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BACCARA EXKLUSIV BAND 148

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Ein heißer Plan

1. KAPITEL

„Die Kongressabgeordnete Fisher ist auf Leitung zwei, Derek Mead immer noch auf Leitung drei, und Owen Winston ist auf Leitung vier.“

Mac Valentine, der hinter seinem Schreibtisch saß, lehnte sich entspannt zurück. Seine Chefassistentin Claire stand in der Tür zu seinem ultramodern eingerichteten Büro. Mit einem erwartungsvollen Ausdruck auf ihrem großmütterlichen Gesicht blickte sie ihn an. Seit acht Jahren arbeitete sie mittlerweile für ihn. Und seit acht Jahren bereitete es ihr ein diebisches Vergnügen, Mac bei seiner Arbeit beobachten zu können. Besondere Freude machten ihr genau die Augenblicke, in denen er einen Gegner zerstörte. Und mehr als einmal hatte er mitbekommen, wie sie ihn als skrupellosen, zielstrebigen Geschäftsmann bezeichnet hatte, der an seine fünfunddreißig Angestellten die höchsten Ansprüche stellte.

Mac lächelte. Seine Assistentin lag gar nicht so falsch mit ihren Ansichten. Sein Ziel war es, MCV Wealth Enhancement Corp. zur bedeutendsten Finanzberatungsfirma im gesamten Mittleren Westen zu machen. Dass er seine Angestellten feuerte, wenn sie dieses Ziel seiner Meinung nach nicht enthusiastisch genug verfolgten, war dabei seiner Meinung nach einfach unvermeidlich.

Claires Augen leuchteten, und sie wirkte wie ein Kind, das begierig darauf wartete, endlich vom Nachtisch naschen zu dürfen. „Mr. Winston sagt, dass er zurückrufen sollte, Sir.“

Mac warf einen Blick auf sein BlackBerry. „Sagen Sie der Kongressabgeordneten und Mead, dass ich mich bei ihnen melden werde. Das hier wird nicht lange dauern.“

„Ja, Sir.“ Claire stand noch immer in der Tür.

„Und schließen Sie die Tür hinter sich, wenn Sie gehen“, sagte Mac ruhig. „Heute gibt es keinen Nachhilfeunterricht.“

„Natürlich, Sir.“ Enttäuscht verließ seine Assistentin das Zimmer.

Mac drückte die Freisprechtaste am Telefon und lehnte sich zurück. „Owen.“

„Stimmt“, erklang die gereizte Stimme des älteren Mannes. „Ich habe jetzt lange genug in der Leitung gewartet. Also, was kann ich für Sie tun?“

Ein Gefühl der Genugtuung durchströmte Mac, als er das leichte Zittern von Owen Winstons Stimme wahrnahm. Er drehte sich in seinem Stuhl zu dem riesigen Panoramafenster um und betrachtete die Skyline von Minneapolis. „Ich werde weder meine noch Ihre Zeit damit verschwenden zu fragen, warum Sie es getan haben.“

„Ich verstehe nicht?“

„Ich werde Sie auch nicht dazu zwingen, es zuzugeben“, fuhr Mac fort. „Der Versuch, dem Ruf einer Konkurrenzfirma zu schaden, ist keine Seltenheit. Vor allem bei den älteren Vertretern unserer Branche kommt es oft vor. Ihr werdet müde, verliert euren Biss, und die Kunden schauen sich nach anderen Geschäftspartnern um.“

Mac konnte regelrecht spüren, wie Owens Miene sich verdüsterte. „Sie wissen nicht, was Sie sagen, Valentine …“, murrte Owen Winston.

„Das ist der Lauf der Dinge, Sie können nichts dagegen tun“, fuhr Mac kühl fort. „Sie sehen diese jungen Wilden, mit den kühlen Köpfen und den besseren Ideen. Unaufhaltsam erklimmen sie die Karriereleiter und kommen immer näher. Und Sie beginnen, sich Sorgen zu machen, dass Sie nicht länger ernst genommen werden könnten. Wenn Sie dann erkennen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die jüngere Generation Sie vollständig aus dem Geschäft verdrängt hat, geraten Sie in Panik.“ Mac beugte sich vor und sagte ruhig: „Sie hatten Panik, Owen.“

„Das ist lächerlich“, stieß Owen hervor. „Sie wissen nicht, was Sie sagen.“

Mac sprach weiter, als hätte er seinen Einwand gar nicht gehört. „Ein Mann mit ein wenig Ehre im Leib hätte seine Grenzen erkannt und sich zurückgezogen – um zukünftig vielleicht Golf zu spielen und regelmäßig ein Mittagsschläfchen zu halten.“

„Ein ehrenwerter Geschäftsmann, Valentine?“ Owen lachte bitter auf. „Ein ehrenwerter Geschäftsmann würde keinen Kunden bevorzugt behandeln. Er würde niemandem entscheidende geschäftliche Hinweise geben. Ein ehrenwerter Mann würde solche Informationen nicht weitergeben, nur weil sein Kunde eine hübsche Frau mit langen Beinen und großen Brüsten ist.“

Das waren die haltlosen Anschuldigungen eines verzweifelten Mannes. Vollkommener Unsinn. Und doch hatte sich dieses Gerücht wie ein Lauffeuer verbreitet. „Sie stehen so kurz vor einer Klage, Winston.“

„Sie dürften klug genug sein, um damit nicht vor Gericht zu gehen. Denn es würde einen langwierigen Prozess nach sich ziehen. Und das würde, denke ich, Ihrem Ruf noch viel mehr schaden.“

Es dauerte einige Sekunden, bis Mac darauf reagierte. Eine trügerische Ruhe erfüllte ihn – es war die Ruhe vor dem Sturm. „Tja, vielleicht haben Sie recht“, sagte er schließlich bedächtig. „Vielleicht ist der gerichtliche Weg nicht der richtige.“

„Kluger Mann. Hören Sie, es ist schon spät, und ich …“

Mac erhob sich und ging durch das Büro. „Nein, ich nehme an, dass ich mir etwas anderes überlegen muss, um Sie für das bezahlen zu lassen, was Sie getan haben.“

„Es ist schon nach sieben, Valentine“, sagte Owen fest. „Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für so etwas.“

„Ja, sicher – Sie wollen nach Hause zu Ihrer Familie.“ Mac öffnete die Bürotür und gab Claire ein Zeichen. „Vor allem zu Ihrer reizenden Tochter. Wie war doch gleich ihr Name? Allison? Olive?“

Owen schwieg.

„Ach, richtig …“ Mac warf Claire einen bedeutungsvollen Blick zu. „Olivia. Hübscher Name“, sagte Mac, während seine Assistentin sich an den Computer setzte und zu recherchieren begann. „Hübscher Name für eine hübsche Frau, wie ich gehört habe. Wissen Sie, Ihre Tochter hat den Ruf, ein sehr braves Mädchen zu sein. Süß, liebt ihren Vater und gibt nie Anlass zu irgendwelchen Skandalen. Es wäre bestimmt interessant zu sehen, wie leicht es ist, das zu ändern.“

Claire blickte auf. Auf ihrem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Respekt, Neugierde und Entsetzen.

„Sie halten sich von meiner Tochter fern.“ Der sonst so bestimmt auftretende alte Mann klang plötzlich wie ein verängstigter kleiner Junge.

„Ich bin kein gläubiger Mensch. Aber ich denke, dass der Ausspruch ‚Auge um Auge‘ hier durchaus passend ist.“ Mac ging zurück in sein Büro. „Ich mag ein arroganter, selbstsüchtiger Mistkerl sein, aber ich bin kein Betrüger. Ich gebe für jeden meiner Kunden mein Bestes – egal, ob Mann oder Frau. Sie sind zu weit gegangen.“

Ohne ein weiteres Wort beendete Mac die Verbindung und trat ans Fenster. Die tief hängenden dunklen Wolken kündigten einen aufziehenden Regenschauer an. Gedankenverloren sah er nach draußen.

„Sie ist Mitinhaberin von No Ring Required.“

„Woher kenne ich diesen Namen?“

„Das Minneapolis Magazine hat vor einem Monat eine Titelstory über die Firma gebracht. Eine Köchin, eine Innenarchitektin und eine Eventplanerin – alle drei erstklassige Unternehmerinnen – haben sich zusammengetan, um einen …“

„Um einen Service für Männer aufzubauen, die die Hilfe und die Kenntnisse einer Frau brauchen, aber selbst entweder keine haben oder keine wollen“, fuhr er fort.

„Das stimmt.“

Er nickte seiner Assistentin zu. „Perfekt. Vereinbaren Sie für diese Woche einen Termin mit Olivia Winston. Es sieht so aus, als müsste ich Ihre Dienste in Anspruch nehmen.“

„Haben Sie den Artikel gelesen, Sir?“

„Ich erinnere mich nicht mehr … Wahrscheinlich habe ich ihn überflogen.“

„Die drei sind starke, intelligente Frauen, die in der Geschäftswelt hohes Ansehen und Respekt genießen.“

Mac lächelte leicht. „Machen Sie den Termin für morgen früh.“

Claire biss sich auf die Unterlippe, nickte und verließ das Büro.

Mit ernster Miene ging Mac zu seinem Schreibtisch zurück. Nachdenklich blätterte er durch die Akten der Kunden, die nicht mehr von ihm betreut werden wollten, seit Owen Winston zwei Tage zuvor dieses Gerücht in die Welt gesetzt hatte. Wer wusste schon, ob die Kunden zu ihm zurückkehren würden oder ob ihre Geschäftsbeziehung ein für alle Mal beendet war?

Am liebsten hätte Mac diesen Mistkerl erwürgt – aber Gewalt war keine befriedigende Lösung. Nein, er wollte Gleiches mit Gleichem vergelten. Owen hatte Macs Ruf ruiniert – und Mac würde dafür den Ruf von Owens Tochter zerstören.

Owens kleines Mädchen würde bezahlen müssen – für das Geld, das MCV und seine Angestellten verloren hatten, und für das unüberlegte Handeln ihres Vaters.

2. KAPITEL

Mit geschlossenen Augen sog Olivia den verführerischen Duft ein. „Ich bin ein Genie …“

„Wie lange willst du uns noch warten lassen, Liv?“, fragte Tess. Ihr Magen knurrte unüberhörbar. „Ich habe extra auf das Frühstück verzichtet.“

Mary Kelley, die am Tisch saß, blickte stirnrunzelnd auf den flachen Bauch ihrer rothaarigen Freundin und Kollegin. „Hört sich an, als würde da drin ein Zug entgleisen. Sehr damenhaft.“

Tess warf Mary einen neckischen Blick zu. „Komm schon, ich habe Hunger.“ Sie deutete auf den Ring mit dem gelben Diamanten, der an der Hand ihrer hübschen blonden Partnerin funkelte. „Nicht jede von uns hat einen schönen Mann, der ihr jeden Morgen pochierte Eier und gebratenen Speck bringt.“

Lächelnd strich die schwangere Mary über ihren Bauch, der allmählich immer runder wurde. Ihre blauen Augen strahlten vor Glück. „Ethan ist sehr darum bemüht, dass sein Kind auch gut versorgt wird. Wenn ich nicht regelmäßig alle paar Stunden etwas esse, flippt er aus.“

Tess verdrehte die Augen. „Das ist ein bisschen zu goldig für mich.“

Lachend erwiderte Mary: „Oh, komm schon. Eines Tages wirst du anders darüber denken. Ganz sicher.“

„Das bezweifle ich. Ich bin viel zu sehr Einzelgängerin – und es gefällt mir.“

„Nun, dann müssen wir dich dazu bewegen, öfter rauszugehen und Kontakte zu knüpfen.“ Marys Augen begannen zu strahlen. „Vielleicht triffst du ja am Ende des Monats auf unserer Verlobungsparty jemanden. Ethan hat ein paar süße Freunde.“

„Nein, danke.“

„Es könnte doch sein, dass du zufällig den Richtigen triffst.“

Tess schüttelte den Kopf und lachte. „Ich glaube nicht an den Richtigen, Mary. Ein Haufen Typen, die alle die Falschen sind – daran glaube ich.“

Versonnen schenkte Mary sich ein Glas Milch ein. „Du bist noch nicht alt genug, um so zynisch zu sein. Mit wie vielen Männer hast du dich mit deinen fünfundzwanzig Jahren schon getroffen?“

„Mit genügend Männern, um es besser zu wissen“, erwiderte Tess ernst. Sie wandte sich Olivia zu. „Du und ich hatten Glück, dass wir bisher immer den Kopf aus der Schlinge ziehen konnten, stimmt’s, Liv?“

„Oh ja. Und was für ein Glück“, erwiderte Olivia. Konzentriert schnitt sie Brownies zurecht. Sie versuchte, den Neid, der sie bei der Erinnerung an das Erlebnis heute Morgen erfüllte, so gut es ging zu ignorieren. Wie zärtlich Ethan Curtis Mary angesehen hatte, als er sich am Empfangstresen mit einem liebevollen Kuss von ihr verabschiedete. Er hatte so verliebt gewirkt, so glücklich, so über alle Maßen aufgeregt und begeistert wegen des Babys.

Selbstverständlich gönnte Olivia ihrer Freundin diesen gut aussehenden Mann und die wunderbare Partnerschaft. Dennoch fragte sie sich, ob es für jemanden wie sie auch möglich war, ein solches Glück zu finden. Tief in ihrem Inneren sehnte sie sich nach einem Mann. Sie wünschte sich jemanden, den sie bekochen und mit dem sie eine Familie gründen könnte. Doch die Chancen, diesen Traum zu erfüllen, standen nicht gut für sie. Obwohl sie in den letzten Jahren erwachsener, reifer geworden war, hielt ihre Vergangenheit sie noch immer gefangen. In vielerlei Hinsicht war sie auch jetzt manchmal noch die traurige Sechzehnjährige … Ein Mädchen, dessen Mutter an Krebs gestorben war. Dessen Vater es nicht zu bemerken schien. Und das seinem Schmerz auf die denkbar schlechteste Art und Weise zu entfliehen versucht hatte – durch Partys, Jungs und Sex.

Die Scham darüber, was sie getan hatte und wie vielen Jungs sie erlaubt hatte, sie zu benutzen, hatte in den vergangenen zehn Jahren nicht nachgelassen. Aber sie selbst war in dieser Zeit viel stärker geworden. Außerdem war sie vorsichtiger als damals und hatte der Männerwelt komplett abgeschworen. Heutzutage war ihr Ruf tadellos – sie war eine angesehene Geschäftsfrau, die die Geheimnisse ihrer Vergangenheit für sich behielt.

„Also gut“, sagte Olivia fröhlich. „Die werden euch für ein Weilchen ablenken“, erklärte sie und servierte Tess und Mary je einen großen Schokoladenbrownie.

„Ich glaube, sie wollte damit andeuten, dass wir den Mund halten sollen“, entgegnete Tess mit einem Grinsen.

Mary nahm den Brownie in die Hand und seufzte. „Aber sie hat es uns auf die denkbar schönste Art und Weise mitgeteilt.“

„Das ist wahr“, bestätigte Tess und betrachtete den saftigen Brownie. „Für noch eine von diesen fantastischen Köstlichkeiten würde ich nicht nur aufhören, über Männer und Hochzeiten zu reden, sondern Männchen machen und bellen.“

„Bevor Sie das tun“, erklang eine tiefe männliche Stimme hinter ihnen, „sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass Sie Publikum haben.“

Abrupt drehten Mary und Tess sich um, und Olivia blickte auf. In der Tür stand, mit einem amüsierten Gesichtsausdruck, ein Mann. Seine Augen hatten die Farbe von kräftigem Espresso. Er war groß und breitschultrig und trug einen grauen Nadelstreifenanzug unter seinem schwarzen Wollmantel. Olivia ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten, um sich davon abzuhalten, den Mann an den Aufschlägen seines Mantels zu sich zu ziehen und sich an ihn zu schmiegen. Dieses Gefühl war so unerwartet und untypisch für sie, dass es ihr Angst machte. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. In den vergangenen sieben Jahren ihrer selbst gewählten Enthaltsamkeit hatte sie sich immer auf ihren Körper verlassen können. Sicher hatte sie im Bett ein paar Liebesromane gelesen – aber darüber hinaus war nichts geschehen.

Als sie nun diesen Mann ansah, schrie alles in ihr: Vorsicht!

„Mac Valentine?“, fragte sie und war erleichtert, dass ihre Stimme ruhig und kühl klang.

Er nickte. „Ich fürchte, ich bin ein bisschen zu früh dran.“

„Nur ein paar Minuten“, beruhigte sie ihn. „Bitte, treten Sie ein.“

Als er mit federnden Schritten die Küche durchquerte, erhoben Mary und Tess sich, um ihm die Hand zu schütteln. „Es ist schön, Sie kennenzulernen, Mr. Valentine“, begrüßte Mary ihn freundlich. „Wir haben gerade eine kleine Stärkung zu uns genommen.“

„Ich verstehe.“

„Schokolade ist hier sozusagen eine Art Lebenselixier“, setzte Mary hinzu.

„Als ich das Haus betrat, habe ich mich schon gefragt, was hier so himmlisch duftet.“

Tess klopfte Olivia liebevoll auf den Rücken. „Nun, das ist das Werk unserer Küchenchefin. Olivia zaubert in der Küche, und wir kommen in den Genuss, es zu kosten.“

Sein Blick ruhte auf Olivia. „Stimmt das?“

Olivia zuckte gutmütig die Schultern. „Falsche Bescheidenheit lag mir nie – also, ja, ich bin eine verdammt gute Köchin.“

Mac Valentines dunkle Augen funkelten vergnügt, und Olivia spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken rieselte.

„Und in diesem Sinne“, sagte Mary, griff sich den Rest von ihrem Brownie und ihr halb volles Glas Milch, „werden Tess und ich Sie in Olivias fähige Hände übergeben. Willkommen bei No Ring Required, Mr. Valentine.“

„Danke.“

Tess schüttelte abermals seine Hand, nahm sich hinter seinem Rücken heimlich noch einen Brownie und folgte Mary hinaus.

Mühsam musste Olivia ein Lachen unterdrücken. Tess war einfach unverbesserlich! Als Mac sich den Mantel auszog und über einen leeren Stuhl hängte, deutete sie zum Tisch. „Bitte, nehmen Sie Platz.“ Sie griff nach dem orangefarbenen Teller mit den Brownies und hielt ihn ihm entgegen. „Möchten Sie einen?“

Er warf ihr einen fragenden Blick zu. „Muss ich Männchen machen und bellen?“

„Nur, wenn Sie noch einen Nachschlag möchten.“

Mac Valentine sah sie schmunzelnd an. „Ich werde es Sie wissen lassen.“ Damit nahm er sich einen Brownie vom Teller.

Olivia setzte sich und sah ihn an. Warum dieser Mann hier war, wusste sie nicht genau. Aber sie ahnte, dass es Ärger bedeutete, sich mit ihm einzulassen – und das in vielerlei Hinsicht. „Nun, Ihre Assistentin hat bei unserem Telefonat wegen des Termins nicht verraten, warum genau Sie heute hier sind. Vielleicht können Sie etwas Licht ins Dunkel bringen?“

„Selbstverständlich.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich brauche Ihre Hilfe. Sie sollen mein Haus etwas wohnlicher und gemütlicher gestalten, als es im Augenblick ist.“

„Und wie genau ist es im Moment?“

„Es gibt jede Menge ungenutzten Raum.“

„Okay.“

„Ich habe Kunden von außerhalb zu mir eingeladen. Und ich möchte, dass sie sich fühlen, als würden sie einen Familienmenschen besuchen statt eines …“ Er verstummte.

Aufmunternd blickte sie ihn an. „Ja?“

Seine Lippen zuckten leicht. „Statt einer Person, die eigentlich gar nicht weiß, was der Ausdruck überhaupt bedeutet.“

„Ich verstehe.“ Und das tat sie wirklich. Schließlich arbeitete sie nicht zum ersten Mal für einen schwerreichen Junggesellen und Lebemann.

„Ich denke, es wäre gut, wenn Sie sich mein Haus selbst einmal ansehen.“

Sie nickte. Ihr Blick fiel auf den Brownie vor ihm, den er noch nicht angerührt hatte. „Alles klar. Aber Sie wissen, dass die Küche mein eigentliches Fachgebiet ist, nicht wahr?“

„Ich dachte, das ist nicht Ihr einziges Fachgebiet.“

Warum aß er ihren Brownie nicht? „Das stimmt auch, Trotzdem denke ich, dass meine Partnerin Tess vielleicht besser …“

„Nein“, unterbrach er sie brüsk.

Sie hielt inne und sah ihn abwartend an.

„Ich will Sie“, erklärte er fest.

„Ja, das ist offensichtlich“, entgegnete sie vorsichtig. „Es gibt nur ein Problem.“

„Und das wäre?“

„Ihre Beziehung zu meinem Vater.“

Fast unmerklich runzelte er die Stirn. „Ich habe keine Beziehung zu Ihrem Vater.“

„Heute Morgen rief er mich an und sagte mir, dass Sie möglicherweise vorbeikommen würden.“

„Hat er das?“

„Ja.“

Einen Moment lang musterte Mac sie. „Sie haben den Ruf, ein braves, nettes Mädchen zu sein, wussten Sie das?“

„Wollen Sie mir sagen, dass ich meinem Ruf nicht gerecht werde?“

Die Frage zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht. „Ich denke, ich werde jetzt von dem Brownie probieren.“

Das wird aber auch allmählich Zeit, dachte sie. Gespannt beobachtete sie, wie er von dem saftigen dunkelbraunen Kuchen abbiss. Ihr Blick fiel auf seine starken Hände, und ihr Herz pochte schneller. Unwillkürlich fragte sie sich, was er mit diesen Händen tat, das ihm den Ruf des sorglosen Lebemannes eingebracht hatte.

Ihr Vater hatte sie eindringlich vor Mac Valentine gewarnt. Doch statt auf der Hut zu sein, war sie eher neugierig.

„Schmeckt’s?“

„Sehr gut.“

„Das freut mich“, erwiderte sie ruhig. „Und jetzt, Mr. Valentine: Wie wär’s, wenn Sie mir verraten, warum Sie wirklich hier sind?“

Wenn es etwas gab, das Mac Valentine sofort erkannte, so war es ein ebenbürtiger Gegner. Olivia Winston mochte nicht viel größer als eins fünfzig sein, und ihre Augen waren sanft wie die eines Rehs – aber ihre Klugheit und ihre scharfe Zunge machten diese Frau gefährlich.

Damit hatte er nicht gerechnet. Man sollte sie besser nicht unterschätzen.

Doch es waren gerade solche Herausforderungen, die sein Leben so interessant machten.

Sie sah ihn aus ihren rehbraunen Augen aufmerksam an, und er ahnte, dass sie nicht lockerlassen würde.

„Aufgrund von Umständen, auf die ich keinen Einfluss hatte“, begann er, „hat meine Finanzberatungsfirma drei ihrer wichtigsten Kunden verloren. Ich erwarte, dass sich die Lage innerhalb der kommenden Monate wieder ändert – wenn die Kunden eingesehen haben, dass niemand anders in der Stadt ihnen solche finanziellen Gewinne verschaffen kann wie ich. Doch in der Zwischenzeit brauche ich Ihre Hilfe, um einige einflussreiche Persönlichkeiten beziehungsweise wichtige Kunden an Land zu ziehen.“

Olivia blinzelte kurz. „Brauchen Sie meine Hilfe, um Ihre Firma oder Ihren Ruf zu retten?“

„Ihr Vater hat offensichtlich mehr getan, als Sie nur vor mir zu warnen. Mein Unternehmen ist nicht gefährdet. Aber ja, mein Ruf ist infrage gestellt worden. Und ich kann und werde nicht zulassen, dass dieser Zustand anhält.“

„Ich verstehe.“ Ihr Lächeln wirkte unsicher. „Also, Sie möchten diese potenziellen Kunden in Ihrem Haus unterbringen und nicht in einem Hotel?“

„Das Paar schätzt Werte wie Familie, Zuhause, Geborgenheit …“, er machte eine vage Handbewegung, „… so etwas eben.“

„Und Sie nicht.“

„Nein.“

Sie erhob sich und griff nach dem Teller mit dem halb aufgegessenen Brownie, der vor ihm stand. „Ich habe eine Frage“, sagte sie, während sie zur Spüle ging und den Teller hineinstellte. Sie war klein, aber verführerisch weiblich. Jede ihrer Bewegungen war verlockend, beinahe wie ein Versprechen. Sie drehte sich um. Mit vor der Brust verschränkten Armen lehnte sie sich an die Anrichte und sah ihn an. Mac spürte, wie ihn bei ihrem Anblick Verlangen durchströmte. „Sie glauben, dass mein Vater Ihre Kunden dazu gebracht hat, sich von Ihnen zu trennen, nicht wahr?“

„So könnte man es ausdrücken. Tatsächlich waren es die Lügen, die Ihr Vater über mich verbreitet hat, die meine Kunden zu diesem Schritt bewogen haben.“

„Wenn Sie das glauben, warum wollen Sie dann unbedingt mit seiner Tochter zusammenarbeiten? Es sei denn …“

„Es sei denn, was?“

Sie ging zu ihm und blieb direkt vor seinem Stuhl stehen.

Was würde sie tun, wenn ich meinen Arm ausstrecke, ihre Taille umfasse und sie einfach auf meinen Schoß ziehe?

Ja, seine Rache würde süß sein.

„Es sei denn, Sie wollen mich benutzen, um es ihm heimzuzahlen“, sagte sie mit bemerkenswert ruhiger Stimme.

Im selben Tonfall erwiderte er: „Hat er Ihnen das gesagt?“

„Ja, aber das war eigentlich nicht nötig.“

„Und wie genau sollte ich Sie dazu benutzen?“

Sie schüttelte den Kopf und setzte sich ihm gegenüber. „Ich weiß es nicht genau.“

„Aber Ihr Vater könnte sich da schon Einiges vorstellen?“

„Er ist besorgt wegen Ihres …“ Ein feines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Wegen Ihres offensichtlichen Charmes – ich meine, Sie sind ein wirklich gut aussehender Mann. Aber ich habe ihm versichert, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht.“

Na, das war ihm noch nie passiert. „Tatsächlich?“

Sie nickte und sagte kühl: „Ich habe ihm gesagt, dass ich absolut nicht interessiert bin.“

Mac runzelte die Stirn.

Sie lachte. „Ich will Sie nicht beleidigen – aber die Wahrheit ist, dass Sie überhaupt nicht mein Typ sind.“

„Warum glauben Sie, dass das eine Beleidigung für mich ist?“

Seine Frage überraschte sie, und sie rang nach Worten. „Ich, nun …“

„Und was, glauben Sie, bin ich für ein Typ?“

Sie sah ihm in die Augen. „Einer, der annimmt, er könnte alles haben, was er will. Und jede Frau, die er begehrt.“

Diese Frau fing langsam, aber sicher an, ihm auf die Nerven zu gehen. „Ich verfolge entschlossen meine Ziele, Miss Winston. Aber die Dinge, die ich erreiche, erreiche ich aufgrund meiner eigenen Fähigkeiten. Und die Menschen, die zu mir kommen, kommen freiwillig, nicht, weil ich sie gezwungen habe. Das kann ich Ihnen versichern.“

„Sie halten sich wohl für absolut unwiderstehlich?“

Er lehnte sich zurück. „Müssen alle Kunden von No Ring Required dieses Verhör über sich ergehen lassen, oder bin ich die Ausnahme?“

„Sie sind noch kein Kunde, Mister …“

„Olivia?“ Tess steckte ihren Kopf durch den Türspalt. Sie wirkte ein wenig irritiert. „Kann ich dich einen Moment sprechen?“

„Sicher. Ich bin sofort zurück, Mr. Valentine.“

Mit diebischem Vergnügen bemerkte er, dass sie überrascht und ein wenig verunsichert war. Er konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. „Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich mich darauf freue.“

„Wenn Sie nicht länger bleiben können …“

„Oh, ich kann warten.“ Er griff nach seinem Mantel und zog sein BlackBerry aus der Tasche. „Ich werde einige Telefonate erledigen.“

Olivia hätte diesem Mann am liebsten sein Handy aus der Hand genommen und es aus dem Fenster geworfen, damit ihm sein arrogantes Grinsen verging. Doch stattdessen lächelte sie und nickte.

Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sah sie ihre Partnerin an. Tess wirkte beunruhigt.

„Was machst du da drin?“, flüsterte Tess.

„Ich rede mit einem potenziellen Kunden.“

„Du beleidigst einen potenziellen Kunden – das trifft es eher“, versetzte Tess trocken und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Tess, du weißt nicht, was dahintersteckt …“

Mary, die normalerweise vermittelte, wenn es Probleme gab, meldete sich zu Wort. Ruhig, fast fürsorglich sagte sie: „Was auch immer los ist, Liv – wir konnten dich von unseren Büros aus hören. Und es hat ganz eindeutig so geklungen, als hättest du ihn angegriffen und beleidigt. Kannst du uns verraten, was das zu bedeuten hat?“

Olivia atmete tief durch. „Er ist kein normaler Kunde. Verdammt, ich weiß nicht einmal genau, ob er überhaupt unser Kunde wird.“

„Nach allem, was ich mitbekommen habe, wohl eher nicht“, brummelte Tess.

„Entspann dich, Tess.“ Ihre Partnerinnen hatten eine Erklärung verdient, und so gab Olivia ihnen die einfachste Begründung, die ihr einfiel. „Er und mein Vater arbeiten im selben Business. Einige von Mac Valentines Kunden haben sich entschlossen, zu meinem Vater zu wechseln. Mac denkt, dass mein Vater ihn angeschwärzt hat. Dad soll in Finanzkreisen verlauten lassen haben, dass Valentine einige seiner Kunden bevorzugt behandelt und seinen gut aussehenden Kunden unter der Hand Tipps gegeben hat.“

„Wow“, murmelte Tess. „Und hat dein Vater das wirklich getan?“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Mein Vater war immer erfolgreich und hat sich dabei äußerst professionell verhalten. Aber der Punkt ist, dass Mac Valentine es glaubt. Er denkt, mein Vater ist für den Verlust von drei seiner wichtigsten Kunden verantwortlich. Und jetzt will er mich engagieren, um mit ihm abzurechnen.“

Tess runzelte die Stirn. „Was?“

„Wie das?“, fragte Mary verwirrt.

„Das weiß ich noch nicht, aber ich habe mir vorgenommen, es herauszufinden.“

„Es gefällt mir nicht, wie du das sagst“, entgegnete Tess und warf Mary einen warnenden Blick zu.

„Hat er tatsächlich einen Auftrag für uns?“, fragte Mary.

„Er will ein paar neue Kunden gewinnen, um den Verlust der alten Kunden wettzumachen. Und er möchte, dass ich sein Haus gemütlich und einladend einrichte, damit er die potenzielle Kundschaft damit beeindrucken kann.“

Mary legte ihre Hand auf Olivias Schulter. „Wenn du das Gefühl hast, nicht mit ihm fertig zu werden, Liv, können Tess oder ich auch …“

„Nein. Erstens will er nur mich, und zweitens bin ich nicht gewillt, vor diesem Mann davonzulaufen. Ich bin ein Profi und ich werde den Job erledigen, ohne mich persönlich zu sehr darauf einzulassen.“

Mary legte eine Hand auf ihren Bauch. „Das kommt mir irgendwie bekannt vor.“

„Wenn ich den Job ablehne, wird dieser Typ in der Stadt verbreiten, dass eine der No-Ring-Required-Partnerinnen alles andere als professionell ist – da bin ich mir sicher. Und das können wir nicht gebrauchen.“

Mary und Tess nickten zustimmend.

„Sei einfach vorsichtig, okay?“, sagte Mary und drückte Olivias Arm.

„Immer.“ Sie schenkte ihnen ein strahlendes Lächeln, winkte ihnen noch einmal zu und ging in die Küche zurück.

Mac beendete gerade ein Telefonat, als Olivia wieder am Tisch Platz nahm. Sie hatte einen No-Ring-Required-Vertrag in der Hand, den Mac unterzeichnen sollte. Nachdem sie tief durchgeatmet hatte, sagte sie: „Entschuldigen Sie bitte.“

„Ihr Verschwinden oder die Beleidigungen?“

„Sehen Sie, ich werde diesen ‚Job‘ annehmen, weil ich ein Profi bin und Partnerinnen habe, die auf mich zählen. Außerdem bin ich mehr als neugierig, was genau Sie versuchen werden. Aber eines sollten Sie wissen, Mr. Valentine: Wenn Sie mir zu nahe kommen, können Sie unsere Abmachung vergessen, verstanden?“

Mac wirkte amüsiert. „Für eine Frau, die glaubt, dass ein Typ wie ich sie vollkommen kaltlässt, klingen Sie ganz schön besorgt.“

„Grenzen und Regeln sind nie verkehrt.“

Nach einem kurzen Zögern nickte Mac. „Ich verstehe. Können wir jetzt zum Geschäftlichen kommen?“

Olivia schob den Vertrag und einen Kugelschreiber über den Tisch zu Mac. „Wann soll ich anfangen?“

„Die DeBolds verbringen dieses Wochenende in meinem Haus.“

Die DeBolds? Die mit den Edelstein-Minen?“ Sie war überrascht. Die DeBolds waren für jedes Unternehmen unglaublich wertvoll – doch laut Owen Winston war es mehr als schwierig, sie als Kunden zu gewinnen. Mac Valentine hatte Mut, Selbstvertrauen und strotzte vor Energie – das musste sie zugeben.

„Sie haben selbst noch keine Kinder – aber Familie und die Lebensweise, die damit einhergeht, sind ihnen sehr wichtig. Sie müssen sich bei mir wohlfühlen.“

Sie nickte. „Ich verstehe.“

„Ich will selbst gekochtes Essen, und ich will, dass wir das tun, was Familien normalerweise so miteinander unternehmen“, fuhr er fort. „Ich will, dass sie Vertrauen zu mir fassen. Und ich will, dass sie in mir einen Mann sehen, der ihre Bedürfnisse und Wünsche für die Zukunft versteht.“

„Gut.“

„Außerdem möchte ich, dass Sie während des Wochenendes mit uns im Haus wohnen.“

Sie hielt inne und starrte ihn an. „Nein“, sagte sie und hoffte, dass ihr Blick genauso kühl war wie ihre Stimme.

„Sie schlafen in einem Zimmer im ersten Stock. Ihr Zimmer wäre am anderen Ende des Flurs, von dem auch das Zimmer der DeBolds abgeht.“

„Und wo werden Sie sein?“

„Meine Räumlichkeiten befinden sich im Erdgeschoss.“

Ungeduldig erhob sie sich und warf ihm einen glühenden Blick zu. „Unter keinen Umständen spiele ich da mit.“

Er fuhr fort, als hätte sie nichts gesagt: „Ich will, dass Sie vom Frühstück bis zum Abendessen bei uns sind.“

„Ja, ich weiß. Und dazu bin ich auch bereit.“

Auf die ihm eigene ruhige Art musterte er sie. „Also gut, wir werden dieses Detail später noch klären. Jetzt zu etwas Wichtigerem – dieser Vertrag, den ich unterzeichne, garantiert doch absolute Diskretion, nicht wahr? Sie werden kein Wort über mein Geschäft oder meine Geschäftspartner verlieren?“

„Natürlich bin ich absolut diskret.“ Zwar fühlte sie sich ihrem Vater verpflichtet, aber die Loyalität der Firma und ihren Partnerinnen gegenüber kam an erster Stelle. „Haben Sie sich schon überlegt, was es zu essen geben soll? Oder soll ich Ihnen einige Menüvorschläge unterbreiten?“

„Ich möchte, dass Sie alles planen und organisieren.“

Nachdem er den Vertrag unterzeichnet und Olivia einen Scheck über eine beträchtliche Summe überreicht hatte, erhob Mac sich von seinem Stuhl. Groß und beeindruckend stand er vor ihr. Sie nahm den flüchtigen Duft seines Aftershaves wahr – und ärgerte sich, dass sie ein so winziges Detail wie sein Duft völlig aus dem Gleichgewicht brachte. Als er nun sprach, erwischte sie sich dabei, wie sie gebannt auf seine Lippen starrte.

„Ich möchte, dass Sie morgen zu mir nach Hause kommen“, sagte er. „Dann können Sie selbst sehen, wie die Ausgangslage ist und was Ihrer Meinung nach geändert werden sollte.“

Sie wich einen Schritt zurück und versuchte, ihre Gelassenheit zurückzugewinnen. „Wie wäre es um zehn Uhr?“

„Haben Sie meine Adresse?“

„Ja.“ Sie sah ihn an und lächelte leicht. „Und Ihre Telefonnummer.“

„Sehr gut.“ Er streckte die Hand aus.

Für einen kurzen Augenblick verspürte Olivia den seltsamen Wunsch, sich umzudrehen und wegzurennen. Aber sie wusste, wie lächerlich und kindisch dieser Gedanke war. Sie ergriff seine Hand.

Kein Feuerwerk explodierte in Olivia, als sie Mac zum ersten Mal berührte. Stattdessen geschah etwas, das viel beunruhigender war. Olivia hatte das überwältigende Gefühl, weinen zu müssen. Es kam ihr vor, als wäre sie zehn Jahre lang auf einer einsamen Insel gewesen und hätte plötzlich in der Ferne ein Schiff entdeckt – ein Schiff, das sie niemals würde herbeiwinken können.

Sie ließ Macs Hand los.

„Bis morgen dann“, sagte er ruhig.

Olivia beobachtete, wie er die Küche verließ und den Flur entlangging. Ja, es war viel Zeit vergangen, seit sie zuletzt einen Mann getroffen hatte, der sowohl ihren Geist als auch ihren Körper angesprochen hatte. Und es war verdammtes Pech, dass dieser Mann ausgerechnet der Feind ihres Vaters war.

Zum Glück war sie über die Jahre eine Meisterin darin geworden, ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte zu ignorieren.

3. KAPITEL

Mac hatte gehofft, dass Olivia Winston ein halbwegs ansprechendes Äußeres besaß. Immerhin ließ sich sein Ziel leichter erreichen – und mit mehr Spaß –, wenn die Frau annehmbar aussah. Unglücklicherweise sah diese Frau weit mehr als nur gut aus. Verdammt sexy traf es eher. Außerdem war sie intelligent und leidenschaftlich. Wenn er diesen Plan bis zum Ende durchziehen wollte, würde er sich zusammenreißen müssen. Er würde sich jedes Mal, wenn er diese Frau ansah, ins Gedächtnis rufen müssen, dass er und ihr Vater noch eine Rechnung offen hatten. Und dass ihr Unglück und ihre Enttäuschung für ihn Genugtuung bedeuteten.

Er drosselte die Geschwindigkeit seines Wagens, als er vom Freeway abbog. Olivia Winston als eine Feindin zu sehen, die er besiegen musste, würde ihm nicht leichtfallen. Verdammt, wie sie ihn mit ihren feurigen rehbraunen Augen angesehen hatte – als wüsste sie nicht genau, ob sie von ihm fasziniert sein oder dem Rat ihres Vaters folgen und ihn hinauswerfen sollte. Mac bog auf die Third Street ab, wo sich eine ganze Reihe guter Restaurants befand. Vor dem Martini Two Olives parkten bereits einige Autos. Als Mac mit seinem Wagen rückwärts in eine freie Parklücke fuhr, fielen Schneeflocken sacht auf die Windschutzscheibe. Durch das Fenster des Restaurants konnte er eine große kühle Blondine entdecken.

Sie warf ihm ein warmherziges Lächeln zu, als er kurz darauf das Restaurant betrat. Mac küsste sie auf die Wange. „Hallo, Avery.“

„Mac Valentine … Es ist eine Ewigkeit her“, schnurrte sie.

Die beiden setzten sich an einen Tisch in der Nähe der Bar und bestellten sich Drinks.

Als kurz darauf sein Scotch vor ihn auf den Tisch gestellt wurde, fragte Mac: „Wie geht es Tim? Seid ihr immer noch verliebt?“

Avery errötete und lächelte. „Wir sind glücklich. Und wir planen, nächstes Jahr eine Familie zu gründen.“

Mac lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und nahm einen großen Schluck von seinem Drink. „Ich bin ein verdammt guter Kuppler. Mein bester Kumpel und die überaus strebsame Exanwältin meiner Firma.“

„Hey, pass auf, was du sagst. Ich bin keine Streberin mehr. Das ist lange her. Inzwischen bin ich einfach nur noch umwerfend.“

Er lächelte. „Ja. Du hast recht.“

Auch sie lachte. Doch schon im nächsten Moment wurde sie wieder ernst. Mit ihren blassblauen Augen blickte sie ihn an. „Du bist ein wunderbarer Freund, und du hast etwas Großartiges getan. Du hast etwas gut bei uns.“

„Ja, nun, ich hätte nicht gedacht, dass ich diese ‚Schuld‘ jemals würde eintreiben müssen, aber die Zeiten sind momentan ein bisschen … unsicher.“

„Tim hat so etwas erwähnt …“

„Diskretion war noch nie seine Stärke.“

„Wie kann ich dir helfen? Sag es einfach.“

„Vertrittst du immer noch die DeBolds?“

Sie nickte. „Sie sind meine besten und liebsten Klienten.“

„Ich habe gehört, dass sie sich zurzeit nach einem neuen Investmentberater umsehen, und ich möchte ihnen gerne zeigen, was ich ihnen bieten könnte.“

Avery drehte ihr Glas in den Händen. „Es wäre möglich, dass sie die Gerüchte gehört haben, Mac … Und du weißt, was sie über Familie und Werte denken. Sie wollen nicht mit einem …“

„Ich weiß, ich weiß. Deshalb habe ich vor, genau das zu sein, wonach sie suchen – und noch ein bisschen mehr.“

Skeptisch blickte sie ihn an. „Fünfsternerestaurants und solche Sachen werden sie nicht beeindrucken. Wenn du sie dazu bringen willst, eine Zusammenarbeit mit deiner Firma ernsthaft in Betracht zu ziehen, musst du mehr in Richtung …“

Er hob die Hand. „Lass mich dir zuerst erklären, was ich mir überlegt habe – dann kannst du dich entscheiden, ob du mich dabei unterstützen willst oder nicht.“

„Also gut“, entgegnete sie und nahm einen Schluck von ihrem Rotwein.

Olivia war davon ausgegangen, dass Mac Valentine in einem modernen, kühl wirkenden Haus lebte. Sie hatte sich vorgestellt, dass Glas und Stahl vorherrschten und jede Wärme fehlte.

Doch als sie nun zu der Adresse am altehrwürdigen Lake of the Isles Parkway fuhr, die er ihr gegeben hatte, war sie mehr als überrascht. Entgegen ihren Erwartungen fand sie dort ein prächtiges und dennoch bezauberndes Anwesen vor.

Nachdem sie ihren Wagen auf der schneebedeckten Auffahrt geparkt hatte, ging Olivia einige Steinstufen hinauf und klingelte an der Tür. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als ihr der Efeu und die reizenden Weinreben auffielen, die auf einer Seite an der Hauswand emporwuchsen. Die kalte Novemberbrise, die vom See her wehte, war unangenehm, und sie war froh, als endlich die Tür geöffnet wurde. Ein großer dünner Mann Ende sechzig geleitete Olivia hinein. Er stellte sich ihr als einer der Handwerker vor und sagte ihr, dass Mac in Kürze kommen würde. Damit nickte er ihr noch einmal zu, ging den langen Flur entlang und war verschwunden.

Olivia stand in der Eingangshalle von Macs Haus und betrachtete versonnen die breite Treppe und das kunstvoll geschnitzte Geländer. Unwillkürlich fragte sie sich, warum es im Haus nur wenig wärmer zu sein schien als draußen.

„Guten Morgen.“

Wie Rhett Butler schritt Mac Valentine die breite Treppe hinunter. Er trug eine Jeans und ein weißes Hemd, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte. Ihr Magen zog sich zusammen. Verstohlen betrachtete sie seine Arme. Ihr gefielen starke Arme, sie mochte die Art, wie die Muskeln spielten, wenn ihr Besitzer etwas anfasste – oder jemanden …

„Gefällt Ihnen das Haus?“, fragte er, als er zu ihr trat.

„Perfekt“, erwiderte sie. Er sah nicht nur gut aus, sondern duftete auch gut. Ein wenig nach frisch gefallenem Schnee, nach Kiefernwald … Als ihr bewusst wurde, dass ihre Gedanken abgeschweift waren, riss sie sich zusammen. In sachlichem Ton sagte sie: „Sollen wir anfangen?“

Seine Augen funkelten vergnügt, als er nickte. „Kommen Sie mit.“

Als Olivia ihm durch das Haus folgte, stellte sie fest, dass jeder Raum, den sie sich ansah, anheimelnder und einladender wirkte als der vorherige. Holzfußböden, naturbelassene Balken und warme Farben an den Wänden strahlten Behaglichkeit aus. Doch es gab ein augenfälliges Problem, auf das sie Mac nicht vorbereitet hatte – jeder Raum, vom Bad bis zum riesigen Wohnzimmer, war vollkommen leer. Es gab keine Möbel, keine Kunstgegenstände an den Wänden, kein Nippes. Gar nichts. Es war das Seltsamste, was sie je gesehen hatte. Fast wirkte es so, als wäre er gerade erst eingezogen.

„Ich erkenne langsam das Konzept“, sagte Olivia lachend, als sie schließlich in der Küche standen. „Sie, Mr. Valentine, sind ein Minimalist, wie er im Buche steht.“

„Nicht ganz.“ Er wies auf eine moderne chromblitzende Maschine. „Ich habe einen Espressoautomaten.“

Auf der Anrichte neben der Maschine standen zwei dampfende Cappuccino. Olivia nahm eine Tasse und reichte ihm die andere. „Und das ist gut. Aber es ist nicht einmal ansatzweise das, was man unter einem familientauglichen Zuhause versteht.“ Sie nahm die heiße Tasse in beide Hände. Zum ersten Mal, seit sie aus ihrem Auto gestiegen war, wurde ihr warm. „Hier gibt es eine Menge zu tun. Aber was hat es eigentlich damit auf sich? Wieso ist jeder einzelne Raum leer?“

Er zuckte die Schultern. „Ich bin nie dazu gekommen, Möbel zu kaufen.“

Dahinter steckt mehr, dachte sie und musterte ihn. Dahinter musste noch mehr stecken. Nirgends im gesamten Haus war seine persönliche Note zu erkennen. Es sah aus, als würde er keinen Wert auf Beständigkeit legen. „Wie lange steht das Haus schon so leer?“

„Ich habe es vor drei Jahren gekauft.“

Beinahe hätte sie sich an ihrem Cappuccino verschluckt. „Das ist nicht wahr, oder? Wo schlafen Sie? Und was mich noch viel mehr interessiert: Worauf schlafen Sie?“

„Ich habe ein Bett“, erwiderte er und lehnte sich gegen die Anrichte. „Würden Sie es gern sehen?“

„Ja, sicher. Es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass es so etwas wie Behaglichkeit, Geborgenheit und familiäre Wärme ausstrahlt.“

„Und was, glauben Sie, strahlt es im Moment aus?“

„Ungezügelte Ausschweifungen und Verdorbenheit?“, platzte sie heraus.

Er lächelte. „Es gibt noch einen Raum hier – und den habe ich behaglich und absolut bodenständig eingerichtet.“

Neugierig folgte Olivia ihm einen kurzen Flur entlang und durch eine schwere Holztür.

Als sie durch die Tür in das Zimmer trat, blieb sie unwillkürlich stehen und blickte sich staunend um.

Der Raum war einfach fantastisch. Olivia ging hinein. In der Mitte des Raumes blieb sie stehen und sah sich alles genau an. Eine Seite wurde komplett von einer Glasfront eingenommen. Durch die riesigen Fensterscheiben sah man auf einen kleinen Garten. Von den Ästen der Bäume wurde glitzernder, schwerer Schnee auf den Boden geweht. Vögel hüpften über die Schneefläche und hinterließen ihre Spuren, Eichhörnchen brachten Nüsse von einem Versteck ins nächste. Olivia wandte sich wieder Mac Valentine zu. Zu ihrer Rechten standen zwei gemütlich aussehende marineblaue Ledersessel vor einem steinernen Kamin.

Mac ließ sich in einen der Sessel fallen und bedeutete ihr, sich ebenfalls zu setzen.

„Also zwingen Sie sich ab und zu doch dazu, sich zu entspannen?“, fragte sie. Die wohlige Wärme des lodernden Feuers breitete sich langsam in ihr aus. Und allmählich löste sich auch ihre innere Anspannung.

„Ein Mann braucht einen Rückzugsort.“

„Das hier ist wirklich großartig.“

Er warf ihr einen Blick zu. „Denken Sie, dass Sie aus diesem Haus etwas machen können?“

„Ich glaube schon.“

„Gut.“ Er griff in die Tasche seiner Jeans, zog eine Kreditkarte heraus und reichte sie ihr. „Besorgen Sie alles. Von den Bettlaken bis hin zu den Bilderrahmen. Mir ist es egal, wie viel es kostet. Machen Sie aus diesem Haus einfach einen gemütlichen, familienfreundlichen Ort.“

Sie starrte auf die Platinkarte. „Wollen Sie, dass ich das gesamte Haus einrichte?“

Er nickte.

„Jeden Quadratzentimeter?“

„Ja.“

„Wollen Sie denn gar nicht mitentscheiden, was eingekauft wird? Um dem Ganzen Ihren persönlichen Stempel aufzudrücken? Ihren eigenen Geschmack? Zum Beispiel bei der Auswahl der Bilder? Oder dem Fernseher und der Stereoanlage?“

„Nein.“

„Das verstehe ich nicht. Möchten Sie sich denn gar nicht wohlfühlen in dem Haus?“

„Ich mag es nicht, mich zu behaglich zu fühlen – man wird unaufmerksam, wenn man zu bequem wird.“

„Ich werde versuchen, daran zu denken“, murmelte sie.

Seine Stimme klang kühl, als er erwiderte: „Ich will nur, dass die DeBolds zufrieden sind und den Vertrag mit mir unterschreiben.“

Einen Moment lang war Olivia versucht, ihn zu fragen, woher dieser unbedingte Wille zu siegen kam. Aber eigentlich ging es sie nichts an. Er sah so ernst, so abweisend und gleichzeitig so anziehend aus, wie er so ins Feuer starrte. Seine bloße Anwesenheit bewirkte, dass sich ihr Magen schmerzhaft zusammenzog. Egal, was sie ihrem Vater gesagt hatte – die Wahrheit war, dass Olivia sich zu Mac Valentine hingezogen fühlte. Nicht, dass sie diesem Gefühl nachgeben oder zulassen würde, dass er diese Schwäche ausnutzte. Aber die Anziehung war zweifelsohne da.

„Ich werde mein Bestes geben, um die Voraussetzungen für Ihren Erfolg zu schaffen, Sir“, sagte sie mit einem Anflug von Humor.

„Das hoffe ich.“

Unwillkürlich schaute sie auf seinen Mund. Es war ein voller, zynischer Mund. Und für einen Augenblick fragte sie sich, wie er sich auf ihren Lippen anfühlen mochte. Abrupt wandte sie den Blick ab. „Eins muss Ihnen klar sein“, sagte sie mehr zu sich als zu ihm.

„Und das wäre?“

„Ich weiß, dass Sie mich nicht engagiert haben, weil ich eine so begnadete Köchin bin.“

Er lachte kurz auf. „Das ist ein bisschen zu selbstkritisch.“

„Nein, das ist die Wahrheit.“

Darauf erwiderte er nichts.

„Sie wollen Rache. Mir ist zwar nicht klar, wie Sie mich für etwas bezahlen lassen wollen, das mein Vater Ihnen Ihrer Meinung nach angetan haben soll. Aber seien Sie gewarnt …“

„Ja?“

Sie zwang sich dazu, ihn anzusehen. „Ich werde Ihnen nicht verfallen.“

„Ach nein?“

Kopfschüttelnd erwiderte sie: „Stattdessen werde ich Sie im Auge behalten.“

„Mich im Auge behalten … ich denke, das wird mir gefallen.“

„Und wenn Sie mir zu nahe kommen sollten, werde ich Sie ganz schnell daran erinnern, wohin Sie gehören.“

„Olivia?“ Er runzelte die Stirn.

„Was?“

„Was passiert, wenn Sie mir zu nahe kommen?“

Auf diese Reaktion war Olivia nicht vorbereitet. Einen Moment lang schwieg sie verwirrt. Mac bemerkte ihr Zögern, und in seinen dunklen Augen spiegelte sich die Freude darüber.

„Ich denke, unser kleines Treffen ist hiermit beendet“, sagte sie fest und erhob sich. „In der kurzen Zeit muss ich noch eine Menge schaffen. Also lassen Sie uns beginnen. Zeigen Sie mir die Schlafzimmer.“

„Alle Schlafzimmer?“, fragte er schmunzelnd.

„Ja.“

Er stand auf, warf ihr ein schelmisches kleines Lächeln zu und sagte: „Folgen Sie mir.“

4. KAPITEL

„Also? Wie war dein Termin mit Valentine?“

Olivia war noch keine fünf Minuten zurück, als Tess und Mary schon in der Tür zur Küche standen. Erwartungsvoll blickten sie sie an.

„Gut“, erwiderte Olivia. Sie stand auf einer Trittleiter. Gerade durchsuchte sie einen der oberen Schränke nach Küchenutensilien verschiedener Hersteller. Sie wollte nachsehen, was das Richtige für Macs Küche war. „Ich schaue nur ein paar Sachen nach und dann bin ich den Rest des Tages unterwegs.“

Tess und Mary stellten sich neben die Anrichte.

„Was sollst du tun?“, fragte Tess.

„Ich soll sein Haus einrichten. Es ist praktisch leer.“

„Das ganze Haus?“, sagte Mary. Versonnen strich sie über die Edelstahlpfanne, die Olivia auf die Anrichte gestellt hatte.

„Warum klingt ihr so überrascht? Wir haben doch früher schon ähnliche Aufträge gehabt.“

„Das stimmt.“

Olivia konnte praktisch sehen, wie es in Mary arbeitete. Sie warf ihr einen Blick zu. „Was?“

„Wirst du sein Schlafzimmer auch einrichten?“

„Oh, du meine Güte. Mit euch gehen eindeutig die Hormone durch.“

Lachend nahm Tess eine Tasse vom Abtropfbrett und schenkte sich Kaffee ein. „Wir machen uns nur Sorgen um dich, das ist alles. Wenn alles stimmt, was du uns über diesen Kerl erzählt hast, steckt mehr dahinter. Dann will er dich nicht nur, um sein Haus einzurichten und ein paar wichtige Kunden an Land zu ziehen.“

„Selbstverständlich will er mehr. Das habe ich euch doch gesagt.“

Mary ließ von der Bratpfanne ab, schnappte sich Tess’ Tasse und nahm einen Schluck Kaffee. „Und wenn er möchte, dass du das Schlafzimmer einrichtest, in dem er dich verführen will?“

„Wie bitte? Ihr seid verrückt. Er mag versuchen, mich zu benutzen, aber seine Art, an die Dinge heranzugehen, ist unglaublich clever und kreativ. Was immer er auch plant – es ist gewiss durchdachter als nur …“ Angesichts der sorgenvollen Mienen ihrer Partnerinnen verstummte Olivia. „Was?“

„Du magst ihn.“

„Ach, kommt schon.“

Tess nickte langsam. „Du denkst, dass er clever und kreativ ist. Und wahrscheinlich findest du ihn auch heiß.“

Lachend stieg Olivia von der Leiter. „Natürlich ist er heiß. Jeder, der Augen im Kopf hat, sieht, dass dieser Mann heiß ist.“

„Oje“, murmelte Mary. Unwillkürlich legte sie eine Hand auf ihren Bauch, als wollte sie das ungeborene Baby davor schützen, etwas zu Anstößiges zu hören.

„Das ist nicht gut“, sagte Tess und setzte eine sorgenvolle Miene auf. „Ich denke, ich sollte den Job übernehmen.“

„Würdet ihr euch bitte wieder entspannen?“ Olivia nahm einen Stift von der Anrichte und machte sich eine Liste mit den Dingen, sie sie für Macs Küche brauchte. „Mac Valentine mag gut aussehend und charmant und all das sein, was ich aufgezählt habe – aber ich bin kein Dummkopf. Er ist auch ein arroganter Womanizer ohne Möbel und ohne Wertvorstellungen.“

Tess nickte. „Ja, das trifft so ziemlich das, was ich letzte Woche in einem Artikel über ihn gelesen habe. Aber irgendwie hat es dort so geklungen, als wäre das etwas Gutes.“

„Was? Welcher Artikel?“

„Tess, hol ihn bitte“, bat Mary und wandte sich dann wieder Olivia zu.

„Oh, du hast ihn auch gelesen“, stellte Olivia fest.

Mary zuckte die Schultern. „Ich habe die alten Magazine durchgesehen, die weggeworfen werden sollen. Und du weißt ja: Wenn ich etwas Interessantes entdecke, fange ich an zu lesen und kann nicht wieder aufhören …“

Tess war inzwischen zurückgekehrt und reichte Olivia eine Ausgabe des Minneapolis Magazines.

„Der Bericht ist schon ein paar Jahre alt. Seite vierunddreißig“, sagte Mary.

Seufzend griff Olivia nach dem Magazin und blätterte zur angegebenen Seite. Ein riesiges Foto zeigte Mac und einen anderen Mann, der neben ihm auf einem chromglänzenden Schreibtisch saß. Hinter ihnen konnte man durch ein gewaltiges Fenster die atemberaubende Skyline von Minneapolis erkennen. In fetten Lettern stand über dem Bild: Arbeitssüchtig und trotzdem frauenfreundlich. Beide Männer hielten ein BlackBerry in der einen und einen Goldbarren in der anderen Hand. Der Anblick von Mac, der einfach fantastisch aussah und zugleich unglaublich arrogant wirkte, machte Olivia nichts aus. Es war das Bild des Mannes, der neben ihm saß, das ihr den Atem stocken ließ.

Tim Keavy.

Ihr Herz pochte heftig, und ihr brach der Schweiß aus. Mit Tim Keavy war sie zusammen zur Highschool gegangen. Er war der Einzige, der wusste, was sie wirklich war. Der Einzige, der ihr beschämendes Geheimnis kannte. Himmel, bedeutete das, dass auch Mac Bescheid wusste? Würde er sein Wissen gegen sie verwenden? Gegen ihren Vater?

Olivia strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. So viel zu ihrer professionellen Distanz zu Mac Valentine. Verdammter Mistkerl. Sie hatte nicht erwartet, dass er diesen Weg nehmen würde. Sie hatte eigentlich erwartet, dass er sie verführen würde – aber nicht, dass er ihre Vergangenheit gegen sie verwenden würde.

Sie starrte auf Macs geheimnisvoll und gefährlich wirkendes Gesicht. War es möglich, dass er nichts wusste? War es möglich, dass es nur ein Zufall war? Sie zitterte am ganzen Körper. Von jetzt an würde sie noch vorsichtiger sein müssen. Sie musste jeden seiner Schritte beobachten und vorbereitet sein.

Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, den Job abzulehnen, doch sie wollte nicht länger vor Schwierigkeiten davonlaufen. Sie war kein Feigling. Entschlossen rollte sie das Magazin zusammen und griff nach ihrem Notizblock. „Ich muss los.“

„Pass einfach auf dich auf, ja?“, sagte Mary.

„Das werde ich.“ Und auf ihrem Weg aus der Küche warf sie das Magazin in einen Mülleimer.

Der Schnee und die Kälte im November waren nur die Vorboten für das, was Minneapolis im Januar zu erwarten hatte.

Aber als Mac nun im dichten Schneetreiben auf seine Auffahrt bog und die Reifen seines Wagens durchdrehten, seufzte er unwillkürlich auf. War der ganze Dezember in diesem Jahr etwa unbemerkt an ihm vorbeigezogen?

Er fuhr in die Garage und machte den Motor aus. Einen Moment lang saß er einfach in seinem Wagen. Schon oft hatte er das Zuhause einer Frau verlassen – aber bisher war er nie zu einer Frau nach Hause gekommen. Und eigentlich sollte es keine große Sache sein, denn Olivia war schließlich nur seine Angestellte. Warum also fühlte es sich trotzdem so vertraut an? Widerwillig gestand er sich ein, dass er sie einfach zu hübsch, zu leidenschaftlich und zu klug fand, um in ihr bloß eine Angestellte zu sehen.

Als er einige Minuten später das Haus betrat, hörte er jemanden in der Küche mit Töpfen und Pfannen klappern. Er folgte den Geräuschen, stand kurz darauf in der Tür zur Küche und hielt inne. Er entdeckte Olivia, die sich vorgebeugt hatte und gerade ein paar Topfdeckel in einem Schrank verstaute. Macs Körper reagierte sofort. Olivia hatte ihr dunkles Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und ihre sonst so blasse Haut wirkte rosig und frisch. Der rote Pullover, den sie trug, umschmeichelte ihre verführerische Figur ebenso wie die engen Jeans. Plötzlich hatte er erschreckend reale erotische Gedanken … Wie würde es sich anfühlen, wenn er sich einfach hinter sie stellte und seine Arme um sie schlang? Wie würde es sein, ihren Körper an seinem zu fühlen? Oder seine Hände unter ihren Pulli zu schieben und ihre Haut, ihre aufgerichteten Knospen zu spüren?

Unvermittelt drehte Olivia sich um. Als sie bemerkte, wie intensiv er sie musterte, schaute sie ihn erwartungsvoll an. Er kannte diesen Blick – er war typisch für Olivia. Doch heute hatte er das Gefühl, sie wollte ihm damit noch etwas anderes sagen. War es ein leiser Vorwurf?

Er legte seinen Aktenkoffer und seine Schlüssel zur Seite und ging in die Küche. Olivia hatte wahre Wunder vollbracht. Der Raum sah perfekt aus, heimelig und doch überraschend modern. Grüne und graue Accessoires und die Edelstahlgeräte waren perfekt aufeinander abgestimmt. Olivia war es gelungen, eine familientaugliche Küche zu schaffen, die trotzdem seinem Geschmack entsprach. Sie war verdammt gut in ihrem Job. Mac konnte es kaum erwarten, sie bei dem erleben zu können, was ihr größtes Talent war: dem Kochen.

„Nun, Ms. Winston“, sagte er und bemühte sich, die spürbare Anspannung ein wenig zu lösen. „Sie werden einem Mann einmal die perfekte Ehefrau sein.“

Was als Scherz gemeint war, kam bei Olivia nicht gut an. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. „Das war eine unglaublich sexistische Bemerkung.“

„Tatsächlich?“

„Ja.“

„Aber warum denn? Ich wollte Ihnen ein Kompliment machen. Die Küche sieht einfach fantastisch aus.“

„Und nur ein Ehemann weiß das also zu schätzen?“, entgegnete sie. In einer Hand hielt sie eine große Bratpfanne. „Ich mache diesen Job, weil er mir Spaß macht – und nicht, weil ich unbedingt etwas Frauentypisches machen wollte. Okay?“

„Sicher.“ Behutsam nahm er ihr die Pfanne aus der Hand und stellte sie auf die Anrichte. „Das ist keine Waffe.“

Olivia stand ein Stück von ihm entfernt. Und sie sah einfach umwerfend aus – sogar jetzt, wo sie so wütend auf ihn war. „Ich brauche keine Waffen, um mich zu wehren, Valentine.“

Er nickte. „Das glaube ich gern.“ Unvermittelt streckte er den Arm aus und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihre Haut war so zart, dass er den Wunsch verspürte, sie noch länger zu berühren. „Wenn ich später rausgehe, um Holz zu hacken, dürfen Sie mir gern sagen, dass ich einen guten Ehemann abgeben würde.“

Nicht einmal die Spur eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht. Er hatte keine Ahnung, womit er ihr Missfallen erregt hatte – doch er ahnte, dass er in Schwierigkeiten steckte.

„Ich bezweifle, dass Sie Holz hacken“, sagte sie und nahm einen Topf aus der Spüle. „Aber selbst wenn Sie es tun würden – es bräuchte entschieden mehr, um mich davon zu überzeugen, dass Sie ein guter Ehemann wären.“

„Warum sind Sie so wütend auf mich?“, fragte er endlich. „Von dem Moment an, als ich die Küche betrat, habe ich es gespürt. Sie sehen verdammt hübsch aus, aber eben auch total sauer.“

„Ich bin nicht wütend!“, sagte sie lauter als nötig und schnappte sich ein Geschirrtuch von der Anrichte.

„Was ist los? Haben Sie heute mit Ihrem Vater gesprochen?“

„Hören Sie“, erwiderte sie missmutig. „Ich muss nicht mit meinem Vater reden, um mich über Sie aufzuregen.“

„Sie regen sich über mich auf?“, entgegnete er amüsiert.

„Ja.“ Sie stellte den Topf auf die Herdplatte. „Ich bin durchaus in der Lage, mir meine eigene Meinung über Sie zu bilden.“

Er machte einen Schritt auf sie zu. Unwillkürlich wich sie zurück und stieß mit der Hüfte gegen den frei stehenden, mit Granit eingefassten Herd. „Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?“

„Dass Sie ein Mann sind, der Frauen liebt …“

Er lachte. „Verdammt richtig.“

„Sie haben mich nicht aussprechen lassen.“ Ihre Stimme klang leise und war so eindringlich wie ihr Blick. „Sie sind ein Mann, der Frauen so sehr liebt, dass er fünf Minuten, nachdem die Beziehung vorbei ist, schon wieder vergessen hat, wie sie hießen.“

„Ich führe keine Beziehungen, Olivia.“ Er fragte sich, was sie tun würde, wenn er sie jetzt küsste.

Doch sie gab ihm keine Gelegenheit dazu. „Sind Sie etwa stolz darauf, wie andere Menschen Sie wahrnehmen?“, fragte sie. „Als jemanden, der aus einem Bett springt, um es sich sofort im nächsten bequem zu machen?“

„Das ist die Frage einer Frau, die ganz dringend einen Mann in ihrem Bett braucht.“

Mit geröteten Wangen und funkelnden Augen starrte sie ihn an. Dann warf sie das Geschirrtuch, sagte: „Es ist spät“, und verließ hastig die Küche.

„Ich begleite Sie hinaus“, sagte er und folgte ihr zur Eingangstür.

„Bemühen Sie sich nicht.“ Sie nahm ihre Sachen und öffnete die Tür. „Ich komme morgen früh wieder.“

Mac dachte an den in dichten Flocken fallenden Schnee, der ihm auf der Heimfahrt ziemliche Probleme gemacht hatte. „Warten Sie! Das Wetter ist ziemlich schlecht und die Straßenverhältnisse …“

„Gute Nacht, Mr. Valentine.“

„Die Straßen sind spiegelglatt.“

Trotz seiner Warnung lief sie zu ihrem Wagen. „Ich bin in Minnesota geboren, Mr. Valentine. Ich bin schon bei viel schlechterem Wetter gefahren!“

„Verdammt noch mal!“

Olivia warf einen Blick über die Schulter. Sie zuckte zusammen, als sie Macs Briefkasten sah, den sie soeben umgefahren hatte. Wie hatte sie nur annehmen können, dass sie den Widrigkeiten der Natur trotzen konnte, nur weil sie einen Wagen mit Allradantrieb fuhr? Tatsache war: Sie hatte einfach nur vor diesem Mann und den Fragen und Anschuldigungen, die sie ihm an den Kopf geworfen hatte, flüchten wollen. Fragen darüber, wie andere Menschen ihn sahen oder ob er von einem Bett ins nächste sprang. Fragen, die eigentlich sie beschäftigten.

Sie legte den Gang ein und trat aufs Gas, doch die einzige Reaktion war das Geräusch durchdrehender Reifen.

„Verdammter Schnee.“

Ungeduldig stellte sie den Motor aus. Dieser Job, den sie aus reiner Neugierde angetreten hatte, entpuppte sich allmählich als äußerst kompliziert. Nie zuvor hatte sie sich so unprofessionell verhalten. Auch wenn Macs Motive, sie zu engagieren, fragwürdig waren – es war ihr Job, ihr Bestes zu geben. Und zwar, ohne ihr Handeln von persönlichen Ängsten und Zweifeln lenken zu lassen. Nun, von jetzt an würde sie darauf achten, dass es so war.

Sie stellte die Heizung höher, griff nach ihrem Handy und wählte die Nummer der Auskunft. Doch bevor die automatische Ansage ansprang, klopfte es an die Seitenscheibe. Überrascht wandte Olivia sich um und entdeckte Mac. Nur mit Jeans und Hemd bekleidet stand er neben ihrem Wagen. Sie öffnete das Fenster.

„Was tun Sie da?“, fragte er.

„Ich habe Ihren Briefkasten umgefahren, stecke im Schnee fest und rufe mir gerade ein Taxi.“

Er fluchte leise. „Sie sollten besser einen Abschleppwagen rufen. Hier kommt kein Taxi durch. Ich könnte es riskieren und versuchen, Sie nach Hause zu fahren. Aber ich bezweifle, dass das eine kluge Idee wäre.“

„Nein, das wäre es wohl nicht“, stimmte sie ihm zu. „Sie sollten wieder ins Haus gehen.“ Damit schloss sie das Fenster und versuchte noch einmal, mit ihrem Handy die Auskunft zu erreichen.

Wieder klopfte Mac gegen die Scheibe – fester diesmal. Entnervt ließ sie das Fenster herunter. „Was?“

„Sie werden hier draußen erfrieren.“

„Nur, wenn Sie mich dauernd dazu zwingen, das Fenster zu öffnen. Jetzt gehen Sie schon ins Haus. In Ihrem Aufzug werden Sie sonst der Erste sein, der hier erfriert. Und ich will nicht dafür verantwortlich gemacht werden.“

„Sie führen sich auf wie ein Kleinkind. Kommen Sie mit rein.“

„Ich führe mich überhaupt nicht auf. Ich bin nur vernünftig. Es ist keine gute Idee, heute Abend noch einmal Ihr Haus zu betreten. Die Atmosphäre ist zu gespannt, und nach unserer Diskussion vorhin sind die Gemüter zu erhitzt.“

„Das stimmt. Aber ich glaube, ein bisschen mehr Wärme im Haus wäre nicht verkehrt.“

„Es ist zu kalt für mich, um Ihre Scherze lustig zu finden.“ Sie seufzte. Im Augenblick wollte sie einfach nur nach Hause, sich in die heiße Wanne legen und ein paar Folgen von Sex and the City schauen.

Doch momentan sah es nicht danach aus, als würde ihr Wunsch bald in Erfüllung gehen.

„Sie haben die Wahl“, sagte er. Seine Zähne klapperten inzwischen vor Kälte. „Ein schönes warmes Kaminfeuer oder im Auto erfrieren.“

Wieder seufzte sie. „Also gut. Ich komme mit ins Haus … aber ich werde einen Abschleppwagen anrufen.“

Er half ihr aus dem Auto. Schweigend folgte sie ihm durch die Schneeverwehungen zum Weg und schließlich die Treppe hinauf zur Haustür.

„Wenn der Abschleppwagen heute Abend nicht mehr zu uns durchkommt“, sagte Mac, während er die Tür aufschloss, „können Sie gern in meinem Zimmer übernachten.“

Olivia ging an ihm vorbei in den Flur und hielt inne. Eigentlich wollte sie ihm einen finsteren Blick zuwerfen – doch stattdessen brach sie in Lachen aus. „Sind Sie verrückt?“

„Nein, eigentlich wollte ich mich nur wie ein wahrer Gentleman verhalten.“ Er wandte sich ihr zu und lächelte. „Und das kommt bei mir ziemlich selten vor.“

„Kann ich Ihr Telefon benutzen? Mein Handy funktioniert hier drin nicht richtig.“

„Sicher.“ Er nahm ihr den Mantel ab und hängte ihn auf. Dann ergriff er ihre Hände und begann, ihr behutsam und ganz langsam die Handschuhe abzustreifen. Als Olivia überrascht aufsah und den intensiven Blick bemerkte, mit dem er sie musterte, fühlte sie sich plötzlich hellwach. Sie sollte besser auf der Hut sein. Als er ihr die Handschuhe endlich vollständig abgestreift hatte, umschloss er mit seinen kalten Fingern ihre Hände.

„Sie sind eiskalt“, stieß sie hervor.

„Und Ihre Hände sind ganz warm.“ Er verschränkte seine Finger mit den ihren. Olivia spürte ihre wachsende Anspannung. „Ich lasse sie nicht mehr los.“

Eigentlich wünschte sie sich genau das, doch es war keine gute Idee, ihrem Bedürfnis nachzugeben. Er wollte sie benutzen, und sie hatte sich in der Vergangenheit schon viel zu oft benutzen lassen.

Abrupt zog sie ihre Hände zurück. „Ich werde jetzt den Abschleppdienst anrufen.“

„Heute Abend werden Sie Ihr Auto nicht mehr freibekommen, Liv“, sagte Mac ruhig. „Wenn Sie bleiben möchten, werde ich die Nacht in einem der Sessel beim Feuer verbringen. Die restlichen Schlafzimmer sind ja noch nicht eingerichtet. Also können Sie in meinem Bett schlafen – aber Sie müssen natürlich nicht. Wie auch immer Sie sich entscheiden, ich werde Sie in Ruhe lassen.“

Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm glauben konnte. Doch blieb ihr eine andere Wahl? Heute Nacht brauchte sie einen Unterschlupf. „Danke.“

Er nickte. „Gute Nacht.“ Damit verschwand er in Richtung Kaminzimmer.

5. KAPITEL

Beim ersten Abschleppdienst, den sie anrief, legte der Mitarbeiter einfach auf. Bei der zweiten Firma lachte der Mann am Telefon sie aus, als sie ihn bat rauszufahren, um ihren Wagen zu bergen. Und beim dritten Unternehmen sprang nur der Anrufbeantworter an.

Olivia hatte geahnt, dass es schwierig werden würde, an diesem Abend noch nach Hause zu kommen. Aber nach ihrer Reaktion auf Macs Berührung – einer einfachen, nicht einmal besonders aufreizenden Berührung – hatte sie inständig gehofft, dass es ihr doch noch gelang.

Mit hängenden Schultern ließ sie sich nun auf Macs Bett sinken. Ihr war kalt, und sie war müde. Und außerdem war sie von sich selbst enttäuscht, weil sie nachgegeben und Macs Angebot, in seinem Zimmer zu übernachten, angenommen hatte. Eine stärkere Frau hätte vielleicht nicht so leicht klein beigegeben. Eine stärkere Frau hätte nicht in dem karg eingerichteten riesigen Schlafzimmer geschlafen. Eine stärkere Frau hätte sich ein paar Handtücher geschnappt und sich ein provisorisches Lager auf dem Fußboden in einem der anderen leer stehenden Schlafzimmer gemacht. Aber in der Hinsicht war sie ein Schwächling. Sie genoss die Annehmlichkeiten der zivilisierten Welt einfach viel zu sehr. Schon immer hatte sie sich gefragt, wie Menschen Camping lieben konnten. Seltsame Geräusche und Käfer als Bettnachbarn – was konnte daran Spaß machen? Wie auch immer, heute Nacht schlief sie in Macs Bett. Sie hoffte nur, dass er Wort halten und sich nicht aus dem Kaminzimmer wagen und zu ihr kommen würde.

Sie zog die Daunendecke vom Bett und kuschelte sich hinein. Warum sollte er auch seinen schönen warmen Platz vor dem Kaminfeuer verlassen? überlegte Olivia. Sie atmete aus, um zu sehen, ob sich kleine weiße Wölkchen vor ihrem Mund bildeten. In Macs Haus war es furchtbar kalt. Es war eine Kälte, die einem in die Knochen kroch und die man nur durch ein heißes Bad vertreiben konnte. Gleich am nächsten Morgen würde sie einen Heizungsinstallateur anrufen. Die Möbel, die Behaglichkeit und familiäre Atmosphäre verbreiten sollten, konnten erst einmal warten. Wenn es im Haus so kalt war wie in einem Gefrierschrank, würden die DeBolds sicherlich sofort die Flucht ergreifen und in das nächstgelegene Fünfsternehotel umziehen.

Bevor sie sich hinlegen und versuchen wollte, ein bisschen zu schlafen, wollte sie sich noch im angrenzenden Badezimmer umsehen. Und dort sah sie sie … An einer Wand aus wundervollem hellbraunem Naturstein befand sich eine geräumige Duschkabine aus Glas. Ausgestattet war sie mit einem Regenduschkopf und verstellbaren Massagedüsen an der Wand. Olivia hatte das Gefühl, nie etwas Schöneres gesehen zu haben.

Sollte sie es wagen? Nur ganz kurz? Nur, um sich aufzuwärmen.

Plötzlich durchströmte sie freudige Erregung. Sie stellte das Wasser an und drehte den Temperaturregler auf heiß – um genauer zu sein, auf heißer als heiß. Nachdem sie die Tür der Duschkabine sorgfältig wieder geschlossen hatte, damit die Wärme sich nicht verflüchtigte, zog sie sich aus. Sie wollte gerade unter die Dusche schlüpfen, als sie hörte, wie jemand an die Schlafzimmertür klopfte.

Nein, nein, nein. Nicht jetzt. Was wollte er hier? Hatte er ein besonderes Gespür oder einen sechsten Sinn dafür, dass sich in seinem Zimmer eine nackte Frau befand?

Nachdem sie sich in ein großes weißes Badetuch gehüllt hatte, trat sie hinaus in die Kälte von Macs Schlafzimmer.

Das Klopften ertönte erneut, diesmal lauter. „Olivia?“

Sie öffnete die Schlafzimmertür gerade weit genug, um ihren Kopf durch den Spalt zu schieben – so konnte er den Rest von ihr nicht sehen. „Ja?“

„Also haben Sie mein Angebot angenommen?“

„Ja, ich habe das Angebot angenommen. Könnten wir vielleicht keine große Sache daraus machen?“

„Selbstverständlich.“ Er lächelte. „Geht es Ihnen gut?“

„Mir geht es gut. Ich bin nur müde.“ Und halb erfroren. „Was gibt es?“

Er sah sie stirnrunzelnd an, so, als ob er nicht glaubte, dass alles in Ordnung war. „Ich habe übrigens eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben. Falls Sie also hungrig sind …“

Sie schüttelte den Kopf. „Danke, aber ich habe keinen großen Hunger. Ich bin nur müde. Sehr, sehr müde.“

„Also gut. Gute Nacht.“ Olivia dachte, dass er nun gehen würde, dass sie sich unter der Dusche endlich würde aufwärmen können – doch weit gefehlt. Er hielt inne, neigte den Kopf und fragte: „Was ist das?“

„Was ist was?“, erwiderte sie unschuldig, als wüsste sie nicht, was er meinte.

„Höre ich da Wasser rauschen?“

„Nein.“

Seine Mundwinkel zuckten verdächtig. „Nehmen Sie eine Dusche?“

„Im Augenblick gerade nicht“, versetzte sie missmutig.

Angesichts ihrer Gereiztheit konnte er sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. „Sie probieren meine Dampfdusche aus, habe ich recht?“

Sie rollte mit den Augen. „Oh Mann.“

„Hey, ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Das Ding ist großartig.“

„Nun, dann … dann werde ich jetzt mal …“

„Haben Sie genügend Handtücher?“, fragte er.

„Ja.“

Abwartend blickte sie ihn an. Es ist Zeit zu gehen, Mr. Valentine. Gab es noch irgendetwas zu sagen? Er hatte sie schon beschämt und gedemütigt – also, was wollte er noch? Doch er ging noch immer nicht. Er stand einfach nur vor ihr und sah in seinem schwarzen Pullover und seiner Jeans unverschämt sexy aus.

Frustriert stöhnte Olivia auf. „Ich erfriere gleich, okay? Ich muss mich irgendwie aufwärmen.“

Sein Lächeln wurde breiter. Er senkte den Blick und murmelte: „Nein, das wäre wohl zu einfach …“

Sie blickte ihn kühl an. „Gute Nacht, Mac“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Genießen Sie Ihre Pizza.“

Er lachte leise und machte einen Schritt nach hinten. „Also gut. Genießen Sie Ihre Dusche. Aber“, sagte er über die Schulter, als er sich zum Gehen wandte, „falls Sie nicht schlafen können oder doch noch Hunger bekommen … Sie wissen ja, wo Sie mich finden.“

„Ich verspreche Ihnen“, rief sie ihm hinterher, „dass es niemals so weit kommen wird.“

Mac legte ein weiteres Holzscheit ins Feuer. Dann nahm er seine Flasche Bier vom Kaminsims und ließ sich wieder in seinen Sessel sinken.

Plötzlich hörte er Schritte hinter sich.

„Sie nerven, Valentine.“

Mac lachte leise und drehte sich um. „Warum sollten Sie so etwas …“ Er brachte kein Wort mehr heraus, als er sie erblickte. Das flackernde Licht des Kaminfeuers umgab sie wie ein Heiligenschein. Schon als er Olivia Winston zum ersten Mal gesehen hatte, fand er sie unglaublich anziehend – damals hatte sie in der Küche von No Ring Required Brownies serviert und ihm die Meinung gesagt. Heute Abend jedoch sah sie atemberaubend aus.

Es waren vor allem ihr Gesicht und ihr Haar, die ihm beinahe den Atem raubten. Ohne Make-up sah sie frisch und hübsch aus, und ihre Wangen waren leicht gerötet. Ihr langes dunkles Haar, das noch feucht vom Duschen war, fiel ihr weich und locker über die Schultern. Ihr Anblick erinnerte ihn an eine Meerjungfrau. Er musste sich sehr zusammenreißen, um sie nicht an sich zu ziehen und sie zu küssen.

Sie kam näher und ließ sich in den zweiten Sessel fallen. „Meine heiße Dusche war nicht besonders heiß.“

„Nicht?“

Von der Seite warf sie ihm einen gespielt tadelnden Blick zu. „Und das ist ganz allein Ihre Schuld!“

„Ich habe Sie unbeabsichtigt gefragt, ob ich mich Ihnen anschließen soll. Das ist mir einfach so rausgerutscht“, erinnerte er sie und nahm einen Schluck von seinem Bier.

„Das meinte ich nicht.“

„Nein?“

„Sie haben mich so lange an der Tür aufgehalten, dass das heiße Wasser so gut wie aufgebraucht war, als ich endlich zum Duschen kam.“

„Das tut mir leid“, erwiderte er ehrlich. „Lassen Sie mich das wiedergutmachen – mit einem prasselnden Kaminfeuer und einem Stück kalter Peperoni-Pizza.“

Im ersten Moment wirkte sie nicht überzeugt, doch dann zuckte sie die Schultern. „Okay.“ Sie nahm das Stück Pizza, das er ihr hinhielt und stürzte sich förmlich darauf. „Oh, das Feuer ist so schön warm. Ihr Zimmer ist eiskalt, Valentine. Im ganzen Haus ist es eiskalt.“

„Ja, ich denke, es ist manchmal tatsächlich ein wenig kühl.“

„Sie klingen, als würde es Ihnen nichts ausmachen, jedes Mal nach Sonnenuntergang zu einem Eisklotz zu gefrieren.“

„Das fällt mir gar nicht auf. Ich bin eigentlich nur zum Schlafen hier.“

„Also, gleich morgen früh werde ich einen Heizungsinstallateur anrufen. Die DeBolds werden sonst ganz sicher die Flucht ergreifen.“

Mac nickte lächelnd. Dann zauberte er neben seinem Sessel eine zweite Flasche Bier hervor, öffnete sie und streckte sie ihr entgegen. „Möchten Sie etwas trinken?“

„Sicher, warum nicht? Danke.“

„Gern geschehen.“

„In einem eisigen Haus vor einem Kaminfeuer zu sitzen, kalte Pizza zu essen und noch kälteres Bier zu trinken – dieser Abend kann seltsamer nicht werden, oder?“

Er nahm einen Schluck von seinem Bier. „Und wenn ich Ihnen erzähle …“, er räusperte sich, „… dass ich mit neun oder zehn Jahren dachte – oder hoffte –, dass ich später einmal ein berühmter Komiker werden würde?“

Sie drehte sich zu ihm um und starrte ihn entgeistert an. „Das wäre in der Tat noch seltsamer.“

„Es ist schwer zu glauben, ich weiß. Damals zog ich einen der Anzüge meines Pflegevaters an und erzählte den drei verrückten Hunden der Familie unglaublich schlechte Witze. Mit neun hatte ich ein Faible für Gossenhumor.“

„Sie sind in einer Pflegefamilie aufgewachsen?“ Ihr Tonfall hatte sich von einer Sekunde zur nächsten von bezauberndem Sarkasmus zu unverhohlenem Mitleid gewandelt.

Er hasste das. So gut wie nie erzählte er jemandem von seiner schwierigen Kindheit – vor allem, um solche Reaktionen zu vermeiden. Er wusste nicht, warum er überhaupt davon angefangen hatte. Es war ihm einfach so rausgerutscht … Vielleicht sollte er mit dem Bier etwas vorsichtiger sein. „Ich habe bei einigen Pflegefamilien gelebt. Aber das ist nichts Besonderes.“

„Was ist denn mit Ihren Eltern geschehen?“

„Meine Mutter starb, als ich zwei Jahre alt war. Und mein Vater war praktisch nicht vorhanden.“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Das ist hart.“

Er zuckte die Achseln. „So schlimm war es nicht.“

„War der Pflegevater, von dem Sie den Anzug geborgt haben, wenigstens ein guter Mensch?“

„Er war nicht der Schlechteste. Obwohl … Eines Abends kam er früher nach Hause und sah mich in seinem Anzug. Er war stinksauer.“

„Was hat er getan?“

„Er hat den Gürtel geholt.“

Olivia erstarrte. „Was für ein Mistkerl. Was für ein feiger Hund. Wenn ich dabei gewesen wäre, dann hätte ich ihm …“

Macs dunkles Lachen unterbrach sie. „Man sollte keine große Sache daraus machen. Es ist einfach geschehen.“ Auch wenn er sich betont gleichgültig gab – er war beeindruckt von ihrer Leidenschaftlichkeit und der Art, wie sie sich einsetzte. „Wissen Sie, vor fünfundzwanzig Jahren waren die Väter noch ganz anders. Den Druck, lieb und nett zu sein, gab es damals noch nicht. ‚Zupackend‘ hatte zu der Zeit eine ganz andere Bedeutung.“ Er nahm einen großen Schluck von seinem Bier. „Alle Kinder wurden doch mal von ihrem Vater geschlagen – ob sie nun einen Pflegevater hatten oder nicht.“

Sie saß aufrecht auf der äußersten Kante des Sessels und blickte ihn aufmerksam an.

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