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Baccara Exklusiv Band 19

Fayrene Preston

Ein sinnlicher Traum

1. Kapitel

 

Jill Baron hielt abrupt inne. Ihr Garten drehte sich. Sie holte tief Luft und wartete einen Moment. Sie wusste und hoffte, dass sich jetzt einstellen würde, was ihr die Vernunft sagte. Der Grund und Boden, den sie hier in North Dallas seit zehn Jahren besaß, hatte sich nicht ein einziges Mal bewegt, geschweige denn gedreht.

Kein einziger Hektar Boden in ganz Texas hatte sich jemals bewegt. Sandstürme vermochten riesige Mengen des trockenen Bodens aufzuwirbeln. Tornados konnten ganze Häuser, Bäume und Autos mitreißen. Aber der Boden regte sich nicht. Mit dem Gedanken tröstete sie sich, und schon kam ihr Garten zum Stillstand.

Ja, es war alles in bester Ordnung.

"Kann ich irgendetwas für dich tun, ehe ich gehe?"

Jill zuckte zusammen. Sie hatte geglaubt, sie sei allein. Sie wandte sich um und rang sich ein Lächeln für ihre Assistentin ab. "Nein, Molly."

"Ganz bestimmt nicht? Du siehst blass aus."

"Abends sieht jeder blass aus." Sie schätzte Molly sehr für ihren Fleiß und ihre Organisationsfähigkeit. Doch zwischendurch zeigte ihre Assistentin die bedauernswerte Neigung, sie zu bemuttern. Jill hatte ihre Mutter verloren, als sie drei war. Jetzt brauchte sie ganz gewiss keine Ersatzmutter mehr.

"Du bist doch sonst nicht so blass, Jill. Hör mal, ich kann eben nach oben gehen und dir deine Medizin holen."

"Nein." Jill schloss die Augen. "Entschuldige, ich wollte nicht so schroff sein, aber du weißt, wie ich darüber denke. Es geht mir gut, und du hast heute hart gearbeitet. Die Party ist wunderbar verlaufen. Danke, dass du geholfen hast. Fahr jetzt nach Hause und schlaf gut."

"Wenn du sicher bist." Molly schaute sie besorgt an.

"Bin ich."

"Dann bis morgen."

"Gute Nacht." Jill nippte an der Champagnerflasche, die sie in der Hand hielt, und blickte in den Pool. Blaue Filter vor den Lampen hatten das Schwimmbecken in eine herrliche hellblaue Oase verwandelt. Lotusblumenförmige Kerzen schwammen auf der Oberfläche.

Sie schaute genauer hin. Die Flammen waren viel zu hell. Sie goss etwas Champagner über eine der Kerzen, so dass die Flamme erlosch, und setzte ihren Weg entlang des Pools fort, wobei sie eine Kerze nach der anderen mit Champagner auslöschte. Dann nahm sie wieder einen kleinen Schluck aus der Flasche.

Sie war noch nicht bereit, ins Haus zu gehen. Der Letzte ihrer Gäste hatte sich verabschiedet, die Band und der Partyservice waren gegangen. Jill liebte es, nach einer Party noch einmal über ihr Anwesen zu spazieren und den Abend Revue passieren zu lassen. Es gefiel ihr, wenn Ruhe und Stille eintraten. Aber mehr noch als das liebte sie das Gefühl, eine erfolgreiche Party gegeben zu haben.

Der Pool geriet ins Wanken. Der Boden unter ihr bewegte sich. Sie musterte ihre nackten Füße, die unter dem Saum ihres beigefarbenen Abendkleides hervorlugten. Der Boden bewegte sich nicht. Sie auch nicht.

Verdammt! Vielleicht hatte sie mehr Champagner getrunken, als sie gedacht hatte. Doch nein, das konnte nicht sein. Sie war noch nie in ihrem Leben betrunken gewesen. Außerdem verzichtete sie meistens auf ihren eigenen Partys ganz auf Alkohol. Sie konnte es nicht ertragen, über irgendetwas die Kontrolle zu verlieren, und am wenigsten über ihre geistigen Fähigkeiten. Sie wartete, und ihre Geduld wurde dadurch belohnt, dass der Boden sich wieder so fest und sicher anfühlte, wie er es sollte.

Sie zuckte mit den Achseln und trank einen weiteren Schluck Champagner. Die Party war ein echter Erfolg gewesen. Sie hatte Holland Mathis so weit gebracht, dass er demnächst seine Unterschrift unter den Verkaufsvertrag von drei Häusern setzen würde, die im südlichen Teil von Dallas lagen. Sie hatte es sogar geschafft, Tyler Forster für die Umgestaltung der Häuser in Eigentumswohnungen zu gewinnen. Alles in allem entwickelten sich die Tage ganz wie geplant.

Ihr Geschäft lief gut. Sie konnte mit dem, was sie erreicht hatte, mehr als zufrieden sein. Und das war sie auch.

Außer …

Den beleuchteten Pool umgab eine eigenartige Aura, es sah fast so aus, als schwebe das blaue Licht wie eine schimmernde, transparente Wolke darüber. Himmel, was fantasierte sie sich da zusammen! Eine schimmernde, transparente Wolke – das ergab keinen Sinn.

Ich muss meine Vernunft walten lassen, sagte Jill sich und weigerte sich, ihren seltsamen Wahrnehmungen Glauben zu schenken. Das durfte sie nicht tun. Sie kehrte dem Pool den Rücken und schlenderte über den Rasen, dessen Rand rote Geranien und weiße Lilien säumten. Der Rasen fühlte sich unter ihren nackten Füßen weich und kühl an. Ja, das tat gut.

Sie nippte am Champagner und kehrte in Gedanken zu ihrer Party zurück. Trotz allem, was sie erreicht hatte, fehlte ihr etwas. Aber was konnte das sein?

Nachdenklich hielt sie inne. Natürlich. Des!

Bis heute war es ihr trotz aller Mühen nicht gelungen, ihren Stiefcousin zur Heirat zu bewegen.

"Was ist denn? Hast du kein Glas gefunden?"

Erschrocken wirbelte Jill herum und verlor fast das Gleichgewicht. "Colin."

Colin Wynne lächelte und griff nach der Champagnerflasche. "Wenn du schon aus der Flasche trinkst, dann solltest du das so machen." Er legte den Kopf in den Nacken und leerte die Flasche in wenigen Sekunden.

"Ich brauche keine Belehrungen, wie ich Champagner trinken soll." Sie entriss ihm die Flasche.

"Nein, deshalb ist es ja so interessant, dich aus der Flasche trinken zu sehen. So etwas habe ich bei dir noch nicht erlebt. Aber wenn ich darüber nachdenke, barfuß gehst du sonst auch nicht. Hellrosa lackierte Fußnägel – die Farbe hat keine besondere Aussagekraft, Jill."

Er sprach ungewöhnlich laut und bestimmt, fand sie. "Ich wollte auch keine Aussage machen."

"Dann ist es ja gut." Er hob die Schultern, als wollte er andeuten, er sei nicht verantwortlich für ihren schlechten Geschmack. Er nörgelte stets gern an ihr herum, bis sie aus der Haut fuhr.

"Es gibt eine Menge Dinge, die du mich bisher nicht hast tun sehen. Aber das heißt doch nicht, dass irgendetwas davon interessant ist oder dass du jemals erleben wirst, wie ich es mache."

"Ach, da irrst du dich."

"Wieso das denn?" Jill fuhr sich mit der Hand über die rechte Schläfe. Colin verwirrte sie. Warum musste von ihren Bekannten ausgerechnet er zurückkehren? Sie bewegten sich in den gleichen gesellschaftlichen Kreisen, trafen sich auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. In letzter Zeit kam es ihr so vor, als ob jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, plötzlich Colin da war. Heute Abend hatte sie sich das jedoch selbst zuzuschreiben, da sie ihn mit auf die Gästeliste gesetzt hatte.

"Alles, was du machst, interessiert mich, Jill. Wo sind deine Schuhe?"

Sie verstand nicht, worauf er hinauswollte. Aber jetzt, da er es erwähnte, überlegte sie, wo ihre Schuhe sein mochten. "Was machst du hier? Ich dachte, ich hätte dich weggehen sehen." Im selben Moment erinnerte sie sich, dass Colin eine attraktive junge Frau zur Vorderseite des Hauses begleitet hatte. Ihr fiel auch ein, dass die junge Frau rotes Haar gehabt und ein orangefarbenes Kleid getragen hatte. "Du bist mit Corine weggegangen."

"Ich habe sie nach Hause gebracht. Sie wohnt drei Blocks weiter, wie du weißt. Dann bin ich zurückgekommen und habe gewartet, bis alle Gäste gegangen waren."

Jill runzelte die Stirn. "Warum, um Himmels willen?"

"Warum ich Corine nach Hause gebracht habe? Weil die Leute, mit denen sie gekommen war, noch nicht gehen wollten."

"Ich wollte wissen, warum du hierher zurückgekommen bist."

"Um nach dir zu sehen."

"Nach mir … ?" In ihrer Verblüffung schaffte sie es kaum, sich aufrecht zu halten, als der Boden unter ihren Füßen erneut ins Wanken geriet. Sie schloss ihre Augen und wünschte sich, der Boden würde sich nicht bewegen. Das konnte einfach nicht passieren. Sie durfte es nicht zulassen, besonders nicht in Colins Gegenwart. Sobald der Boden ruhte, öffnete sie die Augen und bemerkte in seinem Blick eine Fürsorglichkeit, die sie restlos aus der Fassung brachte.

Aber andererseits brachte Colin sie immer in irgendeiner Weise aus der Fassung. Mit seiner Sonnenbräune und dem goldbraunen Haar, das stets zerzaust wirkte, sah er aufreizend gut aus und strahlte Optimismus aus. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaute, hätte sie am liebsten genüsslich die Finger durch sein Haar gleiten lassen.

Außerdem hatte er ein Grübchen auf der linken Wange. Es erschien schon bei einem schwachen Lächeln und faszinierte selbst nüchterne, erfahrene Frauen manchmal so sehr, dass sie darüber vergaßen, was sie hatten sagen wollen.

Seine Augen waren braun, mit einem warmen goldenen Schimmer. Ein Blick von ihm, und die Frauen wurden schwach und taten, was er wollte. Das allein war abscheulich.

Aber das Schlimmste war, wie er sie, Jill, behandelte. Niemand machte sich über sie lustig. Niemand außer Colin. Wie oft hatte sie mitten auf einer Party oder einer Konferenz beobachtet, wie er sie mit amüsiertem Blick musterte, als ob er einen Witz kannte, den sie noch nicht gehört hatte. In manchen Situationen beschlich sie sogar das merkwürdige Gefühl, dass er genau wusste, was sie dachte.

Aber jetzt war sein Blick vollkommen ernst. Sie versuchte sich zu erinnern, was sie hatte sagen wollen, es fiel ihr jedoch nicht ein. "Was hast du gerade gesagt?"

"Dass ich zurückgekommen bin, um mich um dich zu kümmern."

"Ja, natürlich. Ich wusste es doch." Sie holte tief Luft. "Aber warum meinst du, dass du dich um mich kümmern musst?" Erneut berührte sie ihre Schläfe.

"Weil ich zum Schluss den Eindruck hatte, dass irgendetwas mit dir nicht stimmt. Ich bin zurückgekommen, weil ich dich fragen wollte, ob ich dir helfen kann."

Die Champagnerflasche glitt ihr aus der Hand, und sie wagte nicht, sich danach zu bücken, aus Furcht, der Boden unter ihren Füßen könne sich erneut bewegen. Sie fühlte sich wie beschwipst. Natürlich wusste sie, dass das nicht der Fall war. Vielleicht war ihr Blutzuckerspiegel einfach etwas niedrig. Sie hätte etwas mehr essen sollen. "Die Mühe hättest du dir sparen können, Colin. Es ist alles in Ordnung."

"Wirklich?"

"Ja."

Als sie Colin vor ein paar Jahren auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung begegnet war, hatte er deutliches Interesse an ihr gezeigt, aber als sie das Interesse nicht gleich erwidert hatte, hatte er sich sofort von ihr zurückgezogen. Seither sah sie ihn immer nur in irgendwelchen Gruppen. Sie hatten eine Reihe gemeinsamer Freunde und Geschäftspartner, und in diesen Kreisen bewegten sich Leute, die ihnen ähnlich waren – dynamische, ehrgeizige Männer und Frauen in ihrem Alter.

Jill wusste, dass er sie nicht aus den Augen ließ, auch wenn sie nicht verstehen konnte, warum. Er konnte manchmal sehr lustig, charmant und unterhaltsam sein. Aber die meiste Zeit war sie verärgert über ihn.

Sie hatte keine Ahnung, wie er darauf kam, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Sie hatte selbst nichts davon gemerkt. Sie wusste auch nicht, was sie überhaupt mit ihm anfangen sollte, jetzt wo er hier war. Sie runzelte die Stirn. Nein, stimmt nicht. Das wusste sie schon. Sie musste ihn so schnell wie möglich loswerden.

"Hör mal, Colin, es war nett von dir, noch mal nach mir zu sehen, aber es war nicht notwendig. Ehrlich gesagt, ich wollte gerade …" Sie schaute zum Haus hinüber, doch ihr fiel das Wort nicht ein, deshalb deutete sie nur auf den Eingang. Oh nein! Sie stöhnte innerlich. Ihr fehlten schon die Worte, ein wirklich schlechtes Zeichen.

Behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und steuerte aufs Haus zu. Colin ging neben ihr, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er seine Hand unter ihren Ellenbogen geschoben, damit sie nicht wankte. Doch seine Hilfe war das Letzte, was sie sich wünschte. Und schon gar nicht wollte sie, dass er merkte, was ihr tatsächlich fehlte.

Vor ihr teilte sich der Pfad. Links ging es zum Haus, das jetzt nicht mehr so weit entfernt war. Sie war überzeugt, dass sie es problemlos bis dahin schaffen würde. Rechts führte der Pfad seitlich ums Haus herum nach vorn, wo Colin zweifellos seinen Wagen stehen hatte. Also würde er wohl die Richtung wählen.

"Du gehst rein? Um zu arbeiten?"

Sie wollte ihm schon sagen, es könne ihm doch egal sein, was sie vorhätte. Aber wenn sie das tat, würde er nur wieder eine spitze Bemerkungen machen, auf die sie etwas erwidern musste. Danach war ihr jetzt jedoch nicht zu Mute. "Es war ein langer Tag. Ich werde ins Bett gehen."

"Schade."

Verwundert wandte sie sich um. "Wie bitte?"

"Es ist schade, dass eine so schöne Frau wie du allein ins Bett geht."

Sie stolperte. Sein Griff um ihren Ellenbogen verstärkte sich. Schrecklich, dieser Mann. Er sagte nie, was sie erwartete. Auch wollte sie seine Hand nicht an ihrem Ellenbogen spüren.

"Es sei denn, du hast Des oben in deinem Schlafzimmer versteckt, ohne dass ich etwas davon weiß."

Diese Bemerkung war typisch für Colin. Er war stets drauf aus, sie mit seinen Sticheleien zu verletzen. Erbost riss sie sich von ihm los und warf ihm einen finsteren Blick zu. "Du … du kennst Des doch gar nicht."

"Da irrst du dich. Ich kenne ihn ziemlich gut. Er ist eng mit mir befreundet. Ich weiß auch, dass er überhaupt nicht zu dir passt."

"Du …" Sie vermochte nichts darauf zu erwidern. Außerdem fiel ihr auf, dass sie nicht mehr Colins ganzes Gesicht sehen konnte. Zu einem Teil war es einfach verschwunden. Ihr Gesichtsfeld war eingeschränkt.

Sie konnte nicht länger leugnen, dass sie in Schwierigkeiten steckte, und in den nächsten Minuten würde es nur schlimmer werden.

"Geh nach Hause, Colin. Gute Nacht." Sie hastete vorwärts und versuchte von ihm wegzukommen, aber ihre Beine wollten ihr nicht recht gehorchen. Sie verschätzte sich bei der Höhe der Treppenstufen zur Terrasse und wäre hingefallen, hätte er sie nicht aufgefangen.

"Mit dir stimmt etwas nicht", erklärte er grimmig. Seine laute Stimme schmerzte ihr in den Ohren. "Was hast du?"

Sie knirschte heftig mit den Zähnen. Sie wollte nur eins: in ihr Schlafzimmer gehen und sich hinlegen. "Lass mich in Ruhe, ich …"

Colin hob Jill auf die Arme. Sie konnte nicht mehr protestieren. Ein stechender Schmerz durchzog die eine Seite ihres Kopfes. Sie schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen. Aber Colin lief zu schnell. Die Bewegung war zu heftig. Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus. Als sie merkte, wie er über die Schwelle trat, schaffte sie es, die Augen ein wenig aufzumachen.

"Lass mich runter", flüsterte sie.

Er reagierte mit einer Frage. "Ist dein Schlafzimmer oben oder unten?"

"Bitte …"

"Macht nichts." Auf gut Glück trug er sie die Treppe hinauf und nahm dabei gleich zwei Stufen auf einmal.

Jill stöhnte. "Bitte … geh langsamer."

"Was zum Donnerwetter ist nur los mit dir?" murmelte er, aber er tat, was sie verlangte. "Ich rufe 911, sobald ich dich im Bett habe."

"Nein. Die Medizin … in der Schublade."

"Du hast Medikamente in der Schublade?"

Sie wimmerte. "Ja. Schrei nicht so."

"Schatz, du hast mich noch nie so leise reden hören wie jetzt. Du hast mich auch noch nie so besorgt gesehen wie in diesem Augenblick."

Colin machte sich Sorgen um sie. Das wollte sie nicht, aber sie vermochte keinen klaren Gedanken zu fassen, um etwas zu erwidern, damit er endlich ging.

Obwohl sie die Augen weiterhin geschlossen hielt, nahm sie wahr, dass er sie in ihr Schlafzimmer brachte. Dort legte er sie so sacht, wie sie es ihm kaum zugetraut hätte, aufs Bett und klopfte ihr Kissen auf. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schaltete er ihre Nachttischlampe ein und zog die Schublade des Schränkchens auf. Er fluchte heftig.

Sie wusste, was er gesehen hatte, aber sie hatte sich nicht mehr in der Gewalt. Tränen brannten ihr in den Augen. Das Licht schmerzte bis in den Schädel. Blindlings griff sie nach dem Kissen und zog es sich über die Augen.

Sie hörte ihn ins Bad gehen. Wasser rauschte, und einen Augenblick später gab die Matratze unter seinem Gewicht nach, als er sich neben Jill setzte.

"Jill, mein Schatz, kannst du deine Augen öffnen? Du musst mich kurz ansehen."

Es war das Letzte, was sie wollte. Das Licht war unerträglich für sie. Sie zog das Kissen beiseite und öffnete langsam die Augen. In jeder Hand hielt Colin sechs Arzneimittelflaschen.

"Welche davon brauchst du?"

Sie deutete auf eine davon.

"Wie viele Tabletten?"

Sie hob einen Finger.

Er fasste unter ihren Kopf und schob seinen Arm unter ihre Schultern, um sie zu stützen. Sie schluckte die Tablette mit etwas Wasser hinunter.

Dann sank sie in die Kissen zurück und machte die Augen sofort wieder zu. "Das Licht …" Die Lampe verlosch, ehe sie den Satz beendet hatte. Das einzige andere Licht kam von einer schwachen Lampe aus dem Badezimmer. Meistens ließ sie es die ganze Zeit brennen, und das war gut so, denn sobald er gegangen war, würde sie das Licht zur Orientierung brauchen. "Danke, du kannst jetzt gehen. Ich fühle mich besser." Wenn der Schmerz nicht bald nachließ, würde sie etwas anderes ausprobieren müssen.

"Ich bin froh, dass du dich besser fühlst, aber ich sollte doch deinen Arzt rufen."

Trotz der Schmerzen tat ihr der tiefe, sonore Klang seiner Stimme richtig gut, und sie wusste seine Besorgnis zu schätzen. "Nein."

"Jill, ich bin nicht blind. Du hast starke Schmerzen. Dein Arzt sollte verständigt werden."

"Er weiß es."

Sie hörte, wie er schwer ausatmete. "Na gut, wenn ich sehe, dass du dich in den nächsten dreißig Minuten besser fühlst, werde ich ihn nicht anrufen. Aber ich bleibe hier."

"Nein." In seiner Gegenwart würde sie sich nie entspannen können.

"Pst, versuch nicht, mit mir zu diskutieren. Das ist viel zu anstrengend für dich."

In der Hinsicht hatte er Recht. Denn obwohl ihr jede Bewegung schwer fiel, schaffte sie es, den Kopf leicht zur Seite zu drehen und die Haarnadeln aus ihrer Steckfrisur zu ziehen. Dabei überkam Jill leichte Übelkeit, und sofort hielt sie inne.

Colin schob ihre Hand sacht beiseite und half ihr. Nachdem er alle Nadeln aus ihrem Haar gezogen hatte, kämmte er es leicht mit seinen Fingern, bis es locker war und ihre Kopfhaut sich nicht mehr spannte. Dann nahm er seine Hand in ihre und streichelte ihren Arm. Jill hätte es nicht für möglich gehalten, aber überraschenderweise wirkte seine Berührung beruhigend. Im Allgemeinen mochte sie nicht angefasst werden.

Sie versuchte abzuschätzen, was es zur Folge haben würde, dass Colin sie so verletzlich gesehen hatte, aber bei dem starken Schmerz vermochte sie keinen klaren Gedanken zu fassen. Deshalb blieb sie reglos liegen und hoffte, dass die Tablette bald wirken würde.

"Was ist mit deinem Kleid?" hörte sie ihn fragen. "Würdest du dich in etwas anderem wohler fühlen?"

Ja, das würde sie, aber sie hatte nicht die Kraft, sich umzuziehen. "Jetzt nicht."

"Lass mich wissen, wenn du glaubst, dass du dich ohne große Schmerzen bewegen kannst."

Sie versuchte, an nichts zu denken, aber sie spürte den Schmerz zu sehr, nahm den Mann, der ihren Arm streichelte, zu deutlich wahr.

 

Colin beobachtete Jill aufmerksam und machte sich Gedanken, was er für sie tun könnte. Die Namen von einigen ihrer Medikamente waren ihm bekannt. Es handelte sich um spezielle Mittel gegen Migräne. Mehrere Leute, die er kannte, hatten diese Krankheit. Wie lange mochte Jill schon daran leiden?

Nach dem, was er bislang über Migräne gehört hatte, gehörte sie als Perfektionistin zum gefährdeten Personenkreis. Der heute Abend war ein gutes Beispiel für ihre Einstellung. Sie hatte die Party nicht genossen, das Ganze war harte Arbeit für sie gewesen. Colin wusste nur zu gut, dass die Einladung, die er erhalten hatte, dazu diente, zahlenmäßig so viele Gäste zusammenzubekommen, wie sie brauchte. In Wirklichkeit waren nur zwei oder drei Leute da gewesen, mit denen sie hatte reden wollen. Allerdings verstand sie es sehr gut, ihre wahre Absicht zu verbergen.

Sein Blick glitt über ihren Körper. Für die Party hatte sie ein hochgeschlossenes, enges Seidenkleid ohne Ärmel gewählt, das ihre Kurven betonte. Es war ein geschmackvolles Kleid, doch bei ihr wirkte es ausgesprochen aufreizend und musste einem Mann den Verstand rauben. Jedenfalls erging es ihm so. Doch ihm war klar, dass er Jill das nicht zeigen konnte, wenn er ihr näher kommen wollte. Deshalb hielt er sich zurück und beobachtete sie nur.

Von ihrer ersten Begegnung an hatte sie ihn auf eine besondere Art angezogen. Sie war eine atemberaubend schöne Frau mit ihrem glänzenden dunklen Haar und den hübschen bernsteinfarbenen Augen. Sie hatten beide eine Gala besucht, die in einem Ballsaal mit prächtigem Stuck, vergoldeten Kronleuchtern und zahllosen großen Spiegeln in vergoldeten Rahmen stattfand. Im Licht der Kerzen hatten die Juwelen der Frauen gefunkelt, und die Seidenkleider hatten geschimmert. Doch er hatte nur Augen für Jill gehabt. Sie hatte keinen Schmuck getragen, aber das hautenge, trägerlose rote Samtkleid hatte ihr ausgezeichnet gestanden, und er konnte sich noch genau an den warmen Pfirsichton ihrer Haut erinnern.

Sie hatte ihn von vornherein in einer Art und Weise abgewiesen, die ihr zur zweiten Natur geworden zu sein schien. Ihn hatte das amüsiert, und er hatte sich herausgefordert gefühlt. Zuerst war es eine einfache Anziehungskraft gewesen, ein brennendes, primitives Verlangen, sie einfach zu packen, an den nächstbesten Ort zu bringen, wo sie allein sein konnten, und sie zu lieben, bis sie beide zu erschöpft waren, noch etwas anderes zu tun, als zu schlafen.

Er hatte sie den Rest des Abends beobachtet, und während er das getan hatte, hatte es einen Augenblick gegeben, in dem sie sich von einem ihrer Gesprächspartner abgewandt hatte. Da war ihm etwas bei ihr aufgefallen, das ihn sehr berührt hatte. Sie besaß mehr Tiefe, als sie nach außen hin zeigte. Dennoch war das, was er bei ihr wahrnahm, zunächst nicht greifbar für ihn. Erst nach mehreren Begegnungen hatte er endlich herausgefunden, was sie beide verband: Verlust und Sehnsucht.

Intuitiv hatte er erkannt, dass Verluste seelische Narben bei ihr hinterlassen hatten, die nie ganz verheilt waren. Dass es Kränkungen gegeben hatte, an die sie sich erinnerte, als hätte man sie ihr erst gestern zugefügt. Er hatte das bei ihr gespürt, weil es ihm ähnlich erging. Vielleicht waren seine Wunden nicht so tief und schmerzhaft wie ihre, aber er wusste, was Verlust und Sehnsucht bedeutete. Ihre Erfahrungen mochten unterschiedlich sein, doch der Schmerz war der Gleiche.

Durch diese Erkenntnis wurde ihm auch klar, dass es lohnenswert sein würde, geduldig darauf zu warten, bis sie in ihm den Mann fürs Leben sehen würde. Dieser Gedanke bestärkte ihn in seinem Entschluss, sie zu erobern, denn er spürte deutlich, dass sie sich durch ihre Erfahrungen gegenseitig helfen konnten.

Er hatte nicht lange gebraucht, um zu erkennen, dass sie nur an einem einzigen Mann interessiert war – Des Baron. Und nachdem er herausgefunden hatte, wieso sie sich unbedingt ihren Stiefcousin angeln wollte, war ihm klar geworden, dass sie und Des nicht zusammenpassten. Diese Überzeugung entstammte dem Wissen, dass er der einzige Mann war, mit dem sie je zusammenkommen sollte, und dass es ihm gelingen würde, sie früher oder später für sich zu gewinnen. Was er nicht geahnt hatte, war, wie lange es dauern würde. Zum Glück besaß er viel Geduld.

Er hatte sie aufmerksam beobachtet, ihre Stimmungen erkundet, herausgefunden, was sie glücklich und was sie traurig machte. Das war nicht ganz einfach gewesen. Jill hatte eine schützende Mauer um ihre Seele errichtet, um sich vor weiteren Verletzungen zu bewahren. Erst vor kurzem hatte er Risse in dem Mauerwerk entdeckt – zugegeben, es waren nur recht kleine, aber bei jemandem wie Jill war schon der winzigste Riss außergewöhnlich.

Vielleicht war ihre Migräne die Ursache für die Risse. Oder aber die Tatsache, dass es keine Herausforderungen mehr für sie gab, weder im Job noch privat. Deshalb konnte er auch gut vorhersehen, was als Nächstes passieren würde. Es war das, worauf er gewartet hatte.

Heute Abend auf der Party war ihm der eigenartige Ausdruck ihrer Augen aufgefallen. Es kam ihm so vor, als ob sie etwas quälte. Jemand, der sie nicht näher kannte, hätte das vielleicht nicht bemerkt. Aber ihm war es aufgefallen, und das war der Grund, warum er zurückgekommen war.

"Wie geht es dir?" fragte er leise. "Meinst du, du kannst dich umziehen?"

Sie erschauerte heftig. "Mir ist kalt."

Colin sprang auf und öffnete die Tür ihres begehbaren Kleiderschranks. Er schob die zahlreichen Kostüme, Kleider, Blusen und Röcke beiseite und griff zielgerichtet nach einem weichen Nachthemd mit langen Ärmeln und passendem Morgenmantel. Schon beim Anfassen war ihm klar, dass es das einzig richtige Teil für sie war. Jemand, der Schmerzen hatte, sollte sich wenigstens weich und warm eingepackt fühlen.

Als er wieder ans Bett trat, sah er, dass sie die Augen geöffnet hatte. Er warf den passenden Morgenmantel ans Fußende des Bettes. "Ist das in Ordnung?" Er hielt das Nachthemd hoch.

Sie nickte fast unmerklich, dann schloss sie wieder die Augen. "Ich schaffe es."

In jeder anderen Situation hätte sie sich selbstverständlich nicht widerspruchslos von ihm beim Umziehen helfen lassen, aber heute Abend war ihr Wille, über alles die Kontrolle zu behalten, ziemlich geschwächt. Ohne Hilfe würde sie sich nicht umziehen können.

Colin musste sie ablenken. Ihm fiel auch gleich die passende Erwiderung ein. "Ich weiß, dass du das schaffst, aber da ich schon mal hier bin, kann ich mich ja auch nützlich machen."

Behutsam half er ihr, sich aufzusetzen. Er sprach so leise mit ihr, dass er nicht mal wusste, ob sie ihn gehört hatte. Aber es gab eine Bemerkung, die würde sie von den Toten aufwecken. "Außerdem muss ich dir etwas gestehen, was dich sicher freuen wird. Ich habe mich geirrt, und du wirst mir sicher zustimmen, dass mir das selten passiert." Sie schnaubte verächtlich. Er lächelte. Ja, sie konnte ihn hören. Umso besser. "Also ich muss meine Bemerkung von vorhin zurücknehmen. Du hast Des nicht hier oben eingesperrt."

"Des war überhaupt nicht da."

"Er kommt nie zu deinen Partys, nicht wahr?"

"Doch, manchmal kommt er."

"Jeder wird denken, er mag dich nicht." Rasch öffnete Colin den Reißverschluss am Rücken ihres Kleides.

"Er mag …"

Das Oberteil ihres Kleides rutschte ihr bis zur Taille hinunter. Colin hielt inne, und sein Mund war wie ausgetrocknet, als er den hautfarbenen dünnen Spitzen-BH sah, den Jill trug. Er zog sie zu sich heran, so dass er um sie herumgreifen und den Verschluss ihres BHs öffnen konnte. Parfümduft wehte ihm entgegen, als der trägerlose BH herunterglitt und den Blick auf die aufgerichteten rosigen Knospen freigab. Colin spürte, wie Erregung ihn erfasste.

Er warf den BH auf einen Stuhl und zwang sich, gelassen weiterzureden. "Ich schätze, du bist zu dem Ergebnis gekommen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um ihn mit sämtlichen Mitteln zu umgarnen, nicht wahr?" Er zog ihr das ärmellose Nachthemd über den Kopf. "Heb die Arme an."

"Nein." An ihrem verlorenen Blick erkannte er, dass sie ihn nicht ganz verstand, aber sie versuchte, sich darauf zu konzentrieren. "Des mag mich."

"Ja, sicher … als Familienmitglied. Heb deine Arme, mein Schatz, damit ich dir ins Nachthemd helfen kann." Langsam kam sie seiner Aufforderung nach. "Aber ich finde, ich sollte dir sagen, dass du keine Chance hast, ihn in dein Bett oder zum Altar zu locken."

"Doch, das werde ich machen. Wie kommst du darauf, dass ich es nicht tun werde?"

Colin bemühte sich, ihr in die Ärmel des Nachthemds zu helfen, und dabei nicht nach ihren Brüsten zu schielen. Dennoch streifte er unabsichtlich mit dem Handrücken die eine Brust. Ihm stockte der Atem. Fast hätte er aufgestöhnt. Ihre Brüste waren genau so, wie er sie sich vorgestellt hatte – fest und groß genug, um seine Hände zu füllen, aber nicht so üppig, dass sich jeder Mann gleich nach ihr umdrehen würde.

"Nun, vor allem betrachtet er dich als Verwandte, und ich glaube nicht, dass du ihm das ausreden kannst", bemerkte er, und nur der heisere Klang seiner Stimme gab preis, welche Wirkung sie auf ihn hatte. "Schließlich bist du nicht direkt eine Femme fatale, oder?"

"Ich bin …"

Er streifte ihr das Nachthemd über die Brüste und war froh, dass das Umziehen Fortschritte machte. Das war vermutlich der schwierigste Teil gewesen. Zumindest hoffte er das, denn er wusste nicht, wie lange er der Versuchung noch widerstehen konnte. "Ja, was bist du?"

"Eine Femme …"

"Fatale?" half er ihr, als ihr das letzte Wort nicht über die Lippen kommen wollte.

"Ja." Jill blickte auf ihr Kleid hinunter, das ihr um die Taille hing, als ob sie nicht mal wüsste, wie es dorthin gekommen war.

"Leg dich wieder hin." Er stützte ihr den Kopf und half ihr, sich langsam in die Kissen sinken zu lassen. "Ich würde dir ja gern zustimmen, dass du eine Femme fatale bist, aber das geht leider nicht." Eine furchtbare Lüge, aber jetzt war nicht der rechte Zeitpunkt, um ihr zu gestehen, wie leicht sie ihn verführen konnte. Schon eine einfache Geste wie der Griff nach einem Appetithäppchen, das sie essen wollte, brachte sein Blut in Wallung. Wenn er ihr an einem Büfett gegenüberstand, musste er sich zusammenreißen, um nicht über den Tisch zu springen und sie zu küssen, bis sie alles andere vergaß und es sie nicht mehr störte, wo sie war und wer ihnen zuschaute.

Er beugte sich über sie und zog ihr Kleid herunter. Eine Minute lang starrte er sie nur an. Ein winziger Streifen Seide mit Spitze war alles, was sie trug.

"Des wird mir schon noch aus der Hand …"

"Aus der Hand fressen?" Erneut half er ihr das Wort zu finden, das ihr entfallen zu sein schien. Aber seine Stimme klang belegt vor Verlangen. Es ging alles viel zu schnell. Er musste vorsichtig sein. Obwohl sie kaum aufnahmefähig schien, konnte sie das doch mitbekommen.

"Ich brauche ihn."

Er räusperte sich. "Du sagst, du brauchst ihn, aber das ist nicht der Fall. Es geht vielmehr darum, was du willst, nämlich die fünfzig Prozent von Baron International, die Des von deinem Onkel William erbt, wenn er stirbt. Denn dann kannst du deine Schwestern überstimmen, weil du die Aktienmehrheit besitzt." Er zwang sich dazu, den Slip zum BH zu werfen und ihr das Nachthemd ganz überzuziehen.

"Ja. Nein." Jill presste ihre Finger auf die rechte Schläfe. "Wenn wir heiraten, gewinne ich seine fünfzig Prozent der Firma."

"Das meinte ich ja."

Sie schwieg. Offenbar versuchte sie, der Unterhaltung zu folgen.

"Wartest du so sehr darauf, dass dein Onkel William stirbt?"

Sie riss die Augen auf und kniff sie gleich wieder zu. "Nein, ich liebe ihn."

"Manchmal überlege ich, ob du überhaupt weißt, was Liebe ist", murmelte Colin. "Niemand würde das vermuten, wenn er dich reden hört."

"Was?"

"Nichts. Setz dich hin." Wieder half Colin Jill, sich aufzusetzen. Sie war wie eine leblose Puppe und vermochte sich nur zu halten, weil er sie stützte. Er zog die Bettdecke unter ihr weg, schob ihr Kopfkissen zurecht und bettete sie wieder darauf. Ob ihre Schmerzen nachgelassen hatten, vermochte er nicht zu erkennen. "Genau genommen wirst nicht du die fünfzig Prozent bekommen, sondern Des. Wer weiß, was er damit anfangen will."

"Wenn wir erst einmal verheiratet sind …"

"Falls du ihn heiratest, meinst du. Aber um des lieben Friedens willen lass uns sagen, du schaffst es, ihn dazu zu bringen. Glaubst du wirklich, er wird von deinen weiblichen Reizen so überwältigt sein, dass er dir seinen Anteil einfach so überlässt?"

"Ja, er …"

"Denk mal nach, meine Liebe. Glaubst du, du bist die einzige Frau, die Des haben will? Und das nicht nur wegen seines zukünftigen Anteils an Baron International."

"Er hat …

Jetzt war es ein Leichtes, ihr das Nachthemd bis zu den Füßen hinunterzuziehen und sie zuzudecken.

"Ist es so besser? Ist dir schon wärmer?"

Sie seufzte leise, und Colin hoffte, das bedeutete, dass sie sich wenigstens ein bisschen wohler fühlte. Sie runzelte die Stirn. "Des wird …" Wieder presste sie die Hand auf die rechte Schläfe. "Er hat nie Interesse gezeigt …"

"Da hast du Recht", bekräftigte Colin. "Er hat nie das geringste Interesse an Baron International gezeigt, aber wer weiß, was passiert, wenn er das Erbe seines Vaters antritt? Falls du es nicht weißt, Des ist ein sehr kluger Geschäftsmann. Wie fühlst du dich denn?"

"Ich …" Sie hielt inne, und Colin hatte das Gefühl, sie musste ihren Schmerz erst einschätzen. Es war ihm also gelungen, sie abzulenken.

"Es ist immer noch schlimm."

Colin blickte auf seine Uhr. "Es ist erst eine Viertelstunde her, seit ich dir die Tablette gegeben habe. Müsste der Schmerz schon nachgelassen haben?"

"Das wird er."

"Du meinst, er wird bald abklingen?"

Sie erwiderte nichts. Er blickte in ihr schönes, blasses Gesicht und fühlte sich hilfloser als je zuvor in seinem Leben. "Ich werde deinen Arzt anrufen. Wo ist seine Nummer?"

Sie stöhnte und wollte sich bewegen. "Spray."

"Was?"

Sie hob eine zitternde Hand und deutete auf den Nachttisch. "Spray."

Er riss die Schublade auf. Sämtliche Tablettenröhrchen rollten herum. Dann sah er das Inhalierspray. Er hielt es hoch. "Willst du das?"

Sie streckte sofort die Hand danach aus, und er reichte es ihr. Mit seiner Hilfe richtete sie sich auf einen Ellenbogen auf und schaute ihn an. "Das wird mich betäuben, und dann wird es besser."

"Gut."

"Wirst du gehen?"

"Sobald ich weiß, dass es dir besser geht."

Sie benutzte das Spray und sank in die Kissen zurück.

Colin beobachtete sie mehrere Minuten lang. Sie lag reglos da. Es kam ihm jedoch so vor, als atmete sie gleichmäßiger. Sie konnte nicht ahnen, dass er nicht die Absicht hatte, sie heute Abend in dem großen Haus allein zu lassen. Alles Mögliche konnte passieren, und sie würde sich nicht helfen können. "Jill?"

Sie gab ihm keine Antwort. Er glitt vom Bett. Sofort riss sie die Augen auf.

"Musst du jetzt schon gehen?"

"Nein."

"Noch etwas … länger."

Colin konnte es kaum glauben, dass sie ihn tatsächlich bat zu bleiben. Es konnte nur eines bedeuten: sie machte die Hölle durch. "Natürlich bleibe ich so lange, wie du willst."

Sie schloss wieder die Augen. "Nur noch … ein wenig …"

Er legte sein Jackett ab, zog die Krawatte aus, rollte die Ärmel auf und schlüpfte aus den Schuhen. Dann legte er sich auf der anderen Seite ins Bett, klopfte sich ein Kissen zurecht und lehnte sich zurück.

Jill seufzte im Schlaf und rückte näher an ihn heran. Bestimmt war ihr noch kalt. Sacht zog er sie an sich, obwohl er auf der Decke lag und sie darunter. Er legte ihr den Arm um die Schultern, so dass ihr Kopf auf seiner Brust ruhte.

So lange hatte er sich danach gesehnt, sie in den Armen zu halten, aber nicht, wenn sie krank war. Er dachte nur daran, wie er es ihr bequemer machen konnte. Erneut stöhnte sie auf. Was konnte er tun?

2. Kapitel

 

Irgendetwas störte Jill. Ein fremder Duft wehte ihr in die Nase. Es geschah etwas, das sie nicht wollte. Gegen ihren Willen fühlte sie sich aus dem erholsamen, tiefen Schlaf ins Wachsein gezerrt, aber sie ließ die Augen noch zu. Denn sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Ihr war warm, und sie fühlte sich wohl, aber zugleich auch … zerbrechlich. Sehr zerbrechlich.

Dann fiel es ihr wieder ein. Sie hatte gestern Abend einen Migräneanfall gehabt. Jetzt war das quälende Pochen im Kopf verschwunden, aber sie konnte sich noch genau an den Schmerz erinnern. Sie seufzte leise. Seit zwei Monaten hatte sie keine Migräneattacke mehr gehabt und war schon überzeugt gewesen, dass sie auch nie wieder eine bekäme. Verflixt! Und was noch schlimmer war, diesmal waren die Schmerzen stärker gewesen als je zuvor.

Was war passiert? Was war das da für ein Duft, den sie wahrnahm? Und was für ein Gefühl?

Sie versuchte, sich die Ereignisse des vorherigen Abends ins Gedächtnis zu rufen. Doch die Erinnerungen waren schwach und flüchtig. Die Party war gut verlaufen. Holland Mathis und Tyler Forster hatten dem zugestimmt, was sie wollte. Das war schließlich der Hauptgrund für die Party gewesen. Ja, jetzt erinnerte sie sich. Außerdem hatte sie es geschafft, entscheidende Vorarbeit für zukünftige Projekte zu leisten. Erinnerungsfetzen drifteten durch ihren Kopf.

Champagner. Blau gefiltertes Licht. Goldbraune Augen. Haare, die immer ungekämmt wirkten.

Colin.

Da wusste sie es wieder. Er war zurückgekommen und in ihrem Garten aufgetaucht, nachdem alle gegangen waren. Er hatte gesagt, er würde zurückkehren, weil er gemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte. Das war wirklich merkwürdig gewesen.

Colin konnte sie manchmal ganz schön aus der Fassung bringen. Keiner, den sie kannte, beherrschte diese Kunst so sehr wie er. Wenn sie versuchte, ihn zu ignorieren, dann ließ er das nicht zu. Und wenn sie versuchte, ihn zu schneiden, indem sie ihm die kalte Schulter zeigte, lachte er sie einfach aus.

Vor einem Jahr hatte er ihr und ein paar Freunden angeboten, sie in seinem jüngsten Spielzeug, einer neuen Sportmaschine, nach Corpus Christi zu fliegen. Das war auf der Geburtstagsparty ihrer Schwester Tess gewesen. Aber er war ohne sie abgeflogen. Und warum? Sie war fünfzehn Minuten zu spät gekommen, und er hatte sich geweigert, zu warten. Sie war außer sich gewesen.

Ein anderes Mal wiederum fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Jedenfalls so lange, bis sie die Beherrschung über sich wieder fand und sich ins Gedächtnis rief, dass sie ihn gar nicht attraktiv fand. Des war der Mann, den sie heiraten wollte … wenn sie ihn nur dazu bringen konnte.

Dennoch stand sie jetzt in Colins Schuld. Sosehr sie es hasste, das zuzugeben, es entsprach der Wahrheit. Als der Schmerz unerträglich geworden war, war Colin für sie da gewesen.

Sie war der Überzeugung, dass sie sich um sich selbst hätte kümmern können, aber das würde sie natürlich nicht erfahren, weil er eingegriffen und ihr geholfen hatte. Sie musste sich etwas einfallen lassen, um sich bei ihm zu bedanken. Vielleicht sollte sie ihm eine Pflanze für sein Büro schenken?

Sie seufzte leise. Woher sollte sie wissen, was in so einem Fall angebracht war? Möglicherweise würde sie ins Büro gehen und die Sache mit Molly besprechen. Im Moment waren ihre Gedanken noch zu verworren.

Langsam öffnete sie die Augen und bemerkte das Sonnenlicht, das ihr Schlafzimmer durchflutete. Sie seufzte erneut. Normalerweise sprang sie aus dem Bett, sobald die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer fielen. Aber so wohl fühlte sie sich noch nicht. Im Gegenteil, sie war erschöpft und schwach, und wünschte, sie könnte im Bett bleiben.

Dennoch hatte sie bisher nie ihre Migräne als Entschuldigung benutzt, um nachlässig zu werden. Das würde sie auch jetzt nicht tun. Im Büro achtete sie einfach aufmerksamer auf die ersten Anzeichen eines Migräneanfalls. Dort nahm sie im Notfall gleich etwas, ehe die Kopfschmerzen zu schlimm wurden. Aber da sie gestern Abend allein gewesen war, hatte sie sich nicht auf die Medikamente stützen wollen, sondern versucht, mit dem Willen gegen den Schmerz anzukämpfen. Damit war sie jedoch nicht sonderlich erfolgreich gewesen.

Sie schaute auf den Wecker. Halb acht. Im Allgemeinen war sie um sieben schon im Büro. Wenn sie jetzt aufstand, würde sie erst gegen halb neun dort sein können. Versuchsweise richtete sie sich auf.

"Fühlst du dich besser?"

Sie erstarrte. Colin! Sie schaute sich um und schnappte erschrocken nach Luft.

Er lag neben ihr, den Arm hinter dem Kopf und die Decke bis über die Taille hochgezogen, so dass sie einen atemberaubenden Blick auf seine bloße Brust werfen konnte. Lieber Himmel, war er etwa nackt? Sie schloss die Augen und öffnete sie rasch wieder. "Was machst du denn hier?"

Er rollte sich auf die Seite, die Matratze gab unter seinem Gewicht nach, während er sich auf einen Ellenbogen aufstützte und Jill ansah. Sein Gesicht war ihrem so nah, dass sie die feinen Bartstoppeln auf seinen Wangen und dem Kinn sehen konnte. Seine Augen funkelten.

"Du erinnerst dich nicht?"

"Ich …" In dem Augenblick fiel es ihr ein. Sie hatte ihn nicht gehen lassen wollen, obwohl sie ihn nicht direkt gebeten hatte zu bleiben. Aber die Schmerzen waren so stark gewesen, dass sie das Bedürfnis gehabt hatte, ihn bei sich zu behalten.

Sie runzelte die Stirn. "Ich weiß noch, dass du ums Bett herumgegangen bist und dich auf die Decke gelegt hast." Kaum dass er neben ihr auf dem Bett lag, hatte sie sich von seiner Körperwärme angezogen gefühlt und hatte sich instinktiv an ihn geschmiegt. Aber sie war sicher, dass die Decke zwischen ihnen geblieben war.

Jetzt wurde ihr auch klar, welcher Duft es gewesen war, den sie beim Aufwachen wahrgenommen hatte. Den herben Duft seines Rasierwassers, der typisch für ihn war und der bestimmt jetzt auch in der Decke hing, unter der er geschlafen hatte. "Ich habe nicht von dir erwartet, dass du die ganze Nacht hier bleibst. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass du dich ausziehst."

Colin setzte sich auf. Dabei fiel die Decke so weit herunter, dass Jill den schwarzen Gummibund seines Slips sehen konnte. Sie atmete erleichtert auf. Zumindest war er nicht vollkommen nackt.

"Ehrlich gesagt, ich hatte nicht die Absicht, dich allein zu lassen. Wenn du nichts gesagt hättest, hätte ich draußen vor der Tür gewartet, bis ich gedacht hätte, du wärst eingeschlafen. Dann wäre ich wieder reingekommen."

Sie blinzelte. "Warum?"

"Ich konnte dich nicht allein lassen. Dir ging es zu schlecht, und es gab eine Menge Gründe, warum du in dem Zustand nicht allein sein durftest. Stell dir vor, es wäre schlimmer geworden, oder die Medikamente hätten eine unerwünschte Reaktion bei dir ausgelöst. Oder es wäre ein Feuer ausgebrochen. Dann hättest du keine Hilfe gehabt. Nein, so konnte ich dich nicht allein lassen."

Den Ausdruck, den sie jetzt in seinen Augen sah, hatte sie bislang nie bei ihm bemerkt. Sie biss sich auf die Unterlippe und merkte erst einen Moment später, was sie da tat. Das Nagen an der Unterlippe war eine schlechte Angewohnheit, die sie noch aus ihrer Kindheit mitgenommen hatte. "Und wie bist du darauf gekommen, dich unter die Decke zu legen und dich auszuziehen?"

Er lachte. "Obwohl du die Medizin genommen hattest und gleich eingeschlafen warst, hast du dich nicht wohl gefühlt. Ich dachte, dir wäre vielleicht immer noch kalt, und da hatte ich Recht. Erst als ich mich zu dir gelegt und dich in den Arm genommen habe, hast du dich richtig entspannt."

Darauf vermochte sie nichts zu erwidern. Nichts von dem, was sie getan hatte, war ihr bewusst gewesen, und deshalb konnte sie auch ihr Handeln nicht erklären. Die Medikamente hatten immer eine eigenartige Wirkung bei ihr, so als würde sie schweben. Sie konnte sich schwach erinnern, wie er den Arm um sie gelegt und sie an sich gezogen hatte. Da hatte sie sich seltsamerweise geborgen und sicher gefühlt.

"Wie lange bist du schon wach?"

"Seit Sonnenaufgang."

"Warum hast du mich nicht geweckt?" Zum ersten Mal klang sie leicht gereizt.

Colin lächelte jedoch nur, und Jill fühlte sich fasziniert von der Sinnlichkeit seiner Lippen. Und dann war da sein Grübchen. Wie hypnotisiert starrte sie es an.

"Aus Rücksicht auf dich."

"Wie bitte?"

"Ich habe dich nicht geweckt, weil es nicht höflich gewesen wäre."

"Warum zum Donnerwetter nicht?"

"Du hattest dich ganz eng an mich gekuschelt."

Jill stockte der Atem. Plötzlich erinnerte sie sich daran, dass ihr Bein zwischen seinen gelegen hatte und dass sie ihren Arm um seine Taille geschlungen hatte. Das Blut schoss ins Gesicht. Sie hätte schwören können, sie würde niemals rot. Doch jetzt war sie sich nicht sicher, weil sein Blick plötzlich auf ihrem Gesicht ruhte.

"Außerdem hast du so tief geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken."

"Aber als ich aufgewacht bin, warst du … ich meine, ich lag … hier."

Er hob die Schultern. "Ich habe die ganze Nacht auf demselben Fleck gelegen. Meine Muskeln hatten sich schon verkrampft, und ich musste mich mal ausstrecken. Deshalb habe ich mich behutsam von dir gelöst. Aber dabei wollte ich dich nicht wecken. Tut mir Leid."

Sie nickte, obwohl sie nicht wusste, warum. Sie war einfach dankbar, dass sie nicht in seinen Armen aufgewacht war. Es wäre ihr unglaublich peinlich gewesen.

"Wie fühlst du dich?" Er schlug die Decke zurück und stand auf. Sein schwarzer Slip saß wie angegossen, und es schien ihm nichts auszumachen, so vor ihr herumzulaufen. Im Gegenteil, er benahm sich, als täte er das täglich. Wahrscheinlich hatte er sich oft genug in den Schlafzimmern anderer Frauen ausund angezogen.

Jill blieb kaum Zeit, über sein eigenartiges Verhalten nachzudenken. Colin bückte sich nach seiner Hose und bot ihr einen aufreizenden Blick auf seinen muskulösen Rücken. Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Sie kannte ihn seit mehr als zwei Jahren, doch sie hatte nie darüber nachgedacht, wie er ohne Kleidung aussähe. Jetzt brauchte sie das gar nicht mehr, denn in dem knappen Slip war er so gut wie nackt.

"Jill?"

"Ja?"

"Du hast meine Frage nicht beantwortet. Fühlst du dich besser?"

Wie in Zeitlupe schlüpfte er in seine Hose, so dass sie deutlich das Spiel seiner Muskeln beobachten konnte. Im Sonnenlicht schimmerten seine Haare auf den Beinen mehr golden als braun. Nachdem er die Hose hochgezogen hatte, hörte Jill, wie er den Reißverschluss zuzog.

Da verspürte sie ein leichtes Bedauern – ein Gefühl, das sie so irritierte, dass sie Colin zu antworten vergaß. Jedoch merkte sie das nicht eher, bis er sie amüsiert musterte.

"Danke, ich fühle mich gut", versicherte sie.

"Nur gut? Sind die Schmerzen restlos verschwunden?"

"Ja, bis auf die Erinnerung daran."

Colin schaute ihr in die Augen. "Was ist los, Jill?" Seine Stimme klang so sanft und besorgt wie am Abend zuvor.

"Nichts. Es ist nur … es tut mir Leid, dass du dachtest, du müsstest über Nacht bleiben. Es kann nicht bequem gewesen sein." Bestimmt nicht, so wie sie sich an ihn geklammert hatte. "Konntest du überhaupt schlafen?"

"Ja. Nachdem du dich beruhigt hattest und ich überzeugt war, dass du schliefst, bin ich auch eingeschlafen."

Sie lachte kurz auf. "Vermutlich bist du es gewohnt, in fremden Betten zu übernachten."

Er warf ihr einen Blick zu, den sie nicht deuten konnte, und griff nach seinem Hemd. "Wie lange leidest du schon an diesen Migräneattacken?"

Sie starrte auf seine nackte Brust. "Noch nicht lange."

Er schlüpfte in sein Hemd. "Das glaube ich nicht. Ich habe die Angaben auf den Packungsbeilagen gelesen. Ein paar der Medikamente sind bereits ein Jahr alt."

Jill vermochte einfach nicht über die Tatsache hinwegzukommen, dass sie mit ihm in einem Bett geschlafen hatte. Sie hatte nie mit jemandem das Bett geteilt, nicht mal mit ihren Schwestern. Noch erschreckender fand sie, dass die Art und Weise, wie sie mit Colin dagelegen hatte, absolut nichts Harmloses gehabt hatte. Und wie er richtig bemerkt hatte, war sie erst eingeschlafen, als sie sich in seinen Armen geborgen gefühlt hatte. Obwohl nichts weiter zwischen ihnen vorgefallen war, hatte die gemeinsame Nacht für sie etwas unglaublich Intimes.

Für Colin war das vermutlich nicht so ungewöhnlich. Damit wollte sie ihn nicht als Schürzenjäger abstempeln. Soweit sie das beurteilen konnte, tauchte er mal mit einer Begleiterin auf und mal ohne. Offenbar hatte er keine feste Freundin. Sie musste das wissen. Schließlich hatte sie schon mehrfach von der einen oder anderen Bekannten gehört, dass er kaum Interesse zeigte.

"Wegen der Migräne muss man sich nicht schämen, Jill." Er steckte sein Hemd in die Hose. "Was hat dein Arzt dazu gesagt? Ich meine, kennt er die Ursache?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich bin vollkommen gesund, wenn du das meinst. Ich habe etliche gründliche Untersuchungen hinter mir."

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. "Wenn dein Arzt nicht mehr für dich tun kann, als Medikamente verschreiben, solltest du einen anderen aufsuchen."

"Das habe ich schon getan, und der ist zu dem gleichen Ergebnis gekommen." Sie fühlte sich viel zu verletzlich und wollte ihm nicht mehr sagen, als er bereits wusste. "Aber es wird schon besser. Solche Kopfschmerzen hatte ich zuletzt vor zwei Monaten." Sie schlug die Decke zurück. Seit sie aufgewacht war, hatte sie ihre Aufmerksamkeit voll und ganz auf Colin gerichtet, so dass sie nicht bemerkt hatte, was sie trug. Jetzt fiel ihr auf, dass sie ein Nachthemd anhatte.

"Und wie oft hast du diese Attacken davor gehabt?"

"Vergiss es. Wie bin ich in dieses Nachthemd gekommen?"

"Ich habe es dir angezogen."

"Das heißt auch, du hast mich ausgezogen."

Er bedachte sie mit seinem typischen ironischen Lächeln. "Keine Sorge, ich habe die Situation nicht ausgenutzt."

"Das habe ich auch nicht gedacht."

Die Tatsache, dass er sie fast nackt gesehen hatte, erzeugte bei ihr den Wunsch, sich unter der Decke zu verstecken, bis er gegangen war. Schlimmer noch, wenn sie ihr Bein zwischen seine geschoben hatte, bedeutete das auch, dass ihr Nachthemd hochgerutscht war, und damit kam sie unwillkürlich auf einen anderen Gedanken.

Sie nagte an ihrer Unterlippe. So verlegen wie jetzt war sie noch nie gewesen. Von nun würden sie beide jedes Mal, wenn sich ihre Blicke begegneten, daran denken müssen, dass Colin sie nackt gesehen hatte. Jill beschloss, ihm in den nächsten Tagen so gut es ging aus dem Weg gehen. Hoffentlich würde sie bald ihre Fassung wiedergewinnen.

"Musstest du das Spray schon mal benutzen? Es scheint mir ein ziemliches starkes Mittel zu sein."

"Gestern habe ich das Spray zum ersten Mal benutzt." Ihr Arzt hatte sie gewarnt, dass sie es nur verwenden sollte, wenn sie im Bett läge, weil es sie gleich betäuben würde. Jetzt wusste sie, dass er Recht gehabt hatte. Aber er hatte sie nicht gewarnt, was sie machen sollte, falls ein Mann bei ihr im Bett lag. Nur mit Mühe konnte sie ein Seufzen unterdrücken.

"Das bedeutet aber auch, dass du noch nie so schlimme Kopfschmerzen gehabt hast wie gestern Abend. Ich finde, du solltest heute deinen Arzt anrufen und ihm das sagen."

Es kostete sie eine ungeheure Anstrengung, aber irgendwie schaffte sie es, sich zusammenzunehmen. "Hör mal, ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du vergangene Nacht für mich da warst. Die Kopfschmerzen waren sehr schlimm. Aber jetzt wird es Zeit für mich." Sie schaute erneut auf die Uhr und bemerkte, dass es schon acht war. Sie war überrascht, dass Molly sie nicht angerufen hatte, aber da sie gestern Abend noch den Beginn des Migräneanfalls mitbekommen hatte, hatte sie vermutlich entschieden, sie nicht zu stören. "Ich bin sehr spät dran und muss mich unbedingt anziehen." Sie stieg aus dem Bett. "Ehe du gehst, möchte ich dich jedoch noch um einen Gefallen bitten."

Verdammt, sie hasste es, jemandem verpflichtet zu sein, besonders jemandem, der jetzt mehr über sie wusste als ihr Arzt. Am liebsten hätte sie sich ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen. Aber das war nicht die Art, wie sie gelernt hatte, mit allem fertig zu werden. Stattdessen schaute sie Colin offen an und bemerkte, dass sein Blick auf ihre Brüste gerichtet war. Sie brauchte nicht mal an sich herunterzusehen, um zu wissen, dass ihre Knospen sich aufgerichtet hatten. Abwehrend verschränkte sie die Arme vor der Brust.

"Colin?" Sie wartete, bis er ihren Blick erwiderte, und spürte, wie ihre Knie weich wurden, als sie das Verlangen in seinen Augen erkannte. Sie räusperte sich. "Ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust."

"Wenn ich kann, gern."

"Es wäre mir lieb, wenn du niemandem etwas von meinem Problem erzählst."

"Problem? Du meinst, dass du an Migräne leidest."

"Genau."

Colin schlang seine Krawatte um den Nacken. "Was ist los, Jill? Hast du Angst, es könnte jemand glauben, du bist nicht ganz so stark, wie du auftrittst?"

Wie so oft zuvor versuchte er sie zu provozieren. Aber diesmal würde sie nicht darauf reagieren. "Würdest du es bitte für dich behalten?"

"Weißt du, Migräne ist weder eine Schwäche noch ein Versagen. Du bist auch nicht die Einzige, die darunter leidet. Eine ganze Reihe unserer Bekannten hat damit zu tun."

"Woher weißt du das?"

Er hob die Schultern. "Ich höre gut zu."

Sie holte tief Luft und ärgerte sich, dass sie sich so leicht von ihm ablenken ließ. "Wirst du mir den Gefallen tun?"

"Natürlich werde ich das niemandem erzählen."

"Und das … andere?" Erneut nagte sie an ihrer Unterlippe.

Er nahm sein Jackett vom Stuhl und warf es sich über die Schulter. "Was zwischen uns war, wird niemand erfahren."

Jill atmete auf. Er hatte sie nicht gedrängt, mehr dazu zu sagen. "Danke."

Er schaute ihr in die Augen und kam auf sie zu. Dicht vor ihr blieb er stehen. "Gern geschehen. Ich bin froh, dass du keine Schmerzen mehr hast." Dann beugte er sich vor und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. "Mute dir heute nicht zu viel zu." Er näherte sich mit seinen Lippen ihrem Mund und hielt dicht davor inne. "Lass dir Zeit."

Sein warmer Atem streifte ihre Lippen. Sie hielt den Atem an. Wollte er sie küssen?

Sacht berührte er ihr Gesicht. "Iss etwas, ehe du zur Arbeit fährst, und fahr vorsichtig." Er richtete sich auf und schaute ihr lächelnd in die Augen. "Bis nachher." Er wandte sich zum Gehen.

Er hatte bereits die Hand auf dem Türknauf, ehe sie zur Besinnung kam. "Warte. Was soll das heißen 'bis nachher'?"

"Hast du es schon vergessen? Ich habe um zwei einen Termin mit dir." Er zog leise die Tür hinter sich zu.

Erstaunt setzte Jill sich aufs Bett.

Bis um zwei? Mehr Zeit blieb ihr nicht, um mit dem fertig zu werden, was geschehen war? Sie atmete zitternd aus. Gut, auch wenn sie darauf gebaut hatte, dass sie ihn eine Weile nicht sehen würde, so musste sie es einfach schaffen, ihm heute Nachmittag gegenüberzutreten. Bislang war sie nie einer Situation ausgewichen, nur weil sie schwierig war. Das würde sie auch jetzt nicht tun.

Wenn sie ihn auch nicht darum gebeten hatte, die Nacht bei ihr zu bleiben, so hatte sie ihn doch gebeten, nicht sofort wegzugehen. Sie wusste nicht zu sagen, warum sie ihn hatte bei sich haben wollen und seine Nähe gesucht hatte. Nur eines war ihr klar. Sie hatte sich seltsam verloren gefühlt, bis Colin sie an sich gezogen und in die Arme genommen hatte.

3. Kapitel

 

"Guten Tag, Colin." Jill saß an ihrem polierten, aufgeräumten Mahagonischreibtisch und musterte ihn aufmerksam.

Colin merkte, dass sie sich sehr anstrengen musste, um nach außen hin ruhig zu wirken. Mit einem zufriedenen Lächeln ließ er sich in einen der Stühle vor ihrem Schreibtisch sinken. Nach der vergangenen Nacht würde sie es nicht mehr schaffen, die schützende Mauer, die sie um sich errichtet hatte, aufrechtzuerhalten.

"Ist es wirklich ein guter Tag? Fühlst du dich besser als heute Morgen?"

"Ja, mir geht es gut."

"Keine Anzeichen für Kopfschmerzen?"

"Nein." Unwillkürlich knirschte sie innerlich mit den Zähnen.

Er verbiss sich ein Lächeln. Sie bedauerte ganz offensichtlich, dass sie sich hatte von ihm helfen lassen müssen, und versuchte, ihre Beziehung wieder auf den Stand einer alltäglichen Bekanntschaft zu bringen. Doch das würde er nicht zulassen.

"Nachdem wir über das Thema gesprochen haben, lass es uns vergessen", verlangte sie kurz angebunden.

"Gern, wie immer du willst." Er musterte ihr maßgeschneidertes dunkelblaues Nadelstreifenkostüm, zu dem sie eine cremefarbene Seidenbluse trug, die bis zum Hals geschlossen war. Eine schlichte goldene Uhr am Handgelenk war ihr einziger Schmuck. Ihr Haar hatte sie wieder aufgesteckt, obwohl die Frisur nicht ganz so straff wirkte wie am Abend zuvor. Er hätte wetten mögen, dass ihre Kopfhaut noch immer sehr empfindlich war. "Ich werde es nicht mehr anschneiden, es sei denn, du siehst wieder so aus wie gestern Abend."

Einen Augenblick lang begegnete sie seinem Blick. Doch er vermochte nicht zu erkennen, was sie empfand. Sie schlug den Ordner auf, der vor ihr lag, und überflog rasch den Inhalt. "Warum hast du dir überhaupt einen Termin geben lassen, Colin? Ich hätte dir am Telefon sagen können, dass ich das Grundstück neben deinem nicht verkaufen werde."

"Wieso nicht?"

Sie verschränkte ihre Hände ineinander und legte sie auf die Tischplatte. "Wir wollen keine Spielchen miteinander treiben. Du kennst die Gründe, warum ich das Grundstück behalten will. Es wird für sich allein einen Gewinn abwerfen, wenn es erst einmal voll erschlossen ist. Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich es behalten möchte. Dein Grundstück hast du mir praktisch vor der Nase weggeschnappt. Und das, Colin, ist der wirkliche Grund, warum ich nicht an dich verkaufen werde. Es geht mir einfach ums Prinzip."

"Sehr interessant. Ich wusste nicht, dass du nachtragend bist." Er lehnte sich zurück und hob einen Fuß auf das Knie des anderen. "Außerdem ist 'weggeschnappt' ein ziemlich harter Ausdruck. Ich habe nichts Unrechtmäßiges getan und auch nichts Unmoralisches."

"Über Letzteres kann man unterschiedlicher Meinung sein." Jill stand auf und trat ans Fenster, von wo aus sich ihr ein Panoramablick auf die Innenstadt von Dallas bot. Doch den nahm sie kaum wahr. "Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber irgendwie hast du mitbekommen, dass ich beide Grundstücke haben wollte. Ich glaube, die Besitzer haben deinen Scheck zehn Minuten früher bekommen, als ich meinen eingereicht habe."

Sein Schulterzucken und sein Gesichtsausdruck signalisierten überdeutlich "Na und?" Er hatte seine Kontakte und Beziehungen spielen lassen, um vor ihr den Zuschlag zu bekommen. Beide Grundstücke waren Gewinn versprechend, wenn man ihre vorteilhafte Lage neben dem geplanten neuen Sportzentrum bedachte.

Was er nicht hatte vorhersehen können, war der glückliche Zeitpunkt des Termins. So hatte er die Gelegenheit gehabt, sie nur wenige Stunden nach der gemeinsamen Nacht wiederzusehen. Kein Wunder, dass sie ihm gegenüber noch nicht zu ihrer gewohnten Sicherheit zurückgefunden hatte.

"Sag mal …" Sie trat hinter ihren Ledersessel und stützte sich auf die hohe Rückenlehne. "Warum hast du nicht einfach beide Grundstücke gekauft? Das wäre doch einfach für dich. Es sei denn, du hattest nicht genug Kapital. Lag es daran?"

Ihm war klar, dass sie einen anderen Grund als Kapitalmangel nicht gelten lassen würde, doch nur um sie ein wenig zu ärgern, entschied er sich, ihre Neugier nicht restlos zu befriedigen. "Das war zum Teil der Fall. Ich hatte das eine Grundstück direkt erworben, ohne es anderen Investoren anzubieten. Aber die anderen Gründe …" Er zuckte erneut mit den Schultern.

Sie schaute ihn ratlos an, aber ehe sie eine weitere Frage stellen konnte, wollte er wissen: "Hast du über mein Angebot nachgedacht?"

"Ich denke über jedes Angebot nach, das über meinen Tisch geht."

"Es war ein gutes Angebot, Jill."

"Ich weiß."

"Was ist, wenn ich es erhöhe?"

Sie schüttelte den Kopf. "Spar dir die Zeit."

Das war die Antwort, mit der er gerechnet hatte, aber wenn er nicht versucht hätte, ihr das Grundstück abzukaufen, hätte sie das nicht verstanden. Hätte sie andererseits sein Angebot angenommen, hätte er nicht mehr die Möglichkeit gehabt, eng mit ihr zusammenzuarbeiten. Und das war sein eigentlicher Hintergedanke.

Nachdem er sie und ihre Familie über ein Jahr beobachtet hatte, war ihm klar geworden, wie er es anstellen musste, um sie ganz für sich zu gewinnen. Was er nicht gewusst hatte, war, wann er seinen Plan ausführen konnte. Ihre Kopfschmerzen gestern Abend waren für ihn ein Glücksfall. So war er ihr endlich näher gekommen.

Jill musterte ihn eingehend. "Hast du dir mein Angebot für dein Grundstück noch einmal durch den Kopf gehen lassen?"

"Ja, das habe ich getan."

Sie spielte mit dem Armband ihrer Uhr. "Und?"

Bedauernd hob er die Hände. "Ich will das Grundstück auf jeden Fall behalten."

"Ich verstehe." Erneut starrte sie ihn an. Verhandlungen dieser Art führte sie sonst so meisterhaft, wie er seine Gefühle verbergen konnte. Heute jedoch dachte sie an die vergangene Nacht. Abrupt fasste sie um den Stuhl herum und klappte den Ordner zu. "So kommen wir zu keinem Ergebnis. Es hat keinen Zweck, über Angebot und Gegenangebot zu reden. Die Besprechung ist vorbei."

"Nicht ganz."

"Wenn ich nicht verkaufen will und du auch nicht, dann wüsste ich nicht, worüber wir noch reden sollten."

"Wie fändest du es, wenn wir zusammenarbeiten?"

Sie runzelte die Stirn. "Du meinst, bei der Erschließung unserer Grundstücke?"

Er bejahte. Sollte sie zustimmen, würde es ihm mehr Zeit lassen, ihr klar zu machen, wie wenig Des Baron zu ihr passte. Und wenn das nicht der Fall war, so würde er wenigstens einen ansehnlichen Gewinn einstreichen.

Sie schüttelte den Kopf. "Ich führe meine Projekte immer allein durch. Das müsstest du wissen."

"Ja, schon. Aber meiner Ansicht nach ist das nicht unbedingt zweckmäßig." Sie wollte etwas einwenden, aber er fuhr bereits fort: "Ich weiß, dein Vater hat dir und deinen Schwestern beigebracht, alles allein zu lenken. Aber denk mal nach, Jill. Bei so viel Hektar Land und einer gemeinsamen Vorstellung, was man damit anfangen könnte, wären wir ein gutes Team. Neben Büros und Warenhäusern könnten wir Freizeiteinrichtungen und Wohnungen anbieten. Und du weißt ebenso gut wie ich, wenn wir gemeinsam an den Entwürfen arbeiten und Grünflächen einplanen, wird die Stadt uns wohlwollend entgegenkommen."

"Das ist nicht meine Art, die Dinge anzugehen." Jill ging um den Schreibtischsessel herum und setzte sich.

"Ich glaube, dir fällt es bloß schwer, mit jemand anders zusammenzuarbeiten." Colin lächelte. "Komm, Jill. Dir gehört hier schon eine Menge Land in Texas, von dem Grundbesitz, den du rund um den Erdball hast, ganz zu schweigen. Dein Ruf wäre nicht ruiniert, wenn du ein einziges Mal mit mir zusammenarbeitest. Falls du es nicht bemerkt hast, nur sehr wenig Leute arbeiten noch allein. Stell dir außerdem mal vor, wie viel Spaß uns das machen würde."

"Spaß?" Für einen Moment ruhte ihr Blick auf seinen Lippen. Dann schien sie sich zu fangen. "Meine Schwester Tess hat bei ihrem letzten Unternehmen an eine Ölgesellschaft verkaufen müssen und Millionen verloren. Das wird mir nicht passieren."

"Kann es auch nicht, wenn wir uns zusammenschließen. Ehrlich gesagt, würde es uns mehr Gewinn einbringen als bei getrenntem Vorgehen. Außerdem wissen wir beide, dass Tess alles in allem immer noch einen guten Deal abgeschlossen hat, und keineswegs so schlecht dasteht, wie du es darstellst." Colin senkte die Stimme. "Und sie hat den Deal aus Liebe abgeschlossen. Das wäre bei uns auch nicht der Fall, oder?"

Jill runzelte die Stirn. "Nein, natürlich nicht."

"Also?"

"Nein, Colin."

"Weißt du was? Dein Nein kommt fast automatisch, wie so vieles bei dir."

"Wie meinst du das?"

"Ich möchte dich nur bitten, meinen Vorschlag nicht so einfach abzulehnen." Colin stand auf, beugte sich vor und schob ihr die Akte auf dem Schreibtisch zu. "Ich habe ein paar Ideen aufgeschrieben. Sieh es dir mal an. Bestimmt erkennst du, welche Vorteile wir beide dabei hätten. Ob du dann mitmachen willst, ist eine andere Sache." Er streckte seine Hand aus und strich Jill leicht über die Wange. Sie zuckte zusammen. "Pass auf dich auf!" flüsterte er, richtete sich lächelnd auf und wandte sich zum Gehen. Ohne Eile ging er zur Tür. Auf keinen Fall wollte er ihr Misstrauen wecken. Er hatte bereits die Hand auf dem Türknauf liegen, als sie ihn zurückhielt.

"Warte. Da wäre noch etwas, worüber ich mit dir reden möchte."

Er hatte den Atem angehalten und atmete langsam aus. Gespielt überrascht schaute er sich um. "Ach ja? Und was?"

Als Colin zurückkam, gingen ihr ein Dutzend verschiedener Gedanken durch den Sinn. Leider kreisten sie alle nur um ihn. Er war lässig gekleidet, trug zu Hemd und Hose ein sportliches Sakko, das seine männliche Ausstrahlung unterstrich. Ihr Pech war nur, dass sie jetzt wusste, wie er ohne die Kleidung aussah, und sosehr sie es auch versuchte, sie konnte die Erinnerung daran nicht verdrängen.

Sie wusste genau, wie das Spiel seiner Muskeln auf sie gewirkt hatte, als er sich angezogen hatte. Sie hatte auch nicht vergessen, dass sein schwarzer Slip wie eine zweite Haut saß. Und dann war da noch dieses Gefühl der Geborgenheit, das sie verspürt hatte, als sie in seinen Armen aufgewacht war. Der Duft seines Rasierwassers …

Sie wischte sich mit der Hand über die Stirn und war überrascht, dass sie nicht schwitzte. Es war verrückt, was sie vorhatte. Nur schon den gestrigen Abend anzusprechen war gefährlich.

Anstatt sich hinzusetzen, blieb er vor dem Stuhl stehen, auf dem er vorhin gesessen hatte, und schob seine Hand in die Hosentasche. Er hatte zwar eine lässige Haltung eingenommen, aber sie wirkte zugleich auch energiegeladen. "Was ist denn?"

Jill räusperte sich. "Mir ist noch etwas von gestern Abend eingefallen. Du hast auch Des erwähnt, nicht wahr?"

"Das stimmt."

Sie nickte und spielte mit dem Deckel des Ordners, den er ihr gegeben hatte. "Soweit ich mich erinnere, weißt du ziemlich genau, was er mag und was nicht."

"Wie schon gesagt, wir sind gute Freunde geworden."

Sie blickte auf den Ordner. "Ich will dich nicht bitten, sein Vertrauen zu missbrauchen, aber ich habe mich gefragt, ob er jemals etwas über mich gesagt hat."

"Nur ganz allgemein."

"Wie meinst du das?"

"Wenn er euch Schwestern erwähnt, sagt er meistens 'die Mädchen'."

"Als wären wir eine Einheit?" Jill war überrascht und gekränkt zugleich. Sie und ihre Schwestern waren sich nie einig gewesen und hatten sich auch nicht besonders gut miteinander verstanden. Dafür hatte ihr Vater gesorgt.

"Ich weiß nicht, wie viel du von unserer Unterhaltung gestern noch weißt, aber ich habe erwähnt, dass er dich eben nur als Verwandte betrachtet."

Lieber Himmel, Des zum Altar zu schleppen würde schwerer werden als erwartet. Jill straffte entschlossen die Schultern. "Du hast auch gesagt, du hättest das Gefühl, er würde nicht zu mir passen", erklärte sie in kühlem, geschäftsmäßigem Ton. "Das war ziemlich unverschämt, Colin."

"Mag sein, aber es stimmt."

"Das weißt du aber nicht. Niemand weiß es."

"Möglich, aber ich kann mir auf Grund meines Wissens eine Meinung bilden."

"Ich verstehe." Jill stand auf und kehrte ans Fenster zurück. "Und dieses Wissen, nehme ich an, beruht zum Teil darauf, dass du mich nicht für eine Femme fatale hältst." Sie hasste es, die Worte auszusprechen. Bislang war sie immer stolz darauf gewesen, dass sie ihre weiblichen Reize nicht hatte einsetzen müssen, um zu bekommen, was sie haben wollte. Jetzt musste sie sich auch noch den Kopf zerbrechen, ob sie überhaupt weibliche Reize besaß.

"Dir ist wohl annähernd unsere ganze Unterhaltung eingefallen."

"Ja, es sind andere Dinge, die mir nicht ganz so spontan einfallen wollen." Sie griff nach einem Stift und spielte damit. "Ich erinnere mich auch an deine Behauptung, dass ich mich jetzt entschieden hätte, ihn mir zu angeln."

Er lächelte. "Das stimmt doch, oder nicht?"

Sie vermochte ihre Verwirrung nicht zu verbergen. "Wie kannst du zu dieser Schlussfolgerung kommen? So gut kennst du mich doch nicht."

"Ich kenne dich besser, als du denkst, also versuch nicht, mir zu erzählen, ich würde mich irren. Wollen wir nicht lieber über das reden, was ich noch gesagt habe? Nämlich dass du keine Femme fatale bist. Willst du mir da widersprechen?"

Jill nagte an ihrer Unterlippe, dann hielt sie inne. Doch sie spielte noch nervöser mit dem Stift als vorhin. "Ich habe nie darüber nachgedacht." Bis jetzt, fügte sie im Stillen hinzu.

"Und jetzt?"

Nachdem sie es getan hatte, musste sie zugeben, dass er Recht hatte. Doch das wollte sie nicht zugeben. "Bislang habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht, dass …"

"Dass du eine Frau bist?" beendete Colin ihren Satz.

Jill hob die Schultern. "Ich habe immer sehr schnell gelernt. Wie schwer kann das sein?" Sie musterte ihn, und es kam ihr ein Gedanke. "Du hast mir noch nicht meine Frage beantwortet."

"Das liegt daran, dass ich das nicht kann." Er lächelte. "Ich war noch nie eine Frau."

Bei dem Gedanken hätte sie fast laut gelacht. Er war einer der Männer, die eine starke maskuline Ausstrahlung besaßen. Wieso war ihr das nicht schon früher aufgefallen? Die Antwort lag auf der Hand. Bislang hatte sie sich ausschließlich auf ihren Beruf konzentriert. Auch das hatte sie sicher ihrem Vater zu verdanken. "Aber du hast viel mit Frauen zu tun. Ich meine, du ziehst sie an."

"Was soll das heißen?"

"Ich weiß es nicht." Das war eine ehrliche Antwort, doch sie versuchte, es herauszufinden. "Du weißt offenbar auch sehr viel über Des. Und du kennst dich mit Frauen aus."

"Wieso hältst du gerade mich für so einen großen Frauenkenner?"

Sie zog ihre Brauen zusammen, verärgert, weil er sie aus ihren Überlegungen riss. "Ich habe mit einigen deiner Verflossenen geredet."

"Bei mir gibt es keine Verflossenen."

"Sie sehen das aber so."

"Denk mal darüber nach, was du gerade gesagt hast, Jill." Sein Ton war überraschend sanft, aber sein Gesichtsausdruck blieb hart. "Das kann nicht wahr sein."

Sie warf den Stift auf den Schreibtisch. "Na gut, sie sind im Allgemeinen enttäuscht, dass du keine Beziehung willst und dich auch kein zweites Mal mit ihnen verabredest."

"Ich mache ihnen auch keine falschen Hoffnungen, Jill."

Sie seufzte. Es tat ihr Leid, das Thema angeschnitten zu haben. "Sieh mal, was du mit Frauen machst oder was nicht, ist deine Sache, ja?"

Sein Blick verriet, dass er sie mit diesem lahmen Spruch nicht davonkommen lassen würde.

"Sieh mich nicht so an. Du weißt genau, dass die Frauen dich nur anzuschauen brauchen, und schon sind sie hin und weg. Wenn du ihnen dann noch ein Lächeln schenkst, planen sie plötzlich schon ihre Hochzeit."

"Also ich finde, du übertreibst."

Jill verschränkte die Arme vor der Brust. "Nein, in der Hinsicht habe ich Recht. Du willst mit den meisten nur befreundet sein, und soweit ich gehört habe, bist du wirklich ein echter Freund. Aber trotzdem sind sie enttäuscht oder hoffen, dass du sie eines Tages mit anderen Augen siehst. Sag mal, warum reden wir jetzt über dich und deine Beziehung zu Frauen, obwohl ich von Des gesprochen habe und davon, was er über mich denkt?"

"Ich glaube, du hast das Thema angeschnitten."

"So?" Sie runzelte die Stirn. Am Tag nach einem Migräneanfall hatte sie oft Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Diesmal kam noch hinzu, dass sie die vergangene Nacht mit Colin verbracht hatte. Verflixt!

"Was hast du, Jill?"

Sie bemühte sich, ihre Gedanken zu verdrängen. "Des …" begann sie, und die Idee, die ihr vorhin schon gekommen war, nahm endlich Gestalt an.

Colin schüttelte den Kopf. "Tut mir Leid, aber bei ihm hast du keine Chance."

"Das sagtes du bereits." Sie musterte ihn aufmerksam. "Kann ich dir vertrauen?"

Er schien sich zu entspannen und setzte sich lächelnd auf die Ecke des Schreibtischs. "Du hast die vergangene Nacht in meinen Armen geschlafen. Wenn du mir nicht vertrauen kannst, wem dann?"

Beinahe hätte sie laut aufgestöhnt. "Würdest du das bitte vergessen?"

Er lachte leise. "Du machst wohl Witze, was?"

Innerlich war sie stark angespannt, als sie um den Schreibtisch herumging und dicht vor Colin stehen blieb. "Ich will nur wissen, ob ich dir vertrauen kann. Es wäre nicht schön, wenn du zu Des läufst und ihm erzählst, was ich gesagt habe."

"Das würde ich niemals tun."

Sie hatte den Eindruck, seine Worte hätten eine tiefere Bedeutung, aber vielleicht war das Einbildung. Sie hatte jedoch noch ein anderes Problem, das nichts mit Einbildung zu tun hatte. Sie stand so dicht neben ihm, dass sie den Duft seines Rasierwassers wahrnahm, der ihr vor ein paar Stunden beim Aufwachen entgegengeweht war. So unauffällig wie möglich wich sie ein paar Zentimeter zurück.

Aber das half nichts. Der gestrige Abend war ihr unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben, was natürlich merkwürdig war, da sie die Hälfte der Zeit starke Schmerzen gehabt und den Rest der Nacht tief geschlafen hatte.

"In Ordnung, ich habe da einen Vorschlag. Du kennst Des, und du kennst dich mit Frauen aus. Würdest du mir vielleicht beibringen, wie ich Des auf mich aufmerksam machen kann und eine …", sie schluckte schwer, "… eine Femme fatale werde?" Sie entfernte sich weiter von ihm, wandte sich um und kehrte zurück, unsicher, wie er reagieren würde. Aber zu ihrer Überraschung musterte er sie nachdenklich.

"Angenommen, ich tue das. Was hätte ich davon?" entgegnete Colin.

Die Vorstellung war ihr so neu, dass sie darüber nicht nachgedacht hatte, aber es klang verständlich, dass er einen gewissen Vorteil daraus ziehen wollte. "Ich weiß es nicht. Was möchtest du denn haben? Geld?"

"Ich habe eine Menge Geld."

"Was dann?"

"Etwas, das dich nichts kostet."

"Und das wäre?"

"Deine Zustimmung, dass wir bei der Erschließung der Grundstücke zusammenarbeiten."

Damit hatte sie absolut nicht gerechnet. "Verflixt, Colin. Du weißt …"

"Ich weiß", unterbrach er sie. "Es verstößt gegen eure Familientradition. Du wirst dich entscheiden müssen, was dir wichtiger ist. Das, was dein Vater dir beigebracht hat, der längst verstorben ist, oder ob du Des haben willst."

Verärgert wirbelte sie herum und begann in dem Konferenzbereich ihres Büros auf und ab zu gehen. Bequeme Stühle standen um einen langen Tisch herum. Sofas rahmten einen Kamin ein. Aber das nahm sie kaum wahr. Ihre Gedanken kreisten nur um Colin, und um in Ruhe überlegen zu können, musste sie sich weit genug von ihm entfernen, durfte sich nicht von dem Duft seines Rasierwassers ablenken lassen oder von seinem Lächeln. Und schon gar nicht durfte sie daran denken, wie es war, sich beim Einschlafen an Colin zu schmiegen.

Doch sie war fest davon überzeugt, dass sie seine Hilfe brauchte, um Des zu erobern. Auch ohne sich Colins Kostenaufstellungen und Pläne näher anzusehen, wusste sie, dass sie mehr Gewinn machen würden, wenn sie die Grundstücke gemeinsam erschließen könnten. Von daher erschien ihr sein Vorschlag nur vernünftig.

Warum hatte sie dann trotzdem die ganze Zeit das Gefühl, es gäbe etwas, das sie bei dem Handel nicht berücksichtigt hätte?

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