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BACCARA EXKLUSIV BAND 144

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Vorsicht: Liebe!

PROLOG

Mit einem flauen Gefühl im Magen sank Laine Sheehan auf einen Barhocker. Sie stützte die Ellbogen auf den polierten Mahagonitresen, der seit zwei Jahrzehnten im Besitz ihrer Familie war. Noch immer konnte sie die Nachricht einfach nicht fassen.

„Es ist vorbei“, erklärte ihre Schwester Cat, während sie Eiswürfel in einen Cocktailshaker füllte. „Ich wusste, dass die spießigen Tanten von der Historischen Gesellschaft uns nicht unterstützen würden. Die Stadt braucht eine neue Straße, also müssen wir weichen.“

Laine ahnte, welche Anstrengung es ihre Schwester kostete, äußerlich so gefasst zu bleiben. In Wirklichkeit musste ihr die Nachricht schwer zu schaffen machen.

Ihre Bar Temptation würde es bald nicht mehr geben.

Gracie und Tess, ihre besten Freundinnen, erschienen in der Bar und umarmten Cat und Laine mitfühlend. Laine griff nach dem Umschlag, den die Vorsitzende des Geschichtsvereins ihr beim Verlassen des Gerichtssaals in die Hand gedrückt hatte.

Sie überflog den Brief noch einmal, und ihre Enttäuschung schlug in Wut um.

Vielen Dank, dass Sie sich mit Ihrem Anliegen an die Historische Gesellschaft von Kendall/Texas gewandt haben. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Etablissement, obwohl es sich schon seit mehr als zwanzig Jahren im Besitz Ihrer Familie befindet, nicht geeignet ist, in unserem Register eingetragen zu werden.

Mit den besten Wünschen …

„Bla, bla, bla.“

Sie hatte nicht mit einem Scheitern gerechnet. Ihrer Meinung nach konnte die Stadtverwaltung nicht so dumm sein, zwei florierende Läden – Cats Bar und Gracies Buchhandlung nebenan – zu opfern, nur um die Straße zu verbreitern. Das war weder richtig noch fair.

Okay, von florieren konnte in der letzten Zeit vielleicht nicht wirklich die Rede sein, doch das lag nur daran, dass es wegen der umfangreichen Bauprojekte bereits Straßensperrungen, Umleitungen und Parkplatznot gab. Sobald die Arbeiten abgeschlossen waren, würden auch wieder Gäste und Kunden kommen.

Gracie seufzte. „Wo soll ich nur all die Bücher lagern, wenn ich nicht rechtzeitig einen anderen Laden mieten kann?“

„Ich werde nie wieder so einen guten Job wie diesen finden“, jammerte Tess.

„Wie sollen wir Mom das beibringen?“ Laine sah Cat ratlos an.

„Eure Mutter wird das verstehen“, versuchte Tess die Schwestern zu beruhigen. „Sie wird sich ärgern, aber sie wird es verkraften.“

Laine fühlte Tränen der Wut in sich aufsteigen. Sie umklammerte ihr Martiniglas und musste sich beherrschen, es nicht vor Zorn an die Wand zu schleudern. „Ich kann es einfach nicht glauben.“

Cat zog eine Augenbraue hoch. „Hast du etwa Vertrauen in die Obrigkeit gehabt, Lainey?“

Laine konnte es nicht leiden, wenn ihre Schwester sarkastisch wurde und dann auch noch die verhasste Koseform ihres Namens gebrauchte. Ärgerlich zerknüllte sie den Brief. Da sie es bisher stets geschafft hatte, Cat aus der Klemme zu helfen, wollte sie nicht wahrhaben, dass es ihr diesmal nicht gelungen war. „Ja, allerdings. Ich finde das ungerecht. Wie kann man uns einfach alles wegnehmen, wofür wir gearbeitet haben?“

Niedergeschlagen nippte Gracie an ihrem Drink. „Man kann es eben.“

Laine warf das Papierknäuel auf den Tresen, schob den Hocker zurück und entfernte sich ein paar Schritte von den anderen. Sie fühlte sich als Versagerin.

Zwar war es Gracies Idee gewesen, sich an die Historische Gesellschaft zu wenden, doch Laine hatte die Durchführung des Plans übernommen. Wie immer hatte sie alles detailliert ausgefeilt. Bis zum Schluss hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, die Vertreter der Stadtverwaltung davon überzeugen zu können, das Gebäude stehen zu lassen.

Und wenn sie sich schon so elend fühlte, wie musste es dann erst ihrer Schwester gehen? Die Bar war sozusagen Cats Baby. Auch wenn Laine die Bücher führte und einen Großteil der Organisation übernahm, ja manchmal sogar Aushilfskellnerin spielte, war ihre Schwester diejenige, die Abend für Abend hinter dem Tresen stand. Es war nicht einfach nur ein Job für sie, die Bar war Cats Lebensinhalt.

Cat war die impulsivere der beiden Schwestern. Sie traf Entscheidungen vor allem aus dem Bauch heraus. Ein Grund mehr für die vernünftige Laine, die Zügel gerade in dieser Krise fest in der Hand zu behalten.

Im Gegensatz zu Cat hatte sie ein Leben außerhalb der Bar. Mit ihrem Job konnten sie beide sich eine Weile über Wasser halten. Nachdem sie jahrelang als Fotografin für ein Lifestyle-Magazin gearbeitet hatte, war sie seit kurzem bei einem knallharten Nachrichtenmagazin unter Vertrag. Die Aufträge rissen sie aus ihrem gewohnten Trott, aber für das bessere Honorar lohnte es sich. Gerade jetzt konnten sie das Geld gut gebrauchen. Allein würde Cat niemals zurechtkommen. Laine durfte ihre Schwester nicht im Stich lassen.

Gracie trat neben Laine und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Das ist nicht deine Schuld.“

Laine lächelte gequält. „Natürlich ist es das. Wenn ich mit den richtigen Leuten geredet hätte, geschickter argumentiert hätte …“

„Die Stadt würde unsere Läden trotzdem abreißen lassen.“

„Vielleicht.“ Laine schaute ihre langjährige Freundin an. Gracie war mit ihr und Cat zusammen aufgewachsen. Vor ein paar Jahren war Tess auf der Suche nach einem Job zu ihnen gestoßen. Die vier Frauen hatten viel zusammen erlebt. „Was wirst du jetzt machen?“

„Ich muss einen neuen Standort für die Buchhandlung suchen“, erklärte Gracie. „Das bin ich Tante Fran schuldig.“

„Ich habe etwas Geld gespart.“ Laine konnte es sich zwar eigentlich nicht leisten, das anzubieten, aber Gracie hatte neben ihrem Geschäft keine weiteren Einkünfte. „Wenn du etwas brauchst …“

„Ich komme schon zurecht. Du solltest dir nicht so viel aufhalsen. Hier kannst du nichts mehr tun. Fahr doch einfach mal für ein paar Tage weg. Gönn dir eine Auszeit.“

Laine schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Ich bin noch nicht lange genug in meinem neuen Job, um schon Urlaub einreichen zu können. Ganz abgesehen davon macht Tante Jen mich verrückt. Du weißt schon, die Waldbrände in Kalifornien …“

Auch um ihre Tante musste sie sich dringend kümmern. Die alte Dame hatte geschworen, ihr zweihundert Jahre altes Haus unter keinen Umständen zu verlassen.

Laine kam es so vor, als würde von allen Seiten an ihr gezerrt werden.

Cat, die Bar, der Job, Tante Jen und die Waldbrände.

Plötzlich wurde ihr klar, dass sie es schaffen musste, alles unter einen Hut zu bringen. Und sie wusste auch wie. Wenn sie ihren Chefredakteur überzeugen könnte, sie mit einer Fotostory über den Waldbrand zu beauftragen, könnte sie Geld verdienen und gleichzeitig dafür sorgen, dass ihre sture Tante notfalls in Sicherheit gebracht wurde.

Cat würde nicht gerade erfreut darüber sein, aber sie würde es verstehen. Sie müsste die Bar nur auf die Schließung vorbereiten und bis zu ihrer Rückkehr die Stellung halten.

Laine warf Cat, die sich bedrückt mit Tess unterhielt, einen Blick zu.

Vielleicht würde ihrer Schwester die Verantwortung sogar gut tun. Vielleicht würde sie auf sich allein gestellt endlich lernen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. „Also am dreißigsten Juni, nicht wahr?“, fragte sie.

„Dann ist endgültig Schluss. In knapp drei Wochen.“

Würde ihr Chef auf ihren Vorschlag eingehen? Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

1. KAPITEL

„Also, was ist nun mit Kalifornien?“, fragte Laine. Ungeduldig wippte sie vor dem beeindruckend unordentlichen Schreibtisch ihres Chefs auf den Zehenspitzen.

Mac Solomon zog seine grau melierten Brauen zusammen. „Das ist eine ziemlich große Sache.“

„Ich bin bereit.“ Zumindest steckte sie in größten finanziellen Nöten.

„Mag sein. Sie kennen doch meine Philosophie, nicht wahr? Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute.“

„Ich weiß.“ Laine wusste außerdem, wie die Auftragsvergabe beim Chef lief. Wer energisch genug drängte, bekam den Job. „Dann ist es sicher interessant für Sie, dass in Richtung Brandstiftung ermittelt wird.“

„Ich will etwas über diesen toten Feuerwehrmann.“

Laine schluckte und vermied den Blick auf die Fotostory, die sie aus dem Internet ausgedruckt und dem Chefredakteur vorgelegt hatte. Tommy Robbins war vor fünf Tagen bei den gefährlichen Löscharbeiten in Nordkalifornien ums Leben gekommen. Er gehörte zu den Feuerspringern, die mit Fallschirmen über dem Brandherd absprangen und direkt an der Feuerlinie landeten, um die Flammen zu bekämpfen. Sie kannte ihn aus der Zeit, als sie nach dem Abschluss auf dem College den Sommer bei ihrer Tante Jen verbracht hatte. Tommy war ein enger Freund des Mannes gewesen, mit dem sie damals eine kurze Romanze gehabt hatte.

Jene unbeschwerten Wochen vor sieben Jahren hatten mit Leid geendet, und Leid führte sie auch wieder dorthin zurück. Einerseits fürchtete sie sich vor der Reise. Andererseits reizte sie die Herausforderung.

„Ich liefere Ihnen alles, was Sie über die Feuerspringer wollen“, versprach sie.

Ihr früherer Freund Steve Kimball, der ebenfalls zu diesem Spezialtrupp gehörte, würde vermutlich nicht besonders begeistert sein, sie wiederzusehen. Aber sicher schmeichelte es seinem Ego, wenn sie ihm auf Schritt und Tritt folgte und seine Heldentaten fotografierte. Natürlich müsste sie sich erst durch eine Horde von Frauen zu ihm durchboxen, doch das sollte sie nicht aufhalten.

„Ich will Actionfotos“, forderte Mac. „Zerstörung und Flammen.“

„Es geht nicht nur um die Waldbrände“, erklärte Laine. „Das Feuer bedroht auch einen großen Teil der Kleinstadt Fairfax. Es wird Evakuierungen geben. Die Menschen rücken in der Not zusammen. Das ist der Stoff für eine Geschichte, die die Auflage in die Höhe treiben wird.“

„Ja, Tränen verkaufen sich immer gut“, stimmte Mac nüchtern zu.

Laine hielt sich zwar für einen Medienprofi, aber sie hoffte, dass sie niemals so abgebrüht wie ihr Chef werden würde. „Ich werde mein Bestes geben“, versicherte sie ihm.

„Ich möchte tägliche Meldungen. Schicken Sie die Fotos per E-Mail. Wenn ein richtiger Knaller dabei ist, können wir über die Titelseite reden.“

Das Titelbild bedeutete einen Extrabonus. Der käme ihr sehr gelegen. Vielleicht könnte sie sogar genug Geld aufbringen, um Cat wieder aufs College zu schicken.

„Nicht so viel Human Touch, keine Einzelschicksale“, fuhr Mac fort.

Laine schluckte, denn der menschliche Aspekt war bisher immer die Stärke in ihren Reportagen gewesen. „Ich werde mich zurückhalten.“

„Ich sollte lieber einen der erfahreneren Kollegen hinschicken, nicht gerade einen Neuling in diesem harten Business. Noch dazu eine Frau.“

Dass der Chef auch noch Vorurteile gegen Frauen hatte, machte die Sache nicht leichter. Laine ließ sich jedoch nicht einschüchtern. „Aber die anderen Fotoreporter haben keine Kontakte zu den Feuerspringern. Oder zum Chief, der verantwortlich für den Einsatz ist. Ich schon.“

Dank Tante Jen, die ihre persönlichen Beziehungen hatte spielen lassen. Vorausgesetzt, dass Laine ihre Bilder von ihm absegnen ließ und der Forstverwaltung Kopien davon zur Verfügung stellte, hatte Chief Arnold sich zu größtmöglicher Kooperation bereit erklärt.

„Hm.“

„Ich kenne die Leute in der Stadt. Sie sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Die lassen nicht jeden da herumwandern und Fotos machen.“

Der persönliche Kontakt zu den Menschen war die eine Sache, dicht an den Brandherd heranzukommen die andere. Doch Laine hatte keine Wahl. Sie hatte diesen Job nicht nur wegen der besseren Bezahlung angenommen, sondern auch wegen der Herausforderung. Sie hatte keine Lust mehr gehabt, noch eine Rosenschau oder noch einen „Garten des Monats“ zu fotografieren, wie sie es für die Zeitschrift Texas Living getan hatte. Es wurde Zeit, dass sie Mac und sich selbst bewies, dass es ihr ernst damit war, einen neuen Abschnitt in ihrer Karriere zu beginnen.

„Ich bin die Beste für diesen Auftrag“, beharrte sie.

„Ja, sicher.“ Mac kramte in den Unterlagen auf seinem Schreibtisch. „Was stehen Sie dann noch hier rum?“

Steve Kimball rückte das schwere Gepäck mit der Löschausrüstung auf seinen Schultern zurecht und kletterte auf die Ladefläche des Lastwagens der Forstverwaltung. Seit zwei Tagen war er bis zur Erschöpfung dabei, Gräben auszuheben, Bäume zu kappen und Unterholz zu beseitigen, um den gefräßigen Flammen die Nahrung zu nehmen. Er war erschöpft, schmutzig und frustriert. Die Männer um ihn herum sahen nicht viel besser aus. Ihre Gesichter waren rußgeschwärzt, ihre Mienen ernst.

Es war lange her, dass Steve einem Team von Feuerspringern angehört hatte. Normalerweise verschaffte ihnen der halsbrecherische Job Befriedigung. Wenn sie merkten, wie es ihnen gelang, die Ausbreitung eines Brandes zu verhindern, der nicht auf die übliche Weise bekämpft werden konnte, schöpften sie daraus neue Kraft für ihre Arbeit.

Aber dieses Gefühl der Bestätigung war diesmal bei ihm ausgeblieben. Für ihn war dieser Einsatz in der Flammenhölle ein Albtraum. Er hatte vor einer Woche einen seiner engsten Freunde zu Grabe getragen. Der Trupp, den er jetzt unterstützte, hatte einen seiner besten Männer verloren.

„Mann, das schlaucht vielleicht.“ Josh Burke ließ sich auf die Bank fallen und lehnte den Kopf an die dunkelgrüne Plane des Trucks.

Bisher waren fast zweitausend Hektar wertvolles nordkalifornisches Waldland verbrannt. Das Feuer rückte der Zivilisation stündlich näher. Falls es nicht bald regnete, würden sie den kleinen Ort Fairfax evakuieren müssen – die Stadt, in der Josh aufgewachsen war und in der er, Steve, während der drei Jahre gelebt hatte, in denen er als Feuerspringer gearbeitet hatte. Und wenn die Flammen erst über Fairfax hinweggerast wären, könnte die dichter besiedelte Stadt Redding das nächste Opfer der Katastrophe werden.

Niemand in der Runde erwähnte diese furchtbare Bedrohung oder den toten Tommy Robbins. Schließlich waren sie Männer. Feuerwehrleute. Helden.

„Wir schicken Kimball in die Stadt, damit er uns Frauen besorgt“, scherzte Cole Taylor.

„Die kann man nicht im Laden kaufen“, erwiderte Steve trocken, während der Truck holpernd über die Landstraße rumpelte. Er hatte keine Lust auf Gesellschaft. Er sehnte sich nur nach der warmen Mahlzeit, die im Camp auf sie wartete, und nach dem Gästebett in Joshs Apartment.

„Wir müssen ihn erst unter die Dusche stellen. Nicht einmal Mr. Magic würde in diesem Zustand eine Frau abschleppen“, sagte Josh und drehte sich zu Steve um.

„Mr. Magic?“, fragte einer der jüngeren Männer neugierig.

Josh lehnte sich zurück und faltete die Hände über seinem Bauch. „Frauen stehen auf ihn. Aus welchem Grund auch immer. Ich hab keine Ahnung.“

Steve lächelte gequält. Auf eine Art war er erleichtert, dass er sich noch auf etwas anderes konzentrieren musste außer Feuer und Tod. Trauern und sich selbst bedauern, das konnte er später, wenn er allein war. Jetzt hatte er eine Rolle zu spielen – den tollen Kerl, der es nicht erwarten konnte, es wieder mit den tödlichen Flammen aufzunehmen, um anschließend tanzen zu gehen und seinen Kameraden ein Bier auszugeben.

Cole beugte sich vor. Seine weißen Zähne blitzten in dem schwarzen Gesicht. „Komm heute mit. Du hast neulich Abend schon gekniffen. Dabei würden wir dich gern mal in Aktion sehen.“

„Ich …“

„Es sei denn, du fürchtest die Konkurrenz“, rief ein anderer dazwischen.

„Ich setze zwanzig Dollar auf Kimball“, verkündete Cole im Spaß.

„Ich würde die Wette nicht annehmen“, riet Josh den anderen. „Vor allem, weil es ein Leichtes für Steve wäre, eine alte Liebe abzuschleppen.“

Fragend sah Steve ihn an. Wen kannte er schon in Fairfax?

„Laine Sheehan ist in der Stadt“, erklärte Josh.

Sekundenlang stockte Steve der Atem. Laine und er waren im Sommer nach ihrem College-Abschluss zusammen gewesen. Josh, Tommy und er hatten als Feuerspringer für die Forstverwaltung in Fairfax gearbeitet. Übermütig und wild waren sie damals durch die Party- und Clubszene von Redding gezogen. Eines Nachts hatten sie Laine und ein paar andere Frauen aus Fairfax dort getroffen.

Die schüchterne, zurückhaltende Blondine mit den goldbraunen Augen hatte es ihm auf den ersten Blick angetan.

Ihre Sanftheit hatte ihn gerührt, und er hatte die Art genossen, wie sie ihn bewunderte. Am Ende des Sommers hatte er sie gefragt, ob sie nicht zu ihm ziehen wollte. Aber sie konnte mit den Risiken seines gefährlichen Berufs nicht umgehen und war nach Texas zurückgekehrt.

Damals hatte er es ihr übel genommen, dass sie von ihm verlangt hatte, sich zwischen ihr und seinem Job zu entscheiden. Doch jetzt, sieben Jahre später, verstand er sie besser. Vor allem nach Tommys Tod.

Er hatte Laine nie ganz vergessen.

„Woher weißt du, dass sie hier ist?“, fragte er Josh, während er die neugierigen Blicke der anderen auf sich fühlte.

„Ich hab sie neulich Abend im Suds gesehen.“

Steve zog die Augenbrauen hoch. „Was hat sie denn da gemacht?“

„Getrunken.“

Der Truck kam rumpelnd zum Stehen, bevor Steve sich nach Einzelheiten erkundigen konnte, und da sie die Einsatzleitung umgehend über die Ausbreitung des Brandes informieren mussten, hatte er vor dem Abendessen keine Gelegenheit mehr, Josh weiter auszufragen.

Gebackenes Hühnchen, Makkaroni, Käse und grüne Bohnen. Steve freute sich über die köstliche Mahlzeit. Die Kirchengemeinden in Fairfax hatten sich zusammengeschlossen, um die zahlreichen Löschtrupps zu versorgen, und sie gaben sich dabei die größte Mühe. Er mochte gar nicht daran denken, dass auch nur einer dieser hilfsbereiten Menschen sein Hab und Gut verlieren könnte.

„Also, warum hat Laine Sheehan im Suds getrunken?“, fragte er Josh, der mit ihm am Tisch saß, möglichst beiläufig.

Josh zuckte mit den Schultern. „Ich habe nicht gefragt, und sie hat nichts gesagt.“

„Du bist vielleicht eine Hilfe.“

„Ich weiß nicht, warum du dich immer noch so für diese Frau interessierst. Ihr seid total gegensätzlich. Und, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, sie ist gar nicht dein Typ.“

„Nur weil sie keine besonders üppige Oberweite hat …“

„Allerdings muss ich zugeben, dass sie ziemlich gut aussah.“

Steve legte seine Gabel hin. „Ach? Wie gut?“

„Ich weiß nicht, Mann. Eben gut.“ Josh schob seinen Teller beiseite. „Und da du so scharf auf sie bist, kann ich dir verraten, dass sie bei ihrer Tante wohnt und für irgendeine große Zeitung über den Waldbrand berichtet.“

„Laine berichtet über den Brand?“

„Das habe ich gehört.“

„Diesen Brand? Unseren Brand?“, fragte Steve ungläubig nach.

„Ja.“

„Sie hat mir damals einen Korb gegeben, weil ihr mein Beruf zu gefährlich war …“

„Und vergiss nicht, dass sie auch nicht gerade begeistert über deinen Erfolg bei Frauen war“, erinnerte Josh ihn.

Steve winkte ab, bevor sein Freund sich weiter darüber ereifern konnte. „Wir haben uns in erster Linie wegen meines Jobs getrennt, und jetzt berichtet sie vor Ort über den Brand. Das klingt absurd.“

„Das Leben geht manchmal eben seltsame Wege.“

„Ist sie sich eigentlich darüber im Klaren, dass sie ziemlich nah ans Feuer heran muss, um wirklich gute Fotos machen zu können?“

„Das nehme ich an. Laine war zwar sehr still, aber nicht naiv.“ Josh hielt inne. „Ich schätze, das bedeutet, du kommst heute Abend mit?“

Steve überlegte kurz, ob ein Wiedersehen mit Laine klug wäre. Er hatte in den letzten Tagen ohnehin schon zu viel Zeit damit verbracht, über die Vergangenheit zu grübeln.

Sein Leben erschien ihm wie ein einziges Abenteuer. Er war der jüngste Sohn eines Feuerwehrmanns. Sein Vater war ums Leben gekommen, als Steve gerade neun Jahre alt war. In seiner Jugend hatte man ihn stets ermutigt, unbeirrt sein Ziel zu verfolgen. High School und ein Jahr auf einer Universität in Europa. Feuerwehrmann und Sanitäterausbildung. Arbeit im Amt für Katastrophenschutz von Atlanta. Anschließend Ausbildung zum Feuerspringer, einem der gefährlichsten Berufe auf dem Gebiet der Brandbekämpfung.

Eines Tages war er zusammen mit einem Kameraden mitten in einem Waldbrand mehrere Stunden lang eingeschlossen gewesen. Eine traumatische Erfahrung. Seitdem war er nicht mehr mit dem gleichen Engagement dabei und hatte die Konsequenzen gezogen. Er kehrte in seine Heimat im Norden von Georgia zurück. Obwohl er einerseits das Gefühl hatte, vor seiner Angst davonzulaufen und dem Andenken an seinen heldenhaften Vater nicht gerecht zu werden, war er andererseits recht zufrieden mit dieser Entscheidung gewesen.

Er hatte erkannt, dass er nicht täglich den Kampf auf Leben und Tod als Selbstbestätigung brauchte. Er holte Katzen von Bäumen, spielte im Gerätehaus Karten und sorgte ab und zu mit einer kleinen Affäre für Klatsch in Baxters Damenwelt.

Nur mit größtem Widerwillen hatte er vor ein paar Tagen den Einsatz in Fairfax angenommen. Er war gekommen, um Tommy so die letzte Ehre zu erweisen. Um Josh und dem Rest des Teams ein letztes Mal einen Gefallen zu tun.

Vielleicht würde Laine ihn daran erinnern, was ihn mit dieser Truppe verbunden hatte. „Okay, ich bin dabei.“

Laine blinzelte. Die schummrige Bar verschwamm leicht vor ihren Augen.

Vielleicht hätte sie besser nicht gleich die Hälfte ihres Drinks mit einem Schluck hinunterspülen sollen. Aber nur so bekam sie das Getränk überhaupt herunter. Obwohl dieser Drink für ihre Schwester und ihre Freundinnen Kult war, konnte sie sich einfach nicht an den Geschmack gewöhnen.

Wenn sie in dem Tempo weitertrank, würde sie später allerdings einen Chauffeur brauchen. Trotz des Alkohols konnte sie nicht vergessen, wie ihr Chef sie nachmittags am Telefon heruntergeputzt hatte.

Mac hatte ihre Fotos verrissen. Da sie ihm Digitalbilder übers Internet gesendet hatte, konnte er sie wenigstens nicht buchstäblich zerreißen.

„Muss ich erst einen von den Kollegen zu Ihnen rausschicken, damit er Ihnen zeigt, wie Bilder von Feuer auszusehen haben?“, hatte er geknurrt.

Sie hatte ihm Aufnahmen geschickt von Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten und nun in Zelten lebten, und von Feuerwehrleuten, die ihre Ausrüstung anlegten. Sie wollte eine runde Geschichte abliefern – sowohl mit Fotos, die die bedrückende Stimmung vor Ort zeigten, als auch mit Bildern voller Dramatik und Action. Dennoch hatte sie sich bisher davor gedrückt, in die Nähe des Flammenherdes zu gehen.

„Sie brauchen mir niemanden zu schicken“, hatte sie geantwortet. Macs Ungeduld überraschte sie nicht. „Morgen steige ich in einen Hubschrauber, um Luftaufnahmen zu machen.“

Was auch ein Grund dafür war, dass sie jetzt trank.

Laine nippte an ihrem Cosmopolitan und machte sich Mut. Auch wenn sie Albträume wegen des schrecklichen Todes eines Freundes hatte, war sie kein unsicheres kleines Mädchen mehr. Sie hatte ihre Höhenangst schon vor Jahren besiegt. Ihre Hände hatten kaum gezittert, als sie einen Trupp erschöpfter Feuerspringer aus dem Helikopter klettern sah.

Leider lief ihr Plan, sich um ihre Tante Jen zu kümmern, auch nicht viel besser als ihr Job. Sie hatte versucht, ihre Tante auf eine Evakuierung vorzubereiten. Keine Chance. Jen blieb stur und legte mit ihrer Betgruppe Extraschichten ein, um den Herrn gnädig zu stimmen.

„Kann ich dir einen Drink ausgeben, Honey?“

Finster blickte Laine zu einem dunkelhaarigen Mann auf. „Nein danke.“

Komplikationen mit Männern konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen. Zum Glück hatte sie bisher weder Steve noch sonst jemanden aus seinem Team getroffen. Dafür hatte sie Chief Jeff Arnold kennen gelernt, den sie professionell, erfahren und kooperativ fand.

Und sehr viel interessanter als den Typen, der sich ungeniert zu ihr setzte, obwohl sie seine Einladung auf einen Drink abgelehnt hatte.

„Ich bin Mark“, stellte er sich vor.

Laine stand auf. „Ich gehe.“

„Bitte nicht. Trinken Sie etwas mit mir.“ Er deutete auf ihr halb leeres Martiniglas. „Cosmo?“

„Ja, aber …“

Mark hob die Hand, um den Barkeeper heranzuwinken, da bemerkte Laine den Ehering an seinem Finger. „Sie sind verheiratet.“

Mark zuckte mit den Schultern. „Ich suche nur jemanden zum Reden.“

„Wirklich?“

„Was solls sein?“, fragte der Barkeeper.

„Nichts“, sagte Laine, bevor Mark antworten konnte. „Bye-bye, Mark.“

Nachdem Mark sich endlich verzogen hatte, setzte Laine sich wieder und sah sich um. Mit den auf antik getrimmten Tischen, dem abgewetzten Fußboden und dem ständig laufenden Zapfhahn erinnerte die Kneipe sie an ihre eigene Bar in Kendall.

Sie fragte sich, wie ihre Schwester allein zurechtkam. Es hatten sich einige offene Rechnungen angesammelt. Cat sollte das Auktionshaus anrufen, um den Verkauf des Mobiliars zu organisieren, damit Geld in die Kasse kam.

Vor ihrer Abreise am Donnerstag hatte Laine noch einen klar gegliederten Handlungsplan auf den Tresen gelegt. Doch sie würde um ihr bestes Objektiv wetten, dass Cat noch nicht einmal einen Blick draufgeworfen hatte.

Obwohl es neun Uhr am Sonntagabend war, saß ihre Schwester sicher nicht mit einem guten Buch und einer Tasse Tee zu Hause. Kurz entschlossen nahm Laine ihr Handy und wählte die Nummer der Bar.

„Cat?“, rief sie über die laute Musik hinweg ins Telefon.

„Lainey?“

Laine knirschte mit den Zähnen. „Hast du schon mit dem Auktionator gesprochen? Wir brauchen das Geld dringend, um den Spirituosenhändler bezahlen zu können.“

„Hey, Schwesterherz, wie geht es dir?“, entgegnete Cat sarkastisch. „Wie war dein Tag? Ich weiß, wie schwierig es ist, mit allem allein fertig zu werden, seit ich dich verlassen habe und nur an mich selbst denke.“

Laine seufzte. „Fang nicht wieder damit an, Cat“, erwiderte sie ruhig. „Du schaffst das schon. Geh einfach nach meiner Liste vor.“

„Welcher Liste?“

„Die, die ich dir auf den Tresen gelegt habe, in der Schritt für Schritt erklärt ist, was du diese Woche erledigen musst.“

„Ach, und ich habe mich schon gewundert, was das war. Ein Gast hat seinen Whiskey drübergekippt. Ich habe den Zettel weggeworfen.“

Laine rieb sich die Schläfen. Warum hatte sie bloß angerufen? „Ich schicke dir per E-Mail eine Kopie. Und klär das mit der Versteigerung gleich morgen früh.“

„Ich habe zu tun.“

„Bitte, Cat. Wir müssen diese Dinge regeln.“

„Ja, sicher müssen wir das“, antwortete Cat schnippisch. „Hör mal, Laine, ich muss jetzt Schluss machen“, fuhr sie fort und legte auf.

Ihr Vater würde sich ohne Zweifel im Grab umdrehen, falls er von den Spannungen zwischen seinen Töchtern wüsste. Laine hatte sich immer um ihre Schwester gekümmert und versucht, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Aber Cat sah grundsätzlich alles anders und wurde noch bockiger, wenn Laine sie von ihrer Meinung zu überzeugen versuchte.

Teils erleichtert, ihre Pflicht getan zu haben, teils schuldbewusst, weil sie ihrer Schwester so viel aufbürdete, steckte Laine das Handy wieder ein.

Sie würde das alles nach ihrer Rückkehr geradebiegen.

Ihre Gedanken kreisten um die Fotos, die sie am nächsten Tag machen wollte. Ein paar Luftbilder von der Verwüstung, ein paar …

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass einige Männer die Bar betraten, und für einen Moment hielt sie den Atem an. Steve!

Er sah noch genauso gut aus wie in jenem Sommer. Welliges schwarzes Haar, breite Schultern, selbstbewusstes Lächeln. Selbst auf die Entfernung glaubte sie das verschmitzte Funkeln in seinen hellblauen Augen zu erkennen.

Unwillkürlich spannte sie sich an.

Wie hatte sie nur glauben können, sich in der Nähe dieses Mannes aufhalten zu können, ohne ihn mit Haut und Haaren zu begehren?

Verschreckt versteckte sie sich hinter einer Speisekarte. Sie war noch nicht zu einer Begegnung mit Steve bereit.

Inzwischen wusste er sicher, dass sie in der Stadt war, denn sie hatte Josh am Abend ihrer Ankunft gesehen, als sie sich mit ihrer alten Freundin Denise auf einen Drink getroffen hatte.

Vorsichtig schielte Laine über den Rand der Karte. Steve schaute sich um, als suche er jemanden. Sie? Nicht gerade wahrscheinlich. Er war damals sehr wütend auf sie gewesen, weil sie von ihm verlangt hatte, sich zwischen ihr und seinem Beruf zu entscheiden. Rückblickend betrachtet konnte sie ihm das nicht einmal übel nehmen.

Ein Abenteurer wie er wäre mit ihr nicht lange glücklich gewesen. Er konnte jede Frau haben, die er wollte. Und sie wollte sich nicht ein Leben lang um ihn ängstigen und sich fragen, wann der Tag kommen würde, an dem er nicht mehr nach Hause zurückkehrte.

Tief im Innern hatte sie gewusst, dass sie nicht zusammenbleiben würden. Ihn vor die Wahl zu stellen, obwohl sie die Antwort schon kannte, war ein einfacher Weg gewesen, ihre Affäre sauber zu beenden.

Steve und Josh hatten jetzt offenbar ihre Freunde in einer hinteren Nische entdeckt. Sie waren bereits umringt von kichernden jungen Frauen. Laine konnte sich an viele Gelegenheiten erinnern, bei denen Steve, Josh und Tommy von Verehrerinnen förmlich belagert worden waren. Josh mit den wirren dunklen Locken und dem direkten Blick. Tommy, der blonde Sonnyboy. Und Steve als Attraktivster und Charmantester des Trios.

Laine konnte die Frauen kaum für ihren guten Geschmack tadeln. Trotzdem war sie damals sehr unsicher und eifersüchtig gewesen.

In den letzten Jahren jedoch war sie reifer geworden und hatte an Selbstvertrauen gewonnen. Außerdem hatte sie keine tieferen Gefühle mehr für Steve. Auch wenn ihr Körper immer noch auf ihn reagierte, würde sie sich nicht wieder mit ihm einlassen. Er und sein gefährlicher Job interessierten sie nur im Zusammenhang mit ihrer Fotoreportage.

Und überhaupt, Steve würde ihr wahrscheinlich sowieso keinen zweiten Blick schenken.

Rette Tante Jen vor dem Waldbrand und ihrem Stolz. Beeindrucke deinen Chefredakteur mit harten Action-Fotos. Widersteh Steve Kimball. Das waren vernünftige Vorsätze. Aber waren sie auch einzuhalten?

2. KAPITEL

Von der Nische aus, in der er mit seinen Freunden und ein paar hübschen Frauen saß, ließ Steve seinen Blick durch die Bar schweifen. Er entdeckte einige Kollegen und ein paar Leute, die er von früher kannte oder die er während des aktuellen Einsatzes in den letzten Tagen kennen gelernt hatte.

Aber keine Laine Sheehan.

Er wünschte, er wäre nicht so enttäuscht. Sie hatten sich damals nicht gerade einvernehmlich getrennt, also würde sie seinetwegen keine Begrüßungsflagge hissen.

„Habt ihr das Feuer schon gelöscht?“, erkundigte sich eine dralle Brünette, die zwischen Josh und Cole saß.

„Nein, Dummchen“, erwiderte eine genauso üppige Blondine und stieß sie an. „Siehst du denn keine Nachrichten?“

„Nicht, wenn ich es verhindern kann …“

Steve langweilte sich und hörte nicht mehr richtig hin.

Dabei ging er zu Hause in Georgia sehr gern mit seinen Kameraden von der Feuerwehr aus. Wenn eine Frau oder zwei mit von der Partie waren, umso besser.

Warum war er hier so unruhig? Warum brachte er über die Scherze der anderen nur ein abwesendes Lächeln zu Stande?

Ganz einfach. Er bekam Laine nicht aus dem Kopf.

„Alles in Ordnung?“, fragte Cole.

„Danke.“ Steve nahm einen Schluck Bier. „Die letzten Tage waren verdammt hart.“

„Das brauchst du mir nicht zu sagen.“ Cole nahm eine Hand voll Erdnüsse. „Trotzdem ist es gut, dass du wieder dabei bist. Tommy hätte sich darüber gefreut.“

„Ja. Es ist nicht mehr dasselbe ohne ihn.“ Steve fragte sich, ob er den Druck auf seinem Magen je wieder loswerden würde. „Glaubst du, wir schaffen es?“

„Na klar. Wir lassen uns nicht unterkriegen.“

Steve lächelte schwach. Er wollte sich vor den anderen seine Unsicherheit nicht anmerken lassen. „Natürlich nicht.“

Josh hob sein Bierglas. „Gut, dass der Tag vorbei ist.“

„Und die Nacht ist noch jung“, fügte Cole hinzu.

Steve stieß mit den anderen an, fing dabei einen Blick der Brünetten auf, die keine Nachrichten sah, und schaute weg. Mit seinen früheren Kameraden zusammenzusitzen half ihm, Tommys Tod zu akzeptieren, und weckte in ihm sogar die Erinnerung an jene aufregende Zeit im Team der Feuerspringer, als er noch furchtlos gesprungen war. Zugleich erkannte er, dass er sich weiterentwickelt hatte.

Während er trank, sah er für einen Moment eine blonde Frau am Tresen. Eine schwarze Fototasche stand zu ihren Füßen. „Laine?“, murmelte er, obwohl wahrscheinlich keiner ihn über die Trinksprüche hinweg verstand.

Er erhob sich. „Bin gleich zurück“, sagte er zu Cole. Zielstrebig steuerte Steve auf die vertraute Erscheinung am anderen Ende der Bar zu.

Laine sah noch fast genauso aus wie früher. Hübsch, zierlich und doch stark. Sie trug Jeans, ein weißes T-Shirt mit rundem Ausschnitt und einen blauen Blazer. Trotz der unauffälligen Kleidung wirkte sie keineswegs langweilig. Statt des Pferdeschwanzes fiel ihr Haar jetzt offen über ihre Schultern und wellte sich schmeichelnd um ihr Gesicht. Ihre Lippen, an denen sie damals oft gekaut hatte, waren voll und rosig.

Steve geriet sofort in ihren Bann. „Hallo Laine.“

„Hallo Steve“, grüßte sie und erwiderte seinen Blick ohne jede Befangenheit.

Er hatte spontan den Eindruck, dass sie selbstbewusster und kühner geworden war. Obwohl er damals verrückt nach der schüchternen und unschuldigen Laine gewesen war, gefiel ihm ihre Veränderung.

Ja, die Glut zwischen ihm und Laine neu zu entfachen wäre genau das Richtige, um ihn aus seinen Depressionen zu reißen.

Er lehnte sich zu ihr hinüber. Mit Genugtuung stellte er fest, wie ihre Augen groß wurden. „Darf ein alter Freund dir einen Drink spendieren?“

„Sicher.“ Gelassen zuckte sie mit den Schultern. „Wenn du noch Platz in deinem Fanclub hast. Vielleicht solltest du Mitgliedsnummern verteilen, damit du nicht den Überblick verlierst.“

Mit einem Schlag war die alte Spannung wieder da, als wären nur sieben Stunden vergangen, seit sie sich getrennt hatten, und nicht sieben lange Jahre. Er konnte nichts dafür, dass die Menschen seine Nähe suchten. Er war Feuerwehrmann und sehr bekannt in Fairfax. Sein Wesen und seine Statur erweckten Vertrauen. Na und, die Leute mochten ihn. War das ein Verbrechen?

„Ich habe keinen Fanclub“, erwiderte er.

Laine zwinkerte ihm zu. „Ja, richtig.“

Er merkte, dass sie ihn nur neckte. „Hey, nimm etwas Rücksicht. Wir haben zwei Tage im Wald geschuftet.“

„Das habe ich gehört.“ Sie deutete auf den leeren Platz neben sich. „Setz dich.“

Ihr Lächeln vertrieb seine gedrückte Stimmung. Steve setzte sich auf den Barhocker und kam ihr dabei sehr nahe. Ihr frischer, fruchtiger Duft erregte ihn.

„Du siehst sehr gut aus.“ Er musste sich mit den Händen an seinem Sitz festhalten, um nicht der Versuchung nachzugeben, ihr die Schultern zu streicheln.

„Danke.“ Laine lächelte. „Du auch.“

Steve spürte, wie sein Gesicht vor Verlegenheit heiß wurde. „Danke. Josh erzählte, dass du für irgendeine große Zeitschrift über den Brand berichtest.“

„Ja. Ich arbeite für Century.“

Anerkennend pfiff er durch die Zähne. „Ich fühle mich geehrt, dass du dein fotografisches Können damals auch an mir erprobt hast.“

„Ich habe immer noch ein Bild von euch an meiner Pinnwand.“

„Im Ernst?“

„Ja. Eins von dir, Josh und Tommy, wie ihr nach einem zweitägigen Einsatz bei einem Waldbrand in Oregon aus dem Flugzeug klettert.“

Steves Herz schlug plötzlich höher.

„Ich habe von Tommy gehört“, fuhr Laine leise fort. „Es tut mir so leid. Wie ist es passiert?“

Obwohl er wusste, wie sie zu seinem Beruf stand, schien es ihm ganz natürlich, seine Trauer mit ihr zu teilen. „Der Wind hatte sich plötzlich gedreht.“

Laine schloss für einen Moment die Augen. Als sie sie wieder öffnete, hingen Tränen in ihren Wimpern. Ihr ehrliches Mitgefühl weckte in Steve die Erinnerung daran, weshalb es ihn damals so schwer erwischt hatte.

„Bist du okay?“, fragte sie.

Steve wollte nicht an seinen Schmerz denken. Er legte Laine einen Arm um die Taille. „Jetzt geht es mir besser.“

Sie lehnte sich zurück und musterte ihn spöttisch. „Charmant wie eh und je, was?“

Lachend kniff er sie in die Seite. „Warum habe ich nur den Eindruck, dass das kein Kompliment sein soll?“

„Aber es ist eins. Und besonders angenehm für die Damen in Fairfax, die noch zu haben sind.“

„Gehörst du auch zu dieser Gruppe?“

„Ganz sicher nicht.“

Verdammt schade. „Bist du verheiratet?“

„Nein. Nur nicht zu haben.“

„Nur für mich nicht?“

„Für niemanden.“ Laine nahm einen Schluck von der rosafarbenen Flüssigkeit in ihrem Martiniglas. „Noch einen Cosmo, bitte“, sagte sie zum Barkeeper.

Steve bestellte sich ein Bier. „Seit wann trinkst du denn so ein Zeug?“

„Seit Jahren.“

Irgendetwas reizte ihn an der Cocktail trinkenden, frechen, unerreichbaren Laine. Sie hatte sich verändert. Ihre Gleichmütigkeit ihm gegenüber forderte ihn heraus. Weil sie ihm immer noch etwas bedeutete? Oder weil sie ihn einst so angehimmelt hatte?

Was es auch war, er wusste, es wäre besser, sich zurückzuziehen. Wenigstens für den Moment. „Wie geht es Tante Jen?“, fragte er ablenkend.

„Sie ist stur wie immer. Sie will ihr Haus nicht verlassen.“

„Vielleicht braucht sie das auch nicht.“

„Chief Arnold scheint anderer Meinung zu sein. Glaubst du wirklich, dass sie bleiben kann?“

„Von uns wird erwartet, dass wir Optimismus verbreiten. Aber unter uns gesagt, nein. Es wird Evakuierungen geben.“ Steve nahm das Bier vom Barkeeper entgegen. Laine bekam ihren Cocktail. „Wenn es nicht bald regnet, ist die Stadt nicht zu halten.“

Laine hob ihr Glas. „Dann einen Toast auf den Regen. Und auf Tommy.“ Sie hielt inne und sah Steve in die Augen. „Und darauf, dass dem Rest eures Teams nichts geschieht.“

Steve stieß mit ihr an. „Auf Tommy.“ Er brachte es nicht fertig, auf sich selbst zu trinken. Sein innerer Widerstand bei jedem Sprung, bei jeder Fahrt in den zerstörten Wald war beschämend im Vergleich zur Tapferkeit der anderen Feuerspringer.

Laine nippte an ihrem Drink, verzog die Lippen und stellte das Glas beiseite.

„Ist er dir zu stark?“, fragte Steve.

„Nein, er ist gut. Also, wie ist es dir ergangen?“

Steve nahm einen Schluck Bier. Laine würde die Veränderungen in seinem Leben sicher gutheißen. „Ich habe das Feuerspringen aufgegeben und bin vor ein paar Jahren nach Georgia zurückgekehrt.“

„Wie bitte?“ Laine hatte das Gefühl, vor Überraschung fast vom Hocker zu fallen.

„Ich lebe wieder in meiner Heimat, gehöre einer Berufsfeuerwehr an und rette normalerweise Katzen aus Bäumen. Ich habe sogar ein Haus gekauft.“

Laine konnte es nicht fassen. Der abenteuerlustige Steve war sesshaft geworden? Unglaublich.

„Hast du geheiratet?“, erkundigte sie sich erstaunt.

„Nein.“

„Hast du Kinder?“

Steve lächelte verschmitzt. „Nein. Soll das ein Angebot sein?“

Die scherzhafte Bemerkung weckte schmerzliche Erinnerungen in Laine. An die Zeit, als sie jung und naiv war. Als sie dachte, dass Steve und sie eines Tages heiraten und eine Familie gründen würden. Stattdessen hatte er sie nur gefragt, ob sie bei ihm einziehen wollte. Gleichzeitig hatte er deutlich gemacht, dass er nicht daran dachte, seinen gefährlichen Job aufzugeben.

Doch sie wollte Vergangenes nicht wieder aufwärmen. „Aber jetzt bist du hier und hilfst bei der Bekämpfung der Waldbrände.“

„Meine ehemaligen Kollegen haben mich nach Tommys Tod angerufen. Sie baten mich, für ihn einzuspringen.“

Wahrscheinlich war er mit fliegenden Fahnen herbeigeeilt. Sesshaft geworden? Bestimmt nicht. „Und sicher ist es toll für dich, wieder dabei zu sein.“

Steve nahm noch einen Schluck. „Na klar.“

Siehst du, nichts hat sich wirklich verändert, sagte sich Laine.

Und sie redete sich ein, dass das gut war. Sie wollte Steve nicht begehren. Sie hatte einen Auftrag zu erfüllen, musste Geld verdienen und ihre Tante betreuen.

Dennoch konnte sie nicht leugnen, dass es schön war, wieder neben ihm zu sitzen. Sein charmantes Lächeln und sein Selbstbewusstsein hatten es ihr von Anfang an angetan, aber sie hatte bald gemerkt, dass mehr hinter der attraktiven Fassade steckte. Steve sprach drei Sprachen, hatte einige Zeit im Ausland verbracht, liebte Kunst und Kultur – und ließ keine Gelegenheit aus, alten Damen über die Straße zu helfen.

Nebenbei registrierte sie jetzt verblüfft, dass er mit ihr flirtete. Wollte er womöglich dort wieder anfangen, wo sie aufgehört hatten?

Nicht mit ihr. Sie hatte damals zu sehr unter der Trennung gelitten. Das wollte sie nicht noch einmal durchmachen.

„Dann bist du nur wegen des Feuers hier?“, hakte sie nach.

„Ja. Ich lebe jetzt in Georgia.“

„Ich dachte immer, deine Heimatstadt sei ziemlich klein.“

„Das ist sie auch“, bestätigte Steve.

„Dann hat sie wohl einem Draufgänger wie dir nicht viel Abwechslung zu bieten?“

„Ich kann mich nicht beklagen. Im letzten Herbst gab es eine Serie von Brandstiftungen. Das hat uns ganz schön in Atem gehalten.“

Genug Action also, sogar im ländlichen Georgia. Laine kannte Steves Liebe zur Gefahr, seinen Mut zum Risiko, und war nicht damit klargekommen. Jetzt brauchte sie ihn ausgerechnet wegen dieser Qualitäten für ihren Auftrag. Welche Ironie des Schicksals.

„Wie wäre es mit Dinner morgen Abend?“, fragte er plötzlich.

„Äh … nein.“

„Nein?“

„Sieh mal, ich bin sicher, dass wir uns in den nächsten Tagen noch einige Male über den Weg laufen werden“, meinte sie betont sachlich. „Es tut mir leid, dass ich dich vorhin mit dem Fanclub veräppelt habe, aber bei dir stehen die Frauen nun einmal Schlange, daher …“

„Es gibt keine Schlange wartender Frauen.“

„Ich wette, die Mädels vom Tisch dahinten, die mir ständig wütende Blicke zuwerfen, gehören auf jeden Fall dazu.“

„Laine, niemand wirft dir wütende Blicke zu …“

„Hallo, Steve.“

Eine kurvige Rothaarige stellte sich neben ihn. Sie stemmte eine Hand in die Hüfte und streckte ihre beeindruckende Oberweite heraus.

Laine zwinkerte Steve zu, bevor er sich dann zu der Frau umdrehte.

„Hallo Darla. Laine, kennst du Darla?“

„Nein.“ Laine grüßte lächelnd. Immerhin hatte sie ihren Punkt gemacht. „Hallo.“

Darla erwiderte das Lächeln flüchtig, dann konzentrierte sie sich auf Steve. „War das Essen neulich Abend nicht toll?“

„Ja. Danke, dass ihr euch solche Mühe macht. Die Jungs wissen das wirklich zu schätzen.“

Steve strich sich unbehaglich über den Nacken. Er fühlte sich nicht wohl dabei, mit einer Frau beim Drink zusammenzusitzen und sich dabei mit einer anderen Frau zu unterhalten.

Darla verzog sich wieder, und er wandte sich zu Laine um. „Es tut mir leid. Sie und ein paar Freundinnen von ihr haben neulich für unser Team gekocht und …“

„Hi, Steve.“

Laine musste sich auf die Lippen beißen, um nicht laut aufzulachen. Diesmal war es eine hübsche Brünette mit rauchiger Stimme und ebenfalls üppigen Kurven, die sich gegen Steve lehnte.

„Hi, Vivian. Kennst du Laine?“

Vivian hob nur leicht die Augenbrauen, als Laine grüßte.

„Wir haben dich Freitagabend vermisst“, sagte Vivian zu Steve.

„Ich war total kaputt.“

Laine stützte ihr Kinn auf die Faust und bemerkte, dass eine zierliche Rothaarige ihr vom anderen Ende der Bar her zuwinkte. Denise?

Sie hatte die lebenslustige, impulsive Denise im Sommer vor sieben Jahren kennen gelernt. Ihre Familie wohnte neben ihrer Tante Jen. Denise war auch dabei gewesen, als sie Steve in einer Bar in Redding getroffen hatte. Sie waren Freundinnen geworden und seit damals in Kontakt geblieben.

Denise erschien gerade im richtigen Moment.

„Entschuldige mich bitte“, begann Laine, insgeheim erleichtert über den Vorwand für eine Flucht. „Ich habe gerade jemanden entdeckt, den ich unbedingt sprechen muss. Warum tut ihr zwei euch nicht zusammen?“

Steve erhob sich, und Vivians Augen blitzten triumphierend auf. Es war nicht zu übersehen, dass sie annahm, Laine vertrieben zu haben.

Bevor Laine verschwinden konnte, hielt Steve sie am Handgelenk fest. „Du kommst aber zurück, nicht wahr?“

Laine hätte sich unter seinem intensiven Blick am liebsten kühle Luft zugefächelt. Der Mann wusste mit Frauen umzugehen. „Ich muss morgen früh aufstehen …“

Steve nahm ihre Fototasche auf und stellte sie auf den leeren Hocker. „Ich behalte die hier, bis du zurück bist.“

Er behielt ihre Kamera als Pfand? Laine verstand seine Hartnäckigkeit nicht, zumal Frauen wie Vivian ihn umschwärmten. Doch bevor sie sich für diesen Abend von ihm verabschiedete, musste sie noch kurz mit ihm darüber sprechen, dass sie ihn und sein Fallschirmspringerteam fotografieren wollte.

„Okay, bis gleich“, willigte sie ein.

Vivian runzelte die Stirn. Steve lächelte.

Laine eilte auf Denise zu, und die beiden Frauen fielen sich in die Arme. „Wie ich sehe, geht es mit deinem Projekt gut voran“, scherzte Denise. „Von niemandem würde ich lieber Fotos sehen als von Steve Kimball. Meinst du, du kannst ihn auch nackt ablichten?“

„Nein.“

Denises Augen blitzten. „Bitte.“

Laine fand es schon schwierig, dem Charme dieses Mannes zu widerstehen, wenn er angezogen war. „Garantiert nicht. Zwischen uns ist nichts mehr.“

Denise kniff ihre dunkelblauen Augen zusammen. „Nicht einmal ein Funke?“

„Nun, das will ich nicht behaupten. Wusstest du, dass er umgezogen ist?“ Laine erzählte Denise, dass Steve inzwischen als einfacher Feuerwehrmann in einer Kleinstadt arbeitete.

Denise schaute zu ihm hinüber. „Jedenfalls hat er nichts von seiner Ausstrahlung eingebüßt.“

Laine folgte dem Blick ihrer Freundin und sah, dass Vivian sich an Steve schmiegte. Unerwartet fühlte sie einen Stich.

„Ich weiß nicht, wie du es schaffen willst, Fotos von ihm zu machen, ohne in Versuchung zu geraten“, fuhr Denise fort. „Er sieht einfach umwerfend aus.“ Forschend musterte sie Laine. „Alles in Ordnung?“

„Ich hatte nur gerade gedacht, ich wäre gern an Vivians Stelle. Steve ist reifer geworden.“

„Tatsächlich?“

Tatsächlich. Und dadurch wirkte er sogar noch attraktiver auf sie. Männer hatten es in der Beziehung besser als Frauen.

„Vielleicht ist er das Risiko, noch einmal Liebeskummer zu bekommen, wert“, sinnierte Denise. „Ich würde es auf dem direkten Weg versuchen. Lade ihn zu dir ein, und warte ab, wie sich die Dinge entwickeln.“

„Ihn einladen …“ Laine schüttelte den Kopf. „Schlecht möglich. Ich wohne bei Tante Jen.“

„Dann geh zu ihm.“

„Ich gehe nirgendwo mit ihm hin, es sei denn, es hat mit meinem Job zu tun.“

„Wo wir gerade von deinem Job sprechen, wie willst du über die Waldbrände berichten, wenn du nicht wirklich dabei bist?“

Laine seufzte. Actionaufnahmen waren nicht gerade ihre Stärke. Bis vor ein paar Monaten war ihre größte Herausforderung gewesen, den Unterschied zwischen einer Teehybridrose und einer Floribunda herauszufinden.

Trotz ihrer Angst musste sie sich diesem Feuer stellen. Wie Steve das täglich schaffte – ob in den Wäldern oder in seiner Heimatstadt –, würde sie nie verstehen. Doch langsam wurde es Zeit, tatsächlich loszulegen. „Ich werde als Nächstes Luftaufnahmen machen.“

„Wenn du es sagst …“

Laine straffte ihre Schultern. „Okay. Ich gehe jetzt.“

„Luftbilder? Jetzt? Es ist dunkel.“

„Natürlich nicht jetzt. Erst muss ich meine Kamera aus dem Pfandhaus holen.“

Ihre Nerven flatterten. Dank Denises Bemerkung sah Laine Steve auf einmal nackt vor sich. Erinnerungen, die sie längst vergessen hatte. Oder glaubte, vergessen zu haben.

In ihrer Zerstreutheit merkte sie nicht gleich, dass inzwischen eine andere Frau bei Steve stand. Sie hatte schulterlanges dunkles Haar, auffallende türkisfarbene Augen und trug ein Pistolenholster, das unter ihrer Jacke hervorblitzte. Und sie wirkte äußerst verärgert.

„Komm schon, Kleiner“, drängte sie Steve. „Wir waren bereits vor einer Stunde verabredet, und ich habe nicht viel Zeit.“

Laine räusperte sich und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie schaute Steve an. „Du solltest dir einen Terminkalender zulegen.“

„Nein, sie ist nicht … sie ist meine Schwägerin.“ Steve erhob sich und rieb sich die Schläfen. „Cara, würdest du Laine bitte sagen, weshalb du hier bist?“

„Wir ermitteln in Richtung Brandstiftung“, erklärte Cara nun sachlich. „Ich habe in den letzten Jahren bei einigen Fällen von vorsätzlich gelegten Waldbränden Erfahrungen gesammelt. Eigentlich arbeite ich in Georgia, aber weil mein Chef, der Gouverneur von Georgia, mit dem hiesigen Einsatzleiter zur Schule gegangen ist, kam er auf die Idee, mich hierher zu schicken. Als Steve nicht zum verabredeten Treffen erschien, erhielt ich den Tipp, es hier zu versuchen.“ Ihr Blick schweifte über Laine und die halb geleerten Gläser auf dem Tresen. „Wo du offenbar nicht über das Feuer nachzudenken scheinst, Steve. Tut mir leid, dich zu stören.“

„Nein, mir tut es leid“, entschuldigte er sich. „Ich habe vergessen, dass du gestern angekommen bist. Laine, das ist Cara Kimball. Cara, Laine Sheehan.“

Laine schüttelte Cara die Hand. „Welchen der Brüder hast du geheiratet?“

„Wes.“

Das passte. Obwohl Laine Wes damals nur einmal begegnet war, hatte sie ihn als sehr temperamentvoll in Erinnerung. Kein Mann für eine schwache Frau. „Herzlichen Glückwunsch“, sagte sie zu Cara.

„Cara ist Captain im Branddezernat“, warf Steve ein. „Sie und Wes haben sich im letzten Herbst bei gemeinsamen Ermittlungen kennen gelernt.“

„Und hier geht es tatsächlich auch um Brandstiftung?“, fragte Laine.

„Es sieht bisher so aus, als sei das Feuer von fahrlässigen Campern verursacht worden, doch es ist nicht ausgeschlossen, dass skrupellose Brandstifter es immer wieder neu entfachen“, erläuterte Cara.

Laine schüttelte den Kopf. „Das stärkt nicht gerade den Glauben an die Menschheit.“

„Begleite mich ein paar Tage bei der Arbeit, und meine Fälle werden deinen Glauben an die Menschheit komplett zerstören.“

Steve runzelte die Stirn, und Laine fragte sich, ob er beunruhigt war über die Richtung, die dieses Gespräch genommen hatte, oder ob ihn die spontane Sympathie zwischen ihr und Cara störte. Als er Cara einen Platz anbot, machte Laine ihm Zeichen, weiterzurücken, damit sie und Cara nebeneinander sitzen konnten.

„Setz dich zu uns“, forderte sie ihre neue Freundin auf.

„Nur ein paar Minuten“, stimmte Cara zu. „Ich muss wieder an die Arbeit.“ Sie warf Steve einen scharfen Blick zu. „Und er auch.“

„Wie könnte ich das vergessen.“ Steve winkte den Barkeeper heran und fragte Cara, was sie trinken wollte.

„Cola light“, bat sie.

„Für mich auch“, fügte Laine hinzu und schob ihr Martiniglas beiseite.

„Ben hat vor kurzem auch geheiratet“, berichtete Cara.

„Wirklich?“ Nach dem Tod des Vaters war Ben das Oberhaupt im Clan der Kimballs geworden. Laine kannte ihn nicht, hatte allerdings aus Erzählungen den Eindruck gewonnen, dass der eher zurückhaltende Ben von seinen jüngeren Brüdern sehr verehrt wurde.

„Steve ist der letzte Junggeselle in der Familie“, fuhr Cara fort. Sie musterte ihren Schwager von der Seite. „Und wird es wahrscheinlich auch bleiben.“

„Sicher nicht aus Mangel an geeigneten Kandidatinnen“, meinte Laine.

„Keine von ihnen kann sein Interesse länger als ein paar Monate fesseln.“

Laine nickte. „Das kenne ich.“

„Im Ernst? Du und Steve?“

„Ja. Vor sieben Jahren. Einen Sommer lang.“

Cara schüttelte den Kopf. „Es ist ja immer das Gleiche mit ihm.“

„Hey, ich bin noch hier“, mischte Steve sich leicht gereizt ein.

Ohne ihn anzuschauen, tätschelte Laine seine Hand, die auf dem Tresen lag. „Und wir sind froh, dich zu haben.“ Ungerührt unterhielt sie sich dann weiter mit Cara. „Was glaubst du, warum er es nie lange mit einer aushält?“

„Du kennst doch die Männer. Sie können kein Angebot ablehnen.“ Cara blickte flüchtig zu Steve. „Nicht, dass es mich etwas anginge.“

„Ja, richtig. Mich auch nicht.“ Laine glitt von ihrem Hocker und nahm ihre Fototasche. Sie hatte kein Interesse und schon gar nicht das Recht, sich in Steves Privatleben einzumischen. „Ich würde euch beide gern in Action fotografieren, wenn ihr nichts dagegen habt.“

„Laine ist Fotografin für Century“, erklärte Steve und stand ebenfalls auf.

„Ich möchte lieber nicht, dass über meine Arbeit berichtet wird“, lehnte Cara stirnrunzelnd ab. „Tut mir leid.“

Laine fand Gefallen an der Vorstellung, dass eine Frau als Brandermittlerin mitten in der Katastrophe ihren Mann stand. Außerdem war sie davon überzeugt, dass Caras starke Persönlichkeit gut auf den Fotos rüberkommen würde. „Ich würde dir alle Bilder zeigen, die ich veröffentlichen lassen möchte. Du kannst sie freigeben – oder nicht.“

„Ich werde darüber nachdenken“, lenkte Cara ein.

„Gut.“ Laine schaute Steve an und ignorierte die heißen Gefühle, die er in ihr auslöste. „Ich würde auch dich, Josh und die anderen gern fotografieren. Wann seid ihr wieder im Einsatz?“

„Übermorgen – am Dienstag.“

Laine reichte Steve die Hand. „Dann sehen wir uns wahrscheinlich am Dienstag.“

3. KAPITEL

Steve blickte Laine nach. Mehr als ein Händeschütteln war nicht drin? Dann sehen wir uns wahrscheinlich, war alles?

Konnte es sein, dass sein Charme nicht mehr wirkte?

Hastig sagte er zu Cara: „Ich bin gleich wieder da.“

Er holte Laine draußen vor der Bar ein. Was hatte er vorhin gedacht? Dass ihn an ihr die Herausforderung reizte? Er musste verrückt geworden sein.

Ja, das war es. Er war verrückt vor Verlangen nach Laine.

„Was ist denn nun mit einem Dinner morgen Abend?“, fragte er, als er sie endlich erreichte.

„Nein.“

„Ich bin kein Feuerspringer mehr.“

„Nein?“ Laine blieb stehen und verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Und wie bist du vor zwei Tagen zu dem Brand auf dem Kamm des Gebirges gelangt? Bist du gemütlich mit Bambi in den Wald spaziert?“

Da hatte sie wohl einen Treffer gelandet. „Okay. Ich bin vorübergehend wieder dabei. Aber nur, bis dieses Feuer gelöscht ist.“

„Dann gehst du nach Georgia zurück und ich nach Texas.“

Steve strich zärtlich mit seinem Daumen an ihrem Kinn entlang. „Doch solange wir beide hier sind …“

„… werden wir arbeiten. Du genauso wie ich.“

„Nicht die ganze Zeit.“

Laine wich einen Schritt zurück und entzog sich seiner Berührung. Ihre Augen funkelten mit einer Entschlossenheit, die er nie zuvor an ihr bemerkt hatte – außer vielleicht an dem Tag, an dem sie mit ihm Schluss gemacht hatte.

„Du wirst mich nicht rumkriegen, Steve. Feuerspringer oder nicht, es hat sich nichts geändert.“

„Wir waren damals ein tolles Paar. Was spricht dagegen, es noch einmal zu versuchen?“

„Du hast mich gefragt, ob wir zusammenziehen wollen, während du mit einer Rauchvergiftung im Krankenhaus lagst!“

Damals war er ohne Rücksicht auf Laine in seinem gefährlichen Beruf aufgegangen, und sie war dennoch mit ihrer sanften Hingabe für ihn da gewesen. Jetzt, da er sich nicht mehr von einem Abenteuer ins nächste stürzte, wollte sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. „Mein Timing ist wohl nicht gerade das beste.“

„Ganz meine Meinung. Ich entsinne mich auch an einen Brand im Süden des Landes. Wir waren zum Dinner verabredet, und du kamst drei Stunden zu spät. Und in zwei dieser drei Stunden konnte ich niemanden finden, der mir sagen konnte, ob du überhaupt noch lebtest.“

Steve zuckte zusammen. „Ich weiß. Josh hat mich …“

„… zu einer Freudenfeier in eine Kneipe abgeschleppt. Ich erinnere mich.“

Steve fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Das läuft alles nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.“

„Das glaube ich dir. Aber du bist immer noch ein Feuerwehrmann, und ich habe aus meinen Fehlern gelernt.“

So sah sie also ihre Beziehung? Als einen Fehler? Der Gedanke verletzte ihn, denn er dachte sehr gern an die wundervolle Zeit mit ihr zurück.

„Es gibt eine Menge Frauen, die sich um dich reißen“, fuhr Laine fort. „Du brauchst mich nicht.“

„Doch.“

„Vielleicht brauchst du nur die Erinnerung an mich. Nur bin ich nicht mehr das stille Mädchen, das ich vor sieben Jahren war.“

Steve ballte die Hände zu Fäusten. „Nein, das ist es nicht. Wir sind nicht nur eine Erinnerung.“

Oder ein Fehler.

Steve nahm Laines Hand und zog sie um die Ecke des Gebäudes. Mit großen Augen starrte Laine ihn an. Sie begriff, dass Steve sich geändert hatte.

„Und du weißt das alles und willst mich auch“, beharrte er und blieb dicht vor ihr stehen.

Sie legte ihre Hände auf seine Brust. „Vielleicht gibt es da immer noch eine gewisse körperliche Anziehung …“

Steve drängte seine Hüften leicht gegen sie und hielt sie so an der Mauer gefangen. „Du bist wirklich schön. Habe ich dir das schon gesagt?“

„Ich glaube ja …“

Er küsste sie auf den Hals, direkt unterhalb des Ohres, eine Stelle, an der sie besonders empfindsam war. „Und ich finde, wir sollten da weitermachen, wo wir aufgehört haben …“

Laine seufzte und legte sehnsüchtig den Kopf zurück.

Steve hatte vergessen, wie zart und seidig ihre Haut sich anfühlte. Er schob eine Hand in ihr Haar, schloss die Augen und atmete ihren fruchtigen Duft ein.

Plötzlich stieß Laine ihn zurück. „Wo wir aufgehört haben, ja? Wir haben mit einem heftigen Krach aufgehört, in dem du mir klar gemacht hast, dass du auf Abenteuer und Herausforderungen wartest und nicht die Absicht hast, deinen lebensgefährlichen Job aufzugeben.“

„Ich habe meine Meinung geändert.“ Steve zog sie erneut an sich und liebkoste ihren Nacken mit seinen Lippen.

„Den Eindruck habe ich nicht.“

Er strich mit seinen Mund über ihre Wange. „Gib mir die Chance, es dir zu beweisen.“

„Das sollte ich nicht tun.“

„Aber du wirst es tun.“ Steve spürte, wie sie schwach wurde, und küsste sie leidenschaftlich. Er konnte seine Lust nicht mehr zügeln.

Laine schmeckte vertraut und war doch eine andere. Ohne Scheu erwiderte sie seine Zärtlichkeiten, wich keinen Deut vor seinem intensiven Verlangen zurück. Die Straßenbeleuchtung drang nur schwach zu ihnen. Steve ließ sich Zeit, ihren Mund zu erforschen, die Kurve ihres Rückens, ihren niedlichen festen runden Po neu zu erkunden.

Ein gellender Pfiff durchbrach die Stille der Nacht. Dann hörten sie Cara. „Ich habe lange genug gewartet, Steve. Komm endlich wieder rein!“

Laine erstarrte. „Was habe ich …“ Sie strich sich verlegen über ihr Haar, presste die Fototasche an sich und tauchte unter Steves Arm hindurch. „Ich muss gehen.“

Steve atmete immer noch heftig. Es ist der Jagdtrieb, dachte er. Was sollte es sonst sein?

Laine war die einzige Frau innerhalb von drei Blocks, die ihm nicht nachstellte. Das war der Grund, weshalb er sie wollte. Ziemlich dumm. Und kindisch.

Seine Arbeit hier war äußerst hart. Er musste seine ganze Kraft und Konzentration darauf richten, aus Flugzeugen zu springen, sich aus Hubschraubern abzuseilen und den Kampf mit dem Feuer aufzunehmen. Dabei durfte er sich nicht von Frauen ablenken lassen, vor allem nicht von Laine.

Aber er begehrte sie immer noch. Das Gefühl, einen großen Fehler gemacht zu haben, als er sie vor sieben Jahren gehen ließ, überkam ihn stärker denn je.

„Wir sehen uns, Steve.“ Mit gerötetem Gesicht winkte Laine ihm zum Abschied zu.

„Worauf du dich verlassen kannst“, murmelte er und sah ihr nach.

Mit Magenschmerzen kletterte Laine in den Hubschrauber.

Denk daran, das ist dein Job, sagte sie sich.

Der Pilot lächelte ihr aufmunternd zu, und sie hoffte, dass sie sich nicht vor ihm übergeben musste.

Ein Forstarbeiter setzte ihr einen Kopfhörer auf und schnallte sie an, dann machte er die Tür von außen zu. Laine schloss die Augen, als der Helikopter vom Boden abhob.

Es war nicht das erste Mal, dass sie in einem Hubschrauber mitflog. Sie hatte den Biltmore-Park und die Rose Bowl Parade aus der Luft fotografiert. Wenn sie den Start hinter sich hatte, konnte sie ihre Angst kontrollieren, indem sie sich auf den Blick durch den Sucher ihrer Kamera konzentrierte.

Laine liebte ihren Beruf. Durch das Fotografieren bekam sie eine andere Sicht auf die Dinge. Es gefiel ihr, Augenblicke für die Ewigkeit festzuhalten, sie Stunden, Tage oder Jahre später zu betrachten.

Krampfhaft hielt sie sich am Sitz fest, als der Pilot eine Kurve flog. Sie versuchte, das Knattern der Rotorblätter zu überhören und nicht daran zu denken, dass sie in einem Gehäuse aus Glas und Metall weit über dem Erdboden schwebte. Und nachdem sie tief eingeatmet hatte, brachte sie es endlich fertig, aus dem Fenster zu schauen.

Sie flogen jetzt hoch über dem Wald. Beim Anblick der verkohlten Flächen spürte sie einen Kloß im Hals. Durch ihre Recherchen zum Thema Waldbrand wusste sie, dass kleinere Brände, die die Zivilisation nicht bedrohten, kontrolliert abbrennen durften. Es war eine Art Selbstreinigung der Natur, die dafür umso kräftiger nachwuchs.

Aber dieses Ausmaß an Verwüstung war verheerend. Das Feuer raste jetzt durch einen Landstrich, in dem eine Reihe von Ferienhütten stand. Überall in der Gegend kam es durch Funkenflug zu Nebenbrandherden. Einzelne Häuser in der Wildnis waren in Schutt und Asche gelegt. Ein kleiner Park und ein Netz von Wanderwegen waren ebenfalls vernichtet.

Fairfax könnte das nächste Opfer der Flammen werden.

Laine holte ihre Digitalkamera mit dem hochwertigen Zoomobjektiv heraus, um die Szenerie aufzunehmen. Der Pilot flog so tief wie möglich. Aus dieser Perspektive erkannte sie, dass das Feuer auf seine Art auch schön war. Ein faszinierendes Naturschauspiel mit tödlicher Macht.

Der Hubschrauber landete in der Nähe eines kleineren Brandes. Laine stieg zusammen mit den anderen aus, um die Crew bei der Arbeit zu fotografieren.

Während sie die Männer beobachtete, vergaß sie ihre Furcht. Sie hoben Gräben aus und beschnitten Bäume und Gebüsch, um den Flammen die Nahrung zu nehmen. Sie standen unter Stress und schwitzen. Laine hielt die Hitze im feuerfesten Overall kaum aus. Dennoch hätte sie am liebsten eine Schaufel genommen und mitgeholfen.

Als sie zum Camp zurückflogen, machte sie sich ein paar Notizen. Der Pilot nannte ihr gerade Schätzungen über das Ausmaß der Zerstörung, als sie einen anderen Helikopter in der Ferne bemerkte, der direkt in die Rauchschwaden hineinsteuerte.

„Feuerspringer“, erklärte der Pilot mit einer Geste in die Richtung.

Laine schluckte schwer. „Sie springen mit dem Fallschirm ab?“

„Heute Morgen konnten sie mit dem Hubschrauber im Wald landen so wie wir. Sie arbeiten mit der Mannschaft am Boden zusammen und springen nur sehr selten, um vereinzelte Brände in unwegsamen Lagen zu bekämpfen.“

Laine wandte den Blick ab. Sie kannte diese Strategie aus Steves Erzählungen, und es beruhigte sie nicht.

Obwohl sie nicht an Steve denken wollte, stieg sein Bild unweigerlich vor ihrem geistigen Auge auf. Bei der Erinnerung an seinen Kuss erschauerte sie. Dieses Temperament und diese Leidenschaft! Der Mann brachte ihr Blut zum Kochen und weckte ein verzehrendes Verlangen in ihr.

Sie war einem gefährlichen Mann über den Weg gelaufen. Wieder einmal. Der Typ Mann, vor dem sie lieber die Flucht ergreifen sollte. Der Typ Mann, der nicht gut für sie war. Solche Männer brachen einem das Herz. Das wollte sie nicht noch einmal riskieren.

Nach der Landung bedankte Laine sich nun beim Piloten. Sie widerstand der Versuchung, den Boden unter ihren Füßen zu küssen, und ging in das Zelt, in dem das Essen ausgeteilt wurde.

Dort traf sie auf genau den Mann, den sie nicht sehen wollte. Als er sie von hinten ansprach, wirbelte sie erschrocken herum und verschüttete dabei ihren Kaffee.

„Steve!“

„Wie war der Flug?“ Er stand dicht vor ihr.

Laine wurden die Knie weich. „Gut. Wirklich gut.“

„Ich dachte, du hast Höhenangst.“

„Nicht mehr.“

Steve deutete auf ihre Fototasche. „Das hat wohl nicht mehr viel mit beschaulichen Aufnahmen von Rehen und Eichhörnchen zu tun?“

Laine erinnerte sich daran, wie langweilig er ihre Bilderserie über Tiere gefunden hatte. Sie hatte ihn nur einmal auf eine Fotoexkursion in den Wald mitgenommen. Dabei hatte er nur Sex im Kopf gehabt. „Das ist richtig. Außerdem ist heute alles digital. Ich könnte dich auf der Stelle mit einer Diaschau langweilen.“

„Deine Bilder haben mich nie gelangweilt.“

„Doch, das haben sie.“

Steve schaute kurz zu Boden, dann lächelte er Laine an. „Es tut mir leid. Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen.“ Er trat einen Schritt näher, sodass er sie fast berührte. „Vielleicht lag es an den Motiven. Wenn die Fotos damals Selbstporträts gewesen wären, hättest du garantiert meine volle Aufmerksamkeit gehabt.“

Wie schaffte er es nur immer wieder, das Gespräch auf ein Thema zu bringen, das sie aus dem Gleichgewicht brachte und sie vergessen ließ, warum sie nichts mit ihm zu tun haben wollte? „Der Pilot erzählte mir, dass ihr nicht mehr so oft springt.“

„Stimmt. Meistens können wir mit dem Hubschrauber landen oder uns abseilen.“

„Abseilen …“ Laine schloss bei dem Gedanken kurz die Augen. „Wie … praktisch.“ Seine Sicherheit geht mich nichts mehr an, sagte sie sich. „Also, warum bist du hier?“

„Weil ich gehört habe, dass du hier bist.“

Das Timbre in seiner Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Sie kämpfte dagegen an und schenkte ihm ein ironisches Lächeln. „Wie süß.“

„Ich wollte dich sehen.“

„Warum?“

„Ich habe zwischen den Einsätzen nicht viel zu tun.“

„Nicht viel zu …“ Irritiert brach sie ab. „Jetzt führst du mich an der Nase herum.“

„Möglich.“ Steve nahm ihr den leeren Kaffeebecher aus der Hand, füllte ihn an der Maschine neu und fügte Milchpulver und Süßstoff hinzu, genau wie sie es mochte.

Laine nippte an dem Kaffee. Obwohl Josh und seine anderen Kameraden ihn manchmal sehr mit Beschlag belegten, war Steve ihr gegenüber immer sehr aufmerksam und fürsorglich gewesen. Doch daran wollte sie ebenso wenig denken wie an seine körperliche Anziehungskraft.

Dennoch konnte sie es nicht lassen, ihn herauszufordern „Also, was hast du vor?“

„Wenn ich das verraten möchte, lasse ich es dich wissen.“

„Willst du mich auf den Arm nehmen?“

„Dich zu küssen hat nicht geholfen. Ich dachte, ich probiere eine andere Strategie aus.“

Laine wollte nicht, dass er überhaupt eine Strategie an ihr ausprobierte. Aber das zuzugeben schien ihr ein Fehler zu sein.

Steve füllte sich ebenfalls Kaffee ein. Warum sie bei der Hitze ausgerechnet heißen Kaffee tranken, war Laine ein Rätsel. Zumindest schien das Coffein ihrem übermüdeten Körper einen Frischekick zu geben. Sie hatte nicht mehr gut geschlafen, seit sie wusste, dass ihre Bar geschlossen werden musste. Der finanzielle Druck, unter dem sie und ihre Schwester standen, belastete sie sehr. Die Angst vor dem Flug heute und das Wiedersehen mit Steve waren zusätzlicher Stress.

„Die Brände scheinen an keiner Stelle unter Kontrolle zu sein“, sagte sie, um das Gespräch in sachliche Bahnen zu lenken.

„Das sind sie auch nicht“, räumte Steve ein. „Wir werden morgen mit Evakuierungen beginnen.“

„Wo?“

„Bei den Grundstücken am Stadtrand. Deine Tante ist sicher – jedenfalls im Moment.“ Steves Miene verfinsterte sich. „Keine unserer Maßnahmen bringt etwas. Der Wind dreht sich immer wieder, das Feuer breitet sich auf neue Gebiete aus. Und der Boden war schon vor der Katastrophe knochentrocken.“

„Wir brauchen dringend Regen.“

„Laine?“

Laine drehte sich zu dem Mann um, der in grüner Armeehose und einem T-Shirt auf sie zukam. Sein dunkelbraunes Haar war von silbrigen Strähnen durchzogen. Er wirkte müde und frustriert, lächelte sie aber freundlich an.

„Chief.“ Steve grüßte respektvoll.

Laine streckte ihre Hand aus. „Hallo, Jeff.“

„Wie war die Fotoausbeute heute Morgen?“

„Gut. Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, wie Sie mich unterstützen.“

„Sorgen Sie nur dafür, dass ich Kopien bekomme.“

Laine klopfte auf ihre Kameratasche. „Ich habe heute einige tolle Luftbilder gemacht.“ Sie wandte sich wieder Steve zu. „Jeff bat mich, ihm die Aufnahmen für Dokumentationszwecke zu überlassen.“

„Gute Idee, Sir“, meinte Steve. „Laine wird Ihr Vertrauen garantiert nicht enttäuschen.“

Wie machte er es nur, dass selbst diese nüchterne Aussage erotisch klang? Laine geriet in leichte Verwirrung. Sie kannte sich selbst nicht wieder.

„Ihr solltet heute Abend zur Infoveranstaltung in die City Hall kommen.“

„Worum geht es da?“, fragte Laine abwesend, während sie Steve musterte.

„Wir müssen die Menschen auf die drohende Katastrophe vorbereiten. Experten geben Ratschläge, wie wichtige Dokumente – medizinische Unterlagen, Geburtsurkunden, Ausweise, Versicherungsscheine und so weiter – verwahrt werden sollten. Außerdem reden Leute vom Branddezernat, von der Forstverwaltung und den Krankenhäusern. Steve hat Ihnen sicher schon erzählt, dass wir mit Evakuierungen beginnen. Die Einwohner der Stadt müssen entsprechend gerüstet sein.“

Laine ermahnte sich, dass sie hier war, um zu arbeiten, und nicht, um Steve anzuhimmeln. Nach den Ausführungen des Chief hatte sie jetzt weitere Motive für ihre Reportage im Kopf. „Ich komme gern“, sagte sie zu Jeff. „Um wie viel Uhr?“

„Um sieben.“ Er drehte sich um, weil jemand seinen Namen rief. „Danke, Laine. Dann sehen wir uns heute Abend.“ Er eilte zu einer Gruppe von Forstleuten, die sich in einer Ecke des Zeltes versammelt hatten.

„Jeff. So, so.“

Laine betrachtete Steve. Sie bemerkte, wie ihm eine einzelne Schweißperle über den Bizeps lief, und unterdrückte das Bedürfnis, sich Luft zuzufächeln. Wann war es so unerträglich heiß geworden?

„Bis eben kannte ich den Vornamen von Chief Arnold nicht einmal“, fuhr Steve fort.

Eifersüchtig? Laine verwarf den Gedanken sofort wieder. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Steve wegen irgendetwas verunsichert sein könnte. „Ich muss jetzt gehen“, erklärte sie. „Ich habe Tante Jen versprochen, Lunch mitzubringen.“

„Ich habe auch noch nicht zu Mittag gegessen. Wie wäre es, wenn ich euch Gesellschaft leiste?“

„Du lädst dich selbst zum Essen ein?“

„Ja.“ Er lächelte. „Außerdem habe ich Tante Jen seit damals nicht gesehen.“

„Und?“

„Sie hat mich immer gemocht.“

Jen musterte Steve vom Scheitel bis zur Sohle. „Wer ist das?“

Laine sah Steve an, der die Lunchtüten trug. Sein Lächeln wirkte auf einmal etwas unsicher. „Steve Kimball“, erklärte sie ihrer Tante. „Wir waren in dem Sommer befreundet, als ich bei dir wohnte, während du dich von deiner Operation erholtest. Erinnerst du dich?“

Jen kniff ihre braunen Augen zusammen und stemmte die Hände in die Hüften. Der feste Knoten, zu dem sie ihr silbergraues Haar aufgedreht hatte, unterstrich ihre strenge Ausstrahlung. „Ist er etwa derjenige, der am Spalier hochgeklettert ist und meine Rosen ruiniert hat?“

Laine verschluckte sich beinahe. „Woher weißt du …“

„Hm. Ich bin halb blind, aber ich bin nicht taub.“ Jen drehte sich um und ging in die Küche.

„Sie hat dich immer gemocht“, meinte Laine leise. „So, so.“

„Vielleicht sollte ich ihr anbieten, den Rosenstrauch zu ersetzen.“

Laine schüttelte den Kopf. „Sie würde nur denken, dass du dich anbiedern willst.“

„Das will ich ja auch.“

„Denk immer positiv. Vielleicht tritt sie eines Tages deinem Fanclub bei.“

„Ich habe keinen Fan…“

„Was ist das denn?“, rief Laine entgeistert aus, als sie in diesem Moment die Küche betraten.

Jen nahm einen schweren Sack von dem Stapel vor der Hintertür und machte Anstalten, ihn über den Fußboden zu schleifen. „Wonach sieht es denn aus?“

„Nach Sandsäcken“, stellte Laine stirnrunzelnd fest.

Steve stellte die Lunchpakete auf den Tisch und ging zu Jen. „Setzen Sie sich“, sagte er und führte sie zu einem Stuhl. „Ich mache das.“

Aufmerksam, fürsorglich, heldenhaft, schoss es Laine durch den Kopf. Wie soll ich dagegen ankommen?

Sie verdrängte diese Gedanken und funkelte ihre Tante ärgerlich an, die sie geflissentlich ignorierte und dafür umso neugieriger die Lunchtüten auspackte. „Warum füllst du den Raum mit Sandsäcken?“

Jen holte einen Cheeseburger heraus, der in Papier eingewickelt war. „Oh, von Louie. Mein Lieblings…“ Sie steckte ihre Nase in die Tüte. „Wo sind die Pommes?“

„Es gibt keine Pommes. Du musst auf deinen Cholesterinspiegel achten.“ Laine hatte schon bei Fast Food gezögert, hatte dann aber ihr schlechtes Gewissen damit beruhigt, dass sie zum Abendessen gegrilltes Hähnchen und gedünstetes Gemüse machen wollte.

Jen schnaubte verächtlich. „Ärzte. Die Bezeichnung Spielverderber passt viel besser. Ich möchte nicht lange leben, wenn ich dafür jeden Tag Salat und Karotten essen muss.“

Laine verzichtete auf einen Kommentar und beobachtete, wie Steve die Sandsäcke an der Wand entlang auftürmte. „Würdest du bitte damit aufhören“, fauchte sie ihn an. „Sandsäcke. Tante Jen, was soll das?“

Jen verdrehte die Augen. „Wir werden von einem Brand bedroht, Liebes. Siehst du keine Nachrichten? Ich habe heute Morgen Batterien besorgt und alle Kübel mit Wasser voll laufen lassen.“

Laine ließ den Kopf sinken. Sie verstand, dass ihre Tante an dem schönen Haus im viktorianischen Baustil hing, aber langsam liefen die Dinge aus dem Ruder. „Das sind Vorbereitungen für einen Hurrikan. Sandsäcke und Kübel voller Wasser werden dir bei einem Brand nichts nützen.“

„Natürlich werden sie das.“ Jen wandte sich an Steve, der sich ihr gegenüber hingesetzt hatte. „Benutzen Feuerwehrleute nicht Sand und Wasser, um einen Brand zu löschen?“

Steve wollte antworten, doch Laine warf ihm einen warnenden Blick zu, sodass er es vorzog, in seinen Burger zu beißen.

„Diese Art Brand wird aus großer Entfernung mit speziellen Chemikalien gelöscht“, erklärte Laine.

Ihre Tante, die nur halb hinzuhören schien, sah stirnrunzelnd auf ihren Obstsalat. „Gerade erst heute Morgen habe ich gehört, wie die Forstarbeiter sagten, was wir wirklich bräuchten, um das Feuer zu löschen, wäre Regen.“ Sie gestikulierte mit ihrer Gabel. „Regen ist Wasser, oder?“

Laine schaute Steve an. Dieser Verräter unterdrückte ein Schmunzeln. Sie brauchte dringend eine Stärkung, bevor sie diesen Kampf fortsetzte. Herzhaft biss sie in ihren Hamburger und seufzte geradezu genussvoll.

In diesem Moment fing sie zufällig Steves Blick auf. Er war gerade dabei, ein Stück Ananas an seinen Mund zu führen. Mitten in der Bewegung hielt er inne und starrte sie an.

Laine schluckte. Erinnerungen an frühere Mahlzeiten in dieser Küche wurden wach. Damals hatten sie sich ebenso angeschaut wie jetzt und dabei an etwas ganz anderes gedacht als Essen. Sie hatten es kaum abwarten können, bis ihre Tante zu Bett ging oder nach draußen, um mit den Nachbarn zu plaudern. Dann endlich hatte Laine seine Hände auf ihrem Körper gespürt.

„Lenk den Jungen nicht ab, Laine“, sagte ihre Tante plötzlich. „Allein werde ich es nicht schaffen, all diese Säcke in den Zimmern zu verteilen.“

„Steve hat Besseres zu tun, als Sandsäcke durch dein Haus zu schleifen“, sagte Laine, bevor Steve etwas dazu sagen konnte. „Und du wirst das auch nicht tun, Tante Jen. Das fehlte noch, dass du dir einen Bruch hebst.“

„Mein Rücken ist genauso kräftig wie deiner“, erwiderte Jen.

„Wahrscheinlich.

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