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BACCARA EXKLUSIV BAND 170

Und plötzlich warst du wieder da

PROLOG

Richards, der langjährige Rechtsbeistand und Notar der Familie, hob den Blick von Everett Kincaids Testament und richtete ihn über den schweren Esstisch hinweg auf Nadia Kincaid, die jüngste Erbin. „Ich verlese jetzt den Teil des Testaments, der Sie betrifft, Miss Kincaid.“ Richards räusperte sich umständlich.

Nadia wartete gespannt. Diese ganze Prozedur zerrte an ihren Nerven. Von seinen Kindern hatte sie dem Verstorbenen am nächsten gestanden. Aber es hatte auch so etwas wie Hassliebe zwischen ihr und ihrem Vater geherrscht. Deshalb war Nadia während der Testamentsverlesung im Esszimmer von Kincaid Manor sehr angespannt. Nach dem, was sie bisher gehört hatte, hatte sie nichts Gutes zu erwarten. Offenbar hatte es Everett Kincaid gefallen, jedem seiner Kinder eine spezielle Aufgabe aufzuerlegen, die in einer Jahresfrist zu erfüllen war, bevor sie das Milliarden-Erbe antreten konnten.

Nachdem Richards sich Nadias Aufmerksamkeit vergewissert hatte, fuhr er mit der Verlesung fort: „Zu guter Letzt nun zu dir, meine Tochter Nadia. Der Einsatz und die Erfolge deiner Arbeit für unser Unternehmen, liebe Nadia, sind sehr beachtlich …“

Nadias Anspannung wuchs. Wenn ihr Vater anfing, jemanden zu loben, konnte man sicher sein, dass das dicke Ende folgte. Sie sollte recht behalten.

Richards las weiter: „Deine Verdienste täuschen mich jedoch nicht darüber hinweg, dass du es bisher versäumt hast, deinem Leben eine Richtung zu geben. Du bist kein Teenager mehr, Nadia, trotzdem umgibst du dich mit Freunden, die nicht weiter als bis zur nächsten Party denken. Angesichts dessen halte ich es für angebracht, dass du dein bequemes Nest verlässt, um endlich flügge zu werden.“

Everett Kincaids Urteil war unbestechlich und gnadenlos scharfsichtig wie immer. Allerdings hatte er außer Acht gelassen, dass Nadia einiges durchgemacht und ein gewisses Maß an Ablenkung gebraucht hatte, um nicht in eine schwere Depression zu fallen.

„Mit sofortiger Wirkung bist du von deiner Stellung im Management der Kincaid Cruise Lines unbezahlt und für die Dauer eines Jahr beurlaubt. Während dieses Jahres hast du dich von allem, was in irgendeiner Form zum Geschäftsbetrieb der KCL-Reederei gehört, sowie vom Familienstammsitz Kincaid Manor fernzuhalten.“ Richards atmete ein.

Nadia konnte es nicht fassen. Mit einem Federstrich hatte ihr Vater ihr nicht nur ihren Job, sondern auch ihr Zuhause genommen!

„Du wirst dieses Jahr über in meinem Penthouse-Apartment in Dallas, Texas, wohnen …“

„Daddy hat ein Penthouse in Dallas?“, unterbrach Nadia den Notar. Rand, ihr älterer Bruder, hob die Hand und brachte sie zum Schweigen.

„… jede Erwerbstätigkeit ist dir ausdrücklich untersagt. In dem Apartment werden keine Partys veranstaltet. Außerdem herrscht dort für dich zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens strikte Anwesenheitspflicht. Solltest du diese Bedingungen in irgendeiner Form nicht erfüllen, ist das Erbe nicht nur für dich, sondern auch für deine Brüder verwirkt.“

Nadia konnte nicht länger an sich halten. „Was soll das denn?“ Fassungslos blickte sie von Mitch zu Rand. „Das darf doch nicht wahr sein“, protestierte sie empört. „Er schmeißt mich einfach raus – aus der Firma, aus dem Haus. Das ist ja wie früher, als er mich auf mein Zimmer geschickt hatte. Ich bin doch keine vierzehn mehr!“ Nadia verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Lächerlich! Das mache ich nicht mit. Kommt überhaupt nicht infrage.“

„Du hast keine andere Wahl“, meinte Mitch, der jüngere der Brüder, in ruhigem Ton.

Nadia stieß einen verächtlichen Laut aus. Typisch Mitch, unser cooler Krisenmanager, dachte sie. „Hör mal zu. Wie kann Dad von mir verlangen, mein Zuhause, meinen Job und all meine Freunde aufzugeben?“

„Er kann es.“ Rand hatte den Platz am Kopf der Tafel eingenommen und beugte sich jetzt vor. „Du hast doch gehört, was im Testament steht. Wenn du nicht spurst – wenn wir nicht alle spuren –, sind wir die Reederei und den Familienbesitz los. Aber reg dich nicht auf. Mitch und ich sind bei dir.“

„Seid ihr eben nicht. Wie denn? Ihr seid hier in Miami, und ich sitze in Dallas fest.“ Von klein auf hatte Nadia zu Rand aufgeblickt. Als ihr ältester Bruder war er ihr engster Vertrauter gewesen, dem sie all ihre großen und kleinen Sorgen anvertraut hatte. Und dabei war es auch später geblieben. Aber was er jetzt einwarf, das war ihr keine besondere Hilfe.

„Dallas liegt ja nicht am Ende der Welt. Wir werden dich schon auf die eine oder andere Weise unterstützen.“ Rand ließ die Hände sinken.

„Trotzdem ist das alles totaler Schwachsinn!“

Richards beendete die Diskussion mit einem diskreten Hüsteln. „Darf ich? Wir sind noch nicht ganz fertig. Ich lese weiter: ‚Lange genug bist du umsorgt und verwöhnt worden, Nadia. Anders als deine Brüder hast du nicht einmal den Versuch unternommen, dir außerhalb von Kincaid Manor den Wind um die Nase wehen zu lassen. Es wird höchste Zeit, dass du lernst, auf eigenen Beinen zu stehen und für dich selbst zu sorgen. Demzufolge stehen dir in deinem Jahr in Dallas weder ein Koch noch ein Dienstmädchen oder Chauffeur zur Verfügung. Stattdessen wirst du deinen Führerschein machen. Die Fahrstunden sind bereits bezahlt. Im Übrigen erhältst du zu deinem Unterhalt einen monatlichen Betrag von zweitausend Dollar. Da du keine Miete zahlen musst, sollte diese Summe zur Bestreitung deines Lebensunterhalts ausreichen und dir gleichzeitig ein realistisches Bild von den Lebensbedingungen vermitteln, unter denen die Mehrzahl unserer Angestellten und Kunden lebt.‘“

Zweitausend Dollar – die Summe gab Nadia manchmal bei einem einzigen Einkaufsbummel aus. Andererseits … Nadia überlegte. Immerhin hatte sie Buchhaltung von der Pike auf gelernt, und wenn sie die Wirtschaftlichkeit eines Konzerns wie KCL mit einem Milliarden-Umsatz und Tausenden von Mitarbeitern überwachen konnte … Dann würde sie es auch schaffen, mit einem eigenen Budget hauszuhalten. Was Nadia jedoch in Rage versetzte, war, bevormundet zu werden. „War Daddy noch bei Sinnen, als er das geschrieben hat?“

Richards blickte Nadia über seine schmale Lesebrille hinweg an. „Die Forderungen des Verstorbenen sind nach Recht und Gesetz zumutbar. Ich kann nur wiederholen, was ich den jungen Herren bereits gesagt habe: Sollte nur einer von Ihnen die Klauseln dieses Testaments nicht erfüllen, ist das gesamte Erbe verwirkt – für jeden von Ihnen. So hat Ihr Vater es verfügt. Sie verlieren dann nicht nur die Reederei und alles sonstige Firmenvermögen, sondern auch sämtliche privaten Anlagewerte und Immobilien einschließlich Kincaid Manor.“

Er musterte die Anwesenden ernst. „All das würde im Falle einer Verfehlung von Ihrer Seite an die Firma Mardi Gras Cruising zum symbolischen Kaufpreis von einem Dollar gehen. Ihnen blieben dann nur Ihre persönlichen Guthaben.“

Also so gut wie nichts, dachte Nadia, großartig! Vor elf Jahren hatte sie durch einen Unfall ausgerechnet in der Hochzeitsnacht ihren Mann und ihr noch ungeborenes Baby verloren. Diesen harten Schicksalsschlag hatte sie nie richtig verwinden können. Um ihren Schmerz zu betäuben, hatte Nadia die Jahre danach einen Lebensstil geführt, bei dem ihr die Ausgaben und ihr Kontostand ziemlich gleichgültig gewesen waren.

„Eines verstehe ich überhaupt nicht“, sagte sie, nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte. „Wieso an Mardi Gras? Ausgerechnet unsere schärfsten Konkurrenten! Dad hat sie aus tiefstem Herzen gehasst. Sie haben uns das Leben schwer gemacht und uns wertvolle Marktanteile abgenommen.“

Richards zuckte die Schultern. „Über dieses Detail wurde nicht gesprochen.“

Rand trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum. „Dad würde sich im Grab umdrehen, wenn diese Halsabschneider von Mardi Gras ihr Emblem auf die Schornsteine unserer Schiffe pinseln. Der Gedanke, dass er da unten rotiert, ist zwar verlockend, aber ich habe trotzdem etwas dagegen, dass wir um das gebracht werden, was uns zusteht.“

Mitch nickte. „Wir tun, was er verlangt. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel.“

Beide sahen Nadia erwartungsvoll an. Sie konnte sich denken, was in ihren Köpfen vorging: Wenn einer von uns es vermasselt, bist du es.

Das tat weh. Ihr dämmerte, was hinter den unsinnig scheinenden Bedingungen dieses Testaments steckte. Everett Kincaid wollte seine Kinder zum krönenden Abschluss noch einmal testen. Darin war er schon immer groß gewesen. Nadia vermutete, dass auch ihr Vater darauf getippt hatte, dass sie versagen würde, seine Tochter, die ihn immer so sehr an seine Frau erinnert hatte. An Elizabeth Kincaid, die letztendlich auch nicht stark genug gewesen war.

Nadia straffte die Schultern. Ich werde es ihm zeigen, dachte sie, euch allen werde ich es zeigen. Zudem war sie es ihren Brüdern schuldig. Sie hatten ihr beigestanden, als sie vor elf Jahren am Boden zerstört gewesen war.

Am schwierigsten würde es werden, sich nicht von der Vergangenheit einholen zu lassen und nicht ins Grübeln zu verfallen. Nadia dürfte ja nicht einmal einen Job annehmen, um sich abzulenken.

Abrupt hob sie den Kopf und schaute in die Runde. „Okay. Wann soll es losgehen?“

1. KAPITEL

Das Penthouse in Dallas ließ im Grunde nichts zu wünschen übrig. Es war eine mit allem Komfort ausgestattete Wohnung. Trotzdem kam Nadia sich vor wie ein Einsiedler in seiner Höhle. Um sie herum herrschte eine reine Grabesstille. Denn in den anderen Stockwerken gab es nur Büros, Kanzleien und Arztpraxen. In diesem fünfzigstöckigen City-Hochhaus existierte nur ein weiteres Apartment, das genau gegenüber von Nadias lag. Aber seit sie vor acht Wochen eingezogen war, hatte sich niemand dort eingerichtet.

Nadia steckte das Staubtuch weg und sah sich um. Rand hatte sein Versprechen gehalten. Erst vor einem Tag war wieder ein Paket mit Büchern und DVDs von ihm eingetroffen. Er versorgte sie mit Unterhaltungsstoff, so gut es ging. Nadia lächelte. Inzwischen hatte sie sich mit Hilfe einiger der DVDs und einschlägigen Fernsehsendungen die Grundbegriffe des Kochens angeeignet. Sogar die jüngsten Versuche, Kekse zu backen, konnte sie als einigermaßen gelungen bezeichnen. Allerdings fragte sie sich, wer diese Mengen essen sollte. Die Geschäftsleute und Ärzte im Haus wären sicher nicht sonderlich begeistert, wenn sie in den Büros und Wartezimmern herumging und Kekse verteilte.

Nach den ersten zwei Monaten hatte Nadia ihren kleinen Haushalt einigermaßen im Griff, und die – überwiegend kleinen – Missgeschicke hielten sich in Grenzen. Die meisten notwendigen Dinge ließ sie sich liefern. Um alles andere kümmerte Nadia sich selbst, von der Wäsche bis zum Abwasch machte sie alles. Erst jetzt merkte sie, wie viele häusliche Aufgaben und Pflichten es gab, die ihr früher in Kincaid Manor abgenommen worden waren. Aber das hatte sie jetzt im Griff. Und in der verbleibenden Zeit sogar mittlerweile nahezu jeden aktuellen Bestseller gelesen und jeden Film gesehen, der in den letzten zehn Jahren gedreht worden war. So kam es ihr jedenfalls vor.

Das Einzige, was Nadia noch nicht in Angriff genommen hatte, waren die Fahrstunden. Sie konnte sich einfach nicht dazu überwinden, sich hinter das Lenkrad eines Autos zu setzen. Die Erinnerungen an den Unfall damals lähmten sie immer noch. Schon ein flüchtiger Gedanke daran versetzte sie in Panik.

Seufzend zog Nadia das Staubtuch wieder hervor und wischte über den glänzend polierten Kaminsims.

Wie ungerecht das alles war. Zugegeben, sie beneidete Rand auch nicht gerade. Er hatte alles stehen und liegen lassen müssen, nachdem er sich in Kalifornien eine neue Existenz aufgebaut hatte, um nach dem Willen seines Vaters nach Miami zurückzukehren. Mitch musste Ersatzpapa für Everett Kincaids unehelichen Nachwuchs spielen. Aber immerhin durften ihre Brüder ihre Jobs bei KCL behalten, während sie hier saß und die Wände anstarrte.

Wieder seufzte Nadia. Tief hinter ihrer ganzen Wut auf ihren Vater steckte die Trauer um ihn. Sooft seine Nörgelei und sein Despotismus sie früher in Rage versetzt hatten, vermisste sie ihn doch. Nie wieder würden sie sich beim Frühstück um den Wirtschaftsteil der Zeitung streiten, nie mehr über die Tagesgeschäfte von KCL diskutieren. Natürlich waren sein Kontrollzwang und seine ewige Kritik an ihr oft unerträglich gewesen. Aber Nadia hatte, selbst wenn sie es nie zugeben würde, immer gewusst, dass es jemanden gab, der sich um sie kümmerte. Jemanden, für den sie wichtig war.

Sie gab sich einen Ruck und vertrieb die deprimierenden Gedanken. Selbstmitleid half ihr auch nicht weiter. Sie musste durchstehen, wozu ihr Vater sie verdammt hatte, und wenn ihr dabei noch so sehr die Decke auf den Kopf fiel. Wenn ihr bloß etwas einfallen würde außer Putzen, Kochen und Waschen. Allmählich bekam sie das Gefühl, langsam, aber sicher zu verblöden. Und dagegen musste sie etwas unternehmen.

Nadia schaute auf die alte Standuhr. Es war elf Uhr abends. Die Zeit kroch wie alle Tage träge dahin. Sich ins Bett zu legen hatte keinen Zweck, weil sie noch nicht müde war. In Miami konnte sie jetzt nicht mehr anrufen, weil es wegen der Zeitverschiebung schon zu spät war. Zu gern hätte Nadia etwas darüber gehört, was sich bei ihren Brüder entwickelte. Beide hatten sich inzwischen verliebt, und dieser Umstand versüßte ihnen die Erfüllung ihrer Aufgaben. Es hatte den Anschein, als meisterten sie die von ihrem Vater gestellten Bedingungen recht gut. Ein Grund mehr, dass ich meinen Teil dazu beitragen muss, das Erbe zu erhalten, überlegte Nadia mürrisch.

Gerade als sie sich entschlossen hatte, ein Work-out zu machen, und aus dem Bücherregal die passende DVD suchte, hörte sie vom Treppenhaus einen Laut und hielt inne. Seltsam. Für Ella, das Hausmädchen, das im Apartment nebenan zweimal die Woche sauber machte, war es viel zu spät. Und der Wachmann Grumpy alias Gary machte seine Runde für gewöhnlich viel später.

Nadia schlich an ihre Eingangstür und blickte durch den Spion.

Vor der gegenüberliegenden Wohnung stand ein groß gewachsener, blonder Mann. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und war gerade dabei, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Was Nadia von ihrem Beobachtungsposten aus sehen konnte, war eine beeindruckend athletische Figur mit breiten Schultern und schmaler Hüfte. Er trug einen taubengrauen, maßgeschneiderten Anzug. Der Mann hielt einen Aktenkoffer in der Hand. Rechts neben ihm lag ein großer Kleidersack auf dem Boden.

Nadia jubelte innerlich. Endlich hatte sie einen Nachbarn. Die Verlassenheit in diesem Obergeschoss hatte ein Ende. Es war jemand da, mit dem sie wenigstens ab und zu einmal reden konnte, ohne Ella oder den Wachleuten auf die Nerven gehen zu müssen. Schwungvoll zog Nadia die Tür auf.

Der Mann fuhr herum, und ihr wich das Blut aus dem Gesicht.

Nein, das konnte nicht sein. Instinktiv wich Nadia einen Schritt zurück. Ihr waren die Knie weich geworden. Das musste eine Erscheinung sein. Dort, ein paar Meter entfernt, stand – das Ebenbild von Lucas. Aber Lucas ist tot.

„Nadia?“ Der Mann oder das Gespenst, oder was immer es war, hatte sogar die gleiche Stimme wie ihr Ehemann, der bei dem Unfall an ihrem Hochzeitstag ums Leben gekommen war.

In ihrem Kopf schien sich alles zu drehen. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Nadia griff nach dem Türrahmen, um das Gleichgewicht zu halten.

„Nadia, was ist los? Ist dir nicht gut?“

Sie brachte noch immer kein Wort hervor. Sie schloss die Augen. Die Knie gaben unter ihr nach, und sie wäre zu Boden gesunken, hätte der Ankömmling nicht geistesgegenwärtig reagiert, seinen Aktenkoffer fallen gelassen, wäre zu ihr gesprungen und hätte sie aufgefangen.

Jetzt ist es passiert, schoss es ihr durch den Sinn. Du bist verrückt geworden und wirst wie deine Mutter enden. Nadia kniff die Augen zu. Sie hatte panische Angst, dass ein wildfremder Mann sich über sie beugte, wenn sie wieder hinsah, und sie damit die Bestätigung erhielt, dass sie den Verstand verloren hatte.

„Halt den Kopf hoch“, hörte sie die ihr vertraute Stimme sagen.

Seine Hand stützte ihr den Nacken, und diese Hand fühlte sich warm, kräftig und sehr real an. Allmählich hörte das Treppenhaus auf, sich wie ein Karussell zu drehen. Nadia stand wieder sicherer auf den Beinen und wagte, zögernd die Augen zu öffnen.

Aber alles Blinzeln half nichts. Der Mann vor ihr war das exakte Ebenbild von Lucas Stone. Sein blondes Haar war kürzer. Sein Gesicht wirkte schmaler, seine Züge schienen ein wenig härter geworden zu sein. Doch seine Augen hatten die unverwechselbare blaue, ins Silbergrau spielende Iris von Lucas. Genauso unverwechselbar waren die kaum erkennbar schiefe Nase und das energische, kantige Kinn.

„Das … das kann doch nicht sein“, stammelte sie. „Ich denke, du bist … tot.“

Er zog die Augenbrauen hoch, und seine Mundwinkel zuckten. Sein schöner Mund … Wie süß waren seine Küsse, dachte Nadia. „Wenn ich nicht sehr irre, lebe ich noch“, meinte er lakonisch.

„Aber Daddy hat mir doch gesagt, dass du bei dem Unfall ums Leben gekommen bist. Ich konnte nicht zu deiner Beerdigung kommen …“

„Everett Kincaid hat behauptet, ich wäre tot?“ Der Blick des Lucas-Doppelgängers verfinsterte sich.

Nadia nickte stumm.

„Dieser verfluchte Gauner.“ Er vergewisserte sich, dass sie sicher auf den Beinen stand, und ließ sie los.

Unwillkürlich fiel Nadias Blick auf seine Hand, an der er, als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, einen funkelnagelneuen goldenen Ehering getragen hatte. Noch einmal sah Nadia sich unsicher um. Vielleicht kämen doch gleich Männer in weißen Kitteln, die die Zwangsjacke für sie bereithielten. Aber nichts dergleichen geschah. Sie waren allein auf dem Hausflur. Die Türen des Aufzugs standen noch offen.

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du es bist. Bestimmt wache ich gleich auf und …“ Nadia sprach den Satz nicht zu Ende. Unentschlossen ging sie in ihr Apartment zurück, und der blonde Mann folgte ihr.

„Und ich kann nicht glauben, dass dein Vater das Märchen in die Welt gesetzt hat, ich wäre tot“, erklärte er fest. „Was hat er dir noch erzählt?“

„Nichts – nichts weiter“, erwiderte Nadia verwirrt.

Sie blieben einen Schritt entfernt voneinander stehen. Nadia konnte sein Aftershave riechen. So perfekt war doch kein Trugbild, dass man auch noch riechen konnte, was man sich einbildete?

Kein Zweifel, es war Lucas.

Während ihr das endlich klar wurde, stieg eine unermessliche Freude in ihr auf. Er lebt! Nadia war drauf und dran, ihm um den Hals zu fallen und ihm die Beine um den Leib zu schlingen, wie sie es früher vor überschwänglicher Freude getan hatte.

Allerdings hielt irgendetwas sie davor zurück. Sie knuffte ihn mit der Faust am Oberarm. Der stahlharte Bizeps war ein weiterer Beleg dafür, dass Lucas tatsächlich vor ihr stand. „Wenn du überlebt hast, bedeutet das, dass du mich schnöde verlassen hast, du Schuft.“

„Du wolltest doch, dass ich dich verlasse“, erwiderte Lucas ernst.

„Bist du verrückt geworden?“ Nadia sah ihn fassungslos an. „Was ist das denn für ein Schwachsinn! Mit unserer Heirat habe ich riskiert, enterbt zu werden. Warum sollte ich da wollen, dass du mich verlässt?“

„Dein Vater hat es mir so erzählt. Du hättest deine Trotzphase ausgelebt und erkannt, dass ein kleinbürgerliches Dasein an meiner Seite doch nichts für dich ist. Und du wolltest die Scheidung.“

Nadia war entsetzt. Wenn das stimmte, hatte ihr Vater sie und Lucas bewusst und mit einem raffinierten Plan auseinandergebracht. Er hatte sie beide ungeniert angelogen. „Ich habe kein Wort in der Richtung gesagt“, erklärte sie mit Nachdruck.

„Dein Vater hat behauptet, du wollest mich nie mehr wiedersehen, weil ich …“ Sekundenlang versagte ihm die Stimme. „… weil ich dein Kind … unser Kind umgebracht hätte.“

Prompt schlug sie den Blick nieder. Im Nu hatte die schreckliche Erinnerung sie eingeholt. Nadia brauchte Zeit, um sich zu sammeln. Dann sah sie Lucas an, nahm ihren Mut zusammen und sprach aus, was sie nie zuvor zu sagen gewagt hatte: „Lucas, du hast das Leben unseres Kindes nicht auf dem Gewissen, sondern ich.“

Er wurde blass. „Was sagst du da, Nadia?“, fragte er entsetzt.

Nadia wurde erst jetzt bewusst, was er vermutete, und sie erschrak. „Nein, es ist nicht, was du denkst. Ich habe die Schwangerschaft nicht abgebrochen. Auf so eine Idee wäre ich niemals gekommen. Was ich sagen wollte – der Unfall war meine Schuld.“

Er sah sie ratlos an. „Wieso? Ich bin doch gefahren.“

Als Nadia erkannte, dass er die Verantwortung für das Unglück sich allein anlastete, wurde ihr noch elender zumute. Sie wusste nur zu gut, was es bedeutete, mit dieser Schuld zu leben. Genau das tat sie seit Jahren, denn sie war überzeugt, dass sie die verhängnisvolle Kettenreaktion ausgelöst hatte. Hätte Nadia nur zehn Minuten gewartet, nur zehn Minuten länger, und Lucas erst zwischen die Beine gegriffen, als sie in ihrem Flitterwochen-Hotel angekommen waren … Wie oft hatte sie sich für diese Gedankenlosigkeit verflucht. Alles wäre anders gekommen – alles. Zwischen dem Augenblick ihres vollkommenen Glücks und dem, in dem sie endgültig und unwiederbringlich alles verloren hatte, waren nur Sekunden verstrichen.

„Weißt du nicht mehr? Ich habe dich angefasst …“

Die Züge um seinen Mund wirkten hart. „Das Stopp-Schild habe ich übersehen.“

„Ja, weil ich dich abgelenkt habe.“ Sie umfasste seinen Arm fester und spürte, wie der Muskel unter ihrem Griff zuckte. „Lucas, ich habe eine Woche im Koma gelegen, sonst hätte ich verlangt, dich zu sehen – lebendig oder tot.“

Er sah sie prüfend an. „So ein verlogenes A…“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Wen meinst du?“

„Deinen Vater.“ Lucas presste die Lippen aufeinander. Hass flammte in seinen Augen auf.

Nadia überlegte. Hatte Everett Kincaid sie und Lucas tatsächlich bewusst belogen, um ihre Beziehung zu zerstören? Auch wenn es wehtat, es zuzugeben, Nadia traute es ihm zu. Er hatte auch keinen Zweifel daran gelassen, dass er seine Tochter enterben würde, sollte sie an den Heiratsplänen festhalten. Er war nicht zur Trauungszeremonie erschienen. Nach dem Unfall jedoch hatte er allerdings plötzlich getan, als hätte es zwischen ihnen nie Streit über die Heirat gegeben. Und Nadia hatte angenommen, dass ihm der Schock die Augen geöffnet hätte und er endlich eingesehen hatte, dass es ihre Entscheidung und ihr Leben waren. Sie hätte es besser wissen müssen. Ihr Vater hatte Fehler nie eingestanden.

Trotzdem blieb da noch etwas, das Nadia störte, weil sie es nicht verstand. „Warum hast du eigentlich nicht darauf bestanden, mich zu sehen und mit mir zu sprechen?“, platzte sie heraus.

Sein Schläfenmuskel zuckte. „Konnte ich nicht“, antwortete Lucas kurz angebunden.

„Ich bitte dich! Ich kann mir nicht vorstellen, dass es dir nicht möglich gewesen sein soll, das Krankenhaus ausfindig zu machen, in dem ich gelegen habe, und mich dort zu besuchen.“

Er sah an ihr vorbei. Nach einer Weile sagte er: „Es war keine Frage des Willens. Ich war vom dritten Lendenwirbel an abwärts gelähmt. Die Ärzte haben mir erzählt, dass meine Chancen, je wieder gehen zu können, äußerst gering waren.“

„Mein Gott“, sagte Nadia betroffen. Verstohlen betrachtete sie seine durchtrainierten Arme. Lucas war schon immer ein sehr gut aussehender Mann gewesen. Tatsächlich hatte seine unglaublich attraktive äußerliche Erscheinung ihr Interesse geweckt. Vom ersten Moment an, als er zusammen mit einer Kolonne von Landschaftsgärtnern im Park von Kincaid Manor gearbeitet hatte.

„Aber das ist nicht alles. Dein Vater hat gesagt, dass du nichts mehr von mir wissen willst, weil du dich mit keinem Krüppel abgeben willst.“

„Und das hast du ihm einfach so geglaubt? Du hast ihm mehr geglaubt als mir, nachdem ich vor dem Altar geschworen habe, zu dir zu stehen ‚in guten wie in schlechten Tagen‘?“

„Nadia, sieh es doch mal realistisch. Du bist dein Leben lang ein verwöhntes kleines Prinzesschen gewesen. Ich konnte doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass du ein Leben in Armut akzeptieren würdest! An der Seite eines Mannes, der noch nicht einmal in der Lage ist, allein aufs Klo zu gehen.“

Nadia zuckte zusammen. Das war deutlich! Alle schienen zu glauben, dass sie ein verhätscheltes Gör und nutzloses Glied dieser Gesellschaft war. Sicherlich hatte sie ihre Macken und ein paar verstiegene Ansprüche. Aber dass ihr Vater und Lucas über ihren Kopf hinweg entschieden, was ihr zuzumuten war und was nicht, das ging entschieden zu weit. „Du hättest mir wenigstens die Chance geben können, dir zu zeigen, dass ich zu meinem Wort stehe.“

Nadia sah ihn von Kopf bis Fuß an und versuchte vergeblich, sich Lucas als hilflosen, halb gelähmten Mann vorzustellen. Er wirkte heute eher noch kräftiger und athletischer als vor elf Jahren. Und obendrein um einiges wohlhabender. Wenn Nadia sich nicht sehr täuschte – was unwahrscheinlich war, denn in diesen Fragen kannte sie sich bestens aus –, waren sein Anzug von Hermès und die Schuhe von Prada. Entweder hatte Lucas den Beruf gewechselt, oder er war anderweitig zu Geld gekommen. „Im Augenblick siehst du allerdings ziemlich – fit aus.“

„Nicht zuletzt dank einer Reihe von Operationen und qualvollen Monaten in der Reha“, erwiderte er.

Sie machte eine unbestimmte Handbewegung. „Tja, und jetzt bist du also hier … Wieso bist du eigentlich hier?“

Er schien zu zögern. „Ich wohne in dem Penthouse gegenüber. Mir gehört dieses Gebäude.“

Dir gehört ein fünfzigstöckiger Wolkenkratzer in bester Lage mitten in Dallas?“

„Ja“, sagte er kurz und bestimmt. „Gegenfrage: Was machst du hier?“

„Diese Penthouse-Wohnung gehört – gehörte meinem Vater.“

Lucas runzelte die Stirn. „Davon ist mir nichts bekannt. Es wurde an irgendein Investmentunternehmen verkauft.“

„Für manche Geschäfte hatte mein Vater seine Strohmänner.“ Mitch hatte das Testament und die Geschäftslage von KCL nach dem Tod ihres Vaters genauer unter die Lupe genommen und hatte eine ganze Reihe solcher Decknamen und – adressen ausfindig gemacht. Aber warum sollte Everett Kincaid für den simplen Erwerb einer Eigentumswohnung solchen Aufwand betrieben haben? Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien diese Frage auch Lucas zu beschäftigen. Plötzlich fiel es Nadia wie Schuppen von den Augen.

Sie trat in den Flur und musste sich an die Wand lehnen. „Mein Vater hat das hier arrangiert“, stellte sie tonlos fest.

„Arrangiert? Was?“ Lucas war ihr in das Apartment gefolgt.

„Unser Zusammentreffen hier. Dad ist vor Kurzem gestorben. Er hat ein Testament hinterlassen, in dem er unter anderem verfügt, dass ich ein Jahr lang in diesem Apartment wohnen soll. Offensichtlich hat er einkalkuliert, dass wir uns früher oder später über den Weg laufen. Ich frage mich nur, was er damit bezweckt hat.“

Unruhig ging Nadia ein paar Schritte auf und ab, während sie nachdachte. Aus den Auflagen, die Rand und Mitch gemacht worden waren, hatten sich in beiden Fällen Liebesbeziehungen ergeben, aus denen durchaus mehr werden konnte. Abrupt blieb Nadia stehen. „Und wenn Dad nun bezweckt, uns wieder zusammenzubringen?“

Lucas stieß einen verächtlichen Laut aus. „Nie im Leben.“

„Er kauft ein Penthouse in einem Haus, das dir gehört, und das Apartment liegt deinem genau gegenüber. Das kann doch kein Zufall sein!“

„Das ist absurd. Dein Vater hat mich dafür bezahlt, dass ich aus deinem Leben verschwinde und dir niemals wieder begegne. Er hat außerdem damit gedroht, mich und meine Familie zu ruinieren, wenn ich es doch tue. Und jetzt soll er uns plötzlich wieder verkuppeln wollen?“

Nadia war wie vom Donner gerührt. Es kam ihr vor, als hätte ihr jemand einen Kübel Eiswasser über den Kopf gegossen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ihr Vater jemanden mit einem Scheck vertrieb. Das hatte er nicht nur mit ihren früheren Freunden, sondern auch mit Freundinnen von Mitch und Rand mehrmals erfolgreich getan. Und Lucas …?

„Er hat dir Geld angeboten, damit du mich verlässt, und du – hast das Geld angenommen?“

Lucas kratzte sich am Kinn. Sie merkte, dass er seine letzte Bemerkung bereute und ihm die Angelegenheit unangenehm war. „Er hat behauptet, du wolltest es so.“

„Wie viel?“

„Nadia …“

Nadia brannten die Augen. Zornig hakte sie nach: „Ich will wissen, wie viel! Wie viel hat es gekostet, damit du mich vergisst?“

„Ich habe dich nicht vergessen, Nadia. Weder dich noch unser Baby.“

„Wie viel?“

Stolz hob Lucas das Kinn. „Er hat die Kosten für das Krankenhaus und die Reha übernommen. Und er hat ein Stipendium für meine Ausbildung und die meiner Schwestern bezahlt, damit wir aufs College gehen konnten.“

„Ich will endlich eine Zahl hören. Ich will wissen, für wie viel Dollar du unsere Liebe verkauft hast!“

Unwillig verzog er den Mund und seufzte. „Zwei Millionen – so ungefähr.“

Nadia stöhnte leise auf. Welch eine bittere Enttäuschung. Offenbar hatte ihr Vater doch keine glückliche Wiedervereinigung bezweckt. Wahrscheinlicher war, dass er seiner Tochter im Nachhinein nur drastisch die Realität vor Augen führen wollte: Dieser Lucas Stone, den sie über alles verehrt hatte, war in seinen Augen auch nicht besser gewesen als der Rest der Erbschleicher, die vorgaben, sie zu lieben, und doch alle nur hinter den Kincaid-Millionen her waren.

Sie schlang sich die Arme um den Leib und hatte das Gefühl, ihr wurde schlecht. Sie konnte sich kaum eine schlimmere Demütigung vorstellen. Klein und hässlich kam Nadia sich mit einem Mal vor. Dabei war sie bereit gewesen, alles für Lucas aufs Spiel zu setzen, alles für ihn aufzugeben. Es tat unendlich weh.

„Ich wollte, du wärst bei dem Unfall wirklich umgekommen … Nein!“ Sie fasste sich an die Schläfen, in denen ein unerträglich bohrender Schmerz pochte. „Nein, das wollte ich nicht sagen. Ich meinte damit nur, ich wünschte, ich hätte dich nie wiedergesehen. Aber das lass dir noch gesagt sein, Lucas Stone. Dass du dich von meinem Vater hast auszahlen lassen, macht dich ziemlich gewöhnlich. Sehr enttäuschend. Ich hätte nicht gedacht, dass du zu dieser Sorte Mensch gehörst. Ich möchte, dass du jetzt gehst.“

„Nadia …“

„Raus! Verschwinde, bevor ich die Wachleute hole.“

„Die werden mich nicht hinauswerfen. Allein schon weil ich sie bezahle.“ Er machte einen Schritt auf sie zu. „Mach mich nicht für die Umtriebe deines Vaters verantwortlich.“

„Das hat nichts mit meinem Vater zu tun, der sicherlich ein ziemlich arrogantes, hinterhältiges Aas sein konnte und dafür jetzt vielleicht in der Hölle schmort. Red dich nicht damit heraus. Hier geht es allein um dich! Darum, dass du mich betrogen und unsere Liebe verkauft hast. Was glaubst du, wie kurz ich davor war, mich …“ Sie sprach nicht weiter. Gerade noch rechtzeitig fiel Nadia ein, dass sie dieses Geheimnis besser für sich behielt. „Du bist einfach ein ganz ordinärer, kleiner Egoist, Lucas Stone. Und ich wünsche, dich nie wiederzusehen.“

Er starrte sie eine Weile an, sodass sie sich schon überlegte, ihre Drohung wahr zu machen und die Security zu rufen, auch wenn das wenig aussichtsreich war. Schließlich ging Lucas wortlos an ihr vorbei und verließ ihr Apartment.

Ihn so zu verlieren erschütterte sie fast noch mehr als damals, als sie glaubte, er wäre an den Folgen des Unfalls gestorben. Das wäre Schicksal gewesen. Jetzt war es, als hätte er sie wie ein Stück Abfall weggeworfen.

2. KAPITEL

Nicht, dass ihn die Trauer überwältigt hätte. Dennoch bedauerte Lucas Stone sehr, dass Everett Kincaid gestorben war. Denn es brachte ihn um die Gelegenheit, diesem Mann gegenüberzutreten, die Meinung zu sagen und sich zu rächen.

Aber war es wirklich so?

Immerhin gab es noch die beiden Brüder, Rand und Mitch Kincaid. An ihnen konnte Lucas auch jetzt noch ein Exempel statuieren und dem Kincaid-Clan zeigen, dass sie Lucas Stone zu Unrecht abgeschrieben hatten. Waren sie denn so viel besser als der Vater? Zu Nadias und seiner Hochzeit waren sie zwar erschienen, aber mehr als eine Art Leibgarde für ihre Schwester. Sie hatten ihn spüren lassen, dass er in ihren Augen kein standesgemäßer Ehemann für das behütete Nesthäkchen der Familie war.

Er hörte, wie der Riegel vorgeschoben wurde, und starrte auf die Tür, die Nadia ihm vor der Nase zugeknallt hatte. Was für ein Wiedersehen nach so vielen Jahren. Ein Stück reifer war Nadia geworden in dieser Zeit – und schöner. Das volle, leicht gewellte dunkle Haar und ihre faszinierenden grünen Augen waren genau, wie er sie in Erinnerung hatte. Er hatte die weichen Formen geliebt, die sie früher gehabt hatte. Aber diese festeren weiblichen Konturen hatten eindeutig noch mehr Sex-Appeal. Lucas erinnerte sich daran, wie seine Mutter gesagt hatte, dass Nadia zu den Frauen gehörte, die in jedem Alter ihre Schönheit behielten. Seine Mutter und seine beiden jüngeren Schwestern hatten Nadia verehrt – bis zu dem Tag, an dem die Nachricht gekommen war, Nadia wolle von Lucas nichts mehr wissen.

Dabei hatte Lucas keinen Grund, Nadia die Geschichte nicht zu glauben, die sie ihm gerade erzählt hatte. Die Ohnmacht, die Überraschung, der Schmerz in ihren Zügen, das alles konnte sie ihm unmöglich vorgespielt haben.

Ihren Vorwurf, sie verraten zu haben, indem er Kincaids Geld genommen hatte, konnte er verstehen. Trotzdem fand Lucas es ungerecht. Als der alte Kincaid an seinem Bett gesessen und seine Vorschläge unterbreitet hatte, war Lucas ihm hilflos ausgeliefert gewesen. Lucas hatte eine Heidenangst gehabt, nie wieder gehen und arbeiten zu können und seiner Familie nur noch eine Last zu sein. Aus dieser Panik heraus erschien ihm das Angebot damals als einzig möglicher Ausweg.

Was Lucas allerdings niemals glaubte, war das Märchen von Kincaids plötzlicher Wandlung. Im Angesicht des Todes soll ihn Reue gepackt haben, sodass er ihn und Nadia wieder zusammenbringen wollte? Wenn Everett das Zusammentreffen wirklich inszeniert hatte, dann aus purem Sadismus. So viel war Lucas klar.

Interessant war, wie der alte Fuchs herausgefunden hatte, dass Lucas hier der Hausherr war. Offiziell gehörte das Gebäude der Firma KingPin Electronics, und wohlweislich tauchte der Name Lucas Stone in dem Zusammenhang nirgends im Handelsregister auf. Hier hielt Lucas sich wie bei all seinen anderen geschäftlichen Beteiligungen diskret im Hintergrund. Seine jüngste Schwester nannte ihn deshalb scherzhaft „U-Boot“.

Lucas stellte sein Gepäck im Flur seines Apartments ab und war froh, nach unzähligen Nächten in Hotelbetten wieder daheim zu sein. Er ließ den Blick durch sein Wohnzimmer schweifen. Die gediegene Einrichtung war ein deutlich sichtbares Zeichen dafür, dass die Zeiten der Entbehrungen für ihn der Vergangenheit angehörten.

Es war schon erstaunlich, was Ehrgeiz und – er musste es zugeben – auch eine Portion Rachsucht an Energie freisetzen konnten. Sieben Jahre lang hatte er hart an seinem Aufstieg gearbeitet, bis er genug Kapital angehäuft hatte, um sich dem eigentlichen Ziel zu nähern. Seit dreieinhalb Jahren spielte er jetzt schon in Everett Kincaids Liga und mischte in dessen Branche mit. In dieser Zeit hatte Lucas sich darauf konzentriert, möglichst viele Zulieferfirmen und – betriebe der KCL-Reederei aufzukaufen. Er beherrschte diesen Markt nunmehr fast nach Belieben und konnte, sehr zum Verdruss der Kincaids, die Preise diktieren. Diese Familie sollte dafür bezahlen, dass sie ihn wie ein Stück Dreck behandelt hatte.

Und Nadia? Nadia hatte sich dort eingereiht. So hatte er es damals jedenfalls beurteilt. Jetzt sah es plötzlich so aus, als hätte er ihr all die Jahre Unrecht getan. Irgendwo, ganz tief in sich, spürte er, dass er erleichtert wäre, wenn sich ihr Verrat als Irrtum herausstellte.

Flüchtig sah Lucas die Post durch, die sich auf dem Garderobenschränkchen in der Halle stapelte. Die meisten Schreiben waren an Andvari Inc. adressiert und von seiner Sekretärin hier deponiert worden. Den Namen Andvari hatte Lucas aus einer nordischen Sage, die den Kincaids mit Sicherheit unbekannt war. Die Zwerge jener Sagen hatte zwei bestechende Eigenschaften: Sie horteten Schätze und verstanden es durch ihre Tarnkappen, sich unsichtbar zu machen. Und das deckte sich genau mit Lucas’ Geschäftsstrategie, die bisher wunderbar aufgegangen war. Dass Everett Kincaid ihn hier aufgestöbert hatte, war allerdings ein herber Rückschlag.

Lucas ging ins Schlafzimmer und warf den Kleidersack schwungvoll auf das Bett. Auch wenn der alte Kincaid tot war und Lucas seinen Triumph nicht mehr von Angesicht zu Angesicht auskosten konnte, hieß das nicht, dass er auf seine Rache verzichten musste. Da war zum Beispiel Nadia. Sie zurückzugewinnen wäre für die Kincaids eine fast noch größere Niederlage. Und ihm wäre es sogar eine größere Genugtuung, als KCL seinem Konzern einzuverleiben.

Nachdenklich holte Lucas sein Handy aus der Hosentasche und tippte die Nummer seiner Schwester Sandi ein.

„Hast du etwas Besonderes auf dem Herzen, Lucas?“, fragte sie, nachdem er sich gemeldet hatte. „Ich bin nämlich gerade bei einem heißen Date, und es ist das erste seit Monaten.“

Er sah auf seine Armbanduhr und verzog das Gesicht. Es war fast Mitternacht. „Bist du immer noch an der Beförderung interessiert, nach der du mich mal gefragt hast?“

„Aber natürlich. Was liegt denn an?“

„Ich brauche eine Auszeit.“

„Fehlt dir was?“

Berechtigte Frage, dachte er. Seit Lucas von dem Unfall genesen war, hatte er nur für seine Arbeit gelebt und keinen richtigen Urlaub gemacht. Aber reinen Wein wollte er Sandi jetzt noch nicht einschenken. „Ich bin seit einer Ewigkeit auf Achse und muss mal ausspannen.“

„Ich glaube dir kein Wort.“

„Du brauchst mir nicht zu glauben. Entweder du willst deine Beförderung oder nicht.“

„Warte bitte eine Sekunde.“

Gedämpft hörte er im Hintergrund ein Flüstern, dann raschelte es so, als ob jemand aus dem Bett stieg. So genau wollte Lucas gar nicht wissen, was seine Schwester trieb.

Es dauerte etwa eine Minute, dann meldete sie sich wieder. „Also, was soll ich tun?“

„Ich will, dass du dieses Singapur-Geschäft übernimmst.“

„Ist das dein Ernst?“

Er sah ihre großen, erstaunten Augen förmlich vor sich. Singapur war eines seiner Lieblingsprojekte, das er persönlich mit hohem Einsatz vorantrieb. Lächelnd lockerte Lucas seine Krawatte und zog sich das Jackett aus. „Die Anleihen aufzukaufen wird nicht einfach werden. Das ist eine enorme Verantwortung. Aber ich traue dir das zu. Und noch eines: Halte Jefferson aus der Geschichte heraus. Ich besorge uns einen anderen Anwalt, der mit dir nach Singapur fliegt.“

„Moment, Moment. Ich komme da nicht ganz mit. Vor so einer Transaktion wechselst du den Anwalt? Solche Kehrtwendungen sind sonst nicht deine Art.“

Kurz erwog Lucas, seine Gründe für sich zu behalten, aber Sandi verdiente sein Vertrauen. „Ich bin mir über Jefferson im Augenblick nicht ganz im Klaren und will mir erst Gewissheit verschaffen. Er hat die freie Penthouse-Wohnung hier in Dallas verkauft – ausgerechnet an Everett Kincaid.“

Für ein paar Sekunden herrschte Schweigen. „Lucas, du fängst doch nicht wieder an, dich auf einen Clinch mit diesen Kincaids einzulassen?“

Lucas überging die Frage. „Ich schicke dir morgen per Kurier die Unterlagen, die du brauchst.“

„Ach, sag mal: Ist Everett Kincaid nicht vor zwei Monaten gestorben? Das hieße ja … Lucas, sag nicht, dass du wieder etwas mit dieser kleinen Zicke anfängst. Die ganze Sache gefällt mir immer weniger.“

Er knirschte mit den Zähnen. Während der vergangenen elf Jahre war das die einhellige Meinung in der Familie Stone über Nadia Kincaid gewesen. Jetzt konnte Lucas nicht mehr mit derselben Gewissheit schlecht über Nadia reden. Und früher oder später würde er seinen Verwandten die ganze Geschichte erzählen. Aber nicht jetzt. Und nicht, bevor er einige Dinge in Erfahrung gebracht hatte. „Du wolltest eine verantwortungsvollere Aufgabe, und jetzt bekommst du sie. Also entweder du übernimmst sie, oder du lässt es sein. Und misch dich nicht in meine Angelegenheiten.“

„Ist ja schon gut. Soll ich Jefferson mal auf den Zahn fühlen?“

„Ich werde Terri damit beauftragen. Wenn jemand einer krummen Tour auf die Schliche kommt, dann sie.“ Seine jüngere Schwester Terri führte seit einigen Jahren eine erfolgreiche Detektei und war Lucas’ rechte Hand, wann immer es um Wirtschaftsauskünfte und Überprüfungen von Geschäftspartnern oder leitenden Angestellten ging. Ihr Spürsinn war phänomenal, was möglicherweise mit ihren drei geschiedenen Ehen in Zusammenhang stand. Terri hatte gelernt, dem äußeren Anschein zu misstrauen. Und ich werde auch nie mehr so vertrauensselig sein, dachte Lucas.

Nadia war in ihren Grundfesten erschüttert. Ihr Vater hatte sie hinters Licht geführt, und sie war auf seine geheuchelten Gefühle hereingefallen! Hatte es wirklich keine Hinweise auf seine Machenschaften gegeben? Und waren ihre Brüder etwa auch in diesen Betrug verwickelt?

Nadia schmetterte das Backblech auf die Arbeitsplatte aus poliertem Granit, dass es nur so schepperte. Sie musste die Verräter ausfindig machen, bevor sie nach Miami zurückkehrte. Und sie würde sie finden, jeden einzelnen, auch wenn sie hier in ihrem Exil festsaß und keine unbegrenzten finanziellen Mittel hatte. Erschöpft stützte Nadia die Hände auf die kühle, steinerne Tischplatte und ließ den Kopf sinken.

Plötzlich klingelte es an der Tür. Zeit, an etwas anderes zu denken. Gut.

Das musste endlich die Lieferung vom Feinkostgeschäft sein. Ohne die Walnüsse und die Flasche Vanille-Essenz kam Nadia mit ihren Brownies, die sie backen wollte, nicht weiter. Sie hätte es nie für möglich gehalten, aber in der Küche zu wirtschaften war tatsächlich eine gute Ablenkung. Backen hielt sie davon ab, seelisch in ein tiefes, dunkles Loch zu fallen.

Nadia hielt sich nicht damit auf, erst durch den Spion zu sehen. Sie war sicher, dass Dan vor der Tür stehen musste, der Bote aus dem Laden. Weil sie auf ihn wartete, hatte Nadia unten in der Empfangshalle schon Bescheid gesagt, dass der Junge gleich zu ihr geschickt werden sollte.

Aber es war nicht Dan. Unvermittelt stand Lucas vor ihr. Und er sah umwerfend gut aus. Sie konnte sich nur schwer daran gewöhnen, ihn in einem maßgeschneiderten Anzug zu sehen statt in seinem eng anliegenden T-Shirt und den Khaki-Shorts, die er früher bei der Gartenarbeit getragen hatte. Aber so sah er fast noch attraktiver aus.

Nadia ärgerte sich über sich, als sie sich bei diesem Gedanken ertappte. „Was willst du?“, fragte sie barsch.

Lucas musterte sie eingehend mit seinen stahlblauen Augen. Bei diesem Blick lief es ihr heiß und kalt über den Rücken. Jetzt fiel ihr siedend heiß ein, dass sie nach der letzten schlaflosen Nacht Ringe unter den Augen haben musste, kein Make-up trug und dass ihre Jeans ausgebeult war.

Er hielt ihr am ausgestreckten Zeigefinger die Tüte des Lebensmittelladens vor die Nase. „Das gehört dir, nehme ich an.“

„Ja.“ Nadia griff danach, aber er zog die Tüte schnell weg.

„Riecht gut bei dir. Was brutzelt dein Koch denn gerade?“

„Hier gibt es keinen Koch. Wo ist Dan?“

„Wenn du den Jungen meinst, der das gebracht hat – der ist schon wieder weg. Ich habe ihm das Geld gegeben.“ Er schob sich an ihr vorbei in die Wohnung.

Nadia blieb nichts anderes übrig, als ihn passieren zu lassen. Lucas strahlte so viel Selbstbewusstsein aus, dass sie wie selbstverständlich beiseitetrat. Das war schon immer seine Art gewesen. Er ließ sich einfach nicht aufhalten.

„Ach, komm doch bitte rein“, meinte sie sarkastisch, als er schon im Flur stand. Dann holte sie einen zusammengefalteten Zwanzigdollarschein aus ihrer Tasche, die an der Garderobe hing, und hielt Lucas das Geld hin. „Das müsste einschließlich Trinkgeld wohl reichen.“

„Ich brauche dein Geld nicht. Was wird denn das? Eine Milanese?“ Er steuerte zielstrebig auf die Küche zu. Offensichtlich kannte er sich in der Wohnung aus, was auch nicht weiter erstaunlich war, da ihm das Haus schließlich gehörte. Dass es ihn dazu berechtigte, in ihrer Wohnung nach Belieben aus und ein zu gehen, fand Nadia allerdings nicht.

„Ich probiere gerade ein neues Rezept aus“, entgegnete sie kühl und merkte, wie ihr Adrenalinspiegel stieg. „Dabei kann ich keine Zuschauer gebrauchen. Also: auf Wiedersehen.“ Was ihre Kochkünste betraf, stand sie erst am Anfang und musste immer noch höllisch aufpassen, dass nichts schiefging. Wieder griff sie nach der Einkaufstüte, aber Lucas gab sie ihr wieder nicht. „Darf ich jetzt bitte meine Lebensmittel haben?“, fragte sie gereizt.

„Seit wann kannst du denn kochen? Vor elf Jahren konntest du es noch nicht.“ Er inspizierte die selbst gemachten Fettuccine und den halbfertigen Teig für die Brownies. Dann hob Lucas neugierig den Deckel vom Topf, nahm einen Kochlöffel und kostete die Soße.

„Inzwischen kann ich es.“ Nadia kochte augenblicklich vor allem vor Wut. „Und jetzt hör mit diesen kindischen Scherzen auf, und gib mir endlich die Tüte. Ich brauche die Nüsse zum Backen.“

„Warum lädst du mich nicht zum Essen ein?“ Er fuhr über den Rand der Schüssel mit der Schokoladenkuvertüre und steckte den Finger in den Mund.

Nadia schloss für eine Sekunde die Augen. Erinnerungen stiegen in ihr auf, Erinnerungen daran, was dieser Mund und diese Zunge schon für Tumulte in ihr ausgelöst hatten. Aber das war lange her. Inzwischen war er zum Verräter geworden. „Ich lege keinen Wert auf deine Gesellschaft“, meinte sie abweisend.

„Das Essen reicht doch für zwei. Und du weißt: Fettuccine sind mein Leibgericht.“

Hatte sie ganz vergessen. Nein, sie hatte es natürlich nicht vergessen. Aber das spielte keine Rolle. Sie hatte bestimmt nicht für ihn gekocht. „Wenn etwas übrig bleibt, stell ich es in den Kühlschrank und esse es morgen.“

Er sah sie mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung an. „Oh, du lebst sparsam und kochst sogar auf Vorrat?“

„Ist das so ungewöhnlich?“

„Für dich, offen gesagt, ja.“

Das stimmte – leider. Seufzend strich Nadia sich durchs Haar, wobei ihr einfiel, dass sie hier in Dallas einen einigermaßen preiswerten Friseur finden musste. Ungeduldig sagte sie: „Es reicht, Lucas. Geh jetzt, bitte.“

Er zuckte die Achseln und wandte sich um.

„Meine Lebensmittel bleiben hier“, fügte sie mit Nachdruck hinzu und wies auf die Tüte, die er noch immer in der Hand hielt.

„Noch gehören sie mir. Ich habe sie bezahlt. Du kennst den Preis“, entgegnete er seelenruhig und ging hinüber in sein Apartment.

Nadia lief hinter ihm her, jedoch nur bis zu seiner Tür. Durch das Fenster am Ende seines Flurs sah sie den Reunion Tower, aber noch mehr als das berühmte Gebäude bewunderte sie das Apartment selbst. Es war größer als ihres – und luxuriöser. Auf dem edlen Parkett lagen echte Teppiche. Die Möbel waren vom Feinsten und die Bilder an der Wand selbstverständlich Originale. Die ganze Einrichtung roch förmlich nach Geld, ohne protzig oder neureich zu wirken. Hier hat jemand offensichtlich den Ehrgeiz, dem anspruchsvollen Lebensstil der Kincaids nachzueifern, dachte sie kopfschüttelnd.

Nadia wäre auf den Rest dieser Wohnung neugierig gewesen, aber ihre Wut auf Lucas hielt sie davon ab, einen Schritt weiterzugehen. „Ich muss die Brownies jetzt fertig machen, und das geht nicht ohne die Nüsse, die in der Tüte sind. Also gib sie her.“

„Ich liebe Brownies.“

Sie verschränkte die Arme. „Interessiert mich nicht.“

Er trat auf sie zu und baute sich dicht vor ihr auf. Dann hob er die Hand, strich ihr eine Strähne aus der Stirn und streichelte ihr die Wange. Die flüchtige Berührung ging Nadia durch und durch. Spielerisch berührte er ihr Ohrläppchen. Er kannte ihre reizbaren Stellen genau. Und es ärgerte Nadia, dass sie ihre Reaktion auf diese Geste nicht ganz unterdrücken konnte. Mit einem Ruck zog sie den Kopf weg.

„Nach dem, was mir die Leute von der Security unten erzählt haben, musst du dich ziemlich einsam fühlen.“

„Wieso denn? Ich war nur ein- oder zweimal unten und habe Hallo gesagt.“

„Du warst nicht nur ein- oder zweimal unten. Du bist fast jeden Tag auch in den Büros den Leuten auf die Nerven gegangen, bis meine Angestellten dir höflich, aber bestimmt erklärt haben, dass du dort unerwünscht bist.“

Traurig, aber wahr, dachte sie. „Ich habe nur Kekse angeboten, weil ich so viele übrig hatte …“ Nadia stutzte. „Hast du eben meine Angestellten gesagt?“

Sie merkte, wie er zögerte. „Ja. Da mir das Gebäude gehört, ist es nur logisch, dass einige meiner Firmen hier ihre Büros haben.“

Einige Firmen? Wie viele hast du denn?“

„Ein paar.“

Hochinteressant. Interessant auch, wie ausweichend er antwortete. Sie konnte in seinen schönen blauen Augen lesen, dass er auf der Hut war. Aber das machte Nadia nur noch neugieriger. Lucas war schon immer ehrgeizig gewesen. Damals war es sein höchstes Ziel gewesen, einmal seine eigene Gartenbaufirma zu besitzen. Er hatte Abendkurse am College besucht, um seinen Abschluss als Landschaftsingenieur zu machen. Nadia nahm sich vor, sobald sie wieder in ihrer Wohnung allein war, im Internet nachzusehen, was unter Lucas Stone zu finden war.

„Warum suchst du dir keine Arbeit, wenn du dich langweilst?“, fragte Lucas.

„Weil das blöde Testament meines Vaters mir das verbietet. Ich habe einen sehr guten Job bei KCL. Aber der letzte Wille meines Vater macht mir leider zur Bedingung, ein Jahr lang auszusetzen und auch keine andere Erwerbstätigkeit auszuüben.“

„Was soll das denn?“

Nadia hütete sich, ein Wort über die Begründung zu verlieren, die Everett Kincaid in seinem Testament genannt hatte. „Ich denke, Dad wollte uns noch ein bisschen weiter ärgern. Rand und Mitch haben auch ihre Aufgaben.“

„Was für Aufgaben?“

„Das geht dich nun wirklich nichts an. Seit du dich von meinem Vater hast auszahlen lassen, hast du mit mir und meiner Familie nichts mehr zu tun.“

„Und was passiert, wenn du die Bedingung nicht erfüllst?“

„Ich werde sie erfüllen. Und jetzt Schluss mit dem Gerede. Gib mir meine Sachen und tschüss.“

Er hielt die Tüte hinter seinem Rücken. „Meine Bedingung ist die Einladung zum Lunch – einschließlich Dessert.“

Nadia war ratlos. Sie konnte sich nicht gut auf ein Handgemenge einlassen. Das war erstens unwürdig. Zweitens war sie hoffnungslos unterlegen. Und drittens würde es dabei unweigerlich zu unerwünschten Körperkontakten kommen. Sie überlegte, welche Hintergedanken Lucas wohl hatte. Die Pause, die er vor „einschließlich Dessert“ gemacht hatte, kam ihr verdächtig vor. Deshalb wollte Nadia lieber vorsichtig sein. Auch weil ihre Hormone verrücktspielten, seit Lucas so unerwartet hier aufgekreuzt war.

Er sah sie fragend an, aber sie wehrte seinen Vorschlag mit einer müden Handbewegung ab. „Gib dir keine Mühe, Lucas. Du hast mir dein wahres Gesicht gezeigt. Ich kann keine Verräter gebrauchen. Genauso wenig wie noch mehr Männer, die nur hinter dem Geld her sind.“ Auch das war eine bittere Erfahrung gewesen. Seit sie in Dallas lebte, war keinem einzigen ihrer sogenannten Freunden eingefallen, sich bei ihr zu melden, geschweige denn sie zu besuchen. Ganz unrecht hatte ihr Vater offenbar nicht gehabt, als er gemeint hatte, dass die meisten von ihnen nichts taugten.

„Worüber regst du dich auf? Ich will nur mit dir essen, mehr nicht. Dabei könnten wir uns zum Beispiel darüber unterhalten, ob unsere Ehe eigentlich noch besteht.“

Nadia bekam einen Schreck. „Ob unsere Ehe noch besteht?“

„Ja. Ich frage mich nämlich, warum du eine Scheidungserklärung unterschrieben hast, wenn du geglaubt hast, dass ich tot bin.“

Ihre Panik stieg. Nadia konnte sich nicht daran erinnern, irgendetwas in dieser Art unterzeichnet zu haben. Oder war ihr etwas untergeschoben worden, als sie nach dem Unfall noch nicht ganz aufnahmefähig gewesen war? Sie versuchte, sich zu beruhigen. „Das ist eine gute Frage“, erwiderte sie halblaut.

„Okay. Essen wir zusammen und reden darüber.“

Jetzt saß sie in der Falle. Denn unter diesen Umständen war das ein Angebot, das sie nicht länger ablehnen konnte. Trotzdem musste sie zuerst ein paar Dinge klären. Und irgendwohin gehen, um ungestört ihren Frust herauszuschreien.

„Na schön. Lass mir aber vorher eine Minute Zeit, ja?“

Damit wandte sie sich um und verschwand in ihrer Wohnung. Nadia zögerte, aber es gab nur eine Möglichkeit. Sie musste Mitch anrufen. Es widerstrebte ihr zwar, ihn um Hilfe zu bitten, etwas Besseres fiel ihr jedoch nicht ein. Wenn jemand Ordnung in dieses Wirrwarr bringen konnte, dann Mitch, der geborene Krisenmanager.

Sie griff nach ihrem Handy. Während sie das Freizeichen hörte, sträubten sich ihr für Sekunden die Nackenhaare. Was, wenn Mitch die ganze Zeit in dieses Komplott eingeweiht gewesen war?

Er meldete sich und hatte kaum seinen Namen ausgesprochen, als sie bereits herausplatzte: „Lucas ist gar nicht tot. Hast du das gewusst?“

„Wie bitte?“

„Er wohnt mir direkt gegenüber. Außerdem gehört ihm dieses ganze Haus. Wusstest du das?“

„Nadia, beruhige dich bitte. Was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?“

Sie merkte, dass seine Sorge echt war. Er schien zu denken, dass sie einen hysterischen Anfall hatte. Mühsam versuchte Nadia, sich wieder in den Griff zu bekommen. „Entschuldige bitte. Aber auch wenn es sich vielleicht nicht so anhört, habe ich durchaus noch alle Sinne beisammen. Es ist wirklich so, wie ich sage. Lucas lebt. Dad hat mich angelogen, als er mir erzählt hat, Lucas wäre bei unserem Unfall ums Leben gekommen. Stattdessen hat er meinem Bräutigam rund zwei Millionen gezahlt, damit er aus meinem Leben verschwindet. Und dieser Mistkerl hat das Geld auch noch angenommen.“

„Oh, dieser Schweinehund!“

Nadia war sich nicht sicher, ob Mitch damit Lucas oder ihren Vater meinte. Sie fragte lieber nicht nach. Und in einem Punkt konnte sie wenigstens beruhigt sein. Mitch schien von der Intrige nicht die geringste Ahnung zu haben.

„Mitch, ich habe noch ein anderes Problem. Lucas hat es gerade angesprochen. Er hat mich gefragt, wieso ich eine Scheidungserklärung unterschrieben habe, wenn ich davon überzeugt war, dass er tot ist. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, etwas Derartiges unterschrieben zu haben. Kannst du mal nachsehen, ob du ein solches Papier findest? Oder andere Unterlagen, die etwas mit meiner Ehe zu tun haben? Es wäre toll, wenn du alles, was du auftreiben kannst, kopierst und mir herüberschickst. Vielleicht muss ich mir hier noch einen Anwalt besorgen. Oder kennst du einen, der an den texanischen Gerichten zugelassen ist?“

„Nun mal keine Panik. Noch wissen wir ja nichts Genaueres.“

„Keine Panik? Du machst mir Spaß! Mein Mann ist gerade von den Toten auferstanden.“

3. KAPITEL

Plötzlich streckte jemand hinter ihr den Arm aus und nahm Nadia das Handy weg.

Sie schrie hell auf. Sie hatte Lucas nicht kommen hören. Er musste ihr gefolgt sein. „Hey, spinnst du? Das ist mein Telefon. Gib das wieder her!“

Lucas ignorierte ihren Protest und schob sie mit einer Hand von sich weg. „Hallo, Mitch, hier ist Lucas Stone“, sagte er ins Telefon. „Leider wurde dir diese hübsche Geschichte nicht ganz vollständig wiedergegeben. Denn nach dem Unfall ist euer Vater zu mir gekommen und hat mir erzählt, Nadia hätte die Scheidung bereits beantragt und wollte nichts mehr von mir wissen. Schon gar nicht von einem Krüppel, der ich damals infolge des Unfalls war. So hat er mich dazu gebracht, die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Aber wenn Nadia nichts unterschrieben hat oder nicht gewusst hat, unter was sie ihren Namen setzt, bedeutet das, dass wir noch verheiratet sind.“

Nadia wurde blass, und ihr wurden die Knie weich. Sie sollte mit diesem Mann noch verheiratet sein? Das durfte nicht wahr sein! Unsicher ging sie in die Küche, sank auf den nächsten Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. Nicht allein ihr Verstand wehrte sich gegen die Vorstellung, mit Lucas noch verheiratet zu sein. Es hatte sie Jahre gekostet, über den Verlust hinwegzukommen, und vollständig war es ihr nie gelungen. Jetzt auch noch sein Verrat. Wie kann jemand sich seine Liebe abkaufen lassen, fragte Nadia sich. Gut, es sei denn, es ist gar keine Liebe.

Hier ein Jahr lang leben zu müssen, das erschien ihr plötzlich in einem ganz anderen Licht. Vorher war es so etwas wie eine sportliche Herausforderung für sie gewesen. Aber jetzt standen ihr echte Probleme ins Haus – beziehungsweise betraten sie gerade ihre Küche.

Lucas kam zu ihr und gab ihr das Handy zurück. Er hatte das Gespräch mit Mitch beendet, ohne ihr die Gelegenheit zu geben, sich von ihrem Bruder zu verabschieden. Wütend riss sie ihm das Telefon aus der Hand und steckte es ein. „Sollten wir wirklich noch verheiratet sein, kann ich die Scheidung immer noch einreichen“, erklärte sie schnippisch.

Er lächelte gefährlich ruhig. „Du vergisst, dass ich Mittel habe, um dich umzustimmen.“

Nadia machte eine wegwerfende Handbewegung. „Du bestimmt nicht. Jetzt nicht mehr.“ Seine Augen funkelten plötzlich auf, und sie erkannte, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Sie sollte in ihm lieber nicht den Ehrgeiz wecken, ihr das Gegenteil zu beweisen, schon gar nicht in dieser Hinsicht.

Er kam näher und beugte sich über sie, sodass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um Lucas ins Gesicht zu sehen. Seine Beine streiften ihre Knie. Und mit einem Mal klopfte ihr Herz wie verrückt. „Weißt du nicht mehr, wie es zwischen uns gewesen ist? Es war doch schön, sehr schön, oder?“, fragte er leise.

Fast vergessene Gefühle gingen in ihr auf wie Blüten, die nach einem langen Winter in den ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne ihre Blätter entfalten. Gleichzeitig fragte Nadia sich, wie es möglich war, dass sie nach allem, was Lucas ihr angetan hatte, überhaupt etwas für diesen Mann empfand. Natürlich wusste sie noch, wie es zwischen ihnen gewesen war. Die Erinnerungen daran hatten sie jahrelang verfolgt. Denn die Leidenschaft, die sie mit Lucas erfahren hatte, stellte alles in den Schatten. Tage- und nächtelang hatten sie damals nicht genug voneinander bekommen können.

Am Tag ihrer Hochzeit hatte Nadia ihr Glück gar nicht fassen können. Damals waren sie so unersättlich gewesen, dass sie noch in der Kirche, in einem kleinen Nebenraum, nur durch eine schwere Eichentür von den Hochzeitsgästen getrennt, miteinander Sex gehabt hatten. Das erste Mal als Ehepaar.

Nadia schüttelte die Erinnerungen von sich ab. „Verdammt lang her das alles.“

Er sah ihr tief in die Augen. „Es war bestimmt ein Fehler, dich aufzugeben. Aber ich wollte, dass du ein glückliches Leben führst.“

Nadia stieß einen verächtlichen Laut aus, rückte mit dem Stuhl zurück und stand auf. „Du glaubst doch wohl nicht, dass du mir weismachen kannst, du hättest das Geld genommen, um mir damit einen Gefallen zu tun. Du wirst nie wieder einen Cent von unserem Geld sehen. Und wenn wir die ganze Scheidungsprozedur durchmachen müssen, glaube bloß nicht, dass du Unterhalt von mir bekommst.“

„Ich kann auf deine Almosen verzichten.“

„Immerhin hat dir ein Almosen meines Vaters das hier eingebracht.“ Sie schnipste mit dem Finger gegen das Revers seines Maßanzugs.

„Was ich heute besitze, habe ich mir hart erarbeitet. Da sind die paar Dollar, die dein Vater dazu beigetragen hat, Peanuts.“

Knapp zwei Millionen Dollar waren für ihn Peanuts? Nadia fragte sich, wie millionenschwer Lucas Stone dann jetzt wohl war.

Er stellte die Tüte mit den Lebensmitteln auf den Küchentisch, zog das Jackett aus und hängte es über eine Stuhllehne. Dann nahm Lucas die goldenen Manschettenknöpfe heraus, steckte sie in die Hosentaschen und krempelte sich die Hemdsärmel hoch. Die Armbanduhr ist von Cartier, stellte Nadia fest. Sie hatte Mitch einmal eine ähnliche zum Geburtstag geschenkt.

„Darf ich fragen, was du vorhast?“

„Ich werde dir beim Kochen helfen.“

„Ich brauche keine Hilfe, danke.“

„Ich helfe dir trotzdem.“ Er begann bereits, nach und nach alle Küchenschränke zu durchstöbern. Offenbar suchte er etwas. Bald holte er einen passenden Kochtopf für die Nudeln hervor.

„Lucas, du kannst nicht einfach hier hereinspaziert kommen und das Kommando übernehmen.“

„Habe ich schon.“

Ein weiteres Mal verfluchte Nadia die Tatsache, dass ihr Vater sie in diese missliche Lage gebracht hatte. „Also, bitte, mach, was du willst. Fühl dich wie zu Hause!“ Gereizt verschränkte sie die Arme vor der Brust.

„Hast du irgendwo Rotwein?“

„Ich trinke nichts.“

Der Blick aus seinen stahlblauen Augen durchbohrte sie förmlich. „Das habe ich in den Klatschspalten aber anders gelesen.“

Früher hatte sie schon manches Mal über die Stränge geschlagen, das musste sie zugeben. „Ich war fix und fertig. Vielleicht kannst du dir vorstellen, dass es mich ziemlich mitgenommen hat, den Ehemann und ein Kind zu verlieren.“

Er sah sie ungläubig an. „Willst du mir erzählen, dass du volle elf Jahre um mich getrauert hast?“

„Nein, ich hatte Besseres zu tun“, erwiderte sie trotzig. Was ging es ihn an, wie es damals in ihr ausgesehen hatte?

Er ging mit dem Topf zur Spüle. Während das Wasser in den Topf lief, nahm Lucas Salz und Olivenöl und gab beides dazu.

Nadia hechtete zum Kochbuch und schaute im Rezept nach. „Zwei Esslöffel Öl“, zitierte sie. „Woher willst du wissen, dass das eben zwei Esslöffel waren?“

Schulterzuckend drehte er das Wasser ab und stellte den Topf auf den Herd. „Gefühlssache. Ich habe jahrelang für meine Schwestern gekocht, als sie noch klein waren.“

Als Nadia an seine Familie dachte, wurde ihr schwer ums Herz. So kühl und distanziert die Atmosphäre bei ihr zu Hause gewesen war, so herzlich und freundlich ging es bei den Stones zu. Beinahe wäre Nadia ein Teil dieser Familie geworden. Die Intrige ihres Vaters und Lucas’ schmählicher Verrat hatten das unmöglich gemacht.

„Wie geht es deiner Mutter und deinen Schwestern?“, fragte sie.

„Gut.“ Er suchte sich ein scharfes Messer aus, nahm ein Schneidebrett sowie die Tüte, schüttete die Nüsse auf das Brett und begann die Walnusskerne zu hacken. Nadia wunderte sich, wie professionell das bei ihm aussah. Sie hätte mindestens doppelt so lang dafür gebraucht.

Sechzehn Jahre alt war Sandi damals gewesen, Terri dreizehn. Für die beiden Mädchen war Nadia wie eine Schwester gewesen, die große Schwester, die sie immer gern gehabt hätten. Nadia hatte es genossen und beide sehr gern gehabt. „Wahrscheinlich denken sie, ich hätte dich einfach im Stich gelassen, gerade als du mich am dringendsten gebraucht hast. Sie müssen mich heute ja hassen.“

„Das trifft es ziemlich genau. Aber das wird sich ändern, weil sie bald erfahren werden, wie es wirklich gewesen ist.“

Nadia ging ein Licht auf. Die ganzen Jahre hatte sie sich gewundert, warum weder eines der Mädchen noch Lucas’ Mutter sich bei ihr gemeldet hatte.

„Wie viel von den Nüssen brauchst du?“, fragte Lucas.

„Eine Tasse voll.“

Nadia gab einen penibel genau abgemessenen Teelöffel voll Vanille in den Schokoladenteig und verrührte das Gemisch. „Eines sage ich dir jetzt schon. Wenn wir tatsächlich noch verheiratet sein sollten – was ich nicht glaube, denn mein Vater wird dafür gesorgt haben, dass wir es nicht mehr sind –, dann wird diese Ehe auf dem schnellsten Wege beendet.“

Lucas fügte die gehackten Nüsse hinzu. Wieder konnte sie nur besorgt beobachten, wie er sich nicht die Mühe machte, die Menge abzumessen. Nadia sagte aber nichts, sondern rührte die Nüsse unter, füllte den Teig in die Backform und schob diese in den vorgeheizten Ofen.

Nadia ergab sich ihrem Schicksal. Und wenn sie Lucas schon auf dem Hals hatte und mit ihm essen musste, wollte sie wenigstens einige Antworten auf Fragen, die sie die vergangene Nacht lang wach gehalten hatten. Betont beiläufig fragte sie, während sie sich auf die Kante des Küchentischs setzte: „Was ist nach dem Unfall mit dir geschehen?“

Er lehnte sich ihr gegenüber gegen die Spüle. „Dein Vater hat mir einen Platz in einer Rehabilitationsklinik in Denver besorgt und meiner Familie den Umzug dorthin bezahlt. Mit dem verbliebenen Rest seiner – nennen wir es einmal so – Abfindung richtete er ein Konto auf meinen Namen ein. Mein Studium habe ich aufgenommen, während ich noch im Rollstuhl saß. Wegen unserer guten Noten am Collage und eines Sozialzuschlags haben meine Schwestern und ich ein Stipendium erhalten, mit dem wir unser Studium zu Ende führen konnten. Was von dem Geld noch geblieben ist, nachdem alle Arzt- und Krankenhausrechnungen beglichen waren, habe ich dann investiert. Und das hat sich letztlich bezahlt gemacht.“

„Wie das?“

„Ich kann eben rechnen.“ Er zeigte auf den Herd. „Das Wasser kocht.“

Ein sehr offensichtliches Ablenkungsmanöver, fand Nadia. Während sie die Pasta in den Topf mit dem sprudelnden Wasser gab, fragte Lucas: „Du hast deinen Mädchennamen wieder angenommen. Warum?“

Die Frage war ihr unangenehm. Nadia hatte keine Lust, ihm zu erzählen, wie schlecht es ihr nach dem Unfall gegangen war. Die Frage, welchen Nachnamen sie tragen sollte, war für Nadia unbedeutend gewesen. Sie stellte die Eieruhr und antwortete: „Es war irgendwie einfacher so. In all meinen Papieren stand noch mein Mädchenname.“

„Die Leute von der Security haben mir erzählt, dass du das Haus kaum verlässt. Warum gehst du nicht aus?“

„Mit wem denn? Ich kenne niemanden in Dallas.“

„Du kennst mich. Ich kann dir die Stadt zeigen.“

„Ich möchte nicht mit dir ausgehen.“

„Ich kenne mich gut aus hier – die Sehenswürdigkeiten, die besten Restaurants …“

Gewöhnlich begnügte sie sich mit den Erzeugnissen der eigenen Kochkunst oder denen des Pizza-Service, den sie gelegentlich auch in Anspruch nahm. Auch wenn es sie reizte, einmal wieder etwas anderes zu essen, winkte Nadia jedoch ab. „Nein, danke.“

„Die Gärten hier musst du unbedingt gesehen haben.“

„Gärten sind dein Metier, nicht meins.“ Das stimmte allerdings nicht ganz. Lucas hatte ihr in der Zeit, in der sie ein Paar gewesen waren, eine Menge beigebracht. Und sogar hier pflegte Nadia mit Hingabe die Blumenkästen auf ihrer Dachterrasse.

Ihr erstes Date hatten sie in Fairchild Tropical Garden, dem Botanischen Garten in Coral Gables, verbracht – nicht gerade die erste Adresse für ein frisch verliebtes, junges Paar. Aber alles, was Lucas über tropische Pflanzen zu erzählen wusste, hatte Nadia fasziniert. Und sie hatte den Nachmittag als ein wunderbares erstes Rendezvous in Erinnerung behalten.

In jenen Tagen war Lucas für sie die Verbindung zur lebendigen Natur schlechthin gewesen. Ihr zweites Date hatten sie damit verbracht, in einem gemieteten Kanu zu paddeln. Lucas hatte ihr Plätze gezeigt, die schöner waren als die, die in den Kalendern von National Geographic abgebildet waren. Sie hatten viel geredet, miteinander geflirtet und die ungestörte Zeit genossen. An einem öffentlichen Grillplatz hatten sie angelegt.

Es war das erste Mal gewesen, dass abgesehen von ihrem Koch in Kincaid Manor ein Mann für Nadia gekocht hatte. Jener Tag hatte schließlich in einer der Hütten auf einem Campingplatz geendet, wo sie das erste Mal miteinander geschlafen hatten. Für ein Mädchen wie sie, das gewohnt war, im Ritz einzukehren, war es schon komisch: Das romantischste Candle-Light-Dinner ihres Lebens hatte Nadia auf einem umgestürzten Baumstamm erlebt, Würstchen vom Pappteller gegessen und Wein aus einem Tetrapack getrunken.

Aber daran wollte sie jetzt nicht denken. „Außerdem ist Juli. Ich habe keine Lust, in dieser Hitze in der Stadt herumzulaufen.“

„Dir konnte es doch nie heiß genug sein.“

Sie hatte genug von seinen Anspielungen und Zweideutigkeiten. Und bevor die Erinnerung an bessere Zeiten sie wieder einholten konnte, deckte Nadia hastig den Tisch. „Und wie bist du ins Big Business geraten?“, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

Unwillig hob er das Kinn. „Ich musste mir etwas einfallen lassen. Ich saß im Rollstuhl und hatte wenig Hoffnung, je wieder körperlich arbeiten zu können.“

Sie zuckte zusammen. Daran hatte sie nicht gedacht. An den Gedanken, was er nach dem Unfall alles durchgemacht hatte, konnte sie sich nicht so schnell gewöhnen.

Die Eieruhr klingelte. Die Nudeln mussten abgegossen werden. Nadia wusste inzwischen, wie schnell sich selbst gemachte Pasta in die Bestandteile auflöste, wenn man sie zu lange kochen ließ. Nadia füllte zwei Teller und stellte sie auf den Tisch. In der Aufregung hatte sie den grünen Spargel vergessen, den es als Beilage geben sollte. Aber das machte nun auch nichts mehr.

Als sie sich an den Tisch setzten, überlegte sie, dass sich die Mühe gelohnt hatte. Das Essen duftete verführerisch. Erst nachdem sie eine Weile schweigend gegessen hatten, fragte Nadia: „Wie lange hat es gedauert, bis du wieder laufen konntest?“

„Vierzehn Monate.“

Sie erschrak, bemühte sich aber, es zu verbergen. Welch eine furchtbar lange Zeit! Wie musste es sein, über ein Jahr lang in der Ungewissheit zu leben, ob man je wieder ganz hergestellt würde? Es tat Nadia schrecklich leid für Lucas. Aber sie wollte ihn nicht bemitleiden. Schnell erinnerte sie sich daran, wie das Geld ihres Vaters ihm über alles hinweggeholfen hatte. Zwei Millionen, mit denen er sich ihre Liebe hatte abkaufen lassen.

„Iss dein Essen, Lucas“, sagte sie. „Ich habe heute noch etwas vor – ohne dich.“

Als Nadia am Mittwochmorgen die Wohnungstür öffnete, um wie gewohnt ihre Zeitungen hereinzuholen, erlebte sie eine Überraschung. Die Zeitungen waren nicht da. Und während sie den Blick hob, sah sie, dass die Tür zu Lucas’ Apartment offen stand. Verschlafen blinzelte sie hinüber. Lucas hatte einen Stuhl in den Flur gestellt, saß dort mit einem Becher Kaffee an einem Sideboard und las ihre Zeitungen. Es mussten ihre sein, vor seiner Tür hatte Nadia morgens noch nie Zeitungen liegen sehen.

„Guten Morgen“, grüßte er freundlich.

Der Stuhl, auf dem er saß, hatte am vergangenen Abend noch nicht dort gestanden, dessen war Nadia sich sicher. Lucas hatte sie offensichtlich erwartet – oder, besser gesagt, ihr aufgelauert. Zu allem Überfluss duftete es aus seiner Wohnung nach ihrem Lieblingskaffee, Jamaica Blue Mountain. Die Sorte war ziemlich teuer und der Nadia aufgezwungenen Sparpolitik als Erstes zum Opfer gefallen.

„Hey, das sind meine Zeitungen.“

„Wir können sie uns doch teilen. Komm über, und wir frühstücken zusammen bei mir auf der Dachterrasse.“ Er legte die Zeitungen weg und stand auf.

Ein teures schwarzes T-Shirt schmiegte sich eng an seinen athletischen Oberkörper. Die langen Beine steckten in erstklassig sitzenden Prada-Jeans. Dieser Mann wusste seine Vorzüge zur Geltung zu bringen.

Hör auf zu glotzen, rief Nadia sich zur Ordnung. „Ich hasse es, meine Morgenzeitungen mit jemandem zu teilen. Und mit dir teile ich sie schon gar nicht. Außerdem will ich weder mit dir frühstücken, noch habe ich Lust, dich überhaupt zu sehen.“

„Sagtest du gestern nach dem Essen schon.“ Er nahm die Zeitung und ging einfach damit in sein Apartment.

Nadia wusste nicht, was sie tun sollte. Lucas raubte ihr den letzten Nerv. Sicherlich könnte sie die Tür zuschlagen und auf ihre Morgenlektüre verzichten – aber wieso eigentlich? Die Zeitungen waren so etwas wie ihre letzte Verbindung zur Außenwelt, seit Nadia nicht mehr im Berufsleben stand. Hinter Lucas herzurennen, um ihm gewaltsam zu entreißen, was ihr gehörte – das hatte sie schon bei seinem albernen Spiel mit der Einkaufstüte verworfen. Es gab schließlich noch die Möglichkeit, ihre Brüder anzurufen und sie zu bitten, ihr ein Flugticket nach Miami zu schicken, damit das Ganze endlich ein Ende fand. Das wäre Nadia am liebsten gewesen, aber es kam nun einmal nicht infrage.

Sie seufzte. Wieder blieb ihr nicht anderes übrig, als sich mit den Tatsachen abzufinden und Lucas’ Gesellschaft zu ertragen. Wenn er sich einbildet, dass ich mich für seine „Einladung“ auch noch umziehe, hat er sich aber geschnitten, dachte sie, nahm Schlüssel und Handy von ihrem Garderobentisch, schloss die Tür und folgte ihm auf die Dachterrasse.

Draußen war es schon früh warm und schwül geworden. Lucas’ Terrasse war fast doppelt so groß wie Nadias. Sogar einen Swimmingpool gab es. Zu Gruppen angeordnet standen große, teils mit farbenprächtigen Blumen, teils mit merkwürdigen Kakteen bepflanzte Terrakotta-Gefäße auf dem Boden.

Lucas legte die Zeitungen auf den Glastisch, rückte ihr einen Stuhl zurecht und lud sie ein, sich zu setzen. Der Tisch war gedeckt. Daneben stand ein Buffetwagen mit verschiedenen Speisen.

„Warum lässt du eigentlich deinen Fahrlehrer zweimal die Woche vergeblich auf dich warten?“, fragte er unvermittelt.

„Woher willst du wissen, dass er auf mich wartet?“

„Ich habe mich erkundigt.“

Diese Männer von der Security beobachteten anscheinend jede ihrer Bewegungen und erstatteten haarklein Bericht. Die bekamen keine Kekse mehr von ihr. „Geht dich nichts an“, entgegnete Nadia.

„In Manhattan könnte ich verstehen, dass man keinen Wert auf einen Führerschein legt. Aber in Miami? Dort fährt jeder mit dem Auto.“

„Was kümmert es dich? Du hast kein Recht, in meinem Privatleben herumzuschnüffeln.“

„Selbstverständlich kann ich Erkundigungen über die Bewohner in meinem Haus einziehen.“

Noch etwas, das Nadia in diesem Haus nicht gefiel.

Lucas hob die Deckel von den Tellern. Es gab Pilzomelettes, Bacon und Bratäpfel. Allein bei dem köstlichen Duft bekam Nadia Appetit. Dazu der starke Kaffee, den Lucas ihr einschenkte. Sie überlegte ernsthaft, ob sie Lucas’ Unverschämtheiten als Preis für ein fürstliches Frühstück gelten lassen konnte. Was sie sich normalerweise morgens zubereitete, fiel im Vergleich dazu sehr dürftig aus. Manchmal ließ sie das Frühstück sogar ausfallen.

Er schob ihr einen Teil der Zeitungen hinüber, bediente sich, nachdem sie ihren Teller gefüllt hatte, und bemerkte dabei: „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.“

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