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BACCARA EXKLUSIV BAND 152

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Es begann im Grand Hotel …

PROLOG

Juli, vor fünf Monaten

Brooke Garrison bestellte sich zum ersten Mal in ihren achtundzwanzig Jahren einen hochprozentigen Cocktail.

Sie griff nach dem großen bunten Glas, das ihr der ältliche Barkeeper im Foyer des „Garrison Grand“ reichte. Erschrocken sah sie, wie ihre Hand zitterte. Hinter ihr lag allerdings auch ein schrecklicher Tag, Brooke fühlte sich immer noch völlig durcheinander. Das Testament ihres Vaters war verlesen worden – und sie hatte gerade von dem Doppelleben erfahren, das er geführt hatte.

„Danke“, sagte sie und sah verstohlen auf das Namensschild des Mannes. „Donald.“

„Gern geschehen, Miss Garrison.“ Er schob ihr so elegant eine weitere Serviette zu, wie der Pianist zum nächsten Lied überging. „Und bitte nehmen Sie mein herzliches Beileid für Ihren Vater entgegen. Er wird uns allen sehr fehlen.“

Das sagten mehr Menschen zu ihr, als sie sich vorgestellt hätte. „Sie sind sehr freundlich, Donald. Noch einmal vielen Dank.“

„Keine Ursache. Lassen Sie es mich wissen, falls Sie noch etwas brauchen.“

Was sie brauchte, konnte er ihr nicht geben. Brooke wünschte, sie könnte diesen fürchterlichen Tag ein für alle Mal auslöschen und von vorn beginnen. Oder dass sie wenigstens aufhören könnte, ständig daran zu denken – geschweige denn darüber zu reden. Die Empfangsdame ihres Bruders hatte ihr schon vier Mal auf die Mailbox gesprochen. Aber Brooke weigerte sich, darauf zu reagieren.

Zögernd nippte sie an dem Cocktail und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Geistesabwesend betrachtete sie den Schein der Kerzenflamme, der sich in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit brach. Vielleicht lagen irgendwo auf dem Grund dieses Glases die Antworten auf ihre Fragen. Was hatte ihr die Mutter geraubt? Und warum hatte ihr Vater seit so vielen Jahren die Hälfte seiner Zeit mit einer anderen Frau verbracht?

Die verbitterten Worte ihrer Mutter gingen Brooke einfach nicht aus dem Sinn. Nach der Testamentseröffnung an diesem Morgen hatte Bonita gesagt: „Der hinterhältige Mistkerl. Ich bin froh, dass er tot ist.“

Eine wirklich großartige Art zu erfahren, dass John Garrison nicht nur fünf Kinder gezeugt hatte, sondern sechs. Abgesehen von ihren drei Brüdern und der eineiigen Zwillingsschwester hatte Brooke eine Halbschwester, von deren Existenz sie gerade erst erfahren hatte. Von dieser Schwester hatte er ihnen nie ein Wort erzählt, solange er noch am Leben gewesen war. Stattdessen hatte er es vorgezogen, ihnen diese Neuigkeit in seinem Testament mitzuteilen, in dem er Cassie Sinclair – dieser neu entdeckten Schwester – einen nicht zu verachtenden Anteil am Garrison-Vermögen vermachte.

Nicht dass es Brooke um das Geld ging. Doch der Verrat ihres Vaters tat weh.

Stimmengemurmel und das unverkennbare Klirren von Gläsern, die aneinanderstießen, erinnerten Brooke an die Menschen um sie herum – Menschen, die definitiv glücklicher waren als sie. Im Augenblick war ihr nicht nach fröhlichen Leuten zumute. Brooke wich den Blicken einiger Männer aus, die versuchten, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Seufzend setzte sie das langstielige Glas wieder an die Lippen. Wie alles in diesem Hotel, angefangen bei den frischen Blumen und bis zu den Tischdecken aus feinstem Damast, war auch der Cocktail von allererster Güte. Trotzdem schmeckte er für Brooke nach nichts. Sie fühlte nichts außer ihrem Kummer.

Bisher hatte sie insgeheim immer ihre Mutter dafür verantwortlich gemacht, dass ihr Vater so häufig geschäftlich verreist war. Brooke hatte geglaubt, dass Bonita ihren Dad vertrieben hatte. Jetzt fragte sie sich, ob es vielleicht genau andersherum gewesen war. Womöglich hatte das Verhalten ihres Vaters Bonita in die Verzweiflung getrieben?

Wie sollte sie klar denken, wenn die Trauer um einen ihr so wichtigen Menschen sie innerlich geradezu verzehrte? Das Hotel war angefüllt mit Erinnerungen an ihren Dad. Jeden einzelnen Einrichtungsgegenstand hatte er nach seinen persönlichen Wünschen gestalten lassen – vom eindrucksvollen Kristallleuchter in der Bar bis zu den vielen hoch aufragenden Säulen.

Gedankenverloren berührte Brooke mit der Fingerspitze den Rand ihres Glases. Bisher hatte sie noch nie einen hochprozentigen Cocktail getrunken.

Aber heute war kein gewöhnlicher Tag.

Einen Moment lang betrachtete sie die Säulen in der Hotelhalle vor der Bar. Plötzlich spürte sie, dass sich etwas veränderte. Der Abend war so ungewöhnlich, wie sie es niemals für möglich gehalten hätte.

Ein Mann betrat das Hotel. Obwohl die Halle nur schwach beleuchtet war, erkannte Brooke ihn sofort. Er war wirklich der Letzte, den sie hier je erwartet hätte. Denn ihre Familien konkurrierten seit Jahren geschäftlich miteinander. Und die Rivalität hatte sich nur noch verstärkt, seit Jordan an die Stelle seines Vater getreten und die Firmenleitung übernommen hatte.

Warum war Jordan heute also hier?

Vehement unterdrückte sie den Impuls, Jordan gute Absichten zu unterstellen. Brooke zwang sich, wie ihre Geschwister zu denken und misstrauisch zu sein. Die Antwort auf ihre Frage lag auf der Hand. Offenbar war Jordan ins Hotel ihres Bruders Stephen gekommen, um zu sehen, mit welchen Neuerungen die Konkurrenz die Hotelgäste begeisterte. Und damit verschaffte er Brooke ungewollt eine gute Gelegenheit, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen.

Mit der trägen Geschmeidigkeit eines Löwen durchquerte Jordan den Raum. Nein, „träge“ war nicht das richtige Wort.

Wenn sie endlich die Haltung ihrer Geschwister annahm, musste sie es anders sehen: Dann würde ein Jefferies eine träge Haltung vortäuschen, um seine Beobachter abzulenken. Brooke musste zugeben, dass es ihm in jedem Fall ausgezeichnet gelang. Fasziniert ließ sie den Blick über sein attraktives Gesicht und seinen muskulösen Körper schweifen.

Natürlich fiel ihr nicht zum ersten Mal auf, wie umwerfend gut Jordan aussah. Er war zwar der Feind der Familie, aber deshalb war Brooke nicht gleich blind. Bis jetzt hatte sie ihn lediglich als einen Mann wahrgenommen, der absolut tabu für sie war.

Brooke hätte nicht sagen können, wie oft sie ihren ältesten Bruder Parker nach einem konfliktreichen Geschäftstreffen mit Jordan schon hatte toben hören vor Wut. Jedes Mal hatte Brooke versucht, Parker zu besänftigen und eine friedliche Lösung vorzuschlagen. Darin war sie jedoch allzu oft gescheitert.

Heute hatte die Verlesung des Testaments die ganze Familie erschüttert. Brooke erinnerte sich mit Schaudern an die abfälligen Worte ihrer Mutter.

Der hinterhältige Mistkerl. Ich bin froh, dass er tot ist.

Wieder kam der Barkeeper zu ihr und riss sie aus ihren Gedanken. „Kann ich noch etwas für Sie tun, Miss Garrison?“

Garrison. Sie konnte ihrer Familie nicht entfliehen. Genauso wenig wie sie Frieden schaffen konnte. Warum gab sie sich also überhaupt noch so viel Mühe damit?

Plötzlich kam ihr eine Idee, und ihr Herz klopfte schneller.

Nach einem derart furchtbaren Tag verspürte sie das dringende Bedürfnis, etwas zu unternehmen. Bestimmt würde Parker sich aufregen, das war ihr in diesem Moment allerdings gleichgültig.

„Ja, Donald, Sie können wirklich etwas tun. Bitte sagen Sie dem Gentleman dort drüben …“ Sie wies unauffällig in Jordans Richtung. „… dass seine Drinks heute Abend aufs Haus gehen.“

„Gern, Miss Garrison.“ Der Barkeeper lächelte diskret und ging zum anderen Ende der schimmernden Theke. Nachdem er die Nachricht weitergegeben hatte, hielt Brooke erwartungsvoll den Atem an.

Was würde Jordan Jefferies davon halten, dass sie einfach seine Drinks bezahlte? Wahrscheinlich schloss er daraus nichts weiter, als dass eine Garrison seine Gegenwart zur Kenntnis genommen hatte.

Würde er sich überhaupt an sie erinnern? Doch, das sicher schon, dachte sie. Er war ein kluger Geschäftsmann, natürlich kannte er alle Garrisons. Die Frage war wohl eher, ob er sie von ihrer Zwillingsschwester Brittany unterscheiden konnte.

In diesem Moment sah er zu ihr herüber, und ihre Blicke begegneten sich. Trotz der schummrigen Beleuchtung erkannte sie deutlich, wie intensiv seine blauen Augen glänzten. Und sein angedeutetes Lächeln zeigte einen Hauch von Interesse.

Jordan nahm sein Glas und bahnte sich einen Weg an den anderen Gästen vorbei, um seelenruhig und ohne zu zögern auf Brooke zuzugehen. Schließlich stellte er seinen Drink auf die Theke, direkt neben ihren. „Ich hätte von einer Garrison keine so nette Begrüßung erwartet. Sind Sie sicher, dass Sie den Barkeeper nicht gebeten haben, meinen Drink zu vergiften, Brooke?“

Er hatte sie erkannt. Oder war es nur ein Zufallstreffer?

„Woher wollen Sie wissen, dass ich nicht Brittany bin?“

Lächelnd streckte er die Hand aus und wies, ohne sie zu berühren, auf eine Locke, die ihr in die Stirn gefallen war. „Deswegen. Eine solche eigensinnige Haarsträhne ist charakteristisch für Brooke.“

Sosehr es sie auch verblüffte, er hatte sie tatsächlich erkannt. Dabei war es sogar ihrem Vater oft schwergefallen, seine Töchter auseinanderzuhalten.

In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie doch über die große Portion Entschlossenheit verfügte, die die Garrisons auszeichnete. Brooke war genauso mutig, auch wenn sie es bis jetzt nicht geglaubt hatte. Sie hob ihr Glas, toastete Jordan stumm zu und sah ihm in die Augen.

Sie war ihm so oft begegnet, und sie hatte ihn schon immer begehrt. Heute Abend würde sie – der Feindschaft zwischen ihren Familien zum Trotz – ihrem Wunsch nachgeben und ihn sich nehmen.

1. KAPITEL

Gegenwart

„Frohe Weihnachten, ich erwarte ein Kind. Dein Kind“, murmelte Brooke vor sich hin. Sie übte die richtige Formulierung, bevor der Vater ihres Babys ihr Büro betrat. Jeden Augenblick musste er hier sein.

Nervös saß sie hinter dem Metallschreibtisch, wo sie für gewöhnlich das „Sands“ leitete, das Immobilienunternehmen der Familie. Ohne sich dessen richtig bewusst zu sein, spielte Brooke mit einer Haarsträhne und verspürte schon wieder Appetit auf Pfefferminzeis. Dabei hatte sie zum Frühstück bereits eine riesige Kugel gegessen.

Die Zeit schien zu rasen, die Sekunden schienen schneller zu verstreichen, als die Lichter am Weihnachtsbaum aufblitzten, der in der Ecke des Büros stand. Brooke wusste immer noch nicht, wie sie Jordan am besten die Neuigkeiten beibrachte.

„Ich erwarte ein Baby, und es ist deins“, probierte sie einen anderen Ansatz. „Die Kondome, die wir benutzt haben, haben offenbar versagt. Wahrscheinlich das eine Mal im Whirlpool.“

Nein, es war keine gute Idee, sich an jenen Abend mit Jordan zu erinnern. Sie schob sich eine Locke aus dem Gesicht, die sich aus dem Knoten gelöst hatte. Als Leiterin eines Immobilienunternehmens sollte ich wirklich entschlussfreudiger sein, schalt Brooke sich im Stillen.

Nur dass bis jetzt noch nie ein Entschluss so wichtig gewesen war wie dieser.

Und überhaupt, „erwarten“. Das klang fast, als würde die Post bald ein Paket bei ihr abliefern.

Sie zog sich die Schuhe aus und seufzte. Obwohl sie keine Nylonstrumpfhose trug, waren ihre Füße in letzter Zeit leicht geschwollen. Weil Brooke wie die meisten in Miami oft leicht gebräunt war, konnte sie es sich leisten, einfach ohne Strumpfhose aus dem Haus zu gehen. Warum machte sie sich gerade über so profane Dinge Gedanken?

Höchstwahrscheinlich um dich vom eigentlichen Problem abzulenken, beantwortete sie sich ihre Frage nüchtern.

Die fehlerlose Rede hätte schon längst fertig sein sollen. Einer Situation so schlecht gewachsen zu sein, das sah Brooke gar nicht ähnlich. Sie war die Perfektionistin in der Familie, war immer sehr gut vorbereitet und bereitete niemandem Schwierigkeiten. Nur heute, an diesem wichtigen Tag, konnte sie das von sich nicht gerade behaupten.

Am schlimmsten fand sie, dass es keine Rechtfertigung für ihren Mangel an Konzentration gab. Nachdem die Neuigkeit neulich beim Familientreffen wie eine Bombe eingeschlagen war, hatte Brooke gewusst, dass es nicht lange dauern würde, bis es sich herumsprach. Irgendwann würde ihr Schwager eine Bemerkung machen. Emilio würde es seinem Bruder und Geschäftspartner schon erzählen – der kein anderer war als Jordan Jefferies höchstpersönlich. Irgendwann musste Brooke sich der Konfrontation stellen.

Vorhin hatte ihre Sekretärin angerufen und erklärt, dass sich der größte Rivale der Garrisons auf dem Weg in Brookes Büro befand. Da hatte sie gewusst, dass dieses „Irgendwann“ gekommen war.

Schnell überlegte sich Brooke eine andere Version. „Weißt du noch, vor fünf Monaten, als ich gerade von der Testamentseröffnung meines Vaters gekommen war? Es war derselbe Abend, an dem ich tatsächlich einen Cocktail getrunken habe.“ Darin hatte ihr erster Fehler bestanden, da sie an Alkohol wirklich nicht gewöhnt war. Eigentlich trank Brooke nie. „Und danach hatten wir heißen Sex in einem Hotelzimmer, bis …“

Plötzlich ging die Tür auf, und Brooke stockte der Atem.

Jordan brauchte die Tür nicht dramatisch aufzureißen oder sie mit einem Stoß gegen die Wand schlagen zu lassen. Das hatte er nicht nötig. In seinem Nadelstreifenanzug strahlte er eine Autorität aus, auf die jeder reagierte, ohne dass Jordan sich dazu besonders anstrengen musste. Brooke betrachtete die diamantenen Manschettenknöpfe und den perfekt sitzenden Anzug. Der Anblick ließ sich in keiner Weise mit der wilden, aufregenden Nacht in Einklang bringen, die sie verbracht hatten.

Er war fast einen Meter neunzig groß, sodass er mit dem Kopf beinahe den Mistelzweig streifte, der von der Decke herunterhing.

Genauso leise, wie er hereingekommen war, schloss Jordan die Tür hinter sich. Das Schloss klickte. Brooke zuckte zusammen und spürte gleichzeitig, wie das Baby zu treten begann.

Zielstrebig kam er auf ihren Schreibtisch zu, seine Miene war völlig ausdruckslos und ernst. Unwillkürlich musterte Brooke sein perfekt frisiertes Haar und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ohne darüber nachzudenken. Zu ihrer Verblüffung kniete Jordan sich kurz auf den Boden und richtete sich im nächsten Moment wieder auf. In den Händen hielt er ihre Schuhe.

Mit einem Mal nahm sie einen Hauch seines Rasierwassers wahr. Prompt erinnerte sie sich an jenen Morgen … Brooke hatte sein Kissen an sich gedrückt und tief seinen Duft eingeatmet. Kurz danach war sie gegangen, ohne ihn zu wecken oder sich von ihm zu verabschieden.

„Hallo, Brooke.“ Er legte einen Schuh auf den Tisch, den anderen behielt er in der Hand. „Wegen mir brauchst du nicht aufzustehen.“

„Da du meine Schuhe an dich genommen hast, bleibe ich wohl besser sitzen.“ Dadurch konnte sie auch ihren verräterisch runden Bauch verbergen – solange es noch ging. Im Grunde half es nichts, aber im Moment klammerte sie sich an jeden Strohhalm.

Wenigstens hatte er sie nicht angeschrien. Wahrscheinlich weil er Zeit gehabt hatte, um sich mit der Neuigkeit anzufreunden. Jetzt wollte Brooke nur sichergehen, dass er ihr glaubte und nicht die Vaterschaft anzweifelte.

Ein seltsamer Gedanke überfiel sie. Hatte sie etwa ihre Familie benutzt, um Jordan davon in Kenntnis zu setzen? Hatte sie es unbewusst so eingefädelt, um ihm nicht selbst von der Schwangerschaft erzählen zu müssen? Brooke hielt sich zwar für eine kluge Geschäftsfrau, die sich ihren Platz im Familienunternehmen verdient hatte. Aber sie war dafür bekannt, dass sie privat jeder Auseinandersetzung aus dem Weg ging.

War sie dem Konflikt tatsächlich ausgewichen, oder hatte sie alles nur noch schlimmer gemacht? Sosehr sie auch versuchte, aus Jordans Miene klug zu werden, er ließ sich nicht das Geringste anmerken.

Er stand nur da und strich gedankenverloren mit dem Daumen über ihren Schuh. Zu ihrem Entsetzen gelang es ihm mit dieser einfachen Geste, in ihr dieses überwältigende Verlangen zu wecken. Mit jeder Faser ihres Körpers sehnte Brooke sich nach seinen Liebkosungen. Es lag bestimmt an den Hormonen. In einem der Schwangerschaftsbücher, die sie gelesen hatte, hieß es, dass so etwas im mittleren Trimester häufig geschah. Bis jetzt hatte sie das für ein Märchen gehalten.

„Ich bin schwanger“, platzte sie gleich heraus. So sah also eine würdevolle Rede aus. Innerlich zuckte Brooke zusammen. Jetzt konnte sie sich wohl auch sparen, ihm frohe Weihnachten zu wünschen.

„Das habe ich mir auch sagen lassen“, erwiderte er ruhig.

„Und das Baby ist von dir.“

„Natürlich.“

Arroganter Kerl. Aber so sexy. Sie unterdrückte ein Seufzen. Plötzlich war es ihr gar nicht mehr so wichtig, ihn zu beschwichtigen. Seltsamerweise benahm sie sich in seiner Gegenwart ganz anders, als ihre Mitmenschen es von ihr gewohnt waren. „Warum bist du so sicher?“

„Weil du es mir gesagt hast.“ Er kam halb um den Schreibtisch herum und stellte ihren Schuh auf das Mauspad. „Ich habe das Vermögen meines Vaters vor allem deswegen verdoppelt, weil ich weiß, wem ich vertrauen konnte und wem nicht.“

„Du bist ja sehr überzeugt von dir.“

„Bis jetzt habe ich mich noch nie geirrt, Brooke. Und ich vermute, es ist im Whirlpool geschehen. Da haben wir uns wirklich etwas hinreißen lassen.“ Seine tiefe Stimme klang so seidenweich und verführerisch, dass Brooke unwillkürlich erschauerte.

Sie schluckte mühsam. „Äh … ja, das schätze ich auch.“

Sanft strich er ihr die Haarsträhne hinter ein Ohr. „Außerdem sind deine braunen Augen nicht die einer Lügnerin.“

Nur mit größter Anstrengung konnte sie sich davon abhalten, den Blick zu seinem Mund schweifen zu lassen. „Du willst damit sagen, dass ich gefühlsduselig und vielleicht sogar dumm bin?“

„Ich will damit sagen, dass du ein guter Mensch bist. Ein sehr viel besserer als ich, wenn du es genau wissen willst. Außerdem, was hättest du davon, mir irgendetwas vorzuschwindeln? Nichts.“

„Ach so, also hat dein Vertrauen in mich eher etwas mit Logik zu tun als mit deinen geheimnisvollen Fähigkeiten, meinen Blick zu deuten.“

„Brooke. Hör auf, mich hinzuhalten.“

Brabbelnde Brooke. Ihr Vater hatte sie früher so genannt, wann immer sie nervös geworden war. Dabei hatte sie sich solche Mühe gegeben, nach außen hin ruhig und gelassen zu wirken. Auch heute noch, auf keinen Fall wollte sie so zynisch und verletzend werden wie ihre Mutter.

Jordan hatte recht. Sie wollte ihn hinhalten, weil sie sich unbeschreiblich unsicher fühlte. Bei Licht betrachtet erkannte sie sich selbst kaum wieder. Sie war nicht mehr mit der Frau zu vergleichen, die vor fünf Monaten mit Jordan ins Bett gegangen war.

Warum hatte er nicht auf der anderen Seite des Schreibtisches stehen bleiben können?

Jetzt führte kein Weg mehr daran vorbei. Sie konnte sich ein für alle Mal von ihrer Eitelkeit verabschieden.

Entschlossen stieß Brooke sich vom Schreibtisch ab, und der Sessel rollte zurück. Sie konfrontierte Jordan mit dem Anblick ihres grünen Kleids, das ihren Bauch umschmeichelte.

Jordan war sekundenlang sprachlos.

Er hatte zwar schon gehört, dass Schwangere eine besondere Ausstrahlung hatten … dass sie schöner aussahen als gewöhnlich. Aber er hatte es eigentlich immer für Blödsinn gehalten. Bis jetzt.

Brookes zarte Haut schimmerte wie Porzellan. Und er hätte schwören können, dass ihr seidenweiches braunes Haar stärker glänzte als beim letzten Mal, als er sie gesehen hatte. Ihre Brüste waren voller und schwerer. Mühsam riss er sich zusammen, um sie nicht wieder zu streicheln.

Schließlich ließ er den Blick zu ihrem Bauch gleiten; die heftigen Gefühle, die dieser Anblick in ihm hervorrief, waren kaum zu beschreiben. Jordan hatte noch nie etwas Vergleichbares empfunden – er war tief bewegt, so voller Stolz.

Sein Kind.

Sobald er erfahren hatte, wann das Kind zur Welt kommen sollte, hatte er gewusst, dass es seins war. Trotzdem war es etwas vollkommen anderes, den Beweis vor Augen zu haben. Jordan fühlte sich auf ganz andere Weise mit Brooke verbunden, jetzt da sie sich auf ein gemeinsames Kind freuen konnten. Auf keinen Fall würde er zulassen, dass sie ihn einfach ausschloss. Nein, das würde er nicht, und wenn er gegen ihre gesamte Familie ankämpfen musste.

Er zwang sich, seine Gefühle zu bezähmen, und betrachtete Brooke. Ihr Kinn mit dem charakteristischen Grübchen, alle Garrisons hatten es. Man mochte ihn ja als hartgesotten bezeichnen, wenn es um seine Deals für die „Jefferies Brothers Incorporated“ ging. Jetzt hielt er es für das Beste, Brooke zu zeigen, wie sehr ihn dieser Augenblick berührte.

Langsam setzte er sich auf die Tischkante und stieß heftig den Atem aus. „Verdammt, Brooke, das ist unglaublich.“

Ihr strahlendes Lächeln bewies ihm, dass er die richtige Reaktion zeigte. Zweifellos instinktiv legte Brooke sich die Hand auf ihren Bauch. „Ich bin auch noch dabei, mich daran zu gewöhnen, deswegen bin ich auch noch nicht dazu gekommen, es dir zu sagen.“

Eigentlich hätte er sie gern darauf hingewiesen, dass sie immerhin Zeit gefunden hatte, um es ihrer ganzen verflixten Familie zu sagen. Im Augenblick hielt Jordan sich zurück – zum Glück. Es wäre alles andere als klug, Brooke Vorwürfe zu machen. Wenn er sie verärgerte, würde er nur alles aufs Spiel setzen. „Wichtig ist nur, dass wir jetzt hier sind … zusammen.“

Zusammen. Das Wort erinnerte ihn an ihre Liebesnacht. Er brauchte Brooke nur anzusehen, und schon überkam ihn dasselbe machtvolle Begehren wie damals. Und warum sollte er das Verlangen, das er für Brooke empfand – und sie offensichtlich auch für ihn – nicht zu seinen Gunsten nutzen?

Wieder strich er ihr die Locke aus dem Gesicht und streichelte dann zärtlich Brookes Wange. Ihre Haut fühlte sich mindestens genauso weich an wie ihr Haar.

„Jordan“, sagte sie und runzelte die Stirn. „Ich wusste, dass es kompliziert werden würde, aber ich werde meine Anwälte bitten, sich mit dir in Verbindung zu setzen, damit du sicher sein kannst, dass du …“

Er ließ sie nicht weiterreden, sondern küsste sie. Sinnlich berührte er ihren Mund. Sie schmeckte nach Pfefferminz, und er konnte nur noch daran denken, dass sie die verführerischste Frau war, der er je begegnet war. Der Pfefferminzgeschmack war neu. Doch an das heiße Begehren, das Brooke nach wie vor in ihm weckte, erinnerte er sich noch sehr gut. In jener schicksalhaften Nacht vor fünf Monaten, als ihre Wege sich im „Garrison Grand“ gekreuzt hatten, waren sie von ihren Gefühlen überwältigt worden. Jordan hatte sich damals eigentlich nur bei der Konkurrenz umsehen wollen, während er sein neues Hotel, das „Victoria“, bauen ließ.

Natürlich hatte er Brooke schon oft gesehen. Aber in jener Nacht hatte sie so verletzlich gewirkt, dass er den unbedingten Wunsch verspürt hatte, ihr zur Seite zu stehen. Bevor er zur Vernunft hätte kommen können, hatten sie sich in der Aufzugskabine eng aneinandergeschmiegt und sich wild und leidenschaftlich geküsst.

Genauso wild und leidenschaftlich wie jetzt. Jordan erinnerte sich noch sehr gut an alles, was in jener Nacht geschehen war – daran, wie Brooke sich angefühlt hatte, wie sie sich an seine Schultern geklammert und ihn zu mehr herausgefordert hatte … Sein Körper reagierte auch jetzt mit einer Heftigkeit, die ihn überraschte, obwohl er im Grunde mit nichts anderem hätte rechnen sollen.

Er konnte sich allerdings nicht leisten, die Kontrolle zu verlieren. Es stand so viel auf dem Spiel. Brooke erwartete sein Kind, und er musste sich darüber klar werden, was eine Verbindung mit ihr für Auswirkungen auf seine Geschäfte hatte. Immerhin war sie eine Garrison und gehörte zu seinen Rivalen.

Mit letzter Kraft löste er sich von ihren Lippen. Sanft drückte Jordan ihren Kopf an seine Brust, während er versuchte, klar zu denken. Brooke atmete schwer. Zweifellos hatte der Kuss sie genauso überwältigt wie ihn. Nur leider half ihm das noch weniger, seine Erregung zu ignorieren.

Trotzdem zwang er sich, ihr zärtlich über den Rücken zu streichen.

Dass er sie ausgerechnet jetzt zurückerobern musste, geschah zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Denn zurzeit mussten die letzten entscheidenden Vorbereitungen für die Eröffnung des „Victoria“ getroffen werden. Das Hotel war zwar kleiner als das „Garrison Grand“, aber deshalb durfte erst recht nichts schiefgehen. Und Jordan war davon überzeugt, dass er seine Position als mächtigster Konkurrent der Garrisons bald verfestigt hatte. Das „Victoria“ wurde genauso luxuriös und großzügig gestaltet wie das „Garrison Grand“ und zog somit dieselben Gäste an.

Jordan hatte sich den Ruf eines rücksichtslosen Geschäftsmanns ehrlich erarbeitet.

Und nun musste er sein ganzes Geschick aufbringen, um Brooke für sich zu gewinnen. Nicht nur wegen des Babys, sondern auch weil er noch keiner Frau begegnet war, die ihn so stark erregte wie sie. Sie brauchte ihn nur zu berühren, und er verging regelrecht vor Verlangen nach ihr. Das hatte nicht einmal das Ex-Playboy-Model geschafft, mit dem er eine Weile zusammen gewesen war. Wie es der Zufall wollte, hatte er sich gerade kurz vor der heißen Nacht mit Brooke von ihr getrennt.

Jordan beugte sich vor und gab ihr einen Kuss. Er presste die Lippen genau auf die empfindsame Stelle unter ihrem Ohr. „Keine Anwälte.“

Behutsam liebkoste er ihr Ohrläppchen mit den Zähnen. „Ein Friedensrichter. Zwei Ringe.“

Liebevoll legte er eine Hand auf ihren Bauch. „Und am Ende der Woche ein Brautstrauß. Denn die Eltern dieses Babys werden heiraten.“

2. KAPITEL

Sie sollte ihn heiraten?

Hatte er den Verstand verloren?

Oder vielleicht hatte sie ihren verloren? Brooke löste sich aus Jordans Umarmung, stellte die Füße fest auf den Boden und bemühte sich, ruhig durchzuatmen. Sicher, Jordans Küsse hatten von Anfang an eine unglaubliche Wirkung auf sie gehabt. Nicht zuletzt genau aus diesem Grund hatte Brooke vor fünf Monaten so schnell das Weite gesucht. Die Tatsache, dass sie völlig die Kontrolle über sich verlor, wenn Jordan bei ihr war, machte ihr Angst.

„Ich soll dich heiraten?“

„Natürlich.“ Wieder strich er ihr die Strähne aus dem Gesicht. „Es ergibt doch Sinn. Du erwartest mein Kind. Und unsere Familien führen schon lange genug diese leidige Fehde, meinst du nicht? Eine negative Atmosphäre und Streitereien können für ein Kind nicht gut sein. Und jetzt, da Emilio sich mit Brittany verlobt hat, schließt sich die Kluft sowieso allmählich. Wir könnten das Ganze beschleunigen, indem wir heiraten und dafür sorgen, dass die Familienunternehmen fusionieren.“

Fast wäre sie auf ihn hereingefallen. Beinah hätte er sie davon überzeugt, dass er es sich von Herzen wünschte – bis er das Wörtchen „Unternehmen“ ausgesprochen hatte. Brooke stand auf und ging mit langen Schritten auf den Weihnachtsbaum zu. Dort angekommen, drehte sie sich entrüstet zu Jordan um. „Brauchst du keine Keule? Die würde wunderbar zu deinem Höhlenmenschgehabe passen.“

„Du willst es also auf die romantische Tour?“ Er warf ihr unter leicht gesenkten Lidern einen verführerischen Blick zu. „Das lässt sich einrichten. Ich dachte bloß, eine so praktisch denkende Frau wie du würde meine geradlinige Art beim Geschäft zu schätzen wissen.“

„Moment mal, Mr. Romeo GmbH. Vor fünf Monaten hast du nicht einmal angedeutet, dass es dir ums Geschäft gehen könnte. Muss ich dich wirklich daran erinnern?“

„Dann beantworte meine Frage.“

Brooke konnte nicht bedauern, mit ihm geschlafen zu haben. Daran dass der Sex mit Jordan unbeschreiblich gut war, ließ sich nicht rütteln. Und ihr Kind sollte niemals glauben, dass es nicht gewollt war. Trotzdem wollte Brooke auf keinen Fall einen Heiratsantrag annehmen, als handelte es sich dabei bloß um eine geschäftliche Vereinbarung. Sonst würde sie eine Art Scheinehe führen, wie ihre Eltern es getan hatten. Niemals.

„Nein.“ Brooke verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich werde dich nicht heiraten.“

Er presste die Lippen aufeinander.

„Sei vernünftig, Jordan. Wir kennen uns doch kaum.“

„Wir kennen uns seit Jahren.“

„Als Bekannte, die vielleicht ganze drei Mal zusammen in einem Meeting gesessen haben oder in einem Restaurant zufällig aneinander vorbeigegangen sind.“ Seltsam, dachte sie in diesem Moment, dass ich mich so gut an diese Gelegenheiten erinnere. Jordan war ihr immer aufgefallen. Und solange sie ihn kannte, war er für sie tabu gewesen.

Bis zu jenem schicksalhaften Abend.

Brooke hatte um ihren Vater getrauert, um den Verlust ihres Vorbilds. Wie oft war sie zu ihm gegangen, wenn eine verbitterte Bemerkung der Mutter sie verletzt hatte? Wie ein kleines Mädchen hatte sie zu ihrem Dad aufgesehen. Und an dem Abend war ihr klar geworden, dass ihr Vater sie alle belogen hatte.

Aber jetzt konnte sie nicht in Grübeleien verfallen. Sie musste an ihr Baby denken. Brooke wollte gut für ihr Kind sorgen. Das war bedeutend wichtiger als ihr unvernünftiger Wunsch, noch einmal von Jordan geküsst zu werden.

Er nahm einen ihrer Schuhe in die Hand und betrachtete ihn geistesabwesend. „In letzter Zeit hast du plötzlich angefangen, mir aus dem Weg zu gehen.“

„Weil ich noch nicht so weit war, dir von dem Baby zu erzählen.“ Sie brauchte ihm wohl kaum zu sagen, warum sie einer Begegnung mit ihm ausgewichen war.

„Oder weil du nicht damit fertig wurdest, wie sehr es zwischen uns gefunkt hat.“

Offensichtlich war er einfühlsamer, als sie ihm zugetraut hatte.

„Das könnte man vielleicht auch von dir behaupten.“ Im Stillen gestand sie sich ein, wie sehr es ihren Stolz verletzte, dass Jordan sich nach jener Nacht nicht bei ihr gemeldet hatte.

„Ich habe dich angerufen.“

„Nach einer vollen Woche.“

Er legte den Schuh wieder hin und sah sie mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an. „Du erzählst mir, ich müsse mich von dir fernhalten. Und das soll ich dann ignorieren? Dann darf ich mich also genauso wenig beirren lassen, wenn du sagst, dass du mich nicht heiraten willst?“

Was für ein gerissener Kerl. Kein Wunder, dass Parker ihn als Konkurrenten sehr ernst nahm und genau im Auge behielt. In diesem Augenblick fiel Brooke ein weiteres Problem auf: Der Vater ihres Babys wollte Einfluss gewinnen, und zwar auf das Familienunternehmen der Garrisons. Wenn sie ihm das Jawort gab, bekam er exakt die Macht, die er sich schon immer gewünscht hatte. Was für ein günstiger Zufall, überlegte Brooke.

„Spiel nicht den Begriffsstutzigen, Jordan. Ich werde dich nicht heiraten. Wir wissen überhaupt nichts übereinander. Nichts über den Charakter, nichts über die Dinge, die sich außerhalb des Schlafzimmers abspielen.“ Hastig ließ sie dieses gefährliche Thema fallen. „Eine Ehe auf ein wackliges Fundament aus Sex und gemeinsamen Geschäftsinteressen zu bauen! Das wäre katastrophal und unserem Kind gegenüber sehr unfair.“

„Na schön.“ Er lächelte. Brooke erschauerte, hoffte jedoch, dass er es ihr nicht ansah. Nervös beobachtete sie, wie er sich vom Schreibtisch abstieß und auf sie zukam. „Dann werden wir uns eben besser kennenlernen. Unserem Kind zuliebe. Wir werden für den Rest unseres Lebens durch dieses Kind miteinander verbunden sein. Und Weihnachten steht vor der Tür. Lass uns feiern und die Zeit nutzen, um ein stärkeres Fundament zu schaffen.“

„Das klingt vernünftig.“ Wenn sie ihn besser kannte, war sie eher in der Lage, zu verstehen, weswegen er an ihrem Leben und dem des Kindes teilhaben wollte.

„Sehr gut.“ Er nickte und ging an ihr vorbei.

Kein Kuss? Kein weiterer Versuch, sie zur Ehe zu überreden? Das war schon alles?

„Jordan?“ Stirnrunzelnd sah sie ihm nach, während er zur Tür schlenderte. Dann hielt er inne und warf ihr über die Schulter einen rätselhaften Blick zu.

„Ich hole dich heute Abend um acht ab.“

Ein Date?

Eigentlich hatte Brooke damit gerechnet, dass sie sich in einem Anwaltsbüro wiedersahen. Sie würden sich an einem schweren Tisch gegenübersitzen und vereinbaren, wie oft er ihr Kind besuchen durfte. Vielleicht würden sie danach noch zusammen einen Kaffee trinken. Aber ein Date?

Er war so gerissen! Wie geschickt er sie ausmanövrierte. Trotz allem hielt Brooke ein Date für keine schlechte Idee – auch wenn ihr absolut nicht gefiel, wie überheblich er davon ausging, dass sie seinem Vorschlag zustimmte. Brooke wollte ihren Namen nicht in den Klatschspalten lesen. Die Öffentlichkeit sollte noch nichts von ihrer Schwangerschaft und dem Vater des Babys erfahren.

Es war höchste Zeit, Jordan Jefferies zu zeigen, dass sie zwar die ruhigste Garrison war, aber genauso entschlossen und eigensinnig handeln konnte wie ihre Geschwister.

In der Frage, wie sie sich besser kennenlernen sollten, hatte sie eigene Vorstellungen.

Um halb sieben fuhr Brooke in ihrem Cabriolet langsam an einer Reihe Palmen und einer Hibiskushecke vorbei. Sie parkte neben dem Hotel „Victoria“ – acht eindrucksvolle Stockwerke aus Messing und Glas, die sich vor der Küste von South Beach erhoben.

Die Handwerker und Bauarbeiter sollten inzwischen Feierabend gemacht haben. Brooke wusste aus gelegentlichen Gesprächen mit Emilio, dass Jordan sich ein Büro in einer der neuen Suiten eingerichtet hatte. Von dort aus konnte er die letzten Phasen der Fertigstellung am besten beaufsichtigen.

Außerdem wusste Brooke, dass er immer bis spät arbeitete. Das „Victoria“ war zwar nur eins von vielen Hotels, die der „Jefferies Brothers Incorporated“ gehörten. Aber es war eins, das Jordan besonders am Herzen lag. Deshalb verbrachte er zweifellos jede freie Minute damit, die Bauarbeiten zu überwachen und zu kontrollieren.

Um nicht sofort erkannt zu werden, setzte sie sich ihre Sonnenbrille auf. Brooke kam sehr gelegen, dass kaum jemand damit rechnete, hier eine Garrison zu treffen. Die Welt konnte von ihrer Beziehung zu Jordan erfahren, allerdings erst wenn Brooke es wollte, nicht vorher.

Jetzt musste sie nur irgendwie unbehelligt an den Sicherheitsbeamten vorbeikommen.

Kurz entschlossen griff sie nach ihrem Handy und tippte die Nummer ein, die Jordan ihr vor fünf Monaten gegeben hatte – eine Nummer, die sie auswendig kannte, weil sie sie Hunderte von Malen eingegeben, jedoch nicht gewählt hatte.

„Jordan?“

„Brooke. Du machst doch keinen Rückzieher?“

Sie lächelte. Er glaubte also, dass er sie gut kannte. Ihr würde es umso größeres Vergnügen bereiten, ihn zu überraschen. „Wer sagt denn das? Ich bin unten.“

„Wo unten?“

„Vor deinem Hotel. Dem ‚Victoria‘. Könntest du bitte deinem Sicherheitsbeamten sagen, dass er mich durchlassen soll?“

Allein seine kurze Schweigepause bewies, dass er schockiert war. „Ich bin gleich unten.“

Und tatsächlich, noch bevor sie aus dem Auto gestiegen war, trat Jordan aus dem Hintereingang und eilte auf Brooke zu. Sie zerrte den Picknickkorb von dem Beifahrersitz und schlug die Wagentür zu.

Jordan konnte seine Verblüffung nicht verbergen. „Ich habe uns für halb neun einen Tisch reservieren lassen.“

„Ich kann leider nicht so lange warten. Bis dahin bin ich nämlich längst verhungert.“ Lächelnd blieb sie vor ihm stehen und hielt ihren kleinen Rotkäppchenkorb hoch. „Willst du etwa deinem Baby die Nahrung vorenthalten?“

Amüsiert strich er ihr mit dem Daumen über ihr Kinn. „Was für Spielchen treibst du mit mir?“

Sie versuchte, den warmen Schauer zu ignorieren, der sie in diesem Moment durchrieselte. Von seiner zärtlichen Berührung durfte sie sich besonders jetzt zu nichts hinreißen lassen. Brooke war noch nicht so weit, sich mit ihm in der Öffentlichkeit zu zeigen. „Ich will nicht ausgehen. Ich bin müde, und mir tun die Füße weh. Weißt du, ich möchte einfach mein Abendessen genießen und mich ausruhen – ohne dass neugierige Leute uns beobachten oder uns womöglich mit Fragen löchern.“

„In Ordnung“, erwiderte er sanft. „Lass uns hineingehen.“ Er nahm ihr den Korb ab und führte sie durch den Hoteleingang ins Gebäude.

Mit gemischten Gefühlen ließ sie zu, dass er seine Hand auf ihre Taille legte. Einerseits machte es Brooke nervös, wie intensiv sie auf seine Gesten und Berührungen reagierte. Andererseits wollte sie zu gern das Hotel von innen sehen, das dem „Garrison Grand“ Konkurrenz machen sollte. Nachdem Jordan die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, nahm Brooke den Geruch von frischer Farbe wahr, der sicher bald einem exotischen Blumenduft weichen würde.

Ohne Zweifel wollte Jordan dieselbe Klientel in sein Hotel ziehen, die das „Garrison Grand“ besuchte. Die Innenausstattung seines Hotels unterschied sich allerdings deutlich von der des „Garrison Grand“. Dort herrschte Weiß vor und war beeindruckend harmonisch mit Holz, Marmor und Stahl kombiniert. Das „Victoria“ verblüffte Brooke mit kühnen Rot- und Gelbtönen, hier und da waren mit Messing Akzente gesetzt. Allein das Kirschholz, der Marmor und der allgemeine Eindruck von Dekadenz erinnerten entfernt an das „Garrison Grand“.

Oh nein, an Marmor werde ich jetzt nicht denken, überlegte Brooke. Sonst stiegen gleich die Erinnerungen an den marmornen Whirlpool in ihr auf, in dem sie sich mit Jordan entspannt hatte.

Die Messingtüren eines Aufzugs öffneten sich. Brooke betrat die Kabine, nachdem Jordan hineingegangen war. Noch mehr Erinnerungen stürmten auf sie ein. Hatte sie heute die richtige Entscheidung getroffen? Obwohl Brooke sich anstrengte, war es ihr schlicht unmöglich, Jordan nicht anzusehen. Die Wände bestanden aus Spiegeln.

„Dein Hotel ist sehr schön.“

„Du bist sehr schön.“

„Und du wirst mich nicht wieder dazu bringen, es mit dir im Aufzug zu tun, Romeo.“

Er lachte. Und sie war froh, als der Aufzug hielt und sie aussteigen konnte. Erst auf dem Korridor wurde ihr bewusst, dass sie keine Ahnung hatte, in welche Richtung sie gehen sollte. Jordan berührte sie am Ellbogen und lenkte Brooke sanft nach links. Sie gingen auf eine Flügeltür zu, die sich am Ende des Flurs befand. Nachdem Jordan aufgeschlossen hatte, sah Brooke sich einer Situation gegenüber, mit der sie nicht im Traum gerechnet hatte.

„Moment mal. Ich dachte, wir essen in deinem Büro.“

Und in keinem Salon, von dem eine Tür abging – die zweifellos zum Schlafzimmer führte. Brooke hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihr erster Impuls war, sofort kehrtzumachen und sich in der Lobby auf einem der bequemen buttergelben oder weinroten Sofas auszuruhen. Oder noch besser: Sie könnte die Schuhe von den Füßen schleudern und am nahe gelegenen Strand durch das aquamarinblaue klare Meerwasser waten.

„Ich arbeite und wohne jetzt hier, bis die letzten Arbeiten am Hotel ausgeführt sind. Dadurch muss ich nicht ständig wegen jeder Kleinigkeit hierherfahren.“ Er löste seinen Krawattenknoten und zog den feinen Stoff langsam an seinem Hemdkragen entlang.

Das Geräusch der Seide, wie sie sich am Hemd rieb, war unbeschreiblich sinnlich. Unwillkürlich schluckte Brooke schwer. „Okay, kann ich dir etwas zu trinken anbieten, Jordan? Ich habe Wasser und … Wasser mitgebracht. Ach ja, und Milch.“

Sollte er ruhig sehen, wie ein Leben mit ihr aussehen würde. Es würde keine wilden Nächte in einer Bar geben. Natürlich konnte Jordan sich jetzt in seiner Suite genauso gut ein Getränk mixen. Abwartend sah Brooke ihn an.

Er streckte die Hand aus. „Ich hätte gern Wasser.“

Sie griff in ihren Korb und holte eine Flasche Mineralwasser heraus. Ohne zu zittern, füllte Brooke zwei Kristallgläser, fügte Eiswürfel aus der Minibar hinzu und rundete das Ganze mit einem Schuss Zitrone ab.

Als sie sich zu Jordan umdrehte, stand er an der Tür zum Schlafzimmer und telefonierte. Er erwiderte ihren Blick und hielt eine Hand vor das Handy.

„Ich storniere unsere Reservierung in Emilios Restaurant. Wie es aussieht, hast du für das Abendessen ja gesorgt“, erklärte er und schenkte ihr ein vielsagendes Lächeln.

Emilios Restaurant? Beim Gedanken an die wundervollen kubanischen Speisen, die im „El Diablo“ zubereitet wurden, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Sekundenlang biss Brooke sich unentschlossen auf die Unterlippe und betrachtete ihren Korb. Sie wusste nicht einmal mehr, was sie eingepackt hatte.

Jordan schien zu ahnen, was in ihr vorging. „Ich hatte mal eine Angestellte, die ein Kind erwartete. Sie hat einen ganzen Monat lang immer Cheeseburger zu Mittag gegessen. Man konnte es ihr mit nichts anderem recht machen. Weißt du, wir können deinen Korb einfach Korb sein lassen, und ich bestelle uns etwas vom ‚Diablo‘. Für das Baby.“

Überrascht sah sie ihn an. „Für das Baby?“

„Natürlich.“

„Okay.“ Bevor ihr Stolz siegen konnte, zählte Brooke die leckersten Gerichte auf, an die sie sich erinnerte. Mit jedem einzelnen wuchs ihre Vorfreude.

„Alles klar.“ Sein charmantes Lächeln und sein freundliches Augenzwinkern zogen Brooke förmlich in seinen Bann. Sie ärgerte sich nicht im Geringsten darüber, dass er ihre Pläne durchkreuzte.

Sobald er bestellt hatte, steckte Jordan das Handy ein und ging ins Schlafzimmer. Er warf seine Jacke auf einen Sessel. Durch den breiten Türspalt erkannte Brooke auch einen Teil des breiten Betts.

Hastig wandte sie den Blick ab und betrachtete stattdessen die gerahmten Bilder an den Wänden. Es waren Aufnahmen der einzelnen Bauphasen. Neben dem Computer entdeckte Brooke ein kleines Familienfoto. Sie wollte gerade darauf zugehen, als Jordan sich ihr in den Weg stellte.

Das Glas in der einen Hand, umfasste er ihren Ellbogen. „Auf den Balkon?“

Sie entschied sich dafür, den Befehlston zu ignorieren, der in seiner Frage deutlich mitschwang. „Okay.“

Und kurz darauf musste Brooke ihm zugutehalten, dass er sogar daran dachte, ihr einen gusseisernen Hocker zu holen, kaum dass sie sich gesetzt hatte. Seufzend legte sie die Füße darauf, während sie gemeinsam die letzten Sonnenstrahlen des Tages genossen. Eins muss man ihm lassen, dachte Brooke, er zieht wirklich alle Register.

Zufrieden lehnte sie sich zurück und bewunderte die Aussicht auf den makellosen Privatstrand. „Du besitzt wirklich einen wunderschönen Flecken Erde.“

„Danke.“

„Wer braucht schon blutdrucksenkende Medikamente, wenn er diesen Ausblick hat?“

Er runzelte die Stirn. „Hattest du in letzter Zeit viel Stress?“

Unwillkürlich legte Brooke eine Hand auf ihren sanft gerundeten Bauch. „Ich freue mich auf das Baby, das darfst du nicht falsch verstehen. Aber es hat mir am Anfang schon ein bisschen Angst eingejagt, als ich erfuhr, dass ich schwanger bin.“

„Ich wünschte, du hättest es mir gesagt.“

Betroffen senkte sie den Blick. „Allein der Gedanke daran hat mir Magenschmerzen bereitet.“ Sie zog sich die Nadeln aus der strengen Frisur und schüttelte den Kopf, sodass ihr das Haar locker bis auf die Schultern fiel. Vom Meer wehte eine frische Brise zu ihnen.

„Bin ich denn so Furcht einflößend?“

„Vielleicht nicht direkt Furcht einflößend.“ Eher einschüchternd. „Sondern … einnehmend.“ Das klang etwas freundlicher.

„Du bist genauso diplomatisch wie der Rest deiner Familie“, erwiderte er trocken.

Tatsächlich galt Brooke als der Friedensstifter in der Familie. „Irgendwie glaube ich nicht, dass das ein Kompliment sein soll.“

Jordan schwieg einen Moment lang und sah sie nur mit unbewegter Miene an. Mehrere Möwen hockten auf dem weißen Sandstrand und suchten nach Futter.

„Dann sag mir doch bitte, was ich getan habe, um dieses Misstrauen zu verdienen“, entgegnete Jordan schließlich. „Monatelang verschweigst du mir, dass ich Vater werde. Und obwohl du mich über etwas so Wichtiges im Dunkeln gelassen hast, komme ich direkt zu dir – und zwar sehr ruhig, wie ich betonen möchte.“

Da hatte er natürlich recht. Nachdenklich betrachtete Brooke ihre Füße. Das schlechte Gewissen quälte sie fast genauso schlimm wie ihre Schuhe. Kurzerhand zog sie die flachen Ballerinas aus und bewegte erleichtert die Zehen. „Es tut mir …“

„Moment, ich bin noch nicht fertig. Ich habe vernünftig mit dir geredet. Und danach begehe ich das unsagbare Verbrechen, dich heiraten zu wollen. Du lehnst meinen Antrag ab und brichst mir das Herz. Anschließend bitte ich dich um ein Date.“ Er schlug sich vor die Stirn. „Ich bin vielleicht ein Mistkerl.“

Brooke musste lachen. „Okay, okay, du hast ja recht. Du hast dich mehr als fair verhalten. Und es war falsch von mir, dir nicht früher Bescheid zu sagen. Ich entschuldige mich dafür, und das meine ich wirklich ehrlich. Es ist nur so, dass ich Zeit brauchte, um mich an die neue Situation zu gewöhnen. Und jetzt bin ich ja hier. Was auch immer während dieses sogenannten Dates passiert, Jordan: Ich verspreche dir, du wirst einen Platz im Leben des Babys haben, wenn du es möchtest.“

„Darauf kannst du dich verlassen.“

Seine Antwort klang so eisern entschlossen, dass Brooke beinah schauderte. Schützend schlang sie die Arme um sich. „Als Emilio über meine Schwangerschaft gesprochen hat, hast du ihm da von uns erzählt?“

Lässig lehnte er sich zurück und schüttelte den Kopf. „Ich wollte zuerst mit dir reden.“

Hart fügte er hinzu: „Deine Familie weiß also noch nicht, dass ich der Vater bin. Nicht einmal deine Zwillingsschwester. Alle Achtung, du kannst gut Geheimnisse für dich behalten. Ich könnte dich gut in meinem Unternehmen gebrauchen.“

„Sehr witzig. Aber deswegen wollte ich heute auch nicht ausgehen. So gut ich konnte, habe ich versucht, die Schwangerschaft geheim zu halten. Aber lange wird mir das kaum mehr gelingen. In den letzten zwei Wochen scheine ich täglich zuzunehmen.“

Sie räusperte sich. „Und sobald wir beide uns einmal in der Öffentlichkeit gezeigt haben, werden die Leute schnell die richtigen Schlüsse ziehen. Vorher muss ich es allerdings meiner Familie sagen.“

„Dann lass es uns tun. Trommeln wir alle zusammen.“

Brooke glaubte fast, sich verhört zu haben. Wollte er tatsächlich dabei sein, wenn sie den Garrisons erzählte, dass sie mit dem Erzfeind der Familie geschlafen hatte?

„Wir treffen uns jeden Sonntag zum Dinner. Es wäre am einfachsten, wenn ich es bei der nächsten Gelegenheit dort auf den Tisch bringe.“

„In Ordnung. Wenn du das für das Beste hältst. Es ist schließlich deine Familie.“

Leider gab es keinen Weg, ihrer Mutter oder ihren Geschwistern die Wahrheit sanft beizubringen. Sie würden sich aufregen, so viel stand fest. Denn auch nachdem Brittany und Emilio sich verlobt hatten, waren die Mitglieder der Garrison-Familie keineswegs mit den Jefferies befreundet.

Brooke sah zum Himmel und zwang sich, tief durchzuatmen. Auf jeden Fall musste sie einen klaren Kopf behalten. Und bis zum Familientreffen lagen noch einige Dates mit Jordan vor ihr, an denen sie ihr Herzklopfen bezwingen musste.

Im Augenblick ging alles über ihre Kräfte. Es kam ihr sogar unmöglich vor, Jordans Wohnung zu verlassen, ohne einen letzten Blick auf sein Bett zu werfen.

3. KAPITEL

Ratet mal, wer zum Essen kommt?

Dieser Satz ging Brooke ständig durch den Kopf, während sie am Sonntagnachmittag zum Familienanwesen fuhr.

Die Worte schienen immer lauter in ihr widerzuhallen, als Jordan den Wagen durch die Toreinfahrt, über die Steinbrücke und auf die Villa mit den roten Dachziegeln zusteuerte. Brooke machte sich nichts vor. Ganz sicher würde das Familientreffen nicht ohne Zwischenfälle verlaufen. Der Hass, der zwischen den Garrisons und den Jefferies schwelte, wurzelte dafür viel zu tief.

Im Grunde begriff sie noch nicht einmal, warum ihre Brüder Emilio tolerierten. Sicher weil Brittany ihn liebte. Nur war in Brookes Fall keine Liebe im Spiel, und das würden ihre Geschwister sehr wahrscheinlich spüren.

Jordan parkte den Jaguar in der Reihe verschiedener Luxuswagen. Offensichtlich waren die anderen bereits angekommen. Nervös rieb Brooke sich die Arme. Trotz des milden Wetters an diesem Nachmittag fröstelte sie.

Galant kam Jordan um den Wagen herum und öffnete Brooke die Tür. Gemeinsam stiegen sie die Stufen zur breiten Flügeltür hoch, die aus massivem Mahagoni und Glas bestand. Sie war mit Girlanden und Schleifen geschmückt, und der Anblick rief Brooke ins Gedächtnis, dass die Feiertage bevorstanden. Dafür hatte sie noch gar nichts vorbereitet.

Bevor sie die oberste Stufe erreicht hatten, wurde die Tür aufgerissen. Die Haushälterin stand in einem gestärkten blauen Kleid mit weißer Schürze vor ihnen. „Guten Abend, Miss Brooke.“

„Hallo, Lisette. Könntest du bitte in der Küche Bescheid sagen, dass wir heute einen Gast haben?“

„Aber natürlich, Miss Brooke.“

Aus dem Esszimmer drangen die typischen Geräusche der Familienmitglieder, die sich vor dem Essen versammelten, um zu plaudern und zu scherzen. Nur dass es heute ganz und gar kein typischer Abend wird, überlegte Brooke nervös.

Jordan sah sie nachdenklich an. „Du bist ganz blass. Geht es dir nicht gut? Möchtest du dich setzen? Wir müssen das nicht unbedingt heute durchziehen, wenn du nicht willst. Wir können einfach weiter zusammen ausgehen …“

Sie zwang sich zu lächeln und drückte seinen Arm. „Nein, es ist schon okay.“ Wie sehr sie die gemeinsamen Abende, das Zusammensein mit diesem Mann genossen hatte. Am liebsten hätte Brooke die Angelegenheit noch ein bisschen geheim und unkompliziert gehalten. „Trotzdem lieb von dir, danke.“

Aufmunternd zwinkerte er ihr zu.

Auf ihrem Weg durch das Foyer hörte Brooke nur das Klappern ihrer Absätze auf dem schimmernden Parkett. Der mindestens vier Meter große Weihnachtsbaum erstrahlte in formvollendetem Glanz. Dieses Jahr war der Festschmuck besonders aufwendig, da Emilio und Brittany ihre Hochzeit hier feiern wollten.

Brooke atmete tief durch. Das war ein Grund mehr, die Neuigkeiten schnell loszuwerden. Dann würden sich die Wogen rechtzeitig glätten, sodass sie Brittany das Hochzeitsfest nicht verdarb.

Sie blieben an der Esszimmertür stehen und warteten. Diesen kurzen unbeobachteten Moment nutzte Brooke, um ihre Geschwister zu betrachten.

Parker würde an die Decke gehen, da war Brooke sicher. Trotz des positiven Einflusses seiner Frau Linda war Brookes ältester Bruder immer noch unnachgiebig, wenn es um seine Geschäfte ging. Die Abneigung – und das war eher untertrieben –, die er Jordan entgegenbrachte, war allgemein bekannt.

Ihr Bruder Adam hatte sich bisher zurückgehalten und nur lose Kontakt zu seinen Geschwistern gehalten. Erst seit Kurzem begann er, das zu ändern – nachdem er überraschend Lauryn geheiratet hatte.

Zu Brookes Erleichterung war Stephen nicht gekommen. Also war ein wütender Bruder weniger anwesend, um den sie sich Sorgen machen musste.

Als Nächstes glitt ihr Blick zu ihrer Mutter, die gerade einen Schluck Wein trank. Dann musterte Brooke diejenigen, die höchstwahrscheinlich zu ihr halten würden: ihre Zwillingsschwester Brittany und deren Verlobter Emilio Jefferies. Obwohl Emilio inzwischen bei dem traditionellen Sonntagsdinner geduldet wurde, machte Brooke sich keine Illusionen. Jordan war derjenige, der Parker mit dem neuen Hotel Konkurrenz machte, nicht sein Bruder Emilio.

Das Klirren von Glas riss sie aus ihren Gedanken.

Ihre Mutter hatte das Weinglas fallen lassen und die Hand vor den Mund geschlagen. Mit der Linken wies Bonita Garrison auf Brooke und Jordan.

Brooke schluckte nervös. „Mutter und alle anderen. Ich habe heute jemanden mitgebracht. Und ganz offensichtlich ist es nicht nötig, dass ich ihn euch vorstelle.“

Plötzlich stieß Brittany einen prustenden Laut aus, woraufhin Brooke ihre Schwester vorwurfsvoll ansah. Damit half Brittany ihr wirklich nicht. In der nächsten Sekunde verzog sie den Mund jedoch zu einem zerknirschten Lächeln.

Es nützte alles nichts. Je eher sie es hinter sich brachten, desto besser. Entschlossen trat Brooke in den Raum und zwang sich zu einem Lächeln. Dabei ging ihr durch den Sinn, dass ihr noch nichts in ihrem Leben so schwergefallen war.

Der Tisch war für sieben Personen gedeckt. Brooke blieb vor ihrem Stuhl stehen und war sich der Anwesenheit des Mannes sehr bewusst, der nun hinter ihr stand. „Mir ist klar, dass es ein ziemlicher Schock für euch sein muss. Aber ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn ihr euch wie höfliche Erwachsene benehmen und einen Gast willkommen heißen könntet.“

Abwartend sah sie sich um. Es herrschte absolute Stille. Niemand schien ein Wort herauszubringen. Waren sie einfach nur zu verblüfft, oder akzeptierten sie Jordans Anwesenheit wortlos? Eher unwahrscheinlich, dachte Brooke. Und für eine Frau, die einer Auseinandersetzung meistens aus dem Weg geht, halte ich mich eigentlich ganz gut.

Mit fester Stimme sagte Brooke: „Jordan und ich werden uns in Zukunft noch oft sehen, weil …“ Sie schluckte und wich dem Blick ihrer Mutter aus. „Weil …“

So gut schlage ich mich wohl doch nicht.

Sanft legte Jordan ihr die Hand auf die Schulter. „Ich bin der Vater von Brookes Baby.“

Sie wandte sich kurz um und sah ihn dankbar an. Wenn er es nicht ausgesprochen hätte – Brooke war nicht sicher, ob sie es geschafft hätte.

Bonita stöhnte entsetzt auf und griff nach einem neuen Glas, während Lisette die Scherben vom Boden aufhob.

Parker schob abrupt seinen Stuhl zurück und stand auf. „Brooke, geh weg von diesem Mann.“

Sie schüttelte den Kopf. „Hör auf damit, Parker.“

Ihr Bruder hielt den Blick starr auf seinen Rivalen gerichtet. „Verdammt, Brooke, ich habe gesagt, geh weg von ihm.“

Prompt legte Jordan beide Hände auf Brookes Schulter. „Sprich nicht so mit ihr.“

Sekundenlang schien es, als würde Parker die Kontrolle über sich verlieren. „Für wen zum Teufel hältst du dich, dass du mir vorschreiben willst, wie ich mit meiner Schwester zu reden habe?“

„Ich bin der Mann, der deine Schwester heiraten wird.“

Bevor sie Jordan daran erinnern konnte, dass sie sich nur bereit erklärt hatte, mit ihm auszugehen, hatte er sie bereits sanft beiseitegeschoben. Im selben Moment rief Parker außer sich: „Den Teufel wirst du tun!“

Plötzlich lehnten sich beide Männer über die Tischplatte und wollten aufeinander losgehen. Der Kerzenleuchter krachte in eine Kristallplatte, auf der Spargel angerichtet war. Jemand schnappte erschrocken nach Luft, ein anderer schrie auf. Porzellan und Besteck klirrten und flogen durch die Gegend.

Brooke hatte ihre Brüder oft miteinander raufen sehen, als sie sehr viel jünger gewesen waren. Dabei hatte es sich um eine Art Kräftemessen gehandelt. Bis jetzt war sie noch nie Zeugin einer Auseinandersetzung wie dieser gewesen.

Es war kein schöner Anblick, und absolut nicht sexy. Die glänzende Fassade, die die beiden Männer bei ihren Geschäften wahrten, fiel von ihnen ab. Sie rangen, rollten vom Tisch herunter und schlugen mit einem wilden Krachen auf den Boden.

Brooke zuckte ängstlich zusammen. Da niemand einzugreifen schien, stampfte sie lautstark mit dem Fuß auf. „Adam, Emilio, steht nicht so herum! Tut etwas, bevor sie sich ernsthaft wehtun.“

Ihr Bruder und Emilio standen auf, als gäbe es keinen Grund zur Eile. Adam zuckte die Achseln. „Das musste irgendwann mal passieren, Brooke. Meinst du nicht, dass wir ihnen erlauben sollten, sich ein bisschen abzureagieren?“

Parker verpasste Jordan einen Kinnhaken. Doch Jordan zuckte kaum mit der Wimper, sondern stürzte sich mit neu entfachter Wut auf seinen Gegner, sodass beide über den Servierwagen fielen.

Das Dessert können wir vergessen, ging es Brooke unsinnigerweise durch den Sinn.

Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Schuldbewusstsein, weil sie Jordan in die Höhle des Löwen gebracht hatte, und der Wut auf beide Männer, weil sie sich nicht wie zivilisierte Menschen benehmen konnten. Weit mehr beunruhigte Brooke, dass sie nicht wusste, zu wem sie halten sollte.

Schließlich seufzte Adam auf. „Okay, okay.“

Er nickte Emilio zu, und endlich machten sie sich daran, die Rangelei zu beenden.

Als wäre die Situation nicht schon grotesk genug, hörte Brooke ihre Mutter auch noch leise jammern: „Noch ein Garrison-Bastard.“

Nur mühsam unterdrückte Brooke den Impuls, ihr Kind und ihre Halbschwester Cassie zu verteidigen. Jetzt ging es erst einmal darum, die beiden Streithähne zur Vernunft zu bringen.

Emilio und Adam packten erst einen Ellbogen, dann einen Arm und zerrten die beiden Kämpfer auseinander. Währenddessen bahnte Brooke sich einen Weg durch die auf dem Boden zerstreut liegende Tischdekoration. „Hör auf damit, Jordan. Jetzt sofort.“

Ihre ruhig gesprochenen Worte schienen zu ihm durchzudringen. Schwer atmend drehte Jordan sich zu ihr um und sah sie an.

Linda ging schnell um einen umgestürzten Stuhl herum und stellte sich neben Brooke, um ihr einen Arm stützend um die Schultern zu legen. „Parker, das reicht. Du regst deine Schwester auf, und das kann in ihrem Zustand nicht gut für sie sein.“ Sie legte sich die Hand auf den Bauch. „Für mich in meinem Zustand übrigens auch nicht. Siehst du denn nicht, dass es Brooke nicht gut geht?“

Brooke hasste es, schwach zu wirken. Doch wenigstens vergaßen beide Männer für den Moment ihren Streit. Als Jordan auf sie zukam, beobachtete Parker ihn nur misstrauisch.

„Was ist mit dir? Hast du Schmerzen?“, fragte Jordan besorgt.

Schlecht ging es ihr nicht, aber sie wollte die Gemüter nicht noch mehr erhitzen. „Ich bin nur wütend. Und wer wäre es nicht? Ich habe ja nicht erwartet, dass alle vor Freude tanzen. Aber dass ihr euch zusammennehmt und höflich bleibt, halte ich für selbstverständlich.“

Linda warf ihrem Mann einen vorwurfsvollen Blick zu.

Parker zuckte zusammen. „Verdammt, es tut mir leid, Brooke. Ich möchte dir und deinem Baby doch nicht schaden. Du bist schließlich meine Schwester, Kleines. Ich habe einfach nicht …“ Er schüttelte den Kopf, als könnte er so seine Gedanken ordnen. „Ich habe nicht nachgedacht.“

Damit hatte er sich zwar nicht bei Jordan entschuldigt. Aber Brooke war froh, dass Parker seine Wut bezähmt hatte. Was hoffentlich auch für Jordan galt.

„Lisette“, sagte Linda, die auf ihre praktische Art handelte. „Der Esstisch ist für heute erst mal außer Gefecht gesetzt. Darum denke ich, dass wir alle auf der Veranda etwas zu uns nehmen könnten. Es ist ein milder Abend. Bitten Sie die Köchin, uns etwas Einfaches zuzubereiten, ja? Was immer sie schnell auf den Tisch zaubern kann.“

Brooke stimmte ihr von Herzen zu – je schneller, desto besser. Dann musste sie nicht allzu lange bleiben und die verfahrene Situation ertragen.

Freundschaftlich hakte Linda sich bei ihr ein und führte sie zur Tür. „Komm, wir gehen zu einem bequemen Sofa, damit du die Beine hochlegen kannst.“

„Ist es so offensichtlich, wie geschwollen sie sind?“

Bonita gesellte sich zu ihnen. „Du solltest aufhören, diese hohen Absätze zu tragen. Als ich mit dir und Brittany schwanger war, waren meine Knöchel zur Größe eines Ballons angeschwollen. Ihr Mädchen habt mir schon ab dem ersten Trimester Sorgen bereitet – und damit habt ihr seitdem nicht aufgehört.“ Sie leerte ihr Glas und hielt es von sich, damit jemand ihr nachschenkte.

Am liebsten hätte Brooke in der Nähe ihrer Mutter Wattestöpsel in den Ohren getragen. Anscheinend war sie die Einzige, der Bonitas Bemerkungen etwas ausmachten. Zu Brookes Erleichterung wandte ihre Mutter sich bereits ab, weil sie sich offenbar selbst nachschenken musste.

„Entschuldige, Linda. Ich brauche frische Luft.“ Tief einatmend öffnete Brooke die Tür zur Veranda. Anschließend drehte Brooke sich um und wollte etwas zu Jordan sagen, aber er stand noch neben Parker.

Sie schlugen nicht aufeinander ein. An ihrer Körperhaltung und an den Mienen erkannte Brooke jedoch deutlich, wie viel Mühe es beide kostete, sich zusammenzunehmen. Die Worte, die sie wechselten, waren alles andere als versöhnlich.

Gereizt schob Parker die Hände in die Hosentaschen. „Ich wusste schon immer, wie rücksichtslos du bist. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass du so tief sinken würdest, meine Schwester zu schwängern, um dir einen Anteil vom Garrison-Vermögen unter den Nagel zu reißen.“

Brooke hörte, wie Jordan die Anschuldigung von sich wies. Im nächsten Moment nannte er Parker einen Esel und erinnerte ihn daran, dass Emilio bereits Ansprüche auf das Familienerbe hatte. Anschließend betonte Jordan, er selbst habe nicht das geringste Interesse am Geld der Garrisons.

Sie verfolgte das Gespräch angespannt. In den Kreisen, in denen sich ihre Familie bewegte, konnten die Menschen nie genug Geld oder Macht bekommen. Unwillkürlich fragte Brooke sich, ob Parker mit seinem Vorwurf tatsächlich so falschlag.

4. KAPITEL

Nach einem unangenehmen Abend, wie er es noch nie erlebt hatte, stand Jordan mit Brooke vor ihrer Wohnungstür. Verstohlen rieb er sich das verletzte Kinn. Parker Garrison hatte eine beeindruckend harte Rechte. Das würde Jordan allerdings niemals offen zugeben.

Wenigstens hatte er genauso viel ausgeteilt, wie er eingesteckt hatte. Er lächelte. Nach den jahrelangen Streitigkeiten tat es gut, endlich den Konflikt mit diesem Garrison auszutragen. Jedenfalls hatte es Jordan gutgetan – bis zu dem Augenblick, als er in Brookes blasses Gesicht geblickt hatte.

Bis zu jenem Moment hatte er gar nicht gewusst, wie sensibel die kühle und schöne Brooke sein konnte. Wie sehr ihre Familie die Beziehung zu ihm missbilligte, setzte Brooke jedoch sichtlich zu. Deshalb hatte Jordan aufgehört, Parker zu geben, was er mehr als verdient hatte.

Natürlich war er nicht davon ausgegangen, dass man den roten Teppich für ihn ausrollte. Zumindest höfliche Distanz hatte er allerdings erwartet. Nach dem Zwischenfall mit Parker waren die Garrison-Geschwister jedoch mehr um ihn und Brooke bemüht gewesen.

Er berührte ihre Schulter, als Brooke ihr Apartment betrat. Nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, standen sie allein in einer eleganten und luxuriös ausgestatteten Wohnung, die ganz in Silber und Rosa gehalten war. Plötzlich wurde Jordan bewusst, dass er zwar jeden Zentimeter von Brookes verführerischem Körper kannte, sie ihm aber jetzt zum ersten Mal zeigte, wo sie lebte. Offensichtlich hatte sie ihn aus ihrem Leben fernhalten wollen. Brooke hatte immer darauf bestanden, dass sie sich bei ihm trafen.

Neugierig sah er sich um. Die weibliche Note war in der Einrichtung unverkennbar. Die Möbel waren sehr modern und geschmackvoll. Trotzdem konnte Jordan sich nicht vorstellen, wie er sich hier wohlfühlen sollte. Er war in einem Haus groß geworden, das genauso eindrucksvoll und edel wie das der Garrisons war. Nur dass dort eine sehr viel wärmere und einladende Atmosphäre herrschte.

Jordan verdrängte diese Gedanken, um sich auf den Augenblick zu konzentrieren. Ihm war klar, dass Brooke und er an einem kritischen Punkt angekommen waren. Schon an der Art, wie sie ihre Tasche auf das Sofa warf, erkannte er, dass ihre Anspannung noch nicht nachgelassen hatte.

Entschlossen ging er auf Brooke zu und legte die Hände auf ihre Schultern. Ihre zarte Haut zu spüren genügte jedes Mal, um ihn in Erregung zu versetzen. Diese Tatsache ignorierte er jedoch, weil er wollte, dass Brooke sich entspannte. Während er sanft mit den Daumen ihren Nacken massierte, gingen ihm verlockende Möglichkeiten durch den Kopf, wie ein Mann einer Frau auf die angenehmste Art den Stress nehmen konnte. „Erzählst du mir, was in dir vorgeht, oder muss ich raten?“

Er küsste sie auf den Nacken und atmete genüsslich ihren Duft ein. Zu Jordans Freude lehnte Brooke sich an ihn und seufzte leise. Doch gleich darauf spürte er, wie sie die Schultern straffte.

Mit einer geschickten Bewegung entzog sie sich ihm, drehte sich um und hob kampflustig ihr Kinn. Genau wie ihre Geschwister hatte Brooke das charakteristische Garrison-Kinngrübchen. „Stimmt es, was mein Bruder vorhin gesagt hat? Hast du mit mir geschlafen, weil du an das Garrison-Unternehmen willst? Hast du absichtlich versucht, mich zu schwängern?“

Das hatte sie gehört? Jordan presste gereizt die Lippen aufeinander und zuckte gleich darauf unmerklich zusammen. Er hoffte sehr, dass Parker mindestens genauso an seinen Schrammen litt.

„Es geht also schon wieder um die verdammte Rivalität zwischen unseren Familien.“ Wie sollte er ihr das Misstrauen nehmen? Brooke würde ihm wahrscheinlich nicht glauben, wenn er es einfach abstritt. Und wenn er ehrlich war, hätte er früher fast alles getan, um mehr Macht über die Garrisons zu erlangen. „Diese Feindschaft ist nun mal etwas, mit dem wir leben müssen. Hast du denn nicht deshalb mit mir geschlafen? Um dich an deiner Familie zu rächen? Womit hättest du den großen Bruder und deine Mutter denn mehr ärgern können als damit?“

„Wie kannst du so etwas nur glauben?“, rief sie impulsiv, senkte allerdings im nächsten Moment schuldbewusst den Blick.

„Genauso könnte ich dich fragen, wie du auf die Idee kommst, ich wäre wegen der Garrison-Aktien mit dir ins Bett gegangen.“

Sicher, eine Verbindung zwischen ihnen war von großem Vorteil, wenn er ans Geschäft dachte. Trotzdem verschwendete er immer weniger Gedanken an seine Hotels, wenn er mit Brooke zusammen war. Während der vergangenen Abende in seiner Suite hatten er und Brooke sich sehr viel besser kennengelernt, als es in überfüllten Restaurants möglich gewesen wäre.

Brooke wandte sich ab und ging zur Küche – zweifellos, um ihm und seinem forschenden Blick auszuweichen. „Wir haben keinen echten Grund, dem anderen zu vertrauen, was?“

Fasziniert sah er ihr nach. Sanft umspielte der dunkle Stoff ihre Hüften, bei jedem Schritt erhaschte er einen Blick auf ihre nackte Haut. Unwillkürlich erinnerte er sich daran, wie ihre wundervollen schlanken Beine im Kerzenschein schimmerten.

„Wahrscheinlich nicht“, erwiderte er gedankenverloren. Langsam folgte er ihr und lehnte sich mit der Schulter an den holzvertäfelten Bogen, der die Küche vom Essbereich trennte. „Und wie wollen wir das überwinden?“

„Indem wir uns besser kennenlernen.“ Sie nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und füllte zwei Kristallgläser. „Und indem wir uns mehr Zeit nehmen.“

„Genau.“ Wenigstens waren sie sich in dieser Hinsicht einig. Jordan hatte schon befürchtet, dass Brooke ihre Meinung nach dem heutigen Desaster änderte. Zum Glück war ihr noch nicht aufgefallen, wie ungeduldig er darauf wartete, sie endlich wieder zu küssen und zu umarmen … Und er wollte nicht, dass sie erriet, wie häufig er schon überlegt hatte, was sie wohl unter ihrem Kleid trug. Hastig lenkte Jordan sich ab.

Er nahm Brooke die Gläser ab, kehrte ins Wohnzimmer zurück und stellte sie auf den Kaffeetisch. „Wie wäre es, wenn wir klein anfangen?“

„Was meinst du damit?“ Ihr Tonfall war immer noch sehr argwöhnisch.

„Setz dich.“ Er würde sie dazu bringen, sich zu entspannen. Sie würde sich bald wohler fühlen, denn er wusste, was er dafür tun konnte. Solange sie sich unterhielten, kam es immer früher oder später zu einer Auseinandersetzung, aber körperlich gab es zwischen ihnen nur Harmonie und Leidenschaft. Das würde er zu seinem Vorteil nutzen.

Behutsam setzte Brooke sich auf die Sofakante. „Okay. Und jetzt?“

„Vertraust du mir deine Füße an?“

„Was für eine seltsame Frage.“

Ohne eine weitere Erklärung abzugeben, kniete er sich vor sie auf den Boden, zog ihr die hochhackigen Sandaletten aus und warf sie unter den Tisch. Anschließend setzte Jordan sich lächelnd auf das Sofa und legte ihre Füße auf seinen Schoß.

Mühsam wandte er den Blick von dem Saum ihres Kleides ab, das ein paar Zentimeter hochgerutscht war. Jordan wusste, dass er die nächsten Minuten nicht durchstehen würde, wenn er sich ständig mit dem Wunsch quälte, Brooke das Kleid auszuziehen. Stattdessen massierte er geschickt ihre Füße.

„Hmm …“ Seufzend lehnte sie den Kopf zurück. „Okay …“

Ihr süßes, zustimmendes Flüstern hätte jeden Mann ermutigt. Im Stillen freute Jordan sich schon darauf, ihr noch mehr Seufzer zu entlocken. Er würde ganz andere Stellen ihres wundervollen Körpers berühren … „Das kann ich als Erlaubnis verstehen fortzufahren?“

„Eindeutig ja.“ Sie warf die Hälfte der rosafarbenen Kissen auf den Boden, um es sich bequemer zu machen. Dabei bewegten sich ihre vollen Brüste. Der Anblick war so verführerisch, dass Jordan plötzlich einen trockenen Mund bekam und einen Schluck Wasser trinken musste. Er konnte nicht sagen, mit wie vielen Frauen er zusammen gewesen war. Aber keine von ihnen hatte eine annähernd so überwältigende Wirkung auf ihn gehabt wie Brooke.

Nachdem er das Glas wieder abgestellt hatte, übte er mit den Daumen Druck auf ihre Fußsohle aus und beschloss, ein Lächeln auf Brookes Lippen zu zaubern. „Da du gerade in der Laune bist, Ja zu sagen. Was hältst du davon, mich zu heiraten?“

Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Treib es nicht zu weit.“

„Du kannst mir nicht verübeln, dass ich es versucht habe.“

Und tatsächlich. Ein Lächeln erschien um ihre Mundwinkel, und sie kuschelte sich tiefer in die Kissen.

Nicht umsonst sagte man Jordan Beharrlichkeit nach. Sein Entschluss stand fest – er würde Brooke erobern. Und weil er nicht nur hartnäckig, sondern auch geduldig war, war ihm der Erfolg so gut wie sicher.

Noch nie hatte so viel für ihn auf dem Spiel gestanden, und es hatte nichts mit seinen Geschäften zu tun. Vielmehr ging es ihm darum, dass das Baby seinen Namen bekam. Denn Jordan hatte schon in jungen Jahren gelernt, wie schrecklich es für ein Kind war, ohne Vater aufzuwachsen.

Emilios leiblicher Vater hatte seine Familie im Stich gelassen. Und nachdem Emilios Mutter gestorben war, wäre er beinah in ein Waisenheim gekommen. Weil Emilios Mutter als Kindermädchen für sie gearbeitet hatte, waren Jordans Eltern da gewesen und hatten Emilio adoptiert. Für Jordan war es undenkbar, ein unschuldiges Kind allein zu lassen und seinem Schicksal schutzlos auszuliefern. Brookes Familie war groß genug. Aber die Vorstellung, dass sein Kind sich ewig fragen musste, warum sein Vater fort war … Wenn sein Kind glaubte, er würde sich nicht genug interessieren – nein. Dieser Gedanke war Jordan unerträglich.

Er verstärkte den Druck seiner Finger. „Du hast so hübsche Füße, Brooke, dass du ruhig flachere Sandaletten anziehen kannst statt dieser High Heels. Ich frage mich, warum du dich nicht ein wenig verwöhnst und es während deiner Schwangerschaft etwas ruhiger angehen lässt.“

„Ich lasse mich doch gerade von dir verwöhnen. Verdirb es mir nicht mit deinen Bemerkungen.“ Sie machte einen Schmollmund, und Jordan musste sich beherrschen, um sie nicht zu küssen.

„Einverstanden.“ Er glitt mit den Händen bis zu ihren Knöcheln und begann, sie zärtlich zu berühren. Als Brooke sich nicht beschwerte, wagte er sich weiter vor. Er streichelte ihre Waden eher, als dass er sie massierte. Bewundernd stellte er fest, dass ihre zarte Haut leicht sonnengebräunt war.

Ihre Brüste hoben und senkten sich ruhig und regelmäßig. War sie etwa eingeschlafen? Zärtlich streichelte er die Innenseite ihrer Knie. Dort war sie besonders empfindlich, daran erinnerte er sich sehr gut.

Ihr Atem stockte eine Sekunde lang und ging dann etwas schneller.

So war es schon besser. Sie hielt zwar die Augen geschlossen, war aber hellwach und befahl ihm nicht aufzuhören.

Er würde es genießen, in aller Ruhe könnte er mit den Händen noch höher gleiten, ohne dass Brooke protestierte. Trotzdem ging er das Risiko lieber nicht ein. Sie hatte ihm Zeit geschenkt, und er wollte keine der kostbaren Minuten verschwenden.

Bedauernd zog er die Hände zurück. Und plötzlich öffnete Brooke die Augen und hob einladend die Arme.

Jordan konnte seine Freude nicht verbergen. Verheißungsvoll lächelte er Brooke an, und sie erwiderte die Geste.

Atemlos wartete er darauf, dass sie den nächsten Schritt tat.

Und er wartete nicht lange. Verführerisch langsam beugte sie sich vor, schlang die Arme um seinen Nacken und küsste Jordan. Die Lippen an seinem Mund, seufzte sie leise. Einem ersten Impuls folgend, wollte Jordan sie überall streicheln, mahnte sich jedoch zur Vorsicht und hielt sich zurück.

Während Brooke sich wieder zurücksinken ließ, stützte er sich auf dem Sofa ab, um sie nicht mit seinem vollen Gewicht zu belasten. Sosehr er sich auch danach sehnte, sie jetzt zu lieben und in die verzehrende Leidenschaft zu tauchen, die sie verband – er musste vernünftig bleiben. Warum konnte sie nicht verstehen, dass er sich einfach um sie und das Baby kümmern wollte?

Der Kuss wurde allmählich immer heißer. Auf dieser Ebene verstanden sie sich großartig; wenn sie miteinander schliefen, waren sie in absolutem Einklang.

Sehnsüchtig stützte er sich auf einen Ellbogen, um endlich ihre schönen vollen Brüste zu berühren. Das hatte er sich schon den ganzen Abend gewünscht. Jordan spürte, wie sich die Brustspitze unter seinen Fingern zusammenzog, und lächelte, als er Brooke wieder leise seufzen hörte.

Verlangend schmiegte sie sich an ihn. Und zu gern hätte er die stumme Einladung angenommen. Doch das war der falsche Weg, Jordan musste widerstehen.

Leicht fiel es ihm allerdings nicht.

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