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Baccara Exklusiv Band 23

Shawna Delacorte

Zeig mir die Welt der Liebe

1. Kapitel

 

"Dieser Mr. Danforth scheint ein Partylöwe zu sein. Er ist auf einem Champagnerkorken ausgerutscht und mit dem Kopf voran die Außentreppe seines Hauses hinuntergefallen, die den Balkon mit der Terrasse verbindet." Nina studierte die oberste Seite der Akte. "Das linke Bein an zwei Stellen gebrochen, drei angeknackste Rippen, ausgerenkte Schulter, zahlreiche Kratzer und Beulen und eine Kopfwunde, die zum Verlust der Sehkraft geführt hat."

Nina Morrisons Haar war wie üblich zu einem strengen Knoten aufgesteckt. Ihre klare, makellose Haut zeigte keine Spuren von Make-up. Jetzt schloss sie die Akte, legte sie auf den Schreibtisch neben ihr schwarzes Brillengestell und sah zu Dr. Elizabeth Cameron auf. "Wird er blind bleiben, oder rechnen Sie damit, dass er irgendwann sein Augenlicht wiedererlangt?"

"Walter meint, es besteht eine fünfzigprozentige Chance, dass die Sehkraft von allein wiederkehrt. Er will drei Monate warten. Danach ist eine Operation möglich, aber sie wäre sehr schwierig. Ich werde mich einmal in der Woche zu einer Therapiesitzung mit Steve treffen, aber der Hauptteil der Last liegt auf Ihren Schultern."

"Können Sie voraussagen, wie lange ich an diesem Fall arbeiten werde?"

"Das ist schwer einzuschätzen. Falls es Ihnen gelingt, seine Sturheit zu überwinden, vielleicht nur eine Woche. Ansonsten …"

Nina nickte. "Ich verstehe. Was hat er für einen Beruf?"

"Er ist Architekt, und nach allem, was ich gehört habe, ein sehr guter. Für jemanden, der erst vierunddreißig ist, hat er erstaunlich viel erreicht."

Nina verzog das Gesicht. "Oje. Das ist eine Arbeit, die stark aufs Sehen ausgerichtet ist. Ich wette, so ist es mit seinem ganzen Leben. Bestimmt ist er sehr wütend."

"Ja, und auch sehr frustriert. Wir haben es mit einem tatkräftigen Mann zu tun, der gewohnt ist, Entscheidungen zu treffen und alles zu beherrschen, was um ihn herum vorgeht. Sie müssen darauf vorbereitet sein, dass er bei jedem Schritt gegen Sie ankämpft."

"Nun ja." Nina stand auf und strich abwesend ihr übergroßes Hemd und die weite Hose glatt. "Es sieht so aus, als hätte ich viel zu tun."

 

Nina fuhr vom Universitätsviertel von Seattle über die Brücke zur Mercer-Insel hinüber, fand ohne Schwierigkeiten am südlichen Ende die Adresse und bog in die Einfahrt eines großen Hauses am Wasser ein.

Nachdem sie ihren Koffer aus dem Auto geholt hatte, ging sie auf die hölzerne Doppeltür zu. Bevor sie klingeln konnte, wurde schon geöffnet.

"Sie müssen Miss Morrison sein." Eine füllige Frau von Ende fünfzig lächelte freundlich und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. "Dr. Cameron sagte, dass Sie heute Morgen kommen würden. Ich bin Edith Haggarty, Mr. Danforths Köchin und Haushälterin." Sie führte Nina in die große zweistöckige Eingangshalle und schloss dann die Tür. "Ich komme zweimal in der Woche her, um sauber zu machen und ein paar Sachen zu kochen." Sie senkte die Stimme, als wären noch andere Leute da, die zuhören könnten. "Auf diese Weise weiß ich, dass er ein paar ausgewogene Mahlzeiten erhält – zusätzlich zu all dem wertlosen Zeug, das er sonst isst." Sie seufzte. "Er gönnt sich wirklich zu wenig Pausen. Wenn er mit einem Projekt zu tun hat, lebt er von Pizza oder was immer er sich liefern lassen kann, damit er seine Arbeit nicht unterbrechen muss."

Dann verzog Edith schmerzhaft das Gesicht, und ihre Unterlippe zitterte, als sie weitersprach. "Natürlich wird von jetzt an alles anders sein." Tränen standen ihr in den Augen. "Wird er gesund, Miss Morrison? Wird er je wieder sehen können?"

Nina mochte diese offenherzige, liebevolle Frau. Steve Danforth bedeutete Edith anscheinend wesentlich mehr als sonst ein Arbeitgeber seiner Haushälterin. "Der Doktor meint, er hätte eine gute Chance, seine Sehkraft zurückzuerlangen. Und bitte nennen Sie mich Nina."

Die Erleichterung war Edith deutlich anzumerken, als sie jetzt schnell das Thema wechselte. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer, damit Sie sich einrichten können, bevor Mr. Danforth eintrifft." Sie führte Nina in einen großen, geschmackvoll eingerichteten Raum im Erdgeschoss mit eigenem Bad. Das antike Himmelbett war genau wie die Kissen mit Spitze geschmückt. Die Farben waren gedeckt, etwas stärker als Pastelltöne. Kleine Schalen enthielten verschiedene Duftmischungen.

Die Bilder an den Wänden waren künstlich verblasste Fotografien in alten Rahmen. Auf den meisten waren nackte Frauen zu sehen, die im Freien statt in einem Studio dafür Modell gestanden hatten. Die Bilder wirkten fast wie Naturstudien. Auf einem Foto, das dem Fußende des Bettes gegenüber an der Wand hing, waren ein junger Mann und eine junge Frau zu sehen, die nackt in einem See badeten. Es war das einzige Bild, das mehr als eine Person zeigte.

Nina packte schnell aus. Steve würde in drei Stunden hier sein. Sie hatte noch Zeit, sich vorher im Haus umzusehen.

 

Steve Danforth ließ sich missmutig auf den Stuhl vor Dr. Walter McKendricks Schreibtisch fallen. Sein dichtes goldblondes Haar war zerzaust und kräuselte sich im Nacken. Der Bartwuchs von vier Tagen und der angespannte Gesichtsausdruck konnten nicht verbergen, wie attraktiv er war. Seine grünen Augen schienen direkt geradeaus zu starren, sahen in Wirklichkeit aber gar nichts.

Der Doktor warf einen schnellen Blick in die Akte, dann wandte er sich an Steve. "Aus der Orthopädie sind Sie nun wohl entlassen. Tatsache ist, dass Sie auch diesen Stock da jetzt nicht mehr brauchen."

Steve verzog den Mund zu einer bitteren Grimasse. "Das ist großartig, Doc. Dann kann ich ihn gegen einen weißen eintauschen, oder noch besser gegen einen Blindenhund."

"Aber, aber, Steve." Die Stimme des Augenarztes verriet jahrelange Erfahrung mit solchen Situationen. "Das haben wir doch schon besprochen. Es besteht eine ausgezeichnete Chance, dass Ihre Sehkraft von allein zurückkehrt. Und wenn sich nach einer vernünftigen Zeitspanne nichts an Ihrem Zustand geändert hat, gibt es andere Dinge, die wir in Erwägung ziehen können."

Steve griff nach seinem Stock und schlug damit gegen den Schreibtisch des Arztes. "Verdammt, Doc. Behandeln Sie mich nicht von oben herab."

Dr. McKendrick lehnte sich zurück und musterte das ärgerliche Gesicht seines Patienten. Dann griff er nach der Sprechanlage. "Bitte fordern Sie Dr. Cameron auf, in mein Büro zu kommen", sagte er ruhig.

Etwas später kam eine Frau von Ende vierzig herein. Elizabeth Cameron war die fest angestellte Psychologin des Krankenhauses und hatte bereits einige Sitzungen mit Steve hinter sich, die nicht sehr erfolgreich gewesen waren, da er äußerst wütend gewesen war und sich geweigert hatte mitzumachen. "Guten Morgen, Steve."

Steve murmelte etwas Unverständliches.

Sie wandte sich an den anderen Mann. "Guten Morgen, Dr. McKendrick. Sie wollten mich sehen?"

"Ja, Dr. Cameron. Ich dachte, Sie könnten Steve vielleicht besser die Therapie erklären, die er jetzt vor sich hat. Er geht heute Nachmittag nach Hause."

"Machen Sie nur so weiter", unterbrach Steve ihn spöttisch. "Reden Sie ruhig über mich, als wäre ich gar nicht da. Da ich Sie nicht sehen kann, kann ich Sie ja wahrscheinlich auch nicht hören."

Dr. Cameron blieb gelassen. "Fühlen Sie sich besser nach diesem kleinen Temperamentsausbruch?"

Steve schnaubte und verlagerte sein Gewicht auf dem Stuhl. "Ja, das tue ich."

"Gut, dann können wir fortfahren, falls Ihnen das recht ist." Die beiden Ärzte tauschten einen schnellen Blick aus, bevor Elizabeth weitersprach.

"Ihre Krankenversicherung bezahlt Ihnen jemanden, der eine Weile bei Ihnen bleibt, Ihnen beim Lernen und Anpassen hilft …"

Steve richtete sich ruckartig auf. "Sie geben mir einen Babysitter?", fragte er zugleich ärgerlich und ungläubig. "Einen Menschen, der mich anzieht, füttert und herumführt, damit ich nicht gegen meine eigenen Möbel renne oder aus Versehen die Hand in den Müllschlucker stecke?"

Dr. Cameron und Dr. McKendrick blieben im Büro, nachdem Steve wütend hinausgestürmt war.

"Das lief besser, als ich erwartet hatte", meinte Elizabeth Cameron dann. "Dieser Mann ist wirklich frustriert. Nina wird alle Hände voll zu tun haben mit ihm."

"Sind Sie sicher, dass sie damit fertig wird? Sie scheint mir zu jung für so einen schwierigen Fall. Ich meine, eine ältere Person mit mehr Erfahrung wäre besser geeignet für Steve Danforth."

"Keine Sorge, Nina ist zwar erst neunundzwanzig, aber sie hat schon eine Menge durchgemacht. Dieser Fall erfordert einen Menschen, der genauso hart und stur sein kann wie Steve, jemanden, der einfallsreich ist und einen klaren Kopf behält."

Walter beobachtete Elizabeth. "Sie kennen sie schon eine ganze Weile, oder?"

Elizabeth lächelte warm. "Seit zehn Jahren. Sie war neunzehn, seit einem Monat in Seattle und lebte von der Hand in den Mund, während sie versuchte, eine Wohnung und einen festen Job zu finden. Sie hatte zwei Teilzeitjobs als Kellnerin und kam auf der Suche nach einem dritten Job ins Krankenhaus. Dabei geriet sie durch Zufall in mein Büro.

Sie hat eine schreckliche Kindheit hinter sich. Ihr ganzes Leben lang haben ihr ihre Eltern erzählt, wie unscheinbar sie wäre und dass sie es niemals zu etwas bringen würde. Im Alter von siebzehn Jahren, nachdem sie gerade mit der High School fertig war, zwangen ihre Eltern sie, einen fünfzig Jahre alten Farmer zu heiraten, der eine junge Frau suchte, die ihm haufenweise Söhne zur Arbeit auf der Farm schenken sollte. Ninas Eltern erklärten ihr, sie sollte diesen Mann besser nehmen, da sie sich für keinen Beruf besonders eignen würde und dies zweifellos ihre einzige Chance wäre zu heiraten. Sie stellten klar, dass sie keinerlei Absicht hätten, sie weiterhin zu unterstützen."

Walter McKendrick schüttelte bestürzt den Kopf. "Solchen Leuten sollte man nicht erlauben …" Er brach ab. "Nun, es ist sicher ein Zeichen für Ninas Kämpfernatur und ihre Kraft, dass es ihr gelungen ist, sich aus dieser Situation zu befreien und etwas aus ihrem Leben zu machen."

"Genau. Und deshalb ist sie perfekt für die Arbeit mit Steve. Sie kennt und versteht die Art von Ärger und Frustration, die in ihm brodelt. Genauso war sie selbst auch, als ich ihr zuerst begegnet bin. Sie wird sicherstellen, dass Steve sich nicht aufgibt."

Walter stand auf und kam um seinen Schreibtisch herum zu Elizabeth. "Kommen Sie, Dr. Cameron, ich gebe Ihnen in der Cafeteria eine Tasse Kaffee aus."

Elizabeth lächelte. "Es ist mir ein Vergnügen, Dr. McKendrick."

Walter sprach weiter, als sie zum Fahrstuhl gingen. "Wie kam es, dass Nina ganz allein in Seattle aufgetaucht ist?"

"Als sie nach einem Jahr immer noch nicht schwanger war, hat dieser Farmer sie aus dem Haus geworfen. Sie ist von Montana nach Colorado gegangen und schließlich nach Seattle gekommen. Ich habe ihr eine anständige Wohnung verschafft, zwei Jahre lang in unzähligen Gruppentherapiesitzungen mit ihr gearbeitet und ihr zu einer Ausbildung für ihre jetzige Arbeit verholfen. Sie war sehr klug und wissbegierig und hat schnell gelernt."

"Dann haben Sie sie dazu ermuntert, mit Blinden zu arbeiten?"

"Nein, das war ihre eigene Entscheidung auf der Grundlage eines Problems, das sie immer noch mit sich herumschleppt. Sie glaubt weiterhin, sie wäre unattraktiv. Deshalb hält sie diesen Beruf für die perfekte Lösung. Die Blinden können sie nicht sehen, und so ist sie vor Demütigungen und Zurückweisungen geschützt. Sie hat all das Selbstvertrauen, das sie braucht, um ihre Arbeit ausgezeichnet zu machen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber keinerlei Selbstbewusstsein als Frau."

Elizabeth schüttelte den Kopf. "Ich kann bloß vermuten, durch welche Hölle sie gegangen ist mit dem Bastard, mit dem sie verheiratet war. In diesem Bereich sind ihre Erinnerungen so schmerzhaft, dass ich nie durch die Mauer durchgedrungen bin, die sie um sich errichtet hat. Zurzeit ist ihre Angst noch größer als der Wunsch, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Sie wird ganz blass, wenn es um sexuelle Beziehungen geht. Wir haben das Thema weitgehend vermieden, aber ich denke, sie hat genügend Anregungen bekommen, um allein daran weiterzuarbeiten, vielleicht ohne dass ihr das selbst bewusst ist."

Walter McKendrick nickte verständnisvoll. "Vielleicht wird sie irgendwann einem netten jungen Mann begegnen, der sie wirklich gern hat und reif und intelligent genug ist, um zu wissen, dass oberflächliche Schönheit nicht zählt."

Sie verließen den Fahrstuhl im Erdgeschoss und gingen zur Cafeteria. "Nina ist keine unattraktive Frau", erklärte Elizabeth. "Sie zieht es nur vor, sich hinter diesen schlampigen Sachen zu verstecken, die sie trägt, und diesem Knoten, zu dem sie ihr Haar aufsteckt. Meine persönliche Meinung ist, dass sie sich so anzieht, um jede Art von Aufmerksamkeit abzuwehren, die sie vielleicht von einem Mann erhalten könnte. Tatsache ist …" Elizabeth blieb stehen und beugte sich zu Walter vor, "… dass in dem schwarzen Brillengestell, das sie manchmal trägt, nur Fensterglas ist."

 

Es war notwendig, dass Nina sich völlig vertraut machte mit Steves Umgebung, um ihm helfen zu können. Sie begann an der Vordertür. Die Eingangshalle war zwei Stockwerke hoch und zu den oberen Räumen hin offen. Das Wohnzimmer enthielt einen großen Kamin aus natürlichem Stein und war mit einer Mischung aus Antiquitäten und Art-déco-Kunstwerken dekoriert.

Nina sah sich um. Alles in allem war es genauso schlimm, wie sie befürchtet hatte. Steves gesamtes Leben drehte sich um schöne Dinge, um Eindrücke, die er mit den Augen aufnahm. Der Raum war attraktiv und teuer eingerichtet, einer dieser Orte, wo die Leute immer sagen: "Das muss man wirklich gesehen haben."

Im Erdgeschoss befanden sich außerdem noch ein Esszimmer und eine Küche mit Frühstücksnische. Eine Doppeltür aus Glas führte an der Rückseite des Hauses auf die große Veranda hinaus, die einen Whirlpool und eine Treppe zum Balkon im ersten Stock enthielt.

Nina stieg diese Treppe hinauf. Die Aussicht auf den Washington-See war überwältigend. Auf einer Seite erhoben sich waldbedeckte Berge in den Himmel, auf der anderen war die Skyline von Seattle. Als Nina durch die Spitzengardine in den Raum dahinter hineinsah, erkannte sie ein geräumiges Schlafzimmer und einen Arbeitsbereich mit Zeichenbrett und zahlreichen Bücherregalen. Dann sah sie vom oberen Ende der Treppe auf die Terrasse hinunter. Hier war der Unfall passiert. Schließlich kehrte sie nach unten zurück und trat ins Haus.

Während sie den Rest des Erdgeschosses erforschte, war Edith Haggarty nie weit weg. Neben Ninas Zimmer gab es noch ein weiteres Gästezimmer, einen gemütlichen Raum mit Bar, ein Badezimmer und eine Toilette, eine Waschküche, ein Dienstbotenapartment und eine Garage, die groß genug für drei Wagen war. Von der Terrasse aus führte ein hölzerner Steg zu einem privaten Anlegeplatz auf dem See. Ein schnittiges Segelboot lag dort vor Anker. Nina hatte fast Angst, die Antwort auf ihre Frage zu hören. "Ich nehme an, das gehört ihm?"

"Oh, ja, sicher. Mr. Danforth liebt dieses Boot wirklich."

Nina schloss für einen kurzen Moment die Augen, um mit einem Gefühl von Niedergeschlagenheit fertig zu werden. Edith entschuldigte sich und lief in die Küche, als eine Zeitschaltuhr klingelte. Nina stieg die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf.

Sie schlenderte durch Steves Schlafund Arbeitszimmer. Dieser Bereich würde sicher mehr über ihn verraten als irgendetwas anderes im Haus.

Licht kam durch große Deckenfenster herein. Die Wände des Arbeitsraums waren mit Fotos, Urkunden und ehrenden Erwähnungen bedeckt. Nina studierte sie alle sorgfältig. Die Fotos zeigten Häuser, die Steve entworfen hatte, und jedes war ein einzigartiges Meisterwerk. Die Preise hatte er für ausgezeichnete Leistungen erhalten, meist im Zusammenhang mit Umweltbelangen wie ausgiebiger Nutzung von Solarenergie und Entwürfen, die sich der Landschaft anpassten statt umgekehrt. Es war klar zu erkennen, wie leidenschaftlich und hingebungsvoll sich Steve seiner Arbeit widmete.

Auf dem Zeichentisch lag ein halb fertiger Entwurf für irgendein Gebäude. Auf einem großen Konferenztisch stand ein maßstabgetreues Modell. Mehrere Regale enthielten Bücher über Architektur, Kunst und Umweltthemen.

Als Nina den Schlafbereich betrat, durchfuhr sie ein leichter Schauer. Steve Danforths Gegenwart war überall zu spüren. Der Raum war männlich, aber doch gemütlich und warm.

Auf der Kommode stand eine etwa dreißig Zentimeter hohe Glasstatue eines perfekten weiblichen Körpers. An den Wänden hingen zahlreiche Zeichnungen und Gemälde, eine Mischung aus Originalen und Drucken. Bei den meisten ging es um vollendete Formen: eine sich öffnende Rosenknospe, eine beeindruckende Eiche, ein anmutiger Schwan auf dem Wasser, ein galoppierendes Pferd.

Eine Tuschezeichnung zog ganz besonders die Aufmerksamkeit auf sich. Sie war fast abstrakt, aber man konnte doch zwei ineinander verschlungene Körper erkennen. Nina trat näher heran. Sie riss die Augen weit auf, als ihr klar wurde, was genau der Mann und die Frau auf dem Bild taten.

Schnell wandte sie sich ab. Ihr Herz schlug heftig, und ihr Puls raste. Mit Sicherheit war ihr Gesicht knallrot angelaufen. Sie wusste, dass Abbildungen von nackten Körpern als Kunst galten, wie die Fotos in dem Raum, wo sie wohnen sollte. Aber dieses Paar auf der Zeichnung war nicht nur nackt, sondern …

Eine seltsame Neugier verdrängte ihre Verlegenheit, und sie sah sich das Bild noch einmal an. Sie musste zugeben, dass nichts daran war, das man wirklich hätte unanständig nennen können. Alles in allem war es eher sinnlich als pornografisch. Sie studierte es noch einen Moment lang, bevor sie sich weiter umsah. Die Zeichnung schien die Zusammenfassung all dessen zu sein, was diesen Raum ausmachte. Offenbar war Steve Danforth ein sehr sinnlicher Mann, der seine Sexualität voll auslebte.

Ein weiterer Schauer durchfuhr Nina. Sie war Steve noch nicht einmal begegnet, und schon sorgte er dafür, dass sie sich nervös und unbehaglich fühlte, auf eine Art, die sie noch nie zuvor erlebt hatte und in keiner Weise verstand.

Wieder sah sie zu der Zeichnung hinüber, und ein Gefühl von Traurigkeit überkam sie. Einen kurzen Moment lang fragte sie sich, wie es sein mochte, so offen und frei zu sein, seine eigene Sexualität so zu akzeptieren, Dinge zu erleben, von denen sie nur gelesen hatte, die sie sich nicht einmal vorstellen konnte, Dinge, die ihr niemals erlaubt sein würden.

Sie erinnerte sich an eine Zeit, die fast zwölf Jahre zurücklag, eine Zeit, die für sie die Hölle auf Erden gewesen war. Mit einem Mal wurde sie ganz blass und begann zu zittern. Der Magen drehte sich ihr um, ihre Kehle zog sich zusammen und wurde trocken.

Sie schüttelte den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Was hatten dieser Raum und sein Bewohner an sich, das so schmerzhafte Erinnerungen in ihr weckte? Sie strich leicht mit den Fingerspitzen über die Decke auf dem übergroßen Bett, bevor sie die Hand schnell zurückzog. Ein weiterer Schauer durchfuhr sie. Sie drehte sich um und verließ das Zimmer, flüchtete fast.

Obwohl sie Steve Danforth nie gesehen hatte, brachte er nicht nur schmerzliche Dinge aus ihrer Vergangenheit an die Oberfläche, sondern ließ auch ganz fremde Gefühle in ihr aufsteigen, so neu und anders, dass sie nicht einmal wusste, was es damit auf sich hatte.

Edith Haggarty lachte, als sie nach der Zeichnung im Schlafzimmer und den Fotos im Gästezimmer fragte. "Es tut mir Leid, Nina", entschuldigte sie sich dann. "Ich wollte mich nicht über Sie lustig machen. Es ist nur so, dass diese Dinge schon so lange hier sind, dass ich sie gar nicht mehr bemerke. Die Fotos im Gästezimmer sind Mr. Danforths Vorstellung von einem Witz."

Nina war verwirrt. "Ein Witz?"

"Mr. Danforth hatte eine alte unverheiratete Tante, die vor einigen Jahren gestorben ist. Sie war der Inbegriff von prüde und anständig. Dauernd hatte sie etwas an ihm auszusetzen. Als sie das zweite Mal nach Seattle kam, um ihn zu besuchen, kaufte er diese Fotos und hängte sie ins Gästezimmer."

Edith schmunzelte, als sie sich daran erinnerte. "Die Tante war so schockiert vom Anblick all dieser nackten Frauen, dass sie nur zwei Tage blieb statt eine Woche. Ganz besonders empörend fand sie das Bild, das dem Bett gegenüber hängt, das von dem Mann und der Frau. Mr. Danforth hat das extra genau dort aufgehängt, damit seine Tante es als Erstes morgens und als Letztes vor dem Einschlafen sehen konnte. Vor ihrer Abreise erklärte sie noch, dass der nackte Körper einer Frau nicht für die Augen eines so jungen Mannes wie Mr. Danforth bestimmt wäre und dass es ein Verstoß gegen jede Art von Moral und Anstand wäre, wenn ein nackter Mann und eine Frau sich zusammen für ein Foto zur Schau stellten."

Nina schmunzelte ebenfalls, als sie sich vorstellte, wie die Frau aufgebracht aus dem Haus gestürmt war. "Aber was ist mit der, äh, ungewöhnlichen Zeichnung im Schlafzimmer?"

"Oh, die." Edith winkte ab, als wäre dieses Bild völlig unwichtig. "Es ist eine Originalzeichnung von diesem Aberdeen-Menschen, Sie wissen schon, derjenige, der die große Ausstellung im Kunstmuseum hatte. Soweit ich gehört habe, ist sie sehr wertvoll. Er ist ein Freund von Mr. Danforth. Eines Abends während einer Party ging er in Mr. Danforths Büro hinauf, setzte sich an den Arbeitstisch, zeichnete das und signierte es. Mr. Danforth hat es rahmen lassen und über die Bar im Erdgeschoss gehängt. Aber seine derzeitige Freundin hat sich so sehr darüber beschwert, dass er es schließlich in sein Schlafzimmer gebracht hat."

Edith senkte die Stimme zu einem Flüstern. "Ich glaube, sie war eifersüchtig auf diese Zeichnung. Die erregte nämlich mehr Aufmerksamkeit als sie. Ich weiß nicht, wie sie damit fertig wird, dass das Bild nun im Schlafzimmer ist …" Sie brach ab, als ihr aufging, dass sie vielleicht zu viel über ihren Arbeitgeber ausplauderte.

Nina spürte, wie sie rot wurde. "Sie sagten, seine derzeitige Freundin. Wechselt er sie oft?"

"Nicht mehr so wie früher. Als er noch in dem anderen Haus wohnte, nachdem seine Frau gestorben war …"

"Seine Frau ist gestorben?", fragte Nina schockiert.

"Oh ja. Das war so tragisch. Mr. Danforth war erst ungefähr ein Jahr verheiratet, als seine Frau bei einem Autounfall ums Leben kam. Sie hieß Julia. Sie waren beide noch so jung. Er war gerade im letzten Semester auf dem College. Ich nehme an, er hat sich so in seine Arbeit gestürzt, um diese Geschichte zu vergessen. Ungefähr ein Jahr später ging es los mit immer neuen Freundinnen. Natürlich vernachlässigte er deswegen nie seine Arbeit. Mit seiner jetzigen Freundin ist er schon einige Monate zusammen. Ich denke, das ist ein Rekord. Vermutlich hat er genug vom Junggesellenleben und möchte eine Familie. Er muss bloß noch die richtige Frau dafür finden."

Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen, dass sie ein Auto in die Einfahrt einbiegen hörten. Edith wirkte sofort lebhaft und aufgeregt. "Das muss Mr. Danforth sein." Sie eilte zur Vordertür.

Eine nervöse Energie erfasste Nina. Ihre Handflächen wurden feucht. Ihr Mund fühlte sich trocken an. Ihr war klar, dass dies ihr schwierigster Fall sein würde. Sie musste hart sein und Steve gegen all seinen Widerstand zu einem selbstständigen Leben treiben.

Nun wandte sie sich der Tür zu. Sie konnte kaum noch atmen, und ihre Knie wurden weich. Dort in der offenen Tür stand der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Sie konnte die Augen nicht von ihm abwenden. Schnell griff sie nach einer Stuhllehne, um sich zu stützen. Wie aus weiter Ferne hörte sie jemanden ihren Namen rufen, reagierte aber nicht darauf.

"Nina …" Dr. Camerons Stimme traf auf taube Ohren. Sie rief noch einmal, diesmal etwas lauter. "Nina, kommen Sie. Ich möchte Ihnen Steve vorstellen."

2. Kapitel

 

Nina zuckte zusammen, als eine Hand ihre Schulter berührte. "Sind Sie in Ordnung?" Die Stimme von Dr. Cameron drang wie durch einen Nebel zu ihr.

"Was? Ja, es geht mir gut."

"Sie schienen für einen Moment nicht ganz bei sich zu sein. Haben Sie Sorgen?"

"Nein", antwortete Nina schnell. "Natürlich nicht."

"Gut. Dann kommen Sie, und ich stelle Ihnen Steve vor." Elizabeth Cameron führte sie zur Vordertür, wo Steve stehen geblieben war.

Nina trat näher an ihn heran, und seine Ausstrahlung nahm sie gefangen. Sie schüttelte den Kopf und schloss kurz die Augen, um mit den seltsamen Gefühlen fertig zu werden, die in ihr aufgestiegen waren.

Dann merkte sie, dass Dr. Cameron sprach. "Steve, dies ist Nina Morrison. Sie wird eine Weile in Ihrem Haus bleiben, bis Sie fähig sind, ohne Probleme allein zurechtzukommen."

Nina begrüßte Steve ruhig und beherrscht, obwohl es in ihrem Inneren ganz anders aussah. "Guten Tag, Steve. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen."

Seine Stimme klang spöttisch, und sein Gesicht wirkte trotzig. "Nina Morrison, Sie sind also mein Babysitter. Sie werden dafür sorgen, dass ich mein Gemüse esse und abends im Bett ordentlich zugedeckt werde."

Nina antwortete genauso ruhig, wie sie vorher gesprochen hatte. "Nein, das ist überhaupt nicht der Grund, warum ich hier bin. Mir persönlich ist es egal, was Sie essen und um welche Zeit Sie schlafen gehen. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Sie lernen, sich ohne tägliche Unterstützung in der Welt zurechtzufinden." Nun wurde ihr Ton ebenfalls spöttisch. "Aber falls Sie meinen, dass Sie mitten in der Nacht Hilfe brauchen, dürfen Sie gern herunterkommen und mich wecken. Ich bin durchaus in der Lage, etwas für Sie zu tun. Und bitte nennen Sie mich einfach Nina."

Die Wirkung, die sie beabsichtigt hatte, trat sofort ein. Steve schmollte und sagte nichts mehr. Dr. Cameron lächelte Nina aufmunternd zu, bevor sie sich verabschiedete und wegfuhr.

Edith griff nach Steves Koffer und trug ihn nach oben, während Steve bei der Vordertür stehen blieb. Er schien Angst zu haben, sich zu bewegen. Nina trat an seine Seite und wartete.

Schließlich wandte er sich in etwa dahin, wo sie war. "Sollten Sie nicht irgendwas tun, um mir zu helfen?"

"Warum nehmen wir nicht Platz und reden eine Weile, um uns kennen zu lernen? Ich werde Ihnen erklären, was in der kommenden Woche vor sich gehen wird. Kommen Sie, setzen wir uns auf die Couch." Nina trat von ihm weg, beobachtete ihn aber weiter aufmerksam. Sofort erschien ein Ausdruck von Panik in seinem Gesicht. "Konzentrieren Sie sich, Steve. Hier drin ist nichts, das Sie nicht tausendmal gesehen haben. Stellen Sie es sich vor. Sagen Sie mir, wo Sie stehen in Bezug auf den Rest des Raumes."

Er wurde ärgerlich. "Das ist dumm."

"Können Sie es nicht?", forderte sie ihn heraus. "Dies ist Ihr Haus. Sie müssten eigentlich wissen, wo die Möbel, Treppen, Türen und Zimmer sind, von Ihrem augenblicklichen Standpunkt aus gesehen."

Er winkte ungeduldig ab. "Natürlich weiß ich, wo alles ist." Seine grünen Augen bewegten sich, als wollte er sie dazu zwingen, etwas aufzunehmen. Er verzog das Gesicht, und die Mischung aus Ärger und Panik verschwand langsam wieder aus seinem Ausdruck. Mit der Hand tastete er hinter sich, bis er die Doppeltür berührte. "Hinter mir ist der Eingang." Er streckte den Arm nach vorne aus. "Und hier geht es zum Wohnzimmer."

"Okay, und wo bin ich?"

"Was meinen Sie damit?" Er bewegte seinen Arm nach rechts in Richtung auf ihre Stimme. "Sie sind da drüben."

"Was ist 'da drüben'? In welchem Zimmer, in welchem Teil des Zimmers und wie weit weg von Ihnen?"

Steve ließ seinen Arm sinken und wirkte verzweifelt. "Woher zum Teufel soll ich das wissen?"

"Nun …" Nina trat wieder neben ihn. "Dann gibt es wohl doch etwas, wobei ich Ihnen helfen kann."

 

Der Rest des Nachmittags verlief ungefähr genauso. Steve weigerte sich, sich zu bewegen, außer wenn er musste, arbeitete nicht mit, außer wenn er dazu gedrängt wurde, passte nicht auf, wenn Nina versuchte, ihm etwas beizubringen, und benahm sich nicht gerade höflich.

Edith bereitete ihnen das Abendessen zu, bevor sie ging. "Ich komme am Freitag wieder her, aber falls Sie mich für irgendetwas brauchen, meine Nummer steht gleich neben dem Telefon in der Küche."

Sie sah zum Tisch hinüber, wo Steve schlecht gelaunt saß, dann wandte sie sich wieder an Nina. "Er ist ein schrecklich sturer Mann, wirklich anständig, aber stur. Manchmal kann er richtig schwierig sein. Bitte geben Sie nicht auf. Er braucht jemanden, der ihm hilft, und ich denke, Sie sind die Richtige dafür. Es ist bloß so, dass es ihm schwer fällt zuzugeben, dass er Hilfe nötig hat."

Sie sah noch einmal zu Steve hinüber, dann nahm sie Ninas Hand in ihre und drückte sie freundschaftlich. "Lassen Sie sich nicht von ihm schikanieren. Halten Sie stand, dann wird er nachgeben, wenn er im Unrecht ist."

Nina begleitete Edith Haggarty zur Tür und kehrte dann in die Küche zurück, wo Steve immer noch am Tisch saß. Sie goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein. "Möchten Sie auch welchen, da ich schon mal dabei bin?", fragte sie.

"Haben Sie Angst, es mich selbst versuchen zu lassen, weil ich das Zeug überall verschütten könnte?"

"Überhaupt nicht. Ich habe die Kanne schon in der Hand, also war das eben reine Höflichkeit. Wenn Sie keinen Kaffee möchten, sagen Sie es einfach."

Steve murmelte etwas Unverständliches.

"Was haben Sie gesagt?"

"Ja, ich will noch mehr Kaffee", antwortete er nun laut und deutlich. Offenbar ärgerte es ihn, dass er das wiederholen musste.

Nina goss ihm eine Tasse ein und stellte dann die Kanne so auf dem Tisch ab, dass er das hören konnte. Sie wartete einen Moment und beobachtete ihn. "Gern geschehen", erklärte sie schließlich. "Es war gar keine Mühe."

"Danke", gab Steve so leise von sich, dass Nina es gerade eben verstehen konnte.

Sie lächelte. Steve Danforth würde sie nicht unterkriegen. Aber dann wurde sie wieder unsicher, als sie erneut das seltsame Gefühl in ihrem Inneren spürte. Ihr Herz schlug ein bisschen schneller.

Steve trank seinen Kaffee aus, während Nina das Geschirr abräumte. Das Klingeln des Telefons unterbrach sie. Sie nahm ab, legte den Hörer dann auf die Arbeitsfläche und wandte sich an Steve. "Es ist für Sie."

Wieder war ein Ausdruck von Panik in seinem Gesicht zu erkennen. Er machte nicht mal einen Versuch aufzustehen. "Nehmen Sie eine Nachricht entgegen."

Nina sah ihn einen Moment an, dann griff sie nach dem Hörer. "Er wird gleich da sein. Bitte bleiben Sie dran." Sie legte den Hörer wieder weg und wandte sich erneut an Steve. "Es ist immer noch für Sie."

Er sprang ärgerlich auf und schob seinen Stuhl zurück. "Ich habe Ihnen doch gesagt …"

Nina begegnete ihm auf gleicher Ebene. "Und ich sagte, es ist für Sie. Jetzt kommen Sie hier rüber und nehmen Sie den Anruf entgegen." Sie wartete ab, was er tun würde. Zu ihrer Überraschung schien er zu versuchen, sich zurechtzufinden und zu ergründen, wo das Telefon war in Bezug auf den Platz, wo er selbst sich befand. Anscheinend hatte er doch einiges von dem mitbekommen, was Nina ihm den Nachmittag über erzählt hatte.

Er atmete tief ein, streckte eine Hand aus und bahnte sich langsam den Weg zum Telefon. Mit jedem Schritt ließ die Anspannung in seinem Gesicht nach, und seine Bewegungen wurden sicherer. Er lächelte sogar leicht, als er schließlich nach dem Hörer griff.

Die Stimme am anderen Ende war weich und sinnlich. "Steve, Darling, ich bin so froh, dass du zu Hause bist."

Steves Gesichtsausdruck wurde sofort munterer. "Traci!"

Da Nina merkte, dass das ein persönliches Gespräch war, ließ sie Steve allein. Sie ging ins Wohnzimmer, um über die Ereignisse des Tages nachzudenken. Edith hatte Recht gehabt. Steve war wirklich sehr stur. Aber er war auch äußerst attraktiv und begehrenswert. Dass sie das plötzlich dachte, schockierte sie so sehr, dass sie die Augen weit aufriss. Unwillkürlich sah sie zur Küche hinüber, um sicherzugehen, dass Steve bestimmt nicht mitbekommen hatte, wohin ihre Gedanken gewandert waren.

Der Abend war kühl, und Nina durchfuhr ein leichter Schauder. Sie machte Feuer im Wohnzimmerkamin an, und bald tanzten die Flammen rhythmisch hin und her. Nina setzte sich im Schneidersitz davor und sah zu. Die Gefühle, die Steve in ihr weckte, machten ihr zu schaffen. Noch nie zuvor hatte sie eine persönliche Beziehung zu einem ihrer Patienten entwickelt. Es war immer alles rein professionell gewesen. Und so sollte es auch sein.

Warum drängten sich ihr nur immer wieder diese seltsamen Gedanken und Empfindungen auf? Solch eine Verwirrung und Unsicherheit hatte sie nicht mehr erlebt, seit sie die letzten Tränen getrocknet, tief eingeatmet und die Farm von Wardell Morrison verlassen hatte, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Seit diesem Tag hatte sie nur nach vorn gesehen. Sie hatte sich geschworen, ihren Weg in der Welt zu gehen, vollkommen unabhängig zu sein und sich nie wieder wegen irgendetwas auf irgendjemanden verlassen zu müssen. Nie wieder gezwungen zu sein, so etwas zu erdulden.

"Ich, äh, habe eine Frage." Steves Stimme klang zögernd. Er stand in der Küchentür. Vorsichtig trat er einen Schritt vor. "Nina Morrison, wo sind Sie?"

"Ich bin im Wohnzimmer, vor dem Kamin." Sie wartete ab, ob er sich allein weiterbewegen würde. Da er keinen zweiten Schritt tat, stand sie auf und wandte sich ihm zu. "Denken Sie nach. Wo sind Sie selbst? Wo ist das Wohnzimmer? Was befindet sich zwischen Ihnen und dem Wohnzimmer, zwischen der Tür des Raumes und dem Kamin?"

Man konnte Steve ansehen, wie sehr er sich konzentrierte. Vorsichtig trat er einen weiteren Schritt vorwärts, den Arm ausgestreckt, dann blieb er plötzlich wieder stehen. "Wo ist der verdammte Stock?", fragte er ärgerlich.

Nina blieb, wo sie war. "Wahrscheinlich genau da, wo Sie ihn gelassen haben."

Steve überlegte einen Moment mit gerunzelter Stirn. Ohne noch ein Wort zu sagen, drehte er sich um, ging in die Küche zurück und kam eine Minute später mit dem Stock in der Hand wieder.

Nina war überrascht. Das war zu leicht gewesen. Steve hatte zu gut mitgearbeitet. Was immer er sie fragen wollte, es musste sich um eine Art von Gefallen handeln. Genau wie ein kleiner Junge war er brav, um zu bekommen, was er haben wollte. "Ich sehe, Sie haben ihn gefunden."

"Äh, ja, wie Sie sagten, war er genau da, wo ich ihn gelassen hatte." Er machte eine kleine Pause, um sich zurechtzufinden. Langsam bahnte er sich seinen Weg ins Wohnzimmer zu dem Platz, wo Nina stand. Als er sein Gesicht dem Kamin zuwandte, war in seinem Ausdruck erst Erkennen, dann Erstaunen zu sehen. "Sie haben ein Feuer angezündet."

Nina betrachtete ihn aufmerksam. "Wie kommen Sie darauf?"

Steve hielt das offensichtlich für eine dumme Frage. "Ich kann die Hitze spüren." Er machte eine Pause. "Und ich höre das Knistern der Flammen."

Er wirkte aufgeregt, als er weitersprach. "Der Kamin ist gleich links von mir, nicht mehr als anderthalb Meter weit weg. Das bedeutet, ich stehe in Richtung auf die Treppe nach oben. Sie ist knapp sieben Meter von mir entfernt. Das Einzige zwischen mir und der Treppe ist die kleine Couch mit dem Tisch und der Lampe daneben. Sie haben die Glastür vor dem Kamin geöffnet."

Nina war genauso aufgeregt wie er. "Woher wissen Sie das?"

"Die Geräusche … Wenn die Tür zu wäre, würde sie die Geräusche dämpfen. Das Knistern wäre nicht so laut zu hören."

Nina trat auf ihn zu, und ihre Stimme verriet, wie sehr sie sich freute. "Das ist richtig, absolut richtig." Zum ersten Mal sah sie Steve Danforth strahlend lächeln, und das war so überwältigend, dass sie fast dahinschmolz.

Ganz spontan griff Steve in die Richtung, aus der Ninas Stimme kam, erwischte ihren Arm und zog sie an sich. Einen Moment lang schien die Zeit stillzustehen. Dann spürte Steve, wie Nina steif wurde, und sie löste sich von ihm.

"Nun …" Sie hatte ihre Stimme jetzt nicht ganz unter Kontrolle. Schnell steckte sie ein paar Strähnen fest, von denen sie meinte, dass sie sich aus ihrem festen Knoten gelöst hatten, und zog nervös an ihrer Kleidung. "Ich glaube, Sie haben gesagt, Sie hätten eine Frage."

Steve hatte fast den Eindruck, als hätte Nina plötzlich Angst. Aber er hatte doch gar nichts Bedrohliches getan. Und selbst wenn er Hintergedanken gehabt hätte, dann wäre sie doch ihm gegenüber eindeutig im Vorteil gewesen. Alles, was sie zu tun brauchte, war, außerhalb seiner Reichweite zu treten, und er würde nicht wissen, wo sie war.

Verwirrt verzog er das Gesicht. Es konnte nicht die körperliche Berührung sein, die ihr Angst gemacht hatte. Sie hatte seinen Ellbogen genommen, um ihn zu führen, hatte seine Hände auf verschiedene Gegenstände im Haus gelegt, damit er fühlen konnte, was das jeweils war. Körperkontakt war Teil ihrer Arbeit. Aber dies war irgendwie anders.

Nina unterbrach seine Gedanken. "Steve? Sie sagten, Sie hätten eine Frage?"

"Was? Ja." Er gab seine Überlegungen auf und wandte sich wieder der augenblicklichen Situation zu. "Dieser Anruf war von Traci … Traci Sinclair. Sie ist eine Frau, mit der ich mich seit einigen Monaten treffe." Er trat von einem Fuß auf den anderen. Irgendwie fühlte er sich unbehaglich, weil er dieses Thema mit Nina, einer völlig Fremden, diskutieren und sie um einen Gefallen bitten musste. Würde sie es lächerlich finden, dass er in seiner Lage an eine Freundin dachte? "Traci kommt morgen Abend her. Was tun Sie, wenn ich Gesellschaft habe und mit diesem Menschen allein sein will?"

Nina lächelte. Offenbar war es Steve peinlich, sie das zu fragen. "Dann ziehe ich mich in mein Zimmer zurück." Es überraschte sie, als sie einen heftigen Anflug von … sie wusste nicht genau, was … spürte. War es Eifersucht? Neid? Sie tat das sofort als Unsinn ab.

 

Ein lautes Krachen, gefolgt von schlimmen Flüchen, schreckte Nina aus dem Schlaf auf. Sie stieg schnell aus dem Bett und lief in die Halle hinaus. Die Geräusche kamen von oben. Etwas war mit Steve passiert. Sie hob den Saum ihres langen Nachthemdes hoch, um nicht darüber zu stolpern, als sie die Treppe hinauflief. Dann schaltete sie das Licht ein.

Auf dem Fußboden im Schlafzimmer, neben einem umgekippten Sessel, lag Steve Danforth. Nina lächelte, aber dann wurde sie schnell wieder ernst. Steves Körper zog ihren Blick geradezu magisch an. Sie betrachtete die strammen Muskeln seines Oberkörpers, das blonde Haar auf seiner Brust, seine breiten Schultern, die wohlgeformten Arme.

Ihr Blick wanderte abwärts zu seinem flachen Bauch und den muskulösen Beinen. Sie weigerte sich, darüber nachzudenken, was sich unter der kurzen roten Hose befinden mochte, die er trug. Ihre Handflächen wurden feucht, und trotzdem fühlte sich ihr Mund ganz trocken an. Ihr Herz schlug heftig, und sie wandte sich verlegen ab.

"Wer ist da?", fragte Steve ärgerlich. "Sind Sie das, Nina Morrison?" Er versuchte etwas zu finden, woran er sich festhalten konnte, um wieder in eine aufrechte Position zu kommen.

Nina griff nach seiner Hand. "Ja, ich bin es." Sie wusste, dass ihre Stimme unsicher klang, und hoffte, dass Steves Wut ihn daran hindern würde, das zu bemerken. Ihre Hände berührten sich. Sein Händedruck war warm und sorgte dafür, dass Nina ein Schauer über den Rücken lief.

"Gegen was bin ich gelaufen?"

"Es ist ein großer grüner Sessel." Nina half Steve beim Aufstehen, dann ließ sie ihn schnell wieder los und richtete den umgekippten Sessel auf.

"Was?" Steve verzog das Gesicht. "Der sollte in der Garage sein. Ich wollte ihn dem Gärtner schenken." Seine Stimme klang erneut ärgerlich. "Was tut er in meinem Schlafzimmer?"

"Das weiß ich nun wirklich nicht", erklärte Nina irritiert. "Aber ich rücke ihn gern für Sie woanders hin." Sie sah sich um. "Ich stelle ihn in die hintere Ecke Ihres Büros, neben das große Regal. Ist das für den Rest der Nacht in Ordnung? Morgen bringe ich ihn in die Garage."

Steve rieb sich das rechte Bein, wo sich bereits eine Beule bemerkbar machte. "Ja, ich schätze, das ist okay."

Nina kämpfte mit dem großen Sessel, brachte es aber schließlich fertig, ihn an den vereinbarten Platz zu schieben. Dann kehrte sie zu Steve zurück, der auf der Bettkante saß. "Ist jetzt alles, wie es sein sollte? Wenn ja, gehe ich wieder ins Bett."

Er drehte seinen Kopf in Richtung ihrer Stimme. Es war ihm anzusehen, wie dumm er sich vorkam. "Ich hatte Hunger und dachte, ich könnte mir etwas aus dem Kühlschrank holen, vielleicht ein Stück kaltes Huhn."

"Dann lassen Sie sich nicht aufhalten." Nina beobachtete, wie er auf ihren Mangel an Unterstützung reagieren würde. Immerhin hatte er sich auch allein auf den Weg gemacht. Aber natürlich hatte er zu der Zeit gedacht, sie würde schlafen und wüsste nicht, dass er auf war.

"Sie wollen einfach dastehen und mich die Treppe runterfallen und mir etwas …" Er brach ab, als ein Bild in seinem Kopf auftauchte, die Terrasse, die ihm entgegenzukommen schien, als er völlig hilflos mit dem Kopf voran die Außentreppe heruntergefallen war.

Nina erkannte den Ausdruck des Entsetzens auf seinem Gesicht, als er sich schnell zum Kopfteil seines Bettes zurückzog. Sie ging rasch zu ihm. "Sind Sie in Ordnung?" Sie bemühte sich um einen ruhigen Ton. "Steve, reden Sie mit mir. Geht es Ihnen gut?"

Er griff nach ihrem Arm und hielt ihn fest. Seine Finger drückten sich in ihre Haut. Sein Mund öffnete sich, aber es kam nichts heraus. Panik war in seinem Gesicht zu erkennen. Er blinzelte mehrere Male, versuchte etwas zu sagen, dann schluckte er, ließ Ninas Arm los und murmelte unsicher: "Ja, ich bin okay. Gehen Sie zurück ins Bett. Lassen Sie mich allein."

Nina musterte ihn einen Moment lang, während sie ihren Arm massierte, wo Steve sie festgehalten hatte. Sie fragte sich, was ihn plötzlich so sehr erschreckt hatte.

"Ich höre nicht, wie Sie sich bewegen." Steve klang nun wieder ärgerlich. "Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen ins Bett zurückkehren. Es geht mir gut."

"In Ordnung." Ninas Stimme verriet keinerlei Gefühl. Sie drehte sich um und steuerte auf die Treppe zu.

"Hey, warten Sie einen Moment, Nina Morrison. Kommen Sie wieder her", befahl Steve.

"Das werde ich gern tun, sobald das eine Bitte wird statt eines Befehls." Nina blieb stehen und wartete.

"Okay." Das kam leise und ohne jede Begeisterung.

"Ich kann Sie nicht hören", rief Nina. "Was haben Sie gesagt?"

"Ich sagte, okay." Das klang nun laut und wütend.

"Okay was?"

"Okay!", brüllte er. "Es ist eine Bitte."

Nina grinste triumphierend und ging dann zu Steve zurück. Direkt vor ihm blieb sie stehen. "Was wollen Sie?"

Er wirkte so gereizt wie ein kleiner Junge, der schmollt, nachdem er wegen eines geringfügigen Vergehens zur Rechenschaft gezogen wurde. "Tut mir Leid, dass ich Sie geweckt habe", murmelte er, aber diesmal bat Nina ihn nicht, seine Worte zu wiederholen.

Sie lächelte. "Das ist schon in Ordnung. Deshalb bin ich ja hier." Sie drückte seinen Arm, um ihn zu beruhigen. Als ihre Hand seine nackte Haut berührte, spürte sie, wie ein Schauer sie durchfuhr, und da war wieder dieses seltsame Gefühl in ihrem Inneren. Schnell trat sie einen Schritt zurück, zog an den Ärmeln ihres langen Flanellnachthemdes und glättete den Stoff. Dann griff sie automatisch nach ihrem Kopf, um die Strähnen zurückzustecken, die aus ihrem Knoten gerutscht sein mochten. Jetzt erst stellte sie fest, dass sie ihr Haar vor dem Schlafengehen ausgekämmt hatte. Es fiel ihr lose auf die Schultern, und sie steckte es nun hinter die Ohren.

Sie stand in ihrem Nachthemd vor Steve. Nur ein dünnes Nachthemd war zwischen ihrem Körper und seinem fast nackten. Sie erschauerte, als ihr das klar wurde. Ihr Puls raste. Obwohl er sie nicht sehen konnte, nicht wusste, was sie trug, fühlte sie sich doch ausgeliefert und verletzbar.

Das Schweigen wurde sehr angespannt, und sie überlegte verzweifelt, was sie sagen konnte. "Ich …äh … sollte besser wieder schlafen gehen, bevor es Zeit ist aufzustehen."

"Wie spät ist es?"

Sie sah auf die Uhr neben dem Bett. "Viertel vor zwei."

"Ist das Nacht oder Tag? Ich kann den Unterschied nicht feststellen, wie Sie wissen."

Nina wusste genau, was er gerade versuchte, und weigerte sich, auf diese Taktik hereinzufallen. Er bemühte sich, die Oberhand zu gewinnen. Das war typisch in diesen Situationen. Er fühlte sich, als ginge es um einen Wettkampf, in dem er gerade eine Runde verloren hatte. Nun musste er schnell Punkte machen, um nicht ganz auszuscheiden.

Nina tat so, als fände sie gar nichts an seiner Bemerkung ungewöhnlich. "Es ist natürlich Nacht. Und da wir schon davon sprechen, ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Ich sehe Sie dann morgen früh."

Als sie zur Treppe ging, hörte sie noch seine Erwiderung. "Nun, wenigstens wird einer von uns morgen früh etwas sehen." Aber darauf reagierte sie nicht.

Steve zog die Bettdecke über seine Brust. Er war hellwach. Sein Bein tat immer noch weh, wo er gegen den Sessel gestoßen war. Glücklicherweise war es das rechte, nicht das linke, das er sich kürzlich gebrochen hatte. Die Ereignisse der letzten paar Wochen gingen ihm durch den Kopf. Die ganze Zeit im Krankenhaus hatte er sich eingeredet, er würde wieder in Ordnung sein, sobald er nach Hause kam, in seine eigene vertraute Umgebung.

Was ihn in den schlimmsten Stunden, in der größten Depression und Verzweiflung aufrecht gehalten hatte, war der feste Glaube, dass dieses Nicht-sehen-Können nur eine vorübergehende Unbequemlichkeit war. Nicht einmal sich selbst gegenüber benutzte er je das Wort "blind". Er war sicher, dass es das Ende aller Hoffnung bedeuten würde, wenn er zugab, dass er blind war.

Ein leichtes Schuldgefühl quälte ihn. Er hätte es Nina nicht so schwer machen sollen. Sie versuchte bloß, ihm zu helfen, ihn zu lehren, unabhängig zu sein, sich auf seine … seinen vorübergehenden Zustand einzustellen.

Er fragte sich, wie sie aussah, wie alt sie war. Ihre Stimme klang jung, weich und melodisch. Er wusste, dass sie von mittlerer Größe war. Sie schien eine durchschnittliche Figur zu haben, obwohl er das nicht genau beurteilen konnte. Bei ihrer Umarmung hatte es sich so angefühlt, als würde sie irgendwelche seltsam unförmige Kleidung tragen. Ihre Berührung war leicht und sanft, ihre Hände glatt.

War sie verheiratet? Wurde sie durch den Aufenthalt in seinem Haus von ihrer Familie getrennt? Was für eine Art von Mensch suchte sich eine solche Arbeit aus? Zum ersten Mal seit seinem Unfall dachte Steve Danforth über etwas anderes als sein eigenes Unglück nach.

Seine Gedanken kehrten zu der letzten Unstimmigkeit in einem Tag voller Ärger zurück. Gerade eben hatte Nina sich anscheinend unbehaglich gefühlt, so ähnlich wie früher am Tag, als er sie impulsiv umarmt hatte. Es war fast, als hätte sie Angst.

Dann dachte Steve an Traci Sinclair. Sie hatte ihn nur zweimal im Krankenhaus besucht. Er hatte versucht sich einzureden, dass es keine Rolle spielte, dass manche Leute sich einfach zwischen Kranken und Verletzten nicht wohl fühlten. Heute Abend würde sie ja herkommen.

Er stellte sie sich in Gedanken vor. Traci war eine große, schlanke Blondine mit blauen Augen. Ihr langes seidiges Haar trug sie in einer Art Windstoßfrisur, frei und ungezähmt. Ihre hohen Wangenknochen und feinen Züge ergaben ein wirklich schönes Gesicht.

Er stellte sich nun ihren Hals vor, die weiche Haut an ihren Schultern, ihren perfekten Körper ausgestreckt auf seinem Bett, ihre Arme, die sich ihm entgegenhoben, ihn zu sich einluden.

Tatsächlich war Traci das Modell gewesen für die Glasstatue, die auf seiner Kommode stand. Auf diese Weise hatte er sie kennen gelernt. Er hatte die Statue in einer Galerie gekauft. Der Besitzer hatte ihm erzählt, das Modell wäre eine Freundin von ihm, und er hatte Steve gefragt, ob dieser daran interessiert wäre, sie zu treffen. Steve hatte die herrlich sinnlichen Kurven der Statue betrachtet und die Gelegenheit, dem Original zu begegnen, nur zu gern ergriffen.

Diese Erinnerungen erregten ihn. Es war mehrere Wochen her, seit Traci das Bett mit ihm geteilt hatte. Andererseits hatte er schon vor dem Unfall begonnen, seine Beziehung zu Traci in Frage zu stellen. Er wusste, dass darin etwas fehlte. Sie war wirklich schön, wahrscheinlich eine der schönsten Frauen, die er je getroffen hatte. Aber sie war auch eitel, egoistisch, eifersüchtig und anspruchsvoll. Die Szene wegen der Zeichnung über der Bar machte ihm immer noch zu schaffen.

Im Bett war Traci großartig, aber das war bloß Sex. Es hätte mehr geben sollen. Da war keine Spontaneität, keine intimen und tiefen Gefühle.

Als er im Krankenhaus gelegen hatte, unfähig zu lesen oder fernzusehen, hatte er viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Seine Sitzungen mit Dr. Cameron hatten auf schmerzhafte Weise in sein Privatleben eingegriffen. Ihre Fragen hatten ihn dazu gebracht, über Dinge nachzugrübeln, denen er sich eigentlich nicht stellen wollte. Dazu gehörten vor allem seine kurze Ehe mit Julia und sein Schuldgefühl wegen ihres Todes.

3. Kapitel

 

"Hey, Nina Morrison, sind Sie wach? Ich will wissen, wie spät es ist", rief Steve vom ersten Stock aus. Es kam keine Antwort.

Er stieg langsam und vorsichtig die Treppe hinunter. Dann rief er wieder, aber nichts geschah. Er ging den Flur entlang und blieb vor der geschlossenen Tür des Gästezimmers stehen. Nun klopfte er. Es kam immer noch keine Antwort.

Langsam öffnete er die Tür. Sobald er eingetreten war, hörte er die Dusche laufen. Entschlossen schritt er diesem Geräusch entgegen und fluchte, als er sich den Zeh an einem Stuhlbein stieß. Er hörte, wie das Wasser abgestellt wurde. Ohne zu zögern, öffnete er die Badezimmertür und trat ein. "Nina Morrison, ich will wissen, wie spät es ist."

Ninas Herz schien stehen zu bleiben, als sie Steves Stimme unmittelbar hinter sich hörte. Er war im selben Raum, wo sie nackt und klitschnass stand. Schnell bedeckte sie sich mit einem Handtuch. "Wie können Sie es wagen, hier ohne Ankündigung hereinzukommen, während ich gerade dusche!" Ihr Ton war ärgerlich, enthielt aber auch einen Anflug von Vorsicht, eine leichte Andeutung von Angst.

Es war nicht das erste Mal in all diesen Jahren, dass so etwas geschah. Vom Verstand her wusste sie, dass Steve sie nicht sehen konnte und dass es daher keinen Grund gab, verlegen zu sein. Trotzdem fühlte sie sich ausgeliefert und verletzbar. Dieser Mann weckte sowieso bereits unerklärliche und verwirrende Empfindungen in ihr.

Steve ließ sich in seinem Anliegen nicht beirren. Er beachtete Ninas strengen Ton überhaupt nicht. "Nina Morrison, ich will wissen, wie spät es ist."

Sie atmete tief ein und steckte sorgfältig das Handtuch fest, in das sie sich gewickelt hatte. Dann fuhr sie mit den Fingern durch ihr frisch gewaschenes Haar und bemühte sich, ruhig und beherrscht zu antworten. "Unter der Dusche trage ich keine Uhr. Wenn Sie warten würden, bis ich mich abgetrocknet und angezogen habe, dann …"

Er unterbrach sie. "Nein, ich will es jetzt wissen."

Sie schlang ein Handtuch um ihr nasses Haar. Was Steve brauchte, war eine sprechende Uhr, bei der man auf einen Knopfdruck hin von einem Computerchip die Zeit genannt bekam. Aber im Augenblick … "Steve, gehen Sie zum Telefon und rufen Sie die Zeitansage an."

Er schmollte wie ein kleines Kind. "Ich weiß die Nummer nicht."

Wenn er sich kindisch benehmen wollte, dann sollte sie ihn vielleicht entsprechend behandeln. "Gehen Sie in Ihr Zimmer und setzen Sie sich hin. Ich komme zu Ihnen, sobald ich mich abgetrocknet und angezogen habe." Sie hatte ihre Gefühle nun wieder unter Kontrolle und musterte Steve. Er trug eine Jogginghose, ein Sweatshirt, dessen Innenseite außen war und zwei verschiedenfarbige Socken ohne Schuhe.

Nina konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme amüsiert klang. "Und wenn Sie in Ihr Zimmer kommen, ziehen Sie Ihr Sweatshirt aus und drehen es um, bevor Sie es wieder anziehen. Außerdem stammen Ihre Socken von zwei unterschiedlichen Paaren. Wir werden Ihre Sachen so ordnen, dass das nicht wieder passieren kann."

Steve verzog ärgerlich das Gesicht. "Woran soll ich denn merken, dass meine Socken nicht zusammenpassen?"

Diese Reaktion hatte sie erwartet. "Das wird unsere Aufgabe für heute Vormittag, gleich nach dem Frühstück … sobald Sie gehen und mich allein lassen, damit ich mich anziehen kann."

Er drehte sich um. "Ich weiß immer noch nicht, wie spät es ist", murmelte er vor sich hin, als er das Zimmer durchquerte. Dann ging er hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Nina ließ sich in einen Sessel sinken. Ihr Puls raste. Sie war weniger als vierundzwanzig Stunden in diesem Haus. Es würde noch zwei Tage dauern, bevor Steve seine nächste Sitzung mit Dr. Cameron hatte. Nina wusste nicht, wie sie es bis dahin aushalten sollte.

Es waren nicht seine Wut und seine Forderungen, die ihr zu schaffen machten. Mit solchem Verhalten hatte sie schon oft in ähnlichen Situationen zu tun gehabt. Sie wusste, wie viel Angst diese Menschen hatten bei der Vorstellung, den Rest ihres Lebens blind verbringen zu müssen.

Mit Steve war es anders. Er weckte Gefühle in ihr, die sie nicht kannte und mit denen sie nicht umzugehen verstand. Sie wusste nicht, ob sie unter diesen Bedingungen ihre Arbeit auf professionelle Weise tun konnte, ob sie wirklich fähig sein würde, Steve zu helfen, sich auf seine Situation einzustellen und ein produktives Leben zu führen. Dies musste sie mit Dr. Cameron besprechen. Aber nun stand sie erst einmal auf und begann sich anzuziehen.

Steve war nicht in sein Schlafzimmer zurückgekehrt, sondern in die Küche gegangen. Er war beleidigt, weil Nina ihn wie ein Kind in sein Zimmer geschickt hatte. Allerdings wusste er, dass er sich wirklich wie ein Kind benommen und eine solche Reaktion verdient hatte.

Alles, was er in Wirklichkeit wissen wollte, war, ob es schon Morgen war. Er war hellwach, aber war es auch Zeit aufzustehen? Als er Ninas Dusche gehört hatte, hätte das eigentlich seine Frage schon beantworten sollen. Außerdem zwitscherten die Vögel in den Bäumen vor seinen Schlafzimmerfenstern, und das taten sie immer bei Tagesanbruch.

Steve beschloss, mehr darauf zu achten, was um ihn herum vorging, dann festzustellen, was es bedeutete und in welcher Weise es mit ihm zu tun hatte. Ihm war klar, dass es keine Entschuldigung für die Art gab, wie er in Ninas Badezimmer gestürmt war. Obwohl er sie nicht sehen konnte, hatte er sie wahrscheinlich trotzdem in Verlegenheit gebracht. Er fühlte sich schlecht wegen dieses Vorfalls und wusste, dass er sich entschuldigen sollte.

Wieder beschäftigte ihn die Frage, welcher Typ von Mensch sich einen solchen Beruf aussuchte. Wie mochte Nina aussehen? Wie alt war sie? Erneut kreisten seine Gedanken um eine andere Person und nicht bloß um sein persönliches Dilemma. Und wieder war die Person, die ihn zum Nachdenken bewegte, Nina.

Er verzog das Gesicht, als er daran dachte, was sie über seine Kleidung gesagt hatte, und betastete das Sweatshirt, das er trug. Sie hatte Recht. Er konnte die Nähte an den Schultern und den Seiten spüren. Das hätte er schon vor dem Anziehen bemerken sollen.

Also zog er das Sweatshirt aus, drehte es um und wollte es wieder anziehen. Aber dann hielt er inne. Er wusste nicht, ob er die vordere Seite auch wirklich vorn hatte. Nach kurzem Überlegen tastete er innen, bis er das Etikett fand. Daraufhin drehte er das Kleidungsstück um, denn es wäre verkehrt herum gewesen. Unwillkürlich lächelte er, als er erkannte, wie einfach das tatsächlich war.

"Wie ich sehe, haben Sie es geschafft, das Sweatshirt richtig anzuziehen."

Er drehte den Kopf in die Richtung, aus der Ninas Stimme kam. Eben war er so beschäftigt gewesen, dass er gar nicht gehört hatte, wie sie hereingekommen war. Jetzt war er verlegen. "Ja, es ist mir gelungen, dafür eine Lösung zu finden." Dann fiel ihm ein, was sie noch kritisiert hatte. "Was ist verkehrt mit meinen Socken? Sind es verschiedene Farben? Sie fühlen sich gleich an. Beides sind Sportsocken."

"Das stimmt, aber die eine ist weiß und die andere rot." Nina ging zur Kaffeekanne. "Ich werde Kaffee kochen." Als sie an Steve vorbeikam, der an der Kochinsel lehnte, griff er nach ihrem Hemd und brachte sie dazu stehen zu bleiben.

Er zog sie dichter an sich heran, bis er sie neben sich spüren konnte. Dann ließ er den Stoff ihres Hemdes los und umschloss stattdessen ihren Arm. Langsam ließ er seine Hand aufwärts gleiten bis zu Ninas Schulter und drehte sie so herum, dass sie, soweit er es beurteilen konnte, ihm direkt ins Gesicht sehen musste.

Ninas Puls raste. Als er nach ihrem Hemd geschnappt hatte, hatte er ihre Brust nur um Zentimeter verfehlt. Unkontrollierbare Gefühle erfassten sie. Sie sah ihm ins Gesicht. In seinem Ausdruck war nichts Falsches zu erkennen, aber trotzdem zitterte sie. Sie wollte von ihm fort, seiner Nähe entfliehen.

Steves Stimme klang sanft. Der Ärger und die Feindseligkeit waren weg. "Nina Morrison, es tut mir Leid, dass ich vorhin so in Ihr Bad reingestürmt bin. Das hätte ich nicht tun sollen. Es ist nur, dass ich …" Er schien Schwierigkeiten zu haben, die richtigen Worte zu finden.

Schließlich strömten sie mit einem Mal aus ihm heraus. "Es ist so frustrierend, dass ich nichts für mich allein tun kann, nicht mal etwas so Einfaches wie festzustellen, wie spät es ist. Ich kann nicht mal erkennen, ob es Tag oder Nacht ist." Er schüttelte resigniert den Kopf. "Ich konnte mich heute Morgen nicht anständig anziehen. Eigentlich dachte ich, alles wäre in Ordnung, wenn ich nach Hause komme, aber es ist nicht okay." Er nahm die Hände von ihren Schultern. Seine Stimme war so leise, dass Nina ihn kaum verstehen konnte, obwohl sie unmittelbar vor ihm stand. "Es wird nie wieder in Ordnung kommen."

Jeden anderen, mit dem sie jemals gearbeitet hatte, hätte sie in diesem Moment sofort umarmt, um ihn zu trösten, ihm zu zeigen, dass er nicht allein war, dass jemand da war, dem er etwas bedeutete. Bei Steve zögerte sie.

Dabei dachte sie an sich selbst, nicht an ihn. Sie fürchtete sich vor den Gefühlen, die er in ihr weckte. Mit geschlossenen Augen versuchte sie sich zusammenzureißen. Dann öffnete sie die Augen wieder und legte einen Arm um Steves Schultern. Ihre Stimme war sanft. "Das ist nicht wahr. Es wird alles wieder gut, ehrlich. Bitte glauben Sie mir."

Er griff nach ihr, zog sie an sich, hielt sie fest an seinem Körper. Das hatte er jetzt bitter nötig, den Kontakt mit einem Menschen, der ihm das Gefühl gab, dass wirklich alles wieder in Ordnung kommen würde, dass er weder nutzlos noch wertlos war.

Zum ersten Mal gab er sich selbst gegenüber zu, wie viel Angst er hatte, wie sehr er sich vor der Zukunft fürchtete. Er klammerte sich an Nina, als wäre sie das Leben selbst, wollte sie nicht wieder loslassen, weil mit ihr vielleicht sein einziger Kontakt zur Wirklichkeit verschwinden würde.

Erneut tobte in Nina ein Kampf zwischen Verstand und Gefühl. Vom Verstand her wusste sie genau, was vorging, was Steve empfand und erlebte, welcher Aufruhr in ihm herrschte. Aber sie war verwirrt, hatte nicht die geringste Ahnung, was mit ihr selbst los war, warum und wie Steve sie dazu brachte, diese neuen und beängstigenden Dinge zu spüren.

An der Tür klingelte es, und das unterbrach die angespannte Situation. Steve ließ Nina sofort los. "Ich wollte nicht so nach Ihnen greifen", begann er sich zu entschuldigen. "Ich bin …"

"Das ist schon in Ordnung", erklärte Nina. "Jeder braucht mal eine Umarmung. Das nächste Mal, wenn Sie sich allein fühlen, lassen Sie es mich wissen. Und wenn ich ein bisschen niedergeschlagen bin und denke, eine Umarmung könnte helfen, dann sage ich es Ihnen. Abgemacht?"

Er lächelte. "Ja, abgemacht."

Als Nina zur Vordertür ging, dachte sie, dass Steve ihr für einen kurzen Moment einen Blick in sein Inneres gestattet hatte, auf das, was hinter seiner Wut lag. Das war ein sehr gutes Zeichen, ein viel versprechender Anfang. Dann öffnete sie die Tür. Vor ihr auf der Veranda stand ein Mann. "Ja? Kann ich Ihnen helfen?"

"Guten Morgen. Ich bin Richard Butler, Steves Anwalt und Finanzverwalter." Der große, dünne Mann von Ende dreißig streckte Nina die Hand entgegen. "Man hat mir gesagt, dass jemand eine Weile bei ihm bleiben würde."

Nina schüttelte seine Hand. "Es freut mich, Sie kennen zu lernen. Ich bin Nina Morrison." Sie trat beiseite, um ihn ins Haus zu lassen, und schloss die Tür hinter ihm.

Er warf einen Blick ins Wohnzimmer. "Ist Steve hier? Ich hoffe, ich komme nicht zu früh. Ist er schon wach?"

Nina lächelte und deutete in Richtung Küche. "Er ist dort, und ich denke, ein bisschen Gesellschaft wird ihm ausgesprochen gut tun." Sie ging voran.

"Steve, es ist schön, dich zu Hause zu sehen." Richard klopfte ihm auf die Schulter. "Wie fühlst du dich?"

Steves Gesicht leuchtete auf. Er freute sich ganz offensichtlich über diesen unerwarteten Besuch. "Richard! Wie geht es dir, Kumpel?"

"Bestens. Ich war in der Nachbarschaft und dachte, ich komme mal vorbei, um nachzusehen, ob du gut nach Hause gekommen bist."

Steve musste lachen. "Das ist ein Witz. Das südliche Ende einer Insel im See ist für dich 'in der Nachbarschaft'? Daran werde ich dich erinnern, wenn du dich demnächst wieder darüber beschwerst, dass du herkommen musst, um mich etwas unterschreiben zu lassen."

Nina beobachtete die beiden Männer. Es war das erste Mal, dass sie Steve entspannt erlebte. Offenbar waren die zwei mehr als Geschäftspartner. Sie schienen enge Freunde zu sein. Nina machte sich in der Küche zu schaffen, indem sie Kaffee kochte und einige Brötchen heraussuchte.

Steve drehte sich zu den Geräuschen um, die sie mit der Kaffeekanne machte, dann wandte er sich wieder an Richard. "Hast du Nina Morrison schon kennen gelernt? Sie ist mein Babysitter." Er grinste boshaft. "Allerdings leistet sie nicht gerade gute Arbeit. Sieh mal." Er deutete auf seine Füße. "Sie kann nicht mal zusammenpassende Socken für mich finden."

Nina hielt inne in ihren Frühstücksvorbereitungen und hörte fasziniert zu. Steve neckte sie doch tatsächlich. Sie sah von ihm zu Richard und dann zurück zu Steve. Richard warf ihr einen fragenden Blick zu, bevor er sich wieder auf seinen Freund konzentrierte.

"Ja, Nina und ich haben uns kennen gelernt." Er drückte freundschaftlich Steves Schulter und zwinkerte Nina zu. "Du solltest tun, was sie dir sagt. Hör ihr zu, pass auf, was sie dir erklärt, und ich bin sicher, dass du gut zurechtkommen wirst. Falls nicht …", er lächelte Nina zu, "… lade ich sie zu mir ein, und du kannst hier ganz allein herumsitzen und schmollen."

Nina spürte, wie sie rot wurde. Sie war nicht sicher, wie genau sie auf diese Neckerei reagieren sollte.

Steve schmunzelte. "Ich wette, deine Frau wird begeistert sein."

"Nina und ich lassen uns etwas für Margie einfallen. Mach dir keine Sorgen deswegen", erwiderte Richard ruhig.

Steve wurde ernst. "Wie geht es Margie? Sag ihr auf jeden Fall, wie sehr ich all die Anrufe und Besuche zu schätzen wusste, als ich im Krankenhaus war. Man fühlt sich so einsam, und die Tage scheinen endlos zu sein, wenn man …" Er brach ab, und ein schmerzhafter Ausdruck war in seinem Gesicht zu erkennen.

Es hatte Steve sehr enttäuscht, sogar verletzt, dass die meisten seiner so genannten Freunde nach zwei Wochen aufgehört hatten, vorbeizukommen oder wenigstens anzurufen. Selbst Traci hatte ihn nur zweimal besucht. Richard und Margie waren anders. Einer von beiden war jeden Tag erschienen, auch wenn es manchmal nur für ein paar Minuten gewesen war.

Nina konnte Richard ansehen, wie besorgt er um seinen Freund war. Wieder warf er ihr einen fragenden Blick zu. Sie trat vor. "Ich habe frischen Kaffee, falls jemand daran interessiert ist. Und es gibt auch Brötchen." Sie wandte sich an Richard, während sie Tassen aus dem Schrank holte. "Soll ich für Sie mitdecken?"

"Ja, ich hätte gern Kaffee. Danke."

Alle drei setzten sich an den Tisch, tranken ihren Kaffee und redeten über alles Mögliche. Nina hörte aufmerksam zu, als Richard und Steve Erinnerungen an gute Zeiten austauschten, an Partys, Segelausflüge, Skilaufen, Wochenendreisen und Urlaub. Steve war lebhaft, ging aus sich heraus und war ausnahmsweise einmal kurze Zeit nicht wütend.

Richard sah auf die Uhr. "So viel Spaß das auch macht, ich habe Geschäfte, um die ich mich kümmern muss. Tatsächlich habe ich ein paar Papiere dabei, die du unterschreiben solltest, da ich schon mal hier bin. Es dauert nur eine Minute."

Steve grinste. "Du warst gerade zufällig in der Nachbarschaft, was? Und was unterschreibe ich diesmal?"

Nina stand auf. "Wenn Sie beide über Berufliches zu reden haben, lasse ich Sie allein."

Sie ging in ihr Zimmer. Steves Drängelei und seine Forderungen heute Morgen hatten sie dazu veranlasst, sich sehr eilig anzuziehen. Sie hatte sich nicht die Zeit gelassen, ihr kastanienbraunes Haar aufzustecken. Stattdessen hing es in natürlichen Locken auf ihre Schultern, und da es frisch gewaschen war, glänzte es ganz besonders.

Nina betrachtete ihr Spiegelbild. Sie hielt sich für eine sehr unattraktive, unscheinbare Frau. Unwillkürlich dachte sie darüber nach, was für einen Typ Steve Danforth anziehend finden mochte. Wusste er Intelligenz, Ehrlichkeit, Freundlichkeit und Humor zu schätzen, oder zog er leere Schönheit und Kurven an den richtigen Stellen vor?

Nina schalt sich selbst für diese Gedanken. Ihre persönlichen Vorurteile kamen zum Vorschein. Nur weil eine Frau schön war, bedeutete das doch nicht, dass sie nichts im Kopf haben konnte. Sie glättete ihr Haar und nahm es zu einem Pferdeschwanz zusammen. Dann starrte sie sich an und verzog das Gesicht. Sie ließ ihr Haar wieder los und trat vom Spiegel weg.

Danach setzte sie sich an den kleinen Schreibtisch in der Ecke des Zimmers und holte ein Notizbuch aus der Schublade. Sie musste sich Notizen machen für ihre Besprechung mit Dr. Cameron am Freitag.

Die Seite in dem Buch blieb leer. Sosehr Nina es auch versuchte, sie war unfähig, ihre Gedanken über Steve Danforth und die Fortschritte, die sie machten, zu ordnen. Sie begann zu zittern, als sie sich daran erinnerte, wie er auf dem Boden in seinem Schlafzimmer gelegen hatte, nachdem er über den Sessel gestolpert war. Schnell klappte sie das Notizbuch zu und steckte es in die Schublade zurück.

Aus dem Wohnzimmer konnte sie Stimmen hören. Da sie einen Moment allein mit Richard sprechen wollte, bevor er ging, lief sie schnell hinaus. Steve saß auf der Couch im Wohnzimmer, aber Richard stand gerade auf.

Er warf Nina einen schnellen Blick zu, der bedeutete, dass er sich mit ihr unter vier Augen unterhalten wollte. Sie ging zur Tür, während Richard sich noch von Steve verabschiedete.

"Warum treffen wir uns nicht am Samstagabend zum Essen? Ich rufe dich an. Versuch inzwischen, dich anständig zu benehmen, oder wenn du das schon nicht kannst, sei wenigstens einigermaßen höflich zu Nina."

"Ja, das kann ich machen." Steve dachte wieder daran, wie schlecht er sich benommen hatte. Von nun an würde er sich bessern und mitarbeiten. Immerhin war Nina nicht an seinem Zustand schuld. Sie bemühte sich bloß, ihm zu helfen.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände, dann ging Richard. Als er sich der Vordertür näherte, öffnete Nina diese und trat mit ihm hinaus. "Sagen Sie mir die Wahrheit." Richards Gesichtsausdruck verriet, wie ernst es ihm war. "Wie stehen Steves Chancen, je seine Sehkraft wiederzuerlangen?"

Nina musterte ihn einen Moment lang, als sie die Einfahrt hinuntergingen. Sie überlegte sich ihre Worte sorgfältig. "Dr. McKendrick meint …"

"Mit Dr. McKendrick habe ich selbst geredet und all dieses nichts sagende Zeug gehört. Jetzt will ich die Wahrheit. Wie stehen Steves Chancen?"

Nina betrachtete ihn noch einen Moment länger. "Sie und Steve scheinen mehr zu sein als bloß Geschäftspartner. Sie sind eher enge Freunde."

"Das waren wir bereits, bevor seine Frau gestorben ist, sogar schon vor seiner Heirat." Richard machte eine kurze Pause. "Ich kann verstehen, dass Sie zögern, Informationen herauszugeben, also werde ich zuerst offen sein. Steve hat bisher so viel Geld ausgegeben, dass er nicht gerade in bester finanzieller Verfassung ist für so eine Art von Notfall. Natürlich bekommt er etwas von der Versicherung, aber wenn er weiterhin arbeitsunfähig ist, dann wird in etwa einem Jahr kein Bargeld mehr vorhanden sein. Er wird dann seinen Besitz verkaufen müssen, angefangen mit dem Segelboot da draußen. Der Unterhalt dieses Spielzeugs könnte schon allein eine Menge Notwendigkeiten decken. Ich muss wissen, was wir zu erwarten haben, damit ich planen kann. Falls die Situation tatsächlich hoffnungslos ist, will ich auf der Stelle anfangen, einige der unnötigen Kosten einzusparen."

"Ich verstehe." Nina berichtete, was Dr. Cameron ihr erzählt hatte.

"Also kann man zu diesem Zeitpunkt bloß abwarten", stellte Richard fest.

"Das ist richtig. Meine Aufgabe ist es, Steve zu helfen, sich ohne Sehkraft zurechtzufinden und unabhängig zu sein. Ich werde eine Woche hier bleiben, vielleicht auch länger. Steve ist ein sehr komplizierter Mensch", fuhr sie fort. "Und die Situation wird noch dadurch verschärft, dass seine gesamte Welt bisher aufs Sehen ausgerichtet war. Ich habe keine andersartigen Interessen entdecken können. Mag er Musik? Spielt er vielleicht ein Instrument?"

"Er tanzt gern, aber das ist auch schon alles, was Musik angeht." Richard sah auf seine Uhr. "Oje, ich muss mich beeilen. Bevor ich gehe, ist da noch etwas, das Steve braucht?"

Nina sah Richard einen Moment lang nachdenklich an. "Wissen Sie, da ist ein Gegenstand, der wirklich hilfreich wäre, falls Sie ihm tatsächlich etwas besorgen wollen."

"Natürlich will ich das. Was ist es?"

"Er ist geradezu besessen davon, immer zu wissen, wie spät es ist, was unter den Umständen gar nicht so ungewöhnlich ist. Er könnte eine ganz bestimmte Art von Uhr gebrauchen."

 

"Nina Morrison, wo sind Sie?" Steve stand in der Mitte des Wohnzimmers. Er hatte nicht bemerkt, dass Nina mit Richard zur Tür hinausgegangen war. "Nina Morrison, antworten Sie mir!"

Das Telefon klingelte. Ein Gefühl von Panik überkam Steve. Der nächste Apparat war in dem Raum mit der Bar. Es klingelte wieder, dreimal, viermal. Beim sechsten Klingeln griff Steve nach dem Hörer.

"Steve, Darling." Es war Traci. "Ich wollte dich nur wissen lassen, dass ich schon um sechs komme statt um halb acht, wie wir es besprochen hatten."

"Was ist verkehrt mit halb acht?", fragte Steve irritiert.

"Nun sei doch nicht ungehalten, Darling", gurrte sie. "Es ist ja nicht so, als wärst du nicht sowieso zu Hause. Ich sehe dich dann bald." Sie legte auf. Steve setzte sich hin und verzog das Gesicht.

"Habe ich da gerade das Telefon gehört?", erkundigte sich Nina von der Halle aus.

"Wo zum Teufel waren Sie?" Das klang ärgerlich und ungeduldig. "Ich habe immer wieder nach Ihnen gerufen."

Nina blieb ruhig. "Jetzt bin ich hier. Ist etwas nicht in Ordnung?"

Er entspannte sich ein bisschen. "Das Telefon hat geklingelt." Er merkte, wie albern sein Ausbruch gewesen war.

"Und? War der Anruf für mich?"

"Nein." Das war Steve peinlich. "Er war für mich."

"Warum haben Sie dann nach mir gerufen? Offenbar sind Sie doch an den Apparat gegangen, haben das Gespräch entgegengenommen und wieder aufgelegt, alles ohne Hilfe."

Steve wechselte schnell das Thema. Er wollte nichts fortsetzen, wobei er sowieso nicht gewinnen konnte. "Wie spät ist es, Nina Morrison?"

Nina sah auf ihre Uhr. "Es ist halb zwölf Uhr vormittags." Sie lächelte. Gerade eben hatte sie Richard erklärt, wo er die Spezialuhr bekommen würde. Er hatte versprochen, sie noch heute Nachmittag hier ins Haus liefern zu lassen. Das war der perfekte Gegenstand, um Steves Stimmung zu verbessern, ihm ein Gefühl von Unabhängigkeit zu verschaffen.

"Halb zwölf? Es ist also fast Zeit zum Mittagessen. Wann bin ich aufgestanden?"

"Ich weiß nicht, um welche Zeit Sie aufgewacht sind, aber als Sie in meinem Bad erschienen sind und auf der Stelle die Uhrzeit wissen wollten, war es ungefähr halb acht."

Das klang weder verärgert noch vorwurfsvoll. Tatsächlich hatte Steve fast den Eindruck, als würde Nina ihn necken. Er fragte sich, ob er das richtig auffasste. Zögernd lächelte er. "Nina Morrison, machen Sie sich über mich lustig?"

Ihr Lachen klang sanft, tröstlich und … ehrlich. "Wie können Sie so etwas fragen? Glauben Sie wirklich, ich bin ein Mensch, der sich über einen Mann lustig machen würde, der eine weiße und eine rote Socke trägt?"

Er lachte mit ihr, und das war ein gutes Gefühl. Nina trat neben ihn. Es war schön, ihn so fröhlich zu sehen, selbst wenn es nur für kurze Zeit war. "Kommen Sie, wir werden versuchen, Ihre Kleidung so zu ordnen, dass Sie immer wissen, was es ist."

Steve wurde ernst. Er streckte eine Hand in die Richtung, aus der Ninas Stimme kam. Dann zog er sie langsam an sich. "Ich denke, ich brauche jetzt eine dieser Umarmungen, von denen Sie gesagt haben, ich könnte sie jederzeit bekommen." Er dachte an sein Gespräch mit Traci. Sie hatte ihm mehr oder weniger erklärt, dass er nutzlos war, dass es keinen Ort gab, wo er hingehen konnte, dass er nichts zu tun hatte, so dass es keine Rolle spielte, wenn sie willkürlich den Zeitpunkt ihrer Verabredung änderte.

Etwas regte sich in Ninas Inneren. Ein Schauer durchfuhr sie, als Steve sie berührte. Ihr Puls raste. Steve umarmte sie. Das war nicht beängstigend, nicht aggressiv, sondern bloß dieselbe Art von Umarmung, die sie tausendmal mit anderen Patienten ausgetauscht hatte. Aber dies fühlte sich nicht so unschuldig an.

"Sie zittern ja", stellte er leise fest. "Ist Ihnen kalt?"

Die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. Ihr Mund wurde trocken, und ihr Herz pochte wie wild.

Als sie dann wieder sprechen konnte, klang ihre Stimme nicht so beherrscht, wie sie es gern gehabt hätte. "Ja, es ist ein bisschen kühl hier drin. Ich hätte einen Pullover anziehen sollen." Sie wollte sich aus Steves Armen lösen.

Er hielt sie noch fester, weigerte sich, sie loszulassen. "Warten Sie." Das war fast eine Beschwörung. "Gehen Sie nicht, bitte." Er streichelte ihr volles Haar.

Jeder Zentimeter ihres Körpers schien zu prickeln. Sie musste weg von Steve, fort aus seiner Nähe. "Wir müssen wirklich anfangen zu arbeiten." Sie hoffte, dass das entschieden klang. "Der halbe Tag ist schon vorüber. Wir wollten Ihre Kleidung ordnen, erinnern Sie sich?"

Steve ließ sie widerstrebend los. "Ja, meine Kleidung." Er hatte Nina nicht gehen lassen wollen. Sie fühlte sich wunderbar warm an. Er verstand nicht, warum sie zitterte. So kalt war es nicht im Haus. Ob sie aus irgendeinem Grund Angst hatte? Dies war schon das dritte Mal, dass er das bei einer Berührung gespürt hatte.

"Ich denke, ich möchte etwas zu essen, bevor wir nach oben gehen." Er ging hinaus, und Nina folgte ihm.

Trotz ihrer Gegenwart hatte er allein die Initiative ergriffen und war ohne sie auf die Küche zugesteuert. Nina überlegte, warum sich seine Haltung so plötzlich geändert hatte. Jetzt stand er vor einer offenen Schublade, nahm Besteck heraus und legte es auf die Arbeitsfläche. Als Nächstes holte er Teller aus dem Schrank und packte sie neben das Besteck.

"Sie scheinen viel besser zurechtzukommen, als Sie mich bisher haben glauben lassen", stellte Nina fest.

"Dies ist eigentlich ziemlich einfach", erklärte er. "Es ist meine Küche, und die Sachen müssen nicht zusammenpassen, damit ich sie benutzen kann." Er drehte sich zum Kühlschrank um. "Mit Lebensmitteln wird es allerdings schwieriger."

"Dann lassen Sie uns mit der Küche anfangen statt mit Ihrer Kleidung."

4. Kapitel

 

Nina machte schnell etwas zu essen zurecht, und danach verbrachten sie den Nachmittag damit, die gesamte Küche durchzuarbeiten. Sie fingen an der Tür an, gingen im Uhrzeigersinn voran, und Nina ließ Steve bei jedem Schrank feststellen, was er enthielt. Die Speisekammer war am schwierigsten für ihn. All die Dosen und Schachteln fühlten sich gleich an.

Als Nächstes nahmen sie sich den Kühlschrank und das Gefriergerät vor und ordneten den Inhalt so an, wie Steve es am logischsten fand. Als sie damit fertig waren, half Nina ihm, den Geschirrspüler mit den Sachen vom Mittagessen zu beladen.

Steve lächelte strahlend. Offensichtlich war er zufrieden mit dem, was er geleistet hatte. "Na, Nina Morrison, habe ich diesen Test bestanden?"

Wie schon am Tag zuvor schmolz Nina fast dahin beim Anblick seines Lächelns. Ihr Puls beschleunigte sich. "Ja, ich denke, man kann Sie ruhig hier allein lassen. Tatsächlich sollten Sie derjenige sein, der morgens das Frühstück macht."

Steves Blick wurde sofort ein bisschen ängstlich. "Halten Sie das für eine gute Idee? Sie werden mir doch helfen, oder?"

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