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BACCARA EXKLUSIV BAND 163

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Ehemann für eine Nacht?

1. KAPITEL

„Falls einer der Anwesenden berechtigte Gründe vorbringen kann, warum das Brautpaar nicht rechtmäßig zu Mann und Frau erklärt werden sollte, so möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.“

Belinda lächelte Bischof Newbury an.

Der Geistliche erwiderte ihr Lächeln und wollte gerade mit der Trauung fortfahren … als er den Blick über Belindas Schulter hinweg Richtung Kirchenbänke schweifen ließ.

Da hörte Belinda es auch. Die Schritte kamen näher.

Nein es konnte nicht sein.

„Ich habe einen berechtigten Einwand.“

Belinda stockte der Atem. Sie schloss die Augen.

Sie kannte diese Stimme, die klar und deutlich, aber dennoch leicht spöttisch klang, nur zu gut. Tausendfach hatte sie sie in ihren Träumen gehört … in ihren geheimsten Fantasien – solche, die sie beim Aufwachen heftig erröten ließen. Und wenn nicht im Traum, dann hatte sie sie zufällig auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung oder in dem einen oder anderen Fernsehinterview gehört.

Unter den Hochzeitsgästen entstand Unruhe. Todd an ihrer Seite erstarrte. Bischof Newbury wirkte verunsichert.

Langsam drehte Belinda sich um. Todd tat es ihr gleich.

Obwohl sie wusste, was – nein, wer – sie erwartete, riss sie die Augen auf, als sie dem Mann in die Augen sah, der der erbitterte Feind aller Wentworths war: Colin Granville, Marquess of Easterbridge, Erbe der Familie, die mit ihrer eigenen seit Jahrhunderten zerstritten war … der Mann, der ihr demütigendstes Geheimnis kannte.

Als sich ihre Blicke trafen, überkamen Belinda Sehnsucht und Angst zugleich. Selbst durch ihren Schleier erkannte sie die Herausforderung und den Besitzanspruch, die in Colins Blick lagen.

Obwohl er nicht neben ihr vor dem Altar stand, schien er sie zu überragen. Seine Miene wirkte hart und kompromisslos. Nur dank seiner ebenmäßigen Züge und edlen Nase sah er nicht direkt mürrisch aus.

Sein Haar war genauso dunkelbraun, wie sie es in Erinnerung hatte, und nur ein paar Nuancen dunkler als ihr eigenes kastanienbraunes. Seine dunklen Augen wirkten unergründlich.

Belinda reckte das Kinn und hielt seinem herausfordernden Blick stand.

Wie platzt man in eine Trauung? Anscheinend genügen ein dunkelblauer Geschäftsanzug und eine kanariengelbe Krawatte. Vermutlich sollte sie froh sein, dass er sich wenigstens für einen Anzug entschieden hatte.

Allerdings hatte sie den Immobilienmogul Colin nie in etwas anderem als einem schicken Anzug gesehen, der jedoch seine durchtrainierte Figur keineswegs verbarg. Na ja, abgesehen von jener einen Nacht …

„Was hat das zu bedeuten, Easterbridge?“, verlangte ihr Onkel Hugh zu wissen, während er sich von seinem Platz in der ersten Reihe erhob.

Jemand sollte die Ehre der Wentworths verteidigen, fand Belinda, und Onkel Hugh – das Oberhaupt der Familie – war dafür genau der Richtige.

Belindas Blick glitt über die anwesenden Mitglieder der New Yorker und Londoner High Society. Ihre Familie schien entsetzt zu sein, andere Gäste schien das sich abzeichnende Drama dagegen zu faszinieren.

Ihre Brautjungfern und Trauzeugen fühlten sich offensichtlich unbehaglich, selbst ihre sonst so selbstbewusste Freundin Tamara Kincaid.

Ihre andere enge Freundin und Hochzeitsplanerin, Pia Lumley, die an der Seite stand, war blass geworden.

„Ich würde sagen, Easterbridge“, ergriff Todd verärgert das Wort, „Sie sind heute nicht eingeladen.“

Colin ließ den Blick von der Braut zu deren Zukünftigem wandern. „Eingeladen oder nicht, ich wage zu behaupten, dass meine Stellung in Belindas Leben mich ermächtigt, bei dieser Trauung ein Wörtchen mitzureden.“

Belinda war sich der Hunderte von Augenpaaren, die das Spektakel vor dem Altar interessiert verfolgten, nur allzu deutlich bewusst.

Irritiert runzelte Bischof Newbury die Stirn und räusperte sich dann. „Also, so wie es aussieht, bin ich gezwungen zu fragen, was ich bisher noch nie fragen musste.“ Er hielt einen Moment inne. „Welchen Einwand haben Sie gegen diese Ehe?“

Colin Granville, Marquess of Easterbridge, sah der Braut fest in die Augen.

„Belinda ist bereits verheiratet – mit mir.“

Während die Worte von den Wänden der Kirche widerhallten, waren ringsum überraschte Laute zu hören. Hinter Belinda begann der Geistliche zu husten. Neben ihr versteifte sich Todd.

Belinda kniff die Augen zusammen. Der spöttische Ausdruck in Colins Miene entging ihr nicht.

„Ich fürchte, da irrst du dich“, erklärte Belinda und hoffte dabei inständig, verhindern zu können, dass das Ganze noch schlimmer wurde.

Denn sie hatte recht. Sie waren zwar einmal kurz verheiratet gewesen, aber das war vorbei.

Colin beeindruckte das nicht. „Waren wir beide vor zwei Jahren etwa nicht in einer Hochzeitskapelle in Las Vegas?“

Den versammelten Hochzeitsgästen verschlug es offenbar den Atem.

Belinda wurde flau im Magen. Ihr Gesicht glühte auf einmal.

Sie verkniff sich eine Antwort – denn was hätte sie schon sagen können, was das Ganze nicht noch schlimmer machte? Ich bin sicher, meine kurze und geheime Ehe mit dem Marquess of Easterbridge wurde annulliert?

Niemand sollte etwas von ihrer spontanen und überstürzten Heirat wissen.

Deshalb musste sie dieses Fiasko an einem weniger öffentlichen Ort zu Ende bringen. „Wollen wir diese Angelegenheit nicht lieber unter vier Augen klären?“

Ohne eine Antwort abzuwarten und so würdig wie möglich, hob sie den Rock ihres Hochzeitskleides an und eilte hoch erhobenen Hauptes die Stufen vor dem Altar hinunter. Dabei war sie sorgfältig darauf bedacht, jeden Blickkontakt mit den Hochzeitsgästen zu vermeiden.

Durch die bunten Kirchenfenster schien die Sonne, denn es war ein wunderbarer Junitag. Doch Belinda war klar, dass ihr Hochzeitstag ruiniert war, und zwar von dem Mann, den sie gemäß ihrer Familientradition am allermeisten auf der Welt hassen sollte. Wenn sie bisher nicht klug genug gewesen war, ihn verachtenswert zu finden – besonders in jener einen Nacht –, dann war sie es jetzt mit Sicherheit.

Als sie am Marquess vorbeieilte, drehte er sich um und folgte ihr durch den Mittelgang der Kirche zu einer Seitentür, die auf einen Flur mit mehreren Türen führte. Hinter Colin hörte Belinda auch Todd, ihren Bräutigam.

Zudem vernahm sie lauteres Getuschel und Gemurmel aus der Kirche, da das Brautpaar ja nun nicht mehr anwesend war. Sie konnte nur hoffen, dass Pia in der Lage sein würde, die Gäste zu beschwichtigen. Bischof Newbury, so konnte sie ebenfalls hören, erklärte den Hochzeitsgästen gerade, dass es eine unerwartete Verzögerung gab.

Belinda öffnete eine der Türen und fand sich in einem leer stehenden Raum wieder, der vermutlich für Vorbereitungen kirchlicher Veranstaltungen genutzt wurde.

Ihr Bräutigam und ihr angeblicher Ehemann folgten ihr in das Zimmer. Colin schloss die Tür hinter ihnen.

Belinda warf den Schleier zurück und fuhr zu Easterbridge herum. „Wie konntest du es wagen!“

Sie stand dicht vor Colin, und ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Bis jetzt war dieser Mann die Verkörperung ihres größten Geheimnisses und größten Vergehens gewesen. Sie hatte versucht, ihn zu meiden oder zu ignorieren, aber an diesem Tag konnte sie unmöglich vor ihm davonlaufen.

Entrüstung war nicht nur die logische, sondern auch die einfachste Reaktion.

„Sie sollten lieber einen guten Grund für Ihr Verhalten haben, Easterbridge“, sagte Todd mit ernster Miene. „Welchen Beweis könnten Sie wohl haben, um unsere Hochzeit mit solchen Lügen zu ruinieren?“

Colin blieb gelassen. „Eine Heiratsurkunde.“

„Ich weiß nicht, was das soll, Easterbridge“, erwiderte Todd, „aber Ihre Späßchen sind hier wirklich fehl am Platz.“

Colin sah Belinda nur an und zog eine Braue hoch.

„Unsere Ehe wurde annulliert“, platzte sie heraus. „Sie hat nie existiert!“

Todd wirkte niedergeschlagen. „Dann ist es also wahr? Du bist mit Easterbridge verheiratet?“

„Wir waren verheiratet. Und das auch nur für ein paar Stunden, vor Jahren. Es hat nichts zu bedeuten.“

„Stunden?“, wiederholte Colin. „Wie viele Stunden haben zwei Jahre? Nach meiner Rechnung siebzehntausendvierhundertzweiundsiebzig.“

Belinda verabscheute Colins Rechenkünste. Idiotischerweise war sie an den Spieltischen hingerissen davon gewesen – von ihm –, ehe sie in Las Vegas überstürzt geheiratet hatten. Aber wie konnte es sein, dass sie die letzten beiden Jahre verheiratet gewesen waren? Sie hatte die Papiere unterschrieben, die ihre Ehe für null und nichtig erklärt hatten.

„Du hättest die Unterlagen für eine Annullierung erhalten müssen.“

„Die Annullierung wurde nie rechtskräftig“, erwiderte Colin ruhig. „Ergo sind wir noch immer verheiratet.“

Entsetzt riss sie die Augen auf. Sie war stolz darauf, dass sie nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen war. Schließlich war sie in ihrer Position als Kunstsachverständige im bekannten Auktionshaus Lansing’s schon mit so manchem unbequemen Kunden fertiggeworden. Aber der Marquess hatte eine unvergleichliche Art, sie zu nerven.

„Was meinst du mit nicht rechtskräftig? Ich weiß genau, dass ich die Annullierungspapiere unterschrieben habe.“ Plötzlich kam ihr ein Verdacht. „Es sei denn, du hast absichtlich missverstanden, was ich unterzeichnet habe.“

„Ganz so dramatisch ist es nicht. Eine Annullierung ist komplizierter, als einfach nur ein Dokument zu unterschreiben. In unserem Fall wurde der Antrag nicht korrekt zur Prüfung vor Gericht eingereicht – ein wichtiger letzter Schritt.“

„Und wessen Schuld war das?“

Colin schaute ihr in die Augen. „Die Angelegenheit wurde übersehen.“

„Natürlich“, stieß sie hervor. „Und du hast bis heute gewartet, um mir das zu sagen?“

Colin zuckte mit den Schultern. „Bis jetzt war es kein Thema.“

Seine Gelassenheit machte sie sprachlos. War das seine Rache, weil sie ihn im Stich gelassen hatte?

„Ich glaube das alles nicht.“ Todd war genauso perplex wie sie selbst.

Sie hatte damals beschlossen, die Annullierung der Ehe mit Colin ohne rechtlichen Beistand durchzuziehen, obwohl sie sich nur oberflächlich im Familienrecht auskannte. Niemand – nicht einmal ein Anwalt – hatte etwas von ihrer unglaublichen Fehlentscheidung wissen sollen.

Jetzt bereute sie den Entschluss, sich keinen Anwalt genommen zu haben. Denn sie hatte sich eindeutig einen weiteren Fehler geleistet. Sie hatte nicht nur versäumt, sich zu vergewissern, dass ihr Annullierungsantrag korrekt zum Abschluss gebracht wurde – weil sie die ganze bedauerliche Episode in Las Vegas so schnell wie möglich hatte vergessen wollen –, sie hatte auch darauf vertraut, dass Colin den Antrag bei Gericht einreichte.

Colin betrachtete sie eingehend. „Sehr hübsch. Ein Riesenunterschied zu dem roten Paillettenensemble, das du bei unserer Trauung anhattest.“

„Rot ist genau passend, wenn man den Teufel heiratet, meinst du nicht auch?“

„Du hast dich damals nicht so verhalten, als wäre ich der Teufel“, erwiderte er, und seine Stimme klang samtweich. „Vielmehr erinnere ich mich …“

„Ich war nicht ich selbst“, fuhr sie ihn an.

Ich hatte den Verstand verloren. War Unzurechnungsfähigkeit nicht praktisch überall ein guter Grund für die Annullierung einer Ehe?

„Verrückt? Versuchst du jetzt schon, ein wasserdichtes Alibi gegen Bigamie zu konstruieren?“

„Ich habe keine Bigamie begangen.“

„Nur weil ich rechtzeitig eingegriffen habe.“

Der Mann konnte einen wirklich auf die Palme bringen. „Rechtzeitig? Nach deiner Berechnung sind wir seit zwei Jahren verheiratet.“

Colin nickte zustimmend. „So ist es.“

Sie fasste es nicht, dass er so unverfroren war. Aber vermutlich fand Colin, dass er als ihr Ehemann eine Vorrangstellung gegenüber Todd habe. Und irgendwie schien es tatsächlich so zu sein. Selbst körperlich war Colin beeindruckender. Er war zwar genauso groß wie Todd, hatte aber eine athletischere Figur.

Es war schrecklich, dass Colin noch immer eine derart starke Wirkung auf sie ausübte. Daher wollte sie die Situation umgehend klären, soweit sie es vermochte.

„Seit wann weißt du, dass wir noch verheiratet sind?“

„Spielt das eine Rolle? Hauptsache, ich bin ich gerade noch rechtzeitig gekommen.“

Seine ausweichende Antwort kam ihr spanisch vor. Er hat eine Szene machen wollen.

Trotzdem ließ er sich nichts anmerken.

„Du wirst von meinem Anwalt hören.“

„Ich freue mich darauf.“

„Wir werden eine Annullierung bekommen.“

„Heute jedoch nicht. Nicht einmal der Staat Nevada arbeitet derart schnell.“

Da hatte er wohl recht. Ihre Hochzeit mit Todd war gründlich ruiniert.

Wütend sah sie ihn an. „Es gibt gute Gründe“, beharrte sie. „Ich muss eindeutig verrückt gewesen sein, als ich dich geheiratet habe.“

„Wir haben uns auf mangelnde Zurechnungsfähigkeit wegen eines Schwipses geeinigt, wie du dich erinnern wirst.“

„Ja, deines Schwipses!“ Seine anhaltende Gelassenheit ärgerte sie.

„In gegenseitigem Einvernehmen, aufgrund einer besseren Alternative.“

„Betrug sollte als Annullierungsgrund ausgereicht haben“, erwiderte sie steif. „In jener Nacht in Las Vegas hast du mir ein vollkommen falsches Bild deines Charakters gegeben, und nach dem heutigen Tag würde mir niemand widersprechen. Diese letzte Intrige der Granvilles ist reif für die Geschichtsbücher.“

Er zog eine Braue hoch. „Intrige?“

„Ja. Auf meiner Hochzeit mit der Neuigkeit aufzutauchen, dass du versäumt hast, den Antrag auf die Annullierung unserer Ehe einzureichen.“

„Kein Grund, meine Vorfahren in Sippenhaft zu nehmen.“

„Doch. Schließlich sind deine Vorfahren schuld, dass wir uns in diesem Schlamassel befinden. Sie sind der Grund, weshalb …“ Belinda zeigte Richtung Kirchenschiff. „… die Hochzeitsgäste dort geradezu elektrisiert von der Neuigkeit waren, dass eine Wentworth einen Granville geheiratet hat. Was sollen wir jetzt tun?“

„Verheiratet bleiben?“, schlug Colin spöttisch vor.

„Nie und nimmer!“

Belinda wollte den Nebenraum gerade verlassen, als Onkel Hugh und Bischof Newbury hereinstürzten.

Im Hinausgehen hörte sie ihren Onkel sagen: „Ich hoffe, Sie haben eine gute Erklärung, Easterbridge, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, was für eine!“

Anscheinend war die Hölle in den geheiligten Hallen losgebrochen.

Rache.

Ein unschönes Wort.

Rache deutete auf persönliche Feindschaft hin. Vielmehr, überlegte Colin, sind die Wentworths und die Granvilles ja seit Generationen hintereinander her.

Vielleicht wären die Begriffe Fehde oder Vendetta angebrachter.

Seine Beziehung zu Belinda war auf intime Art und Weise mit der Wentworth-Granville-Fehde verknüpft. Wegen dieser Fehde hatte seine und Belindas Leidenschaft füreinander in Las Vegas den Reiz des Verbotenen gehabt. Und deswegen hatte Belinda ihn am Morgen danach auch sitzen lassen.

Seitdem war er fest entschlossen, alles zu tun, damit Belinda zugab, dass es heftig zwischen ihnen knisterte – auch wenn er ein Granville war. Zu seinem Plan gehörten komplizierte Schachzüge, um die Wentworths ein für alle Mal zu bezwingen und damit die Wentworth-Granville-Fehde zu beenden.

Colin genoss die Aussicht aus den deckenhohen Fenstern seiner Maisonette-Wohnung im dreißigsten Stock, während er auf den Besuch wartete, der unvermeidlich aufkreuzen würde. Das Time Warner Center am Columbus Circle bot betuchten Ausländern, die in New York eine Bleibe suchten, Privatsphäre und Luxus zugleich.

Er schob die Hände in die Hosentaschen und betrachtete die Baumwipfel des Central Parks in der Ferne. Weil Sonntag war, war er leger gekleidet. Es war ein wunderschöner sonniger Tag, genau wie tags zuvor.

Allerdings hätte am vergangenen Tag beinah die Hochzeit seiner Frau stattgefunden.

In ihrem Hochzeitskleid hatte Belinda wie ein Engel ausgesehen, obwohl ihre Miene ganz und gar nichts Engelhaftes an sich gehabt hatte, als sie ihn zur Rede gestellt hatte. Vielmehr wirkte Belinda hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihn genüsslich zu erwürgen, und der Schmach, sterben zu wollen.

Colin musste lächeln, als ihm eine bestimmte Erinnerung kam. Unter Belindas einnehmendem Äußeren schlummerte eine leidenschaftliche Natur, und das zog ihn zu ihr hin. Er wollte die glatte Politur wegwischen, damit die wundervolle, natürliche Frau darunter zum Vorschein kam.

Wenn er nach seinem gestrigen Eindruck ging, hatte Belinda sich in den vergangenen zwei Jahren nicht sehr verändert. Ihre Leidenschaft war genauso groß – zumindest in seiner Nähe. Ihr ehemaliger Verlobter schien nicht das gleiche Feuer in ihr zu entfachen. An Dillinghams Seite war sie kühl und beherrscht gewesen, hübsch, aber distanziert. Erst als er, Colin, die Trauung unterbrochen hatte, war es mit ihrer Porzellanpüppchen-Fassade vorbei gewesen.

Ihr prächtiges dunkles Haar war aufgesteckt gewesen, sodass ihr atemberaubendes Gesicht, ihre schönen haselnussbraunen Augen, ihre edle Nase und vollen Lippen bestens zur Geltung gekommen waren. Das elfenbeinfarbene Brautkleid hatte ihre Kurven betont, und nur wegen der kurzen Spitzenärmel und des Spitzeneinsatzes über dem Dekolleté hatte es nicht unangebracht sexy gewirkt.

Colin biss die Zähne zusammen. Belinda hatte hinreißend ausgesehen, genau wie bei ihrer beider Hochzeit. Doch als sie ihn geheiratet hatte, war sie aufgeregt und voller Erwartung gewesen. Ihre Augen hatten geleuchtet, und ihre sündhaft vollen Lippen hatte ein strahlendes Lächeln umspielt. Sie hatte rein gar nichts von der gestelzten Arroganz der Wentworths an sich gehabt, sondern nur diese fantastische Mischung aus Leidenschaft und Sinnlichkeit ausgestrahlt. Ihre Unnahbarkeit war erst am nächsten Morgen zum Vorschein gekommen. Doch selbst jetzt war Colin froh, dass er Belinda noch immer aus der Reserve zu locken vermochte.

Nach ihrer Konfrontation im Nebenraum der Kirche war Belinda verschwunden. Es hätte Colin nicht überrascht, wenn sie mit einem Taxi direkt zu ihrem Anwalt gefahren wäre. Sein spöttischer Vorschlag, verheiratet zu bleiben, hatte bei seiner Frau offenbar das Fass zum Überlaufen gebracht.

Der Hochzeitsempfang hatte trotz allem stattgefunden. Belindas Hochzeitsplanerin und Freundin, Pia Lumley, hatte auf Wunsch der Familie Wentworth dafür gesorgt. Bedauerlicherweise hatte jedoch keine der drei Hauptpersonen – die Braut, deren Mann oder der Bräutigam – daran teilgenommen.

Nachdenklich betrachtete Colin die herrliche Aussicht, die sich ihm aus seinen Fenstern bot.

Die Feindschaft zwischen den Wentworths und Granvilles war tief. Die beiden Familien waren seit Langem Landbesitzer in der englischen Grafschaft Berkshire, Nachbarn und – das war das Entscheidende – Rivalen. Angefangen bei Streitigkeiten wegen bestimmter Grundstücksgrenzen über Beschuldigungen, politischen Verrat betrieben zu haben, bis hin zur schändlichen Verführung weiblicher Verwandter, war das Zerwürfnis der Familien mittlerweile legendär.

Colin, der gegenwärtige Träger des Titels der Familie Granville, hatte natürlich der endlosen Geschichte ein passendes Kapitel hinzugefügt, indem er in Las Vegas überstürzt eine Ehe mit Belinda Wentworth eingegangen war.

Seit Jahren hatte er Belinda faszinierend gefunden und war neugierig auf sie gewesen. Als sich ihm die Chance geboten hatte, sie näher kennenzulernen, hatte er sie ergriffen – zunächst auf der Cocktailparty eines Freundes in Vegas und bald danach in einem Spielkasino.

Als die Nacht im Bellagio-Kasino zu Ende ging, war ihm klar, dass er Belinda begehrte wie noch keine Frau vor ihr. Sie hatte etwas Besonderes an sich.

Sie war eine Schönheit und ihm in intellektueller Hinsicht mehr als ebenbürtig. Und doch hatte sie es geschafft, ihn völlig fassungslos zu machen, als sie ihm am Ende des Abends eröffnete, ohne Heiratsurkunde nicht mit ihm schlafen zu können.

Natürlich hatte er dieser Herausforderung nicht widerstehen können. Vielleicht hatte ihn seine Glückssträhne an den Spieltischen glauben lassen, er könne gewinnen, egal, wie die Chancen standen. Er war gewillt gewesen, es für eine Nacht im Bett mit Belinda zu riskieren.

Und sie hatte ihn nicht enttäuscht.

Die Erinnerung an die Nacht vor über zwei Jahren ließ ihn erschauern.

Und am Vortag hatte er den Überraschungseffekt zu seinem Vorteil genutzt, als er in Belindas Trauung geplatzt war. Erst kürzlich hatte er erfahren, dass sie heiraten wollte, und vermutet, dass höchstens ein öffentlicher Eklat sie von ihren Hochzeitsplänen abbringen würde. Wenn er sie vorher informiert hätte, hätte sie ihn womöglich zu überreden versucht, die Annullierung rechtskräftig werden zu lassen.

Todd Dillingham, der viel auf Status und Etikette gab, würde eine öffentliche Blamage wie die vom Vortag nicht verzeihen können. Zumindest rechnete Colin fest damit.

Als es an seiner Wohnungstür klingelte, wandte er sich vom Fenster ab. Genau zur rechten Zeit.

„Colin“, ließ seine Mutter sich vernehmen, während sie in die Wohnung eilte, „mir ist ein unglaubliches Gerücht zu Ohren gekommen. Du musst es sofort dementieren.“

Colin folgte ihr. „Wenn es unglaublich ist, warum willst du dann ein Dementi?“

Der Hang seiner Mutter, alles zu dramatisieren, überraschte ihn immer wieder. Zum Glück lebte er mittlerweile zumeist in sicherem Abstand zu ihr, da sie ihre Wohnung in London als ihren festen Wohnsitz ansah. Andererseits war es sein Pech, dass ihre Reise nach New York, um Freunde zu besuchen, zufällig mit Belindas Hochzeit zusammenfiel. Sicher genoss es seine jüngere Schwester Sophie, dass ihre Mutter vorübergehend nicht in London weilte.

Seine Mutter warf ihm einen säuerlichen Blick zu. „Du solltest darüber lieber keine Scherze machen.“

„Oh, hab ich das?“

„Colin! Der Familienname wird besudelt.“ Sie stellte ihre Chanel-Tasche ab und nahm in einem Sessel im Wohnzimmer Platz, nachdem die Haushälterin ihr den Mantel abgenommen hatte. „Ich verlange Antworten.“

„Selbstverständlich.“ Mit verschränkten Armen blieb Colin stehen.

Seine Mutter wirkte in seiner modernen Einrichtung irgendwie fehl am Platz. Er war es eher gewohnt, sie in einem traditionellen englischen Wohnzimmer zu sehen, und sie war mit Sicherheit an eine ganze Schar von Bediensteten gewöhnt.

Schließlich räusperte Colin sich. „Um welches Gerücht handelt es sich genau?“

„Als ob du das nicht wüsstest!“

Da er schwieg, seufzte seine Mutter resigniert.

„Ich habe das schrecklichste Gerede gehört, dass du die Hochzeit der kleinen Wentworth gestört hast. Schlimmer noch, du hast anscheinend erklärt, mit ihr verheiratet zu sein.“ Sie hielt die Hand hoch. „Natürlich bin ich der alten Klatschbase sofort ins Wort gefallen. Ich habe ihr gesagt, dass du niemals auf einer Hochzeit der Wentworths erscheinen würdest. Daher kannst du auch gar nicht behauptet haben …“

„Wer hat dir denn dieses Märchen erzählt?“

Seine Mutter machte eine wegwerfende Handbewegung. „Eine Leserin von Mrs. Jane Hollings, die eine Kolumne für irgendeine Zeitung schreibt.“

„Den New York Intelligencer.“

„Ja, ich glaube, so heißt das Blatt. Sie arbeitet für den Earl of Melton. Was hat Melton bloß bewogen, ein solches Schmutzblatt zu kaufen?“

„Ich glaube, dieses Klatschblatt wirft einen beachtlichen Profit ab, besonders online.“

Seine Mutter schniefte. „Es ist der Niedergang der Aristokratie, wenn sogar ein Earl Geschäftsmann wird.“

Nach einem kurzen Moment des Schweigens fuhr sie fort: „Du kannst doch unmöglich uneingeladen auf der Hochzeit der Wentworths erschienen sein.“

„Natürlich nicht.“

Seine Mutter entspannte sich.

„Auf Belinda Wentworths eigentlicher Hochzeit vor zwei Jahren war ich allerdings dabei – als ihr Bräutigam.“

Seine Mutter erstarrte.

„Meine Position eines Marquess, dem jahrhundertelange Inzucht zugeschrieben wird“, fuhr Colin spöttisch fort, „hat mich gezwungen, eine Straftat zu verhindern, als das in meiner Macht stand, nämlich als ich von Belindas Absicht erfuhr, erneut zu heiraten.“

Seine Mutter sog scharf den Atem ein. „Willst du damit sagen, dass mir als Marchioness von Easterbridge eine Wentworth nachfolgt?“

„Genau das will ich damit sagen.“

Seine Mutter sah aus, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen. Die Nachricht schien sie mit der Wucht eines Tornados zu treffen.

„Ich nehme nicht an, dass sie in dieser Kapelle in Las Vegas ihren Namen in Granville geändert hat?“

Colin schüttelte den Kopf.

Seine Mutter erschauderte. „Belinda Wentworth, Marchioness von Easterbridge? Mir wird schwindelig bei diesem Gedanken.“

„Keine Sorge. Ich glaube nicht, dass Belinda den Titel verwendet hat oder beabsichtigt, das zu tun.“

Falls Belinda den Titel jedoch annahm, dann wäre seine Mutter gezwungen, sich Dowager Marchioness von Easterbridge zu nennen, um Verwechslungen zu vermeiden. Das würde das Ganze vermutlich noch schlimmer machen.

Der Verzweiflung nah, schüttelte seine Mutter den Kopf. „Was, um alles in der Welt, hat dich überhaupt dazu gebracht, eine Wentworth zu heiraten?“

Colin hob die Schultern. „Ich könnte mir vorstellen, dass du die Antwort unter der Vielzahl von Gründen findest, aus denen andere Leute heiraten.“ Er war nicht gewillt, seiner Mutter allzu viel über sein Privatleben preiszugeben. Er würde den Teufel tun, über Leidenschaft zu reden. „Warum habt du und Vater geheiratet?“

Seine Mutter presste die Lippen aufeinander.

Er hatte gewusst, dass diese Frage seine Mutter zum Schweigen bringen würde. Zumindest einer der Gründe für die Heirat seiner Eltern war, dass sie den gleichen gesellschaftlichen Status hatten. Soweit ihm bekannt war, hatten sie keine schlechte Ehe geführt, bis sein Vater fünf Jahre zuvor einem Schlaganfall erlegen war, aber es war eine ordentliche und passende Heirat gewesen.

„Du wirst doch sicher nicht verheiratet bleiben wollen.“

„Keine Angst. Es würde mich nicht wundern, wenn Belinda gerade ihren Anwalt konsultiert, während wir uns hier unterhalten.“

Colin überlegte, was seine Mutter wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass Belinda ihre Ehe beenden wollte, er jedoch nicht.

Zumindest noch nicht – nicht bevor er sein Ziel erreicht hatte.

Eigentlich müsste er seinen Anwalt anrufen, um zu hören, wie die Verhandlungen bezüglich der entsprechenden Immobilie liefen.

Wenn der Vertrag zustande kam, bliebe Belinda nichts anderes übrig, als weiter mit ihm verheiratet zu bleiben – und sich den Tatsachen zu stellen, ohne wegzulaufen oder auszuweichen.

2. KAPITEL

Belinda hatte in ihrem Leben alles richtig gemacht … bis zu jener Nacht in Las Vegas, als sie Colin Granville geheiratet hatte.

Mit mehr Schwung als nötig warf Belinda einen Pullover in den Koffer auf ihrem Bett.

Sie hatte in Oxford Kunstgeschichte studiert und dann in mehreren Auktionshäusern gearbeitet, ehe sie ihre gegenwärtige Stelle als Expertin für impressionistische und moderne Kunst im vornehmen Auktionshaus Lansing’s angetreten hatte.

Damit hatte sie ihre Familie glücklich gemacht. Sie war immer die pflichtbewusste Tochter gewesen – wenn sie auch nicht immer tat, was sie verlangten, so war sie zumindest nicht rebellisch.

Noch nie hatte sie Anlass für Klatsch und Tratsch gegeben … bis zum vergangenen Wochenende. Ein einziger Fehltritt stand nun im Mittelpunkt einer detaillierten Berichterstattung in Mrs. Hollings Rosa-Seiten-Kolumne im New York Intelligencer:

Es sollte die High-Society-Hochzeit des Jahres sein.

Aber dann … oje!

Falls Sie es noch nicht gehört haben sollten, liebe Leserin, in der Stadt macht die große Neuigkeit die Runde, dass kein Geringerer als der Marquess of Easterbridge die Wentworth-Dillingham-Hochzeit hat platzen lassen, als er die erstaunliche Behauptung vorbrachte, seine kurze Ehe mit der reizenden Ms. Wentworth, die er vor zwei Jahren in Las Vegas – ausgerechnet! – geschlossen hat, sei nie rechtskräftig annulliert worden.

Belinda verzog das Gesicht, als ihr der Text von Mrs. Hollings Kolumne immer wieder durch den Kopf ging.

Mrs. Hollings hatte einfach nur die erste Salve abgefeuert. Dieser verdammte Klatsch. Das Fiasko in der Kirche St. Barts hatte sich in den letzten drei Tagen wie ein Lauffeuer ausgebreitet.

Sie mochte nicht einmal an die weitere Reaktion ihrer Familie denken. Anrufe von ihrer Mutter und Onkel Hugh hatte sie in den letzten Tagen ignoriert. Auch wenn ihr klar war, dass sie sich mit den beiden auseinandersetzen musste, noch war sie nicht bereit dazu.

Stattdessen hatte sie am vergangenen Tag ausgiebig mit ihren engsten Freundinnen Tamara und Pia telefoniert. Die beiden hatten großes Mitleid mit Belinda und zugegeben, dass ihnen die geplatzte Hochzeit eigene Probleme beschert hatte. Tamara war einem der Trauzeugen aus dem Weg gegangen, Sawyer Langsford, Earl of Melton, weil ihrer beider Familien seit Langem wollten, dass sie heirateten. Und Pia hatte eingeräumt, dass einer der Hochzeitsgäste ihr früherer Geliebter war, James „Hawk“ Carsdale, Duke of Hawkshire. Er hatte sie drei Jahre zuvor nach einer Liebesnacht verlassen, nachdem er sich schlicht als Mr. James Fielding ausgegeben und sich nicht einmal verabschiedet hatte.

Kurz gesagt, die geplatzte Hochzeit war für sie und ihre beiden Freundinnen eine einzige Katastrophe gewesen.

Zum Glück, dachte Belinda, habe ich ein Flugticket in der Tasche. Am folgenden Morgen würde sie ihr properes kleines Apartment an der Upper West Side verlassen und geschäftlich nach England fliegen. Noch vor der Hochzeit, die dann gar nicht stattgefunden hatte, hatten sie und Todd beschlossen, ihren Honeymoon auf einen späteren Termin zu verschieben. Und jetzt war sie froh, dass sie schon eine Geschäftsreise geplant hatte. Zwar konnte sie nicht vor ihren Problemen weglaufen, aber ein gewisser Abstand zum Ort des Verbrechens – nämlich New York – würde ihr helfen, einen klaren Kopf zu bekommen, damit sie einen Plan fassen konnte.

Ihre Hochzeit mit Todd hätte ihre gesellschaftliche Stellung festigen sollen, doch dank Colins Auftritt war das genaue Gegenteil eingetreten, und nun war Belindas Ruf ruiniert.

Eine Annullierung der Ehe oder eine Scheidung sollte problemlos zu erreichen sein. So etwas passierte doch jeden Tag, oder? Sie selbst war davon ausgegangen, dass ihre Ehe längst annulliert sei.

Belinda hielt mit dem Kofferpacken inne.

Sie erinnerte sich genau, wie sie die Annullierungspapiere angestarrt hatte, als sie sie zum Unterschreiben erhalten hatte. Schnell hatte sie den schmerzlichen Stich abgetan, den sie verspürt hatte. Die Papiere waren lediglich eine Erinnerung an ihren Fehltritt, und niemand brauchte etwas davon zu wissen.

Belinda legte den Pullover, den sie in der Hand hielt, in ihren Koffer und schluckte, weil sie plötzlich Panik überkam. Sie rieb sich die Stirn, als könne sie so ihre aufkommenden Kopfschmerzen vertreiben.

Doch es war hoffnungslos, dass ein hochgewachsener, vermögender Marquess wie von Zauberhand aus ihrem Leben verschwinden würde.

Schon vor jener schicksalhaften Nacht in Vegas hatte sie Colin im Laufe der Jahre immer wieder auf gesellschaftlichen Veranstaltungen getroffen und ihn, na ja, faszinierend gefunden. Doch sie war sich der Geschichte ihrer beider Familien viel zu bewusst, um je direkt mit ihm zu sprechen. Zudem war er viel zu maskulin, viel zu attraktiv, zu viel von allem. Sie, die stolz auf ihren Anstand und ihre Selbstbeherrschung war, mochte nicht riskieren, Zeit mit jemandem zu verbringen, der sie so … beunruhigte.

Aber dann war sie nach Las Vegas geschickt worden, um die private Kunstsammlung eines millionenschweren Immobilienmaklers zu schätzen. Als sie auf dessen Cocktailparty Colin getroffen hatte, hatte sie sich verpflichtet gefühlt, sich mit ihm zu unterhalten. Zu ihrem Verdruss stellte sie dabei fest, wie charmant er war und wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

Er war wie eine Verbindung zur Heimat – angenehm vertraut –, und doch reagierte sie auf ihn wie auf keinen Mann zuvor. Beim lockeren Smalltalk entdeckte sie, dass sie beide in der Schulzeit herausragende Schwimmer gewesen waren, dass sie sowohl in New York als auch in London gern in die Oper gingen und in denselben Wohltätigkeitsvereinen zur Unterstützung Arbeitsloser aktiv waren.

Belinda hatte ihre Gemeinsamkeiten richtig beunruhigend gefunden.

Gegen Ende ihres Aufenthalts in Vegas war sie Colin noch einmal im Foyer des Bellagio begegnet. Das Eis zwischen ihnen war ja bereits auf der vorherigen Cocktailparty gebrochen, und wie sich herausstellte, wohnten sie beide im Bellagio.

Sie war in Feierlaune gewesen, da sie mit Colins Maklerfreund einen Vertrag für eine große Auktion seiner Kunstwerke bei Lansing’s abgeschlossen hatte. Dieses Geschäft hatte sie zum Teil Colin zu verdanken, weil er sie auf der Party bei ihren Gesprächen mit dem Makler vermittelnd unterstützt hatte.

Deshalb war sie einverstanden gewesen, einen Drink mit Colin zu nehmen. Daraus war natürlich ein gemeinsames Abendessen geworden, und dann waren sie noch ins Kasino gegangen, wo Colins Glückssträhne sie sehr beeindruckt hatte.

Am Ende des Abends hatte sie es als selbstverständlich empfunden, mit ihm im Aufzug in seine luxuriöse Suite hinaufzufahren.

Im Scherz hatte sie gesagt, dass sie nicht mit ihm schlafen könne, ehe sie nicht verheiratet seien. Sie hätte gewettet, dass damit das Thema beendet war. Schließlich hatte sie sich kurz vorher nach über einem Jahr von einem Freund getrennt, weil der nichts von Heirat hatte wissen wollen.

Colin dagegen hatte zu ihrem Schreck die Wette erhöht und sie mit seinem Vorschlag herausgefordert, mit ihm ins Las Vegas Marriage License Bureau zu gehen, um dort eine Heiratslizenz zu besorgen. Also hatten sie kehrtgemacht und waren wieder nach unten gefahren.

Belinda hatte ihre Eskapade abwechselnd amüsiert und entsetzt, besonders als sie sich auf die Suche nach einer Hochzeitskapelle machten. Niemals zuvor war sie in einer solchen Kapelle gewesen, für die Las Vegas berühmt war. Schnell hatten sie dann auch eine gefunden.

Später hatte sie die Schuld für ihr untypisches Verhalten auf den einen oder anderen Drink und auf die verrückte Atmosphäre in Las Vegas geschoben. Dazu kam, dass sie gerade dreißig geworden war und sich von einem weiteren Freund getrennt hatte. Ebenfalls verantwortlich für ihr Handeln machte sie den zunehmenden Druck ihrer Familie, sich gut und recht bald zu verheiraten, und schließlich auch die Tatsache, dass die meisten ihrer Mitstudentinnen vom Marlborough College bereits verlobt oder verheiratet waren. Die größte Schuld jedoch gab sie sich selbst.

Am Morgen danach hatte ihr Handy geklingelt, und sie hatte verschlafen ihre Mutter als Anrufer identifiziert. Das war, als habe jemand sie in eiskaltes Wasser getaucht. Die Wirklichkeit hatte sie augenblicklich wieder eingeholt, und sie war entsetzt gewesen, zu welchem Abenteuer sie sich in der Nacht zuvor hatte hinreißen lassen. Sie hatte auf eine schnelle Annullierung bestanden, damit niemand etwas mitbekam.

Zunächst war Colin von ihrer Bestürzung amüsiert gewesen. Aber dann, als klar wurde, dass sie es wirklich ernst meinte, hatte er sich verärgert zurückgezogen.

Das Klingeln des Handys schreckte Belinda aus ihren Gedanken.

Es war ihre Freundin Pia, und sie steckte schnell das Bluetooth-Headset ins Ohr, damit sie die Hände frei hatte und weiterpacken konnte.

„Wolltest du nicht zu einer Hochzeit in Atlanta fahren?“, erkundigte sich Belinda ohne lange Vorrede.

„Das bin ich auch, aber das große Ereignis findet erst Ende der Woche statt.“

Belinda, Pia und Tamara kannten sich von Wohltätigkeitsveranstaltungen während des Studiums. Alle drei waren mit Mitte zwanzig nach New York gezogen. Obwohl sie in Manhattan in unterschiedlichen Gegenden lebten und unterschiedliche Berufe hatten – Tamara war Schmuckdesignerin, Pia Hochzeitsplanerin –, waren sie schnell gute Freundinnen geworden.

Als Tochter eines englischen Viscounts hatte Tamara nach der Scheidung ihrer Eltern meist bei ihrer amerikanischen Mutter in den Vereinigten Staaten gelebt. Das war schade, denn ihre unkonventionelle Freundin hätte frischen Wind in Belindas steife, von Traditionen bestimmte Jugend gebracht. Pia war ihr ähnlicher, obwohl sie aus einer Familie der Mittelschicht im ländlichen Pennsylvania stammte.

„Keine Sorge“, scherzte Belinda, denn sie ahnte, warum Pia anrief. „Ich lebe noch, und ich habe fest vor, mir meine Freiheit vom Marquess zurückgeben zu lassen.“

„Oh, Belinda, ich wünschte, ich könnte irgendetwas für dich tun.“

„Colin und ich haben diesen Schlamassel angerichtet, also müssen wir ihn auch selbst ausbaden.“

Es tat Belinda leid, dass Pias Ruf als Hochzeitsplanerin durch das Desaster am Sonnabend womöglich geschädigt worden war. Weil sie Pia geschäftlich hatte unterstützen wollen, hatte sie sie gebeten, ihre Hochzeit auszurichten, statt ihr als Brautjungfer zur Seite zu stehen. Leider war ihre gesamte Planung über den Haufen geworfen worden.

Zum Teufel mit Colin.

Kopfschüttelnd fragte sie Pia nach dem Grund ihres Anrufs.

„Na ja“, antwortete Pia zögernd, „da wäre die Frage, was für eine Anzeige – falls überhaupt – ich nach der, äh, geplatzten Hochzeit drucken lassen soll. Und dann natürlich die Hochzeitsgeschenke …“

„Schick sie alle zurück.“

Belinda war zwar Optimistin, aber auch realistisch genug, die Dinge so zu sehen, wie sie waren. Sie hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis sie den Marquess dazu gebracht hatte, einer Annullierung ihrer Ehe oder einer Scheidung zuzustimmen.

„Okay.“ Pia klang erleichtert und verunsichert zugleich. „Bist du sicher, weil …“

„Ich bin sicher. Und auf eine Anzeige können wir, denke ich, verzichten. Eine Hochzeit bekannt zu geben erübrigt sich offensichtlich, und alles andere wäre unnötig. Dank Mrs. Hollings sind die Ereignisse vom Sonnabend inzwischen wohl allgemein bekannt.“

„Was ist mit dir und Todd? Werdet ihr, äh, die Scherben kitten können?“

Belinda dachte an den Sonnabend zurück.

Vor der Kirche war sie mit Todd, der offenbar kurz nach ihr die Auseinandersetzung mit Colin beendet hatte, zusammengetroffen. Sie hatten ein kurzes, unangenehmes Gespräch geführt. Auch wenn er sich um Haltung bemühte, hatte Todd fassungslos gewirkt, verärgert und peinlich berührt.

Sie hatte ihm seinen Verlobungsring zurückgegeben. Was hätte sie sonst auch tun sollen, denn schließlich hatte sie eben entdeckt, dass sie noch mit einem anderen Mann verheiratet war.

Dann war sie in den weißen Rolls Royce geflüchtet, der am Straßenrand wartete, erleichtert, endlich allein zu sein. Sie war tief aufgewühlt gewesen, seit sie Colins Stimme in der Kirche gehört hatte.

Belinda seufzte auf. „Todd ist entgeistert und wütend, und das kann ich ihm kaum verdenken.“

Angewidert verzog sie das Gesicht, als sie daran dachte, dass sie ihm ihre überstürzte Heirat verschwiegen hatte. Ihre einzige Entschuldigung war, dass sie diese selbst kaum wahrhaben wollte. Es war einfach zu schmerzhaft.

Sie konnte ja selbst kaum glauben, was sie zwei Jahre zuvor in Las Vegas getan hatte. Und dann war Colin plötzlich aufgetaucht und hatte sie mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Pia räusperte sich. „Die Sache zwischen dir und Todd ist also …“

„… in der Schwebe. Auf unbestimmte Zeit. Er wartet darauf, dass ich die Dinge kläre, und dann werden wir entscheiden, wie es mit uns weitergehen soll.“

„Du willst also keine öffentliche … Erklärung abgeben?“

„Willst du dich bei mir als Pressesprecherin bewerben?“, scherzte Belinda.

„Es wäre nicht das erste Mal, dass ich eine öffentliche Erklärung oder eine Pressemitteilung für ein Brautpaar verfasse. Medienarbeit gehört heutzutage zum Job einer Hochzeitsplanerin der High Society.“

„Was könnte ich schon mitteilen, außer zu bestätigen, dass ich tatsächlich noch mit Easterbridge verheiratet bin?“

„Ich weiß, was du meinst. Aber ich dachte, ich sollte dir Gelegenheit geben, auf Mrs. Hollings Kolumne zu reagieren, falls du möchtest.“

„Nein danke.“

Das Letzte, was Belinda gebrauchen konnte, war, dass dieser Skandal in der Presse breitgetreten wurde. Womöglich lud eine öffentliche Mitteilung von ihr Easterbridge noch dazu ein, seine eigenen Klarstellungen zu veröffentlichen.

Sie würde versuchen, sich privat und ganz diskret mit Colin zu einigen – selbst wenn sie sich dazu in die Höhle des Löwen begeben musste. Eine Ausweitung des Skandals wollte sie unter allen Umständen vermeiden.

„Was, zum Teufel, ist in dich gefahren, Belinda?“ Onkel Hugh kam um seinen Schreibtisch herum, als Belinda die Bibliothek seines Hauses im Londoner Stadtteil Mayfair betrat.

Die Missbilligung ihres Onkels war nicht zu überhören.

Belinda war hergebeten worden, um Rechenschaft abzulegen. Sie hatte etwas getan, was noch keine ihrer weiblichen Vorfahren gewagt hatte – sie hatte ihre Familie verraten, indem sie einen Granville geheiratet hatte.

Belinda hatte gewusst, dass sie auf ihrer Geschäftsreise nach London gezwungen sein würde, im Stadthaus in Mayfair vorbeizuschauen. Eine Aussprache mit ihren Verwandten direkt nach der geplatzten Trauung hatte sie vermeiden können, weil sie die Kirche umgehend verlassen und Pia auf dem anschließenden Empfang die Wogen für sie geglättet hatte. Ihre Familie war zudem damit beschäftigt gewesen, vor den Gästen das Gesicht zu wahren – soweit das in einer solchen Situation möglich war.

Interessiert warf Belinda einen Blick auf das Gainsborough-Gemälde von Sir Jonas Wentworth. Der Ärmste drehte sich sicher im Grabe um.

Das Londoner Haus war seit Generationen im Besitz der Wentworths. Wie viele andere Familien von hohem Stand hatten auch die Wentworths alles darangesetzt, eine Adresse im mondänen Mayfair beizubehalten, auch wenn die längst nicht mehr so exklusiv war wie früher, weil immer mehr Neureiche in diesen Stadtteil zogen.

Auch wenn die Wentworths keinen Adelstitel führten, so stammten sie von einer Nebenlinie des Duke of Pelham ab und hatten im Laufe der Jahre in andere Adelsfamilien eingeheiratet – außer natürlich in die verfeindete Familie Granville. Daher hielten sie sich für genauso blaublütig wie alle anderen.

„Das ist ein ganz schönes Durcheinander, das du da heraufbeschworen hast“, fuhr ihr Onkel fort, als ein Bediensteter einen Teewagen mit allem Nötigen für den Nachmittagstee hereinrollte.

„Ich weiß.“

„Es muss unverzüglich geklärt werden.“

„Natürlich.“

Als sie beide gleich darauf Platz genommen hatten, wollte Onkel Hugh wissen, wie sie die Sache regeln wolle.

Aus alter Gewohnheit begann Belinda, den Tee einzuschenken. Das gab ihr etwas zu tun, und sie konnte dem Blick ihres Onkels ausweichen.

„Ich beabsichtige natürlich, eine Annullierung oder Scheidung durchzusetzen.“

Auch wenn sie sich selbstsicher gab, das Ganze war alles andere als natürlich.

Sie betrachtete die auf dem Teewagen bereitgestellten Köstlichkeiten. Zu einem englischen Nachmittagstee gehörten außer frisch gebrühtem Tee kleine Sandwiches, leckere Kekse und warme Scones.

Wirklich, im Moment hätte sie sterben können für diese süßen Rosinenbrötchen mit Marmelade und verboten viel Sahne …

Nein, nicht verboten. Dieses Wort erinnerte sie zu sehr an ihr Verhalten in Las Vegas, das sie in diese ganze Bredouille gebracht hatte.

Trotzdem sah sie sich augenblicklich mit Colin Granville auf einem übergroßen Bett liegen und hoch über den funkelnden Lichtern der Stadt Champagner mit Erdbeeren genießen.

Sie errötete.

„… jugendlichem Leichtsinn?“

Belinda, die gerade Tee in ihre eigene Tasse einschenkte, erschrak. „Was?“

„Ich habe dich nur gefragt, ob diese unglückselige Situation durch einen Anflug von jugendlichem Leichtsinn entstanden ist?“

„Könnte ich das denn behaupten, obwohl ich seinerzeit schon dreißig war?“

Onkel Hugh betrachtete sie nachdenklich, aber mit einer gewissen Nachsicht. „Ich bin noch nicht so alt, dass ich mich nicht mehr entsinnen könnte, wie viel man auch noch als Twen und darüber hinaus auf Partys oder in Clubs feiern kann.“

„Ja.“ Belinda war nur allzu bereit, diese Ausrede aufzugreifen. „Das muss es wohl gewesen sein.“

Ihr Onkel nahm seine Tasse entgegen.

„Und trotzdem bin ich erstaunt über dich, Belinda“, fuhr er fort, nachdem er einen Schluck von seinem Tee getrunken hatte. „Du hast nie den Aufstand geprobt. Du wurdest auf ein anständiges Internat geschickt und danach nach Oxford. Niemand hätte mit solch einem Szenario gerechnet.“

Belinda hätte sich denken können, dass sie nicht so leicht davonkam.

Kopfschüttelnd verkniff sie es sich, das Gesicht zu verziehen. Eine der gegenwärtig bekanntesten Absolventinnen des Marlborough Colleges war Kate Middleton, die Duchess von Cambridge, die sehr wahrscheinlich eines Tages Königin werden würde. Sie dagegen hatte kläglich versagt, was eine Heirat anbetraf. Hinter ihr lagen gleich zwei verkorkste Hochzeiten.

Sie hasste es, Onkel Hugh zu enttäuschen. Er war für sie eine Vaterfigur gewesen, seit ihr eigener Vater an Krebs gestorben war, als sie dreizehn gewesen war. Als der ältere Bruder ihres Vaters und Familienoberhaupt der Wentworths war ihm die Vaterrolle wie selbstverständlich zugefallen. Onkel Hugh war seit Langem verwitwet und hatte keine eigenen Kinder.

Belinda hatte immer versucht, ihm eine gute Ersatztochter zu sein. Sie war auf Onkel Hughs Anwesen aufgewachsen, hatte während ihrer Sommerferien dort Schwimmen und Fahrradfahren gelernt. Sie hatte immer gute Noten bekommen, war als Teenager nie über die Stränge geschlagen und hatte ihren Namen aus den Klatschspalten herausgehalten – bis jetzt.

Aufseufzend schüttelte Onkel Hugh den Kopf. „Fast drei Jahrhunderte lang Fehde und jetzt das. Weißt du, dass deine Vorfahrin Emma von einem Granville-Wüstling verführt wurde? Zum Glück konnte die Familie die Sache vertuschen und für das arme Mädchen eine respektable Heirat mit dem jüngsten Sohn eines Baronets arrangieren.“ Er runzelte die Stirn. „Andererseits zog sich im neunzehnten Jahrhundert der Grenzstreit mit den Granvilles über Jahre hin. Glücklicherweise konnte uns das Gericht schließlich in Bezug auf den korrekten Grenzverlauf zwischen unserem Anwesen und dem der Granvilles rehabilitieren.“

Beide Geschichten hatte Belinda schon oft gehört. Sie machte Anstalten zu sagen, dass die Sache mit Colin etwas ganz anderes sei.

„Aha! Wie ich sehe, habe ich dich endlich ausfindig gemacht.“

Belinda drehte sich um und sah ihre Mutter in die Bibliothek eilen. Am liebsten hätte sie laut aufgestöhnt. Das nennt man wohl vom Regen in die Traufe kommen.

Ihre Mutter reichte Handtasche und Chiffonschal einer Bediensteten, die eilig hereingekommen war und sich diskret wieder zurückzog. Wie immer sah ihre Mutter tadellos aus. Ihr Haar war perfekt frisiert, ihr Designerkleid zeitlos schick, und ihre Juwelen waren Erbstücke.

Der Unterschied zwischen uns könnte kaum größer sein, dachte Belinda. Sie selbst trug Chinos aus dem Kaufhaus und eine legere kurzärmelige Bluse, dazu ein paar von Tamaras erschwinglichen Schmuckstücken.

Auch rein körperlich hatte sie keine Ähnlichkeit mit ihrer Mutter, einer zierlichen Blondine. Sie war brünett und hatte klassische Maße. In dieser Hinsicht kam sie eher nach den Wentworths in der Familie.

„Mutter, wir haben uns direkt nach der Hochzeit gesprochen.“

„Ja, Darling, aber deine Antworten waren äußerst vage und wenig aufschlussreich.“

„Ich habe dir gesagt, was ich wusste.“

Ihre Mutter machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ja, ja, ich weiß. Dass der Marquess erschienen ist, war eine große Überraschung, und seine Behauptung war äußerst befremdlich. Trotzdem bleibt die Frage, wie ihr seit gut zwei Jahren verheiratet sein könnt, ohne dass jemand etwas davon wusste.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass der Marquess behauptet, eine Annullierung sei nie rechtskräftig geworden. Ich bin dabei, das zu überprüfen und die Sache zu bereinigen.“

Belinda hatte noch keinen Scheidungsanwalt beauftragt, doch mit einem Anwalt in Las Vegas, Nevada, telefoniert, um Colins Behauptung überprüfen zu lassen – nämlich ob sie und Colin tatsächlich noch immer verheiratet waren.

Ihre Mutter sah Onkel Hugh an, dann wieder Belinda. „Dieser Skandal ist das Stadtgespräch von London und New York. Was gedenkst du zu tun, um diese Sache aus der Welt zu schaffen?“

Belinda biss sich auf die Lippe. Es war wirklich komisch, dass sie von ihrer Mutter auf diese Art und Weise befragt wurde. Sie hatte den vielen Affären, die ihre Mutter im Laufe der Jahre gehabt hatte, keinerlei Beachtung geschenkt, obwohl darüber geklatscht und auf Cocktailpartys so manche Anspielung gemacht worden war. Sie hatte keine Einzelheiten der affaires de cœur wissen wollen, wie ihre Mutter sie gern nannte.

„Wie sollen wir die Dinge mit den Dillinghams je ins Lot bringen? Es ist ein Desaster.“ Ihre Mutter wirkte besorgt.

„Aber, aber, Clarissa.“ Ihr Onkel stellte seine Teetasse ab. „Die Sache zu dramatisieren hilft überhaupt nicht.“

Im Stillen pflichtete Belinda ihm bei. Die Beziehung zu ihrer Mutter war nie einfach gewesen. Dazu waren sie beide zu verschieden. Als Erwachsene hatte sie es immer geschmerzt, wenn ihre Mutter sich oberflächlich oder egoistisch verhalten hatte.

Ihre Mutter sank auf einen Stuhl, und es sah aus, als würden ihr angesichts der Tatsachen, die ihr da zugemutet wurden, die Beine versagen. „Belinda, wie konntest du nur so leichtsinnig sein, so verantwortungslos?“

Belinda wurde ärgerlich, obwohl sie zugeben musste, dass sie sich selbst immer wieder dieselbe Frage gestellt hatte. Sie hatte sich völlig untypisch verhalten.

„Du solltest eine gute Partie machen. Die Familie hat sich darauf verlassen. Na, die meisten deiner Schulfreundinnen haben sich bereits vorteilhaft verheiratet.“

Am liebsten hätte Belinda geantwortet, dass sie sich gut verheiratet hatte. Schließlich war Colin vermögend und besaß obendrein einen Titel. Allerdings war er auch ein verhasster Granville, dem man unter keinen Umständen trauen sollte.

„Wir haben lange an der Beziehung zu den Dillinghams gearbeitet“, fuhr ihre Mutter fort. „Sie waren bereit, Downlands zu renovieren, damit du und Todd dort in großem Stil Gesellschaften hättet geben können, sobald ihr verheiratet gewesen wärt.“

Belinda ließ sich nur ungern an den Plan erinnern, durch ihre Ehe mit Todd den Stammsitz der Wentworths in Berkshire auf Vordermann zu bringen. Sie wusste, dass die Finanzlage der Familie, wenn auch nicht problematisch, so doch alles andere als stabil war.

Um ehrlich zu sein, waren weder sie noch Todd bis über beide Ohren verliebt gewesen. Vielmehr hatte ihre Verbindung eher pragmatische Gründe gehabt. Sie und Todd kannten sich seit Ewigkeiten und waren immer ganz gut miteinander ausgekommen. Mit zweiunddreißig wurde es Zeit für sie, Belinda, an eine Heirat zu denken. Und Todd war, wie sie wusste, ebenfalls auf der Suche nach einer passenden Frau.

Todd hatte gesagt, er würde warten, bis sie die Situation geklärt hatte. Allerdings hatte er nicht gesagt, wie lange.

Erneut ergriff Clarissa das Wort. „Könnte es sein, dass du womöglich Anspruch auf einen Teil von Easterbridges Grundbesitz hast, weil du seit zwei Jahren versehentlich mit ihm verheiratet bist?“

Belinda war entsetzt. „Mutter!“

„Was ist? Es gibt jede Menge richtiger Ehen, die weniger lange gehalten haben.“

„Ich hätte mehr Spielraum, wenn Easterbridge sich von mir scheiden lassen würde!“

Belinda erinnerte sich genau an das scherzhafte Angebot des Marquess, verheiratet zu bleiben. Daher war klar, dass sie Schritte unternehmen musste, um ihre Ehe aufzulösen.

„Du hattest in dieser Hochzeitskapelle in Las Vegas keine Zeit, einen Ehevertrag zu unterzeichnen, oder?“, hakte ihre Mutter nach. „Na, es würde mich nicht wundern, wenn Easterbridge einen Standardvertrag mit sich herumgetragen hätte.“

„Mutter!“

Onkel Hugh schüttelte den Kopf. „Ein cleverer Mann wie Easterbridge hätte dafür gesorgt, dass sein Grundbesitz nicht angetastet werden kann. Andererseits würden wir auch nicht wollen, dass der Marquess Anspruch auf Wentworth-Besitz erhebt.“

„Wie gut, dass keines der Anwesen der Wentworths auf deinen Namen eingetragen ist“, wandte ihre Mutter sich an Belinda.

„Ja, schon“, bestätigte Onkel Hugh, „aber irgendwann wird Belinda das Vermögen der Wentworths erben. Falls sie Easterbridges Frau bleibt, wird er schließlich Anteil an ihrem Besitz haben, insbesondere wenn die Vermögenswerte nicht getrennt gehalten werden.“

„Einfach unerträglich, der Gedanke.“

Belinda für ihren Teil fühlte sich überhaupt nicht wie eine Erbin. Weil ihre Familie so erpicht darauf war, dass sie eine gute Partie machte, empfand sie das Vermögen der Wentworths eher als Last denn als Segen. Allerdings war sie die Begünstigte eines kleinen Treuhandfonds, und nur diese Mittel ermöglichten es ihr, mit ihrem mageren Einkommen als Kunstexpertin im teuren Manhattan zu leben.

Immer wieder war sie daran erinnert worden, dass es ihre Aufgabe war, den Lebensstandard der Wentworths für eine weitere Generation zu erhalten. Nie vergaß sie, dass sie ein Einzelkind war. Bisher hätte sie jedoch kaum ein größeres Durcheinander anrichten können.

„Ich werde mich mit dem Marquess arrangieren“, erklärte sie finster und zwang sich, damit aufzuhören, nervös auf ihrer Unterlippe herumzukauen.

Irgendwie musste sie es schaffen, aus dieser Ehe herauszukommen.

3. KAPITEL

„Danke, dass du heute Zeit für mich hast“, sagte Belinda etwas unsicher, als sie den Konferenzraum von Colins Büro im Time Warner Center betrat.

Sie hoffte, ein höfliches und klärendes Gespräch führen zu können. Oder zumindest auf dieser Basis anzufangen, die Dinge zu regeln.

Colin nickte ihr kurz zu. „Keine Ursache.“

Belinda merkte, dass Colins Blick automatisch auf ihren Ringfinger fiel, an dem sie nun keinen Ring mehr trug.

Ihr Herz klopfte heftig.

Sie hatte sich mit Colin an einem Ort treffen wollen, der privat war, aber nicht zu privat. Ihr war bewusst, dass er im selben Gebäude ganz oben ein spektakuläres Penthouse besaß, aber sie hatte sich gescheut, ihm dort gegenüberzutreten. Und ihr eigenes Apartment in der Nähe war zu klein.

Ein Treffen mit Colin war schwierig genug. Er war vermögend, imposant und trug einen Adelstitel – ganz zu schweigen davon, dass er auch clever und berechnend war. Aber er war auch ihr ehemaliger Geliebter und kannte sie auf intime Art und Weise. Ihre gemeinsame Nacht würde immer zwischen ihnen stehen.

Misstrauisch musterte Belinda ihn.

Er trug einen Business-Anzug und strahlte den selbstsicheren Charme eines geschmeidigen Panthers aus, der bereit war, mit einem Kätzchen zu spielen. In seinen Adern floss das Blut ganzer Generationen von Eroberern, und das merkte man ihm an.

Belinda verspürte ein Prickeln auf der Haut. Sie trug ein Kleid mit V-Ausschnitt, dazu Riemchensandaletten, da sie in ihrer Mittagspause zu diesem Treffen von Lansing’s herübergekommen war.

„Möchtest du einen Kaffee oder Tee?“

Sie stellte ihre Handtasche auf den langen Konferenztisch. „Nein danke.“

Aufmerksam betrachtete Colin sie. „Du wirkst ziemlich gelassen, ganz im Gegensatz zu letzter Woche.“

„Ich habe mich entschlossen, Ruhe zu bewahren. Die Gerüchte überschlagen sich, der Bräutigam ist auf die andere Seite des Atlantiks geflüchtet, und die Hochzeitsgeschenke werden zurückgeschickt.“

„Aha.“ Er setzte sich auf eine Kante des Konferenztisches.

„Ich hoffe, du bist zufrieden.“

„Es ist ein guter Anfang.“

Sie unterdrückte ihren Ärger und schaute ihn direkt an. „Ich bin hier, um dich zur Vernunft zu bringen.“

Er hatte tatsächlich den Nerv, leise zu lachen.

„Ich weiß, dass du zu tun hast …“ Offensichtlich zu viel, um eine Annullierung zu beantragen. „… deshalb komme ich gleich auf den Punkt. Wie ist es möglich, dass wir noch verheiratet sind?“

Colin hob die Schultern. „Die Annullierung wurde bei Gericht nie rechtskräftig.“

„Ja, das hast du schon gesagt.“ Sie roch den Braten – oder genauer, einen listigen Aristokraten. „Ich hoffe, du hast deinen Anwalt deswegen an die Luft gesetzt.“

Belinda holte tief Luft. Der Anwalt, den sie kürzlich zurate gezogen hatte, hatte bestätigt, dass sie und Colin nach den staatlichen Unterlagen noch verheiratet waren, weil keine Annullierung eingetragen war und nicht einmal ein Antrag vorlag.

Sie musste sich also mit den Tatsachen auseinandersetzen, so bedauerlich sie waren.

„Es ist sinnlos zurückzuschauen“, meinte Colin, als könne er ihre Gedanken lesen. „Die Frage ist vielmehr, was machen wir jetzt.“

„Jetzt? Wir beantragen natürlich eine Annullierung oder Scheidung. New York hat mir kürzlich einen Riesengefallen getan und die Scheidung ohne Schuldbeweis eingeführt. Ich muss also nicht mehr nachweisen, dass du Ehebruch begangen oder mich verlassen hast. Das war ganz einfach zu recherchieren.“

Colin blieb gelassen. „Ach ja, die gute alte Zeit, als die Ehe noch ein sicherer Hafen war und nur der Ehemann Grundbesitz haben oder Ehebruch nachweisen konnte.“

Sie fand das gar nicht witzig. „Was für ein Pech für dich.“

„Es gibt da nur ein Problem.“

„Ach? Nur eins?“

„Ja. Eine Scheidung ohne Schuldbeweis kann immer noch angefochten werden, sobald die Scheidungspapiere zugestellt sind.“

Belinda war wie betäubt. „Du willst also sagen …“

„Ich werde dir eine Scheidung nicht leicht machen – weder in New York noch sonst wo.“

„Du hast meine Hochzeit ruiniert, und jetzt willst du mir auch noch die Scheidung verweigern?“

„Deine Hochzeit war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil wir beide noch verheiratet waren. Selbst wenn ich die Trauung nicht unterbrochen hätte, wäre deine Ehe mit Dillingham wegen Bigamie ungültig, Trauungszeremonie hin oder her.“

Belinda presste die Lippen aufeinander.

„Trotzdem, du hast meine Hochzeit ruiniert. Warum musstest du unbedingt in die Trauung platzen, um deine große Neuigkeit zu verkünden?“

„Solltest du mir nicht dankbar sein, dass ich eine Straftat verhindert habe?“

Sie ignorierte seine Gegenfrage. „Und als wäre das alles nicht genug, hast du auch noch meine Ehe ruiniert, weil du nicht sichergestellt hast, dass die Annullierung rechtskräftig wurde.“

„Deine Ehe mit wem? Die mit Todd, die nie existiert hat? Oder unsere? Die meisten Leute würden sagen, dass eine nicht rechtskräftige Annullierung verhindert, eine Ehe zu ruinieren.“

Sie fand seine Wortklauberei keineswegs amüsant. Sie war hergekommen, um Colin zu bewegen, einer Auflösung ihrer Verbindung in aller Stille zuzustimmen.

Nachdenklich rieb Colin sich das Kinn. „Ich kann nicht verstehen, wie du es geschafft hast, unsere Heirat in Las Vegas geheim zu halten. Wusste Dillingham überhaupt davon?“

Belinda errötete. „Todd steht zu mir.“

„Das heißt nein.“ Colin betrachtete ihre Hand. „Und du trägst seinen Ring nicht. Wie … eng steht er zu dir? Oder geht seine Unterstützung etwa so weit, dass er sich so lange im Hintergrund hält, bis diese ganze schmutzige Scheidung über die Bühne ist? Wie lange ist er denn bereit zu warten?“

„Solange es eben dauert.“

Sie starrten einander an, und Belinda zwang sich, nicht zu blinzeln. Die Wahrheit war, dass sie keine Ahnung hatte, wie lange Todd warten würde. Das Hochzeitsfiasko war ein ziemlicher Schlag für ihn gewesen.

Colin sah ihr direkt in die Augen. „Du hast ihm also nicht mal gesagt, dass du schon eine Hochzeit hinter dir hattest. Hattest du Angst, was ein alter Eton-Absolvent wie Dillingham von deiner Blitzhochzeit in Vegas halten würde?“

„Sicher hätte es ihn nur gestört, dass du der Bräutigam warst.“

„Dann wäre da noch die Tatsache, dass du in der Heiratslizenz gelogen hast.“

Belinda errötete noch heftiger.

Es stimmte, dass sie, als sie in New York eine Heiratslizenz beantragt hatte, die Hochzeit in Las Vegas hatte unter den Tisch fallen lassen. Ihre Ehe mit Colin war nur von kurzer Dauer gewesen, in einem anderen Staat geschlossen und, wie sie glaubte, unverzüglich annulliert worden.

Bedeutete eine Annullierung normalerweise nicht, dass eine Ehe nie existiert hatte?

„Du weißt offenbar gut Bescheid, wie man eine Ehe beendet, auch wenn du selbst es nicht gerade erfolgreich bewerkstelligt hast. Hast du bereits mit einem Anwalt gesprochen?“

„Natürlich. Warum auch nicht?“, erwiderte er vage.

„Das unterscheidet dich von Todd. Er hat nicht mit einem Anwalt gesprochen.“ Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass die Dillinghams rechtliche Schritte einleiteten, um ihre Kosten für die geplatzte Hochzeit zurückzufordern.

„Pech. Denn wenn er es getan hätte, hätte sein Anwalt ihm das Gleiche gesagt wie mein Anwalt mir. Wenn ich deine Scheidungsklage anfechte, bleibst du noch eine ganze Weile meine Frau.“

„Du hast also vor, dagegen anzugehen?“

„Mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln.“

„Ich werde am Ende gewinnen.“

„Vielleicht, aber die Wentworths werden das Aufsehen mit Sicherheit nicht besonders schätzen.“

Er hat recht, dachte Belinda angewidert. Falls dieser Skandal sich ausweitete, wäre ihre Familie entsetzt. Und ihr wurde ganz schlecht, wenn sie nur an die Reaktion der Dillinghams dachte.

„Du bist die Marchioness of Easterbridge. Du könntest eigentlich damit anfangen, den Titel zu benutzen.“

Marchioness of Easterbridge. Belinda war froh, dass ihre Vorfahren das nicht hören konnten.

„Wie gut, dass du deinen Nachnamen in der Heiratslizenz von Nevada beibehalten hast“, fuhr Colin fort. „Sonst würdest du als Belinda Wentworth seit über zwei Jahren einen falschen Namen benutzen.“

„Ich weiß selbst, dass ich meinen Namen beibehalten wollte“, fuhr sie ihn an. „Ich habe nicht so sehr neben mir gestanden, dass ich mich nicht an dieses Detail erinnern würde.“

Irgendwie war es akzeptabel gewesen, Colin zu heiraten, aber nicht den Namen Granville anzunehmen.

Belinda Granville. Das klang noch schlimmer als Marchioness of Easterbridge. Easterbridge war lediglich Colins Titel, Granville dagegen der Nachname seiner hinterhältigen Vorfahren.

„Warum tust du das? Ich verstehe nicht, warum wir uns nicht einvernehmlich scheiden lassen können – oder noch besser, die Ehe annullieren lassen können.“

Er kam zu ihr herüber. „Nein? Zwischen den Wentworths und den Granvilles ist seit Generationen nichts einvernehmlich abgelaufen. Das Ende unserer … Begegnung in Las Vegas ist ein weiterer Beweis dafür.“

„Es läuft also wieder einmal darauf hinaus, nicht wahr?“

Colin blieb vor Belinda stehen. „Ich habe vor, die Wentworths ein für alle Mal zu erobern …“ Aufreizend langsam ließ er den Blick über sie gleiten. „… angefangen bei dir, meine schöne Frau.“

Das Desaster nahm seinen Lauf.

Ich habe gute Vorarbeit geleistet, dachte Colin. Seit mehr als zwei Jahren hatte er diesen Moment geplant, alle Eventualitäten bedacht.

„Ausgezeichnet“, sagte Colin in den Hörer. „Hat er viele Fragen gestellt?“

„Nein“, erwiderte sein Stellvertreter. „Als er erfuhr, dass du auf seinen Preis eingehen würdest, war er mehr als zufrieden.“

Und jetzt bin auch ich zufrieden, dachte Colin.

„Ich nehme an, er hat dich für einen russischen Oligarchen gehalten, der einen erstklassigen Kauf tätigen wollte.“

„Noch besser“, erwiderte Colin.

So wie er Belinda kannte, hatte sie in den vergangenen Wochen mit so wenig Aufsehen wie möglich nach einem Weg gesucht, sich aus ihrer Ehe zu retten. Aber jetzt hielt er einen Trumpf in der Hand.

Nachdem er sein Telefonat beendet hatte, schaute er seine beiden Freunde an, die an diesem Donnerstagabend zu Besuch gekommen waren. Trotzdem hatte er den Anruf angenommen, weil er ungeduldig auf Neuigkeiten gewartet hatte.

Sawyer Langsford, Earl of Melton, und James Carsdale, Duke of Hawkshire, hatten es sich in den Lehnsesseln im Wohnzimmer von Colins Londoner Stadthaus bequem gemacht. Sie waren zufällig alle drei in der Stadt und hatten sich auf einen Drink getroffen.

Obwohl sie alle drei viel auf Reisen waren, waren sie gut befreundet, und es war schon irgendwie seltsam, dass sie sich alle zur gleichen Zeit verliebt hatten.

Sawyer hatte sich unerwartet mit Tamara Kincaid verlobt, eine von Belindas Brautjungfern. Und James, den alle nur Hawk nannten, machte Pia Lumley, Belindas Hochzeitsplanerin, unbeirrt den Hof, um eine frühere unrühmliche Affäre mit ihr wettzumachen.

Im Moment hatten seine beiden Freunde in romantischer Hinsicht jedoch deutlich mehr Erfolg als Colin – obwohl Belindas Freundinnen auch nicht ganz leicht zu erobern gewesen waren. Colins Vorteil war allerdings, dass Belinda bereits seine Frau war. Doch dass sie jetzt nur über Anwälte mit ihm kommunizierte, war ein wirkliches Hindernis.

Aber egal. Er und Belinda waren noch verheiratet, und durch seinen heutigen Geschäftsabschluss würde sie früher oder später mit ihm verhandeln müssen.

„Was für ein Spiel spielst du da, Easterbridge?“, wollte Hawk wissen.

„Eines mit ziemlich hohem Einsatz, fürchte ich. Aber ich bin sicher, ihr wollt davon nichts hören.“

Hawk zog eine Braue hoch.

Saywer zuckte mit den Schultern. „Du hast dir schon immer ungern in die Karten schauen lassen, Colin.“

„Ich tue einfach mein Bestes, um den Namen Granville aufzupolieren.“ Und was wäre dafür wohl besser geeignet, als endlich die Erzfeinde der Familie, die Wentworths, zu bezwingen?

Colin hatte sich nie viele Gedanken über seine Grundstücksnachbarn in Berkshire gemacht. Schließlich lebte man im einundzwanzigsten Jahrhundert, und zivilisiert mit seinen Nachbarn umzugehen, war die Norm. Zudem wurde es in seiner recht kleinen aristokratischen Welt als niveaulos angesehen, offen im Streit miteinander zu liegen.

Im Laufe seiner siebenunddreißig Jahre hatte er die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen, hatte keinen Umgang mit den Wentworths gepflegt, sich jedoch auch nicht öffentlich mit ihnen angelegt. Er hatte einfach den Status quo einer auf gegenseitigem Misstrauen beruhenden Distanz beibehalten, weil auch nicht viel auf dem Spiel gestanden hatte.

Doch dann war er in Las Vegas unerwartet Belinda begegnet. Und wie andere Männer auch war er eben empfänglich für die Reize einer langbeinigen Brünetten mit funkelnden Augen.

Wann immer ihm Belinda Wentworth im Laufe der Jahre zufällig über den Weg gelaufen war, war er angetan von ihr gewesen, auch wenn das nicht allzu häufig der Fall gewesen war. Immerhin war sie einige Jahre jünger als er. Mit dreizehn war er aufs College nach Eton geschickt worden und nur selten nach Hause gekommen. Als er dann später sein Immobilienimperium aufzubauen begann, ging Belinda selbst aufs College.

Aber als sich auf einer Cocktailparty in Vegas die Chance geboten hatte, sich mit Belinda zu unterhalten, hatte er sie erfreut ergriffen, nicht zuletzt, weil er neugierig war.

In jener Nacht damals war nichts passiert, außer dass sie sich angeregt unterhalten hatten, aber er wollte sie unbedingt näher kennenlernen. Als er Belinda ein paar Tage später im Foyer des Bellagio wiedergetroffen hatte, hatte er sie auf einen Drink eingeladen. Daraus war dann ein Abendessen geworden, und schließlich waren sie im Kasino gelandet, wo er seine Fertigkeiten an den Spieltischen hatte demonstrieren können.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er Belinda schon wirklich begehrt. Sie war eine attraktive Frau, die heißes Verlangen in ihm weckte. Bis der Abend zu Ende war, hatte er das Gefühl gehabt, die Nacht mit ihr zu verbringen sei das Natürlichste auf der Welt.

Belinda war ihm im Aufzug in seine Luxussuite hinaufgefolgt. Aber dann hatte sie im Scherz vorgeschlagen, ihn vorher heiraten zu müssen.

Er hatte sie eingehend betrachtet. Sie wirkte entspannt und ungeniert, aber keineswegs so, als sei sie betrunken.

„Es kann doch nicht sein, dass ich dich heirate, wenn ich dich noch nicht mal geküsst habe.“

Ihre haselnussbraunen Augen blitzten amüsiert. „Ohne Versprechen verteile ich gar nichts mehr. Du weißt schon, so wie in dem Song ‚Single Ladys‘.“

Aus ihrer scherzhaften Antwort war ein gewisser Ernst herauszuhören.

„Jemand hat dich verletzt.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht sehr.“

Unvermittelt wurde Colin wütend auf einen unbekannten Kerl.

Mann, er hatte den Verstand verloren.

Dann nahm er Belindas Gesicht in beide Hände und strich mit dem Daumen sacht über ihren Mund. Seufzend schloss sie die Augen, und er neigte den Kopf, um ihre rosigen Lippen zu küssen.

Sie schmeckte unglaublich süß.

Immer mehr vertiefte er den Kuss, und es war ihm völlig egal, dass sie vor dem Lift auf dem Flur standen und die Türen sich jeden Moment öffnen konnten.

Er war von jeher wagemutig. Beruflich hatte er Risiken eingehen müssen, um sein Immobilienimperium zu vergrößern. Im Privatleben hatte er Fallschirmspringen ausprobiert und Bungee-Jumping und diverse andere Trendsportarten – sehr zum Leidwesen seiner Mutter, der es gar nicht gefiel, dass der Erbe und somit der gegenwärtige Marquess Kopf und Kragen riskierte.

„Wir sind in Vegas, und du weißt ja, was das bedeutet.“

Fragend hatte Belinda ihn angesehen.

„Es muss eine Hochzeitskapelle in der Nähe geben.“

Ohne weitere Diskussion waren sie im Lift wieder nach unten gefahren und hatten ohne allzu große Probleme auch eine Hochzeitskapelle gefunden.

Er hatte nie zuvor eine Frau getroffen, die bereit war, den Einsatz noch zu erhöhen. Es war ein unglaubliches Aphrodisiakum.

Und als sie dann zurück im Hotel waren und endlich miteinander ins Bett gingen, hatte es ihn aufs Höchste erstaunt, wie natürlich und hemmungslos sie war.

Am Morgen danach war die heiße Frau, mit der er die Nacht verbracht hatte, allerdings wie ausgewechselt gewesen.

Sein Stolz war getroffen worden. Er hatte sich ihren Tag ausgemalt und all die folgenden Tage, und sie hatte ihn nicht schnell genug loswerden können.

In diesem Moment war die Fehde der Wentworths und Granvilles zu einer persönlichen Angelegenheit geworden. Colin hatte sich geschworen, die Differenzen zwischen den beiden Familien ein für alle Mal zu beenden.

Er spielte, um zu gewinnen. Deshalb hatte er ganz diskret eine erstklassige Immobilie in London erworben, ohne dass die Wentworths etwas davon ahnten.

„Sei vorsichtig, Easterbridge“, riss Hawk Colin aus seinen Gedanken. „Selbst gewiefte Spieler können verlieren.“

Sawyer nickte. „Beim Pokern warst du in letzter Zeit nicht zu schlagen, und das könnte bedeuten, dass du für ein schlechtes Blatt überfällig bist.“

Colin lächelte spöttisch. „Ich bin sehr zufrieden mit den Karten, die ich im Moment auf der Hand habe.“

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