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BACCARA EXKLUSIV BAND 161

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Sinnlich wie das Meer bei Nacht

1. KAPITEL

Lily Fontaines Nackenhärchen richteten sich mit einem Mal auf – und das hatte nichts mit der frischen Brise zu tun, die wie stets am Nachmittag vom Meer herüberwehte. Sie ahnte etwas, fühlte es …

Er war hier.

So war es immer schon zwischen ihnen gewesen – dieses plötzliche Gefühl, diese beinahe telepathische Verbindung. Offenbar hatte sich nichts daran geändert. Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren war Lily wieder in ihrer Heimatstadt Onemata in Neuseeland – und zwar seit nicht einmal fünf Minuten. Aber sie spürte die Spannung bereits wie ein elektrisches Knistern in der Luft.

Gleich würde sie ihm in die Augen sehen, ihm, der ihr einmal so viel bedeutet hatte – in einer Vergangenheit, vor der Lily jahrelang davongelaufen war, nur um jetzt wieder zum Ausgangspunkt ihrer Flucht zurückzukehren.

Lily schaute auf, die Neugier war übermächtig. Ob er tatsächlich in der Nähe war? Eigentlich hegte sie daran nicht den geringsten Zweifel.

Und tatsächlich, da stand er. Jack Dolan. Ihre erste und einzige Liebe.

Der Duft seines exklusiven Aftershaves, der zu ihr herüberdrang, überdeckte mühelos den Benzingeruch der Tankstelle. Zu Lilys damals grenzenloser Enttäuschung war seine Leidenschaft leider abgekühlt und einem Desinteresse gewichen. Jack hatte es ihr allein überlassen, mit der Verachtung ihres Vaters zurechtzukommen. Jack hatte das Geld genommen, das ihr Vater ihm für den Fall angeboten hatte, dass er sich trennte.

Unbewusst straffte sie die Schultern. Als der Tank ihres Mietwagens voll war, steckte sie den Zapfhahn zurück in die Säule.

„Du bist es wirklich“, sagte er leise. Seine Stimme klang dabei reifer und dunkler als vor zehn Jahren. Lily erschauerte beinahe genauso wie damals, aber etwas war anders. Natürlich, schließlich hatten sie sich beide verändert.

Seine Hand war gebräunt. Langsam nahm er die teure Sonnenbrille ab. Und im nächsten Moment wünschte Lily, er hätte es nicht getan.

Die dunklen Gläser waren ein gewisser, wenn auch hauchdünner, Schutz für sie gewesen. Aber nun begegneten sich ihre Blicke ungehindert, und sie erkannte das gewohnte ungestüme Funkeln in seinen Augen. Von der Sonne geblendet, blinzelte Jack, wobei sich feine Fältchen in seinen Augenwinkeln bildeten. Die Sonne strahlte an diesem hochsommerlichen Februartag hell vom Himmel und wurde von der Fassade der Tankstelle reflektiert.

Bernsteinfarbene Augen. Einen Sekundenbruchteil lang fühlte sich Lily in die Vergangenheit zurückversetzt und brachte kein Wort heraus.

Mühsam schluckte sie, um das trockene Gefühl in ihrem Hals zu bekämpfen. Jack richtete seine Aufmerksamkeit von ihrem Gesicht auf ihren Hals. Sofort errötete sie. Dass er noch immer diese Reaktion bei ihr auslösen konnte!

Er blinzelte nicht mehr, als er sagte: „Du hast dich verändert.“

„Wie meinst du das?“ Lily hob den Kopf und sah Jack in die Augen.

Ein Fehler, wie sie sofort merkte. Man sollte dem Löwen nicht in seine Höhle folgen. Sie hätte Jack einfach links liegen lassen, in den Tankstellenshop gehen und zahlen sollen.

„Jedenfalls habe ich nicht damit gerechnet, dass du inzwischen ohne Hilfe dein Auto betanken kannst“, antwortete er gedehnt und lockte sie damit aus der Reserve.

Lily hielt nun nicht mehr an sich. Gereizt entgegnete sie: „Erstaunlich, was passiert, wenn Menschen erwachsen werden, nicht wahr? Übrigens: Du hast dich ebenfalls verändert.“ Mit einem, wie sie hoffte, kritischen Blick musterte sie ihn von oben bis unten, seinen elegant geschnittenen Anzug und seine handgefertigten Schuhe aus feinem italienischem Leder.

Oh ja, so etwas fiel ihr auf. Denn das war es, was sie in der Welt gerettet hatte, in der sie viel zu lange gelebt hatte.

„Offenbar bist du aus dem Tankwart-Overall herausgewachsen. Kannst du dich an die Arbeit von damals überhaupt noch erinnern?“, fuhr sie fort.

Nachdenklich kniff er die Augen zusammen. Lily hätte sich für ihre unbedachte Bemerkung ohrfeigen können. Wann würde sie endlich lernen, ihre Zunge im Zaum zu halten?

„Du weißt schon, wie es gemeint war, Jack.“ Sie wandte sich um, und die Absätze ihrer Manolos klackten auf dem Asphalt, als sie zum Shop ging, um das Benzin zu bezahlen. Jack folgte ihr mit Blicken. Lily spürte bei jedem Schritt, wie er sie betrachtete.

Sie atmete auf, als sich die automatischen Türen aus getöntem Glas leise rauschend hinter ihr schlossen. Was auch immer sie erwartet haben mochte, jedenfalls nicht die modern gestylte Ladentheke und die bunten Lebensmittel- und Haushaltswarenregale. Auch hier stand die Zeit nicht still. Lily war nicht die Einzige, die sich verändert hatte – seit ihrem schmachvollen Abschied von der Stadt, in der sie es nicht mehr ausgehalten hatte.

Hinter ihr gingen die Türen wieder auf, und an dem unverkennbaren Duft von Sandelholz und Limonen erkannte Lily, dass Jack ihr nachgekommen war. Sie lächelte der Kassiererin flüchtig zu, steckte den Zahlungsbeleg ein und wandte sich zum Gehen. Aber ein über einen Meter achtzig großer, unwiderstehlicher Mann versperrte ihr den Weg.

„Was führt dich hierher zurück, Lily?“ Er sprach leise, sicher um die Neugier möglicher Zuhörer nicht zu wecken. Ihre gemeinsame Vergangenheit ging nur sie beide etwas an. Doch an dem ernsten Blick erkannte Lily, dass es ihn wirklich interessierte.

„Nichts Bestimmtes“, log sie so gewandt wie möglich. Nicht in tausend Jahren würde sie ihm ihre finanziellen Sorgen anvertrauen. „Ich wollte mich einfach mal wieder hier umschauen.“

„Dann bleibst du wohl nicht lange?“ Seine Augen wirkten plötzlich ausdruckslos, sodass sie nicht einschätzen konnte, was hinter dieser Frage steckte.

„Doch, Jack. Ich habe nicht vor, so schnell wieder abzureisen. Zufrieden?“

„Schnell abzureisen war einmal dein Spezialgebiet, wenn ich mich nicht irre. Und zur Frage, ob ich zufrieden bin …“ Er beendete den Satz nicht.

Jäh bildeten sich auf Lilys Dekolleté und auf ihrem Hals rote Flecken. Hastig kramte sie in ihrer Handtasche nach der Sonnenbrille, setzte sie auf und ging etwas steif zu ihrem Wagen. Das war in dieser Situation ihre einzige Rückzugsmöglichkeit. Zitternd öffnete Lily die Tür und setzte sich ans Steuer. Sie musste sich konzentrieren, um den Motor anzulassen, und wollte gerade losfahren, als ein lautes Klopfen gegen die Scheibe der Fahrertür sie aufschreckte.

Jack. Was nun? Sie verbot sich, die bissige Bemerkung auszusprechen, die ihr auf der Zunge lag, und ließ die Seitenscheibe herunterfahren.

„Ja?“, fragte sie betont gelangweilt.

Ihr Herz schlug schneller, als der Ausdruck auf Jacks Gesicht sanfter wurde und er lächelte. Selbst nach so vielen Jahren durchschaute er sie immer noch mühelos. Natürlich war ihm nicht entgangen, wie sehr sie seine Anspielung auf die Vergangenheit durcheinandergebracht hatte.

„Es ist lange her“, sagte er langsam. „Wir wollen uns doch den Neuanfang nicht gleich verderben. Entschuldige bitte, dass ich gestichelt habe. Ich wollte dich nicht aufregen, kaum dass du wieder hier bist.“

„Lassen wir es gut sein, Jack. Seit damals ist viel Wasser den Bach heruntergeflossen.“

Er nahm die Hände nicht von der Fahrertür. Doch Lily hätte am liebsten einfach Gas gegeben, um von hier wegzukommen. Sie sah auffällig auf seine Finger, damit er es merken und sie wegnehmen würde – aber natürlich verstand er diesen Hinweis nicht. Seine Hände waren breit, die Finger lang und ordentlich manikürt. Ganz anders und viel gepflegter als damals. Damals hatte er, der Tankstellenneuling, sie mit seinen Liebkosungen in schwindelerregende Höhen geführt.

Plötzlich fühlte sich Lily von Sehnsucht ergriffen und unterdrückte nur mühsam ein Seufzen. Es war ein schrecklicher Fehler gewesen, wieder nach Hause zurückzukehren.

„Also, dann bis bald“, meinte er mit einer Bestimmtheit, die über bloße Höflichkeit hinausging.

„Ja, bis dann.“

Ihre Fingerknöchel zeichneten sich weiß ab, als Lily entschlossen das Lenkrad umklammerte. Sie zwang sich, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Schließlich nahm Jack die Hände weg und winkte ihr zum Abschied zu.

Lily fuhr los. Sie glaubte nicht, dass sie Jack so schnell wiedersehen würde. Jedenfalls nicht, wenn sie es irgendwie verhindern konnte. Ja, es war viel Wasser den Bach heruntergeflossen, wie sie gesagt hatte. Aber, um bei dem Bild zu bleiben, das Wasser hatte mit gewaltiger zerstörerischer Kraft die Brücke zwischen ihr und Jack, ihre Beziehung, unterspült und schließlich vernichtet.

Ein Gutes hatte es ja, dass sie ihm so kurz nach ihrer Ankunft in Onemata begegnet war: Sie hatte es wenigstens hinter sich. Jetzt musste sie nur noch ihren Vater besuchen – ach ja, und ihr Leben in Ordnung bringen. Lily lächelte kläglich. Ganz so einfach würde das nicht werden.

Während sie durch die Stadt in Richtung der Spitze der Halbinsel fuhr, fielen ihr die mehr oder weniger offensichtlichen Veränderungen auf – und Lily fühlte sich unbehaglich. Nicht zuletzt, weil sie zum Haus ihres Vaters unterwegs war. Es lag an der Küste Neuseelands, am äußersten Zipfel des Landes, dem Onemata seinen Namen verdankte.

Sie hatte das Haus nicht mehr betreten seit jener Nacht, in der ihr Vater die jugendliche Liebe zwischen ihr und Jack restlos zerstört und sie, Lily, nach Auckland geschickt hatte. Nach ein paar Jahren an der Universität dort hatte Lily wenig Lust verspürt, wieder nach Hause zurückzukehren. Die Anonymität in Neuseelands größter Stadt war ihr sehr viel lieber gewesen – so ganz anders als daheim in der Kleinstadt, wo jeder jeden kannte.

Ihre Entdeckung verdankte sie einem Talentwettbewerb einer Model-Agentur. Fotos von ihr, die in der Modezeitschrift Fashion Week erschienen waren, verhalfen ihr zu einem hohen Bekanntheitsgrad, auch in Übersee. Nach Onemata zurückzukehren, daran hatte Lily wirklich nicht im Traum gedacht.

Aber im Leben jedes Menschen kam ein Punkt, an dem man Bilanz ziehen und wenn nötig eine andere Richtung einschlagen musste. Ein herber finanzieller Verlust wegen einer falschen Geldanlage und das Pfeiffersche Drüsenfieber, durch das sie keine neuen Aufträge hatte annehmen können – das hatte sie an ebendiesen Punkt gebracht.

Aus zusammengekniffenen Augen sah Jack Lily nach, als sie die Tankstelle verließ und die Hauptstraße entlangfuhr. Wahrscheinlich wusste Lily nicht einmal, dass die halbe Stadt inzwischen ihm gehörte. Hatte sie überhaupt eine Ahnung davon, mit wem sie es zu tun hatte?

Er bezweifelte es.

Vorhin, als er sie erkannt hatte, war eine jähe Hitze in ihm aufgestiegen, die er auch jetzt noch verspürte. Er hatte gedacht, nach all den Jahren gegen ihre Reize immun zu sein, aber weit gefehlt. Seine Reaktion war ebenso plötzlich und prompt erfolgt wie damals, als er Lily auf der Highschool von Onemata zum ersten Mal gesehen hatte. Dasselbe Gefühl. Leidenschaftliches Verlangen.

Sie war dünner geworden, sah beinahe zerbrechlich aus. Und ihre hellblauen Augen schimmerten so distanziert, wie er es nicht von ihr kannte. Dieser stumpfe Glanz hatte Jack an ihren Vater und seine Geschäftspraktiken erinnert.

Jack dachte an seinen Schwur, dem er es zu verdanken hatte, dass er nun zur Spitze der neuseeländischen Geschäftswelt gehörte. Die Fontaines würden nie wieder einem Menschen, der ihm etwas bedeutete, ein Leid antun.

Seufzend überlegte er sich seine nächsten Schritte.

Lilys Rückkehr war schicksalhafter und beruhte viel weniger auf ihrer Entscheidung, als ihr klar war. In den letzten Jahren hatte er systematisch alle Vermögenswerte aufgekauft, die zuvor Charles Fontaine gehört hatten.

Und nun war Jack gerüstet für den letzten großen Schlag – die Vernichtung von Fontaine Compuware, dem Herzstück von Charles Fontaines Wirtschaftsimperium. Schon in ein paar Wochen würde er dazu in der Lage sein. Und was würde es für eine Genugtuung sein, Lily Fontaine bei diesem Coup als taktische Waffe einzusetzen! Charles verdiente es nicht anders, und seine unaufrichtige Tochter schon gar nicht.

Lily wusste, dass sie eigentlich etwas essen und sich auf die Begegnung mit ihrem Vater vorbereiten sollte, der bald aus dem Büro heimkommen würde. Stattdessen lief sie jedoch über die gepflegte Rasenfläche zu den Sanddünen hinunter und ließ das abendlich beleuchtete zweistöckige Haus hinter sich, das ihr Vater als repräsentativen Ausdruck seines Reichtums im spanischen Stil hatte erbauen lassen.

Sie schaute auf das Meer hinaus, das im Mondlicht zauberhaft glitzerte. Sie sah die Wellen schäumend gegen den Strand schlagen und dabei langsam und unerbittlich die Küstenlinie Stück für Stück abtragen. Es erschien Lily, als ob genau dasselbe mit ihr in Onemata passierte, als ob sie unmerklich, aber unbarmherzig aufgefressen wurde.

Bei ihrer Ankunft hatte sie eine kurze Notiz von der Haushälterin Mrs. Manson vorgefunden, nachdem sie mit ihrem alten Schlüssel die Haustür aufgesperrt hatte. Ihr Vater war im Büro aufgehalten worden. Deshalb sollte Lily erst einmal in Ruhe ihre Sachen auspacken und mit dem Essen nicht auf ihn warten.

Sie war erleichtert, dass das Wiedersehen verschoben wurde, und fühlte sich dafür irgendwie schuldig. Zugleich verletzte es sie, dass er es nicht hatte einrichten können, bei ihrer Ankunft daheim zu sein. Von einem Augenblick auf den anderen war der Abstand, den Lily im Lauf der Zeit gewonnen hatte, wie weggeblasen.

Nachdem ihr Vater sie damals fortgeschickt hatte, hatte sie in ihr Kissen geweint und sich unter Tränen geschworen, niemals wieder zurückzukehren. Der offizielle Grund hatte gelautet, dass Lily in Auckland ihr Studium beginnen sollte. Aber es steckte mehr dahinter, denn ihr Vater hatte sie durchschaut. Er wusste alles. Und er schämte sich – er schämte sich für sie.

Ihr Vater hatte sie also fortgeschickt. Doch Jack Dolan war zu verdanken, dass sie jede Lust verlor, jemals zurückzukehren. In den ersten Wochen nach der Abreise hatte Lily verzweifelt gehofft, er würde ihre Anrufe erwidern, würde Mittel und Wege finden, um zu ihr zu gelangen. Nichts von alldem war geschehen. Jack hatte offensichtlich seine Wahl getroffen: Das Bestechungsgeld ihres Vaters war ihm wichtiger als ihre Liebe.

Jacks Zurückweisung hatte sie tiefer verletzt, als sie es je für möglich gehalten hatte – und sie kannte sich mit verletzten Gefühlen aus.

Jetzt war sie also wieder da. Zu Hause. Die meisten Menschen verbanden dieses Wort mit Wärme und Geborgenheit. Und dem Gefühl, jederzeit willkommen zu sein. Dazuzugehören, egal, was man getan, wo man sich aufgehalten und wie man sich verändert hat.

Für sie allerdings galt das nicht. Nicht mehr.

Sosehr sie es in den Jahren ihres selbst gewählten Exils auch versucht hatte, sie kam einfach nicht darüber hinweg, wie ihr Vater sie behandelt hatte – wie eine seiner geschäftlichen Angelegenheiten. Sobald ein Problem aufgetaucht war, hatte ihr Dad sie mit Geld überhäuft. Wohlhabend, wie er nun einmal war, wusste er, dass er sie so eine Weile beschäftigen konnte, wie ein Kind in einem Vergnügungspark. Zwar war er stolz auf ihren Erfolg als weltbekanntes Model, doch emotional blieb er ihr gegenüber stets auf Distanz.

In ihrer Kindheit hatte Charles Fontaine ihr Stärke und Rückhalt gegeben. Er hatte alles verkörpert, was Lily wusste und woran sie glaubte. Ja, er war manchmal hart gewesen, unnachgiebig und schwierig im Umgang. Doch seit der Scheidung ihrer Eltern, als sie vier Jahre alt gewesen war, war er immer für sie da gewesen – im Gegensatz zu ihrer Mutter.

Die hatte ein neues Leben angefangen und eine neue Familie gegründet. Zu ihrer Tochter hatte sie jeden Kontakt abgebrochen – und zwar ganz offenbar, ohne ihr auch nur eine einzige Träne nachzuweinen. Seither war ihr Vater für Lily wie ein Fels in der Brandung gewesen.

Bis sie ins Teenageralter gekommen war und seine Grundsätze zu hinterfragen begonnen hatte. Und bis sie angefangen hatte, mit Jack auszugehen. Der Zorn und die Wut ihres Vaters waren kein Hindernis gewesen, dass sich ihre ganze Zuneigung auf Jack übertrug. Im Gegenteil. Und die Heimlichtuerei um ihre Liebe hatte Lilys Gefühle für ihn nur noch verstärkt. Bis auch Jack sie schließlich im Stich gelassen hatte.

Gedankenverloren griff sie in den Sand. Tief in ihrem Inneren saß noch immer der Schmerz über diese Enttäuschung. Sie waren ja so jung gewesen. Zu jung, um sich zu verlieben? Zu jung, um eine gemeinsame Zukunft zu planen? Damals war ihr das ganz und gar nicht so vorgekommen.

Lily verbot sich, weiter darüber nachzudenken, und atmete tief durch. Sie wusste aus Erfahrung, wie wenig das Grübeln über Vergangenes brachte.

Traurig ließ sie die kühlen Sandkörner durch ihre Finger rinnen. Obwohl die Nachtluft allmählich feuchter wurde, hatte Lily keine Lust, den Strand zu verlassen. Es hatte sie buchstäblich gezogen hierher, zu dem vielleicht einzigen Platz, der für sie mit glücklichen Erinnerungen verbunden war: Lachen, Wärme und der naive Glaube, dass die Liebe alle Schwierigkeiten überwand.

Sehr lange hatte sie solche Gedanken verdrängt. Jetzt wehrte sie sich einen kurzen Augenblick lang nicht dagegen – und schob sie dann entschieden wieder von sich. Herbeiziehende Wolken schoben sich vor die Mondsichel und tauchten den Strand in tiefschwarze Finsternis. Es wurde höchste Zeit, zurückzugehen und sich der Realität zu stellen.

Im Haus angekommen, ging Lily zuerst ins Bad und zog sich aus. Sie warf einen kurzen Blick in den Spiegel, stellte die Dusche so warm ein, wie sie es gerade noch aushielt, und trat in die Kabine.

Die Arme gegen die Wandfliesen gestützt, ließ Lily sich zur Beruhigung das heiße Wasser über Nacken, Schultern und Rücken laufen. Mit geschlossenen Augen hielt sie ihr Gesicht in den Wasserstrahl. Erst jetzt spürte sie, wie müde sie war.

Seit sie von ihrer Bank erfahren hatte, wie viel Geld sie durch unkluge Spekulationen verloren hatte, schlief Lily schlecht. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen! Sie investierte den Großteil ihres Sparguthabens – völlig risikolos, wie sie meinte, mit angeblich bombensicherer Rendite.

Seit ihre Krankheit ihr das Modeln unmöglich gemacht hatte und sie nicht mehr zur Mannequin-Weltspitze gehörte, hatte Lily von den Zinsen gelebt.

Nach einiger Zeit hatte sie dann versucht, beruflich wieder Fuß zu fassen. Sie hatte sich, wie man in ihrer Branche sagte, an den richtigen Plätzen sehen lassen. Doch leider passte ihr neuer Partygirl-Look nicht zu dem eleganten und durchgestylten Image, das ihre Modefirma bevorzugte. Lilys Vertrag war nicht verlängert worden. Darum war ihr gar nichts anderes übrig geblieben, als zu Daddy zurückzukehren.

Mit geschlossenen Augen verteilte sie das Duschgel auf ihrem Körper und genoss für einen kurzen Moment das belebende Gefühl auf der Haut. Lily zögerte, als sie ihre wohlproportionierte Bauch- und Hüftpartie einschäumte, wo feine, kaum sichtbare Streifen schimmerten. Plötzlich wurde sie vom Gefühl des Verlustes überwältigt, der Schmerz nahm ihr fast den Atem. Sie seufzte tief.

Es tat immer noch genauso weh wie damals – die Erinnerung an ihren kleinen Sohn, der tot zur Welt gekommen war. Und Jack hatte von ihnen beiden nichts wissen wollen.

2. KAPITEL

Lily schloss fest die Augen, um ihre Tränen zu unterdrücken. Sie musste sich zusammenreißen – wie schon unzählige Male zuvor. Anderen präsentierte sie sich immer nur als Lily Fontaine, Ex-Model und in der Welt der Reichen und Schönen zu Hause. Aber damit war es in solchen Momenten nicht mehr weit her.

Nachdem sie das Wasser abgedreht hatte, trocknete sie sich ab und wickelte sich in ein Handtuch. Dann musste sie plötzlich gähnen. Auf dem langen Flug von Los Angeles hierher hatte sie nicht geschlafen, und der Jetlag machte sich allmählich bemerkbar.

Ihr Vater war immer noch nicht daheim. Anscheinend hatte er es nicht besonders eilig, sein einziges Kind wieder in die Arme zu schließen.

Da ließ sie ein lautes Klopfen an der Haustür hochschrecken. Lily ließ das Handtuch fallen und zog schnell ihren dünnen rosa Bademantel an, der zuoberst in ihrem Koffer lag, und eilte die Treppe hinunter. Ein Blick auf die alte Standuhr, die die geflieste Eingangshalle zu bewachen schien, bestätigte ihr, dass es tatsächlich schon sehr spät war.

Wer auch immer an der Tür sein mochte, hoffentlich niemand, der zu einer längeren Unterhaltung aufgelegt war. Lily setzte ein freundliches Lächeln auf und öffnete schwungvoll die Tür.

Es war Jack, der fast den ganzen Türrahmen auszufüllen schien. Ihr Lächeln erstarb augenblicklich. Da sie nur ihren Bademantel anhatte, fühlte sie sich auf einmal furchtbar verletzlich und zog den Gürtel fester um sich.

„Was willst du?“ Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen kühlen und abweisenden Klang zu geben. An den nackten Beinen spürte sie die frische Nachtluft.

„Du frierst ja.“ Mit diesen Worten trat Jack ein, wodurch Lily nichts anderes übrig blieb, als zurückzuweichen.

Vorhin schon, an der Tankstelle, hatte sie sich ihm gegenüber im Nachteil gefühlt, doch jetzt war es noch schlimmer. Jack war groß und dunkelhaarig. Sein frisches weißes Hemd, die Seidenkrawatte in einem satten Goldton, sein anthrazitfarbener Anzug – all das betonte seinen sonnengebräunten Teint. Er war in der Sonne schon immer schnell braun geworden. Herauszufinden, wie weit sich der ebenmäßige Karamellton erstreckte, war immer sehr reizvoll für sie gewesen und hatte sie oft stundenlang beschäftigt.

Aber ebendaran durfte sie jetzt auf keinen Fall denken, also zog sie die Aufschläge ihres Bademantels enger zusammen. Doch schon die Erinnerung ließ ein leises Prickeln zurück.

Jack schloss die Tür hinter sich, und auf einmal wirkte die geräumige und luftige Eingangshalle eng.

„Willst du mich nicht hereinbitten?“

Lily seufzte. Er war offensichtlich nicht nur auf einen Kurzbesuch hier.

„Jack, können wir bitte ein andermal auf das zurückkommen, was du mir sagen willst? Mein Flug aus L. A. hatte Verspätung, und die Fahrt von Auckland hierher hat mich ganz schön mitgenommen. Ich kann kaum noch die Augen offen halten.“

Sanft strich er mit dem Finger über ihre Wange. Lily zwang sich, stillzustehen und nicht vor Überraschung über die unerwartete zärtliche Berührung zurückzuweichen.

„Ich will dich nicht lange aufhalten.“

Heftig atmete sie ein. Doch er beachtete es nicht, sondern ging geradeaus durch die Halle Richtung Küche und Wohnzimmer, die sich auf der Gartenseite des repräsentativen Hauses befanden. Lily blieb gar nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Das renovierte Wohnzimmer, von dem ihr Vater am Telefon erzählt hatte, kannte sie noch nicht. Durch das Entfernen von Trennwänden war eine geräumige Lounge entstanden.

Wie immer war alles perfekt aufgeräumt – ein Bild wie aus einem Lifestyle-Magazin. Auf einem Tischchen lag ein Stapel Fotos, zum Großteil Studioaufnahmen von ihr, wie sie überrascht feststellte. Zwei lange Sofas standen einander gegenüber, den Hintergrund dominierte ein rohweißer Gaskamin aus Hinuera, dem typischen Naturstein Neuseelands.

Warum auch immer ihr Vater einen solch eleganten Raum eingerichtet hatte, er selbst verbrachte jedenfalls nicht viel Zeit darin. Die Couchgarnituren waren unberührt, keine einzige Knitterfalte in einem Kissen, auf dem jemand gesessen haben könnte. Völlig nutzlos steckten die Platzdeckchen auf dem Kaffeetisch in ihrem Halter.

Lily machte einen weiten Bogen um Jack, als sie in die Küche ging. Unruhig klopfte sie mit den Fingern auf die kühle Arbeitsplatte aus Granit und füllte den Wasserkocher.

„Wenn du schon da bist: Möchtest du einen Kaffee?“, fragte sie und holte Tassen und Kaffeepulver aus dem Küchenschrank.

„Ja, gern. Ohne Milch bitte.“

Allzu sehr hatte er sich nicht verändert, stellte sie fest. Dafür, dass er sie so dringend hatte sprechen wollen, ließ er sich jetzt erstaunlich viel Zeit mit dem Reden.

Das Wasser brauchte furchtbar lange, bis es heiß wurde, und Lily wurde zusehends unruhig.

Sie beobachtete, wie Jack behutsam die Wedel eines Nestfarnes streichelte, der in einem farbenfrohen Keramiktopf auf dem Esstisch stand. Ihr Körper straffte sich. Seine Hände, seine Finger, seine Lippen, sein Mund. Er war immer so zärtlich gewesen. Aber das war lange her, wies sie sich zurecht.

„Also, Jack, was willst du?“, fragte sie scharf, und ihre Stimme hallte in dem stillen Raum erbarmungslos wider.

Er drehte sich um und blickte sie schwach lächelnd an. Einen kurzen Moment lang sah sie in seinen bernsteinfarbenen Augen so etwas wie einen feurigen Glanz aufflackern, doch es verschwand gleich wieder.

Ganz nebenbei öffnete er sein Jackett. Seine breite Brust hob und senkte sich unter dem feinen gestärkten Baumwollgewebe des blütenweißen Hemdes. Ungebetene Vorstellungen überkamen Lily – wie sie seine nackte Brust berührte. Ihre Lippen, dicht an seiner Haut. Sein Duft und sein Geschmack …

Ihr stockte der Atem, und ihr Mund wurde trocken, bevor sie sich wieder fest im Griff hatte. Das musste der Jetlag sein.

Jedenfalls konnte es doch nicht sein, dass Jack nach so langer Zeit noch diese hypnotisierende Wirkung auf sie hatte. Zehn Jahre lang hatte sie sich bemüht, ihn zu vergessen. Sie war eine Frau von Welt und kannte sich mit den Feinheiten menschlicher Verhaltensweisen aus. Wegen ein paar Erinnerungen die Fassung zu verlieren, das passte einfach nicht zu ihr.

Und doch konnte sie den Blick nicht von ihm wenden, als er langsam auf sie zukam. Ihr zitterten die Knie, und sie trat einen Schritt zurück. Nur wenige Zentimeter vor ihr blieb Jack stehen. Jetzt hieß es, einen kühlen Kopf zu bewahren! Sie spürte die Wärme, die von ihm ausging, und nahm den verführerischen frischen Zitrusduft seines Aftershaves wahr.

Oh nein, bitte nicht anfassen. Ihr Herz schlug schneller, raste, Hitze durchflutete sie. Obwohl Lily panische Angst vor Jacks Berührung hatte, merkte sie, wie sie sich leicht ihm entgegenneigte.

Er zögerte und ließ die ausgestreckte Hand wieder sinken.

„Was hast du denn die nächsten Tage so vor, Lily?“, wollte er wissen. Seine Stimme klang dunkel. „Wie wäre es mal wieder mit einem ‚Trip on the wild Side‘?“

Sofort richtete sich Lily kerzengerade auf. Um nichts in der Welt würde sie ihn merken lassen, wie tief er sie mit dieser Anspielung getroffen hatte. Als sie noch zusammen ausgegangen waren, hatten alle Bekannten Lilys sie damit aufgezogen, dass Jacks Familie auf der „falschen Seite“ der Stadt wohnte. Und sich angesichts der eindeutigen Missbilligung ihres Vaters weiter mit Jack zu treffen machte die Sache zu einem Abenteuer, eben zu einem „Trip on the wild Side“.

Lily schüttelte leicht den Kopf. Mit erstaunlich ruhiger Stimme antwortete sie: „Du kennst mich doch gar nicht mehr. Die Zeiten ändern sich.“

„Die Zeiten schon, die Menschen aber nicht. Nicht wirklich, nicht tief in ihrem Inneren.“

Er seufzte, und Lily spürte seinen warmen Atem an ihrem Hals. Ihr Puls raste.

„Hör zu, vergiss den Kaffee. Sag einfach, was du zu sagen hast, und dann geh“, sagte sie leise, aber bestimmt.

Kaum dass Jack vor Lily stand, bereute er auch schon, ihr so nahe gekommen zu sein. Doch sie roch so gut, dass er nicht anders konnte, als stehen zu bleiben. Er ballte die Hände zu Fäusten, um sie nicht noch einmal zu berühren. Bei seiner Ankunft hatte er instinktiv ihr Gesicht gestreichelt – das hätte er lieber lassen sollen.

Er murmelte etwas Undeutliches. Einen Atemzug lang öffnete Lily leicht den Mund. Jack verspürte den beinahe unwiderstehlichen Drang, seine Lippen auf ihre zu drücken. Sie wieder zu schmecken. Herauszufinden, ob sie seine Küsse genauso leidenschaftlich erwiderte wie früher. Ihre weichen Lippen zu spüren. Sich selbst zu verlieren und dann … ja, was dann?

Er fühlte Hitze in sich aufsteigen, als er von ihren Lippen zu ihrem Bademantel sah, der ein wenig offenstand. Winzige Knitterfältchen zeichneten sich ab, wo sie das zarte Gewebe zusammengehalten hatte. Mit ihren Händen, die noch nie in ihrem Leben etwas Ernsthaftes gearbeitet hatten.

Ein verirrter Wassertropfen rann von ihrem nassen Haar über ihr Schlüsselbein und auf die sanfte Rundung ihres Brustansatzes. Jack sah, wie sich ihre Brust kaum hob und senkte – als würde sie den Atem anhalten und warten, was er als Nächstes tat.

Sekundenlang hielt Jack inne. Er verspürte ein verräterisches Verlangen in sich aufsteigen. Lilys Brustspitzen zeichneten sich fest wie zwei kleine Rosenknospen unter dem dünnen Satinstoff des Bademantels ab. Eine leichte Röte zierte ihr Dekolleté und ihren Hals.

Kein Zweifel, sie war erregt. Jacks Mund war mit einem Mal wie ausgetrocknet, und alles an ihm schien bereits auf ihre Signale zu antworten. Langsam beugte er sich zu ihr.

Was zum Teufel sollte das werden? Die Realität holte ihn ein, und er wich zurück. Lily wankte leicht, als ob ihr schwindlig wäre, und sofort stützte er sie. Das war ein Fehler, Jack erkannte es im selben Augenblick, als er ihre erhitzte Haut unter dem sinnlich glatten Seidenstoff ertastete. Seine Hände fühlten sich heiß an, die Sehnsucht schien seinen ganzen Körper zu durchglühen. Ein großer Fehler.

Warum konnte Jack nicht so cool bleiben wie in seinen Aufsichtsratssitzungen? Offenbar trieben ihn seine Hormone genauso sehr zu Lily wie damals in seiner Jugendzeit. Das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Langsam ließ er Lily los, ging auf Abstand zu ihr und schob die Hände in die Taschen.

Lily spürte sogleich, dass Jack sich wieder im Griff hatte. Es war, als wäre eine Jalousie heruntergesaust. Von der Leidenschaft, die für einen Moment in seinen bernsteinfarbenen Augen aufgelodert war, war mit einem Mal nichts mehr zu sehen.

Stattdessen sah er sie distanziert und gleichgültig an – eigentlich hätte sie ihn dafür hassen sollen. Ganz anders als der Jack Dolan ihrer Jugend. Der Jack Dolan, der sie auf übelste Art und Weise im Stich gelassen hatte, wie sie sich bitter erinnerte. Aber trotzdem bebten ihre Lippen, zitterte ihr Körper vor Erwartung.

Sie zwang sich zu atmen und holte tief Luft, die sie langsam wieder ausströmen ließ. Aber das feine Zittern wollte nicht weichen. Welche Versuchung, welche Qual. Genau wie früher.

Welten hatten sie getrennt – sie, die verwöhnte Tochter des reichsten Mannes weit und breit, und Jack, der Sohn eines seiner Angestellten von der „falschen Seite“ der Stadt.

Nach zwei leidvollen Jahren im Internat war sie auf die Onemata Highschool gekommen. Jack war damals in der Abschlussklasse. Sofort und unwiderstehlich machten sich die Anziehungskraft zwischen ihnen und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl bemerkbar – und naiv, wie Lily war, glaubte sie, sie könnten damit kommende Schwierigkeiten meistern.

Sie teilten ihre Erfolgsträume und wollten ihre Ziele gemeinsam erreichen – bis zu jener Nacht, in der Lily gezwungen worden war, Onemata ohne Jack zu verlassen, und er sich entschieden hatte, ihr nicht zu folgen.

Obwohl sie so müde war, hätte Lily nichts lieber getan, als sich in den Mietwagen zu setzen, nach Auckland zum Flughafen zu fahren und Neuseeland mit dem erstbesten Flugzeug wieder zu verlassen. Aber sie hatte sich geschworen, nie wieder davonzulaufen.

„Ich gebe morgen Abend eine Barbecue-Party. Vielleicht hast du Lust zu kommen. Ein paar alte Bekannte sind auch da.“

Eine Einladung war das Letzte, was sie erwartet hatte. Vielleicht wird es ganz lustig – nein, lieber nicht.

„Na ja, ich bin gerade erst angekommen …“

„Ich dachte nur, wo du doch immer der Mittelpunkt der Gesellschaft warst. Habe ich dich überrumpelt, Lily?“

„Natürlich nicht. Ich weiß nur noch nicht, was Dad für mich organisiert hat. Ich kann dir also noch nicht fest zusagen.“ Oh Gott, was sie sagte, musste sich völlig dämlich anhören.

„Ach ja, dein Vater. Wie war das Wiedersehen mit ihm?“

„Gut“, antwortete Lily zähneknirschend. Um keinen Preis würde sie Jack gegenüber zugeben, dass ihr Vater sie bisher nicht einmal angerufen hatte. „Schreib mir doch auf, wann und wo die Party ist. Wenn ich es einrichten kann, komme ich. Okay?“

Jack schaute sie nachdenklich an und zog dann sein Etui mit Visitenkarten und einen Füller aus der Brusttasche. Mit schnellen Strichen skizzierte er eine Wegbeschreibung auf die Rückseite und gab sie Lily.

„Sieben Uhr, Lily. Ich freue mich, wenn du kommst. Legere Kleidung, ja? Paparazzi werden nicht da sein.“

Damit spielte er auf die Fotografen und Journalisten an, die über ihren Aufstieg zum Ruhm und ihren anschließenden Abstieg berichtet hatten. Etwas in seiner Haltung verriet Lily, wie er wirklich über sie dachte. Doch noch etwas anderes fiel ihr auf: Damals, in jener Nacht, hatte er sie allein gehen lassen, aber offenbar trotzdem aufmerksam verfolgt, welchen Weg sie eingeschlagen hatte.

Seltsamerweise empfand Lily keine Genugtuung darüber.

3. KAPITEL

Schlaftrunken lag Lily nach dem Aufwachen noch eine Weile im Bett. Kein Wunder, sie war ja gestern völlig erschöpft gewesen.

Kurz nachdem Jack das Haus verlassen hatte, war ihr Vater heimgekommen. Was seine abweisende Art betraf, war er anscheinend in Höchstform. Zerstreut hatte er ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange gegeben und vorgeschlagen, sich am nächsten Morgen mit ihr zu unterhalten.

Lily versuchte, sich einzureden, dass sie auch gar nicht mehr von ihm erwartet hatte. Doch sie fühlte sich trotzdem ein bisschen wie ein kleines Mädchen, das bei einer Schulveranstaltung vergeblich auf seinen Dad wartet, damit er ihr bei der Tanzvorführung zusieht.

Wohlig rekelte sie sich auf dem Baumwolllaken und lauschte den Wellen und dem Geschrei der Möwen. Wie früher schien der Strand nach ihr zu rufen.

Schnell machte sie sich ein wenig frisch, zog ihre Jogginghose und ein T-Shirt aus dem Koffer und kramte nach ihren Laufschuhen. Sie sollte allmählich auspacken, doch das würde ihrem Aufenthalt hier etwas Dauerhaftes verleihen, und dazu schien es ihr noch zu früh – einstweilen jedenfalls.

Leichtfüßig lief sie die Treppe hinunter, als ihr plötzlich die Stille im Haus bewusst wurde. Es war untypisch für ihren Vater, um diese Zeit noch zu schlafen, egal ob unter der Woche oder am Wochenende.

Auf der Küchenbank lag eine kurze Notiz von ihm. Er hatte heute Morgen früher ins Büro gemusst, doch er lud sie ein, mit ihm in der Stadt zu Mittag zu essen.

Lily zerknüllte den Zettel und warf ihn wütend auf die Arbeitsplatte. Dad hatte ihr noch immer nicht verziehen, so viel war klar.

Sie unterdrückte ihre Enttäuschung, schob die breite Glastür zur Seite und trat auf die Terrasse. Von da aus eilte sie die Stufen zum Strand hinunter.

Sekunden später trabte sie gemächlich über den Sand, der vom zurückweichenden Wasser noch ganz fest war. Gerade begann die aufgehende Sonne sich gegen die graue Morgendämmerung durchzusetzen.

Einen Moment lang schien es ihr, als gehörte sie hierher, als wäre sie hier am richtigen Platz. Doch sofort schüttelte sie den Kopf, um den Gedanken zu verscheuchen. Es war ja nicht einmal klar, ob sie länger bleiben konnte. Andererseits: Sie hatte gar keine andere Wahl.

Lily zwang sich zu einem schnelleren Tempo. Sie war entschlossen, wieder so fit wie früher zu werden, doch völlig außer Atem musste sie, kurz bevor der Strand zu Ende war, wieder langsamer laufen.

Hier am Strand standen viel mehr Häuser, großteils Ferienhäuser, als zu der Zeit, als sie Onemata verlassen hatte. Natürlich war gegen Neubaugebiete als Zeichen des Fortschritts nichts einzuwenden, aber ein wenig traurig war sie doch darüber, dass die Zivilisation bis zum Paradies ihrer Kindheit vorgedrungen war.

Als ihr ein großes neues Haus auffiel, das zum Strand hin ausgerichtet war, blieb sie stehen, denn irgendwie besaß es mehr Ausstrahlung als die Ferienhäuser und war solide gebaut.

Wo die hoch aufragenden Klippen zum Strand hin abfielen, schien es sich geradezu in die Bucht zu schmiegen. Schwere Säulen trugen eine großzügige Terrasse, von der man sicher eine herrliche Aussicht auf das Meer und die Küstenlandschaft hatte. Links und rechts führten zwei symmetrisch angeordnete Außentreppen zum Strand hinab.

Die gesamte Gebäudeseite wurde von einer verspiegelten Glasfront eingenommen. Unter dem Balkon im ersten Stock lag eine großzügige Loggia – ein Zufluchtsort vor der heißen Sommersonne.

Trotz des im Wesentlichen modernen Designs erinnerte das Haus an die Kolonialzeit, denn es glich im Baustil den Gebäuden der Stadt, die hundert Jahre und älter sein mochten.

Im Gegensatz zur weiß getünchten mediterranen Villa ihres Vaters passte es perfekt in die Landschaft und wirkte, als ob es schon seit vielen Jahren hier stand.

Eine einzelne Person stand an die Brüstung der Dachterrasse gelehnt und betrachtete den Sonnenaufgang. Da erkannte Lily plötzlich, dass es Jack war.

Sogleich meldete sich schmerzhaft ihr Magen. Sie lief einen weiten Bogen und fasste einen anderen Weg ins Auge, um wieder zurückzukommen. Wieder zurückzukommen? Wie symbolträchtig, dachte sie ironisch und lachte bitter.

„Lily!“

Sie lief schneller und tat, als hätte sie die kräftige Männerstimme im Wind nicht gehört.

Ihr wurde eng ums Herz. Sicher hatte sie sich heute Morgen zu viel abverlangt. Es war lange her, dass sie zuletzt an ihre körperlichen Grenzen gegangen war, denn der Arzt hatte sie davor gewarnt, zu viel zu schnell von sich zu erwarten. Schon taten ihre Beinmuskeln weh, und sie bekam Seitenstechen.

Hinter ihr war der gleichmäßige Rhythmus eines offenbar schwereren Läufers zu hören, und Lily gab alles, um in einem Schlusssprint die Stufen zum Anwesen ihres Vaters zu erreichen.

„Langsam. Du bringst dich ja noch um.“

Da spürte sie Jacks kräftige Hände auf ihren Schultern, und ihr blieb keine andere Wahl, als stehen zu bleiben. Er musste wirklich schnell gerannt sein, um sie einzuholen, doch während sie unregelmäßig und stoßweise atmete, schwitzte er nicht einmal.

„W… warum hältst du mich auf?“ Sie beugte den Oberkörper nach vorne, stützte die Hände auf die Oberschenkel und rang nach Luft.

„Ich wollte dir nur einen guten Morgen wünschen – so unter Nachbarn.“

Sein kurz geschnittenes dunkles Haar war vom Laufen zerzaust, einige Strähnen fielen ihm in die Stirn. Am liebsten hätte sie sie ihm zurückgestrichen, doch sie behielt ihre Hände, wo sie waren, und spürte ihre Oberschenkel vor Anstrengung zittern.

„Unter Nachbarn?“ Sie lachte kurz auf.

„Ganz recht.“

„Kommst du heute Abend?“, fragte er ohne Umschweife.

„Ich habe dir ja schon gesagt, dass ich erst abwarten muss, ob Dad etwas für mich geplant hat.“

Jack betrachtete sie. Sah sie da so etwas wie Mitleid in seinen Augen? Das hatte sie wahrhaft nicht nötig!

Sie richtete sich auf und erwiderte seinen Blick. „Na ja, vielleicht klappt es ja mit der Party. So wie es aussieht, ist Dad geschäftlich ziemlich eingespannt. Ja, wahrscheinlich komme ich.“

Um seinen Mund spielte ein Lächeln, und ohne es eigentlich zu wollen, lächelte Lily ebenfalls.

„Das Barbecue fängt um sieben Uhr an.“

„Gut.“ Lily wandte sich zum Gehen. „Soll ich irgendetwas mitbringen?“

„Nur dich selbst. Ich glaube, für alles andere kann ich selbst sorgen.“

„Tja, wie sich die Zeiten geändert haben“, rutschte es ihr heraus.

Jack presste kurz die Lippen zusammen, bevor er antwortete: „Sei doch nicht so gemein, Lily. So machst du dir keine neuen Freunde.“

„Und was ist mit den alten?“, fragte sie, ohne zu zögern. Hatten sie sich von ihr losgesagt, so wie Jack? Eine enge Freundin hatte sie nicht, denn da sie aus dem Internat gekommen war, war sie auf der Onemata High School von Anfang an so etwas wie eine Außenseiterin gewesen. Nur Jack hatte ihr nahegestanden, für jemand anderen war da gar kein Platz mehr gewesen.

„Die meisten von ihnen haben schon länger zugesagt, aber ein paar kommen eigens, um dich wiederzusehen.“

„Ich kann es kaum erwarten.“ Schon bereute Lily, dass sie die Einladung angenommen hatte. „Also um sieben.“

„Ich freue mich schon“, antwortete Jack gedehnt. Ein unangenehmes Gefühl beschlich sie, als ob sie etwas zu befürchten hätte.

„Wirklich?“, murmelte sie und ging zu der Treppe, die zum Grundstück ihres Vaters führte. Jack sah ihr lange nach. Erst als er hörte, wie sie die Schiebetür der Terrasse schloss, trat er den Rückweg an.

Lily machte sich schick für das Treffen mit ihrem Vater, denn zum einen erwartete er das von ihr, zum anderen gab es auch ihrem Selbstvertrauen Auftrieb.

Sie zog eins der Designerkleider aus ihrem Koffer, den sie ziemlich eilig gepackt hatte. Als sie sich erst einmal entschlossen hatte, nach Hause zurückzukehren, war alles sehr schnell gegangen. Nichts hatte sie mehr in Los Angeles gehalten, denn mit dem Nachlassen ihres Erfolges schwand auch ihre Beliebtheit in den Kreisen, in denen sie sich bewegt hatte. Zeit also für einen Schlussstrich.

Die Büros von FonCom, wie Fontaine Compuware hierzulande genannt wurde, waren neu gestaltet worden, und sie hatte sie bisher noch nicht gesehen. Offensichtlich waren dabei keine Kosten gescheut worden. Die Geschäfte müssen gut gehen, dachte Lily.

„Lily!“ Laut hallte die Stimme ihres Vaters durch die Gänge, als er zum Empfang gelaufen kam, um sie zu begrüßen.

Voller Elan führte er sie umher, zeigte ihr die Büros, und sie sprachen mit den Angestellten. Lily fühlte sich wie auf dem Präsentierteller und musste so viel lächeln, dass ihr die Wangenmuskeln wehtaten. Wie sie feststellte, hatte es sich längst herumgesprochen, dass sie bei ihrer Modefirma in Ungnade gefallen war. Doch ihr Vater setzte sich in seiner gewohnten Art – wie eine Dampfwalze – über alle etwaigen Vorbehalte gegen sie hinweg.

Mit Erleichterung nahm sie endlich Charles Fontaine gegenüber Platz, um zu Mittag zu essen. Endlich keine neugierigen Blicke und Fragen mehr. Das Restaurant befand sich in der Nähe von Charles’ Büro und war für seine Meeresfrüchte bekannt.

Ihr Vater sah müde aus. Gestern Nacht hatte sie es darauf zurückgeführt, dass er so lange im Büro geblieben war. Und heute, im klaren Tageslicht, war es erst recht nicht zu übersehen, wie überarbeitet er war. Seine Wangen wirkten unnatürlich gerötet.

Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, lehnten sie sich in ihren Sesseln zurück. Sie betrachteten einander.

„Mrs. Manson hat mir erzählt, sie hat dich heute früh mit Jack Dolan gesehen.“ Charles kam geradewegs zur Sache.

„Spionierst du mir nach, Dad?“ Schon wieder?

„Stimmt es?“

Lily seufzte erbittert. „Ja, es ist wahr. Na und? Ich bin achtundzwanzig und kann ganz gut auf mich selbst aufpassen.“

„Pah!“, schnaubte er. Kein Zweifel, er war ganz und gar nicht dieser Ansicht. „Hast du dich absichtlich mit ihm getroffen?“

„Nein, natürlich nicht. Ich war zum Joggen am Strand und wusste ja nicht, dass ihm dort ein Haus gehört. Er hat mich gesehen und ist mir nachgelaufen.“

„Er ist hinter dir hergerannt wie ein Hund, soviel ich gehört habe.“

Lily stockte der Atem. „Und selbst wenn?“

„Du solltest allmählich wissen, was du von diesem Kerl zu halten hast. Am besten, du hältst dich von ihm fern, Lily, Liebes.“

„Ich entscheide selbst, mit wem ich mich treffe und mit wem nicht.“ Lily kam sich vor wie der Teenager, dem Dad die Hölle heißgemacht hatte, weil sie nach der Schule mit „diesem jungen Dolan“ gesehen worden war.

Wann würde ihr Vater endlich aufhören, sich in die Angelegenheiten anderer Menschen einzumischen?

„Ich will doch nur nicht, dass du wieder verletzt wirst.“ Charles sah den Kellner an, der das Essen brachte, und lächelte ihm zu, was selten vorkam. „Danke, Johnno. Das ist im Moment alles.“

Lily verbiss sich eine Erwiderung, die ohnehin reine Zeitverschwendung gewesen wäre. Ihr Blick fiel auf die gewaltige Portion Meeresfrüchte mit Pommes frites auf dem Teller ihres Vaters.

„Dad, achtest du auch genug auf deine Gesundheit? Willst du das wirklich alles essen?“

„Schon gut, Liebes. Ich weiß schon, was gut für mich ist.“ Er spießte ein Kartoffelstück auf die Gabel, tauchte es erst in die weiße Tartaresauce, dann noch in die Tomatensauce und schob es sich schließlich in den Mund. Seinem Gesichtsausdruck nach schien er das Essen mehr zu genießen als die Wiedersehensfreude am Abend zuvor.

„Also, wo waren wir? Ach ja, beim jungen Dolan. Du wirst dich von ihm fernhalten, stimmt’s?“

Hatte er ihr denn nicht zugehört? Offenbar nicht. Nun, sie würde ihn schon wachrütteln.

„Ich habe nichts dergleichen gesagt, Dad. Du hast es gesagt.“ Sie spürte ein Ziehen in der Magengegend. Kaum war sie einen Tag da, lagen sie sich schon wieder in den Haaren.

„Richtig. Ich habe es gesagt, Liebes. Vergiss es nicht, und wir werden wunderbar miteinander auskommen. Und mal von ihm abgesehen, hast du schon Kontakt zu irgendwelchen alten Freunden aufgenommen?“

Lily zögerte einen Moment, bevor sie antwortete. „Noch nicht, aber heute Abend bin ich zu einem Barbecue eingeladen, wo ich ein paar von ihnen wiedersehen werde.“ Das war zumindest nicht gelogen.

„Gut, gut. Es freut mich, dass du beschäftigt bist. Ich bleibe wieder länger im Büro – zum Glück kann ich über die Geschäftslage nicht klagen. Du weißt ja, schlechten Leuten geht es immer gut. Haha!“

Das Lachen über seinen eigenen Scherz klang irgendwie unecht. Ihn schien etwas zu bedrücken, doch leider hatte sie nicht den Zugang zu ihm, um ihn danach zu fragen.

Stattdessen widmete sie sich ihren Calamari und dem Salat und beschloss, sich bei Mrs. Manson zu erkundigen, was ihr Vater zu Hause normalerweise aß. Wenn sie schon sonst keinen Einfluss auf ihn hatte, würde sie wenigstens dafür sorgen, dass er sich etwas gesünder ernährte.

Ihr Vater lenkte die Unterhaltung auf allgemeinere Themen, wobei er so laut über ihre Arbeit redete, dass sich viele Gäste nach Lily umdrehten. Sie hätte sich am liebsten unter dem Tisch versteckt. Stattdessen blieb sie in aufrechter Körperhaltung sitzen, setzte ein künstliches Lächeln auf und zählte die Minuten, bis ihr Dad glücklicherweise ins Büro zurückmusste.

4. KAPITEL

Auf dem Kies der Auffahrt brachte Lily ihr Auto zum Stehen und stellte den Motor ab. Sieben Uhr fünfundzwanzig. Sie war zu spät dran. Nach der großen Zahl bereits geparkter Autos zu schließen, sogar viel zu spät. Damit lieferte sie Jack einen weiteren Grund für Sticheleien.

Ohne die Sturheit ihres Vaters, was Jack betraf, hätte sie bestimmt längst angerufen und abgesagt. Sie hatte sich kaum entscheiden können, welches das kleinere Übel war: zur Party zu gehen oder einen weiteren Abend allein zu Hause zu verbringen. Eine Stunde hatte sie sich mit dieser Frage herumgeschlagen und dann noch mal so lange dafür gebraucht, sich für eine Abendgarderobe zu entscheiden.

Eine Windböe fegte ums Haus und riss ein paar Haarsträhnen aus ihrer Steckfrisur, für die sie sich schließlich entschieden hatte. Am besten erschien ihr, sich so zu zeigen, wie die anderen es erwarteten: als das Model Lily Fontaine, das zum internationalen Jetset gehörte.

„Legere Kleidung“, hatte Jack gesagt. Die trug sie, zumindest für ihre Verhältnisse.

Ihre an den richtigen Stellen zerrissenen Hüftjeans erlaubten kleine Einblicke auf ihre schön gebräunten Oberschenkel und zeigten ihren gepiercten Bauchnabel, der mit einem Edelstein geschmückt war. Zierliche Riemchensandalen mit unglaublich hohen Absätzen und ein seidiges goldfarbenes Neckholder-Top sahen unverkennbar nach Laufsteg aus.

Ihre Kleidung bedeutete für Lily eine Art Rüstung, und irgendetwas sagte ihr, dass sie an diesem Abend jeden Schutz brauchen konnte.

Sie stieg aus dem Auto, richtete sich kerzengerade auf und ging zu der breiten Treppe, die zur Haustür hinaufführte. Von hier aus wirkte Jacks Haus mindestens so eindrucksvoll wie vom Strand aus, schon der parkähnliche Garten mit der Auffahrt ließ einigen Reichtum in diesem Traumanwesen vermuten.

Lilys hohe Absätze klapperten auf den Holzstufen. Die Schuhe hatte sie ausgewählt, um mit Jack einigermaßen auf eine Augenhöhe zu kommen und ihm damit gewissermaßen gleichgestellt zu sein. Als sie näher kam, wurde die Tür geöffnet. In diesem Moment sauste wieder der Wind in ihr Haar, sodass ihr eine weitere Strähne weich ins Gesicht fiel.

Jack stand in der Tür. Durchdringend betrachtete er Lily, und in seinen Gesichtszügen spiegelte sich eine plötzliche und so unbändige Begierde, dass sie regelrecht erschrak. Vielleicht war sie mit der Auswahl ihrer Kleidung heute Abend doch etwas zu weit gegangen? Es war nicht schwer zu erraten, dass sie unter ihrem Top keinen BH trug. Der weich fließende Stoff um einen tiefen Ausschnitt schwang bei ihren anmutigen Bewegungen mit und betonte bei jedem Schritt ihre wohlgeformten Brüste.

„Du bist spät dran“, sagte er kurz.

„Ja. Tut mir leid.“ Sie tat ihm nicht den Gefallen, irgendwelche Erklärungen abzugeben. Das würde ja so aussehen, als ob sie auf seine Meinung Wert legte – und das war nicht der Fall, nicht mehr.

„Wirklich, Lily?“

„Was meinst du?“

„Tut es dir wirklich leid?“

Sie senkte den Kopf, damit sie Jack nicht in die Augen sehen oder seine Frage beantworten musste.

„Komm mit.“ Er führte sie durch die elegante Eingangshalle und einen Durchgang in einen großzügigen, offenen Wohnbereich.

Vor der Fensterfront waren die Sitzgarnituren so angeordnet, dass alle Gäste den Blick auf den Ozean genießen konnten. Ein moderner Kronleuchter warf sein Licht auf die lange, zum Dinner gedeckte Tafel weiter rechts.

Im Wohnbereich und auf der Dachterrasse standen Leute in kleinen Gruppen herum. Das ruhige Meer glänzte im Licht der untergehenden Sonne. Ein paar der Gäste drehten sich zu Lily herum und starrten sie an, bevor sie sich wieder ihren Gesprächspartnern zuwandten.

Lily spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Schön hast du es hier“, sagte sie, während sie die Kunstwerke an den Wänden ansah.

„Ein Zuhause“, antwortete Jack unverbindlich.

Ja, ein richtiges Zuhause.

Lily, die kostbare Dinge zu schätzen wusste, hätte an jedem einzelnen Einrichtungsgegenstand ein Preisschild anbringen können. Die Möblierung war perfekt, und alles stand am richtigen Platz – aber gleichzeitig strahlte der Raum echte Wärme aus. Man fühlte sich eingeladen, sich auf eines der weißen Ledersofas vor dem freundlichen Holzofen mit der Glastür zu setzen, die Schuhe auszuziehen und die Beine hochzulegen – kurz, es sich richtig gemütlich zu machen.

„Lebst du hier allein?“ Verflixt, warum hatte sie das gefragt? Es interessierte sie doch überhaupt nicht.

„Zurzeit.“

Wie kurz angebunden er ist, dachte sie irritiert. Das machte die Sache schwierig. Kaum dass sie hier war, fühlte sie sich schon wie nach drei Runden eines emotionalen Boxkampfes.

Als dezente Hintergrundmusik war der sanfte Gesang eines italienischen Tenors zu hören. Lily ließ sich von dem reichen Timbre seiner Stimme verzaubern und beruhigen.

Jack nahm eine Flasche Champagner aus dem Sektkühler und stellte ein zerbrechliches schlankes Glas auf den Tisch.

„Champagner?“, fragte er.

„Danke. Gern.“

Geflissentlich vermied sie es, seine Finger zu berühren, als er ihr die Flöte mit der golden schäumenden Flüssigkeit reichte.

Jack beobachtete, wie Lily davon trank. Ein winziger Tropfen blieb auf ihren Lippen zurück. Sie musste nervös sein, denn ihre Hand zitterte leicht. Beim Trinken verrutschte der hauchdünne Stoff ihres Tops – seit er ihr die Tür geöffnet hatte, hatte er auf diesen Moment gewartet. Da er seitlich neben ihr stand, konnte er sogar ihren unteren Brustansatz sehen.

Ob das herzförmige Muttermal unter ihrer linken Brust in den letzten zehn Jahren verblasst war? Oder wartete es nur darauf, von ihm mit der Zunge aufgespürt zu werden? Plötzlich spürte er die Sehnsucht nach ihr als Ziehen in der Leistengegend.

Sie zu verführen würde ihm nicht schwerfallen, aber sie zu überzeugen war eine wirkliche Herausforderung – und nichts liebte Jack mehr als Herausforderungen.

Er nahm sie beim Arm und führte sie hinaus auf die große Terrasse. „Komm und schau, wer alles da ist. Sie freuen sich auf dich.“

„Darauf könnte ich wetten.“

Klang da Angst in ihrer Stimme mit, oder war es der Zynismus, den sie neuerdings an den Tag legte? Jack tippte auf das Erste. Eigentlich sollte er ein gewisses Mitgefühl empfinden, doch damit sah es schlecht aus, was die Fontaines betraf, denn Charles Fontaine hatte seinen Vater vernichtet und seine Familie zerstört, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Dafür würden er und seine Tochter teuer bezahlen.

Er legte den Arm um ihre Taille und begleitete sie als vollendeter Gastgeber von einem zum anderen, stellte sie denen vor, die sie noch nicht kannte, und half bei alten Freunden dem Gedächtnis auf die Sprünge.

Zu ihrer Überraschung ging alles glatt, und sie stellte sich bei den Gesprächen nicht so unbeholfen an, wie sie befürchtet hatte. Angeregt unterhielt sie sich mit den anderen.

Natürlich fiel die eine oder andere spitze Bemerkung, die Lily mit einem Lächeln oder einem Scherz überging. Doch etwas an ihrem Lachen, an der Art, wie sie sprach, gab Jack das Gefühl, sie spiele wie auf einer Bühne.

Schnell wurde ersichtlich, dass alle sie wie ein Paar behandelten, und da es Jacks Absichten entgegenkam, ließ er seine Gäste in dem Glauben.

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