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Höhepunkte der Leidenschaft, Band 40

CINDY GERARD

HOCHZEITSNACHT IM WINTERWALD

Der metertiefe Schnee macht das Vorwärtskommen fast unmöglich, aber Barbara und ihr Bruder Mark müssen unbedingt Abel Greenes Blockhütte erreichen. Dort sind sie sicher – sicher vor der Jugendgang, die Mark in Chicago bedroht, und sicher vor den Wölfen, die sie heulend umkreisen. Abel Greene ist ihre Rettung! Dabei hat Barbara ihn nie zuvor gesehen. Sie folgt seiner Kontaktanzeige – ins Glück?

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Cindy Gerard

HOCHZEITSNACHT IM WINTERWALD

1. KAPITEL

„Vielleicht siehst du viel zu schwarz. Vielleicht hast du dich gar nicht verirrt. Ja, ja, und vielleicht geht die Sonne überhaupt nicht im Westen unter“, murmelte Barbara Kincaid mit klappernden Zähnen vor sich hin und fragte sich, womit sie das alles verdient hatte. Die Ironie des Ganzen war nicht mehr zu überbieten. Wie sonst hätte das Schicksal sie von einer lebensbedrohenden Situation mitten hinein in die nächste führen können?

„Du hast zu viel hinter dir, um dich von ein bisschen Kälte und Schnee kleinkriegen zu lassen, Kincaid“, beschwor sie sich in dem Bemühen, den eisigen Wind und den immer tiefer werdenden Schnee herunterzuspielen. Doch es war nicht zu übersehen, wie schwer ihr kleiner Bruder dagegen anzukämpfen hatte.

„Sieh es mal positiv.“ Sie klammerte sich sozusagen an ihren letzten Rest Optimismus. „Schließlich lernst du was dabei.“

In der letzten halben Stunde hatte sie zum Beispiel gelernt, dass sie eigentlich nie gewusst hatte, was Kälte war. Doch dieser Schneesturm hier in Minnesota und die frostigen Blicke ihres Bruders hatten sie eines Besseren belehrt. Wenn der kalte Wind und der Schnee, der an ihren Knöcheln und Jeans klebte, sie nicht demnächst erstarren ließen, dann würde Mark schon dafür sorgen, mit seinem vorwurfsvollen Schweigen, das nur ein schlecht gelaunter Fünfzehnjähriger so hartnäckig aufrechterhalten konnte. Lustlos stapfte er neben ihr durch Schneewehen von gut einem halben Meter.

„Muss das alles denn wirklich sein?“, murmelte sie mit Blick zum Himmel. Ihre verzweifelte Entscheidung, die sie hierher geführt hatte, lastete schwer auf ihr, ebenso die Lüge, die sie auftischen würde. Dagegen war ihre Nylon-Reisetasche, die ihre gesamte Habe enthielt, geradezu leicht. Mark, dessen dunkles Haar schneeverkrustet war, mühte sich mit seiner eigenen Reisetasche ab. Seinen heiß geliebten Radiorecorder, den er den ganzen Weg aus L. A. mitgeschleppt hatte, drückte er schützend an die Brust wie einen kostbaren Schatz.

Barbara zog die Kapuze ihrer dünnen roten Jacke zurecht. Doch sie bot nicht viel Schutz vor dem Schnee, der ihr ins Gesicht wehte.

„Kopf hoch, Kincaid“, befahl sie sich. „Du schaffst das. Auch wenn du frierst. Auch wenn du erschöpft bist. Aber du kannst jetzt nicht aufgeben. Es steht zu viel auf dem Spiel.“

Immerhin Marks und ihr Leben.

Es schien ihr eine halbe Ewigkeit her zu sein, seit sie mit Mark in den Bus gestiegen war. Die Reise hatte sechsunddreißig Stunden gedauert und sie vom sonnigen Süd-Kalifornien durch endlose Wüste, wildes Gebirge und die winterlichen Ebenen des Mittelwestens hierher geführt: nach Nord-Minnesota. Ihr kam es vor wie die Arktis.

Sie hatte damit gerechnet, dass ihr Ziel abgelegen sein würde. Allerdings nicht, dass sie in den Schneesturm des Jahrhunderts geraten und sich deswegen verirren würden.

„Manche Leute würden das als tolles Abenteuer ansehen“, versuchte sie Mark zähneklappernd Mut zu machen. Dabei fragte sie sich, ob ihre Lippen genauso blau waren wie die ihres Bruders.

Mark ging nicht darauf ein. Er behielt seine Meinung für sich. Zum Glück seit etwa einer Stunde – sonst hätte er noch den einzigen Menschen weit und breit vergrault, einen freundlichen Holzfäller, den sie an der kanadischen Grenze getroffen hatten und der ihnen angeboten hatte, sie in seinem Wagen mit Vierradantrieb die dreißig Meilen bis zu ihrem eigentlichen Ziel mitzunehmen.

„Sein Blockhaus liegt etwa eine halbe Meile diesen Weg hinunter“, hatte der Holzfäller erklärt, nachdem er sie am Waldrand abgesetzt hatte und sie ihm gesagt hatte, wohin sie wollten.

Blockhaus. Eine romantische Vorstellung, bis er hinzugefügt hatte: „Ich würde Sie ja hinfahren, aber der Mann ist ein klein wenig eigen, was das Betreten seines Grund und Bodens betrifft. So, und nun verliert keine Zeit. Dieser Sturm scheint sich zu einem wahren Prachtexemplar zu entwickeln.“

Na wunderbar, hatte Barbara gedacht. Wenn dieser Schneesturm sich erst noch entwickelte, dann wollte sie ihn, wenn er in vollem Gang war, bestimmt nicht erleben. Und die wiederholte Frage des Holzfällers, ob sie wirklich zu dieser Blockhütte wollten, hatte die Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung riesengroß werden lassen.

„Aussteigen kannst du nicht mehr“, murmelte sie, während sie ihre Reisetasche auf der Schulter höher schob. „Nicht, nachdem du nun schon so weit gekommen bist.“

Und wie weit war das genau? Sie versuchte, in dem Schneetreiben etwas zu erkennen. Es war eine gute halbe Stunde her, seit der Holzfäller davongefahren war. Sie waren noch immer zu keiner Lichtung gekommen – geschweige denn auf ein Anzeichen einer menschlichen Behausung gestoßen.

„Wie auch, wenn du kaum die Hand vor Augen sehen kannst“, sagte Barbara. „Bei dem Schneegestöber würdest du nicht mal das Empire State Building bemerken.“

Es gelang ihr immer weniger, den Ernst ihrer Lage herunterzuspielen. Und ihre Hoffnung schwand zunehmend. Spätestens seit ihre Zehen vor Kälte taub waren, kämpfte sie gegen ihre Panik an. Sie fürchtete schon, den Kampf verloren zu haben, als sie die Umrisse eines Daches zwischen verschneiten Tannen und winterkahlen Birken ausmachte.

Sie stolperte weiter.

„Danke“, flüsterte sie, den Tränen nah, als ein Blockhaus sichtbar wurde.

Es war keineswegs nur ein schlichtes Holzhaus, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt auch zufrieden gewesen wäre. Es war ein architektonisches Meisterwerk mit hohem, spitzem Dach, auf dem sich der Schnee türmte. Hinter den großen, vereisten Fenstern brannte gedämpftes Licht. Aus einem gewaltigen Schornstein stieg Rauch auf, der einen wunderbar warmen Empfang verhieß.

Barbara hätte wieder Hoffnung geschöpft – wenn sie in der nächsten Sekunde nicht den Wolf erspäht hätte.

„Gütiger Himmel!“, hauchte sie.

Das Tier war riesig. Und hungrig, wie sie instinktiv erfasste. Silbergraue Raubtieraugen starrten sie unverwandt an. Auf seinem schwarzgrauen Fell lag Schnee, doch die gebleckten Reißzähne waren nicht zu übersehen – und sein leises, warnendes Knurren war nicht zu überhören. Seine Schulterhöhe musste gut einen Meter betragen, und er wog bestimmt hundert Pfund. Barbara überkam die hysterische Vorstellung, dass sie in ihrer roten Jacke mit Kapuze wie Rotkäppchen aussehen musste …

Sie schob Mark hinter sich.

„Beweg dich nicht“, flüsterte sie ihm mit wild klopfendem Herzen zu. „Tu … tu gar nichts. Bleib ganz ruhig.“

Mark war wie erstarrt. „Was macht er?“

„Ich … weiß es nicht. Er beobachtet uns, nehme ich an. Vielleicht hat er genauso viel Angst vor uns wie wir vor ihm.“

Das verächtliche Schnauben ihres Bruders verriet, wie viel er von dieser Version hielt. Ihr Verstand gab ihm recht, und als der Wolf ein Stück näher schlich, verwarf sie ihre Anweisung, ruhig zu bleiben, augenblicklich.

„Lauf!“ Sie gab Mark einen kräftigen Stoß Richtung Blockhaus. Dann warf sie dem Wolf ihre Reisetasche entgegen. Er wich geschickt aus und kam noch etwas näher.

Erst jetzt bemerkte sie, dass Mark ihrer Aufforderung nicht gefolgt war, denn plötzlich stellte er sich schützend vor sie.

„Mark, nein!“

Er hörte nicht auf sie, sondern warf nun auch seine Reisetasche nach dem Wolf.

Leider verfehlte auch er sein Ziel. Das Raubtier duckte sich, so dass sein Bauch den Schnee berührte, und begann, sie beide einzukreisen.

Fast hätte Barbara verzweifelt aufgeschluchzt. Da hatte sie Mark mit aller Gewalt aus L. A. weggeschleppt, damit er nicht umgebracht wurde – und nun starben sie womöglich hier mitten im Wald. Eine schreckliche Vorstellung. Auf einmal hob Mark seinen heiß geliebten Radiorecorder über den Kopf und schleuderte ihn Richtung Wolf.

Das Radio streifte ihn an den Hinterläufen. Überrascht aufheulend suchte das Tier im nahen Wald Schutz.

„Los!“, rief sie Mark zu, ergriff seine Hand und hastete mit ihm zum Blockhaus hinüber.

Doch schon nach wenigen Schritten hielt sie abrupt inne. Mit einem Aufschrei bremste sie auch Mark – und schlug sich im nächsten Moment die Hand vor den Mund, um einen weiteren Aufschrei zu unterdrücken.

Eine riesenhafte Gestalt kam drohend auf sie zu.

Barbara war unfähig, sich zu bewegen. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen oder ihre Angst niederzukämpfen, weil Schock und Panik nur einen einzigen Schluss zuließen: es war aus mit ihrem Leben!

Unter einer dunklen Wollmütze, die tief in die Stirn gezogen war, funkelten schwarze Augen sie wild und offenbar wütend über ihr Eindringen an. Auf einer Schulter, die so breit wie die eines Footballspielers war, trug die mächtige, schneebedeckte Gestalt eine zweischneidige Axt. Und falls sie womöglich noch anzweifelte, dass er eine Gefahr für Leib und Leben darstellte, hatte er außerdem ein langes Messer in einer an einem breiten Ledergürtel befestigten Scheide bei sich.

Verglichen mit diesem schwer bewaffneten, wutschnaubenden, finster dreinblickenden Riesen erschien ihr der Wolf etwa so gefährlich wie ein Schoßhündchen.

Es dauerte eine Weile, bis Barbara begriff, dass sie einem Mann gegenüberstand, keinem Monster. Auch wenn das im Augenblick keinen Unterschied machte, so zornig und böse, wie er aussah. Während sie noch unschlüssig dastand, ergriff Mark nun die Initiative. Mit einem gellenden Aufschrei warf er sich gegen den hünenhaften Fremden.

Entsetzt rief sie Mark zurück.

Der Mann brummte nur überrascht, als Mark ihn rammte, und schubste ihn dann völlig unbeeindruckt in eine Schneewehe.

Wütend kam Mark hoch. Er war nun wirklich kein Kämpfertyp, doch in geradezu selbstmörderischer Absicht griff er den Mann erneut an. Diesmal packte er ihn an den Stiefeln.

Dieses Manöver brachte den Mann aus dem Gleichgewicht. Die Axt entglitt ihm, und gleich darauf landete er selbst mit einem dumpfen Plumps im Schnee, während Mark wie eine Klette an seinen Beinen hing.

Barbara überlegte nicht lange, ob ihr kürzlich absolvierter Selbstverteidigungskurs sein Geld wert war. Sie sah nur, dass ihr kleiner Bruder in Schwierigkeiten war. Sie sprang dem Fremden auf den Rücken, presste ihm einen Arm auf die Augen und umklammerte mit den Beinen seine Taille.

„Lassen Sie ihn los!“, zischte sie keuchend, ehe sie ihm an die Kehle ging.

Fluchend griff er über seinen Kopf hinweg, packte sie und beförderte sie von seinem Rücken herunter, als wäre sie das reinste Fliegengewicht.

Unsanft landete sie neben Mark im Schnee. Wieder zu Atem gekommen, blickte sie geradewegs in Augen, die so schwarz waren wie Onyx und so kalt wie Eis.

Neben ihr zappelte und strampelte Mark, spuckte Schnee und beschimpfte in einem fort den Mann, der über ihnen kniete.

„Verdammt, haltet doch endlich still!“, knurrte der, während er sie ohne die geringste Mühe niederhielt.

Barbara wischte sich den Schnee aus dem Gesicht. „Lassen Sie uns los!“, fuhr sie ihn an, als hätte sie überhaupt keine Angst.

Er tat nichts dergleichen. Nicht dass sie das erwartet hätte. Und so war ihre einzige Hoffnung, ihm zu entkommen, ihren Verstand zu gebrauchen.

„Es ist nicht sehr clever von Ihnen, uns festzuhalten“, erklärte sie so bestimmt wie möglich. „Lassen Sie uns sofort los, oder Sie bekommen ernste Schwierigkeiten, Mister.“

Unter seiner schwarzen Wollmütze zog er eine seiner dunklen Brauen hoch. „Ich bekomme Schwierigkeiten? Vielleicht haben Sie es noch nicht gemerkt: aber Sie liegen unten und ich bin obenauf.“

„Hören Sie“, sagte sie, wild entschlossen, sie schnellstens aus dieser misslichen Lage zu befreien. „Mein Mann …“ Sie suchte nach Worten, und ihr fiel die Bemerkung des Holzfällers ein, der sie mitgenommen hatte. „Er ist sehr eigen, was das Betreten unseres Grund und Bodens betrifft. Glauben Sie mir, es ist besser für Sie, wenn er Sie hier nicht erwischt. Und wenn uns beiden etwas zustößt, wird er Sie ausfindig machen“, ergänzte sie in der Hoffnung, dass ihre Lüge Wirkung zeigte.

Sie tat es. Wegen seiner in die Stirn gezogenen Wollmütze und der bis unters Kinn zugeknöpften Jacke konnte sie nicht viel von seinem Gesicht erkennen. Aber sie sah den Ausdruck seiner Augen – und der war niederschmetternd.

„Sie sagen, das hier sei Ihr Grund und Boden?“ Seine Stimme klang gefährlich sanft.

Sie hielt an ihrer Schwindelei fest. „Ja, meiner und der meines Mannes.“

„Ihrer und der Ihres … Mannes. Und wer sollte dieser Mann sein?“

Seine Skepsis war nicht zu überhören und auch nicht seine Ungeduld. Doch er lockerte ein wenig seinen Griff. Sie nahm das als gutes Zeichen. Nach einem warnenden Blick zu Mark hinüber, ruhig zu sein, schwindelte sie weiter: „Abel … Abel Greene.“

Er blinzelte und atmete tief durch. „Abel Greene hat keine Frau.“

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Das … das stimmt schon“, räumte sie ein, während sie sich sehr bewusst war, wie groß und kräftig die Hand war, die er mitten auf ihren Brustkorb gestützt hatte. „Aber das wird sich demnächst ändern. Wir … er … Abel und ich werden heiraten.“

Verschiedenste Gefühlsregungen – Überraschung, Ungläubigkeit und, wenn sie nicht irrte, Resignation – blitzten in seinen Augen auf, ehe er den Blick forschend und unangenehm gründlich auf ihr Gesicht heftete.

„Sie sind doch nicht etwa … verflixt. Sagen Sie bloß nicht, Sie sind Barbara Kincaid!“

Noch während er fragte und sie eisern schwieg, schüttelte er langsam den Kopf. Er schloss die Augen und fluchte leise. Nach einem schweren Atemzug setzte er sich auf die Fersen zurück und gab Barbara dadurch frei. Es dauerte einen Moment, bis sie das erfasste, und noch einen, bis ihr bewusst wurde, dass er wusste, wer sie war.

Als sie sich dann aufsetzte, überlegte sie fieberhaft, wieso er ihren Namen kannte. Es gab nur eine Erklärung. Sie wehrte sich mit aller Macht dagegen. Doch schließlich musste sie den Tatsachen ins Auge sehen.

Nur ein Mann in dieser frostigen Gegend konnte wissen, wer sie war – und das war nicht der Weihnachtsmann.

Sein eisiger Blick, seine unwirsch gerunzelte Stirn drückten unmissverständlich tiefes Missfallen aus. Das also war der Mann, den zu heiraten sie das halbe Land durchquert hatte. Der Mann, der per Inserat eine Braut gesucht hatte.

Als Barbara die ganze Komik der Situation erfasst hatte, war sie sich nicht schlüssig, ob sie vor Erleichterung in Gelächter oder vor Wut in Tränen ausbrechen sollte. Am liebsten hätte sie laut geschrien. Doch so erschöpft, wie sie war, starrte sie ihn nur stumm an.

Sie hatte sich ihren Bräutigam eventuell älter und mit Glatze vorgestellt. Stämmig und mit Vollbart. Auf alles war sie gefasst gewesen, nur nicht auf diesen abgrundtief finster blickenden Mann. Allerdings, da sie ihn angegriffen hatten war seine Reaktion eigentlich gerechtfertigt. Diese sachliche Erkenntnis nützte ihr jedoch wenig. Sie konnte nicht mehr. Sie hatte zu viel Angst ausgestanden, zu viele Sorgen gehabt, kurz, es war alles zu viel für sie.

Eine faire Chance. Mehr hatte sie nicht gewollt. Mehr hatte sie nicht gebraucht, um es bis hierher zu schaffen. Sie würde sie nicht bekommen – weder von den Mächten des Schicksals noch von ihm.

Sein Blick war hart. Und gefährlich wie der eines Tieres, das in der Falle sitzt. Nur ihre Vernunft hinderte sie daran, ihn zu bitten, das Ganze zu vergessen, und nach L. A. zurückzufahren. Sie konnten nicht zurück. Sie brauchte Abel Greene.

Er wusste es zwar noch nicht, aber er würde ihr Retter sein. Und sein Haus ihre Zuflucht. Eine einzige Erinnerung genügte, um die Richtigkeit ihrer Entscheidung, hierher zu kommen, zu bekräftigen: der Junge, der in seinem Blut auf der Straße vor ihrem Apartment gelegen hatte.

Dieses schreckliche Bild brachte Barbara zur Besinnung. Aber es gab da immer noch ein Problem. Mit ihrer Selbstbeherrschung war es nahezu vorbei. Die letzten sechsunddreißig Stunden hatten sie einfach zu viel Kraft gekostet.

„Wie ich sehe, bin ich nicht mit den Sitten und Gebräuchen hier oben im Norden vertraut“, fing sie an und hob die Stimme. „Aber falls es hier üblich ist, dass ein künftiger Bräutigam die Frau, die er heiraten will, misshandelt, dann möchte ich entschieden dagegen protestieren!“

Die letzten Worte hatte sie regelrecht geschrien, denn sie hatte endgültig die Beherrschung verloren. All ihre Ängste, all die Misserfolge der letzten Zeit entluden sich in blanker Wut.

Tief durchatmend versuchte sie, sich wieder zu fangen. Sie versuchte sogar zu lächeln – doch als sich seine Miene nur noch mehr verfinsterte, konnte sie sich nicht mehr bremsen.

Mit der ganzen Kraft ihrer einhundertundfünf Pfund holte Barbara aus und verpasste Abel Greene einen kräftigen Kinnhaken.

Er gab einen Laut höchster Überraschung von sich.

Unfähig, über ihre Reaktion schockiert zu sein oder wieder Angst zu haben, starrte sie Abel Greene einfach nur an und konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Und dann hörte sie, dass er erneut einen derben Fluch ausstieß, der auf keinen Fall als freudiger Willkommensgruß misszuverstehen war.

2. KAPITEL

Alles in allem nahm Barbara es als gutes Zeichen, dass Abel Greene nicht zurückschlug – und dass er sie und Mark nicht in der Kälte stehen ließ. Nachdem er ihre Reisetaschen eingesammelt hatte, ging er schweigend mit ihnen ins Blockhaus. Er zeigte ihnen, wo sie trockene Sachen anziehen konnten und ließ sie dann auf einem Sofa neben einem wärmenden Kaminfeuer Platz nehmen. Die ganze Zeit über sprach er kein Wort und mied auch jeden Blickkontakt.

Ihr sollte das recht sein. Sie brauchte Zeit, um sich zu beruhigen. Um zu begreifen, dass Mark und sie in Sicherheit waren. Und sie musste sich zusammennehmen, wenn das so bleiben sollte.

Abel Greene war nicht glücklich. Aus gutem Grund. Er hatte sie nicht erwartet. Und erst recht nicht Mark.

Sie und Mark wussten, dass er einen Brief geschrieben hatte, in dem er die ganze Sache abblies. Dieser Brief war einen Tag vor ihrer Abreise aus L. A. angekommen. Er hatte es sich überlegt, es tat ihm leid.

Barbara hatte sich den Luxus, es sich noch einmal zu überlegen, nicht leisten können. Und es tat ihr sogar sehr leid, dass sie ihre Beziehung zu Abel Greene mit einer Lüge beginnen würde. So etwas war nicht ihre Art. Aber um ihren Bruder zu retten, war sie sich für eine Täuschung nicht zu schade. Abel Greene würde nie erfahren, dass sie seinen Brief erhalten hatte. Solange er glaubte, sie habe ihn nicht bekommen, hatte sie eine Rechtfertigung für ihren Aufenthalt hier – und hoffentlich ein gutes Argument, um ihn davon abzuhalten, sie beide zurückzuschicken.

Barbara fröstelte. Sie konnten nicht zurück. Sie hatten kein Zuhause mehr.

Die Hände fest um ihre heiße Tasse Kaffee gelegt, kuschelte sie sich in ihrem schlichten grauen Jogginganzug in die Decke, die er ihr gegeben hatte. Dann beobachtete sie ihn schweigend, überrascht darüber, wie er ohne seine kriegerische Aufmachung aussah.

Er war nicht so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Aber auch nicht der unzivilisierte Koloss aus der Eiszeit, für den sie ihn auf den ersten Blick gehalten hatte. Während er mit seinem Schweigen und seiner Größe noch immer bedrohlich auf sie wirkte, war er doch der am aufregendsten aussehende Mann, der ihr je begegnet war.

Er trug verblichene Jeans und ein gelbbraunes Flanellhemd, die seinen beeindruckenden Körper in einer Weise umschmeichelten, die so sexy war, dass eine Frau ihn sich unwillkürlich ganz ohne diese Kleidungsstücke vorstellte, um von seinem herrlichen Körper selbst Besitz zu nehmen – falls sie den Mut dazu hatte.

Barbara konnte nur hoffen, diesen Mut zu haben – eines Tages.

Mit ihrer Größe von einssechzig war sie sich schon immer etwas zu klein vorgekommen, aber noch nie zwergenhaft. Bis jetzt, dachte sie, während sie zusah, wie er in weiche Wildleder-Mokassins schlüpfte. Sie schätzte, dass er mindestens einsneunzig groß war und, so stark und muskulös wie er war, bestimmt zweihundert Pfund wog. Ihre besondere Aufmerksamkeit wurde jedoch immer wieder, während er geschmeidig wie ein Panther im Blockhaus hin und her ging, auf sein Haar und die rassige Schönheit seines Gesichtes gelenkt.

Wie ein glatter, blauschwarzer Vorhang fiel es ihm bis auf den Rücken, nur gebändigt durch ein dunkelblaues Stirnband. Diese ungewöhnliche Haartracht unterstrich noch seine markanten, klaren Gesichtszüge, die hohen Wangenknochen und die edle, gerade Nase. Selbst wenn er sein Haar nicht lang getragen hätte, wäre offensichtlich, dass unter seinen Ahnen der eine oder andere Ureinwohner Amerikas war. Sie konnte ihn sich leicht nur mit einem Lendenschurz bekleidet vorstellen, wie er, mit einem Kriegsspeer in der Hand, auf einem gefleckten Pferd an einem kristallklaren Bergsee entlangritt.

Das über mehrere Ebenen laufende Blockhaus aus honiggelbem Holz mit der Empore und den offenen, ineinander übergehenden Räumen verriet Sinn für Schönheit. Von jedem Punkt des Hauses aus war der riesige gemauerte Kamin ein beeindruckender Blickfang. In jeder Nische, jedem Winkel waren Regale angebracht, auf denen alle nur erdenklichen Bücher standen. Auf den gewachsten Holzböden lagen gewebte Teppiche in leuchtenden Farben. Wunderschöne Drucke zeigten die Natur und Darstellungen des Lebens der Ureinwohner in längst vergangenen Zeiten, die aber nicht vergessen waren. Wenigstens nicht für diesen Mann.

Seine Gegenwart schien überall im Haus spürbar. Und während langsam die Dämmerung hereinbrach, schweifte Barbaras Blick immer wieder vom Kaminfeuer zu Abel Greene.

Der warme Bronzeton seiner Haut nahm dem markanten Gesicht die Strenge, ebenso sein weicher Mund. Dass er die Lippen im Moment fest aufeinander gepresst hatte, deutete eher auf Anspannung als auf Ärger hin. Wenn er wirklich wütend gewesen wäre, würden sie sich jetzt nicht an seinem Feuer wärmen. Dann hätte er sie weggeschickt.

Nachdem sich ihre Panik gelegt hatte und ihr unglückseliger Wutanfall verflogen war, gewann Barbara den Eindruck von einem Mann, der nicht nur sein Eigentum verteidigte, sondern auch sich selbst und seine Art zu leben.

Sie fröstelte, als er ihren Blick auffing und sie dabei ertappte, wie sie die lange, von seiner rechten Schläfe bis zu seinem Kiefer reichende Narbe betrachtete. Doch trotz ihrer Verlegenheit hielt sie seinem Blick stand.

Als er den überraschenden Blickkontakt schließlich löste, verspürte sie ein angenehmes Prickeln auf der Haut. Obwohl hier so vieles ungewiss war. Denn auch wenn sie auf sich aufpassen konnte, so war sie doch eine zierliche Frau und Mark, so verwegen er sich auch geben mochte, noch ein Junge. Sie waren allein mit einem Mann, der all seine Stärke gegen sie richten konnte. Er hatte es ansatzweise bereits getan. Allerdings hatte er sie nicht verletzt. Nicht einmal, als sie ihn provoziert hatte.

Sie hatte sich immer auf ihren Instinkt verlassen, und der sagte ihr jetzt, dass sie von diesem Mann nichts zu befürchten brauchten. Sie waren sicher bei ihm. Diesem Mann, der ihr Ehemann werden würde.

Mein Mann, dachte Barbara und fühlte ein seltsames Kribbeln im Magen.

Bestellte Bräute waren seit dem Goldrausch eigentlich aus der Mode. Dennoch war sie nun hier und drehte die Frauenbewegung damit sozusagen um hundert Jahre zurück. Nicht dass sie blindlings in dieses Abenteuer gestolpert wäre. Sie hatte durchaus Vorsicht walten lassen. Nachdem ihr klar geworden war, dass sie keine andere Wahl mehr hatte, als seine Annonce zu beantworten, hatte sie sich bei dem Bürgen erkundigt, der in der Annonce genannt war. Man hatte ihr begeistert versichert, dass Abel Greene im Grunde ein Heiliger sei. Irgendjemand hielt also große Stücke auf ihn. Das hatte ihr gereicht.

Sie hatte die Anzeige beantwortet. Die Vorstellung, dass zu einer Heirat Liebe gehörte, hatte sie ohnehin längst aufgegeben. Ebenso wie den Glauben, dass in Amerika jeder eine Chance hatte. Aber sie wollte unbedingt, dass Mark eine Chance hatte. Diese arrangierte Heirat sollte sie ihm geben.

Es hatte jedoch wenig mit einem Arrangement zu tun, dass sie sich im Moment so sehr bewusst war, dass Abel Greene ein Mann war und sie eine Frau. Mit diesem ausgesprochen … gefühlsmäßigen Eindruck hatte sie nicht gerechnet.

Während sie sich auf dem Sofa zurechtkuschelte, dachte sie daran, was der Bürge ihr alles erzählt hatte. Abel Greene wäre sein eigener Herr und würde in sicheren Verhältnissen leben. Mit seinem Optimismus hatte der Bürge nicht hinter dem Berg gehalten, mit Einzelheiten schon.

Die waren ihr mittlerweile bekannt – wenigstens, was Abel Greenes körperliche Erscheinung betraf.

Nie und nimmer hatte sie erwartet, einen derart atemberaubend attraktiven Mann anzutreffen. Und sie hatte keinen blassen Schimmer, wie sie mit so viel Sex-Appeal umgehen sollte – oder damit, selbst keinen zu haben.

Sie hielt sich für eine graue Maus. Ihr kurzes, widerspenstiges Haar war schlicht und einfach braun, weder kastanienbraun noch dunkelbraun. Und sie war so klein, dass ihr schlaksiger fünfzehnjähriger Bruder sie um gut einen Kopf überragte. Aber immerhin war sie so schlank, dass sie seine Jeans tragen konnte, wenn sie die Hosenbeine aufkrempelte.

Auch ihr Busen war nichts Besonderes, sie trug Cup B. Mit Ausnahme ihrer grünen Augen, die die Leute ungewöhnlich fanden, fand sie sich farblos und unscheinbar, verglichen mit der malerischen, interessanten Erscheinung Abel Greenes.

Aber sie ließ sich davon nicht entmutigen. Indem er die Anzeige geschaltet hatte, war er ein Risiko eingegangen, ebenso wie sie, als sie darauf geantwortet hatte. Auch wenn Mark eine eher böse Überraschung für ihn sein dürfte, würde sie zusehen, dass er die Abmachung einhielt. Ihr blieb keine andere Wahl.

Wie zu erwarten, war Mark nach wie vor schlecht gelaunt, während er in der anderen Sofaecke saß und an seinem Radiorecorder herumfummelte. Der Apparat war beschädigt worden, als er ihn nach dem Wolf geworfen hatte.

Der Wolf. Barbara umklammerte ihren Kaffeebecher fester und sah unbehaglich zum Kamin hinüber, vor dem sich der Wolf auf einem Flickenteppich zusammengerollt hatte.

„Sie leben also mit einem Wolf unter einem Dach“, stieß sie hervor, nicht fähig zu verbergen, wie befremdlich sie das fand.

Greene reichte ihr eine zweite Decke und legte dann noch Holz ins Feuer. „Nashata ist nur ein halber Wolf.“

„Nur ein halber Wolf, aha. Heißt das, dass er mir nur das halbe Bein abbeißen wird, sobald er keine Lust mehr hat, am Kamin zu liegen?“

Manche Frauen weinten, wenn sie nervös waren. Andere sagten kein Wort, sie dagegen wurde leider vorlaut. Das war eine Art Abwehrmechanismus. Auch jetzt konnte sie sich nicht bremsen. Sie war einfach zu müde. Ihre tauben Finger und Zehen brannten, während sie langsam wieder warm wurden. Und sie war hungrig, denn zuletzt hatte sie heute Morgen um halb acht etwas gegessen.

„Wie bitte?“ Offenbar hatte sie eine Bemerkung, die er gemacht hatte, überhört.

„Sie“, wiederholte er, und auf ihr verständnisloses Stirnrunzeln hin ergänzte er: „Nashata … sie ist ein Weibchen.“

„Aha. Das ist natürlich etwas anderes. Vielleicht kann ich ja von Frau zu Frau mit ihr reden, damit sie heute Abend ihr Hundefutter frisst statt Mark und mich.“

Greenes unglaublich breite Brust hob und senkte sich, als er müde durchatmete. „Sie brauchen keine Angst vor Nashata zu haben.“

„Ach nein?“, entfuhr es ihr, und sie bedauerte ihre Gereiztheit sofort. Sie zog die Decken fester um sich. „Meiner Erfahrung nach lassen verhaltenes Knurren und gefletschte Zähne eigentlich nicht auf ein nettes Hündchen schließen.“ Genau wie deine finsteren Blicke nicht gerade ein Happy End verheißen, dachte sie bedrückt. Sie hütete sich allerdings, das auszusprechen, weil durchaus die Möglichkeit bestand, dass er sie daraufhin aufforderte zu gehen. So beunruhigend die Vorstellung war, diesen mürrischen, gut aussehenden Mann tatsächlich zu heiraten, noch beängstigender war, dass er sie beide wegschickte.

Abel Greene blickte sie unverwandt an, doch sein Ärger schien inzwischen tiefer Nachdenklichkeit gewichen zu sein. „Sie hat nur ihr Zuhause verteidigt. Da sie nun weiß, dass ich Sie beide akzeptiert habe, hat sie das auch.“

Neugierig schaute Barbara zu der Wolfshündin hinüber, als die erstaunlich menschlich aufseufzte und sich dann auf dem Flickenteppich ausstreckte. Sie musste zugeben, dass die Wolfshündin, so faul und entspannt wie sie vor dem Kaminfeuer lag, wirklich harmlos aussah. Viel überwältigender als diese Erkenntnis war jedoch, dass Greene gesagt hatte, er habe sie akzeptiert. Genau das war es, was sie wollte.

Sie bedachte ihn mit einem versöhnlichen Lächeln. „Wenn ich ehrlich bin, scheint sie mir auch etwas zu wohlgenährt, um derart zähe Brocken wie Mark und mich verspeisen zu wollen.“ Sie hoffte gar nicht erst, dass er ihr Lächeln erwiderte. Das wäre natürlich zu viel verlangt gewesen.

„Sie wird in zwei Tagen werfen“, erklärte er knapp.

„Werfen? Sie meinen … sie bekommt Junge?“

Er nickte und kniete sich dann neben Nashata, um sie zu streicheln.

Kein Wunder, dass er so wütend auf Mark und sie gewesen war. Immerhin hatten sie Reisetaschen und einen Radiorecorder nach seiner trächtigen Hündin geworfen.

Besorgt spähte sie über seine Schulter. „Ist sie in Ordnung?“

„Ich hab seinen verdammten Hund nicht verletzt“, maulte Mark. Bisher hatte Mark sie alle beleidigt ignoriert. Jetzt warf er einen verdrießlichen Blick auf den Hund, ehe er seine Wut an Greene ausließ. „Dieser Köter ist schuld daran, dass mein Radio im Eimer ist.“

„Mark“, ermahnte Barbara ihn, obwohl sie wusste, dass er nur vorgab, den Hund nicht leiden zu können. Denn eigentlich war Mark sehr tierlieb.

„Lass diesen Ton!“, schrie er sie an. „Lass mich einfach in Ruhe!“ Er sprang auf und lief zum Fenster hinüber. Doch ihr cooler kleiner Bruder hatte sich nicht schnell genug abgewandt. Barbara sah, dass ihm Tränen in die Augen geschossen waren, und sie fühlte mit ihm, auch wenn er im Moment eine Szene machte.

„Ich hasse das alles hier!“, brauste er auf. „Warum hast du mich hierher geschleppt? Hier ist das absolute Ende der Welt! Du reißt mich von allem weg, was ich kenne, und bringst mich zu … zu wem?“ Er wirbelte herum und starrte Abel Greene böse an, dann auf Nashata. „Zu Mad Max und einem dicken Wolf!“ Mark stieß einen derben Fluch aus. „Das Radio war meine einzige Verbindung zur Zivilisation, und jetzt hab ich nicht mal mehr die!“

Er riss seine Jacke vom Garderobenständer neben der Tür, schlüpfte in seine Armeestiefel und lief in den Schneesturm hinaus.

Barbara war viel zu müde, um etwas zu unternehmen, und sah ihm einfach nur nach. Dabei fragte sie sich, ob sie je die tiefen Verletzungen würde heilen können, die ihr kleiner Bruder in seinem Leben bereits erlitten hatte. Und wie sie es anstellen sollte, Abel Greene davon zu überzeugen, dass sie und Mark als Doppelpack ein Angebot waren, das er sich einfach nicht entgehen lassen konnte.

Abel starrte noch immer auf die Tür, als der Junge schon eine Weile weg war. Widerstrebend sah er dann zu Barbara Kincaid auf dem Sofa hinüber. Der Ausbruch des Jungen hatte sie sichtlich verletzt.

Aber das war nicht sein Problem. Jedenfalls wollte er es auf keinen Fall zu seinem machen. Er wollte nicht bemerken, dass die Frau, die mutig genug gewesen war, um sich ihren Weg durch einen Schneesturm zu bahnen und ihn mit einem gezielten Kinnhaken matt zu setzen, nach dem Verschwinden des Jungen nun ganz geknickt dasaß.

Er rieb sich sein Kinn, das noch immer vom Hieb ihrer kleinen Faust schmerzte. Und er haderte noch immer mit sich, dass er sich, und die beiden, in diese Lage gebracht hatte.

Er verteufelte seinen Freund J. D. Hazzard mit seiner Schnapsidee. Und dann die Post, weil die seinen Brief, mit dem er alles hatte abblasen wollen, offenbar nicht rechtzeitig zugestellt hatte. Doch schließlich hatte er ganz allein Schuld. Auch wenn J. D. ihm die Sache eingeredet und der Whiskey, dem sie in jener Schicksalsnacht zugesprochen hatten, ein Übriges getan hatte, so war er es ganz alleine, der einer Schwäche nachgegeben hatte. Und nun musste er sich mit dem Resultat befassen.

Die beiden konnten natürlich nicht bleiben. Aber gehen konnten sie auch nicht. Jedenfalls nicht heute Nacht. Nicht bei diesem Schneesturm. Doch gleich morgen früh würde er es ihr sagen. Es tat ihm zwar leid, dass sie die weite Reise gemacht hatte, aber er konnte ja nichts dafür, dass sie seinen Brief nicht bekommen hatte. Wie auch immer, er würde sie die dreißig Meilen nach Bordertown fahren und in den ersten Bus zurück nach L. A. setzen.

Eine unbehagliche Stille hatte sich im Blockhaus ausgebreitet. Eigentlich hatte er Barbara Kincaid ignorieren wollen, doch da stand sie plötzlich auf, um dem Jungen nachzugehen.

„Er wird sich schon beruhigen“, sagte er, als sich ihre Blicke kreuzten. Ihre Augen waren so strahlend grün wie der Wald im Frühling, und doch lag ein Ausdruck in ihnen wie hundert kalte Winter.

„Er kann dort draußen erfrieren.“ Ihre Stimme klang besorgt und müde, genau wie es ihr Blick war. Sie war zu jung für einen so abgeklärten Augenausdruck. Und sie war zu erschöpft, um ihre Verletzlichkeit erfolgreich mit einem losen Mundwerk zu verbergen.

„Er wird lange zurück sein, ehe es dazu kommen könnte.“

„Er könnte sich verirren.“

„Auch dazu ist er viel zu clever. Er wird sich schon fangen“, wiederholte er mit einer Freundlichkeit, die ihn selbst erstaunte. „Bei der Kälte draußen wird es nicht lange dauern, bis er sich wieder einkriegt.“

Müde lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Auch die größte Kälte wird nicht reichen, um Marks ganze angestaute Wut abzukühlen.“

„Warum, zum Teufel, haben Sie ihn dann hierher gebracht?“ Die Frage war ihm entschlüpft, ehe er sich hätte bremsen können. Dabei wollte er doch gar nicht wissen, warum sie hergekommen waren. Er wollte nichts über Barbara Kincaid wissen – bis sie den Kopf hob und er erneut in diese grünen Augen blickte.

„Vielleicht aus den gleichen Gründen, weswegen Sie die Anzeige geschaltet haben.“

Ihre Menschenkenntnis war alarmierend. Er hatte vermutet, dass sie aus Verzweiflung hergekommen war. Jetzt gab sie ihm zu verstehen, dass sie wusste, dass er selbst aus Verzweiflung annonciert hatte. Es behagte ihm gar nicht, dass jemand ihn so leicht durchschaute. Und noch weniger behagte ihm, dass er ihre Motive verstand.

Sie lief vor irgendetwas davon, da war er sich sicher. Er wollte aber lieber nicht wissen, wovor. Das würde ihm helfen, Distanz zu wahren. Und Distanz war das einzig Vernünftige, was zwischen ihnen existieren konnte.

Als sie sich am Sofa festhielt, weil sie plötzlich schwankte, merkte er, dass er vor lauter Panik, sie nicht an sich heranzulassen, das Nächstliegende vergessen hatte.

„Setzen Sie sich hin“, befahl er barsch. „Sie brauchen dringend etwas zu essen.“ Und er brauchte mehr Abstand. Und Zeit, um zu überlegen, was er mit ihr machen sollte.

Missmutig runzelte er die Stirn. Eben noch hatte er genau gewusst, was er machen würde. Nämlich, sie nach L. A. zurückschicken. Aber das war, ehe er ihr tief in die Augen gesehen und einen Blick in ihre Seele erhascht hatte, die nur allzu sehr seiner eigenen ähnelte.

Abel beobachtete Barbara Kincaid von der Küche aus, während er einen kräftigen Eintopf aufwärmte. Statt über alles Mögliche zu jammern – angefangen von der Kälte bis hin zu seiner mürrischen Laune –, sagte sie kein Wort. Noch immer frierend, kuschelte sie sich zusammen und zog seine Decken fester um sich.

Erneute verwünschte er J. D. Hazzard. Seit seiner Hochzeit mit Maggie Adams hatte J. D. beständig versucht, auch ihm zu einer Frau zu verhelfen. Immer wenn J. D. aus Minneapolis anrief, wo er und Maggie zeitweise lebten, weil er dort ein Luftfrachtkontor betrieb und Maggie ein Fotostudio, lag er ihm in den Ohren, er solle sich endlich eine Frau suchen.

„Maggie zu heiraten, war die beste Idee meines Lebens“, versicherte J. D. ihm jedes Mal, wenn er mit Maggie an den See zurückkehrte, und die verliebten Blicke, die er ihr zuwarf, sprachen Bände.

Umgekehrt war die Ehe mit J. D. auch das Beste für Maggie. Denn als er, Abel, sie im letzten Frühjahr zufällig vor ihrer kleinen Hütte in der Nachbarbucht getroffen hatte, hatte sie ihn an ein verschrecktes Reh erinnert. Doch dann war J. D. mit seinem Wasserflugzeug buchstäblich vom Himmel gefallen und hatte Maggies Leben wieder ins Lot gebracht.

Maggie gehörte zu den wenigen Menschen am See, die Abel als Freund betrachtete. J. D. neuerdings auch, nachdem sie vergangenes Jahr gemeinsam gegen eine Bande von Wilddieben vorgegangen waren.

Aber Freundschaft hin oder her, wenn J. D. Hazzard im Moment hier gewesen wäre, hätte er ihm liebend gern eine verpasst, weil er ihn in so eine verrückte Situation gebracht hatte.

Er hatte einer Frau wenig zu geben, und einer Frau wie ihr gar nichts. Nichts Gutes jedenfalls. Keine Frau – nicht einmal eine, die dumm genug war, auf seine Annonce zu antworten – verdiente den Kummer, den eine Verbindung mit ihm mit sich bringen würde.

Barbara Kincaid mochte ja mutig sein. Doch trotz der Lebensweisheit, die aus ihrem Blick sprach, war er sicher, dass sie ziemlich unerfahren war. Er würde sie nicht – so verlockend das auch war – zu sich herunterziehen. Und er konnte das Problem nicht lösen, vor dem sie offenbar zu ihm geflüchtet war.

Er brachte ihr einen Teller Eintopf. Sie bedankte sich, aß jedoch nur zögernd, während sie immer wieder besorgt Richtung Tür blickte.

Der Junge musste ihr Bruder sein. Denn sie hatten nicht nur die gleichen ungewöhnlich grünen Augen und das gleiche zimtbraune Haar, auch ihre Gesichtszüge wiesen Ähnlichkeiten auf.

Ohne es eigentlich zu wollen, betrachtete er sie näher. Sie war nicht nur zierlich gebaut, auch ihre Gesichtszüge hatten etwas Zartes, Elfenhaftes. Insgesamt erinnerte sie ihn an einen kleinen Vogel.

Dass er ihre Augen und ihre von der Winterkälte rosigen Wangen immer faszinierender fand, irritierte Abel. Und trotz seiner Entschlossenheit, Barbara am nächsten Morgen wieder nach Hause zu schicken, konnte er nicht verhindern, dass er den Blick immer wieder wohlwollend über die weichen Kurven unter ihrem Jogginganzug gleiten ließ.

Er war sich ihrer Gegenwart immer stärker bewusst. Seit sie in seinem Blockhaus war, hatte sich dessen Atmosphäre seltsam verändert. Dunkle, leere Ecken erschienen auf einmal licht und geräumig. Harte Kanten wirkten irgendwie weicher. Du hast sie nicht alle, sagte er sich, wenn du solche Gedanken zulässt.

„Wenn er in zehn Minuten nicht zurück ist, werde ich ihn suchen“, erklärte er, um das Schweigen zu brechen und auch, um sich abzulenken.

Das schien sie zufrieden zu stellen.

Abel jedoch war alles andere als zufrieden.

Barbara Kincaid war eingeschlafen, als ihr Bruder kurz darauf zurückkam. Der Geruch von Pferden und Heu, der mit ihm durch die Hintertür ins Haus kam, sagte Abel, dass Mark den Stall gefunden hatte. Die sanfte Art der beiden schwarzen belgischen Stuten und die kalte Winternacht hatten den Jungen offenbar beruhigt. Er war genauso müde wie seine Schwester.

Abel weckte sie nicht. Schweigend gab er dem Jungen etwas zu essen, zeigte ihm das Bad und schickte ihn dann mit Schlafsack und Kissen auf die Empore hinauf.

Kaum war Mark oben in seinen Schlafsack gekrochen, da war er auch schon eingeschlafen.

Für Abel jedoch war an Schlaf noch lange nicht zu denken. Er saß gegenüber vom Sofa in einem Sessel, hatte das Kinn in die Hand gestützt und betrachtete Barbara Kincaid.

Sie bewegte sich im Schlaf. Und sein Verlangen erwachte, als ihr verführerischer Duft ihn daran erinnerte, was in seinem Leben fehlte.

Es war lange her, seit er mit einer Frau zusammen gewesen war. Aber die heiße Sehnsucht, die sich tief in ihm ausbreitete, war viel zu stark, als dass diese Erklärung ausgereicht hätte.

Früher hatte er viele, weitaus attraktivere Frauen gekannt. Barbara war auch ein weibliches Wesen, aber so klein, wie sie war, mit ihrem zerzausten braunen Haar, den lebhaften grünen Augen und ihrer knabenhaften Figur hatte sie doch eher etwas von einem hübschen bunten Vögelchen.

Nein, eine Sirene war sie nicht. Und trotzdem atemberaubend und herausfordernd. Und unerfahren, rief Abel sich ins Gedächtnis.

Es war Zeit für ihn, ins Bett zu gehen. Doch er blieb bis spät in die Nacht sitzen und betrachtete die schlafende Barbara.

3. KAPITEL

„Crimson Falls an Greene’s Point. Greene’s Point bitte kommen. He, Abel, hier ist Casey. Wie geht es denn unserem Hundemädchen? Ist sie schon Mama geworden? Over.“

Atmosphärisches Knistern und Rauschen und eine gedämpfte weibliche Stimme weckten Barbara auf.

Sie zog sich die Decke über den Kopf und wollte die Störung einfach ignorieren.

„Komm schon, Abel. Antworte. Mom sorgt sich, wie du den Schneesturm überstehst, ich sorge mich um Nashata. Over.“

Barbara blinzelte. Okay, ignorieren nützte also nichts, denn die Stimme, die einem jungen Mädchen zu gehören schien, meldete sich erneut, diesmal noch nachdrücklicher.

Sie setzte sich auf. Als sie sich mit den Fingern durchs Haar fuhr, verzog sie das Gesicht, weil ihre rechte Hand schmerzte. Schlaftrunken sah sie sich um, um zu ergründen, woher die Stimme kam.

Erst jetzt wurde ihr wieder bewusst, dass sie nicht mehr in Kalifornien war. Vielmehr hatte sie die Nacht auf einem Sofa im Blockhaus eines Mannes verbracht, den sie nicht kannte, jedoch heiraten wollte. Und der ein Kinn aus Granit hatte …

„Abel, bist du zu Hause? Over.“ Die hübsche weibliche Stimme, die da über den Äther kam, klang immer ungeduldiger.

Barbara ging in die Richtung, aus der die Stimme kam, und gelangte dabei zu einer Tür unter der zur Empore hinaufführenden Treppe. Die Tür war offen und gab den Blick auf einen kleinen Raum frei, der unverkennbar ein Büro war. Zwei Aktenschränke standen darin, und das Regal an der einen Wand quoll über von Büchern, Zeitschriften, losen Unterlagen und diversen Skizzen. Dort, wo durch zwei Fenster am meisten Licht hereinfiel, stand ein Zeichentisch. Und auf einem alten Kiefernholztisch in der Ecke gegenüber standen Computer, Telefon, Fax und ein Gerät, das wohl ein Funkgerät war.

Das alles war zwar sehr interessant, doch die größte Überraschung für Barbara war, dass Mark am Schreibtisch vor dem Funkgerät saß und die Wolfshündin ihm zu Füßen auf dem Boden lag.

„Abel, komm schon. Antworte bitte. Over.“

Barbara wollte sich das Funkgerät gerade näher ansehen, als Mark einen Schalter betätigte und unwirsch ins Mikrofon sagte: „Er ist nicht hier.“

Seine mürrische Antwort ließ Barbara innerlich aufstöhnen. Doch ehe sie hätte eingreifen können, meldete sich die Unbekannte erneut.

„Ist dort die Station von Abel Greene? Over.“

„Die von Mick Jagger jedenfalls nicht.“

Barbara schüttelte den Kopf, hielt sich aber zurück.

Es herrschte eine Weile Stille, ehe das junge Mädchen es noch einmal versuchte. „Wer sind Sie? Und wo ist Abel? Over.“

„Und wer bist du? Und woher soll ich wissen, wo er ist?“

„Du brauchst nicht gleich so grob zu werden“, gab das Mädchen patzig zurück. „Over.“

„Und du nicht so pampig. Immerhin hast du mich geweckt.“

„Oh, entschuldige. Over.“

Barbara musste schmunzeln. Was war das denn? Mark saß zwar mit dem Rücken zu ihr, als er jedoch den Kopf etwas zur Seite drehte, sah sie, dass er spöttisch grinste. Offenbar genoss er es, dass das Mädchen am anderen Ende nicht auf den Mund gefallen war.

„Also, wie war doch gleich dein Name, Süße?“

Barbara verdrehte die Augen.

„Das würdest du wohl gern wissen. Over.“

„Nicht unbedingt. Aber es wäre immer noch besser, als zuzusehen, wie dieser blöde Hund auf meine Füße sabbert.“

„Nashata? Ist Nashata bei dir? Over.“

„Ja“, antwortete Mark gedehnt, bemüht, angewidert zu klingen, schaffte es aber nicht ganz. „Der Köter ist hier.“

„Ist sie okay? Hat sie schon ihre Jungen bekommen? Over.“

Die Stimme des Mädchens war vor Besorgnis immer lauter geworden. Überraschenderweise ging Mark darauf ein.

„Es geht ihr gut“, erwiderte er. Da er nicht wusste, dass er beobachtet wurde, beugte er sich vor und tätschelte Nashata.

Diese unverkennbar liebevolle Geste rührte Barbara und gab ihr Hoffnung, dass noch nicht Hopfen und Malz verloren war, was ihren kleinen Bruder betraf.

„Und nein“, fuhr er fort, nun wieder ganz cool, „sie hat noch keine kleinen Köter gekriegt. Was geht dich das überhaupt an?“

„Du bist wirklich ein fieser Typ, weißt du das? Over.“

„Und du bist wirklich eine Langweilerin.“

Barbara seufzte auf. So viel zum freundlichen Umgang mit den Nachbarn. Doch auch wenn er es nie zugeben würde, genoss Mark dieses Geplänkel über Funk. Als das Mädchen nicht antwortete, schien er richtig enttäuscht.

„He, was ist los? Hab ich dich verschreckt, Kleine?“

„Mit wem spreche ich bitte?“

Das war unverkennbar die Stimme einer Frau. Blitzschnell verließ Barbara ihren Platz an der Tür und ergriff das Mikrofon, ehe Mark noch eine Fremde verprellte.

„Welcher Schalter?“, fragte sie Mark eilig. Der warf ihr einen überraschten Blick zu, ehe er achselzuckend das Mikro für sie einschaltete und dann hinausging, dicht gefolgt von der Wolfshündin.

„Guten Morgen“, meldete sich Barbara etwas zögernd. „Ich bin Barbara Kincaid, und der charmante junge Mann, der eben diese nette junge Dame gekränkt hat, ist mein kleiner Bruder. Tut mir leid, dass er so unhöflich war. Er ist seit ein paar Tagen etwas gestresst.“

„Oh, hallo, Barbara. Ich bin Scarlett Morgan, und die pampige kleine Primadonna, die er beleidigt hat, ist meine Tochter Casey. Machen Sie sich bloß keine Gedanken deswegen. Wir brauchen nicht stolz darauf zu sein, wie die jungen Leute manchmal miteinander umgehen. Wir brauchen es nur zu ertragen. Over.“

Barbara setzte sich auf den Stuhl, den Mark eben geräumt hatte. Sie entspannte sich ein wenig, denn sie mochte die Unbekannte auf Anhieb. „Da haben Sie recht.“

„Also, Barbara, ist Abel in der Nähe? Over.“

Sie spürte, dass er es war, noch ehe er sich über sie beugte.

Eine Flut von Empfindungen durchströmte sie, als sie über die Schulter hinweg zu ihm hochsah. Sie fand seine Größe noch genauso beeindruckend wie am Vorabend. Und sein Aussehen war schlichtweg fantastisch.

Sein Haar, das er im Nacken zusammengenommen hatte, hing ihm über die Schulter. Als er sich nun zum Funkgerät vorbeugte, streifte seine Brust ihren Rücken. Nur ganz kurz, und dennoch durchrieselte sie ein wohliger Schauer.

Abel roch nach frischer Winterluft und Zedernrauch, woraus sie schloss, dass er von draußen gekommen war und Holz nachgelegt hatte, ehe er sie in seinem Büro entdeckt hatte. Als er ihr das Mikrofon aus der Hand nahm und ihre Finger sich dabei berührten, war es, als würde der Blitz sie treffen. Und sie war sich der Wärme und Stärke seines Körpers dicht über ihr viel zu sehr bewusst. Sie sprang auf und wich ein paar Schritte zurück.

Fasziniert betrachtete sie sein Profil, während er, ohne sie zu beachten, mit der Frau plauderte.

„Morgen, Scarlett. Wie sieht es aus in Crimson Falls? Haltet ihr euch gut in diesem Schneesturm? Over.“

Noch eine Gefühlsregung durchzuckte Barbara. Eifersucht. Obwohl es überhaupt keinen Sinn machte, war sie doch tatsächlich eifersüchtig.

Die wenigen Worte, die er an diese unbekannte Frau gerichtet hatte, spiegelten zärtliche Fürsorge und liebevolle Aufmerksamkeit wider. Nachdem sie selbst kaum mehr als knappe, barsche Äußerungen von ihm gehört hatte, überraschte dieser sanfte Ton sie ziemlich. Und ihr wurde einmal mehr bewusst, wie unsicher ihre Lage eigentlich war.

„Uns geht es gut, Abel. Aber dieser Sturm ist ganz schön heftig, nicht wahr? Ich kann mich nicht erinnern, dass so früh im Winter je so viel Schnee fiel. Over.“

„Sieht nach einem langen Winter aus. Werdet ihr zurechtkommen? Over.“

„Ja. Wir haben reichlich Holz, und unsere Vorräte habe ich gerade ergänzt. Und auch wenn das Telefon gestört ist, solange das Funkgerät funktioniert, werden wir schon keinen Rappel bekommen. Over.“

„Meldet euch, wenn ihr etwas braucht. Over.“

Es war nicht zu überhören, dass diese Frau und ihre Tochter ihm etwas bedeuteten. Und offenbar gab es keinen anderen Mann in deren Leben, der sich um sie kümmerte. Dann kamen sie auf Nashata zu sprechen, und Abel ließ Casey ausrichten, dass sie sich nach wie vor als Erste einen Welpen aus Nashatas Wurf aussuchen dürfe.

„Und wie geht’s dir, Abel? Ist Barbara der … Gast, den du erwartest hast, wie J. D. mir erzählt hat?“

Barbara, die der Unterhaltung schweigend zuhörte, kam zu dem Schluss, dass Scarlett Morgan nur J. D. Hazzard meinen konnte, der mit seiner Frau Maggie als Bürge in Abels Anzeige angegeben gewesen war. Scarlett war anscheinend auch mit J. D. befreundet und wusste demnach über die Heiratsanzeige Bescheid.

Mit angehaltenem Atem wartete Barbara auf Abels Antwort.

„J. D. Hazzard hat eine große Klappe“, brummte er.

„Und ein großes Herz“, erwiderte Scarlett lachend. „Ich schwöre dir, dieser Mann gibt nicht eher Ruhe, bis wir beide verheiratet sind und …“

„Miss Kincaid und ihr Bruder wurden von diesem Schneesturm überrascht“, unterbrach er sie. „Mutter Natur schert sich nämlich nicht darum, wen sie wo stranden lässt. Over.“

Barbaras Mut sank, und ihre Hoffnungen schwanden. Er ließ Scarlett absichtlich glauben, sie und Mark seien nur Opfer des Schneesturms und sonst nichts. Und sie fragte sich mit noch größerem Unbehagen, was er wohl mit ihnen vorhatte.

„Na ja, wie auch immer. Ich dachte, sie wäre vielleicht … na, du weißt schon.“

„Kann ich noch irgendetwas für dich tun, Scarlett? Over.“

Scarlett verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. „Nein. Wie gesagt, wir kommen klar. Aber vielleicht können wir etwas für dich tun. Du bist ja nicht gerade auf unerwarteten Besuch eingerichtet. Möchtest du Miss Kincaid und ihren Bruder nicht ins Hotel herüberbringen? Wir können sie ohne weiteres in Crimson Falls einquartieren, bis der Sturm vorbei ist. Over.“

Da ist sie, dachte Barbara. Seine Chance, uns loszuwerden.

„Keine gute Idee“, erwiderte er zu ihrer Überraschung schnell. „Bei diesem Schneetreiben bleiben wir besser alle, wo wir sind. Das gilt auch für dich. Geh nicht hinaus, wenn du nicht unbedingt musst. Und Casey soll nicht mal daran denken, das Schneemobil anzuwerfen, ehe es aufhört zu schneien. Sie würde sich so schnell verirren, dass sie erfroren wäre, ehe jemand sie gefunden hätte. Over.“

Aus dem Äther drang leises Lachen. „Du klingst genau wie J. D. Er hat uns auch schon gewarnt. Weißt du übrigens, dass er und Maggie in ihrem Blockhaus sind? Kurz bevor der Schneesturm losging, sind sie zu einem langen Wochenende hergekommen. Also, keine Sorge, Casey und ich können gut auf uns selbst aufpassen. Over.“

„Das will ich hoffen. Over.“

„Barbara“, wandte Scarlett sich nun an sie, „wenn Sie schon in einen Schneesturm geraten mussten, dann hätten Sie sich keinen besseren Retter aussuchen können als Abel. Er wird sich bestens um Sie kümmern. Over.“

Mit einem langen Blick reichte Abel ihr das Mikro, sorgfältig darauf bedacht, diesmal nicht ihre Hand zu berühren.

„Danke, Scarlett“, erwiderte sie. „Ich will versuchen, das im Gedächtnis zu behalten.“

„Und lassen Sie sich nicht davon einschüchtern, dass er sich wie der böse Wolf aufführt. Er meint es nicht so. Over.“

„Nochmals danke. Ich werde daran denken, wenn er das nächste Mal die Zähne fletscht.“

Scarlett lachte erneut. „Braves Mädchen. Irgendwie hab ich den Eindruck, Sie kommen schon mit ihm zurecht. Woher sind Sie übrigens? Over.“

„Aus Kalifornien“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Der Blick, den Abel ihr daraufhin zuwarf, ließ sie wünschen, sie hätte das lieber nicht gesagt.

„Kalifornien?“ Es war Scarlett anzuhören, dass sie neugierig geworden war. „Abel … hat J. D. nicht gesagt …“

Ehe sie hätte weitersprechen können, griff er wieder nach dem Mikrofon. „Zeit, Schluss zu machen. Ich will die Frequenz nicht blockieren, falls jemand Hilfe benötigt. Sag mir Bescheid, wenn du irgendetwas brauchst. Over and out.“

Mit einem Handgriff beendete er die Verbindung und trat vom Schreibtisch zurück. Barbara hätte schwörend können, dass Scarlett von Abels plötzlicher Eile total überrascht war.

„Wieso habe ich das Gefühl, ein Geheimnis zu sein, über das niemand reden will?“, murmelte sie mit einem letzten Blick auf das Funkgerät. Und warum wollten nicht nur J. D. und Maggie Hazzard, sondern anscheinend auch Scarlett Morgan, dass Abel Greene in den Hafen der Ehe einlief?

Falls er von der Abmachung zurücktreten wollte, konnten sich die Hazzards und Scarlett Morgan womöglich als hilfreiche Verbündete erweisen.

Sie drehte sich um, weil sie das Büro verlassen wollte – und stieß prompt mit Abel Greene zusammen. Sofort streckte er die Hände aus, um sie zu stützen, aber da hatte sie schon das Gleichgewicht verloren und lag an seiner breiten Brust. Ihre Eindrücke überstürzten sich. Das Gefühl seiner großen Hände auf ihren Oberarmen. Seine Körperwärme. Sein würziger Duft nach Wald und frischer Luft. Seine Stärke, gepaart mit natürlicher Sanftheit. Das wilde Klopfen seines Herzens an ihrem Busen.

Barbara atmete tief durch. Als sie sich etwas gefasst hatte, sah sie zu ihm hoch.

Er hielt die Augen geschlossen, die Lippen fest aufeinander gepresst. Und es dauerte einen Moment, ehe er ihre Arme freigab.

„Wir müssen uns unterhalten.“ Seine Stimme klang rau, und er vermied es, sie anzusehen.

Sie nickte langsam. „Sie haben recht. Das müssen wir. Aber könnte ich vorher vielleicht duschen? Ich fühle mich ganz verspannt, und eine heiße Dusche könnte da Abhilfe schaffen.“

Als ihre Blicke sich trafen, hätte sie schwören können, dass er sie sich unter der Dusche vorstellte und versucht war, sich zu ihr zu gesellen.

Eine Sekunde später blickte er wieder finster drein. „Okay, dann duschen Sie. Handtücher sind im Schränkchen neben dem Waschbecken.“ Damit verließ er eilig das Büro.

Abel hatte schon häufiger in seinem Leben in der Klemme gesteckt, sowohl vor als auch nach seinem Ausscheiden beim Militär vor zehn Jahren. Statt im Golfkrieg war er im Drogenkrieg im Einsatz gewesen, zunächst bei der Polizei, dann bei der CIA. Später hatte er als unabhängiger Drogenfahnder für jedes Land gearbeitet, das seine Dienste in Anspruch nehmen wollte. Damit hatte er zwar noch immer Kopf und Kragen riskiert, doch war er dabei sein eigener Herr gewesen.

Aber bei all seinen schlimmen Erfahrungen hatte er sich nie derart hilflos gefühlt wie vor zwei Minuten, als er einer kleinen Frau mit grünen Augen gegenüberstand.

Während er nun im Feuer herumstocherte, dachte er, dass ein Krieg, egal, ob auf einem Schlachtfeld ausgetragen oder in den Slums, nie persönlich war. Krieg war knallharte Arbeit. Jemand versuchte, einen zu töten. Man versuchte, das zu verhindern. Dagegen waren die Gefühle, die er eben empfunden hatte, so persönlich, wie es persönlicher gar nicht ging.

Letzte Nacht war er in einen schlimmen Konflikt geraten. Nachdem sich der Junge auf der Empore schlafen gelegt hatte, hatte er am Kamin gesessen und auf das Heulen des Schneesturms gelauscht. Es hatte ihn kaum überrascht, dass Nashata die Treppe hinaufgegangen war und sich leise neben Marks Schlafsack gelegt hatte.

Auch Nashata hatte also gespürt, dass der Junge Zuwendung brauchte, und war ihrem Instinkt gefolgt.

Erst war der Junge erschreckt ausgewichen, doch dann, schlaftrunken, wie er war, hatte er sich bereitwillig an die Hündin gekuschelt. Er verstand den Jungen – und das machte ihm zu schaffen. Ohne den Grund für dessen Wut zu kennen, spürte er, dass sie riesengroß war. Als er so alt wie Mark gewesen war, hatte er diese Wut auch gehabt. Selbst jetzt hatte er sie nicht ganz abgeschüttelt. Daher konnte er sich, sehr zu seinem Verdruss, so gut in den Jungen hineinversetzen.

Und was war mit der Frau?

Die Frau. Als er endlich zu Bett gegangen war, hatte er sich einzureden versucht, dass es ihm nicht gefiel, dass seine Privatsphäre gestört wurde. Dass es eher ein Fluch als ein Segen war, dass in seinem Haus noch jemand war außer ihm selbst und Wärme und Geborgenheit fand.

Das Problem war, dass ihre Anwesenheit in seinem Heim ihm überdeutlich machte, dass ihm etwas fehlte – dass es Einsamkeit gewesen war, warum er in jener Nacht schwach geworden war und J. D. die Annonce hatte aufgeben lassen.

Abel hängte den Feuerhaken an den Ständer, während seine Gedanken gegen seinen Willen weiter um Barbara Kincaid kreisten. Um ihre zierliche Gestalt und ihre niedlichen Kurven. Und um den rätselhaften Grund, der sie zu ihm geführt hatte. Und wieder ertappte er sich bei der Überlegung, ob er es fertig bringen würde, sie wegen ihres schwierigen Bruders und der Gefahr, die seinem Geschäft drohte, nach L. A. zurückzuschicken.

In seiner Vergangenheit gab es viele Ereignisse, die er bedauerte, und seine Zukunft würde noch mehr davon bringen. Er war jetzt fünfunddreißig und sein Leben lang allein gewesen oder hatte sich allein gefühlt. Er war ein Außenseiter und würde immer einer bleiben. Diese Tatsache hatte er bereits akzeptiert, als er als wütender, aufsässiger Achtzehnjähriger dem See den Rücken gekehrt hatte. Erst nachdem er keine andere Wahl mehr gehabt hatte, war er zurückgekehrt. Und erst als seine Einsamkeit übermächtig geworden war, hatte er sich dazu überreden lassen, diese verdammte Anzeige aufzugeben.

„Und was ist mir dir, Grünauge?“, murmelte er, während er ins Feuer starrte. „Bist du deswegen hier? Weil du auch keine andere Wahl mehr hattest?“

Er rief sich in Erinnerung, dass er es sich nicht leisten konnte, sich um das Unglück anderer zu kümmern. Und sein eigenes konnte er damit schon gar nicht lindern. Egal, wie verführerisch diese Frau war.

Nein, er musste sie zu ihrem eigenen Besten wegschicken. Wenn sich sein Verdacht bestätigte und sein jüngstes geschäftliches Missgeschick – ein Brand in seinem Hauptlager letzte Woche – kein Unfall gewesen war, bedeutete das, dass es Sabotage war. Und er durfte sie oder ihren Bruder nicht einer möglichen Gefahr aussetzen.

Wenn jemand wollte, dass er von hier verschwand – und er hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wer dieser Jemand war –, dann würde dieser Jemand sich noch wundern. Er, Abel Greene, hatte sich wieder am See niedergelassen. Er würde nirgendwohin gehen. Und wenn er ein Problem hatte, würde er damit umgehen, wie er mit jedem Problem in seinem Leben umgegangen war. Allein.

Als er heute Morgen aus dem Pferdestall ins Haus gekommen war, hatte er das alles nüchtern und sachlich gesehen – und dann war er in seinem Büro mit Barbara Kincaid zusammengestoßen. Sie hatte noch ganz verschlafen ausgesehen und so weich und sinnlich. Worüber er vergangene Nacht noch spekuliert hatte – wie sie sich wohl anfühlte, wie sie wohl duftete –, hatte er dann unvermutet hautnah erlebt.

Er zitterte noch immer, weil er sie in den Armen gehalten hatte. Tief in seinem Innern hatte heißes Verlangen zu lodern begonnen, und es loderte noch stärker, wenn er daran dachte, wie ihre Schenkel sacht seine Beine gestreift hatten und ihre Brüste seine Brust.

„Geschieht dir ganz recht, Greene“, brummte er, als er in die Küche ging. „Erst verkriechst du dich fünf Jahre lang hier draußen wie ein Einsiedler und dann wunderst du dich, wenn weibliche Brüste dich aus dem Häuschen geraten lassen.“

Er machte sich daran, frischen Kaffee zu kochen. Dann, um sich wieder in die Gewalt zu bekommen, stützte er sich mit beiden Armen auf dem Küchentresen auf und atmete mehrmals tief durch.

„Sie kann einen Kerl wirklich fertig machen, was?“

Er wirbelte herum. Am Tisch saß der Junge und aß mit großem Appetit Cornflakes. Aus seiner Miene war zu schießen, dass der Junge jedes Wort gehört hatte, das er vor sich hingemurmelt hatte.

Abel rieb sich das Kinn. „Ich bin nicht wütend auf deine Schwester.“

„Ist auch egal.“ Der Junge grinste frech. „Also … werden Sie es ihr besorgen?“

Abel geriet in Wut. In zwei Sätzen war er um den Tisch herumgegangen, packte Mark am Kragen und zog ihn zu sich hoch. „Hör mal, du kleiner Punk. Ich weiß nicht, was mit dir los ist, aber ein Mann redet nicht abfällig von einer Frau, nur weil ihm die ganze Richtung nicht passt. Sprich nie wieder in diesem Ton von deiner Schwester. Verstanden?“

Mit hochrotem Gesicht nickte Mark. Erst einmal. Dann noch mehrmals schnell hintereinander.

Abel ließ ihn los und wich langsam zurück. Ohne den Jungen aus den Augen zu lassen, griff er hinter sich und nahm den Radiorecorder, den er am frühen Morgen repariert hatte, vom Tresen.

Wortlos stellte er ihn vor Mark auf den Tisch.

Völlig verunsichert starrte der Junge von dem Radio zu ihm.

„Gib mir keinen Grund, das Ding an die Wand zu werfen.“

Zerknirscht, aber gleichzeitig hoch erfreut darüber, dass sein geliebtes Radio nun wieder funktionierte, nickte Mark. „Nein, Sir.“ Rasch nahm er das Radio an sich.

„Schmutziges Geschirr kommt in die Spüle“, sagte Abel, während er sich eine Tasse Kaffee einschenkte. Er hatte zumindest einen bösen Seitenblick erwartet, wenn nicht gar eine freche Bemerkung. Stattdessen trug Mark seinen Teller und Löffel brav zur Spüle. Ehe er nun erneut nach seinem Radio griff, bedankte er sich verlegen für die Reparatur.

Mit Nashata an seiner Seite und dem Radiorecorder unter dem Arm ging Mark Richtung Empore davon. Abel sah ihnen nach. Da merkte er, dass er beobachtet wurde.

Barbara stand an der Küchentür. Sie sah wie eine zerzauste Elfe aus. Keinesfalls wie eine Frau, die das Herz eines Mannes zum Rasen und sein Blut in Wallung bringen konnte. Doch genau das tat sie in null Komma nichts.

Er ließ den Blick über ihren schlichten grauen Jogginganzug gleiten, ihr zerzaustes Haar, ihre strahlenden grünen Augen. Ihr Gesichtsausdruck gab ihm beinahe den Rest. Er spiegelte einfach zu viel Respekt wider. Zu viel Dankbarkeit. Zu viel Hoffnung.

„Danke, dass Sie ihm den Kopf zurechtgesetzt haben“, sagte sie leise. Nach diesen Worten wandte sie sich um und verschwand Richtung Bad.

4. KAPITEL

Ich hätte es mir denken können, dass sie alles falsch versteht, sagte sich Abel. Er hätte sich denken können, dass sie die Zurechtweisung des Jungen als Zeichen dafür nahm, dass sie ihm nicht gleichgültig waren. Schön, er hatte sich über den Jungen Gedanken gemacht, hatte spontan reagiert, um ihn zur Räson zu bringen. Aber er wollte verdammt sein, wenn er sie in dem Glauben ließ, das alles würde einen Unterschied machen. Sie hatte sich heute Nacht ausruhen können, und sobald sie aus der Dusche kam, würde er sie mit den Tatsachen konfrontieren.

Als sie kurz darauf in engen alten Jeans und einem riesigen roten Pullover wieder erschien, war Abel bereit gewesen, die Dinge ohne lange Vorrede anzusprechen. Wenn Barbaras Anblick sein Vorhaben nicht augenblicklich zunichte gemacht hätte.

Er war wie hypnotisiert, sprachlos und … voller Verlangen. Wie brachte sie es nur fertig, dermaßen schnell und stark seine Lust zu wecken? Er sehnte sich nach der Weichheit, die sie ausstrahlte und die er zu lange in seinem Leben vermisst hatte. Er sehnte sich nach den verführerischen weiblichen Düften, die sie aus dem Bad mitbrachte. Sehnte sich nach dem, was J. D. und Maggie verband, und was er, so dumm wie er war, auch für sich selbst erhofft hatte.

Er fluchte leise. Zum Teufel mit ihr, dass sie seine Anzeige beantwortet hatte! Und zum Teufel mit diesem fürchterlichen Schneesturm! Es gab noch immer keine Anzeichen dafür, dass der Sturm sich in absehbarer Zeit legen würde. Er hatte sie am Hals, bis das Wetter sich gebessert haben würde. Und so lange würde er sich zusammenreißen müssen, wenn er das Ganze heil überstehen wollte. Und er würde ihr klipp und klar sagen, dass aus dieser idiotischen arrangierten Heirat nichts werden würde.

„Setzen Sie sich“, sagte er steif, nachdem sie barfuß in die Küche gekommen war. „Kaffee?“, fügte er hinzu, um etwas mehr Höflichkeit bemüht.

„Ja, gern.“ Lächelnd setzte sie sich im Schneidersitz auf einen Stuhl am Küchentisch und begann, ihr feuchtes Haar mit einem Handtuch trockenzurubbeln.

Er schenkte ihr Kaffee ein und bemühte sich dabei zu ignorieren, dass sich durch die Rubbelei ihre Brüste unter ihrem Pullover sacht, aber aufreizend bewegten.

„Schwarz, richtig?“

„Genau. Schwarz und stark, so mag ich ihn am liebsten.“

Noch als er ihr den Kaffee servierte, war er entschlossen zu sagen, was zu sagen war. Doch dann machte er einen Fehler. Er schaute sie an. Sofort schlugen ihre grünen Augen ihn in ihren Bann, als sie mit fast kindlicher Freude den Duft des frisch gebrühten Kaffees einatmete.

Und er machte sogar noch einen Fehler. Von ihren aparten Zügen glitt er mit dem Blick über ihr nasses, zerzaustes Haar, das sanft ihr Gesicht umspielte, um ihn schließlich auf ihren schönen vollen Lippen verweilen zu lassen, während sie die Tasse an den Mund führte.

„Hm.“ Sie seufzte genüsslich. „Das tut gut.“

Er fasste es nicht, dass sie sich angesichts der ungeklärten Situation so behaglich wie eine Katze zu fühlen schien und so sexy aussah, wie man es von einem Persönchen wie ihr gar nicht erwarten sollte. Er setzte sich rittlings auf einen Stuhl und verschränkte die Arme auf der Lehne.

„Wie geht es Ihrer Hand?“, fragte er schroff. Irgendwie hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er an der leichten Schwellung ihrer Knöchel schuld war.

„Etwa so gut wie Ihrem Kinn, nehme ich an.“ Sie lächelte sanft. „Tut mir leid. Manchmal handle ich, ohne vorher zu überlegen.“

Und er handelte nie, ohne vorher alles gründlich zu bedenken. Daher überraschte es ihn vollkommen, dass er drauf und dran war, ihr Lächeln zu erwidern. Es war geradezu ansteckend, und es bewirkte etwas in ihm, was ihm völlig fremd, zweifellos angenehm, aber genau deshalb ganz und gar nicht akzeptabel war.

„Hören Sie“, fing er an, den Blick auf seine Tasse gerichtet, damit er nicht wieder von Barbara abgelenkt wurde. „Wir müssen miteinander reden wegen dieser …“

„Situation?“

„Genau. Situation.“ Er war leicht verstimmt, weil sie nicht nur seinen Satz beendet, sondern auch das von ihm gesuchte Wort gefunden hatte. „Als ich die Anzeige schaltete“, begann er erneut, „gab es gewisse …“ Wieder suchte er nach dem passenden Wort.

„Umstände?“

Er zog eine Braue hoch. „Richtig. Es gab gewisse Umstände. Genau wie ich annehme, dass Sie aus bestimmten Umständen heraus Heiratsanzeigen gelesen haben.“ Er wartete einen Moment, da sie jedoch nichts sagte, räusperte er sich und fuhr fort: „Tatsache ist, dass ich nie damit gerechnet habe, jemand würde wirklich …“

„Darauf antworten?“

Er stellte seine Tasse so heftig ab, dass es klirrte. „Beenden Sie immer die Sätze anderer Leute?“

„Entschuldigung.“ Sie grinste verlegen, aber kein bisschen reumütig. „Eine dumme alte Angewohnheit. Ich will versuchen, mich zu bremsen.“

Er kratzte sich am Kinn und redete sich dabei ein, dass er ihre Vorwitzigkeit keineswegs erfrischend oder gar hinreißend fand. „Und ich will versuchen, direkt zu sein. Aber muss ich wirklich noch deutlicher werden?“

Zum ersten Mal, seit sie sich an den Tisch gesetzt hatte, wirkte sie unsicher. Sie schluckte und senkte den Blick. „Ich glaube, ja.“

Ihre plötzliche Verletzlichkeit verwirrte ihn sehr. Da sie das nicht merken sollte, stand er auf, um sich Kaffee nachzuschenken. „Das Ganze … Ihre Reise hierher … hätte niemals stattfinden dürfen.“ Als er sich ihr wieder zuwandte, war sie blass geworden.

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine, dass ich die Anzeige niemals hätte aufgeben sollen. Und Sie hätten niemals darauf antworten sollen.“

„Aber Sie haben es getan. Und ich habe darauf geantwortet.“

An den Küchentresen gelehnt, blickte er zur Seite, um nicht die Entrüstung in ihren Augen zu sehen – und das stumme Flehen.

„Wenn es Ihnen nicht ernst war, warum haben Sie dann annonciert?“

„Nennen Sie es einen Moment der Schwäche“, murmelte er, wütend auf sich selbst, weil er in jener Nacht von J. D. Hazzard gedrängt würde und so beschwipst, wie er gewesen war, nachgegeben hatte. „Nennen Sie es einen Fehler. Nennen Sie es, wie Sie wollen, aber es hätte nie dazu kommen dürfen.“

„Das ist es aber.“

Obwohl äußerlich ganz ruhig, weckte der Anflug von Panik in ihrer Stimme bei ihm erneut den Verdacht, dass sie vor irgendetwas weglief. Und so große Angst hatte, dass sie an diesem Arrangement festhalten wollte, statt unendlich erleichtert zu sein, dass er sie davonkommen lassen wollte.

Er wurde deutlicher. „Finden Sie die ganze Idee denn nicht verrückt? Finden Sie nicht, dass es nach einer Verzweiflungstat aussieht, wenn jemand eine Heiratsanzeige in einer Zeitung beantwortet und zustimmt, jemanden zu heiraten, den er überhaupt nicht kennt?“

„Irgendwann sind wir alle verzweifelt. Das heißt aber nicht, dass wir verrückt sind. Sondern nur, dass wir dringend nach einer Alternative suchen. Alternativen bergen Risiken. Ich habe akzeptiert, dass es ein Risiko war, hierher zu kommen. Genau wie Sie bewusst ein Risiko eingingen, als Sie annoncierten.“

„Ein Risiko“, wiederholte er barsch, entschlossen, ihre Logik zu ignorieren. „An der Börse zu spekulieren ist ein Risiko. Bei Rot über eine Ampel zu fahren ist ein Risiko. Dass Sie hierher gekommen sind, ist weit mehr als ein Risiko. Es ist …“

„Wir haben eine Abmachung getroffen“, erinnerte sie ihn, ebenso nachdrücklich wie verzweifelt, sodass er sie am liebsten gefragt hätte, wovor, zum Teufel, sie davonlief.

„Sie wollen über Abmachungen sprechen? Schön. Ich habe per Anzeige eine Braut gesucht – nicht eine Braut mit Anhang. Selbst wenn ich die Absicht hätte, an der Heirat festzuhalten, haben Sie gegen die Abmachung verstoßen, weil Sie Ihren Bruder mitgebracht haben.“

„Wegen Mark …“ Sie zögerte, als sein Radio von der Empore am anderen Ende des Blockhauses zu hören war. „Ich weiß, Sie haben ihn nicht erwartet. Aber er ist ein guter Junge. Er steht im Moment nur einiges durch. Er wird sich eingewöhnen und keine Probleme machen.“

„Darum geht es doch gar nicht“, erwiderte er in einem Ton, der schon ausgewachsenen Männer den kalten Schweiß auf die Stirn getrieben hatte.

Barbara Kincaid ließ sich davon nicht beirren. Sie saß einfach da, die Widersprüchlichkeit in Person – starr vor Entschlossenheit und doch sanft in ihrer Verletzlichkeit.

„Ich möchte die ganze Sache abblasen.“ Er war ärgerlich auf sie, weil sie ihn irgendwie berührte, und ärgerlich auf sich selbst, weil er das zuließ. Er wartete auf eine Reaktion von ihr. Als sie jedoch nur blinzelte und dann den Blick auf ihre Tasse senkte, fluchte er leise.

„Es tut mir leid, dass Sie die weite Reise gemacht haben.“ Selbst in seinen Ohren klang das wie ein reines Lippenbekenntnis. „Tut mir leid. Aber es wird keine Hochzeit geben.“ Dass sie jetzt in Tränen ausbrechen würde, erwartete er eigentlich nicht. Denn auch wenn sie zart wie ein kleiner Vogel aussah, war sie doch hart im Nehmen. „Sobald dieser Schneesturm vorbei ist, werde ich Sie und Ihren Bruder nach Bordertown fahren und in einen Bus zurück nach L. A. setzen. Ich werde alle Kosten für die Reise hierher übernehmen … und was Sie sonst noch für angemessen halten.“

Wieder keine Reaktion, nur Schweigen.

Frustriert stellte er seinen Becher auf den Tresen. „Verstehen Sie nicht? Ich lasse Sie vom Haken, Grünauge. Wenn Sie vernünftig sind, fällt Ihnen vor Erleichterung ein Stein vom Herzen, weil ich Ihnen diese Farce einer Heirat nicht zumuten werde.“

Eine ganze Weile sagte sie immer noch nichts. Als sie dann endlich den Kopf hob, wirkte sie geradezu kämpferisch.

Sie blickte ihm fest in die Augen. „Sind Sie fertig?“

„Ja, bin ich.“ Ihre Beherrschung irritierte ihn über alle Maßen.

Da stand sie auf und baute sich direkt vor ihm auf. „Dann bin ich jetzt an der Reihe. Setzen Sie sich, Mr. Greene, ich möchte Ihnen ein paar Dinge erklären.“

Als sie mit ihrer kleinen Hand energisch Richtung Tisch zeigte, fragte er sich, ob ihr bewusst war, dass sie aussah wie David, als der es mit Goliath aufnahm. Und während er sich hinsetzte, hatte er das beunruhigende Gefühl, dass er, sobald sie mit ihm fertig war, genau wissen würde, wie Goliath zu Mute gewesen war.

B

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