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BACCARA EXKLUSIV BAND 167

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Das Feuer der Liebe

1. KAPITEL

Jordan Alastair Grant zeichnete sich durch Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen und einen sicheren Instinkt aus. Das galt für sein Privatleben ebenso wie für seinen geschäftlichen Erfolg, durch den er Schritt für Schritt ein Wirtschaftsimperium aufgebaut hatte. Er hatte einfach eine Nase fürs Geschäft, und um mehr als eine Nasenlänge war er für gewöhnlich seiner Konkurrenz voraus.

Dabei gehörte er nicht zu den Leuten, die Geld oder Reichtum nachjagten. Geld an sich hatte für ihn keine besondere Bedeutung. Es war für Jordan eher ein Gebrauchsgegenstand, ein nützliches Hilfsmittel, mehr aber auch nicht. Und genauso verhielt es sich mit teuren Autos, mit den nach eigenen Entwürfen gebauten Häusern oder dem Privatjet seiner Firmengruppe. Dass er trotzdem mit Leidenschaft Geschäftsmann war, lag an etwas anderem. Er liebte es zu gewinnen. Wenn ein Rivale auf dem Markt das Handtuch warf, weil er ihn niedergerungen hatte, war das für Jordan wie ein sportlicher Erfolg. Wie ein Sprinter oder ein Boxer konnte er das Glücksgefühl des Sieges genießen. Aktien, Öl, Wertpapiere – jede geglückte Transaktion, jede mit Gewinn abgeschlossene Unternehmung war wie ein weiterer Pokal in seiner Sammlung.

Seine äußere Erscheinung passte gut in dieses Bild: etwas über einen Meter neunzig groß, mit vollem, dunklem, korrekt geschnittenem Haar und dem muskulösen Körper eines Athleten. Er hielt sich täglich in seinem privaten Kraftraum in Form. Sein markantes Gesicht mit den scharf geschnittenen Zügen war ausdrucksstark. Ein einziger Blick aus seinen flaschengrünen Augen vermochte es, sein Gegenüber einzuschüchtern; die Andeutung eines Lächelns durch ein kaum merkliches Zucken seines Mundwinkels konnte ihn dagegen unwiderstehlich machen.

Es gab Leute, die ihn für kalt und berechnend hielten. Das machte ihm nicht das Geringste aus. Er bekam stets, was er wollte, und das war die Hauptsache. Was ging ihn die Meinung der anderen an?

Am Geräusch der Turbinen hörte Jordan, dass sie sich bereits im Landeanflug befanden. Er sah auf seine Rolex und stellte zufrieden fest, dass die Maschine auf die Minute pünktlich war.

„Touch down in zehn Minuten, Mr. Grant“, kündigte Denise, die neue Stewardess, an. Die junge rothaarige Frau war erst kürzlich als Vertretung zur Crew gestoßen. Ihre haselnussbraunen Augen und das strahlende Lächeln mit dem entzückenden Grübchen in der Wange gefielen Jordan nicht schlecht.

Er konnte solche Lichtblicke zwischendurch gebrauchen. Die letzten Jahre war er mehr unterwegs gewesen, als ihm lieb war. Da er seine Büros in drei verschiedenen Städten hatte – Dallas, Lubbock und Houston –, dazu die Niederlassungen an der Westküste, ging es gar nicht anders. Vierunddreißig Jahre war er jetzt alt. Unendlich viel Zeit und Kraft hatte er schon in seine Unternehmen gesteckt und zweifellos dabei sein Glück gemacht. Zwölf Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche, davon den größten Teil der Zeit entweder im Flugzeug oder auf Vorstandssitzungen – von dieser Plackerei hatte er allmählich die Nase voll. Als er jünger war, hatte er die Herausforderungen, vor die sein Aufstieg ihn stellte, mit Begeisterung angenommen. Aber mittlerweile stand ihm der Sinn nach etwas anderem, nach Veränderung, oder genauer gesagt, nach einer Rückkehr zu seinen Wurzeln.

Aufgewachsen war Jordan auf Five Corners, einer Ranch, zu der zwanzigtausend Morgen besten Bodens gehörten – mit Viehherden, Waldland und Ölquellen. Richard Grant, Jordans Vater, war als ein typischer Städter hierher gekommen, als kultivierter, jedoch mittelloser Spross der feinen Bostoner Gesellschaft. Kitty Turner, wie Jordans Mutter mit ihrem Mädchennamen hieß, war das genaue Gegenstück. Sie brachte zwar keine gesellschaftlichen Verbindungen, als Tochter eines der wohlhabendsten Rancher im Umkreis jedoch jede Menge Geld mit in die Ehe. Besser konnte ein Paar sich gar nicht ergänzen, sollte man meinen. Sosehr Richard Grant jedoch den angeheirateten Reichtum genoss, so sehr waren ihm im Grunde seines Herzens die Ranch, die Landwirtschaft und überhaupt der texanische Osten zuwider. Die ländliche Abgeschiedenheit, körperliche Arbeit und der raue Umgangston, der hier herrschte, all das hielt Richard Grant für unter seiner Würde.

Jordan war in seine Gedanken versunken und merkte gar nicht, dass die Stewardess noch immer neben ihm stand. Sie wiederholte ihre Frage, ob er noch etwas Kaffee wollte, aber Jordan lehnte dankend ab. Dann beugte sie sich über ihn, um die leere Tasse abzuräumen. Zufällig streifte sie ihn mit dem Arm. Ihre Blicke trafen sich. Einen Augenblick hielt das Mädchen inne.

„Soll ich den Piloten bitten, den Chauffeur zu bestellen?“, fragte sie.

„Nicht nötig“, antwortete Jordan. „Ich werde schon abgeholt.“

„Sonst noch etwas, das ich für Sie tun kann, Sir?“

Jordan schüttelte den Kopf und blickte Denise hinterher, als sie mit dem Geschirr nach vorn ging. Ein hübsches Mädchen wie sie könnte eine Menge für ihn tun … Aber heute war er mit seinen Gedanken bei einer anderen Frau, einer mit pechschwarzem Haar, unglaublich blauen Augen und endlos langen Beinen. Beine, die sich einst um ihn geschlungen hatten … Jordan verscheuchte diese Bilder aus der Vergangenheit, denn sie waren mit der Erinnerung an eine bittere Niederlage verbunden, die seinem Stolz einen empfindlichen Stoß versetzt hatte. Ehrlich gesagt war es mehr als nur ein Stoß gewesen, eher ein Volltreffer in die Magengrube, von dem er sich lange nicht erholt hatte. Acht Jahre war das nun schon her. Er hatte gedacht, er würde diese Frau lieben. Schlimmer noch: Er hatte sich eingebildet, sie würde ihn lieben. Den Fehler, sich solchen Illusionen hinzugeben, hatte er in seinem späteren Leben nicht mehr wiederholt.

Das Fahrwerk des Privatjets setzte auf der Piste, einer kleineren privaten Landebahn, auf. Wenig später kam das Flugzeug am Ende der Rollbahn zum Stehen. Jordan warf einen Blick durch das Fenster und gewahrte das vertraute Grün der Wälder des texanischen Ostens, ein noch unverbrauchtes, junges Frühlingsgrün. In diesen Wäldern hatte er als Junge Cowboy und Indianer gespielt. Hier hatte er sich mit vierzehn den Arm gebrochen, als er von einem Felsvorsprung in den See springen wollte, und mit sechzehn seinen ersten Wagen zu Schrott gefahren, einen silbergrauen Pick-up, den er frontal gegen eine Tanne gesetzt hatte. Noch heute war über seiner linken Braue genau dort eine fein gezackte Narbe zu sehen, wo er mit der Stirn auf das Steuerrad geschlagen war.

Es gab noch andere Erinnerungen an den Wald und den See, so aufregend und mit Sinnlichkeit geladen, dass sie ihm heute noch unter die Haut gingen. Jordan blickte weiter aus dem Fenster. Er stellte fest, dass seine Gedanken schon wieder zu ihr zurückgekehrt waren. Ihm stand ein Wiedersehen mit ihr bevor, und er wusste noch nicht, wie es ausgehen würde. Sie würde mit Sicherheit nicht gerade begeistert sein, ihn zu treffen. Aber darauf konnte er keine Rücksicht mehr nehmen. Nach acht Jahren wurde es höchste Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.

Alexis Blackhawk liebte diese Jahreszeit. Die Tage wurden länger. Die Sonnenstrahlen wärmten wieder Leib und Seele. Überall regte sich neues Leben. Alles wirkte frisch und neu und sah aus, als käme es gerade aus der Reinigung.

Im Augenblick allerdings dachte Alexis nicht ans Frühlingserwachen. Es war schon dunkel. Sie lenkte ein schickes rotes Cabrio und schaltete einen Gang höher, als sie die nächste Ortschaft hinter sich gelassen und wieder den Highway erreicht hatte. Flotte Musik kam aus dem Radio, und der kühle Nachtwind fuhr ihr durchs Haar. Erst vor ein paar Tagen hatte sie sich in einem sündhaft teuren Salon einen modischen Bob verpassen lassen und war mit dem Ergebnis äußerst zufrieden. Es war nicht zu leugnen: So machte das Leben Spaß.

Als sie ihre Abfahrt vom Highway erreicht hatte, ging sie mit reichlich viel Schwung in die Kurve, hielt den Wagen aber sicher auf der Straße. Auf dem Scheitelpunkt der Kurve gab sie erneut Gas, bog nach etwas mehr als einem Kilometer wieder ab und gelangte so auf den vertrauten Feldweg, der nach Stone Ridge Stables, der Ranch der Blackhawks, führte. Auch hier trat sie noch einmal aufs Gaspedal und spürte mit Vergnügen, wie unter den Reifen Sand und Steine links und rechts wegspritzten. So einen Wagen muss ich mir auch zulegen, dachte sie, obwohl sie sich klar darüber war, dass sie in New York, wo sie lebte, kaum so viel Spaß am Fahren haben würde.

Am Geld brauchte die Anschaffung nicht zu scheitern. Alexis hatte genug davon, um sich kostspielige Extravaganzen leisten zu können. Unverhofft war sie zu Reichtum gekommen, als sie mehrere Millionen von einem Großvater geerbt hatte, den sie nie in ihrem Leben gesehen und von dem sie vorher nichts gewusst hatte. Vor dem Geldsegen musste sie sich mit zwei komplett ausgereizten Kreditkarten und einem bis zum Anschlag überzogenen Konto durchschlagen. Sie lief ständig Gefahr, dass ihr der Strom abgeschaltet wurde. Und dann kam praktisch über Nacht der Umschwung, und sie hatte mit einem Schlag mehr Geld, als sie ausgeben konnte.

Das Gefühl, nach Lust und Laune aus dem Vollen schöpfen zu können, hatte Alexis auf der Stelle ausgekostet. Begonnen hatte sie mit einem dreitägigen Shopping-Marathon auf der Fifth Avenue. Nur wenig später fand sie ihr Traumappartement auf der West Side und kaufte es, ohne lange zu überlegen. Demnächst sollte die angemessene Inneneinrichtung der geräumigen, hohen Räume folgen. Auch in den begehbaren Kleiderschränken war noch viel Platz.

Die Lichtkegel der Scheinwerfer glitten über eine Weide. Schlaftrunken hoben ein paar Kühe ihren Kopf. Auf Höhe der Ställe schaltete Alexis das Radio aus und blendete die Scheinwerfer ab. Dann ließ sie den Wagen fast lautlos bis vor das Wohnhaus ausrollen. Es war das Haus, in dem sie vor siebenundzwanzig Jahren geboren war.

Es war schon eine Weile her, seitdem sie zuletzt hier gewesen war. Über ein Jahr, schätzte Alexis. Und wie vor einem Jahr kam ihr alles vor wie früher. Auf den ersten Blick sah es so aus, als sei die Zeit hier auf der Ranch stehen geblieben: die weiße Farbe an den Wänden, dieselben altmodischen, schwarz angestrichenen Fensterläden, dieselben Geißblattranken, die üppig an den zwei Stockwerke hohen Säulen rechts und links des Eingangs emporkletterten. Alexis holte tief Atem. Selbst der Geruch war ihr noch vertraut. Von fern sang eine Amsel ihr Nachtlied, begleitet von dem monotonen Bass der Ochsenfrösche, die an dem kleinen Bach hinter dem Haus saßen.

Alles war von Erinnerungen durchtränkt. Manche davon waren angenehm und willkommen, andere hätte sie lieber vergessen. Sie zog den Zündschlüssel ab und stieg aus dem Wagen. Während sie die verspannten Schultern rollte, warf sie noch einmal einen eingehenden Blick auf das Haus. Es herrschte Stille, und hinter allen Fenstern war es dunkel. Da sie nicht vor morgen Nachmittag erwartet wurde, waren ihre beiden Schwestern und ihr Bruder vermutlich schon ins Bett gegangen. Landleben, dachte Alexis und schüttelte lächelnd den Kopf. Das war nichts für sie, mit den Hühnern zu Bett zu gehen und beim ersten Hahnenschrei aufzustehen. Vor ein Uhr in der Nacht ging sie in New York so gut wie nie schlafen.

Sie ließ ihr Gepäck im Kofferraum und schnappte sich vom Beifahrersitz nur ihre kleine Reisetasche, in der sich das Nötigste für die Nacht befand. In den neun Jahren, die sie schon in New York lebte, hatte sie vollkommen vergessen, wie dunkel die Nächte hier draußen sein konnten. Mit einem leisen Seufzer betrat sie das Haus. Die Absätze ihrer Pumps klickten hart auf dem Parkettfußboden. Nach ein paar Schritten hielt sie inne und zog die Schuhe aus. Dann schlich sie die Treppe hinauf und ließ dabei sorgfältig die Stufen aus, von denen sie wusste, dass sie knarrten. Es war wie damals, als sie noch ein Teenager war und mit klopfendem Herzen versuchte, sich in ihr Zimmer zu stehlen. Wenn sie wieder einmal von einem ihrer nächtlichen Streifzüge viel zu spät nach Hause gekommen war und betete, ihren großen Bruder Trey nicht zu wecken.

In den seltensten Fällen wurden diese Gebete erhört. Dann war es mit der Nachtruhe vorbei, denn das anschließende Donnerwetter weckte nicht nur alle anderen im Haus, sondern auch die Arbeiter auf der Ranch, die weiter weg im Gesindehaus schliefen. Der Inhalt der lautstark geführten Auseinandersetzungen zwischen ihr und Trey war meist der gleiche. Alexis schrie ihren Bruder an, er solle aufhören, sie wie ein Kleinkind zu behandeln, und er antwortete, dann solle sie damit aufhören, sich wie eines zu benehmen.

Ihre Schwestern Kiera und Alaina standen zwar auf Alexis’ Seite, jedoch nur heimlich und hinter verschlossenen Türen. Sie hüteten sich davor, sich in diese Wortgefechte einzumischen oder Treys Autorität überhaupt in Frage zu stellen. Er war nun einmal der Mann im Haus, und diese Stellung hielt er unangefochten inne, nachdem der Vater die Familie verlassen hatte und er, Trey, alt genug war, Verantwortung zu übernehmen.

Mit einem Anflug von Melancholie dachte Alexis an ihre Mutter. Sie war nicht stark genug gewesen, mit den heranwachsenden Kindern fertig zu werden. In der Tat schaffte sie es an den meisten Tagen kaum, aus dem Bett zu kommen, geschweige denn die Ranch zu leiten. So war es schon früh Trey zugefallen, die Geschicke von Stone Ridge Stables und die der Familie in die Hand zu nehmen. Nie hatte Alexis ein Wort der Klage darüber von ihm gehört.

Nachträglich war ihr klar, dass sie ihrem Bruder für einige Dinge im Stillen Abbitte leisten musste. Dinge, mit denen sie ihm das Leben damals noch schwerer gemacht hatte, als es ohnehin schon war. Aber das waren heute müßige Überlegungen, die niemandem mehr weiterhalfen. Immerhin hatte sie es geschafft, sich durch ihre Leistungen und ihren Fleiß Stipendien zu verschaffen und durch zahlreiche Aushilfsjobs für sich selbst zu sorgen. Auf dem College studierte sie Modedesign und schaffte erfolgreich den Abschluss. So war schließlich auch sie erwachsen geworden – wenigstens war sie davon fest überzeugt. Sie ging nach New York und ergatterte dort einen Traumjob als Redakteurin der Modezeitschrift Impression. Alexis konnte sich nicht beklagen. Ihre Glückssträhne hatte sich fortgesetzt, als sie durch die Erbschaft plötzlich all ihrer finanziellen Sorgen entledigt war und jüngst sogar einen äußerst interessanten und attraktiven Mann kennengelernt hatte. Manchmal konnte sie ihr Glück kaum fassen, und es kam ihr vor, als müsse sie sich kneifen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte.

Ihre beiden Schwestern in ähnlich glücklicher Lage zu wissen machte Alexis erst recht froh. Nicht nur, dass alle Geschwister von jenem sagenhaften Großvater gleichermaßen als Erben bedacht worden waren. Kiera wollte in weniger als einer Woche heiraten, und auch Alaina hatte den Mann ihres Lebens gefunden, und ihre Hochzeit sollte bald folgen.

Kieras Hochzeit war nun auch der Grund, warum Alexis nach Stone Ridge Stables gekommen war. Die Festlichkeiten sollten gemeinsam vorbereitet werden. Außerdem hatten die Schwestern verabredet, noch einmal ausgiebig Wiedersehen zu feiern und ihr Zusammensein zu genießen, bevor dazu keine Zeit mehr blieb, wenn demnächst Ehe und Familie die beiden Beneidenswerten ganz in Anspruch nahmen.

Alexis seufzte. Bald würde hier vieles anders sein. Ein wenig Wehmut mischte sich in die Freude, die sie für ihre Schwestern empfand. Aber davon wollte sie jetzt nichts wissen. Sie würde dem Familienzuwachs, mit dem zweifellos zu rechnen war, eine bilderbuchmäßige Tante sein. Und das war ja auch schon etwas.

An der Treppe angekommen, stieß sich Alexis die Zehen an einem Garderobentisch und unterdrückte einen Fluch. Dennoch wagte sie es nicht, Licht zu machen, um die anderen nicht zu wecken. So tastete sie sich den Weg zu ihrem Zimmer. Erst hier knipste sie den Lichtschalter an, musste aber feststellen, dass der ganze Raum mit Umzugskartons vollgestellt war. „Alaina“ stand auf den einen, auf den anderen „Kiera“. Ein wenig enttäuscht schaltete Alexis das Licht wieder aus. Hier konnte sie nicht schlafen. Im Dunkeln tappte sie über den Flur, fand die Tür zu Alainas Schlafzimmer und trat leise ein. Sehen konnte sie nichts. Aber sie hörte deutlich regelmäßige Atemzüge, die ihr sagten, dass hier jemand tief und fest schlief. Vorsichtig setzte Alexis sich auf die Bettkante und wartete einen Moment lang ab. Aber hinter ihr rührte sich nichts. So leise und behutsam sie konnte, zog Alexis den Blazer und ihre Hose aus. Was sie darunter trug, behielt sie an und schlüpfte unter die Decke, sorgsam darauf bedacht, ihre Schwester nicht zu wecken.

Auch wenn es nur für wenige Tage war, tat es Alexis wohl, wieder einmal zu Hause zu sein. Schon als Mädchen hatte sie mit Alaina das Zimmer geteilt. Damals hatten sie nächtelang wach gelegen und sich Geschichten erzählt, gemeinsam von Jungen aus den höheren Jahrgängen der Schule geschwärmt oder sich über Treys hartes Regiment beklagt. Denn darin waren sich alle drei Mädchen einig: Ihr Bruder war ein herzloser, ungehobelter Klotz. Und doch liebten sie ihn über alles.

Bei diesem Stichwort fiel Alexis ein anderer Mann ein, der ihr einst genauso herzlos vorgekommen war und den sie trotzdem vergöttert hatte. Aber an ihn wollte Alexis jetzt bestimmt nicht denken. Das machte ihr nur das Herz schwer. Stattdessen freute sie sich doch lieber auf die kommende Zeit in ihrem alten Zuhause. Diese Tage in Stone Ridge Stables waren dazu da, um zusammen zu feiern und glücklich zu sein, und nicht, um Trübsal zu blasen und zerronnenen Träumen nachzuhängen.

Alexis drehte sich leise seufzend auf die Seite und starrte ins Dunkel. Sie wurde müder und müder. Der Tag war lang gewesen und die Fahrt hierher anstrengend. Endlich fielen ihr die Augen zu. Aber noch in dem Moment, da sie fast schon eingeschlafen war, wurde sie ein unbestimmtes Gefühl nicht los, das sie schon beim Betreten des Zimmers beschlichen hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Jordan wachte auf und traute seinen Augen nicht. Träumte er noch? Mit der Hand fuhr er sich über das Gesicht und rieb sich die Augen. Nein, es war tatsächlich wahr. Neben ihm lag – welch eine Überraschung – eine Frau im Bett.

Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt und hielt ihr Kopfkissen umklammert. Jordan richtete sich halb auf und stützte sich auf den Unterarm. Schwach schien das erste Morgenlicht ins Zimmer. Jordan betrachtete den schlanken Körper der Frau neben sich. Das dichte schwarze Haar reichte ihr bis zum Nacken. Ein weißer Spitzensaum blitzte unter der Bettdecke hervor. Vorsichtig hob Jordan die Decke und riskierte einen Blick auf den Rest des offensichtlich wohlgeformten Körpers. Wenn ihm unverhofft schon eine solche Morgengabe präsentiert wurde, musste es wenigstens erlaubt sein, einen Blick darauf zu werfen.

Er stieß einen leisen Pfiff aus, als er zwei hübsche, feste Rundungen unterhalb des Rückens erblickte. Knapp über dem oberen Rand des weißen Slips entdeckte er auf der Hüfte ein Tattoo, ein kleines Einhorn mit wehender Mähne.

Die Schlafende neben ihm unterbrach kurz ihre regelmäßigen Atemzüge, stieß einen leisen Klagelaut aus und drehte sich auf den Rücken.

Das wird ja immer besser, dachte Jordan und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Sie hat sich also ihr langes Haar abschneiden lassen. Jordan sah sie sich genauer an. Die neue Frisur stand ihr gut, fand er. Sie passte noch besser zu ihrem hübschen ovalen Gesicht und hob den leicht exotischen Touch, den ihr die hohen Wangenknochen gaben, noch ein wenig mehr hervor. Ihr schön geschwungener Mund mit den weichen, vollen Lippen war derselbe geblieben – verführerisch wie eh und je.

Wieder stöhnte sie leise auf und legte den Arm neben ihren Kopf. Er betrachtete ihre schlanken Finger. Die Nägel waren sorgfältig manikürt. Jordan erinnerte sich an die Berührung dieser Hände auf seiner Haut, und augenblicklich begann sein Puls schneller zu schlagen.

Wäre er ein Kavalier alter Schule, müsste er jetzt ganz vorsichtig aufstehen, um sie nicht zu wecken. Zumindest sollte er seine Jeans anziehen, bevor sie die Augen aufschlug. Besser wäre es allerdings, er würde so leise wie möglich den Raum verlassen, um ihr eine Peinlichkeit zu ersparen. Er glaubte nicht, dass sie sich bewusst gewesen war, zu wem sie sich ins Bett gelegt hatte. Vermutlich hatte sie beim Zubettgehen kein Licht gemacht und war davon überzeugt gewesen, zu ihrer Schwester unter die Decke zu kriechen.

Nein, den vollendeten Kavalier konnte er ein anderes Mal spielen. Das kam jetzt nicht in Frage. Dazu war die Gelegenheit, Alexis’ Anblick noch eine Weile ungeniert und ungestört genießen zu können, einfach zu verlockend. Er stützte den Kopf in die Hand, hielt den Blick weiterhin auf den schönen Körper der Frau neben sich gerichtet und sog den zarten Duft ein, den sie verströmte. Auch der war noch derselbe wie früher. Er bewunderte ihre schöne, weiche Nackenlinie und die Rundungen ihrer festen Brüste, die sich unter ihrem Atem leicht hoben und senkten. Jordan spürte, wie sein Blut allmählich in Wallung geriet.

Behutsam strich er ihr mit den Fingerspitzen über die Wange. „Alexis“, rief er leise ihren Namen. Er hielt es doch für anständiger, sie zu wecken.

Keine Reaktion. Jordan wurde kühner. Er strich ihr übers Haar und glitt mit den Fingern ihren Hals hinab bis zu den Schultern. Ihre Haut fühlte sich warm und seidig an.

„Alexis“, wiederholte er ein klein wenig lauter.

Als sie sich noch immer nicht rührte, streichelte er ganz sacht ihre schwellenden Brüste und beobachtete, wie wenig später unter dem dünnen Stoff ihres Hemds die Spitzen hervortraten. Unwiderstehlich erwachte die Lust in ihm, und seine Erregung war nicht zu übersehen. Verdammt, sie schaffte es ja immer noch, ihm im Handumdrehen einzuheizen. Er brannte darauf, ihre Brüste mit beiden Händen zu umfassen und den süßen Geschmack ihrer Haut zu kosten.

Bevor er sich weiter in der Fantasie ergehen konnte, wie es wäre, der Versuchung zu erliegen, zuckten ihre Lider, und der Schatten ihrer langen schwarzen Wimpern zitterte auf den zarten Wangen. Schnell zog Jordan die Hand zurück. Jetzt rührte sie sich, streckte die Arme über ihren Kopf und holte mit einem tiefen Seufzer Atem. Dann schlug sie die ozeanblauen Augen auf und erblickte Jordan.

„Guten Morgen“, sagte er freundlich mit leiser Stimme.

„Guten Morgen“, antwortete Alexis erstaunlich gefasst und schloss die Augen gleich wieder.

Er wartete zwei, drei Sekunden ab. Dann kam ihre Reaktion. Sie riss die Augen wieder auf und schien erst jetzt zu begreifen, mit wem sie zusammen im Bett lag.

Mit einem Aufschrei stieß sie sich von ihm ab, verhedderte sich dabei in der Bettdecke und fiel mit einem satten Plumps aus dem Bett.

2. KAPITEL

Das darf bitte, bitte nicht wahr sein, hämmerte es in Alexis’ Kopf. Ich bin im Traum aus dem Bett gefallen, und gleich wache ich auf, und der Spuk ist vorbei. Und das dort oben zwischen den Kissen ist Alaina.

Aber so unerbittlich hart, wie Alexis den Aufprall auf das blanke Parkett noch spürte, konnte kein Zweifel daran bestehen, dass sie bereits wach war, nicht mehr träumte und dass es Jordan war, der von oben aus dem Bett auf sie heruntergrinste. In ihrem Musikantenknochen verspürte sie einen heftigen Schmerz, doch auch wenn sie wach war, war es ein böser Traum. Sie sah den spöttischen Blick, mit dem Jordan sie betrachtete, während sie wie ein Maikäfer auf dem Rücken am Boden lag. Sie hätte am liebsten laut geschrien.

Ihr erster Impuls war, aufzuspringen und aus dem Zimmer zu rennen. Da sie sich aber mit den Füßen noch nicht aus der Bettdecke befreit hatte, fürchtete sie, nicht weit zu kommen und obendrein Jordan ganz und gar zu entblößen, den dieselbe Decke gerade bis zu den Hüften verhüllte.

„Wohin wolltest du denn so schnell?“, fragte er scheinheilig.

Sie merkte, dass er sie mit unverhohlenem Interesse von oben bis unten musterte und den Anblick sichtlich genoss. Hastig drückte sie das Kissen an sich, das neben ihr lag. „Was machst du hier?“, fragte sie beißend.

„Dasselbe wie du. Ich habe geschlafen und bin gerade aufgewacht“, antwortete er und rieb sich das unrasierte Kinn. „Ich würde wahrscheinlich immer noch schlafen, wenn du mich mit deinem Schnarchen nicht geweckt hättest“, fuhr er ungerührt fort.

„Red keinen Unsinn. Ich …“ Aber sie brach den Satz ab. Ob sie schnarchte oder nicht, war im Augenblick nicht so wichtig. Sie warf Jordan einen finsteren Blick zu. „Ich will wissen, was du in Alainas Bett zu suchen hast.“

„Willst du nicht erst einmal wieder hochkommen?“ Er klopfte sacht auf die Bettseite neben sich. „Da unterhält man sich doch viel bequemer.“

„Du glaubst doch wohl selbst nicht, dass ich mich freiwillig zu dir ins Bett lege?“ Alexis warf einen Blick auf den Wecker auf dem Nachtschrank. Halb sechs. Sie konnte nur hoffen, dass noch niemand außer ihnen im Hause wach war. Auch wenn nichts zwischen ihnen vorgefallen war und – dafür würde sie schon sorgen – auch nichts vorfallen würde, war der Gedanke unerträglich, dass Trey plötzlich in der Tür stehen und sie beide im Bett überraschen könnte.

„Dann bleib meinetwegen da unten. Ich kann auch zu dir kommen, wenn du möchtest.“

„Jordan Grant, bleib, wo du bist“, rief Alexis. Sicherheitshalber schnappte sie sich einen ihrer hochhackigen Pumps und hob ihn drohend in die Luft, den spitzen Absatz auf seine Stirn zielend.

„So etwas hast du früher auch immer gesagt, wenn du unbedingt wolltest, dass wir uns küssen.“

Sie holte Luft, um zu widersprechen, gab es aber auf. Frustriert schleuderte sie den Schuh in die Ecke, wo er mit Gepolter landete. Alexis erschrak über ihre eigene Dummheit. Beinahe hätte sie das ganze Haus geweckt. Ein paar Sekunden hielt sie die Luft an und lauschte nach draußen. Aber es war nichts zu hören.

„Oh verdammt, Jordan“, schimpfte sie und gab sich gleichzeitig Mühe, die Stimme zu senken, „was treibst du in diesem Haus?“

„Trey hat mich eingeladen“, erwiderte er gleichmütig.

„Wir haben uns darüber geeinigt, dass du nicht kommst, wenn ich hier bin.“ Alexis zuckte zusammen und spitzte wieder gespannt die Ohren. Irgendwo hatte jemand die Wasserspülung betätigt. Das alte Rohrsystem verbreitete das Geräusch überall. Vermutlich war es Trey, der aufgestanden war. Er war meistens der Erste, der wach wurde.

„Wir haben uns über gar nichts geeinigt“, entgegnete Jordan. „Nicht zuletzt war das auch einer der Gründe, warum wir uns getrennt haben, oder genauer gesagt, du vor mir weggelaufen bist.“

„Ich bin nicht gelaufen, ich bin gerannt“, korrigierte sie. Allmählich verlor sie an dieser Diskussion die Lust. Außerdem fiel es ihr alles andere als leicht, sich darauf zu konzentrieren, denn sie konnte nichts dagegen tun, dass der Anblick seines nackten, kräftigen Oberkörpers ein Kribbeln in ihren Fingern hervorrief. Es hatte sich offenbar nichts geändert. Wie vor Jahren überkam sie in seiner Nähe ein übermächtiges Bedürfnis, ihn zu berühren. Sie wusste noch genau, wie es sich angefühlt hatte, die Fingerspitzen über seine Haut gleiten zu lassen und zu spüren, wie sich seine Muskeln darunter bewegten.

Instinktiv zuckte Alexis zurück, und wie sie vorhin befürchtet hatte, rutschte die Bettdecke ein Stück an ihm herunter und offenbarte den Ansatz des Haarwuchses unterhalb seines Nabels. Es verschlug Alexis den Atem. „Du liegst in Alainas Bett – und bist nackt?“

„Eifersüchtig?“, fragte er grinsend zurück.

Für einen winzigen Moment erwog sie, ihn zu ermorden – lautlos, wenn es ging. Doch auch wenn Trey sie nicht hörte, hätte sie immer noch das Problem gehabt, den hundert Kilo schweren Einsneunzig-Mann allein und unbemerkt aus dem Haus zu schaffen und verschwinden zu lassen. „Jordan, bitte, bleib jetzt mal ernst.“

„Reg dich doch nicht immer gleich so auf.“ Jordan schüttelte den Kopf. „Alaina ist gar nicht da. Kiera übrigens auch nicht.“

„Was soll das heißen, sie sind nicht da?“ Alexis pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Wo sind sie denn?“

„Ich weiß nicht genau.“ Jordan rekelte sich behaglich. Dann kratzte er sich im Nacken. „Wenn ich Trey recht verstanden habe, gönnen sie sich noch einen Extratag beim Shoppen in Houston, weil sie mit dir vor heute Nachmittag nicht gerechnet haben.“

Shopping? Ohne sie? Das wurde ja immer schöner. Wenigstens hätten sie sie anrufen und fragen können, ob sie sich in Houston treffen konnten, dachte Alexis pikiert. Doch sie fuhr jäh aus ihren Gedanken auf, als sie draußen im Flur das Geräusch von Stiefeln hörte. Vor der Tür hielten die Schritte inne. Atemlos und gebannt starrte Alexis auf den Türknauf und wartete darauf, dass er sich jeden Augenblick drehte, Trey in der Tür erschien und sie beide hier sah: sie halbnackt am Boden und Jordan splitterfasernackt im Bett. Sie wagte nicht, sich zu rühren.

Dann entfernten sich die Schritte wieder, und einen Augenblick später hörte Alexis die Treppenstufen unter den Stiefeln knarren. Sie schloss die Augen und atmete erleichtert auf.

„Fast wie in alten Zeiten“, bemerkte Jordan.

„Keineswegs.“ Alexis öffnete die Augen wieder. Seine Selbstsicherheit machte sie wütend. „Ich bin keine neunzehn mehr und lasse mich auch nicht mehr so leicht von einem Mann um den Finger wickeln, bloß weil er gut aussieht. Es gibt wichtigere Dinge im Leben.“

„Klingt irgendwie so, als hätte sich seit damals in deinem Liebesleben nicht mehr viel abgespielt.“

Alexis sah sein spöttisches Grinsen und ärgerte sich, dass sie sich überhaupt auf diese Diskussion und seine Macho-Spielchen eingelassen hatte. „Mein Liebesleben geht dich einen feuchten Kehricht an“, blaffte sie zurück. „Und jetzt sei bitte so freundlich, und dreh dich zur Wand, damit ich aufstehen und mich anziehen kann, bevor Trey meinen Wagen vor dem Haus stehen sieht.“

Jordan rührte sich nicht von der Stelle. „Seit wann bist du denn so prüde?“

„Seit wann bist du denn so ein Voyeur?“, konterte sie.

„Wenn das heißen soll, dass ich einen schönen Frauenkörper zu schätzen weiß, stehe ich dazu.“

Damit dreht sich Jordan auf die Seite und nahm dabei die Bettdecke mit, sodass Alexis entblößt auf dem Parkett liegen blieb. Hastig suchte sie nach ihrer Hose und zog sie sich über. Sie musste so schnell wie möglich hinüber in Kieras Zimmer, bevor Trey von diesem absonderlichen Zusammentreffen Wind bekam. So wenig wie alle anderen hatte er damals etwas von ihrer hitzigen Affäre mit seinem besten Freund Jordan mitbekommen, und dabei sollte es auch jetzt, acht Jahre später, bleiben. Sie selbst wünschte sich zurzeit nichts mehr, als dass sie diese Episode ihres Lebens ungeschehen machen könnte.

Den Blazer, die Schuhe und ihre anderen Sachen stopfte sie rasch in ihre Reisetasche. Dann ging sie zur Tür.

„Tschüß, Allie“, hörte sie Jordans Stimme hinter sich. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn entspannt zurückgelehnt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, auf dem Bett liegen. Verdammt. Warum bekam sie Herzklopfen, wenn sie ihn so sah? Sie sagte nichts und warf ihm nur einen wütenden Blick zu.

„Hübsches Tattoo hast du da.“

Alexis kochte innerlich und hatte den Wunsch, ihm irgendwas an den Kopf zu werfen. Dann verschwand sie lautlos aus dem Zimmer. Sie konnte sich gerade noch zurückhalten, die Tür hinter sich mit Wucht zuzuschmeißen. Auf Zehenspitzen tappte sie über den Flur, huschte in Kieras Zimmer und warf sich aufs Bett. Und dort vergrub sie das Gesicht in den Kissen und schrie, so laut sie konnte, ihre Wut heraus.

Zwei bis drei Stunden später zog der Duft nach frischem Kaffee, Pfannkuchen und gebratenem Bacon in Alexis’ Nase und lockte sie aus dem Zimmer. Nach ihrer Begegnung mit Jordan im Morgengrauen hatte sie nicht mehr schlafen können. Sie fand es zwar lästig, seine Anwesenheit ertragen zu müssen, aber sie sah es auch nicht ein, sich in ihrem eigenen Elternhaus vor ihm zu verstecken.

Rasch verschwand Alexis unter der Dusche und zog eine enge blaue Jeans und einen indigoblauen Sweater mit V-Ausschnitt an, die Sachen, die sie in ihre Reisetasche zum Wechseln eingepackt hatte. Länger als sonst hielt sie sich mit ihrem Make-up und ihrer Frisur auf, wobei sie sich einredete, dass das überhaupt nichts mit Jordan zu tun hatte, sondern lediglich damit, die Spuren der Strapazen einer langen Reise zu kaschieren.

Jordan hatte ihr zwar nicht verraten, warum genau er hier war, aber es lag nahe, dass Treys Einladung an ihn mit Kieras Hochzeit zu tun hatte. Trotzdem war es merkwürdig, dass er heute schon hier war. Warum war er nicht auf seiner eigenen Ranch Five Corners und übernachtete dort, zumal die näher zu seinem Büro in Dallas lag als Stone Ridge?

Es war Alexis schon seit Langem klar, dass ihre Wege sich früher oder später einmal kreuzen mussten. Solange es ging, hatte sie es vermieden. Dass sie ihm auf Kieras Hochzeit begegnen würde, kam nicht überraschend. Aber neben ihm im Bett aufzuwachen, statt inmitten einer Festgesellschaft von hundert Gästen auf ihn zu treffen, darauf war sie nicht vorbereitet gewesen.

Alexis stieg die Treppe hinunter. Wenigstens war sie jetzt gewarnt. Und angezogen. Aus der Küche drangen Männerstimmen und das Klappern von Tellern herauf. Ein Stuhl wurde gerückt. Vertraute Geräusche. Die Küche war immer der Mittelpunkt des Hauses gewesen. Hier traf sich die Familie. Hier hatten sie zusammen geredet, gelacht und geweint, sich auch manchmal gegenseitig angeschrien und einander getröstet. Hier in der Küche war es auch, dass sie Jordan zum ersten Mal gesehen hatte. Endlos lange her war das. Er war damals gerade siebzehn und sie nicht älter als zehn. Trotzdem wusste sie es noch wie heute. Sie war wieder einmal auf der Flucht vor ihrer im Jähzorn unberechenbaren Mutter gewesen und hatte sich hinter der Tür zum Windfang versteckt. Als die Mutter sie wutschnaubend suchte und Jordan ins Verhör nahm, wo ihre Tochter steckte, hatte er Alexis standhaft verleugnet und allen Drohungen zum Trotz ihr Versteck nicht preisgegeben. Von diesem Augenblick an war Alexis in Jordan verknallt. Es brauchte allerdings noch fast zehn Jahre, bis er ihr überhaupt Beachtung schenkte.

Und die letzten acht Jahre hatte Alexis nun damit verbracht, sich zu wünschen, sie hätte ihn nie getroffen.

Sie straffte den Rücken und trat in die Küche, wobei sie sich zu einem Lächeln zwang, mit dem sie Trey und Jordan begrüßte, die vor ihren Kaffeebechern am Küchentisch saßen.

„Guten Morgen.“ Alexis trat zu ihrem Bruder und küsste ihn auf die Wange. „Du könntest mal wieder eine Rasur gebrauchen, Cowboy“, meinte sie scherzhaft.

„Und du könntest ein bisschen mehr auf den Rippen haben, Schwesterherz“, gab Trey gut gelaunt zurück. „Du siehst halb verhungert aus.“ Dann wandte er sich an den alten Mann, der am Herd stand. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren sorgte er in der Küche für die Familie: „Cookie, gib ihr eine Extraportion zum Frühstück.“

Alexis ging zu Cookie, strich ihm über den Zopf, zu dem er sein langes weißes Haar zusammengebunden hatte, und gab ihm einen Begrüßungskuss auf die runzelige Wange. „Nur einen Kaffee für mich. Danke.“

Der alte Koch grummelte etwas von „Trey hat ganz recht“ und „viel zu klapprig“. Aber Alexis nahm ihm das nicht übel. Cookie war immer grummelig.

„Ich esse später etwas“, versprach sie. „Morgen, Jordan“, begrüßte sie anschließend den Gast.

„Hi, Allie“, antwortete der. „Lange nicht gesehen.“

„Jaja, kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht.“ Alexis nahm den frisch gefüllten Kaffeebecher und lehnte sich an den weiß gekachelten Küchentresen.

„Kommt ganz darauf an.“ Jordan sah sie jetzt beinahe ernst mit seinen grünen Augen an. Er machte in seinen abgetragenen Jeans und dem offenen Hemd keine schlechtere Figur als im dunklen Geschäftsanzug. Jordan hatte von Natur aus eine Ausstrahlung, die keine äußerlichen Attribute brauchte und ihn trotzdem zum Mittelpunkt jeder Gesellschaft werden ließ, ohne dass er etwas Besonderes dafür tun musste.

„Das kommt darauf an, auf welcher Seite der Klotür man sich gerade befindet“, konterte Alexis.

„Manche Dinge ändern sich auch nach Jahren nicht.“ Trey schüttelte den Kopf und nahm sich den nächsten Pfannkuchen. „Ich werde nie begreifen, warum ihr beide nicht miteinander reden könnt, ohne euch gleich an die Gurgel zu gehen.“

So kann man das eigentlich nicht nennen, korrigierte Alexis im Stillen. Sie dachte an die Küsse auf ihrem Hals, mit denen Jordan sie schon zum Wahnsinn getrieben hatte. Ein Blickwechsel mit ihm bestätigte ihr, dass er in diesem Augenblick dasselbe dachte. Sie merkte, wie sich eine verräterische Hitze auf ihre Wangen schlich, und sah schnell wieder weg.

Von Anfang an hatten sie und Jordan sich gegenseitig aufgezogen und mehr oder weniger zum Spaß geärgert. Für Alexis war es eine Art Ventil gewesen, eine Strategie, mit der sie zu verbergen versuchte, wie sehr sie Jordan in Wirklichkeit verehrte. Das war vor allem so gewesen, als sie noch ein Teenager und für Jordan vollkommen uninteressant war. Dann kam sie aufs College, und als sie im Sommer darauf in den ersten Semesterferien nach Hause kam, merkte sie, dass Jordan sie nicht mehr als Kind betrachtete, sondern als Frau. Ab diesem Moment wurde schlagartig alles anders, und Wochen unglaublichen Glücks begannen für sie. Eines aber blieb, wie es war. Sie achtete weiterhin ängstlich darauf, dass niemand davon erfuhr, wie verliebt sie in Jordan war. Sie hatte Angst davor, ihre Geschichte könnte sonst in einem Desaster enden. Und in einem Desaster endete die Affäre zwischen ihnen schließlich auch. Aber dazu hatten sie letztendlich keine Hilfe anderer gebraucht. Das hatten sie ganz allein fertiggebracht.

„Wie kommt es, dass du schon hier bist? Trey hat mir erzählt, du kommst erst heute Nachmittag und er holt dich vom Flugplatz ab“, erkundigte sich Jordan in unverbindlichem Plauderton.

Alexis merkte ganz genau, dass er sie provozieren wollte, und verfluchte sich dafür, dass ihm das beinahe gelang. Sie sah ihn an, als wollte sie ihn mit ihrem Blick durchbohren. „Ich konnte gestern Abend noch einen Flug bekommen und habe am Flughafen einen Mietwagen genommen. Ich wollte meine Geschwister überraschen.“

„Womit kannst du uns noch überraschen, Schwesterchen?“, meinte Trey gutmütig und stopfte sich ein großes Stück Pfannkuchen in den Mund. „Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich die Kartons aus deinem Zimmer geräumt. Wo hast du überhaupt geschlafen?“

„In Kieras Zimmer“, antwortete Alexis schnell. Es war ja nicht einmal ganz gelogen, sondern eben nur die halbe Wahrheit. „Und wenn ich gewusst hätte, dass wir Besuch haben, hätte ich euch natürlich nicht überfallen.“

„Jordan ist kein Besuch. Das solltest du wissen.“ Trey wischte mit dem letzten Stück Pfannkuchen den restlichen Sirup vom Teller und spülte den Bissen mit einem großen Schluck Kaffee hinunter. Dann stand er auf. „Ich weiß nicht, was euch beide reitet. Aber ich habe keine Lust, Ringrichter zwischen euch zu spielen. Am besten, ihr gebt euch einen Kuss und haltet Frieden.“

„Guter Vorschlag“, meinte Jordan mit einem breiten Grinsen und hielt seine Wange hin.

Alexis sah ihn finster an. In diesem Augenblick klingelte glücklicherweise das Telefon. Cookie nahm sofort das Gespräch entgegen, deutete Jordan an, dass das Gespräch für ihn sei, und verließ die Küche. Stirnrunzelnd blickte Alexis ihm nach. „Was ist mit seinem Bein? Wieso humpelt Cookie?“

„Er braucht ein neues Hüftgelenk“, antwortete Trey, indem er seinen Hut vom Haken neben der Tür nahm, die von der Küche hinaus auf den Hof führte. „Er ist für die Operation schon angemeldet. Sie ist nächsten Monat.“

Alexis Stirnfalten wurden tiefer. „Und wieso steht er dann hier am Herd?“

„Du weißt doch, wie stur er ist. Er hört einfach nicht auf mich. Du kannst es gern selbst noch einmal versuchen.“

Versuchen kann ich es immerhin, dachte Alexis. Sie warf einen flüchtigen Blick auf Trey und Jordan. Erfahrung im Umgang mit sturen Männern hatte sie zur Genüge. Sie machte sich Sorgen um Cookie. Er war für die Familie da, solange sie denken konnte, und gehörte einfach dazu. Er hatte heiße Suppe gemacht, wenn jemand erkältet war, oder heißen Kakao, wenn es draußen stürmte und kalt war. Er hatte ihnen Geburtstagskuchen gebacken und Picknickkörbe gepackt. Auch in den finstersten Zeiten war er immer für sie da gewesen, besonders in der Zeit, als sie noch Kinder waren und es um ihre Mutter so schlecht gestanden hatte. Alexis konnte sich Stone Ridge nicht ohne Cookie vorstellen.

„Ich werd mal rüber zu den Pferden gehen“, sagte Trey und setzte sich den Hut auf. Dann fragte er Jordan: „Willst du dir nicht ein paar von meinen Stuten ansehen – jetzt, wo du wieder im Geschäft bist? In vierzehn Tagen kommen sie zur Versteigerung. Aber weil du es bist, lass ich dir die erste Wahl – zu einem echten Freundschaftspreis.“

Jordan nickte. „Ich bin gleich bei dir.“

Alexis wartete ab, bis Trey die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann sah sie Jordan an und fragte: „Was soll das heißen: Du bist wieder im Geschäft?“

„Das heißt, ich kehre nach Five Corners zurück.“

„Du gehst zurück auf die Ranch?“ Fast hätte Alexis ihren Kaffeebecher fallen gelassen. „Aber wie soll das gehen? Deine Eltern haben Five Corners gleich nach ihrer Scheidung verkauft.“

„Richtig.“ Jordan schob seinen leeren Teller beiseite. „Und der Käufer war ich.“

„Was?“ Ihr blieb der Mund offen stehen. Sie machte nicht einmal den Versuch, ihren Schock über diese Neuigkeit zu verbergen.

„Ich war diese ewige Zankerei darüber, wer nun was bekommt und wie viel, einfach leid.“ Jordan zuckte die Achseln. „Ich hatte ja noch mein Treuhandvermögen, und da hab ich die Ranch eben selbst gekauft, damit das Theater ein Ende hat. Bis letzten Monat hatte ich die Ranch an eine meiner Firmen verpachtet.“

Alexis drehte sich alles im Kopf. Fassungslos starrte sie Jordan an. Er würde wieder hierherziehen, und sie würden sich unweigerlich jedes Mal begegnen, wenn sie nach Stone Ridge zu Besuch kam. Warum hatte ihr niemand ein Wort davon gesagt? Überhaupt waren hier die merkwürdigsten Dinge im Gange, ohne dass sie davon etwas erfuhr: Cookie musste ins Krankenhaus, Jordan zog zurück in die Nachbarschaft. Offenbar hatte es niemand mehr nötig, sie auf dem Laufenden zu halten.

„Hast du damit irgendein Problem, Allie?“, fragte Jordan ruhig. „Hast du etwas dagegen, dass ich zurückkomme?“

Ob sie etwas dagegen hatte? Zum Teufel: ja! Selbstverständlich. Aber natürlich würde sie sich lieber die Zunge abbeißen, als ihm das zu sagen. Sie hielt ihren Kaffeebecher umklammert, um zu verbergen, dass ihre Hände zitterten. „Ich bin nur etwas erstaunt“, sagte sie dann gefasster. „Ich dachte immer, euch Ölmillionäre zieht es mehr in den Westen.“

„Sicher. Aber ich bin ja auch nicht wegen des Öls hier.“

„Sondern?“

Jordan lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah Alexis an. „Ich bin deinetwegen hier.“

3. KAPITEL

Für die nächsten drei Stunden war Alexis so aufgebracht, dass sie nicht wusste, was sie machen sollte. Ihretwegen kehrte er auf seine Ranch zurück, behauptete er. Ihretwegen? Was fiel diesem Mann bloß ein?

Sie stand in ihrem Zimmer im Obergeschoss und beobachtete ihn durchs Fenster. Jordan stand an einem Weidezaun, die kräftigen Arme aufgestützt, und sah einem Pferdepfleger zu, der mit einer hochgewachsenen, gescheckten Stute arbeitete. Alexis musste daran denken, wie sie früher auf demselben Fleck in diesem Zimmer gestanden und nichts anderes getan hatte als jetzt, nämlich heimlich Jordan zu beobachten. Und das war schon zu Zeiten gewesen, in denen er sie noch nicht einmal angesehen hatte.

Deinetwegen. Sie konnte es noch immer nicht fassen. Selbstverständlich hatte er das nur gesagt, um sie zu ärgern. Allein, dass er das erreicht hatte, wurmte sie. Bevor ihr eine passende Antwort darauf eingefallen war, war Cookie zurück in die Küche gekommen. Dann hatte Jordan Grant auch noch die Unverschämtheit besessen, ihr vor Cookies Augen einen Kuss auf die Wange zu geben und zu sagen: „Wie schön, dass du da bist.“

Ihr war fast das Herz stehen geblieben, aber um ehrlich zu sein, war ihr erster Impuls gewesen, ihm die Arme um den Hals zu schlingen und den Kuss zu erwidern. Sie hatte sich Gott sei Dank gerade noch zurückhalten können. Zum Glück war Cookie so beschäftigt gewesen, dass er Jordans dreisten Übergriff nicht mitbekommen hatte.

Überhaupt war die ganze Aufregung überflüssig. Schließlich war es allein Jordans Angelegenheit. Wenn er unbedingt Rancher spielen wollte, sollte er es doch machen. Was hatte sie damit zu tun? In Kürze war sie zurück in New York, und es konnte ihr herzlich egal sein, ob Jordan Grant auf Five Corners sein Leben verbrachte oder sonst wo. Sie konnte ihm zum Einzug ja eine Topfpflanze schicken, irgendetwas Scheußliches – am besten mit Stacheln.

Nachdem Jordan gegangen war, hatte sie sich noch eine Weile in der Küche mit Cookie unterhalten. Er hatte ihr Frühstück gemacht, und während sie ohne großen Appetit ihren Pfannkuchen verzehrte, hörte sie sich den neuesten Klatsch von Stone Ridge und aus Wolf River, der nächstgelegenen Stadt, an. Doyle, hörte sie, der erst kürzlich auf der Ranch angefangen hatte, solle ein ziemlicher Schürzenjäger sein. Aus Gründen, die nur er selbst kannte, meinte er, unglaubliche Chancen bei Frauen zu haben. Man sollte ihm also besser aus dem Weg gehen, riet Cookie. Elton, ein anderer Mitarbeiter, der schon seit vier Jahren auf der Ranch arbeitete und den Alexis vom Sehen her kannte, stand nun bereits vor seiner dritten Scheidung, so berichtete Cookie. Auch ihm sollte man besser aus dem Weg gehen. In der Stadt sei Sheriff Neil Harbor suspendiert worden. Dem Vernehmen nach hatte er sich im Dienst betrunken und sich bei dieser Gelegenheit mit dem eigenen Revolver eine Zehe abgeschossen. Sein Nachfolger nun lasse sich von Jody Sherman, Inhaberin eines Damen- und Herrensalons, umsonst die Haare schneiden, und Cookies bedeutungsvoller Blick bei den Worten „Haare schneiden“ sollte wohl besagen, dass es bei dieser Dienstleistung nicht blieb. Grund genug, auch um den neuen Sheriff einen Bogen zu machen. Alexis verdrehte die Augen. Da behauptete man immer, Frauen seien Klatschbasen.

Obgleich Cookies Geschichten unterhaltsam waren, fiel es Alexis mit der Zeit schwer, sich darauf zu konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab und landeten bei Jordan. Mehr als einmal berührte sie verstohlen mit den Fingerspitzen die Stelle, an der seine Lippen ihre Wange gestreift hatten. Und immer wieder spukte ihr dieses eine Wort im Kopf herum: deinetwegen.

Alexis beobachtete, wie Jordan sich halb umgedreht hatte und über die Schulter einen Blick zum Haus warf. Sofort trat sie einen Schritt vom Fenster zurück. Sie konnte aber nicht verhindern, dass ihr Herz augenblicklich schneller schlug. Hatte er sie hier oben stehen sehen? Was machte sie eigentlich hier? Sie hatte die Umzugskartons schon vor einer Weile an die Seite geräumt und sich Platz verschafft, um dann ihre Sachen aus dem Koffer zu packen. Sie hätte längst draußen sein und den schönen Frühlingstag genießen können.

Noch einmal warf sie einen Blick nach unten. Jordan und Trey waren gerade auf dem Weg in die Ställe. Jordan war mit absoluter Sicherheit nicht ihretwegen hier oder kehrte ihretwegen nach Five Corners zurück. Es war nur ein Spiel, das er mit ihr spielte. Er hatte die letzten acht Jahre bestimmt nicht damit verbracht, auf sie zu warten. Ebenso wenig wie sie auf ihn gewartet hatte, auch wenn sie die ganzen Jahre hindurch immer wieder an ihn gedacht hatte. Aber war das so ungewöhnlich? Schließlich war er der erste Mann gewesen, in den sie sich richtig verliebt hatte. Und der erste, mit dem sie eine zwar kurze, aber umso leidenschaftlichere Affäre gehabt hatte. Wer würde nicht ab und zu an seine erste Liebe denken?

Aber keinem Mann würde sie je gestatten, totale Macht über sie zu gewinnen. Und sie war klug genug gewesen, sich rechtzeitig zurückzuziehen, bevor Jordan sie ganz vereinnahmen konnte. Ihre Mutter stand ihr als warnendes Beispiel vor Augen, was blinde Liebe anrichten konnte. Diesen Fehler werde ich nicht begehen, sagte sich Alexis, ich bin stärker als sie.

Natürlich hatte sie vor acht Jahren bittere Tränen vergossen. Es war ein Schmerz, wie sie ihn nie zuvor gekannt hatte. Aber sie hatte ihn verwunden. Und hatte Jordans Verlust verwunden. Seitdem hatte sie nie mehr wegen irgendeines Mannes geweint.

„Allie!“

Alexis fuhr herum. Es war Kieras Stimme, die aus dem Erdgeschoss kam. Alexis lief zur Tür und eilte in Windeseile die Treppe hinunter. Alaina und Kiera waren gerade angekommen und standen bepackt mit Einkaufstüten in der Halle. Kiera ließ alles fallen, was sie in der Hand hatte, und rannte Alexis entgegen. Lachend fielen sich die Schwestern um den Hals, und Sekunden später war auch Alaina bei ihnen.

Kiera hielt Alexis einen Moment auf Armlänge von sich weg und betrachtete sie. „Ich werd verrückt. Du hast die Haare abgeschnitten. Zeig mal her!“ Noch einmal begutachtete sie ihre Schwester. „Sieht toll aus.“

Alaina, Alexis Zwillingsschwester, stimmte lebhaft zu. „Perfekt!“

„Trey hat das nicht einmal bemerkt“, erzählte Alexis. Dann fiel ihr ein, dass auch Jordan kein einziges Wort über ihre kürzeren Haare verloren hatte. Schnell ließ sie den Gedanken wieder fallen. Dann nahm sie Kieras Gesicht zwischen die Hände. „Und du, meine kleine Schwester, bist bald verheiratet?“

„Ich kann es selbst noch nicht glauben. Fünf Tage noch, und ich bin Mrs. Sam Prescott.“

„Chefköchin Prescott“, fügte Alaina mit Betonung hinzu. „Die Kleine ist jetzt offiziell zur Küchenchefin unseres berühmten Fünf-Sterne-Restaurants im Four Winds Hotel ernannt worden.“

Alexis staunte. „Küchenchefin? Wann ist das denn passiert?“ Seit sie hier war, stürzten die Neuigkeiten nur so auf sie ein.

„Vor drei Tagen.“ Kiera strahlte. „Das Beste daran ist, wenn Alaina und D. J. heiraten, feiern sie auch im Four Winds. Dann habe ich freie Hand, das beste Hochzeitsmenü aller Zeiten aufzufahren.“

Alexis blickte fragend zu ihrer Zwillingsschwester. „Du hast mir gar nichts davon gesagt, dass der Termin für eure Hochzeit schon feststeht.“

„Er steht auch noch nicht ganz fest. Wir haben gedacht, wir heiraten nach den Sommerferien, Mitte bis Ende August.“ Sie sah Alexis ein wenig schuldbewusst an. „Es tut mir leid, dass wir dir nicht vorher Bescheid gesagt und dich wegen des Termins gefragt haben. Aber wenn du nun gar nicht kannst, können wir ja noch …“

„Unsinn“, unterbrach Alexis und schüttelte den Kopf. „Du brauchst dir doch meinetwegen nicht den Kopf zu zerbrechen. Wenn ihr heiratet, lass ich alles andere stehen und liegen. Sucht euch einen schönen Tag aus. Ich werde da sein.“ Wieder umarmte sie ihre beiden Schwestern. „Jetzt kommt endlich herein, und lasst uns nicht die ganze Zeit auf dem Flur zubringen. Der Champagner steht schon kalt.“ Sie besann sich einen kurzen Moment und fragte dann: „Wollt ihr mir nicht mal die Ringe zeigen, die ihr von euren Zukünftigen bekommen habt?“

Gleichzeitig streckten sich ihr zwei Hände entgegen. Alexis staunte nicht schlecht und machte aus ihrer Bewunderung keinen Hehl. Beides waren Brillantringe mit Steinen von beeindruckenden zwei Karat. Kieras Diamant hatte einen eleganten Smaragdschliff. Alainas hatte eine etwas schlankere, ovale Form. Einer war so schön und edel wie der andere. „Das habe ich mir schon gedacht, Mädchen. Ich habe zwar eure Männer noch nicht kennenlernen können. Aber sie sind mir jetzt schon sympathisch.“

Lachend trollten sich alle drei in die Küche. Alexis öffnete eine der beiden speziellen Flaschen, die sie aus New York mitgebracht hatte, und füllte die Sektgläser, die sie schon zuvor im Küchenschrank entdeckt hatte. Dann hoben sie ihre Gläser und stießen an. „Auf uns Schwestern.“

Nachdem sie an ihrem Champagner genippt hatten, entstand zunächst ein kurzes Schweigen. Doch dann entspann sich blitzschnell ein lebhaftes Gespräch, und alle redeten durcheinander – über Kieras Hochzeitskleid und die Kleider, die Alaina und Alexis als Brautjungfern tragen würden. Kiera und Alaina bewunderten außerdem die hautengen Jeans ihrer in Modedingen versierten Schwester.

„Das ist der allerneueste Schrei“, verriet Alexis. „Die sind noch gar nicht auf dem Markt. Aber wenn ihr wollt, schicke ich euch welche aus New York.“

„Wenn du gerade dabei bist, kannst du gleich auch so einen Sweater mitschicken, wie du ihn anhast. Der ist ja todschick.“

Kiera und Alaina berichteten von der Hochzeitskapelle und schilderten in allen Einzelheiten, wie der Ablauf von Kieras Hochzeit geplant war. Alexis gestand Kiera, wie sehr sie sie um die Hochzeitsreise nach Paris beneidete. So schwatzten sie munter drauflos, bis Alexis die zweite Flasche aufmachen musste, um die Gläser wieder zu füllen.

Alaina zog die Beine an, stellte die Füße auf die Stuhlkante und schlang die Arme um ihre Knie. „Wie ist es denn so bei deinem Modemagazin? Ich habe gesehen, du hast sogar eine eigene Kolumne.“

„Ach, schrecklich“, antwortete Alexis mit einem Augenzwinkern. „Nichts als Modenschauen, Partys, Shopping ohne Ende – ohne zu bezahlen, versteht sich. Was glaubst du, wie eintönig so etwas ist.“

Kiera lachte. „Was zahlst du denen dafür, dass du diesen Job machen darfst?“

„Bring meine Verleger bloß nicht auf dumme Gedanken. Aber du hast recht. Dass man dafür noch Geld bekommt, ist schon nicht schlecht. Ich glaube auch fast, dass ich den Job selbst dann machen würde, wenn ich kein Geld dafür bekäme. Inzwischen könnte ich mir das ja sogar leisten.“

„Genau“, schaltete sich Alaina ein. „Ist das nicht völlig irre? Unser ganzes bisheriges Leben mussten wir jeden Cent umdrehen. Und mit einem Schlag sind wir alle, Trey und wir drei, reiche Leute. Und wir kennen den Großvater noch nicht einmal, der uns dieses Vermögen hinterlassen hat.“

„Steht inzwischen überhaupt fest, wie viel es für jeden von uns ist?“, fragte Alexis. Die letzten Informationen, die sie dazu erreicht hatten, waren, dass die diversen Konten, Guthaben, Depots und Anwartschaften, die zum Vermögen jenes Erblassers zählten, der seine unbekannten Enkelkinder mit dem letzten Willen bedacht hatte, noch gar nicht vollständig aufgelistet waren.

„Nein, immer noch nicht“, erklärte Alaina. „Aber für dich würde es reichen, um dein eigenes Modemagazin herauszugeben, wenn es dir in den Sinn käme.“

So übel ist die Idee nicht, dachte Alexis. Sie hob ihr Glas und prostete Kiera zu. „Du könntest ein eigenes Restaurant eröffnen.“

„Daran hab ich auch schon gedacht. Aber im Augenblick habe ich alles, was ich brauche. Ich freue mich vor allem darüber, dass Trey die Ranch erweitern kann. Davon hat er immer schon geträumt. Und, was noch wichtiger ist, wir können Mom die beste und teuerste Pflege garantieren, die es gibt.“

Eine Weile herrschte in der Küche nachdenkliches Schweigen. Normalerweise wurde das Thema gemieden. Was die Geschwister durchgemacht hatten, war einfach zu schrecklich gewesen.

Seufzend stellte Alexis nun ihr Glas ab. „Wie geht es ihr denn?“, fragte sie zögernd.

„Kiera und ich haben sie gestern im Pflegeheim besucht“, meinte Alaina mit gesenkter Stimme. „Sie ist sehr verwirrt. Sie dachte, wir wollten ihr Bescheid sagen, dass wir ins Stadion gehen, um Treys College-Mannschaft beim Fußball anzufeuern. Sie hat uns ermahnt, wir sollten nicht so spät nach Hause kommen.“

Helena Blackhawk lebte eingesponnen in der Vergangenheit, einer Vergangenheit, die sie sich selbst zurechtgebogen hatte. In ihrer Traumwelt hatte William Blackhawk, der Mann, den sie geliebt und dessen Namen sie angenommen hatte, obwohl er mit einer anderen Frau verheiratet war, sie und die Kinder nie im Stich gelassen. In ihrer Scheinwelt war dieser Mann, der in Wirklichkeit ein Fanatiker und ein Lump war, der seine eigene Familie verraten und die Kinder seines Bruders buchstäblich verschachert hatte, ein Ehrenmann, ein liebevoller Gatte und guter Vater.

„Wenn ich es recht verstehe, weiß Mom gar nichts von deiner bevorstehenden Hochzeit und Alainas Verlobung?“, erkundigte sich Alexis.

Kiera schüttelte ernst den Kopf. „Ihre Ärztin hat davon abgeraten. Mom ist traumatisiert. Wenn man sie mit der Wirklichkeit konfrontieren würde, würde sie das nicht verstehen und wahrscheinlich auch kaum verkraften. In letzter Zeit hat sich ihr Zustand noch verschlechtert. Die Psychiaterin versucht jetzt, sie auf neue Medikamente einzustellen, und verspricht sich davon wenigstens die Chance einer Besserung. Ich selbst habe schon daran gedacht, die Hochzeit zu verschieben, um abzuwarten, was die neue Behandlung bringt …“

„Das machst du nicht“, unterbrach Alexis sie mit aller Bestimmtheit und fügte an ihre andere Schwester gerichtet hinzu, an der sie eine ähnlich schuldbewusste Miene ausgemacht hatte: „Und du auch nicht, Alaina. Natürlich ist das sehr lieb von euch gemeint. Aber wir müssen alle unser eigenes Leben leben. Ihr seid für euer Glück verantwortlich, und niemand kann von euch verlangen, dass ihr es jetzt nicht in beide Hände nehmt. Ihr habt jede einen Mann, um den man euch nur beneiden kann … Ich wünschte, ich bekäme auch mal so einen … Aber was nicht ist, kann ja noch werden.“

Kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, biss sie sich insgeheim auf die Zunge. Ganz offensichtlich hatte der Champagner sie leichtsinnig gemacht, sonst hätte sie nie ausgesprochen, was sie eben gesagt hatte. Einen Moment lang hoffte sie, ihren Schwestern wäre die letzte Bemerkung entgangen. Aber selbstredend war das nur ein frommer Wunsch.

„Willst du damit sagen, es gibt da jemanden?“, erkundigte sich Kiera neugierig.

„Selbstverständlich. Was glaubst du denn? Alexis hat an jedem Finger zehn, wenn sie will“, bemerkte Alaina.

„Aber nicht in Zusammenhang mit dem Wort mit H“, widersprach Kiera.

Alaina schaute ratlos in die Runde. „Was für ein ‚Wort mit H‘ meinst du denn?“, wollte sie wissen.

„Hochzeit, Heirat – nimm, was du willst.“

„Davon war auch nicht die Rede“, protestierte Alexis energisch. Allmählich wurde ihr der Verlauf des Gesprächs unbehaglich. Aber sie hatte sich diese Wendung selbst zuzuschreiben und sie mit ihrer unbedachten Bemerkung selbst heraufbeschworen. „Das war doch nur so eine Redensart.“

„Wie heißt er denn?“, bohrte Alaina nach.

„Wo habt ihr euch kennengelernt?“, schloss sich Kieras nächste Frage an.

Alexis schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hände. Die beiden konnten anscheinend an nichts anderes mehr denken als an Hochzeit und Flitterwochen. Wie die Raubtiere stürzten sie sich auf Alexis. Just in diesem Moment kamen mit Gepolter Trey und Jordan durch die Tür. Alexis wäre ihnen – wenigstens ihrem Bruder Trey – am liebsten um den Hals gefallen, so dankbar war sie für die Unterbrechung genau zur rechten Zeit.

Trey schaute sich um, sah die Flaschen und die Gläser und meinte zu Jordan: „Sieh dir das an. Die feiern hier ohne uns. Unglaublich!“

„Jordan!“ Kiera war aufgesprungen. Sie rannte zu ihm, fiel ihm um den Hals und begrüßte ihn überschwänglich. „Du bist wirklich gekommen! Heißt das, dass du auch zu meiner Hochzeit da sein wirst?“

„Wenn mein Liebling heiratet, kann ich mir das doch nicht entgehen lassen“, erwiderte er und drückte sie freundschaftlich an sich.

„Verräter! Ich dachte immer, dein Liebling wäre ich.“ Es war Alaina, die nun auch gekommen war, um Jordan zu begrüßen.

Jordan nahm auch sie in die Arme und grinste. „Du bist erst in vier Monaten dran.“

Alexis beobachtete nun das Schauspiel, sehr bemüht, keine Miene zu verziehen. Sie trank ihr Glas aus, obwohl der Champagner schon ein wenig abgestanden schmeckte. Ihre Schwestern hatten in Jordan immer eine Art zweiten großen Bruder gesehen, und Alexis war sich sicher, dass die beiden der festen Annahme waren, dass ihr, Alexis’, Verhältnis zu Jordan das gleiche war. Aber wenn es etwas gab, das Alexis für Jordan niemals empfunden hatte, waren das geschwisterliche Gefühle.

Kiera ging an den Küchenschrank, um zwei weitere Gläser für die Männer zu holen. „Wer weiß, ob Alaina überhaupt die Nächste ist“, sagte sie. „Alexis war gerade dabei, uns von ihrem neuen Freund zu erzählen.“

„Ach was, tatsächlich?“ Jordan hob die Brauen. „Davon hat sie heute Morgen gar nichts gesagt.“

Alexis zog sich der Magen zusammen. Ihr war die Doppeldeutigkeit dessen, was Jordan mit „heute Morgen“ meinte, nicht entgangen. „Wir hatten das Thema ja auch gar nicht berührt – heute Morgen“, gab sie zurück.

Kiera reichte die Gläser an Trey und Jordan weiter und schenkte ihnen ein. „Los, Alexis, komm. Zier dich nicht so. Verrate uns wenigstens, wie er heißt.“

Mit einem Mal war es ganz still in der Küche, und aller Augen waren auf Alexis gerichtet. Es gab kein Zurück mehr. Sie musste Farbe bekennen. „Er heißt Matthew“, sagte sie schließlich, „Matthew Langley.“

Kiera stutzte etwas, dann machte sie ziemlich große Augen. „Matthew Langley? Wie der Fernsehmoderator auf Channel Ten?“

Jordan nippte an seinem Glas. „Nie von dem Knaben gehört“, meinte er und tat unbeeindruckt.

„Bei uns hier ist er auf dem sechsten Kanal“, bemerkte Alaina. „Wurde er nicht sogar schon mal in einer großen Zeitschrift zum bestaussehenden Fernsehmoderator erklärt?“ In ihrer Stimme schwang Bewunderung mit.

Alexis war etwas verblüfft über die Detailkenntnisse ihrer Schwester und hätte gern nachgefragt, woher sie die hatte. Aber sie wollte die Diskussion nicht weiter vertiefen. So meinte sie nur: „Ich denke, wir sind wegen Kieras Hochzeit hier und haben darüber genug zu reden. Mein Liebesleben steht doch überhaupt nicht zur Debatte.“

„Aha“, merkte Kiera auf und warf Alaina einen bedeutungsvollen Blick zu. „Scheint doch etwas Ernstes zu sein. Sie versucht, das Thema zu wechseln.“

„Außerdem hat sie das L-Wort benutzt.“

Alexis machte eine ungeduldige Handbewegung. Dabei merkte sie, wie Jordan sie die ganze Zeit aufmerksam beobachtete. „Hört endlich mit euren albernen Spekulationen auf. Ich werde es euch schon wissen lassen, wenn es ‚ernst‘ wird.“

„Du könntest mir einen Gefallen tun, wenn du heiratest“, meldete sich überraschend Trey zu Wort, der in der Zwischenzeit seinen Champagner gegen ein Dosenbier aus dem Kühlschrank ausgetauscht hatte. „Erspar es mir doch bitte, so einen affigen Anzug anziehen zu müssen, wie es deine Schwestern von mir verlangen. Am besten, du heiratest einfach und ohne viel Aufhebens in Vegas.“

Der Proteststurm, den er mit seiner Bemerkung bei Alaina und Kiera auslöste, konnte sich sehen lassen. Noch einmal blickte Alexis verstohlen zu Jordan hinüber. Der hatte seine Augen noch immer auf sie gerichtet, und als ihre Blicke sich trafen, hob er mit einem kleinen ironischen Lächeln im Mundwinkel sein Sektglas, prostete ihr zu und trank einen Schluck.

Da sich ihre Schwestern noch immer nicht beruhigt hatten und heftig auf Trey einredeten, hielt Alexis die Gelegenheit zum Rückzug für gekommen. Leise stand sie auf und verschwand aus der Küche, ohne dass Alaina und Kiera es merkten. Sie warf noch einen Blick zurück auf Jordan, bevor sie behutsam die Tür hinter sich schloss. So intensiv, wie ihre Schwestern mit Trey beschäftigt waren, konnte es noch ein Weilchen dauern, bis sie Alexis’ Verschwinden registrierten. Also blieb ihr Zeit genug, ein wenig frische Luft zu schnappen, das leidige Thema Liebe, Lover und Hochzeit – wenigstens vorübergehend – ruhen zu lassen und bei dieser Gelegenheit ein bisschen Abstand zu Jordan zu gewinnen.

Leise zog sie die Haustür hinter sich zu und trat auf den Hof hinaus. Sie könnte eine kleine Spritztour mit dem Wagen unternehmen, kam ihr in den Sinn. Die Autofahrt würde ihr guttun und die Nerven beruhigen. Sie saß schon hinter dem Steuer, als ihr einfiel, dass sie sich nach drei Gläsern Champagner nicht mehr guten Gewissens ans Steuer setzen konnte. Frustriert lehnte sie den Kopf an die Stütze und fluchte leise vor sich hin.

In diesem Augenblick öffnete sich die Autotür neben ihr. „Rutsch mal rüber.“

Mit einem Ruck richtete Alexis sich auf. Jordan stand da und wartete darauf, dass sie ihm Platz hinter dem Steuer machte.

Dieser Teil des Fluchtversuches war also schon einmal gescheitert, stellte sie fest. Sie runzelte unwillig die Stirn. „Was soll das? Ich will nicht“, erklärte sie gereizt. „Ich will eine Weile für mich sein.“

„Wir beide haben etwas zu bereden, Alexis. Komm, mach schon.“

Er machte Anstalten einzusteigen, und bevor er sich einfach auf sie setzte, rückte Alexis freiwillig zur Seite und kletterte unbeholfen über die Mittelkonsole.

Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, wie ihr geschah, und sie dazu imstande war, lautstark zu protestieren. Inzwischen hatte Jordan den Motor schon angelassen, den Wagen zurückgesetzt und war dabei, vom Hof zu fahren. „Bist du noch zu retten? Halt sofort an, und lass mich aussteigen!“

„Nein“, erwiderte er knapp.

Er fuhr den Feldweg in Richtung Highway hinunter. Als der Wagen durch ein Schlagloch fuhr, fiel Alexis gegen Jordans Schulter. Heftig stieß sie sich von ihm ab. „Halt an!“, wiederholte sie wütend. Er antwortete nicht. Er würdigte sie nicht einmal eines Blickes. „Jordan Grant! Sofort drehst du um und fährst zurück.“

„Kommt nicht in Frage. Wir haben zu reden. Ob du es willst oder nicht. Und schnall dich bitte an.“

Sein Blick war geradeaus auf die Straße gerichtet. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck. Sie brauchte Jordan nur anzusehen, um zu wissen, dass es zwecklos war, ihn in irgendeiner Weise umstimmen zu wollen. Da sie es sich nicht zutraute, in Stuntman-Manier aus dem fahrenden Auto zu springen, saß sie in der Falle. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als den Sicherheitsgurt anzulegen, sich in das Polster des Sitzes sinken zu lassen und abzuwarten, was weiter passierte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und gab sich Mühe, möglichst finster dreinzublicken.

Jordan kam ohne Schwierigkeiten mit dem ihm unbekannten Sportwagen zurecht. Von Jugend an war er regelrecht autoverrückt gewesen, und besonders schnelle Wagen waren seine Leidenschaft. Als er die Abschlussklasse der Highschool besuchte, hatten er und Trey unzählige Abende damit zugebracht, an allen möglichen Karossen herumzuschrauben und Motoren und Getriebe auseinanderzunehmen. Obgleich sie die Faszination eines solchen Zeitvertreibs nicht entfernt nachvollziehen, geschweige denn teilen konnte, drückte sich Alexis ständig in der Garage herum, wenn die beiden jungen Männer dort werkelten. Und mit der Zeit, ohne dass es ihr selbst richtig zu Bewusstsein kam, hatte sie eine ganze Menge dabei gelernt und konnte ohne Mühe darüber Auskunft geben, wo ein Vergaser zu finden war, was für eine Funktion er hatte oder wie man einen Anlasser auswechselte. Als sie gerade fünfzehn geworden war, nahm Jordan sie einmal auf eine Spritztour mit seinem Pick-up mit und ließ sie ein Stück auf einem Feldweg fahren. Damals war sie völlig nervös und aufgeregt gewesen, halb benommen davon, dicht neben Jordan sitzen zu dürfen oder seine Hand zu spüren, wenn er ihr zeigte, wo die Gänge saßen. So kamen sie von der Fahrbahn ab und wären um ein Haar im Straßengraben gelandet. Es war das letzte Mal, dass er sie ans Steuer gelassen hatte.

Jetzt, zwölf Jahre später, hatte sie ein ähnliches Gefühl wie damals. Wieder fühlte sie sich wie ein kleines, dummes Mädchen behandelt. Und wieder hatte sie – genau wie ein kleines, dummes Mädchen – dieses unvermeidliche Herzklopfen, wenn sie ihn heimlich von der Seite ansah.

Auf dem Highway schlug Jordan den Weg nach Osten ein. An dieser Strecke gab es nichts außer Wald und ein paar einzeln verstreute Farmhäuser. Alexis rätselte, wohin er mit ihr wollte. Plötzlich fiel es ihr ein: der See. Augenblicklich richtete sie sich ein Stück in ihrem Sitz auf. Sie konnte es kaum glauben, aber es gab nur diese eine Möglichkeit. Er steuerte den See an, ihren Platz, wohin sie sich vor Jahren geflüchtet hatten, um miteinander allein zu sein. Wo sie gemeinsam von der Zukunft geträumt und wo sie sich zum ersten Mal geliebt hatten.

„Weißt du eigentlich, wohin du willst“, fragte sie und gab sich Mühe, die Frage möglichst desinteressiert klingen zu lassen, „oder fährst du einfach nur so drauflos?“

„Ich weiß immer, wohin ich will“, antwortete er. „So gut solltest du mich eigentlich kennen.“

Selbstverständlich kannte sie ihn so gut. Außerdem war sie in dieser Hinsicht genauso gestrickt wie er. Auch sie hatte immer ein Ziel vor Augen. Damals war das nicht anders gewesen. Das Fatale daran war, dass ihre Ziele so weit auseinander lagen, dass sie sich trennen mussten. Wie es aussah, war es bis heute dabei geblieben.

Jordan bog vom Highway ab. Spätestens jetzt stand fest, dass sie mit ihrer Vermutung recht hatte. Alexis wusste nicht, was sie davon halten sollte. Auf jeden Fall versetzte es ihr einen Stich. Selbst für Jordans Maßstäbe war diese Nummer rücksichtslos, denn er wusste, dass sie selbst nach all den Jahren mit dem Platz am See Erinnerungen verband und dass es ihr wehtat, daran zu rühren.

„Warum tust du das?“, fragte sie traurig. Es widerstrebte ihr, ihm zu zeigen, dass sie verletzt war, aber es gelang ihr nicht, es zu verbergen.

Als ob er nicht wüsste, wovon sie sprach, erwiderte er kalt: „Ich sagte es schon, wir müssen reden.“ Er steuerte den Wagen über einen engen, holprigen Pfad, der zwischen Zypressen hindurchführte.

Alexis bemerkte den angespannten Ausdruck in seinem Gesicht und fragte sich, was mit ihm los war. „Und worüber müssen wir reden?“

„Dieser Kerl, mit dem du da unterwegs bist – wie heißt er noch? Michael?“

„Matthew.“ Es war sonnenklar, dass er absichtlich den falschen Namen genannt hatte. „Matthew Langley. Was ist mit ihm?“

„Ist das eine ernste Sache zwischen euch?“

„Ich wüsste nicht, was dich das anginge.“

Sie konnte nicht glauben, dass er sie hierher verschleppt hatte, um sie über Matthew auszufragen. Aber allmählich wurde sie doch neugierig. Wieso interessierte er sich plötzlich für ihr Privatleben? Oder waren in ihm irgendwelche Neandertaler-Gelüste erwacht, als er sie heute Morgen neben sich im Bett vorgefunden hatte? Dachte er vielleicht, er könnte sie hierherbringen und unter dem Vorwand, sie müssten „reden“, ein paar Erinnerungen auffrischen, um dann zu sehen, ob er vielleicht sein Glück bei ihr versuchen konnte?

Jordan bog vom Weg ab und legte den Rest der Strecke über Stock und Stein zurück, bis sie dicht am See am Fuße eines Felsens angekommen waren, der hier unvermittelt aus dem Boden ragte und an dem sie beide sich früher im Klettern versucht hatten. Er stoppte und stellte den Motor ab.

Eine Weile schauten sie schweigend auf den See, den man von hier aus gut überblicken konnte. Still lag er da. Die Sonnenstrahlen funkelten auf der Wasseroberfläche. Die Tage waren deutlich wärmer geworden, und bald würde man, wenn man nicht allzu empfindlich war, wieder daran denken können, ins Wasser zu springen.

Vor acht Jahren war es ein ungewöhnlich heißer Sommer gewesen. Sie waren manchmal noch spät am Abend hierhergekommen und hatten im Mondlicht nackt gebadet. Danach hatten sie sich am Ufer geliebt. Oder sie waren mit ihren Decken den Felsen hinaufgestiegen und hatten oben ein Lager aufgeschlagen, von dem aus sie in den Nachthimmel geschaut und auf Sternschnuppen gewartet hatten, um sich etwas zu wünschen.

Drei Monate lang war dieser Platz das Paradies gewesen. Neunzehn Jahre war sie damals alt.

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