen Augen, als habe sie vor Kurzem geweint. Ihr Gesicht war erhitzt, ihr Haar zerzaust. Sie sah weich aus, verletzt, ganz so, als bräuchte sie dringend Trost – wie eine Frau, die ein Mann wie er vor den Härten des Lebens beschützte. Wie eine Frau, die ein Mann wie er die ganze Nacht lang liebte, ihren schlanken Körper genoss, dabei ihr herrliches Haar durchwühlte und sie nach allen Regeln der Kunst verwöhnte.

Dann verwandelte sie sich vor seinen Augen zurück in die unterkühlte Witwe, die am Grab gestanden hatte. Er musste sich geirrt haben. Der kurze Blick auf eine völlig andere Frau konnte nur ein Irrtum gewesen sein. Die Rückverwandlung erinnerte ihn augenblicklich an den Grund seines Besuchs.

„Mrs Whittaker, Raffaele Rossellini. Darf ich eintreten?“

Sie schien überrascht, ihn zu sehen, ganz so, als kenne sie ihn von irgendwoher. Aber das war unmöglich. Auf dem Friedhof hatte er sich im Hintergrund gehalten, und ihre Wege hatten sich vorher nicht gekreuzt. Doch irgendetwas an ihr faszinierte ihn, an der Art und Weise, wie sie schnell eine kühle Miene aufgesetzt hatte. Als verstecke sie sich hinter einer dicken, wenn auch durchsichtigen Mauer.

Natürlich tut sie das, schalt er sich insgeheim. Das hier war die wahre Lana Whittaker. Die Eiskönigin in Person. Die Frau, die so hartnäckig an der Farce einer Ehe festgehalten hatte, statt den Mann gehen zu lassen, der sie nicht mehr liebte.

Sie bat ihn in die Wohnung und führte ihn in ein geräumiges, teuer eingerichtetes Wohnzimmer. Kein Wunder, dass Kyle Geld von ihm gebraucht hatte. Lana Whittaker liebte offensichtlich den Luxus.

Während er hinter ihr herging, stieg ihm ein Hauch ihres Parfüms in die Nase – zu seiner Überraschung war es kein aufdringlicher Duft, sondern ein zarter, leicht süßlicher. Er wollte so gar nicht zu dieser Frau passen.

Tut sie das absichtlich?, fragte er sich. Um die Männer zu locken und in Versuchung zu führen, nur um dann kalt jeden Annäherungsversuch zurückzuweisen, während sie die ganze Zeit diese unglaubliche Beherrschung beibehielt? Er schwor sich, dafür zu sorgen, dass es mit dieser Coolness vorbei war, bevor er nachher wieder ging.

Ohne ihn zu bitten, sich zu setzen, begegnete sie mit gestrafften Schultern seinem Blick.

„Also, Mr Rossellini. Sie wollten mich sprechen. Sie haben noch neun Minuten.“

Raffaele wurde ärgerlich. Sie wagte es, ihn herauszufordern, ohne überhaupt zu wissen, wer er war? Er verkniff sich eine passende Bemerkung und verließ sich ganz auf seine Willensstärke, durch die er das Unternehmen seiner Familie – sie exportierten Olivenöl – an die Weltspitze geführt und dort erfolgreich etabliert hatte.

„Es tut mir leid, dass Sie Ihren Mann verloren haben.“

„Danke, aber Sie sind sicher nicht hergekommen, um Ihr Beileid auszusprechen.“ Sie stand kerzengerade da, die Arme locker angewinkelt, obwohl sie bei ihrem aggressiven Ton auch vor der Brust hätten verschränkt sein können. „Was wollen Sie?“

Raffaele verstand langsam, warum Kyle seine sehr feminine, temperamentvolle Schwester attraktiv gefunden hatte. Was, um alles in der Welt, hatte den Mann geritten, bei dieser frostigen Frau ohne jede weibliche Ausstrahlung zu bleiben? Und doch verbarg sich unter dem Eispanzer irgendetwas – ein Feuer, das in den dunklen Tiefen ihrer Augen flackerte und das ihm einen heißen Schauer über den Rücken laufen ließ.

„Ihr Mann hat mich nie erwähnt, nehme ich an?“

„Hätte er das tun sollen?“

Ihr unverschämter Unterton ärgerte ihn. „Wir waren Freunde, aber auch Geschäftspartner.“

„Kyle hatte nie einen Geschäftspartner.“

„Ich stehe hier vor Ihnen. Es ist wahr.“ Raffaele vergrub die Hände tief in den Hosentaschen und fixierte Lana scharf, versuchte, eine Unsicherheit zu entdecken, eine Schwäche, um diese entnervende Ruhe, die sie ausstrahlte, zu erschüttern. „Ihr Mann schuldete mir Geld, Mrs Whittaker. Eine ziemlich große Summe.“ Als er sagte, um wie viel es sich handelte, wurde sie noch bleicher. Die verschmierte Wimperntusche unter ihren Augen wirkte wie blaue Flecken auf ihrer zarten Haut.

„Das ist unmöglich!“, widersprach sie heftig und ballte nervös die Hände zu Fäusten. Aha, dachte er mit einer gewissen Genugtuung. Geld war also der Hebel. Verständlich bei ihrem gepflegten Aussehen – perfekt manikürte Nägel, ebenmäßiger, leicht gebräunter Teint, ihre modisch gestylten goldblonden Haare. Sie hatte wohl wirklich einen Hang zum Luxus. Es war Zeit zum Angriff.

„Durch Kyles Tod sieht es für unsere geschäftlichen Pläne leider nicht gut aus. Meine italienischen Investoren haben bereits angedeutet, dass sie vorhaben, sich zurückzuziehen. Ohne Ihren Mann, der die Restsumme durch Investoren hier in Neuseeland besorgen wollte, muss ich das Darlehen kündigen.“ Sie brauchte nicht zu wissen, dass es sich bei den italienischen Investoren um seine eigene Firma handelte oder dass das Vorhaben – im großen Stil Olivenöl aus ökologischem Anbau zu vertreiben – noch in den Kinderschuhen steckte. Doch das Darlehen existierte wirklich.

„Das Darlehen kündigen? Einfach so?“ Ängstlich riss sie die Augen auf, sodass sie in ihrem bleichen Gesicht geradezu riesig wirkten.

Für einen kurzen Moment verspürte Raffaele einen Anflug von Mitleid, doch dann siegte sein Verstand. Wegen dieser Frau würde ein Kind ohne seine leiblichen Eltern aufwachsen. Da gab es keinen Platz für Mitleid in seinem Umgang mit ihr. Auf die eine oder andere Art und Weise würde sie teuer für das bezahlen, was sie seiner Familie angetan hatte.

. Einfach so. Ich nehme an, Sie ziehen es vor, dass ich mich direkt an Ihren Anwalt wende?“

Sie antwortete nicht. Man hätte meinen können, sie habe sich so weit in sich zurückgezogen, dass sie für alles und jeden unerreichbar war. Hatte er sie zu sehr gedrängt? Möglich. Schließlich hatte sie erst am Nachmittag ihren Mann begraben. Vielleicht hätte er einen Tag länger warten sollen.

Hatte Maria einen weiteren Tag? Unvermittelt schoss ihm diese Frage durch den Kopf. Nein, vermutlich nicht. Er streckte die Hand aus und berührte die schweigende Frau, die ihm gegenüberstand, kurz am Arm.

„Mrs Whittaker?“

Sie entzog sich ihm augenblicklich, als habe er ihren nackten Unterarm mit einem glühenden Feuerhaken berührt.

„Ich … ich hole Ihnen seine Karte.“

Wieder vollbrachte sie diese wundersame Verwandlung und schien nach tiefster Geistesabwesenheit jedes Körnchen Gelassenheit in sich aufzuspüren, um nach außen hin vollkommen selbstsicher zu wirken.

Ruhigen Schrittes ging sie nach nebenan, ins Schlafzimmer, wie Raffaele vermutete. Während sie weg war, sah er sich um und schätzte dabei ab, was jeder Gegenstand im Raum gekostet haben mochte. Die makellos schönen Möbel und die moderne Kunst an den Wänden gefielen ihm nicht besonders. Er zog in seinem Zuhause Wärme und Behaglichkeit vor – ebenso wie bei seinen Frauen.

Unvermittelt fiel sein Blick auf einen Haufen zerrissener Fotos neben der Couch. Er bückte sich und hob einen Schnipsel auf. Sie hatte es also gar nicht abwarten können, jedes kleine Andenken an ihren Mann loszuwerden. Er biss die Zähne zusammen und ließ das Stückchen Erinnerung an einen anderen Mann wieder auf den Boden fallen. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen. Lana Whittaker verdiente kein Mitgefühl.

Als sie mit einer weißen Visitenkarte zurückkam, zögerte er ein wenig, um sie warten zu lassen. Als er schließlich die Hand nach der Karte ausstreckte, sah er ihr direkt ins Gesicht und streifte absichtlich ihre Finger.

Ihre Pupillen weiteten sich bei seiner Berührung. Interessant, dachte er. Sie war nicht immun gegen seine Berührung. Wirklich sehr interessant.

Ihre Stimme klang kühl, als sie endlich etwas sagte, obwohl ihre Wangen plötzlich leicht gerötet waren. „Ihre zehn Minuten sind um. Bitte wenden Sie sich in Zukunft direkt an Mr Munroe.“

„Natürlich. Gute Nacht, Mrs Whittaker.“

Adieu, Mr Rossellini.“

Bei ihrer Betonung musste er lächeln. Sie konnte nicht umhin, es zu merken, ehe er sich umwandte und ging. Er ließ sie das letzte Wort haben – diesmal. Sie würde sich noch wundern, wenn sie glaubte, sie hätte ihn zum letzten Mal gesehen.

2. KAPITEL

In dem Moment, als die Wohnungstür ins Schloss fiel, begann Lana zu zittern. Kyle schuldete auch diesem Mann Geld? Was hatte er sonst noch vor ihr verheimlicht?

Als sie nach drei Jahren Ehe erfahren hatten, dass sie nie eigene Kinder haben würden, hatte sie sich in ihre karitative Tätigkeit gestürzt und Kyle nach und nach die gesamte Verantwortung für ihre finanziellen Angelegenheiten überlassen. Das hatte ihm nichts ausgemacht, schließlich galt er als Finanzgenie.

Wie lange hätte sie wohl gebraucht, um ihm auf die Schliche zu kommen, wenn er nicht bei dem Autounfall ums Leben gekommen wäre? Wie lange hätte sie weiterhin in falscher Sicherheit gelebt?

Sie war zutiefst müde und erschöpft und hatte das Gefühl, in den letzten achtundvierzig Stunden um Jahre gealtert zu sein. An diesem Abend konnte sie nichts mehr tun. Am nächsten Morgen würde sie Tom Munroe aufsuchen, ihren Anwalt, um mit ihm die Informationen auf Kyles Laptop zu sichten. Raffaele Rossellini war darin nicht aufgetaucht, es sei denn, es gab noch andere Dateien, die ihr verborgen geblieben waren.

Ohne sich damit aufzuhalten, die Lampen auszuschalten, ging Lana ins Schlafzimmer, doch beim Anblick des breiten Ehebettes wurde ihr fast übel. Die Intimitäten, die sie und Kyle dort genossen hatten, die Träume und Versprechen, die sie sich zugeflüstert hatten, der Kummer, den sie geteilt hatten, als feststand, dass sie die so sehr ersehnten Kinder nie bekommen würden, waren ihr sofort gegenwärtig. Schmerzliche, greifbare Erinnerungen an ihre Vergangenheit.

Sie konnte nie wieder in diesem Bett schlafen!

Sie nahm eine Decke und ein Kopfkissen aus dem Kasten am Ende des Bettes und sank im Wohnzimmer auf die breite Ledercouch. Nach einer Weile fiel sie endlich in einen traumlosen Schlaf.

Die Wintersonne war kaum aufgegangen, als das Klingeln des Telefons Lana weckte. Sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, ehe sie aufstand und sich verschlafen meldete.

„Stimmt es, dass Kyle Whittaker mit einer anderen Frau zusammen war, als er starb?“ Die aufdringliche Männerstimme machte Lana schlagartig hellwach.

Die Neuigkeit war also aus dem Sack, und die Wölfe nahmen bereits die Blutspur auf. Langsam legte sie den Hörer auf und schaltete das Telefon auf stumm. Ehe sie das auch bei den Apparaten im Schlafzimmer und Büro hätte tun können, klingelte es erneut. Ohne zu antworten, zog sie die Anschlussstecker aus der Wand und ging ins Bad.

Kyle war überall. Auf dem Waschtisch aus schwarzem Marmor standen seine Toilettenutensilien herum, hinter der Tür hing sein Bademantel.

Lana nahm den Papierkorb und warf Rasierwasser, Lotion, Zahnbürste und Deodorant kurzerhand hinein.

Erst als sie in den Spiegel schaute, merkte sie, dass ihr Gesicht erneut tränennass war. Sie zog das schlichte schwarze Kleid aus, das sie am Vortag zur Beerdigung getragen hatte, und warf ihre Unterwäsche achtlos auf den Boden.

Als sie dann unter die Dusche trat, hoffte sie, der heiße Wasserstrahl würde ihr guttun. Doch die Kälte, die sich um ihr Herz gelegt hatte, wollte nicht weichen.

Kurz darauf stand sie im flauschigen Bademantel und mit einem Handtuch um den Kopf vor dem Kleiderschrank und überlegte, was sie zu ihrem Termin mit Tom Munroe anziehen sollte. Sie musste klären, was Kyle ihr hinterlassen hatte, und sie musste ihm auch die Dateien auf dem Laptop zeigen. Bei dem Gedanken wurde ihr erneut übel. Schließlich entschied sie sich für einen eleganten Hosenanzug in Steingrau, zu dem sie einen bunten Schal in Seegrün und Korallenrot wählte. Jetzt brauchte sie einen Kaffee. Starken schwarzen Kaffee. Sie würde das Ganze überleben – irgendwie.

Die Tiefgarage ihrer Wohnung zu verlassen erwies sich als reinster Albtraum. Der Mann vom Sicherheitsdienst hatte Lana davon abgeraten, sich ein Taxi zum Vordereingang zu bestellen, wie sie das vorgehabt hatte. Nun fuhr sie gezwungenermaßen mit ihrem eigenen Wagen, dem neuesten Modell eines Mercedes-Cabrios, die Rampe zur Straße hinauf. Dort sah sie bereits unzählige Gesichter, Kameras und Mikrofone. Vielleicht wäre es besser, Tom zu bitten, sie in ihrem Apartment aufzusuchen. Doch sie wusste, wenn sie dort noch einen Moment länger bliebe, umgeben von so vielen vermeintlich glücklichen Erinnerungen, würde sie verrückt werden.

Lana atmete tief durch und gab Gas. Das Gittertor begann sich zu heben. Viel zu langsam. Sofort bedrängten die Reporter ihren Wagen. Um niemanden zu verletzen, war sie gezwungen, langsamer zu fahren. Zum Glück war ihr Apartmenthaus gut bewacht, und mehrere Sicherheitsleute in Uniform bahnten ihr einen Weg und winkten sie hastig weiter.

Ein Blitzlichtgewitter brach über sie herein, doch schließlich hatte sie es geschafft. Schnell fuhr sie davon, ehe die lästige Reportermeute ihr folgen konnte.

Im Büro ihres Anwalts wurde sie gleich in einen privaten Warteraum geleitet. Ohne Zweifel verbreiteten sich schlechte Nachrichten wie ein Lauffeuer. Lana ließ sich in einen Sessel fallen. Ein feiner Duft hing in der Luft. Maskulin, ein Hauch von Moschus. Sie kannte diesen Duft von irgendwoher, kam jedoch nicht darauf, woher. Kyle hatte immer frischere Zitrusnoten bevorzugt. Aus dem Büro ihres Anwalts hörte sie Männerstimmen, und ihr sträubten sich die Haare.

Raffaele Rossellini.

Er war bereits hier? Sie fühlte sich elend. Nicht einmal einen Tag konnte er warten. Sie hörte, wie die Flurtür von Toms Büro geöffnet und wieder geschlossen wurde, ehe die Tür zum Warteraum aufging.

„Meine Liebe …“ Tom streckte die Arme nach Lana aus. Seine Frau war eine enge Freundin ihrer Mutter aus Studententagen gewesen, und Tom Munroe gehörte zu Lanas Leben, solange sie denken konnte. Sie hatte seine beruhigende Nähe bei der Beerdigung vermisst, doch wegen eines wichtigen Gerichtstermins hatte er ihr nicht beistehen können.

Das Mitgefühl in seinen Augen hätte sie fast zum Weinen gebracht. Sie ließ sich von ihm in die Arme ziehen und unterdrückte ein Aufschluchzen. Sie war entschlossen, sich nicht von der Angst und den Problemen unterkriegen zu lassen, die ihr jede Sicherheit im Leben genommen hatten.

Als sie gleich darauf in Toms Büro auf dem Besucherstuhl Platz nahm, hatte sie das Gefühl, durch den weichen Wollstoff ihrer Hose noch die Wärme des Besuchers, der vorher hier gesessen hatte, zu spüren. Reine Einbildung, das war ihr klar, aber ihre Haut prickelte trotzdem.

„Du hattest Besuch von Raffaele Rossellini.“ Ihre Stimme zitterte leicht. Lana umfasste den Laptop, den sie mitgebracht hatte, fester, als würde ihr das Halt geben.

„Ja, ein charmanter Mann. Allerdings war er ein wenig besorgt wegen eines Darlehens, das er Kyle gegeben hatte. Wusstest du etwas davon?“ Tom lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und sah Lana nachdenklich an.

„Nein.“ Sie öffnete die Tasche des Laptops. „Und es kommt noch schlimmer.“

Bis sie mit der Schilderung ihrer finanziellen Situation, wie sie ihr die Computerdateien offenbart hatten, fertig war, war Tom völlig verstummt. Besorgt runzelte er die Stirn.

„Das lässt die Dinge in völlig anderem Licht erscheinen, das ist dir sicher bewusst.“

Sein Tonfall verursachte wieder dieses ungute Gefühl in Lanas Magengrube. „Ich habe auch nach den Policen unserer Lebensversicherung gesucht und kann sie nicht finden. Glaubst du, er hat sie zu Geld gemacht?“

„Nein, es ist wahrscheinlicher, dass er sie der Bank als Sicherheit für ein weiteres Darlehen gegeben hat. Er hat das nicht über mich abgewickelt, aber als sein Testamentsvollstrecker kann ich Nachforschungen für dich anstellen.“

„Aber das wird Tage dauern, wenn nicht Wochen. Ich muss es jetzt wissen. Ich kann nicht herumsitzen und darauf warten, dass der nächste Kredithai vorbeikommt und die Möbel abholt.“

„Nein, da stimme ich dir zu. Mach dir keine Sorgen. Ich lasse meine Mitarbeiter sofort anfangen. Fährst du in die Wohnung zurück?“

Allein der Gedanke daran erhöhte den unangenehmen Druck in Lanas Magengrube.

„Nein, das kann ich nicht. Die Presse belagert das Gebäude. Wenn ich heute zurückgehe, werden die anderen Bewohner überhaupt keine Ruhe haben.“

„Ich könnte Helen anrufen. Sie wird sich bestimmt wahnsinnig freuen, wenn du bei uns wohnst, bis sich die ganze Aufregung gelegt hat.“

„Nein, das geht nicht, aber vielen Dank. Die Presse ist bereits jetzt unerträglich. Wenn die herausfinden, dass gegen Kyle ermittelt wurde, wird es nur noch schlimmer werden. Mach dir keine Sorgen um mich. Ich gehe in ein Hotel.“

„Klingt vernünftig. Sag an der Rezeption Bescheid, dass deine Anrufe überwacht werden.“ Nachdenklich rieb Tom sich das Kinn. „Hast du genügend Geld?“

„Selbstverständlich.“

„Tja, wenn du dir sicher bist.“

„Bin ich, keine Sorge.“ Lana stand auf und verstaute den Laptop wieder in der Tasche. „Die Polizei wird ihn brauchen. Wirst du dich darum kümmern?“

„Natürlich, meine Liebe.“ Er nahm ihr den Laptop ab. „Und vergiss nicht, ruf mich an, falls du Hilfe brauchst. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, verstanden?“

„Das werde ich. Danke.“

„Bedanke dich, wenn das Ganze vorbei ist und du immer noch ein Dach über dem Kopf hast.“

„Glaubst du, dass es so schlimm kommen könnte?“

„Ich fürchte, das könnte es.“

„Also, tu, was du tun musst.“ Lana reckte sich und küsste Tom flüchtig auf die Wange. „Ich melde mich und sage dir Bescheid, in welchem Hotel ich wohne.“

„Bitte mach das, und, Lana …“

„Ja?“

„Geh Raffaele Rossellini aus dem Weg. So charmant er auch zu sein scheint, irgendetwas an ihm beunruhigt mich.“

„Hältst du ihn für gefährlich?“

„Nicht in körperlicher Hinsicht, aber ich habe den Verdacht, dass mehr an diesem jungen Mann dran ist, als er vorgibt. Ich werde einen Mitarbeiter Erkundigungen über ihn einholen lassen.“

Raffaele Rossellini aus dem Weg zu gehen wird kein Problem sein, dachte Lana, als sie sich mit ihrem Wagen in den fließenden Verkehr einordnete und zu einem First-Class-Hotel im Zentrum von Auckland fuhr. Sie hatte nicht vor, ihn jemals wiederzusehen.

Die Atmosphäre im Foyer des Hotels tat Lana gut. Es ging geschäftig zu wie immer, doch die elegante Einrichtung strahlte etwas Solides, Dauerhaftes aus, und das beruhigte und belebte Lana gleichermaßen. Selbst der Duft, der in der Luft lag, ein Gemisch aus Blumenduft und Spuren von teuren Damen- und Herrenparfüms, erinnerte sie an ihre Kindheit. An Geborgenheit.

Nachdem Lana sich an der Rezeption eingetragen hatte, reichte sie dem freundlich lächelnden Angestellten das Formular zusammen mit ihrer Kreditkarte.

„Ich weiß noch nicht, wie lange ich das Zimmer brauchen werde, aber ich nehme an, mindestens eine Woche.“ Bestimmt würde die Presse nach einer Woche hinter der nächsten Sensation her sein und einem anderen armen Opfer nachstellen.

„Kein Problem, Madam.“

Nervös trat Lana von einem Fuß auf den anderen. Sobald sie in ihrem Zimmer war, würde sie als Erstes ein heißes Bad nehmen, um sich ein wenig zu entspannen.

„Entschuldigung, Madam. Es scheint ein Problem mit Ihrer Karte zu geben. Haben Sie vielleicht noch eine andere?“

„Ja, natürlich.“ Lana griff in ihre Handtasche und bemühte sich dabei, ihren Anflug von Panik zu ignorieren. „Hier, versuchen Sie es mit dieser.“

Der Hotelmitarbeiter zog die Karte durch das Lesegerät. Dann runzelte er die Stirn. „Es tut mir leid, Madam. Aber diese hier wurde auch nicht akzeptiert.“

„Das verstehe ich nicht. Das ist doch unmöglich.“ Lana steckte ihre Platinkarte zurück in ihr Portemonnaie. „Kann ich Ihr Telefon benutzen, um meine Bank anzurufen?“

„Das wird nicht nötig sein“, mischte sich eine samtweiche Männerstimme ein. „Vielleicht kann ich helfen.“

Lana wirbelte herum. Ihr Herz flatterte wie das eines verängstigten Vogels im Käfig. „Sie?“ Raffaele Rossellini war nun wirklich der Letzte, den sie brauchen konnte.

„Warum nicht?“

„Ein Telefon, bitte.“ Lana wandte ihm den Rücken zu und bedachte den Hotelangestellten mit einem strengen Blick.

Nachdem er ihr die Telefone auf der anderen Seite des Foyers gezeigt hatte, bedankte sie sich kurz und eilte hinüber, entschlossen, so weit wie möglich Abstand zu Raffaele Rossellini zu gewinnen. Aber er ließ sich nicht so leicht abwimmeln.

„Mrs Whittaker. Einen Moment, bitte.“

„Ich bin sehr beschäftigt, Mr Rossellini. Kann das nicht warten?“

„Ich denke nur an Ihre Privatsphäre. Vielleicht würden Sie lieber das Telefon in meiner Suite benutzen?“

Cristo! Was dachte er sich dabei? Es konnte ihm doch egal sein, ob die ganze Welt ihren Schock mitbekam, wenn sie die Neuigkeit erfuhr, die aufzudecken ihn eine ganze Menge Geld gekostet hatte. Wenn sie herausbekam, dass sie mittellos war.

Er beobachtete, wie sie zögerte, wie sie langsam zu begreifen schien.

„Danke, ja. Das wäre vermutlich das Beste. Ich werde Ihre Zeit nicht allzu lange in Anspruch nehmen.“

„Bitte nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.“

Er machte eine Handbewegung in Richtung der Fahrstühle und folgte ihr dann durch die Hotelhalle. Dabei versuchte er zu ignorieren, wie betörend er erneut ihr Parfüm fand. Hatte sie es sich nur hinter die Ohren getupft oder auch auf andere Stellen ihres aufreizenden Körpers? Es wäre faszinierend, das herauszufinden. Selbst zu ergründen, ob sie wirklich so kühl war, wie es ihr Äußeres und ihre Haltung vermuten ließen.

Tatsächlich wäre es sogar in seinem Sinn – nicht nur in einer Hinsicht –, herauszufinden, wie er am besten diese unergründliche Fassade, die sie zur Schau trug, unterhöhlen konnte, zerstören konnte, was noch von ihrem privilegierten Leben übrig war.

Er würde überaus charmant sein, bis er ihre Abwehr durchbrochen hätte. Dann würde er blitzschnell zuschlagen, um sie für das Unglück büßen zu lassen, das ihr Egoismus über seine Familie gebracht hatte.

Erst als sich die Aufzugtüren schlossen, fiel Lana wieder die Warnung ihres Anwalts ein, Raffaele Rossellini aus dem Weg zu gehen. Es war ihr unmöglich, in der verspiegelten Kabine nicht den Blick über seine klassischen romanischen Züge gleiten zu lassen – die dunklen Augen, die schöne gerade Nase, die sinnlich volle Unterlippe. Sie zuckte leicht zusammen, als er hinter sie griff, um den Knopf für die Penthouse-Etage zu drücken, und übersah geflissentlich, dass er sie dabei kurz entschuldigend anlächelte.

Penthouse. Natürlich. Ein Mann mit einer solchen Aura von Reichtum und Macht würde nirgendwo anders wohnen. Sie hatte viele Männer wie ihn getroffen, international bekannt für ihr Geschick, Geld im großen Stil zu verdienen und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Ehe sie Kyle geheiratet hatte, hatte sie bei vielen diplomatischen Veranstaltungen ihres Vaters als Gastgeberin fungiert und zahllose Abende damit verbracht, ihre Langeweile vor Männern wie Raffaele Rossellini zu verbergen. Aber, meldete sich eine leise innere Stimme, er ist alles andere als langweilig.

Kurz darauf betrat sie seine Suite.

„Das Telefon steht auf dem Tischchen dort.“ Er zeigte es ihr. „Es sei denn, Sie ziehen die Privatsphäre des Schlafzimmers vor.“

War es Einbildung, oder hatte es in seinen Augen bei dieser letzten Bemerkung aufgeblitzt? Unversehens reagierte ihr Körper. Eine prickelnde Hitzewelle durchlief sie.

„Hier im Flur ist in Ordnung, danke.“ Lana gratulierte sich insgeheim, dass durch ihren genau dosierten frostigen Unterton augenblicklich der provozierende Ausdruck in seinem Blick verschwand.

„Wie Sie möchten. Scusi, aber ich muss mich für einen anderen Termin umziehen. Bitte nehmen Sie sich etwas zu trinken aus der Bar.“ Mit seinen langen schlanken Fingern löste er den Knoten seiner gemusterten Seidenkrawatte, und als er die beiden oberen Hemdknöpfe öffnete, kam ein Stückchen seiner gebräunten Brust zum Vorschein.

Lana schluckte. Plötzlich verspürte sie einen dicken Kloß im Hals. „Nein, danke. Ich brauche nur eine Minute und finde allein wieder hinaus, sobald ich fertig bin.“

Doch er hatte bereits die Schlafzimmertür hinter sich geschlossen. Verzweifelt versuchte sie das Bild von ihm zu verdrängen, wie er sich hinter dieser Tür auszog. Die Bank. Sie musste die Bank anrufen.

Es dauerte nicht lange, bis sie mit dem Kundenservice verbunden war. Als sie wieder auflegte, zitterten ihre Hände. Niemand konnte ihr mehr sagen, als dass sie momentan kein Geld zur Verfügung hatte. Ihre Konten waren alle wegen laufender Ermittlungen eingefroren. Kein Geld? Das konnte nicht wahr sein. Ihr eigenes Gehalt hätte doch am Vortag auf dem Konto eingehen müssen. Wie sollte sie ohne Geld überleben? Was hatte Kyle nur getan?

Sie stand auf, griff nach ihrer Tasche und hastete zur Tür. Es wäre sicher am besten, persönlich zur Bank zu gehen und mit dem Verantwortlichen zu reden. Bestimmt konnte der Manager die Sache klären. Plötzlich begann es in ihren Ohren zu rauschen, und sie nahm kaum noch wahr, wie die Schlafzimmertür aufging. Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen, und die luxuriöse Ausstattung der Suite begann unvermittelt zu verschwimmen.

Ein stützender Arm legte sich um ihre Taille. Sosehr Lana sich danach sehnte, sich bei jemandem anlehnen zu können, sie wusste instinktiv, dass sie sich befreien musste.

„Lassen Sie mich los. Ich bin in Ordnung.“ Verdammt, ihre Stimme klang ganz schwach. Sie wehrte sich immer noch gegen ihn, als ihre Beine wegsackten und die schwarzen Punkte zu einer undurchdringlichen Dunkelheit wurden. Undeutlich vernahm sie einen unterdrückten Fluch, ehe sie von starken Armen hochgehoben wurde.

Raffaele nahm das Fliegengewicht der ohnmächtigen Frau in seinen Armen kaum wahr, dafür umso mehr ihre verlockenden, leicht geöffneten Lippen und wie sich ihre Brust leicht hob und senkte, während sie nur flach atmete.

Statt zum Sofa im Wohnzimmer der Suite eilte er in sein Schlafzimmer und legte ihren reglosen Körper auf das mit einer Tagesdecke bedeckte Bett. Eine Strähne ihres honigblonden Haares hatte sich aus ihrer Frisur gelöst und fiel ihr auf die bleiche Wange. Am liebsten hätte er sie zurückgestrichen, stattdessen nahm er die Karaffe mit Mineralwasser vom Nachttisch und goss etwas davon in ein Glas.

Lana war nicht lange ohnmächtig. Ihre Lider mit dem blauen Lidschatten flackerten, und dann öffnete sie sie. Als sie erfasste, wo sie war, spiegelte sich Angst auf ihrem Gesicht wider.

„Hier, trinken Sie das.“ Raffaele half ihr auf und hielt ihr das Wasserglas an die Lippen.

„Ich schaffe das schon, danke.“ Sie entzog sich seinem Arm, mit dem er sie gestützt hatte.

Kein Wunder, dass sie Kyle vertrieben hatte. Ein Mann vertrug nur ein gewisses Maß an Eigenständigkeit, ehe er sich überflüssig fühlte. Da saß sie nun und versuchte zu bestimmen, obwohl sie vor einem Moment noch in seinen Armen gelegen hatte. Ganz seinem Willen ausgeliefert. Heftiges Begehren flackerte tief in seinem Inneren auf, als sie das Glas absetzte und mit der Zungenspitze über ihre weichen, vollen Lippen fuhr.

„Besser?“ Seine Stimme klang rau wie ein Reibeisen.

„Viel besser. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Danke.“ Der Stoff ihrer Hose umschmeichelte ihre Schenkel und Hüften, als sie die Beine über die Bettkante schwang, um sich ganz aufzusetzen.

Sie war immer noch sehr blass. Würde sie beim Sex gerötete Wangen haben oder so bleich und reglos wie eine Marmorstatue sein? fragte er sich insgeheim.

„Ich helfe Ihnen.“ Er ergriff ihre schlanke Hand, um sie beim Aufstehen zu stützen.

„Ich muss gehen.“

„Gehen? Wohin? In Ihr Apartment? Lassen Sie mich einen Wagen für Sie besorgen.“

„Nein!“ Ihre Panik war nicht zu überhören.

„Wohin wollen Sie dann?“

„Hören Sie, vielen Dank für Ihre Hilfe. Ab hier schaffe ich es allein. Wirklich.“

„Glauben Sie?“ Er drehte sie zu dem hohen Spiegel um, der gegenüber dem Bett an der Wand hing. „Sie sind bleich wie ein Gespenst, Sie zittern wie Espenlaub, und da behaupten Sie, dass Sie es allein schaffen? Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“

„Das spielt keine Rolle. Ich habe etwas Geschäftliches zu erledigen. Bitte lassen Sie mich vorbei.“

„Nein. Was für ein Gastgeber wäre ich denn, wenn ich Sie in dieser Verfassung gehen lassen würde? Kyle hätte bessere Manieren von mir erwartet. Ehe Sie gehen, müssen Sie etwas essen. Dann werde ich Ihnen einen Wagen besorgen.“ Zu seiner Überraschung reagierte sie auf den Namen ihres toten Mannes mit geröteten Wangen.

„Bitte erwähnen Sie nicht meinen Mann“, erwiderte sie und entzog sich ihm endgültig.

„Wenn ich verspreche, ihn nicht zu erwähnen, werden Sie dann bleiben und mit mir essen?“

„Sie versuchen, mit mir zu handeln, damit ich eine Mahlzeit mit Ihnen einnehme? Seien Sie nicht albern.“

„Nein, Signora, ich handle nicht mit Ihnen. Aber Sie müssen etwas essen. Warum also nicht mit mir?“

„Ich dachte, Sie hätten einen Termin.“

„Den kann ich leicht verschieben. Also wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“

Lana überlegte. Das Mittagessen an dem Tag, als Kyle zurückkommen wollte, war das Letzte, was sie gegessen hatte. An seinem ersten Abend zu Hause gingen sie zum Essen immer aus. Um seine Rückkehr zu feiern, wie er immer gesagt hatte. Das war vor drei Tagen. Außer den Unmengen Kaffee, die sie getrunken hatte, hatte sie sonst nichts zu sich genommen. Aber im Moment stand ihr der Sinn absolut nicht nach Essen. Viel wichtiger war ihre finanzielle Lage, und dieser Mann hier war einer ihrer Gläubiger. Einer ihrer Hauptgläubiger, wenn sie nach der Summe ging, die er am Vorabend genannt hatte. Nein, sie konnte jetzt nichts essen, schon gar nicht in seiner Gegenwart, selbst wenn sie es gewollt hätte.

„Danke für Ihr Angebot“, brachte sie mühsam heraus. „Ich brauche im Moment nichts.“

„Im Moment nichts? Oder von mir nichts?“

Lana spürte, wie sie vor Ärger errötete. War sie so leicht zu durchschauen? „Falls ich Sie gekränkt haben sollte, tut es mir leid.“

Er hob die Hand und strich mit einem Finger sanft über ihre Wange. „Mich gekränkt? Nein. Wie kommen Sie darauf?“

Lana erstarrte bei seiner Berührung und ballte die Hände zu Fäusten. Hatte sie seinen Vorschlag falsch verstanden? Erwartete er vielleicht, dass sie ihre Schulden in einer ganz anderen Währung beglich?

Verärgert wich sie einen Schritt zurück. „Also, das wär’s dann. Danke, dass ich Ihr Telefon benutzen durfte. Es tut mir leid …“

Abwehrend hob er die Hand. „Entschuldigen Sie sich nicht. Sie stehen unbestritten unter Stress.“ Er nahm ein schwarzes Lederetui mit Goldrand aus der Brusttasche seines Sakkos und reichte ihr seine Visitenkarte. „Hier, rufen Sie mich auf dem Handy an, falls Sie etwas brauchen. Egal, was es ist.“

„Wirklich, ich bin sicher, ich werde nicht …“

„Nehmen Sie sie. Man weiß nie, wann man vielleicht einen Freund braucht.“

Schweigend steckte Lana das Kärtchen in ihre Tasche. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie sich eher mit einem Schwarm Haie anfreunden würde als mit Raffaele Rossellini.

3. KAPITEL

Da ihre Konten gesperrt waren und sie nur noch wenig Bargeld bei sich hatte, sah sich Lana zum ersten Mal in ihrem Leben gezwungen, über die Höhe des Trinkgelds nachzudenken, als der Hotelmitarbeiter ihr den Wagen brachte.

Die Fahrt zu ihrer Bank verlief zum Glück ohne Zwischenfälle. Doch im Büro des Managers wurde sie ziemlich kühl empfangen.

„Mrs Whittaker, es tut mir sehr leid, dass Ihr Mann verstorben ist, aber was Ihre Konten betrifft, so sind mir vollkommen die Hände gebunden. Ihr Mann war mit mehreren Zahlungen in Verzug. Wir haben deshalb seit Monaten mit ihm korrespondiert, und uns wurde erklärt, er würde sich über Offshoregeschäfte refinanzieren.“

„Aber unsere festverzinslichen Wertpapiere …“ Angst stieg in Lana auf. Wo war all das Geld geblieben? Was hatte Kyle getan?

„Ich bedaure, Mrs Whittaker, es gibt keine Wertpapiere mehr. Sie und Ihr Mann haben sie vor einiger Zeit verkauft. Sie haben die Verkaufsaufträge unterschrieben.“ Er drehte den Monitor seines Computers herum, damit sie die eingescannten Dokumente lesen konnte. Ja, das war ihre Unterschrift, auch wenn sie sich nicht an den Vorgang erinnerte. Ihr wurde ganz elend. Wie oft hatte sie solche Finanzgeschäfte autorisiert, ohne darauf zu achten, was sie da unterschrieb, weil sie Kyle absolut vertraut hatte.

Himmel, war sie naiv gewesen. Dumm und leichtgläubig. Wie lange hatte er ihre gemeinsamen Konten geplündert, um das Liebesnest zu finanzieren, das er seiner Geliebten zur Verfügung gestellt hatte?

Mit so viel Würde, wie sie nur aufbringen konnte, erhob sich Lana und reichte dem Bankmanager die Hand. Selbst ihr letztes Gehalt lag auf Eis. Trotzdem schaffte sie es sogar zu lächeln.

„Ich wünschte, ich könnte etwas für Sie tun, Mrs Whittaker, aber Sie verstehen sicher, dass mir die Hände gebunden sind, da Ermittlungen gegen Mr Whittaker laufen.“

Lana nickte. „Ich verstehe. Bitte machen Sie sich keine Gedanken.“ Verstehen? Sie verstand überhaupt nichts. Ihre ganze Welt, alles, woran sie geglaubt hatte, war in sich zusammengebrochen.

Als sie dann auf dem Weg zum Parkplatz ihre Wagenschlüssel aus der Tasche nehmen wollte, erregte eine Bewegung am Kantstein ihre Aufmerksamkeit.

„Nein“, stöhnte sie beim Anblick, der sich ihr bot. „Lassen Sie das. Was machen Sie da mit meinem Wagen?“

Der stämmige Fahrer des Abschleppwagens ließ sich nicht beirren und fuhr fort, ihr silberfarbenes Cabrio auf die Ladefläche zu hieven. Lana eilte hinüber und vertrat sich dabei auch noch einen Fuß.

„Lassen Sie meinen Wagen sofort wieder herunter“, befahl sie.

„Tut mir leid, Madam. Ich habe meine Anweisungen von den Wagenbesitzern.“

„Sie machen wohl Witze. Ich bin die Wagenbesitzerin!“ Alles war heute irgendwie zu einem schlechten Witz geworden, nur dass ihr nicht zum Lachen zumute war.

„Hier.“ Der Fahrer hielt ihr ein Klemmbrett hin. Ihr verschwamm der Text vor den Augen – Eigentumsrückführung, ausstehende Zahlungen. Stumm sah Lana zu, wie der Fahrer die Haken befestigte, damit ihr Wagen sicher auf der Ladefläche stand, ehe er in die Fahrerkabine kletterte.

Sie wusste nicht, wie lange sie dastand, nachdem er weggefahren war. Erst ein leichter Nieselregen löste sie aus ihrer Erstarrung. Als der Regen zunahm, eilte sie den Gehsteig entlang, bis sie ein überdachtes Plätzchen fand, wo sie ihr Handy benutzen konnte. Als sie es eine Stunde später wieder einsteckte, hatte sie ihr persönliches Adressbuch durchtelefoniert. Diejenigen, die nicht einfach aufgelegt hatten, brauchten bloß dreißig Sekunden, um ihr die Meinung über Kyle zu sagen und über sie, Lana, gleich mit. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie wirklich allein.

Lana überlegte, ob sie ein R-Gespräch mit ihrem Vater in der Botschaft in Berlin führen sollte. Aber das würde ihm höchstens beweisen, dass sie ihn erneut enttäuscht hatte. Nein, sie musste das alles irgendwie durchstehen, ohne bei Daddy angekrochen zu kommen. Sein Missfallen würde groß genug sein, wenn die Neuigkeiten zu ihm durchdrangen. Sie konnte bereits seinen Kommentar hören: „Ich habe es dir ja gleich gesagt.“ Und Tom Munroe und seine Frau, die erst kürzlich von einer Bypass-Operation genesen war, konnte sie auch nicht behelligen. Irgendwie musste sie ganz allein mit der Sache fertig werden.

Lana blickte sich um. Es war schon recht spät am Nachmittag, und der Regen hatte zugenommen. Sehnsüchtig dachte sie an das Trinkgeld, das sie dem Hotelmitarbeiter für den Parkservice gegeben hatte. Sie hätte es jetzt gut gebrauchen können, obwohl sie würde lernen müssen, auf den Luxus eines Taxis zu verzichten. Ihr blieb keine andere Wahl, als zu Fuß in ihre Wohnung zurückzukehren. Zum Glück war es nicht allzu weit. In etwa einer Stunde sollte sie es schaffen.

Vor Erschöpfung spürte sie jeden Muskel, und ihr vertretener Fuß schmerzte, als sie endlich die Eingangstür ihres Apartmentgebäudes erreichte. Glücklicherweise lauerten ihr keine Pressevertreter auf. Im Foyer sah sie nur einen einzelnen Mann vom Sicherheitsdienst. Es war derselbe wie am Vorabend. Ihr Anblick schien ihn sehr zu überraschen.

Mit gestrafften Schultern trat sie ein. „Guten Abend, James. Ein fürchterliches Wetter, nicht wahr?“

„Mrs Whittaker, wir haben Sie nicht zurückerwartet.“

„Was meinen Sie damit?“

„Na ja, nachdem die Gerichtsvollzieher …“

„Welche Gerichtsvollzieher?“

Weil James nicht antwortete, wiederholte Lana ihre Frage.

„Es tut mir so leid, Mrs Whittaker.“

„Führen Sie mich in meine Wohnung hinauf.“

„Ich habe Anweisung, das nicht zu tun.“

„Anweisung? Was? Machen Sie sich nicht lächerlich. Ich gehe selbst nachsehen.“

Aber James hörte ihr gar nicht zu. Er blickte über Lanas Schulter zur Tür. Eine düstere Vorahnung beschlich sie, als sie sich umdrehte und sah, dass eine schwarze Limousine unter dem Säulenvordach des Portals hielt. Ohne durch die dunklen Scheiben schauen zu können, wusste sie sofort, wer im Wagen saß.

Eine der hinteren Türen ging auf, und mit einer geschmeidigen Bewegung stieg Raffaele Rossellini aus dem Wagen. Sein langer schwarzer Mantel umwehte seine schlanke Gestalt wie das Cape einen Ritter aus dem Mittelalter. Sie spürte es augenblicklich, als sein Blick auf sie fiel. Sie wagte kaum zu atmen. Was wollte er hier?

Er eilte zu ihr. „Was gibt es für ein Problem?“ Lana fiel auf, dass sein Akzent stärker ausgeprägt war als sonst.

Er hatte die dunklen Brauen zusammengezogen, das Kinn vorgereckt und die Lippen zusammengekniffen. Diese finstere Miene ließ James ins Wanken geraten.

„Mrs Whittaker möchte in ihre Wohnung hinaufgehen.“

„Und was ist der Grund, dass sie das nicht kann?“

„Ich habe Anweisung, sie das Gebäude nicht betreten zu lassen.“

„Von wem?“

„Dem Management, Sir.“

„Führen Sie Mrs Whittaker in ihre Wohnung hinauf. Ich verbürge mich persönlich für ihr Benehmen.“

Lana zuckte zusammen. „Das ist nicht nötig. Ich wollte bloß …“

„Gewiss, Sir.“

Lana schwirrte der Kopf. Welche Art von Autorität strahlte dieser Rossellini nur aus? Als James hinter seinem Tresen hervorkam und zum Fahrstuhl vorausging, dachte sie jedoch nicht weiter darüber nach. Die Fahrt hinauf in die zehnte Etage hatte noch nie so lange gedauert. So überwältigend die Erinnerungen am Vorabend gewesen waren, das Apartment war zumindest immer ein vertrauter Ort gewesen.

Gleich darauf stellte sie fest, dass ihr Schlüssel nicht passte. Sie wandte sich zu den beiden hinter ihr stehenden Männern um. „Warum kann ich nicht in meine Wohnung?“

„Es ist nicht mehr Ihre Wohnung, Ma’am. Heute Morgen waren die Gerichtsvollzieher hier. Sie haben alles mitgenommen, und der Gebäudemanager gab Anweisung, Sie nicht hineinzulassen.“

„Zeigen Sie mir die Wohnung.“

„Mrs Whittaker, ich kann nicht.“

„Zeigen Sie sie mir augenblicklich.“

Zu ihrem Ärger schaute James fragend Raffaele Rossellini an. Als dieser nickte, nahm er seinen Hauptschlüssel, und einen Moment später ging die Tür auf.

Lana presste die Lippen zusammen, um nicht aufzuschreien. Die geräumigen Zimmer waren komplett ausgeräumt. Sie hatte geglaubt, die Erinnerungen seien schon schlimm genug gewesen, doch dieser Anblick war noch viel schlimmer. Wie ein Geist bewegte sie sich durch die leeren Räume. Selbst die Küchenschränke waren leer. Das Meißner-Porzellangeschirr war weg, die Kristallgläser, ihre Möbel, alles. Im Schlafzimmer stand der Schrank offen, und die Fächer und Kleiderstangen waren gähnend leer. Die Erkenntnis, dass sie nur noch die Sachen besaß, die sie anhatte, traf sie wie ein Schlag. Nicht einmal ein Fetzen Papier lag noch auf dem Fußboden.

Von ihrem bisherigen Leben war nichts mehr übrig. Absolut nichts.

Irgendwie fand sie die Sprache wieder. „Danke, James. Ich glaube, ich habe genug gesehen.“

Der Wachmann konnte seine Erleichterung kaum verbergen. Zweifellos hatte er eine hysterische Reaktion erwartet. Nachdem sie zum letzten Mal die Wohnung verlassen hatte, die einmal ihr Zuhause gewesen war, schloss er wieder ab.

Im Foyer strebte Lana wie betäubt dem Ausgang zu. Wohin sie eigentlich wollte, wusste sie nicht. Sie wusste nur, dass sie unbedingt wegmusste.

„Mrs Whittaker.“ Raffaele Rossellini kam hinter ihr her. „Einen Augenblick.“

Lana blieb stehen, wandte sich jedoch nicht um.

„Wohin wollen Sie?“

„Das braucht Sie nicht zu interessieren.“ Dass dieser Mann miterlebte, wie ihr ganzes Leben in tausend Stücke zerbrach, war schlimm genug. Sie konnte ihm nicht auch noch sagen, dass sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte.

„Kyle war mein Freund. Ich bin es ihm schuldig, dass ich mich um Sie kümmere.“ Er nahm ihren Arm und führte sie zum Wagen hinaus. „Kommen Sie, heute Nacht bleiben Sie bei mir im Hotel. Morgen suchen wir noch einmal Ihren Anwalt auf und finden heraus, was los ist.“

Zu Raffaeles Überraschung widersprach sie nicht. Er schob sie in den Fond der Limousine und nahm ihr gegenüber Platz. Wenn er gedacht hatte, am Vorabend habe sie zerbrechlich ausgesehen, dann sah sie jetzt aus, als würde sie beim leisesten Windhauch weggeweht werden.

Er unterdrückte seinen Beschützerinstinkt, der sich Bahn brechen wollte. Schließlich war sie seine erklärte Feindin, weil sie das Glück seiner Schwester zerstört hatte. Er half ihr nur, damit er wusste, wo sie zu finden war. Je mehr sie in seiner Schuld stand, desto leichter würde es sein, wenn er letztendlich Rache an ihr nahm. Und doch hatte sie etwas so Verletzliches an sich, dass er es einfach nicht ignorieren konnte.

Als er im Hotel mit ihr in seine Suite hinauffuhr, sagte sie kein Wort. Während er dann den Zimmerservice anrief, sank sie auf das voluminöse Sofa und wirkte darauf fast so verloren wie ein Kind. Kein Vergleich zu der kühlen, selbstsicheren Frau, die ihn am Vorabend in ihrem Apartment begrüßt hatte.

Kyles Gläubiger hatten schnell reagiert, nachdem die Zeitungen die Nachricht von seinem Tod verbreitet hatten, und das war alles ihre Schuld. Wenn sein Freund nicht gezwungen gewesen wäre, zwei Wohnungen zu unterhalten und ein Doppelleben zu führen – mit zwei Frauen –, dann wäre Kyle heute nicht tot, und Marias Leben würde nicht am seidenen Faden hängen.

Raffaele ließ seinem Ärger, der wie ein Haufen glühender Kohlen in ihm glimmte, freien Lauf. Lana Whittaker würde dafür bezahlen.

Es klingelte an der Tür. Wenigstens der Zimmerservice kam prompt. Raffaele trat beiseite, als die beiden Hotelangestellten den Servierwagen hereinschoben und alles auf den Tisch stellten. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Lana den Kopf hob, als er den Zimmerkellnern ein großzügiges Trinkgeld gab. Geld. Sie konnte es vermutlich auf zwanzig Schritt Entfernung riechen.

„Kommen Sie, essen Sie etwas.“ Raffaele rückte ihr einen Stuhl zurecht.

„Danke, aber ich glaube nicht, dass ich einen Bissen hinunter bekomme.“ Sie sprach sehr leise.

„Es war ein schwerer Tag. Sie müssen etwas essen.“ Er gab eine Portion Fettuccine mit Meeresfrüchten auf ihren Teller. „Probieren Sie, es schmeckt fast so gut wie von meiner mamma.“

„Ihre Mutter hat für Sie gekocht?“

„Immer. Ihre nicht?“

„Nein. Wir hatten Personal.“

Personal. Das passte. Lebensmittel auf dem Markt einzukaufen und nach Hause zu schleppen war nichts für sie. Auch nicht, voller Mehl zu sein, wenn man Nudeln selbst machte, und das in einer lauten Küche, in der zwar das reinste Chaos herrschte, es jedoch appetitlich duftete. Seine Mutter hatte dafür gesorgt, dass ihre drei Kinder genauso tüchtig in der Küche waren wie sie selbst. Das war ihnen in den harten Jahren zugutegekommen, als die Geschäfte ihres Mannes immer schlechter gingen. Es war eine schwierige Zeit, die zum frühen Tod seines Vaters führte und ihn, Raffaele, dazu getrieben hatte, erfolgreich zu sein. Er war entschlossen gewesen, seine Mutter für die Entbehrungen, die sie hatte hinnehmen müssen, zu entschädigen. Und er hatte es geschafft – mit Ausnahme des letzten Versprechens, das er ihr gegeben hatte: auf Maria aufzupassen. Da hatte er gründlich versagt.

Die cremige Soße mit den Meeresfrüchten hatte plötzlich einen bitteren Beigeschmack, und er legte die Gabel beiseite und griff nach seinem Weinglas.

Lana aß wenig, doch in ihre Wangen war etwas Farbe zurückgekehrt. Ihre Haut schimmerte wie eine Perle mit einem Hauch von Rosa. Kein Zweifel, sie war eine wunderhübsche Zierde in Kyles Leben gewesen und eine perfekte Gastgeberin. Aber trotz ihres hübschen Aussehens war sie kalt und habgierig.

Nach einer Weile legte auch sie ihre Gabel beiseite.

„Danke. Ich fühle mich jetzt viel besser.“

Prego. Möchten Sie noch etwas anderes, vielleicht ein Dessert?“

„Nein. Nichts, danke. Mir geht es gut.“ Er sah zu, wie sie ihre Serviette elegant zum Mund führte, um ein Gähnen zu verbergen. Stets zeigte sie perfekte Manieren.

Was lässt sie wohl die Beherrschung verlieren? sinnierte er. Wann würde sie diese unerschütterliche Ruhe aufgeben, die hochmütige Haltung, die Maske der Perfektion, die ihre Züge verbarg? Raffaele umschloss den Stiel seines Glases fester, als der Wunsch in ihm übermächtig wurde, sie die Beherrschung verlieren zu lassen. Aber nicht jetzt. Noch nicht. Die Zeit dafür würde kommen. Dessen war er sich sicher.

„Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich zurückziehe? Ich bin ziemlich müde.“ Lanas Bitte riss ihn aus seinen Gedanken.

„Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Natürlich sind Sie müde. Kommen Sie. Ich zeige Ihnen Ihr Schlafzimmer.“

Er führte sie in ein kleines Zimmer, das gegenüber seinem Schlafzimmer lag und weniger üppig ausgestattet war.

„Alles, was Sie brauchen, finden Sie dort im Badezimmer.“ Lana schlug die gewiesene Richtung ein, zögerte dann jedoch. „Sagt Ihnen irgendetwas nicht zu?“

„Nein, das nicht.“ Sie zupfte an ihrer Kleidung herum. „Wäre es … wäre es möglich, meine Sachen über Nacht reinigen zu lassen? Ich habe nichts anderes zum Anziehen.“

„Aber natürlich. Entschuldigen Sie, Signora, wie unaufmerksam von mir, nicht daran zu denken. Ich werde mich sofort darum kümmern.“

„Danke.“

Als Raffaele sich zurückziehen und die Tür schließen wollte, hielt sie ihn fest.

„Mr Rossellini, danke. Das meine ich ernst.“

„Raffaele. Gern geschehen. Es ist eine Kleinigkeit für mich.“

Zu seiner Überraschung traten ihr Tränen in die Augen. Sie wandte sich ab, um die heftigen Gefühle, die sich auf ihrem Gesicht widerspiegelten, vor ihm zu verbergen. Er drehte sie erneut zu sich um.

Mi dispiace. Ich wollte Sie nicht zum Weinen bringen.“

Er merkte, wie sie um Haltung rang, die sie den größten Teil des Tages zur Schau getragen hatte. Aber sie konnte sich nicht länger zusammenreißen. Ihre Schultern bebten, als sie zu schluchzen anfing.

Er zog sie an sich, bot ihr Trost, auch wenn sein Instinkt ihm sagte, ihr den Rücken zu kehren und zu gehen. Bot ihr eine Stütze, auch wenn seine innere Stimme befahl, sie loszulassen und sie ihr Elend allein ertragen zu lassen.

Einen kurzen Augenblick hielt sie Distanz zu ihm, doch dann schmiegte sie sich aufseufzend an ihn. Ihr kleiner fester Busen wurde dabei an seine Brust gepresst, ihre Hüften berührten seine. Jeder Nerv in seinem Körper fing Feuer, und tief in seinem Innern verspürte er eine pulsierende Hitze. Er legte Lana die Hände auf den Rücken, entschlossen, sie von sich wegzuziehen. Doch als hätten sie einen eigenen Willen, bewegten sie sich ihre Wirbelsäule hinab, über ihre Taille, ihre Hüften, und drängten sie noch enger an ihn.

Mit einem Finger hob er ihr Kinn an, zwang sie so, ihn anzusehen. Ihr Blick war aufgewühlt, so wie ein Meer in einem heftigen Sturm. In den Tiefen schimmerten Tränen, die sich ihren Weg bahnen würden, wenn sie auch nur blinzelte.

Er zog sie wieder an sich, diesmal noch enger. Es war unmöglich, seine Erregung zu verbergen. Doch Lana wich nicht einen Millimeter zurück. Dann sollte es also sein. Zu diesem Spiel gehörten schließlich zwei. Er senkte den Kopf und eroberte ihren Mund, spürte, wie ihre weichen Lippen dem viel zu fordernden Druck seiner eigenen Lippen nachgaben. Sie sollte sich wehren – mich zurückweisen, schoss es ihm durch den Kopf. Doch dann erbebte er, als sie die Lippen öffnete und mit der Zungenspitze seine Unterlippe liebkoste.

Sie legte ihm die Hände um den Nacken. Sie stolperten zurück, bis sie an die Bettkante stießen. Ohne ihre Umarmung zu lösen, ließ er sich mit ihr aufs Bett fallen. Mit einer Hand zog er ihr die Bluse aus dem Hosenbund. Dann schob er sie unter den seidigen Stoff und immer höher bis zu ihren Brüsten. Er umrundete ihren BH und begann, ihre kühle, seidenweiche Haut zu streicheln. Seine Berührung ließ Lana heftig erschauern.

Raffaele wurde von Empörung und Ärger ergriffen. Sie war erst seit vier Tagen Witwe, und doch konnte er sie jetzt einfach nehmen? Abrupt zog er seine Hand zurück, weg von den Verlockungen ihres Körpers, und stand auf.

Er atmete tief durch, um sich zu fassen, und konnte doch den Blick nicht von ihr wenden, wie sie da auf der Tagesdecke lag – ihre Kleidung in Unordnung, ihre Lippen leicht geschwollen und feucht, die Verführung in Person.

Ihm fehlten die Worte. Er wusste, dass er eine bissige Bemerkung machen sollte – sie auf ihren Platz verweisen, oder, noch besser, sie wegschicken. Doch als sie sich zur Seite rollte und sich seinem Blick entzog, vermochte er es nicht.

„Entschuldigen Sie, Mrs Whittaker“, brachte er mühsam heraus. „Es war nicht meine Absicht, Ihren Schmerz auszunutzen. Wenn Sie Ihre Sachen in einen Wäschebeutel packen und vor die Tür stellen, werde ich veranlassen, dass sie in die Reinigung kommen.“

Sie nickte kaum merklich, sagte jedoch kein einziges Wort.

Später, als er unter der Dusche stand, versuchte Raffaele, die Erinnerung an Lana Whittaker in seinen Armen einfach abzuwaschen. Aber es war zwecklos. Er schmeckte sie noch immer, spürte ihre feuchte Zungenspitze auf den Lippen, ihre weiche Haut, und es wirkte auf ihn wie eine Droge.

Er zwang sich, an Maria zu denken. Für sie würde er es tun. Nur für sie.

Lana erhob sich vom Bett, sobald Raffaele ihr Zimmer verlassen hatte, und zog sich aus. Sie packte ihre Sachen in den Wäschebeutel und stellte ihn, nur in BH und Slip, vor ihre Zimmertür.

Dann machte sie sich zum Schlafengehen fertig. Sie wusch ihre Unterwäsche aus, putzte die Zähne und duschte. Die ganze Zeit über musste sie daran denken, wie bereitwillig sie Raffaele Rossellini in die Arme gesunken und wie schnell sie seinem maskulinen Charme erlegen war. In ein Badelaken gewickelt, und weil es nichts mehr zu tun gab, um sich abzulenken, setzte sie sich schließlich auf die Bettkante und stellte sich der Wahrheit.

Ihr Ehemann war knapp eine Woche tot, und sie hatte sich bereits einem anderen Mann in die Arme geworfen. Was war sie nur für eine Frau? Tiefe Frustration ergriff sie. Selbst wenn sie das alles verstehen wollte, nichts in ihrem Leben hatte sie darauf vorbereitet. Nicht die Privatschulen in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt, nicht das feine Schweizer Internat, nicht ihre Stellung als Gastgeberin ihres Vaters oder ihre Arbeit mit unterprivilegierten Kindern in der Stadt und mit Sicherheit nicht die Entdeckung, dass ihr Mann – den sie ein Leben lang zu lieben gelobt hatte – ein verlogener Schuft mit zwei Gesichtern war.

Wann war ihre Ehe gescheitert? Was hätte sie, Lana, anders machen können? Hätte es überhaupt etwas geändert?

Und was war mit ihrem Verhalten Raffaele Rossellini gegenüber? Um diese Zeit am gestrigen Abend war er die letzte Person gewesen, die sie je hätte wiedersehen wollen. Kyle hatte auch von ihm Geld geliehen, und zwar eine Riesensumme. Sich von ihm trösten zu lassen war eine Sache, sich ihm jedoch an den Hals zu werfen eine ganz andere. Und doch richteten sich selbst jetzt noch ihre Brustspitzen auf, wenn sie nur an seine Berührung dachte, und immer noch durchlief sie ein wohliger Schauer. Sein Kuss war fordernd gewesen, und sie hatte ihn hingebungsvoll erwidert.

Aber sie sollte keine Lust empfinden, sondern Schuldgefühle. Sie sollte sich nicht lebendig fühlen und nach weiteren Berührungen sehnen. Sie konnte ihn sogar noch riechen, sein nach Moschus duftendes Aftershave.

Sie begehrte ihn mit einer Heftigkeit, die sie zutiefst schockierte. War es nur eine verständliche Reaktion auf Kyles Untreue – darauf, dass sie ihm als Frau nicht mehr genügte, und das offenbar schon eine ganze Weile? Ihre Gedanken überschlugen sich geradezu.

Lana schlüpfte unter die Bettdecke und zog sie bis unters Kinn hoch. Blicklos starrte sie ins Dunkel. Was war aus ihrem Leben geworden? Und was kam als Nächstes?

Ein leises Klopfen an der Tür weckte Lana am nächsten Morgen auf – aus Träumen, in denen sie sich immer wieder in Raffaele Rossellinis Armen wiederfand. Sie setzte sich auf und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Das Handtuch, das sie am Vorabend um sich gewickelt hatte, war verrutscht, und sie zog es hoch, um sich zu bedecken, als auch schon ihre Tür aufging.

Raffaele stand im Türrahmen. Wieder trug er einen schwarzen Anzug. Er ließ seine kühlen grauen Augen über ihre zerzauste Frisur gleiten, ihre nackten Schultern und weiter abwärts zu ihrem Dekolleté, ein echter Hingucker, weil sie genau da das Handtuch festhielt. Ihr wurde heiß. Instinktiv fuhr sie sich mit der Zungenspitze über ihre plötzlich trockenen Lippen, ihr Blick vom begehrlichen Aufflackern in seinen Augen gefangen, als er ihre spontane Reaktion beobachtete.

Buon giorno, Mrs Whittaker. Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen?“ Seine Stimme hatte einen harten Unterton, fast so, als wäre er ärgerlich.

„Bitte nennen Sie mich nicht so. Ich möchte nicht … Ich bin nicht …“

Lana fand, dass es ganz falsch klang, von ihm „Mrs Whittaker“ genannt zu werden. Es klang überhaupt ganz falsch. Sie war Kyles Frau gewesen, aber das hatte ihm nichts bedeutet. Absolut nichts. Als sie in der Nacht schlaflos im Bett gelegen und über alles nachgedacht hatte, war ihr klar geworden, dass sie einfach eine weitere Errungenschaft für Kyle gewesen war. Etwas, womit er vor seinen Kollegen angeben konnte, wenn es darum ging, wie weit er es gebracht hatte. Er, der mit fünfzehn die Schule verlassen und von Gelegenheitsarbeiten gelebt hatte.

Raffaele runzelte die Stirn. „Sie möchten, dass ich Sie Lana nenne?“

Sie erschauerte, als er ihren Namen aussprach. Sein Akzent ließ die beiden einfachen Silben ganz anders klingen. „Bitte lassen Sie uns nicht so formell miteinander umgehen.“

„Wie Sie möchten. Ihre Kleidung ist noch nicht aus der Reinigung zurück. Ich habe mir erlaubt, einige Sachen in der Hotelboutique für Sie zu kaufen. Ich hoffe, sie passen. Ich habe mich auch mit Tom Munroes Kanzlei in Verbindung gesetzt. Sie erwarten uns um zehn Uhr dreißig.“

„Toms Kanzlei?“

„Sie müssen herausfinden, was als Nächstes passiert, oder nicht? Wo Sie finanziell stehen.“

„Natürlich. Danke. Sie haben mich überrascht, das ist alles. Ich stehe in einer Minute auf.“ Für einen Augenblick hatte sie ganz vergessen, dass sie diesem Mann Geld schuldete. Viel Geld. Natürlich wollte er wissen, wann sie es ihm zurückzahlen würde.

Raffaele stellte zwei große Einkaufstüten aus der Hotelboutique auf ihr Bett. „Sagen Sie Bescheid, wenn es nicht das Passende ist. Wir können alles umtauschen.“

„Danke. Ich werde Ihnen Bescheid sagen.“ Jedes Mal, wenn sie sich bedankte, wurde Lana daran erinnert, wie er am Vorabend ihren Dank akzeptiert hatte, wie sie auf seine Berührungen reagiert hatte und wie ihr Körper in seiner Gegenwart lebendig wurde. Es war, als versprühe Raffaele eine Droge, die sie berauschte und jeden Gedanken an ihre missliche Lage verscheuchte.

Er war gefährlich.

Ihr wurde klar, dass er bereits eine gewisse Macht über sie hatte. Sie sollte sich lieber auf jeden Schritt konzentrieren, den sie tun musste, um aus dem Schlamassel herauszukommen, den Kyle ihr hinterlassen hatte.

Nachdem Raffaele gegangen war, kippte Lana den Inhalt der beiden Einkaufstüten auf ihr Bett. Der Anblick verschlug ihr den Atem. Sie griff nach den Dessous, die aus dem Seidenpapier, in das sie eingewickelt waren, herausgerutscht waren. Der Slip war ein Hauch von Spitze in zartem Türkis und der dazu passende BH verführerischer als alles, was sie bisher an Dessous getragen hatte. In dem Seidenpapier hatte sich noch etwas verfangen, und sie nahm es heraus – ein Strumpfgürtel.

Sie überprüfte die Größen der einzelnen Wäscheteile. Perfekt. Ihr kam ein beunruhigender Gedanke. Hatte er das alles selbst ausgesucht, dabei mit seinen schlanken Fingern den sinnlich seidigen Stoff befühlt? Prickelnde Lust erfasste sie. Hatte er sie sich in der Spitzenwäsche vorgestellt, als er sie kaufte? Nein! Sie musste aufhören, in diese Richtung zu denken, sich zu quälen. Es war einfach aufmerksam von ihm gewesen, ihr Wäsche zum Wechseln zu besorgen. Das war alles. Jeder andere hätte das unter den gegebenen Umständen auch für sie getan, ganz bestimmt.

Aber es gibt niemand anderen, meldete sich ihre innere Stimme. Nicht einen einzigen Menschen, an den sie sich wenden konnte. Es gab nur Raffaele Rossellini, und wer wusste schon, wie lange sie sich noch auf seine Großzügigkeit verlassen konnte. Nein. Sie war nicht ganz bei Trost, wenn sie glaubte, dass mehr dahintersteckte. Sie musste sich zusammennehmen.

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